Spolková zpravodajská služba a pražské jaro 1968

uzsiczech

http://www.uzsi.cz

42

Dokumente des Bundesnachrichtendienstes zum Prager Frühling 1968

nicht den Journalisten der kommunistis

schen Parteizeitung Svoboda [Freiheit]. Die

folgenden Leserbriefe demonstrieren das

Misstrauen gegenüber ähnlichen Schlüssen.

Der Arbeiter Štefan Gürtler schrieb in einem

offenen Brief an Molnár: „Nach den

Worten, dass es in der ganzen Republik

heute von Spionen wimmelt, schließen sie,

dass sich die Verhältnisse im Innenministerium

so schnell wie möglich konsolidieren

sollten. Was versteht die STB, in derem Namen

sie sprechen, unter dem Begriff Konsolidierung?

Ist nicht vielleicht dieses ‚Wimmeln

ausländischer Spione‘ ein Argument

gegen die geplante Reorganisation gerade

der STB“? 125 Noch deutlicher wird der offensichtliche

Zweck von Molnárs Reden in

den Reaktionen der kommunistischen Organisation

der Bezirksprokuratur in Prag,

die seine Worte in Zusammenhang mit der

Tatsache bringt, dass die StB seit Beginn

des Jahres 1968 der Prokuratur keine

Akten übergeben hat, die die Straftat

der Spionage belegt: „Wie erfüllt sie dann

ihre Aufgaben, wenn sie gegen fremde

Agenten und andere staatsfeindliche Elemente,

von denen Gen/osse/. Molnár auf

der Bezirkskonferenz der KSČ spricht, nicht

sofort einschreitet. Nach Gen. Molnár ist

die Tschechoslowakei doch ein Tummelplatz

ausländischer Agenten und antisozialistischer

Elemente. Oder sind diese

Behauptungen von Gen. Molnár vielleicht

unbegründet und sollen das Verhalten hoher

Stände der Staatssicherheit begründen

oder als Argumente für Vertreter ‚schärferer

Argumente‘ dienen?“ 126

125 Pro a proti. Ke kolu dějin a otazníku naší redaktorky

[Für und Wider. Zum Rad der Geschichte

und den Fragen unserer Redakteurin], in:

Svoboda, Nr. 176, 23.7.1968, S. 4. Zitiert nach

Žáček, Pavel: Odvrácená tvář pražského jara

[Das abgewandte Gesicht der Prager Frühlings],

S. 70-71.

126 Hysterie nám neprospívá [Hysterie bringt

uns nichts], in: Svoboda, Nr. 190, 8.8.1968, S.

MFGBND 9/2016

Auch wenn das Auftreten von Oberstleutnant

Molnár auf Foren der Partei auch

anders ausgelegt werden kann (worauf

später hingewiesen werden soll), ist eine

Verteidigung der Machtstellung des Sicherheitsapparats

in der kommunistischen

Tschechoslowakei aus seinen Reden explizit

deutlich. Ob diese Tatsache für uns nun

eine überraschende ist oder ob man sie im

Kontext der traditionell einigenden Rolle

eines äußeren Feindes in innenpolitischen

Diskussionen nicht anders erwartet – es

steht fest, dass die Rolle der ausländischen

Geheimdienste in der konzeptionellen

Diskussion über die Sicherheitspolitik des

Staates zum Politikum wurde. Die kurze

Diskussion über die Sicherheitspolitik in

der Tschechoslowakei im Jahr 1968 machte

überaus deutlich, wie die Thematisierung

dieses Problems in den Machtkämpfen

benutzt wurde, und ist allgemein eine

wertvolle Hilfestellung bei der Auslegung

des Themas ausländische Geheimdienste

in der Realität des kommunistischen Regimes.

Der BND in den Augen der Staatssicherheit

im Jahr 1968

In den Dokumenten des Jahres 1968 wird

noch offener als früher eingestanden, dass

die Abwehrarbeit gegen den BND weitgehend

erfolglos war und dass es nur geringe

Erkenntnisse über die Arbeit des BND

auf dem Gebiet der Tschechoslowakei

gibt. Die Staatssicherheit stellte fest, dass

es ihr (im Unterschied zur deutschen Militärspionage

127 ) nicht gelungen ist, weder

3, zitiert nach Žáček, Pavel: Odvrácená tvář

pražského jara [Das abgewandte Gesicht der

Prager Frühlings], S. 74.

127 Wie weit die StB bei der militärischen Spionage

vordringen konnte siehe z.B. die Beilage Denní

svodky Hlavní správy Státní bezpečnosti [Tägliche

Sammlungen der Hauptverwaltung der

Staatssicherheit] Nr. 126 vom 13. 6.1968.

More magazines by this user
Similar magazines