Das Dokument des Grauens - Band 1 - Als der Horror laufen lernte

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Das Dokument des Grauens - Band 1 - Als der Horror laufen lernte

2. Eine kurze Reise durch die Zeit Mit dem Hexenwahn haben wir auch einen Wendepunkt in der Vorgeschichte des Horrors als Erzählform erreicht: Hier ist es erstmals soweit, dass der Kontakt mit wahrlich grausamen Vorgängen und Furcht einflößenden Gedankenspielen nicht nur einer Minderheit oder bestimmten Gesellschaftsgruppen vorbehalten war, sondern alle Menschen im europäischen Kulturkreis erreichte. Der Weg zu Schauermärchen, und sei es nur zu solchen, welchen erzieherischen Zwecken dienen, war nicht mehr weit und, da die Menschen jener Tage an die Existenz von unter ihnen lebenden Hexen glaubten, auch wesentlich unheimlicher als abstrakte Erzählungen über die Schrecken des Krieges, des Schwarzen Todes oder Ähnlichem. Dieser Horror war greifbar, denn die Menschen verbrachten ihr ganzes Leben unter seinem direkten Einfluss - dieser Horror war ein Bestandteil des Lebens. Der Hexenwahn an sich ist noch immer spürbar, viele Menschen glauben noch heute an die Existenz von Hexen. Sehr zur Freude der Schöpfer von Horrorfilmen übrigens. Vor allem in den 60ern und den frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erblickten viele Filme mit Hexenthematik das Licht der Leinwand, vornehmlich Filme aus dem europäischen Raum wie der ausgesprochen realistische Witchfinder General (1968), La maschera del demonio (1960) oder auch voyeuristische Verfehlungen aus deutschen Landen wie Hexen bis auf’s Blut gequält (1969). Mit dem Einfluss der kirchlichen Doktrin aus den Tagen der Hexenverbrennungen auf den Horrorfilm und einem Vergleich der im Hexenhammer vorzufindenden und in historischen Hexenprozessen getroffenen Charakterisierung von Frauen mit der Darstellung klassischer Hexen und ihrer modernen, männermordenden Töchter werden wir uns zu einem späteren Zeitpunkt ausführlich beschäftigen. Wenden wir uns von den realen Schrecken des 15. Jahrhunderts den fiktiven des nachfolgenden zu. Um 1497 wird Hans Holbein der Jüngere als Sohn des Künstlers Hans Holbein des Älteren geboren. Hans Holbein der Jüngere machte sich ab dem Jahr 1515 einen Namen als Illustrator von Büchern, darunter auch Martin Luthers deutschsprachige Übersetzung der Bibel. Seine Zeichnungen entstanden unter Verwendung von Tinte, meistens jedoch handelte es sich um Holzschnitte. Im Jahr 1526 veröffentlicht Holbein eine Serie von 41 Holzschnitten, auf welchen zu sehen ist, wie ein skelettierter Sensenmann Bürger aus allen Gesellschaftsschichten in ihr Grab geleitet. Jawohl, Sie haben es erfasst, es ist eine Neuauflage des alten Themas des Danse macabre. Holbeins Totentanz ist jedoch beileibe nicht das, was man heutzutage ein Remake nennen würde, sondern vielmehr eine Variation des alten Themas, welche bis ins Zeitalter des Horrorfilms Bestand hat und dort auch munter Verwendung findet. Der bekannteste von Holbein inspirierte Film ist wohl Ingmar Bergmans Det sjunde inseglet (1957), aber auch vor Fantasy wie Clash of the Titans (1981) oder Komödien wie Monty Python’s The Meaning of Life (1983) macht Holbeins Einfluss nicht halt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts hält die Darstellung von Gewalt Einzug auf Englands Bühnen. Die Zeit blutrünstiger Spektakel ist angebrochen, Intrigen, Morde, Hinrichtungen und sonstige Gewalttaten werden auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ 37

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