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aliningrad: Zukunftsbilder

Kaliningrad: Zukunftsbilder

Dokumentation des

internationalen Symposiums

vom 15.-17. Juni 2005

in Kaliningrad

die städtebauliche Entwicklung

des Stadtzentrums


die städtebauliche Entwicklung

des Stadtzentrums

Dokumentation des internationalen Symposiums vom 15.-17. Juni 2005 in Kaliningrad

Ort der Veranstaltung

Tagungsraum des Kaliningrader Ozeanmuseums – Naberezhnaja Petra Velikogo 1

Kaliningrad/Russland

Veranstalter

Stadtverwaltung Kaliningrad, Verwaltung für Architektur und Städtebau, Kaliningrad/Russland

Öffentlicher Verband „Kaliningrader Kulturkontakte”, Hamburg/Deutschland

Organisatoren

OOO „Nikor-Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

D&K projektentwicklungsmanagement, Hamburg/Deutschland

Moderatoren

Dr. Vladimir Renevic Krogius, Moskau/Russland

Prof. Peter Zlonicky, München/Deutschland

Kaliningrad: Zukunftsbilder

mit freundlicher Unterstützung

Öffentlicher Verband „Kaliningrader Kulturkontakte”, Hamburg/Deutschland

Kaliningrader Abteilung des Architektenverbandes Russlands, Kaliningrad/Russland

Dr. Christina Weiss, Staatsministerin beim Bundeskanzler,

die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Berlin/Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH, Berlin/Deutschland


Internationales Symposium Kaliningrad

1. Vorwort

1.1 Ansprache zur Eröffnung des Symposiums, gehalten von Tatiana L. Kondakova

1.2 Ansprache zur Eröffnung des Symposiums, gehalten von Prof. Dr. Dieter Biallas

2. Einführung

3. Vorträge

3.1 1. Symposiumstag 15.06.2005

3.1.1 1. Vortrag – Tatiana L. Kondakova

Aktueller Zustand der Innenstadtbebauung/Probleme des Zentrums

3.1.2 2. Vortrag – Olga V. Krasovskaja

Gestaltung der Zukunft, Aufgabe der Gegenwart und

Wurzeln der Vergangenheit

3.1.3 3. Vortrag – Dr. Werner Möller

Aktualisierung der europäischen Stadt

3.1.4 4. Vortrag – Oleg I. Vasjutin

Die historisch-städtebaulichen Etappen der

Entwicklung von Königsberg/Kaliningrad

3.1.5 5. Vortrag – Prof. Marcin Orawiec

Transformationen

3.1.6 6. Vortrag – Prof. Irina V. Belinceva

Stilbesonderheiten der Architektur in Königsberg

vom 13. bis zum 20. Jahrhundert

3.1.7 7. Vortrag – Venzel T. Salachov

Geschichtliches und Gegenwärtiges in der Planstruktur

des Zentrums von Kaliningrad

3.1.8 Diskussion des ersten Tages

3.2 2. Symposiumstag 16.06.2005

3.2.1 8. Vortrag – Prof. Gennadij M. Fedorov

Geopolitische Aspekte der Beziehungen zwischen der EU und Russland –

Stellenwert des Gebietes Kaliningrad im wirtschaftlichen und kulturellen

Kontext der Beziehungen

3.2.2 9. Vortrag – Prof. Sergej D. Kozlov

Die Investitionsprojekte und ihr Einfluss auf die Planungsstruktur

des Zentrums von Kaliningrad

3.2.3 10. Vortrag – Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Bloech

Standortfaktor Architektur und andere wirtschaftliche Standortfaktoren

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Inhaltsverzeichnis

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3.2.4 11. Vortrag – Dr. Elke Knappe

Das Gebiet Kaliningrad – ein starker Partner der Ostseeregion?

3.2.5 12. Vortrag – Flemming Frost

Strategie der Stadtprojektierung

3.2.6 13. Vortrag – Dr. Otto Flagge

Analyse der städtebaulichen Strukturen

3.2.7 14. Vortrag – Olga V. Mezej

Königsberg/Kaliningrad – das sich wandelnde Zentrum

im Kontext der Transformation des Verkehrssystems

3.2.8 15. Vortrag – Prof. Dr. Eckart Güldenburg (gehalten von Julius Ehlers)

Hafenstrukturwandel als Chance für die Stadtentwicklung?

3.2.9 16. Vortrag – Daniel Luchterhandt

„Zivilgesellschaft bauen” – Erfahrungen aus St. Petersburg

3.2.10 Diskussion des zweiten Tages

3.3 3. Symposiumstag 17.06.2005

3.3.1 17. Vortrag – Jochen Brandi und Andrej Derbenkov

Spuren der Geschichte und Zukunftsbilder der Inselstadt am Pregel

3.3.2 18. Vortrag – Prof. Peter Zlonicky

Kontinuität und Brüche – Erfahrungen aus Berlin

3.3.3 19. Vortrag – Anna Brunow-Maunula

Methoden der Stadtbildkontrolle in Helsinki

3.3.4 20. Vortrag – Dr. Sergej V. Semencov

Die Prinzipien der Erhaltung des städtebaulichen genetischen Codes

während des Rekonstruktions- und Entwicklungsprozesses der Stadt

3.3.5 Empfehlungen der Symposiumsteilnehmer

4. Schlusswort des Symposiums

Teilnehmer

Abbildungsnachweis

Impressum

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Internationales Symposium Kaliningrad

Vorwort

1. Vorwort

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1. Vorwort


1.1 Ansprache zur Eröffnung des Symposiums

gehalten von Tatiana L. Kondakova

Sehr geehrte Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste!

Ich freue mich sehr Sie auf unserem Symposium begrüßen zu dürfen. An diesem wunderschönen

Tag, wenn die Sonne scheint und die Stadt frisch erwacht ist, gibt es, denke ich, alle Gründe

dafür, dass wir heute und an den beiden folgenden Tagen hier zusammenkommen und gemeinsam

über die Zukunft von Kaliningrad diskutieren.

Ich sitze hier allein am Haupttisch und möchte diese Tatsache kurz erläutern. Unser Bürgermeister

bemüht sich derzeit um die Finanzierung des Baus einer großen Brücke über den Pregel,

daher ist er momentan in Moskau. Ich hoffe, er kommt heute Abend mit einem positiven Ergebnis

nach Kaliningrad zurück. Unser erster Vize-Bürgermeister befindet sich seit 07.30 Uhr auf der

Baustelle der neuen Stadtmagistrale. Der Vize-Bürgermeister für Außenbeziehungen besucht

heute Morgen zusammen mit unseren dänischen Partnern die Baustelle einer neuen Grünanlage.

Für jedes andere Seminar oder Symposium, aus einem anderen Wissensbereich, welches

nicht die Frage des Städtebaus beziehungsweise der Architektur betrifft, wäre eine solche Situation

im Präsidium kein gutes Zeichen. Für unser Symposium ist es ein sehr gutes Zeichen, denn

in unserer Stadt wird gebaut.

Zum 750. Jahrestag der Stadt bauen wir sehr viel und haben Geschmack daran gefunden. Zugleich

kommt aber die Einsicht, dass abgesehen von den momentanen Aufgaben die große

Herausforderung der Entwicklungsplanung bezüglich des historischen Teils der Stadt zu lösen

ist.

Wir werden über die Entwicklung des Zentrums unserer historischen Stadt sprechen, über ihren

heutigen Zustand und darüber, wie wir unsere Stadt morgen sehen wollen.

Ich denke, alle Anwesenden werden heute ihre Erfahrungen und Vorstellungen darüber mit uns

teilen, welchen Weg die Administration und die Fachleute nehmen müssen, um die schönsten

Träume für die Stadt und Ihre Einwohner wahr werden zu lassen.

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Internationales Symposium Kaliningrad

1.2 Ansprache zur Eröffnung des Symposiums

gehalten von Prof. Dr. Dieter Biallas

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1. Vorwort

Ich vertrete hier den Arbeitskreis Kulturkontakte Kaliningrad, der einen Anstoß für dieses Symposium

gegeben hat. Zugleich hat er die Finanzierung durch die beiden deutschen Institutionen, die

wesentliche Beiträge zu diesem Symposium geleistet haben, beschafft und auch die Städte

Gdansk, Hamburg, Kiel und Rostock für die Beteiligung am Gesamtprogramm gewonnen. Gestatten

Sie mir daher diesen Arbeitskreis kurz vorzustellen.

Die Kaliningrader Kulturkontakte haben ihre Tätigkeit in der ersten Hälfte der 1990er Jahre aufgenommen

mit dem Ziel, ein Fenster in dem Gebiet für einen Dialog nach Westen – insbesondere

auch nach Deutschland – zu öffnen. Dies schien uns damals notwenig zu sein, weil es eine

Phase gab, in der rechtsorientierte politische Kräfte im Westen sich bemühten, die Möglichkeiten,

die sich nach der Perestrojka ergaben, zu nutzen, um gefährliche, teilweise revanchistische

Ideen zu verbreiten, die sicherlich dem vorherrschenden Wunsch nach Verständigung und Aussöhnung

entgegenstehen. Die Ideen kamen im Gewand privater Initiativen daher. Unsere Gruppe

wollte, dass nicht solche Ideen im Kaliningrader Gebiet verbreitet werden, sondern dass ein

Dialog beginnt, der die Fronten des Kalten Krieges überwindet und unsere Völker miteinander

versöhnt. Der Kern dieser Gruppe bestand aus Frau Gräfin Dorothea Razumovsky, Frau Renate

von Metzler, Herrn Haug von Kuenheim und mir. Mit staatlichen und nichtstaatlichen Partnern in

Kaliningrad verwirklichten wir mehrere Kunstausstellungen, ein Filmfestival und jeweils ein Treffen

bildender Künstler aus Russland und Deutschland in Kaliningrad und in Deutschland. Hier in

Kaliningrad trafen sich zwölf Maler auf genau diesem Schiff, der Vitjas, und in Lich – unweit von

Frankfurt – kamen zwölf Bildhauer zusammen – Deutsche und Russen in jeweils gleicher Anzahl.

Diese Projekte wurden aus staatlichen und privaten Quellen in Deutschland finanziert, die von

den Investoren motiviert worden waren.

Im Laufe der Jahre gingen die rechtslastigen Einflüsse zurück und es bildeten sich vielerlei Verbindungen

zwischen dem Kaliningrader Gebiet und den westlichen Nachbarn heraus, insbesondere

nach Skandinavien und Deutschland, so dass unsere Initiative längst nicht mehr die einzige

war und auch langsam eingestellt wurde.

Das bevorstehende Stadtjubiläum war der Anlass, erneut darüber nachzudenken, ob dieser Arbeitskreis

einen Beitrag sozusagen als Geburtstagsgeschenk an die Stadt leisten sollte. Wir beschlossen,

der Diskussion über die Stadtentwicklung in Kaliningrad einen Impuls zu geben, der

das bereits begonnene Nachdenken über dieses Thema bereichern und insbesondere die Kontakte

zu wesentlichen Partnern in der Stadtentwicklung unterstützen sollte. Im Gespräch mit der

Stadtverwaltung und privaten Partnern in Kaliningrad entwickelten wir den Vorschlag, einer Delegation

von Fachleuten aus Kaliningrad eine Informationsreise in die Städte Gdansk, Hamburg,

Kiel und Rostock zu dortigen Fachleuten zu ermöglichen.


Diese Auswahl war von zwei wesentlichen Gesichtspunkten getragen: Zum einen sind alle

Ostsee-Anrainer beziehungsweise frühere Hansestädte, zum anderen hatten sie genauso wie

Kaliningrad unter massiven Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges zu leiden und eine schwierige

Wiederaufbauarbeit zu bewältigen. Die Reise war ein voller Erfolg.

Unser zweiter Vorschlag betraf dieses Symposium. Wir hatten es vorgeschlagen, um Fachleute

aus den Nachbarländern für ein Treffen direkt nach Kaliningrad zu bringen und vor Ort den Gedankenaustausch

mit vielen hiesigen Fachkräften zu erreichen und auch die Öffentlichkeit in die

Erörterungen über die Zukunft der Stadt einzubeziehen. Wir waren sehr erfreut darüber, dass die

Stadtverwaltung schließlich diesen Vorschlag soweit aufgriff, dass sie nunmehr selbst als Veranstalter

– und zu einem wesentlichen Teil auch als Finanzier – auftritt.

Die Rolle unseres Arbeitskreises bestand im Wesentlichen darin, die genannten Städte für die

Beteiligung zu gewinnen sowie die übrige Finanzierung des deutschen Beitrages zu diesen beiden

Veranstaltungen zu sichern. Wir konnten dafür die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit

(GTZ) und die Staatsministerin beim Bundeskanzler, die Beauftragte der Bundesregierung

für Kultur und Medien (BKM), Frau Dr. Christina Weiss, gewinnen. Insgesamt mobilisierten

wir etwa 200.000 Euro und trugen auch dazu bei, dass deutsche Fachleute gewonnen

werden konnten, die bei der Vorbereitung und der Durchführung des Symposiums mitwirkten.

Wir glauben, mit diesem Beitrag dem Wunsch zu entsprechen, der aus vielen Teilen der Bevölkerung

hörbar wird und der darauf abzielt, dass die Bewohner sich diese Stadt vollends zu eigen

machen wollen, indem sie an ihre Geschichte anknüpfen und diese mit Gegenwart und Zukunft

verbinden wollen, damit ihnen so eine endgültige Heimat entsteht.

Insoweit sind unsere Bemühungen ein kleiner Beitrag zur Heilung der Wunden, die der Krieg und

seine Folgen, die Verwerfungen und die Feindseligkeiten in den Jahren 1939-1945 und in der

Nachkriegszeit in ganz Europa hinterließen.

Ich wünsche diesem Symposium den erhofften Erfolg und bedanke mich bei den

deutschen Institutionen, die sich zur Finanzierung bereit erklärten

bei den Städten Gdansk, Hamburg, Kiel und Rostock für die fachlichen und finanziellen Beiträge

bei unseren russischen Partnern, die sich in diesem Projekt engagierten und es mit finanzierten

bei den Experten aus Ost und West für ihre Teilnahme und Ihren Beitrag

und bei Ihnen für Ihr Erscheinen und für die Aufmerksamkeit, die Sie meinen Ausführungen geschenkt

haben

Vielen Dank

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Internationales Symposium Kaliningrad

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2. Einführung

Einführung

2. Einführung


Bereits seit einem halben Jahrhundert stellen sich die städtische Gemeinschaft Kaliningrads,

seine Architekten und Ingenieure der Aufgabe, die Gestalt der Innenstadt zu formen. Die Stadt

Königsberg/Kaliningrad entwickelte sich im Laufe von 750 Jahren, sie ist geprägt von markanten

architektonischen Gesamtbildern, von Plätzen und Parkanlagen als Ausdruck von Kulturtraditionen

sowie kunstästhetischer Richtungen verschiedener Epochen und historischer Abläufe.

Tragische Ereignisse des Zweiten Weltkrieges haben der baulichen Substanz der historischen

Stadt einen katastrophalen Schaden zugefügt. Historische Kulturschichten des städtischen Bestandes

wurden eingeebnet, wobei der historische Kern der Stadt besonders schwer betroffen

war. Politische Auswirkungen des Krieges führten zum Wechsel der einheimischen Bevölkerung

und in der Folge dessen zum Wandel der städtebaulichen Kultur.

In der Nachkriegszeit gab sich die neue Stadtgemeinschaft kolossale Mühe, die Stadt wieder zu

beleben. Anfangs wurde lediglich das Zerstörte wieder aufgebaut, ohne dass das System der

Stadt und das Straßennetz geändert wurden. Später wurde dann die historisch gewachsene

Struktur völlig aufgegeben. Im Endeffekt und als Folge des psychologischen und emotionalen

Zustandes nach dem grausamen Krieg setzte sich die ideologische Richtlinie durch, die ehemalige

architektonisch-städtebauliche Gestaltung der Innenstadt völlig zu ignorieren. Es wurde

beschlossen, an Stelle des alten Königsbergs eine ganz andere, sozialistische Stadt – Kaliningrad

– entstehen zu lassen, in der die jahrhundertealte Geschichte des „Ortes” nicht mehr wiederzuerkennen

wäre.

Diese Zielsetzungen führten letztendlich zum Beschluss, die beschädigten Gebäude in historischen

Stadtvierteln der Innenstadt abzutragen. Besonders starke Veränderungen wurden im

Stadtzentrum vollzogen: totales Abreißen der Quartiere, Ausbau der Stadtstruktur, des Straßennetzes

und Einführung der Massenbauweise nach der Mikrorayon-Methode, die über längere

Zeit die Richtlinien der Staatspolitik auf dem Gebiet der Architektur und des Städtebaus bestimmte.

Dabei galt es, das Stadtzentrum unter dem Gesichtspunkt des ideologischen Widerstandes neu

zu gestalten. Eine angemessene Antwort konnte jedoch nicht gefunden werden, weshalb dieser

Bereich der Stadt nach wie vor unvollendet wirkt. Nach dem Wegfall des ideologischen Diktates

rufen die Flächennutzung und die städtebauliche Gestaltung des Zentrums heute lediglich Unzufriedenheit

hervor.

Mit dem Wandel der politischen Karte Europas und der wirtschaftlichen Struktur Russlands soll

nun die Zivilgesellschaft seiner Enklave – des Kaliningrader Gebiets – den Herausforderungen

der neuen Zeitrechnung adäquat begegnen. Dies betrifft auch den Entwicklungsweg Kaliningrads

als einer russischen Stadt im EU-Raum.

Die Ebenen der Stadtverwaltung sind mit der Notwendigkeit konfrontiert, die jüngsten und aktuellen

Entwicklungsprozesse der Stadt zu erfassen und neue Ziele sowohl für die soziokulturelle

als auch für die künstlerisch-architektonische Gestaltung des historischen Stadtbildes festzulegen.

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Internationales Symposium Kaliningrad

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2. Einführung

Zu diesem Zweck wurde der neue Generalplan der Stadt in Auftrag gegeben. Mehrere wissenschaftliche

Tagungen wurden veranstaltet, der Kulturaustausch und Kontakte zu einem breiten

Kreis von Fachleuten aus europäischen Städten werden weiterhin gepflegt. Wesentlicher Bestandteil

der Diskussionen ist die weitere Stadtentwicklung, die nicht durch die Auflösung früherer

Stadtbilder, sondern durch eine sensible Einbindung und unter Berücksichtigung aller aktuellen

Entwicklungen fortgeführt werden soll. Ein aktiver Dialog zwischen den heutigen Bürgern der

Stadt und den Organisationen ehemaliger Stadtbewohner Königsbergs ist im Gange.

Dieses Symposium wird im Rahmen des 750-jährigen Stadtjubiläums veranstaltet, welches auf

der höchsten Staatsebene Unterstützung fand. Als Ergebnis der Sitzung des Organisationsausschusses,

der zur Veranstaltung des 60-jährigen Jubiläums der Oblastgründung und des

750-jährigen Jubiläums der Gründung Königsbergs eingesetzt wurde, wurde im Punkt 7 des

Protokolls vom 20.10.2004 der Beschluss über die Veranstaltung des internationalen Festivals

„Kaliningrad-Zukunftsbilder” gefasst.

Als Initiatoren des Symposiums gelten die Verwaltung für Architektur und Städtebau des Kaliningrader

Stadtmagistrates, die Kaliningrader Organisation des Architektenverbandes Russlands

und der Öffentliche Verband „Kaliningrader Kulturkontakte” (Deutschland) mit freundlicher Unterstützung

der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Staatsministerin beim

Bundeskanzler, Frau Dr. Christina Weiss, und der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit

(GTZ) GmbH.

Gegenstand des Symposiums

Im Mittelpunkt des Symposiums steht der zentrale Kaliningrader Stadtteil innerhalb des historischen

Ringes der zweiten Wallbefestigung, begrenzt vom Gwardejski-Prospekt, der Junoscheskajastraße,

der Rakitnajastraße, dem Litauerwall und der Kalinin-Prospekt-Schelesnodoroschnajastraße.

Die angrenzenden Flächen des „grünen Gürtels” werden einbezogen.

Ziele des Symposiums

Folgende Ziele werden mit dem internationalen Symposium verfolgt:

- Über die Darstellung einer Analyse zum aktuellen Zustand, zu Problemen und zum voraussichtlichen

Entwicklungspotential der Innenstadt soll der breite Expertenkreis angeregt

werden, in schöpferischer Atmosphäre und im Rahmen thematischer Vorträge mit anschließender

Diskussion optimale Wege und mögliche Entwicklungsszenarien für die Innenstadt

Kaliningrads zu entwerfen.

- Es soll ein Kreis aus kreativen Arbeitsgruppen und Fachleuten gebildet werden, die das

Schicksal der Stadt nicht kalt lässt und die – im Interesse der Entwicklungsperspektiven der

Stadt – am bevorstehenden internationalen Wettbewerb für das Projekt der Innenstadtbebauung

teilnehmen werden.

Den Organisatoren der Veranstaltung und den Stadtbehörden sollen die Ergebnisse des Symposiums

als Grundlage zur Ausarbeitung des Programms des internationalen Wettbewerbes für

das Projekt der Innenstadtbebauung dienen.


Gegenwärtiger Stand der Flächennutzung

Der Stadtkern ist nicht als geographisches und gestalterisches Zentrum ausgebildet. Die begonnene

Realisierung früherer Projektbeschlüsse über die Innenstadtbebauung ist nicht vollendet.

Die Betonung zweier die Stadt durchschneidender Achsen – des Leninski- und des Moskovskiprospekts

als auf zwei Ebenen einander überlagernde Hauptverkehrsstraßen – und das nicht

fertiggestellte Haus der Räte im Brutalstil als Kompositionsschwerpunkt der riesigen Freifläche

stellen heute wesentliche Elemente der städtebaulichen Gestaltung des Stadtkerns dar.

Die historische Bebauung der Innenstadt ist nicht erhalten geblieben, ihre Flächen werden als

Grünanlagen genutzt. Die Infrastruktur und die städtebauliche Gestaltung dieser Flächen sind

minimal. Der einzig erhaltene Bau des Stadtkerns – der Dom – ist teilweise wieder aufgebaut. Er

nimmt eine Insellage ein, wobei seine historische Umgebung zerstört ist.

Einen Teil der Innenstadt stellen natürliche und künstlich angelegte Wasserflächen dar. Sie sind

lediglich als Rekreationszonen in das Stadtleben einbezogen, abgesehen von der Hafenstrecke

des Pregels. Die Flussaue weist einen natürlichen Charakter auf, ohne dass vielseitige Stadtfunktionen

ihren Anschluss an das Wasser finden.

Der Innenstadtteil im Bereich des zweiten Verteidigungswalls hat die Hauptrichtungen der radialen

Stadtstruktur beibehalten. Erhaltene Stadttore und der grüne Gürtel an Stelle der ehemaligen

Wallbefestigungen bilden bis jetzt das historische Planungsgerüst der Stadt.

Im Stadtkern ist die historische Struktur zerstört. Die neu gestalteten Plätze und Freiflächen des

Zentrums sind für die vorhandenen Bauten deutlich zu groß.

Das Verkehrssystem im Stadtzentrum ist unbefriedigend, die diesbezügliche Situation annähernd

kritisch. Aufgrund fehlender Entlastungsrouten und weniger Brücken über den Pregel ist

die Stadtmitte von Transitfahrzeugen in Richtung Norden und Süden überlastet. Die Bahnhöfe

der Eisenbahn sind an polaren Enden des zentralen Stadtteils untergebracht.

Die zu hohe Verkehrsbelastung der Innenstadt verschlechtert die Umweltsituation. Den starken

Winden entlang des offenen Talwegs des Flusses (in Richtung Westen und Osten) steht keine

Bebauung im Wege – hierdurch werden Lufterosionen hervorgerufen und das Mikroklima der

Innenstadt verschlechtert, was insbesondere im Winter spürbar ist.

Der Fußgängerverkehr und seine Anbindung an die bevölkerungsreichen Stadtviertel stellt sich

ungeordnet dar. Die städtebauliche Gestaltung der Fußwege und die Verkehrssicherheit weisen

ein sehr niedriges Niveau auf.

Die Wohngebiete der Innenstadt zeigen die typische Plattenbauweise der Sowjetzeit. Das Straßennetz

dieser Areale wurde im Vergleich zur historischen Struktur vergrößert. Die Bebauungsdichte

wurde nach damals gültigen Richtlinien der Umweltplanung reduziert. Soziale und kulturelle

Institutionen sowie Dienstleistungseinrichtungen sind unausgewogen verteilt und überwiegend

auf Handel und Unterhaltung ausgerichtet.

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Internationales Symposium Kaliningrad

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2. Einführung

Administrative Organe und Handelspunkte der Stadt sind an den Hauptverkehrsstraßen – dem

Leniskiprospekt, dem Friedensprospekt und dem Siegesplatz – verteilt, ein Stadtzentrum ist

praktisch nicht vorhanden. Ihre ungeordnete Lage lässt die Einhaltung der Standards für Unterbringung

und Versorgung der Bevölkerung nicht zu.

An der Kreuzung des Leninskiprospekts mit dem grünen Gürtel der Wallbefestigungen befinden

sich zwei unvollendete städtebauliche Projekte, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden

sind: der Siegesplatz und der Platz des Südbahnhofes. Auf dem Siegesplatz entwickelt sich zurzeit

das öffentliche, administrative, religiöse und handelsorientierte Zentrum der Stadt, weshalb

sich diese Funktionen vom Stadtkern verlagern.

Die in Plattenbauweise bebauten Hauptverkehrsstraßen der Stadt vermitteln ein eintöniges Bild.

Die erhalten gebliebene historische Substanz ist wenig harmonisch und ohne neutrale Übergänge

in die neue Bebauung eingebunden. Der technische Zustand der historischen Bauwerke

ist mangelhaft, sie werden nicht gepflegt oder restauriert. Der Wohnungsbestand aus der Vorkriegszeit

und der ersten Jahrzehnte des Massenbaus weist einen deutlichen Verfall auf – die

ausgebliebene technische Wartung der Wohnungen führte zu einem starken Absinken der

Wohnbedingungen.

Die Grünflächen der Innenstadt sind zum Teil historischer Herkunft, zum Teil entstanden sie nach

dem Abriss ehemaliger Bauten. Die Qualität des noch aus der Vorkriegszeit stammenden Baumbestandes

ist niedrig, Neupflanzungen finden sich eher ergänzend. Viele Bäume sind alt und

krank, zudem gibt es etliche unkontrolliert bewachsene Flächen.

Die technischen Versorgungsnetze der Innenstadt wurden teilweise erneuert, dennoch bedürfen

sie bedeutender Investitionen für Modernisierung und Rekonstruktion. Die Netze des historischen

Stadtkerns wurden zum größten Teil nicht genutzt, da dieser Bereich der Stadt wenig bebaut

ist. Die Bestandserfassung der Netze macht die ausführliche Untersuchung und Dokumentation

vor Ort erforderlich.

Städtebauliche Problemfelder der Innenstadt

Bezüglich der baulich-räumlichen Probleme der Innenstadt Kaliningrads lassen sich folgende

Schwerpunkte formulieren:

- Ein nicht vorhandenes bzw. nicht ausreichend hervortretendes Stadtzentrum als historische

Stätte der Stadtgründung und der Stadtentwicklung;

- Ein fehlender individueller, konkreter Planentwurf für das Stadtzentrum sowohl in Details

(Mikromaßstab) als auch in übergeordneten Konzeptionen und Gestaltungselementen. Gleiches

gilt für das angemessene Verhältnis zwischen dem „Vererbten” und dem „Gegenwärtigen”;

- Eine mangelhafte Abstimmung der Verkehrsprobleme zwischen der architektonischen Gestaltung

und der Funktion des Zentrums.

Der allgemeine Zustand der Innenstadt erfordert die Festlegung einer städtebaulichen Doktrin.

Die größte Herausforderung besteht dabei in der Schaffung eines individuellen Stadtbildes. Die


kreativen Ideen hierzu sind auf zwei unterschiedliche Entwurfsansätze zurückzuführen: Die

Nachbildung bzw. der Wiederaufbau des verloren gegangenen alten Stadtzentrums im Gegensatz

zur Suche nach neuen Formen. Das Ergebnis hängt unmittelbar vom kulturellen Verständnis

der Investoren ab.

Die Analyse der städtebaulichen Aspekte lässt folgende Schlussfolgerungen, Frage- und Aufgabenstellungen

zur Innenstadtproblematik Kaliningrads zu:

- Die Einstellung zur Geschichte und zum Verständnis des Ortes. Die Wechselbeziehung zwischen

Geschichte und Gegenwart in Planung und konkreter Bebauung: Weiteres Auflösen

oder kontinuierliche Einbeziehung in den modernen Städtebau?

- Die Insel Kneiphof: Möglichkeiten der historischen Rekonstruktion und der Revitalisierung

des natürlich abgegrenzten lokalen Stadtteils mit seinem historisch bedingten, groß angelegten

Bebauungsmaßstab sowie der vorhandenen Infrastruktur im Untergrund als Objekt der

Stadtarchäologie.

- Funktionale Zonierung der Innenstadt, ihre Zusammensetzung und Struktur. Welche Funktionen

können und müssen von der Innenstadt wahrgenommen werden?

- Architektonisch-künstlerische Gestaltung der Innenstadt und seiner Peripherie: Kunstbild des

Zentrums; Stadtsystem; Stadtsilhouette; städtebauliches Gesamtbild.

- Maßstab der Innenstadtbebauung: Die Wechselbeziehung der Maßstäbe zwischen anthropogener

und natürlicher Landschaft – Gleichgewicht oder Verdrängung. Ist eine gemütliche

Innenstadt in Kaliningrad möglich?

- Verkehrsplanung im zentralen Stadtteil: Problemlösung durch Umleitung des Fernverkehrs

bzw. durch die Schaffung durchgehender Schnellstraßen; Organisation der Verkehrsströme

„Norden-Süden”; Fertigstellung des Innenrings. Strukturierung des Fußgängerverkehrs –

Fußgängerzonen; Trennung der Fußgänger- und der Autoverkehrsströme.

- Wiederanschluss der städtischen Funktionen an das Wasser und Wiederherstellung des

Bildes von der „Stadt am Wasser”. Brücken in der Innenstadt – war es richtig, sie aufzugeben?

Besteht die Möglichkeit, die Romantik im Sinne der „Euler-Aufgabe” zurückzuerobern?

- Optimierung der offenen begrünten Plätze; Wiederbelebung historischer Grünflächen mit der

Wiederaufnahme der städtischen Rekreationsfunktionen. Die Wechselbeziehung zwischen

den freien und den bebauten Flächen der Innenstadt.

- Wege zur Ausprägung einer regionalen Stilistik in der Architektur Kaliningrads: Orientierung

an historischen Assoziationen, an der Architektur der Baltischen Staaten? Anknüpfen an die

internationale „Moderne” oder Bildung einer spezifischen „Volksarchitektur”?

- Möglichkeiten der Modernisierung von Plattenbauquartieren: Abriss oder Rekonstruktion,

Verdichtung oder Rückkehr zur historischen Bauweise?

- Eine touristisch attraktive Gestaltung der Innenstadt: Übergang von Einzelobjekten zu Gebäudekomplexen

unterschiedlicher historischer Ereignisse und Epochen, verbunden mit der

Geschichte, der Kultur und berühmten Persönlichkeiten europäischer Länder und Völker.

- Gründung einer eigenen Schule für Restauration und Ausbildung auf die lokale Kultur spezialisierter

Fachkräfte; Anknüpfungen und Verbindungen zu Schulen aus dem angrenzenden

Ausland. Verbesserung der Denkmalpflege.

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Internationales Symposium Kaliningrad

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3. Vorträge


1. Symposiumstag

3.1 1. Symposiumstag 15.06.2005

3.1.1 1. Vortrag – Tatiana L. Kondakova

Aktueller Zustand der Innenstadtbebauung/Probleme des Zentrums

3.1.2 2. Vortrag – Olga V. Krasovskaja

Gestaltung der Zukunft, Aufgaben der Gegenwart und

Wurzeln der Vergangenheit

3.1.3 3. Vortrag – Dr. Werner Möller

Aktualisierung der europäischen Stadt

3.1.4 4. Vortrag – Oleg I. Vasjutin

Die historischen städtebaulichen Etappen der

Entwicklung von Königsberg/Kaliningrad

3.1.5 5. Vortrag – Prof. Marcin Orawiec

Transformationen

3.1.6 6. Vortrag – Prof. Irina V. Belinceva

Stilbesonderheiten der Architektur in Königsberg

vom 13. bis zum 20. Jahrhundert

3.1.7 7. Vortrag – Venzel T. Salachov

Geschichtliches und Gegenwärtiges in der Planstruktur

des Zentrums von Kaliningrad

3.1.8 Diskussion des ersten Tages

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Internationales Symposium Kaliningrad

1. Vortrag

3.1.1 1. Vortrag –

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3. Vorträge

Aktueller Stand der Innenstadtbebauung/Probleme des Zentrums

Tatiana L. Kondakova


Aktueller Stand der Innenstadtbebauung/Probleme des Zentrums

Mein Vortrag wird im gewissen Sinne nicht traditionell sein. Ich möchte Ihnen von den Aufgaben

berichten, die bewältigt werden müssen. Ich möchte auch von den Aufgaben berichten, die

meiner Meinung nach die Bevölkerung von einer Regierung erwartet. Ich erhoffe mir in den

bevorstehenden Vorträgen und Diskussionen Ihre Meinung zu erfahren, inwieweit meine Ansicht

über die Probleme der Stadt Kaliningrad mit ihrer Meinung übereinstimmt.

Was war die treibende Kraft für die Veranstaltung dieses wissenschaftlichen Symposiums? Wir

denken, dass es notwendig ist, die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem derzeitigen

Zustand der Stadt wahrzunehmen und darauf zu reagieren – insbesondere ist hier der zentrale

Teil der Stadt zu nennen.

Seit 1990 sind erst 15 Jahre vergangen und es hat sich vieles geändert. In erster Linie sind das

die Ansprüche der Bevölkerung an den Lebensraum. Die Forderungen der Bürger an den

materiellen wie an den immateriallen Bereich sind gestiegen. Wenn wir das große Russland

besuchen und unsere Kollegen treffen, ist oft zu hören, dass es in Kaliningrad, im Unterschied

zu anderen Regionen, eine gebildete Bürgerschaft gibt. Das ist natürlich eine Übertreibung, aber

wir geben zu, dass es hier Kräfte gibt, die die Ideen der städtischen Gesellschaft, darunter auch

die öffentlichen Forderungen an die Regierung, zum Ausdruck bringen. Diese öffentlichen Forderungen

haben den Rahmen des rein materiellen Bereiches schnell überschritten und betreffen

unter anderem geistige und kulturelle Aspekte sowie den Bereich des Lebensstils und der

Lebensweise in einer modernen Stadt.

Deshalb sprechen wir in der letzten Zeit so oft über das Kulturerbe. Von der Geschichte der Stadt

und davon, dass diese Geschichte von uns allen geschaffen und weiter getragen wird.

In den Diskussionen über die Bebauung der Stadt, ihren Komfort, ihre Gebäude, Höfe, Treppenhäuser

und Wohnungen wird aus der Bevölkerung eine Meinung geäußert, die von den Begebenheiten

der Stadt unmittelbar abhängt. Es gibt leider immer noch genügend Bereiche, die

einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ich denke, dass man auf dem Symposium die möglichen Richtungen der Entwicklung, Veränderung

und Restauration der Bebauung im historischen Stadtzentrum bestimmen muss, die nicht

nur die Flächenressourcen rationell zu verwenden erlauben, sondern das gerissene Gewebe der

Geschichte wieder verbinden. Damit wäre die wichtigste Aufgabe gelöst.

Kant hat einmal sehr treffend gesagt: „Nach oben heißt nicht immer in die Höhe“. Das sind signifikante

Worte, an die man sich erinnern muss, wenn man die städtebauliche Entwicklung plant.

Denn es ist eine Tätigkeit, die eine materielle und eine ideelle Komponente beinhaltet: Da sind

einerseits der Nutzen und die Schönheit, andererseits aber auch riesige Kapitalanlagen.

Wie kann sich die Stadt entwickeln?

Wir alle vermissen die Stadt, in der niemand von uns gelebt hat. Aufgrund der Fotos und Stadtpläne,

die wir heute betrachten können, aufgrund der Stadtgeographie, die erhalten geblieben

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Internationales Symposium Kaliningrad

ist, hat sich jeder eine eigene Vorstellung über das Gesicht dieser Stadt gebildet. In unserer Vorstellung

war das eine wünschenswerte Stadt. Es entsteht der unwillkürliche Wunsch das Verlorengegangene

wieder aufzubauen, aber lohnt es sich, solche Vorstellungen zu verbreiten?

Während der Vorbereitung auf das Symposium habe ich die ins Russische übersetzten Briefe

der Reisenden gelesen, die einst die Stadt besuchten. Ein Brief aus dem Jahr 1931 hat mich

beeindruckt. Da steht, man könnte das Zentrum Königsbergs nicht passieren, da es in der Stadt

zu wenig Grün gäbe, man müsse etwas mit den Grünflächen und Teichen machen. Ich habe den

Eindruck bekommen, dass der Brief auch aus heutiger Sicht geschrieben sein könnte.

Heute wollen wir, dass das Zentrum allen gestellten Ansprüchen gerecht wird. Womit soll man

aber anfangen? Wo beginnt der jahrzehntelange Weg, den man antreten müsste, damit all die

Probleme der Reihe nach gelöst werden können? Mit den Änderungen in der historischen Stadt

soll sie so entwickeln werden, dass sie gleichzeitig auch modernen Ansprüchen gerecht wird.

Es wurde nach der Meinung unserer Architekten gefragt, wie sie ihre Stadt sehen würden. Die

Meinungen waren sehr unterschiedlich: Sie gingen von Theatern in historischer Bauweise bis zu

modernen „High-Tech-Gebäuden“, eine breit gefächerte Meinung mit jeweiliger Berechtigung.

Jeder sollte an der Stadt das sehen, was ihm nahe steht, jeder sollte finden, was er braucht. Man

muss aber etwas Gemeinsames haben, was alle verbinden könnte. Der Komfort und die Attraktivität

des erneuerten Zentrums der Stadt ist das Endziel, für das wir mit der schöpferischen Arbeit

beginnen wollen.

Darüber möchte ich mit ihnen sprechen und ihre Meinung hören, mit dem Ziel Thesen und Aufgaben

formulieren zu können. Denn wir sind der Meinung, dass für die Stadt die Zeit begonnen

hat, in der man nicht nur über ihre Rolle im Rahmen unseres Landes sprechen muss, sondern

auch im Rahmen ganz Europas. Ich wünsche mir, dass hervorragende Fachleute (Stadtplaner)

an der Stadtentwicklung teilnehmen. In der nächsten Zeit möchten wir einen Wettbewerb für das

wichtigste Projekt zur Entwicklung des Stadtzentrums durchführen. Für diesen Wettbewerb muss

jedoch eine Aufgabenstellung vorhanden sein. Ich denke, 90% des Erfolges dieses Wettbewerbs

hängen davon ab, wie die Aufgabenstellung formuliert sein wird. Der Erfolg wird von dem

öffentlichen Interesse, das die Aufgabenstellung beeinflussen wird, und von der Auffassung der

Entwerfer abhängig sein. Wir wünschen uns ein positives Ergebnis.

Heute können wir viele Fragen noch nicht beantworten. Ich hoffe aber, dass durch unser Treffen

einige Antworten, die uns weiter helfen könnten, gefunden werden. Nach meiner Rede werden

Sie den Vortrag des Autors des Generalplans der Stadt hören. Das ist ein sehr wichtiges Dokument.

Die ganze Bedeutung der Arbeit, die für die Erstellung dieses Dokuments geleistet wurde,

kann man wahrscheinlich erst dann richtig einschätzen, wenn man den Generalplan als Arbeitsgrundlage

verwendet.

Die Entwicklung, die Restauration und die Umgestaltung unseres historischen Zentrums darf

nicht zum Verlust des Gesichtes der Stadt führen. Sie muss ihre historischen, wirtschaftlichen

und kulturellen Merkmale behalten, die sie von anderen Städten unterscheidet und die ihre Bedeutung

für Russland wie für ganz Europa unterstreicht.

18

3. Vorträge


Ich möchte alle Anwesenden bitten, ihre Erfahrungen, Kenntnisse und Meinungen mit mir und

meinen Kollegen zu teilen, damit unsere Handlungen erfolgreich werden. Ihre Arbeit wird sich in

der Zukunft der Stadt verkörpern, die wir zusammen beschließen und deren Ergebnisse künftige

Generationen bewerten werden.

zur Person

Vita

Name

Tatiana Lazarevna Kondakova

Herkunft

Kaliningrad/Russland

Profession

Architektin/Juristin

Tätigkeitsschwerpunkt

Munizipaldienste in der Regulierung

der städtebaulichen Tätigkeit

Themenschwerpunkt

Städtebauliche Zonenentwicklung und

Katasteraufteilung,

Architektur- und Städtebauplanung,

normative und gesetzliche Regulierung

der Stadtbebauung

19


Internationales Symposium Kaliningrad

2. Vortrag

3.1.2 2. Vortrag –

20

3. Vorträge

Gestaltung der Zukunft, Aufgaben der Gegenwart und

Wurzeln der Vergangenheit

Olga V. Krasovskaja


Gestaltung der Zukunft, Aufgabe der Gegenwart und Wurzeln der Vergangenheit

Dieses Jahr wird Königsberg/Kaliningrad sein 750-jähriges Jubiläum feiern. Hinsichtlich seiner

komplizierten und mitunter tragischen Geschichte ist die tatsächliche Anerkennung der ununterbrochenen

750-jährigen Geschichte schon als Ereignis zu sehen.

Man erinnert sich gut an den Anfang der 1980er Jahre, an den ersten Besuch im Kaliningrader

Gebiet und die ersten Eindrücke von der Stadt. Das unglaubliche Bahnhofsgebäude aus rotem

Ziegelstein mit den überdachten Bahnsteigen, was augenblicklich an den Spielfilm „Siebzehn

Frühlingsmomente“ erinnert, und der irreale Anblick, der sich von der Bahnbrücke erstreckt – die

Trümmer eines gotischen Doms und das „monströse“ unvollendete Verwaltungsgebäude aus

sowjetischer Zeit.

Zu jener Zeit war es kaum vorstellbar, dass sich das Kaliningrader Gebiet einmal für den

internationalen Tourismus öffnen wird, dass der Dom wiederaufgebaut wird, dass das Lenin-

Denkmal „zur Restauration“ freigegeben wird und auf dem Platz (der ehemalige Hanse-Platz)

direkt gegenüber der Stadtverwaltung eine neue Kirche errichtet wird. Das alles war kaum

vorstellbar – aber es ist jetzt Realität!

Das Internationale Symposium zur städtebaulichen Entwicklung des Kaliningrader Zentrums

wird im Rahmen der Maßnahmen zum 750-jährigen Jubiläum der Stadt durchgeführt und ist den

Problemen und Ideen zur Entwicklung Kaliningrads und dessen Zentrum im 21. Jahrhundert gewidmet.

Es ist höchst interessant und wichtig, dass bereits am Anfang der Konferenz der große Kreis von

Fragen behandelt wird, welchen Stellenwert und welche Rolle die Kaliningrader Region und

deren Hauptstadt Kaliningrad in der modernen Gesellschaft einnehmen wird. Es ist sehr wichtig,

weil die städtebaulichen Ideen die Strategien zum Ausdruck bringen, die sich auf die modernen,

sozioökonomischen und politischen Prozesse weltweit beziehen.

Mir als Leiterin des Autorenteams, das den Generalplan für Kaliningrad erarbeitet hat, wurde

angeboten, die Hauptthesen des Projektes zu erörtern sowie die Hauptprobleme und mögliche

Lösungsverfahren in Bezug auf das Stadtzentrum zu erfassen.

Im Vordergrund steht die genaue Definition von Strategien und Zielen der Entwicklung der

gesamten Kaliningrader Region, denn ohne diese grundlegenden Punkte bleiben die besten

architektonischen Ideen nur Visionen. Die geopolitische Lage der Kaliningrader Region hat ihre

eigene Spezifik, das Gebiet ist vom Hauptterritorium der Russischen Föderation durch andere

Staaten getrennt. Die Entfernung des Gebietes von der Metropole Moskau verursacht eine

Menge Schwierigkeiten – die Störung traditioneller wirtschaftlicher Beziehungen, beschränkte

Fortbewegungsfreiheit, Fragen des Gütertransits, Probleme mit Tarifsätzen, Arbeit und Konkurrenzfähigkeit

der Wirtschaft usw. Wenn man aber die moderne Karte Europas betrachtet,

dann wird es offenbar, dass die exklavenartige Lage des Gebietes, das von EU-Staaten umgeben

ist, auch eine Vielzahl potentieller Vorteile für das Kaliningrader Gebiet und das gesamte

Russland bietet.

21


Internationales Symposium Kaliningrad

I. Die Region

1. Die Ausnutzung der positiven Seiten der geographischen Lage – die Bildung einer „Region

der Kooperation“ – eines Ortes, an dem die Vertreter verschiedener Nationen Kooperationsmodelle

schaffen könnten – der Kooperation im weiteren Sinne des Wortes – der menschlichen,

der wirtschaftlichen, der kulturellen. Die Aufgabe der Erweiterung der Zusammenarbeit

zwischen Russland und der EU kann und soll in der Kaliningrader Region und deren

Hauptstadt Kaliningrad intensiv realisiert werden.

2. Die Kommunikation – der Anschluss Kaliningrads und des Kaliningrader Gebiets an das

System der internationalen Verkehrswege – das Problem der Entfaltung der Verkehrsinfrastruktur,

der Grenzen, der Tarife, die Bestimmung der Rolle des Kaliningrader Hafens im

System der internationalen Verkehrsströme.

3. Der Tourismus als Instrument der Kooperation und der wirtschaftlichen Entwicklung.

II. Die Stadt

Die Schwerpunkte der städtebaulichen Strategien Kaliningrads, wie sie im Generalplan beschrieben

sind:

- Die rechtliche Beschlussfassung – die Erarbeitung eines Pakets von stadtregelnden Unterlagen:

der Generalplan, der Entwurf von Schutzzonen der historischen bzw. kulturellen Gedenkstätten,

die Bebauungs- und Flächennutzungsvorschriften, übrige Ordnungsvorschriften,

das Verfahren öffentlicher Verhandlungen etc.

- Die Transparenz der Stadt – die Gewährung von räumlichen Möglichkeiten für kulturelle,

wirtschaftliche und politische Kooperation, die Schaffung von territorialen Voraussetzungen

für Anlagen, die Reservierung von Territorien für eine breite Palette von Aktivitäten, die Transparenz

der Information.

- Die kulturelle Selbsterkennung (das Auffinden des eigenen regionalbezogenen Kulturphänomens

und des eigenständigen architektonischen Bildes des „Ortes“ in der globalen

Welt, in der Ostsee-Region, in Russland).

- Das „Stadtklima“ – eine sichere und freundschaftliche, lebensgünstige, umweltfreundliche,

schöne Stadt.

Die Beschlüsse des Generalplans für Kaliningrad sind im Ganzen auf die Sicherstellung dieser

städtebaulichen Strategien gerichtet. Im Weiteren werden die wichtigsten Punkte des Projektes

genannt.

1. Die stabile wirtschaftliche Entwicklung

Die Einstellung der Stadt auf das multifunktionale wirtschaftliche Entwicklungsmodell bestimmt

die Notwendigkeit der Reservierung von Territorien für die Platzierung von Verkehrs-, Finanz-,

Geschäfts-, Forschungs- und Bildungsobjekten, Industrie- und wissenschaftlich-technischen Objekten,

Gesundheits-, Kultur- und Sportstätten sowie Verwaltungsanstalten. Geplant wird die Einrichtung

von Geschäfts- und Handelsnutzungen an den führenden radialen Verkehrsstraßen

sowie an der Ringstraße; die Modernisierung des Hafenbereiches; die Entwicklung der Innovationsverfahren

– die Reservierung des Gebietes für moderne Industrie- und Handelszentren –

die Technologieparks; die Einrichtung eines internationalen Ausstellungs- und Messegeländes.

22

3. Vorträge


1 | Der Generalplan

2. Die Ökologie der Stadt

Die Abwicklung der Planungs-, Wasserschutz-, Klimaschutz-, ingenieurtechnischen und technologischen

Maßnahmen zur Verbesserung der Stadtökologie sowie die gesamte Ökologisierung

der städtebaulichen Tätigkeit. Es ist die Umgestaltung von Industriegebieten, der Umbau einer

Reihe von Industriebetrieben für Business- und Wohnzwecke vorgesehen.

3. Die Gestaltung einer ökologischen Struktur der Stadt

Kaliningrad besitzt ausgezeichnete Möglichkeiten, sich als grüne Stadt zu profilieren und den

ehemaligen Ruhm zurückzuerwerben, als eine der komfortabelsten Städte Europas zu gelten.

Geplant wird die Schaffung von Grün- und Freizeitzonen in der Stadt und in den Vororten; der

Wiederaufbau des historischen grünen Gürtels des Architekten Schneider sowie der Freizeitzonen

am Ober-Teich und Unter-Teich, des Max-Aschmann-Parks, von grünen Tälern der Flüsse

und Bäche; die Erhaltung des grünen Ringes – des Ökosystems des Flusses Pregel; die Bildung

grüner Keile, die die Wohnbezirke aufteilen.

4. Der Verkehr

Für die komplexe Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur und des öffentlichen Verkehrs sind

folgende Punkte von besonderer Bedeutung: die Entwicklung eines Systems für überregionale

Verkehre; die Umgestaltung des Flughafens Chrabrovo; die Umgestaltung und der Bau von

Fernverkehrsstraßen, die alle Transitströme aus Kaliningrad aufnehmen; die Rekonstruktion des

Hafenbereiches; die Entwicklung der Wasserwege und einer Infrastruktur für Reise- und Sportschiffe;

der Bau von Terminal- und Logistikkomplexen; der Bau von Fußgängerzonen und Fahr-

23


Internationales Symposium Kaliningrad

radwegen; die Entwicklung des öffentlichen Verkehrs, darunter des umweltfreundlichen Elektroverkehrs;

die Umgestaltung der bestehenden Verkehrsinfrastruktur, z.B. das Straßen- und Wegenetz

sowie Haltestellen und ähnliches; der Bau von Parallelstraßen (vorerst ist der Bau der parallelen

Hochbrücke zu vollenden!); von Ringstraßen, neuen Brücken und Verkehrsknoten; das

Optimieren des Verkehrs, der Aufbau von Park-and-Ride-Anlagen in der Nähe von Bahnhöfen

sowie an den Zufahrtstraßen zum Zentrum; der Aufbau von Tiefgaragen; die Ausnutzung des

Raumes im Tiefbau; die Verbesserung des Fuhrparks; die Einführung von Umweltstandards.

5. Der Umbau und die Entwicklung von Wohnbezirken

Der komplette Umbau und die komfortable Gestaltung von bestehenden Wohnvierteln und Quartieren;

der Neubau mit Rücksicht auf die Interessen und Möglichkeiten aller sozialen Schichten,

die Durchführung von sozialen Wohnungsprogrammen; die komplette Bebauung neuer Wohnbezirke

– der Bau von Dienstleistungsobjekten, die zuverlässige Abwicklung des öffentlichen

Verkehrs, die technische Ausrüstung für neue Wohnbezirke; die ausdrucksvolle architektonische

Gestaltung der Wohnhäuser. Das Wohnungsprogramm, welches der Generalplan vorsieht, wird

ca. 4,5 Mio. m² der Gesamtfläche umfassen.

6. Die Entwicklung der sozialen Infrastruktur

Das Lebensniveau und die Lebensqualität der Stadtbewohner hängen oft von der sozialen Komponente

der Stadt ab. Es ist deshalb vorgesehen, eine wirksame Entwicklung der öffentlichen

Bereiche und Dienstleistungsobjekte, wie Gesundheitsfürsorge, Ausbildung, Sport, Kultur und

Handel in allen Verwaltungsbezirken Kaliningrads zu schaffen; die Bildung der Zentren einzelner

Wohnbezirke; der Aufbau von Plätzen und Fußgängerzonen; der Aufbau multifunktionaler Service-Zonen

an den Haupteinfahrtstraßen der Stadt.

7. Die Entwicklung des Tourismus

Der Tourismus gehört zu den expandierenden Bereichen der Weltwirtschaft. Es ist vorgesehen,

die Entwicklung aller grundlegenden Bestandteile des Tourismus – der sehenswürdigen Objekte

bzw. Bereiche, des öffentlichen Verkehrs, der Service- bzw. Informationsdienstleistungen, eine

Reihe von Hotels für verschiedene touristische Zielgruppen, die Einrichtung der Uferstraßen

sowie anderer Freizeitzonen – voranzutreiben. Die allgemeine Voraussetzung für die Entwicklung

des Tourismus ist das sichere, grüne, gemütliche und schöne Kaliningrad.

8. Die Modernisierung der technischen Ausrüstung

Die Gewährleistung der ökologischen und energetischen Sicherheit der Region und der Stadt;

die Modernisierung und Rekonstruktion der Versorgungssysteme und technischer Kerneinrichtungen;

der Bau eines modernen Abwasser- bzw. Regenwasser-Reinigungssystems; die Ausrichtung

auf Ressourcen-Einsparung; die Maßnahmen zur ingenieurstechnischen Aufbereitung

und Einrichtung der Stadtterritorien.

III. Das Zentrum

Das Zentrum ist das wichtigste Element des Stadtraumes, der Mittelpunkt aller positiven als auch

schmerzhaften Eigenschaften der Stadtumwelt. Die erfolgreiche (oder misslungene) Gestaltung

des Stadtzentrums wird in manchem dadurch bestimmt, inwieweit die städtischen Maßnahmen

zielgerichtet sind.

24

3. Vorträge


Die schwerwiegendsten Probleme sind:

- Das Fehlen eines einheitlichen Konzeptes für das Zentrum, das von allen Beteiligten unterstützt

wird; keine vollendete Konzeption der Entwicklungsziele, der Aufgabe und der Gestaltung

der Zentralzone bei der bestehenden Zuweisung von Grundstücken zu Bauzwecken.

- Das Fehlen eines Ausgleiches von Gesellschaftsinteressen und Investitionsinteressen, das

die Folge von spontanem Bauen von mannigfaltigen Geschäftsobjekten ohne Rücksicht auf

fehlende Parkplätze, Fußgängerzonen oder ein fehlendes Dienstleistungssystem kompensieren

kann.

- Die Überlastung des Verkehrs – die Verkehrsströme von Norden nach Süden durchqueren

das Stadtzentrum, da es keine alternativen Durchfahrtsmöglichkeiten gibt (Alternativrouten

etc.); öffentliche Verkehrsmittel werden zusehends reduziert, die Bevölkerung ist auf den Individualverkehr

angewiesen, wodurch das Verkehrsaufkommen zunimmt; das Fehlen von Fußgängerzonen

und Tiefgaragen fällt negativ auf – im Zentrum herrscht der Autoverkehr, nicht

die Fußgänger.

- Die Stadt ist nicht zum Wasser gerichtet – die Uferstraßen werden nicht für den Wassertourismus

und sonstige Freizeitaktivitäten genutzt; das hydrologische System – Ober-Teich

und Unter-Teich sowie der Pregel und kleinere Wasserquellen sind von schlechter Qualität.

- Die unbefriedigende, mangelhafte Qualität des Klimas bzw. der Umweltsituation im Stadtzentrum.

Es mangelt an öffentlichem Raum, Grünanlagen werden in ihrer Fläche reduziert, Bauinvestoren

sichern sich bevorzugt die grünen Bereiche für ihre baulichen Vorhaben. Der

mangelhafte Zustand von Wohnhäusern und Innenhofbereichen, extreme Luftverschmutzung

im Stadtzentrum durch Auto- und Industrieabgase.

Im Generalplan sind die grundlegenden Konzeptpunkte zur Rekonstruierung und städtebaulichen

Entwicklung des Stadtzentrums erörtert. Das Territorium in den Grenzen der historischen

„Innenstadt“ wird als besondere multifunktionelle Zone des Gesamtzentrums der Stadt betrachtet.

Die Hauptfunktionen dieser Zone sind: die Abwicklung einer Reihe von Aufgaben – wie kultureller

und geschäftlicher Art sowie Handels-, Präsentations-, Tourismus-, Wohn-, Informationsaufgaben

etc. Die Multifunktionalität, die kulturelle und substantielle Vielfalt der Zentralzone

gehören zu den unentbehrlichen Voraussetzungen für das Stadtzentrum.

Im Entwurf sind folgende Hauptrichtlinien für die komplette Neugestaltung des Stadtzentrums

genannt:

- Das Wiederaufleben der historisch-kulturellen Bedeutung des Zentrums, die Wiederherstellung

historischer und kultureller Gedenkstätten; das Schaffen einer individuellen architektonisch

und städtebaulichen, für die Menschen angenehmen Gestalt.

- Die Rekonstruktion und die architektonische Gestaltung von städtebaulichen Schwerpunkten

im Zentrum der Stadt – der Zentralplatz, der Siegesplatz, der Kalinin-Platz, die Umgestaltung

und Einrichtung der Hauptstraße, des Leninski-Prospektes.

- Die primäre Anordnung der öffentlichen, geschäftlichen Einrichtungen sowie der Unterhaltungs-

und Handelszentren, die von allgemeiner städtischer Bedeutung sind.

- Die Rekonstruktion und Einrichtung des Wohnungsbestandes im Stadtzentrum.

- Die Rekonstruktion des bestehenden Straßen- und Wegenetzes, der Bau neuer Brücken und

Verkehrsadern zur Verlagerung des Transitverkehrs aus dem Stadtzentrum heraus, der Bau

moderner Parkplätze (Tiefgaragen als Bestandteil der Bauten), der Bau von Fußgängerzonen.

25


Internationales Symposium Kaliningrad

2 | Der Flächennutzungsplan

- Die komplette Errichtung und Begrünung des Stadtzentrums, der Wiederaufbau von historischen

Grünflächen, die Errichtung und Wiederherstellung von Naturgebieten am Ober-Teich

und Unter-Teich.

- Die architektonisch-landschaftliche Gestaltung und komplette Einrichtung der Uferstraßen

und „Wasserfront-Territorien“ entlang der Pregel-Flussarme, die Errichtung von Anlegestellen

sowie Dienstleistungsstellen für Sport- und Reiseschiffe.

- Die Umgestaltung der grundlegenden städtebaulichen Schwerpunkte und Zonen des Zentrums.

Der Zentralplatz (das ehemalige Territorium des Königsschlosses)

Gerade hier wurden die schwerwiegendsten städtebaulichen Fehler gemacht – die Zerstörung

des Königsschlosses und die Errichtung eines unvollendeten Verwaltungsgebäudes auf dessen

Fundament.

Im Bereich des Zentralplatzes sind die Errichtung eines Business- und Kulturzentrums sowie die

Schaffung des historischen (archäologischen) Sondergebietes „das Königsschloss“ im Generalplan

vorgesehen (es ist die Wiederherstellung eines Teiles des Königsschlosses möglich), die

archäologischen Schichten sollen unter Denkmalschutz gestellt werden. Das architektonischstädtebauliche

Konzept des Platzes und benachbarter Territorien soll durch einen Architektur-

Wettbewerb bestimmt werden.

26

3. Vorträge


Die Kant-Insel (Kneiphof)

Man beabsichtigt eine öffentliche und fachliche Diskussion über mögliche Varianten des städtebaulichen

Konzeptes der Insel, die jahrhundertelang ein selbständiges und einheitliches Ganzes

innerhalb der Stadt darstellte, durchzuführen. Der Generalplan sieht eine Regenerierung der

historischen Inselumwelt samt Wiederherstellung der historischen Anordnung, der Eigenart und

des Umfangs der Bebauung vor. Die architektonischen Entscheidungen können vielseitig sein,

sowohl die Wiederherstellung einiger historischer Gebäude als auch moderne architektonische

Formen im Maßstab des historischen Straßennetzes und der Plätze beinhalten. Nicht ausgeschlossen

ist die Variante einer Wiederherstellung der historischen Bauten neben der gleichzeitigen

Beibehaltung eines grünen Bereiches der Insel. Wesentlich ist, dass die Insel, die für

viele Jahrzehnte Mittelpunkt von Kultur, Geistes- und Sachwerten war und auf der auch heute

der erste Kontakt mit dem modernen Kaliningrad aufgenommen wird, als echtes geistiges und

kulturelles Zentrum der Stadt wieder auflebt. Für eine Entschlussfassung und Ausarbeitung von

Investitionsabsichten ist eine Projektierung auf Ausschreibungsbasis angemessen.

Der Siegesplatz

Der Siegesplatz und benachbarte öffentliche Zonen sind das moderne Geschäfts-, Handels- und

Verkehrszentrum Kaliningrads. Das Projekt bietet eine Fortsetzung der architektonischen Gestaltung

und Rekonstruktion dieser komplizierten gesellschaftlichen Zone an. Die Hauptmaßnahmen

sind die Entwicklung eines Verkehrsknotenpunktes mit Durchfahrt auf verschiedenen Ebenen,

die wirksame Ausnutzung des Tiefbaus für den Bau von Parkplätzen, die Fertigstellung des

Domes, der Umbau des Zentralmarkt-Viertels, die Wiederherstellung von historischen Gebäuden

(dem Haus der Technik, der ehemaligen Deutschen Ostmesse etc.), die Einrichtung von Grünanlagen,

die Umgestaltung der Konzerthalle „Rossia“, die Umgestaltung und Einrichtung des Bereiches

am Nordbahnhof.

Der Südbahnhofsplatz (Kalinin-Platz)

Wichtig ist die Errichtung eines multifunktionellen Verkehrs-, Handels- und Geschäftszentrums

„Offene Stadt“ (Hotel, Einkaufszentren, Büros, Speditionsvertretungen, Touristeninformationen,

Autovermietung und Unterhaltung). Die grundlegenden städtebaulichen Maßnahmen sind die

komplette Rekonstruktion des Platzes mit Verkehrsdurchfahrt auf verschiedenen Ebenen, die

Einrichtung einer begrünten Fußgängerzone, die Rekonstruktion des Bahnhofs und des ZOB,

Maßnahmen zur Optimierung des öffentlichen Verkehrs am Bahnhofsplatz, der Bau von Tiefgaragen.

Der Leninskij-Prospekt

Der Leninskij-Prospekt ist die Hauptstraße der Stadt. Er gehört zu den wichtigsten Zonen der

städtebaulichen Umgestaltung. Geplant ist eine Modernisierung und Umgestaltung von Bauten

aus der Nachkriegszeit, eine Ergänzung bestehender Bauanlagen mit neuen Bauten unterschiedlicher

Bestimmung, die Erweiterung der Geschosszahl bestehender Gebäude und die Errichtung

von Dachgeschossen, die architektonische Lösung der Straßenkreuzungen, der Bau

von Parkplätzen, die komplette Einrichtung von Straßen- und Hofräumen und die Umgestaltung

27


Internationales Symposium Kaliningrad

und Einrichtung von Grünanlagen. Nicht nur die Bebauungsfront sollte rekonstruiert werden – die

an den Prospekt angrenzenden Gebiete sollten ebenfalls in die städtebauliche Umgestaltung

einbezogen werden.

IV. Die Entwicklung des modernen Stadtzentrums im historischen Zusammenhang

Das Thema des Symposiums, die städtebauliche Entwicklung des Zentrums in Kaliningrad, ist

eng mit der Auffassung der Wurzeln des „genetischen Codes“ des Ortes verbunden, was von

mehreren Teilnehmern vorgetragen wurde.

Es ist zu betonen, dass die Ausarbeitung des Generalplans für Kaliningrad und das Konzipieren

der Entwicklungspunkte des Stadtzentrums im Zusammenhang mit dem Projekt der Aufteilung

der Stadt in Schutzzonen (das Projekt der Schutzzonen für Objekte des Kulturerbes in Kaliningrad)

durchgeführt worden ist. Dieses Projekt ist laut russischer Gesetzgebung eine obligatorische

Voraussetzung für städtebauliche Tätigkeiten und Flächenverhältnisse in einer historischen

Umgebung.

Das Ziel des Projektes ist eine moderne städtebauliche Entwicklung Kaliningrads im Kontext traditioneller

europäischer Kultur, das Abstimmen von Schutzmaßnahmen und Bautätigkeiten zur

Schaffung einer modernen, offenen Stadt.

Für die Realisierung dieses Zieles muss die Bedeutung von historischen Territorien in Kaliningrad

klassifiziert werden. Innerhalb dieser Territorien werden unterschiedliche Schutzzonen für

Objekte des Kulturerbes gebildet und Sonderregelungen für die städtebauliche Tätigkeit festgesetzt,

die sich aus der Abhängigkeit des Wertes der Stadtsubstanz selbst und des Wertes der

jeweiligen historischen wie architektonischen Besonderheiten der Territorien ergeben.

Die Schutzregelungen (die städtebaulichen Vorschriften) sollen sowohl eine Zustandsverbesserung

des historischen Bestandes sichern, als auch den modernen Städtebau und die Aufgaben

der Bewahrung des kulturellen Erbes Kaliningrads in Einklang bringen.

Abgesehen von den allgemeinen Aufgaben des Schutzes des Kulturerbes hat Kaliningrad, als

besondere Stadt der Russischen Föderation, zurzeit die Möglichkeit der Schaffung einer einzigartigen

modernen architektonischen Gestalt, da diese Aufgabe in der Nachkriegszeit versäumt

wurde. Die Suche nach einer individuellen Gestalt und die Bestimmung einer kulturellen Selbstidentifikation

durch die Gesellschaft ist eine äußerst schwierige, heikle und persönliche Aufgabe.

Man muss bedenken, dass solch eine frei definierbare Problemstellung ohne „ideologische Grenzen“

erst nach 1991 grundsätzlich möglich wurde.

Die Raumplanung ist eines der Instrumente zur Lebensverbesserung. Bei allen Meinungsverschiedenheiten

ist jede Stadtstruktur das Ergebnis einer gemeinsamen Diskussion der verschiedenen

sozialen Gruppen.

Das Problem der aktuellen Entwicklung der Stadt und ihres Zentrums beinhaltet viele Aspekte

und zieht ein reges Interesse der meisten Einwohner Kaliningrads auf sich. Es kann sein, dass

28

3. Vorträge


sich die Auffassungen und Ansichten von einer „richtigen“ Entwicklung der Stadtstruktur, welche

in der Stadtgemeinschaft und unter den Fachleuten vorhanden sind, grundsätzlich voneinander

unterscheiden. Es ist von Bedeutung, dass die städtebauliche Entwicklung Kaliningrads und seines

Zentrums öffentlich diskutiert wird und sich im Interesse der ganzen Stadtgemeinschaft vollzieht.

Unserer Meinung nach ist das Thema der Suche nach einer räumlichen Gestalt des Zentrums

von Königsberg/Kaliningrad als „Herz“ einer offenen russischen Stadt mit uralten europäischen

Wurzeln heutzutage eine der hinreißendsten und spannendsten Aufgaben moderner Urbanistik.

zur Person

Vita

Name

Olga Vjaceslavovna Krasovskaja

Herkunft

St. Petersburg/Russland

Profession

Architektin

Tätigkeitsschwerpunkt

Projekterstellung der

Generalpläne für Städte,

leitende Projektarchitektin

Themenschwerpunkt

Generalplan der Stadt Kaliningrad,

Projekt der Schutzzonen der Objekte

des Kulturerbes der Stadt Kaliningrad,

Regelung der Bebauung der Stadt

Kaliningrad

29


Internationales Symposium Kaliningrad

3. Vortrag

3.1.3 3. Vortrag –

30

3. Vorträge

Aktualisierung der europäischen Stadt

Dr. Werner Möller


Aktualisierung der europäischen Stadt

In den letzten Jahren ist wieder eine verstärkte Auseinandersetzung über die Bedeutung der

europäischen Stadt zu beobachten. Auf der einen Seite werden vielerorts in den Stadtzentren

große Anstrengungen um den Erhalt und die Wiederherstellung räumlicher und baulicher

Zeugnisse aus vergangenen Epochen unternommen. Die Aktivitäten reichen von originalgetreuen

Nachbildungen über so genannte kritische Rekonstruktionen bis hin zur Übernahme ortsfremder

architektonischer und städtebaulicher Zitate. Auf der anderen Seite wird in vielen Fachdebatten

definitiv das Ende der europäischen Stadt verkündet. Dabei oszillieren die Argumente

breit gefächert zwischen Identitätssuche, Geschichtsverlust, Maßstäblichkeit, Tourismus, Globalisierung,

Transformation und neuen Lebensstilen.

1 | Entwurf einer Idealstadt aus dem Traktat von Filarete, um 1465

2 | Stadtzentrum von Siena

Die einfache Frage, welches der konkrete Typ der europäischen Stadt ist, auf den sich jeweils

bezogen wird, fällt in den Debatten selten. Meist dienen Rückgriffe auf die griechische Antike

oder Idealstadtplanungen der Renaissance sowie auf pittoreske historische Stadtkerne unterschiedlichster

Epochen als atmosphärische Untermalung aktueller ökonomischer, planerischer

oder architektonischer Projekte oder bestenfalls als Verweis auf ein verloren gegangenes Gefühl

für Proportionen und Maßstäblichkeiten.

Neben diesem Anspruch auf baulich-räumliche Schönheit verkörperte der Begriff „Europäische

Stadt“ vielmehr das Ideal einer vorbildlichen Regulierung ökonomischer, kultureller und rechtlicher

Angelegenheiten durch die Stadtgesellschaften im ständigen Wettbewerb mit anderen

Städten. Dieses zivilisatorische Streben nach Balance und Wohlstand in der bürgerlichen europäischen

Stadt sollte sein Abbild in der Stadtgestaltung finden und nicht umgekehrt. Es war ein

flexibles System des Austauschs von Waren und Wissen, der Kommunikation und Migration, das

seine Stärke und Stabilität stets an wechselnden wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen

messen musste. Die sich wandelnden Anforderungen und Nutzungen bestimmten letztlich

die Gestaltung europäischer Bürgerstädte – von der kompakten bis zur zersiedelten Stadt.

Wie fragil aber dieses zivile Gerüst tatsächlich war und ist, spiegelt unter anderem die Unzahl

kriegerischer und rassistischer Auseinandersetzungen innerhalb Europas wider. Die pauschale

Idealisierung der europäischen Stadt hat noch eine weitere Schattenseite, denn ihre Geschichte

und ihr Erfolg ist untrennbar mit der Kolonialisierung der Welt durch die Europäer verbunden,

angefangen von den Eroberungszügen der Antike über die Entdeckung der Neuen Welt bis in

das Industriezeitalter. Nüchtern besehen, ist das viel gepriesene Modell der europäischen Stadt

31


Internationales Symposium Kaliningrad

3 | Gründungsplan von Caracas, um 1560

32

3. Vorträge

weniger eine Verkörperung arkadischer Schönheit und Würde, sondern Ausdruck eines hegemonialen

Denkens europäischer Prägung.

Vor diesem Hintergrund scheint der heutige Bezug auf den Begriff „Europäische Stadt“ mehr ein

emotionaler Anker zu sein, Ausdruck einer Sehnsucht nach einem vermeintlichen Idealzustand

in Zeiten nicht überschaubarer Umbrüche und Transformationen. Aus dieser mentalen Perspektive

ist auch ein Vergleich mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zulässig, als die Balance der

Stadtgesellschaft durch das zunehmend unkontrollierbare Wachstum der Städte massiv gefährdet

war. Heute sind es der globale Wettbewerb und die Individualisierung der Gesellschaft,

die die lokalen, regionalen und nationalen Entwicklungen dominieren und den Blick in die Zukunft

verunsichern.

Im Zuge dieses Wettbewerbs treiben in Deutschland die Rückbesinnung auf die Vergangenheit

und ihre Tugenden zum Teil eigenartige Blüten. Ein besonderes Beispiel sind die Bestrebungen

zur Revitalisierung des Braunschweiger Zentrums: Nach vergeblichen Versuchen, für das kriegsbeschädigte

Schloss in den 1950er Jahren zunächst als Sitz der Technischen Hochschule und

anschließend als Kongresszentrum mit Kino und Hotel neue Nutzungen zu finden und einen

Wiederaufbau durchführen zu können, wurde die Ruine 1960 auf der Grundlage eines demokratisch

gefassten Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung abgerissen und das Gebiet

zugunsten des damaligen städtebaulichen Ideals der autogerechten und durchgrünten Innenstadt

umgestaltet. Als Relikt der Erinnerung blieb im neu entstandenen Stadtpark ein Teich,

möbliert mit Fragmenten des alten Schlosses.

4 | Braunschweiger Residenzschloss vor der Zerstörung im

Zweiten Weltkrieg

5 | Abriss des Braunschweiger Residenzschlosses,

Aquarell von Karl Schmidt, 1960


Zur Aufwertung der Braunschweiger Innenstadt und der Stärkung des Zentrums in Konkurrenz

zu den peripheren Gewerbeansiedlungen und den Nachbarstädten wurde 2003 für das ehemalige

Schlossgebiet der Wettbewerb für ein großes ECE-Center ausgeschrieben. Das zu jeder

Zeit latent vorhandene Bedürfnis nach der Wiederherstellung zentraler historischer Bauwerke,

die infolge des Zweiten Weltkriegs verloren gegangenen waren, wurde aufgegriffen und die

Rekonstruktion der Schaufassade des ehemaligen Schlosses als Entree des Einkaufszentrums

in den Wettbewerb integriert. In Verbindung mit der existierenden verkehrstechnischen Leistungsfähigkeit

des Gebiets aus den Planungen der 1960er Jahre spekulieren die Vertreter der

Stadt Braunschweig und die ECE-Manager auf eine neue Qualität der städtischen Freizeit- und

Repräsentationskultur des Einkaufens. Das Konzept war zuvor schon sehr erfolgreich bei der

erweiterten Nutzung von großen Bahnhöfen oder neu gebauten innerstädtischen Malls als

7 | Freiflächengestaltung um die Braunschweiger Schloss-Arkaden,

2004

9 | Computersimulation der Braunschweiger Schloss-Arkaden, 2003

6 | Areal des ehemaligen Braunschweiger Residenzschlosses nach

dem Abriss

8 | Erdgeschossgrundriss der Braunschweiger Schloss-Arkaden,

2005

10 | Ausführungsmodell der Braunschweiger Schloss-Arkaden, 2005

33


Internationales Symposium Kaliningrad

11 | ECE-Center Brünn (Tschechien), Eröffnung 2005

13 | ECE-Center Wetzlar (Deutschland), Eröffnung 2005

34

3. Vorträge

12 | ECE-Center Klagenfurt (Österreich), Eröffnung 2004

ECE-Center angewendet worden, und der Trend setzt sich ungebrochen fort. Neu ist in Braunschweig

allerdings die radikale Umwidmung des Schlossmotivs als Symbol zentralistisch weltlicher

Macht in die Schaufassade eines modernen Einkaufspalastes. Selbst die vorhersehbaren

Debatten gegen das Projekt scheinen als werbewirksames Mittel einkalkuliert gewesen zu sein

und verschafften ihm eine große öffentliche Resonanz.

An der Geschichte des Braunschweiger Schlossbezirkes lässt sich beispielhaft nachzeichnen,

wie der baulich-räumliche Funktionswandel des Stadtzentrums Ausdruck eines Wertewandels in

der bürgerlichen Stadtgesellschaft des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ist und wie

schwierig sich dabei in der Reflexion ein Rückgriff auf die baulich-räumliche Errungenschaft der

europäischen Stadt gestaltet.

Ein weiterer Versuch, die Abwanderung aus den Städten in die Peripherie zu stoppen und die

Kernstadt neu zu verdichten, ist zentrumsnahes Wohnen wie auf der „grünen Wiese“ anzubieten.

Mitten in Gründerzeitvierteln, die zur Metapher der europäischen Stadt des 19. Jahrhunderts

geworden sind, entstehen unter dem Namen „Stadthäuser“ auf altindustriellen Brachen

oder in größeren Lücken neue, typisch periphere Reihenhaussiedlungen verschiedenster Stilrichtungen.

Diese Tendenz ist auch bei der Transformation von alten Industriebauwerken und der

Revitalisierung von Gründerzeithäusern zu beobachten: Spezifisch suburbane Formen des Einfamilienwohnhauses

werden unter dem Begriff „Wohnen im Loft“ bzw. „Wohnen in der Gründerzeit“

in die alte Bausubstanz implementiert. Neben das ehemals stärker nachbarschaftlich orientierte

Wohnen in Etagenhäusern mit einem gemeinsamen Treppenhaus tritt jetzt das private


14 | Stadthäuser in Leipzig (Plagwitz), 2005

15 | Stadthäuser in Leipzig (Schleusig), 2005

16 | Stadthäuser in Leipzig (Schleusig), 2005

Eigenheim in Gestalt zwei- oder dreigeschossiger Maisonnettewohnungen, im Idealfall mit

separatem Zugang, integrierter Garage und eigener Grünfläche.

Allein diese zwei Beispiele, das ECE-Center als neuer Mittelpunkt der Stadt und die hohen persönlichen

Ansprüche an städtisches Wohnen, machen die tief greifenden neuen räumlichen und

sozialen Konfigurationen deutlich, die den Umbau der „Europäischen Stadt“ im Zeitalter der Globalisierung

und Individualisierung bestimmen.

Perspektiven der europäischen Stadt

Neben solchen massiven Umstrukturierungen, denen sich die Städte im letzten Jahrzehnt stellen

mussten, rückten nur langsam lange bekannte Probleme der europäischen Bevölkerungsentwicklung

in das Zentrum des Bewusstseins – und diese Probleme werden für die Perspektiven

der europäischen Städte umso brennender, je mehr die Verstädterung und der Wettbewerb zunehmen.

Galten bis vor kurzem gesteigerte Mobilität, Flexibilität und Jugendkultur als untrennbare

Einheit und Erfolgsgaranten im globalen Wettbewerb, können sich Europa und seine Städte

nicht mehr länger der Tatsache verschließen, sich parallel zu den nicht abgeschlossenen Transformationen

nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Erweiterung der EU umfassend mit

dem Altern und Abnehmen der eigenen Bevölkerung zu befassen. Selbst Städte, die heute noch

ein Bevölkerungswachstum verzeichnen, stehen akut vor dem Problem der Überalterung ihrer

Bevölkerung.

35


Internationales Symposium Kaliningrad

36

3. Vorträge

Auch dies sind Aspekte der „Europäischen Stadt“, die in erster Linie eines zivilgesellschaftlichen

Umdenkens und eines Besinnens auf die eigenen Potentiale bedürfen, um daraus konkrete

räumlich-bauliche Lösungen ableiten zu können. Zurzeit kursierende Beschönigungsversuche,

den fehlenden Bevölkerungszuwachs durch erhöhte Migration ausgleichen zu können, klingen

schon allein wegen einer zunehmenden Fremdenfeindlichkeit ebenso zynisch wie euphorische

Annahmen einer perspektivisch unbegrenzten und uneingeschränkten Altersmobilität aufgrund

einer exzellenten gesundheitlichen Versorgung.


zur Person

Vita

Name

Dr. Werner Möller

Herkunft

Leipzig/Deutschland

Profession

Designpraktikum bei der Gebr. Thonet GmbH,

Studium Grafik und Malerei sowie

Kunstgeschichte, Neue deutsche Literatur

und Europäische Ethnologie an der

Philipps-Universität in Marburg/Lahn

Tätigkeitsschwerpunkt

Publizist und Kurator

Themenschwerpunkt

Moderne Kunst, 20. und 21. Jahrhundert

37


Internationales Symposium Kaliningrad

4. Vortrag

3.1.4 4. Vortrag –

38

3. Vorträge

Die historisch-städtebaulichen Etappen der

Entwicklung von Königsberg/Kaliningrad

Oleg I. Vasjutin


Die historisch-städtebaulichen Etappen der Entwicklung von Königsberg/Kaliningrad

Die historisch-städtebaulichen Entwicklungsetappen der Stadt Königsberg/Kaliningrad zeigen

die Zusammenhänge und die Gesetzmäßigkeiten in der Ausbildung des städtebaulichen Organismus

im Laufe der Zeit unter Einwirkung verschiedener äußerer und innerer Faktoren.

Das folgende System der Etappen – chronologisch bis zum heutigen Stand der Entwicklung –

verdeutlicht den fortlaufenden Wandel des städtischen Organismus, in dem eine städtebauliche

Struktur mit der Zeit durch eine andere ersetzt wird.

I. Etappe: 1255

Zu dieser Zeit änderten sich in Europa die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Begebenheiten

und es kam zu zahlreichen Stadtgründungen (laut den Angaben von K. Büchner wurden

im 13. Jahrhundert in Deutschland etwa 400 neue Städte gegründet). Der Ursprung von Königsberg

liegt in dieser Zeit der „neuen Städtebildung” in Europa.

Im Jahre 1255 wurden der militärische und politische Wille des in dem Gebiet Kaliningrad ansässigen

Ordens, seine geistlich-missionarische Prägung sowie sein Wunsch nach gestalterischer

Landschaftsveränderung dadurch realisiert, dass unweit der historischen Handelsstraße, die

nach Samland führte, die Burg Königsberg gegründet wurde. Die Burg war Bestandteil eines

Systems von Ordensburgen in Preußen.

Nachdem der Standort für die zukünftige Burg bestimmt war, begann nach vitruvianischen

Traditionen die erste Etappe, die einen fixierenden Charakter hatte. Mit der Gründung der Burg

wurde der städtebauliche Kernpunkt der Stadt, sozusagen ihre Nullkoordinate, sowie die Ausrichtung

des künftigen städtebaulichen Stadtnetzes bestimmt. Abbildung 1 zeigt die Ausrichtung der

Burg in Richtung Rom und Malta (Winkel (f) der Vektorachse (B)), was vermuten lässt, dass eine

Orientierung zum „Mutterland”, dem lateinischen Reich, angestrebt wurde.

Die Gebiete und Ortschaften wurden neu benannt und mit lateinischen Namen versehen, so

wurde beispielsweise das Territorium vor der Burg „insula major” (I), das künftige Löbenicht

„insula inferior” (II), die Insel Kneiphof „insula advocati” (III) genannt. Um die wirtschaftlichen

Bestrebungen des Ordens gewährleisten zu können, wurde ein Damm gebaut, so dass der

Schlossteich entstehen konnte. Dies stellte die erste grundlegende Überformung der Landschaft

innerhalb des zukünftigen Stadtgebietes dar.

Die romanische Stilperiode bildete den Hintergrund für die erste Etappe. Ihre bildliche Charakteristik

ist mit der Landschaft (dem „Berg”) eng verbunden, worauf sich auch der zukünftige

Name der Stadt zurückführen lässt.

Mit Veränderung der Landschaft erfolgte 1255 auch ein Wechsel der städtischen Form – die

preußische Ursiedlung Twangste wandelte sich zur lateinischen Kolonie Königsberg.

Der genetische Code der ersten Etappe ist die „lateinische Metaphysik”.

39


Internationales Symposium Kaliningrad

1 | I. Etappe: 1255

II. Etappe: Ende des 13. bis Ende des 16. Jahrhunderts

Diese Entwicklungsperiode umfasst einen Zeitraum von drei Jahrhunderten, in die sowohl die

Ordenszeit fällt als auch der anschließende Übergang in ein neues politisches Verwaltungssystem,

welches sich im Jahre 1525 im Herzogtum Preußen mannifestiert.

Das Schlüsselereignis dieser Etappe ist die Bildung von drei selbständigen städtebaulichen

Einheiten mit drei Varianten des mittelalterlichen Stadtrechts. Es entstehen die Städte Altstadt

(1286), Löbenicht (1300) und Kneiphof (1327), im Jahre 1340 erfolgt ihre Aufnahme in die Hanse

und damit einhergehend eine europäische Integration.

Die städtebauliche Struktur der drei Städte (Archetyp) stimmt mit der städtebaulichen Typologie

der römischen Militärstädte des 2. Jahrhunderts n. Chr. (Lambesis, Timgad, Gerasa), deren

Grundlage das „hippodamische” Grundraster war, überein.

Da das System des hippodamischen Grundrasters unter christlichen Gesichtspunkten interpretiert

wurde, galt es als mehrmalige Wiederholung des „Lateinischen Kreuzes”. Auf diese Weise

konnten im Städtebau missionarische und sakrale Ziele sowie Aufgaben des ritualen Schutzes

Berücksichtigung finden.

Während dieser Etappe wurde der erste Maßstab der Stadt festgelegt, der Durchmesser betrug

ca. 500 m. Die Dimensionen und Proportionen jeder einzelnen Stadt standen in unmittelbarer

Verbindung zu der Insel Kneiphof und entsprachen ihr, so dass eine räumliche Einheit entstand.

40

3. Vorträge


2 | II. Etappe: Ende des 13. bis Ende des 16. Jahrhunderts

Die Entstehung von drei städtischen Infrastrukturen, von drei europäischen mittelalterlichen

Städten mit jeweils eigenem Rathaus und Markt, mit Kirchen, Festungsmauern, Gräben, Toren,

Brücken und Vorstädten bestimmte die gestalterische Charakteristik des Ortes – das Schloss als

schützende Dominante und Ursprungseinrichtung verfügte praktisch über ein dichtes Parterre

aus drei strukturell miteinander verbundenen und sich gegenseitig ergänzenden westeuropäischen

Städten. Zu dieser Zeit wurde das wichtigste architektonische bzw. städtebauliche Ensemble

errichtet, Schloss und Dom, welches grundlegend die Silhouette der drei Städte prägte.

Im stilistischen Sinne vereint die zweite Etappe Gotik und frühe Renaissance, ihr genetischer

Code ist die „imperiale altrömische Regularität”.

III. Etappe: Anfang des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts

Das entscheidende historische Ereignis, das unmittelbar mit der dritten Etappe der städtebaulichen

Entwicklung verbunden war und die Stadt strukturell bestimmte, stellte die Entstehung

der königlichen, politischen und wirtschaftlichen Hauptstadt von Preußen dar. Zu diesem Zweck

wurden die drei unabhängigen Städte Altstadt, Kneiphof und Löbenicht 1724 zu einem gemeinsamen

Königsberg vereint und neue Stadtgebiete mussten erschlossen werden.

In Folge einer Verteidigungsinitiative, die dem neuen Status der Stadt entsprach, wurden moderne

Wallbefestigungen errichtet und der städtische Raum in seiner Maßstäblichkeit erheblich

41


Internationales Symposium Kaliningrad

3 | III. Etappe: Anfang des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts

erweitert. Der Durchmesser der neuen Befestigungsanlagen betrug etwa 3 km, der Bau erfolgte

in zwei Abschnitten.

Im ersten Abschnitt (1626-1843) wurde ein vereinfachtes Wallsystem geschaffen. Die für jene

Periode geringe Dichte der inneren Stadt wirkte sich auf die Geometrie der Befestigungen aus,

eine ideale Umfangslänge konnte noch nicht erreicht werden.

In der zweiten Etappe (1843-1862) wurde das Wallsystem vervollständigt: Die nun vorhandene

Dichte in der inneren Stadt zwang die Geometrie der Wallbefestigung in eine bessere Form –

einen Kreis, dessen Umfangslänge sich nach allen Regeln der Schanzkunst jener Zeit berechnen

ließ.

Die Besonderheit der städtebaulichen Struktur dieser Periode liegt darin, dass ein Stadtkörper

entsteht, der sich aus zwei Typen des städtebaulichen Systems zusammensetzt:

- Typ I ist die städtebauliche Ordnung des hippodamischen Rasters im zentralen Teil der Stadt;

- Typ II ist die radiale Struktur der inneren Stadt, die aufgrund von historischen und natürlichen,

zum Schloss führenden Wegen und Handelsstraßen entstand.

Für diese Periode ist die architektonisch und städtebauliche „Vielfalt” der städtischen Ausgestaltung

charakteristisch: die Entstehung neuer Gebäudetypen, Plätze, Räume, Landschaften usw.

Die große, stilistische Vielfalt dieser Etappe äußert sich in der Kombination von Renaissance,

Barock, Rokoko, Klassizismus (der Stil „Zopf”) und Biedermeier. Vor diesem Hintergrund wird die

42

3. Vorträge


kulturell-städtebauliche Erscheinung der sieben Königsberger Brücken besonders hervorgehoben,

die das Phänomen der „städtebaulichen Mathematik” (Euler-Formel) enthalten.

Die Charakteristik der dritten Etappe der Stadtentwicklung könnte folgendermaßen beschrieben

werden: Das Stadtgefüge setzt sich aus dem dicht bebauten, zentralen Stadtkern und den periphereren

Bereichen zusammen, in denen die Landschaft noch sehr natürlich erhalten ist. Obwohl

es sich bei Königsberg um die Hauptstadt Preußens handelt, haben Teile der Stadt eine verhältnismäßig

provinzielle Prägung.

Der genetische Code dieser Etappe geht auf die Ästhetik der „mathematischen Kultur der Renaissance”

zurück.

IV. Etappe: Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts

Die vierte städtebauliche Etappe entwickelte sich vor dem Hintergrund der aufkommenden industriellen

Revolution, die die Lebensqualität bzw. den Lebensstil beeinflusste. Nachdem sich

Eisenbahn, Straßenbahn und Automobil etabliert hatten, änderte sich die Vorstellung über die

Geschwindigkeit wesentlich, darüber hinaus entstand eine neue räumliche Wahrnehmung.

Das mit Verteidigungswällen umgebene Königsberg, eine Stadtfestung mit historisch gewachsener,

dichter Stadtbebauung, erschöpfte zum Ende des 19. Jahrhunderts seine Flächenpotentiale

und erreichte einen kritischen Punkt in der Entwicklung. Deshalb ist zum Anfang des 20.

Jahrhunderts die Tendenz zu erkennen, mit der städtischen Entwicklung in die außerhalb der

Verteidigungsanlagen liegenden Bereiche zu drängen.

Mit der Veränderung der Verteidigungsdoktrin wurde eine neue Dimension in der Ausdehnung

der Stadt erreicht: In der Zeit zwischen 1905 und 1908 wurden 17 Vororte mit einer Gesamtfläche

von 2.530 Hektar eingemeindet. Zur Sicherung der Stadtfläche wurde ein neuer Verteidigungsgürtel

geschaffen, der sich aus zwölf Forts zusammensetzte.

Die Besonderheit in der Struktur der vierten Etappe bestand darin, dass die nord-westliche

Ausrichtung vorherrschend war. Diese verfolgte in jener Zeit das Leitbild der „Gartenstadt”, die

Tendenz zur Desurbanisierung fand hier ihren Ursprung. Im Ergebnis zerfiel die Stadtstruktur

Königsbergs, sie konnte nicht mehr als Ganzes gelesen werden. Die fortschreitende Entwicklung

der modernen Verkehrsinfrastruktur glich mögliche Folgen dieses negativen Prozesses aus und

bestimmte die städtische Mobilität, außerdem konnten neue Territorien infrastrukturell schnell

erschlossen werden.

Nachdem die neuen Stadtgebiete Amalienau und Maraunenhof ebenfalls zu Königsberg gezählt

wurden, zeichneten sich zwei Typologien der Strukturierung des städtischen Raumes ab. Die

erste Typologie war die dichte und geschlossene, radial-zentrische innere Stadt, die zweite

Typologie wurde durch die eher locker und offen gebaute Stadt verkörpert. Diese Gebiete verfügten

über Bereiche mit unabhängigen städtebaulichen Verflechtungen, die außerdem eine zu

Königsberg differierende Ausrichtung besaßen.

43


Internationales Symposium Kaliningrad

4 | IV. Etappe: Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts

Eines der markanten Planungsprinzipien war die Anwendung von Fächernetzen im Städtebau.

Die Eigenart dieser Etappe besteht in der Dezentralisierung der Stadt und der sich herauskristallisierenden

Gegenüberstellung und Trennung der städtischen Struktur von Altem und Neuem, Archaik

und Gegenwart. Der Inhalt der Stilperiode ist die Überarbeitung der vorherigen ästhetischen

Erfahrung, d.h. Eklektizismus (Historismus-Stilisierung) und Neoklassizismus.

Der genetische Code der vierten Etappe ist die „Regularität der Gartenstadt” von Ebenezer

Howard.

V. Etappe: Erstes Drittel des 20. Jahrhunderts

Den Charakter der Prozesse der fünften Etappe in der Stadtentwicklung kann man als die

„Realisierung” eines dritten Konzeptes auffassen. Dieses Konzept prägte den Raum grundlegend,

war jedoch nicht von Dauer, es beschreibt die Wechselwirkung und das gegenseitige

Eindringen des dichten inneren Raumes in den eher landschaftlich geprägten äußeren Bereich

der Stadt und umgekehrt.

Im Jahre 1910 wurde ein Teil der alten Wallbefestigung in der inneren Stadt abgerissen. Im Anschluss

erfolgte die Vereinigung zweier „Städte” bzw. bislang getrennt gelegener Stadtgebiete –

der alten, inneren Stadt innerhalb der Wallbefestigung und der neuen, äußeren Stadt, die dem

Wesen nach ein selbständiges Gebilde war. Möglich wurde diese Entwicklung, weil an den ent-

44

3. Vorträge


5 | V. Etappe: Erstes Drittel des 20. Jahrhunderts

sprechenden Orten gesellschaftliche Kommunikationszentren (A, B) und architektonische bzw.

städtebauliche Ensembles realisiert werden sollten, die den nun modernen Anforderungen genügen

mussten und im alten Stadtgefüge nicht hätten realisiert werden können. Letztendlich erfolgte

eine gegenseitige Beeinflussung zwischen beiden städtebaulichen Stilrichtungen. Mit der

Entstehung der wichtigsten städtebaulichen Achse in der Stadt, als Weiterentwicklung von

„cardo”, entstand ein großer städtebaulicher Abschnitt (1.200 m). Ähnliche Achsen konnten bereits

früher im Stadtgebiet ausgemacht werden, sie verbanden städtische Knoten miteinander –

die neue Achse allerdings verlief entgegen der ursprünglichen Ausrichtung der Stadt bei ihrer

Gründung.

Demzufolge war für die städtebauliche Struktur dieser Etappe der Übergang vom Monozentralismus

zum Polyzentralismus charakteristisch.

Nachdem der Ring der Wallbefestigung seine frühere Funktion verloren hatte, erfolgte seine

städtebauliche Anpassung und er wurde zum landschaftlichen Parkgürtel innerhalb der Stadt umfunktioniert.

Zu dieser Zeit gewannen die Infrastrukturen der Eisenbahn und des Hafens immens an Bedeutung.

Es entstanden neue industrielle Häfen, die dem aktuellen Maßstab der schnell wachsenden

Stadt entsprachen. In der Stadt begannen funktionale Aspekte als ästhetisches Prinzip zu dominieren,

die Zeit war durch den Übergang vom Jugendstil zum Bauhaus gekennzeichnet.

45


Internationales Symposium Kaliningrad

6 | VI. Etappe: „Projektstadt“ Königsberg der 1930er Jahre

Die Charakteristik dieser Periode ist der „frische Atem” der Stadt mit neuen grünen Lungen, die

Demokratie der architektonischen bzw. städtebaulichen Räume mit der Fortbewegungsfreiheit

und der Ästhetik, der Offenheit und der Kontinuität.

Der genetische Code dieser Etappe ist der „Kubismus”.

VI. Etappe: Die „Projektstädte”, Königsberg der 1930er und Kaliningrad der 1950er Jahre

Die Planungen dieser Etappe wurden nicht realisiert. Sie haben allerdings zweifellos einen Stellenwert,

denn sie zeigen die Einstellung zur Stadt in ihrer Weiterentwicklung unter radikalen

Bedingungen. Zugleich können Gemeinsamkeiten bei städtebaulichen Projekten unter der Führung

durch verschiedene Zivilisationen dargestellt werden.

Diese Periode zeigt die „Macht” der Staaten bei der Erschaffung der Gestalt des Stadtraumes

unter verschiedenen Bedingungen staatlich-totalitärer Regime. Die gemeinsame städtebauliche

Kultur der beiden Staaten bestand in der „Regelung” der Stadtform, im Streben nach einem gewissen

Ideal und einer Symbolik in ihrer Erscheinung. In dieser Hinsicht standen sich die beiden

Staaten sehr nah. Die städtebaulichen Maßstäbe der neuen Generalpläne waren gleichwertig

und sahen Proportionen vor, die ausreichten, das Stadtbild in und mit seinem Charakter zu

verändern und den Status der Stadt abzuschwächen.

Die Unterschiede bestanden in der Methode und im jeweiligen Ansatz der Projekte. Die deutsche

Planung sah Kontinuität und die stabile Weiterentwicklung der Idee des Polyzentralismus vor.

46

3. Vorträge

7 | VI. Etappe: „Projektstadt“ Kaliningrad der 1950er Jahre


Das Bild des „Lateinischen Kreuzes” sollte aufgegriffen werden und die Fortsetzung der „imperialen

römischen Tradition” zur Anwendung kommen. Die städtebauliche Planung der Sowjetunion

hingegen forcierte die Rückkehr zum Monozentralismus des städtebaulichen Radial-Ring-

Systems, was eine drastische Veränderung für die Stadt bedeutete, denn die bisherige Entwicklung

sollte praktisch nivelliert werden.

Der genetische Code dieser städtebaulichen Struktur ist die „koloniale Übertragung der städtebaulichen

Formen von Moskau und St. Petersburg”.

VII. Etappe: Zweite Hälfte bis Ende des 20. Jahrhunderts

Nach der Verwandlung von der Hauptstadt Ostpreußens in eine provinzielle russische Stadt fügte

sich Kaliningrad exakt in die Kategorie der „Provinz” ein, denn dieses Wort hatte im Römischen

Reich die Bedeutung „des besiegten Landes”. Bei der Betrachtung dieser Etappe muss man den

Begriff der „Beutestadt” anführen, es gilt schließlich – aus russischer Sicht – festzustellen, dass

das „Fremde” zu „Unserem” wurde. Man eignete sich die Stadt an und kolonisierte sie, so dass

sich nach einer kurzen Anpassungsphase die Betrachtungen differenzieren und in Kategorien

wie „unser-fremd”, „alt-neu” oder „Vergänglichkeit-Zukunft” subsumieren ließen.

Am Anfang der 1950er Jahre wurde in den zerstörten Teilen der Stadt ein Standort gesucht, der

eine selbständige städtebauliche Einheit für repräsentative Zwecke beherbergen könnte – der

Stanlingradkij Prospekt (heute Prospekt Mira). Als Ergebnis dieser Bemühungen entstand ein

Ensemble im Sinne des stalinistischen monumentalen Neoklassizismus.

Zu Beginn wurde der Wiederaufbau noch auf Grundlage der historisch gewachsenen Stadtstruktur

durchgeführt, weshalb das Stadtbild zu jener Zeit aus zwei Komponenten bestand: den

architektonisch bzw. städtebaulichen Strukturen der deutschen Zeit und den Strukturen der neuen,

sowjetischen Periode. Die in den 1960er Jahren entwickelten Generalpläne der Stadt bedeuteten

allerdings eine vollständige Abkehr von den historischen, jahrhundertelang bestehenden

Planungsinhalten der Stadt. Die architektonischen Unionswettbewerbe, die 1964 und 1974

durchgeführt wurden, brachten neue Entwürfe hervor. Letztlich wurde eine neue ideologische

Richtung vorgegeben und die vollständige Abschaffung der vorherigen architektonischen bzw.

städtebaulichen Ausgestaltung beschlossen. Am Anfang führte das dazu, dass an gleicher Stelle

zwei absolut verschiedene Städte entstanden, ihre architektonischen bzw. städtebaulichen Strukturen

zusammenstießen und später die gestalterische Ausprägung, der Maßstab, der Charakter

der Stadt und das gesamte Stadtbild grundlegend geändert wurden.

Der inhaltliche Kern der neuen sowjetischen Stadt war die Ausweisung einer offenen, freien

Fläche von 85 Hektar im Zentrum und ihre Querung durch zwei städtebaulichen Achse (Moskowskij

und Leninskij Prospekte), die mittels einer neuen dominanten Symbolik (dem Haus der

Sowjets) an städtischer Bedeutung gewinnen sollte.

Mit dem Übergang zum industriellen Massenbau begann das soziale und wirtschaftliche Experiment

in der Architektur, das die Diktatur der Standardisierung und des Typenbaus einführte – die

ihrerseits die neuen Prinzipien in der Stadtgestaltung vorbestimmten. An die Stelle der Ensem-

47


Internationales Symposium Kaliningrad

8 | VII. Etappe: Zweite Hälfte bis Ende des 20. Jahrhunderts

blearchitektur von Straßen und Plätzen trat die einseitige, oftmals monotone und homogene

Bebauung von Gebieten – so wurde unter anderem auch keine zeitliche Entwicklung berücksichtigt

oder eine zeitliche Staffelung beabsichtigt. Mit der fortschreitenden und uneingeschränkten

Verbreitung der Ideologie des Wohnungsbaus in Standards und immergleichen Typen in der

gesamten Stadt wurde die Parzellierung der Räume erweitert, was zu einer wesentlichen Ausdehnung

der Stadt führte – eine Entwicklung, die die Formen- und Raumvielfalt der historischen

Stadt egalisierte.

Die Bildung der „neuen sozialistischen Stadt” in der geschilderten Ausprägung, getragen von

Prinzipien, die sich von den existierenden historischen Stadtstrukturen grundsätzlich unterschieden,

wurde zur architektonischen bzw. städtebaulichen Ideologie einer sehr dramatischen Periode,

die Ende der 1950er Jahre begann und mit einigen eher marginalen Änderungen bis heute

anhält.

Die Missachtung der westeuropäischen Kultur, die Weigerung, die historische Stadt zu verstehen

und zu akzeptieren, das Fehlen von Archiven und das bis vor kurzem ideologische Verbot des

Themas „Königsberg” generierten die folgende Entwicklung – den Krieg zwischen Kaliningrad

und Königsberg, diesmal jedoch nicht durch direkte Zerstörung und Vernichtung, sondern durch

neue Bautätigkeit.

Der genetische Code der siebten Etappe der Entwicklung der Stadt ist die „sowjetische

Moderne”.

48

3. Vorträge


Ausblick

Der internationale Architektenkongress, der 1995 in Barcelona stattfand, wurde unter einem

symbolischen und für uns sehr aktuellen Motto durchgeführt: „Vergangenheit, Gegenwart und

Zukünfte”.

Bemerkenswert ist, dass bei der Übersetzung dieses Mottos immer ein Fehler begangen wurde:

Das letzte Wort wurde meist als Zukunft übersetzt. Es ist aber wahr, auch wenn man nur eine

Vergangenheit und nur eine Gegenwart hat, können die Zukunftsformen (Zukünfte) zahlreich

sein. Die Gestaltung der Zukunft bzw. der Zukünfte hängt ausschließlich von den Menschen ab.

Offensichtlich befinden wir uns jetzt am Anfang der achten städtebaulichen Etappe. Wie wird sie

sein? Die Antwort auf diese Frage kann die städtebauliche Doktrin dieser achten Periode geben,

die allerdings erst noch ausgearbeitet werden muss. Deshalb erlaube ich mir, das Thema der

weiteren Diskussion zugänglich zu machen.

Auf Grundlage einer Bewertung der Problemsituationen innerhalb der Stadt soll die städtebauliche

Doktrin eine Diagnose stellen und die weitere Entwicklung in gerichtete und integrierte Bahnen

lenken, so soll sie z.B. die Rolle der Architektur festlegen, Grundprinzipien für eine architektonische

bzw. städtebauliche Politik in der Region formulieren und ganz deutlich die Strategien

vorgeben, die es zu verfolgen und umzusetzen gilt. Weiter soll sie den Fachleuten Methoden und

Technologien an die Hand geben, mit denen Projekte realisiert werden können. Die Doktrin soll

also vornehmlich Ziele, Aufgaben, Hauptrichtungen, Entwicklungsetappen des Städtebaus und

der Architektur sowie Instrumente zu ihrer Realisierung beinhalten. Unter Berücksichtigung der

Doktrin und ihrer Ziele und Aufgaben soll eine Art Leitbild für die Stadt gefunden werden, welches

Assoziationen aufgreift, die unmittelbar mit dem Stadtbild in Verbindung gebracht werden

können. Diese Orientierung an der Realität ist ausgesprochen wichtig. Das Konzept und die

Maßnahmen der Doktrin sollen für die gesamte Region verbindlich und praktikabel sein. Ein dermaßen

umfangreiches und anspruchsvolles Werk kann jedoch nur im Rahmen einer systematischen

Herangehensweise aufgestellt werden.

Zusammenfassung

Offensichtlich gibt es drei konzeptuelle Varianten bzw. Ansätze für die nun anstehende Stadtentwicklung

Kaliningrads.

Der erste Ansatz kommt uns bekannt vor. Er besteht in der Fortsetzung des Baus von Kaliningrad

als eine künstliche, abstrakte Stadt, die mit der Spezifik der Region in keiner Verbindung steht,

sondern eher als ein aggressiver Vorposten an der Ostsee interpretiert werden könnte. In diesem

Fall könnte man die äußeren und inneren Begebenheiten leicht vorhersagen: Alle Integrationswege

sind dann für uns geschlossen, die ständige Komplexität und Angespanntheit einer solchen

Lage wird die meisten inneren Ressourcen aufzehren.

Der zweite Ansatz wäre die Wiederherstellung des alten Königsbergs. Ein außerordentlich

problematischer Ansatz, der archaisch wäre und zudem stark an kindlichen Maximalismus erinnerte.

Dieser Ansatz stellt eine Variante dar, die zum Träumen einlädt, deren Realisierung aber

49


Internationales Symposium Kaliningrad

9 | Die Evolution Kaliningrads

höchst unwahrscheinlich wäre und vermutlich über die Wiederherstellung einzelner Imitationen

nicht hinauskäme. Es könnten lediglich Bruchstücke der Vergangenheit realisiert werden, ein

Weg, der wohl auch nicht im Sinne der Geschichte wäre.

Abschließend soll jetzt der dritte Ansatz kurz vorgestellt werden. Wir setzen die kulturelle Eigenart

der Stadt in die Reihe vieler historischer Städte Russlands und Europas. Eine harmonische

Aufeinanderfolge der Städte Königsberg und Kaliningrad muss geschaffen werden, wofür sämtliche

Energien mobilisiert werden sollten. Wie dieser Ansatz realisiert werden kann, müssen

professionell ausgearbeitete Konzepte aufzeigen und entsprechende Technologien müssen

ebenfalls herangezogen werden. In diesem Fall fänden jedoch die historischen und kulturellen

Komponenten der Stadt und der Region Berücksichtigung, denn sie würden als Grundlage dienen.

Ich glaube, dass dieser Ansatz eine gute Zukunft hat.

Bei der Betrachtung der Kette von Entwicklungsetappen der Stadt sollte man den städtebaulichen

Abbruch in der siebten Etappe besonders unterstreichen. Demzufolge ist die Aufgabe der

achten Etappe, diese Wunden zu heilen und eine harmonische Verbindung sowohl zur siebten

als auch zu allen vorherigen städtebaulichen Etappen herzustellen. Gelingt dieses Ansinnen,

erscheint eine zukünftige stabile Entwicklung der Stadt realistisch.

50

3. Vorträge


zur Person

Vita

Name

Oleg Ivanovic Vasjutin

Herkunft

Kaliningrad/Russland

Profession

Architekt

Tätigkeitsschwerpunkt

Privatbau, Restauration, Rekonstruktion,

morphologische Forschung der

Stadtumgebung,

Projektierung und Publizistik

Themenschwerpunkt

Kulturelle Verbindung

Königsbergs/Kaliningrads

51


Internationales Symposium Kaliningrad

5. Vortrag

3.1.5 5. Vortrag –

Tranformationen

Prof. Marcin Orawiec

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3. Vorträge


Transformationen

Rheinpark Süd – Düsseldorf

Im Jahr 2000 beauftragte die IDR GmbH OX2architekten mit einer Studie über das Zukunftspotential

des ca. 100 ha großen Reisholzer Hafens in Düsseldorf, um die öffentliche Aufmerksamkeit

und das politische Interesse auf den Niedergang eines der letzten zusammenhängenden

Entwicklungsgebiete im Süden der Stadt zu lenken. Der visionäre Charakter des Entwurfes

brachte die Diskussion um die Zukunft des zum Teil industriell genutzten Areals in Gang und veranlasste

die zukunftsorientierte städtebauliche Entwicklung für den Hafen.

2 | Rheinpark Süd – Lageplan

1 | Rheinpark Süd – Perspektive bei Nacht

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Internationales Symposium Kaliningrad

3 | O.Vision – Perspektive

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3. Vorträge

O.VISION – Die Stadt für den Menschen und seine Gesundheit

Der besondere Reiz des städtebaulichen Entwurfes im Auftrag der Projekt- und Entwicklungsgesellschaft

Oberhausen auf dem 60 ha großen ehemaligen Zechengelände mitten im Ruhrgebiet

sind die vielfältigen Chancen zu gesellschaftlicher Modernisierung, wirtschaftlicher Dynamik

sowie technischem Fortschritt und Innovation. In O.VISION vereinen sich diese Herausforderungen

mit einem zentralen thematischen Inhalt von existenzieller Bedeutung: „Der Mensch

und seine Gesundheit”. Die Anmutung des Stadions im städtebaulichen Gesamtbild enthält sowohl

die Präsentation und Ausstellung des menschlichen Idealzustandes, als auch die Beobachtung

und Kontrolle seiner Handlungen.

4 | O.Vision – Lageplan


5 | Schanzenstraße – Perspektive 1 6 | Schanzenstraße – Perspektive 2

Schanzenstraße

Die mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Arbeit schlägt eine im urbanen Maßstab nachvollziehbare

und ausdruckstarke, weil einfache Geste, losgelöst von bestehenden industriellen Strukturen

vor. Selbstbewusst und konsequent linear wird das zukünftige kölsche Medienviertel zu

einem eigenständigen und einprägsamen Stadtquartier entwickelt.

7 | Schanzenstraße – Lageplan

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Internationales Symposium Kaliningrad

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3. Vorträge

8 | Wesseling – Schemaskizze 9 | Wesseling – Model

Wesseling

Das städtebauliche Konzept basiert auf drei radial zueinander angeordneten Makrostrukturen.

Die großen Maßstabssprünge aus der unmittelbaren Umgebung werden innerhalb dieser Einheit

thematisiert und damit ein angemessener Übergang zwischen den unterschiedlichen Ensembels

unterstützt.

Auf der einen Seite bleibt das sich einprägende Bild der drei Blöcke, die es durchaus mit der

Maßstäblichkeit der Industrieanlagen aufnehmen können und auf der anderen Seite die Auflösung

nach innen in die nach Bedarf zugeschnittenen Nutzungseinheiten innerhalb der Blöcke,

die den Übergang zum Maßstab der Siedlungen schaffen.

10 | Wesseling – Lageplan


zur Person

Vita

Name

Prof. Marcin Józef Orawiec

Herkunft

Aachen/Deutschland

Profession

Architekt BDA

Tätigkeitsschwerpunkt/

Themenschwerpunkt

Städtebau, Architektur und Design

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Internationales Symposium Kaliningrad

6. Vortrag

3.1.6 6. Vortrag –

58

3. Vorträge

Stilbesonderheiten der Architektur in Königsberg

vom 13. bis zum 20. Jahrhundert

Prof. Irina V. Belinceva


Stilbesonderheiten der Architektur in Königsberg vom 13. bis zum 20. Jahrhundert

Die Königsberger Architektur entwickelte sich über Jahrhunderte in Bahnen der für die südbaltische

Küstenregion charakteristischen künstlerischen Stilrichtungen. Die mittelalterliche „Backsteingotik“

wurde im 16. Jahrhundert durch die Renaissance in ihrer nordeuropäischen Version

ersetzt, die in der Geschichte als Manierismus bekannt ist, der im Übergang vom Mittelalter zur

Neuzeit in regionalen Schulen der nordeuropäischen Länder zu beobachten ist. Im 17. und am

Anfang des 18. Jahrhunderts erlebte die Architektur der Stadt Phasen des Barocks und des Klassizismus

in ihrer holländischen Form. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts verlief dann unter

dem Zeichen des französischen Einflusses. Der Historismus des 19. Jahrhunderts tritt in Königsberg

in seiner gesamteuropäischen Form auf. Zu seiner Stilrichtung gehört zum Beispiel das

neue Gebäude der Königsberger Universität, das nach einem Projekt von F. Stüler im Stil der

„Neorenaissance“ gebaut wurde. Bauwerke der Jugendstil-Epoche befinden sich hauptsächlich

außerhalb des Stadtzentrums, im Villenviertel (Amalienau, die heutige Kutuzow Straße). Im 20.

Jahrhundert folgte die Architektur der Stadt weiterhin verbreiteten europäischen Stilrichtungen,

so z.B. dem Bauhaus-Stil der 1920er Jahre sowie den Leitgedanken des Umbaus der Stadtumgebung

im Zeitraum des Totalitärregimes (städtebauliches Projekt, 1938).

Als charakteristisches Baumerkmal in Königsberg kann ein bestimmter Konservatismus genannt

werden, der sich im Beibehalten der mittelalterlichen städtebaulichen Struktur im Zentrum der

Stadt zeigt. Dieser dauerte in einer fast unveränderten Form bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts

an. Außerdem wurde eine zeitliche Verzögerung beobachtet, die durch die Entfernung

der Stadt von den Hauptkulturzentren Europas bedingt wurde.

1 | Königsberger Stadtplan von Jochim Bering, 1613

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Internationales Symposium Kaliningrad

2 | Fragment aus dem Epitaph – Königsberg in Gestalt von Jerusalem

Bei der Stadtgründung (im Jahre 1255) wurde der reguläre Plan nach Hippodamos, der in seiner

Struktur einem Gitterraster ähnelt, zugrunde gelegt. Eine besondere Regelmäßigkeit ist im Plan

der Altstadt zu beobachten. Die Altstadt erstreckte sich in die Ost-West-Richtung, entlang des

Flussbettes, das mit den noch im Altertum entstandenen Handelswegen zusammenfiel. Die

Langgasse (heute Moskauer Prospekt) lief durch das ganze Stadtterritorium und verband die

gegenüberliegenden Stadttore. Mit dem gleichen Abstand zur Hauptstraße verliefen parallel zwei

weitere Straßen, die von Querstraßen im rechten Winkel durchkreuzt wurden (Abb. 1).

Die Städtegründung auf den von Kreuzfahrern eroberten Heidenländern war nicht nur durch den

praktischen Bedarf einer Handelserweiterung oder durch die Aneignung der landwirtschaftlichen

Nutzfläche begründet, sondern auch durch die innere geistige Bedeutsamkeit, die die Bitterkeit

und Entbehrungen während des Einlebens in den fremden Ländern rechtfertigen sollte. Als

städtebauliches Ideal konnte den Rittern des Teutonischen Ordens (Deutscher Ritterorden) nur

die den Christen erst vor kurzem abhanden gekommene, aber im Gedächtnis vieler Ritter noch

präsente heilige Stadt Jerusalem und ihr verehrtes himmlisches Urbild dienen. Bekanntlich sind

die Regeln der Stadtplanung im Mittelalter vom Bild der heiligen Stadt Jerusalem durchdrungen.

Die Vorstellungen der Stadtformen des „Himmlischen Jerusalems” beeinflussten die irdische

Architektur.

Es wird als sehr wahrscheinlich angenommen, dass sich die Kreuzfahrer bei der Kolonisierung

der eroberten Länder im Nordosten Europas und bei der Gründung neuer Siedlungen in erster

Linie nach dem Vorbild der untergegangenen, aber an ihrer Heiligkeit nichts einbüßenden Stadt

60

3. Vorträge


ichten konnten. Laut der Apokalypse treten gleichzeitig mit dem Untergang der früheren Stadt

Jerusalem die Bedingungen für die Errichtung der neuen irdischen Stadt Jerusalem auf (Apokalypse

3, 12). Möglich ist, dass die von dem Orden gegründeten Städte im Baltikum das Thema

des Wiederaufbaus Jerusalems auf Erden variieren bzw. verkörpern sollten. Die Verbindung der

Idee von Jerusalem – sowohl des irdischen als auch des himmlischen – mit Königsberg bezeugen

mehrere Tatsachen. So existierte nicht weit entfernt vom preußischen Königsberg bereits im

19. Jahrhundert ein altes Schloss, das den Namen Jerusalem trug. Ein russischer Reisender

schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts: „Jerusalem liegt von Königsberg in der Entfernung von

einer Dreiviertelstunde (...). Der Name dieses Ortes hat einen besonderen Ursprung. Deutsche

Ritter sollten bei ihrer Aufnahme in den Orden nach Jerusalem pilgern, da diese Stadt das ursprüngliche

Ziel des Ordens war. Nach dem Verlust der heiligen Grabstätten konnten sie ihr

Gelübde nicht erfüllen, strebten aber danach wenigstens ihr Versprechen zu halten. Deswegen

haben die Ritter an diesem Ort ein Schloss gebaut, es Jerusalem genannt und ihr Gewissen damit

beruhigt, hierher gepilgert zu sein und sich hier mit den Ritterspielen vergnügt zu haben.“ (1)

Im 14. und 15. Jahrhundert waren die Kreuzzüge nach Preußen unter den europäischen Rittern

überaus populär, auch unter denen, die nicht zu dem Teutonischen Orden gehörten. Fahrten

nach Königsberg und die Teilnahme an den Kriegen gegen die Heiden galten als ein besonderer

Verdienst und ein Privileg. Sie waren in ihrer Bedeutsamkeit mit den Pilgerungen nach Rom,

Jerusalem oder Santiago de Campostela vergleichbar. Während des Wartens auf den nächsten

Aufbruch zu einem Kreuzzug im preußischen Königsberg, gegen die östlichen Heiden – Preußen,

Litauer, Slawen (die zu dem damaligen Zeitpunkt bereits christianisiert waren) – verbrachten

die Ritter aus ganz Europa – England, Schottland, Nord- und Süditalien, Aragon, Portugal,

Deutschland – ihre Zeit mit Festen, Ritterspielen und der Jagd.

Von der Verbindung Königsbergs mit dem Bild des „Himmlischen Jerusalems” zeugt das Epitaph

für Johann von Nemitz (1476-1556), das in Olsztyn (Allenstein, Polen) im Museum von Ermland

und Masuren aufbewahrt wird. Es befand sich früher im Nordschiff des Königsberger Doms. Es

ist eine einfache Komposition mit dem malerischen Kruzifix in einer architektonischen Umrahmung.

Das interessanteste Moment auf diesem Denkmal ist die im Hintergrund, in Form des

irdischen Jerusalems, dargestellte Stadt Königsberg mit den für sie charakteristischen Türmen

und Spitzen der Kirchen. Das Bild wurde vom Hofmaler des Herzogs Albrecht, dem bedeutendsten

Künstler Königsbergs im 16. Jahrhundert, Heinrich Königswieser (1530-1583) gezeichnet,

der sein Können in Wittenberg beim bekannten Meister der nördlichen Renaissance in Deutschland,

Lucas Cranach, der ihn aufs Höchste in seinen Briefen an den Herzog gelobt hat, erworben

hatte (Abb. 2). (2)

Im Laufe der nachfolgenden Urbanisierung in der Nähe der bereits gegründeten Küstenstadt

Königsberg wurden nach und nach neue städtebauliche Erweiterungen an die Altstadt angebaut,

die als „Neustadt“ bezeichnet wurden. Jede neu erbaute „Neustadt“ besaß ihre eigene Administration

(Stadtrat), Werkstatt-Organisationen und sogar besondere Berufsstände. Neben der politischen

und wirtschaftlichen Selbständigkeit wurden die „Neuen Städte“ durch ihre eigene städtebauliche

Struktur in Form eines Netzes von den zueinander senkrecht verlaufenden Straßen,

dessen Modul bewusst mit dem Gründungsmuster der Altstadt nicht übereinstimmte, geprägt.

Die „Neuen Städte“ wurden von eigenen Stadtmauern umschlossen, die von allen Seiten, auch

61


Internationales Symposium Kaliningrad

3 | Königsberger Stadtplan von Suchodolez Mladschij, 1740

von der Seite des benachbarten älteren Stadtteils, hochgezogen wurden. Das Vorhandensein

bedeutsamer Restriktionen ließ die „Neuen Städte“ von Anfang an nur eine zweitrangige Position

einnehmen. Nur zwei der „Neuen Städte“ – der Hauptteil von Gdansk und der Kneiphof in Königsberg

(zunächst „Neustadt“ genannt), konnten dank ihrer günstigen Lage und der Ansiedlung

von Händlern zu würdigen Konkurrenten der Altstädte, im letzteren Fall von Königsberg, werden.

In einer weniger vorteilhaften Position war Löbenicht, dessen Entwicklung durch die Nähe der

preußischen Siedlung Lipze gestört wurde.

Eine wichtige Etappe in der Geschichte der Bildung der räumlichen Strukturen in Königsberg ist

mit dem Bau des Schutzwalles in den Jahren 1624 bis 1636 verbunden, er hat die Stadt praktisch

als ein Gesamtensemble im kultur-architektonischen Sinne gefasst. Wenn man das Erscheinungsbild

Königsbergs im 17. Jahrhundert und die ersten Projektpläne des Baus von St. Petersburg

vergleicht, erkennt man auch eine gewisse Ähnlichkeit der Formierungsprinzipien der

Raumstruktur beider Städte. Das zeigte sich in den Projektideen der St. Petersburger Burg

(1703), bei der Planung der Wassili-Insel von D. Treseni (1714) und in den Projekten des Hauptplans

J.B.A. Leblonds (1717), aber auch in vielen anderen Ideen bezüglich der neuen Hauptstadt

(Abb. 3, 4).

In erster Linie fällt die Ähnlichkeit in der Auswahl der Stadtlage auf. Wie Königsberg lag auch

St. Petersburg in einer gewissen Entfernung zum Meer, auf der Fläche der drei großen Inseln,

die durch Flussarme getrennt sind. Natürliche Übereinstimmungen wurden durch die Anwendung

der Planungsprinzipien verstärkt. Auf den früheren Stadtplänen Königsbergs aus dem 17. und

dem beginnenden 18. Jahrhundert sowie im bekannten Planungsprojekt von St. Petersburg von

62

3. Vorträge


4 | St. Petersburger Stadtplan von J.B.A. Leblond, 1717

J.B.A. Leblond ist eine reguläre Stadt vorgestellt, die durch die Flussarme in einzelne Stadtviertel

unterteilt ist, und die in eine Ellipse von Festungen mit nach außen hinausragenden figürlichen

Zinnen eingeschlossen ist.

Man muss die Existenz einiger prinzipiell ähnlicher Details der Planungen von Königsberg und

St. Petersburg hervorheben. In diesen Städten wird das Hauptbett des Flusses von einer Zitadelle

abgeschlossen, die in Königsberg beim Ausgang des Flusses aus der Stadt auf der künstlichen

Insel liegt. In St. Petersburg hingegen findet sie sich – spiegelverkehrt – beim Eintreten

des Flusses in die Stadt, auf der natürlichen Flussinsel. Auf der Sajatschij-Insel in der Mitte der

Newa wurde ursprünglich nach der Anordnung des Zaren Peter I. 1703 eine „Befestigung aus

Erde“ mit sechs Bastionen erbaut, dann wurde sie durch eine „Befestigung aus Stein“ ersetzt.

Interessant ist die Idee von Peter I., von einer regelmäßigen Bebauung der Wassili-Insel, deren

Territorium für die Besiedlung durch Händler und Handwerker vorgesehen war. Dies wurde dann

auf der Kneiphof-Insel umgesetzt. Das St. Petersburger Viertel „Neues Holland“ – Zollgebiet sowie

Aufbewahrungs- und Trocknungsplätze des Schiffbauholzes – hat ebenso Analogien zu

Königsberg. Im 17. Jahrhundert gehörten vier Fünftel des Schiffsraumes in Königsberg den Holländern.

Hier existierte eine gesonderte Anlegestelle für Schiffe aus Holland – Holländerbaum.

Der russische Zar Peter I. wohnte in diesem Viertel, kannte sich mit den Zollgesetzen Königsbergs

gut aus und berief sich mehrmals auf die Notwendigkeit einer Übernahme von einigen der

Gesetze.

Eine Vielzahl von Daten bekunden nicht nur den visuellen Eindruck, den Königsberg bei Peter I.,

der eine aktive Annahme von allem Ausländischen begrüßte, hinterlassen konnte, sondern auch

63


Internationales Symposium Kaliningrad

5 | Königsberger Katasterplan, 1815

die Rolle der Einwanderer aus Königsberg beim Bau der ersten regulären russischen Festungen.

So teilt J. Stelin in seinen Schriften mit: „(...) gegründet wurde die Festung St. Petersburg zunächst

auf zwei Erdwällen und dann von Johann Kirschstein aus Königsberg.“ (3)

In baltischen Städten wurden Stadtviertel gleicher Form in einzelne Felder, um ein Vielfaches

eines bestimmten Längenmaßes, geteilt: der so genannte alte kulmische Messstock (4,32 m)

und der neue kulmische Messstock (4,707 m) (Abb. 5). Bekannt ist, dass in die Ostwand der

Kathedrale in Kulma ein Muster des Längenmaßes in Länge von 4,32 m aus Stein eingemauert

war.

In einem Großteil der einzelnen Viertel standen Wohngebäude mit drei bis vier Geschossen, die

jeweils mit der engen Frontseite und mit dem spitzwinkligen zackigen Abschluss zur Straße gerichtet

waren. Die Durchschnittshöhe der Häuser vom Erdgeschoss bis zur Traufhöhe wurde

ebenso reguliert und betrug um die 30 „Fuß“, d.h. etwa 8,6 m.

Stadthäuser eines Bautyps, gleicher Höhe und Breite, die entlang der „roten Linie“ errichtet wurden,

erweckten den Eindruck eines Korridors. Unbedeutende Unterschiede in den Details der

Fassadengestaltung eines Hauses spielten keine wesentliche Rolle in der Organisation des

Areals, das von dicht aneinander gebauten Häusern wie durch eine Mauer abgegrenzt war. Eine

gleichmäßige Reihe von identischen kompositorischen Einheiten bildete ein Charakteristikum

des im Mittelalter entstandenen Straßenareals (Abb. 6).

64

3. Vorträge


6 | Entwicklung der Fassadengestaltung in baltischen Küstenstädten, 14.-19. Jahrhundert

Grundstücke, die den Stadtbewohnern zugeteilt wurden, bezeichnete man als „Erben“. Es gab

ganze und halbierte „Erben“ und so genannte „Buden“. Die Durchschnittsbreite eines Grundstücks,

das für den Bau einer „Bude“ bestimmt war, betrug zwei Messstöcke (ein Messstock

umfasste meistens 4,707 m). Die Breite der Baugrundstücke war nicht einheitlich, es wurde

keine Gesetzmäßigkeit in der Reihenfolge von ein-, eineinhalb-, zwei- und zweieinhalb-Messstöcke-breiten

Modellgrundstücken festgestellt. In Königsberg hatten die Grundstücke im Schnitt

zwei Messstöcke, d.h. sie waren 8,6 m breit und 4-5 Stöcke, d.h. 17,2-21,5 m lang. Die Grundfläche

wurde meistens zu zwei Dritteln bebaut, die restliche Fläche diente der Hofwirtschaft mit

Brunnen.

Die ursprüngliche Bauweise war der Holz- und Fachwerkbau, was durch den Reichtum an den

Baumaterialien Holz und Lehm erklärt werden kann. Es wird angenommen, dass die Fachwerktechnik

von den deutschen Kolonisten aus den nördlichen Teilen Deutschlands eingeführt wurde,

während das Holz schon immer als Hauptbaumaterial in Preußen benutzt wurde. Dächer wurden

mit verbreiteten Hilfsmaterialien wie Schilf, Heu und Brettern gedeckt. Denkmäler des Fachwerkbaus

im Baltikum waren bis zum Zweiten Weltkrieg die Bauwerke auf der Halbinsel Ambarow-

Lastadie in Königsberg.

Bereits im 14.-15. Jahrhundert fingen die wohlhabenden Stadtbewohner an, ihre Häuser aus

Backstein zu bauen. Jede der drei benachbarten Städte – Altstadt Königsberg, Löbenicht-

Königsberg, Kneiphof-Königsberg – hatte ihre eigenen Bauvorschriften. Eines der ältesten Ma-

65


Internationales Symposium Kaliningrad

nuskripte in Königsberg aus dem Jahr 1394 beinhaltete die Erörterung der Bauordnung, die 1385

in Löbenicht aufgestellt wurde. (4) Die Vorschriften regulierten in erster Linie das so genannte

Nachbarschaftsrecht, welches bei steigenden Platzproblemen der schnell wachsenden Stadt

nicht unbedeutend war.

Während der Herrschaft des Herzogs Albrecht von Preußen um 1525 entwickelt sich in Königsberg

die Renaissance, die die Form des „Nordmanierismus“ holländischer Herkunft (zweite Hälfte

des 16. Jahrhunderts bis Anfang des 17. Jahrhunderts) annimmt. Ein starker Einfluss niederländischer

Kultur wird in Norddeutschland, Dänemark und in der baltischen Küstenregion bereits

im 15. Jahrhundert spürbar. Dieser festigt sich weiter ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Von spanischen Katholiken bedrängt, suchen die niederländischen Protestanten eine Unterkunft

in den großen und reichen Hafenstädten Nordeuropas, unter anderem in Königsberg, das mit

den Niederlanden seit jeher durch Handelsbeziehungen eng verbunden ist. Im Jahr 1530 kommen

über 4.000 niederländische Protestanten im toleranten Ostpreußen an und lassen sich in

der Hauptstadt der Region, der internationalen Hafenstadt Königsberg, nieder.

Ein neuer Stil im Städtebau entwickelte sich unter dem Einfluss des Herzoghofes mit seinen

Kunstbestrebungen, der sich an europäischen Hauptstädten orientierte. Herzog Albrecht und der

nächste Herrscher Ostpreußens zeigten ihre besondere Gunst gegenüber den Meistern – Vertretern

des Nordmanierismus – niederländischer Herkunft, was viele historische Quellen und Kunstdenkmale

bezeugen, die bis zum heutigen Zeitpunkt zum überwiegenden Teil verloren gegangen

sind.

Dank der niederländischen Künstler entstand eine einheitliche Kunstrichtung, die sich im Westen

Hollands und in den Küstenprovinzen Deutschlands, Dänemarks, Südschwedens und Nordpolens

ausbreitete und sogar bis nach Riga und Tallin vordrang. (5) Bei der Einrichtung ihrer Arbeitsstätten

in den Küstenstädten Nordeuropas breiteten die Vertreter des „Nordmanierismus“

graphische Zeichnungen und fertig gestellte Kunstwerke aus, die originelle unnachahmliche Besonderheiten

in der Form der künstlerischen Sprache besaßen – wunderliche Grotesken, fantastische,

sich verschlingende und ineinander übergehende Figuren von Menschen, Tieren und

Pflanzen. Umfassend verzierte „Griffe“ und andere Arten der Ornamentik bildeten die Basis des

neuen europäischen Stils. Als Vorlagen dienten zahlreiche Alben von Vredemann de Vries und

von Cornelis Floris, die von Ieronim Kock in Antwerpen gegen Ende des 16. Jahrhunderts graviert

wurden. Die Alben von Vredemann de Vries wurden als „Kataloge“ benutzt, die verschiedenartig

geschmiedete Ornamente und Groteskenabbildungen zeigten. Von Cornelis Floris wurden

die Beispiele für Kompositionsverbindungen der komplexen Verschlingung von figurativen und

ornamentalen Darstellungen übernommen. Beide Künstler haben in Königsberg gearbeitet.

Die Holländer haben die Grabsteine von Herzog Albrecht und von seiner Gattin Herzogin Dorothea

in der Kathedrale angefertigt. Das in seiner Idee und den Kunstformen komplexe Epitaph,

dessen Überbleibsel auch nach dem Krieg auf der östlichen Chorwand zu sehen war, war die

Schöpfung des bekannten niederländischen Meisters Cornelis Floris. Sehr wahrscheinlich stammen

von ihm auch die benachbarten Grabsteine der Herzoginnen Dorothea und Anna. Die bildhauerische

Komposition des Denkmals der Marktgräfin Elisabeth, der Gattin des Herzogs Al-

66

3. Vorträge


7 | Portal der Königsberger Burg – Hofeingang in den Südteil, 1551 8 | Portal des Hauses Nr. 27 in der Langgasse auf dem Kneiphof,

Anfang 17. Jahrhundert

brecht, wurde nach 1541 von Willem van den Block gefertigt, der in Mechelen geboren war und

seine 14-jährige Lehre bei Cornelis Floris in der Königsberger Arbeitsstätte abgelegt hatte. Die

Ausstattung der „Moskowiten-Halle“, die im 16. Jahrhundert entstanden ist, wurde ebenso von

niederländischen Künstlern angefertigt.

Der Renaissance-Stil in seinen Ausprägungen des aus den Niederlanden übernommenen Nordmanierismus

gab sowohl bei der Gestaltung der Portale und des Interieurs der Burg als auch bei

der Ausstattung von Wohnhäusern neue Muster vor (Abb. 7, 8, 9, 10). Es entstehen repräsentative

Fassaden mit üppigen bildhauerischen Verzierungen in Form von Masken, Köpfchen, Tierund

Pflanzenmotiven, die unter dem Einfluss von den auf der Küste weit verbreiteten Mustern

des berühmten niederländischen Künstlers Cornelis Floris oder sogar direkt in seiner Arbeitsstätte

in Königsberg gefertigt wurden.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts bis Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Bauweise in

Königsberg in einem anderen Stil durchgeführt, den man entweder als klassizistischen Barock

oder als barocken Klassizismus bezeichnen kann und der hauptsächlich auf holländische Muster

zurückgriff. In den Städten der Südküste des Baltischen Meeres, wo der Protestantismus bereits

im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts die Oberhand gewonnen hatte, entstand mit der Zeit das

Problem der Errichtung neuer Kirchen. Der protestantische Kirchenbau war in der baltischen

Region nicht weit verbreitet, aufgrund des Vorhandenseins einer bedeutenden Zahl von großmaßstäblichen,

mittelalterlichen Kultgebäuden, die in der Reformationszeit an die protestantischen

Gottesdienste angepasst wurden.

67


Internationales Symposium Kaliningrad

9 | Wohnhaus in der Bergstraße in der Königsberger Altstadt,

Anfang 17. Jahrhundert

Die Einweihung der ersten Reformationskirche in Ostpreußen fand in Anwesenheit von Friedrich

III. und seinem Hof am 22. Januar 1701 statt, am ersten Sonntag nach einem wichtigen

Ereignis – dem Beitritt des preußischen Herzogtums zum Deutschen Reich. Die nach dem Projekt

des Architekten Johann Arnold Nering gebaute Kirche hat eine komplizierte räumliche Gebäudekomposition,

die von Norden nach Süden ausgerichtet ist. Der Plan der Kirche entsprach

der 1649-1655 von einem unbekannten Meister erbauten neuen Kirche in Den Haag. Der unvollendete

Turm der Königsberger Burgkirche ging ebenso auf die früheren Gebäude in den Niederlanden

– Südkirche (Architekt Hendrik de Keyser, 1603-1611) und Westkirche (unbekannter

Baumeister, 1620-1631) – zurück. Die Burgkirche verbindet gotische Überbleibsel (aus Stein

gefertigtes Sterngewölbe der Apsiden und des Turms, der gleichzeitig die Funktion des Glockenturms

übernahm), barocke Kompositionsmethoden in Form des transversal orientierten Innenraumes

und der massiven Säulenordnung im unteren Teil des Turmes sowie weitere klassische

Details. Das Auftreten von gotischen Formen im 17. Jahrhundert kann durch die Wiedergeburt

der Kirchenscholastik und durch die weite Verbreitung des Mystizismus erklärt werden (Abb. 11,

12, 13).

Als charakteristisches Beispiel des örtlichen Stils tritt, außer der Kirche in der Burg „Slobodka“

(1690), das Rathaus der Altstadt hervor. Deutsche Forscher vermuten, dass A. Schlüter den Entwurf

der Decke der Halle des Rathauses auf der Insel Kneiphof in Königsberg (das Rathaus existiert

heute nicht mehr) erschaffen hat. Das Rathaus, das 1695-1696 erbaut wurde, war in seiner

Stilform ein eher modernes Stadtgebäude (Abb. 14). Man vermutet, dass der französische Künst-

68

3. Vorträge

10 | Wohnhaus auf der Junkerstraße auf dem Kneiphof, 1654


11 | Königsberger Burgkirche, 1690

12 | Grundriss der Königsberger Burgkirche, 1690

13 | Königsberg mit Burgkirche im Hintergrund

ler Jean Baptist Broebes, geboren und studiert in Paris, der Schöpfer des Projektes war. Als

Hugenotte aus Frankreich vertrieben, arbeitete er als Bauarbeiter bei dem Rathausbau in Bremen.

1692-1697 war er mit dem Burgbau in Pillau in der Nähe Königsbergs beschäftigt.

Eine Stilanalyse des Bilddekors der Decke bestätigt die Annahme über die Autorenschaft des

berühmten Künstlers A. Schlüter (Abb. 15, 16, 17). Es ist möglich, dass die erste Begegnung

Peters I. mit A. Schlüter im Mai 1697 während des zweimonatigen Aufenthaltes der „Großen

Botschaft“ und des Zaren in dieser Stadt stattfand. Die Ankunft von A. Schlüter in Königsberg zu

diesem Zeitpunkt könnte mit dem Auftrag zur Anfertigung der modellierten Verzierungen der Rathausdecke,

die 1697 oder später beendet wurde, zusammenhängen. In dieser Zeit ist A. Schlüter

bei dem Brandenburger Kurfürsten Friedrich III. (zukünftiger preußischer König Friedrich) im

Dienst.

Die noch im Mittelalter entstandene Bebauung blieb in Königsberg lange erhalten und nahm den

größten Teil des Zentrumsgebietes ein, wobei im 18. Jahrhundert der Bau von städtischen Anwesen

innerhalb der Befestigungen aus Erde, die zukunftsorientiert mit einem großen räumlichen

Durchmesser hergestellt wurden, stark verbreitet war. Die Gestaltung von Palästen folgte den

Stilrichtungen der europäischen Architekturmode – dem späten Barock und dem zurückhaltenden

Frühklassizismus. Gesamteuropäische Stilrichtungen bekamen hier ihre charakteristischen

regionalen Züge, die mit der örtlichen, oberbaltischen Kunsttradition – Einsetzen der Ausdruckskraft

von Backstein als Baumaterial, die Vorliebe für hohe Ziegeldächer usw. – verbunden waren.

69


Internationales Symposium Kaliningrad

Auf den umfangreichen Flächen der Innenstadt und ebenso anstelle von verwitterten oder abgebrannten

mittelalterlichen Gebäuden entstanden neue Paläste und Mehrfamilienhäuser für die

Regierungsbeamten. Klassizistische Anwesen, nach sächsischem und französischem Vorbild

mit Elementen des Rokoko-Stils, blieben in Königsberg noch bis zum Zweiten Weltkrieg erhalten.

Es waren das Anwesen von Saturgus in Lastadie, der Königspalast auf der Königsstraße, das

Anwesen von Dennhof auf dem Bergplatz und das Anwesen von Wallenrode.

Der russische Architekt und Gartenbaumeister A. Bolotov hob in seinen Erinnerungen insbesondere

den regulären Park im Anwesen des Händlers Saturgus hervor – im Rokoko-Stil erbaut, mit

zahlreichen Motiven, wunderlich geschnittenen Bäumen, Spalieren, Springbrunnen, Gewächshäusern,

Tiergarten und einer Kunstkammer. Dieser Park wurde 1753 auf der Fläche des hier

bereits seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts bestehenden großen Gartens angelegt. Nicht ausgeschlossen

ist, dass die Eindrücke dieses Parks die Formierung der zukünftigen Tätigkeit des

berühmten Gartenbaumeisters beeinflusst haben.

Zu den Veränderungen des Stadtbildes im 19. Jahrhundert gehören der Verfall und der danach

folgende Wiederaufbau der Altstadtkirche. Wegen des weichen Grundes senkte sich die Kirche,

der Westturm krankte, auf den Säulen und auf den Deckengewölben zeigten sich Risse. Man

musste die Kirche abreißen. An dieser Stelle wurde ein Platz geschaffen, der später den Namen

des Kaisers Willhelm trug. Die neue Kirche der Altstadt wurde in der Nähe, an der Stelle des alten

Theaters, unter der Projektführung des berühmten Architekten F. Schinkel im Stil der Neogotik

gebaut (eingeweiht 1845).

70

3. Vorträge

14 | Königsberger Rathaus auf dem Kneiphof, 1695 15 | Deckengestaltung des Rathauses, 1696-1697, A. Schlüter

16 | Fragment der Deckengestaltung im Rathaus, 1696-1697,

A. Schlüter

17 | Detail der Deckengestaltung, 1696-1697, A. Schlüter


Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderte sich das Erscheinungsbild der einzelnen Straßen der

Innenstadt. Das örtliche Netz der kurvenförmigen Straßen wurde zum Teil begradigt, anstelle der

mittelalterlichen, verwitterten Gebäude wurden Häuser im Geiste des Historismus des 19. Jahrhunderts

erbaut und reichlich mit Neogotik- und Neorenaissance-Dekor geschmückt. In diesem

Stil wurden auf dem Hauptplatz (Parade-Platz) 1842-1862 das Universitätsgebäude (nach dem

Projekt von F. D. Stüler, F. Schinkel-Lehrling) sowie die mit der Universität verbundenen Kliniken

und Institutionen gebaut. Die Einheitlichkeit und Ganzheit der natürlich entstandenen historischarchitektonischen

Umgebung wurden durch die ästhetischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts

über die ideale Bauweise beeinträchtigt. Anstelle der historischen Bebauung entstanden Anlagen,

die im Sinne der europäischen „Geschichte“ stilisiert wurden, aus denen sich die neuen

Straßen baulich und räumlich zusammensetzten. Die Erweiterung und die Veränderung der

Straßen hatten auch einen positiven Effekt, da dies gleichzeitig zum verbesserten Wohnkomfort

der Stadtviertel führte. Alte Wasser- und Abflussgräben wurden zugeschüttet, stehende Gewässer

wurden gereinigt und eine Kanalisation wurde aufgebaut. Der Nachteil der Rekonstruktionsarbeiten,

die um die Burg herum durchgeführt wurden, war die Zerstörung der im historischen

Sinne kostbaren mittelalterlichen Stadtbebauung. Auf der anderen Seite gab es auch Modernisierung

und Umbau der erhalten gebliebenen Fassaden und den Bau von zahlreichen Handelseinrichtungen.

Zu Gunsten einer Erweiterung der Räumlichkeiten für Handelsfirmen wurde 1893

das Haus, in dem einst I. Kant wohnte, abgerissen. Große Bauarbeiten wurden in Königsberg

nach dem Ersten Weltkrieg erst Anfang der 1920er Jahre wieder aufgenommen. Deren Initiator

und Inspirator war H. Lomeier (1881-1968), der 1919 zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Mit

seiner Beteiligung wurde die Idee der Umwandlung der ganzen Königsberger Umgebung in eine

Gartenstadt Wirklichkeit.

Schwankungen im Bebauungsprozess des Zentrums spiegeln den Entwicklungsweg der heimischen

Architektur in der Nachkriegszeit wider. Die nach dem Krieg entstandenen Struktur- und

Plansysteme für das Zentrum Kaliningrads spalteten sich in mehrere Varianten. Eine sah eine

Verlagerung des Kaliningrader Stadtzentrums in eines der Innenstadtviertel vor, andere schlugen

gar ein neues Stadtzentrum vor, welches die ganze Fläche des historischen Zentrums einnehmen

sollte. Die Entwicklung der architektonischen Gestaltung der Stadt verlief von der differenzierten

Teilung des Kulturerbes in das „Eigene“ und das „Fremde“, in das für den sozialistischen

Bau „Geeignete“ und das für die Anwendung „Ungeeignete“. Im 20. Jahrhundert schließlich erfolgte

die Anerkennung der Vorzüge jeder historischen Architekturform, vor dem Hintergrund der

„aktualisierten“ schöpferischen Methoden der Postmoderne.

In der Stilveränderung des architektonischen Bildes der Stadt Königsberg/Kaliningrad können

vier große Etappen hervorgehoben werden. Jede von ihnen entsprach in ihrer Veränderung

einem bestimmten herrschenden Paradigma. Die mittelalterliche Stadt verkörperte die Idee des

Wiederaufbaus des „Himmlischen Jerusalems“ auf der Erde. In der Neuzeit, 16.-18. Jahrhundert,

wurde der Architekturstil durch das Konzept der Bildung eines starken Weltstaates beseelt, der

sich auf die protestantische Glaubenslehre stützte und seine künstlerischen Impulse in der

holländischen und später in der französischen Kultur schöpfte. Im 19. bis zur ersten Hälfte des

20. Jahrhunderts wurde die Idee des Nationalpatriotismus, der in verschiedenen Formen auftrat

– von der grundlegend progressiven Rückbestimmung der Romantik-Epoche auf das mittelalterliche

Erbe Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Nationalsozialismus der Vorkriegs- und Kriegs-

71


Internationales Symposium Kaliningrad

18 | Nachkriegsprojekt für das Kaliningrader Zentrum, 1950er Jahre

periode – zu einem der führenden Paradigmen. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die

Stadt die Hauptstadt des russischen Gebiets wurde, ist durch die Idee der Errichtung einer neuen

sozialistischen Stadt auf den Ruinen des niedergeschmetterten „Deutschtums“ geprägt (Abb.

18). Nach der „Perestrojka“ und der Öffnung der Stadt in den 1990er Jahren entstand das Bedürfnis

nach der Ausformulierung der neuen geistigen Konzeption für die Stadt, die man als „Kaliningrad

– eine Stadt mit europäischen Wurzeln und Traditionen und mit einer europäischen Zukunft“

bezeichnen kann.

Bemerkungen:

1 Rosenwahl, P.: Bemerkungen eines Russen über Preußen und dessen Bewohner, gesammelt auf einer im Jahr 1814, durch dieses Land

unternommenen Reise – Mainz, 1817, S. 147-148

2 Dethlefsen, R.: Die Domkirche in Koenigsberg in Pr. nach ihrer jüngsten Wiederherstellung – Berlin, 1912, S. 61

3 Stelin, J.: Aufzeichnungen über die schönen Künste in Russland – M., 1990, T.1

4 Hauke, K.: Das Buergerhaus in Ost- und Westpreussen – Tuebingen, 1967

5 Bialostocki, Jan: Obszar nadbaltycki jako krajobraz artyctyczny w XVI wieku

Bialostocki, Jan. Refleksje i syntezy ze swiaya sztuki. – Warszawa, 1978

6 Gause, F.: Königsberg in Preußen. Die Geschichte einer europäischen Stadt – Leer, 1989

72

3. Vorträge


zur Person

Vita

Name

Prof. Irina Viktorovna Belinceva

Herkunft

Moskau/Russland

Profession

Doktorin der Kunstwissenschaften

Tätigkeitsschwerpunkt

Kunst- und Architekturgeschichte

Themenschwerpunkt

Städtebau und Architektur in Kaliningrad

und im Kaliningrader Gebiet,

Architekturgeschichte Königsbergs

73


Internationales Symposium Kaliningrad

7. Vortrag

3.1.7 3. Vortrag –

74

3. Vorträge

Geschichtliches und Gegenwärtiges in der Planstruktur

des Zentrums von Kaliningrad

Venzel T. Salachov


Geschichtliches und Gegenwärtiges in der Planstruktur des Zentrums von Kaliningrad

Bis in die 1990er Jahre zielte man mit städtebaulichen Bau- und Projektmaßnahmen im Zentrum

von Kaliningrad auf die Schaffung einer neuen Stadt mit einem neuen Charakter ab. Im Zuge

dieser Veränderungen ignorierte man die über Jahrhunderte entstandene Struktur der Stadt, das

Aussehen der noch erhalten gebliebenen Orte in der Stadt und das durch die Menschen entworfene

Landschaftsbild sind merklich zerstört worden. Dadurch wurden die kulturellen Entwicklungen

und die Traditionen im Städtebau bei der Bebauung des Stadtzentrums immer wieder

unterbrochen.

Die Art bzw. das Maß der Veränderungen war in den unterschiedlichen Stadtteilen verschieden,

im Stadtzentrum jedoch einheitlicher. Beim Entwurf dieses Stadtzentrums orientierte man sich an

den städtebaulichen Plänen aus den 1960er und 1970er Jahren. Deren großzügig angelegte

Maßstäbe konnten den Spuren der Zeit und der wirtschaftlichen Beanspruchung zur Zeit des

Kalten Krieges nicht Stand halten. Heute findet man einen Kern im Zentrum vor, der seine ursprüngliche

Form verloren, die neue Form aber noch nicht vollständig angenommen hat. Im

Laufe der Zeit kamen Fehler in den sozialistischen Plänen zur Schaffung neuer Zentren zum

Vorschein: riesige Dimensionen, begrenzte Nutzungsvielfalt der Bauanlagen und eine zerstreute

Bebauung mit Gebäuden, die von der Stadtmitte getrennt und isoliert lagen.

Durch die Perestrojka spielt die Ideologie bei Entscheidungen über architektonische Maßnahmen

zur Bebauung des Zentrums nicht mehr die Hauptrolle. Die Unzufriedenheit über dessen

gegenwärtigen Zustand bewegt Stadtverwaltung und Architekten dazu, bei der Planung nun

andere Wege zu gehen.

Der neue Generalplan der Stadt, des Stadtzentrums und dessen Kern beinhaltet städtebauliche

Maßnahmen. Sie bedeuten für die Stadt und ihre Gemeinschaft nun wiederum vor der Aufgabe

zu stehen, neue Wege zur Gestaltung des Zentrums zu entwickeln.

Eine der optimalen und richtigen Möglichkeiten zur Gestaltung des Stadtkerns ist die Rückbesinnung

auf die Entwicklung der Stadt unter Berücksichtigung des erhaltenen kulturellen Erbes. Zu

diesen kulturellen Elementen zählen nicht nur historische Gebäude, sondern auch städtebauliche

Aspekte des Kulturerbes, wobei auch die derzeitigen Veränderungen im Stadtkern nicht

außer Acht gelassen werden. Was zählt nun zum kulturellen Erbe und welcher Mittel kann man

sich bedienen, um der künstlerischen Aufgabe bei der Gestaltung des Zentrums gerecht zu werden?

Schutzgegenstand des gegenwärtigen Kulturerbes der Stadt Kaliningrad

Die Ursprünge des historischen Erbes der Stadt Kaliningrad sind zahlreich und sehr unterschiedlich.

In der Stadt sind Objekte zu finden, die als Kulturerbe unterschiedlichen Völkergruppen

Europas (Litauern, Polen, Deutschen, Preußen und Russen) zuzuordnen sind.

Die Objekte sind jedoch, je nachdem in welchem Stadtbezirk sie sich befinden, unterschiedlich

gut erhalten und untersucht. Die Anzahl der Kulturobjekte, deren Zustand und Komplexität

variieren ebenfalls von Bezirk zu Bezirk. Die Besonderheit der Verteilung von Denkmälern in der

75


Internationales Symposium Kaliningrad

Stadt liegt in ihrer Verbreitung in allen Stadtgebieten, wobei die Zahl und der Wert des Kulturerbes

in der Stadtmitte niedriger sind als die Zahl der Denkmäler am Stadtrand. Jene am Stadtrand

sind zudem wesentlich besser erhalten und liegen zum Teil noch vollständig vor.

Der mittelalterliche Stadtkern ist in seinem ehemaligen Grundriss mitsamt der Bebauung nicht erhalten.

Heute steht nur noch ein Gebäude, die Kathedrale, ein historisches Denkmal der Architektur

des 14. Jahrhunderts.

In der Innenstadt konnte der Grundriss nur teilweise konserviert werden. Erhalten sind alle

Hauptverkehrsstraßen sowie einige historische Gebäude und ein paar, nur selten vollständig

erhaltene, städtebauliche Objekte.

Besonders gut erhalten ist die zweite Verteidigungsmauer, die die Innenstadt umgibt. In der Planungsstruktur

der Stadt kommen der räumliche Zusammenhang und die Ganzheit der Befestigungsanlagen

sehr deutlich zum Vorschein. In diesem Komplex, der in unterschiedlichem Grad

erhalten geblieben ist, finden sich alle Elemente der preußischen Befestigungslehre aus der Mitte

des 19. Jahrhunderts. Entweder blieben sie vollkommen unverändert oder wurden sinnvoll an

die neue Form der Freizeitgestaltung der Stadtbewohner angepasst, nachdem die eigentliche

Funktion des Komplexes verloren ging.

Die Randgebiete der Stadt jenseits der Stadtmauer haben ihren Grundriss und ihre Bebauungsstruktur

im Allgemeinen behalten. Alle städtebaulichen Maßnahmen der Nachkriegszeit in diesen

Gebieten wurden, soweit es möglich war, unter Berücksichtigung der Grundrissstruktur der Bebauung

und der Bebauung selbst durchgeführt, obwohl es auch Unstimmigkeiten bei der Lösung

der Einbeziehung von vereinzelnd liegenden Wohnhäusern und anderen Gebäuden in die historische

Bebauung gibt.

Die Einstufung der Schutzobjekte in verschiedenen Stadtteilen ist unterschiedlich. Innerhalb des

mittelalterlichen Stadtkerns können folgende Objekte geschützt werden:

- Grundriss des Territoriums;

- Denkmäler der Architektur und des Städtebaus;

- archäologische Kulturschichten;

- Verhältnis der Flächenarten zueinander – freie, bebaute, begrünte Flächen;

- Elemente der Naturlandschaften – das Relief der Flussufer und das Flussbett, die Insel

Kneiphof etc.

Innerhalb der Innenstadt sind es:

- Denkmäler der Architektur und des Städtebaus;

- die erhaltene Grundrissstruktur;

- das erhaltene Netz aus Straßen, Plätzen, Grünanlagen;

- Zonen der Sichterschließung, des Kompositionseinflusses, architektonische Knoten und Akzente;

- Areale möglicher Kulturschichten;

- die erhaltenen städtebaulichen Gebilde – Viertel, Straßen, Baukomplexe.

76

3. Vorträge


Die Methodik der Erhaltung und der Entwicklung des Kulturerbes Kaliningrads

Für unterschiedliche historische Stadtteile des Zentrums können auch unterschiedliche Methoden

zur Erhaltung und zum Wiederaufbau von historischen Denkmälern, Kulturobjekten und

Sehenswürdigkeiten angewendet werden.

Für den historischen Stadtkern ist die Methode der Regeneration des historischen Umfeldes

denkbar, basierend auf dem historischen Grundriss und auf der Rekonstruktion der Bebauung

nach dem erhalten gebliebenen ikonographischen Material. Wenn solches Material nicht vorhanden

ist, ist eine Imitation des Reihenbaustils möglich. Das Ausmaß der Realisierung dieser Methode

kann erst nach der vollen archäologischen Erschließung der Substruktur des mittelalterlichen

Stadtkerns abgeschätzt werden. Als Maßstab der Projekteinschränkungen und der Lösungen

können die Kathedrale und die Flusspromenaden dienen.

Für die Innenstadt ist eine Aufwertung der Bebauung denkbar – ein Programm zur Restaurierung

der Gebäude – sowie der Wiederaufbau und die Belebung des verlorenen architektonischen,

kompositorischen und utilitaristischen Guts. Die Hauptrichtung der städtebaulichen Tätigkeit auf

diesem Territorium ist die Rehabilitation der deformierten Umgebung, das „Zusammenziehen“

der zerrissenen Stadtfläche entlang der architektonischen Hauptachsen. Als Maßstab dienen erhalten

gebliebene Architektur- und Städtebaudenkmäler, die „roten Fäden“ der historischen Bebauung.

Aufgrund fehlender ganzheitlich erhalten gebliebener historischer Bebauung im Stadtkern und

der zerstreuten inselartigen Lage der einzelnen Architektur- und Städtebaudenkmäler in der

Innenstadt benötigt Kaliningrad eine individuelle Methodik bei der Ausgestaltung von Schutzmaßnahmen

für die Stadt. Zur Grundlage dieser Methodik sollen Aufgaben zu vereinenden Zielen

der Erhaltung des historischen Erbes bzw. des Wiederaufbaus des verlorenen Erbes, das ein

Träger des „genetischen Zeichens“ dieses Ortes ist, werden.

Solche Aufgaben können unter Anwendung der Methode der integrierten Betrachtungsweise

mehrerer Teilaspekte gelöst werden, wobei die Durchführung der städtebaulichen Tätigkeiten in

der ganzen Stadt möglich ist. Die Formen dieser Tätigkeiten unterliegen aber einer besonderen

Regulierung. Eine strenge Vorschrift verbreitet sich nur über das erhaltene Stadtgerüst. Die restliche

Infrastruktur kann als Umgebung der aktiven Tätigkeit angesehen werden. Für die Stadt

Kaliningrad ist die Anwendung der Methode auf folgende Weisen möglich:

- Die Erschließung und Befestigung architektonischer Hauptachsen mit räumlichen Knoten

und Akzenten, die über Eigenschaften wie zeitliche Beständigkeit und Stabilität verfügen sollten.

Diese Achsen sollten die Objekte enthalten, die die Epochenschätze darstellen und ein

Wahrnehmungsfeld von historisch bekannten Orten in der Stadt bilden.

- Das städtische Baufeld zwischen diesen Achsen sollte als neutrales Territorium der Bautätigkeit

angesehen werden, das mittels städtebaulicher Vorschriften reguliert wird. Objekte des

historischen Erbes, die in diesen Baufeldern eine Insellage einnehmen, bilden die Kriterien,

nach denen sich Vorschriftenregelungen richten.

Da die wichtigsten Stadtelemente, die die Grundlage der kunstbildnerischen Wahrnehmung prägen,

der Stadtgrundriss, das Stadtzentrum und die Stadtsilhouette sind, wird hiermit vorgeschla-

77


Internationales Symposium Kaliningrad

gen, zeit- und raumbeständige Aspekte der Stadt – Grundriss, Architektur und Stadtsilhouette

(die Dominante) – festzulegen und aufzubauen.

Die charakteristischen Elemente, Knoten und Akzente werden durch strenge Vorgaben eingeschränkt

und so städtebaulich geschützt. Ziel ist die Erhaltung oder der entsprechende Wiederaufbau

des Wahrnehmungsfeldes der historischen Bebauungsstruktur. Das Territorium zwischen

den bebauten Flächen bildet eine neutrale Bebauungszone. Für diese Zone werden städtebauliche

Vorschriften mit entsprechenden Einschränkungen der Maßstäbe, der Höhen, der Grundrissstruktur,

des Stils, der Farbwahl, der Materialien usw. ausgearbeitet.

Linear-räumliche Aspekte der Stadt Kaliningrad

Die linear-räumlichen Aspekte der Stadt formierten sich seit dem 14. Jahrhundert und entwickelten

sich stetig ohne gravierende Veränderungen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Als Grundlage

dienten historische Handelswege mit den prävalenten Ausrichtungen Norden-Süden und

Westen-Osten sowie Handelsplätze. Die Nord-Süd-Ausrichtung bildete Wege, die von bernsteinreichen

Küstenregionen bis in den Süden zu den Mittelmeerländern führten. Die West-Ost-

Ausrichtung wurde durch Wasser- und Landwege von baltischen Küsten in die baltischen Länder

und nach Russland bestimmt.

Bedingt durch örtliche, topographische Gegebenheiten, Sicherheits- und Annehmlichkeitskriterien

kreuzten sich alle Wege bei dem Hügel Twangste bei einer Festung und einer Furt über den

Fluss. Mit der Befestigung des Ordensschlosses und der Entwicklung der angrenzenden Städte

wurden die Wege durch Brücken, gesicherte Stadttore, Handelsplätze und Handelsstraßen gefestigt.

Der im 17. Jahrhundert errichtete erste Verteidigungswall sicherte die Hauptkommunikationswege

durch den Aufbau neuer Stadttore. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in der Stadt

acht solcher Wege. Nach dem Bau der Fernverkehrsstraße in den Süden, vom neuen Hauptbahnhof

in den Stadtteil Ponarth, wurden es neun.

In der Zeit der evolutionären Entwicklung der räumlichen Begebenheiten bis zum 20. Jahrhundert

bildeten die Strecken der Kommunikationswege jeweils zwei aufeinander zulaufende Bogensehnen

in Längen- und Breitenrichtung. Im durch diese Kreuzungen entstandenen Raum lag der

mittelalterliche Stadtkern, von der gewaltigen Dominante des Königsschlosses gekrönt (Abb. 1).

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der sowjetischen Zeit der Stadtentwicklung, blieben

die Hauptrichtungen der Kommunikationswege ohne wesentliche Veränderungen erhalten.

Außerdem, dank dem Abriss der Ruinen und der Streckung von Straßen, bekamen die Straßenausrichtungen

einen genaueren geometrischen Umriss. In einem besonders hohen Ausmaß sind

die Straßen des Stadtkerns verändert worden, aber sie verliefen nach wie vor durch die Stadttore.

Die Kommunikationswege akzentuierten offene Flächen der Stadtplätze. Deren Lage und Kombination

veränderte sich mehrmals in der Zeit der Stadtentwicklung und stabilisierte sich endgültig

78

3. Vorträge


1 | Lineare Raumbezüge Königsbergs, 1938 2 | Lineare Raumraumbezüge Kaliningrads, 1996

am Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Stadtzentrum bildeten vier Plätze, die paarweise an den

Hauptverkehrsachsen auf der West- und Ostseite des Königsschlosses lagen. Auf der Westseite

sind es der Gesecusplatz und der Wilhelmplatz, auf der Ostseite der Münzplatz und der Schlossplatz.

An den radialen Achsen der Hauptverkehrsstraßen wechselten sich unregelmäßig Plätze ab, die

auf Straßenkreuzungen oder auf deren Anbindungen lagen. Alle radialen Achsen endeten mit

einem offenen Platz an den Stadttoren.

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts veränderten sich der Rhythmus und die Lage der Plätze auf

den Hauptverkehrsachsen von Grund auf. Besonders umfangreiche Veränderungen fanden im

historischen Stadtkern statt. Der Rhythmus und der Maßstab der kleinen, gemütlichen Anlagen

und Plätze wurden durch eine große, unbebaute Fläche im Zentrum ersetzt, die nicht durch Bauten

formiert wurde. Gleichzeitig stimmte der Straßenverlauf mit den Ausrichtungen der historischen

Wege überein (Abb. 2).

Der Grundriss der offenen Plätze an den Hauptverkehrsachsen wurde zum Teil erhalten; zum Teil

entstanden dank der Rekonstruktion neue Gebäude entlang der Hauptverkehrsachsen. In manchen

Fällen haben sie die städtebauliche Situation in Teilen der Innenstadt mit extrem dichter

Bebauung sichtlich verbessert. Heute sind es der Südteil des Lininskij Prospekts, die Bagration

Straße, der Moskowskij Prospekt, die Klinitscheskaja Straße usw. Vollständig erhalten blieben

die Situation und die Erscheinung der offenen Flächen an den Stadttoren (Abb. 3).

79


Internationales Symposium Kaliningrad

3 | Ehemaliges Stadttor

Zu einer Besonderheit der Stadt wurde die unveränderte Erhaltung der vorhandenen Ordnung

bei der Entstehung des Eisenbahnverkehrsnetzes. In der Mitte des 19. Jahrhunderts blieben die

Verteidigungsfunktionen der Mauer (Steindämme) bestehen und der Einlass in die Stadt geschah

durch die Eisenbahntore, ohne dabei die Hauptverkehrsachsen zu benutzen. Bis zum Ende des

19. Jahrhunderts stellte die Planungsstruktur der Stadt ein abgeschlossenes System dar. Die

Verkehrsverteilung der Transitwege wurde außerhalb der Stadtwälle ausgeführt.

Die Entstehung des äußeren Gürtels der Fortanlage am Ende des 19. Jahrhunderts rief den Ausbau

der dritten Ringstraße hervor. Die Einbeziehung dieser Ringstraße in die Planungsstruktur

der Stadt zeichnete sich erneut als integrierte Entwicklung der räumlichen Ordnung aus. Die Planungsknoten,

die bei der Kreuzung der Hauptverkehrsachsen mit der Ringstraße entstanden,

bildeten den äußeren Umriss dieses Gefüges. Weitere stadtformende Elemente der äußeren

Stadtgrenze sind noch im Entwicklungsstadium. Der äußere Gürtel der Fortanlage selbst kann in

dieser Rolle nicht auftreten, aufgrund seiner versteckten Lage in der umgebenden Landschaft.

Architektonische Aspekte (Kompositionsaspekte)

Die architektonischen Aspekte der Stadt Kaliningrad werden durch die dominanten Kommunikationsachsen

und durch die aktiven Kompositionszonen der Stadt gebildet, die in sich Gebäude

und Komplexe von öffentlicher, kulturhistorischer und symbolischer Bedeutung konzentrieren.

Die Elemente der Stadtkerns wurden durch das schrittweise Anwachsen der Planungsstrukturen

der mittelalterlichen Städte – Altstadt, Löbenicht, Kneiphof – geformt. Jede dieser Städte hatte

ihre eigenen Grenzen – Mauer, Achsen und Akzente.

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3. Vorträge


4 | Strukturplan Königsbergs, 1938

Der erste Schritt zur räumlichen Fassung des Stadtkerns war die Errichtung der äußeren Hauptmauer

der Stadt, die die drei Städte und das an die Zitadelle angrenzende Königsschloss umgab.

Dabei entstanden eine jeweils ausgeprägte Achse Nord-Süd (Kardo) und West-Ost (Dekumanus),

die die Achsen und Knoten der einzelnen Städte verband. Zur gemeinsamen Dominante

der Siedlung wurde das Königsschloss.

Der nächste Schritt zur Formung des Stadtgefüges war der Ausbau des Systems von Verteidigungsmauern

mit Stadttoren, wodurch eine riesige Fläche von Städten und Vororten zu einem

Ganzen zusammengeschlossen wurde. Die zu den Toren führenden Wege bildeten Achsen, die

durch Straßenkreuzungen, Plätze mit öffentlichen Gebäuden, Komplexe mit dominanten Gebäuden

(Abb. 4) allmählich zu repräsentativen Straßen zwischen den Knoten und den Dominanten

der Stadt wurden.

Dank der Umrisse der Stadtmauern, die vom Mathematikprofessor der Königsberger Universität,

I. Strauß, konzipiert wurden, bekam die Stadt eine radial-zentrische Grundrisskomposition. Dabei

wurde das Schloss zum Zentrum der ganzen Stadt. Solche Bedeutung wurde ihm durch vielfältige

Teilelemente der Komposition – aus der Natur und der Architektur – zuteil. Der räumliche

Einfluss des Schlosses und die visuelle Verbindung zum Schloss prägten den Charakter der

Stadt, ganz zu schweigen vom sozialpolitischen Status der Residenz des Machtsouveräns.

Die gegenwärtige Gestalt der Stadt Kaliningrad formierte sich im Laufe von etwa drei Jahrhunderten,

die Hauptrichtungen der Achsen, Knoten und Akzente räumlich und zeitlich unverändert

81


Internationales Symposium Kaliningrad

5 | Strukturplan Kaliningrads, 1966

beibehaltend. Ihre Basis stellte der kompakte Plan der Innenstadt dar. Die Art ihrer Entwicklung

formte eine Ganzheit des Raumes zur Abgeschlossenheit der Bebauung, deren Grenzen die

Verteidigungsmauern mit Akzenten in Form der Stadttore darstellten.

Die am Anfang des 20. Jahrhunderts gewachsene Bebauungsfläche außerhalb der Stadtmauer

hat diese Abgeschlossenheit nicht mehr. Die Ausdehnung der neu angeschlossenen Bebauungsflächen

und das langsame Wachstum der Stadt erlaubten die Fortsetzung des kompositorischen

Themas des Stadtzentrums nicht. Es ist möglich, dass die sich mit der Zeit wandelnden kunststilistischen

Geschmäcker der Gesellschaft die Fortführung dieses Aspektes hemmten. Jeder

Stadtteil entwickelte sich lokal. Bei der architektonischen Gestaltung des Ortes kann man auf die

Raumgliederung (Rayoneinteilung) einzelner Siedlungstypen zurückgreifen.

Die dritte Ringstraße war dem Plan nach ebenfalls ganzheitlich und abgeschlossen, besaß aber

keine architektonischen Akzente und Dominanten. Sie wurde durch die Verteidigungsanlagen

gebildet, deren ausgedehnte Flächen von der Naturlandschaft getarnt wurden.

Die Entwicklung der Stadt in der Nachkriegszeit wird durch den Verlust der Abgeschlossenheit

des historisch entstandenen Systems des Zentrums gekennzeichnet. Die Aufspaltung der städtischen

Bebauungsfläche und die Liquidierung der Oberflächeninfrastruktur führten zum Verlust

von städtebaulichen Bezugspunkten und vom örtlichen Maßstab. Eine weitere Rekonstruktion

der Bebauung wurde ohne Berücksichtigung der historischen Planung durchgeführt, sie wurde

82

3. Vorträge


6 | Königsberg, 1729

prinzipiell außer Acht gelassen. Als Folge ist das Zentrum der Stadt verloren gegangen, obwohl

ihre Naturkomponente bestehen blieb.

Die Architekten, die die Wichtigkeit dieser Komponente und die Notwendigkeit eines architektonischen

Akzentes im Zentrum erkannten, versuchten eine neue Dominante in Form vom „Haus

der Räte“ und des Paradeplatzes zu errichten. Aber seine demonstrativ isolierte Lage, die Abgeschiedenheit

vom alltäglichen Lauf des Lebens und der gigantische Maßstab der offenen Fläche

bildeten keinen Kern, der mit dem historischen Zentrum vergleichbar wäre. Gleichzeitig blieben

alle dominanten Achsen, Knoten und Grenzen der Struktur der Innenstadt erhalten (Abb. 5).

Gestalterische Aspekte der Silhouette Kaliningrads

Die Stadt Königsberg besaß eine für die europäischen Städte charakteristische Silhouette. Ihre

Grundlage bildeten bereits seit dem Mittelalter die Dominanten der Turmspitzen der Kirchen in

einzelnen Städten, überragt von den Dominanten des Ordenschlosses. Ihnen folgten die lokalen

Dominanten der Rathhäuser und der Paläste der Oberschichten.

Mit der Stadtentwicklung stieg die Zahl der Dominanten, die die neuen Stadtteile kennzeichneten.

Auf den Gravuren aus dem 17.-18. Jahrhundert ist die für diese Zeit charakteristische malerische

Stadtsilhouette Königsbergs dargestellt (Abb. 6).

Der Glockenturm des Königsschlosses war zu allen Zeiten der Stadtgeschichte das dominierende

Objekt. Um den Turm herum gruppierten sich die Turmspitzen der Gemeindekirchen. Da die

Städte- und Vorortflächen nicht groß waren, lagen die Dominanten sehr nah beieinander. Obwohl

mit der Zeit die Höhe des Reihenbaus auf bis zu fünf bzw. sechs Geschosse anstieg, erhoben

sich die Turmspitzen der Kirchen und die neuen Gebäude der anderen Konfessionen über die

Gebäudesilhouette.

Die später entstandenen Dominanten der Kirchen aus den Vororten waren vom Stadtzentrum

weit entfernt. Ihre Ortslage war isolierter und ihr Vorkommen wegen der gewachsenen Flächengröße

der neuen Stadtteile weniger dicht.

Zum Anfang des 20. Jahrhunderts sah die entstandene Stadtsilhouette folgendermaßen aus: Im

Stadtzentrum war das Vorkommen von Dominanten am dichtesten, ihre Lage und Verteilung

83


Internationales Symposium Kaliningrad

7 | Dominante Strukturen Kaliningrads, 2005

bildete ein vielfältiges Bild von visuellen Wahrnehmungspunkten. Nach dem Dichtegrad konnte

man sie in drei Zonen aufteilen.

Die erste Zone wurde von den höchsten Dominanten des Stadtkerns mit der dichtesten Verteilung

geprägt. Innerhalb der Zone waren zwei Gruppen von Dominanten mit entsprechender

Verdichtung zu unterscheiden. Die westliche, bestehend aus den höchsten Vertikalen der Stadt

– Turmspitzen der Altstadtkirche und des Schlossturms und die östliche – vier Turmspitzen der

Kirchen anderer Konfessionen. Im Dickicht der anderen Dominanten schienen beide Gruppen

ausgewogen zueinander zu sein.

Die zweite Zone wurde durch die historischen Dominanten der Stadtteile innerhalb des Verteidigungswalles

geformt. Die Dichtelinie der visuellen Verbindungen bildete eine Sechskantfigur.

Jede Kante stellte einen eigentümlichen perspektivischen Rahmen der visuellen Wahrnehmung

der Zonensilhouette dar.

Die dritte Zone bestand aus den Dominanten der periphereren Stadtteile. Die Linien ihrer visuellen

Verbindungen bildeten ein unregelmäßiges Viereck, das vier perspektivische Rahmen der

Wahrnehmung von allen Dominanten der Stadt bot (Abb. 7).

Den günstigsten Sichtpunkt, der die charakteristische Stadtsilhouette präsentierte, bot das Tal

des Flussbettes von Pregel in west-östlicher und in ost-westlicher Ausrichtung und die Aussicht

vom Plateau des südlichen Hochlands. Diese Ausrichtungen bildeten die Sichttrassen, die nach

und nach die Bilder der Stadtsilhouette zum Vorschein brachten.

84

3. Vorträge


Die Analyse der Silhouettenbilder aus verschiedenen Perspektiven zeigt, dass die Dominanten

in drei Stadtteilen gruppiert waren. Besonders dicht und malerisch lagen die Dominanten im

nördlichen Teil der Stadt, in ihren hochgelegenen Gegenden in der Nähe vom Hügel Twangste.

Sie beherrschten die ganze Stadt und waren sowohl von nahen, als auch von weiten Aussichtspunkten

zu sehen.

Die mittlere Gruppe der Dominanten bildeten die Turmspitzen von Kneiphof und Lomse. Sie lagen

im Tal, in der Visierlinie von den Sichttrassen der Panoramenaufteilung in west-östlicher bzw.

in ost-westlicher Richtung.

Die südliche Gruppe der Dominanten stellten die Turmspitzen des Stadtteils Haberberg, der

oberhalb des Tals des Flussbettes auf dem Hochplateau lag, dar. Die vorherrschende Dominante

hier war die Turmspitze der Haberbergkirche, die die nord-südliche Achse abschloss und die koaxiale

gewaltige Dominante des Schlossturms ausglich.

Ein anderes charakteristisches Panorama der visuellen Aufnahme der Stadtsilhouette eröffnete

sich von der Südseite. Vom Hochplateau des Vorortes Haberberg aus öffnete sich die malerische

Aussicht auf das Flussbett und auf das Nordufer mit der Insel Twangste. Die Dominanten der Silhouette

gruppierten sich dicht um die gewaltige Vertikale des Schlossturms und wurden zum

Rand der Innenstadt langsam seltener.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden im westlichen Teil dieses Panoramas neue Dominanten

durch die Industriegebäude des Seehafens. Der Höhe und dem Volumen nach übertrafen

sie die historischen Dominanten des Stadtzentrums, waren aber in der Silhouette im Maßstab

vergleichbar, dank der Entfernung zum Zentrum. Die Silhouettenlinie verlief in Richtung der offenen

Wasserweite der Bucht.

Bei dem Nachkriegsumbau der Stadt erlitt die historische Silhouette katastrophale Veränderungen.

Die überwiegende Mehrheit der Dominanten im Stadtkern, im Zentrum und in der Innenstadt

gingen nacheinander verloren. Die heutige Stadtsilhouette, flach im Zentrum, entspricht nicht der

örtlichen Topographie und den funktionalen Zonen des Stadtterritoriums.

Gegenwärtige Stadtarchitekten, die Bedeutung des höchsten Ortes der Stadt anerkennend, versuchten

eine neue Dominante zu schaffen – das „Haus der Räte“. Jedoch stehen seine Größe

und sein Maßstab in keinem Verhältnis zu der in seiner Umgebung geschaffenen gigantischen

offenen Fläche des neuen Platzes. Das Gebäude steht allein in einem leeren Raum, diese Dominante

wird nicht wie früher von anderen Dominanten und benachbarten Gebäuden unterstützt.

Heute braucht das Zentrum eine seiner Lage und seiner Sinnbedeutung angemessene städtebauliche

Umgebungsgestaltung. Eine direkte Reproduktion früherer Dominanten ist kaum möglich.

Man kann aber den Kontext der historischen Silhouette übernehmen und neue Dominanten

mit einer für die Stadt charakteristischen Anordnung, Gruppierung und Panoramalinie der Höhenwahrnehmung

schaffen. Dies begünstigen die heute bebauungsfreien Grundstücke früherer historischer

Dominanten – Königsschloss, Altstadtkirche, Postamt, Burgkirche, Löbenichter Kirche,

Sackheimer Kirche und andere Dominanten von stadtweiter und lokaler Bedeutung.

85


Internationales Symposium Kaliningrad

Schlussfolgerungen

Auf der Grundlage der gegebenen Analyse kann folgendes Szenario der Übertragbarkeit der

historischen Identifikation mit dem Ort für die zukünftigen städtebaulichen Maßnahmen in der

Stadt Kaliningrad vorgeschlagen werden:

1. Für den historischen Stadtkern – die Regeneration der Bebauung der Freiflächen auf Grundlage

des historischen Stadtplans und die Verdichtung der Bebauung auf den „lockeren“ Flächen

unter Einbeziehung von historischen und gegenwärtigen „inselartig liegenden“ Objekten.

2. Für das Stadtzentrum – die Rückkehr zum Prinzip des Baus von Wohnhauskomplexen innerhalb

der Innenstadt mit der selektiven Maßstabsregenerierung von Straßen und die Verdichtung

der „lockeren“ Flächen mit der freien Bebauungsplanung und der Reihenbauplanung.

3. Für die Stadtsilhouette – die Wiederherstellung der stadtweiten Dominanten auf den Freiflächen

des Zentrums, die mit dem markanten Ortsbild verschmelzen werden. Dabei ist nicht

die exakte Wiederholung der historischen Formen, sondern die genaue Lage der Dominanten

und deren Erscheinungsbild als Gesamtkomposition in der Umgebung wichtig.

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3. Vorträge


zur Person

Vita

Name

Venzel Takievic Salachov

Herkunft

Kaliningrad/Russland

Profession

Architekt

Tätigkeitsschwerpunkt

Stadt- und Wohnortplanung,

Schutz von Objekten des Kulturerbes,

Denkmalschutz

Themenschwerpunkt

Schutz von Objekten des Kulturerbes in

Kaliningrad

87


Internationales Symposium Kaliningrad

Die Stadt und ihre Region

88

3. Vorträge

iskussion des Tages

3.1.8 Diskussion des ersten Tages

Kaliningrad als europäische Stadt?

- Wie kann dem Wunsch entsprochen werden Kaliningrad zu einer schöneren, lebenswerteren

Stadt zu machen?

- Welche Elemente und Qualitäten braucht das städtische Umfeld?

- Kaliningrad könnte zu einer russischen Stadt mit europäischer Prägung werden – welche Elemente/Themen

beider Kulturen müssten Berücksichtigung finden?

- Stärkung des Subsidiaritätsprinzips!

Beteiligung aller Akteure am städtebaulichen Entwicklungsprozess!

- Wie kann die Identifikation der Bevölkerung mit der Stadt gestärkt werden?

- Wie kann eine generelle Offenheit für die Weiterentwicklung der Stadt in der Bevölkerung generiert

werden?

- Wie lassen sich welche Akteure, insbesondere auch die Bevölkerung, in die Planungsprozesse

integrieren?

- Visionen müssen zu Leitbildern werden!

Stärkung der kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung für Europa!

- Wie kann die Identität Kaliningrads, als Region zwischen Russland und Europa, aussehen?

- Wie können neben Russland und Deutschland auch die anderen europäischen Nachbarstaaten

in den Entwicklungsprozess von Kaliningrad eingebunden werden?

- Wie lässt sich die wirtschaftliche Situation Kaliningrads verbessern, so dass über Investoren

Entwicklungsprojekte initiiert werden können?

- Mut zur Eigenständigkeit und einer zukünftig offensiven Vermarktung der Stärken und Potentiale!


Internationales Symposium Kaliningrad

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3. Vorträge


2. Symposiumstag

3.2 2. Symposiumstag 16.06.2005

3.2.1 8. Vortrag – Prof. Gennadij M. Fedorov

Geopolitische Aspekte der Beziehungen zwischen der EU und Russland –

Stellenwert des Gebietes Kaliningrad im wirtschaftlichen und kulturellen

Kontext der Beziehungen

3.2.2 9. Vortrag – Prof. Sergej D. Kozlov

Die Investitionsprojekte und ihr Einfluss auf die Planungsstruktur

des Zentrums von Kaliningrad

3.2.3 10. Vortrag – Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Bloech

Standortfaktor Architektur und andere wirtschaftliche Standortfaktoren

3.2.4 11. Vortrag – Dr. Elke Knappe

Das Gebiet Kaliningrad – ein starker Partner der Ostseeregion?

3.2.5 12. Vortrag – Flemming Frost

Strategie der Stadtprojektierung

3.2.6 13. Vortrag – Dr. Otto Flagge

Analyse der städtebaulichen Strukturen

3.2.7 14. Vortrag – Olga V. Mezej

Königsberg/Kaliningrad – das sich wandelnde Zentrum

im Kontext der Transformation des Verkehrssystems

3.2.8 15. Vortrag – Prof. Dr. Eckart Güldenburg (gehalten von Julius Ehlers)

Hafenstrukturwandel als Chance für die Stadtentwicklung?

3.2.9 16. Vortrag – Daniel Luchterhandt

„Zivilgesellschaft bauen” – Erfahrungen aus St. Petersburg

3.2.10 Diskussion des zweiten Tages

91


Internationales Symposium Kaliningrad

8. Vortrag

3.2.1 8. Vortrag –

92

3. Vorträge

Geopolitische Aspekte der Beziehungen zwischen der EU und Russland –

Stellenwert des Gebietes Kaliningrad im wirtschaftlichen und kulturellen

Kontext der Beziehungen

Prof. Gennadij M. Fedorov


Geopolitische Aspekte der Beziehungen zwischen der EU und Russland –

Stellenwert des Gebietes Kaliningrad im wirtschaftlichen und kulturellen

Kontext der Beziehungen

Die Perspektiven der Planentscheidungen und der Zukunft des architektonischen Erscheinungsbildes

von Kaliningrad hängen vor allem von den Erfolgen in der sozioökonomischen Entwicklung

des Gebietes Kaliningrad ab sowie von der Attraktivität dieses Gebietes für die Migranten,

deren Zuwanderung die Dynamik der Bevölkerungszahl der Region und ihres Verwaltungszentrums

stark beeinflusst. Das demografische Potenzial der Stadt und seine Veränderung hängen

aber auch ganz maßgeblich von der Dynamik der Bevölkerung der Städte und Dörfer ab, die an

Kaliningrad als Zentrum der städtischen Agglomeration angrenzen, sie stellen wichtige Faktoren

dar, die die städtebaulichen Entscheidungen beeinflussen. Solche Beeinflussung kann unmittelbar

erfolgen (wenn man die Notwendigkeit der größeren oder kleineren Menge an Wohnobjekten

und an kulturellen-wirtschaftlichen Objekten in Betracht zieht), als auch indirekt wirken (durch

Vergrößerung des Umfangs von Warenproduktion und Dienstleistungen; durch Wachstum des

Wohlstands der Bevölkerung und entsprechende Steigerung des Stadtbudget, welches für die

Entwicklung der Stadtwirtschaft bestimmt ist).

Zurzeit ist die Stadt Kaliningrad der Wachstumspol der regionalen Wirtschaft. Auf der Stadtfläche

konzentrieren sich 45% der Bevölkerung der gesamten Enklave und praktisch der gleiche Wohnungsanteil

ist hier zu verzeichnen, aber in Kaliningrad konzentriert sich ein noch viel größerer

Anteil der industriellen Produktion – 78%, außerdem 77% des Einzelhandelsumsatzes und 68%

des Wohnungsbaus. Die in diesem Gebiet ansässigen Unternehmen sichern 92% des Gesamtprofits

der Volkswirtschaft. Hier ist die Arbeitslosenquote niedrig und das Verdienstniveau um

30% höher als in den anderen Teilen der Region.

Die Rolle des Gebiets Kaliningrad für die Wirtschaft Russlands sowie die Perspektiven der sozialwirtschaftlichen

Entwicklung der Region werden nicht eindeutig bewertet. Entsprechend müssen

sich auch die Prognosen für das Gebietszentrum, das für das Erscheinungsbild des ganzen

Gebiets steht, unterscheiden.

Verschiedene Szenarien, die zurzeit von heimischen und ausländischen Experten entwickelt

werden, unterliegen den Interessen der Geopolitik und der Geowirtschaft. Das Zusammenwirken

einer Vielzahl von Beteiligten innerhalb des Gebiets mit ihren charakteristischen Interessen –

regionaler, föderativer und/oder internationaler Natur – zeigt sich darin, dass sich diese Szenarien

qualitativ sehr oft unterscheiden. Auf der einen Seite gibt es das Szenario des russischen

Vorpostens im Baltikum. Auf der anderen Seite gibt es eindeutig separatistische Entwürfe der

„vierten baltischen Republik“, die bekannten Vorschläge über die Gründung der europäischen

Region „Preußen“ sowie Organisationsideen eines russisch-europäischen Kondominiums auf

dem Gebietsterritorium. Dazwischen zeigen sich verschiedene Varianten weniger regionaler

Strategien (ein gewöhnliches Gebiet der Russischen Föderation, ein Gebiet mit dem Regime

einer wirtschaftlichen Sonderzone und mit der Unterstützung von der Seite der Föderation, ein

Gebiet mit einer beliebig anderen Sonderform der Wirtschaftsführung, amtliche Strategie der

„Region der Zusammenarbeit“).

93


Internationales Symposium Kaliningrad

1 | Ostsee-Anrainerstaaten

Das Gebiet Kaliningrad, als Exklave im Baltikum, das jetzt eine Enklave innerhalb der NATO und

der EU geworden ist, hängt nicht nur in seiner Entwicklung, sondern auch in seiner Lebensfähigkeit

davon ab, wie sich die Beziehungen Russlands nicht nur mit Weißrussland, Litauen, Polen,

sondern auch mit der Europäischen Union gestalten.

Die Voraussetzung für eine erfolgreiche regionale Strategie ist die Interessensbalance zwischen

Russland und der EU. Zum heutigen Zeitpunkt ist Kaliningrad eines der wichtigsten Zentren

internationaler Kontakte, ein Ort an dem viele Projekte und Programme unter Beteiligung vieler

russischer und westeuropäischer Experten entstehen. Aus der EU-Osterweiterung und der damit

einhergehenden Lage Kaliningrads als Enklave innerhalb der Europäischen Union resultieren

eine ganze Reihe wirtschaftlicher, sozialer und politischer Probleme in der Region. Die Art und

Weise, wie diese Probleme gelöst werden, zeigen den tatsächlichen Grad der internationalen

Zusammenarbeit Russlands mit westeuropäischen Partnern auf. Die Erfahrungen in Kaliningrad

– sowohl positive als auch negative – können sehr hilfreich für die Korrektur der außenwirtschaftlichen

und außenpolitischen Strategien Russlands werden.

Unter der Bedingung einer öffentlich deklarierten Partnerschaft zwischen Russland und der EU

hat die Regelung der durch die EU-Erweiterung entstandenen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen

Probleme im Gebiet Kaliningrad einen besonderen Stellenwert. Diese Regelung

wird zum Indikator der Bereitschaft beider Seiten, politische Forderungen auf die Ebene praktischer

Schritte zu verlagern. Dabei ist die Lösung entstandener wichtiger internationaler Rechtsfragen

(eingeschlossen technische, z.B. Visum) nicht Selbstzweck, sondern nur als Vorausset-

94

3. Vorträge


zung für die beschleunigte Wirtschaftsentwicklung des Gebietes Kaliningrad als eine Region der

Zusammenarbeit zwischen Russland und der EU im 21. Jahrhundert zu sehen.

Die Zusammenarbeit zwischen Russland und der EU im Gebiet Kaliningrad fängt nicht bei Null

an. Der Mechanismus erst eine freie, dann eine wirtschaftliche Sonderzone darzustellen, hat das

Gebiet bereits in einen experimentellen Platz des internationalen Zusammenwirkens verwandelt,

wo (auf Anregung der russischen Seite) neue integrierte Mechanismen ausgearbeitet werden. Im

Gebiet sind etwa 2.300 gemeinschaftliche und internationale Unternehmen gegründet worden,

was die Entwicklung der außenwirtschaftlichen Tätigkeit fördert. Zahlreiche internationale Projekte,

die zur Entwicklung der für die Investitionsbeschaffung wichtigen betrieblichen und sozialen

Infrastruktur beitragen, werden realisiert. In den letzten Jahren erweiterte sich die Zusammenarbeit

in den Grenzgebieten mit Polen und Litauen, die vor kurzem der EU beigetreten sind, unter

anderem durch die Euroregionen „Baltika“, „Neman“, „Saule“, „Scheschupe“. Es wurden wissenschaftliche

Forschungskontakte mit Deutschland neu aufgenommen; das Gebiet nimmt an Projekten

der interregionalen baltischen Kooperation teil, unter anderem im Rahmen der „Norddimension“

der EU.

Die Zusammenarbeit in Kaliningrad ist eines der Elemente einer umfangreichen Partnerschaft

zwischen Russland und der EU. Seit 1991 hat die EU etwa 40 Millionen Euro für verschiedene

Projekte aus dem Programm TASIS im Gebiet Kaliningrad zur Verfügung gestellt. In den Jahren

2004 bis 2006 erhält das Gebiet nicht weniger als 50 Millionen Euro im Rahmen des Programms

der technischen Unterstützung von TASIS.

Die EU lehnt in Wirklichkeit die Idee eines gesonderten Vertragsabschlusses bezüglich des Gebietes

Kaliningrad ab, der von einer Reihe von Vertretern der russischen Seite ausgesprochen

wurde. Es wird vorgeschlagen, die Zusammenarbeit im Rahmen der allgemeinen Beziehung

zwischen Russland und der EU durchzuführen (obwohl entschieden worden ist, eine Sonderkommission

für das Gebiet Kaliningrad einzurichten, ist bis dato eine solche Kommission nicht

zustande gekommen).

Wie schon angemerkt ist die EU der Meinung, dass die Exporteure aus Kaliningrad durch die EU-

Erweiterung einen Vorteil erhalten würden, da die Zollgebühren der EU hauptsächlich niedriger

sind, als die früheren Einfuhrgebühren von Polen und Litauen. Leider erweisen sich in Wirklichkeit

nicht die hohen Zollgebühren als primäres Hindernis für ein Exportwachstum nach Litauen

und nach Polen, sondern die in der Region nicht vorhandenen konkurrenzfähigen Waren, die

außerdem jetzt den europäischen Standards entsprechen müssen. Also wird die Senkung der

Exportzölle in die Nachbarländer des Gebietes Kaliningrad auch in nächster Zukunft kaum die

Mängel nivellieren, die durch Komplikationen und Verteuerung der Kommunikation mit dem

„kontinentalen“ Russland entstanden sind.

Bei der Beurteilung der Vorschläge Russlands über die Aufstellung einer Sonderregelung für

Kaliningrad bezüglich des Handels mit der EU, weist die Europäische Union darauf hin, dass die

Gewährung eines bestimmten Sonderstatus (z.B. als Zone des freien Handels oder des Zollbündnisses)

für Kaliningrad, als einem unabdingbaren Teil Russlands, mit bestimmten Schwierigkeiten

verbunden sein wird. Dies kann politische und juristische Probleme nach sich ziehen.

95


Internationales Symposium Kaliningrad

2 | Region Kaliningrad, 2000-2010

Außerdem wird Russland, nach Meinung der Europäischen Kommission, Kaliningrad kaum

einen notwendigen Autonomiestatus gewähren. Deshalb ist sich die EU nicht sicher, ob in der

Region irgendein Sonderregime notwendig wäre (d.h. diese Idee wird abgelehnt, auch wenn es

in einer sanften Form zum Ausdruck kommt).

In naher Zukunft müssen beide Seiten einstimmig das Gebiet Kaliningrad als die Region verstehen,

mit der Russland seinen Integrationsprozess in den gesamteuropäischen Raum vollzieht,

wobei diese Integration zum wichtigsten gemeinsamen Ziel sowohl Russlands als auch der

EU erklärt wurde.

Russlands Interessen können bedingt in staatliche und regionale Interessen unterteilt werden.

Zu den ersten gehört die Erhaltung des Gebietes Kaliningrad in der Russischen Föderation sowie

im gesamten russischen Wirtschaftsraum. Dies sollte ein Axiom, eine Bedingung verschiedenster

Diskussionen über die Perspektiven der regionalen Entwicklung werden.

Gesamtrussische Interessen in der Region haben nicht unbedeutende militärstrategische Dimensionen,

die die Haltung der russischen militärstrategischen Positionen in diesem Gebiet auf

dem Niveau, das für die Staatssicherheit notwendig und ausreichend ist, voraussetzt.

Außerdem ist das Gebiet Kaliningrad fähig, wichtige gesamtrussische ökonomische Funktionen

auszuführen. Wiederrum (wenn man die Realisierung der Entwicklungsprogramme in der Region

betrachtet) hat das Föderationszentrum noch nicht abschließend festgelegt, welche Funktionen

genau das Gebiet in der gesamtrussischen Arbeitsteilung übernehmen soll.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Gebietes, auf längere Sicht gesehen, hängt mit der Ausnutzung

der geographischen Vorteile der Region zusammen. Bis jetzt haben diese Vorteile keine

gebührende Anerkennung von Seiten der Föderationsregierung gefunden. Aus diesem Grund ist

es für die Region notwendig, eine Reihe neuer Projekte, die auf die Zufriedenstellung der gesamtrussischen

und interregionalen Interessen ausgerichtet sind, aufzustellen.

Hierzu zählen Projekte wie: die Hafennutzung, das heißt der Aufbau eines in der Region liegenden

konsignierenden Lagerkomplexes und eine entsprechende Organisation der internationalen

Logistik, die komplexe Bearbeitung des gewonnenen Bernsteins, die Erzeugung besonderer Arten

von landwirtschaftlichen Gütern, die Entwicklung von Kurorten in den Küstenregionen, die

96

3. Vorträge


Bildung einer russisch-ausländischen Technopolis mit einer Agglomeration von exportorientierten

Unternehmen, die sich dabei auf das regionale (und gesamtrussische) wissenschaftlich-technische

Potenzial stützen. Solche Projekte sollten aus der Sicht wirtschaftlicher und sozialer Effektivität

bei einer möglichen Realisierung im Gebiet Kaliningrad analysiert werden (unter anderem

im Vergleich zu Umsetzungsvarianten analoger Projekte in anderen Regionen des Landes). Dies

wird die Aufmerksamkeit der föderativen Regierungsstrukturen für die Problematik der Region

steigern.

Gesamtrussische Interessen sind in einer allgemeinen Form im föderativen Zielprogramm „Entwicklung

des Gebietes Kaliningrad bis zum Jahr 2010“ formuliert. Dessen Ziel ist die: „Schaffung

der Bedingungen für eine stabile sozioökonomische Entwicklung des Gebietes Kaliningrad, basierend

auf der Erweiterung exportorientierter Produktion und auf dem Erreichen eines Lebensstandards

der regionalen Bevölkerung, der mit dem Lebensstandard der angrenzender Staaten

vergleichbar ist.“

Zu den Aufgaben der Sicherstellung geostrategischer Interessen Russlands in der baltischen

Region gehören:

- die Entwicklung von Kaliningrad zu einem bedeutenden Transportknoten Russlands durch

die Modernisierung der Transportinfrastruktur;

- die Sicherstellung der Energieversorgung des Gebietes durch die Rekonstruktion vorhandener

und die Einführung neuer Energiequellen;

- die Verbesserung der ökologischen Verhältnisse.

Die Aufgaben mit gesamtföderativer Bedeutung sind folgendermaßen bestimmt:

- die Transformation der regionalen Wirtschaftsstruktur in die Richtung einer Exportorientierung;

- die Vervollkommnung des Mechanismus einer wirtschaftlichen Sonderzone zu einem Mechanismus

der regionalen Wirtschaftsentwicklung und die Integration des Gebiets in den Weltwirtschaftsraum,

Bildung eines effektiven Verwaltungssystems OES mit Beteiligung der föderativen

und regionalen Regierungen;

- die Entwicklung der Telekommunikationsinfrastruktur;

- die Weiterentwicklung touristischer Ziele;

- die Strukturumbau der Bernsteingewinnung.

Nach der Erweiterung der EU soll das Gebiet Kaliningrad mit jedem Nachbarland ein System

wirtschaftlicher Grenzbeziehungen aufbauen, den gleichzeitigen Prozess deren Integration in die

Strukturen der EU nicht außer Acht lassend. Ohne den Aufbau einer solchen Beziehungsstruktur

kann sich die geopolitische und die geowirtschaftliche Lage des Gebietes Kaliningrad wesentlich

verschlechtern.

Die regionalen Interessen des Gebietes sind sehr vielseitig. In erster Linie ist das Gebiet an dem

schnellstmöglichen Umbau des Wirtschaftskomplexes, der den neuen geopolitischen Normen

entsprechen sollte, interessiert. Aus diesem Grund begrüßen die örtlichen Machtorgane sowohl

russische als auch ausländische Investitionen in die Spezialisierungsbranchen. Es ist jedoch

erstrebenswert, dass die Investitionstätigkeit den spezifischen Interessen der Region, z.B. den

sozialen und ökologischen, entsprechen sollte. Nicht zufällig wurden Projekte zum Aufbau von

97


Internationales Symposium Kaliningrad

ölexportierenden Häfen und Hafengroßstrukturen, die stark das Ökosystem der Kaliningrad-

Bucht aus dem Gleichgewicht bringen könnten, von Experten negativ bewertet.

Gleichzeitig sind auf dem regionalen Niveau besonders die Branchen zu beachten, die die alltäglichen

Bedürfnisse der Bevölkerung bedienen: die Lebensmittelindustrie, die Produktion der

Gebrauchsgüter, Branchen aus dem Dienstleistungssektor, dem Handelssektor, dem Wohnsektor,

aber auch das Gesundheitswesen und die Bildung. Aufgabe der Gebietsverwaltung ist die

Budgetfinanzierung der nichtkommerziellen Organisationen und Einrichtungen ebenso wie die

Schaffung günstiger Bedingungen für die Handelsentwicklung.

Die EU akzeptiert Kaliningrad vorbehaltlos als einen unentbehrlichen Teil der Russischen Föderation.

Aus der Sicht der EU unterliegt diese Fragestellung keiner Diskussion. Ein Beitritt des Gebietes

Kaliningrad in die EU ohne das übrige Russland ist unmöglich, da die EU mit einzelnen

Teilen von Staatsgebieten nicht verhandelt.

Nach Meinung der EU wirkt sich ihre Erweiterung auf die Nachbarländer, einschließlich Russland

und das russische Gebiet Kaliningrad, das die neuen Möglichkeiten der vorteilhaften geografischen

Lage maximal ausnutzen kann, positiv aus.

Die EU betont, dass die Verantwortung für die Entwicklung im Gebiet Kaliningrad Russland und

die Region selbst tragen müssen. Nichtsdestotrotz hat die EU aufgrund ihrer Erweiterung und im

Kontext der EU-Politik der „Norddimension“ ihre Bereitschaft zur Unterstützung der wirtschaftlichen

und der sozialen Entwicklung im Gebiet erklärt. Wie aus den Kommissionsverträgen hervorgeht,

ist die EU bereit zu diskutieren und beliebige Fragen bezüglich des Gebietes Kaliningrad

im Rahmen der organisationsrechtlichen Mechanismen, die im Abkommen über die Partnerschaft

und Zusammenarbeit vorgesehen sind, zu lösen.

Aus unserer Sicht soll die EU einen Teil der Verantwortung für die Entwicklung des Gebietes

Kaliningrad auf sich nehmen, da die EU-Osterweiterung die äußeren Merkmale der regionalen

Existenz ändert – wobei die Verantwortung sich nicht auf die Bewilligung von Geldmitteln beschränken

sollte. Ein beträchtlicher Teil dieser Mittel fließt dann später wieder über die Verdienste

der ausländischen Exporteure und Konsultanten, über die Zustellung der maschinellen Ausrüstung

usw. nach Europa zurück. Die Fragestellung hat einen politischen Charakter und sie

sollte sich nicht in den technischen Details verstricken, was unseren Partnern oft passiert (wenn

man zum Beispiel ihre Position bezüglich des Visumproblems betrachtet).

Bei Fragen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Kaliningrad stimmen die Standpunkte Russlands

und der EU in zwei Hauptpositionen überein: Man darf eine wirtschaftliche Isolation der

Region nicht zulassen; regionales Potenzial schafft viel versprechende Möglichkeiten für das

Zusammenwirken zwischen der Russischen Föderation und der EU. Außerdem betrachtet Russland

das Gebiet Kaliningrad als seine wirtschaftliche Sonderzone, in deren Grenzen viele rechtliche

Prozeduren (Zoll, Steuer, Registrierung usw.) vereinfacht sind, was das Gebiet für die ausländischen

und heimischen Investoren objektiv viel attraktiver machen wird. Hier können die

neuesten wirtschaftlichen Ideen und Technologien, aber auch schon vergessene alte (z.B. ausländische

Konzession) bewilligt werden. Insbesondere können zum Beispiel gerade im Gebiet

Kaliningrad die Regelungen der WTO, der Russland in Kürze beitreten wird, ausgearbeitet

werden.

98

3. Vorträge


3 | Überegionale Verflechtungen Kaliningrads

Natürlich gibt der Umfang des Binnenmarktes Kaliningrads keinen Anlass, ihn als einen bedeutenden

Faktor für die gesamte Wirtschaft Russlands anzusehen. Das Gebiet Kaliningrad entwickelt

sich jetzt als ein Transitknoten und ein Ort für die Montageunternehmen, die für den

Importersatz in der Russischen Föderation arbeiten. Eine besondere Bedeutung hat die Exportindustrie,

die ebenfalls günstige Perspektiven hat.

Für die ausländischen Investoren (in erster Linie für die aus der EU) kann das Gebiet Kaliningrad

nicht nur im Sinne der Organisation von exportorientierter Produktion, sondern vielmehr als eine

günstig gelegene Region, die den Zutritt zu dem umfangreichen russischen Markt erlaubt, interessant

sein. Dabei kann man auch von der Organisation der bereits tätigen Gemeinschaftsunternehmen

und von der Gründung neuer Unternehmen sprechen. Ausgehend davon, dass

Arbeitskräfte im Zuge der Umstrukturierung der Wirtschaft frei werden und diese hochqualifiziert

und vergleichbar billig sind, können die neuen Unternehmen mit den örtlichen Fachkräften ausgestattet

werden.

Untersuchungen, die von Wissenschaftlern der Universität in Zusammenarbeit mit Spezialisten

aus Moskau und aus dem Ausland durchgeführt wurden, haben eine Basis für die Ausarbeitung

von strategischen Prinzipien der regionalen Entwicklung geschaffen, die die Vielfalt der im Gebiet

verflochtenen Interessen – regionale, gesamtrussische, internationale – einbezieht. Sie sind

in einer Reihe von Monografien und Artikeln dargestellt, an deren Publikation A.P. Klemeschev,

S.D. Kozlov, M.A. Zikel, W.P. Zhdanov, J.M. Zwerev, T.R. Gareev, G.M. Fedorov und andere mitgewirkt

haben. Zu erwähnen sind insbesondere: der Artikel „Neue Wirtschaft im Gebiet Kaliningrad“

in der zweiten Ausgabe der „Wirtschaftsfragen“ aus diesem Jahre, die in den Jahren 2001

bis 2005 veröffentlichten Monographien „Insel der Zusammenarbeit“, „Sonderterritorium Russlands“,

„Das Kaliningrader Gebiet: Strategie der Zusammenarbeit“, „Von der isolierten Exklave

zum Entwicklungskorridor: Alternativen der russischen Exklave im Baltikum“, „Effektivität und

Verbesserung des Mechanismus der wirtschaftlichen Sonderzone im Gebiet Kaliningrad“, „Entstehen

der neuen Wirtschaft im Gebiet Kaliningrad“.

Unser Fazit: Die Region hat ohne Zweifel Voraussetzungen für eine beschleunigte Entwicklung.

Deren Realisierung hängt von gemeinsamer Arbeit der lokalen und der föderalen Behörden in

Übereinstimmung mit dem Entwicklungsprogramm für das Gebiet ab. Dieses Programm setzt die

Erhaltung der Region im russischen Wirtschaftsraum, eine aktive Entwicklung der Außenbeziehungen

und die Beteiligung am baltischen Wirtschaftsraum voraus. Diese Ideen sollten die Basis

99


Internationales Symposium Kaliningrad

für die zurzeit im Gebiet Kaliningrad aufkommende Strategie „Region der Zusammenarbeit“, die

sich entwickeln und sich vervollkommnen soll, werden.

Die komplexe Vorgehensweise, die die ganze Vielfalt der verflochtenen regionalen Interessen

berücksichtigt, setzt die Ausarbeitung folgender Dokumente und Maßnahmen voraus, die eine

Institutionsbasis für die stabile Entwicklung schaffen.

Auf der regionalen Ebene sind die Vervollständigung der regionalen Gesetzgebung und die Reduzierung

der administrativen Barrieren für die Entwicklung des Unternehmertums notwendig.

Auf der Landesebene ist die Entwicklung der föderalen Politik im Bezug auf das Gebiet Kaliningrad

gefordert. Deren wichtigste Elemente sind das Gesetz „Wirtschaftliche Sonderzone im Gebiet

Kaliningrad“ und das föderale Gesamtprogramm „Entwicklung des Gebietes Kaliningrad im

Zeitraum bis zum Jahr 2010“.

Auf der internationalen Ebene ist der Vertragsabschluss zwischen der Russischen Föderation

und der Europäischen Union über die Bedingungen der Lebenserhaltung und der Entwicklung

des Kaliningrader Gebietes als einer Region der gegenseitigen Zusammenarbeit (dabei soll die

EU von der Zweckmäßigkeit eines solchen Vertrags überzeugt werden), aber auch die Abschlüsse

anderer Verträge und Abkommen mit den baltischen Staaten und Weißrussland, zweckmäßig.

Grundlage eines solchen Sondervertrags zwischen der Russischen Föderation und der EU könnte

das Abkommen über die Partnerschaft und die Zusammenarbeit zwischen der Russischen

Föderation und der EU werden. Die Initiative eines solchen Vertragsabschlusses wird insbesondere

von der Gebietsduma (Gebietsrat) Kaliningrads unterstützt. Eine Reihe von Vorschlägen ist

in der Strategie der sozialwirtschaftlichen Entwicklung Kaliningrads als einer Region der Zusammenarbeit

im Zeitraum bis zum Jahr 2010 formuliert, die von der Gebietsverwaltung mit Unterstützung

von den Wissenschaftlern der Kaliningrader Staatsuniversität sowie anderer Forschungszentren

in Kaliningrad und Moskau entwickelt wurde. Entsprechende Vorschläge an die

Adresse der EU wurden auch von der russischen Regierung gemacht.

Abgesehen von den Vertragsbedingungen über den Transit von Passagieren und von Handelswaren

für die Lebenserhaltung im Gebiet Kaliningrad durch die EU-Länder können im Abkommen

auch viele andere Aspekte gegenseitiger Interessen festgelegt werden. Ausgehend von der

zollfreien Wareneinfuhr aus dem Ausland (in erster Linie aus den EU-Ländern) in das Kaliningrader

Gebiet, sollte sich Russland für die Öffnung des EU-Marktes für Waren aus Kaliningrad

einsetzen (wenigstens im gleichen Umfang des Importes aus den EU-Ländern in das Gebietsterritorium).

Außerdem müssen die EU-Länder, unter der Berücksichtigung der Exklavenlage der

Region und deren Veränderung infolge der EU-Erweiterung, nach dem internationalen Recht den

durch ihre Handlungen möglichen wirtschaftlichen Schaden ersetzen. Dabei handelt es sich um

Vorgänge, die die Bedingungen und die Kosten des Waren- und Passagiertransports zwischen

dem Gebiet Kaliningrad und den anderen russischen Regionen verschlechtern.

Den Publikationen und den Vorträgen von Amtsvertretern nach, ist die EU noch nicht bereit, ein

Abkommen mit Russland über das Kaliningrader Gebiet zu unterschreiben. Vielmehr zieht die

100

3. Vorträge


EU die Arbeit in der bewährten, nicht beschwerlichen Form des Abkommens über die Partnerschaft

sowie die Zusammenarbeit und die technische Unterstützung im Rahmen des Programmes

TASIS vor. Charakteristisch ist, dass die Europäische Union auf der Amtsebene keineswegs

auf den Vorschlag Russlands, das Gebiet Kaliningrad in eine „Pilotregion“ der Zusammenarbeit

zwischen Russland und der EU im 21. Jahrhundert umzuwandeln, reagiert hat. Es folgte auch

keine Reaktion auf die „Strategie der sozialwirtschaftlichen Entwicklung des Kaliningrader Gebietes

als eine Region der Zusammenarbeit im Zeitraum bis zum Jahr 2010“. Es ist nicht so, dass

diese Ideen verworfen wurden – sie wurden einfach nicht „bemerkt“. Der Gerechtigkeit halber

sollte man anmerken, dass sich auch das russische föderale Zentrum mit der vorhandenen Form

der Zusammenarbeit zufrieden gibt. Letztlich, anstatt die Probleme des Kaliningrader Gebietes

im Ganzen zu lösen, betrachten sowohl Russland als auch die EU diese Probleme erst nach

ihrem Auftreten, dann sehr oft verspätet und dabei eine unnötige Kette von Krisensituationen

billigend.

Nichtsdestotrotz gehen wir davon aus, dass heutige politische Schwierigkeiten zeitlich begrenzt

sind und alle noch vorhandenen Probleme als ein Komplex zum Vorteil beider Seiten gelöst

werden. Dies wird ein Zeichen dafür sein, dass die Europäische Union Russland tatsächlich als

einen gleichberechtigten Partner ansieht und eine weitere Entwicklung mit engerer Zusammenarbeit

beabsichtigt. Die Zustimmung der EU, ein Sonderabkommen zu unterzeichnen, in dem es

um die Lebenserhaltung des Kaliningrader Gebietes und dessen Entwicklung als eine Region

der gegenseitigen Zusammenarbeit geht, könnte zum entscheidenden Merkmal einer solchen

EU-Strategie werden. Aus unserer Sicht ist es nicht ausgeschlossen, dass das Gebiet Kaliningrad

eine ähnliche Rolle in den Beziehungen zwischen Russland und der Nordatlantischen

Allianz spielen könnte (wir erinnern uns an die im Sommer 2004 im Gebiet Kaliningrad bereits

stattgefundenen Übungen zwischen Russland und der NATO).

Das Gebiet Kaliningrad kann auch eine wichtige Rolle in der Sondierung der Wechselwirkungen

zwischen Russland und der EU in den unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen spielen: in der

Ausarbeitung eines Konzepts des gesamteuropäischen Wirtschaftsraumes, in der Energiediskussion

und im Dialog in dem Transportbereich, in der Zusammenarbeit im Bereich der Telekommunikation

und der Ingenieurtechnologien.

Eine geoökonomische Vorgehensweise hilft, eine Spezialisierung des Gebiets perspektivisch

festzulegen. Ausgehend von dieser Position kann das Gebiet Kaliningrad zum heutigen Zeitpunkt

als eine der führenden Regionen Russlands angesehen werden und der russischen Ökonomie

zu einer Position mit mehr Perspektive in der Weltarbeitsteilung verhelfen. Dies begünstigten

die sich zurzeit entwickelnde Struktur der regionalen Wirtschaft und die geographische Lage

des Gebietes in der Nähe von den Haupthandelspartnern Russlands, aber auch die Entwicklungsstrategie

Kaliningrads als eine „Region der Zusammenarbeit“.

Bekanntlich besteht die Grundidee der geowirtschaftlichen Vorgehensweise darin, aktiv der internationalen

Arbeitsteilung beizutreten und dabei die vorteilhaftesten Positionen auf sich zu vereinen.

Die Rede ist davon, dass jede nationale Ökonomie wirtschaftliche Akteure hat, die entweder

zu den international agierenden Bereichen oder zu den national tätigen Bereichen gehören. (Die

national tätigen Bereiche, die aus dem Rahmen des Gesamtkonzeptes der Weltentwicklung

101


Internationales Symposium Kaliningrad

fallen, stellen aber eine wichtige Quelle der Entwicklung nationaler Wertschöpfung dar.) Der Zustand

der international agierenden Bereiche bestimmt die Stellung des Landes im Kampf um die

Welteinkünfte, d.h. die Einkünfte in der weltweiten Dimension des außenpolitischen Handels, die

durch die Realisierung der Waren und Dienstleistungen entstehen, produziert im Rahmen dieser

Bereiche unter Verwendung aller Arten nationaler Ressourcen.

Die Einkünfte des Staates hängen direkt von seiner Stellung in der Weltarbeitsteilung ab, d.h.

vom Vorhandensein der international ausgerichteten Bereiche, die den Zutritt zu den Welteinkünften

sicherstellen. Aus diesem Grund soll der Staat entscheidend zu deren Bildung und ihrer

Stimulierung beitragen. Dies soll durch die Gewährung von Krediten für den Einkauf von ausländischen

Betriebsanlagen, durch die Garantien und die Absicherungen von Krediten, durch die

ermäßigte Versteuerung der Einkünfte und des Vermögens, durch die Einführung der beschleunigten

Amortisierung usw. geschehen. Eine der spezifischen Lösungen ist der Mechanismus der

wirtschaftlichen Sonderzone im Gebiet Kaliningrad.

Regionen, die besser vorbereitet sind, die Innovationen im Wirtschaftsbereich anzuwenden, sollten

als Entwicklungspole auftreten. Aufgrund der vorteilhaften geowirtschaftlichen Position sollte

der Integrationspol Kaliningrad aus gesamtrussischer Sicht eine aktivere Rolle zukommen.

Die Meinung, dass für die Bildung von internationalen Sektoren die russischen Energie-, Metallurgie-

und Innovationsbranchen sowie die aerokosmischen Branchen eine Perspektive haben,

ist sehr verbreitet. Obwohl, aus unserer Sicht, die Notwendigkeit der Positionseroberung auf dem

Bedarfswarenmarkt nicht ignoriert werden darf (zumindest auf dem heimischen Markt, wo noch

ausländische Konkurrenten herrschen, mit dem Ziel, allmählich auf dem Weltmarkt aufzutreten).

In dieser Hinsicht stellt das Gebiet Kaliningrad mit seiner besonderen geopolitischen Lage die

einzigartige Möglichkeit dar, als ein Entwicklungspol solcher Unternehmen zu dienen (was auch

zum heutigen Zeitpunkt geschieht) – wahrscheinlich geht die Politik der russischen Regierung

ebenfalls davon aus, wie sich in dem neuen Gesetz über die wirtschaftliche Sonderzone in Kaliningrad

zeigt. Diese Politik setzt zwar die Umorientierung der regionalen Wirtschaft vom Import

zur Exportorientierung voraus, zusätzlich muss sich die Region jedoch ganzheitlich in der Rolle

des russischen Kontaktterritoriums sehen. Dieser ausgewählte Weg soll jedoch sorgfältig begründet

werden.

Bereits jetzt ist im Kaliningrader Gebiet die Präsenz international ausgerichteter Branchen höher,

als in den meisten Regionen Russlands.

Der Importersatz und die Exportproduktion bilden die Basis der Industrie. Eine größere Rolle

spielt die Betreuung des außenwirtschaftlichen Handelns anderer Landesregionen. Es tritt aber

die Meinung auf, dass die Preiserhöhung den geringeren Anteil am Importersatz ausmacht und

die Rede von der Zufriedenstellung nicht der nationalen russischen, sondern der „fremden“ Gebiete

ist. Jedoch sind im Gebiet „höhere Stadien“ der Technologieprozesse des Rohstoff- und

Halbfabrikatimportes vertreten, was als sehr vorteilhafte und progressive Richtung der regionalen

Spezialisierung bewertet werden kann. Als realer Nachteil der entstandenen regionalen

Wirtschaftsstruktur hat sich die Tatsache erwiesen, dass der nichtinternationalisierte Wirtschaftssektor

am ausgeprägtesten vertreten ist und dass dieser Sektor bis jetzt mit den internationali-

102

3. Vorträge


sierten Branchen nur schwach verbunden ist. Die Verfestigung des Gebietes Kaliningrad als ein

Entwicklungskorridor, der die Integration Russlands in die globale Wirtschaft fördert, ist im Sinne

der gesamtrussischen und regionalen Interessen. Dieses Ziel sollte zur Basis der regionalen

Strategie werden, die die stabile und dynamische Entwicklung der Kaliningrader Exklave sichert.

Nicht weniger wichtig ist das Verständnis der Stellung Kaliningrads in der kulturellen Zusammenarbeit

zwischen Russland und Europa. Im vor kurzem erschienenen Buch des Universitätsrektors

A.P. Klemeschev „Die russische Exklave unter den Bedingungen der Globalisierung“ wird die

wichtige Rolle der Region, die an der Grenze zwischen zwei Weltzivilisationen – der russischen

und der westlichen – liegt, hervorgehoben. Entsteht hier, als Folge der Hantington-Hypothese

über den Zusammenstoß von zwei Zivilisationen, ein neuer, „samtener“ Vorhang oder wird hier

eine gegenseitige Durchdringung und Bereicherung der Kulturen stattfinden? Kaliningrad und

seine Region tun vieles für die Entwicklung der Zusammenarbeit in diesem Bereich (viele Auszeichnungen

der Stadt durch den Europarat sprechen dafür). Erfolgreich entwickelt sich die Zusammenarbeit

in den Bereichen der Bildung und der Sozialarbeit. Kaliningrad hat zweifellos alle

Voraussetzungen, sich zu einem Zentrum der Kontakte, der internationalen Ausstellungen und

Konferenzen, deren Zahl und Niveau von Jahr zu Jahr wachsen werden (dies zeigen auch

dieses Symposium und die bevorstehende Jubiläumsfeier der Stadt), zu entwickeln.

Die Realisierung erfolgreicher Regionalstrategien akzentuiert die Probleme der rationalen räumlichen

Organisation des Gebietsterritoriums neu. Konkrete Schritte zur Lösung dieser Probleme

sind gegen Ende des Jahres 2004 mit dem umfangreichen Generalplan zur städtebaulichen Entwicklung

des Territoriums Kaliningrad und dessen Umgebung vollzogen worden (unser Gebiet

gehört zu den ersten russischen Regionen, in denen eine solche Arbeit durchgeführt wurde). Entwickelt

ist der Masterplan der „funktionellen Küstenzone“. Es werden Masterpläne für eine Reihe

von Städten in dem Gebiet ausgearbeitet. Entwickelt ist ein komplexes Schema des Umweltschutzes

im Gebiet Kaliningrad und es werden Arbeiten über die Landschaftsplanung durchgeführt

(von Wissenschaftlern der Universität mit Hilfe von anderen Experten, unter anderem aus

Irkutsk, wo eine ähnliche Ausarbeitung bereits ausgeführt wurde, in Zusammenarbeit mit dem

Deutschen Umweltfond und mit den Wissenschaftlern der Technischen Universität Berlin). Die

Strategie der regionalen Entwicklung fügt sich zusätzlich im Laufe der Ausführung des Projektes

TASIS „Seagull-IIRC“ in die Gesamtstrategie der Länder der Baltischen Regionen.

Die Entwicklung des Gebietszentrums soll mit der Entwicklung des gesamten westlichen Teils

des Gebietes (Bezirke Bagrationowsk, Gurjewsk, Zelenograd, Städte in der Küsten- und in der

Buchtregion) übereinstimmen. Dieser Teil entspricht praktisch der stadtnahen Zone Kaliningrads,

der Agglomeration Kaliningrads mit der Bevölkerung von 690.000 Einwohnern (73% der ganzen

Bevölkerung des Gebietes). Innerhalb dieser Zone können einige Unterzonen unterschieden

werden:

1. Kaliningrad mit unmittelbaren Vororten: Industrie- und Transportunterzone der nördlichen

Küste der Kaliningrad-Bucht (Swetlyi, Wzmorje), Kolosowka-Chrabrowo, Gurjewsk-Wasilkowo,

südliche Vororte – Nizowje, Sewernyj, Juzhnyj, Pribrezhnyj. Tatsächlich könnte man,

nach dem Entwicklungsniveau der demographischen und sozialwirtschaftlichen Innenbeziehungen,

diese ganze Region als Teil der Stadtlinie Kaliningrads betrachten. Immer mehr Gebiete

werden in den Einflussbereich Kaliningrads einbezogen, hierzu zählen auch andere

103


Internationales Symposium Kaliningrad

westliche Regionen des Gebiets;

2. die kurörtliche Küstenunterzone (Primorje-Zelenogradsk-Rybatschij);

3. die Verteidigungs- und Industrieküstenunterzone (Baltijsk-Donskoje);

4. das Grenzgebiet mit Polen (Laduschkin-Mamonovo, Bagrationowsk);

5. der landwirtschaftliche Binnenteil der Halbinsel Kaliningrad (die auch günstige Perspektiven

in der Touristikbranche aufweist).

Obwohl in der letzten Zeit von den statistischen Behörden kein bedeutender Migrationzuwachs

der Bevölkerung in Kaliningrad beobachtet wurde, gehen wir davon aus, dass sich die Situation

unmittelbar in der nächsten Zeit ändern wird. Die ganze Bevölkerungszahl, unter anderem die

Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung in Kaliningrad, wird infolge der Altersstruktur der Bevölkerung

sehr schnell zurückgehen. Es entstehen Reserven des Wohnungsangebotes für Registrierung

und Wohnen der in die Stadt umsiedelnden Bevölkerung. Gleichzeitig werden neue Arbeitsplätze

in Kaliningrad infolge der geplanten Wirtschaftsbelebung schneller als in den restlichen

Gebietsteilen entstehen.

Wir gehen davon aus, dass zwei Drittel der in die Gebietsstädte strömenden Migranten (sowohl

aus den anderen Landesgebieten als auch aus den ländlichen Gegenden der Region) in dem

prognosefähigen Zeitraum nach Kaliningrad kommen werden.

Ohne die Migration und unter Beibehaltung der aktuellen Altersangaben der Geburten- und der

Sterblichkeitsrate wird die Bevölkerungszahl in Kaliningrad sehr stark sinken – um mehr als

5.000 Bewohner pro Jahr in den ersten fünf Jahren und um 4.500 Einwohner pro Jahr in den

nächsten fünf Jahren. Mit wachsendem Tempo wird die Bevölkerungzahl im arbeitsfähigen Alter

zurückgehen, sich in zehn Jahren um mehr als 30.000 Menschen verringern. Wenn der Migrantenzuwachs

2.000 Menschen pro Jahr ausmachen sollte, wird die Zahl der Arbeitsplatzressourcen

zurückgehen – um 8.000 in Jahren 2005 bis 2010 und um 19.000 in Jahren 2010 bis 2015.

Folgende Tabelle spiegelt die Dynamik von Bevölkerungszahlen verschiedener Altersgruppen in

Prozenten bis zum Jahr 2005 wider, ausgehend von dem jährlichen Migrationsaldo von 3.000

Menschen:

Bevölkerung 2005 2010 2015

Insgesamt 100 97 96

unter 18jährige 100 89 95

im arbeitsfähigen Alter 100 95 93

Rentenalter 100 105 108

Tab. 1: Prognose der alters-geschlechtlichen Struktur der Stadtbevölkerung im Gebiet Kaliningrad (bei dem Migrationssaldo von 3.000 Menschen und

ausgehend von dem Wachstum der Lebenserwartung) in Prozent bis zum Jahr 2015

Um die heutige Zahl der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter bis zum Jahr 2015 zu erhalten, soll

die Einwanderung in den Jahren 2005 bis 2010 um bis zu 4.500-5.000 Migranten pro Jahr anwachsen

und in den Jahren 2010 bis 2015 um bis zu 7.000-8.000 Menschen jährlich. Im Prinzip

ist es möglich, sowohl durch Steigerung der Zuwanderung aus anderen Landesgebieten, als

auch dank der binnenregionalen Migration (in erster Linie aus den Dörfern), die Zahlen zu

104

3. Vorträge


erreichen. Zum heutigen Zeitpunkt ist die Zahl der Bevölkerung auf dem Land bedeutend höher

als Anfang der 1990er Jahre, obwohl die Beschäftigungsquote in der Landwirtschaft gesunken

ist. Es sind auch einige Reserven bei den Berufspendlern aus den Vorstädten vorhanden, ihre

Zahl kann weiterhin zunehmen. Jedoch sollte man bei der Entwicklungsprognose für die Wirtschaftsbereiche

der Stadt mit der sehr wahrscheinlichen Verringerung sowohl der Bevölkerungszahl

als auch der Arbeitsressourcen in Kaliningrad rechnen.

Auf diese Weise wird in der Region ein System räumlicher Planungen etabliert, welches zusammenhängt

und sich gegenseitig ergänzt – zu ihnen ist auch der Generalplan Kaliningrads zu

zählen. Strategische und räumliche Planungen verbinden sich zu einem Ganzen, was eine dynamische

Entwicklung und eine rationale Verteilung der Wirtschaft fördert.

zur Person

Vita

Name

Prof. Gennadij Michajlovic Fedorov

Herkunft

Kaliningrad/Russland

Profession

Wirtschaftsgeograph

Tätigkeitsschwerpunkt

Regionale Entwicklung, Raumplanung

Themenschwerpunkt

Geopolitische Probleme des

Kaliningrader Gebietes,

wirtschaftliche und soziale Entwicklung,

territoriale Planung,

funktionelle Zonenentwicklung

105


Internationales Symposium Kaliningrad

9. Vortrag

3.2.2 9. Vortrag –

106

3. Vorträge

Die Investitionsprojekte und ihr Einfluss auf die Planungsstruktur

des Zentrums von Kaliningrad

Prof. Sergej D. Kozlov


Die Investitionsprojekte und ihr Einfluss auf die Planungsstruktur

des Zentrums von Kaliningrad

Für die Gesellschaften „Baltische Baugesellschaft“ und „Baltische Investitionsgesellschaft“, die

von mir geleitet werden, ist es eine große Ehre, an der Realisierung von zwei großen Projekten

im Zentrum Kaliningrads beteiligt zu sein. Das erste Projekt ist der Bau eines Dienstleistungszentrums

mit einem Hotel und einer Tiefgarage „Kaliningrad-750“ (Gesamtfläche des Objektes

K-750 beträgt 45.000 m²). Das zweite Projekt ist der Bau des Einkaufs-, Dienstleistungs- und

Ausstellungszentrums „Handelshaus Zentralny“ (Gesamtfläche des Objektes beträgt 21.000 m²)

auf dem Gelände der Ruine des berühmten Hauses der Technik (Bestandteil der Deutschen Ostmesse,

Architekt Hans Hopp). Der Investitionsumfang des Projektes (Investor „RGS-Immobilien“)

beträgt mehr als 40 Mio. Euro, im zweiten Projekt (Investor AKB „BIN“) etwa 10 Mio. Euro.

Zum Jubiläum der Stadt ist die Fertigstellung des ersten Bauabschnittes des Zentrums „Kaliningrad-750“

geplant. Dieser beinhaltet einen erheblichen Aufwand an Ingenieursarbeit mit der Errichtung

eines Teiles der Tiefgarage. Was das Handelszentrum betrifft, so ist geplant, dass die

Bauarbeiten im August nächsten Jahres abgeschlossen sein werden. Gegen Anfang Juli wird beabsichtigt

den Rohbau fertigzustellen und die meisten Ausbau- und Einrichtungsarbeiten durchzuführen.

Die Realisierung dieser und anderer eigener Projekte sowie Projekte von Kollegen zur Bebauung

des Kaliningrader Zentrums beweisen, dass der Investitionsstrom unvermeidlich auf die Erstellung

eines neuen privatwirtschaftlichen, administrativen und geistlich Stadtzentrums im Bereich

des Siegesplatzes gerichtet wurde. Der Grund dafür war der Verlust der historischen Bebauung

des Stadtkerns und die langjährige Blockade der Entwicklung des Gebietes, das an das Haus

der Sowjets grenzt. Zur treibenden Kraft dieser Entwicklung wurde das Konzept der Bebauung

des Stadtzentrums, das Ende der 1990er Jahre von der Stadtverwaltung und dem Stadtrat

Kaliningrads aufgenommen wurde. Dieses Konzept wurde vom Architekten O.W. Kopylow vorbereitet.

Seine Dominante war die Christi-Erlöser-Kathedrale, wobei gerade mit diesem Bau die

Erschließung der Flächen begann. Dies bestimmte den architektonischen Charakter der benachbarten

Bauten und in gewissem Maße ihre funktionelle Ausrichtung.

Dabei handelt es sich um die Wiederherstellung der historischen Vorbestimmung dieses einmaligen

Ortes, der in sich administrative Funktionen (Stadtverwaltung), Handels- und Ausstellungs-

1 | Visualisierung der Christi-Erlöser-Kathedrale und des

Einkaufszentrums „Kaliningrad-750”

2 | Ehemaliges Haus der Technik

107


Internationales Symposium Kaliningrad

108

3. Vorträge

3 | Vogelperspektive zum Bau der Christi-Erlöser-Kathedrale und des Einkaufszentrums „Kaliningrad-750”

4 | Vogelperspektive zur Visualisierung der Christi-Erlöser-Kathedrale und des Einkaufszentrums „Kaliningrad-750”


platz (das ganze Gebiet vom Rathaus bis zum Haus der Technik), religiöse Einrichtungen (Kirchen

an der heutigen Ivannikiwa Straße und der Partisanskaja Straße), Freizeiteinrichtungen

(der landschaftliche Parkgürtel der Befestigungsanlagen) und Kultureinrichtungen (Kunsthalle)

vereinigte. Dieses wird durch das Verkehrssystem und die Handels- und Religionstraditionen des

Gebietes getragen, hier lag das Zentrum des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Königsberg

in den 20-30er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Die Anziehungskraft für Investitionen in diesen Stadtteil, der begrenzt wird von der Teatralnaja

Straße, dem Leninskij Prospekt, der Tschernjachowskogo Straße, der Proletarskaja Straße, der

Oserowa Straße, dem Sowjetski Prospekt und dem Siegesplatz, wächst stetig und wird durch

eine Reihe von makro- und mikroökonomischen Faktoren bedingt:

1. Es gibt eine reale Steigerung der Lebensverhältnisse und der Lebensqualität in der Region

und darüber hinaus einen realen Anstieg des Konsumpotenzials der Bevölkerung.

2. Es greift eine günstige Gesetzgebung: die russische (das Gesetz zu offenen Wirtschaftszonen),

die regionale (das Gesetz zur Unterstützung von Investititonen in Form der Kapitalanlage)

und die städtische (das Gesetzespaket zur Unterstützung von Investoren).

3. Die administrative Unterstützung der Projekte durch den Stadtrat, durch Mitarbeiter der Stadtverwaltung

und durch den Bürgermeister J.A. Sawenko, der die Verantwortung für diese

große und konfliktreiche, für die Zukunft allerdings unerlässliche Umgestaltung des Stadtzentrums

übernommen hat.

4. Die gleichzeitig vereinten Kräfte mehrerer Investoren erlauben ernste Probleme der Infrastruktur

zu lösen (Energetik, Wasser-/Heizwasserversorgung und Kanalisation), was die

Attraktivität der Investitionszone zusätzlich steigert. Der Beitrag, den die an unseren beiden

Projekten beteiligten Institutionen für die Netzentwicklung und die Gestaltung der Stadt aufbringt,

beträgt ca. 300 Mio. Rubel. Mehr als die Hälfte der Summe wurde schon in die Lösung

der städtischen Probleme investiert.

5. Die Änderung des architektonischen Erscheinungsbildes auf einer ausreichend großen Fläche

sowie die Lösung der Probleme des Ingenieurswesens erlauben heute, mit der Erschließung

von benachbarten Grundstücken zu beginnen.

6. Indem das neue Zentrum „Kaliningrad-750“ errichtet wird, werden zerstörte Kulturdenkmäler

wieder aufgebaut, beispielsweise das Werk von Hans Hopp im Bauhausstil – „das Haus der

Technik“. Als Ergebnis wird die touristische Attraktivität gesteigert und es gibt positive Auswirkungen

für die Wirtschaft der Stadt.

Die weiteren Entwicklungsperspektiven eines neuen administrativen, privatwirtschaftlichen und

kulturellen Zentrums von Kaliningrad werden, meiner Ansicht nach, von der Bewegung in Richtung

des Ober-Teiches abhängig sein.

Ein anderes Gesicht soll die Tschernjachowskogo Straße erhalten, die als Verkehrsader eine entsprechende

Erweiterung der Fahrbahn bekommt. Das ist umso bedeutungsvoller, weil das Verkehrsaufkommen

an der Baranowa Straße derzeit zu groß ist. Die Wohnhäuser, die jetzt an der

Tschernjachovskaja Straße liegen, sind mit ihrem derzeitigen Zustand und ihrer Qualität zum Abriss

vorgesehen. Ihr Preis wird allerdings so steigen, dass es den Investoren schwer fallen wird,

die Wohnungen zu erwerben. Die jetzigen Verkaufsstände sehen schon heute so aus, als ob sie

Denkmäler des wilden Kapitalismus Anfang der 1990er Jahre wären. Die ehemaligen Pferdestäl-

109


Internationales Symposium Kaliningrad

5 | Ausschnitt des Stadtplans

le des Kürassierregimentes (der heutige Lebensmittelmarkt) werden in der Zukunft die Stadt

kaum noch schmücken können. Es ist offensichtlich, dass die Erhaltung des zentralen Lebensmittelmarktes

und der Wohnhäuser an der Tschernjachowskogo Straße in ihrem heutigen Zustand

nicht möglich ist. Man weiß, wie ähnliche Probleme in Moskau, Minsk und anderen Städten

Russlands gelöst werden. Das sind moderne Komplexe mit Parkmöglichkeiten, die mit der architektonischen

Umgebung im Einklang stehen.

Einen bedeutsamen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Effekt könnte ein Tiefbauprojekt

im Zentrum haben. Man sollte die Erstellung von Tiefgaragen verbindlich machen. Dabei sollte

die geeignete Umgebung für Freizeitaktivitäten der Bevölkerung erhalten bleiben bzw. geschaffen

werden. In dieser Hinsicht ist der Komplex „Kaliningrad-750“ in seiner architektonischen Lösung

ein Vorbild. Der erste Bauabschnitt von „Kaliningrad-750“ wird zur Jubiläumsfeier der Stadt

abgeschlossen sein. Der bedeutende Gewinnzuwachs für Investoren und Eigentümer von großen

Objekten im Stadtzentrum könnte die nachfolgende Verbindung von Einrichtungen mit Passagen,

Galerien und Fußgängertunneln gewährleisten – so wurde es in Toronto, Montreal und

anderen Großstädten der Welt gemacht. Ohne Koordinierung seitens der Stadtverwaltung wird

es jedoch kaum gelingen, die entsprechenden Bemühungen der Investoren zu vereinigen.

Bei der Erneuerung und Weiterentwicklung des besagten Gebietes als neuem dienstleistungsund

kulturellem Zentrum der Stadt muss alles für das Wiederaufleben der Freizeitmöglichkeiten

getan werden. Es ist offensichtlich, dass auf der Fläche zwischen dem Siegesplatz, dem Ober-

Teich und dem Park „Jugend“, wo Ljudmila Alexandrowna Putina ein Projekt verwirklicht, eine

hochwertige Fußgängerzone entstehen sollte. Die Parkfunktion des grünen Gürtels „Schneider“

muss wiederhergestellt werden. Von der Straße Garashnaja bis zur Proletarskaja Straße müssen

Fußgängerwege angelegt werden, die kleinen Architekturformen müssen restauriert und landschaftgärtnerische

Tätigkeiten zur Erneuerung des Parks durchgeführt werden. Es wäre wünschenswert

hier Kinderspielplätze unterzubringen, die im Stil der Hoffmann-Märchen gestaltet

werden. Der Parkbach ist besonders zu beachten – stellenweise muss er gereinigt, entlang des

Handelshauses „Zentralny“ muss er kanalisiert werden. Dabei muss ein neuer landschaftsarchitektonischer

Komplex geschaffen werden, der den Park mit dem Einkaufs- und Dienstleistungszentrum

verbindet. Die Baranowa Straße muss auf dem Abschnitt von der Gorkogo

Straße bis zur Kreuzung mit der Proletarskaja Straße zweifellos zu einer Fußgängerzone umgestaltet

werden.

110

3. Vorträge

6 | Ursprüngliches Gebäude des heutigen Lebensmittelmarktes


Es wurde die Umgestaltung des Parks auf dem Abschnitt zwischen der Gorkogo Straße und der

Partisanskaja Straße vorgeschlagen, aber die Umgestaltung und Erschaffung einer Freizeitzone

wurde unter Berufung auf die ökologische Expertise unbegründet abgelehnt. Man hofft, dass sich

die Einstellung des Investors, als reiner Profitmacher aufzutreten, endlich legen wird. Wir sind

auch Kaliningrader, wie alle anderen. Wir träumen von einer schöneren, zum Leben angenehmeren

Stadt und machen alles, damit sie sich nicht in 10-20 sondern in 2-3 Jahren in eine

moderne europäische Großstadt verwandelt. Im Grunde genommen handelt es sich um die Erschaffung

eines neuen geschäftlichen, geistigen und kulturellen Zentrums für Russland, einem

Schaufenster des russischen Fortschrittes innerhalb der EU. Nach einer bescheidenen Schätzung

könnte das gesamte Investitionsvolumen in dieser Region in den nächsten Jahren 250-

300 Mio. Euro betragen. Das ganze ist bei einer entsprechenden administrativen Unterstützung

möglich, die wiederum neue Investitionsmöglichkeiten für eine langfristige Stadtentwicklung

schaffen wird.

zur Person

Vita

Name

Prof. Sergej Dmitrievic Kozlov

Herkunft

Kaliningrad/Russland

Profession

Wirtschaftswissenschaftler (Ökonom),

Finanzfachmann,

Professor für Rechtswissenschaften,

Doktor der Politikwissenschaften

Tätigkeitsschwerpunkt

Mobilisierung von Investitionen, Bau,

Stadtentwicklung

Themenschwerpunkt

Bau des öffentlichen Zentrums „Kaliningrad-750",

Rekonstruktion der Innenstadt von Kaliningrad,

des Handelshauses „Centralnyj"

(früher „Haus der Technik")

111


Internationales Symposium Kaliningrad

112

3. Vorträge

10. Vortrag

3.2.3 10. Vortrag –

Standortfaktor Architektur und andere wirtschaftliche Standortfaktoren

Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Bloech


Standortfaktor Architektur und andere wirtschaftliche Standortfaktoren

Seit 1994 beschäftigen sich in einer russisch-deutschen Arbeitsgruppe Venzel Salachov und

Andrej Derbenkov aus Kaliningrad sowie Jochen Brandi und Jürgen Bloech aus Göttingen mit

der Erforschung der alten Strukturen und den Möglichkeiten der zukünftigen Gestaltung der geschichtsträchtigen

Kneiphofinsel in Kaliningrad (Königsberg), die Standort des Domes ist.

Als interessierte Gesprächspartner dieser Gruppe begleiten auch Mitglieder der staatlichen russischen

Immanuel-Kant-Universität in Kaliningrad und der mit dieser Universität durch einen Kooperationsvertrag

verbundenen Georg-August-Universität Göttingen diese Aktivitäten.

Für das zentrale Gebiet der Kneiphofinsel bestehen besonders interessante Entwicklungsperspektiven,

die der Bevölkerung und den Besuchern die besondere Bedeutung dieses Standortes

nahe bringen können.

Die intensive Diskussion darüber, ob die Kneiphofinsel wieder bebaut werden sollte, begann bereits

um 1990. In diesem Diskurs plädieren wir für einen neuen Kneiphof auf altem Gemäuer in

der Domumgebung. Dem heute vereinsamten Dom kann durch eine Nachbarschaft von wieder

errichteten, jetzt russischen Gebäuden für Philosophie und geisteswissenschaftliche Forschung

seine kulturelle Umgebung wiedergegeben werden.

Das Gelände um den Dom kann außerdem als Park des Denkens mit einem „Philosophenweg“

ausgestaltet werden, der dem Grab des großen Philosophen einen würdigen Zugang beschert.

In diesem Kontext entstand der Gedanke, die Bücher, die Kants Bibliothek umfasste, zusammen

mit moderner internationaler Literatur wieder räumlich in seine Nähe zurückzuführen. Der Leiter

der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Elmar Mittler, hat bei der Konzepterarbeitung

wertvolle Unterstützung geleistet.

Standortfaktoren und ihre Funktion in der Entwicklung einer Stadt und einer Region

Den Besuchern einer Stadt fallen bereits auf den ersten Blick architektonische Strukturen auf.

Diese Strukturen prägen oft den ersten Eindruck und wirken auf die Besucher ein, bevor sie

weitere Erfahrungen machen können. Für die Touristik einer Stadt kann sich die Architektur zu

einem maßgeblichen Standortfaktor herausbilden. Diese Sichtweise stellt einen interessanten

Anlass dar, um im Zusammenhang mit der zukünftigen Gestaltung Kaliningrads intensiv über

Architektur als Standortfaktor nachzudenken. Die Gedankenführung soll dabei sowohl wirtschaftliche

als auch kulturelle Gesichtspunkte beachten, die mit der Architektur in Verbindung stehen.

Standortfaktoren sind spezifische Einflussgrößen, die von Ort zu Ort unterschiedlich ausgeprägt

sein können und von Unternehmen, Institutionen und der Bevölkerung wahrgenommen werden.

Somit ergibt sich die Frage, ob auch Architektur als Standortfaktor erfasst werden kann.

Eine standortbezogene Untersuchung fragt in erster Linie nach den Vorzügen und Nachteilen

einer Stadt oder Region hinsichtlich der Ansiedlung von Unternehmen und Institutionen. In dieser

Sichtweise werden zunächst die so genannten harten Standortfaktoren erfasst, die erwartungs-

113


Internationales Symposium Kaliningrad

gemäß direkte wirtschaftliche Vorteile bewirken. Hierzu zählen Steuervorteile, Grundstückspreise,

verfügbare qualifizierte Arbeitskräfte, Verkehrsanbindungen, Rechtssysteme und mehr.

Weiche Standortfaktoren sind anders ausgeprägt (vgl. auch Thießen, 2005, S. 10 ff.). Sie wirken

vielfach über die Sympathie und das Wohlbefinden der Menschen auf deren Verhalten und ihre

Vorliebe zum Aufenthalt an einem Ort. Zwischen den Gruppen der harten und weichen Standortfaktoren

gibt es keine scharfen Abgrenzungen.

Ein strategisches Potenzial formen gewisse weiche Standortfaktoren für die Bildung einer Touristenattraktivität

oder für kulturbewusste Unternehmensleitungen.

Diese können für die Wahl eines Unternehmensstandortes auch kulturelle Potentiale einer Stadt

berücksichtigen, um für anspruchsvolle hochqualifizierte Mitarbeiter eine attraktive Umgebung zu

gewährleisten.

In dieser Perspektive hinsichtlich einer Standortattraktivität, geformt durch weiche Standortfaktoren,

wird berücksichtigt, dass auch die Personen des privaten Umfeldes einer Führungskraft und

ihr Gefühl für Wohlbefinden Einfluss auf die Entscheidung nehmen, in einer Unternehmung in

attraktivem Standort gerne beschäftigt zu sein. Hervorragende Führungskräfte sind ihrerseits

wichtige Potentiale für erfolgreiche Unternehmen.

In Städten und Gemeinden, welche sich des Einflusses der Standortfaktoren bewusst sind, werden

Maßnahmen zur Verbesserung der Standortattraktivität durchgeführt.

Es werden Verkehrsanbindungen und Netze ausgeweitet und verbessert, um beispielsweise

Transportzeiten und -kosten für Industrie- und Logistikunternehmen zu senken.

Es werden Grundstücke für die Aussiedlung von Industriebetrieben vorbereitet. Es werden kulturelle

Einrichtungen verbessert, um die Vielfalt und die Qualität der weichen Standortfaktoren zu

erhöhen.

Somit sind vielfältige Aktivitäten darauf ausgerichtet, lokale Standortfaktoren für die zukünftige

regionale Entwicklung vorzubereiten.

Standortfaktor Architektur, ein Potential für eine Stadt

Die Betrachtung von Architektur als weichem Standortfaktor wird sowohl die Einordnung der

Architektur in die historische Entwicklung der Stadt als auch in die Gesamtheit der kulturellen

strategischen Potentiale beachten.

Die historische Entwicklung einer Stadt bedingt, dass ständig Gebäude, Kulturstätten und Infrastruktur,

auch Parks und Gärten geschaffen, verwandelt oder konserviert werden. Im Verlauf vieler

Jahrzehnte ergibt sich daraus ein Stadtbild, das Ausdruck kulturellen Verständnisses der Bewohner

ist. Externe Besucher fühlen sich von diesem architektonischen Gesamtbild angesprochen

oder abgestoßen.

114

3. Vorträge


Zusammenwirken von Architektur und anderen Standortfaktoren

Für die Entwicklung der Stadt Kaliningrad ist die Gestaltung der zentralen Stadtbereiche von besonderer

Bedeutung.

Die übergreifende Planung der Stadt wird eine Architektur vorsehen, die die Anbindung an das

internationale Verkehrsnetz durch spezifische Stationen wie den Hafen, den Flughafen, gegebenenfalls

die Autobahn und den Bahnhof einschließt. Hier wirken Architektur und Logistik zur Gestaltung

dieser Potentiale zusammen. Ebenso wird der Anschluss der Infrastruktureinrichtungen

für die Citylogistik (vgl. Eckstein, 1992) eine Kooperation zwischen Architektur, Stadtplanung und

Logistikplanung erfordern.

Derartige Bauwerke und ihre Vernetzungen werden die harten und einige weiche Standortfaktoren

Kaliningrads verbessern.

Ein besonders kostbares Gebiet für eine behutsame architektonische Gestaltung ist die Kneiphofinsel.

Sie liegt im Zentrum der Stadt Kaliningrad und war auch früher das Zentrum Königsbergs.

Der im 14. Jahrhundert gebaute Dom ist gegenwärtig das einzige Gebäude auf dieser Insel.

Am Dom befindet sich auch die letzte Ruhestätte des großen Philosophen Immanuel Kant.

Eine russisch-deutsche Arbeitsgruppe hat sich mit Ideen und Konzepten zur Errichtung einer

internationalen Bibliothek in der Nachbarschaft des Domes beschäftigt.

Die Dominsel und das Kant-Grab sind Elemente des städtischen Kultursystems, die eine Aufwertung

durch die Befreiung aus ihrer einsamen Situation verdienen.

Kant als Begründer einer philosophischen Revolution wird in seiner Bedeutung herausgehoben,

wenn auch seine Philosophie in seiner unmittelbaren Umgebung studiert und diskutiert werden

kann. Die Heraushebung seiner Bedeutung stellt auch gleichzeitig eine Erhöhung der gesamten

Stadt als zentralen Ort dar.

Ein architektonisches Konzept für die Kneiphofinsel könnte ihre kulturelle Erscheinung dadurch

aufwerten, dass die Insel als Stätte des Denkens entwickelt wird und beispielsweise die Philosophie

und die Philosophiegeschichte in den Mittelpunkt rückt, indem ein Philosophenweg mit

Denkstationen für historische Philosophen eingerichtet wird.

Neben dem Dom ließe sich für eine philosophische und internationale Bibliothek ein Gebäude im

Stile Kants alter Universität errichten, das auch Raum für internationale wissenschaftliche Tagungen

bietet.

Der Göttinger Bibliotheksleiter, Prof. Dr. Elmar Mittler, unterstützt das Bibliothekskonzept in Kaliningrad

und hat in etwa formuliert:

Mit einem Neubau würden die „Bücher an ihren ehemaligen Standort zurückkehren“ und dort

eine endgültige Bleibe finden, in der die vorhandenen und zu ergänzenden Bestände gelagert,

fachmännisch geschützt und gepflegt werden könnten. Spätere bauliche Erweiterungsmöglichkeiten

könnten in den Häuserzeilen, die den Dom umgeben, in West- und Südrichtung nachge-

115


Internationales Symposium Kaliningrad

wiesen werden. Die Erschließung der Bibliothek könnte über die unzerstörte Honigbrücke von

Osten gegeben sein, später könnten auch weitere Brücken zur Stadtinsel rekonstruiert werden.

Ein Magazingebäude könnte auf den alten Fundamenten als ein modernes „Speicherhaus“ konzipiert

werden, dessen Tragwerk auf die besonderen Gründungsverhältnisse der Kneiphofinsel

abzustimmen wäre. Nach den Vorstellungen des Stadtarchäologen Venzel Salachov wären die

– heute noch unter der Geländeoberkante verborgenen – Fundament- und Kellerreste als

„Spurensicherung der alten Bebauung“ zunächst freizulegen.

Zusammenfassung

Die Architektur gehört zu den weichen Standortfaktoren, welche auf die Wirtschaft indirekt, aber

sehr nachhaltig wirken. Architektur fügt sich mit Dienstleistungen, Produktionen und Bevölkerung

zu einem attraktiven, harmonischen Gesamtbild zusammen. Auch wirtschaftliche Erfolge werden

durch eine architektonische Kultur unterstützt.

Literatur:

- Thießen, F.: Zum Geleit: weiche Standortfaktoren – die fünf Sichtweisen, in: Thießen, F., Cernavin, M., Führ, M., Kaltenbach, M. (Hrsg.):

Weiche Standortfaktoren – Berlin, 2005, S. 9-34

- Bloech, J., Ihde, G. B. (Hrsg.): Vahlens Großes Logistiklexikon – München, 1997

- Eckstein, W.: 1992

116

3. Vorträge


zur Person

Vita

Name

Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Bloech

Herkunft

Tranßau, Ostpreußen/Deutschland

Profession

Universitätsprofessor der

Universität Göttingen

Honorarprofessor der staatlichen

Russischen Universität Immanuel Kant

Tätigkeitsschwerpunkt/

Themenschwerpunkt

Strategische Planung, Logistik,

Betriebswirtschaftslehre

117


Internationales Symposium Kaliningrad

118

3. Vorträge

11. Vortrag

3.2.4 11. Vortrag –

Das Gebiet Kaliningrad – ein starker Partner in der Ostseeregion?

Dr. Elke Knappe


Das Gebiet Kaliningrad – ein starker Partner in der Ostseeregion?

Das Gebiet Kaliningrad wurde über einen langen Zeitraum hinweg als Partner in der Ostseeregion

verhältnismäßig einseitig wahrgenommen – es hatte den Status eines geschlossenen

Gebietes und war Standort der baltischen Flotte. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion trat das

Gebiet und mit ihm auch die Gebietshauptstadt Kaliningrad aus diesem Schatten heraus.

Die Wirtschaft der Region

Mit der Öffnung des Gebietes Kaliningrad begannen für die Stadt und die Region Kaliningrad

entscheidende Veränderungen sowohl in politischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Bedingt

durch die Öffnung des Gebietes auch für Ausländer rückte die Region wieder in das Blickfeld

ihrer ehemaligen Bewohner – die Deutschen besuchten erstmalig wieder ihre ehemaligen Wohngebiete

und dies bedeutete auch für die jetzigen Einwohner eine Begegnung mit der deutschen

Vergangenheit.

Das Verwaltungszentrum der Region, die Stadt Kaliningrad, das frühere Königsberg, präsentierte

sich als eine Stadt, die vor allem vom Wohnungsbau der Nachkriegszeit geprägt wurde. Historische

Vorgaben wurden selten berücksichtigt, die Innenstadt erhielt durch die mehrgeschossigen

Plattenbauten ein völlig neues Aussehen. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass

Wohn- und Industrieflächen sehr eng beieinander liegen (Abb. 1). Eine Beeinträchtigung der

Wohnqualität durch Lärm, Staub- und Geruchsbelästigung wird von der Bevölkerung (noch)

1 | Kaliningrad, Wohn- und Industrieflächen 2002

119


Internationales Symposium Kaliningrad

2 | Gebiet Kaliningrad, Wohnfläche

toleriert, kurze Arbeitswege spielen nach wie vor eine große Rolle. Eine bevorzugte Wohngegend,

in der vor allem seit 2003 verstärkt neue Wohnhäuser errichtet werden, ist der Nordwesten

der Stadt, wo viele Leerflächen bebaut wurden. Es handelt sich dabei vor allem um private Investoren,

während der staatliche Wohnungsneubau deutlich verringert wurde (Klemešev und Fjodorov

2004). Das bedeutet, dass die sozial schwächeren Einwohner auf die billigeren Quartiere im

Süden der Stadt ausweichen müssen.

Insgesamt wird trotz der privaten Bautätigkeit deutlich, dass die Wohnfläche, die pro Einwohner

zur Verfügung steht, nicht sehr hoch ist (Abb. 2). Aus der Abbildung wird darüber hinaus erkennbar,

dass sich die Schwerpunkte der Neubautätigkeit, außer in der Stadt Kaliningrad selbst, vor

allem in den Rayons Selenogradsk und Bagrationowsk befinden, d.h. im Westen der Region und

in der Nähe der Gebietshauptstadt. Vor allem im Rayon Selenogradsk bauen auch Investoren

aus Russland, da die Ostseeküste hier landschaftlich sehr schön ist und der Ort Selenogradsk

eine ausgezeichnete Wohnqualität bietet. Die Abbildung 3 verdeutlicht nochmals den langjährigen

Trend der Konzentration des Wohnungsbaus auf das Gebietszentrum und den Westen der

Region, während der Osten nur sehr geringe Bauaktivitäten aufweist.

In wirtschaftlicher Hinsicht bedeutete die Öffnung des Gebietes Kaliningrad die Möglichkeit eines

Neuanfangs nach marktwirtschaftlichen Prinzipien. Am 25.09.1991 wurde von der Staatsduma

Russlands der Gründung der Freien Wirtschaftszone „Jantar“ (Bernstein) zugestimmt. Damit war

der Weg frei, um die Region für ausländische und russische Investoren attraktiv zu machen. Es

zeigte sich jedoch, dass die Freie Wirtschaftszone eher die Rolle eines Warenumschlagplatzes

erhielt, viele Handelsfirmen ließen sich im Gebiet Kaliningrad allein aus dem Grunde registrieren,

um ihre zollfrei importierten Waren in andere Regionen Russlands günstig verkaufen zu können.

Einen wirtschaftlichen Vorteil hatten davon weder das Gebiet Kaliningrad noch die Stadt selbst.

120

3. Vorträge


3 | Staatlicher Wohnungsneubau 2004

Im Jahre 1996 wurde das Föderale Gesetz über die Sonderwirtschaftszone verabschiedet. In

modifizierter Form wurden Rahmenbedingungen geschaffen, die gewährleisten sollten, dass

sich ausländisches Kapital ansiedelt. Wie der Abbildung 4 zu entnehmen ist, sind die ausländischen

Direktinvestitionen jedoch trotz der Vergünstigungen mit 10,7 Mio. US $ nicht sehr hoch,

insgesamt belaufen sich die ausländischen Investitionen auf 32,4 Mio. US $ im Jahre 2004

(Abb. 5). Die Ursachen sind vor allem mangelnde Rechtssicherheit, kurzfristig vorgenommene

Gesetzesänderungen, mangelhafte Infrastruktur sowie auch die Tatsache, dass Ausländer Grund

und Boden nicht erwerben, sondern nur pachten können.

Ein entscheidender Grund für die schleppend verlaufenden Direktinvestitionen ist auch in der

schwachen Wirtschaftskraft des Gebietes selbst zu sehen. Zwar erfolgte nach 1998, dem Jahr

der Rubelkrise, ein Aufschwung und solche Sektoren wie die Energiewirtschaft und der Maschinenbau

entwickelten sich sehr dynamisch (Tab. 1), aber noch ist diese Dynamik nicht ausreichend,

um das ganze Gebiet attraktiv zu machen.

Deutschland 11%

Großbritannien 35%

Polen 6%

andere 2%

gesamt: 10,7 Mio. US $

Litauen 46%

Deutschland 11,4%

Großbritannien 11,6%

4 | Anteile ausländischer Direktinvestitionen 2004 5 | Anteile ausländischer Investitionen nach Ländern 2004

121

andere 8,3%

Schweiz 12,6%

Polen 2,6%

Litauen 15,7%

Zypern 21,3%

USA 16,5%


Internationales Symposium Kaliningrad

Tab. 1: Die Wirtschaftsstruktur des Gebietes Kaliningrad (Anteile der einzelnen Sektoren in %) Quelle: Zverev 2004

Die über einen langen Zeitraum hinweg die Region prägende Landwirtschaft hat ihre dominierende

Stellung verloren, die Privatisierung verlief nur halbherzig und viele Landwirte produzieren

nunmehr in erster Linie für sich selbst und weniger für den Markt.

Demgegenüber hat sich der Einzelhandel sehr deutlich entwickelt und in zunehmendem Maße

sind es die einheimischen Handelsketten wie Vester, Viktoria, Semja, welche das Bild des Einzelhandels

in den Städten mit ihren modernen Supermärkten bestimmen.

Kaliningrad als Transportdrehscheibe

Das Gebiet Kaliningrad selbst ist verkehrsmäßig relativ gut erschlossen. Für den Anspruch, eine

Drehscheibe des Ost-West-Handels zu sein, reicht ein Straßennetz innerhalb der Region jedoch

nicht aus – wichtig sind die Fernverkehrsverbindungen. Wie Abbildung 6 zeigt, gibt es die Via

Hanseatica, welche die Verbindung von Lübeck nach St. Petersburg herstellen soll. Diese Trasse

beinhaltet ein Stück der früheren Autobahn Berlin-Königsberg. Der bereits fertige Abschnitt auf

der russischen Seite konnte jedoch noch nicht in Betrieb genommen werden, da das polnische

Anschlussstück noch nicht vollständig wiederhergestellt wurde. Ein weiteres Problem der Via

Hanseatica besteht in den Grenzübergängen von Polen zum Gebiet Kaliningrad und vom Gebiet

Kaliningrad nach Litauen. Trotz einiger Modernisierungsmaßnahmen an den Übergängen entstehen

an den Grenzen oft lange Wartezeiten, welche den Güterverkehr zusätzlich erschweren.

Das bedeutet, dass der Güterfernverkehr überwiegend die Trasse Via Baltica benutzt und das

Gebiet Kaliningrad damit umgeht.

Ausdruck des noch nicht verwirklichten Anspruchs, eine Drehscheibe des Transports zu sein,

sind auch die Zahlen des Güterverkehrsaufkommens des Jahres 2004 (Abb. 7). Den größten

Anteil nimmt der Schienentransport ein, wobei vor allem der Breitspurachse Kaliningrad-Kaunas-

Minsk-Moskau die größte internationale Bedeutung zukommt. Weitere internationale Verbindungen

führen täglich nach Gdansk und St. Petersburg. Eine Normalspurverbindung existiert zwischen

Kaliningrad und Berlin, täglich fährt ein Kurswagen auf dieser Strecke.

Den zweiten Rang im Transportvolumen nimmt der Schiffstransport ein. Kaliningrad verfügt über

einen nahezu eisfreien Hafen, der durch einen 40 km langen Seekanal mit der Ostsee verbunden

122

3. Vorträge

1990 1998 2003

Energiewirtschaft 4 27 23

Maschinenbau 27 13 25

Holzverarbeitung, Zellulosegewinnung 10 9 9

Baumaterialien 3 2 2

Leichtindustrie 4 2 1

Nahrungsmittelverarbeitung 40 38 37

Andere 12 9 3


6 | Straßennetz der Ostseeregion

ist. Am Ende des Kanals befindet sich in der Stadt Baltisk der Außenhafen, der gleichzeitig ein

wichtiger Marinestützpunkt Russlands in der Ostsee ist.

Die Hauptproblematik des Kaliningrader Hafens ist seine veraltete Ausrüstung und der lange

Anfahrtsweg durch den Seekanal. Im Unterschied zu den anderen Ostseehäfen z.B. der baltischen

Staaten weist der Kaliningrader Hafen keine Spezialisierung auf. Vielmehr gilt er als

multi-funktionaler Umschlagplatz für allgemeine Stück- und Massengüter. Hinsichtlich des zukünftigen

Ausbaus und der Modernisierung der Hafeninfrastruktur sind derzeit mehrere Möglichkeiten

in der Diskussion: Ein genereller Umbau des Kaliningrader Hafens oder der Bau eines

neuen Großhafens unmittelbar an der Ostseeküste in der Primorskaja Bucht, aber auch die Nutzung

freier Kapazitäten des Kriegsmarinestützpunktes in Baltisk.

Wasser (Binnen-)

929,6; 28%

Straße

374,7; 11%

7 | Gütertransportaufkommen nach Verkehrsträgern 2004

123

Luft

1,1; 0%

Angaben in 1000t

gesamt: 3,36 Mio. t

Schiene

2059,3; 61%


Internationales Symposium Kaliningrad

Kaliningrad – ein Kooperationsraum in der Ostsee

Die Lage des Gebietes Kaliningrad inmitten der Europäischen Union ist nicht nur ein logistisches

Problem hinsichtlich der Verbindung der Region mit dem Mutterland Russland, sie stellt auch

eine nicht zu unterschätzende Entwicklungschance dar.

So ist z.B. das Gebiet Kaliningrad Partner in mehreren Euroregionen (Abb. 8) und damit eng in

die Entwicklung des Ostseeraumes einbezogen. Enge wirtschaftliche Beziehungen zum Nachbarstaat

Litauen haben dazu geführt, dass von Litauen aus umfangreiche Investitionen getätigt

wurden und nunmehr Kaliningrad einer der größten Hersteller von Kühlschränken in Russland

ist.

Die Pflege des Erbes von Immanuel Kant und die zielstrebige Entwicklung der Kaliningrader

Universitätslandschaft tragen dazu bei, die Rolle der Stadt Kaliningrad als Standort von Wissenschaft

und Forschung zu stärken. Die Europäische Union hat ebenfalls in umfangreichen Projekten

dazu beigetragen, nicht die Isoliertheit sondern die Brückenfunktion des Gebietes Kaliningrad

zu betonen und zu unterstützen. Dies erfolgte vor allem durch Entwicklungsprojekte auf den

Gebieten der Unterstützung der privaten Wirtschaft, der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit

und der Hafenentwicklung, des Umweltschutzes, von Gesundheit und Bildung und der Erhöhung

der Effizienz der lokalen Selbstverwaltung.

Die Bereitschaft zu einer verstärkten Kooperation der Region mit den Nachbarn der Europäischen

Union ist deutlich erkennbar und wird dazu beitragen, das vorhandene wirtschaftliche und

8 | Gebiet Kaliningrad – Euroregionen

124

3. Vorträge


kulturelle Potential der Region zu stärken und in Wert zu setzen. Damit kann dem Anspruch des

Gebietes Kaliningrad, eine Brücke zwischen Russland und der Europäischen Union zu sein, eine

reale Grundlage gegeben werden und es kann ein starker Partner im Rahmen der Ostseekooperationen

sein.

Literatur:

- Klemešev, A. P., Fjodorov, G. M.: Ot isolirovannogo eksklava k koridoru razvitija, (Von der isolierten Exklave zum Entwicklungskorridor) –

Kaliningrad, 2004

- Knappe, E.: Kaliningrad aktuell (=Daten, Fakten, Literatur zur Geographie Europas, H. 7), Leibniz-Institut für Länderkunde – Leipzig, 2004

- Zverev, J. M.: Problemy i perspektivy razvitija promyšlenosti Kaliningradskoj oblasti (Probleme und Perspektiven der Entwicklung der

Industrie im Gebiet Kaliningrad), in: Vestnik 6, 2004, S. 27-36

zur Person

Vita

Name

Dr. Elke Knappe

Herkunft

Leipzig/Deutschland

Profession

Diplomlandwirtin

Tätigkeitsschwerpunkt/

Themenschwerpunkt

Landnutzungswandel und

Siedlungsentwicklung im östlichen Europa

125


Internationales Symposium Kaliningrad

126

3. Vorträge

12. Vortrag

3.2.5 12. Vortrag –

Strategie der Stadtprojektierung

Flemming Frost


Strategie der Stadtprojektierung

Vier Q-Bücher für Universitetsholmen in Malmö – ein Werftgebiet wird Universitätsstadt

Derzeitige Diskussionen über Stadtplanung sollen helfen, die Prozesse und die Entwicklungsstrategien

zu verstehen und das Innenverhältnis der an dem Planungsprozess beteiligten Spieler

lebendig zu halten. Diese Einstellung ist wichtig für die Arbeit unseres Büros an dem Universitetsholmen

in Malmö.

Im Kontext der Umstrukturierung der Universitetsholmen, vom Werftgelände zur Universitätstadt

mit 15.000 Studenten, begleiteten die Architekten den Dialog. Dabei wurden die Nutzer, Politiker

und die Behördenvertreter auf den Entscheidungsprozess vorbereitet. Das Massenmodell wurde

in seiner Wirkung auf den Gesamtplan geprüft, es schaffte Aufschluss über das architektonische

Rahmenkonzept für Universitetsholmen in Bezug auf die Stadt Malmö.

In den vier Q-Büchern wird ein strenger stadtplanerischer und architektonischer Rahmen für die

zukünftige Entwicklung von Universitetsholmen entwickelt und festgeschrieben, der die spezifische

Identität und Qualität über eine längeren Zeitraum sicherstellen soll. Universitetsholmen

wird zum Thema einer anhaltenden Diskussion über Stadtplanung und Bauen, die mit Hilfe eines

3D-Modells auf drei Ebenen geführt wird – der Stadtebene, der Quartiersebene und der Architekturebene.

Die vier Bücher definieren Richtlinien für die folgenden Bereiche, die sich an den Verantwortlichkeitsbereichen

der Stadt orientieren:

1 | Q-Buch 1

127


Internationales Symposium Kaliningrad

2 | Q-Buch 2

Q-Buch 1: Gesamtstädtische Strategie – zur Sicherung der urbanen architektonischen Gesamtstrategie

und Nutzung von Universitetsholmen.

Q-Buch 2: Stadtboden – definiert Richtlinien für Straßen, Plätze, Parks und Gebäude.

Q-Buch 3: Gebäudestruktur der Stadt – definiert Richtlinien für die urbane und gebaute Struktur.

Q-Buch 4: Kunst im öffentlichen Raum – definiert Richtlinien für Kunst im öffentlichen Bereich.

128

3. Vorträge

3 | Randers Kaserne 1 4 | Randers Kaserne 2

Randers Barracks – eine Entwicklungsstrategie für Randers Kaserne

Das Gebiet wurde von einer Kaserne in das Zentrum der umliegenden Wohngebiete und Geschäftsviertel

verwandelt. Neue städtische Räume wie Straßen, Plätze und Parks wurden zum

Schauplatz des öffentlichen Lebens und trugen zur Aufwertung des Umfeldes bei. Ein schmales

Areal mit Freizeitnutzungen und Wohnhäusern ist Verbindungsstück zu dem ehemaligen Exerzierplatz,

einem Gebiet mit großem Entwicklungspotential als Erholungsgebiet für die Stadt.


5 | Analyse des Binnenhafens von Kopenhagen 1 6 | Analyse des Binnenhafens von Kopenhagen 2

Der Binnenhafen von Kopenhagen – Hafenanalyse

Der Kopenhagener Binnenhafen befindet sich zurzeit in einer intensiven Entwicklungsphase.

Einige markante Großprojekte verändern das Hafenumfeld, eine Herausforderung für benachbarte

Quartiere und die Identität des Gebietes.

Das Projekt setzt seine Marke in das städtische Umfeld – das Interurbane und der Hafen werden

Basis für ein neues Verständnis der Stadt und des Hafens. Das Interurbane hat sich zwischen

Stadt und Hafen entwickelt – zwei sehr unterschiedlichen Bereichen – die viele verschiedene

Funktionen erfüllen, Funktionen die zu groß sind – oder zu unpassend in ihrer Ausformung – für

die Stadt, aber zu klein oder irrelevant für den Hafen. Es hat sich eine besondere Sprache der

Hafenarchitektur entwickelt. Der Maßstab des Areals ist an die Funktionen gekoppelt und stellt

eine Herausforderung für die Stadt dar. Im Austausch zwischen diesen drei kontextuellen Situationen

der unterschiedlichen Maßstäbe hat sich ein neues urbanes Verständnis herausgearbeitet

und ein neues Verständnis des Hafens.

Das Projekt wurde mit Hilfe eines 3D-Computermodells bearbeitet, das als operatives und didaktisches

Arbeitsmittel für die Erstellung einer einheitlichen urbanen Entwicklungsstrategie und

Infrastruktur diente. Es hilft die Beiträge der unterschiedlichen Interessensvertreter mit dem

architektonischen Entwurf in Einklang zu bringen. Das Ziel ist, das Potential des Hafenareals von

Kopenhagen zu erkennen sowie Einsicht und Verständnis im Vorfeld der nötigen Entscheidungsprozesse

zu schaffen.

Es wurden Baumassenstudien durchgeführt, um die Qualität der neuen urbanen Strukturen zu

prüfen, die entlang des Hafens und über seinen Wasserflächen angeordnet sind. Der Flusslauf

durch die Stadt wird nicht als schmales Gewässer bewertet, sondern eher als eine verzweigte

und vielfältige Auflösung der dem Wasser zugewandten Stadtkante. Areale, die bislang als Blindflecken

der Stadt galten, wurden zu Transitpunkten, sobald sie eine neue Verbindung erhielten.

Der Durchgangsverkehr entzündet und vitalisiert diese Stadtteile und neue Bewegungsmuster

verbinden Orte, die ehemals als weit außerhalb liegend galten.

129


Internationales Symposium Kaliningrad

7 | Porcelænshaven Residence 1

Porcelænshaven Residence

Umgestaltung des Porcelænshaven – Neubebauung

Aufbauend auf der historischen Bedeutung des Areals mit seiner Bebauung aus der Zeit von

Kopenhagens Industrialisierung werden die Fabrikgebäude mit ca. 200 Wohneinheiten ausgebaut.

Die loftartigen, industriellen Räume mit ihrer spezifischen Bauweise und ihrem besonderen

Charakter erhalten Wohnungen und Reihenhäuser. Die einfache Gestaltung der Neubauten

wurde von der typischen Bauweise und von lokalen Materialien inspiriert.

Umwandlung des Hafens von Bergen in Norwegen

Das Projekt stellt eine Vision für die zukünftige Entwicklung der kulturellen Achse in Bergen dar

– als Zusammenführung von Innovation und Tradition, indem es Initiativen zur Förderung dieser

kulturellen Achse unterstützt.

Es wurde ein Richtlinie für die Entwicklung aufgestellt, in der die Nøstet Werft als klarer globaler

Referenzpunkt hervorgehoben wurde – als Punkt, an dem die Gegenwart ihre Spuren hinterlässt.

130

3. Vorträge

8 | Porcelænshaven Residence 2

9 | Bergen Sjöfront 1 10 | Bergen Sjöfront 2


zur Person

Vita

Name

Flemming Frost

Herkunft

Kopenhagen/Dänemark

Profession

Architekt

Tätigkeitsschwerpunkt/

Themenschwerpunkt

Stadtplanung und Landschaftsarchitektur

Herausgeber des SKALA Magazins

für Architektur und Kunst, 1985-1994

Professor für Architektur an der

Lunds Universtät, Schweden, 1998-2001

Gastprofessor an der Pratt Universität in

New York, USA

131


Internationales Symposium Kaliningrad

132

3. Vorträge

13. Vortrag

3.2.6 13. Vortrag –

Analyse der städtebaulichen Strukturen

Dr. Otto Flagge


Analyse der städtebaulichen Strukturen

Beispiel Kiel: Zerstörung und Phasen des Wiederaufbaus

Kaliningrad und Kiel haben eine gemeinsame Vergangenheit: die annähernd vollständige Zerstörung

im Zweiten Weltkrieg.

Die Hafenstadt Kiel liegt am südlichen Ende der so genannten Kieler Förde an der Ostsee. Das

Luftbild (Abb. 1) verdeutlicht den Einschnitt des Tiefseewasserhafens bis in die Mitte der Stadt,

die sich zunächst auf dem westlichen Ufer entwickelte.

Um 1940 war Kiel der Standortschwerpunkt der deutschen Rüstungsindustrie (Schiffsbau) und

hatte ca. 300.000 Einwohner. Schon 1940 setzten Bombardements der Alliierten ein, die letztlich

bis Mai 1945 zu einer etwa 80-prozentigen Zerstörung der Stadt führten. Abbildung 2 gibt einen

Überblick über das Ausmaß der Zerstörungen. Abbildung 3 zeigt die Trümmerwüste der Innenstadt,

in der die zunächst nicht bebaubaren Freiflächen provisorisch mit Bäumen bepflanzt wurden

(Abb. 4), um ein leidlich erträgliches Umfeld für eine Übergangszeit zu schaffen.

Die Planungen für den Wiederaufbau der Stadt hatten bereits Anfang des Krieges begonnen.

Das führte nach Kriegsende über ein ergänzendes Wettbewerbsverfahren schnell zu einem verbindlichen

städtebaulichen Konzept als Grundlage für den Wiederaufbau. Grundsätzlich strukturverändernde

Konzeptansätze aus dem Wettbewerbsverfahren wurden nicht weiter verfolgt. Beim

Wiederaufbau der westlich der Förde liegenden Innenstadt bildete der historische Stadtgrundriss

1 | Kieler Förde

133


Internationales Symposium Kaliningrad

2 | Ausmaß der Zerstörung in Kiel nach dem Zweiten Weltkrieg

die Basis für alle Planungen. Im Sinne des damaligen Zeitgeistes wurde Verkehrsgerechtigkeit

durch Straßenverbreiterungen und wenige neue Straßendurchbrüche geschaffen. Handel und

Dienstleistungen sollten die zukünftige Nutzungsstruktur der Innenstadt bestimmen.

Abbildung 5 veranschaulicht, wie die vormalige Kleinteiligkeit der Altbebauung in klare Baublockgliederungen

überführt wurde, ohne den städtebaulichen Maßstab zu sprengen. Neue vernetzte

Grün- und Freiflächen lockern die vormals zu dichte Innenstadtbebauung auf. Die vollständig

zerstörten Industriegebiete auf der Ostseite der Förde wurden in den Zeiten des so genannten

deutschen „Wirtschaftswunders“ für zivile gewerbliche und industrielle Nutzungen entwickelt.

Abbildung 6 zeigt beispielhaft den Neubau einer Maschinenfabrik aus den zunächst wirtschaftlich

florierenden 1960er Jahren.

Der Wiederaufbau Kiels war etwa Mitte bis Ende der 1950er Jahre in einer ersten Phase abgeschlossen.

Die in den Grundzügen beibehaltene Struktur des Straßen- und des Kanalnetzes

erlaubte den zügigen Wiederaufbau der Innenstadt bei gleichzeitigen strukturellen Verbesserungen.

Parzellen wurden zusammengefasst, neue Freiflächen geschaffen, die Öffnung der Stadt

zur Wasserseite hin verbessert. Die erste neue Fußgängerzone in Deutschland entstand. Es

waren hinreichend Möglichkeiten für die Verwirklichung moderner Architektur gegeben. Die neu

geschaffenen Straßenräume vermochten es zunächst, die schnell und stetig wachsenden Verkehrsmengen

aufzunehmen. Parkplatzangebote konnten stufenweise und zum Teil in mehrgeschossiger

Bauweise realisiert werden. Hier jedoch zeigten sich bereits in den 1970er Jahren die

Grenzen der Belastbarkeit des wiederaufgebauten Stadtkörpers.

134

3. Vorträge

3 | Zerstörte Kieler Innenstadt

4 | Freiflächen mit provisorisch gepflanzten Bäumen


5 | Anpassung der Stadtstruktur (Blick vom Bahnhof nach Norden) 6 | Die Maschinenfabrik Buckau-Wolf, 1963

Der Versuch, Anfang der 1970er Jahre in Teilgebieten der Innenstadt (ab Bahnhof nach Norden)

eine obere Ebene für den Fußgängerverkehr einzuführen, verlief nur teilweise erfolgreich. Etwa

gleichzeitig zeichnete sich ab, dass die vorhandenen Einzelhandelsflächen im Innenstadtbereich

nicht für eine zukunftsfähige Entwicklung ausreichten. So entstanden Pläne der Umstrukturierung

der südlichen Innenstadt (in Bahnhofsrandlage) zu einem großen Einkaufszentrum auf zwei

Ebenen, das in den 1990er Jahren realisiert wurde.

Die auf dem Ostufer der Förde in den 1960er Jahren entstandenen Gewerbe- und Industrieflächen

erwiesen sich als nicht zukunftsfähig und fielen teilweise brach. Strukturelle Veränderungen

in der Hafenwirtschaft machten ebenfalls neue Denkansätze in der Planung erforderlich.

So war es nur folgerichtig, Ende der 90er Jahre eine Planungskonzeption zu entwickeln, die die

neuen Brachflächen auf der Ostseite des Wassers (die „Hörn“) mit der westlich des Wassers

gelegenen Innenstadt verband. Abbildung 7 zeigt die grundsätzliche Flächendisposition. Die Innenstadt

des Einzelhandels entwickelt sich von dort aus auf der Westseite der Förde bis in Höhe

des südlich gelegenen Bahnhofs. Von dort aus erfolgt der Brückenschlag über das Wasser (für

Fußgänger und Radfahrer). Der Stadtteil Gaarden östlich jenseits der Industriebrachen wird auf

diese Weise direkter mit der Innenstadt verbunden. Die brachgefallenen Industrieflächen selbst

und die Randzonen um das Wasser werden zum „förmlichen Sanierungsgebiet“ erklärt. Das bedeutet,

es entstehen Sonderrechte, die eine neue städtebauliche Entwicklung ermöglichen und

beschleunigen. Die Sonderrechte betreffen die Möglichkeit des Grunderwerbs durch die Stadt

sowie die Fixierung der Bodenwerte. Daneben werden besondere Finanzierungsmöglichkeiten

aufgrund dieser Rechtslage geschaffen (Drittelfinanzierung Stadt/Land/Bund) bei Ordnungs- und

135


Internationales Symposium Kaliningrad

7 | Waterfront Kiel – Stadt ans Wasser

Erschließungsmaßnahmen. Die Veräußerung neu geordneter und von Altlasten befreiter Baugrundstücke

erfolgt danach. So entsteht im nördlichen Gebietsteil ein neuer Fährterminal, der

nunmehr die Anlandung und Abfertigung größter Schiffe erlaubt. Weiter südlich werden die inzwischen

hergerichteten Flächen im Wesentlichen für Dienstleistungen mit einem geringeren Anteil

an Wohnnutzung vorgesehen.

Abbildung 8 zeigt den Masterplan für das südliche Plangebiet „Hörn“. Die Planung erfolgte in

mehreren sich jeweils verfeinernden Detailstufen teilweise über Wettbewerbsverfahren. Jede

Teilstufe der Planung wurde intensiv mit den Bürgern der Stadt diskutiert, jeweils bevor die Ratsversammlung

verbindliche Beschlüsse fasste. In diesem ohne Frage aufwendigen Gesamtprozess

wurden viele Bilder gezeichnet und Modelle gebaut, um die jeweiligen Planungsstufen

für die Öffentlichkeit und auch für die an der Planung Beteiligten zu verdeutlichen. Für die Durchführung

der Sanierungsmaßnahme wurde zur Entlastung der städtischen Verwaltung ein Sanierungsträger

als Treuhänder der Stadt eingeschaltet.

Abbildung 9 zeigt die Luftbildskizze der möglichen Umsetzung des Masterplans. Abbildung 10

zeigt den Blick von Osten auf die neue Brückenverbindung zum inzwischen ebenfalls vollkommen

modernisierten Hauptbahnhof mit dem dahinter liegenden in den 90er Jahren gebauten Einkaufszentrum.

Abbildung 11 zeigt mit Blick nach Süden die neue Uferpromenade auf der Ostseite

der Förde mit dem ersten fertig gestellten Gebäude, das seinerseits in Abbildung 12 mit dem vorgelagerten

„Wasserplatz“, dem südlichen abgetreppten Ufer der „Hörn“, dargestellt ist.

136

3. Vorträge

8 | Masterplan Hörn

9 | Ansichtsskizze Masterplan Hörn


10 | Hörnbrücke mit Blick auf den Hauptbahnhof Kiel

12 | Hörn-Campus

11 | Promenade mit Blick auf Hörn-Campus

Für die Entwicklung des Sanierungsgebietes „Hörn“ war es wichtig, dass die Stadt zunächst Eigentümer

aller vormaligen Brachflächen wurde. Nur so war es möglich, die neuen öffentlichen

Flächen – besonders die Uferpromenaden – auszubauen und Baugrundstücke im Idealzuschnitt

nach vorheriger Abstimmung der Bauplanungen an private Investoren zu veräußern. Es ist kritisch

anzumerken, dass die augenblickliche schwache Konjunkturlage in Deutschland zu einer

langsameren Entwicklung des „Hörn-Gebietes“ führt als ursprünglich angenommen. Auch Verträge

zwischen Stadt und Investoren helfen nicht, wenn Insolvenzfälle eintreten. Dennoch hat

sich die Stadt durch das Sanierungsgebiet „Hörn“ Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet, die die

städtische Zukunft stark mitbestimmen werden.

Werden die geschilderten Kieler Erfahrungen zusammengefasst, so ist Folgendes festzuhalten:

- Gewachsene Stadtstrukturen benötigen Spielräume für Veränderungen.

- Städtische Planungsziele sind in den unterschiedlichen Detailstufen klar zu definieren, damit

ein Rahmen sowohl für öffentliche als auch für private Investitionen gegeben ist.

- Kommunale Planung muss staatliche politische Ebenen einbeziehen.

- Eine Intensive Bürgerbeteiligung auf den verschiedenen Planungsebenen ist Voraussetzung

für eine konfliktfreie Maßnahmenumsetzung.

- Planungsgebiete – besonders als zu entwickelnde Sanierungsgebiete – sind eng mit ihren

Randzonen zu verzahnen.

- Städtebauliche Planungen müssen im Detail flexible Spielräume offen lassen.

- Die Vergabe von Bauland an Investoren sollte erst erfolgen, wenn Bauplanungen verbindlich

abgestimmt sind und deren Durchführung vertraglich abgesichert ist. Das setzt besonders

137


Internationales Symposium Kaliningrad

Regelungen z.B. bei Kostenteilungen in den Übergangszonen von privatem und öffentlichem

Raum voraus.

Wenn abschließend die Kieler Erfahrungen auf die Ausgangslage in Kaliningrad übertragen

werden, so bedeutet dieses:

- Vor einem Wettbewerbsverfahren für die Kaliningrader Stadtmitte um den Dom herum sind

klare Programmvorstellungen zu entwickeln und im politischen Raum zu beschließen. Diese

müssen schon im Ansatz differenzieren, was öffentlich und was privat finanziert werden soll.

- Die Entwicklung von Szenarien kann hilfreich sein, um Entscheidungsfähigkeit im politischen

Raum zu erzeugen.

- Jedes Entwicklungskonzept für die Kneiphofinsel setzt voraus, dass die Übergangszonen in

Randlagen der Insel einbezogen werden.

- Private Investoren finanzieren nur, was sich langfristig rechnet. Aus diesem Tatbestand

heraus ergeben sich Folgerungen hinsichtlich der Maßnahmen, die zwingend bei der öffentlichen

Hand verbleiben müssen, will man der Sensibilität der zentralen Kaliningrader Insellage

um den Dom herum gerecht werden.

138

3. Vorträge


zur Person

Vita

Name

Dr. Otto Flagge

Herkunft

Kiel/Deutschland

Profession

Stadtplaner und

Berater kommunaler Planungsträger

Stadtbaurat der Landeshauptstadt Kiel a.D.

Tätigkeitsschwerpunkt /

Themenschwerpunkt

Stadtentwicklung und Stadtsanierung mit

Tätigkeiten in Mainz, London, Bonn,

Leverkusen und Kiel

139


Internationales Symposium Kaliningrad

140

3. Vorträge

14. Vortrag

3.2.7 14. Vortrag –

Königsberg/Kaliningrad – das sich wandelnde Zentrum

im Kontext der Transformation des Verkehrssystems

Olga V. Mezej


Königsberg/Kaliningrad – das sich wandelnde Zentrum

im Kontext der Transformation des Verkehrssystems

Das Ziel dieser Arbeit ist nicht ein Rezept für den Umgang mit dem Zentrum von Kaliningrad zu

finden, sondern die Analyse seiner Entwicklung und des „Wandels“ auf dem Territorium, welcher

mit dem zweiten Wallring der Befestigungsanlagen der Stadt einhergeht. Es ist lediglich ein

Versuch, die Wechselbeziehung und die gegenseitige Beeinflussung vom Stadtzentrum und den

städtischen Verkehrssystemen zu vergleichen und zu systematisieren, die gegenwärtige Problemstellung

hervorzuheben und schließlich die Möglichkeiten zu finden, die sich für die ganze

Stadt eröffnen, wenn die richtige Balance im Bereich des Stadtzentrums und des Verkehrs gefunden

wird.

Die Angaben, die in diesem Vortrag vorgestellt werden, basieren in bedeutendem Maße auf der

Arbeit einiger Autorenteams aus Kaliningrader Architekten, die die Entwurfsvorschläge zur Entwicklung

einzelner Stadtteile im Kontext der Sanierung der Verkehrssituation im Zentrums-, Einkaufs-

und Verwaltungsbereich gemacht haben: Siegesplatz, Zentralmarkt, Tschernjachowskogo

Straße, Platz des Südbahnhofs. Die Mitautoren der folgenden Überlegungen sind Alexander Neweshin,

Oleg Vasjutin und Anatoli Seljutin. Diese Arbeit muss das Phänomen des sich wandelnden

Zentrums der Geisterstadt Königsberg zeigen bzw. erklären und der Stadt Kaliningrad helfen,

die Gegenwart mit der Geschichte zu versöhnen.

Ende der 1980er Jahre und in den 1990er Jahren wurden die historischen Archivmaterialien zum

ersten Mal zugänglich. Es entstand die Möglichkeit über die Geschichte der Stadt offen zu

sprechen und nach Wegen zum Schutz des erhaltenen Kulturerbes zu suchen. Die Überlagerung

von historischen und gegenwärtigen topographischen Grundlagen, insbesondere innerhalb der

inneren Stadt, des zweiten Ringes der Befestigungsanlage, bezaubert und gibt Anlass zum

Nachdenken und Betrachten. Man versucht unwillkürlich die Probleme zu vergleichen und zu begreifen.

Man beginnt nach Wegen des angemessenen Zusammenfügens von Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft zu suchen. Um die Gesetzmäßigkeiten des Wandels im Zentrum unserer

Stadt zeitlich und räumlich festzustellen, benutze ich, wie Oleg Vasjutin, die Aufgliederung in Entwicklungsetappen.

Die erste Etappe: Die Kernbildung des gesamten Zentrums von Königsberg ist die Entstehung

der Burg auf dem Berg Twangste. Das war kein Zufall, denn der grundlegende Faktor war der

Wasserweg, d.h. der Fluss Pregel und die Führung von Straßen in Richtung Deutschland. Die

Funktionen dieses Zentrums wurden bestimmt durch administrative und die militärische Faktoren

(Abb. 1).

Die zweite Etappe: Die Entwicklung von drei Städten an diesem Ort. Die Bedeutung des Schlosses

ist verloren gegangen. Jede Stadt bekam ihr eigenes Zentrum. Diese Zentren erhielten unterschiedliche

Funktionen und zwar die administrative, die wirtschaftliche und die geistliche. Die

Flusswege gewannen immer mehr an Bedeutung, d.h. der Handel entwickelte sich. Die äußeren

Straßen- und Wegefaktoren erhielten ebenfalls größere Bedeutung, d.h. die Entwicklung der Verkehrsstruktur

begann. Dieser Prozess setzte sich dann im Straßennetz jeder einzelnen Stadt –

Kneiphof, Altstadt und Löbenicht – fort (Abb. 2).

141


Internationales Symposium Kaliningrad

1 | I. Etappe: Feststellung/Fixierung

Die dritte Etappe: Die Struktur des Zentralteils der Stadt, die nun unter dem Namen Königsberg

vereint wurde, entwickelte sich nach dem Jahr 1724. Die Stadt wuchs innerhalb der zweiten Wallbefestigung.

Was war für das Zentrum in dieser Etappe charakteristisch? Die Zentren der drei

Städte breiteten sich aus und verschmolzen in einem mehrfunktionalen Zentrum. Die Hauptfunktion

dieses Zentrums war die wirtschaftliche neben der administrativen und der geistlichen. Es

entstand jedoch eine weitere Funktion, die der Bildung – die Königsberger Universität wurde gegründet.

Das Wasserstraßensystem entwickelte sich weiter und bekam eine größere Bedeutung.

Der Verkehrsstrom von außen begann zunehmend die Stadtstruktur innerhalb des Ringes zu

beeinflussen, woraufhin das radiale System der inneren Straßen entstand (Abb. 3).

3 | III. Etappe: 1724-1866

142

3. Vorträge

2 | II. Etappe: Drei Städte mit Rathäusern, mit einem

Haupthandelsplatz und einem geistlichen Zentrum


4 | IV. Etappe: Nach 1912

5 | IV. Etappe: Radiale Ringstruktur, historischer Zentralkern, lineare

gegenwärtige Zentren

Die vierte Etappe: Für das Stadtzentrum von Königsberg ist die Entstehung des dritten Befestigungsringes

bezeichnend. Der zweite Ring verlor zu jener Zeit an Bedeutung und das Territorium

am Ring wurde zum grünen Gürtel. Da die Stadt größer und breiter wurde, musste ihr Zentrum

sich auch ausweiten. Daraufhin entstanden zwei Plätze: am Süd- und am Nordbahnhof. Diese

Tatsache zeigt deutlich die steigende Bedeutung der neuen Art der Fortbewegung, der Eisenbahnbeförderung.

Diese nahm stetig zu und begann, mit der Beförderung auf dem Wasser zu

konkurrieren. Das Straßen- und Wegenetz war ebenfalls von großer Relevanz. In der Struktur

des Zentrums war jedoch festzustellen, dass auf den historischen Kern immer noch ein großer

Wert gelegt wurde. Zwei lineare Zentren in nordsüdlicher Ausrichtung erreichten die neu entstandenen

Plätze – somit ist die Struktur der vierten Entwicklungsperiode, der Stadt Königsberg und

insbesondere des Stadtzentrums, als linearem Zentrum mit einer zentrumstypischen Ausprägung

innerhalb des historischen Stadtkerns – festgelegt. Die Struktur des Königsberger Zentrums

in der Vorkriegszeit scheint in einem relativ großen historischen Kern bestanden zu haben,

in dem verschiedene Funktionen eines Zentrums konzentriert wurden. Das Zentrum entwickelte

sich in Richtung Norden und der neuen Wohnbezirke.

Welche Faktoren sind für das Verkehrsnetz charakteristisch? Die Beförderung per Eisenbahn

und die auf dem Wasserwege haben immer noch eine große Bedeutung, aber es wurde entschieden,

den ersten Verkehrsring zu schließen. Dadurch wird die verkehrliche Entlastung des

zentralen Kerns der Stadt mit dem Transit erreicht, um den schon entstehenden Verkehrskonflikt

beizulegen (Abb. 4-5). So sah die Verkehrsstruktur der Stadt Kaliningrad in der Nachkriegszeit

bis in die 1960er Jahre aus. Der zentrale Teil der Stadt wurde praktisch nicht bebaut und in nördliche

Richtung verschoben. Bei der Entwicklung der städtebaulichen Doktrin gab es Ideen, das

Zentrum in den Bereich des heutigen Prospekt Mira und der Karl-Marx-Straße zu verlegen.

Die fünfte Etappe ist die Periode der Zerstörung des Zentrums in der Nachkriegszeit und der

Schaffung einer neuen Stadt. Anstelle der Ruinen des verlorenen Zentrums entstand lange Zeit

nichts Neues. Die Stadt lebte außerhalb des inneren Bereiches. Durch den historischen Stadtkern

verlief nur eine Verkehrsader, die die nördlichen und südlichen Stadtteile verband. Der Ring

um den zentralen Stadtteil herum blieb ungeschlossen. In der Tat war der historische Kern verschwunden.

An seiner Stelle entstand eine grüne Zone. Die Funktionen des Zentrums – die wirtschaftlichen,

administrativen, kulturellen und freizeitlichen – konzentrierten sich im Bereich des

143


Internationales Symposium Kaliningrad

6 | V. Etappe: Nach der Kriegszerstörung in den 1960er Jahren

Platzes an der Stadtverwaltung (Siegesplatz) bis zum ehemaligen Filmtheater „Skala“ und dem

Park an der Luise-Kirche. Die Stadt der Nachkriegszeit erinnert an die Erstarrung um einen

großen Kristallbruch.

Die sechste Etappe: Die 1970er Jahre, die Jahre der sowjetisch sozialistischen städtebaulichen

Entwicklung. Wie in den Vorträgen zuvor schon erwähnt, sahen die Prinzpien des Städtebaus

jener Zeit einen gewissen Gigantismus vor. Das Zentrum der Stadt Kaliningrad sollte in den historischen

Kern zurückkehren, wo früher das Schloss lag. Es sollte ein riesiger Platz entstehen, an

dem keinerlei „Attraktionsobjekte“ für die Bevölkerung beabsichtigt waren – abgesehen der

Springbrunnen und Blumenbeete. Danach wurde das Gebäude des Sportzentrums errichtet. Auf

der Insel Kneiphof, neben dem zerstörten Dom, wurde ein Skulpturenpark eingerichtet. So entstanden

anstelle des historischen Zentrums der Stadt drei große Freiflächen, die die abwechslungsreichen

Funktionen des Zentrums darstellen sollten. Die linearen Zentren existierten natürlich

auch. Im Süden wurde ein Platz am Südbahnhof errichtet, in dessen Umgebung es keine

ausreichenden Dienstleistungsobjekte gab. Im Norden wurde die Grünanlage mit dem „Mutter-

Heimat“ Denkmal, dem Stadtverwaltungsgebäude und dem Filmtheater fertiggestellt. Der Siegesplatz

bestand ebenfalls in einer gigantischen Fläche, ein unorganisiertes städtebauliches Ensemble

der historischen Bebauung der 30-40er Jahre des 20. Jahrhunderts, das sein Erscheinungsbild

bis vor kurzem erhalten konnte (Abb. 6).

Die siebte Etappe: Seit den 1990er Jahren bis heute ist die Veränderung des zentralen Teils der

Stadt charakteristisch. Nach der Rekonstruktion des Domes wurde dieser Bereich der Stadt

144

3. Vorträge


7 | VI. Etappe: Die 1970er Jahre

einigermaßen wiederbelebt. Abgesehen davon bleibt das Zentrum bis heute ein grüner Fleck,

der über keine Gebäude mit Dienstleistungseinrichtungen verfügt. Das Territorium, das von der

Altstadt übrig geblieben ist, reduziert sich auf eine begrünte Fläche ohne jegliche Bebauung und

Objekte. Das Sportzentrum im Bereich des Kais am Fluss Pregel, das Gelände des Ozeanmuseums,

einzelne Objekte der öffentlichen Nutzung (Dienstleistungs- und Freizeitobjekte) am Ober-

Teich, die Universität und das Gebiet der linearen Zentren am Leninskij Prospekt breiten sich

aus, werden mit Einkaufs- und Dienstleistungszentren (hauptsächlich Einkaufszentren) versorgt.

Die ersten drei Geschosse der Gebäude werden umfunktioniert, Wohnräume werden zu Lagern,

Verkaufsräumen oder Büros. Interessant entwickelt sich das Territorium um den Zentralmarkt.

Das Stadtzentrum in seiner früheren Dimension dehnt sich über den zweiten Ring aus (der heutige

Gwardejski Prospekt) und verläuft, in Richtung Nord-West, zum Prospekt Mira. Es entstand

ein geistig-kulturelles Zentrum. Der Einkaufsbereich an der Tschernjachiwskogo Straße am Zentralmarkt

entwickelte sich ebenfalls stark. Das Zentrum wird heute überwiegend von Einzelhandels-

und gewerblichen Nutzungen bestimmt.

Das bedeutendste Verkehrssystem ist das Straßen- und Wegenetz, während das Eisenbahnnetz

zeitweilig seine Funktion aufgibt. Was kann man über das allgemeine Verkehrssystem sagen?

Der Ring im Bereich des Anschlusses vom Moskauer Prospekt zum Gwardejski Prospekt wird

deutlich hervorgehoben. Die Autobrücke über den Fluss Pregel im Bereich der 9.-April-Straße (in

Richtung Nord-Süd) ist noch nicht fertiggestellt (Abb. 7). Nach der Analyse der Entwickungsetappen

des Stadtzentrums, des Zustandes der Verkehrinfrasstruktur und der Lage der Zentren der

Stadt Königsberg/Kaliningrad können die signifikantesten Probleme des täglichen Lebens der

145


Internationales Symposium Kaliningrad

8 | Luftbild mit Kneiphof

Stadt unterstrichen werden. Als genereller Missstand können die fehlenden Bezüge zum Wasser

bezeichnet werden, die Gewässer spielen im Zentralteil der Stadt keine Rolle. Im Gegensatz dazu

war die Beziehung zum Wasser jahrhundertelang ein städtebaulicher Faktor.

Das zweite wichtige Problem ist die Nord-Süd Ausrichtung: Der heutige Leninskij Prospekt ist

das lineare Zentrum der Stadt Kaliningrad. Es ist hier eine Vielzahl von Dienstleistungseinrichtungen

vorhanden, außerdem markiert er die Hauptdurchfahrtsstrecke von Norden nach Süden.

Ich möchte auf die absolute Inkompatibilität der folgenden zwei Begriffe aufmerksam machen:

die Durchfahrt und das Stadtzentrum (unter dem Begriff der Durchfahrt wird die Fortbewegung

zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil der Stadt verstanden). In der gleichen Lage ist

die Tschernjachowskogo Straße, sie hat sich bereits als Haupthandelsstraße des zentralen Handelsbereiches

der Stadt Kaliningrad entwickelt. Sie befindet sich jedoch glücklicherweise am

Ring, der eine verkehrliche Entlastungsfunktion für den Bereich um das Stadtzentrum herum

übernimmt.

Das dritte Problem ist die „Ungeschlossenheit“ des Ringes und der Wunsch, diese Verkehrsader

vom Verkehrsstrom im Zentralteil der Stadt wenigstens teilweise zu entlasten. Die Achse Nord-

Süd (die 9.-April-Straße) bleibt außerhalb des Konfliktes, denn das Stadtzentrum wird in

westliche Richtung verschoben. Der östliche Teil des Ringes beherbergt wenige Objekte für

Dienstleistungseinrichtungen und gehört traditionell weniger zum Zentrum, d.h. er erfüllt die

Funktionen des Zentrums als solches nicht.

146

3. Vorträge


9 | Probleme des gegenwärtigen Zustandes des Kaliningrader

Stadtzentrums (VII. Etappe. 20./21. Jahrhundert)

Das vierte Problem ist das Gebiet um den Ring: der Leninskij Prospekt und die Teatralnaja Straße.

Das Zentrum des Areals bilden das Gebäude der Stadtverwaltung, das Filmtheater von der

einen Seite und das „Mutter-Heimat“ Denkmal von der anderen Seite. An der Verkehrsachse

Nord-Süd entwickelte sich eine sehr schwierige Verkehrssituation, die daraus resultiert, dass hier

der große Verkehrsknoten am Stadtring liegt. Diese Verkehrsader ist gleichzeitig die Hauptstraße

Kaliningrads. Ein geringeres Problem stellt die Auffahrt vom Moskauer Prospekt auf den Ring

dar. Weiterhin gibt es Probleme am Ausgang vom Südbahnhof und an den Zentralstraßen außerhalb

des Ringes. Es lohnt sich nicht, bei den kleineren Problemen zu verharren. Ich möchte allerdings

nochmals das Problem des Moskowski Prospektes unterstreichen. Er trennt das Wasser

vom nord-westlichen Teil des Zentrums ausnahmslos ab und lässt diese beiden Bereiche der

Stadt nicht wieder zusammenkommen. Diese Problematik bleibt ungelöst, sofern der Moskauer

Prospekt auf dem Grundniveau bestehen bleibt und nicht auf das Hoch- bzw. Tiefniveau geführt

wird (siehe Abb. 8 – Luftbild mit Kneiphof).

Die dargestellten Probleme lassen darüber nachdenken, was zu ihrer Lösung unternommen

werden müsste. Die Abbildung 8 zeigt, dass die Hochstraße der Insel Kneiphof die letzte Hoffnung

nimmt, sich in irgendeiner Wiese zu entwickeln. Erstens entspricht der Maßstab der heutigen

Stadt nicht dem Maßstab, den eine Stadt mit 400.000 Einwohnern haben könnte. Zweitens

ist die Bebauung des Areals, das an die Hochbrücke grenzt, in einem schlechten Zustand. An

der Lösung des Problems der Verkehrsinfrastruktur in verschiedenen Bereichen des zentralen

Teils der Stadt Kaliningrad haben jahrelang einige Miturhebergemeinschaften gearbeitet. Die

147


Internationales Symposium Kaliningrad

letzte Arbeit, die von unserem Team durchgeführt wurde, hat uns überzeugt, dass das Problem

der Verkehrsinfrastruktur nur im gesamten zentralen Teil der Stadt Kaliningrad und nicht in Teilstücken

gelöst werden kann (Abb. 9).

Nach der Untersuchung aller genannten Etappen der Zentrumsentwicklung sind wir zu folgenden

Schlussfolgerungen gekommen:

Der Verkehrsring des Systems muss geschlossen werden. Innerhalb der Stadt Kaliningrad leisten

die Straßen viel „Parallelarbeit“, sie müssen – aufgrund der Variabilität in der Fortbewegung

– eine hohe Durchfahrtsfähigkeit in jeglicher Verkehrssituation gewähren. Den zentralen Straßen

muss ihre heutige Bestimmung gelassen werden, der Verkehrsfluss durch das tatsächliche Zentrum

muss unterbunden werden. Es muss das Problem des Abschnitts des Moskowski Prospekts

und der Hochstraße gelöst werden. Dabei müssen die Verkehrs- und Fußgängerprobleme angegangen

werden, um den nördlichen und südlichen Teil der Insel Kneiphof mit dem sonstigen

Territorium zu verbinden.

Es ist offensichtlich, dass das Gebiet des ehemaligen historischen Stadtkerns – wie beabsichtigt

– ein weißer Fleck geblieben ist. Heute kann nicht eindeutig definiert werden, was in welchem

Maße gebaut werden sollte und könnte, wo Grünflächen verbleiben sollten und könnten. Diese

Fragen kann nur die Zeit beantworten. Das Ziel dieses Symposiums ist, diese Fragestellungen

allmählich konkreter zu formulieren, um dann eine genauere Antwort zu den wichtigsten Aspekten

zu bekommen. Bezüglich des Zentrums, das als „sich wandelnd“ bezeichnet wurde, kann

abschließend gesagt werden: Es ist der Entstehungsort der Stadt. Zurzeit werden dort Ausgrabungen

des Fundamentes des Königsschlosses vorgenommen. Der Ort des historischen

Stadtkerns (das Territorium dreier Städte) ist der grüne Kneiphof und die Altstadt. Das lineare

Zentrum der Stadt entwickelte sich an der Nord-Süd-Achse weiter in Richtung Nordwesten, indem

es ungeachtet des ehemaligen historischen Kerns und über beide Flussarme, den alten und

den neuen Pregel, verläuft.

Zum Schluss sollten wir uns folgende Fragen stellen:

1. Wie kompakt bzw. ausgedehnt sollte das Stadtzentrum künftig sein?

2. Sollte der historische Kern vollkommen oder nur teilweise als grüner Bereich gelassen

werden?

3. Sollte das Zentrum am Fluss entlang, in Richtung der Hafenterritorien, entwickeln werden?

Meiner Meinung nach sollten diese Fragen den Teilnehmern der künftigen Wettbewerbsverfahren

– zu Ideen zur Entwicklung der Zentrumsstruktur und zur Bebauung des zentralen Teils

der Stadt Kaliningrad – zur Aufgabe gestellt werden.

148

3. Vorträge


zur Person

Vita

Name

Olga Viktorovna Mezej

Herkunft

Kaliningrad/Russland

Profession

Architektin

Tätigkeitsschwerpunkt

Städtebau

Themenschwerpunkt

Generalpläne,

Projekte der Wohnortplanung,

der Planung von Kommunaleinrichtungen

und Transportdienstleistungen

149


Internationales Symposium Kaliningrad

150

3. Vorträge

15. Vortrag

3.2.8 15. Vortrag –

Hafenstrukturwandel als Chance für die Stadtentwicklung?

Prof. Dr. Eckart Güldenberg (gehalten von Julius Ehlers)


Hafenstrukturwandel als Chance für die Stadtentwicklung?

Weit reichende strukturelle Veränderungen der Seeverkehre und der Hafenwirtschaft verändern

weltweit die Hafenlandschaften; auch in vielen europäischen Hafenstädten fallen große, in den

jeweiligen Stadtgebieten zentral gelegene Areale brach. Schiffbau und Seeverkehr sind zwei

wesentliche Wirtschaftsfaktoren des „maritimen Clusters“, zu denen Hafenumschlag und Lagerung,

hafenbezogene und der Seefahrt zugeordnete staatliche Einrichtungen, hafenbezogene

Industrie, Fischereiwirtschaft und maritime Freizeiteinrichtungen gehören.

Veränderung der Schiffbauindustrie

Merkmale der Veränderung der Schiffbauindustrie sind Globalisierung und Hochtechnologie:

Einerseits entwickeln sich Nachfrage und Produktion im Weltschiffbau weiterhin auf hohem

Niveau. Andererseits haben Produkt- und Verfahrensinnovation zur Konzentration auf immer

weniger, leistungsfähigere Betriebe sowie globale Standortverlagerungen zugunsten vor allem

der ostasiatischen Länder (Japan, Korea und China) zu dramatischen Beschäftigungsverlusten

und zum Brachfallen großer, meist zentral im Stadtgefüge gelegener Werftflächen in den europäischen

Hafenstädten geführt und der Prozess hält noch immer an.

Moderner Schiffbau basiert primär auf Anlagen- und Systemtechnik. Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte

sind dabei Entwicklungen zur Schadstoffminimierung, die Verbesserung der

Energietechnik sowie die Konzeption neuartiger Fahrzeugtypen und neuer Antriebskonzepte.

Die hochmoderne Fertigungstechnologie der Werften wird durch zunehmend standortunabhängige

Unternehmen der Zulieferindustrie ergänzt.

Trotz des hohen Technologieanteils und aller Bemühungen zur Rationalisierung und Kooperation

hat der deutsche bzw. europäische Schiffbau ohne internationale Abkommen zur Einschränkung

bzw. Beendigung des Kapazitäts- und Subventionswettbewerbs nur sehr eingeschränkte Zukunftschancen.

Es bleibt tendenziell die Reduzierung der europäischen Werften auf Reparaturbetriebe,

Nach- und Umrüstung sowie Spezial- und Marineschiffbau.

Dies bedeutet für die Hafenentwicklung den Rückzug der Schiffbauindustrie aus der Fläche bis

hin zur Standortaufgabe und eine anhaltende räumliche Entflechtung industrieller Zuliefererbetriebe.

Veränderung im Seeverkehr

Merkmale der Veränderung im Seeverkehr sind technologische und organisatorische Veränderungen

im Seetransport und Umschlagswesen, wie z.B. die Zunahme der Schiffsgrößen, die

Spezialisierung und Standardisierung im Transport, die Mechanisierung des Güterumschlages

und der Bedeutungsgewinn intermodaler Verkehre insbesondere bei Containern.

151


Internationales Symposium Kaliningrad

Dies erfordert für die Hafenentwicklung vor allem neue Terminals mit entsprechenden Wassertiefen

und möglichst kurzen Seezufahrten, eine Spezialisierung auf bestimmte Güter, leistungsfähige

Umschlagsanlagen und große Kaianlagen, verbunden mit großflächigen Lagerkapazitäten

und einer guten Anbindungen von Bahn und Straße für den Weitertransport ins Hinterland.

Bezogen auf die Ostsee-Seeverkehre gibt es allerdings Besonderheiten bzw. Einschränkungen

in Bezug auf die „economics of scale“ (Massenproduktion) immer größerer Schiffseinheiten.

Dies sind zum einen die teilweise eingeschränkten Tiefenverhältnisse der Ostseezugänge (Nord-

Ostsee-Kanal maximal 9 m) bzw. der Umweg über das Skagerrak durch den großen Belt (20 m)

und insbesondere die eingeschränkten Tiefenverhältnisse der Ansteuerungskanäle und sämtlicher

Hafenkais der südöstlichen Ostseehäfen.

Keiner dieser Häfen kann derzeit von den größten weltmeergängigen Containerschiffen der so

genannten Panmax-Klasse (ca. 5.000-8.000 TEU) angelaufen werden, ganz abgesehen von den

nach wie vor unzureichenden Umschlags-, Rangier- und Service-Kapazitäten dieser Häfen.

So bilden vor allem die Häfen in Bremerhaven und Hamburg wichtige Verteilerpunkte („Hub“) der

Ostseecontainerschifffahrt; dort werden die Container auf für die Ostsee besonders geeignete

Feederschiffe (Kapazität maximal 1.500 TEU, in der Regel 500-800 TEU) umgeladen.

Ein zweiter Grund für den Vorrang so genannter Feederschiffe liegt im Mangel wirtschaftlicher

und bevölkerungsreicher Agglomerationen sowie in der geringen Einwohnerdichte in den meisten

Hafen-Hinterländern.

In der Ostsee dominieren deshalb die Kurz-Seeverkehre (short-sea-shipping) mit hohen Transportfrequenzen

bei entsprechend geringen bzw. verringerten Frachtmengen und kleineren

Schiffsgrößen, hoher Pünktlichkeit sowie Flexibilität, um möglichst oft paarigen Verkehr mit

Rückfracht gewährleisten zu können.

Im Bereich der Meerengen gibt es darüber hinaus von Ro-Ro-Fähren dominierte hochfrequentierte

Seequerungs-Korridore, für die es kaum oder keine Landquerungsalternativen gibt.

Die Transformation der Sowjetunion und die Integration Polens und der baltischen Staaten in die

EU eröffnen neue wirtschaftliche Beziehungen mit anhaltenden Auswirkungen auf die Bedeutung

und Organisation des Seeverkehres im Ostseeraum.

Strukturwandel der Hafenstädte

Die betroffenen Hafenstädte versuchen den Strukturwandel im Seeverkehr, im Schiffbau und in

den Seehafenindustrien sowie die daraus resultierenden Arbeitsplatzverluste einerseits durch

Revitalisierungsprojekte aufgegebener Hafenflächen und anderseits durch die Anlage neuer

funktionsgerechter Häfen zu kompensieren. In diese Überlegungen sind die Chancen der Abrüstung

der Seestreitkräfte und das Freiwerden bisher militärisch genutzter Hafenflächen und

Uferzonen in fast allen vertretenen Hafenstädten einzubeziehen.

152

3. Vorträge


Für die Stadtentwicklung ergeben sich mit den brachfallenden Hafenarealen Chancen, sie neuen

vielfältigen Nutzungen zuzuführen und zugleich das jeweilige Stadtzentrum an den Hafen und

das Wasser räumlich und städtebaulich zu integrieren.

Die Hafenbereiche, die bis dahin für die Allgemeinheit unzugänglich, zu laut und zu gefährlich

waren, können nunmehr verbindende Funktionen im Stadtgefüge übernehmen und die Uferzonen

zugänglich werden. Die Stadt am Wasser wird für ihre Bewohner erlebbar.

Es stellt sich die Frage, ob und wie es möglich ist, in einer vergleichenden Betrachtung ausgewählter

Ostsee-Hafenstädte die Entwicklung der im Zuge des Strukturwandels der maritimen

Wirtschaft brachfallenden Hafenflächen zu analysieren und daraus städtebauliche und methodische

Erkenntnisse zu gewinnen, die für diese Städte gleichermaßen von Interesse und Bedeutung

sein könnten.

Zwar treffen die allgemeinen Bedingungen des hafenwirtschaftlichen Strukturwandels wie Containerisierung,

Deindustriealisierung und militärische Abrüstung auf die meisten der südöstlichen

Ostseehafenstädte zu; aber weder die sozioökonomischen Rahmenbedingungen und finanziellen

Ressourcen, noch die konkreten Standortbedingungen, noch die Planungs- und Baukultur

sind für alle Ostseehafenstädte gleich. Daher vollzieht sich der Strukturwandel durchaus ungleichzeitig.

Im Unterschied zu ihrer früheren Funktionsbestimmung bzw. Rolle im Rahmen einer planwirtschaftlichen

Arbeitsteilung stehen die Häfen der ehemaligen DDR, Polens, der baltischen

Staaten sowie Russlands nunmehr in einem freien Wettbewerb zueinander.

Entscheidend für die Neubestimmung ihrer jeweiligen Hafenfunktion sind nunmehr die besonderen

Standortbedingungen im Rahmen eines zunehmend internationalen Handels- und Verkehrsverbundes

im Ostseeraum. Die sich herausbildenden wirtschaftlichen Verflechtungen sowie

die transnationalen See- und Landverkehrswegebeziehungen können die Entwicklung der

einzelnen Hafenstädte privilegieren bzw. benachteiligen.

Dabei spielen die Standortbedingungen für Transitverkehre in verkehrlich gut angebundene

große Städte bzw. bevölkerungsreiche Gebiete im Hinterland und/oder die Ziel- und Quellverkehre

in Abhängigkeit der Einwohnerzahl und -dichte sowie der Produktions- und Distributionsfunktion

im eigenen Einzugsbereich eine entscheidende Rolle bei der Neupositionierung der

Hafenstädte im Rahmen einer ostseeweiten Städtekonkurrenz.

Inwieweit die Chancen des Hafenstrukturwandels und der Revitalisierung aufgegebener Hafenareale

für die künftige Stadtentwicklung genutzt werden können, ist aber auch eine Frage der

jeweiligen Planungs- und Baukultur.

In ihr spiegelt sich der gesellschaftliche Willensbildungsprozess, Konsens bzw. Dissens verschiedener

Interessen. Die Ressourcen und Marktpositionen zwischen den Investoren als „global

players“ und den Planenden als „local actors“ sind unterschiedlich. Während die Unter-

153


Internationales Symposium Kaliningrad

nehmensentscheidungen in erster Linie kurzfristige Renditeinteressen verfolgen, müssen die

Städte mittel- bis langfristige Perspektiven der Stadtentwicklung berücksichtigen.

Entsprechende Konfliktlinien ergeben sich zwischen den teilweise eigenwirtschaftlichen Hafenverwaltungen,

die um Ansiedlungserfolge bemüht sind und den kommunalen Planungs- und

Umsetzungsbehörden, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind.

Konfliktlinien können aber auch zwischen den sozialen Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung

und den übergeordneten stadtentwicklungspolitischen Anforderungen bestehen.

Vielerorts lassen sich Widersprüche zwischen einer sozialorientierten, nachhaltigen Stadtentwicklungspolitik

und einer an der notwendigen Haushaltskonsolidierung orientierten, auf zweifelhafte

und kurzfristige Ansiedlungserfolge zielenden Stadtpolitik belegen.

Diese sehr realen Konflikte und Widersprüche erschweren ganzheitliche Strategien für die brachfallenden

städtischen Hafen- und Uferzonen.

Der Strukturwandel der Hafenfunktionen und der maritimen Wirtschaft ist in den meisten größeren

Hafenstädten der skandinavischen Länder wie z.B. Oslo, Kopenhagen, Malmö, Stockholm

und Helsinki soweit fortgeschritten, dass die zu behandelnden Fragenkomplexe anhand bereits

realisierter Beispiele und konkreter Planungen für „waterfront urban development-Projekte“

(WUD) nachvollzogen werden können.

Helsinki steht beispielhaft für die umfassende Verlagerung moderner Hafenanlagen an den von

See her gut erreichbaren und infrastrukturell mit der Stadt und dem Hinterland optimal erschlossenen

Standort Vuosaari. Das „Vuosaari-Harbour-Project“ ist mit modernsten Container-Umschlag-Anlagen

versehen; ihm zugeordnet sind größere Distributions- und Produktionsflächen

sowie neu entstehende Wohnquartiere. Diese Standortverlagerung ist Voraussetzung für die

städtebauliche Integration und Erneuerung aufgegebener, zentral gelegener Hafenstandorte wie

z.B. Katajanokka, Ruoholahti und Herttoniemi.

Im Zuge der Erneuerung dieser zentral gelegenen Standorte werden neue Nutzungen für Dienstleistungen,

Wohnen, öffentliche Einrichtungen und Freiräume ermöglicht. Aber auch die Hafenfunktionen

werden im Rahmen einer standortgerechten Arbeitsteilung neu geordnet: Ehemalige

Werftanlagen, Lagerhallen und hafenwirtschaftliche Gewerbebetriebe werden zugunsten moderner

Ro-Ro-Fähr- und Kreuzfahrtterminals sowie Yachthäfen aufgegeben bzw. verlagert.

Der wirtschaftliche Strukturwandel und die städtebauliche Erneuerung brachfallender Hafenflächen

vollziehen sich in Helsinki zeitnah parallel, teilweise in einem atemberaubenden Tempo

und bei hoher städtebaulicher Qualität. Dies ist wesentlich zurückzuführen auf die wirtschaftliche

Dynamik Finnlands, das mit seinem Innovationspotential und seiner Mittlerrolle zwischen Westund

Osteuropa in die Märkte drängt. Dabei kann sich die Wachstumspolfunktion Helsinkis auf

einen anhaltenden Siedlungsdruck durch die Binnenwanderung der finnischen Bevölkerung stützen.

Der positive Wanderungssaldo Helsinkis betrug in den letzten Jahren durchschnittlich 3.000

Einwohner jährlich. Dadurch ist es der öffentlichen Hand weitgehend gelungen, sowohl die un-

154

3. Vorträge


entierlichen Kosten der Revitalisierung hafenwirtschaftlicher Brachflächen (z.B. Abbruch, Betriebsverlagerung,

Auflandung, neue Wasserkanten, Erschließung) als auch zeitgleich die Kosten

für die Entwicklung neuer Hafen- und Siedlungsflächen (äußere und innere Erschließung,

Ausbau der Metro etc.) zu finanzieren.

Weitere Gründe für den gelungenen städtebaulichen Transformationsprozess Helsinkis sind das

traditionell hohe Niveau der finnischen Planungs- und Baukultur, die weitgehend kommunale

bzw. staatliche Verfügung über Grund und Boden, die eingespielte Arbeitsverteilung und Kooperation

zwischen privaten Investoren und der öffentlichen Verwaltung sowie die Verlagerung

emissionsreicher Einrichtungen und der technischen Infrastruktur in den Granitboden unter die

Erde.

Die deutschen Ostseehafenstädte Flensburg, Kiel, Lübeck, Wismar, Rostock und Stralsund

stehen vielfach inmitten dieser Entwicklung. Sie haben die Umnutzung ihrer wasser- und hafenbezogenen

Flächen großenteils bereits konzeptionell vorbereitet und teilweise auch schon realisiert.

In die vergleichende Betrachtung ist auch der Funktionswandel ausgewählter Hafenstädte in

Polen (Szczecin, Gdynia, Gdansk), dem Baltikum (Klaipeda, Riga, Tallinn) und Russland

(St. Petersburg, Kaliningrad) einzubeziehen.

Anpassungsprozesse der Häfen

Hierbei lassen sich folgende Anpassungsprozesse der Häfen an die sich verändernden Anforderungen

der Seeverkehre und des Güterumschlags beobachten:

Häfen, die an Flüssen landeinwärts liegen und deren Entwicklung teilweise in die Mündungsbereiche

verlagert wird – diese Situation gilt in Deutschland für Lübeck an der Trave und Rostock

an der Warnow, ebenso für die polnischen Häfen Szczecin an der Oder und Gdansk an der Mottla

sowie für das russische Kaliningrad an der Pregolya. Entsprechend gewinnen Travemünde,

Warnemünde, Swinoujscie an Bedeutung. In Gdansk wurde der Nordhafen direkt an die Küste

gebaut – weitere Reserveflächen stehen zur Verfügung. Für Kaliningrad, das zwar an der Mündung

der Pregolya liegt, aber über einen 43 km langen Ansteuerungskanal durch das Frische

Haff mit der Ostsee verbunden ist, stellt sich die mögliche Frage einer zunehmenden Bedeutung

des direkt an der Ostsee liegenden Hafens Baltijsk.

Im Unterschied hierzu gibt es unter den südöstlichen Hafenstädten der Ostsee auch solche, die

sich direkt im Küstenbereich zur offenen See hin entwickelt haben. Hierzu zählen in Deutschland

Kiel, in Polen Gdynia, im Baltikum Tallinn, in Russland St. Petersburg und in Finnland Helsinki.

Aber auch bei diesen Hafenstädten vollzieht sich auf Grund des wirtschaftlichen Strukturwandels

eine Neuausrichtung, Umnutzung und teilweise Verlagerung der Hafenareale bzw. Flächen der

maritimen Wirtschaft mit neuen Chancen für die Stadtentwicklung.

St. Petersburg betreibt die Modernisierung seiner zum finnischen Meerbusen hin gelegenen

Hafenflächen und parallel dazu den Ausbau neuer Hafenstandorte, z.B. für Kreuzfahrtschiffe

155


Internationales Symposium Kaliningrad

durch Auflandungen vor der Wassilij-Insel. Parallel hierzu werden die russischen Ostsee-Häfen

Primorsk/Vyborg sowie Ust Luga ausgebaut.

Riga und Klaipeda sind demgegenüber dadurch gekennzeichnet, dass sie sich entlang des

Flusslaufes der Daugava bis zur Mündung bzw. am Kurischen Haff bis zur Ostsee entwickelt

haben. Für Riga, dessen Hafenfunktion sich entlang der Daugava von der Stadt bis an die Mündung

in die Ostsee erstreckt, stellt sich die grundsätzliche Frage der Konzentration auf die Entwicklung

eines neuen Vorhafens direkt am Rigaer Meerbusen oder der dezentralen Fortentwicklung

arbeitsteiliger Hafeneinrichtungen und Wirtschaftsstandorte entlang der Daugava im Abgleich

mit der übrigen Stadtentwicklung.

Fragenkomplexe zum Hafenstrukturwandel

Ein fundierter Vergleich der bisherigen Entwicklung mehrerer Städte sowie zukünftiger Entwicklungschancen,

sich daran anknüpfender städtebaulicher Überlegungen und Pläne sowie ihrer

Umsetzung bedarf einer gründlichen Aufbereitung und Interpretation. Dies betrifft insbesondere

folgende Fragenkomplexe:

1. Voraussetzungen

Welche geographischen, topographischen und hydrographischen Gegebenheiten prägen die

Situation der jeweiligen Stadt- und Hafenentwicklung?

Welches sind die historischen und ökonomischen Bedingungen der jeweiligen Stadt- und Hafenentwicklung?

Welche Zuordnung von Stadt und Hafen, insbesondere der Häfen zur jeweiligen Innen- bzw. Altstadt,

hat sich historisch ergeben und welche neuen Chancen gibt es?

2. Entwicklung der maritimen Wirtschaft

Inwieweit entsprechen die Standortbedingungen für Hafenanlagen den neuen Anforderungen der

Seeverkehre an die Wassertiefe, Container-Aufstellflächen sowie Verkehrs- und sonstige Infrastruktur?

Welche Veränderungen sind für die industriell geprägte Hafenwirtschaft kennzeichnend?

Welche Perspektiven haben Werften und Schiffbau (gibt es Spezialisierungen, Rückzug auf Reparaturwerften,

gänzliche Aufgabe von Werften und Schiffbau)?

Gibt es noch Grundstoffindustrien (Ölraffinerien, Petrochemie etc.) und wie sind deren Anpassungschancen

an die sich wandelnden Umweltanforderungen?

Gibt es Anschlüsse der Ölhäfen an Pipelines zu Ölgewinnungsgebieten?

Entsprechen etwaige Kraftwerke dem Stand der Technik oder ist ihre Verlagerung geplant?

3. Städtebauliche Ziele

Welche Aussagen treffen Masterpläne, Struktur-, Strategie- und sonstige Entwicklungspläne für

die Hafenentwicklung, insbesondere hinsichtlich der Zuordnung neuer Hafenflächen zu der Stadt

sowie hinsichtlich der Revitalisierung und Umnutzung aufgegebener Hafenflächen?

4. Umsetzung

Inwieweit ist die Verlagerung von Hafeneinrichtungen und der maritimen Wirtschaft an neue

Standorte fortgeschritten?

156

3. Vorträge


Inwieweit gibt es neue Infrastruktur, vor allem auch Verkehrsbeziehungen zum Hinterland?

Inwieweit konnten verbleibende Industrien und Kraftwerke etc. den neuen Umweltbedingungen

angepasst werden?

Welche neuen Nutzungen konnten an alten aufgegebenen Standorten bzw. brachliegenden

Hafenflächen realisiert werden?

5. Rahmenbedingungen der Umsetzung

Welche Rolle spielt das jeweilige Planungs- und Bodenrecht?

Wie ist die Verfügbarkeit über Grund und Boden geregelt?

Gibt es eine Beschränkung privater Nutzungsrechte auf das Eigentum an aufstehenden Gebäuden

unter Beibehaltung kommunalen/staatlichen Eigentums an Grund und Boden?

Wie durchsetzungsfähig sind öffentlich-rechtliche Planungen?

Wie stellt sich das Verhältnis zwischen öffentlicher Planung und privater Initiative/privater Wirtschaft

dar?

Welche Rolle spielen Entwicklungsträgergesellschaften und wie sind diese gegebenenfalls verfasst

bzw. organisiert?

Inwieweit spielen bei der Finanzierung der Umstrukturierung ehemaliger Hafenareale öffentliche

Fördermittel der Kommune, des Staates und der EU eine Rolle?

Inwieweit lässt sich eine arbeitsteilige Funktionszuweisung realisieren bzw. inwieweit konkurrieren

bestimmte Hafenentwicklungen miteinander?

6. Städtebauliche Fragen für Kaliningrad

Wie ist die Nachfrage nach Hafenfunktionsflächen in Kaliningrad zu beurteilen?:

- Inwieweit schränken die hydrographischen Rahmenbedingungen einer auf ca. 8,2 m begrenzten

Wassertiefe der Hafenbecken und des ca. 43 km langen Ansteuerungskanals die

Entwicklungschancen der Hafenfunktionen (z.B. für moderne Containerverkehre und Rohstoffe)

von Kaliningrad ein? Inwieweit stellt der mögliche Ausbau eines seeschifftiefen Hafens

in Baltijsk eine Alternative für bestimmte Hafenfunktionen zu Kaliningrad dar?

- Welche Hafenfunktionen (einschließlich hafenaffiner Industrie- und Gewerbebetriebe) sind in

Kaliningrad zukunftsfähig?

- Welche Flächen, Hafenbecken und Verkehrsanbindungen sind hierfür geeignet bzw. erforderlich?

Welche stehen gegebenenfalls für eine Umnutzung im Rahmen der Stadtentwicklung

zur Verfügung?

- Inwieweit lässt sich die Handelszentralität Kaliningrads durch verbesserte Hinterlandanbindungen

an das Mutterland und die Einbindung in das europäische Straßen- und Eisenbahnverkehrsnetz

steigern? – ganz abgesehen von den Möglichkeiten einer Steigerung der industriellen

Warenproduktion durch besondere Absprachen mit der EU und/oder der Einrichtung

einer Freihandelszone?

Umgekehrt stellt sich die Frage nach dem Bedarf für alternative Flächennutzungen im

derzeitigen Hafenbereich von Kaliningrad:

- Gibt es über die im Innenstadtbereich und den dortigen Uferzonen der Pregolja vorgesehenen

bzw. möglichen (Umnutzungs-)Flächen für Wohnen, Mischnutzungen, Verwaltung,

Büros, Gewerbe, Kultur, Freizeit und Naherholung hinaus noch einen Flächenbedarf, der sich

auf Teile des Hafenareals (jenseits der Eisenbahnbrücke) erstrecken könnte?

157


Internationales Symposium Kaliningrad

158

3. Vorträge

- Inwieweit sind oder wären bestimmte Ufer- bzw. Hafenflächen hierfür von ihrer Lage her

besonders geeignet?

- Welche infrastrukturellen und ökologischen Voraussetzungen müssen gegebenenfalls berücksichtigt

werden?

Literatur:

- Buchhofer, E.: Die Rolle des short-sea-shipping in den TINA-Verkehrsnetzen des Ostseeraumes, in: Europa Regional, Heft 2/2003

- Schubert, D.: Umbau von brachfallenden Hafen- und Uferzonen, in: HANSA International Maritime Journal, Heft 4/2001


Name

Prof. Dr. Eckart Güldenberg

Herkunft

Kiel/Deutschland

Profession

Stadtplaner

Tätigkeitsschwerpunkt /

Themenschwerpunkt

Wohnwirtschaft, Stadt- und Regionalplanung

zur Person

Vita

Name

Julius Ehlers

Herkunft

Rostock und Itzehoe/Deutschland

Profession

Stadtplaner

Architekt

Tätigkeitsschwerpunkt/

Themenschwerpunkt

Städtebauliche Strukturplanungen,

Integrierte Stadtentwicklungs- und

Gebietsplanungen,

Stadterneuerungsplanungen, Städtebauliche

Gestaltung, Wohnbauentwicklungsplanung,

Konversionskonzepte

159


Internationales Symposium Kaliningrad

160

3. Vorträge

16. Vortrag

3.2.9 16. Vortrag –

„Zivilgesellschaft bauen” – Erfahrungen aus St. Petersburg

Daniel Luchterhandt


„Zivilgesellschaft bauen“ – Erfahrungen aus St. Petersburg

Zugegeben: vielleicht sieht es etwas seltsam aus, wenn ein Hamburger in Kaliningrad über die

jüngsten Entwicklungen von St. Petersburg berichtet, einer 4,7 Millionen Einwohner zählenden

Metropole, die vor beträchtlichen Herausforderungen steht. Aber im Sinne eines zusammenwachsenden

Europas wird es für notwendig erachtet, auch diese Prozesse und die hinter den

Entwicklungen stehenden Motive zu begreifen. Und darüber hinaus gilt, dass St. Petersburg eine

ungemein attraktive Stadt ist.

Transformationsprozesse

So unterschiedlich St. Petersburg und Kaliningrad sind: Ihnen ist gemeinsam, dass sich beide

Städte inmitten eines tiefgreifenden Transformationsprozesses befinden, der radikaler und komplexer

kaum ausfallen könnte – nicht nur städtebaulich und stadtgestalterisch, sondern insbesondere

ökonomisch, gesellschaftlich, institutionell, rechtlich und politisch.

Der Systemwechsel betrifft selbstverständlich in erheblichem Maße die Stadtplanung. Städte lassen

sich nun nicht mehr so „einfach“ planen und realisieren – wie noch mit dem Generalplan von

Leningrad aus dem Jahre 1960, der die Erweiterung der Stadt um einen Wohngürtel vorsah und

dieser konsequent auch umgesetzt wurde.

Planung entfaltet sich heute im Wechselspiel unterschiedlicher Akteure und ihrer individuellen

Interessen. Politik und Verwaltung haben wesentlich an Einfluss verloren. Sie müssen sich neu

aufstellen, ihre Rolle finden und in diese hineinwachsen. Planung muss sich zunehmend strategisch

verhalten und positionieren. Planung ist immer mehr Steuerung, Moderation und Bündelung

unterschiedlicher Interessen – mit dem Ziel einer einvernehmlichen Lösung. Planung leistet

verstärkt Qualitätsmanagement. Die Schwierigkeit besteht darin, eigene und kollektive Werthaltungen

zu definieren und im Prozess Kurs zu halten, also die aufgestellten Ziele nicht achtlos/

beliebig zu verwerfen.

In Anbetracht der Komplexität der Transformationsprozesse und vor allem des hohen Tempos

wegen: nicht immer eine beneidenswerte Aufgabe und Herausforderung. Denn sie berührt auch

die gewachsenen persönlichen Überzeugungen der Planenden, zwingt sie bisweilen zum radikalen

Umdenken. Klar, dass das nicht auf Knopfdruck passieren kann.

Nachfolgend wird herausgearbeitet, inwieweit St. Petersburg den eigenen Transformationsprozess

in den vergangenen Jahren bewältigt hat und wie über die Anwendung unterschiedlicher

Planungsverfahren heterogene Interessen zusammengeführt worden sind.

Stadterneuerung und Stadtentwicklung in St. Petersburg

Die Herausforderungen an die Entwicklung St. Petersburgs sind grundlegender Natur. Die wichtigsten

bestehen darin:

1. Die Erneuerung der historischen Innenstadt mit der Sicherung und Sanierung der historischen

Bausubstanz und der Wiedergewinnung des öffentlichen Raumes.

161


Internationales Symposium Kaliningrad

1 | Eine Stadt im Umbruch – umfassende Sanierung der

städtischen Infrastruktur

162

3. Vorträge

2 | Es geht nicht alles von jetzt auf gleich: Transformation

braucht Zeit

2. Die Entwicklung der lokalen Wirtschaft, insbesondere des Handels, des Tourismus und neuer

Dienstleistungen.

3. Die Verbesserung der Wohn- und Lebensbedingungen.

Auf einen Betrag von 30 Milliarden US-Dollar beziffert die UNESCO die komplette Erneuerung

der historischen Innenstadt. Anders als Kaliningrad, das sich um die Wiedergewinnung der

historischen Mitte bemüht, muss sich St. Petersburg dauerhaft um den Erhalt der Substanz kümmern

– Baudenkmäler sowie „profane“ Bauten, Parks- und Freiflächen, technische Infrastruktur

oder die Organisation eines stetig anwachsenden motorisierten Individualverkehrs. Es ist offenkundig,

dass die Stadt diese Erneuerungsleistungen aus eigener Kraft nicht wird meistern können.

Folglich besteht die Strategie darin, Anreize für private Investitionen zu geben. Die Stadt

3 | Alte Erlebniswelt in neuem Glanz: Die Passage am

Nevskij Prospekt

4 | Neue Erlebniswelten und neuer Luxus: ein neues Shopping-

Center an der Metro-Station Vladimirskaja


5 | „Wie lange geht das noch so weiter?”: Eine Wohnung bedeutet

die Aufwertung der Lebensverhältnisse

6 | Neue Perspektiven des Wohnens: Die Nachfolger

des Plattenbaus

konzentriert sich auf Schlüsselprojekte, die insbesondere das Businessklima und die Attraktivität

für den Tourismus verbessern. Neben der Instandsetzung historisch bedeutsamer Bauten und

Ensembles (Eremitage, Peter-Paul-Festung etc.) geht es insbesondere um die Wiedergewinnung

des Stadtraumes – als Raum öffentlicher Interaktion und als Raum privater/halböffentlicher

Rückzugsmöglichkeit. Rund um den Nevskij Prospekt sind in den vergangenen Jahren erhebliche

Veränderungen zu beobachten. Neue Fußgängerzonen, aufwendig gestaltete Plätze, neue

Beleuchtungen, neue Aufenthaltsmöglichkeiten und -qualitäten. Und die Neuordnung des Heumarktes

als traditionell wichtigen Handelsplatz, der über Jahre ein gefährlicher, von der Mafia beherrschter

Ort war, ist wieder sicherer geworden. Ebenjener Platz ist zugleich im Rahmen der

„Investment Strategy“ als „Investitions-Zone“ deklariert worden, für die besonders günstige Bedingungen

herrschen (steuerliche Vergünstigungen), staatliche Zuschüsse für „follow-on-projects“.

Von diesen Zonen hat die Stadt insgesamt vier eingerichtet, an denen sich private Investitionen

zunächst konzentrieren sollen.

Die Entwicklung des öffentlichen Raumes hat wesentlich zur Belebung der lokalen Wirtschaft

beigetragen. Neue Nutzungen bewirken umgekehrt eine starke Inanspruchnahme städtischer

Räume, insbesondere in den Sommermonaten. Das betrifft auch die neuen Hinterhöfe, die entlang

des Nevskij das Wohnumfeld erheblich aufwerten.

Die Privatisierung und damit die Sanierung und Wiederherstellung alter Wohnungen im Zentrum

schreitet nur langsam voran. Bedeutsamer für St. Petersburg sind die dynamischen Veränderungen

an der Periphie und in den grünen Zonen der Stadt, in denen derzeit jährlich mehr als 2 Mio.

Quadratmeter Wohnfläche, im frei finanzierten Wohnungsbau, von unterschiedlichem Standard,

neu produziert werden. Viele haben jedoch primär das Bedürfnis nach den eigenen vier Wänden,

einer gesicherten Versorgung mit Wasser und Strom und einem sicher bewachten Haus.

In Anbetracht der Ausgangssituation sind beachtliche Erneuerungsleistungen erzielt worden – für

die Stadtgesellschaft wie für jeden Einzelnen.

„Zivilgesellschaft bauen“

Bei meinem ersten Aufenthalt in St. Petersburg im Herbst 2003 traf ich – entgegen aller pessimistischen

Prophezeiungen von Kollegen – auf offenherzige Mitarbeiter des Amtes für Städtebau

163


Internationales Symposium Kaliningrad

164

3. Vorträge

7 | Der Pass zur Mitgliedschaft in der Zivilgesellschaft 8 | „Gemeinsam schaffen wir alles” – werben für ein blindes

Vertrauen in autoritäre Strukturen

und Architektur. Der stellvertretende Leiter der Amtes, Viktor Polishuk, stellte Planmaterial und

Hinweise zu aktuellen Projekten zur Verfügung, stand mehrfach zum Interview und zu weiteren

Kooperationen bereit. Und seine Ankündigung auf die Ausarbeitung eines neuen Generalplanes

verband er mit einer – für mich – bemerkenswerten Aussage: „Wir wollen hier Zivilgesellschaft

bauen.“

Zivilgesellschaft! Klassischerweise hat sie als dritter Sektor neben dem Staat und dem Markt

ihren Platz. Sie beschreibt die Sphäre gesellschaftlichen Lebens, die sich auf Selbstorganisation

von Individuen stützt. Bürgerliche Initiativen, Vereinigungen und Verbände sind Ausdruck einer

bestehenden Zivilgesellschaft, die zwar in der Sphäre des Marktes und des Staates wirkt, ohne

aber Teil dessen zu werden (denn dann würden sie andere Interessen als allein die zivilgesellschaftlichen

verfolgen). Eine funktionierende Gesellschaft gründet sich dann auf gemeinsamen

Werten, die einerseits in Recht und Verfassung festgeschrieben sind und andererseits von dem

Menschen gelebt werden. Die Zivilgesellschaft ist zugleich Ausdruck eines demokratischen

Selbstverständnisses der Gesellschaft.

Welche Rolle, welche Beiträge kann die Stadtplanung zur Entwicklung der Zivilgesellschaft

leisten?

Die Chancen bestehen in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Der Diskurs über die zukünftigen,

wünschenswerten Lebensbedingungen der Menschen, über Werte und Normen sind

planerische Themen. Sie betreffen Fragen vom Zuschnitt und der Ausstattung der Wohnung,

über die Architektur und das Wohnumfeld bis hin zur funktionalen Gliederung des Städtischen

und den allgemeinen Fragen städtischen Zusammenlebens. Diesen Diskurs im Kräftedreieck

von Staat, Markt und Zivilgesellschaft zu organisieren und zu räumlichen Lösungen zu führen, ist

ein wichtiger Beitrag zur Transformation der gesamtstädtischen Situation.

Verfahrenskultur

In demokratischen Gesellschaften sind transparente Verfahren der einzige Weg zu „sauberen“

Lösungen zu kommen. Da es nicht „die“ Musterlösung geben kann, auf die sich alle werden verständigen

können, soll zumindest ein klar strukturiertes, sauber durchgeführtes und faires Verfahren

für die Legitimation des Ergebnisses sorgen.


Quartier 130

Umfang und Komplexität der Erneuerungsaufgaben erfordern innovative Planungs- und Entwicklungsstrategien.

Der geringen Finanzmittel wegen wird zudem eine Konzentration auf Beispielprojekte

erfolgen, die Nachahmer schaffen soll. Der Konzeption für das Quartier 130 geht in

meinen Augen ein bemerkenswertes Verfahren voraus, das wesentlich zur Qualität des Projektes

beigetragen hat. Ausgangspunkt war ein Wettbewerb, der nicht nach konkurrierenden Lösungen

für eine bestimmte Fläche suchte, sondern Petersburger Planer beauftragte, ein Konzept für eine

Fläche ihrer Wahl auszuarbeiten. An dieser sollten exemplarisch die vielfältigen Aufgabenfelder

der Stadterneuerung thematisiert und zu einer integrierten Lösung geführt werden.

Dieses Projekt verbindet die Sanierung der maroden technischen Infrastruktur samt verseuchtem

Boden mit der Gestaltung der durch Abriss gewonnenen Freiräume und einer wirtschaftlichen

Realisierung durch die Vermarktung von vier Baufeldern. Die neue Fußgängerzone soll

zur Erweiterung der Geschäftslagen rund um den Nevskij beitragen und ein Zusammenwirken

von technischen Fragen, stadträumlichen Qualitäten und ihrer wirtschaftlichen Umsetzbarkeit

verdeutlichen. Den internationalen Wissenstransfer hat das Projekt zudem bereichert.

Sennaja Ploshad

Die zuvor gezeigten Ergebnisse St. Petersburger Stadtentwicklung sollten zumindest formal den

Regeln des Genehmigungsverfahrens entsprochen haben. Dennoch ist zu fragen, ob es nicht

insbesondere im Falle der Neuplanungen für den Heumarkt (Sennaja Ploshad) angemessen

gewesen wäre, wenn der damalige Stadtarchitekt den Entwurf nicht in seinem privaten Büro ge-

9 | Projekt Kvartal 130: Integrierte Erneuerungsleistung schafft neue Qualitäten im Stadtzentrum

165


Internationales Symposium Kaliningrad

10 | Hoheitliche Planung: Die Sanierung des Heumarktes hat

Verbesserungen gebracht

166

3. Vorträge

macht hätte, sondern mehrere, voneinander unabhängige Lösungen im Rahmen eines Wettbewerbs

erarbeitet worden wären. Entwurfsarchitekt und Genehmigungsbehörde in Personalunion

wird für eine wenig vertrauensbildende Situation gehalten, auch wenn die Lösung schlechter hätte

ausfallen können.

Strategieplan 1997

Ein bemerkenswertes Verfahren stellt die Erarbeitung des Strategieplans im Jahre 1997 dar, als

nach einer langen Phase der Planungslethargie sich die Stadt wieder Gedanken über die Steuerung

ihrer Entwicklung gemacht hat. In einem komplexen Prozess, an dem sämtliche gesellschaftliche

Gruppen aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Bürgerschaft über

die Ziele und Aufgaben St. Petersburgs diskutiert und zu einem Planwerk zusammengeführt ha-

11 | Sennaja Ploshad – der lebendigste Platz der Stadt

ben. In einer begleitenden Aktion „Moj Gorod“ ist auch die Stadt auf die Bürgerinnen und Bürger

zugegangen und hat sie an den Überlegungen zur strategischen Entwicklung der Stadt beteiligt.

Ein Lernprozess für die gesamte Stadtgesellschaft und ein wichtiges Signal für die Bürgerinnen

und Bürger.

Entstanden ist ein integriertes Planwerk, das ein wichtiger Schritt für den fast fertiggestellten

Generalplan darstellte. Ein derart perspektivisch ausgerichtetes Verfahren ist in der Stadt seither

nicht wieder durchgeführt worden, leider auch nicht im Rahmen der Aufstellung des aktuellen

Generalplans, der sich lediglich auf die formelle Beteiligung beschränkt hat.

12 | Tief verwurzelt: Peter der Große als Idealfigur eines

Masterplaners von St. Petersburg


Wettbewerb Neuer Passagierhafen

Die Anlage eines neuen Fährterminals vor der Wassili-Insel gehört zu den neuen Herausforderungen,

denen sich die Stadt stellen will. Das Projekt soll zu großen Teilen von privaten Investoren

finanziert werden. St. Petersburg hat zu diesem Zweck einen städtebaulichen Wettbewerb

ausgelobt, der erste Ideen für dieses Neuland gebracht hat. In einem transparenten Verfahren

sind mehrere Varianten und der vom Preisgericht ausgezeichnete Sieger des Wettbewerbs

öffentlich bekannt. Ein derartiges Verfahren wird grundsätzlich als positiv erklärt. In Anbetracht

dessen jedoch, dass derzeit Projekte unter dem Titel „Meeresfassade“ und „Meereskaskade“

fertiggestellt werden und Menschen ihre Wohnungen mit Blick auf das Meer beziehen werden,

bald schon dieser Qualität wieder beraubt werden könnten, wäre eine stärkere Integration dieser

Interessen wünschenswert gewesen. Das Ergebnis zeugt von einer deutlichen Präferenz für die

Interessen der Investoren, bisweilen von einer Ignoranz gegenüber den bestehenden Strukturen

und Nachbarschaften (die neuen Wohngebiete sind im Plan gar nicht dargestellt). Vor dem Hintergrund

eines stadtgesellschaftlichen Diskurses kann der Wettbewerb also nur ein Anfang sein.

Mariinskij II

Als positives Beispiel soll mit dem internationalen Einladungswettbewerb zum Mariinskij-Theater

die St. Petersburger Palette geschlossen werden. Die auf Initiative des künstlerischen Leiters

des Theaters „Gergejev“ durchgeführte Konkurrenz hat sich vor allem durch seine Offenheit und

sein Bemühen, die Lösungen in der Stadtöffentlichkeit zu diskutieren, ausgezeichnet. Von Belang

ist hier weniger die Entscheidung für den Entwurf von Dominik Perrault als die grundsätzliche,

breite Auseinandersetzung mit neuer Architektur im stadthistorischen Kontext einerseits

und andererseits die Legitimation eines derartigen Ergebnisses durch ein unabhängiges Preisgericht.

Darüber hinaus enthält das Verfahren einen bemerkenswerten Baustein: Die öffentliche

Ausstellung der Arbeiten im Vorfeld der Preisgerichtssitzung und -entscheidung bot Bürgerinnen

und Bürgern die Möglichkeit, Kommentare zu den jeweiligen Arbeiten abzugeben. Leider ist nicht

bekannt, in welcher Weise diese Anregungen und Bedenken der Öffentlichkeit in die Entscheidung

eingeflossen sind, aber die Entscheidung für Perrault scheint tragfähig zu sein.

Gummersbach

Die vorgezogene Bürgerbeteiligung beim Mariinskij-Theater hat die Kollegen in Gummersbach

inspiriert, diese bei einem Verfahren in der Kreisstadt Gummersbach in der Nähe von Köln für

die Entwicklung eines großen Industrieareals ebenfalls durchzuführen. Geschafft wurde, die

13 | Maximale wirtschaftliche Verwertung zu Lasten von

hochwertigen Wohn- und Lebensqualitäten

14 | Die Projekte „Morskoij Kaskad und Morskoij Fasad”

167


Internationales Symposium Kaliningrad

168

3. Vorträge

15 | Projekt Mariinksij II 16 | Stärker auf die kommenden Generationen setzen: Sich nicht nur

äußerlich zum Wandel bekennen!

Architektenkammer von diesem – nach den Wettbewerbsregularien nicht vorgesehenen – Vorgehen

zu überzeugen. In drei Tagen sind über 500 Leute durch die Ausstellung gegangen und

haben qualifizierte Anmerkungen zu den jeweiligen Arbeiten gemacht. Es wurde beobachtet, wie

sich die Menschen die Arbeiten gegenseitig erklärt und sich mit den Perspektiven des Ortes bewusst

auseinandergesetzt haben. Diese Anmerkungen werden dem Preisgericht einen wichtigen

Eindruck davon vermitteln, was in der Stadt durchsetzbar sein wird und was nicht. Und auf einmal

wird auch ein bislang abgelehntes neues Einkaufszentrum an diesem Standort im städtischen

Zusammenhang diskutiert, werden Bedingungen einer Realisierung angesprochen.

Verhärtete Fronten brechen auf.

Von St. Petersburg lernen!

Literatur:

- Goldhoorn, B.: St. Petersburg, Project Russia Bd. 26 – 2002

- Leontief Centre: St. Petersburg City Center Rehabilitation – St. Petersburg, 1998

- St. Petersburg City Rehabilitation Project (2004): http://fisp.pgdg.ru, letzter Zugriff 04.11.2004


zur Person

Vita

Name

Daniel Luchterhandt

Herkunft

Hamburg und Dortmund/Deutschland

Profession

Raumplaner

Tätigkeitsschwerpunkt

Städtebau, Stadtentwicklung,

informelle Planungsverfahren

Themenschwerpunkt

aktuelle Stadtentwicklung von St. Petersburg

und anderen osteuropäischen Metropolen

169


Internationales Symposium Kaliningrad

Wirtschaft und Investitionen

170

3. Vorträge

iskussion des Tages

3.2.10 Diskussion des zweiten Tages

Eine starke Stadt braucht eine starke Region!

- Wie können Stadt und Region gemeinsam gestärkt werden?

Der Raum Kaliningrad soll als Entwicklungskorridor entwickelt werden.

- Welche Auswirkungen hat dies auf die Morphologie der Stadt?

- Welche Optionen hat die Stadt für die Verhandlungen mit der Regierung?

Der Arbeitsmarkt ist zunehmend von Migration abhängig.

- Welche sozialen Verhältnisse erwartet die Stadt?

- Wie wird sich der Wohnungsmarkt entwickeln?

- Wie viel Zeit hat die Stadt, präventiv Spannungen abzubauen?

Große Projekte sind Motor der Stadtentwicklung.

- Wie sieht ihr Kontext aus?

- Neue Entwicklungen im Norden: Folgen für das bestehende Zentrum?

- Wie regeln Verträge die Abgrenzung öffentlicher und privater Interessen?

Kaliningrad muss sein besonderes Profil entwickeln, seine Stärken stärken.

- Welche Potentiale haben Stadt und Region?

Welche Auswirkungen haben die engen Grenzen der Stadt?

- Isolierung oder Partnerschaft? Netz der Euroregionen?

- Vertragliche Regelungen zwischen Regierung und Europäischer Union?

Idee für die Stadt?

- Geistig-kulturelles Zentrum? Wie qualitätvolle Architektur ermöglichen?

Infrastruktur der Stadt

Planung neu denken.

- Ziele klar definieren. Szenarien schreiben. Prioritäten setzen.

- Mosaiksteine der Stadt planen und realisieren, Anschlüsse sichern.

- Transparente Verfahren gestalten, öffentlichen Diskurs ermöglichen.

Konversion des Hafens – Chance für die Stadt.

- Wie Hafen umbauen und Arbeitsplätze behalten?

- Wie können Güterströme arbeitsteilig organisiert werden?

- Wie können Touristik-Schiffe an einem zentralen Stadtplatz anlegen?

Vorrangig: die Entwicklungen für die Innenstadt.

- Rolle als zentraler Standort für den Einzelhandel?


- Wie die Außenentwicklung (Einzelhandel auf der grünen Wiese) steuern?

Funktion als Verwaltungszentrum?

Verkehrssystem umbauen.

- Wie Transitverkehr nach außen, wie Entlastung innen?

- Wie kann dann die Mitte der Stadt neu gestaltet werden?

Schlüsselprojekte entwickeln.

- Zentrale Aufgabe: Gestaltung des öffentlichen Raums.

- Umfeld für private Investitionen! Aufenthaltsqualitäten!

Netzwerke knüpfen!

- Kaliningrad ist stark mit seinem Umland und mit kooperierenden Städten.

Verträge gestalten!

- Stärken- und Schwächenausgleich sichern! Soziale Gerechtigkeit wahren.

- Kümmern um den Bestand!

- Was tun im Fall einer Insolvenz?

Ein Runder Tisch zum Abschluss des Symposiums!

171


Internationales Symposium Kaliningrad

172

3. Vorträge


3. Symposiumstag

3.3 3. Symposiumstag 17.06.2005

3.3.1 17. Vortrag – Jochen Brandi und Andrej Derbenkov

Spuren der Geschichte und Zukunftsbilder der Inselstadt am Pregel

3.3.2 18. Vortrag – Prof. Peter Zlonicky

Kontinuität und Brüche – Erfahrungen aus Berlin

3.3.3 19. Vortrag – Anna Brunow-Maunula

Methoden der Stadtbildkontrolle in Helsinki

3.3.4 20. Vortrag – Dr. Sergey V. Semencov

Die Prinzipien der Erhaltung des städtebaulichen genetischen Codes

während des Rekonstruktions- und Entwicklungsprozesses der Stadt

3.3.5 Empfehlungen der Symposiumsteilnehmer

173


Internationales Symposium Kaliningrad

174

3. Vorträge

17. Vortrag

3.3.1 17. Vortrag –

Spuren der Geschichte und Zukunftsbilder der Inselstadt am Pregel

Jochen Brandi und Andrej Derbenkov


Spuren der Geschichte und Zukunftsbilder der Inselstadt am Pregel

Topographie ostwärts-westwärts

Bei Stadterkundungen kann man lernen, Hafenstädte womöglich über den Seeweg – also mit

dem Schiff – zu entdecken. Studiert man die ersten Anfänge der Kartographie, findet man dort

schon sehr früh beachtlich genaue Angaben über Wassertiefen und Uferprofile, um die Küsten

sicher erreichen zu können.

Die alten Handelswege zur Bernsteinküste über die Ostsee (Baltisches Meer) in Richtung auf

das ehemalige Königsberg, heute das russische Kaliningrad, erschließen eine immer wieder

farbig beschriebene Landschaft unter einem besonderen Licht. Eine „doppelte Küste“ baut sich

vor einem auf, wenn das Schiff seinen Weg durch die Frische Nehrung in der schmalen Öffnung

bei Pillau (Baltisk) sucht: abgestufte Räume von der Weite des Meeres über das sichtbar

begrenzte Haff bis zur Mündung des Pregel (Pregolja), flussaufwärts in den Übergängen vom

Hafen zur Stadt. Dort noch mit regulierten, befestigten Ufern sich aufzweigend und damit eine

natürliche Stadtinsel formend – den so genannten Kneiphof. Weiter nach Osten in Richtung Insterburg/Gumbinnen

(Tschernjachowsk/Gussew) löst sich der Pregel in eine archaische Wasserlandschaft

von ruhender und fließender Strömung auf. Bisweilen verwischen seine Ufer in Schilf

und Sumpf.

In dieser markanten Topographie begegnet man der Biographie einer nunmehr 750 Jahre alten,

damals von Kreuzrittern des deutschen Ordens gegründeten Stadt. Wechselt man in Gedanken

1 | Der Kneiphof, die Stadtinsel mit dem Dom am Fluss Pregel

175


Internationales Symposium Kaliningrad

die Richtung wiederum nach Westen, nämlich flussabwärts, dann folgt man den Fluchtwegen der

ostpreußischen Bevölkerung der letzten Kriegsmonate im Frühjahr 1945. Ihr Ziel war damals das

Rettung versprechend offene Meer.

Seitdem ist Königsberg eine russische Stadt, die als Kaliningrad in diesem Sommer ihr 60-jähriges

Jubiläum feiert. Als die westlichst gelegene, eisfreie Hafenstadt Russlands mit der politischen

Vision eines „offenen Tores zu Europa“, als so genannter Oblast, jetzt eine Exklave im

Baltikum, eingegrenzt von Polen und Litauen.

Stadt-Trilogie an der Pregelmündung

Königsberg (Abb. 1) vereinigte in sich drei ursprünglich selbständige Städte – die Inselstadt,

nämlich den Kneiphof zwischen den Flussläufen des alten und neuen Pregel, die Altstadt mit

dem Schloss auf der Höhe und die Handwerkerstadt Löbenicht flussaufwärts. Dieser historische

Kern ist im August 1944 durch Bombenangriffe und im Frühjahr 1945 während der Festungskämpfe

dem Erdboden gleich gemacht worden. Als letztes Zeugnis einer „ausradierten Stadt“

steht heute noch der gotische Dom auf der Kneiphofinsel, als ob der neben ihr begrabene große

Sohn Königsbergs, der Philosoph Immanuel Kant, seine schützende Hand über die Kirche gehalten

hätte. Hier, auf dieser einstmals dicht bebauten Insel an der Pregelmündung, befanden sich

auch die ersten Gebäude (Collegium Albertinum) der Königsberger Universität, deren europäische

Geistesgeschichte von Forschung und Lehre fortgeschrieben werden könnte von der russischen

Universität, die seit einigen Wochen den Namen Immanuel Kants für sich angenommen

hat.

2 | Blick auf die Stadtinsel Kneiphof, Kaliningrad um 2000

176

3. Vorträge


Der Kneiphof – ein leerer Raum?

Die Insel ist seit dem Kriegsende 1945 eine unbesiedelte Brache geblieben und genau das ist

wahrscheinlich ihre einmalige, kulturelle Chance, nicht im Zugriff von Investoren vorschnell und

maßstabslos bebaut zu sein, wie die ihr gegenüberliegenden Ufer (Abb. 2). So ist immer noch

Zeit und Raum gegeben, um über die Zukunft des Kneiphofes nachzudenken und seine zukünftige

Gestalt an verschiedenen Alternativen zu diskutieren.

Die heute von einer breiten, aufgeständerten Straßenbrücke überquerte Inselbrache in ihrem

IST-Zustand als Freifläche liegen zu lassen, erscheint zunächst nahe liegend. Aber dieser Topos

einer ursprünglich eigenständigen Stadt verdient es dennoch, nach seinem kulturellen und urbanen

Wert befragt – oder nach den ökonomischen Kriterien von Prof. Jürgen Bloech „nach seinen

harten und weichen Standortfaktoren“ – untersucht zu werden.

Einen ersten Bebauungsvorschlag wagte bereits in den 1980er Jahren der junge, gerade sein

Studium abschließende Kaliningrader Architekt Yuriy Zabuga. Sein unter damaligen Verhältnissen

mutiger, nicht historisierend, sondern modern angelegter Entwurf eröffnete schon damals

den notwendigen Diskurs über eine Neubesiedlung der Insel am alten und neuen Pregel.

Alter Stadtgrundriss – neue Bebauung

In einer russisch-deutschen Zusammenarbeit wurden dazu Mitte der 1990er Jahre eine neuere

Alternative, die sich in der Methode einer „kritischen Rekonstruktion“ an dem historischen Stadtgrundriss

des ehemaligen Kneiphofes zu orientieren versucht, entwickelt (Abb. 3). Denn nicht

mehr in den anderen beiden geschundenen, inzwischen wieder bebauten Bereichen von Altstadt

und Löbenicht, sondern nur noch hier, auf der leer geräumten Kneiphofinsel könnte der – wie der

Kaliningrader Stadtarchäologe Venzel Salachov sagt – „genetische Code der versunkenen Stadt“

mit ihrer reichen Kultur- und Handelsgeschichte und mit ihrem verlorenen menschlichen Maßstab

wieder entschlüsselt werden. Eine wiederum auf vier Geschosse begrenzte Bebauung, die

Nachzeichnung ihrer ehemaligen Baufluchten und Platzkanten würde ein kulturelles und städtebauliches

Kontinuum über die Verwüstung der Insel hinweg fortschreiben, um an das Leben auf

dem alten Kneiphof zu erinnern.

Seine alten Straßen, Plätze und Höfe sind seit 60 Jahren mit einer 1½ bis 2 Meter hohen Schuttschicht

bedeckt, die das Gemäuer des Domes wie eingesunken erscheinen lässt. Unter diesen

Trümmern existiert noch immer ein Fundament mit den Keller- und Sockelgeschossen der alten

Bebauung. Diese historische Schicht wieder freizulegen und auch den neuen Bürgern zugänglich

zu machen, würde bedeuten, das Schicksal dieser Stadtinsel mit „gesenktem oder erhobenem

Daumen“ nunmehr öffentlich zu diskutieren.

In einem solchen Verständnis offen gelegter, erweiterter Raumerkenntnisse ließen sich überzeugende

Argumente finden, um diesem historischen Topos sein früher dichtes und urbanes Leben

zurückzugeben. Und damit im Stadtkern an der heute noch einzig möglichen Stelle jene alte –

nur scheinbar – versunkene europäische Stadt gedanklich zu transformieren in das neue europäische

Stadtmodell (Abb. 4), das von der russischen Regierung und Bevölkerung gegenwärtig

auch politisch postuliert wird.

177


Internationales Symposium Kaliningrad

3 | Der Kneiphof im historischen Stadtgrundriss vor 1945

4 | Der „neue Kneiphof”, eine kritische Rekonstruktion des alten Stadtgrundrisses

178

3. Vorträge


5 | Skizze eines Schnittes

Die unsichtbare Stadtschicht – terra inkognita

Es wird diesbezüglich an den Vorschlag (Abb. 5) für eine Grabung der Kaliningrader Stadtarchäologie

auf dem Kneiphof, vielleicht beginnend im Umfeld von Dom und ehemaliger Albertina Universität,

erinnert. Während der alte Stadtgrundriss mit seiner Parzellierung aus den Archiven bekannt

ist, führt eine Tiefenschürfung, nämlich ein Aufriss, der unter der ehemaligen Geländeoberkante

verborgenen Kellergeschosse, zu einer Ebene, die eben jene alte kleinteilige Stadt

doch wieder zum Vorschein kommen lässt.

Diese freigelegte unterste Schicht des Kneiphofes sollte aber nicht nur museal aufgeblendet

werden. Denn ihre Geometrie schafft räumlich faszinierende Möglichkeiten, ein altes Untergeschoss

und ein darüber neu einzurichtendes Erdgeschoss ganzheitlich zu begreifen und seine

„zeitversetzten Ebenen“ gemeinsam öffentlich und privat zu nutzen. Eine neue anspruchsvolle

Architektur mit „sparsamem Fußabdruck“ – also mit Stützstrukturen – würde so alte Grundmauern

und Kellerdecken überformen und damit zu den historischen Wurzeln, nämlich „zum

Maßstab und Gitterwerk“ des Kneiphofes, zurückführen.

Eine Rückkehr der Bücher zum Kneiphof?

An welchen Standort der Kneiphofinsel könnte nun altes und neues Leben zurückkehren und wer

findet zuerst den Weg zurück in die Nähe des Domes? Seit längerem wird sowohl an die alten

Buchbestände der Albertina als auch an die bedeutende Wallenrodt’sche Bibliothek, die zu Teilen

im Dom selbst untergebracht war, gedacht. Diese Bücher sind heute weit bis ins Ausland zerstreut

und an verschiedenen Orten teilweise unzulänglich gelagert. Was liegt näher, als dieses

179


Internationales Symposium Kaliningrad

kostbare Kulturgut wieder an seinen Ursprungsort zurückzuschaffen, um dort zuerst die Pflege

am Buch zu gewährleisten?

Mit wohlwollender Beratung des Direktors der Göttinger Universitätsbibliothek, Professor Elmar

Mittler, wurde ein Projekt entwickelt, für diese „heimkehrenden“ Bestände zunächst ein Büchermagazin

zu errichten, das dann mittelfristig zu einer modernen Bibliothek der russischen Kant-

Universität ausgebaut werden könnte – über den Grundmauern der alten Albertina.

Die Konzentration dieses wertvollen Kulturgutes im Umfeld des Domes hätte zur Folge, dass den

Büchern wohl bald die Menschen folgen würden. Ein erster, möglicher Schritt, um auf dem

Kneiphof wieder Fuß zu fassen. Denn „Historisches ist nicht, das Alte allein festzuhalten oder zu

wiederholen. Dadurch würde die Historie zugrunde gehen. Historisch handeln ist das, welches

das neue herbeiführt und wodurch Geschichte fortgesetzt wird.“ Karl Friedrich Schinkel

Der Genius Loci des Kneiphofes – eine Mutmaßung

Dürfte man den großen Sohn dieser europäisch ausgerichteten Stadt an diesem Diskurs beteiligen

und ihn nach Topos und Logos befragen, könnte er uns sinngemäß vielleicht folgenden Ratschlag

mit auf den Weg geben: „Ein künftig unbebauter, stadtentleerter Kneiphof wäre nur ein

Friedhof um mein Grab. Ein wiederbelebter Ort des Wissens würde dagegen an Büchern und

Arbeitstisch festhalten, die mir – ohne Königsberg je verlassen zu haben – hier zur eigenen Welt

geworden sind.“

180

3. Vorträge


Name

Andrej Derbenkov

Herkunft

Kaliningrad/Russland

Profession

Weitstreckenkapitän

Tätigkeitsschwerpunkt

Heimat- und Landschaftskunde, Publizistik

Themenschwerpunkt

Urbanistik,

Geschichte des Kaliningrader Gebiets

zur Person

Vita

Name

Jochen Brandi

† November 2005

Herkunft

Göttingen/Deutschland

Profession

Architekt

Tätigkeitsschwerpunkt/

Themenschwerpunkt

Hochbau-, Städtebau- und

Landschaftsprojekte

Internationale Wettbewerbserfolge (in USA,

Russland, Senegal, Türkei, Vietnam, u.a.)

Europäischer Stahlbaupreis 1976

Publikation: LANDSCAPE – determined City

181


Internationales Symposium Kaliningrad

182

3. Vorträge

18. Vortrag

3.3.2 18. Vortrag –

Kontinuität und Brüche – Erfahrungen aus Berlin

Prof. Peter Zlonicky


Kontinuität und Brüche – Erfahrungen aus Berlin

Im Vergleich zu Kaliningrad

Berlin ist anders. Berlin ist größer, ist Hauptstadt. Berlin war Schaufenster für die Entwicklungen

in Ost und in West. Berlin hat nach der Wiedervereinigung stürmische Entwicklungen erfahren,

aber auch einzelne Stadtteile vernachlässigt. Berlin ist heute in einer kritischen Phase der Transformation.

Gemeinsamkeiten? Kaliningrad und Berlin haben gemeinsame historische Bezüge. Beide Städte

bilden Brücken – territorial zwischen Ost und West. Die wichtigsten Brücken haben der Geist der

Aufklärung und die Wissenschaften im neunzehnten, Kultur und Kunst im beginnenden zwanzigsten

Jahrhundert gebaut. Berlin hat mit dem, von den Nationalsozialisten begonnenen, Krieg

wirtschaftliche und kulturelle Brücken zerstört, schließlich auch die Zerstörung beider Städte ausgelöst.

Der Stadtgrundriss

Begonnen haben die Zerstörungen in Berlin nicht erst mit den Bombardierungen 1943 bis 1945,

sondern mit den Abbrüchen ganzer Stadtteile für die von den Nationalsozialisten geplanten

großen Achsen. Mit einem radikalen Umbau traditioneller Stadtstrukturen, mit dem Abbruch von

insgesamt 73.000 Wohnungen sollten nach den Planungen von Hitler und seinem Generalbaudirektor

Speer repräsentative Bauten für das „Dritte Reich“ errichtet werden. Ziel war es Berlin

zur Welthauptstadt auszubauen und nach einer Weltausstellung 1950 als „Germania“ auszurufen.

1 | Die große Nord-Süd-Achse und die „Halle des Volkes” (über 300 Meter hoch, zum Vergleich der alte Reichstag im Vordergrund) nach den

Planungen von Albert Speer (1941)

183


Internationales Symposium Kaliningrad

184

3. Vorträge

2 | Grundriss der Innenstadt vor den Kriegszerstörungen (schwarz: bestehende Bausubstanz; hellblau: Baustellenbereiche;

mittleres blau: weitgehend realisierte Projekte; blauviolett: Regierungsbauten; ockergelb: neue öffentliche Räume)

3 | Grundriss der Innenstadt nach der Wiedervereinigung (schwarz: bestehende Bausubstanz; hellblau: Baustellenbereiche;

mittleres blau: weitgehend realisierte Projekte; blauviolett: Regierungsbauten; ockergelb: neue öffentliche Räume)


4 | Aktueller Grundriss der Innenstadt (schwarz: bestehende Bausubstanz; hellblau: Baustellenbereiche;

mittleres blau: weitgehend realisierte Projekte; blauviolett: Regierungsbauten; ockergelb: neue öffentliche Räume)

Mit dem Kalten Krieg, mit der Bildung west- und ostdeutscher Regierungen, vor allem nach dem

Bau der Mauer war Berlin eine geteilte Stadt. Betrachtet man den Stadtgrundriss nach den Zeiten

des Wiederaufbaus, so fällt auf, dass zwei ideologisch konkurrierende Planungen letztlich gleiche

Leitbilder hatten: Der Stadtgrundriss soll im Prinzip erhalten werden, die Stadt sollte offener,

weniger dicht, grüner werden, die Stadt sollte repräsentativer Ort, aber auch Wohnort sein.

Die Wiedervereinigung hat in Berlin einen Bauboom ausgelöst. Bereits vor der Hauptstadt-

Entscheidung (1991) haben sich alte und neue Grundstücksbesitzer die besten Grundstücke

gesichert (Potsdamer Platz). Der Ausbau der Hauptstadt war zunächst als umfassende Neuplanung

vorgesehen, der Zwang rückläufiger Ressourcen führte mehr und mehr zu einem Umbau

vorhandener Strukturen.

5 | Brandenburger Tor 2005, Bilder des zerstörten Platzes 1945

185


Internationales Symposium Kaliningrad

Heute ist Berlin eine insbesondere für junge Menschen attraktive, schillernde Stadt – und gleichzeitig

ist es eine Stadt in einer extremen wirtschaftlichen und finanziellen Krise. Investitionen im

Umland schwächen die Innenstadt. Einwohner wandern ab in die Peripherien. Die Geburtenrate

sinkt wie in allen deutschen Städten. Auch die finanzielle Ausstattung hatte sich den allgemeinen

Verhältnissen angepasst – Berlin hat zu lange über seine Verhältnisse gelebt. Vernachlässigt

werden nun die öffentlichen Infrastrukturen und schwierige Stadtteile mit sozialen Problemen,

zum Beispiel die industriell hergestellten Neubau-Siedlungen der 1970/80er Jahre.

Strategien

Aus zahlreichen Beiträgen zur Stadtentwicklung von Berlin zeigen die folgenden drei Programme

Wege zu einer innovativen Entwicklung auf, die über Berlin hinausweisen.

In den sozialen und kulturellen Krisen der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts hat Berlin die

„Behutsame Stadterneuerung“ am Beispiel des vernachlässigten Stadtteils Kreuzberg entwickelt.

In Zusammenarbeit mit Bewohnergruppen, vor allem mit engagierten jungen Menschen war es

möglich, die „kaputte Stadt“ zu retten. Nach wie vor hat der Stadtteil Kreuzberg heute Probleme

– aber die bauliche Substanz und die Infrastruktur sind modernisiert, benachteiligte Bewohnergruppen

sind weitgehend integriert.

Das „Stadtforum“ wurde unmittelbar nach der Wiedervereinigung von einem engagierten Senator

gegründet. Über einen Zeitraum von knapp drei Jahren trafen sich Akteure der Stadtentwicklung

6 | Programmatik der behutsamen Stadterneuerung für den

Stadtteil Kreuzberg

186

3. Vorträge

7 | Berlin Studie, Strategien für die Stadt;

Titelblatt der Veröffentlichung


von Berlin, zweimal im Monat, jeweils zwei Tage: Vertreter der politischen Parteien, der Wirtschaft,

der Gewerkschaften und der Umweltverbände, der Wohnungsgesellschaften und der

Mieter, der Stadtplaner und der Architekten. Für jede Gruppe war jeweils eine „Bank“ reserviert.

Zusätzlich gab es die „Bank der Zwischenrufer“: unabhängige Bürger, Künstler und Literaten.

Der für die Stadtentwicklung und für Umweltschutz zuständige Senator nahm an allen Sitzungen

teil, verstand sich jedoch als „erster Zuhörer“ und griff nur dann in Diskussionen ein, wenn sie zu

entgleisen drohten. Nach diesem Modell des Berliner Stadtforums wurden vergleichbare Foren

in vielen anderen deutschen Städten eingerichtet.

Die „Berlin Studie“ bündelt unterschiedliche Strategien für die Entwicklung der Stadt. Verfasser

sind unabhängige Wissenschaftler und Politiker, die Programme für eine „Bürgergesellschaft im

21. Jahrhundert“ entworfen haben. Schwerpunkt dieser Strategien ist eine integrative Politik für

die Stadt und ihre Stadtteile. Sie strebt sozialen Frieden als Voraussetzung auch für wirtschaftliche

Entwicklungen an.

Die „Kritische Rekonstruktion der Stadt“ war das durchgängige Motiv der Berliner Stadtplanung

seit den späten achtziger Jahren. Die Bindung an den historischen Stadtgrundriss, der Vorrang

eines „Parzellen-Städtebaus“, die Orientierung an den klassischen Gebäudehöhen, die Ausprägung

von gegliederten Fassaden, waren Leitlinien einer städtebaulichen Entwicklung, die vom

verständlichen Wunsch nach einer Wiederherstellung der vertrauten Stadtbilder geprägt war, jedoch

auch zu einer Versteinerung des Stadtbildes geführt und wenig Risikobereitschaft zu neuer

Architektur eröffnet hat. Erfolgreich war die Wiederherstellung der öffentlichen Räume, sie stehen

in der besten Tradition des Modells der Europäischen Stadt.

8 | Öffentlicher Raum Unter den Linden;

Titelblatt einer Veröffentlichung der Senatsverwaltung, ca. 1996

187


Internationales Symposium Kaliningrad

9 | Die Mauer als Kunstwerk und Erinnerung, nur in wenigen

Abschnitten erhalten

Bausteine im neuen Berlin

Die Wiedervereinigung, beschworen von allen westdeutschen Regierungen und erhofft von vielen

Bürgergruppen auch der DDR, hat Politik und Planung auch der Stadt Berlin überrascht: Es

gab keine Konzepte für den Zeitpunkt einer Vereinigung. Immerhin wurde in kürzester Zeit eine

gemeinsame Infrastruktur wiederhergestellt. Jedoch wurden auch die Spuren einer gemeinsamen

Geschichte – der getrennten Stadt – mit der Berliner Mauer abgerissen. Die „Mauer in den

Köpfen“ ist jedoch heute noch im Bewusstsein der Berliner präsent, es bleibt der jungen Generation

vorbehalten, sie zu überwinden.

In der Zeit der ersten Konzeptlosigkeit haben große Unternehmen zugegriffen: Daimler Benz,

Sony und andere haben Rechte erworben, einen großmaßstäblichen Städtebau in der Mitte der

Stadt zu realisieren. Die Bebauung am Potsdamer Platz und nun auch am Leipziger Platz zeigt

neue Maßstäbe, die von den Unternehmern und von den Besuchern der Stadt, weniger von den

Berlinern selbst geschätzt werden.

Die „Schloss-Debatte“ ist auch eine Antwort auf die neuen Maßstäbe in der Stadt: Zumindest in

ihrer Mitte sollte es möglich sein, historische Stadträume wiederherzustellen. Was eine Rekonstruktion

des Schlosses selbst betrifft, so ist sie problematisch: Sie stärkt die Tendenzen, die Geschichte

der letzten siebzig Jahre auszulöschen. Abzubrechen wäre der ehemalige „Palast der

Republik“, der moderne Bau der DDR-Volkskammer. Neue Nutzungen sind dagegen nicht zu erkennen.

Glücklicherweise fehlt zur Zeit jede Aussicht auf eine Realisierung.

11 | Die historische Mitte der Stadt, im Blickpunkt der

„Palast der Republik”; Titelblatt einer Werbebroschüre

188

3. Vorträge

10 | Neue Bebauung am Potsdamer Platz,

Blick von der Leipziger Straße


12 | Die neue Akademie der Künste an ihrem alten Standort,

Pariser Platz 4

Der Pariser Platz am Brandenburger Tor wird von den Berlinern und von Besuchern heute noch

als der Salon der Stadt geliebt. Nicht zuletzt durch die starren Regeln der „Kritischen Rekonstruktion“

versteinert wäre er heute ein leerer Platzraum, wenn sich nicht die neue Akademie der

Künste mit einer lange Zeit umstrittenen Glasfassade zu diesem Platz hin geöffnet hätte. Seit

wenigen Wochen ist er nun ein lebendiger Ort in der Mitte der Stadt.

Umgang mit der Erinnerung

Mit der Wiedervereinigung der Stadt wurden wichtige Denkmäler der Nachkriegszeit, so zum Beispiel

das Ehrenmal für die sowjetische Armee, übernommen. Sie sind weiterhin geschützt.

Sechzig Jahre hat es gedauert, ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin zu realisieren.

Vor wenigen Wochen wurde das Holocaust-Mahnmal eröffnet, ein großes Stelenfeld, das

bewusst auf Belehrungen verzichtet und jedem Besucher die Möglichkeit bietet, seine eigenen

Erfahrungen, sein eigenes Wissen um den von dieser Stadt ausgehenden härtesten Kulturbruch

zu reflektieren. Inzwischen wird es als großer öffentlicher Raum angenommen und von Bürgern

in höchst unterschiedlicher Weise genutzt.

Nicht realisiert ist bis heute die „Topographie des Terrors“, eine Institution, welche die Geschichte

der Täter des Nazi-Regimes aufarbeiten soll. Befürchtungen sind nicht unbegründet, dass der

Bau dieses Denkmals im Interesse noch lebender Täter hinausgezögert wird.

13 | Das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa 14 | Die Stolpersteine: Erinnerung vor den Haustüren an die

vertriebenen und ermordeten Bewohner

189


Internationales Symposium Kaliningrad

Die kleinsten Denkmäler sind jene Pflastersteine, die vor den Haustüren ehemaliger jüdischer

Bürgerinnen und Bürger in den Boden eingelassen sind. Sie erinnern an Namen und Daten jener

Bewohner, die von den Nazis vertrieben und ermordet wurden. Eine wachsende Zahl von Bürgern

setzt sich für diese individuelle Aufarbeitung der Geschichte ein. Eine wachsende Zahl von

diesen Steinen in vielen Berliner Straßen gibt Zeugnis für den Wunsch, eine lange verdrängte

Geschichte aufzuarbeiten.

Welche Berlin-Erfahrungen können für Kaliningrad interessant sein?

Weit davon entfernt, die Berliner Planungen auf andere Städte übertragen zu wollen, lassen sich

jedoch einige Erfahrungen verallgemeinern. Wenn sie überhaupt in Berlin entstanden sind, so

können viele der Berliner Strategien und Projekte auch als Bausteine des Modells der Europäischen

Stadt verstanden werden. In diesem Sinne sind sie verallgemeinerungsfähig – so wie Berlin

auch von vielen anderen europäischen Städten gelernt hat.

Die Suche nach der verlorenen Mitte prägt die Debatten vieler europäischer Städte. In Berlin,

einer Stadt, die in den Zeiten der Mauer zwei Stadtzentren ausgebaut hat, geht es nun darum,

wieder eine gemeinsame Mitte zu finden. Reicht es aus, die historischen Fassaden wieder herzustellen?

Gibt es so etwas wie eine gemeinsame geistige Mitte einer Stadt? Was die prägt die

Identität der Stadt?

Die „Kritische Rekonstruktion“ versucht, einige wesentliche Elemente der Europäischen Stadt

wiederherzustellen: den öffentlichen Raum, die Straßen- und Platzräume, die typische Gliederung

der Bebauung, ihre Höhe und Dichte. Muss dies mit einem festen Regelwerk verbunden

sein? Wie ist über Ausnahmen zu entscheiden?

Große neue Projekte gewinnen im Wettbewerb europäischer Städte zunehmend an Bedeutung

– sie sind „Leuchttürme“, Ausweis der Stärken einer Stadt. Ist wirtschaftliche Stärke nicht auch

vom sozialen, vom kulturellen Klima einer Stadt abhängig? Sind nicht neben den klassischen Infrastrukturen

zunehmend auch weiche Infrastrukturen wie Umwelt, Gestaltqualität, kulturelle und

soziale Verhältnisse wichtig? Bilden nicht die wirtschaftlich erfolgreiche Stadt einerseits, die soziale

Stadt andererseits zwei untrennbare Seiten einer Medaille?

15 | Das Symposium in Kaliningrad

190

3. Vorträge


Die Stadt muss als offenes Geschichtsbuch gelesen werden. Es gibt die großen Zeichen, es gibt

zahlreiche kleine Spuren der Erinnerung an gute, aber auch an fürchterliche Zeiten. Sind die Erinnerungen

allein von den staatlichen Institutionen zu gestalten? Wenn die Stadt das Projekt ihrer

Bürger ist – müssen sie nicht die Möglichkeit haben, sich aktiv am Prozess der Erinnerung zu

beteiligen?

Manchmal ist die Debatte über eine Strategie, über ein Projekt wichtiger als das Produkt selbst.

Jede Stadt muss Ebenen für diese Debatte haben – Ebenen, die von bürgerschaftlichem Engagement

getragen sind. Sie bieten das Forum für gemeinsame Lernprozesse, für das Herausbilden

einer öffentlichen Meinung, für die Stärkung einer Zivilgesellschaft. Kann das Internationale

Städtebauforum in Kaliningrad die öffentliche Debatte um die Weiterentwicklung dieser Europäischen

Stadt stärken?

zur Person

Vita

Name

Prof. Peter Zlonicky

Herkunft

München/Deutschland

Profession

Architekt mit dem Schwerpunkt Städtebau

Tätigkeitsschwerpunkt/

Themenschwerpunkt

Stadtentwicklung und Stadtgestaltung,

behutsame Stadterneuerung,

Entwicklungshilfe im Nahen Osten,

in Nord- und in Westafrika,

Evaluierungen in Rumänien, in Haiti und

Brasilien,

Kooperationen mit dem Pratt Institute in

Brooklyn, NY., Forschung vor allem zur

Sozialverträglichkeit großer Projekte und zur

zukünftigen Entwicklung von Stadtteilen.

191


Internationales Symposium Kaliningrad

192

3. Vorträge

19. Vortrag

3.3.3 19. Vortrag –

Methoden der Stadtbildkontrolle in Helsinki

Anna Brunow-Maunula


Methoden der Stadtbildkontrolle in Helsinki

Warum bei einem Vortrag zum Thema Kaliningrad über Helsinki sprechen? Helsinki ist jung und

hat nur wenige historische Schichten. Die Stadt belegt zur Zeit eine starke Position, als eine sich

im wirtschaftlichen, administrativen und kulturellen Wachstum befindliche Stadt. Einer der interessanten

Aspekte von Helsinki ist, dass sie eine Stadt der physischen Manifestation eines demokratischen

Sozialstaates ist.

Geschichte

Zum Zeitpunkt des 750. Geburtstages von Kaliningrad feierte Helsinki gerade seinen 450. Geburtstag.

Allerdings wurde in Helsinki erst seit 1810 in Stein gebaut. Kämpfe zwischen Russland

und Schweden verursachten Brände, die große Teile der städtischen Struktur früherer Zeiten zerstörten.

Der Russische Zar Alexander I. finanzierte den Bau des historischen Zentrums von 1820-50. Der

Stadtplan wurde von Johan August Ehrenström erstellt, die Gebäude von dem deutschen Architekten

Carl Ludwig Engel entworfen (Abb. 1). Die Identität des Stadtbildes ist heute noch durch

das alte Zentrum bestimmt, auch wenn Helsinkis Einwohnerzahl von 15.000 im Jahr 1850 auf

555.000 bis zum Jahr 2000 wuchs.

Die Hauptstadt Finnlands war lange Zeit ein Wachstumspol (Abb. 2), was hauptsächlich auf die

durch wirtschaftliche Bedingungen hervorgerufene Binnenwanderung zurückzuführen ist. Die

Stadt ist nicht nur wegen der außergewöhnlichen städtebaulichen Lösungen oder spektakulärer

Projekte bekannt, sondern wegen ihrer besonders hohen urbanen Qualität.

Urbane Qualität

Kommunale Steuerung und demokratische Kontrolle von Stadtentwicklung hatten immer eine

relativ starke und unabhängigen Position. Die Hauptgründe hierfür sind:

- Die Stadt, zusammen mit den Gemeinden und dem Staat, sind seit langer Zeit bedeutende

Grundeigentümer; hinzu kommt, dass die Steuereinnahmen vergleichsweise hoch sind.

1 | Helsinki 1877, Gemälde von Oskar Kleineh

193


Internationales Symposium Kaliningrad

2 | Helsinki Masterplan 2001

194

3. Vorträge

- In der Hauptstadt herrschte immer genügend Bedarf an Bauland, um die Macht in den Händen

der Verwaltungsbehörden zu belassen.

- In Finnland gibt es kaum Korruption (obwohl der Bausektor generell besonders betroffen ist).

Die städtebaulichen Entscheidungen lagen also in den Händen der demokratisch gewählten Behörden,

während Planer die Projekte bearbeiteten. Die Steuereinnahmen sind stabil, auch wenn

die Stadt ständig mit einem Haushaltsdefizit zu kämpfen hat.

Die folgenden Punkte haben zur städtischen Qualität beigetragen:

Helsinki hat eine gut funktionierende Infrastruktur. In Abhängigkeit von der politischen Mehrheit

wechselt der Investitionsschwerpunkt zwischen öffentlichem Verkehr und motorisiertem Individualverkehr.

Das hat zur Folge, dass der Ausbau der Metro geplant wurde, während große

Parkhäuser im Stadtzentrum gebaut werden konnten. Beides ist zwingend notwendig gewesen

(Abb. 3).

Alle haben ein Dach über dem Kopf, die meisten Menschen besitzen ein Eigenheim.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Finnland eine Zeit der Umstrukturierung. Es wurde dringend

neuer Wohnraum in den industriellen Ballungsgebieten gebraucht. Die Regierung förderte

das sparsame Haushalten der Bürger, um so (neben anderen politischen Gründen) privates

Wohneigentum zu fördern. Die immer noch aktuelle Wohnungspolitik setzte ein System von erschwinglichen

Krediten und einer preiswerten Bautechnologie in Gang (Abb. 4).


3 | Verkehr 1986 - 2004

4 | „Säteri” Plattenbau

195


Internationales Symposium Kaliningrad

5 | „Arabia” Wohnblock

196

3. Vorträge

6 | Die Bibliothek in Kuusankoski

Der Bevölkerungszuwachs im Ballungsgebiet Helsinki ist weiterhin groß, der Bedarf an Wohnraum

konstant. Ein Großteil der Hochhäuser in der Stadt wird von der öffentlichen Hand gefördert,

ist aber für den privaten Markt bestimmt. Die Regierung legt immer noch die Bedingungen

für die Ausweisung von Wohngebieten fest und reguliert die Preise. Hieraus ergibt sich das Problem

der Gleichförmigkeit im Wohnungsbau und den Architekten wird viel Mühe abverlangt, den

Gebäuden eine besondere Note zu verleihen (Abb. 5).

Öffentlicher Freiraum und Grundstücke für öffentliche Gebäude sind durch den Masterplan

gesichert. Nicht nur Konzertsäle, Theater und Museen, sondern auch Schulen, Bibliotheken,

Gesundheitszentren und Tagesstätten haben einen wesentlichen Beitrag zur Identität des

Stadtbildes geleistet. Die Stadt ist für den Bau der meisten öffentlichen Gebäude zuständig

(Abb. 6). Erst in letzter Zeit ergab sich aus verschiedenen Gründen die Notwendigkeit, Konzepte

zur Einbeziehung privater Investoren zu entwickeln, unter anderem wegen mangelnder Finanzmittel.

Die Kirche spielt immer noch eine wichtige Rolle. Neue Kirchen werden mit gesonderten Steuergeldern

gebaut.

Die Flächennutzungspläne weisen mehr Land für Gewerbenutzung aus, als es Flächen gibt, für

die sich Investoren interessieren. Trotzdem kann in Helsinki der Investorenwille immer noch gesteuert

werden, was außerhalb der Stadtgrenzen nicht mehr möglich ist (Abb. 7). Sogar die benachbarten

Städte stehen im Wettbewerb um Zuwachs und dulden erhebliche Abweichungen

von ihren Flächennutzungsplänen oder sie unternehmen Änderungen am Bebauungsplan, die im

Konflikt mit dem übergeordneten Masterplan stehen.


7 | Staatliches Bürogebäude

Kontrolle des Bauprozesses

Neue Gesetzgebung

In Finnland werden Flächennutzung und Bautätigkeiten gesetzlich kontrolliert. Die Gesetzgebung

ist meist an der anderer europäischer Ländern orientiert – die generellen Prinzipien der Bestimmungen

und Vorschriften sind also bekannt.

Das neue Flächennutzungs- und Baugesetz wurde im Jahr 2000 verabschiedet. Es beinhaltet

Reformen, die Jahrzehnte in der Vorbereitung waren. Die größten Änderungen, die das Flächennutzungsgesetz

enthält, finden sich im Bereich der Planung auf Staatsebene.

- Viele der Aspekte der Differenzierung zwischen städtischen und ländlichen Gebieten wurden

aufgehoben.

- Die Erstellung von Bebauungsplänen wurde von der Regional- auf die Gemeindeebene verlegt.

- Es wurde festgelegt, Gemeinden einen Anteil des Zugewinns der Grundstückspreise, der

durch eine Erweiterung der Baugebiete entsteht, zukommen zu lassen.

- Die Möglichkeiten für Bürger, an dem Prozess teilzuhaben, wurden ebenfalls erweitert (Bürgerbeteiligung).

- Die Reform des Baugesetzes erstreckte sich auch auf das Erteilen von Abrisserlaubnissen.

- Die Notwendigkeit für nachhaltige Entwicklungen und das Recht der Bürger auf ein gutes

Wohnumfeld werden im Flächennutzungs- und Baugesetz gesichert.

Das Baugesetz wird von Verordnungen und den eigenen Richtlinien und Beschlüssen der Stadt

ergänzt. Der Prozess der Zonierung und die Prüfung zur Baugenehmigung bieten das Instrumentarium

zur Durchsetzung dieser Bestimmungen.

Stadtplanungsbehörde

Helsinki hat in beträchtlichem Ausmaß in Planung investiert. Die Stadtplanungsbehörde hat fast

einhundert angestellte Architekten. Dort werden Pläne erstellt und deren Umsetzung kontrolliert.

Die Planungsbehörde oder aber auch der private Sektor der Wirtschaft beauftragen Architekturbüros

mit der Vorentwurfsplanung. In beiden Fällen werden die weitere Planung und der Entwurf

hinter verschlossenen Türen in der Stadtplanungsbehörde durchgeführt. Ein demokratisch gewählter

Stadtplanungsausschuss verabschiedet die Pläne, in den Prozess der Entscheidungsfindung

bringen sich Vertreter der politischen Parteien ein.

197


Internationales Symposium Kaliningrad

8 | Der Stadtplanungsprozess

198

3. Vorträge

Auswahlprozess des Baulandes genehmigter Masterplan

Bürgerbeteiligung &

Bewertung

D E T A I L P L A N U N G I N H E L S I N K I

Ausstellung & Diskussionsforen

zum Vorentwurf

Entwurf in den

Planungsausschuss zur

Genehmigung

Entwurf

kann an den

Planungsausschuss zur

Revision zurückverwiesen

werden

Vorentwurf Programm

Vorentwurf im

Planungsausschuss

Entwurf

einbehalten

Stadtverwaltung genehmigt

Entwurf

Vorentwurf

Entwurf - Überarbeitung &

Stellungnahmen der

Öffentlichkeit

Entwurf

an Stadtausschuss

Netzwerk-Diagramm des Planungsprozesses

Bürger können mit einer gerechtfertigten Begründung diesen Prozess verzögern oder aufhalten,

indem sie Beschwerde gegen die Planung einreichen (Abb. 8).

Baugenehmigungsbehörde

Die Behörde hat insgesamt über einhundert Angestellte zur Bearbeitung von Genehmigungen,

die auch für kleine Bauvorhaben eingeholt werden müssen. Früher konnte jeder einen Antrag

einreichen, jetzt muss der Antragsteller belegen, dass er die beruflichen Voraussetzungen hat.

Die wesentliche Aufgabe der Behörde ist es zu prüfen, ob das Projekt mit dem Plan übereinstimmt

und die Bestimmungen erfüllt. Die Stadtplaner haben eventuell einige für das Erscheinungsbild

des Gebäudes relevante Richtlinien festgelegt, deren Umsetzung die Prüfbehörde

sicherstellt. Dies könnte der Erhalt von Teilen alter Gebäude sein, die Integration in das Umfeld

oder Entwurfsrichtlinien, um die Homogenität eines neuen Baugebietes zu bewirken.

Programme & Zeitplan Vorentwurf Entwurf genehmigter Entwurf


Die Bauaufseher haben das Recht eine Stellungnahme zum Entwurf und seinem Erscheinungsbild

abzugeben, sie werden vom Stadtbild-Ausschuss angehört.

Der demokratisch gewählte Bauausschuss hat das letzte Wort zur Baugenehmigung. Es ist üblich,

dem Rat des Mitarbeiters der Baugenehmigungsbehörde zu folgen.

Einflussnahme auf das Bauen

Stadtbild-Ausschuss

Der Stadtbild-Ausschuss ist innerhalb der Genehmigungsbehörde angesiedelt. Er ist aus den

höchsten Beamten dieser Behörde, der Stadtplanungsbehörde und zwei unabhängigen Experten

zusammengesetzt, die aus den Besten des Berufstandes der Architekten ausgewählt werden.

Seit seinem fünfjährigen Bestehen hat der Beirat großen Respekt in der Bauwirtschaft verdient,

obwohl seine Mitglieder ehrenamtlich tätig sind. Dieser Erfolg ist auf die hohe Professionalität

zurückzuführen, die es ermöglicht, klare, langfristige, strategische Verfahrensweisen aufzuzeigen

– auch wenn Fragen des Erscheinungsbilds bewältigt werden müssen, die ohnehin subjektiv

sind.

Das höchste Amt im Planungswesen ist der stellvertretende Bürgermeister für Stadtplanung und

Liegenschaften, der seinen eigenen unabhängigen inoffiziellen Beratungsausschuss beruft, die

Stadtplanungsakademie. Mitglieder aus dem Berufstand und Repräsentanten anderer Bereiche

werden zur Teilnahme aufgefordert. In Abhängigkeit von den anstehenden Themen werden weitere

relevante Entscheidungsträger zu den Sitzungen eingeladen.

Finnische Architekturpolitik

Die finnische Architekturpolitik ist ein neues Instrument zur Verbesserung der gebauten Umwelt.

Es ist ein Werkzeug der heutigen Zeit, das genutzt wird, um Wege zu finden, ein gutes Umfeld

zu fördern, ohne dadurch die öffentliche Hand zu überlasten.

Ziel ist es folglich, in der Bevölkerung über neue Wege ein größeres Bewusstsein für dementsprechende

Fragen herzustellen – hierzu bedarf es einflussreicher Personen aus unterschiedlichen

Bereichen mit sichtbarem Profil, die sich im Einklang mit ihren Zielen für die Förderung

guter Umfelder aussprechen.

Wir müssen die vorhandenen Ressourcen mit willigen ehrenamtlichen Entscheidungsträgern

vernetzen.

Ziele der Richtlinie:

Das Programm der finnischen Architekturpolitik wertet – mit Blick auf die ausschlaggebenden

Faktoren – die wichtigen Entwicklungs- und Erhaltungsmaßnahmen aus, die verantwortlich für

ein gutes bauliches Umfeld sind. Sie werden in 24 Maßnahmen (Beschlüssen) zusammengefasst

und sind hauptsächlich an die Akteure des öffentlichen Sektors gerichtet. In den meisten

Fällen wird die verantwortliche Institution direkt benannt.

Das Programm zeigt drei eindeutige Tendenzen: Stärkung der Fachkenntnisse und -organisationen;

Verpflichtungen und Bereitschaft schaffen, die eine qualitativ gute Baukultur sicherstellen;

Erweiterung der Beteiligungs- und Informationsrechte und -pflichten der Bürger.

199


Internationales Symposium Kaliningrad

200

3. Vorträge

9 | Myyrmäki Kirche 10 | Der Aussichtsturm im Zoo von Helsinki

Die Hauptziele (ursprünglich als 24 Maßnahmen verfasst) sind:

- Möglichkeiten zur Umsetzung des in der Verfassung verankerten Rechtes der Bürger auf

eine gute Umwelt schaffen.

- Rechte und Pflichten der Bürger ihrer Umwelt gegenüber unterstützen, durch das Fördern

der architektonischen Bildung und des öffentlichen Bewusstseins.

- Festlegung eines hohen Standards für öffentliche Gebäude und Liegenschaftsverwaltung.

- Ein gutes Beispiel für die gesamte Bauwirtschaft setzen.

- Förderung von Verfahrensweisen zur Verbesserung von Architektur und qualitativ hochwertigem

Bauen.

- Förderung von Innovation durch architektonische Bildung und Forschung.

- Bessere Pflege des Architekturerbes und der Entwicklung der gebauten Umwelt als Teil eines

erweiterten kulturgeschichtlichen und architektonischen Ansatzes.

Die Stadt Helsinki erstellte die eigene Architekturrichtlinie „PolicyPolitic”, deren allgemeine Ziele

schon benannt wurden, die aber spezifische Handlungsvorschläge beinhaltet. Das Programm

der Architekturpolitik, vom Stadtrat anerkannt, soll nicht nur Restriktionen verhängen, sondern

die Akteure des Baugewerbes motivieren, in eine bessere gebaute Umwelt zu investieren.

Architekturwettbewerbe

Ein großer Teil der bedeutenden Gebäude in Finnland wird seit 1876 durch Architekturwettbewerbe

bestimmt. Finnland ist eines der erfolgreichsten Länder, was das Umsetzen von Wettbewerbserfolgen

angeht – es bringt somit auch zufriedene Bauherren hervor (Abb. 9). Der Grund

hierfür liegt in der Durchführung der Wettbewerbe.


Eine Fachinstitution berät Bauherren in der Formulierung eines klaren Programms, das den

strengen Regeln entspricht. Der wesentliche Punkt ist aber, dass es einen langen und gründlichen

Bewertungsprozess gibt, in dem zwei von einem unabhängigen Gremium oder von den

eingeladenen Teilnehmern benannte Fachpreisrichter weitgehend das Ergebnis bestimmen. Die

Jury besteht aus ungefähr zehn Mitgliedern aus unterschiedlichen Bereichen. Die zwei „ausgewählten“

Fachpreisrichter aber sind für die Prüfung der Arbeiten verantwortlich, die sie dann der

restlichen Jury präsentieren, nach einer Diskussion die Kriterien aufstellen und die notwendigen

Berechnungen oder fachlichen Meinungen einholen. Dieser Prozess dauert acht bis zehn Wochen,

in denen sich die Jury vier bis fünf Mal trifft. Das Ziel ist, dem Bauherren die beste Lösung

zu bieten, mit der er weiterarbeiten möchte. Es gab bisher keine Probleme mit der Geheimhaltung

der Autoren der Wettbewerbsarbeiten.

Weitere Instrumente

Wichtige Diskussionen über Architektur und Stadtplanung in Helsinki werden in den verschiedenen

Institutionen der Hauptstadt geführt: in der Aalvar-Aalto-Akademie, in der Bauinformationsstiftung

und im Architektenverband.

Der renommierte Fachbereich Architektur an der Technischen Universität von Helsinki ist eine

wertvolle Ressource, um die zukünftige Identität unserer Hauptstadt zu gestalten (Abb. 10).

zur Person

Vita

Name

Anna Brunow-Maunula

Herkunft

Helsinki/Finnland

Profession

Architektin

Tätigkeitsschwerpunkt/

Themenschwerpunkt

Architektur und Stadtplanung

Gastprofessorin an der

Fachhochschule Hamburg, 1995-96 und

der Hochschule für Bildende Künste,

Hamburg 1999-2002

201


Internationales Symposium Kaliningrad

202

3. Vorträge

20. Vortrag

3.3.4 20. Vortrag –

Die Prinzipien der Erhaltung des städtebaulichen genetischen Codes

während des Rekonstruktions- und Entwicklungsprozesses der Stadt

Dr. Sergey V. Semencov


Die Prinzipien der Erhaltung des städtebaulichen genetischen Codes

während des Rekonstruktions- und Entwicklungsprozesses der Stadt

Die Probleme der Erhaltung des historischen Erbes jeder Stadt und die Möglichkeiten der Stadt

als Ganzes (in ihrem städtebaulichen Ausmaß und ihrer Architektur) sind zwei Seiten einer Medaille.

Die Realität stellt immer Aufgaben zur Entwicklung einer Stadt unter Berücksichtigung der

Erhaltung des historischen Erbes und gibt Beispiele dafür, wie man versucht, die Geschichte

auch in der modernen Stadtentwicklung zu erhalten.

Die Gestaltung jeder historischen Stadt entwickelte sich jahrhundertelang. Jede Stadt hat ihre individuellen

Besonderheiten, die sich wie folgt zeigen: in der Eigenart des städtebaulichen Gerüstes,

im System der funktionalen und umgebungsbedingten Zonenbildung, im System der Ensembles

und der besonderen Bauten, im historischen Kontext der allgemeinen Stadtbebauung, in Besonderheiten

der stilistischen Einheit und der Vielfalt der städtebaulichen Umgebung. Diese Besonderheiten

treten in einem für jede Stadt individuellen städtebaulichen genetischen Code in

Erscheinung.

Der städtebauliche genetische Code zeigt sich in jedem konkreten Gebäude (baukörperliche, gestalterische,

stilistische, bildliche und andere Besonderheiten der Bauten, Einrichtungen, und Ensembles)

sowie in den seit Jahrhunderten für jede Stadt einzigartigen Gestaltungsregeln ihrer

kompletten Substanz, darunter auch in Richtlinien zur Errichtung von Gebäuden und Objekten

im Zusammenhang mit der Entwicklung einer konkreten Stadt.

Eine stürmische und unkontrollierte moderne Entwicklung ist genauso schädlich für jede historische

Stadt (Paris, London, Berlin, St. Petersburg, Moskau usw.) wie die unbedachte Erhaltung

von allem Alten. Jede Stadt hat ihr eigenes besonderes Maß an Historischem und Neuem, das

die Entwicklung – nicht die Zerstörung – des historischen städtebaulichen, architektonischen und

kulturellen Fundamentes zulässt. Dieses Maß wird durch die Reife der Gesellschaft und ihre Forderungen,

den politischen Willen der Leitung und die Professionalität der Fachleute bestimmt.

Das historische Erbe wird durch das System der Denkmäler und der schützenswerten Objekte

sowie durch das System der Schutzzonen bestimmt.

Die Analyse der Entwicklung der Weltarchitektur ergibt, dass moderne Objekte maximal für die

Dauer von 20-30 Jahren als aktuell gelten und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Danach beginnt

für die Mehrzahl der Objekte unvermeidlich das Stadium der grundlegenden Neubewertung

ihrer städtebaulichen Bedeutsamkeit. Die meisten von ihnen gelten dann als nicht mehr wertvoll

und das Ersetzen durch neue Objekte wird als wünschenswert (oft sogar als unerlässlich) angesehen

– weshalb überall auf der Welt „Meisterwerke“ der industriellen Massenbebauung erbarmungs-

und bedenkenlos abgerissen werden. Sogar die Erhaltung von wichtigen Stadtensembles,

Plätzen und Hauptstraßen, die sich in den 1960er-1970er Jahren in vielen Haupt- und

Großstädten der Welt „vermehrt“ haben und im damals modernen Sinne à la Corbusier errichtet

wurden, wird in Frage gestellt. Viele ältere Bauten, Einrichtungen, Ensembles und Komplexe, die

wenig prätentiös wirken, erhalten eine immer höhere kulturelle, gesellschaftliche und fachliche

Anerkennung. Diese Tendenz wird dadurch verstärkt, dass entsprechende Objekte über einen

einzigartigen Charakter sowie über individuelle Besonderheiten verfügen.

203


Internationales Symposium Kaliningrad

Damit das historische Stadtbild nicht zerstört wird, sollten herausragende städtebauliche, architektonische

und historisch-kulturelle Objekte – die Hauptträger historischer Tradition – erhalten

werden. Die allgemein anerkannten Vorhaben zum Erhalt sind der Schutz von Denkmälern des

historischen Erbes und die Bildung von Schutzzonen verschiedener Art (für Sehenswürdigkeiten,

die Bildung von zu schützenden Gebieten, Zonen mit Bebauungsregelungen sowie Zonen mit

vertikaler Höheneinschränkung usw.).

Diese Maßnahmen reichen jedoch nicht aus. Praktisch überall gibt es Probleme der Nichtübereinstimmung,

Anforderungen moderner Entwicklung, die sehr oft mit Anforderungen des Schutzes

historischer Objekte im Widerspruch stehen. Probleme der modernen Stadtentwicklung werden

oft durch Befriedigung heutiger Bedürfnisse des Stadtlebens (nach Normen, Anforderungen,

städtebaulicher Geschäftsordnung) im System der aktuellen Schutzmaßnahmen gelöst (Schutz

einzelner Objekte, historisch-architektonische Stützpläne, Schutz städtebaulicher Ensembles

usw.), was jedoch nicht besonders wirksam ist. Der ganze Leichtsinn, die Widersprüchlichkeit

und Mangelhaftigkeit eines solchen Ansatzes kann an zerstörenden Beispielen von Vernichtung

historischer Zentren von Moskau, Stockholm, Berlin, Kaliningrad und vielen anderen Städten gesehen

werden. Selbst die Erhaltung von einzelnen Objekten der damaligen Zeit und die Schaffung

verschiedener Schutzzonen um sie herum rettet sie nicht vor der Zerstörung.

Dieser Ansatz funktioniert bei „Einzel“-Objekten sehr gut (jedoch nicht besonders effektiv), für die

gesamte Stadt ist er nicht wirksam. Allgemeine Probleme der Erhaltung und die gleichzeitige Entwicklung

des Städtebaus werden von Problemen des Schutzes und der Entwicklung des städtebaulichen

genetischen Codes jeder konkreten historischen Stadt vorbestimmt. Das beinhaltet

nicht nur die Erhaltung von konkreten Objekten, sondern noch mehr die Erhaltung von städtebaulich-territorialen

Regeln für die Bildung und Entwicklung jeder Stadt.

Die 300jährige Geschichte von St. Petersburg zeigt beispielsweise, dass bei ihrer Entwicklung

Prinzipien der Regularität und des Maßes zugrunde lagen, was eine klare und deutliche Regelung

von Prozessen der städtebaulichen Entwicklung beinhaltet. Ursprünglich, unter Peter I. und

Anna Ioannowna, wurde eine klare städtebauliche Ordnung eingeführt (sie äußerte sich sogar

quantitativ in eindeutiger städtebaulicher Zonenbildung und klarem Normensystem). Dazu basiert

die Entwicklung von St. Petersburg auch auf Prinzipien des parallelen und gegenseitig verbundenen

architektonischen, güterrechtlichen Ausbaus und auf Gestaltungsprinzipien seines

kulturellen Umfeldes. Hierbei muss zugegeben werden, dass die wichtigste Besonderheit des

gegenwärtigen St. Petersburgs nicht alleine das Vorhandensein einer bedeutenden Anzahl von

hervorragenden architektonischen Denkmälern ist. In erster Linie sind es der einmalige historische

städtebauliche Kontext, die einmaligen städtebaulichen Gesetzmäßigkeiten, die einmaligen

städtebaulichen Regeln der kompletten Stadt. Das individuelle Herangehen an die Erhaltung einzelner

Denkmäler von St. Petersburg ist absolut unzureichend, selbst wenn auch ihre nahegelegene

Umgebung bestehen bleibt. Auch die Erhaltung von 8.000 Gebäuden, Komplexen und Ensembles

kann den historischen Kontext von St. Petersburg nicht bewahren. Das Herangehen an

einzelne Objekte bezüglich ihres Schutzes und ihrer Restauration gewährleistet die Erhaltung

der Einzigartigkeit der gesamten städtebaulichen Substanz nicht. Das Beispiel St. Petersburg

zeigt, dass zur Erhaltung der historischen und gegenwärtigen Einzigartigkeit, wobei das Historische

und das Neue im Einklang sind, die Erhaltung der Gestaltungsregeln der städtebaulichen

Substanz der ganzen Stadt, im weitesten Sinne des Wortes der ganzen St. Petersburger Agglo-

204

3. Vorträge


meration, gewährleistet werden muss. Es ist offensichtlich, dass die Beibehalteung der Bildungsregeln

der Substanz viel komplizierter ist als die Erhaltung ihrer einzelnen Elemente.

Es ist auch absolut verständlich, dass nur im Rahmen der Gestaltung einer städtebaulichen

Substanz die Vereinbarkeit der historischen Bebauung mit der modernen Baukunst erreicht werden

kann. Ähnlich ist es in der Medizin: Es ist schon seit langem bekannt, dass nur genetisch

verwandte Organe, Gewebe und Zellen die biologische Vereinbarkeit bei Operationen und Behandlung

beliebiger Art gewährleisten können. Der Versuch, genetisch unvereinbare Organe,

Gewebe und Zellen zu verbinden, ist aussichtslos, hierfür müsste man die Immunität des ganzen

menschlichen Organismus vernichten. Wenn unter einem Organismus eine Stadt, seine Ensembles

und Komplexe verstanden wird, so führt die Unterbringung genetisch unvereinbarer Elemente

(Gebäude, Einrichtungen, Ensembles, Komplexe, Straßen, Hauptverkehrsadern, Plätze

und Quartiere mit fremdartiger Bebauung usw.) zur unvermeidlichen Zerstörung einer historisch

gewachsenen Stadt. Wenn an den Stellen der historischen Bebauung mit klaren räumlichen Charakteristiken

(Dichte und Konfiguration der Straßen, Kais, Kanäle und Plätze; funktionale Segmentierung

von Territorien; Dichte, Höhe und Geschosszahl der Häuser; stilistische, architektonische

Charakteristiken und Umrisslinien der Bebauung usw.) grüne Zonen gebildet werden, so

wird dies auch zu einem zerstörerischen Moment im Kontext einer konkreten Stadt. Jede historische

Stadt verfügt in großer Anzahl über solche unvereinbaren Objekte.

Dieses Problem ist für jede historische Stadt, die neben der Erhaltung ihrer historischen Denkmäler

auch auf eine moderne und aussichtsreiche Entwicklung Anspruch erhebt, charakteristisch.

Schlüsselbegriffe dieses Problems sind: die Erhaltung (von Gebäuden, Einrichtungen,

Komplexen, Ensembles, Einzeldenkmälern und Ensembles des historischen Erbes, Objekten

des städtebaulichen Schutzes und Schutzzonen), die Entwicklung (von Gebäuden, Einrichtungen,

Komplexen, Ensembles, Elementen der historischen Umgebung, der Stadt als Ganzem)

und die Beachtung historisch gewachsener Gestaltungsregeln der städtebaulichen Struktur sowie

des städtebaulichen genetischen Codes.

Leider ist dieses Problem rechtlich nicht gesichert. Im städtebaulichen Gesetzbuch (2004) und

im Gesetz „Schutz des historischen Erbes der Russischen Föderation“ (2002) wurden keine

Lösungswege für dieses Problem genannt. In der Praxis wird es der persönlichen Erfahrung,

Kenntnis und Intuition der Akteure überlassen. Dieses Verfahren ist bei weitem nicht immer das

beste, insbesondere wenn sich fachliche Fragen mit Ehrgeiz und Politik vermischen.

Welche Lösungswege gibt es? Ohne die bestehenden Ansätze zurückzuweisen, muss man zusätzlich

(bezogen auf quantitative und qualitative Angaben) einen individuellen städtebaulichen

Code einer Stadt, z.B. den Kaliningrads, erarbeiten und ihn in das Planungssystem einbeziehen.

Hierzu zählen die städtebauliche Genehmigungs- und Projektierungsdokumentation (Generalplan,

Vermessungsprojekte, eventuell wiederherstellbare Gestaltungs- und Bebauungsprojekte,

historisch-architektonische Stützpläne und Systeme der Schutzmaßnahmen, städtebauliche

Geschäftsordnung), die Systematisierung der Objektdokumentation (über architektonische Planungs-

und Wiederherstellungsaufträge, Aufträge zur Durchführung von Wettbewerben), die

Ausschreibungsdokumentation, Schutzverpflichtungen usw.

205


Internationales Symposium Kaliningrad

Die Charakteristiken des städtebaulichen genetischen Codes können als empirische, geschätzte

Angaben sowie als exakte quantitative und qualitative Kennziffern dargestellt werden. Der

städtebauliche genetische Code kann nur durch Erforschung aller Entwicklungsstufen einer

konkreten Stadt als Ganzes und der Besonderheiten ihrer historischen und modernen Bebauung

bestimmt werden.

A. Die grundlegenden Systembesonderheiten des städtebaulichen genetischen Codes:

- Die Spontaneität der Entwicklung nach Generalplänen;

- das Maß der Kontrolle über die Entwicklung einer Stadt seitens der Behörden und Fachleute;

- das Maß des Vorhandenseins der städtebaulichen Geschäftsordnung, formulierter und genehmigter

Regeln und Normen;

- dieTypologie der städtebaulichen Struktur als Ganzes und ihre Besonderheiten (Agglomeration,

Großstadt, Stadt, Siedlung, Reihe von Siedlungen usw.);

- das Maß der Regelmäßigkeit und Unregelmäßigkeit der städtebaulichen Struktur;

- die städtebauliche und allgemein kulturelle Bedeutung einer zu betrachtenden Stadt, Siedlung

usw.

B. Die städtebaulichen Charakteristiken des städtebaulichen genetischen Codes:

- Das städtebauliche Gerüst (Hierarchie, Typologie, konkrete gestalterische Gesetzmäßigkeiten,

konkrete Straßenführung, Konfiguration von Hauptverkehrsadern, Plätzen, Kanälen,

Straßen usw.);

- das städtebauliche Gefüge (Hierarchie, Entfernung vom Zentrum, funktionale Gesetzmäßigkeiten

und Besonderheiten, das System und Besonderheiten der Aufteilung in Quartier, Gruppen

von Quartieren, „Vorstädte“, Stadtviertel, gestalterische Stadtviertel, Zonen, Vermessungssystem

der Parzellen, die Erschaffung von städtebaulichen Zonen mit verschiedener

Zweckbestimmung usw.);

- die Aufteilung in Bereiche und charakteristische Gesetzmäßigkeiten jedes Bereiches (jeder

Bereichszone und jedes Bezirkes);

- die architektonische Gestalt des städtebaulichen Gebietes (Polyrhythmik der städtebaulichen

Akzente und Zonen, Angaben zur Häuserhöhe, Dichte der Bebauung usw.);

- die Regeln des territorialen Zusammenwirkens von Elementen des städtebaulichen Gerüstes

und des städtebaulichen Gefüges;

- das System der städtebaulichen Dominanten und des städtebaulichen Hintergrunds;

- das System der vertikalen Dominanten;

- das System und die Typologie der visuellen Zusammenhänge („Felder“, „Gänge“, „Zonen“,

„Achsen“, „Netz“ usw.);

- die Hauptträger der städtebaulichen Charakteristiken, die unbedingt erhalten bleiben sollen;

- zweifellos unvereinbare Träger der städtebaulichen Charakteristiken, die in erster Linie geändert

werden sollen.

C. Die Charakteristiken von Objekten des städtebaulichen genetischen Codes:

- Konkrete historische Gebäude, Einrichtungen, Komplexe, Ensembles, ihre historischen, gestalterischen,

stilistischen und anderen Besonderheiten;

- die Regeln des territorialen Zusammenwirkens der Objekte (Gebäude, Einrichtungen, Komplexe,

Ensembles);

- die Hauptträger von Objektcharakteristiken, die unbedingt erhalten bleiben sollen;

206

3. Vorträge


- zweifellos unvereinbare Träger der Objektcharakteristiken, die in erster Linie geändert werden

sollen.

In der Praxis werden für alle historischen Städte in dieser Phase in bedeutendem Maße die

Objektcharakteristiken des genetischen Codes entwickelt, ohne dabei die Regeln ihres territorialen

Zusammenwirkens zu bestimmen. Es dominiert die Variante der Bestimmung von Einzelobjekten,

ihrer Beschreibung und ihres Schutzes außerhalb ihres Zusammenwirkens und des für

die konkrete Stadt einheitlichen städtebaulichen Kontextes, wobei die hauptsächlichen Systembesonderheiten

und städtebaulichen Charakteristiken praktisch ohne Betrachtung bleiben.

Als Beispiel kann man die Analyse der Systembesonderheiten des städtebaulichen genetischen

Codes von St. Petersburg fortsetzen.

St. Petersburg wurde ursprünglich nach einem besonderen städtebaulichen Programm als die

russische Variante einer Welthauptstadt gebaut. Bis zum Jahr 1917 gehörte der Bau und die Vervollkommnung

St. Petersburgs zu den wichtigsten gesamtstaatlichen Projekten. Reformen des

St. Petersburger Lebens wurden sozusagen zeitgleich und zusammen mit Reformen in ganz

Russland durchgeführt. Vom 18. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die städtebauliche

und architektonische Arbeit in der Hauptstadt an der Newa in bedeutendem Maße unter persönlicher

Beobachtung aller Kaiser und Kaiserinnen durchgeführt. Selbst Peter I. verzichtete auf

die leichtsinnige Nachahmung der russischen wie der westeuropäischen städtebaulichen Erfahrung.

Die Suche nach Analogien im Städtebau und in der Architektur von Amsterdam, Paris, Venedig,

London, Moskau usw. ergab, dass St. Petersburg keine direkten Analogien in der Weltbaukunst

aufweist. Es können nur einzelne, für andere Städte und „Schulen“ charakteristische

Elemente des Städtebaus, der Architektur, der Baukunst, der Gesetzgebung und des Verwaltungssystems

festgestellt werden, die in einer einmaligen Art und Weise in der St. Petersburger

Praxis vereint wurden. St. Petersburg nahm in sich die in bedeutendem Maße überarbeitete

russische und westeuropäische Erfahrung auf, indem es sie in eine einzigartige Kombination, die

so genannte typische St. Petersburger Architektur mit ihrer einmaligen räumlichen Weite, transformierte.

St. Petersburg wurde als eine vergleichslos riesige Stadt in der Zeit gebaut, als in Russland und

Westeuropa die mittelalterliche städtebauliche Tradition mit ihren malerisch krummen Straßen,

ihrer nicht geometrischen Gestaltung und ihrer regellosen Bebauung dominierte. Kleinstädte,

Festungen, Landgüter und Burgen, die nach der regulären Art gebaut wurden, waren damals

noch selten. Die Gründung und Entwicklung von St. Petersburg, seine städtebaulichen und architektonischen

Besonderheiten sind eine einmalige Erscheinung in der städtebaulichen und architektonischen

Theorie und in der Praxis weltweit. Wenigstens im 18. Jahrhundert bis in die erste

Hälfte des 19. Jahrhunderts war St. Petersburg nicht nur ein einzigartiger städtebaulicher Versuch

von Baumeistern der Welt, sondern auch ein Objekt der Nachahmung und Wiederholung

in der städtebaulichen Praxis vieler Länder. Man kann sagen, dass St. Petersburg in jener Zeit

(im 18. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhundert hinein) zum internationalen Prüffeld

für städtebauliche und architektonische Ideen wurde. Viele Ideen westeuropäischer Architekten

existierten im Westen nur in theoretischen Traktaten, wurden aber in St. Petersburg zum

ersten Mal verwirklicht. Erst danach kehrten sie nach Westeuropa als durchaus realisierbare und

realisierte Projekte zurück, die die europäische Nachahmung verdient hatten. Die Massenum-

207


Internationales Symposium Kaliningrad

gestaltung der westeuropäischen Städte im 19. Jahrhundert wurde nicht nur aufgrund von theoretischen

Ideen aus westeuropäischen Traktaten und lokalen Versuchen ins Leben gerufen, sondern

auch unter Einfluss des grandiosen Stadtbaus von St. Petersburg.

Der St. Petersburger Städtebau ist eine Erscheinung von Weltgeltung.

In den letzten drei Jahrhunderten wurde der städtebauliche genetische Code St. Petersburgs

faktisch gebildet. Peter I. legte die wichtigsten Prinzipien zur städtebaulichen Entwicklung von

St. Petersburg fest. Nachfolger des Zaren-Reformators setzten die Kristallisierung von städtebaulichen

Hauptprinzipien der Stadt an der Newa fort. Heutzutage wird die Frage der Erhaltung

des städtebaulichen genetischen Codes auf die ganze Stadt und die ganze Agglomeration bezogen,

da etliche gegenwärtige Aktivitäten zur Zerstörung dieses Codes führen.

Die grundlegenden Besonderheiten des städtebaulichen genetischen Codes von

St. Petersburg

Die Einheit der Hauptstadt und ihrer Umgebung, ihre Bildung im Rahmen eines einheitlichen

räumlichen Programms

Seit 1703 wurde nicht eine einzelne Stadt, sondern eine riesige Agglomeration geschaffen. Die

Stadt, die nah und fern gelegenen Vororte (auch Befestigungsanlagen, industrielle Einrichtungen,

Gutshäuser, Bauernhöfe), die Naturschutzgebiete, Straßensysteme, die natürlichen und von

Menschenhand geschaffenen Wasserstraßen, das einheitliche Verwaltungssystem der Hauptstadt

und des Gouvernements, die einheitliche städtebauliche, architektonische, güterrechtliche

Gesetzgebung – alles wurde auf die Erschaffung einer großstädtischen Agglomeration und nicht

einer einzelnen Stadt ausgerichtet. Peter I. bestimmte auch seine räumlichen Parameter: von

Oranienbaum und Kronstadt (im Westen) bis zur Mündung des Flusses Wolchow (im Osten), von

Sestrorezk und Toksowo (im Norden) bis zu Sarskaja Mysa (im Süden). Mit der Zeit änderten

sich die Grenzen der Agglomeration, aber die Prinzipien der abgestimmten Entwicklung der Stadt

und der Umgebung blieben unverändert.

Die Entwicklungskontinuität der Stadt und der gesamten Agglomeration

Das Gebiet, in dem St. Petersburg entstand, war nicht unbewohnt. Die Stadt, die meisten ihrer

Vororte und eine Vielzahl von Straßen entwickelten sich aufgrund eines ausgeprägten Siedlungssystems,

das mindestens seit dem 13.-14. Jahrhundert existierte und die Novgoroder, Moskauer

und schwedische Entwicklungsperiode des Gebietes an der Newa überlebte. Viele moderne

Stadtviertel und Bezirke von St. Petersburg sind Vororte und befinden sich anstelle von Siedlungen

aus der Vorpetersburger Zeit. Hunderte von Kilometern der Vorpetersburger Straßen wurden

zu Prospekten und Straßen der Stadt. Auf dem Territorium des modernen, großen St. Petersburgs

existierten seit Jahrhunderten mehr als 400 Siedlungen, in der näheren Umgebung waren

konstant um die 600 Siedlungen verzeichnet. Außerdem hatte die Entwicklung der Stadt selbst

einen kontinuierlichen Charakter. Häufig wurden die Ideen, die von Fachleuten aus früherer Zeit

stammten, nach Jahrzehnten von neuen Generationen von Architekten realisiert. So stammen

die ersten Gründungsideen des Zentrums und des Subzentrums der Hauptstadt an der Newa,

die immer noch aktuell sind, von J.B.A. Leblond (1717). Die ersten Vorstädte, die nach den Prinzipien

der „Gartenstädte“ geschaffen wurden und seit Anfang des 20. Jahrhunderts modern sind,

wurden 1739-1740 bei der Errichtung von „Vorstadtkammern“ für Regimente der Leibgarde an

208

3. Vorträge


den Ufern der Newa ausgearbeitet und realisiert. Die ersten Ideen, den Damm einer Eisenbahnstrecke

von Lisij Nos über Kronstadt bis Oranienbaum zu bauen, entstanden 1844-1846.

Die Zyklen der Entwicklung der Stadt und der gesamten Agglomeration

Zu unterschiedlicher Zeit basierte die Entwicklung der Stadt und der gesamten Agglomeration auf

verschiedenen Prinzipien, die sich nacheinander ersetzten. Man kann drei Haupttypen, drei

Hauptstrategien der räumlichen Gebietsentwicklung hervorheben: die Strategie der extensiven

Entwicklung, die Strategie der intensiven Rekonstruktion und die Strategie der Aufwertung der

Stadt und ihrer Vororte. Diese Strategien lösten einander folgerichtig ab und zeigen den zyklischen

nichtlinearen Entwicklungscharakter der Stadt und der Agglomeration. Die Strategie der

extensiven Entwicklung (durch maximale Erschließung der ehemals nicht städtischen Böden)

wurde in den Jahren 1703-1761, 1802-1815, 1836-1879 und 1917-2004 verfolgt. Die Strategie

der intensiven Rekonstruktion (in den damaligen Stadt- und Vorortgrenzen) überwog zwischen

1762-1801 und 1880-1900. Die Strategie der gestalterischen Aufwertung der Stadt und ihrer

Vororte (mit der maximalen Entwicklung des Ensemblebaus, der ganzen städtischen Struktur

und der Errichtung der Hauptensembles, die von großer Bedeutung für die Stadt und ganz

Russland waren) zeigte sich zwischen 1816-1836 und 1901-1916. Jedem Strategietyp entsprechen

spezifische Generalpläne, besondere Gesetzessysteme und besondere Systeme der

Stadtverwaltung und der Stadtregelung.

Die Entwicklung der Stadt nach den Generalplänen

Die Generalpläne waren verbindliche und wichtige Programmdokumente der territorialen und

organisatorischen Formierung der Stadt in den vergangenen 300 Jahren. Besonders im 18. bis

zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden durch Generalpläne nicht nur die Strategien der räumlichen

Entwicklung der Stadt vorbestimmt, sondern auch die Grenzänderung und die administrative

Stadtteilung, die Änderung des Verwaltungssystems der Stadt und die Änderung der

städtebaulichen, architektonischen und güterrechtlichen Gesetzgebung. Die Generalpläne ergänzten

sich gegenseitig, einer entstand aus dem anderen. Die Analyse des Weltstädtebaus

zeigt, dass die Entwicklung und Realisierung von Generalplänen für eine Hauptstadt von Weltgeltung

eine obligatorische Bedingung ist. Im 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts galten

die Entwicklung von St. Petersburg – Petrograd – und die Erstellung von Generalplänen als Aufgabe

von zentraler gesamtstaatlicher Bedeutung. Reformen in St. Petersburg waren Bestandteil

der allgemeinen russischen Reformen und wurden unter persönlicher Beobachtung der Kaiser

und Kaiserinnen umgesetzt. Alle 19 Generalpläne der Stadt, die bis heute aufgestellt wurden,

waren eine einheitliche, kontinuierliche und folgerichtige Reihe der städtebaulichen Entwicklungsideen

für St. Petersburg – Leningrad – St. Petersburg. Aufgrund verschiedener Strategien

der Stadtentwicklung wurden verschiedene Typen von Generalplänen ausgearbeitet und verwirklicht.

Zu den Generalplänen für die extensive Entwicklung können folgende Pläne gezählt werden: Die

vollständigen hoheitlich von Peter I. genehmigten Generalpläne für einzelne Stadtteile von

St. Petersburg (1712-1715 und 1718-1724); die vollständigen hoheitlich genehmigten Generalpläne

für einzelne Stadtteile, Territorien und Komplexe von St. Petersburg, die in der Baukommission

in St. Petersburg, in den Stäben der Regimente der Leibgarde, in der Hauptkanzlei der Polizeimeister

erarbeitet wurden (1735-1746); „Plan der Hauptstadt St. Petersburg“ (I.F. Truskot,

1748-1749); die vollständigen hoheitlich genehmigten Generalpläne für Peripherieteile von

209


Internationales Symposium Kaliningrad

St. Petersburg, die zwischen 1805-1836 aufgestellt wurden (darunter auch im „Komitee zum besseren

Ordnen der ganzen Bauten und für Hydraulikarbeiten“); die vollständigen hoheitlich genehmigten

Generalpläne für einzelne Stadtteile von St. Petersburg (1840-1879); Projekt der Regelung

von Leningrad (1925); Generalplan für Leningrad (L.A. Iljin u.a., 1926-1934); Generalplan

für Leningrad (L.A. Iljin u.a., 1935-1936); Generalplan für Leningrad (N.W. Baranow, A.I. Naumow

u.a., 1938-1939); Generalplan für Leningrad (N.W. Baranow, A.I. Naumow u.a., 1944-

1948); Generalplan für die Entwicklung von Leningrad (W.A. Kamenskij, A.I. Naumow, G.N. Buldakow,

W.F. Nasarow, G.K. Grigorjewa, 1958-1967); Generalplan für die Entwicklung von Leningrad

und Leningrader Gebietes (G.N. Buldakow, W.F. Nasarow, G.K. Grigorjewa u.a., 1980-

1987).

Zu den Generalplänen für die intensive Rekonstruktion können folgende gezählt werden: Der

„Hauptplan für St. Petersburg“ von J.B.A. Leblond (1717); der „Neue Plan für die Hauptstadt und

Festung von St. Petersburg“ (A.W. Kwasow, 1765); der „Neue Plan für die Hauptstadt St. Petersburg“

(1776); der „Neue Plan für die Hauptstadt St. Petersburg“ (1792, 1796); der „Projektplan

zur Regelung der Stadt St. Petersburg“ (1880); der „Plan für die Stadt St. Petersburg mit Angaben

zur Regelung von Straßen bis zum 1. Januar 1909“ (1909).

Zu den Generalplänen für die gestalterische Aufwertung von Territorien können folgende Projekte

gezählt werden: das Projekt des „Komitees zum besseren Ordnen der ganzen Bauten und für

Hydraulikarbeiten in St. Petersburg und seine angrenzenden Ortschaften“ (1816-1836), der Plan

für die Regelung von Petrograd (I.A. Fomin u.a., 1919-1923). Zu einer Initiative, solch einen Generalplan

zu schaffen, gehören auch die Vorschläge von L.N. Benua, F.E. Enakiew, M.M. Peretjatkowitsch,

H.E. Lansere („Plan für die Umgestaltung von St. Petersburg“, 1910).

Die Entwicklung der Stadt und der Agglomeration auf der Grundlage von städtebaulichen Vorschriften,

„Beispielprojekten“, Typen- und Einzelprojektierungen unter absoluter Kontrolle der

Architekten

Seit 1712 wurde in der Stadt an der Newa das strengste System von klaren, eindeutigen (mit

quantitativen Angaben) städtebaulichen Vorschriften eingeführt. Gleichzeitig wurde die Politik der

Einzelprojektierung für die größten Objekte (Gebäude, Einrichtungen, Ensembles) und des Typenbaus

für Massenbebauung nach „Beispielprojekten“ eingeführt.

Die Regularität des städtebaulichen Systems, die geometrische Richtigkeit und Dichte des

Straßennetzes

Zu einem der markantesten Züge von St. Petersburg wurde die Regel der geraden Straßen und

des geometrisch klaren Gestaltungssystems. Ursprünglich, seit 1703, wurde die junge Stadt

nach Prinzipien der malerischen, nicht linearen Gestaltung geformt. Im Jahre 1712 begann auf

Erlass von Peter I. die Rekonstruktion der bebauten Gebiete, währenddessen die geschaffenen

Straßen und Kanäle begradigt wurden. Seit dem Projekt von J.B.A. Leblond (1717) wurde die

Regel der geometrisch klaren Plätze eingeführt. Das Gestaltungsnetz der entstandenen Vorstädte

bekam deutliche geometrische Umrisse und eine besondere, nur für St. Petersburg charakteristische

Dichte der Unterbringung von Prospekten, Straßen, Kanälen, Plätzen auf dem Territorium

der Stadt. Zielgerichtet entwickelte sich das für St. Petersburg optimale Netz der Hauptverkehrsadern

mit Parzellen – Quartieren zwischen den Hauptverkehrsadern – in bestimmter

Größe, die sich wesentlich von den Prinzipien der Grundgestaltung in anderen Städten der Welt

unterschieden. Dieses Prinzip der Regularität, geometrischer Richtigkeit und besonderer Dichte

210

3. Vorträge


wurde zu einem der wichtigen Entwicklungsprinzipien des Gestaltungsgerüstes von St. Petersburg.

Die Erschließung von Territorien auf Art und Weise der „Vorstädte“

Die Territorien der Stadt wurden im Laufe ihrer Entwicklung grundsätzlich mit einzelnen, in ihrer

Komposition lokalen „Vorstädten“ unterschiedlicher Größe bebaut. Auch dieses Prinzip geht auf

die Zeiten Peters I. zurück, besonders deutlich äußerte es sich allerdings zur Zeit Anna Ioannownas

und Elisaweta Petrownas – damals wurde es auch fixiert. Praktisch alle Territorien der

historischen Stadt wurden nach dem „Vorstadt-Prinzip“ gebildet.

Das Prinzip der Ensemblebildung in der Gestaltung von Territorien

Die Newa-Fläche wurde bewusst in das einheitliche Hauptensemble der Stadt und der gesamten

Agglomeration aufgenommen. Zur wichtigsten Eigenschaft der städtebaulichen Struktur von

St. Petersburg wurde das Prinzip der Ensemblebildung. Ensembles, die zu verschiedener Zeit

entstanden und die unterschiedliche stilistische und gestalterische Besonderheiten hatten, bildeten

mit der Zeit ein hierarchisches Mehrebenensystem von Stadt- und Vorortensembles. Zum

diesbezüglich wichtigsten Bestandteil der gesamten Stadt wurde das System der Ensembles der

Hauptplätze und der Hauptfläche der Newa. Die Newa (von den Quellen bis zur Mündung) und

die Bucht von Kronstadt spielten seit der Zeit Peters I. die Rolle der wichtigsten Ensembleelemente

der Stadt und der Hauptelemente der Gestaltung der gesamten Agglomeration.

Das System von vertikalen Dominanten

Das System von vertikalen Dominanten der Stadt war fast immer einer der wichtigsten, zielgerichtet

und fachkundig geschaffenen Bestandteile der Hauptstadt. 1710-1712 formulierte Peter I.

die Entwicklungsregeln des Systems von vertikalen Dominanten für die Stadt. Die Achsen von

Prospekten und Straßen sollten auf vertikale Dominanten gerichtet werden, auf Kirchtürme,

Türme und Spitzen der Gesellschafts- und Industriegebäude sowie der Wohnhäuser. Zwischen

1730-1740 wurde das räumliche System von vertikalen Dominanten gebildet, welches auf Prinzipien

des „Wahrnehmungsfeldes“ basierte: Die Vertikalen waren zwei bis fünf Mal höher als die

ein- bzw. zweigeschossige Teilbebauung der Stadt, weshalb sie praktisch von jedem Standort

sichtbar waren. Nachdem man in den 1770er Jahren zur geschlossenen Brandmauerbebauung

und zur Steigerung der durchschnittlichen Geschosszahl vorerst bis zu zwei, dann bis zu drei

oder vier (seit den 1820er Jahren), später bis zu fünf oder sechs Geschossen (seit den 1890er

Jahren) überging, funktionierte dieses Prinzip nicht mehr. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

stiegen die Architekten bewusst auf das Prinzip der „Wahrnehmungsgänge“ um, wobei

Systeme aus Türmen, Erkern und anderen Akzenten geschaffen wurden. Die alten vertikalen

Dominanten und die neuen vertikalen Akzente bildeten ein einheitliches Mehrebenensystem. Bis

zu den 1950er Jahren blieben diese einheitlichen Prinzipien der Strukturhervorhebung erhalten.

Seit den 1960er Jahren wird auf die Schaffung vertikaler Dominanten verzichtet, was zur räumlichen

Unordnung der gesamten industriellen Bebauung und zur deutlich unbehaglicheren Wahrnehmung

der Stadtstruktur führte.

Die Regularität und Regelung der Bebauung von Quartieren

Allmählich bildete sich in der Stadt das einheitliche Prinzip der Regularität der Quartiersaufteilung

auf Parzellen und der Bebauung von Parzellen in Quartieren heraus. Unter Peter I. wurde die

Regel der Bebauung nach so genannten „roten Linien” ohne Abstand festgelegt. Die Außen-

211


Internationales Symposium Kaliningrad

häuser nahmen allerdings nicht die gesamte Frontseite der Parzelle in Anspruch, weshalb Zäune

mit Toren längs der roten Linie errichtet wurden. Auf Vorschlag von J.B.A. Leblond wurden die

Außenhäuser am Newa-Ufer nach dem Prinzip der roten Linie, aber nach Brandmauernart, gebaut.

Es wurde die Regelung der Höhe und Geschosszahl der Gebäude eingeführt sowie die

Differenzierung der genehmigten Bauarten nach Baumaterial auf dem gesamten Territorium der

Stadt und ihrer Vororte. Seit Ende der 1730er Jahre, zur Zeit von Anna Ioannowna, wurde die

Regel zur Bebauungsordnung innerhalb der Parzellen eingeführt. Seit den 1770er Jahren, unter

Katharina II., wurde die Regel der geschlossenen Backsteinbebauung nach Brandmauernart

längs der roten Linien auf dem Territorium von der Newa bis zum Fluss Fontanka (nach dem Vorschlag

von J.B.A. Leblond) wieder eingeführt, wobei die Gebäudehöhe genau reglementiert

wurde. Sogar für die Territorien der Holzbebauung gab es Richtlinien zum Bau auf Grundstücken.

Allmählich bildete sich folgendes Bebauungsprinzip heraus, das bis zum Ende des

19. Jahrhunderts existierte: Backsteinbebauung im Stadtzentrum, Backstein- und Holzbebauung

am Stadtrand, Holzmassenbebauung in den Vororten. 1919-1920 wurde ein neues Prinzip eingeführt:

Die geschlossene Brandmauerbebauung aus Backstein, in mehreren Stilen im Zentrum der

Stadt; Einzelhäuser und Elemente grüner Landschaften in der Stadtperipherie; Villen (Einfamilienhäuser)

im Grünen außerhalb der Stadt. Dieses Prinzip wurde bis zum Ende der 1950er Jahre

beibehalten. Auf den zentralen Territorien der Stadt wurde ausnahmslos die geschlossene Bebauung

entwickelt. An den zentralen Hauptverkehrsadern der Stadt (selbst auf den großen, neu

erschlossenen Grundstücken) wurde die obligatorische Brandmauerbebauung geschaffen, z.B.

am Suworowskij Prospekt, am Bolschoj Prospekt der Wassiljewskij-Insel. Die Zeilenbebauung

wurde am Stadtrand durchgeführt, was für die peripheren Territorien kennzeichnend war. Seit

den 1960er Jahren, während des Übergangs zur industriellen Produktion, wurden alle Territorien,

die erschlossen wurden, nach den Prinzipien der peripheren Zeilenbebauung gestaltet. In der Tat

wurde keine der neuen Hauptverkehrsadern der Stadt nach den herkömmlichen Regeln der Bebauung

von zentralen Straßen St. Petersburgs bebaut.

Die Organisation der Stadtstruktur nach mehreren Stilen

Seit der Zeit Peters I. wurde versucht eine monostilistische Stadtstruktur zu schaffen. Diese

Versuche wurden unter Anna Ioannowna, Elisaweta Petrowna, Katharina II., Alexander I. und

Nikolai I. fortgesetzt. Auf Bildern und Gravuren sah alles wunderbar aus, führte aber im richtigen

Leben zu einer deutlichen Eintönigkeit der gesamten Stadtstruktur. In den Jahren 1842-1843

wurde das hoheitliche Verbot des Baus von Gebäuden und Einrichtungen in einem einzigen Stil

erlassen. Bei gleichzeitiger Steigerung des Bauvolumens in der Stadt um ein Vielfaches (bis

1880 auf das 10fache) richtete sich die polystilistische Bebauung (Historismus, Modern, Neoklassik)

nach den Regularitätsprinzipien (Bau von Brandmauergebäuden mit der Begrenzung in

der Höhe und entlang der roten Linien), ermöglichte so die Vielfältigkeit der Stadtstruktur. Gerade

diese polystilistische Bebauung bildete 90% der historischen Struktur von St. Petersburg, die

weltweit so hoch geschätzt wird. Die wiederholte Rückkehr zum monostilistischen Prinzip wurde

bei der Erschaffung der industriellen Bebauung in neuen Quartieren in der zweiten Hälfte des

20. Jahrhunderts mit allen negativen Auswirkungen realisiert.

Die Stadt- und Vororttypen von Parzellen – Aufteilungsregeln von Stadt-, Vorstadt- und Vorortsquartieren

in Parzellen

Die Quartiere der städtischen Bebauung hatten eine klar geregelte Aufteilung in bewohnbare und

unbewohnbare Parzellen. Dabei begann die Vereinheitlichung der Größe der Stadtparzellen

212

3. Vorträge


schon in Projekten von D. Trezzini und J.B.A. Leblond. Endgültig systematisiert und präzisiert

wurde sie Ende der 1730er Jahre unter Anna Ioannowna. Die Parzellen sollten für Wohnhäuser

rechteckig sein und für Gebäude des Gemeinbedarfs nicht rechteckig, 20-30 Meter breit, entlang

der roten Linie verlaufen und halb so lang wie das Quartier. Während des 18.-19. Jahrhunderts

waren die Grenzen der Stadtparzellen unwandelbar. Die Vorortparzellen, die für Villenbau, industrielle

Einrichtungen oder als grüne Zonen genutzt wurden, konnten unterschiedlicher Größe und

beliebigen Umrisses sein. Nachdem sie in die Stadtgrenzen eingemeindet worden waren, wurden

sie des öfteren in Stadtparzellen mit einer den städtischen Regeln entsprechenden Bebauung

aufgeteilt. Ein bezeichnendes Beispiel: Bei der Umwandlung des Landflusses Fontanka in

den Stadtkanal (1780-1790er Jahre) wurden die Vorortgrundstücke mit Landhäusern vernichtet.

An ihrer Stelle wurden die Stadtgrundstücke (Parzellen) vermessen. Die Stadtparzelle als die

wichtigste Grundeinheit der gesamten Struktur war der Hauptträger des einmaligen städtischen

Maßstabs von St. Petersburg. Die Parzellen bestimmten die Front, Maße und Höhe der Bebauung,

die Dichte und Struktur aller historischen Quartiere. Bei der allgemeinen Grundsanierung

von Parzellengruppen in Quartiere wurden die Vermessungsgrenzen abgeschafft. Diese Vorgehensweise,

ebenso wie die moderne Praxis des Bauens ohne Berücksichtigung von Maßstäben,

führen zur Zerstörung der Grundlagen der städtebaulichen Struktur St. Petersburgs – seiner historischen

Parzellen.

Das Garten- und Parksystem als eines der wichtigsten Elemente der städtebaulichen Struktur

1715 wurde nach dem Entwurf von D. Trezzini für die Wassiljewskij-Insel das Prinzip der Einbeziehung

von Stadtgärten in die städtebauliche Struktur erklärt. Im 18. Jahrhundert bis zum ersten

Drittel des 19. Jahrhunderts war die Erschaffung von Stadtgärten und Parks obligatorisch. Während

der intensiven Massenbebauung von St. Petersburg Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts

wurden unter Kontrolle von Kaiser, Stadtoberhaupt und der Stadtduma auf jeder freien

Stelle öffentliche Grünanlagen und Gärten geschaffen. Das Garten- und Parksystem in den

Vororten sowie in der Stadt war und bleibt eine der wichtigsten räumlichen Strukturen von

St. Petersburg.

Das Kanalsystem in der Stadt und den Vororten

Zu den wichtigsten Bestandteilen neben dem Stadtnetz und der gesamten Agglomeration selbst

ist das System der Schifffahrts- und Wasserleitungskanäle zu zählen, das das komplette Territorium

von Oranienbaum bis zum Gebiet um den Ladoga-See umfasste. Die besonders großen

Kanalbauarbeiten wurden unter Peter I. (zahlreiche realisierte und erst entworfene Kanäle auf

dem Territorium des künftigen St. Petersburgs, der Kanal längs der Südküste des Finnischen

Meerbusens, der Ladoshskij-Kanal, der Kronstadtskij-Kanal, der Ropschinskij-Kanal und der

Ligovskij-Kanal, Entwürfe eines Kanals bis zu Sarskaja Mysa), unter Katharina II. (der Krjukow-

Kanal und der Ekaterininskij-Kanale, der Fluss Fontanka, Kanal-Gräben längs der Stadtgrenze

und der Vorortsgrenze) sowie unter Alexander I. und Nikolai I. (der Obwodnoi-Kanal) durchgeführt.

Das System der städtebaulichen Richtlinien und funktionale, räumliche Begrenzungen, Begrenzungen

in der Höhe

Jeder Bau in der Stadt und in den Vororten wurde auf der Grundlage von klaren städtebaulichen

Richtlinien ausgeführt. Die ersten Richtlinien wurden schon unter Peter I. erlassen. Die Richtlinien

waren ein Bestandteil der Generalpläne, sie waren für alle Bauherren, sogar für Mitglieder

213


Internationales Symposium Kaliningrad

der Kaiserfamilie, verbindlich. Der Kaiser kontrollierte alle Bauarten und Umgestaltungen auf

dem Territorium des Stadtzentrums persönlich.

Dynamik der räumlichen Verläufe der Zentrumsgestaltung und der Gestaltung von wichtigen

funktionalen Zonen

Die sukzessive Entwicklung und Erweiterung der Stadtterritorien und der Umgebung führte dazu,

dass die Hauptbestandteile der Stadt ihren Standort wechselten. Die räumliche Struktur der Stadt

ist dynamisch, z.B. wurde das Hauptverwaltungszentrum der Stadt vom Troizkaja-Platz der

Gorodskoj Insel (St. Petersburger) zuerst an die Strelka der Wassiljewskij-Insel, danach zur Admiralität

verlegt. Bis in die 1930er Jahre erweiterten sich die Grenzen des Hauptverwaltungszentrums.

Danach gab es einen Versuch, es weiter nach Süden zu verlegen, an die Kreuzung des

Meshdunarodny Prospekts und der Zentralnaja Dugowaja Straße. Seit den 1940er Jahren wurde

das Hauptverwaltungszentrum wieder im Bereich des Dworzowaja Platzes untergebracht. Der

Verlauf des Hafens: der Nebenarm bei Kronwerk; Aufteilung in Militärhafen (Kronstadskja-Hafen

und Galernaja-Hafen) und Handelshafen; der nördliche Kai von der Strelka der Wassiljewskij-

Insel; Absonderung der speziellen Brot- und Holzhäfen; die Gründung vom Marinehafen im Bereich

der Gutujewskij-Insel; Abtrennung der Außenhäfen in Oranienbaum und in der Lugabucht.

Die Zonen der nahen Landhausbebauung: der Sommergarten und die Inseln (bis 1710er Jahre),

danach die Ufer von Mojka, Karpovka, Tschernaja Rechka (bis 1750er Jahre), Fontanka (bis

1780er Jahre); die Territorien längs des Peterhofer Wegs und Newa-Ufer; Zarenresidenzen und

Landgüter der Würdenträger überall in den Vororten. Die elitären Stadtwohnhäuser: die Uferstraße

am Troizkaja Platz auf der Gorodskoj Insel (bis 1712); der Bereich der künftigen Spalernaja

Straße (1712-1716); die Strelka der Wassiljewskij-Insel (1716-1721); der Dworzowaja Kai

(1720-1760er Jahre); die Erweiterung der Grenzen des elitären Wohnhäuserbereiches längs der

Anglijskaja Uferstraße und am Newskij Prospekt (1760-1800er Jahre) die Ausbreitung der elitären

Wohnhäuser über die Fontanka in den Bereich der Furstadskaja, Saharjewskaja, Sergiewskaja

Straßen (1800-1880er); die Erschließung von neuen Territorien auf der St. Petersburger

Insel und längs des heutigen Dekabristow Prospekts (1890-1900er Jahre); der elitäre Wohnhäuserbau

am Meshdunarodny und Suworowskij Prospekt (1940-1950er Jahre). Gleichzeitig kann

man den Verlauf des räumlichen Wandels praktisch von allen städtebaulich bedeutsamen Elementen

verfolgen. So befand sich das „Nowaja Gollandija“ bis 1737 an einem anderen Ort, an

dem sich heute die Manege der Gardekavallerie befindet.

Die Kontinuität der Gesetzgebung in der Entwicklung der Stadt

Seit der Zeit Peters des Großen wurde eine einheitliche Gesetzgebungsbasis für die Stadt und

ihre Vororte konsequent entwickelt. Sie existierte bis zum Ende der 1930er Jahre, als der Umstieg

auf das neue System erfolgte. Viele Erlasse von Peter I. für St. Petersburg wurden später

durch die Gesetzgebung von Anna Ioannowna, Elisaweta Petrowna und Katharina II. unterstützt.

Diese Erlasse wurden in die vollständige Gesetzessammlung des Russischen Reiches, das Gesetzbuch

des Russischen Reiches übernommen, wurden zu Paragraphen und Absätzen aller

Fassungen der Baustatuten und der „Urochnoje polozhenie“ (Sammlung der amtlich festgelegten

Regeln und Normen für Bauarbeiten). Der Wechsel zum System der Baunormen (SNiP) seit

Ende der 1930er Jahren zerriss diese kontinuierlich aufeinander folgende Verbindung im Wesentlichen.

214

3. Vorträge


Zusammenfassung

Der städtebauliche genetische Code von St. Petersburg, der mit Recht als eine der höchsten Errungenschaften

des Weltstädtebaus bewertet wird, bildete sich im Laufe vieler Jahrhunderte,

seine Kontinuität bleibt bis heute erhalten. Dank der historisch-städtebaulichen Eigenschaften

von St. Petersburg und seiner Agglomeration wurden 1989 das historische Zentrum der Stadt,

die historischen Vororte und Landschaften von UNESCO-Fachleuten als Bestandteil des Weltkulturerbes

anerkannt. Selbst in der Zeit des neuen Massenbaus und der Massenrekonstruktion

der Durchschnittsbebauung setzt die Erhaltung des genetischen Codes die Beibehaltung des

individuellen, durch seine historische Entwicklung bedingten Stadtbildes von St. Petersburg

voraus. Durch die Zerstörung des genetischen Codes wird, selbst wenn Hunderte bzw. Tausende

von Denkmälern konserviert werden, St. Pertersburg als einmaliges historisches und städtebauliches

Ensemble nicht erhalten werden können. Die Jagd nach Hochglanzeffekten ist die

Hauptgefahr für die Erhaltung des genetischen Codes.

zur Person

Vita

Name

Dr. Sergey Vladimirovic Semencov

Herkunft

St. Petersburg/Russland

Profession

Architekt

Tätigkeitsschwerpunkt

Städtebau, Rekonstruktion und Restauration

der historischen Umgebung

Themenschwerpunkt

Generalpläne,

städtebauliche Reglementierung,

Stadtviertel- und Gebäuderekonstruktion,

historische und theoretische Forschungen

215


Internationales Symposium Kaliningrad

216

3. Vorträge

mpfehlungen

3.3.5 Empfehlungen der Symposiumsteilnehmer

Als Ergebnis des internationalen Symposiums formulieren die Teilnehmerinnen und

Teilnehmer folgende Empfehlungen:

1. Zentrale Themen vertiefen

Für die weitere Entwicklung der Stadt Kaliningrad erscheint die Auseinandersetzung mit folgenden

Themen besonders wichtig:

- Die gemeinsame Entwicklung von Stadt und Region.

- Die Sicherung und Verknüpfung von Wasser und Landschaftsräumen in der Stadt.

- Die Pflege des Wohnens im Bestand, die Verbesserung des Wohnumfeldes.

- Die demografische Entwicklung, die Auswirkung einer erhöhten Immigration auf das ökonomische

und soziale Leben in der Stadt hat.

- Die Entlastung der Innenstadt vom Individualverkehr, die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs,

die Sicherung der Straßenbahnlinien, die Verbesserung für Fußgänger und auch

für Radfahrer.

- Die Steigerung der Attraktivität für den Tourismus.

- Die Sicherung des „genetischen Codes“, der Identität der Stadt.

2. Räume für die Innenstadtentwicklung bestimmen

Die Teilnehmer des Symposiums empfehlen, sich vorrangig mit folgenden Räumen zu befassen:

- Die erweiterte Innenstadt, auch in ihrem Verhältnis zum Stadtrand.

- Der innerstädtische Bereich des Hafens.

- Der historische Kneiphof, die Insel und ihre angrenzenden Bereiche.

Für die Entwicklung innerhalb dieser Räume sollten Prioritäten gesetzt werden.

3. Das weitere Verfahren gestalten:

- Die vielfältigen Ergebnisse sollen in einem Bericht zusammengefasst und veröffentlicht werden.

- Ein nächster Schritt kann die Vorbereitung eines ersten Workshops sein, in dem Themen (1)

und Räume (2) im Zusammenhang betrachtet und erste Ideen entwickelt werden sollen.

Teilnehmer am Workshop sollen vor allem Studierende von Universitäten und junge Architekten/Stadtplaner

aus Kaliningrad sein.

- Anschließend an den Workshop soll ein nächstes Symposium die Ergebnisse bewerten und

Grundlagen für einen folgenden Wettbewerb erarbeiten.

- Der Wettbewerb soll – entsprechend dem Rang der Stadt Kaliningrad in seiner geografischen

Verflechtung – international ausgeschrieben werden.

Die Teilnehmer des Symposiums empfehlen den politischen Gremien der Stadt, sich mit diesen

Vorschlägen und dem vorliegenden Bericht zu befassen. Sie bitten die Vertreter der Stadt Kaliningrad,

die für eine positive Entwicklung wichtigen Räume für dieses Vorhaben zu öffnen.


217


Internationales Symposium Kaliningrad

218

4. Schlusswort

Schlusswort

4. Schlusswort des Symposiums


Schlusswort des russischen Organisationskomitees über die Ergebnisse des

internationalen Symposiums zum Thema

„Kaliningrad: Zukunftsbilder – die städtebauliche Entwicklung des Stadtzentrums“,

stattgefunden vom 15.-17.06.2005 in Kaliningrad

Die Veranstalter des internationalen Symposiums, das in der Stadt Kaliningrad auf Initiative der

Direktion für Architektur und Städtebau der Stadtverwaltung gemeinsam mit dem Arbeitskreis

Kulturkontakte Kaliningrad, Hamburg, stattgefunden hat, geben eine resümierende Erklärung ab.

Grundlegend hierfür sind:

- internationale Chartas über die Erhaltung und die Wiederherstellung der Denkmäler und

sehenswürdiger Stätten (Venedig, 1964) und über den Schutz der historischen Städte

(Washington, 1987);

- bestehende freundschaftliche Beziehungen Kaliningrads zu europäischen Partnerstädten,

deren kreativen Architekten- und kulturellen Kreisen;

- das Streben zur Bildung einer „Region der Zusammenarbeit“ in Kaliningrad zwischen der

Europäischen Union und der Russischer Föderation, festgelegt in den Dokumenten des

Föderalen Zielprogramms (FZP), des Territorialen Komplexschemas (TKS), des Entwurfs des

neuen Generalplans der Stadt und in den Deklarationen der öffentlichen Organisationen;

- das Streben zur Integration der Tätigkeit und zum schöpferischen Zusammenwirken der

Architekten der europäischen Länder gemäß der gegenwärtigen Prinzipien der stabilen Entwicklung

und der Erhaltung der gemeinschaftlichen Werte der Kulturen und Völker;

- die Absicht der Organe der lokalen Selbstverwaltung, mit dem breiten Kreis der russischen

und ausländischen Fachkräfte einen Fragenkomplex bezüglich Zustand und Perspektiven

der Entwicklung des Zentrums von Kaliningrad zu erörtern. Zweck dieser Maßnahme ist die

Einschätzung der Situation und die gemeinsame Ausarbeitung der Empfehlungen zu weiteren

Aktivitäten.

Der vom Programm vorgegebene Fragenkomplex wurde untersucht und erörtert, Mitteilungen

und Berichte angehört sowie Diskussionen zum Thema des Symposiums geführt. Dieses ermöglicht

im Ergebnis folgende Feststellungen:

- Die Lage und die Bedeutung Kaliningrads als einer historischen Stadt Russlands, die außerordentlich

eng mit der Geschichte und der Kultur einer ganzen Reihe von Nationen und Staaten

Europas verbunden ist, sind einmalig.

- Die aktive Einschaltung Kaliningrads und der Kaliningrader Region ins System der internationalen

wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen den Ländern der baltischen

Region und des zwischenmenschlichen freundschaftlichen Umgangs aller ihrer Bewohner

sollte forciert werden.

- Die strategischen wirtschaftlichen Ziele der Kaliningrader Region sind auf die Entwicklung

eines international bedeutenden Verkehrsknotens, eines internationalen Zentrums der wirtschaftlichen

Zusammenarbeit, eines Forschungs- und Produktionszentrums und einer kultu-

219


Internationales Symposium Kaliningrad

220

4. Schlusswort

rell-touristischen Verbindungen gerichtet. Ein beträchtlicher Anteil dieses Potentials ist in der

Stadt Kaliningrad konzentriert.

- Prioritäten in der Strategie zur städtebaulichen Entwicklung Kaliningrads, wie sie im neuen

Generalplan der Stadt vorgesehen ist, sollen sein: Offenheit der Stadt für Entwicklungsinitiativen,

die Schaffung der rechtlichen Grundlagen für städtebauliche Entscheidungen, das

Streben nach einer eigenen kulturellen Identität, die Bildung eines qualitativen städtischen

Milieus.

Im Rahmen der Gestaltung der Stadtentwicklungspolitik, bei der Entscheidung über die Erhaltung

und Nutzung des reichen kulturellen Erbes der Stadt und in Bezug auf seine zentrale Lage

müssen eine Reihe der in diesem Gebiet bestehenden Probleme berücksichtigt werden, die

einer sorgfältigen Betrachtung und einer umfangreichen Lösung bedürfen. Diese Probleme sind:

- die unvollendete Gestaltung des historischen Zentrums, das während des Zweiten Weltkrieges

in Mitleidenschaft gezogen wurde – der Innenstadtbereich, in dem alte Bebauung verloren

ging, stellt eine riesige offene Fläche mit unvollendeten neuen Objekten dar;

- die ungenügende Nutzung des riesigen Infrastruktur- und Investitionspotentials der Freiflächen

im Stadtzentrum, deren Wert, im Gegensatz zu einer Bebauung durch Einzelprojekte,

im Fall einer geordneten Gesamtplanung um ein Vielfaches erhöht werden könnte;

- das Fehlen einer modernen Konzeption zur Gestaltung des Stadtzentrums, welche von allen

städtischen Akteuren unterstützt und getragen wird, und der nötigen Einsicht in die Notwendigkeit

der Sicherung des Ausgleichs zwischen den öffentlichen und den privaten Investitionsinteressen

bei der Rekonstruktion und der Neubebauung im Zentrum.

Unter Berücksichtigung dieser Umstände verfassten die Symposiumsteilnehmer und die Moderatoren

Empfehlungen, auf deren Grundlage das Organisationskomitee die folgenden Orientierungen

für die Lösung der bestehenden städtebaulichen Probleme zusammengestellt hat. Dieses

bietet sie der städtischen Öffentlichkeit und deren Entscheidungsträgern an:

- Fragen zur städtebaulichen Entwicklung des Stadtzentrums sind im Zusammenhang mit den

strategischen Zielen der Entwicklung der Region als Zentrum der internationalen Zusammenarbeit

der Länder der baltischen Region zu sehen.

- Strategische Entscheidungen über die städtebauliche und architektonische Gestaltung des

Stadtzentrums sind auf Grundlage eines internationalen Wettbewerbs zu treffen, in dem internationale

Interessen und die Maßstäblichkeit in der Entwicklung der Stadt berücksichtigt werden

sollten.

- Die Multifunktionalität des Stadtzentrums ist herzustellen, indem einzigartige Objekte realisiert

werden, die föderale, regionale und städtische Funktionen aufnehmen und den jeweiligen

Maßstäben Rechnung tragen können.

- Die Bebauung des Zentrums, seine Gestalt und sein architektonisches Gesicht sind im Dialog

mit verschiedenen sozialen Gruppen und Vereinigungen der städtischen Öffentlichkeit zu

erarbeiten.

- Die Entwicklung des Stadtzentrums ist im überkommenen Geist fortzusetzen, indem ein harmonisches

Zusammenwirken des zu erhaltenen kulturellen Erbes und der modernen Bebauung

gesichert wird. Zusätzlich sollte am Prinzip der Erhaltung und der Erneuerung existierender

Objekte des kulturellen Erbes festgehalten werden, sie sind die zeitlich und räumlich

prägenden Elemente des Stadtbildes.

- Ein Moratorium über den Verzicht auf die Bebauung der freien Räume im historischen Zen-


trum – bis zur Erarbeitung des Nutzungsplanentwurfes auf Grundlage des internationalen

Ideenwettbewerbes – ist zu verkünden.

- Die existierenden Wohnungsbestände und die Bebauung des Zentrums mit den typisierten

Blockgebäuden, die den modernen konstruktiven, betrieblichen, sozialen, ökonomischen und

ästhetischen Anforderungen nicht entsprechen, sind zu modernisieren.

- Bei der Rekonstruktion der Gebiete mit existierender Bebauung im Zentrum der Stadt ist nach

Möglichkeit zu den historischen Bebauungsordnungen – zu Häuserblocks, zu dichten Straßenfronten,

zu geschlossenen Räumen mit kleinen Plätzen und Grünanlagen – zurückzukehren.

- Standorte im Stadtzentrum sind festzulegen, für die eine besondere Form der Entwicklung

und Bebauung nach funktionalen, historischen und anderen Kriterien erforderlich ist, so dass

die Bildung der Milieuvielfalt und eine harmonische Verbindung verschiedener Arten der

städtischen Landschaften möglich wird.

- Die verkehrliche Dichte im Stadtzentrum soll durch Verlegung des Transitverkehrs auf die das

Zentrum umgehenden Verkehrstrassen, in Verbindung mit dem Bau von diametralen Trassen

auf verschiedenen Ebenen, verringert werden. So kann eine dauerhafte Verlagerung der

Mobilitätsströme aus dem Zentrum erzielt werden.

- Für den Fußgängerverkehr im Stadtzentrum soll ein von den motorisierten Verkehrsströmen

unabhängiges Netz entstehen, das getrennte Wege und Räume bereithält. Zusätzlich ist der

Bau von Fahrradwegen zu sichern.

- Die Bebauung des Stadtzentrums ist zum Pregel zu öffnen, um das städtische Milieu am

Wasser für die Funktionen Wassertourismus und Erholung sowie für die Bildung einer Dienstleistungsinfrastruktur

auszuweiten.

- Die primäre Aufmerksamkeit gilt der Erarbeitung von Szenarien, die sich einer ausgeglichenen,

sukzessiven, funktionalen Entwicklung der städtebaulichen Problemstandorte im Zentrum

widmen. Hierzu zählen:

1. der Standort am Zentraljnaja Plostschdj, der der natürliche Kern des Stadtzentrums ist

und den administrativen, geschäftlichen, kulturellen und touristischen Mittelpunkt darstellt.

Die Idee besteht in der Wiederherstellung seiner primären funktionalen Rolle im

System der Stadt und in der Nutzungsintensivierung in der Umgebung durch Konzentration

der wichtigen Gebäude für Behörden, Dienstleistungsbetriebe, Handel, Erholung

und Kultur.

2. der Standort am Plostschadj Pobedy, der zu einem wesentlichen administrativen, öffentlichen,

geschäftlichen und religiösen Zentrum des modernen Kaliningrads wurde. Die

Idee ist, die Multifunktionalität dieses Bereiches weiter zu entwickeln.

3. der Standort auf der Insel Kneiphof, der Knoten und Nahtstelle zwischen den Stadtteilen

am rechten und linken Pregelufer ist und nun zum kulturellen Bildungszentrum und zum

touristischen Mittelpunkt der Stadt entwickelt werden soll. Die Idee ist, durch die Wiederherstellung

der historischen Bebauung um den Dom eine symbolische Zone der verlorenen

mittelalterlichen Stadt in Verbindung mit Parks, also Funktionen der Naherholung,

zu verwirklichen.

4. der Standort am Nishnij Prud und Werchnij Prud, der eine einheitliche Landschaftszone

darstellt und ein Teil des einzigartigen, sehenswürdigen, natürlichen, ökologischen Gefüges

der Stadt und ein öffentlicher grüner Raum von allgemein städtischer Bedeutung

ist. Maßnahmen der Erhaltung dieses Standorts müssen getroffen und die Realisierung

unangemessener Projekte durch Privatbesitzer vermieden werden.

221


Internationales Symposium Kaliningrad

222

4. Schlusswort

5. der Standort am Südbahnhof, der die Mitte des Stadtzentrums am linken Pregelufer darstellt,

der Transport-, Geschäfts- und Handelsfunktionen beherbergt und der damit die

funktionalen Belastungen im Kern des Zentrums und um den Standort Plostschadj Pobedy

reduziert.

In den letzten Jahren hat das Interesse der Investoren und Bauunternehmer am Stadtzentrum

Kaliningrads rapide zugenommen. Nach Meinung der Symposiumsteilnehmer kann eine Verzögerung

in der Entscheidung zur Erarbeitung eines umfassenden Entwurfs zur Gestaltung des

zentralen Teils der Stadt zu irreversiblen Prozessen der „Streubebauung“ und zum Verlust der

Möglichkeit zur Entwicklung und Realisierung eines einheitlichen, allseitig ausgewogenen

städtebaulichen Konzepts führen.

Heute steht die städtische Öffentlichkeit vor der Aufgabe, die Entwicklungsrichtung des Stadtzentrums

im 21. Jahrhundert zu bestimmen, das heißt ihr Schicksal in der neuen Geschichtsphase

aktiv zu lenken. Diese verantwortungsvolle Aufgabe erfordert die Bündelung der Intelligenz und

des Know-hows sowie der materiellen Mittel aller potentiellen Akteure des städtebaulichen

Prozesses – der Organe des Staates und der Kommune, der Geschäftswelt, der politischen

Parteien und der öffentlichen Organisationen, der gesamten Bevölkerung.

Die nachfolgenden Maßnahmen zur Realisierung der auf dem Symposium vorgebrachten Ideen

und Empfehlungen der Teilnehmer – für einen Zeitraum von etwa zwei Jahren – können sein:

1. Die Vorbereitung und Durchführung eines Workshops zur konzeptionellen Entwicklung des

Stadtzentrums als Ganzem und seiner problematischsten Zonen – mit Hilfe der schöpferischen

Kraft von Architekturbüros und Sachverständigen, die aus verschiedenen Ländern eingeladenen

werden sollen.

2. Die Organisation einer Ausstellung der vorgeschlagenen Konzeptionen, ihre öffentliche Diskussion

und die Bildung einer ständig zu erweiternden, allgemein zugänglichen Datenbank

zur Problematik und zu den Entwicklungsperspektiven des Stadtzentrums.

3. Die Durchführung eines internationalen Wettbewerbes zur Rekonstruktion und Entwicklung

des Stadtzentrums von Kaliningrad.

25. Juni 2005 Kaliningrad


223


Internationales Symposium Kaliningrad

224

Teilnehmer

eilnehmer

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Caroline Ahrens

D&K projektentwicklungsmanagement, Hamburg/Deutschland

Aleksey M. Arhipenko

OOO „+4”, Kaliningrad/Russland

Prof. Irina V. Belinceva

Institut für Kunst, Moskau/Russland

Prof. Dr. Dieter Biallas

Transparency International Deutschland (TI-D) /

Zweiter Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg a.D., Hamburg/Deutschland

Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Bloech

Universität Göttingen, Göttingen/Deutschland

Jochen Brandi † November 2005

Architekturbüro Jochen Brandi, Göttingen/Deutschland

Anna Brunow-Maunula

Architekturbüro Brunow & Maunula, Helsinki/Finnland

Ivan D. Chechot

PRO-RT Institut, St. Petersburg/Russland

Tatiana N. Chekalina

Kaliningrader Staatsuniversität, Kaliningrad/Russland

Natalia I. Chepinoga

OOO „Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

Uwe Drost

D&K projektentwicklungsmanagement, Hamburg/Deutschland

Julius Ehlers

AC-Planergruppe Julius Ehlers, Itzehoe/Deutschland

Alexandr I. Epifanov

Bundesinstitut der Architekten, Moskau/Russland

Vadim G. Eremeyev

Freier Architekt, Kaliningrad/Russland

Dr. Veniamin G. Eremeyev

„Rosproekt“, Kaliningrad/Russland

Prof. Gennadij M. Fedorov

Kaliningrader Staatsuniversität, Kaliningrad/Russland

Dr. Otto Flagge

Büro für kommunale Planungsberatung, Kiel/Deutschland

Flemming Frost

Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark


Konstantin K. Gimbitskiy

Regionalverwaltung, Verband der Stadtverwaltungen der Region Kaliningrad,

Kaliningrad/Russland

Sergej V. Gnedovskiy

Bund Russischer Architekten, Moskau/Russland

Pavel M. Gorbach

Freier Architekt, Kaliningrad/Russland

Jana Grabowski

D&K projektentwicklungsmanagement, Hamburg/Deutschland

Aleksey B. Gubin

Heimatkundeverein für die Region Kaliningrad, Kaliningrad/Russland

Valeriy D. Gubin

Gebietsverwaltung der Orel Region, Orel/Russland

Sergej A. Gulevskiy

OOO „+4”, Kaliningrad/Russland

Silvia S. Gurova

Internationale Abteilung im Bürgermeisteramt Kaliningrad, Kaliningrad/Russland

Hans-Heinrich Hansen

Stadtplanungsamt Kiel, Kiel/Deutschland

Dr. Andrej P. Klemeshev

Kaliningrader Staatsuniversität, Kaliningrad/Russland

Dr. Elke Knappe

Leibnitz-Institut für Länderkunde e.V., Leipzig/Deutschland

Tatiana L. Kondakova

Chefarchitektin der Stadtverwaltung Kaliningrad, Kaliningrad/Russland

Dr. Sergej M. Kopychina-Lorens

Institut „Kaliningradgrazhdanprojekt”, Kaliningrad/Russland

Dr. Valentin S. Korneyevets

Kaliningrader Staatsuniversität, Kaliningrad/Russland

Prof. Sergej D. Kozlov

Regional Duma, Kaliningrad/Russland

Olga V. Krasovskaja

NPF „Enco“, St. Petersburg/Russland

Dr. Vladimir R. Krogius

Institut für Wiederaufbau INRECON, Moskau/Russland

Dr. Helena G. Kropinova

Abteilung für soziokulturelle Dienste und Tourismus, Kaliningrader Staatsuniversität,

Kaliningrad/Russland

225


Internationales Symposium Kaliningrad

A. P. Kudrjavtsev

Architektur Akademie Russland, Moskau/Russland

Prof. Vladimir I. Kulakov

Institut für Archäologie der RAS, Moskau/Russland

Valeriy V. Kuzlianov

Stadtverwaltung Kaliningrad, Kaliningrad/Russland

Dr. Sergej V. Lebedihin

Freier Architekt, Kaliningrad/Russland

226

Teilnehmer

Daniel Luchterhandt

Technische Universität Hamburg-Harburg, Hamburg/Deutschland

Prof. Jury S. Matochkin

Regional Duma, Kaliningrad/Russland

Olga V. Mezej

OOO „Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

Dr. Werner Möller

Stiftung Bauhaus Dessau, Dessau/Deutschland

Alexander V. Nevezhin

Freier Architekt, Kaliningrad/Russland

Dmitriy Ofitserov

Abteilung für Internationale Beziehungen der Regionalen Verwaltung

Kaliningrad, Kaliningrad/Russland

Prof. Marcin Orawiec

OX2architekten, Aachen/Deutschland

Alexander V. Popadin

Freier Schriftsteller, Kaliningrad/Russland

Victor I. Pustovgarov

Gebietsverwaltung der Region Kaliningrad, Kaliningrad/Russland

Venzel T. Salachov

„AO BUDIMEX”, Kaliningrad/Russland

Alexa Saure

D&K projektentwicklungsmanagement, Hamburg/Deutschland

Yuriy A. Savenko

Bürgermeister von Kaliningrad, Kaliningrad/Russland

Anatolij N. Seljutin

Freier Architekt, Kaliningrad/Russland

Sergej V. Semencov

Institut für Forschung in St. Petersburg und dem Nordwest-Gebiet,

St. Petersburg/Russland


Prof. Sergej I. Sokolov

„Giprogor” Institut für Urbanistik, St. Petersburg/Russland

Prof. Sergej Y. Tsiplenkov

Kaliningrader Soziologie-Zentrum, Kaliningrad/Russland

Vjacheslav S. Uvarov

Institut „Kaliningradgrazdanprojekt”, Kaliningrad/Russland

Oleg I. Vasjutin

Freier Architekt und Stadtplaner, Kaliningrad/Russland

Jurij I. Zabuga

Freier Architekt, Kaliningrad/Russland

Elke Zlonicky

Büro für Stadtplanung, München/Deutschland

Prof. Peter Zlonicky

Büro für Stadtplanung, München/Deutschland

227


Internationales Symposium Kaliningrad

2. Vortrag – Olga V. Krasovskaja

1 | Der Generalplan

Keine Quellenangabe

2 | Der Flächennutzungsplan

Keine Quellenangabe

3. Vortrag – Dr. Werner Möller

1 | Entwurf einer Idealstadt aus dem Traktat von Filarete, um 1465

Quelle: Benevolo, L.: Die Geschichte der Stadt, Campus Verlag – Frankfurt a. M./New York,

8. Auflage, 2000, S. 577, Abb. 882

2 | Stadtzentrum von Siena

Quelle: Benevolo, L.: Die Geschichte der Stadt, Campus Verlag – Frankfurt a. M./New York,

8. Auflage, 2000, S. 350, Abb. 567

3 | Gründungsplan von Caracas, um 1560

Quelle: Benevolo, L.: Die Geschichte der Stadt, Campus Verlag – Frankfurt a. M./New York,

8. Auflage, 2000, S. 675, Abb. 1002

4 | Braunschweiger Residenzschloss vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg

Keine Quellenangabe

5 | Abriss des Braunschweiger Residenzschlosses, Aquarell von Karl Schmidt, 1960

Keine Quellenangabe

6 | Areal des ehemaligen Braunschweiger Residenzschlosses nach dem Abriss

Keine Quellenangabe

7 | Freiflächengestaltung um die Braunschweiger Schloss-Arkaden, 2004

Quelle: Stadt Braunschweig und ECE Projektmanagement GmbH &Co.KG

8 | Erdgeschossgrundriss der Braunschweiger Schloss-Arkaden, 2005

Quelle: Stadt Braunschweig und ECE Projektmanagement GmbH &Co.KG

9 | Computersimulation der Braunschweiger Schloss-Arkaden, 2003

Quelle: Stadt Braunschweig und ECE Projektmanagement GmbH &Co.KG

10 | Ausführungsmodell der Braunschweiger Schloss-Arkaden, 2005

Quelle: Stadt Braunschweig und ECE Projektmanagement GmbH &Co.KG

11 | ECE-Center Brünn (Tschechien), Eröffnung 2005

Quelle: ECE Projektmanagement GmbH &Co.KG

12 | ECE-Center Klagenfurt (Österreich), Eröffnung 2004

Quelle: ECE Projektmanagement GmbH &Co.KG

13 | ECE-Center Wetzlar (Deutschland), Eröffnung 2005

Quelle: ECE Projektmanagement GmbH &Co.KG

14 | Stadthäuser in Leipzig (Plagwitz), 2005

Eigene Aufnahme, 2005

15 | Stadthäuser in Leipzig (Schleusig), 2005

Eigene Aufnahme, 2005

16 | Stadthäuser in Leipzig (Schleusig), 2005

Eigene Aufnahme, 2005

228

Abbildungsnachweis

bbildungsnachweis

Abbildungsnachweis


4. Vortrag – Oleg I. Vasjutin

1 | I. Etappe: 1255

Quelle: Oleg I. Vasjutin, Kaliningrad/Russland

2 | II. Etappe: Ende des 13. bis Ende des 16. Jahrhunderts

Quelle: Oleg I. Vasjutin, Kaliningrad/Russland

3 | III. Etappe: Anfang des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts

Quelle: Oleg I. Vasjutin, Kaliningrad/Russland

4 | IV. Etappe: Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts

Quelle: Oleg I. Vasjutin, Kaliningrad/Russland

5 | V. Etappe: Erstes Drittel des 20. Jahrhunderts

Quelle: Oleg I. Vasjutin, Kaliningrad/Russland

6 | VI. Etappe: „Projektstadt“ Königsberg der 1930er Jahre

Quelle: Oleg I. Vasjutin, Kaliningrad/Russland

7 | VI. Etappe: „Projektstadt“ Kaliningrad der 1950er Jahre

Quelle: Oleg I. Vasjutin, Kaliningrad/Russland

8 | VII. Etappe: Zweite Hälfte bis Ende des 20. Jahrhunderts

Keine Quellenangabe

9 | Die Evolution Kaliningrads

Quelle: Oleg I. Vasjutin, Kaliningrad/Russland

5. Vortrag – Prof. Marcin Orawiec

1 | Rheinpark Süd – Perspektive bei Nacht

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

2 | Rheinpark Süd – Lageplan

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

3 | O.Vision – Perspektive

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

4 | O.Vision – Lageplan

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

5 | Schanzenstraße – Perspektive 1

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

6 | Schanzenstraße – Perspektive 2

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

7 | Schanzenstraße – Lageplan

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

8 | Wesseling – Schemaskizze

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

9 | Wesseling – Modell

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

10 | Wesseling – Lageplan

Quelle: OX2architekten, Aachen/Deutschland

229


Internationales Symposium Kaliningrad

230

Abbildungsnachweis

6. Vortrag – Prof. Irina V. Belinceva

1 | Königsberger Stadtplan von Jochim Bering, 1613

Keine Quellenangabe

2 | Fragment aus dem Epitaph – Königsberg in Gestalt von Jerusalem

Quelle: Jager, E., Schreiner, R.: Das alte Königsberg. Veduten aus 400 Jahren –

Regensburg-Grünstadt, 1987

3 | Königsberger Stadtplan von Suchodolez Mladschij, 1740

Keine Quellenangabe

4 | St. Petersburger Stadtplan von J.B.A. Leblond, 1717

Keine Quellenangabe

5 | Königsberger Katasterplan, 1815

Quelle: Kartensammlung des Herder-Instituts, Marburg

6 | Entwicklung der Fassadengestaltung in baltischen Küstenstädten, 14.-19. Jahrhundert

Quelle: Material Gdansk, Polen

7 | Portal der Königsberger Burg – Hofeingang in den Südteil, 1551

Keine Quellenangabe

8 | Portal des Hauses Nr. 27 in der Langgasse auf dem Kneiphof, Anfang 17. Jahrhundert

Keine Quellenangabe

9 | Wohnhaus in der Bergstraße, in der Königsberger Altstadt, Anfang 17. Jahrhundert

Keine Quellenangabe

10 | Wohnhaus auf der Junkerstraße auf dem Kneiphof, 1654

Keine Quellenangabe

11 | Königsberger Burgkirche, 1690

Keine Quellenangabe

12 | Grundriss der Königsberger Burgkirche, 1690

Keine Quellenangabe

13 | Königsberg mit Burgkirche im Hintergrund

Keine Quellenangabe

14 | Königsberger Rathaus auf dem Kneiphof, 1695

Keine Quellenangabe

15 | Deckengestaltung des Rathauses, 1696-1697, A. Schlüter

Keine Quellenangabe

16 | Fragment der Deckengestaltung im Rathaus, 1696-1697, A. Schlüter

Keine Quellenangabe

17 | Detail der Deckengestaltung, 1696-1697, A. Schlüter

Keine Quellenangabe

18 | Nachkriegsprojekt für das Kaliningrader Zentrum, 1950er Jahre

Keine Quellenangabe

7. Vortrag – Venzel T. Salachov

1 | Lineare Raumkarkasse Königsbergs, 1938

Quelle: AO BUDIMEX, Kaliningrad/Russland

2 | Lineare Raumkarkasse Kaliningrads, 1996

Quelle: AO BUDIMEX, Kaliningrad/Russland


3 | Ehemaliges Stadttor

Keine Quellenangabe

4 | Kompositionskarkasse Königsbergs, 1938

Quelle: AO BUDIMEX, Kaliningrad/Russland

5 | Kompositionskarkasse Kaliningrads, 1966

Quelle: AO BUDIMEX, Kaliningrad/Russland

6 | Königsberg, 1729

Keine Quellenangabe

7 | Dominante Karkasse Kaliningrads, 2005

Quelle: AO BUDIMEX, Kaliningrad/Russland

8. Vortrag – Prof. Gennadij M. Fedorov

1 | Ostsee-Anrainerstaaten

Keine Quellenangabe

2 | Region Kaliningrad, 2000-2010

Keine Quellenangabe

3 | Überegionale Verflechtungen Kaliningrads

Keine Quellenangabe

9. Vortrag – Prof. Sergej D. Kozlov

1 | Visualisierung der Christi-Erlöser-Kathedrale und des Einkaufszentrums „Kaliningrad-750”

Keine Quellenangabe

2 | Ehemaliges Haus der Technik

Keine Quellenangabe

3 | Vogelperspektive zum Bau der Christi-Erlöser-Kathedrale und des Einkaufszentrums

„Kaliningrad-750”

Keine Quellenangabe

4 | Vogelperspektive zur Visualisierung der Christi-Erlöser-Kathedrale und des

Einkaufszentrums „Kaliningrad-750”

Keine Quellenangabe

5 | Ausschnitt des Stadtplans

Keine Quellenangabe

6 | Ursprüngliches Gebäude des heutigen Lebensmittelmarktes

Keine Quellenangabe

11. Vortrag – Dr. Elke Knappe

1 | Kaliningrad, Wohn- und Industrieflächen 2002

Quelle: Knappe, E.: Kaliningrad aktuell (=Daten, Fakten, Literatur zur

Geographie Europas, H. 7), Leibniz-Institut für Länderkunde – Leipzig, 2004, S. 29

2 | Gebiet Kaliningrad, Wohnfläche

Quelle: Knappe, E.: Kaliningrad aktuell (=Daten, Fakten, Literatur zur

Geographie Europas, H. 7), Leibniz-Institut für Länderkunde – Leipzig, 2004, S. 58

231


Internationales Symposium Kaliningrad

232

Abbildungsnachweis

3 | Staatlicher Wohnungsneubau 2004

Quelle: Sozialno-ekonomiceskoe polo enie Kaliningradskoj oblasti v 2004 godu

(Die sozial-ökonomische Lage im Gebiet Kaliningrad 2004) – Kaliningrad, 2005, S. 130

4 | Anteile ausländischer Direktinvestitionen 2004

Quelle: Sozialno-ekonomiceskoe polo enie Kaliningradskoj oblasti v 2004 godu

(Die sozial-ökonomische Lage im Gebiet Kaliningrad 2004) – Kaliningrad, 2005, S. 47

5 | Anteil ausländischer Investitionen nach Ländern 2004

Quelle: Sozialno-ekonomiceskoe polo enie Kaliningradskoj oblasti v 2004 godu

(Die sozial-ökonomische Lage im Gebiet Kaliningrad 2004) – Kaliningrad, 2005, S. 52

6 | Straßennetz der Ostseeregion

Quelle: Knappe, E.: Kaliningrad aktuell (=Daten, Fakten, Literatur zur

Geographie Europas, H. 7), Leibniz-Institut für Länderkunde – Leipzig, 2004, S. 37

7 | Gütertransportaufkommen nach Verkehrsträgern 2004

Quelle: Sozialno-ekonomiceskoe polo enie Kaliningradskoj oblasti v 2004 godu

(Die sozial-ökonomische Lage im Gebiet Kaliningrad 2004) – Kaliningrad, 2005, S. 20

8 | Gebiet Kaliningrad – Euroregionen

Eigene Darstellung

12. Vortrag – Flemming Frost

1 | Q-Buch 1

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

2 | Q-Buch 2

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

3 | Randers Kaserne 1

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

4 | Randers Kaserne 2

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

5 | Analyse des Binnenhafens von Kopenhagen 1

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

6 | Analyse des Binnenhafens von Kopenhagen 2

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

7 | Porcelænshaven Residence 1

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

8 | Porcelænshaven Residence 2

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

9 | Bergen Sjöfront 1

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

10 | Bergen Sjöfront 2

Quelle: Juul and Frost architects, Kopenhagen/Dänemark

13. Vortrag – Dr. Otto Flagge

1 | Kieler Förde

Quelle: Planungsmaterialien des Stadtplanungsamtes der Landeshauptstadt Kiel


2 | Ausmaß der Zerstörung in Kiel nach dem Zweiten Weltkrieg

Quelle: Planungsmaterialien des Stadtplanungsamtes der Landeshauptstadt Kiel

3 | Zerstörte Kieler Innenstadt

Quelle: Jensen, J.: Kieler Zeitgeschichte im Pressefoto, Wachholtz Verlag –

Neumünster, 1984

4 | Freiflächen mit provisorisch gepflanzten Bäumen

Quelle: Jensen, J.: Kieler Zeitgeschichte im Pressefoto, Wachholtz Verlag –

Neumünster, 1984

5 | Anpassung der Stadtstruktur (Blick vom Bahnhof nach Norden)

Quelle: Planungsmaterialien des Stadtplanungsamtes der Landeshauptstadt Kiel

6 | Die Maschinenfabrik Buckau-Wolf, 1963

Quelle: Jensen, J.: Kieler Zeitgeschichte im Pressefoto, Wachholtz Verlag –

Neumünster, 1984

7 | Waterfront Kiel – Stadt ans Wasser

Quelle: Planungsmaterialien des Stadtplanungsamtes der Landeshauptstadt Kiel

8 | Masterplan Hörn

Quelle: Planungsmaterialien des Stadtplanungsamtes der Landeshauptstadt Kiel

9 | Ansichtsskizze Masterplan Hörn

Quelle: Planungsmaterialien des Stadtplanungsamtes der Landeshauptstadt Kiel

10 | Hörnbrücke mit Blick auf den Hauptbahnhof Kiel

Quelle: Planungsmaterialien des Stadtplanungsamtes der Landeshauptstadt Kiel

11 | Promenade mit Blick auf Hörn-Campus

Quelle: Planungsmaterialien des Stadtplanungsamtes der Landeshauptstadt Kiel

12 | Hörn-Campus

Quelle: Planungsmaterialien des Stadtplanungsamtes der Landeshauptstadt Kiel

14. Vortrag – Olga V. Mezej

1 | I. Etappe: Feststellung/Fixierung

Quelle: OOO “Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

2 | II. Etappe: Drei Städte mit Rathäusern, mit einem Haupthandelsplatz und einem

geistlichem Zentrum

Quelle: OOO “Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

3 | III. Etappe: 1724 – 1866

Quelle: OOO “Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

4 | IV. Etappe: Nach 1912

Quelle: OOO “Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

5 | IV. Etappe: Radiale Ringstruktur, historischer Zentralkern, lineare gegenwärtige Zentren

Quelle: OOO “Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

6 | V. Etappe: Nach der Kriegszerstörung 1960er Jahre

Quelle: OOO “Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

7 | VI. Etappe: 1970er Jahre

Quelle: OOO “Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

8 | Luftbild mit Kneiphof

Keine Quellenangabe

233


Internationales Symposium Kaliningrad

234

Abbildungsnachweis

9 | Probleme des gegenwärtigen Zustandes des Kaliningrader Stadtzentrums

(VII. Etappe. 20./21. Jahrhundert)

Quelle: OOO “Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

16. Vortrag – Daniel Luchterhandt

1 | Eine Stadt im Umbruch – umfassende Sanierung der städtischen Infrastruktur

Keine Quellenangabe

2 | Es geht nicht alles von jetzt auf gleich: Transformation braucht Zeit

Keine Quellenangabe

3 | Alte Erlebniswelt in neuem Glanz: Die Passage am Nevskij Prospekt

Keine Quellenangabe

4 | Neue Erlebniswelten und neuer Luxus: ein neues Shopping-Center an der Metro-Station

Vladimirskaja

Keine Quellenangabe

5 | „Wie lange geht das noch so weiter?”: Eine Wohnung bedeutet die Aufwertung der

Lebensverhältnisse

Keine Quellenangabe

6 | Neue Perspektiven des Wohnens: Die Nachfolger des Plattenbaus

Keine Quellenangabe

7 | Der Pass zur Mitgliedschaft in der Zivilgesellschaft

Keine Quellenangabe

8 | „Gemeinsam schaffen wir alles” – werben für ein blindes Vertrauen in autoritäre Strukturen

Keine Quellenangabe

9 | Projekt Kvartal 130: Integrierte Erneuerungsleistung schafft neue Qualitäten im

Stadtzentrum

Keine Quellenangabe

10 | Hoheitliche Planung: Die Sanierung des Heumarktes hat Verbesserungen gebracht

Keine Quellenangabe

11 | Sennaja Ploshad – der lebendigste Platz der Stadt

Keine Quellenangabe

12 | Tief verwurzelt: Peter der Große als Idealfigur eines Masterplaners von St. Petersburg

Keine Quellenangabe

13 | Maximale wirtschaftliche Verwertung zu Lasten von hochwertigen Wohn- und

Lebensqualitäten

Keine Quellenangabe

14 | Das Projekt „Morskoij Kaskad und Morskoij Fasad”

Keine Quellenangabe

15 | Projekt Mariinksij II

Keine Quellenangabe

16 | Stärker auf die kommenden Generationen setzen: Sich nicht nur äußerlich zum Wandel

bekennen!

Keine Quellenangabe


17. Vortrag – Jochen Brandi und Andrej Derbenkov

1 | Der Kneiphof, die Stadtinsel mit dem Dom am Fluss Pregel

Keine Quellenangabe

2 | Blick auf die Stadtinsel Kneiphof, Kaliningrad um 2000

Keine Quellenangabe

3 | Der Kneiphof im historischen Stadtgrundriss vor 1945

Keine Quellenangabe

4 | Der „neue Kneiphof”, eine kritische Rekonstruktion des alten Stadtgrundrisses

Keine Quellenangabe

5 | Skizze eines Schnittes

Keine Quellenangabe

18. Vortrag – Prof. Peter Zlonicky

1 | Die große Nord-Süd-Achse und die „Halle des Volkes” nach den Planungen

von Albert Speer (1941)

Quelle: Durth, W.: „Deutsche Architekten”

2 | Grundriss der Innenstadt vor den Kriegszerstörungen

Eigene Darstellung

3 | Grundriss der Innenstadt nach der Wiedervereinigung

Eigene Darstellung

4 | Aktueller Grundriss der Innenstadt

Eigene Darstellung

5 | Brandenburger Tor 2005, Bilder des zerstörten Platzes 1945

Eigene Aufnahme, 2005

6 | Programmatik der behutsamen Stadterneuerung für den Stadtteil Kreuzberg

Eigene Darstellung

7 | Berlin Studie, Strategien für die Stadt; Titelblatt der Veröffentlichung

Eigene Reproduktion

8 | Öffentlicher Raum Unter den Linden; Titelblatt einer Veröffentlichung der

Senatsverwaltung, ca. 1996

Eigene Reproduktion

9 | Die Mauer als Kunstwerk und Erinnerung

Eigene Aufnahme, 2003

10 | Neue Bebauung am Potsdamer Platz

Eigene Aufnahme, 2003

11 | Die historische Mitte der Stadt; Titelblatt einer Werbebroschüre

Eigene Reproduktion

12 | Die neue Akademie der Künste an ihrem alten Standort, Pariser Platz 4

Eigene Aufnahme, 2005

13 | Das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa

Eigene Aufnahme, 2005

235


Internationales Symposium Kaliningrad

236

Abbildungsnachweis

14 | Die Stolpersteine: Erinnerung vor den Haustüren an die vertriebenen und ermordeten

Bewohner

Quelle: Nina Zlonicky, 2005

15 | Das Symposium in Kaliningrad

Quelle: Elke Zlonicky, 2005

19. Vortrag – Anna Brunow-Maunula

1 | Helsinki 1877, Gemälde von Oskar Kleineh

Keine Quellenangabe

2 | Helsinki Masterplan 2001

Quelle: Stadtplanungsbehörde Helsinki

3 | Verkehr 1986-2004

Quelle: Stadtplanungsbehörde Helsinki

4 | „Säteri” Plattenbau

Keine Quellenangabe

5 | „Arabia” Wohnblock

Quelle: Jussi Tiainen

6 | Die Bibliothek in Kuusankoski

Quelle: Jussi Tiainen

7 | Staatliches Bürogebäude

Quelle: Jussi Tiainen

8 | Der Stadtplanungsprozess

Quelle: Stadtplanungsbehörde Helsinki

9 | Myyrmäki Kirche

Keine Quellenangabe

10 | Der Aussichtsturm im Zoo von Helsinki

Quelle: Jussi Tiainen

Die Herausgeberinnen haben sich bis Produktionsschluss intensiv bemüht, alle Inhaberinnen

und Inhaber von Abbildungsrechten ausfindig zu machen. Personen und Institutionen, die möglicherweise

nicht erreicht wurden und Rechte an verwendeten Abbildungen beanspruchen,

werden gebeten, sich nachträglich mit den Herausgeberinnen in Verbindung zusetzen.


237


Internationales Symposium Kaliningrad

mpressum

Impressum

Herausgeber/Veranstalter

Stadtverwaltung Kaliningrad, Verwaltung für Architektur und Städtebau, Kaliningrad/Russland

Öffentlicher Verband „Kaliningrader Kulturkontakte”, Hamburg/Deutschland

Konzept/Gestaltung

D&K projektentwicklungsmanagement

Hohe Brücke 1 / Haus der Seefahrt

D-20459 Hamburg

Telefon 0049 40 36 09 84-0

Fax 0049 40 36 09 84-11

E-Mail info@drost-klose.de

Uwe Drost, Alexa Saure, André Westendorf

OOO „Nikor Projekt” GmbH

236006, g. Kaliningrad,

Moscowski Prospekt 12

Telefon 007 401 34 22 93

Fax 007 401 34 20 52

E-Mail mezey@mail.ru

Olga Mezej, Dr. Helena Kropinova, Venzel Salachov

Organisation/Redaktion

D&K projektentwicklungsmanagement, Hamburg/Deutschland

Uwe Drost, Alexa Saure, Anniki Stuhr, André Westendorf

OOO „Nikor Projekt” GmbH, Kaliningrad/Russland

Olga Mezej, Natalia Chepinoga

Stadtverwaltung, Kaliningrad/Russland

Tatiana Kondakova, Valeriy Kuzlianov

Kaliningrader Staatsuniversität, Kaliningrad/Russland

Gennadij Fedorov, Dr. Helena Kropinova

Freie Architekten, Kaliningrad/Russland

Venzel Salachov, Oleg Vasjutin, Jurij Zabuga

Freie Lektoren, Kaliningrad/Russland

N. Martynjuk, A. Sokolova

238

Impressum


Übersetzung

Russisch-Deutsch/Deutsch-Russisch

Margarita Beck, Elena Depken, Elena Gordeeva, Zanna Glotova, Jana Grabowski,

Olga Peteshova, Vladimir Ryzkov

Russisch-Englisch

Natalja Andreeva, Elena Kostyk, Anna Samojlova

Deutsch-Englisch/Englisch-Deutsch

Caroline Ahrens

Fotografien

Olga Mezej, Venzel Salachov, Alexa Saure, Natalja Yagunov, Prof. Peter Zlonicky

Anmerkung zur Verteilung

Diese Broschüre wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der Stadtverwaltung Kaliningrad

herausgegeben. Diese Broschüre darf weder von den Parteien noch von deren Kandidaten und

Helfern während des Wahlkampfes zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt

für alle Wahlen. Missbräuchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an

Informationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer

Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist auch die Weitergabe an Dritte zur Verwendung

bei der Wahlwerbung. Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl darf die

vorliegende Broschüre nicht so verwendet werden, dass dies als Parteinahme der Herausgeber

zugunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden kann. Diese Beschränkungen gelten

unabhängig vom Vertriebsweg, also unabhängig davon, auf welchem Wege und in welcher

Anzahl diese Informationen dem Empfänger zugegangen sind.

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