Spolková zpravodajská služba a pražské jaro 1968

uzsiczech

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Dokumente des Bundesnachrichtendienstes zum Prager Frühling 1968

erklärte er eine Beruhigung der Situation

in den aufgewühlten Reihen des Sicherheitsapparats.

Er begann auch gegen Kollaboranten

zu ermitteln, die in der Führung

der StB Hilfe bei der sowjetischen Invasion

geleistet hatten. 141 Innerhalb weniger

Wochen aber reihte sich Minister Pelnář

ein unter die Politiker, die die Informationen

der sowjetischen Dienste bestätigten.

Bei der Sitzung des Zentralkommitees (ZK)

der KSČ Mitte November 1968 erklärte

Pelnář schon, es gebe in der Tschechoslowakei

„gewisse Gruppen, die in Verbindung

mit feindlichen Geheimdiensten und

ausländischen destruktiven Organisationen

auf sehr raffinierte Weise schrittweise

Bedingungen für ein Änderung des Gesellschaftssystems

herbeiführen wollen“. 142

Ergebnis der Novembersitzung des ZK der

KSČ war eine Erklärung, die die radikalsten

Unterstützer der Reformen in den Reihen

der KSČ sowie die Versuche, ein plurales

politisches System wieder einzuführen,

verurteilte. Gleichzeitig wurde die Zusam-

141 Zu dieser Problematik siehe Bárta, Milan, Inspekce

ministra vnitra v letech 1953-1989.

Výběr dokumentů [Inspektionen des Innenministers

in den Jahren 1953-1989. Dokumentenauswahl],

Praha 2009, S. 20-25 und weiter

Dokumente Nr. 22-30.

142 Vondrová, Jitka & Navrátil, Karel: Prameny k

dějinám československé krize 1967-1970. Komunistická

strana Československa [Quellen

zur Geschichte der tschechoslowakischen Krise

1967-1970. Die kommunistische Partei der

Tschechoslowakei], Teil 9/3, Brno 2001, S. 612,

Anm. 1. In der Argumentation von Pelnář, die

zunächst an den Sicherheitsapparat gerichtet

war, ab Mitte 1969 immer öfter auch an die

tschechoslowakischen Medien, finden wir die

schon erwähnten problematischen Dokumente

über eine angebliche britische „Operation

LYAUTEY“. Diese Operation sollte später in der

offiziellen tschechoslowakischen Propaganda

bedeutenden Raum einnehmen, so dass auch

ausländische Medien auf sie aufmerksam wurden,

siehe Der Spiegel 19/1969 und 32/1969.

Cajthaml, Petr. Operace Lyautey, in: Paměť a

dějiny [Erinnerung und Geschichte], 2008/1, S.

18-21.

MFGBND 9/2016

menarbeit mit der UdSSR als einzig richtige

Variante für die künftige Orientierung

der Tschechoslowakei proklamiert. 143 Die

Reformen des Jahres 1968 waren damit

noch nicht komplett verurteilt, aber die

Zeit arbeitete für den konservativen Teil in

der Führung der KSČ. Die Erklärung wurde

für das folgende halbe Jahr zur Leitlinie,

nach der sich jegliches politisches Leben

in der Tschechoslowakei hin zu einer sog.

Normalisierung der Verhältnisse ausrichtete.

Das betraf auch das Innenministerium,

wo schrittweise eine Welle von

Reorganisationen und personellen Säuberungen

begann, die die Disziplin in den

Reihen der Sicherheitseinheiten festig

gen sollten. Eines der Hauptargumente

war eben die These von der Bedrohung

der Tschechoslowakei von Seiten fremder

Nachrichtendienste, die vom KGB und dem

konservativen Teil in der Führung der StB

unterstützt wurde.

Im Januar 1969 ordnete das ZK der KSČ

an, den moralischen Zustand der Streitund

Sicherheitskräfte festzustellen; es

sollten also die politischen Ansichten ihrer

Mitarbeiter überprüft werden. 144 Im

Februar 1969 trat J. Pelnář gemeinsam mit

A. Dubček und Premierminister Oldřich

Černík vor der Versammlung der Angehörigen

des Innenministeriums auf und

appellierte an die Festigung der Disziplin.

Er argumentierte dabei damit, dass die

Sicherheitseinheiten im Laufe des Jahres

1968 über Tätigkeiten ausländischer Nachrichtendienste

informiert worden waren,

143 Vondrová, Jitka & Navrátil, Karel: Prameny

k dějinám československé krize 1967-1970

[Quellen zur Geschichte der tschechoslowakischen

Krise 1967-1970], S. 585-610.

144 ABS, Bestand A 2/3, Inventarnr. 1591, Beschlüsse

der 114. Sitzung des Vorstands des ZK

der KSČ – 7. 1. 1969. Die politische Situation in

der Tschechoslowakischen Volksarmee (ČSLA),

den Einheiten des Innenministeriums und der

moralisch-politische Zustand ihrer Mitarbeiter.

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