195 - Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e. V.

kleingarten.bund.de

195 - Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e. V.

195

Pflanzenverwendung I

– vom Solitärgehölz

bis zur Staude


Schriftenreihe des Bundesverbandes

Deutscher Gartenfreunde e.V., Berlin

( BDG )

Heft / 2008

30. Jahrgang

Tagung: Fachberatung I

vom 06. bis 08. Juni 2008 in Neu-Ulm

Herausgeber: Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.

Platanenallee 37, 14050 Berlin

Telefon 030/ 30 207 140/141

Telefax 030/ 30 207 139

Präsident: Dr. sc. agr. Achim Friedrich

Seminarleiter: Jürgen Sheldon

Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes

Deutscher Gartenfreunde e.V.

Zusammenstellung: Ute Gabler

Nachdruck und Vervielfältigungen (fotomechanischer und anderer Art) - auch

auszugsweise - dürfen nur mit Genehmigung des Bundesverbandes Deutscher

Gartenfreunde erfolgen.

Auflage: 1.000

ISSN 0936-6083


Bundesministerium für

Ernährung, Landwirtschaft

und Verbraucherschutz

Dieses Projekt wurde finanziell vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

(BMELV) gefördert.

Der Förderer übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben sowie

für die Beachtung privater Rechte Dritter. Die geäußerten Ansichten und Meinungen müssen nicht

mit denen des Förderers übereinstimmen.

INHALTSVERZEICHNIS SEITE

Vorwort 5

Jürgen S h e l d o n

Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes

Deutscher Gartenfreunde e.V.

Biologie der Pflanze 7

Peter M e n z e l

Diplomgärtner, Sinzig / Bad Bodendorf

Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes

Deutscher Gartenfreunde e.V.

Vegetative und generative Vermehrung 19

Dipl.-Ing. Ulrike L e y h e

FH Weihenstephan

Forschungsanstalt für Gartenbau

Pflanzen schützen durch Pflanzenschutz Teil I 29

Adalbert G r i e g e l

Diplomgärtner, Dorsheim

In-vitro-Vermehrung als moderne Reproduktionsform 43

Dr. Ina P i n k e r

Humboldt-Universität zu Berlin

Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät

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Pflanzenqualität nach BdB (Bund deutscher Baumschulen) 51

Peter H e y do r n

Heydorn Baumschulen

Bevern

Berichte aus den Arbeitsgruppen zu den Themen:

AG I Biologie der Pflanze – Aufbau und Aufgaben 61

Leiter der Arbeitsgruppe I: Georg S t e i n b e r g e r

Landesverband Rheinland der Kleingärtner e.V.

AG II Vermehrungsformen und ihr Einsatz im Kleingarten 63

Leiter der Arbeitsgruppe II: Thomas K l e i n w o r t h

Landesverband Schleswig-Holstein der Kleingärtner e.V.

AG III Pflanzenqualitäten und Pflanzenschutz 65

Leiter der Arbeitsgruppe III: Sven Wa c h t m a n n

Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V.

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Vorwort

- 5 -

Das Seminar Fachberatung des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde (BDG) fand vom 06.

bis 08. Juni 2008 in Neu-Ulm statt.

Im Zentrum des Seminars stand die Pflanzenverwendung vom Solitärgehölz bis zur Staude.

Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch das Mitglied des Präsidiums des BDG, Jürgen Sheldon,

wurden durch fünf Referenten verschiedene Facetten der oben genannten Thematik an konkreten

Beispielen dargestellt.

Den Anfang machte das Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des BDG Diplomgärtner Herr

Peter Menzel. Er widmete sich in seinen Darstellungen den Grundlagen der Biologie der Pflanze

und sprach dabei insbesondere über den Aufbau der Pflanze, die verschiedenen Pflanzentypen,

über Wachstumsabläufe und Wachstumsfaktoren sowie über die Physiologie der Pflanzen. Dabei

stellte er sein Referat unter die Zielstellung der Kennzeichnung aller Faktoren für eine fachgerechte

Bewirtschaftung der Kleingartenflächen und machte deutlich, welchen Einfluss z. B. Licht, Temperatur,

Nährstoffe usw. auf das Wachstum der Pflanzen und somit auf das Erzielen kleingärtnerischer

Erfolge haben.

Frau Dipl.-Ing. Ulrike Leyhe referierte daran anschließend über vegetative und generative Vermehrung,

wobei sie Vor- und Nachteile beider Vermehrungsarten differenziert darstellte. Im Bereich der

vegetativen Vermehrung wurden im Referat verschiedene Möglichkeiten von Stecklingen aber auch

Schnittlinge, Teilungen und Absenker als unterschiedliche Möglichkeiten der Pflanzenvermehrung

und Pflanzenzüchtung im Kleingarten dargestellt.

Frau Dr. Ina Pinker stellte den Teilnehmern des Seminars als besondere Form der Pflanzenvermehrung

die In-Vitro-Kultur verschiedener Pflanzen vor. Dabei beschrieb sie einmal das Prinzip dieses

Verfahrens und ging dann differenziert auf Beispiele für In-vitro-vermehrte Pflanzen (z. B. Erdbeeren,

Gehölze) ein.

Herr Peter Heydorn machte in seinen Darstellungen auf die Notwendigkeit des Wissens um die

Pflanzenqualität aufmerksam und beschrieb an Beispielen Qualitätsstandards von Pflanzen die

auch der Kleingärtner beim Kauf z. B. von Gehölzen beachten sollte. In diesem Zusammenhang

macht er darauf aufmerksam, dass für den Laien Qualitätsbeschreibungen an der Pflanze nicht

ganz einfach nachzuprüfen sind, dass es aber für das gewünschte Wachstum und den Ertrag von

Pflanzen notwendig ist, sich vor dem Kauf mit diesen Problemen auseinander zu setzen.

In diesem Zusammenhang verwies er auch darauf, dass eine Prüfung der Qualitätsstandards dahingehend

notwendig ist, dass der einzelne Käufer beim Kauf nicht getäuscht wird und wirklich die

Qualität erhält, die er für die Gestaltung seines Gartens geplant hat.

Herr Dipl.-Ing. Adalbert Griegel referierte unter der Überschrift „Der Patient Pflanze“ über die vielfältige

Flora in einem Kleingarten sowie über Faktoren, die den Schutz dieser Naturressource dringend

erforderlich machen. Dabei bezog er sich darauf, dass Pflanzen Nahrungsmittel und Rohstofflieferanten

sind aber auch Zierde eines Gartens. Weiterhin stellt er dar, was erforderlich ist, um die

Pflanzenwelt in ihrer Vielfalt auch für kommende Generationen zu erhalten. Dabei ging er auf

Krankheiten und auf Schädlinge ein und stellte Maßnahmen des Pflanzenschutzes, der Düngung

und der Bodenbearbeitung vor.

In einem kleinen zusätzlichen Exkurs ordnete er den Begriff „Unkräuter“ richtig ein und stellte heraus,

dass Unkräuter nur solche Pflanzen einer Pflanzengemeinschaft sind, die dort wachsen, wo sie

nicht wachsen sollen.

Abschließend brachte er den Teilnehmern des Seminars direkte Pflanzenschutzmaßnahmen nahe

und untersetzte diesen Inhaltsschwerpunkt in

- mechanisch-physikalische Maßnahmen,

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- biotechnische Maßnahmen,

- biologische Maßnahmen,

- chemische Maßnahmen.

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In den auf die Referate folgenden Arbeitsgruppen wurde noch einmal das dargestellte Wissen vertieft

und durch Beiträge aus dem Erfahrungsschatz der Teilnehmer ergänzt.

Dabei wurde insbesondere zu folgenden drei Schwerpunkten diskutiert:

- Biologie der Pflanze – Aufbau und Aufgaben

- Vermehrungsformen und ihr Einsatz im Kleingarten

- Pflanzenqualitäten und Pflanzenschutz

Den Abschluss des Seminars bildete der Besuch der Landesgartenschau in Neu-Ulm. Dabei besuchten

die Teilnehmer ein Expertenforum zum Tag des Gartens, dass unter dem Motto „Gesundheit

aus dem Garten“ stand.

Jürgen Sheldon

Präsidiumsmitglied im Bundesverband Deutscher Gartenfreunde

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Biologie der Pflanze

Peter Menzel

Diplomgärtner, Sinzig-Bad Bodendorf

Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde e.V.

- 7 -

Unter Biologie der Pflanzen wird so vieles zusammengefasst, dass es Stoff für viele weitere Fachberaterseminare

sein kann. In meinen Ausführungen möchte ich mich vertiefend auf die Bereiche

beschränken, die als Botanik im Garten bezeichnet werden können, das heißt wie wir mit den Pflanzen

vorteilhaft umgehen und ihre Reaktion auf unsere Pflege und Einflussmöglichkeiten sinnvoll

nutzen.

Folgende Bereiche scheinen mir dafür besonders interessant:

• Pflanzen-Pflanzenteile

• Pflanze-Genotyp/Phaenotyp

• Wachstumsabläufe

• Pflanze-Physiologie

• Pflanze-Mensch

• Wachstumsfaktor Standort

• Wachstumsfaktor Licht

• Wachstumsfaktor Substrat

• Wachstumsfaktor Luft

• Wachstumsfaktor Temperatur

• Wachstumsfaktor Wasser

• Wachstumsfaktor Nährstoffe

• Wachstumsfaktor Pflanzengemeinschaft

• Wachstumsfaktor Tier/Mensch

Pflanzen wachsen dreidimensional, wenn man will sogar in noch mehr Dimensionen, denn bei

ihrem Wachstum spielt auch die Zeit eine Rolle und das Überspringen der Zeit durch die Vermehrung

mit Hilfe von Samen oder Sporen.

Die Bezeichnung der einzelnen Pflanzenwachstumstypen und der Pflanzenteile kann man in jedem

Schulbotanikbuch nachlesen. Zur Erinnerung sei eine Abbildung beigefügt, um sich noch einmal

schnell einen Überblick zu verschaffen.

Interessant ist auch die Lebensdauer der Pflanzen. Manche nur einjährig und regelmäßig durch

Samenvielfalt intensiv nachkeimend oder im Boden ruhend und manchmal Jahrhunderte später

noch im Boden schlummernd, andere wiederum als Stauden langjährig wie Pfingstrosen, die

durchaus mehrere Menschengenerationen lang im Garten an der gleichen Stelle wachsen und blühen

können.

Zur Fähigkeit der vegetativen Vermehrung durch Nebenknöllchen, Ausläufer, Rhizome und Wurzelschnittlinge

usw. hören Sie noch in den nächsten Vorträgen. Wichtig ist bei der Vermehrung aus

Pflanzenteilen der Zustand des Pflanzenteils, z. B. ob die Triebe noch weich, ob sie krautig, leicht

verhärtend oder bereits verholzt sind. Je nach Pflanzenart sind die unterschiedlichen Zustände mit

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unterschiedlichen Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten für die Vermehrung besonders geeignet.

Das Alter der Pflanze oder von Pflanzenteilen spielt auch eine Rolle, so z. B. beim Fingerhut. Wenn

man dem Roten Fingerhut den oberen Teil (wenn ca. 2/3 abgeblüht sind) abschneidet, ist seine

beherrschende Stellung in der Pflanze vorbei und es kommen aus den Blattachseln der darunter

stehenden Seitenblätter neue kleine Blütenstände. Lässt man ihn ganz abblühen und beginnt der

Samen auszureifen, kommen die seitlichen Blütentriebe nie zur Entwicklung. Diese "Reserveschaltung"

der Pflanze können wir uns zunutze machen, um die Blütezeit zu verlängern. Das klappt z. B.

auch bei vielen Phloxsorten.

Abb. 1: Pflanzgut (aus RHS Dictconary of Gardenplants)

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a) Gehölz

b) Epiphyt

c) Kletterpflanze

d) Schmarotzer mit Chlorophyll

e) Schmarotzer ohne Chlorophyll

f) epiphytischer Schmarotzer

g und h) Halbsträucher

i bis k) Stauden

l) einjährige Pflanze

m) Gehölz mit Atemwurzeln

n) Sumpfpflanze

o bis q) Wasserpflanzen im Teichboden wurzelnd oder freischwimmend

r und s) Staude und Gehölz mit sympodialem Wuchs

t) Gehölz mit monopodialem Wuchs

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Die Pflanzen haben, wie wir aus der Abbildung sehen, sehr unterschiedliche natürliche Wachstumsformen.

Wir können als Gärtner durch Schnittmaßnahmen diese sehr stark beeinflussen, wie wir es

ja bei Obstgehölzen tun und dabei auch dafür sorgen, dass die Blätter immer ausreichend Licht zur

Ernährung der Früchte haben. Ohne Licht und Luft zwischen den Pflanzen und in den Gehölzen ist

auch die Bestäubung, sei es durch Wind oder Insekten, schwierig. Manche Pflanzen, wie die Veilchen,

helfen sich dadurch, dass sie im Sommer zusätzlich Blüten ausbilden, die – wie man sagt –

kleistogam sind, das heißt ohne sich zu öffnen sich selbst bestäuben und der dann sich entwickelnde

Same zur Vermehrung beiträgt. Bei anderen Pflanzen, wie Tomaten, empfiehlt es sich, an

den Blütentrauben zu rütteln, damit der Pollen auf die Narbe fällt und die Bestäubung intensiv

unterstützt wird.

Durch menschliche Selektion sind bei vielen Pflanzen aufgetretene Mutationen interessant für die

menschliche Nutzung geworden. So bei den Bohnen die fadenlose Typen, beim Ölkürbis das Fehlen

der harten Schale um den weichen Samenkern oder gar bei einigen Obstarten die Bestäubung

durch den eigenen Pollen, wodurch wir Platz und die Pflanzung einer zusätzlichen Bestäubersorte

sparen können.

Bei der Entwicklung der Pflanze lassen sich auch oft interessante Feststellungen machen, so dass

z. B. die Melone reif ist, wenn die Ranke ihr gegenüber bei der Wassermelone eintrocknet, oder

dass Melonen zu einem guten lufttrocknen Schinken duften müssen, weil sie dann den richtigen

Reifegrad für den Tisch besitzen.

Phaenotyp/Genotyp

Wenn ein Botaniker eine neue Pflanze entdeckt, dann benutzt er ein Exemplar, um ein Herbarblatt

herzustellen und die Pflanze dann darauf getrocknet zur Bestimmung zu behalten. Uns Gärtnern

reichen aber die Merkmale, die an der getrockneten Pflanze feststellbar sind, noch lange nicht aus.

Wir wissen, dass frühe oder späte Blüte, dass das Wachsen auf sauren oder kalkhaltigen Böden,

dass die Winterhärte, dass die Fertilität, keimfähigen Samen auszubilden, dass die Fruchtsüße oder

-säure sehr wichtige Merkmale sind, die sich an einem Herbarblatt nicht ablesen lassen. Schwieriger

wird es noch bei vielen anderen Eigenschaften. Ist die Pflanze tagneutral, d. h. wird sie nicht,

wie z. B. der Weihnachtskaktus, von Licht und Temperatur am Tag beeinflusst, wie ist es um Resistenzen

gegen Mehltau oder Krautfäule bestellt, und welche Sorte ist z. B. gegen Blossomendrot,

diesem Kalzium-Wasserproblem, unempfindlich oder nicht. Hier müssen wir uns auf eigenes Beobachten

und auf Beschreibungen der Sorten, d. h. auf hochqualitative Lieferung unserer Samen und

Pflanzen für den Garten verlassen können.

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Ein Herbarblatt wird uns auch nicht darüber berichten, ob die Rose regelmäßig intensiv nachblüht,

ob ihre Blüte duftet oder ob die Rosenblüte eine Woche oder sogar 14 Tage in der Vase hält oder

nur am Strauch 6 bis 7 Tage offen ist und in der Vase schon am ersten Abend verwelkt.

Wachstumsabläufe

Wir wissen alle, dass es bestimmte Zeiten im Jahr gibt, an denen man Pflanzen aussäen, auspflanzen

kann und wann dann die Ernte möglich ist. Dabei gibt es recht erstaunliche Beobachtungen zu

machen, so z. B. die Bezüge zum Jahreszeitenwechsel, man nennt es Phaenologie. So ist das

Schneeglöckchen eine der ersten Frühlingsboten und die reifenden Früchte des Weißdorns zeigen

den Frühherbst an. Wer über Veränderungen in seinem kleinklimatischen Bereich, das heißt seinem

Garten näher Bescheid wissen möchte, sollte sich diese phaenologischen Daten für sein Gebiet

besorgen und dann regelmäßig selbst Aufzeichnungen machen und er wird feststellen, ob sich

globale Erwärmung und klimatische Veränderungen nur kurzfristig oder längerfristig als Trend

auch in seinem Garten abzeichnen.

Dass Wachstumsabläufe auch geschickt im Garten zu nutzen sind, sehen wir, wenn wir Zwiebeln

und Knollen legen. Standpflanzen haben dann, z. B. von Tulpen, ihren Blühtermin, während frisch

gelegte Zwiebeln der gleichen Tulpensorte bis zu vier Wochen später blühen. So lässt sich eine

erheblich verlängerte Blütezeit gestalten.

Wachstumsabläufe sind aber auch wichtige Faktoren, wenn wir eine Pflanzung gestalten. So kann

am Anfang des Jahres vom Schneeglöckchen über die Frühlingsknotenblume, Moschuskraut und

ähnliche zeitige Frühjahrsblüher das erste bodendeckende Stockwerk aufgebaut werden, auf dem

sich später Farne und Frühsommer- oder Sommerblüher erheben, um ganz zum Schluss das Ganze

von Herbstblühern wie spätem Rittersporn und Herbstanemonen zu überdecken. Es sind also

Zeiten, Wachstumszyklen und Raumbedarf aufeinander abzustimmen. Da empfiehlt sich auch, da

man sich nicht alles merken kann, das Führen eines Gartentagebuches am besten noch zusätzlich,

wenn nicht anstatt, ein regelmäßiges Fotografieren vom gleichen Punkt aus alle acht oder zehn

Tage.

Man wird auch bei der Beobachtung der Wachstumsabläufe feststellen, dass die Natur offenen

Boden sofort besetzt. Wenn wir also nichts pflanzen oder uns sympathische, geeignete oder von

uns gewünschte Pflanzen dort ansiedeln, wird die Natur all das, was auf natürliche Weise dort

wächst, an dieser Stelle wachsen lassen. Wir können uns also eine eigene "Unkrautflora" im Garten

schaffen, die von Ringelblumen über Jungfer im Grünen, Schleifenblumen, Klatschmohn zu vielen

anderen reicht.

Arten zum Ansiedeln sind z. B. Ringelblume, Fuchsschwanz, Nachtkerze, Walderdbeere, Duftsteinrich,

Schleifenblume, Silberling, Buschwindröschen, Crokus tommassinianus, gefleckter und italienischer

Aronstab und und und.

Beim Klatschmohn wird deutlich, wenn der Boden wieder genügend geöffnet ist, dass die Samen

hohe Temperaturunterschiede oder Licht erfahren, dann keimen sie. Wird die Pflanzendecke geschlossen,

dann keimen sie nicht und der Klatschmohn bleibt weg. Dies hat man auch in einigen

Fällen schon versucht im Ackerbau zu nutzen, dass man nachts geackert hat, weile viele Samen,

die beim Umpflügen nach oben kommen, den ersten intensiven Lichtreiz brauchen, um eine Keimung

auszulösen. Ackert man also nachts, bekommen sie den Lichtreiz nicht und laufen nicht in

der Menge auf, wie sie es sonst beim Ackern am Tage tun. Für uns im Kleingarten ist das Verfahren

natürlich noch nicht ausgereift, aber eigene Beobachtungen können vielleicht hier helfen, dass eine

oder andere auch zu nutzen.

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Physiologie der Pflanzen

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Pflanzen brauchen Wärme oder bestimmte Lichtmengen oder bestimmte Wechsel von Licht und

Temperatur, um Wachstum oder Blütenbildung und Fruchtbildung einzuleiten. Ein Musterbeispiel

dafür sind die Bohnen, die bei Temperaturen unter zehn Grad zwar quellen, aber nicht keimen.

Und andererseits wieder Kürbisgewächse oder auch Gurken, die schon bei Temperaturen von plus

fünf bis sechs Grad den Kältetod sterben, weil ihre inneren Abläufe in den Zellen nicht mehr funktionieren.

Andererseits sind Gurkenjungpflanzen in der Lage, gleichzeitig Nährstoff aus dem Boden

hoch zu transportieren und Assimilate nach unten zu bringen und können deshalb auch 24 Stunden

Dauerlicht haben und entsprechend schneller wachsen. Bei den Gurken gibt es auch noch eine

andere interessante wissenswerte Variante. Es heißt nach den bisherigen Erfahrungen, dass zweijährige

Gurkensamen besser keimen und bessere Erträge bringen als frisch geernteter Samen. Das

kann damit zusammenhängen, dass es eine ganze Reihe von Sämereien gibt, besonders im Zierpflanzenbereich,

wo der Embryo bei Samenreife nicht voll ausgereift ist, die Samen also noch eine

gewisse Lagerzeit brauchen, um dann in einen keimfähigen Zustand zu kommen. Andererseits

bilden sie natürlich beim Trocknen auch oft Keimhemmstoffe aus, so dass nur frisch geerntete

Samen direkt keimen können, z. B. beim Freilandalpenveilchen, während Samen, der einmal ganz

trocken geworden ist, nur sehr sporadisch keimt. Das ist für die Pflanze selbst sinnvoll, damit nicht

alle Keimlinge bei Unwetter oder ähnlichem verloren gehen, aber für uns Gärtner sehr nachteilig,

weil wir dann eine Keimperiode haben, die im gleichen Topf Samen über mehrere Jahre hin immer

wieder keimen lässt.

Viele Diskussionen gab es immer über die Nitratgehalte in den Salaten, besonders auch in den

Wintermonaten, wo die Lichtintensität nicht so groß ist. Salat gehört zu den Pflanzen, die das Nitrat

nach oben bringen, um es dann bei der Assimilation mit zur Verfügung zu haben. Inzwischen

hat sich in der Einstellung zu Nitraten doch eine ganze Menge geändert. Es ist sogar so, dass Nitrate

in Salaten, in der Roten Rübe oder in anderen Blattgemüsen sehr wohl für die menschliche

Ernährung notwendig sind und auch in Stoffe umgewandelt werden, die der Mensch dringend

braucht. Eine Veröffentlichung im Kosmos machte vor kurzem diese wissenschaftlichen neuen

Erkenntnisse deutlich.

Je nach dem, wie wir Pflanzen kultivieren, stellen wir fest, dass manche Pflanzen so wie sie in ihrer

Heimat wachsen, z. B. als Strauch, bei uns nicht winterhart genug sind, weil wir im Herbst nicht

genügend Wärme und Licht zum Ausreifen der Triebe haben. Sie lassen sich aber sehr wohl als

Stauden kultivieren und im Herbst immer bodennah zurückschneiden, so z. B. Perovskia oder Caryopteris.

Viele staudige Pflanzen ziehen wir als Einjährige, so z. B. die Thunbergien. Andererseits

können sogar Bäume als Stauden gezogen werden. Wenn wir Paulownien, Ailanthus oder Catalpa

regelmäßig jedes Jahr im Herbst bodennah zurückschneiden, bekommen wir die größten Blattstauden,

die man jemals gesehen hat.

Wenn wir vorhin hörten, dass viele Kürbisgewächse schon bei relativ hohen Plustemperaturen ihre

Wachstumsschwierigkeiten haben, so gibt es andere einheimische, wie unser einjähriges Rispengras

oder auch unser Gänseblümchen, das noch bei Temperaturen gerade über Null weiter wächst.

Das heißt, die Pflanze ist in der Lage, jedes bisschen Wärme und Licht zu nutzen.

Die Beeinflussung einer Pflanze führt auch zur Veränderung ihrer Inhaltsstoffe. So führt beim Fingerhut

eine stärkere Stickstoffdüngung zur stärkeren Ausbildung der giftigen oder auch arzneilich

gerne genutzten Inhaltsstoffe, während bei der Eibe der Heckenschnitt das gleiche ist wie der Verbiss

durch Wild (z. B. in Nordafrika) und deshalb in den neu gebildeten Zweigspitzen die giftigen

Wirkstoffe – die heute auch zur Krebs-Chemoterapie genutzt werden – sich immer stärker ausbilden.

Man weiß heute von vielen Pflanzen, dass sie quasi miteinander kommunizieren bzw. besondere

Inhaltsstoffe entwickeln und an die Atmosphäre abgeben, wenn sie von Schädlingen befallen sind.

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So hat man beim Wüstentabak Nikotiana attenuata beim Befall mit Fressfeinden festgestellt, dass

die Pflanze dann sehr viel Nikotin und verdauungshemmende Proteine bildet, die ihren Schädlingen

das Leben schwer machen. Gleichzeitig gibt sie auch Duftstoffe ab, die wiederum Raubwanzen

anlocken, die sich auf die Raupen stürzen. Bei bestimmtem Käferbefall sondern die Pflanzen einen

Lockstoff ab, der die Parasiten des Käfers anzieht und dadurch bis zu einer Befallsreduktion von 90

Prozent führen kann. Über diese Zusammenhänge wissen wir noch recht wenig, soweit es unsere

Gartenpflanzen betrifft. In einem Fall hat man schon davon Gebrauch gemacht und eine Möhre

gezogen, die keinen der Möhrenfliege notwendigen Anlockstoff abgibt und so in der Regel vom

Befall verschont bleibt.

In vielen Gärten taucht immer wieder die Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata) auf, eine Pflanze, die

bei uns an vielen Hecken zu Hause ist. Sie ist ein Musterbeispiel für den Einsatz von "biochemischen

Waffen", wissenschaftlich als Allelopathie bezeichnet. Sie besitzt reichlich Senfglykoside und

gibt sie über ihre Wurzeln auch an den Boden ab. Die Abbauprodukte dieser Stoffe erschweren

anderen Pflanzen in diesem Bereich die Keimung. Dass dies auch mit anderen Pflanzen so ist, sagen

schon die alten Kräuterbücher, die davon berichten, dass es "im Schatten des Nussbaums

schlecht wachset"; das heißt, dass Juglon aus den Blättern, das auch vom Regen ausgewaschen

wird, ist ein Hemmstoff für die Pflanzen, die darunter wachsen. Erinnern wir uns: man soll aus

gleichem Grund nie Apfelbäume oder Rosen (das heißt Rosengewächse) wieder auf die gleiche

Stelle pflanzen.

Wachstumsfaktor Standort

Die Pflanzendecke auf einem Boden entwickelt sich in einer Abfolge von Pionierpflanzen zu immer

stärkerem Wuchs. Erst sind es Einjährige, dann Mehrjährige, dann kommen die ersten Gehölze

und wenn man einen Bauplatz, der nicht bebaut wird, im Laufe von einigen Jahren oder gar Jahrzehnten

beobachtet, stellt man fest, dass sich ein kleiner Wald entwickelt hat. Diese Sukzession ist

ein ganz natürlicher Vorgang, zu dem natürlich auch der Wind und die Vögel als Pflanzenverbreiter

beitragen. Die Pflanzen wachsen also von Haus aus nicht dort, wo es ihnen am besten geht, sondern

sie wachsen immer dort, wo sie aufgrund ihrer Eigenschaften am besten überleben können

und Vorteile vor anderen haben, die auf der gleichen Stelle zu Hause sind. So z. B. das Wiesenschaumkraut,

das mit wenigen Blütenstängeln im dichten Grasbestand der Feuchtwiesen gut existieren

kann, während es optimal steht, wenn es auf dem Beet gepflanzt ganze halbkugelförmige

Blütenbüschel entwickelt.

An diesem Beispiel lässt sich auch deutlich machen, wie die Bodenverhältnisse das Pflanzenwachstum

beeinflussen. Andererseits sind auch die Bodeneigenschaften dann wieder einwirkend auf die

Zusammensetzung der Pflanzendecke und wir sprechen dann, wenn es ganz typische Pflanzen für

bestimmte Bodenstrukturen oder Bodentypen sind, von Zeigerpflanzen. So ist immer dort, wo reicher

Nährstoffvorrat ist, in der Regel das Franzosenkraut, die einjährige Brennnessel oder auch die

Vogelmiere zu finden. Dass die Brennnessel ein Stickstoffzeiger ist, sehen wir schon daran, dass

dort, wo Wege oft von Menschen begangen werden und der eine oder andere Staub- und Nährstoffeintrag

dadurch erfolgt, sich die ausdauernde Brennnessel gerne ansiedelt. Wenn wir einen

Garten das erste Mal haben, müssen wir versuchen, mit Rohbodenbesiedlern das ganze in Gang zu

bringen. Tiefwurzelnde Pflanzen, wie auch z. B. Sonnenblumen, zu verwenden und über Lupinen,

die Knöllchenbakterienstickstoffe in den Boden zu bringen und den Boden allmählich zu beleben,

wenn wir die Gründüngung mit einarbeiten. In den Gärten gibt es ganz unterschiedliche Kleinklimabereiche.

So ist z. B. ein Heckenfuß auf der Südseite ausgezeichnet geeignet, die Ausreifung der

Tulpen zu fördern. Und es wachsen dort die Veilchen und Aubretzien sehr gut. Andererseits können

wir im Garten manchen anderen Stauden, wie z. B. Präriepflanzen aus Nordamerika, die in

ihrer Heimat zeitweise überflutet werden, diese Voraussetzungen nicht bieten. Wir müssen dann

manchen Pflanzen eben zu bestimmten Zeiten, wie z. B. dem Bärenklau (Acanthus balcanicus), der

im Mittelmeerraum seinen Blütentrieb schiebt, wenn die kräftigen Frühjahrsregen da sind, dadurch

helfen, dass wir bei Beginn des Schiebens dieses Blütenstandes zwei bis drei Mal kräftig wässern.

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Wachstumsfaktor Licht

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Über Kurztag oder Langtag, das heißt mehr als acht bis zwölf Stunden Licht oder weniger wird vieles

in der Pflanze – zumindest bei vielen Pflanzen – gesteuert. Erst neuere nicht Tageslichtlängen

abhängige Typen des Knollenfenchels machen den Anbau bei uns problemloser möglich. Wir wissen,

dass wir für den Salat und die Radieschen durchaus geeignete Sorten für das Frühjahr oder

den Sommer und den Herbst brauchen.

Die Menge des Lichts spielt eine große Rolle für die Entwicklung. Wer Maiglöckchen im Garten hat,

weiß, dass sie bei stärkerem Wachstum der Sträucher über ihnen bzw. neben ihnen nach außen

zum Licht hin wandern. Im Schattenbereich bleiben dann Ein- bis Zweiblattpflanzen ohne Blüten

übrig. Die stärken Zwei- bis Dreiblattpflanzen mit Blütenständen sind dann nur außen ab der dafür

erforderlichen Lichtmenge.

Licht spielt auch bei der Keimung eine Rolle. Manche Pflanzen brauchen zum Keimen Licht, wie wir

schon vorhin vom Klatschmohn gehört haben, Andere wieder dürfen kein Licht haben und müssen

wie Alpenveilchen abgedeckt sein.

Geschickt nutzen Frühlingsgeophyten das Licht. Das heißt, sie wachsen unter Sträuchern und Bäumen,

die ihr Laub noch nicht besitzen und genießen so das einfallende Licht und verschwinden im

Boden zur Ruhezeit bis ins nächste Frühjahr, wenn das Laubblatt über ihnen sich schließt.

Die Lichtintensität spielt auch eine große Rolle für die Fruchtausfärbung und die Ausbildung der

sortentypischen Aromastoffe und Zuckerinhalte. Das bedeutet, dass auch beim Apfel viel Luft im

Baum sein muss oder das Spalier frei stehen muss oder beim Wein auch die die Trauben in der

Jugend beschattenden Ranken weggeschnitten werden müssen, damit die Sonne in den Trauben

die ausreichenden Grad Öchsle schafft.

Wachstumsfaktor Substrat/Boden

Die Bodenstruktur, das heißt das Porenvolumen und die Wasserhaltung sind wichtig. Wurzeln

brauchen genauso viel Luft und Sauerstoff wie die Blätter. Nur wenige Pflanzen können ohne direkten

Luft/Sauerstoffkontakt ihrer Wurzeln leben. Im Zusammenspiel mit dem Wasser werden aus

dem Boden Nährstoffe gelöst, die Bodenmikroorganismen setzen den Humus um und Mykorrhiza

hilft den Pflanzen, entweder endotroph, das heißt in der Zelle, oder ektrotoph, außen auf der Wurzelhaut,

die Nährstoffe zu erschließen und Wasser aufzunehmen. Dazu ist für jede Pflanze ein anderer

pH-Wert notwendig. So haben wir Moorbeetpflanzen, die es nur im ganz sauren Bereich unter

pH 5 schaffen zu überleben, andere wieder kommen problemlos im stark kalkhaltigen alkalischen

Boden mit pH-Werten über 8 zurecht. Entscheidend ist bei dem Substrat das heißt dem Boden

im Wurzelbereich die Wasserhaltigkeit, das heißt die Möglichkeit, relativ trocken die Wurzeln

ohne Frostschaden über den Winter zu bringen. Schwere bindige Böden, die das Wasser halten

und die Pflanze dann im Winter bei den reichlichen Niederschlägen quasi in den Sumpf versetzen,

müssen durch auflockernde Stoffe und durch höhere Pflanzung – quasi auf einen Hügel – in ihren

negativen Eigenschaften verändert werden. Wichtig sind auch die Verhältnisse der Nährstoffe zueinander,

denn wenn ein Nährstoff im Mangel ist, können auch die anderen Nährstoffe das nicht

ausgleichen. Das gilt z. B. auch für die Mulchabdeckung des Bodens, wo das Kohlenstoff-Stickstoff-

Verhältnis wichtig ist oder auch den Grundwasserstand und nicht zuletzt die Verfestigung des Bodens

durch Begehen oder gar durch Fahrzeuge wie auf einer Baustelle. Solche Verfestigungen sind

oft oberflächlich nicht so sichtbar, aber in trocknen Jahren sieht man die Spuren noch nach Jahrzehnten.

Diese Verfestigungen im Boden stören natürlich auch das Wurzelwachstum und beeinflussen

die Wasser- und Nährstoffbewegung im Boden. Hier hilft dann nur ein tiefes Rigolen, d.h.

ein Durchschaufeln und Lockern des Bodens Spatenbreite um Spatenbreite bis in eine Tiefe von 60

bis 80 oder gar bis 100 cm.

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Wachstumsfaktor Luft

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Zwischen Winterende und Vorfrühling blühen unsere Haselsträucher. Sie sind genauso wie die

Walnussbäume viel später Windbestäuber und gleichen hierin auch den Eiben und vielen Gräsern,

das heißt es muss Windbewegung da sein, um einen guten Fruchtansatz zu schaffen.

Eine gute Durchlüftung ist aber auch wichtig, um Pflanzen schnell abzutrocknen und dadurch Pilzsporen

keine guten Keimungsvoraussetzungen zu schaffen. Die großen Möhrenanbaugebiete sind

in windreichen Gegenden, da der Wind ein Feind der Möhrenfliege ist und deshalb auch die Möhrenfliege

dort "vom Winde verweht“ wird. Wer im Garten Luftströmungen hat, kann beobachten,

dass z. B. mit der ersten Generation der Pfirsichblattlaus am Schneeball solche Tiere dann mit dem

Luftstrom weitergetragen werden und wenn in dem Luftstrom ein Stück entfernt vom Schneeball

dann Rosen stehen, muss man sich nicht wundern, wenn die ersten Blattläuse gleich dort landen

und anfangen, sich dort anständig anzusiedeln. Da hilft dann meist nur ein Bekämpfen der Blattläuse

am Schneeball oder den Schneeball zu entfernen.

Bei starken Luftbewegungen, wie wir es an den Küsten sehen, ob bei uns im Norden oder im Mittelmeerraum

zeigt sich an den Pflanzen eine eigentümliche Formung durch den Wind. Man nennt

das Windschur. Diese Zugkräfte an den Pflanzen beeinflussen natürlich auch die Wurzelbildung,

die an der einen Seite stärker sein kann als an der anderen.

Der Wind, das heißt die Luftbewegung, bringt natürlich nicht nur Kraft für die Bestäubung der

Windblütler, sondern manchmal auch Schadstoffe mit sich, große Staubmengen bis zu Saharastaub

oder auch Pilzsporen von Infektionsquellen, die ein ganzes Stück weiter von uns entfernt

wachsen. Solche Ablagerungen und Einflüsse aus der Luft gilt es auch zu vermeiden, soweit man

eben das kann.

Wachstumsfaktor Temperatur

Von der notwendigen Temperatur zum Keimen der Bohnen oder den Frostwirkungen bei Kürbisgewächsen

bei relativ hohen Plusgraden haben wir schon gehört. Wichtig ist vor allen Dingen, dass

im Hochsommer (Juli/August) zum Beispiel kräftige Temperaturen herrschen, um die Knospenbildung

bei Azaleen und Rhododendron zu sichern.

Wer im Mittelmeergebiet Urlaub macht, wird sich wundern, dass er an vielen Stellen keine Apfelbäume

trifft. Den Apfelbäumen ist es dort zu warm, so dass die Blütenbildung, zu deren gewisse

tiefe Temperaturen notwendig sind, nicht ausreicht. Zur Bestockung des Getreides und dann zum

Schossen ist auch tiefe Temperatur notwendig. Man nennt das Jarowisation. Beim Gemüse haben

wir in zwei Fällen besonders mit der Temperatur zu kämpfen. Wenn Kohlrabi zum Beispiel noch

Spätfröste erleiden müssen, gibt es dann schnell Schosser, während andererseits wieder die Steckzwiebeln,

wenn sie nicht warm genug gelagert sind, durch Veränderung der verschiedenen Zuckergehalte

in den Zellen auch zu Schossern werden und dann statt Zwiebeln zu bilden lange Hälse

machen.

Es gibt natürlich auch Opportunisten, die in der Lage sind, Wintertemperaturen zu überstehen,

besonders als kleine Sämlinge, wenn man manche einjährige Blumen schon im Herbst aussät und

wenn der Winter nicht zu streng ist, dann sehr früh im Jahr Blüte hat. Dazu gehört genauso die

Schleifenblume wie die Jungfer im Grünen und die Ringelblumen.

Sehr deutlich sieht man die Einwirkung von Kurztag, Langtag und der Temperatur bei der Kapuzinerkresse.

Im Langtag bei mehr als zwölf Stunden Licht braucht sie 17, 18, höchstens 20 Grad, um

zu blühen. Wird es wärmer, hört sie damit auf. Im Kurztag blüht sie schon bei 13 Grad. Von 21 bis

24 Grad an aufwärts blüht sie gar nicht, d. h. an sonnenwarmen Stellen wird Kapuzinerkresse nicht

so reich blühen wie dort, wo sie durch den Schatten ab und zu tiefere Temperaturen erfahren

muss.

Es gibt natürlich auch bei vielen Pflanzen Opportunisten, die nehmen was sie kriegen können. Dazu

gehört zum Beispiel die Calla, die wir als Zimmerpflanze haben, aber im Sommer auch draußen

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kultivieren können. Ist es zu trocken, dann zieht sie sich in ihre Knolle zurück. Gibt es Wasser,

Nährstoffe und Licht, dann wächst sie und blüht sie, egal, welche Jahreszeit es ist.

Dass manches Jahr die Roten Fingerhüte nicht so gut blühen, mag vor allem auch daran liegen,

wenn der Winter sehr mild war, denn der Fingerhut braucht, um einen guten Blütenstand auszubilden,

mindestens vier Monate Temperaturen um 5 Grad C, um den Blütenimpuls entsprechend

auszulösen.

Wachstumsfaktor Wasser

Der Wechsel von Trocken und Nass, von Überschwemmung und Austrocknung hat bei vielen

Pflanzen in ihrer Heimat sogar auch ihr Aussehen beeinflusst. So haben z. B. Sumpfzypressen, wie

man es in Dortmund im Westfalen-Park und im Romberg-Park oder in Darmstadt im Botanischen

Garten sehen kann, Atemwurzeln, die weit über die Erde hinausstehen, ähnlich den Mangroven in

den Tropen.

Wir brauchen im Herbst eine trockene wärmere Periode, um bei vielen Gehölzen auch ein gutes

Ausreifen der Triebe zu erreichen, damit sie dann evtl. kalte Winter gut überstehen.

Wichtig sind aber besonders auch die Eigenschaften des Wassers. Der ph-Wert, das heißt an Kalk,

der Gehalt an gesamten Salzen oder z. B. auch an Eisen. Wenn man seine Kübelpflanzen regelmäßig

mit sehr hartem Leitungswasser, das heißt sehr kalkhaltigem Leitungswasser gießt, wird die

Topferde bald entsprechend hohen ph-Wert haben und man müsste dann mit Eisenchelaten oder

mit Netzschwefel nachhelfen, den ph-Wert wieder nach unten zu bringen, oder ein entsprechendes

Substrat zu wählen und neu umzupflanzen. Dabei ist deutlich noch einmal darauf hinzuweisen,

dass Komposte in der Regel durch die Hintergrundbelastung in der Gegend immer im ph-Wert weit

über neutral im alkalischen Bereich liegen und man bei der Wahl des Substrates sehr wohl genau

nach dem ph-Wert insbesondere bei Kübelpflanzen und Topfpflanzen fragen muss. Auch sollte

man daran denken, dass z. B. Pflanzungen mit Rhododendron auf kalkhaltigem Boden dann in eine

Wanne in Folie gepflanzt werden müssen, weil durch das aufsteigende Wasser aus dem Boden

gelöster Kalk mit nach oben wandert. Das Wasser wird oben verdunstet und der Kalk bleibt zurück,

so dass dann selbst bei der Einbringung einer ausreichend sauren Laub- und Moorerdeschicht in

ein paar Jahren der ph-Wert rasant ansteigt und wir uns dann wundern, warum die Rhododendron

so bleich, das heißt gelbgesichtig sind. Wird in einem Folienbecken kultiviert, muss natürlich die

ausreichende Bewässerung von oben mit kalkfreiem Wasser, das heißt in der Regel Regenwasser,

gesichert sein. ….. wie dies auch besonders bei immergrünen Pflanzen einschließlich Bambus notwendig

wird, immer an frostfreien Tagen, da die Pflanzen ja bei gefrorenem Boden wenig Wasser

aufnehmen können und sich dann beim Rhododendron die Blätter wie Zigarren rollen und das

gleiche auch beim Bambus eintritt.

Je nach dem wo Pflanzen wachsen, unterscheidet man Land-, Sumpf-, Wasser- oder Schwimmpflanzen

und bei den Wurzeln im normalen Boden Flach- und Tiefwurzler. Je nach dem, wie eine

Pflanze mit den Wurzeln dann im Boden steht, ist sie in der Lage, schnell niedrige oder auch kleine

Niederschläge bei Flachwurzeln aufzunehmen, andererseits werden natürlich dann diese Wurzeln

durch Hacken und Bewegen beschädigt. Man sieht diese Flachwurzler, die schnell auch kleinste

Regenmengen oder Taumengen aufnehmen können, z. B. auch beim Essigstrauch, der selbst durch

den Rasenmäher und das Befahren und Begehen an der Wurzeloberfläche verletzt wird und dann

überall aus dem Rasen und den Wegen durch Schösslinge hervorkommt.

Natürlich stellt sich beim Wachstumsfaktor Wasser auch die Frage: Wann gieße ich? Dazu muss

man sagen, in jedem Fall, wenn die Pflanzen es brauchen, um einfach den Bedarf zu decken. Andererseits,

gieße ich abends, wird der Boden feucht und die Schnecken freuen sich, dass sie bequemeres

Umherkriechen haben, andererseits erholen sich dabei über Nacht die Pflanzen gut. Will ich

es den Schnecken nicht so einfach machen, muss ich vormittags gießen. Natürlich so, dass die

Pflanzen dabei keinen Schaden leiden.

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Wachstumsfaktor Nährstoffe

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Eine ausgewogene Ernährung für die Pflanzen je nach ihren Bedürfnissen ist sinnvoll und richtig.

Dazu gehört auch eine Bodenanalyse, die möglicherweise auch Spurenelemente erfassen muss. Bei

manchen Pflanzen ist auch ihre Herkunft wichtig. So vertragen z. B. Australier wenig Phosphor.

Manches lässt sich mit dem Stickstoff regeln. So hat z. B. Fingerhut bei starker Stickstoffgabe höhere

Glykosidgehalte als bei niedriger Stickstoffgabe. Bei Tomaten weiß man, dass sie auch Stickstoff

aus Amonium aufnehmen, das heißt auf frischem Mist stehen können, was andere Pflanzen

nicht können. Bei denen würden die Wurzeln verbrennen.

Der Humusgehalt des Bodens ist entscheidend nicht nur für die Nährstoffnachlieferung, sondern

auch die Wasserspeicherung und muss deshalb immer relativ hoch sein, weil dann der Boden locker

ist. Ist bei Mulch oder Einarbeiten von teilverrottetem Kompost der Kohlenstoffgehalt im Verhältnis

zum Stickstoff sehr hoch, muss durchaus auch zusätzlich Stickstoff auf die Mulchfläche

gedüngt werden, um das Verhältnis wieder auszugleichen. Je nach Kultur kann man immer wieder

Volldünger oder Einzeldünger oder auch Dauerdünger, der während der Vegetationsperiode mit

dem Gießwasser immer wieder die Nährstoffmengen freisetzt, ….. Letzteres empfiehlt sich besonders

für Balkonkästen, Kübel- und Trogpflanzung, aber auch für die eine oder andere Staudenpflanzung

im Garten.

Wachstumsfaktor Pflanzung

Wir haben vorhin gehört, dass das Wiesenschaumkraut und auch viele andere Pflanzen eigentlich

immer dort leben, wo sie aufgrund ihrer Eigenschaften das Überleben schaffen, das heißt, das Optimum

für die Entwicklung einer Pflanze zu schaffen, liegt an uns und wir müssen beobachten, wie

wir das können bzw. was die Pflanzen fördert. Manche Gemeinschaften haben schon eine lange

Erprobungszeit, so z. B. fand schon Kolumbus, als er den Charterverkehr nach Mittelamerika eröffnete,

dass die Indianer dort Mais mit Bohnen und Studentenblumen zusammenpflanzten. Der

Mais war die Stange, die Bohne rankte sich darum und brachte mit ihren Knöllchenbakterien Stickstoff

in den Boden und die Studentenblumen sondern einen Stoff aus den Wurzeln ab, der Älchen

bekämpft. Diese Nematodenbekämpfung half natürlich wieder, den Mais und die Bohne gesund zu

erhalten. Wenn wir Pflanzen zusammensetzen, müssen wir oft daran denken, dass z. B., wie wir

schon hörten vom Nussbaum, das Juglon aus den Blättern Wachstumshemmung verursachen

kann und manche andere Pflanzen ähnliche Wirkung haben. Andererseits gehen von Pflanzen

Lockwirkungen aus, die wir uns auch zunutze machen können. So freut sich z. B. das Weißlingsvolk,

wenn eine Kapuzinerkresse beim Kohl oder Brokkoli steht und legt lieber dort die Eier ab als

auf dem Kohl. Die schwarze Bohnenlaus ist genauso von Kapuzinerkresse begeistert und lässt

dann die Bohnen seitwärts liegen. Über den höheren Giftgehalt bei befressenen oder geschnittenen

Pflanzen wie z. B. der Taxushecke haben wir auch gehört. Solche Möglichkeiten können wir aber

beim Garten noch nicht nutzen, weil wir bei vielen Pflanzen diese feinen Zusammenhänge noch

nicht genügend erforscht haben. Den Aufbau der Pflanzung mit Bodendecker, Strukturstauden,

Sträucher und Bäumen in der Kombination ist eine Beobachtungsgabe. Schauen Sie bei den Nachbarn,

was sich miteinander gut verträgt und in der Nähe Ihres Gartens gut miteinander wächst und

sammeln Sie diese Erfahrungen, um sie in Ihrem Garten zu nutzen. Wer Spaß an vielen sich selbst

versamenden, das heißt verbreitenden Pflanzen hat, kann seine Wege mit Kies bedecken. Zwischen

dem Kies hält sich gut die Feuchtigkeit, das heißt es ergibt sich ein ideales Keimbett für viele Stauden

und Einjährige. Dort können sich sogar Hyazinthen und Schachbrettblumen und natürlich

auch Veilchen und viele andere problemlos verbreiten.

Wachstumsfaktor Mensch/Tier

Pflanzenzüchtung ist nichts anderes als die Auswahl für uns Menschen geeigneter Typen. Ein Beispiel

dafür ist die Vielfalt des Kohls, denn der anfänglich ganz einfache mit mehreren flattrigen

Blättern wachsende wilde Kohl ließ nicht ahnen, was nicht alles an Kopfkohl bis zum Brokkoli oder

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den Rosenkohlröschen daraus werden kann. Wir haben Formen ausgewählt, die in der Bestäubung

einfacher sind oder gar keine Bestäubung mehr brauchen. Wir haben uns Pflanzen ausgesucht, die

Samenkörner nicht selber verstreuen, sondern in der Kapsel halten bis wir sie ernten, z. B. beim

Mohn für den Mohnkuchen. Möhren ohne den typischen Duftstoff für die Möhrenfliege werden

von ihr nicht gefunden und befallen. Wer Himbeeren ohne Maden mag, muss herbsttragende

Himbeeren wählen, weil dann der Rüsselkäfer, der sonst seine Eier legt und dadurch die Maden in

der Himbeere bewirkt, zu dem Zeitpunkt nicht fliegt. Dabei ist die herbsttragende Himbeere kein

Teufelswerk, sondern wer viel im Walde an Waldrändern nach Himbeeren Ausschau hält, wird feststellen,

dass immer wieder einzelne Ruten auftreten, die durchaus erst im Spätsommerherbst ihre

Früchte tragen. Der Mensch hat in seiner langen Gartenpflanzenpflege-Betreuungszeit eine unendliche

Vielzahl von Sorten der unterschiedlichsten Nutz- und Zierpflanzen geschaffen. Es gilt vor

allen Dingen, auch diese selten gewordenen Arten und Sorten heute zu erhalten. Auch in der Landschaft

gefährdete Wildpflanzen im Garten für ein Refugium einzubringen und damit Freude selber

im Sinne von Arten- und Naturschutz zu schaffen. Das Pflanzenangebot dafür ist groß und umfangreich

genug für einen anderen Vortrag. Ein Beitrag zum Erhalt und Schutz der biologischen

Vielfalt an Kulturpflanzen und Arten der heimischen Flora kann auch der kleinste Garten leisten!

Hier noch einige Anregungen zur eigenen Vertiefung:

• Blüten öffnen und schließen sich oder duften zu bestimmten Tages- oder Nachtzeiten. Sie

können die Tageszeit oder die Luftfeuchtigkeit oder die Tageslichtintensität anzeigen.

• Wer liebt was von den tierischen Gartenmitbewohnern? Für Mäuse sind die Samen unserer

Gartenalpenveilchen wie Konfekt, dem man nicht widerstehen kann.

• Um wie viele Wochen verfrüht eine Made im Apfel die Genußreife?

• Welche Insekten besuchen welche Pflanzen?

• Welche Pflanzen sind Zierde und Nutzen zugleich (z. B. die zweijährige Nachtkerze als Schinkenwurzel

und duftende Blütenpflanze)?

• Warum ist das lästigste Unkraut meines Gartens in anderen Gärten kein Problem?

• Welche Sorten kann ich zusammenpflanzen, um z. B. bei Phlox, Herbstanemonen oder Silberkerzen

die Blütezeit deutlich zu verlängern?

Wir sollten immer daran denken, dass Garten, Gartenpflanzen, Gartenaufenthalt, Gartenerlebnis

Freude bringen soll. Das ist nicht nur durch Nahrung, Farbe, Duft, Früchte, Frische, Winterblüte

und Würze zu erreichen, sondern einfach mit allen Sinnen den Garten wahrnehmen als ein Bereich,

in dem auch wir Schöpferfreude empfinden können, in dem wir neue Zusammenstellungen finden

und uns ein kleines Paradies schaffen. Dazu dient auch die angewandte Botanik für den Garten.

Wie schön sind winterblühende Sträucher wie Winterjasmin, winterblühendes Geißblatt, die Zaubernuss

oder die winterblühenden Schneebälle und später dann vor Beginn des Vorfrühlings die

Kornelkirsche, die uns mit Laubfärbung und für bestes Gelee geeigneten Früchten erfreut. Schaffen

Sie sich öfters ein Rendezvous mit Ihren Pflanzen und Gartensituationen, haben Sie Dufterinnerungen

an den Maiglöckchenduft der Großmutter, an die Geißblattlaube des ersten Rendezvous

und gestalten Sie auf diese Weise Ihr Rendezvous mit der Biologie der Pflanze, das heißt der angewandten

Botanik im Garten.

Und wenn Sie wollen, schreiben Sie alles auf und fotografieren Sie es auch. Sie werden immer wieder

gerne in Ihren Aufzeichnungen in Ihrem Gartentagebuch blättern wollen.

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Vegetative und generative Vermehrung

Dipl.-Ing. Ulrike Leyhe

FH Weihenstephan, Forschungsanstalt für Gartenbau

Gärtner vermehren Pflanzen. Die zunehmende Spezialisierung der Betriebe hat dazu geführt, dass

einige Betriebe ausschließlich Jungpflanzen produzieren. Andere Betriebe vermehren keine oder

wenige Pflanzen und kaufen Jungpflanzen für die Weiterkultur zu.

Bei vielen Pflanzenarten werden die natürlichen Vermehrungsmethoden genutzt. Dem Gärtner hilft

aber auch die Fähigkeit der Pflanzen, dass abgetrennte Pflanzenteile sich wieder zu vollständigen

Pflanzen regenerieren können. Die Eigenschaften der zu vermehrenden Pflanzen und die Wirtschaftlichkeit

der Vermehrungsart bestimmen, welche Vermehrungsart angewendet wird. Grundsätzlich

lassen sich generative (= geschlechtliche) und vegetative (= ungeschlechtliche) Vermehrung

unterscheiden.

Generative Vermehrung

Unter der generativen Vermehrung versteht man die Vermehrung durch Aussaat. Ihr Vorteil ist vor

allem darin zu sehen, dass sie eine schnelle und relativ einfache Massenvermehrung auf kleinem

Raum ermöglicht. Zudem stellt sie für viele Pflanzenarten (z. B. einjährige Pflanzen) die einzige

Möglichkeit der Vermehrung dar.

Nach Bestäubung und Befruchtung bilden sich Samen, aus denen sich neue Pflanzen entwickeln

können. Während Pflanzenzüchter ständig neue Sorten erhalten wollen, möchten Gärtner einheitliche

Jungpflanzenbestände heranziehen. Deshalb beschränkt sich die generative Vermehrung auf

solche Pflanzen, deren Nachkommen bei der Aussaat “echt fallen“, dass heißt einheitlich ausfallen

und den Ausgangspflanzen genau gleichen. Die F 1 -Hybriden fallen ebenfalls einheitlich aus und

sind den Elternpflanzen oft überlegen. Hier spricht man vom Heterosiseffekt (z. B. höhere Wuchskraft,

größere Blüten, leuchtendere Farben).

Vorteile der Aussaat:

• hohe Stückzahlen, Massenvermehrung,

• Mutterpflanzenquartiere sind nicht erforderlich,

• platzsparend, am Anfang nur kleine Anzuchtflächen notwendig,

• Sämlinge sind langlebig, wüchsig und gut bewurzelt,

• höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten und Schädlingen

• keine Verbreitung von Viruskrankheiten,

• keine Abbauerscheinungen.

Nachteile der Aussaat:

• längere Anzuchtdauer, längere Kulturzeiten,

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• höherer Pflegeaufwand,

• zum Teil hohe Saatgutkosten,

• teilweise schlechte Keimfähigkeit,

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In den letzten Jahren ist eine Zunahme der generativen Vermehrung zu vermerken, so dass etwa 25

% der angebotenen Stauden derzeit aus Samen gezogen werden. Es kommen immer neue Staudenzüchtungen

in den Handel, die samenkonstant sind und deshalb als treu fallend oder echt fallend

bezeichnet werden. Aus diesem Grund hat die generative Vermehrung gegenüber der vegetativen

Vermehrung an Bedeutung zugenommen. Vermutlich wird dieser Trend noch weiter anhalten.

Wichtig ist die Kennzeichnung der samenvermehrten Sorten mit Strain oder Sämlingsnachzucht.

Vegetative Vermehrung

Die vegetative Vermehrung führt zu identischen Nachkommen. Voraussetzung ist ein Bestand gesunder,

typischer Mutterpflanzen, die ausreichend Vermehrungs-material liefern.

Pflanzen sind in der Lage, verletzte, abgestorbene oder verloren gegangene Grundorgane neu zu

bilden, d.h. sich zu regenerieren. Im Gartenbau nutzt man diese Fähigkeiten zur vegetativen Vermehrung

der Pflanzen. Die Organneubildung erfolgt so, dass zunächst die in Wundnähe befindlichen

Zellen ihre Teilungsfähigkeit wiedererlangen. Das heißt, sie verhalten sich wie meristematische

(embryonale) Zellen, die sich ständig teilen und undifferenzierte Tochterzellen bilden. Ihre

fortlaufende Teilung bewirkt, dass es zur Gewebewucherung, der so genannten Kallusbildung

kommt.

Als Kallusbildung bezeichnet man das an Wunden neu gebildete, meristematische Gewebe. Dieses

Wundgewebe, auch Wundkallus genannt, führt zu einer Abdichtung der Wunde nach außen. Mit

fortschreitender Zellteilung differenzieren sich die neu gebildeten Zellen, d.h. sie übernehmen bestimmte

Aufgaben und schließen sich im Rahmen der Arbeitsteilung zu speziellen Gewebearten

zusammen. Durch die Bildung und den Zusammenschluss verschiedener spezialisierter Gewebearten

kommt es schließlich zur Neubildung der fehlenden Grundorgane, dass heißt zur Regeneration

der Pflanze. Da sich bei der vegetativen Vermehrung die Tochterpflanzen über Mitose aus Teilen

der Mutterpflanze entwickeln, besitzen sie die gleiche genetische Information (Erbanlagen) wie

diese. Die durch vegetative Vermehrung hervorgegangene erbgleiche Nachkommenschaft einer

Mutterpflanze wird als Klon, die vegetative Vermehrung einer Pflanze als Klonen oder Klonieren

bezeichnet.

Die vegetative Vermehrung wird genutzt, wenn:

• die zu vermehrenden Pflanzen steril sind, also keine Samen mehr ausbilden,

• die Pflanzen hybriden Ursprungs sind und die Nachkommen bei generativer Vermehrung

aufspalten würden,

• sie wirtschaftlicher ist als die Aussaat, z. B. durch kürzere Kulturzeiten,

• die Aussaat nur schwierig auszuführen ist, wie z. B. bei Orchideen,

• bei schwieriger Saatgutbeschaffung oder bei Schwerkeimern.

Die Vorteile der vegetativen Vermehrung sind u. a. in einer schnelleren Pflanzenentwicklung und

somit kürzeren Kulturzeit sowie der Schaffung einheitlicher Pflanzenbestände zu sehen. Daneben

ermöglicht sie die Vermehrung von Pflanzen, die schlecht (ungünstige Klima- bzw. Wachstumsbedingungen)

oder keinen Samen ansetzen (sterile Blüten) bzw. deren Nachkommenschaft bei geschlechtlicher

Vermehrung aufspaltet. Allerdings besteht bei der vegetativen Vermehrung auch die

Gefahr der Übertragung von Krankheiten.

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Vegetative Vermehrungsarten:

• Stecklinge

• Triebrißlinge

• Teilung

• Wurzelschnittlinge

• Rhizomschnittlinge

• Oberirdische Ausläufer

• Blattstecklinge

• Absenker

1 Stecklingsvermehrung

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Abb. 1: Übersicht über die vegetativen Vermehrungsmethoden

Bei der Stecklingsvermehrung unterscheidet man zwischen

• Kopfstecklingen,

• Triebstecklingen,

• Grundständigen Stecklingen,

• Rosettenstecklingen.

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1.1 Kopfstecklinge

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Kopfstecklinge sind 3-8 cm lange Triebspitzen. Je nach Internodienlänge haben sie drei bis sechs

Blätter bzw. Blattpaare. Die unteren Blätter werden entfernt, ohne die schlafenden Augen zu verletzen.

Ebenso sind die Blütenknospen zu entfernen. Um die Verdunstungsfläche zu reduzieren, werden

die Blätter eingekürzt. Wichtig ist, dass die Stecklinge nach dem Schneiden sofort gesteckt

werden. Man schneidet sie am Übergang von weichem zu hartem Gewebe. Zu weiche Stecklinge

faulen, zu harte bewurzeln sich schlecht.

Beispiele: Salvia, Lavandula, Heliopsis

Zeitpunkt

Ein günstiger Zeitpunkt ist von Mai bis Juni oder im Sommer. Dazu schneidet man die Pflanze

nach der Blüte zurück und gewinnt die Stecklinge von den Neuaustrieben. Von nichtblühenden

Pflanzen sind Kopfstecklinge während der ganzen Vegetationsperiode möglich.

1.2 Triebstecklinge

Aus längeren Trieben werden Triebstecklinge mit zwei bis drei Blattpaaren geschnitten. Um das

Stecken zu erleichtern werden die untersten Blätter entfernt. Auch hier ist auf den Reifegrad zu

achten.

Beispiele: Phlox paniculata, Vinca minor, Buglossoides purpurocaeruleum

1.3 Grundständige Stecklinge

Man wendet diese Vermehrungsart bei Stauden an, die sich nicht durch kopfständige Stecklinge

vermehren lassen oder bei denen diese Bewurzelungsart schlechte Bewurzelungsergebnisse bringt.

Der Vermehrungszeitpunkt liegt in den ersten Frühjahrswochen, wenn die Grundtriebe etwa daumenlang

sind. Zwingend ist diese Methode bei Stauden, die sehr schnell lange und hohle Stängel

bilden, da es bei hohlen Stängeln selten zu einer Kallus- und Wurzelbildung kommt.

In der Phase des Austriebs sind die Schosse noch gefüllt und lassen sich als Stecklinge verwenden.

Bei den hohlstängeligen Stauden ist es günstig, wenn ein kleiner Ansatz vom alten Holz (Platte)

am Vermehrungstrieb bleibt. Durch die Platte der Mutterpflanze hat der Steckling eine größere

Kambiumfläche, was zu einer besseren Bewurzelung führt. Der Vermehrungszeitpunkt lässt sich

von den Frühjahrswochen in die Wintermonate vorverlegen, wenn die Mutterpflanzen angetrieben

werden.

Beispiele: Delphinium, Dicentra, Lupinus, Dahlien

Abb. 2: Grundständige Stecklinge bei Delphinium

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1.4 Rosettenstecklinge

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Der Rosettensteckling ist auch ein Kopfsteckling. Rosettenstecklinge werden durch Ausbrechen der

Rosetten gewonnen oder, falls der Trieb länger als 4 cm ist, durch das Abtrennen mit einem scharfen

Messer. Rosettenstecklinge werden so gesteckt, dass die Rosetten fest auf dem Substrat sitzen.

Häufig angewendet wird diese Methode bei allen wintergrünen Stauden, die sich besonders gut

von September bis Oktober vermehren lassen. Dabei sind die Blätter der unteren Stängelteile zu

entblättern. Zur besseren Bewurzelung werden Bewurzelungshormone verwendet.

Beispiele: Aubrieta, Phlox subulata, Iberis sempervirens, Saxifraga, Sedum

2 Triebrißlinge (Rißlinge)

Triebrißlinge entstehen durch das Abreißen bodennaher Triebe, die schon einige Wurzeln besitzen

oder einen Wurzelansatz haben. Rißlinge bilden somit einen Übergang zwischen Teilpflanze und

Steckling, man bezeichnet sie daher auch als Abrißstecklinge. Man kann die Triebrißlinge entweder

erst in Multitopfplatten vorkultivieren oder sofort topfen. Diese Vermehrungsmethode wird vor

allem im Herbst und im Frühjahr durchgeführt. Die Mutterpflanze wird hierzu etwas freigelegt und

der Steckling wird dann vorsichtig abgerissen.

Beispiele: Aster dumosus, Achillea millefolium, Leucanthemum maximum, Aubrieta

3 Teilung

Abb. 3: Triebrißlinge bei Aster dumosus

Die Teilung stellt bei vielen Stauden eine einfache und bequeme Vermehrungsart dar. Die Pflanzen

werden vorsichtig mit einer Grabegabel oder einem Spaten ausgestochen. Nach dem Ausschütteln

der Erde trennt man die Teilstücke von Hand ab. Lange Wurzeln werden eingekürzt. Ein Nachteil

ist dabei nur, dass die Vermehrungsrate nicht sehr hoch ist. Geteilt wird durch Schneiden oder

man bricht die Wurzelballen an der schwächsten Stelle auseinander. Auch mit Spaten oder Beil

lassen sich die Pflanzen in faustgroße Stücke teilen. Geteilt werden auch solche Pflanzen, die sich

durch andere Vermehrungsarten nicht vermehren lassen, wie z. B. die Festuca-Sorten.

Eine Vermehrung durch Teilung ist bei allen Stauden möglich, die sich Jahr für Jahr durch Neutriebbildung

des Wurzelstocks oder mit ihren Rhizomen nach allen Seiten ausbreiten. Papaver orientale

oder Eryngium-Arten, welche nur eine Pfahlwurzel oder Triebknospe besitzen, lassen sich

nicht teilen.

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Beispiele: Astilbe, Cimicifuga, Hosta, Paeonia, Ligularia, Trollius

Abb. 4: Teilung von Stauden

Vermehrung durch Teilung im Winter

Bei Pflanzen mit fleischigem oder verholztem Wurzelstock, die nur mit Hilfe eines Messers geteilt

werden können, ist die Wachstumsruhe die beste Zeit zur Teilung. Auch aus arbeitswirtschaftlicher

Sicht ist eine Teilung im Winter günstig. Dazu werden die Mutterpflanzen bereits im Herbst hoch

genommen, in Kisten eingeschlagen und frostfrei in einem Kasten oder Gewächshaus gehalten.

Vor der Teilung schüttelt man die Erde soweit wie möglich aus dem Wurzelstock, um Augen und

Triebansätze besser kenntlich zu machen. Wichtig ist auch das Entfernen von Quecken-, Giersch-

oder Schachtelhalmrhizomen aus dem Wurzelstock der Stauden. Alte, absterbende Wurzeln werden

ausgeschnitten und insgesamt stark eingekürzt.

Jedes Teilstück muss mindestens ein oder mehrere triebfähige Augen und genügend Wurzelwerk

besitzen. Überlange Wurzeln werden auf Handbreite eingekürzt. Mengenmäßig bringt die Winterteilung

die höchste Vermehrungsrate. Die Wintervermehrung hat zum Ziel, möglichst schnell verkaufsfertige

Pflanzen zu erhalten.

Vermehrung durch Teilung im Frühjahr

Gräser und spätblühende Stauden werden bevorzugt im Frühjahr vermehrt. Leicht teilbare Gräser

wie Festuca- und Carex-Arten, lassen sich oft schon mit bloßer Hand auseinanderziehen. Großgräser

wie Miscanthus oder Arundo haben solche harten Wurzelstöcke, dass sich eine Teilung nur mit

Hilfe eines scharfen Beils durchführen lässt. Im Frühling kann man auch Frühjahrs- und Frühsommerblüher

teilen. Dabei muss aber das Laub kurz vor oder nach der Blüte bis fast zum Boden

zurückgeschnitten werden. Wichtig ist bei diesem Zeitpunkt der Teilung die sofortige Weiterverarbeitung.

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Vermehrung durch Teilung im Sommer

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Stauden mit krautigen Wurzelstöcken und Rhizomen können während des Sommers vermehrt

werden. Während der Vegetationsperiode wird sofort nach dem Aufnehmen geteilt. Häufig angewandt

wird diese Methode bei Rhizom bildenden Pflanzen wie Iris (Germanica und Pumila-Gruppe)

Abb. 5: Teilung von Rhizom bildenden Iris

Vermehrung durch Teilung im Herbst

Der beste Zeitpunkt für die Teilung von Pfingstrosen (Paeonia) liegt im Spätsommer und Herbst.

4 Wurzelschnittlinge

Wurzelschnittlinge werden bei Stauden genutzt,

• wo große Stückzahlen benötigt wurden,

• bei denen andere Vermehrungsarten nicht ergiebig sind oder nicht funktionieren,

• die aus Samen nicht echt fallen,

• die eine Pfahlwurzel bilden.

Die Vermehrung durch Wurzelschnittlinge zählt zu den wenigen Arbeiten, die sich zeitgerecht im

Winter durchführen lassen. Sie fällt bei den meisten Stauden in die Zeit zwischen November und

Februar.

Das Mutterpflanzenmaterial wird im Herbst tief aus dem Boden genommen und frostfrei eingeschlagen.

Nach dem Abnehmen der Wurzelschnittlinge werden die Mutterpflanzen eingeschlagen

und später wieder ausgepflanzt. Stauden aus der laufenden Kultur sind oft wenig geeignet. Sie haben

noch schwache Wurzeln, sie treiben schlecht durch und entwickeln sich nur mäßig. Ein betriebseigenes

Mutterpflanzenquartier hat daher Vorteile, weil man das Vermehrungsmaterial von

mehrjährigen Stauden entnehmen kann.

Zur Vermehrung werden die Wurzelballen sauber ausgewaschen. Dann schneidet man die Wurzeln

in 2 bis 7 cm lange Stücke, die dicken kürzer, die dünnen länger. Die Wurzeln der einzelnen Arten

sind in ihrer Austriebs- und Bewurzelungsfähigkeit nicht alle gleich. Eine Ausnahme bilden Dodecatheon

meadia und Primula denticulata. Ihre Wurzeln treiben am oberen Ende aus und sind des-

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halb nur unzerschnitten zu verwenden. Bei den Arten, die am Kopfende durchtreiben, muss man

schon beim Schneiden aufpassen, dass man das obere und das untere Ende nicht miteinander

verwechselt; man schneidet am besten das obere Ende gerade und das untere schräg, um beim

Stecken die Polarität zu wahren (= polare Wuzelschnittlinge). Bei Arten, die auch seitlich am Wurzelstock

durchtreiben, werden beide Schnittstellen gerade geschnitten (= apolare Wurzelschnittlinge).

Sie können in die Kisten gelegt oder, besonders bei dünnen Wurzeln, breitwürfig in Handkisten

gelegt werden. Wurzelschnittlinge von Brunnera macrophylla und Phlox paniculata werden zu mehreren

gebündelt und gesteckt, da sie leicht abbrechen. Wurzelschnittlinge, die flach gelegt werden,

treiben seitlich aus. Man streut sie so aus, dass sie nicht zu dicht in den Kisten liegen. In der Regel

genügt bei diesen Wurzelschnittlingen eine Länge von 2 bis 3 cm.

Abb. 6: Wurzeln von Herbst-Anemonen, markiert sind winzige Knospen, die bei der Vermehrung durch Wurzelschnittlinge zum

Austreiben gebracht werden.

Senkrecht gesteckt werden: Waagerecht gelegt werden:

- Anchusa azurea - Gaillardia aristata

- Brunnera macrophylla - Herbst-Anemonen

- Carlina acaulis

- Centaurea montana

- Echinops- und Eryngium-Arten

- Papaver orientale

- Phlox paniculata

- Verbascum-Arten

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Abb. 7: Polare (oben) und apolare Wurzelschnittlinge

Der Wurzelschnittling muss gleichzeitig einen Spross und Wurzeln bilden. Darauf muss bei der

Vermehrung Rücksicht genommen werden. Sie müssen kühl stehen und langsam treiben. Bei zuviel

Wärme treiben die Knospen aus und bilden einen kräftigen Trieb, aber die Entwicklung des

Wurzelwerks bleibt zurück.

5 Rhizomschnittlinge

Rhizomschnittlinge sind wie Wurzelschnittlinge zu behandeln. Als Rhizom bezeichnet man einen

gestreckten, unterirdischen Spross, der im Unterschied zu den Wurzeln schuppenförmige Niederblätter,

Knospen und Wurzeln besitzt. Um diese Art der Vermehrung anwenden zu können, müssen

die Pflanzen besonders dicke Rhizome haben, an denen man zum Teil die Blattringe bereits

abgestorbener Blätter erkennen kann.

Die Mutterpflanzen werden ausgegraben, wobei ein Großteil der Erde entfernt wird. Nach dem

Auswaschen der Erde werden die Augen sichtbar. Der Austrieb entwickelt sich aus den Augen heraus.

Ein Rhizomschnittling muss mindestens einen Blattring mit schlafendem Auge besitzen. In

der Regel schneidet man die Rhizomschnittlinge in 3 bis 4 cm große Stücke und legt sie waagerecht

aus. Das entspricht den natürlichen Wuchsbedingungen der unterirdischen Triebe. Der Austrieb

erfolgt nach 40 bis 60 Tagen.

Beispiele: Geranium macrorrhizum, Geranium x cantabrigiense, Geranium sanguineum

6 Oberirdische Ausläufer

Bei vielen Bodendeckern stellen oberirdische Ausläufer die einfachste Vermehrungsmethode dar.

Um möglichst viele Tochterpflanzen zu erhalten, muss dafür gesorgt werden, dass die Ausläufer

auf einem humosen Substrat aufliegen, so dass die Wurzelbildung der Adventivpflanzen gefördert

wird. Im November bis Dezember trennt man die Tochterpflanzen von der Mutterpflanze ab und

topft diese.

Häufig werden Tiarella, Waldsteinia ternata, Fragaria sowie Lysimachia nummularia auf diese Weise

vermehrt.

7 Blattstecklinge

Diese Vermehrungsart ist nur bei einer begrenzten Zahl von Stauden möglich. Gut ausgebildete

Blätter bilden die Voraussetzung für diese Vermehrung. Besonders verbreitet ist diese Vermeh-

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rungsmethode bei Sedum spectabile, Sedum telephium und ihren Sorten oder auch bei Cardamine

trifolia. Die Bildung der neuen Pflänzchen erfolgt längs der Blattrippe. Diese Vermehrungsart wird

meist nur dann angewendet, wenn das Vermehrungsmaterial knapp ist oder größere Mengen der

betreffenden Arten benötigt werden.

9 Absenker

Abb. 8: Bewurzelte Blattstecklinge von Sedum

Beim Absenken wird der Trieb bogenförmig in die Erde gelegt, so dass aus einem Trieb nur eine

Jungpflanze entsteht. Die Triebe machen an den Stellen Wurzeln, wo sie mit dem feuchten Substrat

in Berührung kommen.

Abb. 9: Vermehrung durch Absenker bei Gentiana sinoornata

Beispiele: verschiedene Herbstenziane, z. B. Gentiana sinoornata

Abbildungen aus FESSLER (Hrsg.),1997: Kulturpraxis der Freilandschmuckstauden, Ulmer Verlag.

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Pflanzen schützen durch Pflanzenschutz Teil I

Adalbert Griegel

Diplomgärtner, Dorsheim

Der Patient Pflanze

Pflanzen sind wie wir, wie Hund oder Katze, auch lebende Organismen. Sie haben ihren eigenen-

Lebenszyklus.

Nach der Befruchtung beginnen sie ihr Leben als Embryo. Nach dem Keimen aus den Samen werden

sie selbstständig. Sie atmen und ernähren sich, sie wachsen und entwickeln sich. Sie werden

reif, um Nachkommen zu bilden. Sie vermehren sich. Sie werden alt und sterben.

Die Fähigkeit zu assimilieren macht die Pflanzen zu noch selbstständigeren Lebewesen als wir es

sind. Pflanzen, zumindest die Wildpflanzen, brauchen uns prinzipiell nicht.

Wir dagegen können ohne sie nicht existieren und weil sie ein wesentlicher Bestand unseres Kulturgutes

sind, wollen wir dies auch nicht.

Das Leben der Kulturpflanzen im Garten, auf dem Feld oder im Wald ist aus dem Blickwinkel ihrer

Besitzer in erster Linie einem Hauptziel untergeordnet. Sie sollen wachsen, um entweder einen

essbaren oder anderweitig nutzbaren Ertrag zu erzeugen oder aber sie sollen unsere ästhetischen,

visuellen Bedürfnisse – sie sollen Zierde sein – befriedigen.

Die Pflanzen, auf die wir als Nahrungsmittel- bzw. Rohstofflieferanten oder als Zierde angewiesen

sind, sind von den gleichen Wachstumsfaktoren wie wir abhängig, und von den Gleichen wie wir,

werden sie gefährdet.

Auch die Schutzmaßnahmen sind denen in der Humanmedizin ähnlich.

Die Prinzipien der Ernährung, der Wachstumsförderung, der Pflege, der Gefährdung und des

Schutzes sind im Pflanzenbau und im Pflanzenschutz die gleichen, wie sie auch in der breit verstandenen

Humanmedizin gelten.

Da es sich bei Kulturpflanzen um verschiedene, durch Kreuzung und Veredelung hochgezüchtete

Sorten handelt, könnten die Exemplare in einem natürlichen Biotop, den Konkurrenzkampf um den

Standort gegen die "wilden" Lebensgenossen ohne Einbußen sicherlich oft nicht bestehen.

Viele könnten vielleicht biologisch überleben. Ihre sortenspezifischen Eigenschaften aber, wie die

typische Gestalt, prachtvolle Blüten, die Fähigkeit, einen großen Fruchtertrag anzusetzen und ihn

bis zur Ernte halten zu können, Aussehen und Geschmack der Früchte, ein hoher Vitamingehalt

sowie vieles andere, müssten geopfert werden.

Wem geopfert werden? Mit welchen Gegenspielern haben die Kulturpflanzen zu kämpfen, lautet

die Frage?

Alle, die Gartenpflanzen positiv oder negativ beeinflussenden Faktoren kann man, genauso wie die

uns beeinflussenden, in zwei Hauptgruppen, nämlich in unbelebte und belebte Ursachen, aufteilen.

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Unbelebte, nichtparasitäre Schadursachen

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Bis die Früchte und Blüten überhaupt für uns, und vorher vielleicht noch für die schädlichen Lebewesen

zur Verfügung stehen können, werden die Pflanzen den unbelebten Wachstumsfaktoren, wie

Klima, Boden und Chemikalien ausgesetzt.

Nachfolgend einige Beispiele:

• Ein ungeeigneter klimatischer Standort für die nicht optimal klimatisierten, oft sogar exotischen

Pflanzenarten und -sorten.

• Ungeeignete Lichtverhältnisse (Lichtstärke, Tageslänge).

• Extreme Temperaturen (Hitze und Frost).

• Wind und Niederschläge (starke Regenfälle, Hagel, Schnee).

• Bodenbeschaffenheit (Struktur, pH-Wert, Nährstoffgehalt, Humusgehalt).

• Wasser (Staunässe bzw. Trockenheit), Bewässerungsart und -zeitpunkt sowie Wasserqualität

(Temperatur, pH-Wert).

• Nährstoffe (Mangel oder Überschuss, ungeeignete N:P:K - Verhältnisse)

• Überdosierung von Pflanzenschutzmitteln und anderen Chemikalien.

• Immissionen – (Luft-, Boden- und Wasserverunreinigungen).

• Bearbeitungsmaßnahmen/Pflegefehler.

Wachstumsstörungen, die auf unbelebte Einflüsse zurückzuführen sind, haben nicht nur direkte

Folgen. Die geschwächten Pflanzen fallen nämlich vielen Krankheiten und auch manchen Schädlingen

schneller zum Opfer. Die gut Ernährten dagegen sind stärker und dadurch auch widerstandsfähiger.

Ihre natürlichen Abwehrkräfte sorgen meistens dafür, dass sie zumindest für viele sogenannte

Schwächeparasiten doch "eine Nummer zu groß" sind.

Belebte, parasitäre Schadursachen

Man unterteilt sie in Krankheiten, Unkräuter und Schädlinge.

Krankheiten

Krankheiten werden durch Mikroorganismen verursacht, die aktiv oder passiv in die Pflanze eindringen

und dort eine Reaktion des Patienten auf diesen Angriff verursachen. Verfärbungen, Flecken,

Formveränderungen, Ausscheidungen, Welkerscheinungen und das Absterben einzelner Organe

sind die bekanntesten Krankheitssymptome.

Je nach der Aggressivität des Krankheitserregers und des Erkrankungsumfangs können die Krankheiten

bei unterlassener Hilfe zum Tode der betroffenen Patienten-Pflanze führen.

Krankheiten werden durch drei verschiedene Krankheitserregergruppen – durch Viren, Bakterien

und vor allem durch Pilze – verursacht.

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Die Empfindlichkeit gegen Krankheitserreger ist in den meisten Fällen sehr sortenunterschiedlich.

Unkräuter

Schon der Begriff selbst erhitzt die Gemüter.

Wir wollen hier auf keinen Fall den oft wilden Pflanzen im Garten den totalen Krieg erklären. Ganz

im Gegenteil. Eine Vielfalt der Pflanzen kann für den Garten sogar nützlich sein. Ein sorgloses,

unüberlegtes und ungepflegtes Durcheinander darf aber nicht mit bewusst angelegten Mischkulturen

oder mit einer gepflegten Wiese bzw. einem wohl überlegten Biotop, im Interesse der Pflanzen

selbst, verwechselt werden.

Die Pflanzen im Garten können sich ihre Nachbarn nicht aussuchen – deshalb müssen wir korrigierend

eingreifen.

Lass die Unkräuter am Leben – hört man immer wieder –, es handelt sich doch um die Wildpflanzen,

die auch ihre Daseinsberechtigung haben. Eben nicht. Es gibt keinen Botaniker oder Ökologen,

der die Pflanzenwelt in Kulturpflanzen und Unkräuter aufteilen würde.

Auch die Aufteilung in Kulturpflanzen und Wildpflanzen wird dem Haus- und Kleingarten nicht

gerecht.

Ein Garten, auch wenn er naturnah aussehen sollte, wurde doch künstlich angelegt. Er wurde bepflanzt,

meistens mit edlen, und deshalb meistens sehr konkurrenzunfähigen Pflanzensorten, die

sich ohne unsere Unterstützung sehr schwer mit ihren wilden Artgenossen arrangieren können.

Deshalb muss man im Garten über gewünschte (man nennt sie Kulturpflanzen) und unerwünschte,

und deshalb prinzipiell bekämpfungswürdige Pflanzen (man nennt sie Unkräuter oder Ungräser),

reden.

Also, in dem Begriff „Unkraut“ liegt die Bekämpfungswürdigkeit einer Pflanze, sonst wäre sie kein

Unkraut.

Wenn Sie gerne Brennnesseltee trinken und deshalb einige Brennnesseln (vielleicht in einer Ecke

Ihres Gartens) hegen und pflegen, sind diese dort, wo sie wachsen, als Kulturpflanze zu betrachten.

Dies gilt aber nicht für die Brennnesseln, die z. B. zwischen Ihren Rosen zum Vorschein kommen.

Wenn Sie sich vor Ihrem Haus für eine Wiese entscheiden, sind z. B. die Stiefmütterchen darin als

Kulturpflanze zu sehen. Wenn Sie aber stattdessen einen englischen Rasen haben wollen, wird

alles, was kein vernünftiges Gras ist, also auch die Stiefmütterchen, zum Unkraut.

Auch die Weißkohlpflanze hat nur auf dem für diese Zwecke angelegten Gemüsebeet ihre Berechtigung.

Wenn sie aber, von Ihnen unabsichtlich, in einer Blumenrabatte wächst, entscheiden Sie sich

sicherlich für ihre Entfernung – sie wird so zum Unkraut.

Unter „Unkräutern“ versteht man also die Pflanzen einer Pflanzengemeinschaft, die dort wachsen,

wo sie nicht wachsen sollen.

Sie können an konkreten Standorten im Garten aus vielerlei Gründen unerwünscht sein.

• Sie konkurrieren mit den gewünschten dass heißt mit den sogenannten Kulturpflanzen um

Nährstoffe und um Wasser.

• Sie konkurrieren um Licht, indem sie die Kulturpflanzen beschatten.

• Durch das Verdichten der Räume zwischen den Kulturpflanzen verhindern die Unkräuter

deren schnelles Abtrocknen, was eine Infektion durch die Krankheiten begünstigt.

• Sie können Zwischen- oder Nebenwirte für Krankheiten und Schädlinge sein, was einen Befall

der Kulturpflanzen erleichtert.

• Sie erschweren die Pflegemaßnahmen.

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• Manche Unkräuter, wie z. B. Moos, erhöhen die Rutsch- und dadurch die Unfallgefahr.

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• Sie entsprechen nicht den individuellen, subjektiv legitimen Schönheits- oder Ästhetikwünschen

des Gartenbesitzers.

Meistens reicht eine mechanische Unkrautbekämpfung oder das Mulchen aus.

Es gibt aber schwer bekämpfbare, sogenannte Wurzelunkräuter, wie Quecke, Winde, Brennnessel,

Distel. Es sind mehrjährige, sich auch vegetativ durch unterirdische Ausläufer vermehrende und

verbreitende Unkräuter, die durch das Jäten sehr schwer zu bekämpfen sind.

Eine gezielte Nachhilfe mit ausgewählten chemischen Unkrautbekämpfungsmitteln (Herbiziden)

kann hier ökologisch vertretbar sein. Das gleiche gilt auch für eine starke Verunkrautung der Rasenfläche.

Ein Paradox ist oft dabei, dass sich durch den Einsatz von Rasenunkrautvernichtungsmitteln oft

diejenigen Nachbarn belästigt fühlen, die zur Verunkrautung der ganzen Gegend permanent beitragen,

weil sie das im eigenen Garten herrschende Durcheinander mit Ökologie und der Biotop-

Idee verwechseln und dies noch verteidigen.

Schädlinge

Tierische Schädlinge verursachen bei den Pflanzen Gewebeverluste, sei es durch die Saug-, sei es

durch die Fraßtätigkeit. Es kommt hier nicht auf die Größe des Tieres oder die seiner Mundwerkzeuge

an. Die kleinsten Tierchen sind dabei meistens die gefährlichsten, weil sie sich bei günstigen

Wetterverhältnissen, ungestört durch die Nahrungsknappheit, durch natürliche Feinde oder den

Gartenbesitzer oft in relativ kurzer Zeit millionenfach vermehren können. Und darauf kommt es an.

Der Verlust des Pflanzengewebes durch die Fraß- oder Saugtätigkeit ist nicht der einzige, wohl aber

der Hauptschaden. Durch Verletzungen trocknet die Pflanze aus.

Die Wunden werden zu Eintrittspforten für früher genannte Krankheiten.

Nachfolgend einige Tiergruppen, die im Garten schädlich werden können:

Nagetiere Wühlmäuse, Feldmaus, aber auch Hasen

Schnecken

Nematoden Wurzelnematoden und Blatt- bzw. Stängelälchen

Milben Spinnmilben, Gall- bzw. Pockenmilben

Insekten die größte und bedeutendste Schädlingsgruppe überhaupt.

Sie beschädigen durch ihre Fraß- oder Saugtätigkeit alle Pflanzenorgane von den

Wurzeln bis zu den Früchten.

Zu den durch Fraß im Garten schädigenden Insekten gehören:

• Käfer und deren Larven

• Larven der Schmetterlinge, die sogenannten Raupen

• beinlose Fliegen- und Mückenlarven, die sogenannten Maden

• Wespenlarven, die sogenannten Afterraupen

Der Verlust der Triebe, Knospen, Blätter oder Blüten schwächt die Pflanze und reduziert ihre Produktivität

bzw. ihren Zierwert.

Die angesetzten oder sogar gerade reifenden Früchte werden auch direkt angegriffen.

Zu den bedeutendsten saugenden Schadinsekten im Garten gehören z. B.:

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Blattläuse, Blattsauger, die sogenannten Blattflöhe, Schildläuse, Blattwanzen, Zikaden, Thripse und

die Weiße Fliege.

Ein einzelner kleiner Einstich durch die Blattlaus oder Schildlaus bedeutet keinen nennenswerten

Saftverlust. Wenn es sich aber um eine ganze Blattlaus-Kolonie auf einer Blattunterseite handelt,

wird es zuerst für das betroffene Blatt gefährlich. Zwei Wochen später kann aber der ganze Trieb

samt allen Blättern von einer riesigen Blattlauskolonie besiedelt werden. Und wenn einige Wochen

später die ganze Pflanze befallen wird, so kann dies besonders für eine junge Pflanze insgesamt

gefährlich sein.

In der schnellen Vermehrung und ihrem ständigen Appetit auf den Pflanzensaft, der bei vielen

Blattläusen noch zusätzlich durch Ameisen angeregt wird, liegt ihre gefährliche Stärke.

Blattläuse und andere saugende Insekten sind für die Pflanzen aus vielen Gründen schädlich:

• Sie stechen das Pflanzengewebe an und saugen den Pflanzensaft aus, was Tausende von

winzigen Verletzungen – meist der Blattunterseite – bedeutet.

• Sie scheiden beim Anstechen die für die Pflanze giftigen Speichelsubstanzen aus, die zusätzlich

die benachbarten, nicht direkt angestochenen Pflanzenzellen abtötet. Die Blätter rollen

sich auf, die Triebe und Früchte werden deformiert.

• Die Verletzungen können als Eintrittspforten für verschiedene Krankheiten dienen. Viele virose

Krankheiten werden sogar direkt durch die saugenden Insekten (meistens durch Blattläuse),

übertragen.

• Die süßen, klebrigen Ausscheidungen, besonders die der Blattsauger, verkleben die Knospen

und hindern sie am Austreiben. Auf diesem "Honigtau" siedeln sich sogenannte Schwärzepilze

an, die die Blätter zusätzlich am Assimilieren und am Atmen hindern.

Pflanzenschutz bedeutet Pflanzen schützen

Der Pflanzenschutz versucht durch geeignete Maßnahmen Schäden durch Krankheitserreger,

Schädlinge, Unkräuter und unbelebte Schadursachen an der Pflanze zu verhindern.

Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz werden mit Recht unter dem Oberbegriff „Phytomedizin“

zusammengefasst und mit der Human- und Veterinärmedizin auf eine Stufe gestellt.

Der "Pflanzenarzt" hat, genau wie der Human- und Tiermediziner, im Prinzip die gleiche Aufgabe:

lebende Organismen vor Schäden zu schützen und wenn möglich, die Gesundheit seiner Patienten

wiederherzustellen.

Der wesentliche Unterschied zwischen den drei Medizinkategorien besteht in ihrer Bedeutung.

Um die Menschengesundheit wird mit Recht "um jeden Preis" gerungen.

Die Pflanzenschutzmaßnahmen im Erwerbsgartenbau oder in der Land- bzw. Forstwirtschaft unterliegen

strikter Rationalität. Sie werden erst dann durchgeführt, wenn die sogenannte wirtschaftliche

Schadensschwelle überschritten wird. Das bedeutet, eine Vorbeugung bzw. Bekämpfung sollte erst

bei der prognostizierten bzw. tatsächlichen Befallsstärke, bei der der zu erwartende Schaden bei

Nichtbekämpfung höher zu werden droht als die Bekämpfungskosten, durchgeführt werden.

Ein sogenannter ökologischer Anbau unterliegt dabei denselben Zwängen und Prinzipien. Da die

Bekämpfungsbereitschaft dort niedriger als bei dem traditionellen Anbau ist und die Effizienz der

Maßnahmen aufgrund des Verzichtes auf manche erfolgsgarantierenden chemischen Substanzen

geringer wird, sind die Erträge schwächer und dadurch die Kosten pro geerntete Einheit höher.

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Diese Anbaubetriebe können nur dann existieren, wenn der Endverbraucher (Käufer) bereit ist,

eventuelle Schorfflecken auf den Äpfeln bzw. manche Schönheitsmakel der Zierpflanzen in Kauf zu

nehmen.

Da er daran glaubt, weniger belastete Pflanzen und dadurch gesündere Nahrungsmittel erworben

zu haben, akzeptiert er die viel höheren Preise.

Im Hobbybereich, also auch im Nutz- oder Ziergarten, wo der „Zwang“ der Wirtschaftlichkeit prinzipiell

wegfällt, braucht die Bekämpfungsbereitschaft sicherlich nicht immer rationell begründet zu

werden.

Ob der Hobbygärtner bereit ist, auf die Teile der Ernte oder der Blüte- bzw. der Blätterpracht zu

Gunsten der Schaderreger zu verzichten oder vielleicht als ein Schönheitsfetischist mehr an Arbeit

und Kosten zu investieren, damit seine Pflanzen prachtvoller als die des Nachbarn sind, ist seine

subjektive Entscheidung. Der Garten, nicht das Auto, ist des meisten deutschen Hobbygärtners

liebstes Kind.

Es spielt aber in manchen, durch hohe Arbeitslosigkeit gezeichneten Gebieten, auch die Armut der

Kleingärtner eine wesentliche Rolle. Dort werden die Gärten am intensivsten bewirtschaftet.

Die hohe und mehrfache Ernte von Obst und Gemüse hilft das Familienbudget „zu meistern“.

Besonders dort sind die Forderungen von manchen gutbehüteten „Berufsökos“, wie z. B. „wenn

der Pfirsichbaum durch die Kräuselkrankheit oder der Birnenbaum durch den Birnengitterrost befallen

ist, soll man ihn eben ausrotten, statt die Umwelt durch Pestizideneinsatz zu belasten“, zynisch,

inkompetent und demagogisch.

Jeder Bürger eines demokratischen Landes, also auch wir, die 18 Millionen Freizeitgärtner, haben

ein Recht darauf, selbst entscheiden zu dürfen, ob und inwieweit wir unser Eigentum, in diesem

Fall unsere Pflanzen, vor Angriffen von außen schützen dürfen.

Wie sind sie aber zu schützen?

Indirekte Pflanzenschutzmaßnahmen

Wie ich schon früher angedeutet habe, sind viele unbelebte Wachstumsfaktoren die wichtigsten

Erfolgsvoraussetzungen für gesunde Pflanzen überhaupt.

Wir versuchen jetzt alle Maßnahmen zu systematisieren, die zwar keine Schadorganismen bekämpfen,

aber trotzdem die Gesundheit der Pflanzen positiv beeinflussen. Sie sind demnach nicht als

direkte Bekämpfungsmaßnahmen, sondern als indirekte, meistens kulturtechnische Schutzmaßnahmen

zu sehen.

Arten- und Sortenauswahl

Ich habe schon gesagt, dass durch den Verzicht auf "Exoten" viele Probleme im Garten zu vermeiden

sind. Nicht in jeder Region vom Bodensee bis nach Flensburg werden z. B. Weinreben angebaut.

Die nördlichsten Weinbaugebiete sind eben die Mosel im Westen und Saale-Unstrut im Osten

und das ist kein Zufall. Bei der Entscheidung für oder gegen die Hausrebe, sollte diese klimabedingte

Tatsache durch den Freizeitgärtner in seinem eigenen Interesse berücksichtigt werden.

Dazu kommt die Tatsache, dass Empfindlichkeit und (im Gegensatz dazu) Resistenz gegen Schaderreger

erbliche, sortenspezifische Eigenschaften sind. Diese Kenntnisse sollten unbedingt bei

Neupflanzungen berücksichtigt werden.

Bei Radieschen z. B. kann man sich, im Falle der Unzufriedenheit, sofort für eine andere Sorte entscheiden.

Bei Bäumen und auch bei Sträuchern handelt es sich um mehrjährige Pflanzen, deren

eventuelle Auswechslung im Falle der unberücksichtigten Empfindlichkeit, relativ große Probleme

und Kosten mit sich bringt.

Ein Kompromiss zwischen den Vor- und Nachteilen einer gepflanzten Pflanzensorte muss bewusst

getroffen und darf nicht dem Zufall überlassen werden.

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Uns muss aber auch klar sein, dass Natur oft schneller und flexibler als die Züchtung ist. Die Resistenz

der Sorten muss immer wieder relativiert werden. Manche Stachelbeersorten, die z. B. noch

vor einigen Jahren als resistent gegen den Stachelbeermehltau gekauft wurden, sind inzwischen, als

sie gerade reichlich zu tragen begannen, empfindlich geworden. Mehltau entwickelte eben Krankheitsstämme,

die die Resistenz überbrückt haben.

Soll man diese Sträucher ohne Rücksicht auf Verluste ausrotten, um neue, heute noch als resistent

geltende zu kaufen und zu pflanzen?

Bei Pfirsichsorten und der Kräuselkrankheit, und praktisch überall bei allen resistenten Sorten, gilt

das gleiche.

Ernährung – Düngung

Alle Pflanzen verlangen eine Vollernährung. Eine einseitige Ernährung gleicht der „Trennkost“, und

die fördert bekanntlich die Abnahme des Gewichts, also auch die der gewünschten Ernte.

Bittersalz liefert nur Magnesium, Hornmehl nur Stickstoff, Knochenmehl nur Phosphor und Kalzium

– dies wird viel zu oft vergessen.

Mit Hilfe von durchgeführten Bodenanalysen (alle paar Jahre) können sowohl der pH-Wert als auch

die allgemeine Nährstoffversorgung ermittelt und infolgedessen optimiert werden.

Ein armer Boden kann keinen reichen Ertrag und keine Blütenpracht bringen.

Eine zu spät im Jahr durchgeführte oder einseitige Düngung schadet den Pflanzen mehr als sie

hilft.

Entsprechend dem individuellen Bedarf ernährte Pflanzen sind widerstandsfähiger – lautet die oft

zitierte Devise.

Für die sogenannten Schwächeparasiten gilt das schon.

Vielen Schädlingen schmecken aber die optimal ernährten und deshalb „saftigen“ Früchte oder

Blätter auch besser – kann man es ihnen verübeln? Nein, aber sich bewusst machen schon.

Die optimale Ernährung stärkt prinzipiell die sortenspezifischen Eigenschaften. Wenn die Sorte

aber erbgutbedingt empfindlich ist, wird sie dadurch nicht resistenter.

Bodenbearbeitung und Humuswirtschaft

Alle Maßnahmen, die die Wärme und Feuchtigkeit im Boden halten, helfen gleichzeitig den Luftaustausch

des Bodens zu garantieren, sind aus Wachstums- und deshalb auch aus Pflanzenschutz-

Gesichtspunkten günstig.

Eine besondere Aufmerksamkeit verdient hier das Anreichern des Bodens mit organischer Masse,

die einerseits die optimale Krümelstruktur des Bodens verbessert und die Nährstoffe liefert und

andererseits den Boden, mit leider oft nicht nur nützlichen Organismen versorgt.

Damit Kompost dem Boden und dadurch den Kulturpflanzen nur Vorteile bringt, sind einige Hygieneprinzipien

schon bei der Absicht der Kompostierung und auch darüber hinaus unbedingt zu

beachten.

Die Gemüsebeete sollten, aus dem Blickwinkel des Pflanzenschutzes, im Herbst umgegraben werden,

damit die auf der Bodenfläche befindlichen schädlichen Mikroorganismen in die tieferen

Schichten versetzt und die Schädlinge, die im Herbst die Bodentiefe gesucht haben, um sich vor

dem Frost zu schützen, nach oben gebracht werden.

Der Frost hat hier nicht nur eine "desinfizierende" Wirkung, sondern die Struktur des Bodens wird

dadurch auch verbessert.

Optimale Bodeneigenschaften fördern die „Selbstentseuchung“ des Bodens. Sie können viele

Krankheits- und Schädlingsrisiken reduzieren und deshalb sollen sie zweifelsfrei gefördert werden.

Alle Gefahren ausschalten können sie aber auch nicht.

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Fruchtfolge und Mischkulturen

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Die Pflanzen und auch ihre Reste scheiden verschiedene Substanzen aus, die das Wachstum der

benachbarten und darauffolgenden Pflanzen positiv oder negativ beeinflussen können.

Jede Pflanzenart entzieht dem Boden, um wachsen zu können, die Nährstoffe in einem für sie spezifischen

Verhältnis.

Ein mehrjähriger Anbau der gleichen oder verwandter Pflanzenarten auf demselben Beet führt zu

einer einseitigen Verarmung des Bodens.

Zusätzlich kumulieren sich im Boden ständig die früher erwähnten spezifischen Pflanzenausscheidungen.

Die Population der pflanzentypischen, nicht nur bodenbürtigen Schaderreger wird immer

höher.

Infolge dieser Prozesse wachsen die gleichen Pflanzenarten auf demselben Beet Jahr für Jahr immer

schwächer. „Bodenmüdigkeit“ ist der Begriff dafür.

Aus diesen Gründen ist zumindest ein 3 bis 4jähriger Fruchtwechsel, in dem verschiedene spezifische

Anforderungen der nacheinander folgenden Pflanzen berücksichtigt werden, das „A“ und „O“

des Gärtners.

Bei manchen aufgetretenen Schadorganismen, z. B. Nematoden, ist der notwendige zeitliche Abstand

zwischen den Wirtspflanzen auf demselben Beet noch länger.

Durch die Mischkulturen kann die gegenseitig positive Auswirkung von Pflanzen genutzt werden.

Auch bei diesen, eindeutig förderungswürdigen agrotechnischen Maßnahmen müssen wir sachlich

und realistisch bleiben. Unsere Gärten sind eben klein, die Entfernung zwischen den Beeten sehr

gering. Zusätzlich wird durch die Pflegemaßnahmen und oft leider mit dem Kompost vieles „Querbeet“

übertragen, was man durch die Fruchtfolge eigentlich vermeiden will.

In manchen Jahren, bei einem starken Befallsdruck und bei manchen Pflanzen versagen auch diese

Maßnahmen sogar gänzlich.

„Petersilien-Bodenmüdigkeit“ ist ein gravierendes Beispiel dafür.

Abstand zwischen den Pflanzen, Pflanzenform

Durch einen ausreichenden Reihen- und Pflanzenabstand wird nicht nur die verletzungsfreie Pflege

der Pflanzen erleichtert.

Der größere Abstand erschwert schlicht und einfach die gegenseitige Infektion durch Schaderreger.

Zusätzlich finden eine bessere Lüftung des Mikroklimas zwischen den Pflanzen sowie ein schnelleres

Abtrocknen der Pflanzen und der Erdfläche nach dem Regen oder dem Gießen statt.

Da die meisten Pilzsporen und Bakterien nur in Wassertropfen keimen können, haben sie dadurch

weniger Zeit, die Pflanzen zu infizieren.

Der Pflanzenabstand und die gewählte Baumform sollten der Wachstumsstärke angepasst werden.

Hier sind sowohl die Wachstumsstärke der Baumunterlage als auch die der Edelsorte zu berücksichtigen.

Durch einen sachgerechten Schnitt sollte für lockere Kronen gesorgt werden, die nach Niederschlägen

und morgens schneller abtrocknen.

Auch der Schnitt der Gurkenpflanzen oder das Ausgeizen der Tomaten und deren Führung an Gerüsten

oder Stützpfählen dienen demselben Zweck.

Zusätzlich werden dabei selbstverständlich auch die Lichtverhältnisse und dadurch die Assimilationsprozesse

positiv beeinflusst, was schließlich auch der Gesundheit der Pflanzen zugute kommt.

Auch die Unkrautbekämpfung ist nicht nur eine Entfernung der Konkurrenz, sie begünstigt auch

das Mikroklima zwischen den Pflanzen.

Die Infektionsgefahr durch Pilz- und Bakterienkrankheiten, die eine lang anhaltende Befeuchtung

der Pflanzenorgane brauchen, wird dadurch leider nur reduziert, nicht beseitigt.

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Aussaat- und Pflanzzeit, Erntezeit

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Durch einen frühen oder späteren Zeitpunkt der Aussaat oder des Pflanzens kann der Hauptzeit

der Eiablage mancher Schädlinge (z. B. der Möhrenfliege) „aus dem Weg" gegangen werden.

Die nach Ablauf der Vegetationsperiode länger als nötig auf den Beeten gelassenen Gemüsepflanzen

können nicht nur durch Frost gefährdet werden. Leider können nur einige Probleme durch diese

Maßnahmen gelöst werden.

Pflanzenpflege und Pflanzenstärkung

Alle kulturtechnischen Pflegemaßnahmen, die dem optimalen Wachstum der Pflanzen dienen,

stärken die Abwehrkräfte und reduzieren dadurch das Erkrankungs- und Beschädigungsrisiko.

Nicht mehr und nicht weniger.

Verschiedene Pflanzenauszüge, Jauchen oder Tees, die von Generation zu Generation als "Oma-

Wunder-Hausrezepte" gepriesen werden, bewirken zwar keine Wunder, aber sie stärken oft die

Pflanzen.

Da nicht alles Natürliche für Mensch und Tier ungefährlich ist, ist auch beim Umgang mit solchen

Hausmitteln ein vernünftiger Menschenverstand gefragt. Auch die Industrie bietet "Pflanzenstärkungsmittel"

an, die die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegen schädliche Organismen erhöhen

sollen. Diese Produkte dürfen, genau wie alle Pflanzenschutzmittel, nicht durch Selbstbedienung

verkauft werden. Der Gesetzgeber hat sich schon etwas dabei gedacht.

Die Stärkung der eigenen Abwehrkräfte reduziert nur das Befallsrisiko, und nur dann, wenn sie

rechtzeitig durchgeführt wird. Sie beugt keinen Befall vor und diesen bekämpfen kann sie in keinem

Fall.

Wasserversorgung und Gießgewohnheiten

Das übermäßige Austrocknen der Wurzelballen soll, genauso wie die Staunässe, vermieden werden.

Abgestandenes, also nicht zu kaltes, meistens weicheres Regenwasser wäre für das Gießen

das Optimalste.

Der größte Fehler, der zur Förderung der Infektion durch viele Krankheiten führt, lässt sich durch

den Verzicht auf abendliches Pflanzengießen - besonders Sprengen vermeiden. Die am Abend befeuchteten

Pflanzen bleiben meistens nachtsüber, also stundenlang feucht. Das reicht aus, damit

die Pilzsporen auf den Blättern, Blüten oder Früchten keimen können.

Durch eine Folienüberdachung kann die Blattbefeuchtung durch Regen und dadurch das Infektionsrisiko

durch manche Pilze erfolgreich reduziert werden.

Direkte Pflanzenschutzmaßnahmen

Diese Gruppe von Maßnahmen gilt direkt dem Krankheitserreger, dem Schädling bzw. der Unkrautpflanze.

Das Ziel dieser Maßnahmen ist, den Schaderreger zu beseitigen oder den Schaden durch einen

direkten Angriff zu verhindern.

Dazu gehören:

• mechanisch-physikalische Maßnahmen,

• biotechnische Maßnahmen,

• biologische Maßnahmen,

• chemische Maßnahmen.

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Mechanisch-physikalischer Pflanzenschutz

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Durch verschiedene mechanische Barrieren kann der Zugang der Schädlinge zu den einzelnen

Pflanzen oder zu ganzen Beeten erschwert, und dadurch die Beschädigung von Pflanzen ausgeschlossen

oder zumindest reduziert werden.

Das Pflanzen der Bäume in Drahtkörben schützt gegen Wühlmäuse, wie auch die Abdeckung der

Beete mit Kulturschutznetzen gegen die Gemüsefliege und andere Schädlinge schützt. Auch

Schneckenbarrieren funktionieren nach demselben Prinzip.

Der Schnitt der befallenen Organe, ein Chirurg würde es eine Amputation nennen, wird meistens

bei Krankheiten empfohlen, die es erforderlich machen, die Infektionsherde (z. B. Monilia Spitzendürre,

Apfelmehltau, Krautfäule der Tomaten usw.) zu entfernen.

Auch die Entfernung des Falllaubes kann einen Sinn haben, wenn dadurch die weitere Ausbreitung

des Schaderregers zumindest beschränkt werden kann. Diese Maßnahmen müssen, wenn sie einen

Sinn haben sollen, rechtzeitig (am besten noch im Herbst) durchgeführt werden, bevor es im

Frühjahr zur Bildung von Millionen, für die Verbreitung verantwortlichen Pilzsporen kommt. Apfelschorf

oder Kastanienminiermotte können hier die Beispiele angesehen werden.

Bei vielen Rostkrankheiten kann durch eine ausreichende Entfernung der Nebenwirte die Weiterentwicklung

der Krankheit total unterbrochen werden.

In Gärten, besonders in der Nähe von Friedhöfen oder Parkanlagen, ist eine solche Einigkeit bei

allen Beteiligten praktisch unmöglich.

Deshalb werden Jahr für Jahr im Frühjahr von den Wacholdern die Birnen und im Herbst umgekehrt,

die Wacholder von den Birnen infiziert.

Die Entfernung der ganzen Pflanze ist dann notwendig, wenn die Pflanzen mit vertretbaren Mitteln

nicht mehr zu retten sind, oder wenn von den Pflanzen die Gefahr ausgeht, andere Pflanzen mit

schwer oder sogar überhaupt nicht bekämpfbaren Krankheiten, manchmal auch Schädlingen, zu

infizieren.

Manche Krankheiten, wie der bakterielle Feuerbrand, fallen aufgrund ihrer enormen Gefährlichkeit

für ganze Bestände sogar unter die Quarantänebestimmungen. Die Rodung befallener Bäume kann

in solch einem Fall behördlich angeordnet werden.

Bei manchen Pilzkrankheiten, z. B. Rhizomfäule der Erdbeeren, ist es für den restlichen Bestand

besser, die erkrankten Pflanzen samt dem ganzen Wurzelballen aus dem Garten zu entfernen.

Der größte Fehler wäre, den Komposthaufen mit solchen Pflanzen bzw. Pflanzenteilen zu „verseuchen".

Auch bei vielen Schädlingen kann der Schnitt der Triebe (z. B. Ringelspinner) oder die Entfernung

der Blätter (z. B. Stachelbeerblattwespe) die Beseitigung der Eigelege und dadurch die Reduzierung

weiterer Schäden bedeuten.

Auch die Schädlinge selbst, einzeln oder in ganzen Kolonien (z. B. Kartoffelkäfer, Schnecken oder

Gespinste der Apfelbaumgespinstmotte) können, bevor sie weitere Schäden anrichten, mechanisch

entfernt bzw. beseitigt werden. Für die Verpuppungskokons (z. B. Fruchtschalenwickler), die befallenen

Knospen (z. B. Erdbeerblütenstecher) oder die befallenen Früchte (z. B. Schwarze Pflaumensägewespe)

gilt das gleiche Prinzip.

Bei kleinsten, meistens in großer Zahl auftretenden Schädlingen, wie Blattläuse oder Spinnmilben,

ist eine mechanische Bekämpfung der einzelnen Exemplare praktisch undurchführbar. Aber auch

bei so kleinen Schädlingen kann es vernünftig sein, die ganzen befallenen Triebabschnitte (z. B. die

mit einer Kolonie der Mehligen Blattlaus) zu entfernen, bevor die Schädlinge auf die nächsten Triebe

übergreifen.

Eine rechtzeitige Entfernung der "Rundknospen" beim Befall durch die Johannisbeergallmilbe gehört

auch zu dieser Gruppe der Maßnahmen.

Auch Unkräuter werden im Garten in den allen meisten Fällen mechanisch durch Jäten oder Hacken

bekämpft.

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Nicht alles aber kann per Hand abgepflückt oder zerdrückt werden, denn auf das Ausmaß des Befalls

kommt es an.

Durch die Entfernung der ganzen, unter Umständen heilbaren Pflanzen oder deren Teilen tun wir

das, was die Schaderreger machen, wir reduzieren sogar eigenhändig die Assimilationsfläche, entfernen

das, was wir eigentlich schützen wollten. Der Sinn solcher Maßnahmen muss gründlich

überlegt werden.

Biotechnischer Pflanzenschutz

Bei biotechnischen Pflanzenschutzmaßnahmen werden natürliche Reize oder Reaktionen der

Schädlinge ausgenutzt.

Abschreckstoffe, die sogenannten Repellens, werden in Zukunft sicherlich auch im Garten an Bedeutung

gewinnen. Durch Vogelscheuchen oder akustische Signale können Vögel z. B. von reifen

Kirschen ferngehalten werden. Manche Insekten werden von spezifischen Farbtönen angelockt.

Geleimte Gelbfallen werden zum Fangen der Kirschfruchtfliegen und der weißen Fliege verwendet,

was zur Reduktion des Befalls führt.

Von der weißen Farbe fühlen sich die Sägewespen (Apfelsägewespe und Pflaumensägewespe), von

der blauen Farbe manche Thripse angelockt.

Die Leimtafeln werden deshalb zur Reduzierung des Befalls oder zur Feststellung des Schädlingsaufkommens

genutzt.

Sexuallockstoffe, auch Pheromone genannt, gewinnen besonders im Obstgarten Jahr für Jahr an

Bedeutung.

Apfelwickler- und Pflaumenwicklerfallen werden sogar als Produkte für den Hobbygärtner angeboten.

Die männlichen Falter werden dabei durch den "Weibchenduft" in die Falle gelockt, wo sie auf

dem Leim kleben bleiben oder chemisch bekämpft werden. Die Weibchenbefruchtung wird dadurch

reduziert, was sich besonders bei schwachem Befallsdruck auf die Zahl der wurmigen Äpfel oder

Pflaumen positiv auswirkt.

Bei den Leimgürteln handelt es sich zwar um eine physikalische Barriere, bei der Frostspanner-

Bekämpfung allerdings werden auch diese als biotechnische Produkte gesehen. Die flügellosen

Weibchen des Frostspanners krabbeln, getrieben durch ihren natürlichen Vermehrungsdrang, den

Baumstamm empor, um auf dem Baum von den beflügelten Männchen begattet zu werden. Die

auf dem Stamm aufgelegten Leimringe werden ihnen zum Verhängnis.

Mit Fanggürteln aus Wellpappe kann man die Raupen des Apfelwicklers oder die des Pflaumenwicklers

dazu provozieren, diese als Verstecke zur Verpuppung zu nutzen. Eine regelmäßige Kontrolle

und anschließende Beseitigung der sich darin befindenden Larven fällt schon in den mechanisch-physikalischen

Bekämpfungsbereich.

Auf die „Kohlkragen“ werden Eier der Kohlfliege abgelegt, die dann samt den Manschetten entfernt

werden können.

Alle hier genannten Fallen-Arten reichen erfahrungsgemäß bei schwachem bis mittelstarkem Befall,

und leider nur für einzelne Schädlingsarten, aus.

Bei einem starken Befallsdruck können und sollen sie als ein perfektes standortspezifisches Prognoseinstrument

genutzt werden. Sie helfen nämlich zu entscheiden, ob überhaupt, und wenn ja,

wann exakt die Schädlinge biologisch oder chemisch am effizientesten zu bekämpfen sind.

Der biotechnische Bereich, die sehr kontrovers diskutierte Gentechnik gehört auch dazu, verspricht

die größten Entwicklungsfortschritte.

Leider, wie es bei Fortschritt manchmal üblich ist, verbirgt er auch Risiken.

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Biologischer Pflanzenschutz

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Der biologische Pflanzenschutz bedeutet den Einsatz von natürlichen Feinden der Schädlinge. Im

breiteren Sinne wird auch die Schonung der in der Natur lebenden natürlichen Gegenspieler mit

Recht dazugezählt.

Manche versuchen unter dem Begriff „biologischer Pflanzenschutz“ auch andere Maßnahmen unterzubringen.

Es geht nämlich um den Einsatz von pflanzlichen Extrakten, Jauchen oder Tees für

die Bekämpfung der Schädlinge. Da es sich hier nicht um lebende Organismen, sondern um die

zwar aus der Natur hergestellten, aber doch durch ihre Chemie wirkenden, ab gewissen Konzentrationen

unter Umständen auch für den Anwender und für Nützlinge gefährlichen Stoffe handelt,

müssten sie eindeutig als chemische Maßnahmen gesehen werden.

Tabakbrühe (Wirkstoff Nikotin) und die Brennnesselbrühe (Ameisensäure und andere Wirkstoffe)

sind die unrühmlichsten Beispiele dafür.

Im Garten gibt es eine ganze Reihe von nützlichen Tieren, die als natürliche Feinde der Blattläuse,

Schildläuse, Spinnmilben und anderer Schädlinge gelten. Die bekanntesten nützlichen Tierchen

sind die Florfliege, der Marienkäfer, die Schwebfliege, die Raubwanze, Schlupfwespen, Gallmücken,

Raubmilben, aber auch Igel und viele Vögel.

Alle haben eines gemeinsam – sie ernähren sich von Pflanzenschädlingen und das macht sie nützlich

und dadurch auch schonungswürdig.

Alle nützlingsschonenden Pflanzenschutzmaßnahmen müssten deshalb eindeutig bevorzugt werden.

Nützlingszucht und deren Einsatz hat sich bis jetzt in erster Linie für Gewächshäuser und Wintergärten

etabliert. Im Freiland und dadurch auch im Garten ist das Freisetzen der Nützlinge leider

meistens nicht effektiv genug. Dort hat sich aber der Einsatz von räuberischen Nematoden besonders

gegen die Larven des Dickmaulrüsslers bewährt. Sie werden leider oft im Mai/Juni ausgesetzt,

wenn die frischen „Buchtenfraßschäden“ der Käfer auf den Blättern festgestellt werden. Gegen die

Käfer wirken sie aber nicht und die Larven treten erst im Juli in Erscheinung.

Auch der Einsatz von Trichogramma-Eiparasiten gegen den Apfelwickler scheint, zumindest bei

einem schwachen Befall, ausreichend wirksam zu sein.

Die Anwendung von Mikroorganismen als Krankheitserreger der Schädlinge hat im Pflanzenschutz

jahrelange Tradition. Die bekanntesten Bio-Präparate sind die mit dem Bakterium "Bacillus thuringiensis",

die gegen einige Schmetterlingsraupen wirksam sind. Sie werden im Spritzverfahren auf

die befallenen Pflanzen ausgebracht und gelangen durch den Fraß der Raupen in den Darmtrakt

der Raupen hinein.

Durch diese "Darminfektion" können z. B. die jungen Raupen des Frostspanners, des Kohlweißlings

und andere bekämpft werden.

Für den biologischen Pflanzenschutz im Obstgarten werden auch erste viröse Krankheitserreger

angeboten. Sie beinhalten den sehr selektiv, nur gegen die Larven des Apfelwicklers (die sogenannten

Obstmaden) wirkenden "Granulose-Virus".

Die beiden biologischen Pflanzenschutzmittel sind, genauso wie die weiter beschriebenen chemischen

Pflanzenschutzmittel, zulassungspflichtig.

Pilzkrankheitserreger, die gegen Pflanzenschädlinge im Garten eingesetzt werden können, werden

sicherlich in den nächsten Jahren auch Produktreife erreichen.

Die biologische Schädlingsbekämpfung ist sicherlich sehr umwelt- und anwenderfreundlich und sie

soll eindeutig stärker als bis jetzt in den Vordergrund gestellt werden. Die Zahl der zur Verfügung

stehenden Verfahren ist leider zurzeit noch äußerst unzureichend und ihre Wirksamkeit ist nur bei

sehr exakten, rechtzeitigen Bekämpfungsterminen ausreichend.

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Chemischer Pflanzenschutz

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Chemischer Pflanzenschutz bedeutet der Einsatz von chemischen Substanzen, um Pflanzen vor

Schadorganismen oder unbelebten Schadursachen zu schützen. Im Wesentlichen geht es darum,

die Schaderreger zu beseitigen. Das bedeutet sie zu vergiften, zu verätzen, zu ersticken oder sie

anderweitig an ihrer weiteren Entwicklung und dadurch an der weiteren Schädigung der Pflanze zu

hindern.

Die aktuell zugelassenen Pflanzenschutzmittel sind nach heutigem Wissensstand bei sachgerechter

Anwendung – und nur bei sachgerechter Anwendung – sowohl für die Pflanzen, als auch für den

Anwender und die Umwelt unschädlich. Bei Missbrauch können sie, genauso wie auch Medikamente,

Alkohol oder Autos, schädlich oder sogar tödlich wirken. Aus diesem Grund ist bei der

Handhabung und Anwendung Vorsicht und ein gesunder Menschenverstand gefordert.

"So wenig Chemie wie möglich und so viel wie notwendig!" lautet die einzig vernünftige Devise der

Krankheits- und Schädlingsbekämpfung, und zwar nicht nur im Garten und nicht nur an den Pflanzen

als Patienten.

Integrierter Pflanzenschutz

Allen vorher genannten außerchemischen Maßnahmen sollte man im Garten eindeutig Vorrang

einräumen.

Wir sollen uns alle permanent darum bemühen, die in unseren Gärten entstehenden Probleme so

naturnah wie nur möglich zu lösen.

Je mehr man über die Pflanzen selbst, insbesondere über die Schadfaktoren und die Schaderreger

weiß, und je tiefer das Wissen darüber ist, desto erfolgreicher und umweltgerechter können diese

behoben und unter Umständen bekämpft werden.

Die Wissenschaft, die Züchtung und die Industrie müssen sich verstärkt weiter darum bemühen,

neue Verfahren, Sorten und Produkte zu entwickeln und zu etablieren, die die weitere Reduktion

oder sogar in Einzelfällen ein Verzicht auf chemische Maßnahmen ermöglichen.

Bei manchen Krankheitserregern und Schädlingen kann aber, besonders bei starkem Befallsdruck,

das Zurückgreifen auf die chemischen Bekämpfungsmaßnahmen zurzeit noch notwendig werden.

Das, was für den Humanmediziner gesunde Lebensweise, Naturheilkunde, Vorsorge, nicht medikamentöse

und letztendlich, wenn das alles nicht hilft, die medikamentöse Behandlung bedeutet,

ist für den Pflanzendoktor der "Integrierte Pflanzenschutz".

Integrierter Pflanzenschutz ist eine Kombination von Maßnahmen, bei denen unter vorrangiger

Berücksichtigung anbau- und kulturtechnischer, mechanischer, biologischer sowie biotechnischer

Maßnahmen, die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel auf das notwendige Maß beschränkt

wird.

Eine medikamentöse Behandlung, in diesem Fall der chemische Pflanzenschutz, soll in beiden

Fällen als Ultima Ratio (allerletztes Mittel) gesehen werden!

Vorteile, Bedenken und Nachteile des chemischen Pflanzenschutzes

• Durch die Zulassung bestätigte ausreichende Wirksamkeit

• Schnelle Wirkung

• Wirksamkeit oft auch bei einem späteren Befallsstadium, wenn die anderen Maßnahmen

versagen

• Bei manchen Maßnahmen eine heilende Wirkung möglich

• Breite Palette gegen die meisten Schaderreger wirkender Maßnahmen

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Es gibt noch heute, sowohl im Pflanzenschutz wie auch in der Humanmedizin, lunheilbare Krankheiten

und im Besonderen unheilbare Krankheitsstadien. Der medizinische Erfolg kann deshalb nur

durch die Kompetenz und Rechtzeitigkeit der Diagnose, durch die Richtigkeit der Maßnahmen- und

der Mittelauswahl sowie durch die sachgerechte Durchführung der Maßnahme selbst erreicht werden.

Sonst werden die oben genannten Vorteile zu Nachteilen.

• Höchste finanzielle Effizienz – günstigstes Verhältnis zwischen dem Arbeits- und Kostenaufwand

einerseits, und der Ertragsteigerung anderseits.

Wird dieser Vorteil in einem Freizeitgarten gebraucht? Rationell und objektiv gesehen – nicht unbedingt.

Subjektiv aber, wie schon früher gesagt – oft ja. Und das muss von der Gesellschaft, von

der Politik und deshalb auch von den gesetzgebenden Organen und durchführenden Behörden

akzeptiert werden.

Bequemlichkeit und ökonomisches Denken, besonders dort, wo es Not tut, darf auch im Garten

durch die Behörden nicht unterbunden oder sogar strafbar gemacht werden.

• Durch die Zulassung belegte Ungefährlichkeit für die Pflanzen, den Anwender und die Umwelt.

Die Gegner des chemischen Pflanzenschutzes behaupten gerade das Gegenteil und gerade dies

führt oft zu prohibitiven Entscheidungen des Gesetzgebers. Ungefährlichkeit ist selbstverständlich

nur, ich betone ausdrücklich nur, bei einer sachgerechten, alle Auflagen befolgenden Anwendung

des Mittels gewährleistet. Jeder Missbrauch kann zu einer Gefährdung führen.

B 1 - Produkte gefährden die Bienen nicht, wenn man sie nicht in die Blüte, nicht bei honigtautragenden

Pflanzen und nicht im Umkreis von 60m um Bienenstock herum spritzt.

Die Produkte mit der W-Auflage gefährden das Grundwasser nicht, wenn man sie nicht in einen

Wasserschutzgebiet anwendet.

Wenn ein Pflanzenschutzmittel trotz seiner sachgerechten Anwendung unvertretbar gefährlich wäre,

bekäme es keine Zulassung oder würde sie bei neuen Kenntnissen sofort verlieren!

Gilt dieser Missbrauchvorbehalt praktisch nicht für alles, womit wir zu tun haben? Für Autos, trotz

der achttausend Unfalltoten jährlich, für die Medikamente, sogar für das Messer und die Gabel?

Eigentlich ja, nur scheinbar nicht für die Pflanzenschutzmittel. Die Hobbygärtner werden unisono

zu den „Umweltsündern der Nation“ erklärt.

Weil sie anscheinend, trotz einer Zahl von 18 Millionen, keine Lobby haben. Man vergisst dabei

sogar, dass sie alle Wähler sind.

Das ist parteipolitisch suizidverdächtigt.

Laut Statistik der Gesundheitsbehörden kommt es jährlich zu mehr als dreißigtausend Vergiftungsfällen,

die auf die giftigen Pflanzen in Gärten und in Zimmern zurückzuführen sind. Eigentlich

müsste man sie verbieten.

Warum werden in diesen besonderen Fällen die Pflanzen – statt der Bürger – von der Politik und

den Behörden geschützt?

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In-vitro-Vermehrung als moderne Reproduktionsform

Dr. Ina Pinker

Humboldt-Universität zu Berlin

Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät

1 Die Bedeutung der In-vitro-Kultur von Pflanzen

Die In-vitro-Vermehrung ist eine spezielle Anwendung der Biotechnologie für die vegetative Vermehrung

von Pflanzen. Für die Pflanzenvermehrung spielen vor allem folgende Vorteile der Invitro-Kultur

eine Rolle:

• Hohe Vermehrungsraten. Aus einer Ausgangspflanze

können in einem Jahr Hunderte, Tausende oder theoretisch

sogar Millionen genetisch identische Tochterpflanzen

erzeugt werden.

• Die Vermehrung ist unabhängig von den Jahreszeiten.

Im Jahr können sechs bis zwölf Vermehrungszyklen

realisiert werden.

• Bisher vegetativ schwer vermehrbare Pflanzen können

in großem Umfang vermehrt werden.

• Die Lagerung von Mutterpflanzen ist auf kleinem

Raum möglich.

• Virus- und pathogenfreies Material kann aus kranken

Pflanzen gewonnen werden (Gesundpflege).

Abb. 1: Mikrostecklinge auf sterilem Nährsubstrat

Für Züchtungsfirmen gehört die In-vitro-Kultur inzwischen zu den Standards für eine rasche Vermehrung

ausgewählter Züchtungsprodukte, um schnell neue Sorten anzumelden und auf den

Markt zu bringen. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts wird die In-vitro-Vermehrung auch für die

Massenvermehrung von gärtnerischen Kulturen angewendet. Für ein breites Sortiment an Zierpflanzen

(Orchideen, Schnittblumen, Topfpflanzen), Beerenobst (Erdbeeren, Himbeeren) und Gehölzen

(Flieder, Rhododendron, Rosen) werden Jungpflanzen in vitro produziert. In Deutschland

sind das jährlich mehr als 50 Milionen Jungpflanzen, die in etwa 35 Laboren hergestellt werden. Die

weltweite Produktion liegt weit darüber, wobei leider verlässliche Zahlen nicht zur Verfügung ste-

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hen. In-vitro-Labore gibt es inzwischen in fast allen Ländern. Da die Produkte sich im Glas leicht

transportieren lassen, nutzen die Firmen gern Länder mit niedrigem Lohnniveau für die Massenvermehrung.

Was wird produziert?

Hochwertige gärtnerische Kulturen

• Orchideen 40 Mio pro Jahr

• Zierpflanzen 10 Mio pro Jahr

• Beerenobst 4 Mio pro Jahr

• Gehölze 2 Mio pro Jahr

• Arznei- und Gewürzpflanzen 0,1 Mio pro Jahr

Quelle ADIVK 2008

Neben der vegetativen Vermehrung zur Herstellung muttergleicher Nachkommen (Verklonung)

werden In-vitro-Methoden wie die Meristemkultur auch zur Gesundpflege viruskranker Pflanzen

verwendet. Für alle vegetativ vermehrten Kulturen wie Kartoffeln, Obstgehölze oder Erdbeeren eine

einzigartige Möglichkeit, die Gesundheit und damit die Leistungsfähigkeit der Sorten zu erhalten

bzw. wieder herzustellen.

Ein weiteres wichtiges Anwendungsgebiet ist die Lagerung von Mutterpflanzen für die Vermehrung

oder als Zuchtmaterial. Bei niedrigen Temperaturen (4 bis 8°C) lassen sich die In-vitro-Kulturen auf

kleinem Raum (pro Quadratmeter gut 600 Sprosse) über Monate bis Jahre lagern und sind nicht

Umwelteinflüssen ausgesetzt. Inzwischen wird auch die Lagerung in flüssigem Stickstoff bei -196°C

erprobt. Dieses Anwendungsgebiet der In-vitro-Kultur wird zunehmend auf gefährdete Arten ausgedehnt

und kann zur Erhaltung der Biodiversität beitragen.

Seit den ersten Versuchen von Gottfried Haberlandt (1902), pflanzliche Gewebe auf künstlichem

Nährmedium unter Ausschluss von Mikroorganismen (steril) zu kultivieren, hat sich die pflanzliche

Biotechnologie entscheidend weiter entwickelt. In-vitro-Methoden, die für Vermehrung und Züchtung

neue Möglichkeiten bieten, ergänzen heute ganz selbstverständlich die konventionellen Methoden.

2 Das Prinzip der In-vitro-Kultur

Die In-vitro-Kultur erfordert sterile und kontrollierte Kulturbedingungen. Das Pflanzenmaterial wird

durch Behandlung mit Desinfektionsmitteln keimfrei gemacht und unter sterilen Bedingungen in

einer Laminarbox bearbeitet. Alle verwendeten Geräte, Gefäße und Instrumente wie Skalpell und

Pinzette müssen für den Arbeitsprozess steril sein. Die Nährmedien werden im Autoklaven bei

121°C keimfrei gemacht. Die Pflanzen bzw. Gewebe wachsen in geschlossenen Kulturgefäßen unter

kontrollierten Bedingungen in einem klimatisierten Kunstlichtraum heran (Temperatur 22 – 28°C,

Beleuchtungsstärke 2 – 10 klux).

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Abb. 2: Steriler Arbeitsplatz – Laminarbox Abb. 3: Klimatisierter Kunstlichtraum zur Anzucht der Kulturen

Das Nährmedium erhält alle notwendigen Makro- und Mikronährstoffe, jedoch 2 bis 4mal höher

konzentriert als in üblichen Düngern. Darüber hinaus werden organische Substanzen wie Vitamine,

Wachstumsregulatoren (z. B. Auxin und Cytokinin) und Zucker zur Unterstützung bzw. Kontrolle

der Entwicklungsprozesse und als Energielieferanten dazugegeben. Cytokinine fördern die Sprossentwicklung

und -vermehrung. Auxine induzieren die Wurzelbildung. Die Nährlösung wird meist

durch Zugabe von Agar agar verfestigt, damit die Pflanzengewebe auf der Oberfläche des Nährmediums

wachsen können und so gut mit Sauerstoff versorgt sind. Die Gewebe werden alle 2 bis 8

Wochen auf ein frisches Nährmedium übertragen. Jede Phase der In-vitro-Kultur hat spezifische

Ansprüche an die Kulturbedingungen und das Nährmedium.

3 Beispiele für in vitro vermehrte Pflanzen

Orchideen

Durch die Sterilaussaat von Orchideensamen wurde die erste Massenvermehrung dieser bis dahin

sehr kostbaren und meist noch wild gesammelten Zierpflanzen möglich. Eine Samenkapsel enthält

hunderte oder auch tausende extrem kleine Samen, die für ihre Entwicklung in der Natur zur Nährstoffversorgung

auf die Symbiose mit Pilzen angewiesen sind.

Die Erfolgsgeschichte der Orchideenkultur

Vom Luxusgut zur Massenware

1 Jahr

Abb. 4: Die Erfolgsgeschichte der

Orchideenkultur

In vitro übernimmt das Nährmedium diese Versorgungsfunktion und dadurch können fast alle

Samen keimen. Sie bilden zunächst so genannte Protokorme, die sich sogar teilen können und so

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zu einer weiteren Vermehrung des Materials beitragen. Der Nachteil der Vermehrung über diese Invitro-Aussaaten

ist die Aufspaltung der Nachkommenschaften.

Inzwischen beherrscht man auch die vegetative Vermehrung der Orchideen über Sprosskulturen

und kann dadurch einzelne wertvolle Züchtungsnachkommen verklonen. Es gibt seit einigen Jahren

dadurch einen neuen Orchideenboom, der uns in den Blumengeschäften eine ungeahnte Vielfalt

auch bei den klassischen Orchideen wie Phalaenopsis und Paphiopedilum bringt.

Erdbeeren

Die Erdbeere als unsere wichtigste Beerenfrucht wird traditionell vegetativ über Ausläufer vermehrt.

Diese Vermehrungsform führt zur Anreichung von Virosen und systemischen Krankheiten, die Ertragsverluste

verursachen. Zur Erhaltung leistungsfähiger Zuchtklone sind deshalb die In-vitro-

Kultur und insbesondere die Meristemkultur die Methode der Wahl. Erdbeeren werden seit 1960 in

vitro kultiviert und nach der Virusfreimachung über die Meristemkultur eventuell kombiniert mit

einer Wärmetherapie schließt sich die In-vitro-Vermehrung der getesteten, gesunden Sprosse an. In

der BRD werden jährlich ca. 3 Milionen Jungpflanzen, die virusfrei sind, für den Hobbybereich angeboten.

Abb. 5: Sprossspitze mit Blattanlagen und

dem Meristem (Pfeil)

Bei der Meristemkultur wird der Sprosskegel in einer Größe

von weniger als einem Millimeter (0,2 bis 0,5mm) isoliert und

auf das Nährmedium gebracht. Dieser Bereich hat keine Verbindung

zu den Leitgefäßen, ist virusarm und auch frei von

Krankheiten, die über die Leitgefäße (systemisch) verbreitet

werden. Da es praktisch unmöglich ist, nur das eigentliche

Meristem zu isolieren, müssen die regenerierten Sprosse auf

Virus und andere Krankheiten getestet werden. Nur die als

krankheitsfrei identifizierten Sprossen werden für die Vermehrung

verwendet.

Jungpflanzen aus der In-vitro-Vermehrung zeichnen sich

durch eine verstärkte Ausläuferbildung aus. Es wurden drei-

bis viermal mehr Ausläufer als an konventionellen Pflanzen

gezählt. Wenn im Mai gepflanzt wird, können – sortenabhängig

– bis Dezember bis zu 60 Tochterpflanzen gewonnenen

werden. Dieses starke vegetative Wachstum geht zunächst

zulasten des Ertrages und bei Botrytis-anfälligen Pflanzen

treten durch das dichte Blattwerk verstärkt Infektionen auf. Die

abvermehrten Pflanzen sind aber dann ertragsstark. Auf leichten Böden kann aber die Fruchtgröße

aufgrund der hohen Fruchtanzahl beeinträchtigt sein.

Gehölze (Syringa, Prunus, Rhododendron)

Ziergehölze gehören zum Standardsortiment der In-vitro-Vermehrungslabore. Man kann In-vitro-

Sorten, die sonst nur aufwändig über Veredlung vermehrbar sind (wie Flieder-Hybriden), auf eigener

Wurzel vermehren und vermeidet dadurch ein Durchtreiben der Unterlage. Es muss natürlich

untersucht werden, ob die wurzelechten Pflanzen die gleiche Standfestigkeit, Standorteignung und

Blühwilligkeit besitzen wie die veredelten. Gelegentlich wird ein verzögertes Blühen beobachtet.

Nach der In-vitro-Kultur zeichnen sich viele Gehölze durch eine bessere Bewurzelungsfähigkeit aus,

was mit einem Verjüngungseffekt durch die In-vitro-Kultur erklärt wird. Es bietet sich an, die Invitro-Pflanzen

als Mutterpflanzen für eine konventionelle Stecklingsvermehrung zu nehmen, um so

das Vermehrungspotential der teuren In-vitro-Pflanzen zu nutzen. Der Sortenschutz muss natürlich

dabei beachtet werden. Ein weiterer Vorteil gerade bei Ziersträuchern ist eine stärkere Verzweigung

nach der In-vitro-Kultur. Die Mikrovermehrung ermöglicht es auch, Neuzüchtungen bzw. Selektionen

wie die kalktoleranten Rhododendronunterlagen (INKARHO) oder die schwachwüchsige Ap-

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felunterlage GISELA schnell auf den Markt zu bringen. Für Obstgehölze spielt besonders der Aspekt,

gesundes virusfreies Elitematerial anzubieten, eine entscheidende Rolle.

Was sind Vorteile für die Gehölzvermehrung?

- Wurzelecht

• Verbesserte Bewurzelung in vitro und nach in vitro

• keine Veredlung erforderlich

• kein Durchtreiben der Unterlage

- Stärkere Verzweigung

- Virusfreies Material

- Schnelle Reaktion auf dem Markt

4 Der Ablauf der In-vitro-Vermehrung

Wenn eine Kultur in vitro vermehrt werden soll, durchläuft sie vier Stadien in vitro („im Glas“), die

alle besondere Anforderungen an die Kulturführung und die Nährmedien haben. Der Erfolg einer

In-vitro-Vermehrung wird aber nicht selten schon von der Mutterpflanze, ihrem Gesundheitsstatus,

ihrer Vitalität und ihrem Wachstumsrhythmus bestimmt. Die sorgfältige Auswahl und Vorbereitung

der Mutterpflanze, sowie die geschickte Auswahl des so genannten Explantes (Teil der Pflanze, der

in Kultur genommen wird) beeinflussen gerade bei mehrjährigen Pflanzen häufig den Erfolg der

Desinfektion und die Etablierung (Anpassung) der Explantate an die In-vitro-Bedingungen. Sehr oft

werden ca. ein Zentimeter große Sprosssitzen oder Stängelstücke mit Achselknospen verwendet.

Diese garantieren aber keine Virusfreiheit des Materials. Wenn eine Gesundpflege erforderlich ist,

muss mit einer Meristemkultur (s. Erdbeere) begonnen werden.

Stadien der Mikrovermehrung

• Stadium 0

– Auswahl der Mutterpflanze

– Auswahl des Explantats

– Desinfektion

• Stadium 1

– Etablierung in vitro

• Stadium 2

– Vermehrung

• Achselsprosskulturen

• Adventivsprosskulturen

• Somatische Embryogenese

• Stadium 3

– Bewurzelung

• Stadium 4

– Akklimatisation

Abb. 6: Stadien der Mikrovermehrung

Die Isolation des Explantats von der Mutterpflanze und dessen Behandlung mit Desinfektionsmitteln

zum Abtöten der Pilze und Bakterien, die die Pflanzenoberfläche besiedeln, üben einen nicht

unerheblichen Stress auf das Pflanzengewebe aus. Das Stadium 1 der In-vitro-Kultur, die Etablierung,

ist die Zeit, in der sich das Pflanzengewebe von diesem Stress erholt und an die neuen

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Wachstumsbedingungen sowie das Nährmedium anpasst. Diese Phase ist abgeschlossen, wenn

das Explantat zu wachsen und sich zu vermehren beginnt.

Es schließt sich dann Stadium 2 an, in dem das Pflanzenmaterial vermehrt wird und indem es im

Rhythmus von zwei bis acht Wochen geteilt und auf ein frisches Nährmedium gebracht wird. Dieser

Vorgang wird solange fortgesetzt, bis die gewünschte Pflanzenanzahl vorhanden ist. Auch Material,

was man lagern möchte, wird meist aus dieser Phase entnommen. Es gibt im Wesentlichen

drei Vermehrungsverfahren, die für die Mikrovermehrung verwendet werden. Diese werden im Folgenden

genauer beschrieben.

Die Gewährleistung der genetischen Stabilität bei der Vermehrung wird am besten durch die Vermehrung

über Achselsprosskulturen erreicht. Dieses Verfahren beruht auf der Teilung der Sprosse

in knospentragende Segmente (ein Zentimeter große Ministecklinge). Je nach Wuchstyp bildet sich

ein neuer Spross, der geteilt wird oder es entsteht ein Büschel neuer Sprosse, die dann isoliert

werden. Je nach Kultur kann man in vier Wochen eine Vermehrungsleistung von 1:2 bis 1:4 erzielen.

Diese Vermehrung ist damit ein relativ langsames Verfahren mit einem hohen Handarbeitsaufwand.

Abb. 7: Sprosskultur von Prunus glandulosa

Eine höhere Vermehrungsleistung kann über die Regeneration von Adventivsprossen erzielt werden.

Dieses Verfahren nutzt die Totipotenz der Pflanzenzellen (Stammzellencharakter) und ermöglicht

theoretisch, dass aus jeder Zelle eine neue Pflanze regeneriert wird. Dabei wird aber der Gewebeverband

zerstört, Chimären entmischen sich und Mutationen kommen zum Tragen, was zu

Veränderungen der Nachkommenschaften im Vergleich zur Mutterpflanze führen kann. Eine genetisch

identische Nachkommenschaft ist nicht garantiert. Es muss also immer geprüft werden, ob

dieses Verfahren für die In-vitro-Vermehrung geeignet ist.

Abb. 8: Adventivsprossregeneration auf einem Blattstück einer

Erdbeerpflanze

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Das größte Vermehrungspotential bietet die

somatische Embryogenese. Dabei entstehen aus

Zellen des Grundgewebes muttergleiche Embryonen.

Es gibt aber auch bei diesem Verfahren eine

Unsicherheit über die genetische Konstitution der

Nachkommen (siehe Adventivsprosse).

Abb. 9: Somatische Embryonen bei Cimicifuga

Die entscheidenden Vorteile der somatischen Embryogenese sind:

- dass sich darüber Pflanzen wie z. B. Weihnachtsbäume, die sonst nicht vegetativ vermehrbar

sind, verklonen lassen

- dass dieses Verfahren im Bioreaktor ablaufen kann und somit weniger Handarbeit notwendig

ist

- dass vollständige Pflanzen gebildet werden, die nicht eine extra Bewurzelungsphase benötigen.

In der Vermehrungsphase wird meist mit Sprosskulturen ohne Wurzeln gearbeitet. Das ist einfacher

für die Handhabung, erfordert aber ein Stadium 3 für die Bewurzelung der Sprosse. Dieses

Stadium wird als das kostenintensivste angesehen, da hier alle Sprosse vereinzelt und als Mikrosteckling

bearbeitet werden müssen. Besonders hoch sind diese Kosten, wenn Stadium 3 in vitro

unter sterilen Bedingungen stattfindet. Es wird deshalb angestrebt, die Bewurzelung schon in unsterilen

aber geschützten Bedingen (ex vitro) vorzunehmen. Für Pflanzen wie Flieder ist das einfach.

Mini-Stecklinge von 2 bis 4 cm Größe werden in ein Substrat gesteckt und unter gespannter

Luft gehalten, bis sie ausreichen Wurzeln gebildet haben. Pflanzen, die aber sehr schwer bewurzeln

oder im unbewurzelten Zustand sehr empfindlich sind, werden in vitro bewurzelt. Durch die Zugabe

von Auxin zum Bewurzelungsmedium kann eine Bildung von Adventivwurzeln induziert werden.

Abb. 10: In-vitro-Bewurzelung Abb. 11: Ex-vitro-Bewurzelung

In vitro bewurzelte Sprosse benötigen das Stadium 4, die Akklimatisation, um sich an die Wachstumsbedingungen

im Gewächshaus oder sogar im Freiland anzupassen. Bei ex vitro bewurzelten

Sprossen hat diese Akklimatisation schon während der Bewurzelung begonnen.

- Alle in vitro gebildeten Sprosse müssen sich in der Akklimatisation an höhere Lichtintensitäten

gewöhnen. Dafür werden die In-vitro-Blätter, die extreme Schattenblätter sind, umgebil-

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det oder es müssen sogar erst neue Blätter entstehen, bevor de Pflanzen die volle Photosyntheseleistung

bringen können. In vitro hatten sie ihre Energie im Wesentlichen aus dem Zucker

des Nährmediums bezogen.

- Darüber hinaus müssen die Pflänzchen, die in der wasserdampfgesättigten Atmosphäre der

Kulturgefäße in vitro keinen Verdunstungsschutz benötigt haben, diesen entwickeln.

- Man sollte auch nicht vergessen, dass die Pflanzen aus der sterilen Umgebung kommend,

erst ihre Abwehrkräfte aufbauen müssen.

Beachtet man die Schutzbedürftigkeit der In-vitro-Pflanzen beim Übergang in die gärtnerischen

Bedingungen nicht, gibt es große Verluste bis hin zum Totalausfall. Da die Pflänzchen kaum Reserven

mitbringen, kann dieser Verlust schon in Minuten der Unaufmerksamkeit entsteht.

5 Weitere Potenziale der In-vitro-Kultur

Die In-vitro-Kultur ergänzt die Methoden der klassischen Pflanzenzüchtung, wenn es um Schaffung

neuer genetischer Variabilität geht.

- Es gibt in allen Pflanzen Mutationen, die während der Entwicklung der Pflanze in den Zellen

des Grundgewebes angereichert werden (somaklonale Variabilität), aber nicht vererbt werden

können, da diese Zellen nicht zur Gametenbildung beitragen. Dadurch, dass sich aus jede

Zelle eine neue Pflanze entwickeln kann, kann diese vorhandene Variabilität genutzt werden.

- Im natürlichen System der Pflanze gibt es Kreuzungsbarrieren, so dass der Züchter nicht

immer die Wunschpartner kreuzen kann, um z. B. Resistenzen, die in Wildpopulationen

noch vorhanden sind, in die Kultursorten zu bringen. Die Verschmelzung von Protoplasten

(vereinzelte Zellen ohne Zellwand), die aus den Wunscheltern gewonnen werden, kann zur

Überwindung dieser Kreuzungsbarrieren genutzt werden.

- Hochleistungsfähige F1-Pflanzenhybriden für den Intensivanbau entstehen durch Kreuzung

reinerbiger Elternlinien. Die Gewinnung dieser Elternlinien ist nur möglich, wenn die Ausgangspflanzen

immer wieder geselbstet werden. Die Inkulturnahme von Antheren (Staubbeuteln)

oder Pollen ermöglicht es schneller zu diesen reinerbigen Linien zu kommen.

6. Fazit

- Die In-vitro-Kultur ist seit ca. 50 Jahren eine etablierte Methode zur genetisch identischen

Vermehrung (Klonung) von gärtnerischen Kulturen in Forschung, Pflanzenzüchtung und in

der Jungpflanzenproduktion.

- Die Meristemkultur ermöglicht die Gesundpflege virusbefallener Pflanzen und erhält so die

Leistungsfähigkeit wertvoller Sorten.

- Nach der In-vitro-Vermehrung zeichnen sich die Pflanzen oft durch eine höhere Vitalität,

stärkeres vegetatives Wachstum und bessere Wurzelbildung aus. Es kann aber auch eine

verzögerte Blütenbildung auftreten.

- Eine Jungpflanzenproduktion in vitro wird durchgeführt, wenn die mikrovermehrten Pflanzen

mit konventionellen Jungpflanzen (Stecklingen, Veredlungen, Sämlingen) preislich konkurrieren

können oder entscheidende Qualitätsvorteile aufweisen.

- In der Pflanzenzüchtung werden In-vitro-Techniken auch eingesetzt, um mehr Variabilität zu

erzeugen und so neue Sorten zu züchten. Sie werden aber auch genutzt, um genetische Vielfalt

zu erhalten.

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Pflanzenqualität nach BdB (Bund deutscher Baumschulen)

Peter Heydorn

Heydorn Baumschulen, Bevern

Vorteile für Viele

Wie unterscheidet man gute von schlechter Qualität? Für die meisten Produkte auf dem Markt gibt

es Qualitätskriterien, die dem Verbraucher helfen, gute von schlechter Ware zu unterscheiden. Solche

Qualitätsbeschreibungen gibt es auch für Baumschulgehölze. Exakte Darstellungen von Gehölzqualitäten

haben für unterschiedliche Personengruppen Vorteile. Wiederverkäufer können sich

auf Qualitäten berufen, dass heißt ein Händler kann seinen Kunden gute Ware versprechen, ohne

sie selbst produziert zu haben. Der Zwischenhändler kauft also in einer produzierenden Baumschule

vorher beschriebene Qualitäten ein und kann sie dann seinem Kunden mit einer Garantie weiter

verkaufen. Anbieter haben ein klares Ziel in der Produktion. Sie wissen genau, welche Qualität sie

für Ihre Kunden produzieren müssen. So können sie dann auf gewisse Weise sicher sein, ihre Ware

zu bestimmten Preisen und ohne Angst vor Reklamationen absetzen zu können, wenn sie die Qualitätsstandards

einhalten. Nachfrager können sich auf diese Standards verlassen. Unabhängig davon,

ob man einen Anbieter kennt, braucht man nur auf die festgelegten Qualitätsmerkmale zu

achten, um gute Ware zu erhalten.

Aus der Praxis – für die Praxis!

Entstanden sind die Qualitätsbeschreibungen aus der Praxis heraus. Beim Handel der Baumschulen

untereinander wurde es zunehmend wichtig, die Ware nach klaren Richtlinien zu ordern und zu

verkaufen. So erarbeiteten Baumschulpraktiker erste kollegiale Absprachen. Diese machten es möglich,

die Pflanzen telefonisch bestellen, ohne die Ware zunächst „vor Ort“ zu begutachten. Der Arbeitgeberverband

der Baumschulbetriebe, der Bund deutscher Baumschulen (BdB), griff diese Idee

auf und machte erste Absprachen „amtlich“. Der Verband leitete die Erarbeitung von Qualitätsbeschreibungen

weiter an verschiedene Fachausschüsse. In den Fachausschüssen befassten sich

jeweilige Experten (z. B. für Laubgehölze, für Koniferen oder für Jungpflanzen) mit verschiedenen

Gehölzgruppen und wiesen diesen dann die entsprechenden Qualitätsstandards zu.

Qualitätsstandards ohne Geheimnisse

So dauerte es nicht mehr lange, bis die Qualitätsbeschreibungen auch veröffentlicht wurden. Die

Fachkataloge von Baumschulbetrieben enthalten neben ihren Preisen stets außerdem die einheitlichen

Qualitätsbeschreibungen. Nur wenn neben den Produzenten auch die Abnehmer gut informiert

sind, können alle davon profitieren. Deshalb finden sich in diversen Fachzeitschriften immer

wieder Artikel zu dieser Thematik. Gärtnerische Fachzeitschriften wie „Taspo“, „Deutsche Baumschule“

und „Garten- und Landschaft“ greifen in regelmäßigen Abständen das Thema auf. So soll

ein großer Personenkreis über die Gehölzqualitäten und die jeweiligen Neuerungen informiert werden.

Inzwischen enthalten alle Angebote und Aufträge, in denen es um Gehölze geht, auch die differenzierten

Beschreibungen von Qualitäten. Etiketten an Einzelpflanzen und größeren Aufträgen

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geben neben dem Pflanzennamen und der Stückzahl immer Auskunft über die Qualität. Die Forschungsgesellschaft

für Landschaftsentwicklung und Landschaftsbau (FLL) gibt – im Auftrage des

Bundes deutscher Baumschulen – Broschüren heraus, in denen alle Qualitäten ausführlich beschrieben

sind. Diese Broschüren kann jedermann bei der FLL bestellen.

Produktgruppen und Abkürzungen: Fachwissen gefragt!

Innerhalb der Baumschulgehölze gibt es verschiedene Produktgruppen (z. B. Bodendecker, Sträucher,

Containerpflanzen, Ballenpflanzen, Solitärgehölze, Bäume). Für jede dieser Produktgruppen

gibt es spezielle Qualitätsbeschreibungen.

Sichtbar sind die Qualitätsbeschreibungen häufig nur als Abkürzungen. Diese muss man lesen

können.

Nachfolgend ein paar Hilfen, die gängigen Qualitäten einordnen zu können:

Sträucher sind laubabwerfende Gehölze, die sich von Natur aus an der Basis verzweigen. Hierzu

gehören Gehölze wie Amelanchier (Felsenbirne), laubabwerfende Berberis-Arten (Berberitzen),

Corylus (Haselnuss), Cornus (Hartriegel), Ligustrum-Arten (Liguster), Salix (Weiden), Forsythien,

Weigelien, Deutzien und viele mehr. Diese Gehölze werden verkauft als lStr (= leichter Strauch)

und vStr, (= verschulter Strauch) und zusätzlich nach Größen und Triebzahlen gehandelt:

Berberis thunbergii Sambucus nigra Ligustrum vulgare Atrovirens

Abb. 1: Leichter Strauch, 2 Triebe,

Größe 40-70 cm (l.Str. 2 Tr. 40-70)

verpflanzter Strauch, 3 Triebe, Größe 40-

60 cm (v.Str. 3 Tr. 40-60)

lStr 40/70 2 Triebe

lStr 70/90 2 Triebe

vStr 40/60 3 Triebe

vStr 60/100 3 Triebe

vStr 100/150 4 Triebe

Abb. 2: Leichter Strauch, 2 Triebe,

Größe 70-90 cm (l.Str. 2 Tr. 70-90)

verpflanzter Strauch, 3 Triebe, Größe

100-150 cm (v.Str. 3 Tr. 100-150)

Abb. 3: Leichter Heckenstrauch, 3 Triebe,

Größe 50-80 cm (l.He. 3 Tr. 50-80)

leichter Heckenstrauch, 5 Triebe, Größe

50-80 cm (l.He. 3 Tr. 50-80)

verpflanzter Heckenstrauch, 6 Triebe,

Größe 60-100 (v.He. 6 Tr. 60-100)

verpflanzter Heckenstrauch, 8 Triebe,

Größe 60-100 (v.He. 8 Tr. 60-100)

verpflanzter Heckenstrauch, 8 Triebe,

Größe 100-150 (v.He. 8 Tr. 100-150)

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Quelle BdB

Da unterschiedliche Arten auch verschiedene Wuchseigenschaften haben, sind die Qualitäten zusätzlich

bestimmten Pflanzengattungen und -arten zugeordnet. So muss die Haselnuss als Strauch

mindestens vier starke Triebe aufweisen, bei der Schlehe (Prunus spinosa) genügen drei. Bei Ligustrum

wird grundsätzlich zusätzlich zur Größe die Triebzahl angegeben – hier gibt es dann z. B.

auch die Triebzahl ab 6 oder ab 8. Dieser Umstand macht die Erkennung der Qualitäten für Laien

nicht gerade einfach.

Heister sind laubabwerfende Gehölze, die von Natur aus einen Leittrieb ausbilden, also baumartig

wachsen. Hierzu gehören Gehölze wie Eichen (Quercus), Buchen (Carpinus und Fagus), Birken

(Betula) und Erlen (Alnus), Linden (Tilia), Eschen (Fraxinus), Ebereschen (Sorbus), Kastanien

(Aesculus und Castanea) viele Ahorn-Arten (Acer) u.a. Heister unterscheiden sich vom Hochstamm

dadurch, dass sie durchgehend beastet sind, in der Kultur ist es grundsätzlich möglich

durch die richtigen Schnittmaßnahmen einen Heister in einen Hochstamm zu „verwandeln“. Gehandelt

werden sie als lHei (= leichte Heister) und vHei (= verpflanzte Heister mit einem Stammumfang

in 30 cm Höhe ab 5 cm).

Heister kann man bezüglich ihrer Wuchsleistung in zwei Gruppen aufteilen: die der langsam wachsenden

und die der schnell wachsenden.

Zu den langsam wachsenden Heistern zählen z.B. Carpinus, Fagus, Quercus, Aesculus, Castanea,

Corylus colurna und Sorbus intermedia;

zu den schnell wachsenden Acer, Alnus, Betula, Fraxinus, Tilia, Sorbus aucuparia und Prunus avium.

Die langsam wachsenden Heister benötigen zur Erreichung eines bestimmten Maßes oft ein Kulturjahr

mehr und werden meist mit Ballen gehandelt, während die schnell wachsenden Heister

wurzelnackt angeboten werden. Diese Zuordnung findet man in keinem Katalog, was das Erkennen

von Qualitäten nicht gerade einfacher macht. Die folgende Tabelle zeigt mögliche Sortierungen von

Heistern nach Wuchsgruppen:

Abb. 4: Unterschied Heister und Heckenpflanzen am

Beispiel von Carpinus betulus, vHei mB 175-200 cm (li).

He 2xv geschn. mB 175-200 cm (re)

Abb 5: Sorbus aucuparia,

lHei 125-150 cm (li)

lHei 150-200 cm (re)

ab 6 cm STU

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Quelle BdB

Qualität

/

Wuchsgruppe

langsam wachsend

schnell wachsend

leichte Heister

l Hei

60 – 80

80 – 100

100 – 125

100 – 150

150 – 200

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Heister

vHei

125 – 150

150 – 175

175 – 200 m.B. (mit Ballen)

150 – 200

200 – 250

250 – 300 o.B. (ohne Ballen)

Hochstämme (=H) sind Bäume, die sich in Stamm und Krone gliedern. Sie müssen mindestens

zweimal verpflanzt worden sein; die Bewurzelung muss gut und arttypisch sein (was wiederum

eine gewisse Routine im Erkennen von Qualitäten erfordert). Ihr Kronenansatz soll mindestens 180

cm hoch und der Stamm gerade und fehlerfrei sein (mit einem Stammumfang von mindestens 8-

10 cm gemessen in ein Meter Höhe). Die Krone soll gleichmäßig, natürlich aufgebaut und entsprechend

der Stammstärke sein. Auch muss die gerade Stammverlängerung in der Krone zu erkennen

sein – Ausnahmen bilden hier die Kugel- und Hängeformen.

Krone: Tilia tomentosa

Abb. 6: Positives Beispiel: Silber-Linde,

Tilia tomentosa, 3 x verpflanzt, Stammumfang

20-25 cm. So gut gezogene Jungkronen

sind bei dieser Art nur durch regelmäßigen

Erziehungsschnitt in der Baumschule zu

erreichen. Weil T. tomentosa in der Regel zur

Gabelbildung neigt, empfiehlt sich auch

noch nach dem Pflanzen am endgültigen

Standort in den ersten Jahren ein Entfernen

neuer Gabeltriebe.

Krone

1. artypisch regelmäßig aufge

baut

2. der Stammstärke entsprechend

3. artspezifisch gerade

Stammverlängerung

4. weiteres Aufasten möglich

5. keine quirlartige Verzweigung

6. Stammverlängerung nur im

einjährigem Holz geschnitten,

Schnittstelle teilweise

überwallt

7. Aufbauschnitt

(-Aufbau des Kronengerüstes)

bis 18 cm Stammumfang

(StU) in der letzten,

über 18 cm StU in der vorletzten

Vegetationsperiode

ausgeführt (Ausnahme:

z.B. Robinia)

8. Weitere Ausnahmen erlaubt

bei Kugel- und Hängeformen

und bei Bäumen

mit geformter Krone.

Kurzfassung aus den FLLGütebestimmungen

Abb. 7: Kronenaufbau nach FLL-

Gütebestimmungen.

Quelle BdB

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Beispiele für Maße von Bäumen:

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H 2xv 8/10 10/12

H 3xv 10/12 16/18 20/25

H 4xv 16/18 20/25 40/45

Solitärhochstämme nach Kronenbreite

und Gesamthöhe

Stamm

1. Kronenansatz: Hochstämme 2xv

mind. 180 cm hoch, ab 3xv mindestens

200 cm hoch, für Alleebäume

16-25 cm StU mindestens

220 cm, über 25 cm StU mindestens

250 cm Stammhöhe

2. gerade

3. fehlerfrei, vor allem

- Rinde unbeschädigt

- keine Scheuerstellen

4. Aufasten (bei Alleebäumen) ausgeführt

spätestens zu Beginn der

letzten Vegetationsperiode

5. Stammumfang-Angabe in cm nach

Stärkenstaffel:

2 cm Staffel:

8-10 bis 18-20 cm

5 cm Staffel

20-25 bis 45-50 cm

10 cm Staffel

ab 50-60 cm

Kurzfassung aus der FLL-

Gütebestimmung

Abb. 8: Kronenaufbau nach FLL-

Gütebestimmungen.

60-100/

200-300

150-200/

400-600

Alleebäume (= Al) weisen zusätzlich einen besonders hohen Kronenansatz (ab 2,20 m Höhe) auf.

Alleebäume finden Verwendung für Verkehrsflächen, Straßen Parkplätze usw.

Untergeordnete Seitenäste und eine Stammverlängerung innerhalb der Krone sollen das Aufasten

bis fünf Meter möglich machen.

Pflanzen, die zur Einzelstellung geeignet sind, werden grundsätzlich mit Ballen und/oder mit

Drahtballen (= Solitär mB, mDB) angeboten.

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Bilder: Baum2, Hei4, Quelle BdB

Abb. 9: Ballen Abb. 10: Buxus sempervirens arborescens, 50-60 cm (li),

60-80 cm (re)

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Beispiele für Maße von Ballen- und Solitärpflanzen in cm:

mB 15/20 20/25 25/30

mB 30/40 80/100 100/125

Solitär mB 125/150 150/200

Solitär mDB 150/175 350/400

Topf- und Containerpflanzen erhalten neben der Größenbezeichnung zusätzlich eine Bezeichnung

der Topfgröße. So bezeichnen P1, C2, C3, C5, …C20 die Topfgröße beziehungsweise das Volumen

der Container in Litern. Für die Qualität von Containerpflanzen ist die Größe des mitgelieferten

Wurzelballens entscheidend für das spätere zügige Weiterwachsen. Bei gleicher Pflanzengröße

kann ein zu kleiner Topf oder ein zu kleiner Container ein Beweis für Minderqualität sein.

Abb. 11: Nadelgehölze für den Balkonkasten im P1/P1,3 ohne Maßangabe

von links: Picea glauca `Conica`, Juniperus media Òld Gold`, Juniperus media `Blue Star`, Pinus mugo mughus

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Abb. 13: Clematis

montana rubens, P1,5

2Tr., 60-100 cm

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Abb. 12: Die Übersicht zeigt die in Baumschulen gängigen Containergrößen (P=Topf,

C=Container). Zwischengrößen sind durchaus möglich und in Gebrauch. Solitärs

werden in Containern ab 20 Liter kultiviert, bei Schlingpflanzensolitärs sind es 7,5 Liter

und bei Solitärhochstämmen 90 bis 285 Liter.

Abb. 14: Amelanchier

lamarkii, Sol., C 20 5-7

GSt., 125-150 cm

Abb. 15: Weigela `Bristol Ruby`, C 3

60-100 cm

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Quelle BdB

Beispiele für Maße von Bodendeckern und Containerpflanzen:

P1 15/20 20/30 30/40

C 2 20/30 30/40 40/60

C 3 40/60 60/100

C 5 40/50 50/60 60/80

C 7,5 100/125 125/150

C 20 125/150 150/200

Fachwissen zahlt sich aus!

Welche Bedeutung das genaue Wissen um Qualitäten und Preise hat, sollen folgende Beispiele

verdeutlichen:

Die Kupferfelsenbirne, Amelanchier lamarckii, kostet als verschulter Strauch (4 Tr., 60-100) 3,80 €

das Stück und als leichter Strauch (2 Tr., 70-90) 2,66 €.

Wem es gelingt, den leichten Strauch als verschulten Strauch zu verkaufen (beide weisen ja eine

Größe von ca. 80 cm auf), der hat eine Differenz von 30 % erwirtschaftet – und das nur durch eine

falsche Qualitätsangabe! Der Käufer muss durch diese falsche Qualität ein weiteres Jahr Wachstum

der Pflanze am endgültigen Standort einkalkulieren, bis sich eine ausreichende Konkurrenzfähigkeit

gegenüber z. B. Wildkräutern entwickelt hat.

Wird die Kuperfelsenbirne als Solitär, also als große Pflanze für die Einzelstellung verkauft, dann

kostet sie als Sol. mB. (5-7 Tr, 125-150) 36,00 € das Stück. Im Container (7,5 l, 100-150) ist sie jünger

und weniger kräftig und kostet 18,00 € das Stück. Eine Qualitätsmogelei würde hier eine Differenz

von 50 % bringen! Der Käufer sollte also auch hier im vorher genau überlegen, welche Qualität

für seine Zwecke wichtig ist – und diese dann auch einforden!

Bei Bäumen lohnt sich die genaue Überprüfung des Stammumfanges. Tilia cordata, die Winterlinde,

kostet als dreimal verpflanzter Baum mit Drahtballen und mit dem Maß 12-14 198,00 €. Die

gleiche Qualität ein Maß größer, also mit einem Stammumfang von 16-18 kostet laut Katalog

schon 276,00 €, was einer Differenz von 30 % entspricht. Bei Übergabe sollte man also gleich mit

Hilfe eines flexiblen Maßbandes die gelieferte Qualität kontrollieren.

Wird bei Tilia cordata das gleiche Maß, z. B: 20-25 angeboten, lohnt es sich, auf das Alter des Baumes

zu achten: Ein viermal verpflanzter Baum (mDB) kostet 870,00 €, ein dreimal verpflanzter

Baum (ebenfalls mDB) dagegen 660,00 €. Ein Qualitätsunterschied, der nicht für jeden erkennbar

ist, aber dennoch mit 25 % Unterschied zu Buche schlägt! Auch hier würde der ältere Baum zügiger

weiterwachsen und schneller ein entsprechendes Dickenwachstum aufweisen.

Hilfe zur Qualitätsbestimmung

Als Fazit lässt sich sicher sagen, dass die Erkennung von Gehölzqualitäten zwar Vorteile bringt,

aber nicht ganz einfach ist. Das Qualitätsbewusstsein ist deshalb wichtig, weil es davor schützt, zu

schwache Pflanzen zu verwenden, und weil es sich obendrein finanziell lohnt.

Zu schwach gewählte Qualitäten können unter Umständen nicht die erwünschten Wuchsleistungen

hervorbringen.

Auch die Konkurrenzfähigkeit der Pflanzen ist ein wesentliches Kriterium für Qualität. Kräftige

Pflanzen mit ausreichender Wurzelmasse, die im Vorwege schon entsprechend oft verpflanzt wurden,

wachsen so zügig weiter, dass ihnen ein gewisser Konkurrenzdruck durch z. B. Wildkräuter

nichts ausmacht.

Wer sich gezielt die Qualität aussucht, die für seine Zwecke erforderlich ist, handelt auch preisbewusst.

Die definierten Qualitäten die halten, was sie versprechen, sind also ihr Geld wert. Wird

allerdings nicht die gewünschte Qualität geliefert, dann ist die entsprechende Pflanze zu klein, zu

jung, nicht oft genug verpflanzt oder hat einen zu kleinen Wurzelballen. Dann stimmt das Preis-

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Leistungs-Verhältnis nicht mehr. Entscheidet der Kunde dauerhaft qualitätsbewusst und kontrolliert

die Ware, dann werden auch die möglichen „Mogeleien“ weniger werden.

Das Erkennen von Qualitäten ist für den Laien nicht ohne weiteres möglich – es erfordert umfangreiches

Fachwissen. Sollte der Abnehmer bei der Qualitätsbeurteilung unsicher sein, ist es ratsam,

„fachmännische“ Hilfe zu holen.

Für die Beurteilung der Qualitäten schlägt der Fachverband der Baumschulen diverse Hilfen vor:

• In den FLL – Gütebestimmungen kann man die Qualitätsbeschreibungen genau nachlesen.

• Der Bund deutscher Baumschulen bietet regelmäßig Qualitätsseminare an, um Interessierte

in dieser Thematik zu schulen.

• Außerdem bildet der Bund deutscher Baumschulen Berater für Gehölzqualitäten aus. Diese

können angefordert werden, wenn schwierige Situationen bei der Erkennung von Qualitäten

zu befürchten sind.

Durch diese Maßnahmen ist die sichere Bestimmung von Qualitäten von Gehölzen durchaus möglich

– und kann dem Produzenten, dem Händler sowie dem Abnehmer von Gehölzen nur Vorteile

bringen!

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Berichte aus den Arbeitsgruppen zu den Themen:

Arbeitsgruppe I

Leiter der Arbeitsgruppe: Georg Steinberger

Landesverband Rheinland der Kleingärtner e.V.

Biologie der Pflanze - Aufbau und Aufgaben

Pflanzen erleben wir in der Natur in den verschiedensten Erscheinungsformen.

- So erfreut uns Eine durch ihre Blüten,

- eine Andere gibt Wegen und Plätzen Form und Raum und

- eine Dritte schenkt uns Früchte.

Wir erleben durch die Natur gebildete Unterschiede in Wuchsform, Farbe und Größe. Durch ihre

Lebensdauer unterscheiden wir ein- und mehrjährige Pflanzen.

Pflanzen haben unterschiedliche Standortansprüche in Bezug auf Klima, Licht, Bodenverhältnisse

und benachbarten Vertretern der Flora.

Licht

Ist der Katalysator und der Energielieferant für den Ablauf der Photosynthese und der Assimilation

in den Blättern.

Substrat

Pflanzen sind Lebewesen, die anorganische in organische Substrate umwandeln können.

Luft

Für die Durchführung der Photosynthese ist Luft, Sauerstoff und Kohlendioxid unentbehrlich.

Temperatur

Hat einen starken Einfluss auf die Geschwindigkeit der Auf- und Abbauprozesse.

Wasser

Lebende Pflanzenteile können bis zu 98% Wasser enthalten. Dies ist notwendig für die Lösung und

den Transport der Nährstoffe und Assimilate.

Nährstoffe

Müssen in einem ausgewogenen Verhältnis vorhanden sein. Der Nährstoff, der in der geringsten

Menge vorhanden ist, bestimmt die Aufnahmefähigkeit aller Nährstoffe (Justus v. Liebig, Gesetz

vom Minimum)

Pflanzengemeinschaften

Die Tatsache, dass es in Pflanzengemeinschaften gute und schlechte Nachbarn gibt, muss man für

ein gutes Gedeihen der Pflanzen berücksichtigen. Beipflanzungen können zusätzlich Schädlinge

fernhalten.

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Tier/ Mensch

Beide haben durch ihre direkte Einwirkung (z. B. Mensch durch Düngung, Tier (Biene) durch Unterstützung

der Befruchtung) einen entscheidenden Einfluss auf das Wachstum und die Gesundheit

der Pflanzen.

Pflanzenteile:

- Wurzeln geben der Pflanze Halt und liefern Wasser und Nährstoffe.

- Stamm / Stängel sind das Tragegerüst und transportieren die Nährstoffe.

- Äste, Zweige und Triebe sind die Bahnen für die Verteilung der Nährstoffe bis in das Blattwerk.

- Blätter (Chlorophyll) wandeln mit Hilfe der Photosynthese die Nährstoffe zu organischen

Verbindugen, zu Assimilaten um.

- Blüten und Fruchtkörper dienen der Ausbildung von Samen.

Blüten und Früchte dienen der sexuellen Vermehrung der Pflanzen. Eine asexuelle Fortpflanzung

erfolgt über Ausläufer, Ableger, Sprosse, Brutknollen und Tochterzwiebeln. Solche Jungpflanzen

sind mit der Mutterpflanze genetisch identisch; sie sind ein Klon.

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Arbeitsgruppe II

Leiter der Arbeitsgruppe: Thomas Kleinworth

Landesverband Schleswig-Holstein der Kleingärtner e.V.

Vermehrungsformen und ihr Einsatz im Kleingarten

Die Vermehrung von Pflanzen wird in zwei große Gruppen, die generative Vermehrung und die

vegetative Vermehrung unterschieden. Die generative Vermehrung, also die Aussaat, hat eine hohe

Bedeutung für das Hobbygärtnern.

Die Vorteile sind eine schnelle Kulturerfolge, eine hohe Sortenvielfalt und die kostengünstige Erzielung

einer hohen Stückzahl an Pflanzen. Saatgut kann leicht selbst gewonnen und die Vegetationszeit

durch gestaffelte Aussaattermine ausgedehnt werden.

Die Nachteile liegen in der nicht gegebenen Sortenechtheit bei eigener Saatgewinnung. Wenn nur

wenige Pflanzen benötigt werden (z. B. Balkonblumen), ist der Aufwand zu hoch und es ist sinnvoller

einzelne Pflanzen zu kaufen. Übrig gebliebenes Saatgut verliert nicht selten rasch seine Keimfähigkeit.

Im Kleingarten werden vor allem Gemüse, ein- und zweijährige Zierpflanzen sowie Stauden ausgesät.

Für die Vermehrung von Pflanze im Kleingarten kann die vegetative Vermehrung nur im begrenzten

Umfang angewendet werden. Trotzdem gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, die im folgenden

dargestellt werden

Steckling / Steckholz:

Die Vorteile: Diese Vermehrungsmethode liegt in der Sortenechtheit und in der sehr günstigen

Umsetzung. Es kann eine recht hohe Stückzahl erreicht werden und es ist eine Methode die einfach

zu handhaben ist.

Die Nachteile sind das Herstellen eines möglichen Substrates, die Anschaffung von Zusatzmaterial

sowie notwendige Pflegemaßnahmen.

Es gibt viele holzige und krautige Pflanzen, bei denen diese Methode anwendbar ist. Es bedarf aber

etwas Fingerspitzengefühl und eines grünen Daumens, damit sich Erfolg einstellt.

Ableger / Absenker / Abrisse

Ein typisches Beispiel für diese Vermehrung ist die Haselnuss. Aber z. B. auch bei Liguster lässt

sich diese Form anwenden.

Die Vorteile dieser Methoden sind eine einfache Handhabung, die Sortenechtheit und eine hohe

Erfolgsquote.

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Die Nachteile bestehen in den geringen Stückzahlen. Diese Vermehrung ist nur bei wenigen Sorten

möglich. Für ihren Einsatz wird viel Platz (Vermehrungsbeete) benötigt.

Teilung

Die Teilung ist bei Gräsern und Stauden eine sehr gängige Vermehrungsmethode.

Die Vorteile sind die Sortenechtheit, sowie die kostengünstige und relativ einfache Umsetzung der

Methode. Zu beachten ist, dass nach der Teilung eine Regeneration statt finden muss.

Die Nachteile sind kleine Stückzahlen und möglicherweise die gleichzeitige Teilung von unerwünschtem

Begleitgrün (Wurzelunkräuter).

Veredlung

Die Sommerhandveredlung bei Rosen oder Obst und die Winterhandveredlung bei diversen Ziergehölzen

oder bei Obstgehölzen sind bewährte Methoden der Vermehrung. Es bedarf eines erhöhten

gärtnerischen Wissens, um diese Arten der Vermehrung erfolgreich umzusetzen.

Die Vorteile bestehen darin, dass positive Eigenschaften des Edelreises und aus der Unterlage verknüpft

werden können. Wuchshöhe, Blühfreudigkeit, Bodenverträglichkeit und weitere Faktoren

werden hervorgehoben.

Die Nachteile sind eine aufwendige Vorgehensweise und großes handwerkliches Geschick. Der

Einsatz von einwandfreiem Material ist ein „Muss“ für den Erfolg. Diese Vermehrung ist nur zu

bestimmten Jahreszeiten möglich und nicht immer erfolgreich.

in Vitro

Die Vermehrung im Labor unter sterilen Bedingungen hat ein sehr großes Potential. Es werden

Mikrostecklinge ohne Wurzelbildung im Glas unter extremen Wuchsbedingungen vermehrt. Dabei

ist es möglich, aus einem einzigen Meristem eine unendliche Zahl an Pflanzen zu produzieren.

Die In-Vitro-Vermehrung kommt (je nach Forschungsstand) für eine Vielzahl von Pflanzengattungen

zur Anwendung (z. B. den Bereichen Orchideen, Rhododendren, Heidepflanzen und Zierpflanzen).

Eine Anwendung im Kleingarten ist nicht möglich. Diese hoch wissenschaftliche Art der Vermehrung

muss den Labors mit ihren Spezialisten vorbehalten bleiben.

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Arbeitsgruppe III

Leiter der Arbeitsgruppe: Sven Wachtmann

Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V.

Pflanzenqualitäten und Pflanzenschutz

Eine gute Qualität der Pflanzen ist von Anfang an eine wesentliche Voraussetzung für ein gesundes

Gedeihen der heimischen Flora in unserem Garten.

Wenn die Pflanzenqualität nicht stimmt, haben es Pflanzen im Garten schwer und bedürfen einer

aufwendigen Pflege. Bei der Bestimmung der Qualität ist auf einen gut durchwurzelten Ballen zu

achten. Die Triebe sollen voll ausgehärtet sein.

Die anschließende Pflege im Garten setzt entsprechendes Fachwissen voraus, um den Pflanzen

optimales Wachstum zu bieten; angefangen vom richtigen Standort, der Düngung über die Wässerung

und dem Schnitt bis hin zu weiteren Pflegemaßnahmen. Ein entscheidender Punkt ist die

Abhärtung der Pflanze gegenüber Umwelteinflüssen und Krankheiten. Hier spielt die richtige Auswahl

an Pflanzen in der Baumschule oder im Pflanzencenter eine wichtige Rolle. Wenn der Gartenfreund

nicht das entsprechende Wissen über resistente Sorten hat, ist er auf die fachkundige Beratung

in der Gärtnerei angewiesen.

Um den Gartenfreund noch stärker zu vorbeugenden Maßnahmen im Pflanzenschutz zu beraten

ist jeder Gartenfachberater in den Bezirken/Kreisen mit seinen fachkundigen Ratschlägen gefragt.

Die Unterstützung der richtigen Auswahl sollte auch durch entsprechende Kennzeichnungen an

Gehölzen in den Gärtnereien besser umgesetzt werden, so dass der Verbraucher einfacher die richtigen

Pflanzen für seinen spezifischen Standort – bezogen auf Bodeneigenschaften, Endhöhe, Sorteneigenschaften,

Resistenzen gegen Krankheiten – bekommt. Am Besten wären Pflanzen, die in

der jeweiligen Region produziert werden und nicht solche die aus anderen Bereichen oder Ländern

kommen. Die Pflanze muss mit den hiesigen Bedingungen zu Recht kommen, um nicht später

aufwendig gepflegt werden zu müssen.

Beim Kauf einer Pflanze sollte man immer bedenken, wie groß die Pflanze werden kann und ob ihre

Kultur im Kleingarten überhaupt möglich ist. Bei Obstgehölzen ist immer auf die entsprechende

Unterlage zu achten. Bevorzugt sollten nur schwach- oder mittelstark wachsende Unterlagen gewählt

werden, um nicht später die Überraschung zu erleben, nicht mehr an die Früchte zu gelangen.

Um die Pflanzenschutzmaßnahmen so gering wie möglich zu halten, sollten alle Möglichkeiten des

integrierten Pflanzenschutzes genutzt werden. Damit eine bedarfsgerechte Düngung/Pflanzenernährung

optimal im Garten durchgeführt werden kann, ist in regelmäßigen Abständen eine Bodenuntersuchung

durch entsprechende Institute unerlässlich. Man kann die Pflanze nur optimal ernähren,

wenn man weiß welche Nährstoffe die Pflanze benötigt.

Eine Pflanze kann mit dem menschlichen Körper verglichen werden. Wenn der Mensch sich nicht

richtig ernährt, ist er empfindlicher gegenüber Umwelteinflüssen und Krankheitserregern.

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Nach dem Kauf von Baumschulpflanzen ist die richtige Pflanzung für das spätere Gedeihen im

eigenen Garten von entscheidender Bedeutung. Als erstes sollte ein richtiger Platz für die Pflanze

ausgesucht werden, an dem sie über einen längeren Zeitraum optimal zu Recht kommt. Bei Gehölzen

ist gleichzeitig ein fachgerechter Pflanzschnitt wichtig. In Markenbaumschulen ist dies beim

Kauf bereits geschehen. Bei der Pflanzung sollte der Wurzelballen leicht aufgerissen werden, damit

die Wurzeln aus dem „Blumentopfeffekt“(Drehwurzeln) herauswachsen. Bei wurzelnackter Ware

müssen die Wurzeln sauber nachgeschnitten werden. Bei Ballenpflanzen muss das Textilgewebe

entfernt werden.

Die Pflanztiefe richtet sich nach dem Wurzelansatz des Gehölzes. Dabei sollte man die Pflanze

etwas höher setzen, weil sie immer noch nach unten sackt. Eine Düngung bei der Pflanzung sollte

nur mit organischen Materialien (z. B. Hornspäne) oder mit entsprechenden Wurzelaktivatoren (z.

B. Agrosil) erfolgen.

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Leitthemen der Schriftenreihe ab 1996

115 1996 Würzburg Aktuelle Fragen des Vereins- und Kleingartenrechts

115a 1996 Cottbus Das Bundeskleingartengesetz in seiner

sozialpolitischen und städtebaulichen Bedeutung

116 1996 Lünen Die Position des Kleingartens im Pflanzenschutz

117 1996 Osnabrück Ehrenamtliche Tätigkeit - Freizeit – Kleingarten

118 1996 Nürnberg Die Novellierung des § 3, 1 Bundeskleingartengesetz

und deren Auswirkungen auf die Nutzung und

Bewirtschaftung des Kleingartens

119 1996 Grünberg Die Rolle der Stauden und Küchenkräuter im

Kleingarten

120 1996 Gera Natur- und Umweltschutz in Kleingärten

121 1996 Erfurt Probleme des Kleingartenrechts in Theorie und Praxis

122 1997 Schwerin Haftungsrecht und Versicherungen im

Kleingartenwesen

123 1997 St. Martin Pflanzenschutz und die naturnahe Bewirtschaftung im

Kleingarten

124 1997 Berlin Lernort Kleingarten

125 1997 Gelsenkirchen Möglichkeiten und Grenzen des Naturschutzes im

Kleingarten

126 1997 Freising Maßnahmen zur naturgerechten Bewirtschaftung und

umweltgerechte Gestaltung der Kleingärten als eine

Freizeiteinrichtung der Zukunft

127 1997 Lübeck-Travemünde Der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen

128 1997 Karlsruhe Aktuelle Probleme des Kleingartenrechts

129 1998 Chemnitz Aktuelle kleingartenrechtliche Fragen

130 1998 Potsdam Die Agenda 21 und die Möglichkeiten der Umsetzung

der lokalen Agenden zur Erhaltung der biologischen

Vielfalt im Kleingartenbereich

131 1998 Dresden Gesundes Obst im Kleingarten

132 1998 Regensburg Bodenschutz zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit im

Kleingarten

Gesetz und Maßnahmen

133 1998 Fulda Der Kleingarten - ein Erfahrungsraum für Kinder und

Jugendliche

134 1998 Wiesbaden Aktuelle kleingartenrechtliche Fragen

135 1998 Stuttgart Kleingärten in der / einer künftigen Freizeitgesellschaft


136 1998 Hameln Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU

von 1992 im Bundesnaturschutzgesetz und die

Möglichkeiten ihrer Umsetzung im Kleingartenbereich

137 1999 Dresden (Kleine) Rechtskunde für Kleingärtner

138 1999 Rostock Gute fachliche Praxis im Kleingarten

139 1999 Würzburg Kind und Natur (Klein)Gärten für Kinder

139 1999 Würzburg Kind und Natur (Klein)Gärten für Kinder

140 1999 Braunschweig Zukunft Kleingarten mit naturnaher und ökologischer

Bewirtschaftung

141 1999 Hildesheim Biotope im Kleingartenbereich

- ein nachhaltiger Beitrag zur Agenda 21

142 1999 Freiburg Zukunft Kleingarten

143 2000 Mönchengladbach Recht und Steuern im Kleingärtnerverein

144 2000 Oldenburg Pflanzenzüchtung und Kultur für den Kleingarten

von einjährigen Kulturen bis zum immergrünen Gehölz

145 2000 Dresden Die Agenda 21 im Blickfeld des BDG

146 2000 Erfurt Pflanzenschutz im Kleingarten unter ökologischen

Bedingungen

147 2000 Halle Aktuelle kleingarten- und vereinsrechtliche Probleme

148 2000 Kaiserslautern Familiengerechte Kleingärten und Kleingartenanlagen

149 2000 Erfurt Natur- und Bodenschutz im Kleingartenbereich

150 2001 Rüsselsheim Vereinsrecht

151 2001 Berlin Kleingartenanlagen als umweltpolitisches Element

152 2001 Mönchengladbach Natur- und Pflanzenschutz im Kleingarten

153 2001 St. Martin Das Element Wasser im Kleingarten

154 2001 Gelsenkirchen Frauen im Ehrenamt - Spagat zwischen Familie, Beruf

und Freizeit

155 2001 Erfurt Verbandsmanagement

156 2001 Leipzig Zwischenverpachtungen von Kleingartenanlagen -

Gesetzliche Privilegien und Verpflichtungen

157 2002 Bad Mergentheim Kleingartenpachtverhältnisse

158 2002 Oldenburg Stadtökologie und Kleingärten – verbesserte Chancen

für die Umwelt

159 2002 Wismar Miteinander reden in Familie und Öffentlichkeit – was

ich wie sagen kann

160 2002 Halle Boden – Bodenschutz und Bodenleben im Kleingarten


161 2002 Wismar Naturnaher Garten als Bewirtschaftsform im

Kleingarten

162 2002 Berlin Inhalt und Ausgestaltung des

Kleingartenpachtvertrages

163 2003 Dessau

Finanzen

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2003 Rostock Artenvielfalt im Kleingarten – ein ökologischer Beitrag

des Kleingartenwesens

2003 Hamburg Rosen in Züchtung und Nutzung im Kleingarten

2003 Rostock Wettbewerbe – Formen, Auftrag und Durchführung

2003 Limburgerhof Die Wertermittlung

2003 Bad Mergentheim Soziologische Veränderungen in der BRD und mögliche

Auswirkungen auf das Kleingartenwesen

2004 Braunschweig Kleingärtnerische Nutzung (Rechtsseminar)

170 2004 Kassel Öffentlichkeitsarbeit

171

172

2004 Fulda Kleingärtnerische Nutzung durch Gemüsebau

2004 Braunschweig Mein grünes Haus

173 2004 Dresden Kleingärtnerische Nutzung durch Gemüsebau

174 2004 Magdeburg Recht aktuell

175 2004 Würzburg Der Kleingarten als Gesundbrunnen für Jung und Alt

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2004 Münster Vom Aussiedler zum Fachberater – Integration im

Schrebergarten (I)

2005 Kassel Haftungsrecht

2005 München Ehrenamt – Gender-Mainstreaming im Kleingarten

2005 Mannheim Mit Erfolg Gemüseanbau im Kleingarten praktizieren

2005 München Naturgerechter Anbau von Obst

2005 Erfurt Naturschutzgesetzgebung und Kleingartenanlagen

2005 Dresden Kommunalabgaben

183 2005 Bonn Vom Aussiedler zum Fachberater – Integration im

Schrebergarten (II)

184 2006 Dessau Düngung, Pflanzenschutz und Ökologie im Kleingarten

– unvereinbar mit der Notwendigkeit der

Fruchtziehung?

185 2006 Jena Finanzmanagement im Verein

186 2006 Braunschweig Stauden und Kräuter


187

188

2006 Stuttgart Grundseminar Boden und Düngung

2006 Hamburg Fragen aus der Vereinstätigkeit

189 2007…Potsdam

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Deutschland altert – was nun?

2007 Jena Grundseminar Pflanzenschutz

2007 Jena Insekten

2007 Celle Grundseminar Gestaltung und Laube

193 2007 Bielefeld Rechtsprobleme im Kleingarten mit Verbänden lösen

(Netzwerkarbeit)

Streit vermeiden – Probleme lösen

194 2008 Potsdam Pachtrecht I

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