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E_1931_Zeitung_Nr.090

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1931 — N° 90 ren immer fest gegen die Zähne der Schnecke legen und so jedes Spiel verunmöglichen. Die Lenkschubstange ist mit einem Kugelzapfen in der Mitte zwischen den beiden Lenkhebel-Enden angeschlossen, wobei der Druck der Schraubenfedern ebenfalls hier das Auftreten von Spiel verhindert at. Grossbetriebe für Auto-Ausmlete. Es gibt zwei französische Gesellschaften, die sich ausschliesslich mit dem Verleihen von Automobilen beschäftigen, die «France Transport», 36, nie Pazmantier, Neuilly-sur-Seine, und die «Novex Location», 11, nie de Champ de Mars, Paris. Die erstgenannte Gesellschaft ist ein Ableger des Rosengart-Konzerns, die zweite arbeitet in Verbindung mit der französischen Ford-Organisation. Die «France Transport» vermietet Rosengart-Autos zum Preise von 50 französischen Franken per Tag, mit einer Begrenzung von 100 Kilometer Fahrstrecke und 75 Centimes für jeden weiteren Kilometer. 2000 francs müssen deponiert werden. Für den Viersitzer-Rosengart werden per Tag 5 francs mehr berechnet. In den Preisen inbegriffen sind eine Versicherung von 300.000 francs gegen Schäden Dritter und von 100,000 francs Unfallversicherung für die Wagenbenützer. Die «Novex Location» verlangt keinen Geldeinsatz und erlaubt unbegrenzte Kilometerzahl. Ford - Wagen werden verliehen, und zwar Roadsters 1200 francs und geschlossene Wagen 1450 francs per Woche. Für längere Zeit sind die Preise niedriger. Eine originelle Antlbiendvorrichtung. Der Kgl. Englische Automobil club veranstaltete in den letzten Jahren Konkurrenzen für Antiblendvorrichtungen, die bisher aber noch kein besonders günstiges Ergebnis hatten. Die diesjährige Konkurrenz, die vor einigen Wochen bei Cambridge stattfand, war ebenfalls nicht erfolgreich. Eine der Antiblendvorrichtungen verdient jedoch trotzdem wegen ihrer Originalität erwähnt zu werden. Mr. C. M. Leigh begegnet der Blendwirkung der Scheinwerfer, indem er einen Hebel bewegt, wodurch eine farbige, z. B. gelbe, Flüssigkeit zwischen zwei miteinander in Kontakt befindliche Lampengläser gepresst wird; die blendenden Lichtstrahlen des Scheinwerfers werden dadurch gedämpft. Legt man den Hebel in die Gegenrichtung um, so wird die Flüssigkeit zwischen den Lampengläsern wieder herausgesaugt. Auf dieselbe Weise kann die Windschutzscheibe gefärbt werden, um den Fahrer vor den blendenden Scheinwerfern eines entgegenkommenden Autos oder auch vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Ein englisches Fachblatt bemerkt : man müsse die wundervoll gleichmässige Färbung des Glases durch diese Methode gesehen haben, um es zu glauben. In England wird behauptet, dass die Erfindung von Mr. Leigh unbegrenzte kommerzielle Anwendungen habe, so z. B. für Auslagefenster als Schutz der Waren vor schädigenden Sonnenstrahlen. Aber wozu müssen wir uns eine Windschutzscheibe mit doppelten Gläsern anschaffen ? Das machen wir einfacher und billiger, indem wir uns von irgend einem Optiker Autobrillen mit doppelten Gläsern machen lassen, den Behälter für das farbige Wasser placieren unter der Autokappe, den Hebel befestigen wir a an einem unserer beiden Ohren. Das weitere ergibt sich dann von selbst! Der Oberleitungsomnibus bewährt sich in Deutschland. Nach den Ergebnissen des ersten Betriebsjahres kann gesagt werden, dass der mit der Errichtung der elektrischen Oberleitungs-Omnibuslinie Mettman-Gruiten (Anlage des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerkes, Essen) gemachte Versuch gelungen ist; der Omnibus hat sich technisch und wirtschaftlich durchaus bewährt, und die gesamte Anlage (Fahrzeuge und Oberleitung) ist nach eigenen Ideen mit Erfolg weiterentwickelt worden. Der beste Beweis für die Zuverlässigkeit dieses Omnibusses ist eine Verkehrszunahme von 20 Prozent, wobei der allgemeine Verkehrsrückgang zu berücksichtigen bleibt. Der Betrieb hat sich ohne Störung abgewickelt und selbst als Schneefall und Unwetter (Versandung und Anschwemmung) den Betrieb vorübergehend stillegten, hat der elektrische Oberleitungsomnibus planmässig verkehren können. Auch wirtschaftlich ist das Ergebnis des ersten Betriebsjahres zufriedenstellend, obwohl der schlechte Zustand der Strassen sich nachteilig auswirkt. Eine zweite Oberleitungsomnibuslinie befindet sich zwischen Idar und Tiefenstein im Bau, sie soll Ende des Jahres in Betrieb genommen werden. Die Linie Mettmann-Gruiten ist von zahlreichen Interessenten aus dem In- und Ausland besichtigt worden, -z. W*>wsml*tsehe nlce Beseitigen starker Beulen. Starke Beulen in den Kotflügeln oder in der Blechbespannung der Karosserie lassen sich manchmal durch blosses Hämmern und Pressen nicht mehr ganz zum Verschwinden bringen, da das Blech an der betreffenden Stelle eine zu grosse Dehnung erfahren hat und dann Wellen bildet. Am besten schneidet man in einem solchen Fall einen Teil der Beule heraus. Die Ränder um das entstandene Loch herum lassen sich dann leicht wieder ausrichten. Beispiel eines eingebeulten Kotflügels. AO Stelle, die am besten herausgeschnitten wird. B) Zu verlötende oder verschweissendo Oeffnuns. Das Loch selbst kann schliesslich verlötet Ein Wagen, dessen Vorderräder zum Flat- neigen, muss auf folgende Hauptpunkte oder verschweisst werden, wobei man imtern ersten Fall vorteilhafterweise auf der Rückseite des zu reparierenden Gegenstandes eine bleibende Blechunterlage mit anbringt. Bei geschickter Ausführung der Arbeit, insbesondere sauberem Glattfeilen, Abschleifen und Neulackieren der behandelten Stelle dürfte von dem Defekt kaum mehr eine Spur zurückbleiben. at. Ein Rad streift am Lenkgestänge. Nicht selten kann man beobachten, dass eines der beiden Vorderräder des Wagens bei vollem Einschlag an der Lenkschubstange streifen kann. Abgesehen, dass darunter der Reifen Eine auf der Lenkschubstange befestigte Schelle zur Begrenzung des Radeinschlagea. A) Lenkschubstanee. B) Vorderachse. E) Schelle. leidet, kann nach einiger Zeit dadurch auch die Lenkschubstange abgeschliffen und geschwächt werden. Es handelt sich hier also um einen Fehler, den man nicht auf sich beruhen lassen darf. Sind an der Vorderachse oder im Lenkgetriebe keine Stellvorrichtungen vorgesehen, die den Einschlag der Räder zu begrenzen gestatten, so kann man einen solchen Anschlag meist nachträglich noch selbst leicht anbringen. Sehr oft wird es z. B. genügen, wenn an der Lenkschubstange, wie oben skizziert, eine Schelle aufgeschraubt wird, die bei einem bestimmten Einschlag nach der einen Seite an der Vorderachse anschlägt und ein weiteres Ablenken verhindert, at. Das Flattern der Vorderräder wird nicht selten durch zu schwach aufgepumpte Reifen verursacht. Erhöht man den Luftdruck, so verschwinden die Shimmybewegungen oder machen sich doch nur schwächer oder erst bei hohen Geschwindigkeiten bemerkbar. untersucht werden : Sind die Pneus genügend aufgepumpt, sind die Räder ausbalanciert, d. h. bleiben sie, wenn aufgebockt und mit der Hand in Drehung versetzt, in jeder beliebigen Lage stehen; besteht im Lenkgestänge kein anormales Spiel; haben die Räder die richtige Vorspur, d.h. ist die Neigung der Lenkschenkelbolzen normal ? Zum 'letzten Punkt ist zu bemerken, dass eine zu starke Schrägstellung der Lenkschenkelbolzen nach vorn häufig als Ursache von Shimmyerscheinungen in Betracht fällt, wenn die Erscheinungen bei niedrigeren Geschwindigkeiten auftreten. Die Abhilfe besteht dann darin, dass man durch Unterlegen entsprechender Keile zwischen die Achse und die Federn die 5 Bolzen steiler stellt Die Sache darf aber nicht übertrieben, die Keile dürfen nicht so gewählt werden, dass eine Neigung der Lenkschenkelbolzen nach hinten entsteht, sonst hat der Wagen Neigung im Zickzack zu laufen. Zeigt ein Wagen Shimmyerscheinungen, so lässt sich eine bestimmte Ursache meist nicht sofort angeben. Als allgemeine Regel gilt jedoch, dass Shimmy, der bei niedrigen Geschwindigkeiten herum auftritt, mit Anormalien im Lenkgestänge oder im Achseinbau zusammenhängt, während Shimmy bei Geschwindigkeiten von 70 km aufwärts meist auf zu geringen Pneudruck und schlecht ausbalancierte Räder deutet -si. 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Bern, Dienstag, 3. November 1931 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 90 Von Richard von Schaukai. sanken still-schwebend nieder. Wenn wir, Mama, Lotte und ich, vom Vorm Friedhof sah man noch einmal um. Friedhof heimgekehrt waren in der Nachmittagsdämmerung — noch lag ein gelbes Licht Das Gittertor Hess einen den langen, geraden Ueber die Mauer ragten traurige Zypressen. über den Dächern, stand spiegelnd in Fensterscheiben — wurden am Ofen, der uns wär- schweigende Reich der Toten. Arme Seelen! Weg umfassen, der tief hineinführte in das mend empfing, auf einem Tischchen die mitgebrachten kleinen Wachskerzen angezündet warm... Man dachte an das Fegefeuer. Feuer ist zum Gedächtnis der Toten. Da sassen wir Und zu Hause wartete der grosse alte Kinder, im Düster an die Mutter geschmiegt, Kachelofen. Ich fasste nach der Heben Hand den flackernden Lichtlein gegenüber auf dem Mamas. alten, schwarzen Ledersofa und starrten schweigend in die leicht russenden Flämmchen. Wir dachten an die armen Seelen im Fegefeuer. Das bläuliche Schwelen, der süssliche Geruch, das schwärzliche Wölkchen der schmalen, steifen Kerzen vertrugen sich seltsam mit der geheimnisvollen Vorstellung, die Von Hans Natonek. Kastanien , . . dadurch zugleich etwas Puppenhaftes bekam ... Mama war nachdenklich. Sie schien traurig. Ich wagte sie nur mit verhaltenem Atem verstohlen anzusehen, sah übrigens kaum mehr als den Umriss ihres sonst so freundlichen Gesichtes, das im Schatten stand. Dann drückte ich wieder meine Wange an ihren warm durch das Kleid gefühlten Arm. Die armen Seelen im Fegefeuer/ Ich dachte an den Friedhof, an die Gräber, die wir, wie alle Jahre an diesem Tage, besucht hatten, die Gräber von Menschen, deren Namen mir vertraut, deren Züge mir fremd oder entschwunden waren. Ich sah diese entfernten Menschen mit dem nahen Namen irgendwie, undeutlich unten liegen, in der Erde, vielmehr in den Särgen, wie ich sie kannte, grauen, harten Särgen, auf denen goldene Kreuze ruhten. Ich vergegenwärtige mir schaudernd die ausgestreckten Gestalten. Wie kalt es da unten sein musste!... Auf den Gräbern drängten sich Kränze. Man schob sie raschelnd hin und her, Grossmutters ruhige Hand zttmals sah ich am Werk. Sie richtete, berichtigte die Anordnung der steifen Gewinde. Wie häss- Uch schienen mir diese gleichförmigen Krame, deren Blätter wie von Lack glänzten!... In den schwerfälligen Laternen schimmerten Lichter. Die Scheiben waren violett. Das Hübscheste waren die roten, kugeligen Beeren, die da und dort ans Blumenspenden leuchteten... Ich erinnere mich auch winterlicher Gräberbesuche an diesem Tage. Verfrühter Schnee haftete gefroren an den Totenkränzen, die sich eiskalt anfühlten. Und wenn es aas grauem Nebelhimmel leise wieder zu schneien begann, grieselten die Körnchen prickelnd ins Gesicht und trommelten wie dünner Hagel — Graupen hiess man's — auf die dürren Hecken um die Grabstellen. Die Bäume standen in einem fahlen Dunst. Manche waren fast kahl, streckten die Zweige wie Ruten in die leere Luft. Andere hielten noch ihre letzten Blätter ängstlich an sich. 'Aber die Wege lagen voll davon. Die da am Boden klebten, waren feucht und rochen dumpf. Man ging darauf wie auf Moder. Hin F E U I Allerseelen Die vorletzte Liebe Uer schönen Frau Erzsebet. Roman von Oskar Sonnlechner. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Einer von ihnen wandte sich hilfebringend an mich und wies mit der Hand in der Richtung des Bahnhofes. «Der Herr Vizegespan kommt.» «Wer kommt?» :«Der Herr Vizegespan.» -«Und deshalb warten wir? Unglaublich!» Mein hemdärmeliger Nachbar blickte achseltuckend mit einem geringschätzigen Lächeln zu mir herüber. «Was ist da unglaublich? Bei Ihnen wartet man freilich nicht auf den Herrn Vizegespan. Bei Ihnen wartet man auf den Herrn Pfarrer.» Der andere Merkurjünger gab durch ein meckerndes Lachen seine Zustimmung. «Sehen Sie, da kommt er, er ist schon da.» Auf das Bahnhofgebäude, jagte, einen langen Staubschweif hinter sich lassend, ein hoher, federleichter Jagdwagen zu, ein Ruck, ' dass die Pferde auf den Hacken sassen, und der auf dem Hintersitz thronende Insasse sprang heraus und stürmte mit langen Schritten auf den Zug zu, neben ihm der allgewaltige Stationsvorstand, der sich mit entschuldigenden Handbewegungen ununterbrochen und wieder fuhr ein Windstoss durch die Aeste, dass sie knarrten. Und dann wehte es wieder gelbe und rote Blätter. Die letzten nicht halten kann. Ach, die Welt der gerösteten Kastanien, der Lakritze (Kautabak der Kindheit, in meiner Heimat mit Recht «Bärendreck» genannt), des türkischen Honigs, der so zäh war, dass man die Zähne nicht wieder auseinanderbrachte, des Waffelbruchs, dos Johannisbrots, des Siissholzes ... Reiche, weite, genussvolle AVeit für fünf Rappen! Für fünf Rappen ass man das strohige Wüstenbrot der Asketen, kaute eine faserige Wurzel, die einen gelben Saft und einen öden Zuckerwassergeschmack hatte, und knabberte eine Halbmondscheibe vom milchigen Fleisch der afrikanischen Kokosnuss. . Aber es ist eine trügerische Sehnsucht, die uns zwanzig Jahre später wieder zu diesen Genüssen lockt. Es ist, als würde ein Vierzigjähriger verliebte Fensterpromenaden machen. Man möchte ja gern, es war' ja so schön, aber wenn man sich dabei ertappt, kommt man sich komisch vor und schleicht sich davon ... auf die Höhe eines Gefühls, die man ja doch Allein — dieses ausserhalb der stumpfen stürzten nieder. Töne, Farben, Klänge drehten verbeugte, während der Angekommene mit zerknüllten Qeldschein auf die Sitzpolster, des randlosen Monokels, das er nervös ins zorngerötetem Gesicht, mit den Armen wütend während der Bahnhofvorstand noch immer Auge klemmte, auf seinem kahlen Straussenschädel eine Skalplocke getragen, so hätte es gestikulierend, seine olympische Unzufriedenheit deutlich kundgab. Wie eine Hundemeute einsprach. Der Angekommene warf ihm wort- kaum einen menschlichen Typus gegeben, der mit beschwörenden Handbewegungen auf ihn umschwärmte beide der Tross der Bahnbediensteten, die sich unterwürfig mit dem anfahrenden Maschine warf den Vizegespan, schaulichte wie er. los die Tür vor der Nase zu. Der Ruck der seine hunnischen Vorfahren besser veran- allerhöchsten Gepäck beladen hatten, und jeden Augenblick erwartete ich, dass sie denauf das Sitzkissen mir schräg gegenüber. und her, klemmte sich das Monokel ins Auge, unbekümmert um seine hohe soziale Stellung, Er rutschte unruhig auf seinem Sitzplatz hin Nun hatte ich Müsse ihn eingehend zu betrachten. zu lassen, klatschte mit dem Reitstock auf um es in der nächsten Sekunde wieder fallen Eine mittelgrosse, etwas beleibte Erscheinung, das Haar an den Schläfen leicht ergraut, dene, wappengeschmückte Zigarettentasche seinen hohen Stiefelschäften, holte eine gol- der längliche Schädel mit der auffallend hohen hervor und zündete sich eine Zigarette an. hohen Herrn auf ihre Schultern heben und zum Zug tragen würden. Ich trat in die Tür meines Abteils, um den Allgewaltigen besser betrachten zu können. Die beiden hemdärmeligen Merkurjünger nebenan standen auch im Seitengang und verbeugten sich immer wieder vor dem Angekommenen, indem sie dabei die ausgeteilten Kar-* ten krampfhaft in den Händen hielten. Das grosse Naturereignis, das an ihnen vorbeizog, sollte ihren Umsatz nicht zu sehr beeinflussen. Als er vor der Türe meines Abteils stehen blieb, musste ich höflich zurücktreten, da es das einzige Abteil erster Klasse war. Er lüftete den Hut. Ich verneigte mich. Die Träger stürmten dienstfertig herein, türmten lärmend und streitend das Gepäck in die Netze, während der Bahnhofvorstand noch immer mit entschuldigenden Verbeugungen auf ihn einsprach, ohne dass dieser ihn auch nur eines Blickes würdigte. Endlich war alles verstaut. Die hilfsbeflissenen Träger zogen ihre schmierigen Kappen und wischten sich mit niclit misszuverstellenden Gebärden den Schweiss von der Stirn. Der Hochgeborene nestelte in der Westentasche und warf einen Herbstliche Ferienbriefe Sehnsacht nach , Gnädige Fran! Nun sollen diese von ersterbendem Herbst- Selbstbeschränkung dahingleitende Leben er- ., . , , , , , , .. , , T, , . glänz umzitterten Ferienbriefe Sie doch noch, müdet dennoch, treibt in Gefahren hinein. Als ich das letztemalgerostete Kastanien auch ät f ih selbstgewählten Ich weiss Sie kennen die Reize der Abass, war ,ch etwa zwölf Jahre alt Das ist s „ erreichen. ' Sie werden keinen lauten WC chsluS einmal ta einer Sgen Anm^tSötS KaTanien'uT n? Duft Ton \ Ihre fragen, in der Sie sich so spÄ te JÄhta «Xm^ Se Äl r!ws,!T! i w» ff ^t «STd w gerne bewegen. Das Laub lag faulig und sen, welches Vergnügen es bedeutet, mit dem ^TwlJÄ 1 inS S> noch modernd am Boden die ersten dünnen ' ^«fachen, unverquälten Menschen reden zu f?SXn^S W^JSTSPV^TC«^ Schneeschauer stoben aus winterlichem Mor- können, lange, teilnahmsvoll. Sie kennen das enthalten ist WIG das Insekt im Beratern. genhlmmel, als ich aus meinen Ferien in die Glücksgefühl, das Sie durchströmt, wenn Sie Der Kastamenmann, der sich aus der Hei- stadt zurückkehrte. Und deshalb ist der eine ganz gewöhnliche Arbeit erledigen, die mat meiner Kindheit in diese Gegend, in Ton def Briefe woh, um e}ne Nuance m Sie ^ fa Ihrem n Leben nie taten> der er sonst nicht vorkommt verrrt hat, dunke]. aber jch wejss um Ihre ein{ühlende Manchma, musste ich mich bezwingenj um weckte in mir ein sentimentales Gelüst em Liebe .„ die D- des Zwielichtes, der Schat- nicht zu einem Bauern in der Nähe zu laufen Gemisch aus Naschhaftigkeit undL Sehn- t der Dämmerungen. und ihn zu bitten, mir einige Arbeit aufzusucht m dieser Tute Maronen ein bisschen Wag nützt eg> wenn Jch Ihnen sage> WQ ]aden> fch scMme mlch ^ ^ ^ gesteheil) jvmctneit zu nnaen. ioh mjch aufl lie i t ? g s war nicnt allzuweit dass ich mit einer seltenen Freude die sinn- Der Satz, der jetzt folgt, muss unbedingt weg von ihnen. Mit dem Auto hätte ich Sie losesten, nutzlosesten Dinge vollbrachte, mit einem elegischen «Ach» beginnen. Ach, in einer stunde erreicht. Warum sollte ich Der Herbst schenkte mir volle selten die Kastanien von damals sind nicht mehr dies? Ich Ilebte eSj mIch in die Einsamkeit zu scnöne Tage. Aus dem dünnen Morgennebel, die Kastanien von heute. Man ist mit der vergraben, einige Zeit dahinzudämmetn, der sich .j„ der Nacht aus den Wiesen rings falschen Voraussetzung an sie herangegan- wunschlos, schweigend. Der Gedanke an Sie um das Haus, das ich bewohnte, erhoben gen dass, was damals schon war, auch wurde durch keine störende Unruhe gequält. hatte> brach gegen Mittag immer wieder mit heute schon sein müsse. Man halt diese fch tat, was Sie mir oft rieten: Ich lebte mit- neuer Wärme die Sonne hervor. Die faserigen falsche GefuhlsiHusion mit Hingabe kauend ten unter dem Volke. Ich verachtete allen ki e jnen Wölken zerstoben unter dem Prall bis zur dritten vierten Kastanie krampf- traditionellen Ferienkomfort: Kein Hotel, der warmen Sonnenstrahlen in der sanften haft aufrecht. Aber die Kastanien schmek- kein Dancing, keine Kaffeehäuser, keine Ber- Bläue des Herbsttages. Vor dem Haus blflhken nicht. Sie sollten, aber sie tun es nicht ge> keinen Film, keine Frauen, keinen See — ten die letzten so geliebten Blumen des Man redet sich, um em Ideal zu retten, aut.nichts! Der Strom des Alltags schwemmte Jahres. Silberne Fäden spannten sich von die schlechte Qualität, auf die nicht sach- mich mit, und gerade deshalb, weil mich die Blume zu Blume; schimmernd in der weigemasse Rostung heraus. Man mochte doch letzten Monate von einer Sensation des Her- dien Luft. Eine kleine Katze sonnte sich vor nicht gleichsam blamiert vor den Kasta- zens, des Geistes und der Sinne in die an- mir. Ihr Schnurren belebte die Stille. Manchmen, diesem Stuck Kindheit, dastehen. dere gejagt hatten, tat mir diese Beschrän- mal erhob sie sich, streckte sich, leckte das Aber was hilft's — immer langer werden kuncr woj u# rj er 51 - isse> bittere Kampf um das sonnenbeschienene Fell. Unversehens sass sie die Zähne (nicht nur das Gesicht wird lang Leben, die unaufhörlich sich jagenden Stun- mir im Schoss. Mit der kleinen Samtpfote vor Enttäuschung), immer langsamer die den> dj e n ie, nie keine Ermattung aufkom- inspizierte das Tier meinen Band Jean Paul. Kaubewegungen, und eine Kastanie nach men Hessen, die Flucht vor dem Alltag, die Das Haar knisterte beim Streicheln. Funkelnd der anderen verschwindet still, man Iässt Lust am Zufälligen, an den durch ein gütiges richteten sich die scharfen Augen zu mir sie fallen, der Weg ist — stark übertrieben Geschick geschenkten Dingen steigerten die empor. Ich warf das Buch hin, spürte die — mit Maronen besät, man unterschlagt sie Nerven in einen Zustand höchster, lächerli- Wärme des kleinen Körpers auf meiner heimlich vor sich selbst. Und dann ist end- eher Empfindsamkeit hinein. Der seelische Haut. Ich umfasste mit der Hand den kleinen, lieh die grosse Tüte leer. — Aufnahmeapparat registrierte unaufhörlich klugen Kopf. Seltsames Gefühl! Die Herbst- Der kundige Leser hat längst bemerkt, Sturm. Ich sehe Sie leise lächeln und über sonne machte uns beide angenehm schläfrig, dass dies eine allegorische Begebenheit zum mich den Kopf schütteln. Sie warnten mich Durch die geschlossenen Augen sah man die Nachdenken ist, eine Geschichte mit dop- oft, Sie nannten die Gefahr, die droht. Was Lider als rot leuchtende Blütscheiben. Die peltem Boden; unter dem ersten Boden nützte es? Noch immer versetzte ich mich Katze schlief; stossweise Atemzüge hoben steckt die gültige Lebenserfahrung, ein absichtlich in neue Erregungen des Herzens, den schmalen, starken Leib. Meine Gedanken leicht philosophischer Rebus. Hier die Lö- Ein geschweifter Hügelzug im Herbst bedeu- wurden immer schwächer, langsamer. Rot, sung: Man erspare sich die Enttäuschung tet noch immer Aufruhr. Ein neues, liebes rot glühte das Blut vor den Augen. Namenmit den Kastanien. Man schraube sie nicht Buch wirft mich noch immer aus der Ruhe, lose Stille stand um uns beide. Erinnerungen zogener Schnurrbart, dessen Enden er ununterbrochen in die Länge zog. Hätte er statt Zu haken Mi allen tuten Uhrmachern Stirne kahl und glänzend, sah aus wie einDann lehnte er sich, nun scheinbar beruhigt, blank poliertes Straussenei. Scharfe, vornehm behaglich in den Sitzkissen zurück, blies die geschnittene Züge, eine schmalrückige, leicht Rauchwölkchen von sich, und ohne sich um gebogene Nase, und über dem kräftigen Mund meine Anwesenheit auch nur im geringsten ein schon stark mit grauen Fäden durch- zu kümmern, legte er seine Beine in den verstaubten Reitstiefeln auf die Kissen neben meinem Sitz. (Fortsetzung folgt.)