Views
5 months ago

E_1934_Zeitung_Nr.051

E_1934_Zeitung_Nr.051

BERN, Freitag, 22. Juni 1934 Mit Strandbad-Sondernummer Nummer 20 Cts. 30. Jahrgang — N° 51 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portoznsehktg, Mtera «lebt postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestelluac SO REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rapp«n. Poctchack-Rechnnnc HI/414. Telephon 2S.223 Telegramm-Adresse: Autorevue, Ban Am !. Juli wird Alinea 2 des Art. 27 des Automobilgesetzes, dessen Wortlaut bis heute nur platonische Bedeutung hatte, durch die Bezeichnung bestimmter Strassen als Hauptstrassen praktische Wirkung erhalten. Der Bundesrat hat mit dieser Massnahme reichlich lange gezögert. Er hätte voraussichtlich noch länger mit der Bezeichnung von Hauptstrassen zugewartet, wenn nicht durch den allgemeinen Rechtsvortritt, wie er in Art. 27, AI. 1, des Automobilgesetzes enthalten ist, eine Verkehrsunsicherheit und -Gefährdung geschaffen worden wäre, die beschleunigter Abhilfe bedurfte. Eine grosse Zahl von Verkehrsunfällen, die heute mit der Aufhebung der Geschwindigkeitsmaxima begründet werden möchten, haben ihre Ursache in der unglücklichen Regelung des Vortrittsrechtes im Automobilgesetz. Der Bundesrat war sich offenbar dessen deutlich bewusst, indem im Rundschreiben des eidg. Justiz- und Polizeidepartementes vom 27. März 1934 an die Kantonsregierungen der Zustand, wie er seit Inkrafttreten des Automobilgesetzes bestanden hat, ausdrücklich als unbefriedigend bezeichnet worden ist. Der Entwurf der Schweizerischen Strasseiivetkehrsliga für das Automobilgesetz sah allgemein das unbeschränkte Vortrittsrecht für Hauptstrassen vor. Nur bei Strassen gleicher Breite oder in Zweifelsfällen sollte das Vortrittsrecht von rechts Geltung haben. Diese Regelung hatte sich vor Inkraftsetzung des Automobilgesetzes, weil einfach und vernünftig, allgemein eingelebt. Sie entsprach gesundem Menschenverstand und hätte eine komplizierte und kostspielige Signalisierung, wie sie nun heute den Kantonen obliegt, erübrigt. In einer spätem Eingabe hat die Schweizerische Strassenverkehrsliga noch besonders auf die nachteiligen Konsequenzen hingewiesen, die ein allgemeines Vortrittsrecht von rechts speziell in Ortschaften haben würde. Leider blieben diese wohlgemeinten Ratschläge von Praktikern bei den Theoretikern des grünen Tisches unbeachtet. Vom 1. Juli an wird nun auf besonders gekennzeichneten Strassen das Vortrittsrecht von rechts aufgehoben, aber — wohlverstanden — nur zwischen den Ortschaften, während in den Ortschaften nach wie vor das Vortrittsrecht von rechts bestehen bleibt! Statt einer Vereinfachung bringt die Neuordnung eine wesentliche Komplikation. Der Fahrzeugführer wird sich also nicht nur beständig zu vergewissern haben, ob er sich auf einer als Hauptstrasse gekennzeich- F E U I L L E T O N Das Vortrittsreeht. Der fliegende Heuwender. Heitere Kurzgeschichte von Hermann Ryser. Felixens Laufbahn war, soweit sein Lebensabschnitt als Pilot in Frage kommt, nur kurz, aber nichtsdestoweniger hoffnungsvoll und ereignisreich. Sie begann und endete im Jahre Nullsieben, zu einer Zeit also, da die c Flieger » noch begeisterten Beifall einheimsten, wenn es ihnen einmal gelang, für Augenblicke vom Boden wegzukommen. Die Ansprüche an Geschwindigkeit und Flughöhe waren damals noch recht bescheiden, und es darf sich daher niemand verwundern, wenn sich ausser durchgebildeten Technikern auch eine Menge Leute zu diesem ruhmversprechenden Beruf drängte, deren Stärke eigentlich nicht gerade auf der mathematischen Seite lag. Dafür brachten sie aber ein vollgerüttelt Mass glühender Begeisterung mit. Uhrmacher, Tierbändiger, Irrenwärter, wenn sie bloss über den erforderlichen Ehrgeiz geboten, Hessen ihren Wirkungskreis ohne Bange im Stich und stürzten sich kopfüber in das luftige ^Abenteuer. Manchmal Hessen sie es dabei bewenden, neten Strasse befindet, sondern er wird sich zudem fortgesetzt darüber Rechenschaft zu geben haben, ob er sich in einer « Ortschaft > befindet oder nicht. Diese Regelung schliesst grosse Gefahren in sich. Das Rad der Zeit wird damit in die Epoche des Ortschaftstempos zurückgedreht, in der man sich beständig darüber streiten musste, was Ortschaft, Weiler usw. sei, d.h. in diejenige Zeit, in der durch die Kantone Bern und Zürich Ortschaftstafeln erfunden und aufgestellt werden mussten, um der allgemein bestehenden Ungewissheit abzuhelfen. Diese dteieckförmige Ortschaftstafel wurde durch das Automobilgesetz' verdrängt, d.h. an deren Stelle trat eine neue rechteckige Tafel, die auf blauem Grunde in weisser Schrift den Ortschaftsnamen enthält. Diese Tafel wird nun vom 1. Juli an dem Strassenbenützer nicht mehr nur den Namen der betreffenden Ortschaft vermitteln, sondern sie wird zum eigentlichen Signal, das bezeichnen wird, wo das Vortrittsrecht der Hauptstrasse vorübergehend aufhört, wo das Vortrittsrecht von rechts beginnt und wo es auf der andern Seite der Ortschaft wieder aufhört. Jede mit einer solchen Tafel versehene' Häüsergruppe wird somit bezüglich Vortrittsreeht als Ortschaft betrachtet werden müssen. DJese weitgehende Einschränkung des Vortrittsrechtes auf dfer Hauptstrasse versucht das eidg. Justiz- und Polizeidepartement in seinem bereits erwähnten Rundschreiben damit etwas einzuschränken, indem es die Kantone ersucht, dafür zu sorgen, dass allgemein die Innerortsstrecken nicht über die bekannte, eigentliche Ortschaft hinaus ausgedehnt werden. In Städten soll das Ortsbezeichnungssignal möglichst an den Stadtkern, d.h. an die dichtbebauten Quartiere, herangerückt werden. Ueberall dort, wo sich zwischen Stadt und einzelnen abgetrennten Stadtteilen längere, wenig bebaute Strecken befinden, sollte auf diesen Zwischenstrecken durch Aufstellung entsprechender trittsrecht der Hauptstrasse wieder eingeführt werden. Damit wird jedoch keineswegs verhindert, dass das, was mit der einen Hand gegeben wird — das Vortrittsrecht der Hauptstrasse — mit der andern Hand wieder genommen wird — durch Ausschluss desselben in den Ortschaften —. Niemand wird unter diesen Umständen wohl behaupten wollen, dass die Regelung des Vortrittsrechtes der Hauptstrasse im Sinne von Art. 27, Alinea 2, des Automobilgesetzes etwa eine Verkehrsvereinfachung und Gefahrenverminderung darstellen wird. Statt dass der Motorfahrzeugführer seine Aufmerksamkeit ausschliesslich der Strasse und dem sich darauf abspielenden Verkehr zuwenden kann, wird er, wie ein Lokomotivführer, gehalten, fortgesetzt auf Signale zu schauen, die je nach der Besiedlungsdichtigkeit unter Umständen alle paar 100 oder 1000 Meter eine andere Regelung des Vortrittsrechtes anzeigen. Dass durch dieses System Unsicherheit und grosse Gefahrenquellen geschaffen werden, liegt auf der Hand. Es befremdet um so mehr, als das Automobilgesetz nirgends eine Beschränkung des Vortrittsrechtes der Hauptstrassen in den Ortschaften vorsieht. Der Bundesrat hat auch hier, wie beim Nachtfahrverbot, das Gesetz zu Ungunsten des Motorfahrzeugverkehirs ausgelegt, entgegen seinen vorgängig der Inkraftsetzung des Gesetzes — aus referendumspolitischen Gründen — gemachten Versprechungen. Um die am Motorfahrzeugverkehr interessierten Kreise für das Gesetz zu gewinnen, versprach man ihnen Hauptstrassen mit Vortrittsrecht und' uneingeschränktem Verkehr auf Durchgangsstrassen, man- verheimlichte ihnen aber die Einschränkungen, die nach Inkraftsetzung des Gesetzes im einen wie im andern Falle bundesrätlich eingeführt, resp. sanktioniert worden sind. Die Bezeichnung der mit dem Vortrittsrecht bedachten Hauptstrassen, erfolgt durch die blauen Wegweiser. Nebenstrassen sind durch weisse Wegweiser gekennzeichnet. Dazu werden auf diesen, wo nötig, 50 m vor der Einmündung in die Hauptstrasse besondere Signale angebracht, die den Fahrer der Nebenstrasse auf die Hauptstrasse aufmerksam machen sollen. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene ü mm hohe Grundzelle oder deren Raum 43 Cti. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grosse» Inserate nach Seitentarlt. Imeratenschluss 4 Tage vor ErteheineD der Nummern Bei Kreuzungen, Einmündungen und Gabelungen von Hauptstrassen unter sich .gilt nicht das Vortrittsrecht von rechts, sondern es wird das Vortrittsrecht der einen Hauptstrasse aufgehoben. Die Aufhebung erfolgt durch Aufstellung eines Vortrittssignals auf derjenigen Hauptstfasse, für welche für die betreffende Kreuzung, Einmündung und Gabelung das Vortrittsrecht aufgehoben ist. sind. Ortschaftstafeln das Vor- Der Fahrer auf der Hauptstrasse ist, solange er sich nicht in einer Ortschaft befin- Schliesslich ist festzuhalten, dass Art. 27 des Automobilgesetzes das Vortrittsrecht ein Flugzeugmodell zu basteln, entweder mit Gummibandantrieb vermittelst ausgedienter Hosenträger oder auch mit eingebauter Kinder-Dampfmaschine. Ganz gleich wie sie dem Problem zuleibe gingen, aber jeder einzelne sah sich eine Weile als der zukünftige, von aller Welt vergötterte und verhätschelte Luftkönig. Jeder verlachte die Arbeit des andern, wies ihm grundsätzliche Konstruktionsfehler nach und kam meist ebensowenig vom Fleck. Nur einigen Auserlesenen gelang es, sich aufzuschwingen und von sich reden zu machen. Unser Felix gehörte aber nicht zu diesen letztern. Hingegen sollte er sich bald als ein glänzender Vertreter der Bodenpiloten ausweisen. Tierbändiger war er nun zwar nicht und noch viel weniger Techniker, aber dafür ein anerkannt hochbefähigter Zuckerbäcker. Daran gab es nichts zu deuteln. Sein erstes Flugzeugmodell, das ihm sogar eine Ehrung eintrug, bestand, weil ihm schon damals die Festigkeit einer Luftkutsche als unerlässlich vorschwebte, aus einer geheimnisvollen Kombination von Kuchenteig und Tischlerleim. Aber auch sonst galt Felix in Fachkreisen als eine beachtenswerte Süssteigleuchte, die das Konditorgewerbe um mehrere schlagerartige Törtchengebilde bereichert hatte. det, d.h. solange er das Vortrittsrecht hat, nicht gehalten, seine Geschwindigkeit auf Kreuzungen, Einmündungen und Gabelungen hin zu massigen. Diese Verpflichtung besteht in diesem Falle ausschliesslich nur für den Fahrer der Nebenstrasse; dagegen haben in Ortschaften, wo ausschliesslich nur das Vortrittsrecht von rechts gilt, sowie bei Kreuzungen, Einmündungen und Gabelungen von Nebenstrassen unter sich beide Motorfahrzeugführer ihre Geschwindigkeit zu massigen, wobei dem von rechts kommenden der Vortritt zu lassen ist. Immerhin ergibt sich Die Fliegerei imponierte ihm mächtig und sein neues Ostergebäck, die herrliche schmelzende Ikarusnudel, ass sich rasch herum und rief mehreren nichtswürdigen Plagiaten. Dieser prächtige Erfolg befestigte nunmehr in Felixen die Ueberzeugung, der nötigen Vorbildung zum Piloten weitgehend Rechnung getragen zu haben, und der Berufswechsel vom Konditor zum Piloten kam ihm nach einiger Ueberlegung vor wie eine logische Unvermeidlichkeit. Bloss etwas Theorie wollte er sich noch zulegen, um auch im Reiche der Fachausdrücke seinen Mann zu stellen. Was er demnach an einschlägiger Literatur erwischen konnte, verschlang er wie ein Bernhardiner die Milchbrocken. Anreize zu seinem ernsthaften Vorhaben, sich das Luftmeer Untertan zu machen, boten sich in Fülle. Aber den eigentlichen Impuls empfing Felix aus seinem hochentwickelten Geltungsbedürfnis. Wer eine Maschine zu eigen hatte, ganz gleichgültig ob sie flog oder zur Hauptgattung der Bodenkleber gehörte, wurde unausgesetzt begafft und bewundert, denn die nichtfliegenden Menschen überschütteten jeden mit herzlichem Beifall, der irgendeinen Jammerkasten vortrabte, auch wenn er niemals hochkam. Ausserdem lagen aus Art. 27, Alinea 1, in Verbindung mit Art. 25, Alinea 1, des Automobilgesetzes, der vorschreibt, dass der Führer seine Geschwindigkeit den gegebenen Verhältnissen anzupassen hat, dass die Mässigungspflicht um so grösser ist, je unbedeutender die Strasse ist, aus welcher von rechts auf eine grössere Strasse eingefahren wird, je verkehrsreicher die Strasse ist, in welche man einfährt und je unübersichtlicher die Einmündung ist. Selbstverständlich ist das Vortrittsrecht der Hauptstrasse jedoch aber nicht ein Ffeipass für Ausserachtlassung der SoTgfaltspflichten, die einem Motorfahrzeugführer obliegen. Dagegen wird dem Motorfahrzeugführer auf der Nebenstrasse eine erhöhte Sorgfaltspflicht Überbunden. Der Verkehr auf dfer Hauptstrasse soll sich — soweit dies überhaupt bei der Einschränkung des Vortrittsrechtes noch möglich ist — flüssig und friktionslos abwickeln können. Der Fahrer auf der Hauptstrasse erhält durch deren Hauptstrassenqualität die Berechtigung, anzunehmen, dass er nicht durch einen aus einer Nebenstrasse in die Hauptstrasse Einfahrenden in seiner Bewegung gehindert wird. Er hat — zwischen den Ortschaften — freie Fahrt, während der Fahrer auf der Nebenstrasse seine Geschwindigkeit massigen und gegebenenfalls anhalten muss, um dem Motorfahrzeug auf der Hauptstrasse den Vortritt zu lassen. Er darf in diese erst einfahren, wenn er sich durch Sehen und Hören vergewissert hat, dass sie auch wirklich frei ist. Immer vortrittsberechtigt sind auf allen Strassen, gleichgültig ob innerorts oder ausserorts, die Strassenbahnen und zwar gleichgültig, ob sie von rechts oder von links kommen. Dagegen gilt die Regelung des Vortrittsrechtes des Automobilgesetzes für die Autobusse konzessionierter Betriebe (z. B. Stadtomnibusse). Sie unterstehen den Automobilverkehrsvorschriften und damit auch der Regel des Vortritts von rechts auf allen Strassen, die nicht Hauptstrassen im Sinne von AI. 2 des Art. 27 des Automobilgesetzes ausdrücklich auf die Motorfahrzeuge beschränkt. Nur einem Motorfahrzeug, das von rechts kommt (Alinea 1) oder einem Motorfahrzeug auf der Hauptstrasse (Alinea 2) ist der Vortritt zu lassen. Kommt dagegen von rechts ein Fahrrad, ein Pferdefuhrwerk oder ein anderes nicht motorisiertes Vehikel, so hat das Motorfahrzeug vor diesem von rechts kommenden Fahrzeug den Vortritt. Das Gleiche gilt für das Vortrittsrecht auf der Hauptstrasse. Ein aus einer Nebenstrasse in eine Hauptstrasse einfahrendes Motorfahrzeug hat den Vortritt vor einem auf der für wirkliche Leistungen stetsfort beträchtliche Belohnungen bereit. Etwas ganz Grosses war aber noch nicht geschehen, denn Felix trat erst jetzt auf den Plan, seine Hand nach der Siegespalme reckend gleich fünftausend andern Pionieren. So löste denn Felix eines Tages jede Verbindung mit dem Kuchenblech und machte sich — Brust heraus — daran, die stümpernden Laien wie Paulhan, Farman und Wrights in der Versenkung des Ueberholten verschwinden zu lassen. Besonders diese beiden Wrights ! Was hatten sie bisher geleistet ? Vor bereits vier Jahren hatten sie das Flugproblem angepackt und waren mehrmals für Augenblicke vom Boden wegr gekommen. Felix fand dieses Gehüpfe einfach lächerlich und eines zielbewussten Fachmannes unwürdig. Aber auch die Tatsache, dass der eine dieser Wrights 1905 einen Flug von 38 Minuten fertiggebracht Demnächst beginnt unser neuer Roman: Bux. Ein spannender Zirkus-Roman von Hans Possendorf.