Spolková zpravodajská služba a pražské jaro 1968

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Dokumente des Bundesnachrichtendienstes zum Prager Frühling 1968

Allgemeinere Dokumente, denen direkt

keine analytische Arbeit zugrunde liegt,

kehren bereits Anfang 1969 zur ideologischen

Auffassung der Rolle der ausländischen

Geheimdienste zurück: „Die Tschechoslowakei

ist als sozialistisches Land

dem Frontalangriff der imperialistischen

Kräfte im politischen, ökonomischen und

ideologischen Bereich ausgesetzt. Eine gefährliche

Taktik bleibt auch weiterhin die

sog. Erosion des Sozialismus mit einem differenzierten

psychologisch-zersetzenden

Einwirken auf einzelne sozialistische Länder.

Die entscheidende Rolle bei der Realisierung

dieser Absichten fällt den Geheimdiensten

zu“. 149 Ausgehend von diesem

ideologischen Standpunkt behauptet das

Dokument, dass die ausländischen Geheimdienste

im Lauf des Jahres 1968 eine

Emigration ins Ausland gesteuert haben

und weiter steuern, dass sie im Kontakt

stehen mit anti-sowjetisch eingestellten

tschechoslowakischen Bürgern, Journalisten

und weitere Bürger dazu inspirieren,

gegen die Interessen der Partei und des

Staates aufzutreten, dass die bourgeoisen

Journalisten ihrerseits oft einheimische

Studenten in ihren Diensten haben und sie

beeinflussen.

Die allgemeine Beurteilung der ausländischen

Geheimdienste kehrt ab 1969 also

zur Auffassung vor 1968 zurück, und jegliche

weitere, auch rückwirkende Beurteilung

der Tätigkeit der ausländischen Nachrichtendienstler

im Land geschah unter

daraus Schlüsse zieht. Obwohl seine Schlüsse

oft tendenziös und zweckgerichtet sind, ist nicht

zu übersehen, dass sein Informationsstand ein

hohes Niveau hat, das sich nicht von der Arbeit

einer Spionageabwehr unterscheidet.“

149 ABS, Bestand A34, Inventarnr. 2975, materiál

„Stručné hodnocení státobezpečnostní situace

a stanovení hlavních úkolů na nejbližší období“

[Knappe Beurteilung der Staatssicherheitssituation

und Hauptaufgabenstellung für

die nächste Zeit] vom 29. 1. 1969, S. 1.

MFGBND 9/2016

festen ideologischen Leitlinien, und zwar

ohne Rücksicht auf die festgestellten Erkenntnisse:

„Aufgrund der Analyse kann

auch festgestellt werden, dass die nachrichtendienstlichen

Einheiten der BRD schon im

Laufe des Jahres 1967 sehr detailliert die

politische Situation in der ČSSR und die vermutete

weitere Entwicklung kannten und

aufmerksam beobachteten. Besonders im

Zeitraum 1968 bemühten sie sich, eine

wichtige Rolle bei der Beeinflussung der

Vorbereitungen für einen konterrevolutionären

Umsturz zu spielen. In dieser Etappe

kamen nicht wenige westdeutsche politis

sche Experten in die ČSSR, die rechtsorientierten

Exponenten und konterrevolutionären

Elementen ihre Hilfe anboten und sie

unterstützten. Trotzdem gelang es wegen

des Chaos in der operativen Arbeit nicht,

eine direkte Aktivität und Beteiligung der

Visum-Ausländer 150 aus der BRD an den

Vorbereitungen zur Konterrevolution zu

dokumentieren“. 151

Die Handelsvertretung der BRD, die einzige

offizielle Institution dieses Staates in der

ČSSR war mit der veränderten Interpretation

des Wirkens des gesamten BND und

seiner Aufgaben bei den Ereignissen 1968

im Prinzip dazu verurteilt, als Teil des Nachrichtendiensts

enthüllt zu werden, und zwar

trotz eines verzweifelten Mangels an Belegen,

was manche Passagen über ihre nachrichtendienstliche

Aufgabe geradezu lächerlich

macht: „Aus dem kurzen Wirken der

Handelsmission der BRD in Prag kann man

150 Der Terminus vízový cizinec („Visum-Ausländer“,

Abk. VC) bezeichnete in der StB-Terminologie

Personen aus kapitalistischen Staaten.

151 ABS, Bestand A34, Inventarnr. 2299, materiál

„Rozbor úrovně a výslednosti práce v boji proti

západoněmeckým zpravodajským složkám

a návrhy na další činnost čs. kontrarozvědky“

[Analyse des Niveaus und der Resultate der

Arbeit im Kampf gegen westdeutsche Nachrichtendienste

und Vorschläge für die weitere

Tätigkeit der tschechoslowakischen Spionageabwehr]

aus dem Jahr 1970, S. 54.

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