Spolková zpravodajská služba a pražské jaro 1968

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Dokumente des Bundesnachrichtendienstes zum Prager Frühling 1968

Innerhalb des BND´s wurden Mitte der

achtziger Jahre, mit vorsichtig wachsendem

Interesse an der eigenen Geschichte,

intern einzelne eingestufte historische

Studien zu zentralen politischen Ereignissen

geschrieben. 21 So verfasste 1986 der

Leiter der „Strategischen Aufklärung“ Kurt

Weiß auch eine Studie über die Ereignisse

des „Prager Frühlings“ und die Rolle

des BNDs, da er darin eine der großen Bewährungsproben

des Dienstes erkannte.

In seiner Ausarbeitung „zur Vorbereitung

und Durchführung der ČSSR-Intervention“

kommt er zu dem Ergebnis, dass es seit

Kriegsende „[…] kein Ereignis von überregionaler

weltpolitischer Bedeutung [gegeben

hätte], über das vom Bundesnachrichtendienst

umfangreicher, aber auch präziser

und aussagekräftiger berichtet wurde“. 22

Die historische Bewertung der eigenen Leistungsfähigkeit

des BND beim „Prager Frühling“

hatte sich inzwischen zu einem undifferenzierten

Eigenlob verdichtet.

So lobte anlässlich des 30 jährigen BND-

Jubiläums 1986 auf der zentralen Festveranstaltung

in der Zentrale in Pullach der

bayrische Ministerpräsident Franz Josef

Strauß (1915 – 1988) höfflich allgemein den

Dienst und hob dabei zur Konkretisierung

seiner Würdigung exemplarisch die BND-

Berichterstattung zum „Prager Frühling“

hervor. Strauß, der zum Zeitpunkt der Krise

1968 Bundesminister der Finanzen (1966

– 1969) gewesen war, sagte: „Ich möchte

hier keine großen Worte machen, aber ich

darf doch in aller Bescheidenheit darauf

hinweisen, dass nicht nur die Amerikaner,

sondern auch wir, die damalige Bundesre-

21 Vgl. Hechelhammer, Bodo: Offener Umgang mit

geheimer Geschichte, in: Überwachen. Aus Politik

und Zeitgeschichte, 18-19/2014, S. 26-31,

hier S. 28.

22 Weiß, Kurt: Die ČSSR-Intervention (Vorbereitung

und Durchführung).

.

MFGBND 9/2016

gierung, genaueste Kenntnis von den Einzelheiten

der militärischen Vorbereitung

des Warschauer Paktes hatten, der Gruppe

der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland,

der Nationalen Volksarmee der DDR,

der polnischen Armee. [...] Wir hatten genaue

Kenntnisse über Aufmarschräume,

über Vorbereitungen, über die Munitionslager.

Aber eines wussten wir nicht, und

das kann auch ein Nachrichtendienst nur

mit besonderem Glück feststellen, und das

darf man ihm nicht anrechnen, nämlich,

was eine politische Führung der anderen

Seite mit ihren militärischen Möglichkeiten

macht. Das war auch damals in die letzte

Entscheidung der Sowjetführung, des

Kreml, gelegt, und diese Entscheidung fiel

erst wenige Stunden, bevor die Armeen in

Bewegung gesetzt worden sind“. 23

Eine Bewertung der Leistungsfähigkeit des

BND anlässlich der ČSSR-Krise von 1968

haben die beiden UHK-Mitarbeiter Hilger

und Müller in ihrer unter anderem auf

Auswertung der BND-Akten basierenden

Studie bereits 2014 geliefert. Dabei kamen

sie zu einem eher negativen Gesamtergebnis,

dass die Möglichkeiten Pullachs

zur Lagebeurteilung und der Vorhersage

des genauen Zeitpunkts der Invasion und

den unmittelbaren Folgen der Intervention

Moskaus begrenzt waren. 24

Zur Einordnung der Leistungsfähigkeit des

BND im August 1968 kann man den Untersuchungsgegenstand

„Prager Frühling“

sehr eng fassen: fokussiert auf das Krisenjahr

und die Fragen nach „gesicherten“

Informationen für einen unmittelbar bevorstehenden

Angriff auf die Tschechoslo-

23 BND-Archiv, 103.912, Die ČSSR-Intervention

(Vorbereitung und Durchführung). Dokumentation

aufgrund der Berichterstattung des BND.

Oktober 1986. S. 2.

24 Vgl. Hilger/Müller: „Das ist kein Gerücht, sondern

echt“ (Anm. 2), S. 101f.

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