Mitschrift 4 CI-Forum St Gallen CI IG Schweiz Korr - CI ...

cochlea.implantat.ch

Mitschrift 4 CI-Forum St Gallen CI IG Schweiz Korr - CI ...

4. CI-Forum St. Gallen der CI IG Schweiz, Samstag, 14. November 09

Die Mitschrift wurde als Ergänzung zu den PPPräsentationen der einzelnen

Referenten den hörbehinderten Teilnehmenden angeboten. Der Text wurde

geringfügig korrigiert, entspricht aber im Wesentlichen den gehaltenen Referaten.

Schriftdolmetscherin: Angelika Gollnik, Tabarz

Hans-Jörg Studer

Präsident der CI Interessengemeinschaft Schweiz

Begrüssung / 5 Jahre CI Interessengemeinschaft Schweiz

Sehr verehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie zum CI-Jubiläumsforum ganz

herzlich in St. Gallen. Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind, dass wir

wieder ein volles Haus haben.

Siehe PPPräsentation

Wie es sich für ein Jubiläum gehört, darf ich heute viele Gäste willkommen heißen:

Ich möchte mich zuerst bedanken bei der Sprachheilschule für die herzliche

Gastfreundschaft, die wir wieder genießen können. Herzlichen Dank –

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Bruno Schlegel

Direktor der Sprachheilschule St. Gallen

„Von der Taubstummenanstalt zum CI-C“

Liebe Gäste, auch von meiner Seite herzlich willkommen an der Sprachheilschule St.

Gallen. Ich möchte einen Bogen schlagen von der Taubstummenanstalt bis hin zum

CI-Centrum unserer Schule. Stellt sich die Frage – ist es richtig, sich Zeit zu nehmen,

um einen Blick zurück zu werfen, sollten wir nicht nach vorne schauen? Es hat

verschiedene Gründe, einmal zu verweilen. Es ist ein Jubiläumsjahr und ein guter

Zeitpunkt zu staunen, in welch kurzer Zeit sich dies alles entwickelt hat. Es ist

wichtig, dass wir uns das Fundament bewusst machen, auf dem dies aufgebaut ist.

Ich hoffe, dass wir mit unserem Programm alle ansprechen können. So sah es

damals aus – Hunger, Armut waren an der Tagesordnung, das kommt hier schön

zum Ausdruck. Lehrersein war ein schlecht bezahlter Nebenerwerb, keine

Ausbildung und als Fabrikarbeiter war man besser bezahlt als die Lehrer. Aus einer

Chronik hat es so geheißen, wie Sie hier lesen können – siehe links. Man hat nicht

gewusst, wie umgehen mit gehörlosen Kindern. Mit der Geburt von Kaspar

Steinmann kam einiges ins Rollen. Aber es war immer noch die Zeit, wo keine

Möglichkeit auf dem Platz St. Gallen vorhanden war, Gehörlose zu schulen, daher

kam Steinmann an die Schule. Es war seine Schwester, die die Initiative ergriff. Man

hat sich für das erste Jahr in ein Privathaus eingemietet, 10 Kinder wurden beschult,

450 Franken Schulgeld – damals sehr viel Geld. Aus der Chronik der Schule kann

man noch entnehmen, dass man eine positive Einstellung gegenüber den Zöglingen

hatte. Es war nicht selbstverständlich, dass man genügend zu essen hatte. Wir

haben lange überlegt, ob wir heute etwas ähnliches zum Mittagessen servieren

sollten…. Auch das ist symptomatisch für damals: Da keine Schule bestanden hat,

war auch kein Know how zur Beschulung der Kinder vorhanden.


Folie

Das war dann ein Jahr nach der Gründung das Haus, was der Träger erworben hat,

dieses können Sie heute noch auf der rechten Platzseite sehen. 18 Schülerinnen

konnten dieses Gebäude (Internat) beziehen. Es war ein Restaurant.

Im Protokoll der Aufsichtskommission kann man lesen, dass sich die Mitglieder

Sorgen wegen des rauhen Klimas auf dem Rosenberg machten, ob es günstig sei für

die gehörlosen Kinder. Im ersten Jahresbericht steht geschrieben, dass selbst im

Winter wenig Erkrankungen vorgekommen sind. Dies bringt die gute Einstellung zum

Ausdruck.

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Das die erste Jahresrechnung – die Zahl ist sehr klein: Fr. 44'000.- haben für das

ganze Jahr gereicht. Die Summe von Fr. 1'800.- für Löhne wurde an Lehrer usw. für

ein ganzes Jahr bezahlt.

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Die Schule wurde um 1900 erweitert. Dieses Gebäude ist heute noch in Betrieb. So

sah es an der Oberstufe aus – eine typische Klassensituation – Kinder sitzen im

Halbkreis um den Lehrer, um ein optimales Lippenbild zu haben. Man lies die Kinder

täglich wechseln, damit sie von allen Seiten lernten, Lippen zu lesen.

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Hier ein Eindruck aus dem Mädchenhandarbeitsunterricht. Endemische

Taubstummheit – ein Phänomen wegen Jodmangels und Schilddrüsenunterfunktion.

Die Kinder kamen mit Kleinwuchs und geistiger Behinderung zur Welt, das prägte

damals das Bild der Gehörlosen.

Das wurde 1922 mit einer Initiative angegangen durch den Arzt Dr. Eggenberger, der

vorschlug, das Kochsalz zu jodieren.

Folie

1937 wurden die Weichen gestellt und eine Sprachheilabteilung gegründet. Sie

sehen den Anstieg der Schülerzahlen und dann nach der Jodierung des Salzes ein

Rückgang und dann die Gründung der Sprachheilabteilung.

Logopädie kennt man – eine alte Geschichte – 1946 fand der erste Ausbildungsgang

statt zum Teil hier und in Zürich (theoretischer Teil). Man erhielt das Diplom zum

Logopäden, heute ein dreijähriges Vollzeitstudium. Einige kennen die Namen noch.

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Das war die erste Höranlage unserer Schule. Alle Kinder haben ein Head-Set und

ein Mikrofon. Der Kasten war der Verstärker und nur in einem Zimmer installiert.

Man hat eine Lektion „Hören“ angeboten innerhalb des Lehrplanes.

„Taubstummenanstalt“ wurde bis 1983 angewendet, dann hieß es“ Sprachheilschule

St. Gallen“. Seit 1991 haben wir den audiopädagogischen Dienst – aktuell mit ca.

150 Kindern in Regel- oder Sonderschulen.

1994 war die Gründung des CI-C - kein einfacher Start. Diesen musste man

erkämpfen, da Zweifel und Skepsis bestanden, aber ich denke, der Weg war richtig.

Sie sehen, noch in den letzten Jahren der Rückgang der Sonderschüler, dank des

CIs und des Integrationsgedankens. Parallel dazu hat sich dann die Zahl der

Sprachheilschüler erhöht und das ist heute das Kerngeschäft dieser

Sprachheilschule. Wir haben 260 Kinder an zwei Standorten in St. Gallen und

Uznach. Im CI-Centrum betreuen wir rund 85 Kinder. Die Arbeit wird von rund 170

Mitarbeitern bewältigt. Ich denke, es wurden verschiedene Brücken geschlagen. Sie

sahen, die Brücke von der Taubstummenanstalt zur Sprachheilschule, von der

Gehörlosenschule zur Schule mit Förderschwerpunkt „Hören“, von der Sonderschule

zum Kompetenzzentrum, was die Technik anbetrifft. Dann der Brückenschlag von


Gehörlosenschule zum audiopädagogischen Dienst, von der Gehörlosenschule zum

CI-Centrum.

Integration ist Inklusion, also gleiche Schule für alle – die Geschichte zeigt auch,

dass wir dieser Idee positiv gegenüber stehen und sie sehr unterstützen.

Sollen wir sagen – Ende gut, alles gut? Dem ist nicht so. Viele Probleme sind zu

bewältigen. Ich denke an den Diagnoseschock, der für die Eltern zu bewältigen ist

und die Trauerarbeit der Eltern. Ausgrenzung ist immer noch ein Problem. Ängste,

das Falsche zu tun, die berufliche Eingliederung verursacht immer wieder neue

Ängste. Es gibt auch Hoffnungen, die sich verflüchtigen, Existenzängste bei

Ertaubung und viele Probleme mehr, die wir auffangen wollen.

Ich möchte mich bei allen bedanken, die uns damals Vertrauen schenkten während

der vielen Jahre. Ich bedanke mich bei den Eltern, die Vertrauen in uns gesetzt

haben, bei allen Mitarbeitern, Medizinern, die sich an die neue Technologie gewagt

haben, bei den Herstellerfirmen, bei Investoren, die den Mut hatten, zu investieren in

diese neue Technologie. Ich bin überzeugt, wir sind auf einem guten Weg. Ich

möchte mich für Ihre Aufmerksamkeit bedanken.

Daniel Abels

CI-Audiologe, Basel

„Vom Hörrohr zum Cochlea-Implantat“

So, meine sehr geehrten Damen und Herren, auch ich begrüße Sie ganz herzlich

und möchte mit einem Zitat einsteigen: er sagte, dass in vier Jahren sämtliche

Technologie ...

Lassen Sie uns diese These verwerfen und das Rad der Zeit zurückdrehen.

Als sich der Mensch zivilisierte, war er auf seine Sinne angewiesen. So konnte der

Jäger mit der Hand am Ohr im Wald sein Richtungshören steigern. Gut denkbar ist

auch, dass die Menschen trichterförmige Gegenstände verwendeten, um die

Hörleistung zu steigern. Die Menschen hatten gute Vorstellungen von der Akustik. In

den Theatern wurde durch intelligente Architektur der Effekt erreicht, dass selbst die

Zuschauer ganz oben gut dem Gespräch folgen konnten. Dies wurde verbessert

durch diese Theatermasken. Die Sprache wurde damit verstärkt. Anzunehmen ist,

dass diese Trichter anders herum angewendet wurden.

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Der nächste Abschnitt widmet sich den mechanischen Hörhilfen. Auf diesem Bild ist

die Urgroßmutter zu sehen, die solch ein Hörrohr besaß. Wir wissen, dass die

Menschen in der Vorzeit Gegenstände zur Hörsteigerung nutzten. A. Kirchner gilt als

Erfinder des Hörrohrs.

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Hier kann man sehen: Ein Apparat mit großem Resonanzkörper, der dazu diente,

einem Gespräch am Tisch besser zu folgen. Da Kirchner die physiologischen

Aspekte mit philosophischen Aspekten verband, könnte man ihn als .. bezeichnen.

Eine Serienherstellung konnte erst im 19. Jh. nachgewiesen werden. Der Schall

muss an einem Punkt gesammelt werden, um eine Verstärkung zu erreichen. Dies

führte zu den Hörpfannen. Hördose – war die letzte Entwicklung, die eine starke

Verstärkung aufweisen konnte. Auch der Hörschlauch ist nicht zu verachten. Er war

kostengünstig und einer größeren Zahl von Menschen zugänglich. Darüber hinaus

konnte er auch unter der Kleidung getragen werden. Beethovens Schwerhörigkeit

war so stark, dass er die letzten 8 Jahre in Gehörlosigkeit lebte. „Nun bin ich

gezwungen, in Einsamkeit zu leben“ – sagte er.


Der Fokus der Entwickler-Landesarbeitsgemeinschaft im 19. Jahrhundert bestand

darin, das Gerät ästhetisch anspruchsvoller zu machen und dem Anwender die

Freihändigkeit zurück zu geben.

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Die Einführung des Kopfbandes ist hier zu sehen oder hier die Fächer oder mit einer

künstlichen Blume als Schalleintritt. Exotische Exponate gab es auch, so

beispielsweise für bärtige Männer ein Gerät, das unter dem Bart versteckt werden

konnte oder eine Brosche für die Frauen. Das hier zeigt einTischinstrument, was man

als Vorläufer der FM-Anlage betrachten kann.

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Was nicht fehlen kann ist der Hörstuhl, der sehr teuer war, sodass er nur wenigen

Menschen zur Verfügung stand. Die Schallaufnahme erfolgte über die Stuhllehne.

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1879 wurde der Dental-Fächer eingeführt. Diese Technologie setzte sich nicht durch,

da es schmerzhaft und unangenehm war. Der Schall wurde über den Fächer

aufgenommen und über den Kiefer an das Schädelsegment weitergegeben.

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Kommen wir zu Revolution der elektrischen Hörhilfen. Am Anfang war das Telefon.

1892 war die maßgeblichste Entwicklung dieses Telefons. 1892 war es Miltimore, der

auf die Idee kam, diese Verbindung Sprecher-Hörer auf einen Meter zu reduzieren.

Er erzielte eine leichte Hörverstärkung. Er machte sich Gedanken, wie der Hörer

über dem Ohr zu platzieren ist.

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Miltimore war vom kommerziellen Nutzen nicht überzeugt. 1898 Akouphone

Company: Hutchison meldete ein Patent auf sein Gerät an. Man muss sagen, dass

dies nachweislich die erste serienmäßige Herstellung war. Das Kohlemikrofon wurde

verbessert zum Kohlegranulatmikrofon. Ein neues Patent wurde angemeldet. Wenn

man diesem Plakat aus dem Jahr 1916 glauben darf, hat er bis dahin 200 000

Geräte verkauft. Ob es für taube Menschen anwendbar war, bleibt stark zu

bezweifeln.

Folie

Siemens und Haske haben ab 1910 ihren Apparat für Schwerhörige auf den Markt

gebracht. Links ist eine Weiterentwicklung eines anderen Herstellers zu sehen.

Allerdings wurde die Entwicklung durch die Weltwirtschaftskrise und die Weltkriege

unterbrochen. 1921 gelang es, die neue Vakuumröhrentechnologie in einem

Tischgerät zu implementieren.

Folie

Es hat dann über 20 Jahre gedauert, bis diese Technologie tragbar gemacht werden

konnte. Es benötigte zwei Batterien, eine für die Vorheizung der Röhre und eine für

die Stromversorgung. Bis in die 50er Jahre haben die Geräte eine annehmbare

Größe eingenommen. Sie wurden in verschiedenen Verstärkungsstufen angeboten

und die Möglichkeiten der besseren Anpassung. Diese neue Technologie, die Sie

hier sehen, hatte den Vorteil, dass man sie sehr stark verkleinern konnte, der

Stromverbrauch wurde stark gesenkt.

Folie

Wenn man sich diese Geräte betrachtet, erinnern sie stark an die aktuellen Geräte.

In den laufenden 30 Jahren tat sich wenig bis 1989 die Firma Videks dieses Gerät

auf den Markt brachte, die Verstärkung konnte sich automatisch an die

Umgebungssituation anpassen. Dann die Einführung der volldigitalen Hörgeräte.

Hauptmerkmal war, Stör- und Nutzschall getrennt werden konnte. Es ist immer

wieder eine Herausforderung, die Technologie in immer kleiner werdende Schalen zu


ekommen. Anfänglich waren die großen Im-Ohr-Geräte immer weiter geschrumpft

bis in die 80er Jahre das Gerät im Gehörgang versenkt werden konnte, somit ist für

den Betrachter das Hörgerät nicht mehr sichtbar.

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Kommen wir zum größeren Teil der Präsentation der Implanttechnologie – wir gehen

zurück ins 18 Jh. Volta wurde angerechnet, dass er entdeckte, dass Strom als

Geräusch wahrgenommen werden kann. Er konnte beschreiben, dass er ein

Brummen gefolgt vom Geräusch einer kochenden Suppe hören konnte. Trotzdem hat

es über 100 Jahre gedauert, bis 1937 Stevens den Begriff des elektrofonischen

Hörens prägte.

Bei den Operationen wurde der Gesichtsnerv verletzt, sodass auch eine

Gesichtslähmung zu verzeichnen war. Er machte sich auf den Weg nach geeignetem

Transplantationsmaterial, er ging nach Paris, wo man ihm nicht weiterhelfen konnte.

Er ging zu einem bekannten Biomediziner, Djouro machte den Versuch, eine

Elektrode einzusetzen, um Höreindrücke zu vermitteln – dies geschah, nachdem der

Patient seine Einwilligung gab. Am 25.02.1957 wurde die erste CI-Implantation

durchgeführt. Die Induktionsspule, die das Signal durch die Haut transportierte, liegt

an ähnlicher Stelle wie heute auch. Mit großer Erwartung verlief die Erstanpassung

positiv, der Patient konnte ein Geräusch feststellen. Ihm gelang es aber nicht,

Sprache zu verstehen, man stellte fest, dass man zwar eine Lautstärke

unterscheiden kann, aber keine Sprache. Die Elektrode fiel nach mehreren Monaten

aus und es war ein Elektrodenbruch. Beim 2. Implantat genau dasselbe. Bis auf eine

wissenschaftliche Arbeit sprachen beide kein Wort mehr miteinander.

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Prof. Dr. House kam kurze Zeit nach dieser Arbeit und war fasziniert von der Idee. Er

gründete ein Team und sie entwickelten ein einkanaliges System, dies wurde

mehreren Patienten eingesetzt. Viele Implantate fielen aber aus oder die Patienten

vertrugen sie nicht, alle wurden wieder reimplantiert. Hier sehen Sie die damals

entwickelten Sprachapparaturen.

Auch ein CI-Pionier ist Dr. Michelson – er entwickelte mit dem Ingenieur Barts auch

CIs. Hier eines mit einem Stecker, wo das Signal mit einem Telefonstecker

übertragen wurde. Das Implantat konnten sie erfolgreich in das Innenohr einführen.

Da diese Implantate langlebiger waren, konnten wichtige Erkenntnisse gewonnen

werden für die neue Generation von CIs. Die letzte Entwicklung war also Implantat,

was bereits 8 Elektroden auf dem Elektrodenträger hatte. Dieses Produkt wurde

unter Clearing bekannt und von Advanced Bionics vertrieben.

Folie

In der Schweiz wurde das erste Implantat am 25. Januar 1977 im Züricher Uni-Spital

implantiert. Dies war ein Anpassraum, allerdings ist dieses Implantat nach 6 Monaten

ausgefallen.

Gehen wir zurück zu Prof. Dr. W. House. Er gab detaillierte Einblicke in seine Arbeit

durch seine Veröffentlichungen. Er hat mit einem neuen Ingenieur

zusammengearbeitet und sie entwickelten ein einkanaliges Implantat. Das Gerät

wurde unter 3M-House-Implantat vertrieben. Ab 1984 bekam es die Zulassung in

Amerika und wurde bei über 1’000 Patienten eingesetzt. Ende der 80er Jahre wurde

die Produktion wieder eingestellt. Man kann sagen, gleichzeitig war es das Ende der

Einkanaltechnologie, weil man wusste, Mehrkanaltechnologie hat mehr Erfolg.

Folie

Wenn wir von der Firma Chochlea sprechen, müssen wir auch von Prof. Clark

sprechen.


Man ging davon aus, es reiche eine einkanalige Elektrode, Voraussetzung sei die

schnelle Stimulierung. Clark sah das Potenzial des Ortscodes. Er entwickelte in

Melbourn mit anderen Ingenieuren ein neues Gerät. Hier sieht man ihn mit seinem

ersten Patienten, der damit versorgt wurde. Anfänglich ist es sehr schwer, die

ankommenden Signale zu interpretieren. Ein initialer Moment muss gewesen sein,

als ein Ingenieur in den Raum kam und mit „Hallo Rob“ ansprach und der Patient

antwortete.

Folie

Auf der rechten Seite sieht man ein oder zwei Jahre nach erfolgter Operation, wie

sich Saunders mit seiner Frau offensichtlich in einer Pressekonferenz unterhalten

kann. Viele Patienten wurden erfolgreich versorgt. Bereits 1983 wurde breitbandig,

die 22-Kanal-Implantate verwendet. In der heutigen Zeit haben alle Implantate

mehrere Elektroden und Kanäle, dieses System hat sich durchgesetzt.

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Hier sieht man kurz die Entwicklung der ersten Jahre. Hier waren es noch solche

Computerschränke, nach kurzer Zeit wurden die ersten mobilen Geräte bekannt, hier

sehen Sie den Vorläufer des späteren Mini-Speach-Prozessors.

Folie

Im Laufe der Jahre, unabhängig vom Hersteller, sind die Entwicklungen immer

gleich: Von großen Geräten zu relativ kleinen HdO-Geräten.

Ich überspringe einige Folien.

Wir müssen auch kurz auf die knochenverankterten Hörhilfen schauen. Diese

Hörbrille wurde abgelöst. Die knochenverankerte Hörhilfe ist sicher jedem ein Begriff.

Die Mittelohrimplantate können in spezieller Kopplung die Funktion der

Gehörknöchelkette wieder herstellen, wie dieses System, was eine implantierbare

Hörlösung darstellt.

Damit dürfte ich fertig sein und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Rudolf Probst, Zürich

„Vom Hammer und Meissel zur Mikrochirurgie“

Meine Damen und Herren, darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen? Ich komme mir so

ein wenig vor wie im Hörsaal der Studenten oder in der Schule.

Meine Damen und Herren, auch ich begrüße Sie herzlich. Herr Schlegel bat mich,

etwas aus der Geschichte zu sagen. Ich möchte etwas über die Operation erzählen.

Anknüpfend an den Vortrag von zuvor möchte ich erwähnen, dass die Operation

früher 9 Stunden dauerte, heute dauert es etwa 2 Stunden.

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Es geht heute um die Operation. Ich möchte die Anatomie des Ohres

vergegenwärtigen. Wir haben das äußere Ohr, was am Trommelfell endet, dann das

Mittel- und Innenohr mit der Schnecke und dem Gleichgewichtsorgan. Die

Ohrchirurgie hat sich zuerst im Mittelohr entwickelt, dieses ist verbunden mit dem

Nasenrachenraum. Infektionen können über diese Röhre zum Mittelohr gelangen

und zu Entzündungen führen. Das tut weh, was viele vielleicht kennen und es kann

auch zu Entzündungen im Knochen kommen. Diese sind grundsätzlich

lebensgefährlich. Die Entzündung des Warzenfortsatzes hinter dem Ohr ist am

häufigsten.

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Dies ist ein typisches Bild eines solchen Kindes mit diesem schwerwiegenden

Verlauf. Das Ohr steht ab, die Haut ist geschwollen, das Kind hat Fieber und früher


war das grundsätzlich eine lebensgefährliche Erkrankung. Das ist, was die Chirurgie

entwickelt hat. Ich werde Ihnen im nächsten Dia ein Präparat zeigen, das hier

durchgeschnitten ist – durch den Gehörgang, das Mittelohr, das Innenohr, den

Hörnerv.

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Hier ist dieses Bild. Sie können das Innenohr mit dem Hörnerv erkennen, der

Gehörgang, die Ohrmuschel, der Knochen, die Knochenhöhle, wo sich diese

Infektion bildet. Wenn diese sich bildet, wir haben hier hinten das Hirn, ist dieses

infiziert. Das ist heute noch gefährlich, damals war es praktisch immer tödlich.

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Da vorne haben wir den Gehörgang, das Trommelfell, Innenohr und den Knochen.

Die Hirnhaut, die diese zwei Dinge von einander trennt. Im nächsten Bild werden wir

diesen Ausschnitt vergrößert anschauen. Sie erkennen die Schnecke mit dem

Hörnerv und diese Knochenzellen, wo sich diese Erkrankung befindet, wenn sie sich

entwickelt. Die Operation, die in den letzten 200 Jahren entwickelt wurde, ist die

Entfernung des Knochens, damit der Eiter sich nicht ausbreitet, sondern einen

Abfluss nach außen hat. Diese Eröffnung des Warzenfortsatzes ist die Mastektomie.

1936 war es, dass ein französischer Chirurg, J. L. Petit, die erste Operation anging.

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Dieses Instrument verwendete er. Das ist ein Bohrer, damit eröffnete er den

Knochen, um den Eiter heraus zu bekommen. Zu dieser Zeit gab es keine Narkose,

der Patient bekam gegen die Schmerzbekämpfung bestenfalls genügend Alkohol.

Die Ruhigstellung besorgten kräfte Männer. Je schneller, desto besser. Vor 150

Jahren war es ein großer Fortschritt, dass die Anästhesie Eingang in die Chirurgie

fand. Dieser Mann, Herr Schwartze, der in Halle / Deutschland die HNO-Heilkunde

lehrte, der die Mastektomie als wichtige Methode weiter entwickelte. Es braucht nicht

nur ein Loch, sondern der Knochen musste ausgebohrt werden.

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Das ist sein Original-Set an Meiseln. Das Ziel der Operation war, war die Entfernung

des Knochens trichterförmig, damit mehr Platz und bessere Drainagenverhältnisse

herrschten unter Schonung der Hirnhäute, der Blutleiter und Sie sehen Teile des

Innenohres, die nahe sind und der Gesichtsnerv, der nahe ist. Wurde dies eröffnet,

kam es zu einer Ertaubung oder Gesichtslähmung, damit konnte er noch lähmen,

aber wenn hier hinten das zerstört wurde, konnte der Patient nicht mehr leben. Diese

Operation setzte sich weltweit schnell durch.

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Ungefähr um diese Zeit sah der Operation-Tisch etwa so aus. Der Hammer, die

Meisel, Knochenzangen, Haken usw.

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Es kamen neue Ideen – hier wurde geturnt und gewisse Leute sahen auch die

Nachteile dieser Meissel. Es ist nicht immer gut zu kontrollieren, das

Knochenabtragen kann weiter gehen als gewünscht, daher setzten Leute um die

vorletzte Jahrhundertwende wie Macewen – Barr und Holmgren Bohrer ein, die

liehen sie vom Zahnarzt aus, diese hatten bereits solche Bohrer entwickelt, die

später elektrisch betrieben wurden.

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Diese Bohrer gaben die Möglichkeit, den Knochen exakter zu entfernen. Nach und

nach ging man ganz auf den Bohrer über. Heute ist es hundertprozentig der Bohrer

im Einsatz. Ein zweites Problem war, es war eine Höhle zu bilden, hier sind kleine

Strukturen im Millimeterbereich. Das war kein anatomisches Präparat, es hat

geblutet, hat Eiter und Schleimhaut drinnen, dazu kommt, dass die Beleuchtung,


wenn sie von außen kommt, die Beleuchtung ist immer schlechter, je weiter man

hinein geht.

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Man braucht die Beleuchtung aber innen, um die Strukturen zu erkennen. Die

Vergrößerung und die Beleuchtung waren die Probleme. Es gibt schon lange

Instrumente, die gut vergrößern. Das Mikroskop gibt es seit dem 16. Jh. Die üblichen

Mikroskope haben das Objekt hier oben, wird reingeschoben, das Licht kommt von

unten. Das ist das Prinzip des üblichen Mikroskops im Labor.

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Um diese Zeit – hier sehen Sie den Werkraum ca. um 1920 der Sprachheilschule. Da

gab es auch schon andere Mikroskope. Diese brauchte man zur Metallverarbeitung,

um Oberflächen anzuschauen. Hier ist das Objekt da unten, das Licht kommt von

hier von der Seite herein und geht hoch durch das Okular. Solche Mikroskope waren

um 1920 vorhanden und es ist Verdienst ovn Herrn Nylen, das Potenzial dieses

Mikroskopes erkannt zu haben für diese Mastektomie. Er überlegte sich, dass es

möglich sein müsse, die Vergrößerung zu verbessern.

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Dies ist eine Skizze eines solchen Einsatzes. Die Knochenhöhle ist hier angedeutet,

das Mikroskop wurde am Knochen befestigt und hier die Tiefe und Schärfe

eingestellt. Für Sie ist die Vorstellung sicher nicht einfach, aber für uns Chirurgen ist

es einfach.

Diese Idee wurde für die Operation aufgenommen und solch ein Mikroskop

entwickelt. Keine andere Fachdisziplin brauchte solch ein Mikroskop. Mit einer

verbesserten Ausleuchtung. So ist es hier, dass die Technik an der Sprachheilschule

1960 Einzug hielt, dass Herr Littmann von der Firma Zeiss das wirklich brauchbare

Mikroskop entwickelte. Das Prinzip ist bis heute erhalten gebließen. Unsere heutigen

Mikroskope funktionieren im Prinzip wie vor 50 Jahren.

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Das Licht ist integriert und wird über Spiegel in diese Achse hinein gegeben. So ist

die Beleuchtung sehr gut.

Das zweite war eine Aufhängung an einem Stativ, was beweglich war, für unsere

Bedürfnisse heute schwierig beweglich, damals sehr gut.

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Dieses Mikroskop hat sich durchgesetzt und wird heute noch verwendet. Sie kennen

das heute, um die Ohren anzuschauen, wird es verwendet. Wir haben das Licht dort,

wo wir es brauchen in der Sehachse, wir haben zweitens eine gute Vergrößerung.

Für die Operation ist es besonders wichtig. Das evtl. 1985 mit elektromagnetischen

Stativen, das ermöglichte, dieses Mikroskop schwerefrei zu schwenken, um es gut zu

positionieren, es gab bildverarbeitende Systeme dazu.

Folie

So sehen diese Mikroskope heute aus. Mit verstellbarem Fokus, verstellbarer Größe,

das geht automatisch heute. Diese Elemente brauchen wir dazu. Sie werden bei der

Operation mit Plastik verhüllt.

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Die Ohroperationen werden nur noch mit solchen Mikroskopen gemacht. Der

Operateur sitzt, die Schwester bedient von der Seite. So sieht der Tisch heute aus –

grundsätzlich – die Meisel wurden durch Bohrer ersetzt, die Instrumente sind sehr

fein geworden, auch die Operateure haben oft Mühe, das richtige Instrument zu

erkennen.

Folie


Ich erwähne nochmals, der Chirurg ist kaum sichtbar. Was uns erlaubt, wirklich

mikrochirurgisch zu arbeiten, das Trommelfell durch den Gehörgang, individuell

einstellbar, es erlaubt uns, Eingriffe im Mittelohr zu machen, hier ein Nerv, der

Steigbügel, hier eine Skizze, hier ist das Innenohr eröffnet, um die Otosklerose zu

behandeln. Da wird eine Prothese eingesetzt, um das Gehör zu restaurieren. Was

Sie wirklich interessiert ist die Prothese des CIs, die ebenfalls in einer solchen

Operation eingesetzt wird. Dieses Implantat wird überprüft, nachdem es eingelegt

wurde. Das ist der Blick, wie wir ihn mit einem solchen Mikroskop haben, da hinten

der Gesichtsnerv, da scheint die Cochlea bereits durch, das ist das Trommelfell, das

Mittelohr, das Innenohr, der Gesichtsnerv, den will er nicht berühren, das ist der

Zugang, den Sie vorher gesehen haben mit dem dem Mikroskop und den Bohrer

bearbeitet. Ein feiner Bohrer nimmt die Partikel vorsichtig weg. Hier sehen Sie die

Elektrode, wie Sie ins Innenohr hinein geführt wrid. Damit habe ich Ihnen gezeigt,

dass es nicht nur eine technische Entwicklung ist, es braucht auch eine

handwerkliche Entwicklung, da sind wir auf die Technik angewiesen. Das sind

Veränderungen von der lebensrettenden Chirurgie. Ich möchte mich bei Herrn Dr.

Mudry herzlich bedanken, der mir diese Bilder zur Verfügung stellte, auch für die

Bilder von Herrn Schlegel. Es ist mir ein Anliegen, ihm ganz herzlich dafür zu

danken. Ihnen danke ich fürs Zuhören.

Ganz herzlichen Dank für den wunderbaren Vortrag. Wir kommen jetzt zum

Stehlunch und ich bitte Sie, das Essen hier hinten zu fassen. Sie können dann im

ganzen Haus herum laufen. Getränke und Kaffee gibt es oben. Die

Weiterbildungsbestätigung / Quittung können Sie oben abholen. Wir treffen uns

wieder um 13:30 Uhr. Ich empfehle Ihnen auch die Stände und jetzt wünsche ich

guten Appetit und gute Gespräche.

Ernst Bastian,

Gehörlosenpädagoge, Hochdorf

„Von der Gehörlosen- zur Hörpädagogik“

Sehr geehrte Zuhörerinnen und sehr geehrte Zuhörer, ich habe den Auftrag zu

sagen, ich soll mich selbst vorstellen. Ich fange an, vielleicht komme ich durch. Ich

hoffe, Sie haben sich alle stärken können und haben die Ruhe, mir zuzuhören und

zuzusehen.

Ich bin Ernst Bastian, ich bin oder war Gehörlosenlehrer, früher sagte man

Taubstummenlehrer, war Schulleiter an der Taubstummenanstalt und dann an der

Hörbehindertenschule in Hohenrein, ein halbes Jahrzehnt Präsident von sonos und

bin auch sonst in der Hörgeschädigtenszene tätig. Für die Einladung möchte ich mich

herzlich bedanken. Ich möchte nicht belehren, habe keine voreingenommenen Ideen

und keine voreingenommenen Auffassungen.

Was mir wichtig ist, ich halte mich imemr noch für einen Neuling in der Welt der

Hörgeschädigtenpädagogik. Das meine ich sehr ernst. Ich möchte keine Kritik üben

Ioder wissenschaftlichen Vortrag halten. ich muss mit der Technik noch vertraut

werden.

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Als ich 2004 aus dem aktiven Dienst austrat, hatte ich 38 Jahre in verschiedenen

Positionen gearbeitet.

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Ich bin Teil der Geschichte und damit ein Selbstdarsteller, aber vielelicht gelingt es

mir darum, Sie in eine lebendige Vergangenheit mitzunehmen.


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Erfahrungen sind individuell, von derzeitigen Strömungen und Personen geprägt, und

somit nicht objektiv. Es ist wie schon angedeutet, nicht möglich, die Wandlungen und

Veränderungen der Hörgeschädigtenpädagogik aufzuzeigen.

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Es sei denn, es ist eine Geschichte der persönlichen Betroffenheit und diese macht

die Aussagen vielleicht etwas lebendiger. Als ich anfing, diese erlebte Geschichte

aufzuschreiben, kam ich ins Schwitzen – alle wichtigen Ereignisse und Personen zu

nennen, ist nicht zu schaffen.

Dieser Untertitel half mir, zu sagen. Ich habe mich entschlossen, meine Erfahrungen

aufzuzeigen. Wenn ich einige der Anwesenden prägenden Personen nicht nenne, so

liegt das an der vorgegebenen Zeit und nicht an dem, was sonst diese Person

gemacht hat oder noch macht.

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In einem Praktikum 1966 antwortete mir der damalige Schulleiter nach der

apparativen Versorgung: „Sie dürfen nicht vergessen, es sind vorwiegend ...kinder“.

2004 nach meinem Ausscheiden aus dem Schuldienst, waren es Kinder geworden,

die mit der Technik in der Lage sind, die Regelschule zu besuchen.

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Ich habe das an sehr vielen Schulen gesehen und bei sehr vielen

Hörgeschädigtenpädagogen beobachten können. Nebenwirkungen waren natürlich,

dass der Projektor öfter kaputte Glühbirnen hatte.

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Das ist das Theaterspiel „Der Froschkönig“. Selbst die Kostüme machten die Kinder

selbst. Die Altmeister von damals, hochgeehrte und Könner in der Artikulation

rühmten sich, dass „ihre“ Kinder besonders gut sprechen könnten.

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Vatter galt als „der“ .. der reinen Lautsprache.

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Sie beide waren Schüler von Vatter und waren mehrfach in Frankfurt gewesen. Sie

stimmten weitgehend in ihrer pädagogischen Grundauffassung nach J. Vatter

überein. Sie gehörten alle zu den bedeutensten Gehörlosenpädagogen. In

Aufzeichnungen steht geschrieben, dass „man“ zu Schibel und Arnold gepilgert ist,

um zu sehen, wie sie Sprache bilden.

Kaiser wurde Direktor in Schleiz.

Erste Praktika 1966, Lehre an der Taubstummenschule bis 1972, E. Kaiser, Sohn

von Chr. Kaiser, war Direktor in Riehen.

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Wenn ich heute manchmal auf Besuch bin und sehe, dass man kaum in der Lage ist,

einem mehrfachbehinderten Kind in der Artikulation zu helfen, finde ich das schade.

Der Unterricht wurde nach vorgegebenem Arbeitsplan durchgeführt.

Zunächst ein Blick auf die Entwicklung in der Schweiz der Hörbehindertenpädagogen

nach dem 2. Weltkrieg.

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Es herrschte eine Art Aufbruchstimmung. Viele Änderungen und Neuerungen

standen an, die Jahreszahlen sind nicht immer genau auszumachen. Ich kann sie

nicht genau nennen, weil vieles ineinander übergeht.

Namensänderungen der Taubstummenschulen,

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Die Integrationsversuche waren nicht immer erfolgreich, dass hat vorwiegend daran

gelegen, dass die Exponenten der hörenden Kinder sich nicht so blosstellen wollten.

Viele Anläufe sind gescheitert, das war nicht so erfolgreich.

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Einige Schwerpunkte und Besonderheiten der Schulen in der Schweiz möchte ich

herausgreifen.

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1994 Gründung des CI-Centrums in St. Gallen.

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Sie könnten fragen, warum haben wir in der Schweiz keine Lehrer gefunden? Es gab

keine Lehrer. Ein riesiger Lehrermangel, wie man ihn sich heute nicht mehr vorstellen

kann. Die Lehrer wurden mit Handkuss bearbeitet, damit sie kamen. In Deutschland

ging man auf die Straße unter dem Motto „Bildungsnotstand“. Es waren einfach keine

Lehrer da.

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Einige der damaligen Zuhörer bezeichnen noch heute die Aussage von Machmüller

als Meilenstein, so vor einigen Wochen in Heilbronn, wo zwei der Anwesenden

dieses Referat noch gut in Erinnerung hatten, es war wohl prägend.

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1994 war die Gründung der Berufsschule für Hörgeschädigte, eine schwere Geburt.

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1975 Wahl von Heinrich Weber, kontinuierlicher Ausbau in allen Bereichen.

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Jetzt habe ich ein Heimspiel – Hohenrain.

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Das ist Erwin Kern, damals in Aktion, wo er mit den Schwestern zusammen diese

Ganzheitsmethode erprobt hat.

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Die Kinder sind sehr motiviert und versuchen, auch untereinander ein Gespräch zu

führen.

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Diese Arbeit war immer eine besondere Herausforderung. Es wurden je nach

Anforderung das Fingeralphabet oder die Braillsprache eingesetzt.

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Frau Schmid, Sie müssen mich korrigieren, wenn was falsch ist.

Es bestand immer eine Nähe, so zu sagen eine Sprachanbahnungsnähe zu der

Schule in Meggen. Als bekannt wurde, dass die Schule geschlossen werden soll,

habe ich mich an den Sachbearbeiter im Kanton gewandt, um Meggen als

Außenstelle weiterzuführen, das kam aber nicht zustande und 2002 ist die Schule in

Meggen geschlosen worden.

Siehe links.

Der Schweizerische Vereinigung Eltern hörgeschädigter Kinder wurde 1974

gegründet,

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Ein Blick zurück.

Der neue Elternverein von 1974 schrieb in der Satzung fest, dass ein Vertreter mit

Stimmrecht im Vorstand Einsitz nehmen soll. Vom damaligen Direktor bin ich dann in

den Vorstand des neuen Elternvereins gegangen worden. So war das damals mit

Direktoren.


Die übrigen Vorstandsmitglieder des Elternvereins waren vorwiegend Eltern der

neuen Schule in Meggen.

Der Präsident des neuen Elternvereins war auch Präsident der Stiftung von Meggen

und der Direktor von Hohenrein ... seit der Zeit weiß ich, was das Wort „Spagat“

bedeutet. Gehört und gelesen hatten wir schon etwas über das CI.

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Eine gewaltige Veränderung, Herausforderung und Umstellung für uns

Taubstummenlehrer von damals. An dieser Stelle möchte ich, weil es mir viel

bedeutet, Herrn Bodo Bertram danken für die wertvollen Anregungen, die ich

während meines Praktikums bekommen habe. Es war nicht einfach für uns, dieses

zu vermitteln, vor allem ältere Personen und Schwestern – was kommt denn da –

etwas, was wir nicht kennen – also die Begeisterung war anfangs nicht so da.

Ähnliche Entwicklungen wie in Hohenrein waren auch an anderen Schulen zu

beobachten.

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Diese Zahlen zeigen eindeutig, welche große Veränderung stattfandt und

standfindet.

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Damit ging ein Wechsel in der Bezeichnung der Schule einher: Hör- und

Sprachbehindertenschule. Die Schule hat mit der Schülerzahl den früheren Stand

erreicht mit der Tendenz steigend.

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Die Hörbehindertenpädagogik muss zum Ziel haben, den hörbehinderten Schüler zu

befähigen, seine zukünftige Situation zu bewältigen. Ich möchte etwas konkretes

dazu nennen:

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Sie hat nach meiner Überzeugung die beste Möglichkeit, junge Erwachsene zu

motivieren und das Doppelleben aktiv anzunehmen.

Ich komme langsam zum Schluss.

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Gleichwohl bleibt dieses Wort immer bestehen: Quo vadis?

Sagte ich anfangs, dass es nicht meine Absicht ist, Sie zu belehren, möchte ich doch

meine ganz persönliche Haltung im Umgang mit Kindern hier nennen:

Ich möchte jenen Satz nennen, dieser ist für mich der wichtigste in meinem

pädagogischen Leben:

„Jeden Tag auf Neue das Lachen entdecken, das in jedem Kind verborgen liegt.“

Herzlichen Dank!

Dr. Bodo Bertram

Gehörlosenpädagoge, Berlin

„Das Gedächtnis der Gehörlosenpädagogik“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte mich herzlich bei den

Veranstaltern des Forums für die Einladung bedanken, St. Gallen ist ein wenig mein

Zuhause. Es macht mir Freude, wieder hier zu sein, mein Thema diesmal heißt: Das

Gedächtnis der Gehörlosenpädagogik“

In Europa vor einigen Jahrhunderten galten die Gehörlosen als nicht vollwertig, sie

seien nicht der wirklichen Sprache mächtig und darin unterscheidet sich der Mensch

vom Tier. Es gab zahlreiche Menschen, die sich mit der Welt der Taubstummen

beschäftigten.


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Dass sie in der Lage sind, auch wenn sie nicht die Stimmsprache beherrschen, lesen

lernen zu können. Ein anderer war Conrad Amman, der einmal Doktor der Medizin

war und auch heute noch als Taubstummenarzt bezeichnet wird.

Dann 1777 Pfarrer Heinrich Keller. In Deutschland war es Samuel Heinicke, der 1778

das so genannte Chursächsische Institut gründete.

In Berlin war es Adolf Eschke, der dann das Taubstummeninstitut in Berlin gründete

und mit schriftlichen Beiträgen wesentlich zur Bildung Taubstummer beitrug.

Dann München, 1794 ein erster Unterricht durch de Boullion eingeführt, der richtete

sich nach Abbé de le Epée.

In Dresden begann die Bildung der Taubstummen 1832 durch Direktor Zahn, der

einen ersten taubstummen Schüler unterrichtete.

Inzwischen wurden zahlreiche Taubstummenschulen gegründet, 1894 kam es zur

Gründung des Bundes Deutscher Taubstummenlehrer Augsburg. 100 Jahre später

lernte ich Bruno Schlegel in Leipzig kennen, das war unser Grundstock für die

Zusammenarbeit. Damals gab es zwei Stiftungen: die 1. internationale Fachbibliothek

unter Führung von Carl Renz, es gab viele Schriften um das Taubstummenwesen,

um ein Haar wäre dieser Bestand an das Pariser Museum gegangen, denn da wurde

aufgerufen, Buchspenden und Porträts hinzugeben.

Der damalige Direktor der Taubstummenanstalt Straßfurt rief die Deutschen auf, nur

Doppeltstücke nach Paris zu senden und es wäre nutzbringender, die Originale

Deutschland zur Verfügung zu stellen.

Eine zweite Bibliothek von August Eichler war der zweite Teil des Grundstockes der

Bibliothek, er verfügte über 250 Bände.

1915 wurde dieses Gebäude hier im Beisein des Königs von Sachsen eröffnet.

Bis 1906 wurde dieses Museum von Emil Göpfert geführt, Leitung durch Lehm bis

1924, Dr. Schumann führte es bis 1943, er hat das Handbuch der

Taubstummenkunde herausgegeben. Dann das Buch „Geschichte des

Taubstummenwesens“. Sehr viele Bücher standen zur Verfügung, worauf das

Museum sehr stolz sein konnte.

1943 – die Gehörlosenschule wurde in ein Lazarett umgwandelt und Leipzig erlitt

dann einen vernichtenden Bombenangriff, wobei Schule und Muesum vernichtet

wurden. 99 % des Bestandes wurde vernichtet. 350 der wertvollsten Bücher wurden

vorab ausgelagert, sodass diese Bücher erhalten blieben. Diese bildeten auch den

Grundstock für den Wiederaufbau der Spezialbibliothek. Die Lehrerschaft beschloss

1950, diese Bibliothek wieder aufzubauen. H. Härtel bemühte sich sehr um den

Wiederaufbau.

Dank seines hervorragenden Einsatzes konnten durch die Spenden von Schulen

usw. sowie durch Ankäufe, verloren gegangene Werke wieder beschafft werden.

Ab 1968 gehörte die Bibliothek zur pädagogischen Zentralbibliothek in Ostberlin.

Nach der Wende 1989, wurde sehr viel abgewickelt, da bestand auch die Gefahr,

dass die Bibliothek abgewickelt werden würde. Die Spezialbibliothek in Leipzig und

die BBF, eine neue Bibliothek für bildungspolitische Forschung, wurden dem

Deutschen Institut für Inernationale Forschung Berlin angeschlossen.

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Die Trennung von der Bibliothek wurde empfohlen, weil sie nicht den Anforderungen

dieser großen Bibliothek entsprach. Es wurde dann am 13.01.03 die Bibliothek

wieder der Schule zugetan und sie befindet sich in Landesträgerschaft Sachsen. Es

ist eine öffentliche Bibliothek. Sie verfügt derzeit über einen alphabetischen

Verfasser- und Sachkatalog. Bis 1995 wurde ein Zettelkatalog und ab 1995 wurden

alle Neuzugänge computergestützt erfasst. Diese Bibliothek kann von Erwachsenen


ab dem 16. Lebensjahr genutzt werden. Die Ausleihe erfolgt auch außer Haus (außer

die Lesesaalbestände, sehr alte und wertvolle Bücher sowie schlecht erhaltene

Bücher. Die Bibliothek ist um die Restaurierung bemüht, manche sind riesige Wälzer,

die man kaum nach Hause tragen kann.

Sie sehen die Auflistung der Literatur, die dort gesammelt wird

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Sie sehen ein riesiges Gebiet, somit die Möglichkeit, von Fachleuten und

Interessierten eingesehen zu werden. Es gibt zwei Sondersammlungen: Älteste

Schriften des Fachgebietes sowie Handschriften und schöngeisige Literatur und

Werke hörgeschädigter Künstler.

Hier noch einige Beispiele alter Bücher der Bibliothek: Hier ein Buch „Unterricht

taubstummer Kinder“.

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Dann über die Denkart der Taubstummen usw., diese bedürfen des Schutzes – hier

auch ein ABC-Buch oder „Unter den Menschen“ oder dieses über Champell, oder der

übernatürliche Philosoph, oder ein Schreiblesebuch. Es ist sehr interessant, wenn

man als Fachpädagoge liest. Dann Zeitlin – der taubstumme Student. Dies ist das

Buch, was ich selbst besitze. Ich habe mit dem jetzigen Leiter gesprochen, es ist

tatsächlich das persönliche Handbuch des Kronprinzen, darauf bin ich sehr stolz.

Hier auch noch mal einige Bildkarten, die bildlich Handlungen von Menschen

darstellen oder Fachbegriffe.

Einige Impressionen aus dem früheren Unterricht, da musste man Manualsysteme

einsetzen, um die Taubstummen zur Kommunikation zu befähigen. Hier das Wort

Strafe, was bildlich dargestellt wird. Dann J. Heidsiek, der an der

Taubstummenanstalt Preslau arbeite.

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Ich denke, wenn wir auf die Neuzeit zurückkommen, mit dem CI befähigen wir viele

Kinder, sich lautsprachlich zu äußern und zu artikulieren.

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Hier noch einige Fotos – ich möchte auf die Bemerkung meines Vorsprechers

kommen, die Artikulation hat heute noch ihren Stellenplatz, aber wenn wir das

vernachlässigen, schicken wir das Kind vom Regen in die Traufe, weil die Kinder so

sprechen, dass sie nicht verstanden werden.

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Hier Artikulation vor dem Spiegel, Impressionen aus dem alten

Taubstummenunterricht, hier die Hellen Keller mit Lehrerin, hier Bilder aus der

Gehörlosenschule Leipzig mit einer Vielhöhreranlage.

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Wir bekamen eine Vielhöhreranlage aus Ungarn, darüber waren wir sehr stolz und da

ging die Tür auf und 15 Studenten saßen hinten. Als Lehrer kann man in

Schwierigkeiten kommen, die Schüler hantierten mit den rieisigen Kopfhörern herum

und die Kinder merkten, dass ich ins Schwitzen kam. Ein Kind rief dann laut: „nass“,

ein anderes sagte „rot“, ein anderes Kind kam nach vorn und sagte „warm“. Das kann

also auch passieren.

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Hier noch mal im Zeitraffer vom Hörrohr bis zum CI. „CI ist gleichsam eine Revolution

in der Hörgeschädigtenpädagogik“. Es ist so – ich bin beeindruckt, wir dürfen aber

die Augen nicht verschließen. Es wird neue Probleme geben, aber das CI schaffte

große Möglichkeiten, ich bin zutiefst erstaunt, wenn man sich mit einem 2-3jährigen

Kind unterhält und man sagt, dieses Kind war taub.

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Hier ein Flyer der Einrichtung, dort arbeitet eine Bibliothekarin. Ich danke Herrn

Müller, der Material für diesen Vortrag zur Verfügung stellte und Ihnen auch

herzlichen Dank.

Herzlichen Dank meinen beiden Vorrednern! Wir machen eine kurze Pause, um die

Beine zu vertreten und kurz zu lüften – bis 10 vor.

Beat Brechbühl, Schriftsteller und Verleger

„Vom Hören und Nichthören“

Einführung Clemens Wäger

Wer nun bei der Ankündigung unseres nächsten Referenten einen

Hörgeschädigtenhintergrund erwartet, der irrt. Als wir unsere Veranstaltung planten,

sagten wir, wir möchten einen Literaten bei uns begrüßen, für den das ganze

Hörgeschädigtenwesen beinahe ein Fremdwort ist. Ich freue mich, dass wir Herrn

Beat Brechbühl begrüßen dürfen. Sein aktuelles Buch ist „Der Treueprüfer“. Von den

vielen Auszeichnungen möchte ich zwei erwähnen: der Kulturpreis der Stadt Bern

und der Bodensee-Literaturpreis. Er hat noch einige Bücher mitgebracht, die Sie am

EIngang kaufen können oder Sie können Sie noch signieren lassen. Ich wünsche

uns allen viel Vergnügen mit dem Referat.

Wie wir gehört haben, bin ich ewiger Anfänger auf vielen Gebieten, aber auf diesem

Gebiet bin ich blutiger Amateur.

Ich habe wirklich Neuland betreten dürfen und habe um diese Geschichte herum ein

paar Sätze aufgeschrieben.

Also, was ich sagen wollte, ich bin kein Philosoph. Ich habe drei Stichwörter gemacht

für diese kleine Geschichte und alle drei Abschnitte möchte ich mit einer Szene aus

den Büchern erzählen. Hören mit den Ohren: Höhne sprach: jeden Morgen, wenn ich

aufstehe, ist um mich Leere, Stille, Durst nach Wasser, meine Geräusche, Atem,

Hüsteln vielleicht Husten, ich höre von außen nichts, Verkehrsgeräusche,

Vogelgezwitscher, Geräusche von Nachbarn nehme ich akustisch noch nicht wahr.

Also, sofort das Radio in Küche und Bad an, machst du bitte Lärm sage ich zu mir,

später, wenn ich ihn nicht angeworfen habe, sagt es meine Frau zu mir. Lärm hat

nichts mit DIskriminierung zu tun, es ist aus dem Schlaf, den Träumen heraus

langsames Ankommen in der akustischen Welt. Nach und nach höre ich die

Botschaften, neues von gestern, von der vergangenen Nacht, millionenfach

Gehörtes, Lieder mit Texten, die ich verstehen könnte, wenn ich wollte oder Texte,

die zum Sprechen zu blöd sind, dafür müssten sie gesungen werden. Was sollte

dieser Lärm, es gibt wenige Gebiete, mit denen ich zwei Sachen miteinander tun

kann, allein essen und Zeitung lesen, laufen, denken – was nicht geht: Telefonieren

und Lesen, Telefonieren und Essen, mit jemandem Reden und dabei etwas tun. Sie

wundern sich? Es wurde mir oft gesagt, dass dieses eins nach dem anderen Arbeiten

typische männlich sei – Frauen könnten viel nebeneinander tun. Nochmals was soll

dieser Lärm?

Sollen soll er vieles, sollen tut er vielelicht gar nichts, ich trete in die lebendige Welt,

zumindest hörbare Welt hinein oder hinaus. Ich bin akustisch voll da, wenn ich meine

Wohnung verlasse und die reale Welt verlasse. Ich liebe die Stille, es ist ein schöner


Satz. Die Stille, die ich liebe, jeden Tag brauche, darf aber nie als isolierende Stille

sein.

Die lebendige Stille ist nie total still. In der Stille unter Menschen, ohne Menschen in

der Natur, ist immer presänt ein Teppich aus Bewegung, Geräuschen. Alles in mir

macht Geräusche, das Blut, ich kratze mich, weil es mich beisst, das Atmen, das

Schlafen und Erwachen. Das Reden, Singen ... man kann mit dem Körper allein sehr

wohl selber Geräusche herstellen, z.. B. mit Schnippen der Finger, Gelenkknacken

oder Klappern des schlecht sitzenden Gebissen, Nasenschnäuzen. Auch in der

Natur, nachts, wenn alles schläft, ich habe mich in wolkenfreien Sommernächten auf

eine feuchte Wiese gelegt, um die Stille zu hören. Ich hörte das Gras wachsen,

obwohl ich nicht weiß, ob es tags oder nachts wächst. Ich hörte die Geräusche der

Sterne, nur der Mond war still. Geräusche der Sterne – ein kurzer Ausschnitt aus der

Geschichte der Sternenhimmel. Mark Bauer sieht sich gefangen. Er entschließt sich,

nach den Sternen auszuwandern. Er beginnt seine Auswanderung.

„Während des Aufstiegs, stieg er die Alp hinab, er setzte sich hin und sah den tief

blau-schwarzen Himmel über sich, die Sterne kamen auf ihn zu. Wenn die mir näher

kommen, kann ich sie greifen. Erwarf sich rücklinks ins taunasse Gras. Er gab sich

der Milchstraße hin. Er hatte das Gefühl, dass sich sein Kopf öffnete, die Haut, die

Poren auch. Die Ohren öffneten sich, die Augen sahen die Sterne näher kommen

und rieisig werden, er spürte das Blut in seinen Adern fließen. Gerüche der Nacht

schienen, ihn zu streifen. Auf einmal merkte er, dass sein Tinnitus weg war. Er ließ

alles geschehen, konnte und wollte sich nicht wehren. Es belegte ihn ein großes

Gefühl des Fliegens, er konnte seinen Körper von außen und innen betrachten. Flog

er mit seinem Willen als Antrieb oder mit seiner Neugier? Nimm dir die Zeit, zum

Träumen, das ist der Weg zu den Sternen. Der Versuch, einfache Sätze zu

sprechen, er verstand sich zwar, aber die Wörter klangen wie die Musik eines großen

Klangkörpers, er sah sich umringt. Er hörte Stimmen, keine Echos, der Inhalt der

Stimmen schien ihm nah verwandt. Ich fliege auf die Milchstraße zu, werde zu einem

Stern in dieser unfassbaren Menge von Sternen. Sich auf diesem Weg zu befinden,

machte ihn sympatisch. Er wollte ein Mensch bleiben und seinen Namenmusste er

behalten. Er wunderte sich, dass er nicht in zwei Teile gerissen wurde. Harmonie

schien ihn zu umgeben, ihn einzuhüllen. Er fühlte sich auf der Reise und wunderte

sich, dass ihn das Reisegefährt nicht interessiert. Er hatte sich von der Erde entfernt

und wusste wirklich gar nichts. Jegliches Zeitgefühl hatte er verloren, ahnte nur, dass

er in der richtigen Richtung flog.

Nun wieder zu den Sätzen Hören und Nichthören. Hören mit dem Körper und

Tinnitus – ich bin davon überzeugt, dass mein Gehör ziemlich gut ist, Musik meine

ich bis in die kleinste Faser zu erleben, Sprechen ist meine täglich Arbeit,

Übersetzungen meines Erachtens mit dem Hören beider Sprache. Geräusche kann

ich zuordnen. Mir ist vieles zu leise oder zu laut. Vor allem zu laut. Z. B.

Musikgruppen, die ohnehin alles verstärken, manchmal bis mir das Hirn zu platzen

scheint, begreife ich nicht.

Zum gut Hören ist ein selektives Hören unabdingbar. Sonst werde ich erdrückt von

Hör- und Klangmonstern. Nichthören muss ich ebenso beherrschen wie das Hören.

Ich kann, nicht vieles miteinander, jedoch einzelnes nur nacheinander hören usw.

Eine kleine Anektode: ich hatte einmal einen Schwiegervater, der war Weltmeister im

Nichthören, er legte sich nach dem Mittagessen hin, wenn er mit uns oder wir mit ihm

Probleme hatten, war er auf der Couch und hörte nichts mehr. Dieses Verhalten war

mühsam und Probleme wurden nicht gelöst. Ich hatte eine einfache Methode

entwickelt. Ich sagte: Er hört uns ja doch nicht – wir können uns ruhig über das und

das unterhalten. Dieser Satz lies ihm lebhaft am Gespräch teilhaben.


Ich merkte, der Tinnitus ist immer in Betrieb. Ich höre ihn einfach nicht immer.

Mein Tinnitus macht keine Schmerzen und ich nehme ihn an als körpereigenes

Geräusch wie das Rauschen des Blutes. Er wird an warmen Sommernächsten in

Japan ausgeschaltet. Dort gibt es eine Grillenart. Dieser Ton kann bei offenem

Fenster zu einer ... werden.

In japanischen Sommernächten, kann ich mir nicht anders helfen als Fenster zu und

Schlaftablette. Ich erwähne den Tinnitus, weil ich ich meine, ihn ein wenig zu

verstehen. Ich folgerte damals, dass mein Körper so einen Dauerkrach erzeugen

kann, muss er auch in der Lage sein, ... ich musste an mir die Probe nicht machen.

mit den Körperhöhlen hat mich immer fasziniert. Ich kurz vorlesen: Gertrud hat

Schwierigkeiten mit ihren Männer, besonders zu den sie Liebenden. Diese Durch-

Glas-Geherei endet beim Scheidungsrichter:

Immer ging alles gleich schief. Nach einiger Ehezeit sagte der Mann, ich glaube, du

bist aus Glas. Richtig sagte sie: Du bist Glas, ich gehe durch dich hindurch wie durch

ein Fenster – wie durch die Jahre.

Der Scheidungsrichter meint, sie soll das mal vorführen. Der Anwalt des Mannes

sagt, das Glas geht auf Gertruds Rechnung. Sie streckt ihre Finger aus, das Türglas

scheint sich zu bewegen und Gertrud steht auf der anderen Seite, sie geht noch

dreimal durch das Glas. Sehen Sie – sagen sie zum Richter.

Inzwischen hat sie wieder Probleme mit dem neuen Mann und muss sich erklären.

Für ich war immer alles Glas. Hauchdünnes Glas. Regenbogenglas in den Augen,

plötzlich Glaswände, Glaswände, alles ist Glas – verstehst du? Kein Wort – sagte

Konrad.

Seit ich diese Geschichte schrieb, besteht für mich eine enge Beziehung zwischen

Glas und Hören. Ich will Ihnen nicht meine Körperlichkeit ausbreiten, von

körperlichen Höhlen. Dritter Abschnitt also:

Die Hörmaschine ist das Gehirn, das CI und andere Hörhilfen habe ich zu verstehen

versucht. Ich bin beeindruckt, wie die Signale umgewandelt werden. Ob das neueste

Sprachhilfen sind, bewundere ich. Fasziniert haben mich die Zusammenhänge

zwischen dem Schädelinhalt und die Auswirkungen auf alles – also auch auf das

Hören und Nichthören.

Einige Künstlerinnen haben vor Jahren ein nachgebautes Hirnmodell erhalten mit der

Aufgabe, beschreiben Sie das Gehirn. Für mich kam infrage, das Gehirn zu

beschriften.

Ich werde den Text verkürzt vorlesen:

Gehirnfragen, Singen und Sprechen.

Gedanken zum Hirn.

Gehirnfarben, Singen, Stottern und Sprechen – wenn ich es Knirschen spürre und

arbeite mit Geräuschen und Euphorie wächst wie Gewitterwolken, hinter denen die

Sonne hervorstöpselt, ich könnte fliegen wie ein singender Stein. Inhalt des Gehirns:

alles spielt sich im Kopf ab, meinst du, sagst du.

Ein Computerrechner ist ein Esel oder zwei. Unsere Gehirnmasse ist

unberechenbarer als ein Computer. Die Nanotechnologie – hallo Gehirn – willst du

ihre Schwester werden? Wir hatten schon immer eifrige Helfer in der Gehirnrinde.

Unverhoffte Euphorie. Ich flippe aus, mein Körper freut sich, Rausch. Wasser, die

Milchstraße an der Schädeldecke – welch dünne Romantik gegenüber unserer brach

liegenden Möglichkeiten.

Wenn ich mich reißen lasse oder hinein in die Sternstraßen oder die Vergangenheit

oder in die Zukunft oder auf der Suche nach mir oder in die poetischen Wörter oder

auf meine Nerven ins totale Wasser oder ganz nah in meine nächste Nähe oder zu


meinen Freunden in Himmel und Hölle oder mit den Herbststürmen oüber den plauen

Planeten hinaus, oder zu Budda, oder auf den großen Flüssen in die Wüste oder den

kleinen Bächen ins Meer, da bin ich nie sicher, wann ich zurückkehre oder ob

überhaupt. In meinem zerebralen Reisebüro muss ich vertrauen, oft darf ich die

Richtung angeben,d ie Ausführung wird meist rieisg, ausführlich und straff erzählt.

Die Farben des Gehirns betrachtend ist mein Nachbar sicher, das er es weiß. Dies

weiß ich immer weniger und eines nachts interessiert mich das nicht mehr.

Manchmal bin ich fast zufrieden mit meinem Gehirn, manchmal lässt es mich etwas

hängen, aber wie sagte ein Autor, der Zerstreute ist auf anderes konzentriert.

Um Schmetterlinge in den Bauch zu kriegen, sind keine Red Bulls und

Brausestäbchen notwendig. Mein Kopf weckt mich nachhaltig.

Wie lange und wohin weiß niemand, nicht mal das Gehirn und jetzt möchte ich zum

Schluss des Schlusses noch mein kleinstes Gedicht lesen. Eigentlich sollte ich es

nicht lesen brauchen, ich versuche es auswendig.

„Ich höre eines deiner Haare auf den Teppich fallen“.

Danke schön.

Hans-Jörg Studer

Nächste Tagung:

Samstag, der 13. November 2010 wieder hier in St. Gallen.

Zum Ausklang spielt die Hausmusik der Familie Koch

Und nun möchte ich die Musik bitten, uns auf zu spielen.

Und trotzdem spiele ich Hackbrett.

Vielleicht hat Ihnen diese Art von Musik nicht gefallen, es hat aber einen Grund,

warum ich die Familie Koch eingeladen habe. Samuel wurde am 21.01.1994 als 3.

Kind der Familie Koch geboren. Es fiel auf, dass er links schlecht hört. Eine

Abklärung ergibt eine Taubheit links sowie eine leichtgradige Schwerhörigkeit rechts.

Eine logopädische Förderung wurde nicht als notwendig angesehen. Die Mutter

bemerkt eine Verschlechterung, schildert ihn als nicht ansprechbar usw. seine

Artikulation wurde unverständlich und Kommunikation fast unmöglich. 1999 ergab

eine Hörmessung die Diagnose einer Taubheit. Auch mit intensiver Therapie und

Hörgeräten blieben die Ergebnisse unter den Erwartungen. Die Implantation rechts

wurde durchgeführt. Der Eintritt in den Kindergarten erfolgte, später die Einschulung

in die Regelschule mit audiopädagogischer Förderung. Ein Jahr nach Verdacht der

Mutter, konnte Samuel endlich wieder hören, ein neues Kapitel begann. Das Hören

musste gelernt werden. Nicht nur Geräusche und Sprache, auch Musik lernte er

wieder hören. Auch bei ihm erwachte der Wunsch, dazu zu gehören. Er wählte das

Hackbrett als zukünftiges Instrument aus. Dann der Schrecken. Samuel rutscht

anfang 2004 aus, fällt auf das Implantat und aus war es mit dem Hören. Die Klinik

implantierte neu, nach 6 Monaten ist fast wieder alles beim alten. Sie haben ihn

gehört, er spielt nun noch einmal ein rassiges Stück, danach sind Sie alle zu einem

Apero eingeladen.

Und nun laden wir Sie herzlich ein zum Apero, Familie Koch wird weiter aufspielen.

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