zwischen Hass und Liebe - Pro Mente Sana

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zwischen Hass und Liebe - Pro Mente Sana

Titelthema Borderline

Grenzgänger

zwischen

Hass und Liebe

Ihre Welt ist entweder schwarz oder weiss, gut oder

böse, und sie selbst sind darin sowieso das Allerletzte.

Von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung

Betroffene sind für ihre Umgebung nur schwer zu

fassen. Sie verletzen sich selbst und mit ihrem Verhalten

die Mitmenschen, sogar ihre Allerliebsten.

Warum nur?

Von Claudia Laube

Als den letzten Dreck fühlen

sich Menschen, die an einer

Borderline-Störung leiden. Der

Cartoon bringt es zwar auf den

Punkt, doch er erklärt noch lange nicht

das ganze Ausmass dieser komplexen und

schweren Krankheit, an der gegen zwei

Prozent der Bevölkerung leiden.

Es ist schwer, diese Krankheit ganz zu

begreifen, die Übersetzung von «Borderline»

trägt auch nicht wirklich zur Aufklärung

bei: Grenzlinie. Der Begriff ist auf

die 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts

zurückzuführen. Damals bekamen

Menschen die Diagnose Borderline, die

schwerer erkrankt waren als Neurotiker

(zum Beispiel mit Zwangserkrankungen),

aber nicht so heftig wie Psychotiker (zum

8 GESUNDHEIT SPRECHSTUNDE | 07 | 09

Beispiel Schizophrene) – sie befanden sich

auf der Grenze. Erst seit 1980 ist die

Krankheit offiziell anerkannt und auf konkret

festgelegte Kriterien zurückzuführen.

«Es gibt drei Hauptfaktoren, die Menschen

mit einer Borderline-Erkrankung ausmachen:

Ein gestörtes Selbstbild, gestörte

zwischenmenschliche Beziehungen und

starke Stimmungsschwankungen», erklärt

Dr. Christoph Fuhrhans, Leiter der Borderline-Station

der Klinik Littenheid TG.

Viele setzen die psychische Krankheit

mit einem selbstverletzenden Verhalten

gleich. Gegen dieses Bild wehren sich die

Betroffenen, wenn bisher auch nicht sehr

erfolgreich. Es ist nicht so, dass sich ein

Borderliner zwingend selbst ritzen muss.

Und wer sich ritzt, muss noch lange kein

Borderliner sein. Insgesamt sind es neun

Kriterien, wovon mindestens fünf erfüllt

sein müssen, um die Diagnose Borderline

stellen zu können (siehe Box auf Seite 13).

Eine definitive Diagnose wird um das

20. Lebensjahr herum festgestellt und betrifft

zu 70 Prozent Frauen. Fuhrhans beschreibt

zwei Arten von Familien, in denen

eine Gefahr besteht, dass der Nachwuchs

eine Borderline-Störung entwickelt. «Einerseits

ist da die gewalttätige Familie, wo

Kriminalität herrscht oder sexueller Missbrauch

passiert. Andererseits ist da aber

auch die gegen aussen perfekte Familie.

Die Betroffenen erleben dort gleichzeitig

eine Verkümmerung der Gefühle und einen

Leistungsanspruch, dem sie nicht ge-

recht werden können. Sie lernen nicht, ihren

Gefühlen zu vertrauen.»

Dazu kommt noch eine Veranlagung,

wie sie Franca Weibel, 49, bei ihrer Tochter

Andrea im Nachhinein auch feststellte:

«Meine Tochter legte schon früh eine Sensibilität

an den Tag, die sich sehr von meinen

zwei anderen Töchtern unterschied.

Wenn zwei sich stritten, hat sie sich für

den Schwächeren eingesetzt. Schon sehr

früh hat sie sich auch mit Themen wie

Umwelt oder Krieg beschäftigt.» Christoph

Fuhrhans bestätigt, dass «schon Babys,

die später betroffen sind, mit einem

dünneren Gefühlskorsett ausgestattet waren».

Wenn dann noch eine ungünstige,

schädigende Umwelt auf die Kinder einwirkt,

bricht die Krankheit aus. «Ich habe

mir lange Zeit die Schuld an der Erkrankung

meiner Tochter gegeben», gesteht

Franca Weibel. Schizophrenie und Border-

Borderline am TV

Borderline-Patientin Andrea und ihr

behandelnder Arzt, Dr. Christoph Fuhrhans,

sprechen im Studio mit Moderatorin

Dr. Jeanne Fürst offen über die

Krankheit. Ein eindrücklicher Film zeigt

den schwierigen Weg einer zweiten

Patientin aus der Borderline-Station der

Klinik Littenheid zurück in den Alltag.

4. April, 18.10 Uhr, auf

Cartoon: Renate Alf/M. Bohus, M. Wolf: Interaktives Skillstraining für Borderline-Patienten

line hiessen die Diagnosen. Dass sie sich in

Andreas Pubertät scheiden liess, sieht sie

nur als eine von mehreren Ursachen für

den Ausbruch der Krankheit. Ein weiterer

Grund liege in ihrer eigenen Kindheit:

«Als Kind wurde ich herumgereicht und

hab irgendwann meine Gefühle ausgeschaltet.

Ich denke, meine Tochter spürte

von Beginn weg, dass ich niemanden richtig

nah an mich heranliess.»

Während der Scheidung versuchte Andrea

die Eltern wieder zusammenzubringen

und gab sich anschliessend selbst die

Schuld, als es nicht klappte. So entwickelte

sich eine für Borderliner so typische

Hassliebe, diesmal zwischen Mutter und

Tochter, ganz nach dem Motto: «Ich hasse

dich, verlass mich nicht.»

GESUNDHEIT SPRECHSTUNDE | 07 | 09 9

>


Fotos: Daniela Ammann, Sava Hlavacek

Titelthema Borderline

Franca Weibel erzählt: «Als meine Tochter

immer wieder unsere Beziehung in Frage

stellte, als sie mich heute hasste und morgen

wieder liebte, als sie begann, sich

schlimme Verletzungen zuzufügen und

schliesslich alle diese Suizidversuche, die

Folge dieser Borderline-Störung waren,

fiel ich in mein altes Muster zurück. Ich

habe, wie in meiner Kindheit, meine Gefühle

einfach ausgeschaltet.»

Und sie hätte wohl so weitergemacht,

hätte sie nicht eines Tages die Kraft gehabt,

ihre Tochter zu fragen, warum sie sich all

diese tiefen Wunden selbst zufügte, ob

denn das die einzige Möglichkeit sei, sich

selbst zu spüren. Als Andrea die Antwort

gab, es sei auch die einzige Möglichkeit,

ihre eigene Mutter zu spüren, «habe ich

begriffen, dass ich mein Verhalten ändern

musste».

Sie machte selbst Therapien und lernte

viel über sich selbst. «Ich lernte auch zu akzeptieren,

dass die Vorwürfe, die mir An-

10 GESUNDHEIT SPRECHSTUNDE | 07 | 09

drea machte, nicht immer frei erfunden

waren.»

Franca Weibel leitet heute eine Selbsthilfegruppe

für Angehörige von Borderline-Betroffenen.

Und sie ist Präsidentin

des Vereins Trialog Winterthur, der Psychose-

und Borderline-Seminare organisiert,

um Betroffenen, Angehörigen und

Fachleuten eine gemeinsame Plattform zu

bieten. Inzwischen ist das für Franca Weibel

zur Lebensaufgabe geworden. Sie hat

sich verändert, ihre Tochter aber ist noch

immer krank und hat inzwischen über 30

Klinikaufenthalte hinter sich.

«Ganz schwierig zu therapieren sind

chronische Borderliner», sagt Christoph

Fuhrhans, der in Littenheid die wohl effizienteste

Methode zur Heilung von Borderlinern

bietet: die Dialektisch-Behaviorale

Therapie DBT, die «viele psychotherapeutisch

wirkungsvolle Elemente aus dem Zen-

Buddhismus übernommen hat». In der drei

” Ich befinde mich in einem Krieg gegen mich selbst„

Monate dauernden Phase 1 lernen die Betroffenen

sich auf das Jetzt zu konzentrieren,

«denn Borderliner machen sich immer viel

zu viele Gedanken über Vergangenheit und

Zukunft und verfallen dann in ihr übliches

AMMONIAK

SCHNÜFFELN

Wenn die Spannungen

überhandnehmen,

greift die 26-jährige

Andrea Di Pietro*

schon mal zum Ammoniak-Fläschchen

aus ihrem

Notfallkoffer (siehe

kl. Bild). Sie befindet

sich mitten in der

Therapie, langsam geht

es aufwärts. Trotzdem

lässt sie noch nicht

vom Ritzen.

* Name geändert

«Ich habe die Diagnosen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)

und Borderline.

Als Kind war ich immer extrem aktiv

und bin oft ohnmächtig geworden. Schon in

der sechsten Klasse hab ich mich in Krisensituationen

selbst verletzt und mit dem Kopf

gegen die Wand geschlagen, weil ich mit mir

einfach nicht klargekommen bin. Seit ich denken

kann, brauchte ich immer eine Bezugsperson

an meiner Seite, eine beste Freundin, um

von mir abzulenken. So musste ich mich nie

mit mir befassen und habe nicht gemerkt, dass

mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Meine Eltern

trennten sich, als ich zwölf war. Ich kam

damit scheinbar gut zurecht. Schlimm wurde

es erst zwei Jahre später, als ich meine Grosseltern

bei einem Unfall verlor.

Obwohl ich ein sehr emotionaler Mensch bin,

habe ich in jener schweren Zeit selten geweint

und meine Familie mit meiner vermeintlichen

Stärke mitgetragen. Aber ich hatte diesen Verlust

nicht wirklich verarbeitet, denn im Sommer

darauf erkrankte ich an Magersucht,

nahm innert dreier Monat 28 Kilogramm ab

und wog gerade noch 42 Kilogramm – bei einer

Grösse von 1,78 Metern. Mit grossem Ehrgeiz

führte ich mein Ess-Tagebuch und ass so

Gefühlschaos. Mit Achtsamkeits-Übungen

lernen sie, jede Tätigkeit bewusst zu machen,

und wenn es nur das Atmen ist.»

Eine Verhaltenstherapie versucht nicht

die Ursachen für die Krankheit aufzude-

immer weniger. Nicht nur das Essen wurde

zum Mittelpunkt meines Lebens, sondern

auch der Sport; ich ging bis zu elfmal pro Woche

ins Fitnesscenter. Als ich auf Wunsch meiner

Mutter zu einer Ernährungsberaterin ging,

NOTFALLKOFFER IM SCHMINKTÄSCHCHEN

In Andrea Di Pietros Notfallset sind: Gummihandschuhe

zum Einreiben der Rheumacreme, die auf der Haut

brennt. Tabasco, Knallente, Haargümmeli zum Spickenlassen,

Steine als Erinnerung, Rödler-Öl, Eisenkraut-

Duftöl, ein Gummiball zum Kneten, spitze Kieselsteine,

ein Stofftier als Glücksbringer. Rätselhefte und Jogging

sind für Teresa eine Möglichkeit, um vorzubeugen.

” Im Atelier können Borderliner ihre

Gefühle aufs Papier fliessen lassen.

Im nächsten Schritt lernen sie, ihren

Gefühlen Worte zu geben„Dr. Christoph Fuhrhans, Psychiater

cken, sondern, wie es Andrea Di Pietro

(siehe unten) ausdrückt: «Feuer zu löschen.»

Um ihren Gefühlen zu entfliehen,

rutschen Borderliner in die Drogensucht,

werden magersüchtig oder ritzen sich

liess ich meine Umgebung im Glauben, mein

Essverhalten im Griff zu haben, und ass normale

Portionen – die anschliessend in der Toilette

landeten. Ich rutschte von der Magersucht in

die Bulimie und zuletzt in die Drogensucht.

Mit etwa 18 habe ich Kokain entdeckt und

setzte es bald ein, um mein Aufmerksamkeitsdefizit

zu verringern und den Alltag zu meistern.

Ich brach die Kantonsschule ab, jobbte in

Restaurants und machte eine Lehre. Nur mit

Koks konnte ich mich wirklich auf die Arbeit

konzentrieren. Deshalb ging ich nachts auch

noch arbeiten, um meine Drogensucht zu finanzieren.

Die habe ich nun hinter mir, aber die Essstörungen

und auch die Selbstverletzungen sind

geblieben. Je nach Verfassung kommt das eine

oder andere wieder stärker zum Vorschein.

Wenn ich mich schneide, sind es zwar meist

keine tiefen Schnitte, doch nur schon leicht

fliessendes Blut beruhigt mich. Es ist schwer zu

erklären, was in mir vorgeht, wenn es so weit

kommt, es ist eine Art Selbstbestrafung, zum

Beispiel wenn ich mit jemandem gestritten

habe und völlig ausflippe. Danach habe ich ein

extrem schlechtes Gewissen und all diese Gefühle

im Kopf, die ich nicht einordnen kann

selbst – bis hin zum Selbstmordversuch.

«In der Skills-Gruppe lernen sie in Anspannungssituationen

ihr gefährliches Verhalten

mit anderen Fertigkeiten auszutauschen»,

erklärt Fuhrhans. «Sie müssen ihre >

und bei denen ich nie weiss, ob ich nun traurig,

wütend oder verzweifelt bin.

Dank meinem jetzigen Freund habe ich erkannt,

dass es so nicht weitergehen kann. Vor

allem nach Streitgesprächen kam es häufig

zu Aussetzern, die teilweise mehrere Stunden

anhielten. Im Nachhinein musste ich mir

dann von anderen erzählen lassen, was für

schlimme Dinge ich getan hatte. Mir kam es

vor, als hätte meine böse Zwillingsschwester

all diese Dinge getan, die ich sonst niemals in

der Öffentlichkeit machen würde.

Darum habe ich mich meinem Freund zuliebe

für die Therapie in Littenheid entschieden.

Dort ist mir vieles klar geworden, und ich

habe Fertigkeiten mitbekommen, mit denen

ich meine Krisen dank dem Notfallkoffer

ohne selbstschädigendes Verhalten meistern

kann. Zudem werde ich mit meinem Freund

zusammenziehen. Dazu hat mir mein Therapeut

geraten, um mehr Stabilität in mein Leben

zu bringen. Die grösste Gefahr ist nur,

dass ich mich wieder zu schnell abhängig

von ihm mache. Denn die Abgrenzung gegenüber

meinen Mitmenschen fällt mir noch

immer schwer – was mich in schwierige Situationen

bringt und oft ausgenutzt wird.»

GESUNDHEIT SPRECHSTUNDE | 07 | 09 11


Fotos: Sava Hlavacek

Titelthema Borderline

” «Wegen des Jobs meines Vaters führten wir

eine Art Diplomaten-Leben, ich verbrachte

meine ersten Jahre im Ausland. Mit zehn

musste ich in ein Internat in Ftan im Unterengadin.

Es gab viele Kinder von reichen

Eltern, die dort wie abgestellt wurden. Ich

fühlte mich auch so.

Eine viel ältere Kollegin erzählte mir damals

deftige Geistergeschichten, dass ich am

Ende dachte, der Teufel sei hinter mir her.

Ich hatte solche Panik, dass ich keine Nacht

mehr schlafen konnte und unter fremde

Betten gekrochen bin.

Meinen Eltern konnte ich nichts mitteilen,

sie waren zu dieser Zeit in Oman. Dann hat

sich meine Mutter scheiden lassen, ist zurückgekehrt

und hat meinen Stiefvater

kennen gelernt. Der lebte auf einem Hof

mit Pferden, und ich war doch so vernarrt

in diese Tiere.

Eigentlich habe ich dort so was wie das

Paradies gehabt. Immer am Wochenende

konnte ich auf dem Hof sein, bei den Pferden.

Mit meiner Mutter jedoch hatte ich

viele Probleme, sie war kein einfacher

Mensch, und oft schien es mir, als ob ihr

ihre Hunde mehr wert seien als ich.

Mit 15 Jahren hatte ich meine erste Depression,

ich sah keinen Ausweg, hatte Selbst-

Ich habe Geborgenheit gefunden„

NOTFALLKOFFER IM TUPPERWARE-GEFÄSS

In Annina Spillmanns Tupperware befinden sich: ein

Buch von Paulo Coelho, Bilder ihrer Pferde, Puzzle-Teile,

um einen Würfel zu basteln, «40 andere Gründe

statt Zigaretten – und alles, was sonst noch glücklich

macht»-Schachtel, Nastüchlein, ein Kugelschreiber,

der leuchtet beim Schreiben, eine Feder zur Beruhigung,

Glassteine, ein Lollipop. Früher brauchte sie zudem

Chili-Schoten und eine starke Rheuma-Salbe.

12 GESUNDHEIT SPRECHSTUNDE | 07 | 09

ANNINA SPILLMANN *

fuhr sich früher mit einer

Feder übers Gesicht,

um sich zu entspannen.

Heute gilt sie als geheilt.

Der linke Arm der 25-

Jährigen ist übersät von

verheilten Narben, doch

sie will sie nicht verdecken.

* Name geändert

mordgedanken, alles war mir egal. Erst fühlte

ich nur alle paar Monate so, doch dann kam es

immer öfter. Auf dem Hof lebte ich wie im goldenen

Käfig, mir wurde die ganze Zeit vorgeschrieben,

was ich zu tun habe,

es ging immer um Leistung und

dass ich froh sein könne, sie zu haben.

Ständig hatte ich das Gefühl,

nichts recht zu machen. Mein damaliger

Psychiater riet mir, vom Hof wegzugehen,

doch ich konnte mich nicht von

den Pferden lösen.

Mit dem Schneiden habe ich angefangen,

als ich etwa 21 war. Alles war hoffnungs-

und bedeutungslos, eine innere

Leere breitete sich aus, als ob ich inexistent

wäre, nur eine Hülle. Ich hatte keine

eigene Meinung, keine Kraft und keine

Ahnung, wer ich war. Und dann dieses

Gefühl zu explodieren, weil alle Gefühle

auf einmal auf mich herabstürzten. Je

tiefer ich schnitt, desto wärmer war das

Blut, und ich konnte mich spüren, konnte

all diese Gefühle herausschwemmen,

ein beruhigendes Zeichen, doch nicht leer

zu sein.

Heute brauche ich das nicht mehr, auch

nicht den Notfallkoffer, aber es ist gut zu wissen,

dass er immer noch da ist. Ich führe meine

erste ernsthafte Beziehung und merke inzwischen

früh, wenn etwas nicht stimmt,

und rede dann mit meinem Freund darüber.

Den besten Kontakt habe ich wohl zu meinem

leiblichen Vater, der hat mich zu Therapiezeiten

finanziell unterstützt. Aber ich

weiss nicht, ob er begreift, was mit mir in

den letzten Jahren genau passiert ist. Er ist

nur froh, dass ich nun alles hinter mir habe

und endlich eine passende Ausbildung in

Angriff nehmen kann.

Ich bin darüber natürlich auch froh, aber

was heisst schon geheilt? Es wird immer etwas

in meinem Leben geben, das weh tut.

Deshalb habe ich Phase 2 der Therapie nicht

gemacht, sie hätte in meinem Fall wohl eher

geschadet als genutzt. Doch es beruhigt zu

wissen, schlechte Gefühle empfinden zu

können und trotzdem glücklich zu sein.»

Spannungszustände einschätzen lernen,

um je nach Zustand auf das Richtige zurückgreifen

zu können.»

In der Therapie stellen sie eine Art

Notfallkoffer zusammen, den sie «draussen»

anwenden können. «Jeder braucht etwas

anderes, für manche sind es nur Knallgeräusche,

die sie wieder in die Realität zurückholen,

andere brauchen Haargummis,

die sie auf die Haut spicken können.»

Nach Phase 1 startet Monate später

Phase 2 für diejenigen, bei denen eine Aufarbeitung

schmerzhafter Gefühle nötig

wird, die sich nach dem Abklingen der

Selbstverletzungen einstellen. In der Schema-Therapie

«werden Traumen aufgearbeitet

und Schemata, also Muster, wie sich

ein Mensch in bestimmten Situationen

verhält, korrigiert.» Das gesamte Therapie-

Ziel ist, dass «der Patient am Ende der Experte

für seine Krankheit ist», damit er

«immer seltener in sein altes Schwarz-

Weiss-Denken zurückfällt und weiss, wie

er dem selbstzerstörerischen Verhalten ausweichen

und mit schmerzhaften Situationen

umgehen kann».

1. Angst vor dem Alleinsein

und Verlassenwerden. Um diese

Gefühle zu vermeiden, flüchten

sich Borderline-Betroffene oft an

belebte Orte. Sie fürchten sich

davor, sich sonst in sich selbst zu

verlieren.

2. Unbeständige, intensive

Beziehung, in der die Mutter, der

Freund oder die Kollegin abwechselnd

als gut und dann wieder als

«feindlich» angesehen wird. Ganz

nach dem Motto: «Bist du nicht für

mich, bist du gegen mich.»

3. Gestörte Selbstwahrnehmung

und gestörtes Selbstbild.

Borderliner haben das Gefühl, sich

fremd zu sein. Sie versuchen gegen

aussen normal zu wirken, sind

aber innen «löchrig wie Schweizer

Käse». Es fällt ihnen schwer, etwas

langfristig durchzuhalten, weil sie

nicht an sich glauben und immer

wieder ihre Wünsche ändern.

” Ich glaube daran,

dass meine Tochter

gesunden kann„

4. Selbstzerstörerisches Verhalten.

Darunter ist von exzessivem

Sport über Kauf- bis hin zu Drogensucht

alles zu verstehen, das

masslos ausgeübt wird.

5. Selbstmordabsicht oder

Selbstverletzungen. Beim

Selbstmordversuch geht es nicht

wirklich darum, zu sterben, sondern

um den Wunsch, dass diese

Gefühle endlich vorbeigehen.

Selbstverletzungen sind eine Art

Selbsttherapie, um die innere

Spannung abzubauen.

6. Starke Stimmungsschwankungen.

Ein wunder Punkt bei

Betroffenen, weil die viele Menschen

mit ihren eigenen Stimmungen

vergleichen, was aber

noch lange kein Grund ist, einen

Borderliner verstehen zu können.

Die wechseln ihre Stimmungen

ohne Grund, und sind sehr empfänglich

für Stimmungen anderer.

Franca Weibel, Mutter

Letzteres musste auch Franca Weibel lernen,

denn vor allem für Angehörige «ist es

wichtig, sich abgrenzen zu können». Sie

hat seit Herbst nichts von ihrer Tochter gehört.

Immerhin: «An Weihnachten lag

eine selbst gebastelte Karte im Briefkasten,

über die ich mich sehr gefreut habe.» Bald

feiert Andrea ihren 30. Geburtstag. «Ich

hüte mich davor, an diesem Tag an ihrer

Türe zu läuten. Ich weiss ja nie, wie sie

Die neun Kriterien der Borderline-Störung

7. Chronische Gefühle von Leere

und Langeweile gehören zu

den elementaren Gefühlen des

Borderline-Erlebens. Um diese erst

gar nicht zuzulassen, dient ihnen

Punkt 1 als Fluchtweg. Funktioniert

es nicht, der Leere zu entkommen,

versuchen sie sich mit

selbstzerstörerischem Verhalten

bis hin zum Selbstmordversuch

die ersehnte Erleichterung zu verschaffen.

8. Schwierigkeiten, Wut zu

kontrollieren. Wenn Borderliner

wütend sind, dann können sie sich

tatsächlich für einmal vergessen,

sind unkontrolliert und unberechenbar.

Hier wird der Unterschied

zwischen männlichen und

weiblichen Betroffenen sichtbar.

Männer richten ihre Aggressionen

eher auf ihre Umwelt, Frauen gegen

sich selbst. Deshalb sind Männer

mit Borderline auch öfter im

Gefängnis anzutreffen.

heute zwäg ist. Manchmal führen schon

ganz normale Gespräche zu Streit, dann

bringt es auch im Nachhinein nichts, anzurufen

und sich zu rechtfertigen. Ich habe

den Kontakt auch schon unterbrochen,

weil ich es einfach nicht aushielt, es geht

einfach zu weit, immer für alles schuld zu

sein. Ich werde ihr aber einen Kuchen backen

und ihn mit einer lieben Karte vor

die Tür legen!» •

9. Veränderte Wahrnehmung.

Schon ein Geräusch oder Geruch

kann Erinnerungen erzeugen, bei

denen sich Borderliner in unwirklichen

Situationen verlieren. Sie haben

das Gefühl, auseinanderzufallen,

zu erstarren, sich aufzulösen

oder neben sich zu stehen. Eine

Art Mechanismus, den sie sich antrainiert

haben, «um in bedrohlichen

Situationen die Realität auszublenden»,

wie es im Borderline-

Selbsthilfebuch beschrieben ist.

Buchtipps:

>«Das Schluss-mit-dem-Eiertanz-

Arbeitsbuch», für Angehörige von

Menschen mit Borderline,

Randi Kreger, Fr. 28.90.

>«Borderline: Das Selbsthilfebuch»,

Andreas Knuf, Fr. 27.50.

Weitere Informationen und Adressen:

@

www.gesundheit-sprechstunde.ch

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