06-14 Lichtverschmutzung - Natürlich

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06-14 Lichtverschmutzung - Natürlich

Der helle Wahn

6 Natürlich | 6-2004

In der Schweiz gibt es keinen einzigen Quadratkilometer

mehr, auf dem es absolut dunkel ist. Der Sternenhimmel

entschwindet zunehmend unseren Blicken. Mit überflüssigen

und falsch eingesetzten Lichtquellen machen wir die Nacht

zum Tag. Mit zum Teil dramatischen Folgen für die Natur.

Text: Peter Jaeggi


sinn Foto:

«Wenn Du eine Blume liebst, die auf

einem Stern wohnt, so ist es süss, bei

Nacht den Himmel zu betrachten.

Alle Sterne sind voll Blumen.» Der

kleine Prinz setzte sich auf einen Stein und

hob die Augen zum Himmel: «Ich frage

mich», sagte er, «ob die Sterne leuchten,

damit jeder eines Tages den seinen wiederfinden

kann...» – Was er wohl heute sagen

würde, der kleine Prinz von Antoine de

Saint-Exupéry, käme er auf unseren Planeten

und sinnierte über den nächtlichen

Himmel? Es würde ihm möglicherweise

alle Poesie abhanden kommen. Genau so,

wie den Kindern von heute die Milchstrasse

abhanden gekommen ist.

Die Lichtverschmutzung auf unserem Planeten.

Komposition aus mehreren Satellitenaufnahmen.

25 000 Jahre unterwegs

Das Licht eines Sterns aus der Milchstrasse

braucht etwa 25 000 Jahre, bis es auf der

Erde ankommt. Besser: ankommen könnte.

Denn auf dem allerletzten, winzig-winzigsten

Wegstückchen schiebt ihm der Mensch

einen optischen Riegel: Lichtverschmutzung.

Millionen von Strassenlaternen,

Scheinwerfern und anderen Glühlampen

bilden vor allem über den Siedlungen von

Industrienationen einen Licht-Dom, der

die Milchstrasse übertönt. Dabei sei sie

doch eine Art «Weltkulturerbe», sagt René

L. Kobler, Umweltingenieur an der Fachhochschule

beider Basel. «Unseren Kindern

bleibt diese Kultur je länger desto

Royal Astronomical Society/ Blackwell Science

Lichtverschmutzung UMWELT

mehr verschlossen. Allmählich verschwindet

nämlich der Ausblick aufs Universum.»

Und – eine erstaunliche Aussage: «In der

Schweiz gibt es keinen einzigen Quadratkilometer

mehr, auf dem es absolut dunkel

ist; nicht einmal mehr in den Hochalpen.»

Das Licht

auf den Strich schicken

Kobler ist der einzige Lichtverschmutzungs-Spezialist

der Schweiz. Er fordert

freie Sicht auf die Milchstrasse. Er weiss,

wovon er spricht. Der Umweltfachmann ist

nicht nur ein lichtgeschädigter Hobby-

Astronome mit verschleiertem Ausblick ins

Universum, sondern auch Vizepräsident

des Schweizer Ablegers der amerikanischen

Umweltorganisation «Dark Sky»

(«Dunkler Himmel»), die sich weltweit gegen

«light pollution» (Lichtverschmutzung)

einsetzt. Er reist durchs Land und

klärt Behörden und interessierte Kreise

über die helvetische «Lichtverzettelung»

auf. Mit einer Kompetenz- und Koordinationsstelle

an der Fachhochschule beider

Basel möchte er zudem die Diskussion

auch wissenschaftlich in Gang bringen.

Ihm geht es nicht darum, uns das Licht

auszuknipsen. Es geht ihm vielmehr um

den sinnvollen, effizienten Einsatz des

Lichtes. «Der Mensch will nachts Licht

haben, das ist in Ordnung. Es geht mir lediglich

darum, lichtbedingte Schäden für

die Natur zu minimieren.» Um dies zu erreichen,

will Kobler das Licht sozusagen

auf den Strich schicken. Es ist ein verblüffend

einfaches, pragmatisches Rezept, in

dem es darum geht, Licht dorthin zu dirigieren,

wo es hingehört, nämlich auf den

Boden – und nicht in den Himmel.

Kobler zieht über einer Lichtquelle einen

waagrechten Strich. Licht, das nach

oben, über den Strich hinaus scheint, sei

unnütz und für die Natur eine «Schadschöpfung».

Licht, das zu Boden fällt, bedeute

Wertschöpfung für den Menschen.

Als Extrembeispiel erwähnt er die fast

schmerzlich grell leuchtenden Gaskugelleuchten,

die etwa auf Autoparkplätzen die

Nacht zum Tag machen. «Diese Leuchten

strahlen radial in alle Raumrichtungen;

doch alles, was nicht auf den Boden leuchtet,

bringt dem Menschen nichts.» Mehr als

die Hälfte dieses Kugellichtes verpuffe für

den Menschen nutzlos im Nachthimmel.

Dann listet Kobler eine lange Liste

übriger «Irr»-Lichter auf. Angefangen vom

Natürlich | 6-2004 7


Foto: René L. Kobler

UMWELT

8 Natürlich | 6-2004

Lichtverschmutzung

«Himmelsscheinwerfer» (Skybeamer),

über angestrahlte Kräne, von unten nach

oben beleuchtete Fassaden (statt von oben

nach unten) bis hin zu Strassenbeleuchtungen,

von denen es in der Schweiz keine

optimal nach oben abgeschirmten gebe.

Strassenbeleuchtungen – in der Schweiz

rund 1,5 Millionen Stück – machen bis zur

Hälfte der Lichtverschmutzung aus, so sagen

Schätzungen aus Deutschland. Sie gehören

zum Stoff, aus dem die Licht-Dome

über unseren Städten und Dörfern gemacht

sind. Wenn es nach René L. Kobler ginge,

sollte auch Werbetreibenden ein Licht aufgehen:

«Ich frage mich: was bringt eine

Lichtreklame morgens um vier?»

Massensterben der Insekten

Nachtfalter und andere Insekten orientieren

sich an natürlichen Lichtquellen wie

dem Mond und dem Sternenhimmel, aber

auch an allen künstlichen Lichtquellen. Besonders

stark angezogen und fehlgeleitet

werden die kleinen Flieger durch UV-haltiges

Kunstlicht, wodurch sie ihrem Lebensraum

millionenfach entzogen werden.

So richten Strassenbeleuchtungen alljährlich

unter Insekten einen kaum vorstellbaren

«Massenmord» an. Dies vor

allem unter den Schmetterlingsarten, von

denen ein hoher Anteil nachtaktiv ist (in

Österreich von etwa 4000 Arten 2850 =

85 Prozent). Darunter sind stark bedrohte

Ein schlechtes Beispiel: Kugelleuchten

strahlen in alle Richtungen, auch nach

oben. Das Licht soll dorthin gehen, wo

es einem Beleuchtungszweck dient.

620 SBB-Bahnhöfe werden in den

nächsten Jahren umgestaltet und

mit so genannten «Railbeams»

versehen. Um das Gefahrenpotential

für Insekten, Zugvögel

und Fledermäuse zu minimieren,

werden die Stelen nur mit der

Hälfte der ursprünglich geplanten

Wattleistung beleuchtet.

Foto: SBB

Foto: Andreas Walker

Arten wie der Mittlere Weinschwärmer

(Deilephila elpenor) das Abendpfauenauge

(Smerinthus ocellata) oder die

Trockenflur-Graseule (Eremobia ochroleuca),

um nur einige Arten zu nennen.

Gerhard Eisenbeis, Professor für Zoologie

an der Johannes Gutenberg Universität

in Mainz, stellte Hochrechnungen an und

gelangte zum Schluss: «In Deutschland

sterben alleine unter Strassenlampen jedes

Jahr bei vorsichtiger Kalkulation um die

100 Milliarden Insekten.» Hinzu komme

eine grosse Menge anderer massenhaft in

der Umwelt wirksamer künstlicher Lichtquellen

wie Beleuchtungssysteme von Industrie-

und Sportanlagen, Leuchtrekla-

Natriumdampflampen ziehen dank des gelben

Lichts nicht nur weniger Insekten an, sondern

sie verbrauchen auch weniger Energie als die

intensiv weiss-leuchtenden Strassenlampen.


Das Grossmünster in Zürich:

Gerade in einer Stadt mit zahlreichen

historischen Gebäuden

stellt sich die Frage nach dem

Sinn und Zweck einer Beleuchtung

während der ganzen Nacht.

men, Beleuchtungen öffentlicher Gebäude

und in zunehmendem Masse Rundumbeleuchtungen

von Grossobjekten, darunter

das neue Fussballstadion der Stadt

München. Auch die intensive Aussenbeleuchtung

privater Wohnbereiche sowie

von Garten- und Parkanlagen sorgten für

das Massensterben. «Hierdurch steigen die

Verlustzahlen an Insekten weiter ins Gigantische»,

sagt Gerhard Eisenbeis. Rechnet

man das Modell auf die Schweiz hoch,

dürften es weit über 7 Milliarden Insekten

sein, die an Strassenleuchten zu Tode kommen.

Damit werden laut dem Mainzer Zoologen

nicht nur Lücken in Nahrungsketten

gerissen, sondern es werden insgesamt

auch negative Auswirkungen auf die Biodiversität

vermutet. «Alle wissenschaftlichen

Untersuchungen zum Rückgang der

Biodiversität deuten darauf hin, dass die

Insektenvielfalt ebenfalls rapide zurückgeht.»

Allerdings sei es sehr schwierig, herauszufiltern,

welcher Anteil auf das Konto

der Lichtverschmutzung gehe. «Es gibt

eben viele schädliche Einflüsse wie Klimawandel,

Schadstoffe, Lebensraumverlust.

Logisch scheint jedoch: das künstliche

Nachtlicht ist ein neuer ernst zu nehmender

Umweltfaktor.»

«Helle Not»: Gelb statt weiss

Die Tiroler Landes-Umweltanwaltschaft

versucht in Zusammenarbeit mit dem

Tiroler Landesmuseum den nächtlichen

Insektentod einzudämmen und startete im

Jahre 2000 die Aktion «Die Helle Not».

Ziel: möglichst viele Gemeinden zu motivieren,

mit Natriumdampflampen von

weissem auf gelbes Strassenlicht umzustellen.

Insekten werden vom gelben Licht

massiv weniger angelockt als von weissem.

Wer umstellte, bekam bis Ende 2003 einen

staatlichen Beitrag von 3633 Euro. Insgesamt

hätten 60 Gemeinden mitgemacht,

sagt Projektleiterin Maria Siegl. Die grössten

Hürden auf dem Weg von Weiss zu

Gelb seien die gegenüber herkömmlichen

Quecksilberdampflampen höheren Anschaffungskosten,

«obwohl die Energieeinsparung

die grössere Investition nach

wenigen Jahren wettmacht. Aber so weit

reicht der Horizont vieler Verantwortlicher

nicht.» Zudem sei das gelbe Licht für manche

etwas gewöhnungsbedürftig: «Ein Bürgermeister

lehnte die Umrüstung auf Gelb

ab mit dem Argument, da würde ja sein

Dorf wie ein Rotlichtviertel ausschauen.»

Foto: Thomas Vogel

Auch die Schweiz handelt

Im solothurnischen Bellach war der Horizont

der Verantwortlichen ausreichend.

Allerdings keineswegs, um Insekten das

Leben zu retten. Dass die Umstellung auf

Natriumdampflampen auch diesen wertvollen

Nebeneffekt hat, das erfuhren die

Bellacher Behörden erst bei den Recherchen

zu diesem Artikel.

1999 und 2000 hat die Gemeinde ihre

660 Strassenbeleuchtungen aus rein finanziellen

Gründen umgestellt. Die Anschaffungskosten

seien tatsächlich etwas

höher als bei den herkömmlichen Quecksilberlampen,

sagt Bauverwalter Hans

Lüthi; im Betrieb über mehrere Jahre sei

das Natriummodell jedoch, da weniger

Energie verbrauchend, etwa 10 bis 15

Prozent günstiger.

Auch Tirol hat Bilanz gezogen: das

Wechseln von weissen 125-Watt-Quecksilberdampflampen

auf gelbe 80-Watt-Natri-

umdampfhochdrucklampen ergebe pro

Lampe und Jahr etwa 100 kWh Energie-

Einsparung. Das menschliche Auge nehme

übrigens keinen Helligkeitsunterschied

wahr. Die Tiroler Landesbehörden haben

ermittelt: Wenn alle etwa 800 000 von

Österreichs öffentlichen Strassenlampen

umgerüstet würden, entspräche dies der

Jahresleistung eines mittleren Flusskraftwerkes.

Die Schweiz hatte schon früher geschaltet:

heute ist landesweit der überwiegende

Teil der Strassenleuchten mit

den gelblich scheinenden Natriumdampflampen

bestückt. Dies im Gegensatz

zu sämtlichen umliegenden Ländern,

die nachts überwiegend «ganz in Weiss»

daherkommen. Eine Rückwärtsbewegung

gibt es laut Lampenherstellern in

der Schweiz nun teilweise in Städten, wo

weisslichtige Halogen-Metalldampflampen

im Trend seien.

Natürlich | 6-2004 9


Vor allem Zugvögel, wie beispielsweise die Singdrossel,

geraten durch die nächtlichen «Irrlichter» auf Abwege.

Von Frosch bis Schildkröte –

es trifft viele

Die nächtliche Lichtverschleuderung trifft

im Tierreich nicht nur die Kleinsten. Beispiel

Frosch. «Unsere Experimente zeigten,

dass sich bei Nachtfröschen künstliches

Licht negativ auswirkte auf das Paarungsund

Futterverhalten, auf das Fluchtverhalten

und auf das soziale Verhalten», so

Bryant W. Buchanan von der Syracuse-Universität

(USA). Ähnliche Beobachtungen

wurden von anderen Wissenschaftlern bei

Salamandern festgehalten (Sharon Wise

und Bryant W. Buchanan).

Erstaunliches entdeckte der Biologe

Michael Salmon von Floridas Atlantic-

Universität. Die Strände dieses US-

Bundesstaates sind das bevorzugte Eiablagegebiet

verschiedener Meeresschildkröten-Arten.

Darunter ist die stark

bedrohte Lederschildkröte. Die Tiere

würden in zunehmendem Masse durch

die Beleuchtung der Strände gestört. Die

Lichterflut halte die Schildkröten oft davon

ab, zur Eiablage an den Strand zu

kriechen. «Frisch geschlüpfte Jungtiere

werden vom Licht angezogen und krabbeln

statt ins Meer strandeinwärts, wo sie

manchmal von Spaziergängern aufgegriffen

oder von Vögeln gefressen werden.»

Die Biologinnen Marianne V. Moore

und Susan J. Kohler (USA) verglichen

nächtliche Lichteinwirkungen auf Seen in

Stadtgebieten mit Seen in Naturlandschaften.

Sie fanden heraus, dass im untersuchten

Gebiet ein Stadtsee 50-mal mehr Licht

«schlucken» muss als ein See in einer

10 Natürlich | 6-2004

Die Lichterflut an Stränden hält

Schildkröten oft davon ab, zur

Eiablage aus dem Wasser zu gehen.

Foto: René Berner

Garten- und

Strassenbeleuchtungen

ziehen Tausende

von Insekten an.

Milliarden

kommen beim

Tanz um die

Lampe ums

Leben. Foto: illuscope

Naturlandschaft. Die beiden Wissenschaftlerinnen

vermuten negative Einwirkungen

auf das Leben in den Gewässern.

Und die Pflanzen? Der amerikanische

Biologe Wislow R. Briggs sagt, es gebe

Hinweise darauf, dass zum Beispiel Laubbäume,

die nachts künstlichem Licht ausgesetzt

sind, schneller altern als Bäume,

die dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus

ausgesetzt sind.

Nachtlicht kann Vögel töten

Verheerend kann der helle nächtliche

Wahnsinn auch für Vögel sein. «Zwei Drittel

aller Zugvögel sind unterwegs, wenn es

dunkel ist; darunter die meisten Singvögel

und Wasservögel», sagt der Zugvogelforscher

Bruno Bruderer von der Schweizerischen

Vogelwarte Sempach. Man ahnt es

schon: die Reise durch die Nacht kann für

Tiere tückenreich sein. Die Vogelwarte

habe Versuche mit einem starken Scheinwerfer

gemacht: «Wir montierten ihn auf

einem Radargerät und sahen, dass die Vögel

eine Richtungsänderung von bis zu 45

Grad einschlugen, wenn sie vom Lichtkegel

erfasst wurden.»

Je mehr Lichtstörfaktoren, desto grösser

seien die Umwege der Nachtflieger. Bruderer

nennt dabei vor allem die Licht-

Dome über Siedlungen und Städten sowie

Skybeamer. «Die so provozierten Umwege

können für die Vögel einen bedrohlichen

Energieverlust bedeuten», sagt Bruno Bruderer.

Sie seien deshalb auf einen dunklen

Nachthimmel angewiesen, weil sie sich ne-

ben dem Magnetfeld der Erde auch mit

Hilfe der Sterne orientieren würden. Die

Irritationen könnten äusserst fatale Folgen

haben, wenn in der Nähe eines Beamers ein

hohes Gebäude stehe. Michael Mesure,

Direktor des kanadischen «Fatal Light

Awarness Program», berichtet von einem

tragischen Fall: 1954 starben in nur zwei

Nächten auf einem Militärflughafen in

Georgia (USA) wegen Himmels-Scheinwerfern

etwa 50 000 Vögel. Sie seien einem zu

Boden gerichteten Lichtstrahl gefolgt und

Welches Licht im Garten?

Wer an der nächsten Garten- oder Balkon-

party weniger Insekten zu Tod bringen

möchte, achtet darauf, möglichst kein weis-

ses Licht zu verwenden. Neon, Halogen und

viele Energiesparlampen erzeugen zu viel

weisses Licht, das Insekten in vermehrtem

Mass anzieht. Ideal wären Natriumdampf-

Niederdrucklampen (gelbes Licht), die aber

primär für die Strassenbeleuchtung kons-

truiert worden sind und demnach in der

Regel für den Privatraum zu kostspielig sind.

Es gebe derzeit auf dem Markt kaum eine

geeignete Lampe, sagt René L. Kobler. «Am

besten ist vielleicht noch die gute alte Glüh-

birne – aber keine über 25 Watt.» Wer seine

Glühbirnen rot oder gelb anmalt, muss für

die Insekten weniger schwarz sehen.

Foto: Peter Jaeggi


am Boden zerschellt. 1981 seien bei einem

weiteren Vorfall über 10 000 Vögel auf einen

beleuchteten Hochkamin in Ontaria

geprallt. Ähnliche Beispiele werden auch

aus jüngster Zeit berichtet. Laut Vogelwarte

könnten restriktivere Bewilligungsverfahren

zum Beispiel für Skybeamer und Laser

die mögliche Kollisionsgefahr für Zugvögel

reduzieren.

Auch für den Menschen

schädlich

Zu viel und zu lange Licht in der Nacht tut

auch dem Menschen nicht gut. Wie bei allen

anderen Lebewesen ist auch in unseren

Genen der Tag-Nacht-Rhythmus seit Jahrmillionen

verankert. Der Mensch sei kein

Nachttier, sagt Kobler. Dessen Biocomputer

werde unter anderem auch durch das Licht

gesteuert. Licht sei für den menschlichen

Körper ein wichtiger «externer Zeitgeber».

Rund 20 000 Neuronen in Gehirn sind mit

dem Auge verbunden. Diese spielen eine

wichtige Rolle im so genannten zikadianen

System, das die meisten biologischen und

psychischen Vorgänge im Körper steuert.

Die Neuronen steuern zum Beispiel Hormonausschüttungen,

die das Wachsein

oder das Schlafen bestimmen. Zu lange

Lichtexpositionen in der Nacht bringen

dieses natürliche System durcheinander.

René L. Kobler zitiert eine amerikanische

Studie von R.G. Stevens, die bereits 1987

bei Nachtschwestern nachwies, dass diese

merkbar häufiger an Brustkrebs erkrankten

als eine Vergleichsgruppe, die einen normalen

Tag-Nacht-Rhythmus lebte. «Es besteht

jedoch kein Grund zur Panik; diese

Arbeiten belegen lediglich, dass es zwischen

zu viel Licht und Krankheiten Zusammenhänge

gibt. Für den absoluten Beweis

ganzheitlicher Schädigungen ist weitere

Forschung nötig.» Trotzdem gibt es für

den Umweltingenieur schon heute genügend

Zeichen, die zum Handeln aufrufen.

«Es gibt im Umweltbereich 2 Möglichkeiten:

entweder, etwas spitz formuliert,

«Sky Beamer» weisen Nachtschwärmern den Weg zur nächsten Party. Jedoch werden auch Insekten angelockt,

die in Massen an den Strahlern verenden.

Lichtverschmutzung UMWELT

macht man zuerst alles kaputt und schaut

dann, was zu tun ist. Oder man schaut voraus

und handelt, damit es gar nicht erst zu

Schäden kommt, so wie es zum Beispiel

1992 schon an der UNO-Umweltkonferenz

in Rio postuliert wurde.»

Was billig ist,

wird verschleudert

Weshalb diese Lichtvergeudung? René L.

Kobler bringt einen einleuchtenden Vergleich:

«An einer Tankstelle schütte ich

auch nicht die Hälfte des Benzins daneben.

Nicht weil es verboten wäre, sondern

aus Kostengründen.» Dieser «Geldhebel»

funktioniere beim Licht, da zu billig, in der

Regel nicht. Was billig ist, das verschwende

der Mensch. Würde man bei den etwa

20 000 Strassenlampen der Stadt Basel 25

Prozent Energie sparen wollen, betrüge die

Ersparnis umgerechnet auf einen Einwohner

nur gerade 2 Franken pro Jahr. «Das ist

eigentlich nichts», sagt Kobler. Er setzt des-

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Foto: René L. Kobler


UMWELT

Lichtverschmutzung

halb im «umweltpolitischen Niemandsland

der Lichtverschmutzung» auf den gesunden

Menschenverstand und hat einen 5-

Punkte-Plan entworfen, der das Problem

lösen helfen könnte (siehe Infobox S.14).

Widerstand gegen seine Postulate gebe es

erstaunlicherweise so gut wie keine. Wolle

man im Umweltbereich etwas ändern,

müsse das Anliegen sinnvoll sein. «Und

jeder sieht ein: Licht in den Himmel zu

schiessen, ist nicht sinnvoll.» Weiter müsse

die Idee von der Bevölkerung nachvollzogen

und getragen werden. «So muss man

zuerst Bewusstsein schaffen und nicht im

ersten Anlauf auf Lichtverschmutzer losgehen.

Diese Strategie würde nur polarisieren

und der Sache kaum dienen.»

Ein Gesetz

gegen Lichtverschmutzung

Vielleicht führt eines Tages das öffentliche

Bewusstsein dorthin, wo Tschechien heute

schon steht: Im Lande Havels ist Lichtverschmutzung

nämlich gesetzlich verboten

und Verstösse würden mit Bussen geahn-

Frenkendorf

det, sagt René L. Kobler. Auch in Katalonien

(Spanien), in der Lombardei (Italien)

und in Texas (USA) gebe es gesetzliche Regelungen

gegen Lichtverschmutzung.

Der Begriff «Lichtverschmutzung»

existiert in der helvetischen Gesetzgebung

nicht. René L. Kobler weist jedoch auf das

Bundesgesetz über den Schutz der Umwelt

(USG) hin, das seiner Meinung nach genügend

Angelpunkte bietet, einzugreifen.

Zum Beispiel im Artikel 1: «Dieses Gesetz

soll Menschen, Tiere und Pflanzen, ihre Lebensgemeinschaften

und Lebensräume gegen

schädliche oder lästige Einwirkungen

schützen ...»

Lichtverschmutzung – der Begriff

mag dem Bundesamt für Wald, Landschaft

und Umwelt (Buwal) nicht gefallen:

«Es ist ja nicht das Licht, das verschmutzt

ist», sagt Gilbert Thélin, zuständiger

Sektionschef im Buwal.

Allerdings habe man sich bis jetzt auch

noch keinen «stimmigeren» und vor allem

präziseren Begriff überlegt. Noch im

Laufe dieses Jahres will das Buwal Richtlinien

publizieren, die der Prophylaxe

schädlicher Licht-Emissionen dienen sollen.

Auslösendes «Lehrstück» sind die

so genannten «Railbeams» oder «Lichtstelen»

(siehe Seite 8), die die SBB derzeit

auf 620 Bahnhöfen installieren. Es sind

dies 6 bis 8 Meter hohe Aluminium-

Stelen mit aufgedrucktem SBB-Logo. Die

Stelen – so der ursprüngliche Plan – sollten

von unten her mit vier 150-Watt-

Scheinwerfern beleuchtet werden.

Doch dann zog das Buwal die Licht-

Notbremse. «Wir sahen darin ein grosses

Gefahrenpotenzial für Insekten, Zugvögel

und Fledermäuse», sagt Buwal-Sachbearbeiter

Anonio Righetti. Die geplante Beleuchtung

verschleuderte etwa zwei Drittel

des Lichtes nutzlos in den Nachthimmel. In

der Folge verhinderte das Bundesamt, das

in Umweltbelangen die SBB-Oberaufsicht

hat, vorerst die Baubewilligung für die

«Bahnscheinwerfer». In Zusammenarbeit

mit dem Umweltingenieur René L. Kobler

und in Versuchen im Lichtlabor der Technischen

Universität Berlin seien Lösungen

gefunden worden, die «für uns nicht nur

eine hervorragende lichttechnische Wei-

In der Schweiz hat der Kanton Basel-Landschaft als erster eine 4-seitige Broschüre zum Thema «Stopp der Lichtverschmutzung» publiziert.

Die Grafik stammt aus dieser Broschüre.

Zwei Drittel der Zugvögel ziehen in der Nacht.

Sie orientieren sich vorwiegend an den Sternen.

Die nächtlichen Beleuchtungen sind geradezu «Insekten-

staubsauger». Milliarden von Insekten, die Nahrungs-

grundlage vieler Tiere, kommen dabei ums Leben.

Füllinsdorf

Oberer Halbraum

Licht, das nach oben geht, kostet Energie,

dient keinem Beleuchtungszweck und ist

daher sinnlos.

Unterer Halbraum

Licht, das nach unten strahlt, dient

in der Regel einem Beleuchtungszweck

und ist daher sinnvoll.


Und die Autoscheinwerfer?

Welchen Anteil die Scheinwerfer des nächtli-

chen, motorisierten Verkehrs auf die Lichtver-

schmutzung haben, ist laut Umweltingenieur

René L. Kobler noch nicht erforscht.

Da aber Autoscheinwerfer von Gesetzes we-

gen bodenwärts leuchten, seien sie nicht so

gravierend wie etwa ein Skybeamer. Kobler:

«Nach meinem subjektiven Eindruck fällt der

Anteil der Autoscheinwerfer an der Lichtver-

schmutzung kaum ins Gewicht.» Dasselbe

gelte für das Streulicht, das nachts aus den

Fenstern quillt. Doch auch darüber gebe es

keine wissenschaftlichen Arbeiten.

terbildung brachten, sondern auch eine

wertvolle Sensibilisierung – und vor allem

eine enorme finanzielle Einsparung.» –

Das sind Erleuchtungen von Dieter Baumann-Stucki,

Gesamtprojektleiter für die

«Aufwertung» von über 620 SBB-Bahnhöfen.

Jetzt wird nur mit der Hälfte der

Wattleistung «gebeamt» (75 Watt). Das

bringe in Zukunft eine jährliche Energiekosteneinsparung

von etwas über 100 000

Franken. Die Optimierung der Reflektortechnik

der verwendeten Halogendampflampen

bringe eine Reduktion des

Streulichtes von fast zwei Drittel. Verblüf-

fend: Trotz Halbierung der elektrischen

Leistung nehme das menschliche Auge

den Unterschied zu vorher kaum wahr,

sagt Baumann. Die «Railbeams» werfen

ihr gezügeltes Licht nun auch auf das gesamte

Beleuchtungskonzept der SBB. Angefangen

von der Beleuchtung des Veloständers

bis hin zu jener des Bahnsteigs,

stelle man jetzt SBB-interne Anwendungsrichtlinien

für Beleuchtungen auf, sagt

Dieter Baumann-Stucki. Die SBB-Erfahrungen

strahlen sogar noch weiter: Die Erfahrungen

der Bundesbahnen regten den

Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverband

SIA an, ebenfalls gesamtschweizerisch

gültige Lichtnormen für

den öffentlichen Raum zu erarbeiten.

Pionierkanton Baselland

Eine Nasenlänge voraus ist Basel-Landschaft.

Als erster Kanton hat er das Thema

Lichtverschmutzung offiziell thematisiert.

Kürzlich belieferte das Amt für Umweltschutz

und Energie in Liestal sämtliche

Gemeinden und einschlägige kantonale

Liestal

Lichtverschmutzung UMWELT

Ämter mit einem Informationsblatt. Fordernder

Titel: «Stopp der Lichtverschmutzung

Die Initiantin Sabine Stöcklin:

«Lichtverschmutzung ist ein exponentiell

wachsendes Problem.»

René L. Kobler, Autor des Flyers, weist

auf eine Studie von Pierantonio Cinzano

hin, die dieser an der Universität Padova

machte. Sie zeige, dass die nächtliche Aussenlichtmenge

in Italien von 1970 bis heute

um fast das 10fache zugenommen habe.

Dies lasse sich ohne weiteres auch auf die

Schweiz und andere Industrienationen

übertragen. Die Lichtanhäufung korreliert

keineswegs mit dem Anwachsen der Bevölkerung,

was für René L. Kobler als Beweis

dafür gilt, dass hinter der zunehmenden

Lichtverschmutzung quasi Luxusbedürfnisse

der Menschen stehen. «Früher

brauchte man Licht fast ausschliesslich zur

Sicherheit», sagt Kobler. Heute gebe es

Leuchtreklamen und Skybeamer, es würden

Burgen, Privathäuser und Skipisten beleuchtet

– kurz: Lichtverschmutzung sei

eine Folge der menschlichen Anspruchshaltung.

«Man geht sehr spielerisch mit

Licht ist für die Menschen ein wichtiger exter-

ner Zeitgeber. Zuviel Licht in der Nacht hat

Auswirkungen auf die Synchronisation der in-

neren biologischen Uhr (zirkadianes System).

Dies gilt für andere Lebewesen ebenso.


UMWELT

14 Natürlich | 6-2004

Lichtverschmutzung

dem Licht um; doch im Aussenraum ist

Licht kein Spielzeug.» Im Gegenteil – wie

so manche Beispiele zeigen, kann es draussen

für die Natur leicht zum Spielverderber

werden.

«Himmelsscheinwerfer»

verboten

Widerstand gegen die nächtlichen «Überbelichtungen»

regt sich auch im Kanton

Solothurn. Die Baubehörden der Gemeinde

Bellach haben kürzlich Einsprachen

gegen einen geplanten Skybeamer-

Einsatz auf dem Areal eines Vergnügungszentrums

akzeptiert und die

«Himmelsscheinwerfer» verboten. Der

Betreiber wehrte sich nicht dagegen und

zog den Entscheid nicht weiter. Allerdings

kam das Verbot nicht aus Naturschutzgründen,

sondern weil das Bundesamt

für Zivilluftfahrt (BAZL) sagte, die

Strahler seien für den Nachtflugbetrieb

des nahen Flughafens Grenchen ein zu

grosses Sicherheitsrisiko. Hans Lüthi,

Bellachs Bauverwalter, hätte nichts dagegen

gehabt, wenn der Skybeamer-Besitzer

mit dem Verdikt zum Verwaltungsgericht

gegangen wäre: «Dann hätten wir einen

Grundsatzentscheid gehabt, der für alle

Beteiligten hilfreich gewesen wäre.»

In der Tat gibt es bis heute schweizweit

kaum «Lichtverschmutzungs-Urteile».

Eine Ausnahme bildet ein Bundesgerichtsentscheid,

der die Beleuchtung

des Pilatus-Gipfels einschränkte. Unter

anderen mit der Begründung: «Würde

das künstliche Betonen der Gipfellandschaft

generell bei schönem Wetter zugelassen,

so wäre es kaum mehr möglich,

bei klaren Witterungsverhältnissen die

nächtliche Berglandschaft in ihrer natürlichen

Ausstrahlung zu betrachten. Um

eine solche Denaturierung der Landschaft

zu verhindern, ist die Beleuchtung

(...) einzuschränken.»

Der Abschied

des kleinen Prinzen

Und wenn ihr zufällig da vorbeikommt, eilt

nicht weiter, ich flehe euch an – wartet ein

bisschen, gerade unter dem Stern! Dann

sagte der kleine Prinz: «Du wirst in der

Nacht die Sterne anschauen (...) Mein Stern

wird für dich einer der Sterne sein (...) Alle

werden sie deine Freunde sein(...)».

Antoine de Saint-Exupéry. ■

Am besten kann man die Milchstrasse in den Alpengebieten sehen.

Je weiter weg von Lichtquellen, desto mehr Sterne werden sichtbar.

Hilfreiche Adressen:

René L. Kobler, Dipl. Umweltingenieur,

Institut für Umwelttechnik, Fachhochschule beider

Basel, St. Jakobsstrasse 84, 4132 Muttenz

Telefon 061 467 45 76. E-Mail: ifu1@fhbb.ch

Links:

– www.darksky.ch (Deutsch)

– Aktion «Die helle Not» (Deutsch): www.naturschutzbund.at/publikationen/siegl.html

– www.urbanwildlands.org/conference.html

Der 5-Punkte-Plan: zum sinnvollen Umgang mit dem Licht

Zur Eindämmung der Lichtverschmutzung

kreierte René L. Kobler einen «5-Punkte-Plan»:

1. Notwendigkeit: Muss ich alles anleuchten?

Muss ich einen Garten, die Bäume anstrah-

len? Zu hinterfragen sind sämtliche Licht-

quellen, die nicht der Sicherheit dienen.

2. Abschirmen: Nach oben hin sauber ab-

schirmen. Keine Gaskugelleuchten ein-

setzen, sondern das Licht dorthin führen,

wo es der Mensch braucht.

3. Von oben nach unten: Immer von oben

nach unten beleuchten. Nie von der Seite

oder gar von unten (bis 80 Prozent des

Lichts verpufft nutzlos himmelwärts), wie

etwa bei Bodenleuchten oder bestimmten

Fassadenleuchten.

– www.urbanwildlands.org/abstracts.html

Öko-Studie über Kunstlichteinfluss (Engl.)

– www.uni-mainz.de/FB/Biologie/Zoologie/

abt1/eisenbeis/Hompage_Literature.htm

Zur Anziehung nachtaktiver Insekten durch

Strassenlaternen – eine Studie kommunaler

Beleuchtungseinrichtungen.

– www.umwelt.schleswig-holstein.de/servlet/

is/7969/inhalt16.html. Auswirkungen der Lichtemissionen

einer Grossgewächshausanlage auf

den nächtlichen Vogelzug.

4. Anspruchshaltung: Warum ein Gebäude

mit 500 Lux anstrahlen, wenn 10 auch

reichen? Zudem nimmt das menschliche

Auge nur eine begrenzte Helligkeit auf.

Eine Verdoppelung von Helligkeit bringt

eine Verdoppelung des Energieverbrauchs

– aber keine Verzweifachung der wahr-

nehmbaren Helligkeit.

5. Abschalten: Licht ausknipsen, wenn man

das Zimmer verlässt, und Aussenbeleuch-

tungen, die nicht unbedingt nötig sind,

ausschalten. Abends ab 22 Uhr bis 6 Uhr

in der Früh, so schreibt das Gesetz vor,

muss es ruhiger sein, weil die Leute

schlafen wollen. Wieso kann man das nicht

auch mit dem Aussenlicht so handhaben?

Foto: René L. Kobler

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