Spolková zpravodajská služba a pražské jaro 1968

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Dokumente des Bundesnachrichtendienstes zum Prager Frühling 1968

Bevor eine Analyse der Gesamterkenntnisse

der Staatssicherheit zur Tätigkeit des

BND in der Tschechoslowakei vorgelegt

wird, sollte man die konzeptionellen Veränderungen

betrachten, die im Rahmen

des Innenministeriums im Jahr 1968 diskutiert

und teilweise durchgeführt wurden.

Die neue Auffassung von der Arbeit der

Sicherheitseinheiten wurde im Laufe des

Demokratisierungsprozesses im Jahr 1968

zu einem der wesentlichen politischen

Probleme. Nach dem Fall des I. Sekretärs

des Zentralkomitees der KSČ, Antonín Novotný,

begannen auch im bis dahin monolithischen

Sicherheitsapparat innere Disnen

der westdeutschen Militaristen. Die

Ziele des westdeutschen Geheimdienstes

unterscheiden sich in dieser Richtung

kaum von den Plänen und Zielen der Abwehr

zur Zeit der Vorbereitungen auf den

II. Weltkrieg“. 107 Die StB ließ natürlich keine

Gelegenheit aus, die Zugehörigkeit einiger

Angestellten und Mitarbeiter des BND zu

Abwehr, Gestapo, SD und SS zu betonen.

Im Laufe der 60er Jahre verschwinden die

Vergleiche zur Nazi-Zeit langsam aus den

Analysen der StB, aber die Ziele des BND

wurden bis auf Ausnahmen weiterhin negativ

beschrieben, allerdings mit dem gleichen

Wortschatz wie bei anderen „imperialistischen

Geheimdiensten“. 108

Diese Sicht änderte sich auch nicht im Verlauf

des „Prager Frühlings“: z.B. führt das

analytische Dokument „Gegenwärtige Problemanalyse

des tschechoslowakischen

Auslandsnachrichtendiensts“, das von reformorientierten

Angehörigen der I. Verwaltung

des Innenministeriums erarbeitet

wurde, die BRD weiterhin als Hauptfeind

der Tschechoslowakei aus nationalem Gesichtspunkt

an. 109

Der BND und das Jahr 1968 aus Sicht der

StB

Das Archivmaterial aus dem Jahr 1968, besonders

aus der Zeit vor der Okkupation

der Tschechoslowakei, enthält detaillierte

Bewertungen der Arbeit des BND gegen

die ČSSR. Seine Einmaligkeit besteht vor

allem darin, dass konkrete Situationsberichte

und kurzfristige analytische Bewertungen

zum großen Teil die oben erwähnte

obligatorische marxistische Interpretation

der Arbeit ausländischer Geheimdienste

abgelegt haben und so gelegentlich in Widerspruch

zu Gesamtanalysen gerieten, die

oft die alte ideologische Sprache bewahrt

hatten. Im Jahr 1968 wurde nämlich der

Gebrauch des Begriffs Ideologische Diversion

und die Interpretation der Rolle ausländischer

Geheimdienste auf dem Gebiet

der ČSSR zum politischen Kapital in den

Kämpfen um die zukünftige Konzeption

der tschechoslowakischen Sicherheitseinheiten

und des gesamten Innenministeriums,

also lassen sich nicht einmal

die Dokumente aus dem Jahr 1968 ohne

gründliches Studium des historischen Kontextes

einfach interpretieren.

107 ABS, Bestand Registratur der I. Verwaltung des

Korps der Nationalen Sicherheit, Karton Nr.

023, Činnost a změření západních rozvědek

proti ČSSR [Tätigkeit und Ausrichtung der

westlichen Geheimdienste gegen die ČSSR],

undatiertes Dokument aus den Jahren 1962-

1963.

108 Die das Jahr 1966 zusammenfassende Meldung

der II. Verwaltung des Innenministeriums

stellt nur allgemein fest, „die Ziele des westdeutschen

Geheimdiensts stehen in vollem

Einklang mit den Interessen der regierenden

Kreise der BRD“. ABS, Bestand A7, Inventarnr.

310, Tätigkeitsbericht der II. Verwaltung der

StB- Hauptverwaltung für das Jahr 1966 (3. 1.

1967).

109 ABS, Bestand I. Verwaltung des Korps der Nationalen

Sicherheit, Kart. 568, Současná problémová

analýza československé rozvědky [Gegenwärtige

Problemanalyse des tschechoslowakischen

Auslandsnachrichtendiensts], S. 8.

MFGBND 9/2016

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