Wo die Sonne lacht, da lacht auch Paul Gauselmann, Europas ...

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Wo die Sonne lacht, da lacht auch Paul Gauselmann, Europas ...

Weekend 41

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND FREITAG, 8. OKTOBER 2004

Wo die Sonne lacht, da lacht

auch Paul Gauselmann,

Europas größter Glücksspielautomatenbauer,

Feindbild

aller Suchtbeauftragten.

Er gewinnt immer

VON HANNES KÜLZ

Tief, ganz tief greifen die Finger in die

Hosentasche. Kramen eine Hand

voll Münzen hervor, werfen ein.

Klackklackklack – Drrrrrrrrrrrrrr,

Sonnen und Zahlen sausen los, blau leuchten

die Pfeile, gelb und rot. „Sekt oder Selters“,

sagt Paul Gauselmann. Tschacktschacktschack.

Die Walzen stoppen, Sonne,

60, Sonne, also eher Selters. Aber Chance auf

Sonderspiele. Jetzt verdoppeln oder verlieren?

„Ein richtiger Risikospieler geht aufs

Ganze!“ – Gauselmann grient. Hastig drücken

die Finger die Risikotaste. Rechts unten

blinkt die 2, noch mal Risikotaste. Die 5

blitzt, wieder Risiko, die 10, Risiko – verloren.

Die Finger werfen Geld nach. Klackklackklackdrrrrrrrrrrrrrrtschacktschacktschack.

60, Sonne, 40, blink, Risiko, zwei Sonderspiele,

Risiko – Schluss.

Alles weg, die Münzen unerreichbar im

Tresorfach des Spielautomaten verschwunden.

Der Mann vor der Maschine lächelt

trotzdem in sein graues Bärtchen. Denn es

ist sein Automat. Je öfter Menschen an seinen

Maschinen verlieren, desto häufiger gewinnt

er.

„Ich habe schon immer gerne gespielt“,

sagt der 70-Jährige. Früher, in den Bombennächten

des Krieges, war er Skat- und Doppelkopfspieler.

Heute ist er der Kopf des

deutschen Daddelgewerbes. Lebenslang hat

Gauselmann sein Gehirnschmalz in Walzen,

Sonderspiele und Münzschlitze gesteckt.

Hat über 200 Patente angemeldet und die Republik

aufgerollt. Aus der hintersten Provinz

heraus, aus Espelkamp, irgendwo jenseits

des Wiehengebirges zwischen Minden und

Bielefeld. Gut 200 000 seiner Apparate mit

dem grinsenden Sonnensymbol hängen an

den Wänden deutscher Kneipen und Spielhallen.

Die größte Kette mit 175 Filialen, die

Merkur-Spielothek, gehört ihm selbst, der

Laden brummt: 669 Mio. € hat sein Konzern

im vergangenen Jahr umgesetzt. Was davon

in seiner Tasche bleibt, ist geheim, aber offenbar

reichlich. Schließlich sah ihn das Magazin

„Forbes“ schon einmal als einen der

200 reichsten Deutschen. „Ich habe mein

Glück gemacht“, sagt Gauselmann, „nicht

Glück gehabt.“

Paul Gauselmann durchschreitet stolz

seine Fabrik in Lübbecke, 20 Minuten von

Espelkamp entfernt. Das Haar voll, die Wangen

gut durchblutet, nur bei den Brauen hilft

er mit ein bisschen Farbe nach. Im Werk

flutscht und flackert, was er in fast 50 Jahren

ausgebrütet hat: Kunterbunt flirren die Dioden

für die peppigen Pfeile in den Modellen

„Taifun“ und „Rainbow“. Kübelweise Kleingeld

klimpert zum Test durch die Münzzähler,

Lötmaschinen rattern Kontakte auf Platinen,

pflanzen den Automatenhirnen die

Synapsen ein.

„Unsere Spiele sind so spannend“, sagt

Gauselmann. Jahrelang hat er nachgespürt,

was Spielerherzen zum Bumpern bringt. Die

sechs „Bonuspfeile“ des „Brillant“ etwa.

Oder die „hochwertige Risikoleiter“ im

„Rondo“, die zu den „100 Money-Jumbos“

führt. Ganz wichtig: dass die Walzen beim

Anhalten ein mechanisches „tschack“ machen.

Auch wenn sie inzwischen längst von

Magneten gestoppt werden. „Man muss psychologisch

nah an den Menschen dran sein“,

sagt Gauselmann. Und niemand ist da näher

dran als er. Die Spielerpsychologie hat er

längst raus. Die „Stopp-Taste“ ist so ein Bluff.

Fortsetzung auf Seite 2 �

Denken lernen: Philocafés Seite 2

aufleben, ausgeben, aufdrehen, abheben

Dosen öffnen: Konserven Seite 3 Lettern reisen: Tastaturen Seite 4 Mangas leben: Tokio Seite 5 Küchen schützen: Resopal Seite 6

Gauselmann AG


2FREITAG, 8. OKTOBER 2004 FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND

aufleben

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Weinlesen

Verschlusssache

Seit immer schlechtere Korken immer bessere Weine

verschließen, ist die weltweite Winzerschaft auf der

Suche nach Alternativen. Bislang versucht man es mit

Plastik, Drehverschluss und Kronkorken – ohne nennenswerte

Erfolge. Doch nun scheint Rettung in Sicht.

Ein deutscher Arzt, Spross einer Winzerfamilie, erfand

den Glaspfropfen: die sinnvollste Methode, seit es

Korken gibt! Wie sein korkiges Vorbild wird er in den

Flaschenhals eingelassen, wobei ein Kunststoffring

für die notwendige Abdichtung und eine Alu-Kapsel

für den Halt sorgt. Äußerlich ist die Flasche so von

einer herkömmlichen kaum zu unterscheiden. Innerlich

dagegen durchaus. Oxidation wie beim Plastikkorken,

entsteht hier nicht. Noch dazu sieht ein

Glasverschluss edel aus und erspart Kellner und Gast

die unangenehme Situation, einen guten Wein per

Schraubverschluss aufzudrehen. Der Glaspfropfen

wird lediglich behutsam aus dem Flaschenhals gezogen.

Das einzige Problem ist die derzeit geringe

Verfügbarkeit dieses innovativen Verschlusses. Die

Weinindustrie hat noch nicht angebissen. Nur vereinzelt

können Winzer wie der deutsche „Riesling-Papst“

Klaus Keller aus Flörsheim den Glasstopfen einsetzen.

In wenigen Jahren wird sich das (hoffentlich)

geändert und Glas den teuren

und vor allem anfälligen Naturkorken

abgelöst haben. Michael Harmann

Unser Autor leitet gemeinsam mit Herbert

Seckler das Restaurant Sansibar auf Sylt.

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Keller kostet 9,90 €; Tel.

04122/50 44 33; www.hawesko.de

Spiel mit mir

Fortsetzung von Seite 1

� Wer Geld in seine Automaten geworfen hat und die

Taste drückt, mag sich wundern, warum die Walzen erst

ein paar Umdrehungen später anhalten. Gauselmann

klärt auf: „Die Stopp-Taste hat gar keinen Einfluss auf das

Spiel.“ Wann wer gewinnen darf, entscheidet nicht der

Spieler, sondern der Computer. Und das ist genau festgelegt:

60 Prozent des Einsatzes muss der Automat wieder

auswerfen, so will es das Gesetz. Wer länger spielt, verliert

also zwangsweise 40 Prozent. Und hat trotzdem das Gefühl,

er könnte etwas daran ändern. Weil da doch diese

rote Taste blinkt. Der Spieler, sagt der Firmenchef, „muss

das Gefühl haben, dass er ins Spiel eingreift“ . Dabei ist er

nur im Bann der Gauselmann’schen Blinklicht-Hypnose.

Aber der Frust der Verlierer vor den Maschinen ist in

Espelkamp und Lübbecke fern. Dank der Spielautomatenindustrie

sind die Orte Gewinner. „Ich bin ein guter

Steuerzahler“, sagt Gauselmann. Und größter Arbeitgeber

des Ortes obendrein. Tausende Mitarbeiter leben davon,

dass sich die Walzen drehen. Zum 60. Geburtstag

tauften die Stadtväter Gauselmanns Firmenadresse, die

Eichendorffstraße, in Merkur-Allee um. Zum 70. wurde er

Ehrenbürger. Der Espelkamper Tennisverein, bei dem er

spielt, hat einen Paul-Gauselmann-Court. Hier ist Gauselmann

Sonnengott.

Dabei kam der umstrittenen Spielerkönig aus dem

westfälischen Nichts, von ganz unten. Nach der Hauptschule

wurde Gauselmann Fernmeldetechniker und ent-

Denken hilft!

Von wegen dumme weiße Männer: Viele Amerikaner diskutieren in Philosphierclubs. Und

von Descartes und Laotse können auch deutsche Manager lernen VON NELE HUSMANN

Die Schlacht im Washington

Square Park ist in vollem

Gange. Die Fronten sind

klar, die Truppen aufgestellt.

Amy lädt durch: „Patriotismus“,

sagt die Lehrerin aus New Jersey, „ist

die Idee, eine Familie zu sein. Patriot –

das kommt von Pater – Vater.“ Jeff,

Student an der New York University

holt zum Gegenschlag aus: „Ich verbinde

mit Patriotismus nur Negatives.

Das hat mit Überlegenheit zu tun, mit

Imperialismus.“ Schließlich tritt ein

Araber auf das rhetorische Schlachtfeld:

„Amerikaner reagieren so stark

auf Symbole – sie identifizieren sich

mit einer Flagge, Bildern und Musikstücken.

Das kenne ich aus meinem

Kulturkreis nicht.“

Philosophieren ist schick geworden,

und das ausgerechnet in den als

kultur- und geistlos verschrieenen

USA. Zwar löst der rhetorische

Schlagabtausch noch lange nicht

Shopping als liebsten Zeitvertreib

der Amis ab, doch das neue Hobby

hat Rückenwind: Rund 200 Gesprächszirkel

treffen sich regelmäßig

unter dem Motto „Socrates Café“.

Der amerikanische Autor Chris Phillips

gründete 1996 die Bewegung bei

der sich Philosophierfreudige in Cafés,

Büchereien oder Restaurants

treffen. Sie debattieren in Manhattan

genauso wie in Indianerreservaten in

Arizona.

Der Trend zum gemeinsamen Grübeln

grassiert nicht nur in den USA.

Auch in Deutschland gibt es in mehr

als 30 Städten regelmäßige Philosophierclubs.

In Frankreich startete die

Bewegung mit dem ersten „Café Philo“

des Philosophen Marc Sautet im

Café des Phares bereits Anfang der

90er Jahre. Auch in Spanien, Finnland,

Holland und Mexiko finden

Treffen statt. Selbst in Kabul haben

Angestellte von Hilfsorganisationen

die Zeit gefunden, einen Philosophierclub

zu gründen.

Ein neues Bedürfnis nach Tiefe beseelt

die Menschen weltweit: „In der

Arbeit und selbst im Bekanntenkreis

unterhält man sich nur über Alltägliches.

Fernsehen und Internet überfluten

uns mit Informationen, die wir

kaum verarbeiten können. Diskussionen

über das Wesentliche im Leben

finden einfach nicht statt“, sagt

Larry Hui, ein Wirtschaftsanwalt, der

seit zwei Jahren zum Socrates Café im

Sony Center in Manhattan kommt. Er

spricht an diesem Abend über das

Thema „Wann sind wir glücklich?“

Bald geht es um die Fragen „Ist Kunst

oder Wissenschaft relevanter für eine

Zivilisation?“ und „Ist jede Gesellschaft

auf den beiden Säulen Kraft

und Betrug gebaut?“

wickelte in einer Espelkamper Elektrofirma Jukeboxen.

Ihm fiel auf, dass es lukrativ ist, Automaten in Gaststätten

aufzustellen. Diese Konzept übertrug er auf Spielautomaten.

Er fing 1977 an, die Geräte selbst zu bauen. Inzwischen

leitet er ein Familienimperium, das erfolgreich

nach Osteuropa expandiert. Gauselmanns ältester Sohn

exportiert mit der US-Tochterfirma Atronic die Sonnen-

Kisten in 82 Länder. Die Belegschaft hat sich seit 1994 auf

über 5500 fast verdoppelt, davon sind 80 Prozent in

Deutschland beschäftigt. Im vergangenen

Jahr wurde Gauselmann das Bundesverdienstkreuz

Erster Klasse verliehen. Nun

ist er ganz oben.

Aber deshalb ist der Mann, der meist einen

steifen Dreiteiler trägt, noch lange

kein Weltmann. Er sagt, dass er „besser

Plattdeutsch als Englisch“ spricht. Nie hat

er studiert, sich alles selber beigebracht,

das große Parkett stets gemieden. Die Berliner

MoMa-Ausstellung ist für ihn „diese

Geschichte, wo man so lange anstehen

musste“. Gauselmann sagt: „Um Kultur

kümmert sich meine Frau.“

Aber die Fäden nach Berlin hat er fest in

der Hand. Da ist er ein Fuchs, dem selbst

seine Gegner „großes Geschick“ nachsagen.

Und das braucht er, wenn er verhindern will, dass

seine „Unterhaltungsgeräte mit Gewinnmöglichkeit“ als

Glücksspiel deklariert werden und unter staatliche Kontrolle

kommen wie die Casinogeräte. Seit über 20 Jahren

ist er als Verbandschef der deutschen Automatenwirtschaft

bestens verdrahtet. Den ehemaligen NRW-Justizminister

Rolf Krumsiek hat er in seinen Aufsichtsrat ge-

Einer wird gewinnen:

meistens Paul Gauselmann

Für eine Demokratie sei es entscheidend,

„zeitlose Fragen im aktuellen

Kontext zu betrachten“, sagt

Chris Phillips, der in den vergangenen

vier Jahren kreuz und quer durch

die USA gezogen ist, um die philosophischen

Treffen zu initiieren. Der

aktuelle Wahlkampf macht seine

Mission noch dringlicher: „Es

scheint, als ob die Menschen – egal

ob Republikaner oder Demokraten –

ihre Fähigkeit verloren haben, einander

zuzuhören. Sie dreschen nur

noch aufeinander ein.“

Die Suche nach tieferen Gesprächen

ist nicht auf Amerika beschränkt.

„Was boomt, ist die Frage nach Sinn“,

sagt Peter Vollbrecht, der im Süddeutschen

philosophische Cafés organisiert

und philosophische Reisen leitet.

„Die Antworten der Psychologie führten

zu einem extremen Kreisen ums

Philosophisches Quartett: (v.l.n.r.) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Arthur Schopenhauer, Karl Marx, Friedrich Nietzsche

holt. Bei dessen 70. Geburtstagsfeier, erzählt Gauselmann,

werde er mit Wolfgang Clement am Tisch sitzen.

„Das hilft schon weiter.“

Und er kann immer Hilfe brauchen. Etwa gegen die

Leute vom Fachverband Glücksspielsucht. Verkaufspsychologe

Jörg Petri nennt Gauselmann einen „Manchester-Kapitalisten

des 19. Jahrhunderts“. Seine Maschinen

produzierten jährlich etliche pathologische Fälle. Gauselmann

ziele auf menschliche Schwächen ab und drehe

dem laschen Gesetz eine lange Nase.

Das Gesetz! Es ist Gauselmanns steter

Gegenspieler. So muss in Spielhallen jeder

Geldspielautomat mindestens 15 Quadratmeter

Platz haben, erlaubt sind nur zehn

Stück.

Aber Gauselmann weiß sich zu helfen. Er

geht durch seine 150-Quadratmeter-Spielothek

im Zentrum Lübbeckes. Vorbei am

„Lord of the Rings“-Flipper und den Videospielen.

„Lückenfüllern“, wie er sagt.

Mit denen macht er kaum Gewinn. Das

Geschäft läuft im hinteren Teil des Ladens.

Da, wo es dunkler ist, „damit man ungestört

spielen kann“.

Da stehen, dicht beieinander, die zehn

erlaubten Daddelkisten. Während Gauselmann

am „Poker-Star“ auf ein Full House spekuliert,

macht ein Mann Ende 30 neben ihm das, was das Gesetz

verhindern will, indem es 15 Quadratmeter pro Automaten

vorschreibt: Das Hemd nicht ganz in der Hose, die

Brille etwas schief, spielt er an drei Automaten gleichzeitig.

Gauselmann schaut zu, wie er von einer Maschine zur

anderen hetzt und auf die Stopp-Taste donnert, als helfe

eigene Ich. Die Philosophie geht weit

darüber hinaus.“ Greta Hessel, die regelmäßig

philosophische Cafés im

Hotel Quellenhof in Baden-Baden

ausrichtet, beobachtet dasselbe: „Die

Kirche versagt, die Esoterik ist vielen

zu abgehoben, bei der Suche nach

Antworten bleibt die Philosophie.“

Das merken auch Manager in

Deutschland. „Unternehmenslenker

stehen unter Leistungsdruck, der

krank machen kann, wenn sie keinen

Ausgleich haben. Die üblichen Seminarangebote

helfen wenig bei der Suche

nach Werten“, sagt Hessel. Oder

bei der Beantwortung einer Frage

wie dieser: Aus welchen Kräften leben

Sie? „Eine philosophische Frage,

der sich jeder Chef stellen muss“,

sagt die Stuttgarter Unternehmensberaterin

Helga Breuninger, die nicht

nur bei sich zu Hause zu philosophi-

schen Salons einlädt. Für ihre Beraterpraxis

half die Philosophie ihr auf

die Sprünge: „Wir in Deutschland leben

nach dem Wahrheitsmodell von

Descartes: Wenn es zwei Ansichten

gibt, muss eine davon falsch sein. In

Asien dagegen beruft man sich auf

Laotse: Die Wahrheit ist die Anerkennung

aller Widersprüche. Komme

ich in ein Unternehmen mit Meinungsdifferenzen

zwischen Abteilungen,

würde mir Descartes die

Richterrolle zuteilen. Doch ich versuche,

nach Laotse die Widersprüche

nicht zu gewichten, sondern noch

weitere dazuzustellen – und so zu

Entscheidungen zu kommen, die alle

ohne Gesichtsverlust tragen können.“

Der Projektdesigner Joachim

Gehrke, der Hotels saniert, fand im

philosophischen Café von Greta Hessel

in Baden-Baden nicht nur anregende

Gespräche, sondern auch ein

neues Konzept für das Hotelgewerbe:

„Diese inspirierenden Treffen gaben

mir die Initialzündung: Ich will eine

Kette von Literaturhotels entwickeln“,

sagt der Designer. „Das soll

Leute anziehen, die über sich und

andere nachdenken.“

........................................................

Infos www.philos.org/anglais.html

ihm das. „Tja“, murmelt Gauselmann, „was soll man da

machen?“

Ja, was nur? Mit der Sucht hat Gauselmann jedenfalls

nichts zu tun. Genaue Untersuchungen gibt es für

Deutschland nicht, der Fachverband rechnet mit über

100 000 behandlungsbedürftigen Fällen. Ach was, sagt

Gauselmann. Auf die Spielsüchtigen könne er gerne verzichten,

die brauchen wir nicht“. Außerdem sei ja neben

jedem Münzschlitz der Vermerk, dass Spielen „keine Lösung

für persönliche Probleme“ sei, und darunter die

Nummer einer Beratungshotline. „60 Millionen Blickkontakte“

gebe es pro Monat mit seinen Automaten,

rechnet er vor, „nur 15 Leute rufen an.“ So groß könne das

Problem also nicht sein.

Und schließlich sei der Staat, der die Gesetze macht,

selbst der größte Abzocker. Etwa 80 Prozent des Glücksspiels

werden von staatlichen Casinos kontrolliert, dort

schlucken die Automaten viel mehr Geld als die 60 € pro

Stunde, die bei den Kneipenkisten erlaubt sind. Aber Psychologe

Petri sagt, dass 80 bis 90 Prozent der kritischen

Fälle an Automaten wie den Gauselmann’schen süchtig

werden, weil die Barrieren niedriger als in Casinos seien.

Aber „bei uns kann man sich nicht verschulden“, verteidigt

der sich. Schließlich blieben die Walzen stehen,

wenn die Münzen alle sind. Und die Leute, die ihre

Freunde anpumpen und am nächsten Tag wiederkommen?

„Das müssen die unter sich lösen.“

Wäre er so erfolgreich, wenn er sich die Fragen stellen

würde? „Ich muss Gewinne machen“, meint Paul Gauselmann.

Schließlich ist er Unternehmer und kein Sozialarbeiter.

Erst in drei Jahren will er die Firmenleitung abgeben.

„Ich habe die Verantwortung, dass es so weiterläuft.“

Und irgendwer verliert doch immer.

Petr Blaha; AKG (4); Gauselmann AG


3

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND FREITAG, 8. OKTOBER 2004 ausgeben

Heilig’s

Weißblechle

Gut gemacht

Edler Zug

Der Benediktinermönch

Dom Pérignon wird sich

nichts böses dabei gedacht

haben, als er vor 300 Jahren

die Flaschengärung und

damit den Champagner

erfand. Es prickelte hübsch

und sprudelte nett, und wer

hätte denn ahnen sollen,

dass der leckere Tropfen einmal zur Basisausstattung

jedes Vereinsfestes avancieren würde. Ein

Desaster in Sachen Standeswahrung, dem Christofle

nicht länger zusehen möchte. Wenn schon das

Getränk in aller Munde ist, dann soll wenigstens

sein Weg dorthin besonders sein. Kein Problem mit

versilberten Champagner-Strohhalmen. GK

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CHAMPAGNER-STROHHALME 2er Set, etwa 90 €,

www.christofle.com

Es muss nicht immer Bier sein.

Endlich erkennt die Warenwelt, dass

eine Dose das perfekte Behältnis ist, nicht

nur für Flüssiges VON IVONNE BOLLOW

Menschen können sehr nachtragend sein. Die

Dose erlebt das seit Jahrzehnten am eigenen

Leib. Jeder geschmacksbefreiten Wassertomate

hängt ein besserer Ruf an, als einer aus

der Dose. „Musik aus der Konserve“ steht gleichbedeutend für

Spaßbremse. „Dieser Argwohn rührt aus Kriegszeiten“, vermutet

Heike Schur vom Informationszentrum-Weißblech. „Mit

Logik ist das jedenfalls nicht zu erklären.“

Denn längst haben Studien belegt: Lebensmittel aus der Konserve

sind genauso vitaminreich wie frische. Lange vorbei sind

auch die Zeiten, in denen die Speisen in Konserven zu nicht unerheblichen

Teilen aus Konservierungsstoffen bestanden. Vielmehr

ist die Dose das perfekte Verpackungsmittel: Sie ist leicht, bruchsicher,

und sie schützt ihr Inneres vor Licht, Luft und anderen äußeren

Einflüssen, die sonst schnell ins Verderben führen. Sie macht

also haltbar. Sehr sogar.

Skeptiker macht gerade das misstrauisch. Andere bringt es auf

neue Ideen. Sie konservieren Dinge in Dosen, die man dort nicht

unbedingt vermuten würde. Frisches Schwarzbrot zum Beispiel.

Das ist eine gute Neuigkeit für all jene, die zwar gerne Baguette zum

Käse nehmen, sich aber nach zwei Wochen Frankreichurlaub

fragen, ob ihre Backenzähne womöglich überflüssig sind. „Deutsche,

die im Ausland leben, sehnen sich häufig nach Schwarzbrot,“

erzählt Nina Lüning von Schwarzbrot.com, die Retterin für Bewohner

schwarzbrotloser Regionen: Die Firma vertreibt frisches

Vollkornbrot in Dosen in alle Welt. Es ist tropenfest, trotzt allen

Wettern und bleibt in der Vakuumkonserve zwei Jahre lang

frisch. Das spezielle Verfahren, Natursauerteig in Dosen zu backen,

entwickelte ein Cuxhavener Bäcker aus Mitleid mit Seeleuten,

die monatelang auf Schwarzbrot verzichten mussten.

Heute freuen sich Exil-Deutsche über ein Stück Heimat,

Segler und Camper über frischen Proviant.

Auch die Bäckerei Wilhelm Haverland in Soest, die älteste

Pumpernickel-Bäckerei der Welt, verschickt ihre

Spezialität in Dosen: Pumpernickel, gebacken wie

vor 400 Jahren. So müssen sich Pumpernickelfreunde

in allen Landesecken nicht mit der industriell

verfälschten Variante des Schwarzbrots

zufrieden geben.

Doch nicht nur das lebenswichtige

Brot, sondern auch lebenswichtiger

Sauerstoff wird

konserviert. „O-Pure“,

der Sauerstoff

in Dosen, widerlegt

den Mythos, nur Schlaffes

käme aus der Dose.

Denn reiner Sauerstoff gilt

in der Medizin als Energiespender.

Er stärkt das

Immunsystem, hilft bei

Atembeschwerden, Konzentrationsschwäche,

Müdigkeit und

Stress. Sogar den Kater am Morgen

nach einem „Geschäftsessen“ soll er

vertreiben können.

Gegen Stress hilft manchem ja auch

ein Feierabendbier aus der Dose. Ein wenig

stilvoller und ebenfalls entspannend ist

es da, sich eine Dosenkerze aufzureißen und

den Geruch von Vanille oder Kokos, den das

brennende Licht ausströmt, tief einzuatmen.

Ebenfalls duftend sind die bunt gemusterten Konserven,

aus denen Blumen erblühen. Zumindest bei

der richtigen Pflege. Und die ist denkbar einfach:

Dose auf, Wasser rein. Mit viel Licht und Wärme wächst

nach zwei Wochen im Wohnzimmer eine Blütenpracht

aus Geranien, Petunien, Enzian und anderen Weißblechgewächsen.

Und während dort ein Blumenmeer entsteht,

verwandelt sich die Küche in einen Schrebergarten. Aus

Kräutersamen in bunten Dosen wachsen kleine Gewürzsträucher.

Sind die erst geerntet, stellen fade Konservenfertiggerichte

kein kulinarisches Ärgernis mehr dar. Dann wird eben mit frischen

Kräutern aus der Dose nachgewürzt.

Was auch immer uns die kein Ende nehmende Jagd nach Konservierbarem

noch bescheren wird – es werden sicherlich keine Dosen

sein, die an Notrationen aus dem Zweiten Weltkrieg oder an verbeulten,

faden Konservenfraß im Discount-Supermarkt erinnern.

Denn gegen das alte Konservenimage treten die Verpackungsfreunde

mit smarten Ideen und gut gelauntem Design

an. Da kommt die Nachricht gerade recht, dass für

diese Weißblechbüchsen kein Dosenpfand anfällt.

Selbst dann nicht, wenn sich das angedrohte Pfand

auf alle kohlenstofffreien Getränke wie Saft und

Eistee in den nächsten Tagen bewahrheiten

sollte: Denn von einem Pfand für Gute-

Ideen-Dosen war im Bundesrat bisher

noch nicht die Rede.

Gut gemalt

Seele mit Glamour-Effekt

Malerei sucht Zeitlosigkeit. Die Fotografie jedoch ist

Erinnerung, geknüpft an ein Dort, ein Damals. Sissi

Farassat möchte dieses überwinden: Die in Wien

lebende Iranerin isoliert ihre Figuren und Objekte,

indem sie sie auf einen großflächigen, in mühsamer

Handarbeit genähten Paillettenteppich setzt und so

den Kontext ausblendet – der Fokus liegt einzig auf

dem Motiv. Doch auch weil ihr an der Fotografie die

haptische Qualität fehlt, übersät die 35-Jährige ihre

eigenen und gefundene Fotografien mit den glitzernden

Punkten. Wie das Gold der Ikonenmalerei

die Seele einer Person vermitteln will, erweitert

Farassat diese Suche nach dem Raum hinter dem

Bild mit ihren Pailletten. Einerseits steht die Zeit, die

es kostet, die Pailletten aufzunähen im Gegensatz zu

dem Sekundenbruchteil, den es dauert, ein Bild auf

einen Film zu bannen. Andererseits verbindet ihre

Lichtsensibilität sie auch mit dem Medium Fotografie.

Farassats Bilder sind zwar weniger augenfällig als

vieles, was die gegenwärtige Kunst zu bieten hat. In

ihrer Bedeutung jedoch sind es Werke, eingebettet

in eine Tradition jenseits aller Trends. Ihre Arbeiten

wurden bereits auf der Architektur-Biennale in

Venedig, genauso wie in Seoul, St. Petersburg, Paris

oder Tokio gezeigt. Judith Borowski

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SISSI FARASSAT Ihre Arbeiten kosten zwischen

2750 € (30x44cm) und 3740 € (52x78cm). Fotogalerie

Wien, Währinger Str. 59, 1090 Wien, Tel.

0043/1/408 54 62, www.fotogalerie-wien.at

Gut gemeint

Hässlicher Zug

Gut dosiert

Licht Flame (links), Duftkerze

mit Vanille-/

Kokosaroma, erhältlich als

3er-Set, 11,50 €. Ozean

(rechts), Duftkerze im Thunfischkonserven-Design,

5,90 €, www.lucky-strikeoriginals.de

Luft O-Pure,

reiner Sauerstoff

aus der

Dose. 2x2 Liter

für 15-20

Anwendungen,

15,60 €,

www.sauer

stoff-laden.de

Grün Herbs, Kräuter in

Dosen, verschiedene Sorten,

6er-Pack, 34,90 €, www.

lucky-strike-originals.de,

Tinflowers, versch. Sorten,

je 4,90 €

Braun Schwarzbrot in den

Sorten Natur, Haselnuss

und Sonnenblumenkerne,

500 Gramm, je 3,95 €,

www.schwarzbrot.com.

Urpumpernickel von Haverland,

500 Gramm, 3 €,

www.manufactum.de

Mit der Retro-Welle ist das so eine Sache. Nicht

jeder Erwachsene sieht gut aus in diesen weißen

Fußballtrikots, die einmal Fritz Walter trug. Trotzdem

sieht man sie immer öfter. Und weil das so ist,

hat man sich bei Lucky

Strike wohl gedacht, auf

dieser Welle surfen wir

mal mit. Und legt nun

eine Tabakmischung von

anno 1916 auf, die in

historischer Verpackung

daherkommt. Dumm nur,

dass die Gesundheitsminister der EU frei von

Humor und ästhetischem Empfinden sind und

selbst auf so eine Packung ihre tödlichen Warnungen

drucken lassen. Nicht besonders retro, und

auch nicht besonders schick. Axel Kintzinger

.................................................................................

LUCKY STRIKE 1916 19 Zigaretten, 3,60 €

FTD/Soenke Mones (4); Schwarzbrot.com; Christofle; Fotogalerie Wien; Lucky Strike


4FREITAG, 8. OKTOBER 2004 FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND

aufdrehen

Lebensgefährte

Mitzähler

Sich auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren,

heißt zunächst: Nichts tun, was andere besser oder

billiger tun können. Zählen etwa, denn das können

Computer besser und billiger als jeder Mensch. Zählen

ist des Computers Kernkompetenz. Zugleich ist es für

die meisten Menschen zum Schnarchen langweilig.

Chips erlauben es dem

Menschen auf diese

Weise, sich schon im

frühen Alter von Randkompetenzen

wie dem

Zählen zu trennen.

Früher nämlich, da vereinbarten

die Jungs

beim „Cowboy und

Indianer“-Spielen, dass

sich der virtuell Getroffene nach dem Warnschrei

„Peng! Du bist tot!“ auf den Boden legen und vor dem

Weiterspielen bis zehn zählen musste. Derlei Umständlichkeiten,

die zudem den Keim des Misstrauens und

spielfremden Streits in sich bergen, vermeidet die

Deluxe-Ausgabe von Hasbros Schießaufmich-Spielzeug

Lazer Tag. Das Gerät zählt die Treffer, vornehm „Tag“

(Markierung) genannt, und zeigt sie auch im mitgelieferten

brillenartigen Display durch rotes Blinken an.

Nach zehn Treffern (oder einer anderen einstellbaren

Zahl) stellt das Gerät zuverlässig das technische Todesurteil

aus: „Tagged Out“, freiwillig regungslos liegen

bleiben ist dabei optional. Sogar die Freund-Feind-

Identifikation übernimmt die Elektronik – es bleibt mit

anderen Worten noch genug Gehirn frei für die im

Alltag so notwendigen Kernkompetenzen Wegducken

und Abzug drücken. Martin Virtel

......................................................................................

HASBRO LAZER TAG, etwa 50 $, erhältlich im Internet bei

BestBuy, eToys oder Walmart

Hochfahren

Vermeer dein Vermögen!

Es gibt ein Problem beim Sammeln von Kunst: Es ist

teuer. Da hilft es, Millionenerbe zu sein – auch wenn

das Vermögen aus fragwürdigen Geschäften stammt.

Um solch ein Erbe geht es in „Vermeer 2“: Der reiche

Onkel wird das Geld demjenigen seiner Nachkommen

vermachen, der es schafft, die meisten Gemälde seiner

gestohlenen Sammlung zurückzukaufen. Dazu muss

zunächst das nötige Geld verdient werden. Am besten

durch den Aufbau von Plantagen und den Verkauf der

dort angebauten Rohstoffe. Auch eine geglückte Wette

beim Pferderennen kann den Reichtum mehren. Parallel

dazu reist man um die Welt, nimmt an Auktionen

Teil, macht ab und an beim Onkel Station, um sich

einzuschmeicheln oder besucht Kurse für Kunstsammler.

Denn nur so lernt man, Original und Fälschung

auseinander zu halten. Dabei hilft auch die dem Spiel

beiliegende rote Brille: Mit ihr erkennt man die Echtheit

der alten Meister. Leider wirkt „Vermeer 2“ vor allem

grafisch etwas altbacken. Doch das stört kaum noch,

wenn man akzeptiert, dass es eher Gesellschaftsspiel als

Videogame ist und man es gemeinsam mit Freunden

am Monitor spielt. Denn die kann man bei Auktionen

überbieten oder ihre Plantagen durch gezielte Streikaufrufe

stilllegen – und so die magere Grafik durch

wüste Beschimpfungen wettmachen. Carsten Görig

......................................................................................

VERMEER 2 von Ascaron für PC, etwa 30 €,

www.ascaron.de

Impressum Weekend

Redaktion:Tillmann Prüfer (Leitung) Gregor Kessler, Benjamin Prüfer,

David Schumacher Chef vom Dienst: Cosima Jäckel Layout: Stefanie Nitsch,

Nils Werner Fotos: Heike Burmeister, Frank Eberle weekend@ftd.de

Taschencomputer sind sehr praktisch – so lange man nicht darauf schreiben muss. Zum Glück gibt es inzwischen eine

Reihe bequemer mobiler Tastaturen, die uns auf Reisen begleiten VON STEFAN SCHMITT

Die Probleme fingen vor zehn Jahren

an. 1994 nahm Jeff Hawkins sich

vor, den ersten Taschencomputer

so klein wie möglich zu machen.

Bei seinem Palmtop ließ er ausgerechnet die

Tastatur weg. Das machte das Gerät zwar sehr

klein, aber durch die Griffel-Kurzschrift Graffiti

auch sehr schwer zu bedienen. Eigentlich

schade, denn grundsätzlich ist ein handlicher

Taschencomputer genau das, was übervolle

Terminkalender und unübersichtliche Notizund

Adressbücher brauchen.

Theoretisch können moderne PDAs und

Smartphones heute problemlos Memos,

Mitschriften, ausführliche E-Mails oder

kleine Textdokumente aufnehmen. Doch

weder die T9-Texterkennung noch Graffiti

ermöglichen das fixe Eingeben längerer Texte.

Zubehör-Tastaturen für das Tippen unterwegs

sind da essenziell. Bluetooth sei Dank

kommen diese Überall-Schreiber jetzt

drahtlos daher. Sie können mittlerweile für

unterschiedliche Modelle benutzt werden –

und sogar auf Geräte schreiben, die verborgen

in der Sakkotasche stecken. Und in Zukunft

werden wir im Zug, während eines Fluges

oder bei einer fernen Konferenz gar in die

Luft tippen können – endgültig befreit von

T9-Drückerei und dem Palm-Griffel.

➊ Der Einfühlsame

Die handlichste Tipp-Alternative ist die Tastatur

im eigenen Kopf. Sie erinnert an Pantomime,

funktioniert allein mit Gesten. Zwei

Sensor-bestückte Manschetten an den Händen

übernehmen das Raten bei dieser Scharade.

Anhand der Handbewegung können

sie messen, welche Taste der Nutzer getroffen

hätte – wenn ein Keyboard vor ihm läge.

Das Gerät, als Konzept bereits preisgekrönt,

ist laut dem schwedischen Hersteller Senseboard

im späten Prototypen-Stadium. Mit

einfühlsamer Serienware sei im kommenden

Jahr zu rechnen.

Senseboard, ab 2005, Preis: noch nicht bekannt,

www.senseboard.com

➋ Der Einhänder

Eigentlich sind es nur etwas mehr als ein

Dutzend Buchstaben, die man wirklich oft

braucht. Wenn man die anderen durch das

Drücken von zwei oder drei Tasten gleichzeitig

erreichbar macht, dann kommt man mit

15 Tasten aus. Eben so viele hat ein Frogpad,

das sich gut mit einer Hand bedienen lässt.

Jedenfalls wenn man lernt, wie das geht. Die

Frogpads kommen mit Lernprogramm auf

CD-Rom – und das macht selbst Wurst-Finger

überraschend schnell zur agilen Schnelltippern.

Wer Zehnfingerschreiben beherrscht,

kann es binnen weniger Tage auch

mit Fünfen. Besonders für unterwegs macht

sich diese Mühe auch bezahlt: Eine Hand

hält, die andere tippt. Und der Text-Empfänger

kann sogar in der Sakkotasche bleiben.

Das Modell Bluetooth iFrog überträgt die Solo-Tipperei

entsprechend drahtlos .

Frogpad, ab Herbst 2004, etwa 175 $,

www.frogpad.com

➌ Der Daumen-Erlöser

Dass Mobiltelefone zur Texteingabe taugen

ist ein weit verbreiteter Irrtum. Ihre Tasten-







felder werden zunehmend kleiner, während

der Mitteleuropäer – und besonders dessen

rechter Daumen – eine weitgehend konstante

Größe behält. Vor unangenehmen

Fingerkrämpfen und der Verkrüppelung

künftiger Generationen schützt das batteriebetriebene

drahtlose Keyboard von Nokia.

Gefaltet ist es so groß wie eine Tafel Milka,

entfaltet bietet es den Fingerkuppen artgerecht

viel Platz. Balsam für strapazierte Sims-

Daumen. Jedenfalls für Besitzer eines kompatiblen

Nokias 6260, 6630 oder 7610.

SU-8W, ab 4. Quartal, 136,50 €,

www.nokia-online-shop.de

➍ Der Transformer

Nahezu für jedes Palm-Modell (und für

viele andere PDAs auch) gibt es mittlerweile

Unterwegs-Tastaturen, die man unten an

die Schnittstelle des Geräts ansteckt. Ihren

ganzen Ehrgeiz stecken die Designer in immer

abenteuerlichere Faltfunktionen. Der

Xela von Ibiz mit seinen robusten Gummitasten

etwa erinnert stark an einen Transformers-Roboter

– und vermittelt deren

Unverwüstlichkeit. Glück für die Hersteller:

Alle paar Jahre ändern sich die Steck-

Schnittstellen, für jede zweite Generation

muss ein neues Keyboard her. Xela passt auf

die älteren Palms m500, m505, m515 und

auf den neueren Zire 71 sowie Palms Tungsten-Baureihe.

Xela, Ibiz, etwa 70 $, www.ibizcorp.com

➎ Der Gleichmacher

Früher gehörte die Tastatur zur Peripherie,

zusammen mit anderen Anhängseln wie

Drucker oder Scanner umkreiste sie den eigentlichen

Mittelpunkt: den Rechner. Das

Stowaway Keyboard von Think Outside stellt

dieses Weltbild vom Kopf auf die Füße. Die

Tastatur arbeitet mit fast allem zusammen,

was Bluetooth spricht. Dazu gehören die

meisten Pocket PC und Palms, einige Symbian-Smartphones

und Handys, sowie Bluetooth-fähige

Windows- und Mac-Computer.

Bislang geht die Gleichmacherei einen

Schritt zu weit: Auch der deutsche Importeur

verkauft bislang nur amerikanische Modelle

(„Qwerty“), statt deutscher („Qwertz“). Z

und Y sind dort vertauscht. Im Herbst soll die

universelle Unterwegstastatur aber auch mit

neuer Tastenanordnung verfügbar sein.

Stowaway ab Herbst, 124 €,

www.mobiltec24.de

➏ Der Wiedergänger

Gespenstisch erscheint das virtuelle Keyboard

(VKB): Rotes Licht zeichnet die Umrisse

einer Tastatur auf die Tischplatte, unsichtbare

Sensoraugen erfassen die Bewegung

jedes Fingers. Gerade Zigarettenschachtel

groß soll das dazu nötige Gerät

sein. So jedenfalls ist es längst angekündigt.

Seit gut drei Jahren macht das Konzept VKB

die Runde. Auf der diesjährigen Cebit zeigten

Samsung und Siemens funktionsfähige Testmodelle.

Firmen aus den USA und Israel warben,

vertrösteten und werben weiter. Jetzt

scheint sich Panasonic wenigstens in Japan

der Marktreife zu nähern.

Siemens SX1, ab 2005 mit virtuellem Keyboard,

Preis: noch nicht bekannt

Hasbro Inc.; Senseborad Technologies AB; Retronic GmbH; Nokia; XELA; Think Outside; Siemens AG


5

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND FREITAG, 8. OKTOBER 2004 abheben

Abklappern

Übersehenes Deutschland: In Freiheit geeint

Kalifornien liegt in Deutschland, und niemand dort

singt: „It never rains“. Der Ort liegt direkt an der

Ostsee, Sonnenuntergänge kennt man hier nur von

Postkarten. Statt der Wale gibt es Quallen, statt

Flowerpower ein „Ostseefestival der Countrymusik“.

Gemein hat das deutsche Städtchen Kalifornien mit

dem gleichnamigen amerikanischen Bundestaat, dass

in beiden die Freiheit groß geschrieben wird: Kalifornien

liegt in der Probstei, ein Fleckchen Schleswig-

Holsteins, in dem es keine Leibeigenen gab. Alle

Panzerfaust

und Minirock

Bauern hier waren frei, ein Versprechen, dass auch

eine Hand voll Kolonisten anzog. Wie kam der Ort zu

seinem Namen? Keiner weiß mehr so genau, wann das

kleine Kalifornien entstand. Der hier lebende Märchenerzähler

Georg Kulick hat folgende Geschichte

parat: Ein Fischer baute sich am Strand eine Hütte.

Das Strandgut lieferte das Holz dafür. Darunter auch

ein Brett mit der Aufschrift Kalifornien. Da zu diesen

Zeiten Kalifornien gleich stand mit dem Goldrausch

und dem damit verbundenen großen Glück, nagelte

der Fischer das Brett vor seine Hütte. Heute steht hier

eines der über 200 Eisenbahnmuseen Deutschlands,

der Strand lädt zu langen Spaziergängen ein. Nach

Brasilien ist es übrigens nur einen Katzensprung von

hier: So heißt eine Gemeinde unweit von Kalifornien.

Michaela Vieser

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KALIFORNIEN liegt im Kreis Plön, etwa 25 Kilometer

entfernt von Kiel

Mangas sind in Tokio so allgegenwärtig, dass sich das Leben

oft wie aus einem Comic ausnimmt VON PATRICIA BRÖHM

Welt. Grüne Lichtblitze locken den Besucher

eine Treppe hinab in den Untergrund.

Überlebensgroße Kampfroboter

stehen Spalier, aus den Regalen grü-

Sie trägt Weiße Plateaustiefel aus

Lackleder bis zum Knie, dazu

ein Minikleid aus Fellimitat mit

Puschelschwänzchen. Am Hinterkopf

stecken Häschenohren im Haar.

Ihre Freundin steckt in rosa Krankenschwesterntracht,

mit Handschellen haben

sich die beiden aneinander gekettet.

Die beiden jungen Mädchen zelebrieren

den Auftritt im Kostüm ihrer Lieblings-

Manga-Helden. Als ein Tourist die Kamera

zückt, posieren sie mit Schmollmund

und aneinander geschmiegten

Köpfen.

Das bizarre Freizeitvergnügen japanischer

Kids lässt sich jeden Sonntag auf

der Brücke, die von der U-Bahn-Station

Meijijingumae zum Yoyogi-Park führt, beobachten:

Rote und gelbe Punkschöpfe,

Spiderwomen und Ninjas, Sailor Mercury

und Great Saiyaman und – unverzichtbar

in Japans Fantasy-Welt – jede Menge neckischer

Schulmädchen in kurzen Röcken.

Die Vorlagen dieser Kostümierungen

entstammen allesamt japanischen Manga-

Comics – dem prägendsten Kulturgut des

modernen, jungen Japan. Mehr als zwei

Milliarden Manga-Hefte und -Bücher gehen

hier Jahr für Jahr über den Tresen.

Amerikanische Journalisten haben errechnet,

dass Japaner mehr Papier zur Herstellung

von Comics als zur Produktion von

Toilettenpapier verbrauchen.

Japans alltäglicher Manga-Wahnsinn beginnt

bereits morgens in der U-Bahn. Etwa

in der Hibuya-Linie. Um acht Uhr früh ist

der Zug voller Menschen, und doch ist es

ganz still. Einige schlafen, andere tippen

konzentriert auf den Tasten ihres Mobiltelefons.

Die meisten aber lesen Mangas. Es gibt

in Japan Mangas für alle Altersgruppen und

Lebenslagen: Für Kleinkinder und Teenager,

für Hausfrauen und Manager. Das Angebot

reicht von Science-Fiction-Manga über

Sport-Manga bis zu Börsen-Manga. Nicht zu

vergessen die Porno-Manga, von soft bis

hardcore, von hetero bis homo.

Next Stop Shibuya. Das Viertel um die

U-Bahn-Station ist der Kiez der Tokioer Jugend.

Eine Gegend, so wie man sich im Westen

die Hauptstadt des High-Tech vorstellt.

Eine zerklüftete Hochhauslandschaft, brodelnde

Menschenmassen in den Straßen. Die

gigantischen Leinwände feuern ein nicht endendes

Stakkato abgedrehter Werbespots, der

Geräuschpegel ist hart an der Schmerzgrenze.

Nachdem Ridley Scott 1982 in Shibuya gewesen

war, drehte er seine düstere Cyberpunk-Saga

„Blade Runner“.

In Shibuya liegt auch das inoffizielle Hauptquartier

der Strichmännchen-Kultur. „Mandarake“

verkündet ein Schild, es weist den Ein-

ßen Plastikmonster und Barbiepuppen.

Eine gigantische Coca-Cola-Flasche

aus Schaumstoff ist für 500 000 Yen

zu erwerben. Endlose Regalreihen, in

denen quietschbunte Buchrücken so

eng aneinander gereiht stehen, dass

einzelne Bände nur mit Gewalt herauszuziehen

sind. Die Kassiererin trägt ein

Superwoman-Kostüm.

Mandarake, gegründet in den 70er

Jahren von dem ehemaligen Comiczeichner

Masuzo Furukawa, ist heute

ein Imperium mit zahlreichen Filialen

gang zur größten Comicbuchhandlung der

in Tokio und einer in Los Angeles. Vier

Millionen Artikel sind im Sortiment, gebrauchte

und druckfrische Mangas,

dazu Accessoires und Kostüme. Doch

Mandarake ist nicht der einzige Ort, wo

sich die Otaku, wie eingeschworene Comic-Fans

in Japan heißen, treffen. Beliebte

Orte zum Anbandeln sind die

Manga-Cafés, wo man für ein paar Euro

anderthalb Stunden lang die Wahl zwi-

schen etwa 50 000 Mangas hat. Oder die

„Cosplay“-Parties (kurz für costume

play), wo sich die als Manga-Helden kostümierten

Kids vergnügen. Per Flyer werden

Ort und Datum kommuniziert.

Und Tokio wäre nicht Tokio, könnte

man nicht auch in der U-Bahn die

bizarrsten Begegnungen machen. Eines

Abends in der Ginza-Line sitzt sie uns

plötzlich gegenüber: im kurzen, roten

Kleid mit roter Kapuze und weißem Spitzenunterrock.

In der einen Hand eine

Panzerfaust, in der anderen ein Maschi-

nengewehr. In jeder anderen Metropole

der Welt müsste man sich jetzt ernsthafte

Sorgen machen, nicht aber in Tokio. Denn

unsere Nahverkehrs-Bekanntschaft ist

niemand anderes als Baretta, Heldin des

Videospiels „Vampire Saviors“. Wahrscheinlich

ist sie unterwegs zu einer

Cosplay-Party.

................................................................

HINKOMMEN Japan Airlines fliegt täglich

nonstop von Frankfurt nach Tokio, Tickets ab

etwa 1000 €, www.jal-europe.com

ÜBERNACHTEN Imperial Hotel, sehr zentral

Absteigen

Nordic Light Hotel: Licht mein Feuer

Im tiefsten Winter ist es in Schweden täglich 18

Stunden dunkel. Erstaunlich, dass zuvor noch niemand

auf die Idee gekommen ist, die das Nordic Light

Hotel in Stockholm jetzt zu seinem Markenzeichen

gemacht hat: Lichtinszenierungen. Kugeln kreisen an

der Decke, illuminierte Blütenblätter kriechen über

die Zimmerwände und rote Herzen flimmern über

dem Bett. Für die britische „Elle“ ist es „the world’s

sexiest hotel“. Die Lobby empfängt mit kühlem Design

und kahlen weißen Wänden. Die Gäste wärmen sich

gelegen, über 1000 Zimmer, 13 Restaurants,

DZ ab etwa 300 €. 1-1, Uchisaiwai-cho 1-chome,

Chiyoda-ku, Info und Buchung in Deutschland

gebührenfrei über 00800/28 88 88 82,

www.lhw.com/imptokyo

MANGAMANIA Mandarake, Shibuya Beam

Building 2, 31-2 Udagawacho, Shibuya–ku, Tel.

0081/3/3477 07 77, www.mandarake.co.jp

am Kamin unter einem Kronleuchter mit Lampen in

Eiszapfen-Form. Das Feuerchen ist auch das einzige

in dem minimalistischen Interieur, das ein wenig

Wärme verbreitet – abgesehen von dem Lächeln der

Mitarbeiter. Nicht direkt wärmend, aber dafür sehr

unterhaltsam ist die individuell steuerbare Lichtmaschine

über den Doppelbetten in den Deluxe Mood

Rooms. Damit lässt sich wunderbar herumspielen

und die Regeln der Farbpsychologie überprüfen, Blau

senke den Blutdruck und Rot verleihe neue Energie.

Nach einem betriebsamen Geschäftstag oder einem

anstrengenden Trip über die der Stadt vorgelagerten

Schäreninseln, wirken die individuellen Lichtduschen

entspannen und vitalisierend – beim richtigen Rotton

sogar ein wenig wärmend. Vera Görgen

....................................................................................

NORDIC LIGHT HOTEL Vasaplan, Stockholm, Schweden,

Tel. 0046/8/50 56 30 00, www.nordichotels.se, der Deluxe

Mood Room kostet rund 400 €

Carlsen Comics; Reto Wettach; Nordic Hotels


6 FREITAG, 8. OKTOBER 2004 FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND

aus

Nichts als die Wahrheit

Ich laufe nicht. Ich bin der einzige

in meinem Freundeskreis, der

nicht läuft. Alle anderen laufen

täglich oder bereiten sich gar auf

einen großen Lauf vor. Deswegen

existiert die Umwelt für sie

nur, soweit man sie mit Turn-

Von Tillmann Prüfer

schuhen treten kann. Ich weiß

nicht, ob sie noch lange meine Freunde sein werden, sie

nehmen mich kaum noch wahr. Manchmal sitzten wir

schweigend zusammen, und sie blicken mich verzweifelt

an und wissen kein Thema. Manchmal sage ich

dann: Ich will jetzt auch mit Laufen anfangen. Dann ist

der Abend gerettet, ich lausche Darstellungen, wie man

sich langkettige Kohlenhydrate in die Muskeln „karboniert“

und lerne Neues aus der Sprunggelenkforschung.

Dann fühle ich mich wieder beliebt. Aber die Wahrheit

ist: Ich werde nie laufen. Mein Knie! Ich habe nämlich

mal versucht zu laufen, hatte mir sogar Schuhe zugelegt.

Aber ich lief wohl falsch. Zwei Wochen lang schmerzte

mein Knie. Ich humpelte wie ein Tretmineninvalide.

Und immer, wenn ich versuche, wieder loszutraben,

lässt mich das Knie wieder straucheln. Es geht nicht.

Trotzdem habe ich Hoffnung. Neulich musste ein

Bekannter von mir den Berlin-Marathon abbrechen.

Sein Knie versagte. Kurz darauf klagte ein weiterer

Freund, er gehe jetzt an Krücken. Verdammtes Knie

kaputt. Es war zwar kein Laufunfall, er ist nur betrunken

umgefallen. Aber es sind Schmerzen, bei denen ich

mitreden kann. Vielleicht brauchen wir keine gemeinsame

Leidenschaft, vielleicht brauchen wir nur eine

gemeinsame Verletzung.

Goodbye

Arzt im Praktikum

Wir hatten ja schon alle verstanden, dass das Leben

kein Zuckerschlecken ist. Doch so bitter wie für einen

AIP, einen Arzt im Praktikum, müsste es dann doch

nicht sein. Da legen die Herren und Damen ein

hervorragendes Abitur hin, ergattern einen Studienplatz

für Medizin, kämpfen sich durch drei Staatsexamina,

nur um sich nach

Jahren des zähen Ringens

mit den Widrigkeiten des

Bildungssystems auf einer

Krankenhausstation wiederzufinden

– als besserer

Praktikant! Abgespeist mit

einem Hungerlohn von

gerade einmal 1000 € gilt man 18 Monate lang als Arzt

zweiter Klasse. Abenteuer lassen sich dabei wohl nur in

der Arztserie „In aller Freundschaft“ erleben. Alle

anderen werden kaum Trauer verspüren, dass der Arzt

im Praktikum zum 1. Oktober 2004 abgeschafft wurde.

Der Arbeitsort Krankenhaus gewinnt dadurch spürbar

an Attraktivität. Von nun erhalten Jungärzte direkt nach

dem Studium ihre Berufszulassung, die Approbation,

und werden, wenn sie sich für einen Job im Krankenhaus

entscheiden, gleich wie Assistenzärzte bezahlt –

was fast einer Verdreifachung des Gehalts gleichkommt.

Dr. Brentano in besagter TV-Serie hatte es

schon zuvor zum Assistenzarzt gebracht. Claudia Schuh

Verpackung,

Versand, Vertrieb

1,00 Euro

Rezession & Frohsinn von Gábor Zádor und Tillmann Prüfer

Follow the Money Was kostet ein Obstbrand?

Kartoffeln, Getreide, Trester: Schnaps lässt sich aus ganz verschiedenen Materialien herstellen. Doch der

edelste und im Geschmack vielfältigste ist der Obstbrand. Für einen halben Liter zahlt man 24,95 €.

Wareneinsatz

4,17 Euro

Personalkosten

1,14 Euro

Alkoholsteuer

Regelsteuersatz

6,52 Euro

Sonstige Kosten

1,42 Euro

Händlerspanne

5,27 Euro

USt 16%

3,44 Euro

Gewinn

1,99 Euro

Preis

24,95 Euro

Heinz Georg Schellinger ruinierte

die deutsche Konkurrenz

Autor: Matthäus Wojciechowski; Grafik: Monika Aichele; Quelle: Chiemgauer Schnaps Spezialitäten

Annette Prüfer; AGE/Mauritius; dpa; TV-Yesterday

Geschützte Arten®

Resopal

Die Einbauküche der 50er Jahre war

der Stolz jeder Hausfrau. Als Resopalküche

ging sie in den Sprachgebrauch

ein. Schon 1930 war eine

Küche besonderer Art mit Resopal

ausgestattet worden, die Pantry eines

Zeppelins. Ich gleichen Jahr hatte

Hermann Römmler jun. von der

Berliner Römmler AG, ein Verfahren

zur Herstellung von Pressplatten auf

der Grundlage von Formaldehydharzen

zum Patent angemeldet und sich

den Namen Resopal schützen lassen.

Der leitet sich vom englische „resin“

(Kunststoff) und Opal für die edel

schimmernde Oberfläche ab. War

Resopal vor 50 Jahren synonym mit

Küche, ist das Material heute auch

aus anderen Inneneinrichtungen

und aus dem Fassadenbau kaum

wegzudenken. In der Landwirtschaft

wird es sogar für die Innenverkleidung

von Schweineställen eingesetzt,

da die Oberfläche weitgehend

resistent gegen aggressive Reinigungsmittel

ist. Seit 1988 gehört die

Marke dem US-Konzern Wilsonart,

der im hessischen Groß-Umstadt

jedes Jahr 14 Millionen Quadratmeter

Resopal herstellt. Das reicht für

knapp 2000 Fußballfelder. Axel Voss

„Beim Monopoly gibt’s keinen Schätzchenbonus“

Der deutsche Meister Schellinger schont auch seine Frau nicht. Ab heute treibt er die besten der Welt in die Pleite

In Tokio zocken 35 nationale Champions

um die Monopoly-Weltmeisterschaft.

Heinz Georg Schellinger ist die Hoffnung

des deutschen Kapitalismus.

FTD Wie gewinnt man bei Monopoly?

Heinz Georg Schellinger Erst einmal

gucken, welche Straßen man kriegt.

Auf eine Sache konzentrieren. Wenn

man eine Straße hat, Häuser bauen,

alles andere vergessen.

FTD Sie bauen Kälteanlagen. Hilft das?

Schellinger Man muss schon cool

bleiben. Mein Erfolg hat wohl mehr

was mit Schwabentum zu tun. Darin

habe ich 40 Jahre Erfahrung. So wird

man abgeklärt. Ich spiele aber nicht

nur Monopoly. Echte Spieler spielen

eben überlegter als Freizeitspieler.

FTD Ab wann ist man Spieler?

Schellinger Das liegt an der Motivation.

Zum Gewinnen muss man gewinnen

wollen, bewusst spielen.

Frauen spielen gern zur Unterhaltung.

Männer spielen eher, um zu ge-

winnen. Frauen konzentrieren sich

eben auf Wichtigeres im Leben. Da

haben sie eigentlich auch Recht.

FTD Warum finden Deutsche Monopoly

irgendwie nicht politisch korrekt?

Schellinger Das Spiel ist Kapitalismus

pur, es geht darum, andere in die

Pleite zu treiben. Wir haben aber die

soziale Marktwirtschaft, danach ist

das nicht korrekt. Aber bei anderen

Spielen geht es sogar ums Umbringen,

und da sagt keiner was.

FTD Hilft Jammern?

Schellinger Viele fahren tatsächlich

diese Strategie. Die nölen einem das

Ohr zu, verhandeln nach jedem

Wurf. Je nachdem, wie die Gegner

drauf sind, bringt das sogar was.

FTD Wie geht’s Ihnen nach einer Pleite?

Schellinger Kommt aufs Spiel an.

Beim deutschen Finale wär ich schon

traurig gewesen. Ist aber nur ein

Spiel. Ich kann direkt danach lachen.

FTD Was lehrt Monopoly fürs Leben?

Schellinger In Berlin hatte ich zwei

schlechte Vorrundenspiele, gab aber

nicht auf. Habe offensiv gehandelt,

bin im Spiel geblieben, und das hat

sich ausgezahlt. Also: Nie aufgeben,

man könnte nochmal Glück haben.

FTD Haben Sie Skrupel dabei, Frauen in

den Ruin zu treiben?

Schellinger Beim Finale in Berlin

habe ich eine 14-Jährige rausgeschmissen.

Das tat mir leid. Hatte

aber mehr damit zu tun, dass sie so

jung war. Ansonsten: Bei meiner Frau

gibt’s keinen Schätzchenbonus.

FTD Wie bereiten Sie sich auf die WM in

Tokio vor?

Schellinger Ich werde ein paar Partien

auf dem amerikansichen Brett

spielen. Regeln und Ereigniskarten

unterscheiden sich minimal.

FTD Nervös?

Schellinger Zumindest beim deutschen

Finale war ich ruhig. Bei Monopoly

gibt’s jedenfalls keine Möglichkeit,

sich auf die Gegner vorzubereiten.

Interview: David Schumacher

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