Wunsch und Wirklichkeit Mechthild Dyckmans auf Hof Fleckenbühl

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Wunsch und Wirklichkeit Mechthild Dyckmans auf Hof Fleckenbühl

6 HAUS UND HOF DIE FLECKENBÜHLER 1. AUSGABE 2011

Ein Tag mit Monica

„Ach du Schreck“, entfährt es Monica, als sie um kurz vor halb acht die Tür zum Laden öffnet

Vor ihr türmt sich ein kleines

Gebirge aus Obst-, Gemüse- und

Getränkekisten, Dosen, Tüten

und Kartons – die Lieferung ist

da!

Natürlich hat sie das alles selber

bestellt, aber wenn es jetzt so vor

ihr steht, heißt das vor allem: viel

Arbeit. Es muss kontrolliert und

geprüft und einsortiert werden.

Dabei werden die Regale durchgeschaut

nach abgelaufener Ware

und fehlenden Beständen.

Das macht Monica nicht alleine,

drei Leute helfen ihr. Ahmed ist

schon länger dabei, er macht bei

uns eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann,

Sandra ist erst

drei Monate bei uns und Robert

ist aus der Jugendeinrichtung in

Leimbach zu uns gekommen, um

etwas zu lernen.

„Das Anlernen der Praktikanten ist

nicht einfach für mich“, sagt Monica

„ich bin ja keine Pädagogin,

und ich bin für den Laden verantwortlich.

Oft muss ich Sachen noch

einmal kontrollieren.“

Aber alle Mitarbeiter müssen beschäftigt

werden.

Um acht Uhr: kurze Arbeitsbesprechung.

Monica teilt ein: Ahmed ist

für Käse und Wurst verantwortlich

und bedient die Kunden heute

Morgen, Sandra und Robert räumen

ein und Monica prüft die

Lieferung.

„Wann kommen denn wieder

Bratwürste?“ ruft Ahmed nach

hinten. „Müssen wir bestellen“,

antwortet Monica, schaut kurz von

Monica ist begeistert von den Backwaren aus unserer Vollkornbäckerei.

ihren Listen auf und macht sich

eine kurze Notiz.

„Wir haben einen Hauptlieferanten“,

sagt sie „mit dem arbeiten wir

schon jahrelang zusammen. Aber

natürlich klappt nie alles reibungslos.

Dann muss ich rückfragen,

warum was fehlt und wann wir es

haben können, und ich lehne auch

mal was ab, wenn die Qualität

nicht stimmt.“

Monica leitet unseren Naturkostladen

seit Anfang des Jahres. Als sie

mit Drogen aufhörte und zu den

Fleckenbühlern kam, hat sie schon

einmal in Frankfurt im Laden gearbeitet.

Dann ging sie wegen ihres Freundes

nach Fleckenbühl, jetzt ist sie

zurückgekehrt. Bedient hat Monica

schon immer. Gleich nach der

Schule fing sie an, in einer Bar zu

arbeiten, in Venedig, ihrer Heimatstadt.

Sie hatte sogar mal ein eigenes

Café. Aber als die Drogen anfingen

ihr Leben zu bestimmen,

ging das irgendwann nicht mehr.

„Ring“ geht zwischendurch immer

wieder die Klingel. Dann betritt

ein neuer Kunde den Laden.

Ahmed kann nicht alle Kunden

alleine bedienen. Die Leute, die bei

uns kaufen, erwarten auch eine

Beratung, da muss man sich auch

mal Zeit nehmen. Monica flitzt

zwischen Kuchentheke und Kasse

hin und her. „Das würde ich gern

anders machen“, sagt sie, „ich

möchte mal wissen, wie viele Kilometer

ich hier am Tag zurücklege.“

Dann geht wieder das Telefon. Ob

im Laden noch Milch ist, im Haus

fehlt sie. Natürlich, Robert!

Monica weiß, wie ein Regal eingeräumt

wird, damit der Kunde

sich zurechtfindet, das kann Robert

noch nicht kennen, und natürlich:

Das MHD, das Mindesthaltbarkeitsdatum,

immer darauf achten!

Wenn Robert rübergeht wegen der

Milch, soll er gleich nachfragen

wegen des Mittagessens.

Im Laden wird – auf Anfrage – ein

Mittagessen angeboten. Es wird in

unserer Küche zubereitet und dann

in Wärmebehältern rübergebracht

und im Laden serviert.

„Das ist was Neues“, sagt Monica,

„kochen können wir hier nicht,

aber die Kunden haben immer

wieder gefragt, so können wir einen

Mittagstisch anbieten und gleichzeitig

sehen unsere Kunden, was

man aus unseren Sachen so alles

kochen kann.“

Damit kommt natürlich mehr Arbeit

auf Monica zu. Von zehn Anrufen

am Vormittag sind bestimmt

die Hälfte Essensbestellungen.

Die Produkte im Laden sind eher

einfache, unverfälschte Lebensmittel,

aber es gibt auch „Regenwetter-Tee“,

„Wohlfühl-Tee“ oder

„Grüner Engel“ und zum Valentinstag

hat die Käserei in Fleckenbühl

Weichkäse in Herzform produziert.

Alle Produkte tragen ein Bio-Siegel,

die meisten das Demeter-Siegel, so

wie die Waren, die vom Hof

Fleckenbühl kommen, geduldig

klärt Monica einen Kunden auf.

„Nein, die Eier sind nicht vom

Hof“, aber natürlich auch Bio, aber

Käse, Fleisch und Wurst werden

auf dem Hof erzeugt und das Brot

und die Kuchen in der Fleckenbühler

Bäckerei gebacken, mit dem

Laden Tür an Tür. Bei Fleisch fällt

Monica die Bratwurst ein, aber

schon betritt ein neuer Kunde den

Laden, und dann kommt auch

schon das Mittagessen.

Nach dem Mittag hat Monica Pause

– bis vier Uhr. Das ist natürlich

eine willkommene Gelegenheit,

Sachen einzuräumen in ihrem neuen

Zimmer, das sie im Haus in

Frankfurt bezogen hat und einmal

kurz die Augen zuzumachen. Damit

ist es spätestens um zwei

wieder vorbei, das Haus ist wegen

des Umbaus eine Baustelle. Sie

springt noch kurz in die Drogerie,

und als sie an der Metzgerei vorbeiläuft,

fällt sie ihr wieder ein:

Die Bratwurst!

Die Bestellung muss noch gemacht

werden, aber im Laden ist Hochbetrieb.

Trotzdem ist immer ein

Gespräch mit den Kunden möglich.

Kochrezepte werden weitergegeben:

„Diesen Spitzkohl in Olivenöl

andünsten, dann nur Salz

und Pfeffer – phantastisch!“ Und

natürlich wird ein Scherz mit den

Kindern gemacht.

Als ein Kunde das letzte Stück

Apfelkuchen kaufen will und eine

Dame neben ihm eine enttäuschtes

Stöhnen von sich gibt, verzichtet

er als Gentleman – doch nicht ohne

sich dafür mit Kreppeln (so heißen

in Frankfurt die Berliner) und Marmorkuchen

eingedeckt zu haben.

„Was wollt isch dann jetzt noch

kaufe“, kommt ein Kunde herein

– „Na, da schaun Sie sich einfach

mal um!“

Um halb sechs ist es merklich ruhiger.

„Ich versteh gar nicht, wie

man sich langweilen kann im Laden,

ich finde immer was zu tun“,

sagt Monica, und mitten im Putzen

und Arrangieren: „Die Bratwurst!“

„Gott sei Dank“ sagt sie nach dem

Anruf in Fleckenbühl, der Lieferfahrer

bringt morgen ganz früh

welche mit.

Unterstützung ist wichtig in der

Gemeinschaft. „Am Wochenende

eröffnet die neue Käserei in

Fleckenbühl und Leute haben angeboten,

mich hier zu vertreten,

ich brauchte gar nicht zu fragen!“

Natürlich werden auch noch die

letzten Kunden bedient, doch ab

sieben wird langsam aufgeräumt,

abgespült, dann werden die verderblichen

Sachen weggepackt und

abgedeckt. „Wer jetzt noch kommt,

kriegt natürlich noch was, aber ich

kann am Schluss nicht alles auf

einmal machen.“

Zum Schluss wird der Z-Bon mit

den Tageseinnahmen gezogen und

das Geld weggepackt. Es ist kurz

vor acht, als Monica den Laden

verlässt.

Die große Auslage zur Straße ist

noch beleuchtet und manchmal

bleibt sogar abends noch jemand

stehen, dem die gefilzten Teddybären

besonders gut gefallen.

Monica geht noch aufs Spiel und

am Ende wird sie gefragt, wie es

ihr denn hier gehe im Laden in

Frankfurt. Tiefer Seufzer: „Ach,

eigentlich geht es mir ganz gut, es

gefällt mir.“

ULRICH RADHÖFER

Foto: Marcus Heil

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