Praxisbeispiele – GBM Wohnen - Diakonie Dresden

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Praxisbeispiele – GBM Wohnen - Diakonie Dresden

Liebe Anwender, liebe Gäste,

Praxisbeispiele stehen in der Gefahr, schnell langweilig zu werden. Jeder von uns

hat gelernt, mit der Vielschichtigkeit des GBM auf seine Weise und den

spezifischen Gegebenheiten seiner Einrichtung entsprechend umzugehen und in

einer guten Weise angepasste Lösungen gefunden. Deshalb möchte ich meinen

Beitrag zum Einstieg des heutigen Tages thematisch etwas erweitern und in aller

Kürze versuchen einen Bogen zu schlagen, der mit Blick auf die folgenden

Referate die Entwicklung des GBM in unserer Einrichtung mit den sächsischen

Rahmenbedingungen und nicht zuletzt der Geschichte unserer Anwendertreffen

verbindet.

Falls jemand an mir den typisch sächsischen Dialekt vermisst: Das Martinshof

Rothenburg Diakoniewerk liegt etwa 120 km östlich von Dresden, direkt an der

deutsch polnischen Grenze. Den Ausführungen Herrn Stoltes vom gestrigen Tag

zufolge also direkt am Fuße des Urals. Unsere Region hat eine bewegte

Geschichte und nicht wenige Geschichtsversierte meinen, dass es ihr immer dann

schlecht ging, wenn sie der sächsischen Verwaltung unterstand. Legt man die

durchschnittlichen Vergütungssätze für die sächsischen Einrichtungen zu Grunde,

findet sich diese Einschätzung bestätigt. Eine vergleichende Studie von 2006

aktuellere Zahlen ließen sich leider nicht recherchieren sieht Sachsen bei den

durchschnittlichen Entgeltsätzen als Schlusslicht. Aber trotz bescheidener

Voraussetzungen wird in unserer Einrichtung hervorragende Arbeit geleistet. Aus

meiner Sicht hat das unmittelbar mit dem GBM als fachlicher Grundlage zu tun.

Und wer weiß, vielleicht ist der heutige Tag ja der Beginn einer wunderbaren

Freundschaft. Herr Egloff vom Amt für Soziale Sicherheit des Kantons Solothurn

in der Schweiz hat uns im vergangenen Jahr bei der Stiftung Scheuern in Nassau

an der Lahn ja sehr lebendig vermittelt, wie eine zukunftsweisende


Zusammenarbeit zwischen Verwaltungen und Einrichtungen aussehen kann. Nun,

in Sachsen haben wir da noch ein Stück Weg vor uns.

Erlauben Sie mir, dass ich mit meiner Darstellung im Jahr 1990 beginne, dem

Jahr, als sich hier in diesem Festsaal der sächsische Landtag konstituierte und in

der Folge die Rahmenbedingungen sächsischer Sozialpolitik entwickelte. Zu

dieser Zeit bestand der Wohnstandard in dem Haus, in dem ich damals arbeitete

aus 7 Mann Zimmern, in denen außer den Betten nur noch je ein Hocker zum

Ablegen der Kleidung stand der alte Wilhelmshof; Hr. Schnabel, vielleicht

erinnern Sie sich noch daran. Vergleichbar sah es vielerorts aus. In den neunziger

Jahren stellte das Staatsministerium daher viel Geld für die stationäre

Behindertenhilfe zur Verfügung, um die Wohnbedingungen der

Heimmindestbauverordnung gerecht zu machen. Manche Bauvorgaben waren

dabei allerdings wenig zukunftsträchtig. Eine geplante 48-ger Wohnstätte musste

auf 60 Plätze aufgestockt werden und noch 2002 eröffneten wir ein Haus mit

mehrheitlich Doppelzimmerplätzen. Nun, es ist bekannt dass in den 90ger Jahren

nicht wenige Westbeamte der 3., 4. und 5. Garnitur ihr Unterkommen in

ostdeutschen Verwaltungen fanden betrachten wir es als unseren Beitrag zum

Solidarpakt.

Ich erwähne die Ausgangssituation aus zwei Gründen:

Zum einen diskutierte die Fachwelt zu diesem Zeitpunkt bereits über

Deinstitutionalisierung und Ambulantisierung. Doch nach Abschluss dieses

gewaltigen, auf stationäre Betreuung ausgerichteten Bauprogramms setzte das

Land Sachsen seine Prioritäten in der Folge in anderen Bereichen. Für eine

Anschubfinanzierung Ambulanter Dienste wie in anderen Bundesländern stand

vergleichsweise wenig Geld zur Verfügung.


Zum anderen hatten unsere Mitarbeitenden in den Neunzigern im wahrsten

Sinne des Wortes schlichtweg an mehreren Baustellen zu arbeiten GBM war

eben nur eine unter vielen.

In der 2. Hälfte der 90-ger Jahre hatte auch in Sachsen die Auseinandersetzung

mit dem GBM-Verfahren begonnen. Das Diakonische Amt Radebeul richtete dazu

damals eine Koordinierungsstelle ein, die es insbesondere den kleineren

Einrichtungen ermöglichen sollte, gemeinsam am Verfahren zu partizipieren.

Daraus erwuchs das damals 3. Anwendertreffen in Kleinwachau, dem heutigen

Sächsisches Epilepsiezentrum Radeberg. Wir hören nachher Herrn Mittmann als

Vertreter dieser Einrichtung. Wer noch einmal nachlesen möchte, mit welchen

Fragen wir uns damals beschäftigten, ich habe hier den alten Tagungsreader.

Noch deutlich steht mir vor Augen, wie Prof. Haisch seinerzeit von Manfred

Ramoth (Manfred, wo bist du heute Morgen?) nach der Veröffentlichung seines

Buches gefragt wurde. … Ihre Reaktion zeigt, dass manches nicht an Aktualität

verliert.

Aus Gründen, auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte, hatte das

Koordinierungsprojekt keinen langen Bestand. Unsere Einrichtung wurde

freundlich in der Brandenburger Regionalgruppe stellvertretend nenne ich

Marianne Kowoll und Heike Buzek aufgenommen. Seit etwa 2 Jahren gibt es

eine gemeinsame Regionalgruppe Ost mit mehreren kernsächsischen

Einrichtungen. Und zu einem Teil ist das diesjährige Anwendertreffen auch Frucht

dieser Regionalgruppenarbeit.

Aber zurück: Damals lernten wir zunächst einmal den FIL zu verstehen und

erhoben einen FOB ernüchternd angesichts der hinterlegten Vergleichssätze;

wer es selbst einmal gemacht hat, weiß was ich meine. Aber bereits damals

konnte das GBM etwas leisten, was heute aktueller denn je durch die UN


Behindertenrechtskonvention von uns gefordert wird: personenzentrierte

Hilfeplanung einschließlich der Bemessung der erforderlichen Ressourcen.

Die Fehler und Erfahrungen in unserer Einrichtung sind sicher vergleichbar mit

denen vieler Anderer; frustrierend und ernüchternd damals, im Rückblick aber

eher eine unbeschwerte Zeit. 2004 trafen wir uns in Brandenburg zum vorerst

letzten Anwendertreffen in Ostdeutschland. Klaus Ehrmann eröffnete die Tagung

mit den Worten: „Die Familie ist wieder zusammengekommen“, und beschrieb

damit meines Erachtens treffend den Geist unserer damaligen Treffen. Zu diesem

Anwendertreffen konnte ich auch den Sozialdienst unserer Werkstätten

gewinnen; auf Grund des ausgeprägten pädagogischen Anspruchs konnte sich die

WfbM in der Folge aber nicht zu einer Einführung durchringen. Dafür entstanden

in den folgenden Jahren andere Anwendungsmöglichkeiten, dazu komme ich

gleich.

2005 trafen wir uns in Schwäbisch Hall. Inzwischen verdunkelten Metzler

Wolken die heitere GBM Landschaft. Warum diese Art der

Hilfebedarfsbemessung nicht zukunftsträchtig ist, muss ich in diesem Gremium

nicht erläutern. Prof. Haisch hat damals einen Konvertierungsmodus entwickelt

und uns vorgestellt. Das Zauberwort hieß Äquiperzeptilverfahren; der Begriff ist

mir noch gegenwärtig, inhaltlich kann ich es nicht mehr nachvollziehen. Werner

Nauerth hat später eine Konvertierung für uns Normalsterbliche entwickelt.

Sachsen hat erst 2009 im größeren Stil mit der Umstellung nach HMB-W

begonnen; unter der besonderen Maßgabe, dass budgetneutrale Umstellung sich

nicht auf die Einrichtung, sondern auf das Gesamtbudget des Kommunalen

Sozialverbandes bezieht. Indessen arbeiten die ersten Bundesländer angesichts

der unbehebbaren Mängel wieder an der Abschaffung von Metzler. Die

sächsische Diakonie hat lange Widerstand geleistet, stand aber zunehmend

isoliert da und die Reihen begannen zu bröckeln.


Immerhin ist es uns gelungen, mit den technischen Möglichkeiten des

Behindertenhilfeassistenten den Aufwand der Umstellung abzufedern. Nun leben

wir wie viele Andere auch im Spannungsfeld zwischen Metzler Erhebung und

GBM - Verfahren, Fr. Kern von Diakoniesozialwerk Lausitz wird zu diesem Thema

heute einen Workshop anbieten.

Den Behindertenhilfeassistenten als technisches Instrument zur Umsetzung des

GBM Verfahrens habe ich eben bereits erwähnt. Unsere Einrichtung arbeitet

seit gut 8 Jahren mit der Software und bei allen Schwierigkeiten und

Verbesserungspotentialen ist es m.E. an der Zeit, dem Team der Systema (ich

sehe da hinten Herrn von Tomkewitsch) einmal für die geleistete Arbeit zu

danken. Auch durch die Innovation des BA

arbeiten unsere Tagesstätten heute mit einem eigenen FIL,

dokumentieren die Ambulanten Dienste ihre Leistungserbringung, auch

wenn sie angesichts der Vorgaben des Kommunalen Sozialverbandes den

Hilfebedarf nicht auf der Grundlage des Modells der Lebensformen erheben,

evaluiert unsere Wohnpflegeeinrichtung nach SGB XI die Zielverwirklichung

ihrer heilpädagogischen Arbeit

und führt der Intensivpädagogische Bereich systematisch seine

Aufzeichnungen zu Besonderem Betreuungsbedarf und Krisenintervention.

Freilich stößt das Programm damit nicht selten an seine Grenzen und gern hätten

wir Ihnen heute die Umstellung auf das neue Programm P&D vorgestellt. Aber

das Controlling unseres Trägers hat festgestellt, dass das nicht erforderlich ist.

Damit ist belegt, dass das Modell der Arbeitsweise sozialer Organisationen als

Bestandteil des GBM nicht an Aktualität verloren hat.

Dennoch spielen Struktur- und Teammodell sowie das Modul zum Persönlichen

Stil bei der täglichen Arbeitsgestaltung in unserer Einrichtung weniger eine Rolle.


Vorrangig nutzen wir das Modell der Lebensformen, um Betreuungsplanungen,

zukünftig vielleicht besser Teilhabeplanungen zu erstellen. Wohnstätten,

Tagestätten bzw. WfbM treffen sich turnusmäßig, nach Möglichkeit mit dem

betroffenen Menschen und der gesetzlichen Betreuung zu Fachgesprächen, um

Leistungen abzugleichen und weiterzuentwickeln.

Das Gesamtplanverfahren ist in Sachsen längst nicht so weit entwickelt. Die

derzeit meines Erachtens eher formal proklamierte Selbstbestimmung lässt sich

durchaus auch als Zementierung der Unkenntnis bei Privatfernsehen und

Fertigpizza verstehen, aller Ambulantisierung zum Trotz oder auch gerade

deswegen.

Unser Hilfeplanungsverfahren misst sich an den Wünschen und Bedürfnissen der

Betroffenen; nicht als Selbstzweck, sondern als Medium neuer Erfahrungen,

lebenslangen Lernens und persönlicher Reife. Insofern kann es nicht befriedigen,

die Lebenssituation von Menschen in Leistungstypen und Hilfebedarfsgruppen zu

verwalten. Wir haben den Anspruch, das Konzept und das Know-how,

Lebensqualität zu gestalten. Das ist mehr.

Was die Zukunft des GBM in unserer Einrichtung betrifft: Seit 2010 ist unser

Fachbereich nach ISO 9001 zertifiziert. Das GBM ist seitdem als fachliche

Grundlage des Prozessmanagements festgeschrieben. Wir kommen also nicht

davon los - in Freud und Leid.

Lieber Klaus, wenn ich es ordentlich als Zitat kennzeichne, lass mich deinen

Ausspruch noch einmal verwenden: Die Familie ist wieder zusammengekommen.

Schön, dass dieses Mal so viele Martinshöfer dabei sind.

Euch ein großes Dankeschön für das gemeinsame Ringen und Reiben in all den

Jahren und allen hier jetzt vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

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