Ziehende Völker - Leitfaden für Gemeiden - Kommunalnet

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Ziehende Völker - Leitfaden für Gemeiden - Kommunalnet

Der Leitfaden soll Gemeinden helfen, richtig mit durchreisenden Roma

und Sinti umzugehen bzw. zu kommunizieren, und grundlegende

Verhaltensregeln zum Wohle aller (AnrainerInnen und BesucherInnen)

aufzustellen.

Mit freundlicher Unterstützung durch

Ziehende Völker


Allgemeine Informationen zu Roma und Sinti

Bei der Volksgruppe der Roma und Sinti handelt es sich um die größte Minderheit in

Europa mit geschätzten 8 Millionen Personen. Diese Gruppe zeichnet sich durch

große sprachliche und kulturelle Vielfalt aus.

In der Vergangenheit hatte diese Bevölkerungsgruppe mit Diskriminierung und

systematischer Verfolgung zu kämpfen, was seinen traurigen Höhepunkt im Zuge

von Deportationen in Konzentrationslager hatte.

Österreich war in weiterer Folge das erste Land, welches die Anerkennung dieser

Minderheit als Volksgruppe 1993 im Nationalrat beschloss. Jedoch kämpft diese

Bevölkerungsgruppe mit Akzeptanz- und Toleranzproblemen. Ziel der Politik soll hier

sein, eine aktive Bewusstseinsbildung zu betreiben welche Diskriminierung

vermeidet. Gegenseitige Rücksichtnahme und Aufstellen von bestimmten

Regelungen sollen hier dienlich sein, um einen temporären Aufenthalt zu

ermöglichen.

Des Öfteren kommt es bei Durchreisen von Roma und Sinti- Gruppen zu Konflikten

verschiedenster Natur. Die folgende Tabelle soll häufige Konfliktherde auflisten und

Lösungsansätze darstellen bzw. Möglichkeiten aufzeigen, solchen

Diskussionspunkten von vornherein entgegenzutreten. Die folgende Auflistung wurde

auf Basis von ExpertInnengesprächen und Erfahrungswerten aus dem

Mostviertel (Interviews mit BürgermeisterInnen) erstellt.

Häufige Konfliktherde Mögliche Lösungsmöglichkeiten

Unangemeldetes Auftauchen und

Niederlassung an nicht geeigneten

Plätzen

Eventuell Zusammenschluss

mehrerer Gemeinden/Städte um einen

geeigneten Platz zu suchen/errichten.

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Kein Strom bzw. Wasser vorhanden

Notdurft wird oft im Freien verrichtet

Hinterlassen von Müll und

Verunreinigungen

Rücksprache mit dem Chef der Gruppe,

da viele dieser Gruppen in bestimmten

Regelmäßigkeiten Plätze aufsuchen.

Infrastruktur des Platzes so gestalten,

dass diese innerhalb kurzer Zeit von

einer Person aktiviert werden kann

(Strom, Wasser, Toiletten bzw.

Kanalanschlüsse).

Es empfiehlt sich seitens der

Gemeinden/Städte bei häufiger

Frequentierung des Platzes, diesen mit

Strom und Wasser auszustatten. Bei

häufiger Benutzung empfiehlt sich auch

die Errichtung einer WC- Anlage bzw.

einer temporären Anlage (siehe Kapitel

„Sanitäre Einrichtungen – Anmietung

bzw. Kauf eines Sanitärcontainers“).

WC- Anlagen bzw. temporäre Anlagen

für Hauptreisezeit einrichten

(Toilettanlagen so anordnen, dass

traditionelle Strukturen nicht gestört

werden).

Aufstellen von großen Müllbehälter in

ausreichender Anzahl.

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Nichtakzeptanz der ansässigen

Bevölkerung

Lärmbelastung

Sprachliche Barrieren

Androhung von exekutiven

Maßnahmen um Verhaltensnormen

durchzusetzen

Bewusstseinsbildende Maßnahmen:

Informationsveranstaltungen

Grundlagenforschung, warum

etwas bzw. jemand nicht

akzeptiert wird

Auswahl eines geeigneten Platzes

welcher für beide Seiten (AnrainerInnen

und Durchreisende) annehmbar ist.

Gemeindeinterne ExpertenInnengruppe

(mit BürgermeisterIn) sollte gleich bei

Ankunft einer Gruppe diese aufklären

bezüglich Nachtruhe,

AnrainerInnensituation und

Konsequenzen.

In den meisten Fällen gibt es eine

Ansprechperson, welche Deutsch zur

Verständigung beherrscht.

Schriftliche Unterlagen (Bsp.

Informationshandzettel) werden zum Teil

nicht verstanden.

Polizei und Exekutive sollten wirklich nur

bei schwerwiegenden Vergehen

hinzugezogen werden. Erste Instanz:

Gemeindeinterne ExpertInnenengruppe,

2. Instanz externe BeraterInnengruppe

(Bsp. Verein Ketani; hilft national)

hinzuholen, um als Vermittler tätig zu

werden.

4


Bezahlen der Stellplätze nach dem

Aufenthalt

Allgemeine Platzwahl

Sanitäre Einrichtungen

Bei Möglichkeit Gebühren für die

Stellplätze gleich nach Ankunft der

Gruppe aushandeln und eventuell

besondere Angebote unterbreiten um im

Vorhinein die Bezahlung durchführen zu

können (Bsp.: Für 1 Woche werden nur 5

Tage verrechnet).

Bei Möglichkeit diese Durchreiseplätze

nicht an Geh- und Radwegen errichten.

Ein Spielplatz für Kinder sollte auch Teil

des Konzepts sein.

Die Versorgung mit sanitärer Infrastruktur ist ein wichtiger Punkt, der bei der Planung

eines Durchreiseplatzes unbedingt berücksichtigt werden muss. Um eine gute

sanitäre Versorgung gewährleisten zu können, gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Anmerkung: Bei der Anordnung der sanitären Versorgungselemente sollte darauf

geachtet werden, dass der Gang zum WC nicht einsehbar ist, da sonst die Notdurft

im Freien verrichtet wird.

Errichtung eines „Waschhauses“ welches WC- Anlagen, Duschen

und Möglichkeiten zum Waschen der Kleidung beinhaltet

Vorteile Nachteile

Wasser und Strom müssen nur

aufgedreht werden und Anlage ist

betriebsbereit

Flexibilität bei unangemeldeten

Ankünften

Hohe Errichtungskosten

Wartungs-und

Instandhaltungskosten höher als

bei Containeranmietung

5


Anmietung bzw. Kauf eines Sanitärcontainers

Vorteile Nachteile

Flexibilität der gesamten Anlage

bei Miete

Geringere Anschaffungskosten als

beim Bau eines Waschhauses

Wartezeit bei Anmietung ca. 1

Woche

Bei Anmietung: immer

wiederkehrende Kosten: ca.

400€/Monat/Container (abh. von

Mietdauer)

Bei Kauf: ca. 8500€/Container

In beiden Fällen müssen hier verantwortliche Personen der jeweiligen

Gemeinde/Stadt die sachgemäße Benützung der Anlage überprüfen bzw. sollten 1x

täglich diese sanitären Einrichtungen gereinigt werden. Hier ist es wichtig von Seiten

des Platzbetreibers / der Platzbetreiberin im Vorhinein Reinigungskräfte zu

organisieren, die auch am Wochenende für die Sauberkeit der Anlage verantwortlich

ist.

Weiters würde sich anbieten, hier gemeinde- bzw. stadtübergreifend zu agieren um

beispielsweise für 3 Durchreiseplätze in verschiedenen Städten/Gemeinden

gemeinsame Container anzuschaffen, welche kurzfristig innerhalb der

Kooperationsgemeinden/städte transportiert werden können („Container- Rotation“).

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Verein Ketani

Einen weiteren wichtigen Beitrag zum temporären Zusammenleben von ziehenden

Völkern im Speziellen Roma und Sinti und der ansässigen Bevölkerung kann der

Verein „Ketani“ liefern.

Dieser Verein nimmt sich der Belange der Sinti und Roma in Österreich an und

kümmert sich um die Pflege der Kultur und Sprache. Weiters bietet Ketani die

Möglichkeit zur Kontaktaufnahme an, wenn es z.B. um die Einrichtung von

Durchreiseplätzen geht. Ketani berät Kommunen, organisiert

Informationsveranstaltungen und stellt sich auch in Konfliktsituationen als Vermittler

zur Verfügung. Die Vermittlertätigkeit ist kostenlos jedoch wird ein Treibstoffbeitrag

verrechnet. Als Beispiele für eine positive Umsetzung und Einrichtung von

Durchreiseplätzen sollen hier die Stadt Linz und die Stadt Braunau dienen.

Braunau am Inn:

Die erste Stadt Österreichs

welche einen Durchreiseplatz

eingerichtet haben war Braunau

am Inn. Der Platz wird seit 10

Jahren von durchziehenden

Personengruppen verschiedenster

Herkunft in der Zeit von März bis

November genutzt. Auf dieser für

ca. 20 Wohnwagengespanne

ausgelegten Campingmöglichkeit existieren Strom- und Wasseranschlüsse sowie ein

eigenes Waschhaus.

Die folgende Auflistung soll einen Überblick geben, wie diese temporär beschränkten

Aufenthalte ablaufen können:

Ankunft an der Campingmöglichkeit welche durch einen Schranken abgesperrt

ist.

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Kontaktaufnahme und Begrüßung durch die zuständige Initiativengruppe

(Koordinationsgruppe) welche auch in weiterer Folge für die Mediation und

Vermittlertätigkeiten verantwortlich sind

Aufnahme von Daten und Kennzeichen der BesucherInnen

Aufklärung über Kosten

Regelmäßige Kontrollen durch Koordinationsgruppe (Verunreinigungen,

Beschädigungen,…) eventuell Zwischenberichte

Bei Abreise nochmals Kontrollgänge und nach Abreise wieder Absperrung des

Platzes

Bei Konflikten soll soweit als möglich die Initiativengruppe als Mediator eingesetzt

werden.

Linz:

(Ansprechpartner Hr. Außerhuber, Tel.: +43 (0)7722 808-250)

Der Durchreiseplatz beim Linzer Pichlingersee wurde im Sommer 2009 in Betrieb

genommen und befindet sich auf einem rund 3.000 m² großen Areal neben der B1

zwischen "Am Südpark" und der Straße Richtung Campingplatz. Es ist der zweite

verwirklichte Durchreiseplatz in Österreich (neben Braunau).

Durchziehende Sinti, Roma und Jenische nutzen die Möglichkeit, hier Rast zu

machen und leisten einen finanziellen Beitrag für Wasser, Müllentsorgung, Abwasser

und Strom. Der Platzt ist auf 20-25 Gespanne begrenzt. Weiters ist der

Durchreisplatz wie folgt ausgestattet: Waschbecken: kaltes Wasser/warmes Wasser,

Duschen: kaltes Wasser, Duschen: warmes Wasser, Beheizte Sanitäranlagen,

Sitztoiletten und Waschmaschine.

(Ansprechpartner Hr. Ertl, Tel.: +43 (0) 664 2255 172)

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Fazit

Ein Rastplatz wie in Linz oder in Braunau löst zwar nicht alle Probleme, das

Konfliktpotenzial und der Druck auf die Stadt und die Behörden wird unvergleichlich

weniger.

Es ist ein Beitrag für etwas mehr menschlicheren Umgang mit Angehörigen einer

Volksgruppe, die respektvollen Umgang und Wertschätzung bisher kaum erfahren

haben.

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Quellenangaben

Telefoninterview mit Außerhuber Johann (Leiter der Geschäftsgruppe

Allgemeine Verwaltung und der Abteilungen Ia - Interne Dienste sowie Ic -

Soziales), Stadtamt Braunau/Inn, Tel.: +43 (0)7722 808-250

Baumgartner, G. Freud, F. (2007): Roma Politik in Österreich; Kulturverein

österreichischer Roma.

Verein Ketani für Roma und Sinti; www.sinti-roma.at

Interviewgespräche mit Verantwortlichen der Gemeinden/Städte:

o Amstetten (Bgm in . Ursula Puchebner) Kontakt: www.amstetten.at,

Tel.: +43 (0) 7472 601-0

o Wieselburg (Stadtamtsdirektorin Gudrun Lasselsberger und LAbg. Bgm.

Mag. Günther Leichtfried) Kontakt: www.wieselburg.at,

Tel.: +43 (0) 7416 523 19

o Haag (Bgm. Josef Sturm) Kontakt: www.stadthaag.at;

Tel.: +43 (0) 7434 42 42 310

o Leiben (Bgm. Karl- Heinz Spring) Kontakt: www.leiben.gv.at;

Tel.: +43 (0) 2752 70042

Integrationsservice Niederösterreich

Kontakt: www.integrationsservice.noe-lak.at; Tel.: +43 (0) 2742 294 17491

Österreichischer Integrationsfonds

Kontakt: www.integrationsfonds.at; Tel.: +43 (0)1/710 1203-0

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen Seite 1:

1. http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/art4,445476

2. www.roma-center.de

3. http://www.spiegel.de/fotostrecke/sinti-und-roma-unfreiwillige-nomaden-fotostrecke-

58569.html

Abbildung Seite 6: www.containex.at

Abbildung Seite 7: Braunauer Rundschau vom 16.Mai 2002

Abbildungen Seite 9: www.sinti-roma.at/lagerplatzbilder.htm

Stand: Mai 2012

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Impressum

Regionalmanagement Mostviertel

Mostviertelplatz 1, 3362 Öhling

T +43(0)7475/533 40 300

F +43(0)7475/533 40 350

Layout und Konzeption: Christian Brandhofer

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