T ho m a ne r Jo u rn a l - des Förderkreises Thomanerchor Leipzig eV

foerderkreis.thomanerchor.de

T ho m a ne r Jo u rn a l - des Förderkreises Thomanerchor Leipzig eV

08 2012

Thomaner

www.thomanerchor.de Schutzgebühr 2 Euro

Journal

ErstE FEstwochE dEs JubiläumsJahrEs intErviEw mit thoralF schulzE und roland wEisE

Johann sEbastian bach – KantatE bwv 7 thomasKantor moritz hauptmann


CLASSaktuell Nr. 1/2012

2012 ist Thomaner-Jahr. Dann gibt es

diesen Knabenchor seit 800 Jahren.

Auch auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt

wird jetzt dafür geworben. Und

das durch ein sehr kenntnisreiches

Personal.

Nur ein paar Meter weg von Bratwurst-

und Glühweinständen haben

in der Messehofpassage noch bis zum

Finaltag des Weihnachtsmarktes der

Förderkreis Thomanerchor und das

Plattenlabel Rondeau Production ihren

Stand aufgebaut. Ehemalige Thomaner

und Thomas-Schüler werben

hier für das große Jubiläum, sie verteilen

Flyer, versuchen, neue Vereinsmitglieder

zu werben und bringen diverse

CDs an die Leipziger und ihre

Gäste.

Genau so verbrachte seine Freizeit

in den vergangenen Tagen Konstantin

Espig. Er sang von 1996 bis 2005 im

Chor, hat „alles in allem nur gute Erinnerungen

an diese Jahre“ und ist

sehr stolz, selbst, wenn auch nur ein

marginaler Teil der Jahrhunderte alten

Geschichte von Chor und Schule

zu sein. „Ich habe dieses System genossen

und meine, dass man sich in

einer großen Gemeinschaft sogar

schneller und unkomplizierter entwickelt“,

sagt der junge Mann. In der

12. Klasse war er Domesticus, der

Herr des Hauses also, und zuständig

dafür, dass im Alumnat alles seinen

Gang geht. Heute studiert Espig

Sprechwissenschaften und Rhetorik

an der Martin-Luther-Universität Halle.

Die Musik, das Singen, dürfte ihn

Zeit Lebens als Hobby begleiten. Espig

singt im Leipziger Kammerchor Jos-

Thomaner werben für Thomaner

Ehemalige verteilen auf dem Weihnachtsmarkt Flyer für das Jubiläum

quin des Préz. Und für Musik sorgt

auch seine Familie mit Eltern und

Opa als jetzige oder einstige Orchestermitglieder

am Gewandhaus und in

Staatskapellen.

Für den Thomaner-Förderverein

steht Lorenz Wolff am Werbe- und

Verkaufsstand. Er war nicht Thomaner,

aber bis zum Abitur 2007 Thomas-Schüler.

Wolff hatte als solcher

das Privileg, nach den täglichen Schulstunden

nach Hause gehen zu dürfen

und nicht wie seine singenden Freunde

zur Probe antreten zu müssen.

„Klar war ich froh, vielleicht auch mal

mehr persönliche Freiheiten zu haben,

doch mit den Thomanern kam

ich immer super zurecht“, erinnert er

sich. Dieses Miteinander soll bleiben.

Wolff ist Freundeskreis-Mitglied und

freut sich wie die Sänger auf das Jubiläum,

das er, wenn es sein Medizinstudium

an der Georg-August-Universität

in Göttingen zulässt, in Leipzig

erleben will. Musik kann Wolff natürlich

auch selbst machen. Er spielt

Bandoneon besser als nur zum Hausgebrauch.

Auch Albrecht Wolf tritt zur Weihnachtsmarkt-Zeit

für die Thomaner

Gewandhausmagazin Nr. 74 / Frühjahr 2012

an. Leipziger wie seine beiden Freun-

de sang er von 1998 bis 2007 im Chor.

„Eine ereignisreiche Zeit war das, ich

habe sehr viel mitgenommen. Unvergesslich

sind die Auftritte zur Weihnachtszeit

und die Konzertreisen in

viele Länder Europas. Wer kann als

ganz junger Mann von sich sagen,

schon was geleistet zu haben? Wir

Thomaner alle mal“, sagt Wolf. In seinem

künftigen Beruf wird aber auch

er der Musik untreu. Der gute Mathe-

„... ein neues Lied“ – Das 14. Bachfest der Stadt Leipzig feiert 800 Jahre Thoma

Thomaskantor Georg Christoph Biller dirigiert. Martin Lattke singt Biller in der Thomaskirche. Foto: Gert Mothes

D

Billers Predigt,

Henzes Poesie

ie Kirchenmusik hat ein Problem

hierzulande, in beiden Konfessionen.

Bei den Katholiken hat nach Bruckner

nichts mehr in nennenswerter Breite ins

Konzert-Repertoire gefunden, bei den

ist ungefähr zeitgleich bei

ie sieht es

und Physik-Schüler studiert Elektrotechnik

an der Technischen Universität

in Dresden. Telekommunikation

und Mobilfunk gilt sein besonderes

Interesse. Singen tut er aber auch

noch. Er ist Mitglied des Philharmonischen

Chores Dresden und des Landesjugendchores

Sachsen.

Noch bis zum Donnerstag sind die

Bachs Noten,

Neuraths Klänge

„... ein neues Lied“ lautet das Motto des

Bachfestes 2012, und neue Lieder standen am

Donnerstagabend im Zentrum des Programms: Festmusiken

zu Ostern und Pfingsten in der Thomaskirche, orchestrierte

Goldberg-Variationen im Großen Concert

patenten jungen Männer am Thomaner-Stand

anzutreffen. Zu ihrem Verkaufsangebot

gehören die beiden ersten

CD des Chores mit den Kantaten

Bachs zur Reformation und zur Weihnachtszeit.

Bis 2014 wird das ganze

Kirchenjahr des berühmtesten Thomaskantor

eingesungen vorliegen.

Thomas Mayer

Die Ex-Thomaner Lorenz Wolff, Albrecht Wolf und Konstantin Espig (von links) verkaufen

Thomaner-CDs in der Messehof-Passage. Foto Andre Kempner

Leipziger Volkszeitung 16.6.2012

dpa Bürgerfest 21.3.2012

Leipziger Volkszeitung 19.12.2011

hin kräftige Schlussbeifall

n Neurath

kalischen Motive beziehungsweise Stimmen

wandern stetig und in Splittern

durchs Instrumentarium, das Neurath

mit einer reichhaltigen Bläserfraktion bestückt

hat: Zu den zwei Mal sechs Violinen,

vier Bratschen, drei Celli und zwei

Kontrabässen gesellen sich je zwei Hörner,

Trompeten und Posaunen sowie Pikkolo-,

Querflöte, Oboe, Englischhorn,

Klarinette, Bassklarinette, Fagott, Kontrafagott,

Tuba, Harfe, Pauke und Triangel.

Natürlich spielen nicht immer alle in

r Variation: Neurath potenziert mit

en den Variantener

800 Jahre Thomana – was für ein Jubiläum! Wir feiern das

ganze Jahr 2012 über 800 Jahre Thomanerchor, Thomaskirche

und Thomasschule unter dem Motto »glauben –

singen – lernen«. Die Trias Thomanerchor, Thomaskirche

und Thomasschule hat das Leben in der Stadt Leipzig in den

vergangenen acht Jahrhunderten maßgeblich mitgeprägt.

Davon zeugen die vielfältigen Veranstaltungen in diesem

Jahr. Ein Höhepunkt, die Festwoche 800 Jahre Thomanerchor,

ist bereits vorüber. Mit einem großen Festakt wurden

am 20. März in Anwesenheit des Bundespräsidenten Joachim

Gauck 800 Jahre Thomanerchor gewürdigt. Das Fest der

Knabenchöre, das die Festwoche beschloss, bleibt allen Beteiligten

sicher lange im Gedächtnis.

Die Bedeutung von »glauben – singen – lernen« kann

in unserer heutigen Zeit gar nicht hoch genug eingeschätzt

werden. Bildung ist nun einmal eine der wichtigsten Aufgaben,

die eine Gesellschaft hat. Steht diese im Zeichen einer

christlichen und humanistischen Erziehung muss uns um die

Zukunft nicht bang werden. Die Thomaner verbreiten in den

Motetten und Konzerten einen Eindruck davon, was die

Einheit aus Glauben, Singen und Lernen hervorzubringen

vermag.

Unser ThomaneJournal Nr. 8 steht ganz im Zeichen

der Feier lichkeiten 800 Jahre Thomanerchor. Außerdem erhalten

Sie Einblicke in die Konzertreisen des Thomanerchores

zu Beginn dieses Jahres nach Japan und Korea sowie

nach England. Der Pfarrer der Thomaskirche, Christian

Wolff, stellt Ihnen die Bachkantate »Christ unser Herr zum

Jordan kam« BWV 7 vor. Außerdem informieren wir Sie über

den Förderkreis Thomanerchor e.V., der ebenfalls 2012 sein

20­jähriges Bestehen feiert.

Damit grüße ich Sie aus der Bach­Stadt Leipzig

g a n z h e r z l i c h .

Ihr

Dr. Michael Kampf

Vorsitzender Förderkreis Thomanerchor Leipzig e.V.

10 14

Inhalt/Vorwort

GruSSworte 4

Kurz berIchtet 6

thoManer-leben

Erste Festwoche des Jubiläumsjahres 10

InterVIew

Thoralf Schulze, Alumnatsleiter, und Roland Weise,

pädagogischer Leiter des Thomanerchores 14

VeranStaltunGSKalenDer 18

thoManer-leben

Konzertreise nach Fernost:

Großer Beifall und ehrliche Begeisterung 20

Konzertreise nach England:

Chinatown und Zahlencodes 23

zuGänGe DeS thoManerchoreS 24

Motette/Kantate

Pfarrer Christian Wolff über die Kantate BWV 7 26

MuSIKer In leIpzIG

Thomaskantor Moritz Hauptmann 28

StIftunG thoManerchor 31

foruM thoManuM 33

fÖrDerKreIS thoManerchor 34

zu Guter letzt 36

20

28

3


4 GruSSwort

GruSSwort 5

In diesem Jahr feiert die Thomana, der Dreiklang aus Thomaskirche, Thomasschule und Thomanerchor, sein 800­jähriges

Bestehen. Was damals auf dem Frankfurter Reichstag von Kaiser Otto IV. als simpler bürokratischer Akt besiegelt wurde, lebt

heute im Herzen Leipzigs und trägt jeden Tag neu zum Ruhm und Ansehen unserer Stadt in aller Welt bei. Die Thomaner

wurden zum strahlenden, rund um den Globus gefeierten Knabenchor.

Seit Gründung des Klosters gestalteten Schüler die Kirchenmusik, sie durften dafür im Stift wohnen. Mit der Entwicklung

Leipzigs zur aufstrebenden Bürger­ und wichtigen Handelsstadt weiteten sich die Dienste der Thomaner aus, schon im

14. Jahrhundert waren die Chorknaben auch in der Nikolaikirche zu hören. Mit Einführung der Reformation in Leipzig am

Pfingstsonntag 1539 gingen die Habseligkeiten des Stifts – und damit auch der Thomanerchor – in städtische Hand über. Fast

wundersam ist zu nennen, dass keine Seuche, kein Krieg den Chor jemals vernichten konnten. Ebenso wenig waren Vereinnahmungsversuche

im vergangenen Jahrhundert erfolgreich. Zwar wurde der Chor 1937 in die Hitlerjugend eingegliedert,

das geistliche Programm aber blieb. Auch das DDR­Regime wollte programmatischen Einfluss nehmen, es gelang jedoch

nicht, die Thomaner zu entchristianisieren.

Alle Bewunderung für dieses zugleich alte und ewig junge Ensemble darf nicht allein auf die lange, beeindruckende

Historie sowie die großen Namen reduziert werden, die mit dem Chor verbunden sind. Vielmehr ist es der jahrhundertealte

und bis heute gelebte Auftrag des Singens zur Ehre Gottes, der die Menschen fasziniert und in Erstaunen versetzt.

Mit dem Forum Thomanum verwirklichen wir die Vision eines musikalischen Bildungscampus. Schon heute gruppieren

sich um die Thomasschule und den Thomanerchor eine Kindertagesstätte und eine Grundschule, später folgen eine Jugendmusikakademie

und die Lutherkirche als multifunktionaler Veranstaltungsraum. So wird dem gewichtigen Buch zur ehrwürdigen

Thomana­Geschichte ein weiteres, verheißungsvolles Kapitel hinzugefügt. Lassen Sie das Forum Thomanum zu

unserem gemeinsamen Ziel werden, um die Historie des Thomanerchores für kommende Generationen angemessen fortzuschreiben.

Ich danke allen Förderern, Unterstützern und Sponsoren, deren Hilfe es uns erlaubt, Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, mit

diesem ThomaneJournal einen Einblick in das Leben der jungen Sänger zu geben.

Ihr Burkhard Jung

Oberbürgermeister der Stadt Leipzig

Leipzig, im April 2012

800 Jahre Thomana – dieses gemeinsame Jubiläum von Thomanerchor, Thomaskirche und Thomasschule ist für uns alle ein

Grund zur Freude! Wenn man bedenkt, wie viele Einzelschicksale, wie viel Tatkraft, Ideenreichtum und beharrliches

Arbeiten mit 800 Jahren Wirken für »glauben, singen, lernen« verbunden sind, so steht man in Dankbarkeit und Demut vor

diesem großen Geschenk einer ungebrochenen Überlieferung.

Die Thomaskirche wird von Menschen aus aller Welt als Gotteshaus und bedeutende Stätte der Musikpflege besucht.

Der Thomanerchor trägt von Leipzig aus die Kunde der Musica Sacra um den Globus, und in Chor und Thomasschule werden

Generationen von Schülern mit einer Tradition in Berührung gebracht, die in nicht wenigen Fällen spätere Lebensentscheidungen

beeinflusst und in Krisen Halt zu geben vermag. Wem Glaube, Lehre und die Musik Fundamente des Lebens sind,

den lässt dieses Jubiläum nicht kalt.

Der Weg dieser Institutionen war nicht immer einfach. Erschwerten etwa im Dreißigjährigen Krieg Kämpfe und Seuchen,

Hunger und Auszehrung das Singen zur Ehre Gottes, so versuchten im 20. Jahrhundert zwei Diktaturen, am Kern der

Botschaft der Thomana zu rühren. Dass dem widerstanden wurde und sich Kinder und Jugendliche immer wieder neu auf

den Weg machen, Musik und die Verantwortungsübernahme in der Gemeinschaft zu erfahren und zu lernen, sollte uns ermutigen,

ihnen in unserem Tun Vorbild und Ansporn zu sein.

Tragen wir also Sorge, dass die kulturelle und geistige Botschaft, wie sie der Musik Johann Sebastian Bachs innewohnt,

weitergetragen wird an die Schüler zukünftiger Jahre. Sie werden es uns danken.

Kurt Masur

Gewandhauskapellmeister a. D. und Ehrenbürger der Stadt Leipzig

Leipzig, im April 2012


6 Kurz berIchtet

Kurz berIchtet 7

Ausverkaufte Thomaskirche: Rondeau Production überträgt das Fest der Knabenchöre live auf den Thomaskirchhof.

neuer IMaGefIlM

DeS thoManerchoreS

Der neue Imagefilm des

Thomanerchores Leipzig

ist im Internet unter

www.thomanerchor.de

sowie unter

www.thomana2012.de

zu sehen. In gut acht

Minuten gibt der Film einen

Einblick in das musikalische

Können und die

gemeinschaftliche Gestaltung

des Alltags lebens

der rund 100 Chorknaben

im Alter zwischen 9 und

18 Jahren. Produziert

wurde der Film mit der

finanziellen Unterstützung

der Commerzbank-Stiftung.

»Seit vielen Jahren fördert

die Commerzbank-Stiftung

den weltbekannten Chor«,

sagt die Geschäftsführerin,

Astrid Kießling-Taskin.

»Der Imagefilm zeigt in

eindrucksvoller Weise, wie

es den Verantwortlichen

in Leipzig gelungen ist,

das kulturelle Erbe des

Thomanerchores zu wahren

und bis in die heutige

Zeit lebendig zu halten.«

FeSt Der KnabenchÖre lIVe auf DeM thoMaSKIrchhof

Mehrere hundert Besucher hörten sich die

Festmotette mit vier berühmten Knabenchören

auf dem Thomaskirchhof an.

Bei herrlichem Frühlingswetter lauschten

sie vor der Kirche den Gesängen des

Dresdner Kreuzchores, des King´s College

Choir aus Cambridge, der Regensburger

Domspatzen und des Thomanerchores

Leipzig. Mit der Festmotette im März fand

die außergewöhnliche Festwoche zum

800­jährigen Jubiläum des Thomanerchores

ein großartiges sowie einmaliges

Finale. Nach dem großen Erfolg und

zahlreichen überfüllten Veranstaltungen in

den Vortagen hatten sich die Veranstalter

kurzfristig entschlossen, die Festmotette ins

Freie zu übertragen. Die Tickets für die

Festmotette waren bereits seit Monaten

ausverkauft. In Zusammenarbeit zwischen

der Stadt Leipzig und zwei Tonmeistern

der Rondeau Production, dem CD­Partner

des Thomanerchores, wurden alle vier

Chöre in guter technischer und musikalischer

Qualität übertragen und sorgten

auf dem dicht gefüllten Thomaskirchhof für

eine seltene und andachtsvolle Stille.

Einige Tage zuvor war bereits der Festakt

in Anwesenheit von Bundespräsident

Joachim Gauck auf dem Thomaskirchhof

zu hören.

auSStellunG »lobet Den herrn«

Das Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig zeigt ab 3. Juni 2012 eine

Ausstellung zu Festmusiken der Thomaskantoren. Die Ausstellung ist bis Jahresende

jeweils von Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Thomaskantoren sind seit jeher für die musikalische Gestaltung der hohen Kirchfeste

verantwortlich. Reformationsfeste und Friedensfeiern galten in Leipzig stets als besondere

städtische Anlässe, zu denen neue prachtvoll besetzte repräsentative Kompositionen

geschaffen wurden. Minutenlang läutende Glocken, Kompositionen mit imposanter

instrumentaler Ausstattung durch Pauken und Trompeten, erhoben die Feier zu einem

außergewöhnlichen Ereignis. Anlässlich des Festjahres der Thomana 2012 bietet die

Ausstellung »Lobet den Herrn« im Musikinstrumentenmuseum im Grassi einen exklusiven

Rückblick auf drei Jahrhunderte Musikkompositionen. Sie gewährt einen Einblick in die

musikalische Ausgestaltung dieser Feste, die insbesondere in den Stadtkirchen St. Thomas

und St. Nikolai sowie in der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli stattfanden.

Aus dem reichen Fundus des Museums werden Instrumente gezeigt, die bei solchen

feierlichen Anlässen Verwendung fanden. Bildnisse von Thomaskantoren und Ansichten

historischer Orte, dreidimensionale Modelle der Leipziger Hauptkirchen und eine

multimediale Präsentation sowie weitere Objekte ermöglichen eine musikalische Zeitreise.

Ruhepunkte und Hörstation laden ein, das Musizieren im Wandel der Zeiten und die

musikalischen Handschriften ausgewählter Thomaskantoren näher kennen zu lernen.

zweIte feStMuSIK

Thomaskantor Georg Christoph Biller eröffnete am Ostersonntag mit der Uraufführung

seiner St.-Thomas-Ostermusik einen Reigen von fünf Festmusiken für Knabenchor. Das

Bacharchiv Leipzig hatte die Werke zum Jubiläumsjahr der Thomana beauftragt. Bereits

zu Epiphanias 2012 erklang als Basis und Impuls gebendes Werk die sechste Kantate des

Weihnachtsoratoriums BWV 248 von Johann Sebastian Bach als Erste Festmusik. Zu den

Kirchenfesten bis Epiphanias 2013 erklingen Werke von Hans Werner Henze (Pfingsten

2012), Heinz Holliger (Reformationsfest 2012), Brett Dean (Weihnachten 2012) und

Krzysztof Penderecki (Epiphanias 2013). Georg Christoph Billers Opus für Soli, Chor und

einem aus 19 Bläsern, Schlagwerk und Kontrabass bestehenden Orchesterapparat vereint

formal Choräle, Bibelzitate und freie Texte, die der Kantor für die Festmusik selbst

zusammen gestellt hatte. In dem siebensätzigen und von Choralzitaten durchsetzten Werk

verwendet Biller traditionelle und zeitgenössische Kompositionsansätze. Die St.-Thomas-

Ostermusik sei, so Biller, sowohl von der intimen Kenntnis der Thomaner-Klangwelt als

auch von der musikalischen und liturgischen Praxis der Thomaskirche und deren Genius

loci Johann Sebastian Bach geprägt.

AuSStellunG »cantate!«

Unter dem Titel »Cantate!« zeigt das

Stadtgeschichtliche Museum Leipzig seine

große Sonderausstellung zum 800. Geburtstag

der Thomaner. Die Ausstellung ist vom

20. März bis 23. September 2012 jeweils

dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr

geöffnet. Der Leipziger Stadtbrief war noch

keine 50 Jahre alt, als Markgraf Dietrich I.

von Meißen im Jahr 1212 die Gründung

eines Klosters initiierte. Mit ihm war auch

eine Schule verbunden, an der Knaben

musikalisch ausgebildet wurden – die Wiege

des Leipziger Thomanerchores. Ob Krieg

oder Hungersnöte herrschten, Pest oder

Cholera, Hitler oder Honecker – der Chor

sang zu allen Zeiten. Die Besucher des

Museums sind eingeladen, sich auf einer

Ausstellungsfläche von 450 Quadratmetern

auf Ent deckungsreise in die Geschichte

dieser altehrwürdigen Institution zu

begeben – und sich dabei dem Mythos

Thomanerchor zu nähern. Die Besucher

sollen in die Vergangenheit eintauchen und

ein Gefühl dafür entwickeln können, was

es in verschiedenen Epochen bedeutete und

bedeutet, Thomaner zu sein. Sie begeben

sich dabei auf eine Zeitreise, die die wechselvolle

Geschichte der drei zur Thomana

ge hörenden Institutionen – Kirche, Schule

und Chor – erzählt und vom katholischen

Kloster St. Thomas zur protestantischen

Hochburg der Bachpflege führt, von

der einstigen schola pauperum zum mitteldeutschen

Vorzeigegymnasium sowie

vom Schulchor im alten Kasten neben

der Thomaskirche zum heute weltweit

bekannten Knabenchor mit seinem

Campusgelände Forum Thomanum. Auch

die Vereinnahmungsversuche des Chores

durch die Machthaber der beiden deutschen

Diktaturen im 20. Jahrhundert werden

durch die Kuratoren Doris Mundus und

Kerstin Sieblist thematisiert. Ergänzt

wird die Schau durch eine Fotoausstellung

des Leipziger Fotografen Gert Mothes

über den Alltag der Thomaner heute.

leGat für zweI thoManer

Die Thomaner Paul

Friedrich Vogel und

Sebastian Heindl erhielten

für ihre herausragenden

musikalischen Leistungen

das Jakob-Petzold-Legat.

Während Paul für sein

großes Engagement und

seine solistischen Einsätze

ausgezeichnet wurde,

erhielt Sebastian das Legat

für seine überragenden

Leistungen im Klavier-

und Orgelspiel. Sebastian

hatte im Fach Orgel beim

Landeswettbewerb Jugend

musiziert der Länder

Thüringen und Sachsen

mit 25 Punkten den ersten

Platz belegt. Im Rahmen

der winterlichen Hausmusik

des Thomanerchores

im Februar 2012 wurden

die Legate überreicht.

Die Auszeichnung ist dem

Gedenken an den

Thomaner Jakob Petzold

gewidmet, der 1986

geboren wurde und im Alter

von zwölf Jahren bei einem

Verkehrsunfall starb.

Thomaner Sebastian Heindl

(unser Bild oben) und

Thomaner Paul Friedrich Vogel

(unser Bild unten) sind für

ihre besondere musikalische

Leistung geehrt worden.


8 Kurz berIchtet

Kurz berIchtet 9

bachfeSt leIpzIG 2012

Das Bachfest 2012 stand

unter dem Motto »…ein

neues Lied – 800 Jahre

Thomana« und hat wieder

zu zehn Tagen Musik auf

höchstem Niveau ein -

ge laden: Zum Eröffnungskonzert

am Donnerstag,

7. Juni, musizierte der

Thomanerchor Leipzig

gemeinsam mit dem

Leipziger Universitätschor

und dem Gewandhausorchester

unter der Leitung

von Thomaskantor

Georg Christoph Biller

die Bachmotette Singet

dem Herrn ein neues Lied

BWV 225 sowie den

100. Psalm op. 106 von

Max Reger. Außerdem

erklang das Te Deum

Deutsch von Heinz Werner

Zimmermann. Ein

besonderes Konzert folgte

eine Woche später am

Donnerstag, 14. Juni:

Der Thomanerchor sang

zwei eigens für ihn in

Auftrag gegebene Kompositionen:

Die Zweite Festmusik

zu Ostern stammt

aus der Feder des Thomaskantors.

Die Dritte Festmusik

zu Pfingsten mit dem

Titel »An den Wind«

komponierte Heinz Werner

Henze. Ergänzend zu den

beiden Festmusiken sangen

die Thomaner Lobet Gott

in seinen Reichen BWV 11

von Johann Sebastian

Bach. Abschließend war

der Thomanerchor im

Rahmen des Bachfestes am

Sonntag im Gottesdienst

mit der Bachkantate Lobe

den Herrn, meine Seele

BWV 143 sowie der Kantate

Was Gott tut, das ist wohl

getan von Johann Kuhnau

zu hören.

rIchtfeSt IM aluMnat

Im neu errichteten Probensaal des Alumnats

fand Anfang Januar 2012 das Richtfest für

den Um- und Erweiterungsbau statt (unser

Bild). Der Umbau begann im Herbst 2012.

Seitdem lebt der Chor in einem »Container-

EIne notenSpur In leIpzIG

Seit dem 12. Mai 2012 hat Leipzig eine Notenspur: einen gut fünf Kilometer langen Rundgang,

der zu den zahlreichen musikalischen Stätten der Stadt führt. Ob zum Mendelssohnoder

Schumannhaus, ob zum Wagnerdenkmal oder zur Grieg­Begegnungsstätte, zur

Thomaskirche oder dem Bachmuseum – entlang der zahlreichen, auf dem Gehweg eingelegten

Edelstahlintarsien erwarten den Musikfreund viele interessante Stationen, die an

die Musikkultur Leipzigs erinnern. Der Thomanerchor Leipzig ist an drei Stationen der

Notenspur mit aktuellen Aufnahmen vertreten. Rondeau Production hatte dazu Ausschnitte

aus einer Bachkantate, einer Bachmotette und dem Mozartrequiem als Hörbeispiele zur

Verfügung gestellt. Bis Mitternacht feierten Touristen und Leipziger das in der ganzen Stadt

verteilte Eröffnungsfest, an dem rund 1000 Berufs­ und Laienkünstler mitwirkten.

Der Auftakt war das gemeinsame, öffentliche Singen der Notenspurhymne an der Thomaskirche.

Thomaskantor Georg Christoph Biller komponierte diese Hymne, in der musikalische

Zitate von Bach, Mendelssohn und Reger erklingen. Zur offiziellen Eröffnung auf dem

Markt würdigte Oberbürgermeister Burkhard Jung die Bürgerinitiative, die 1998 von dem

Leipziger Prof. Werner Schneider ausging.

zwISchen alltaG unD applauS

Über 200 aktuelle Fotos aus dem Alltagsleben

der Thomaner sind im März in

einem attraktiven Bildband erschienen.

Der Leipziger Fotograph Matthias Knoch

Dorf«. Vor 200 geladenen Gästen sang der

Thomanerchor unter Leitung von Thomaskantor

Georg Christoph Biller erstmals

offiziell an seiner künftigen Wirkungsstätte.

Nach den Grußworten von Oberbürgermeister

Burkhard Jung und dem Geschäftsführer

des Thomanerchores, Dr. Stefan

Altner, erfolgte der symbolische Nageleinschlag

durch Alumnatsleiter Thoralf

Schulze. Mit dem Richtspruch des Zim me -

rer meisters der Firma Kunert wurde die

Baustelle traditionell an die weiterführenden

Gewerke übergeben. Der Bau,

an dem derzeit zehn Firmen im Innenausbau

beteiligt sind, schreitet plangemäß

voran. Alle Beteiligten gehen von einer

fristgemäßen baulichen Fertigstellung zum

Ende des Jubiläumsjahres 2012 aus.

hatte den Chor dafür in den vergangenen

Monaten intensiv begleitet. Gemeinsam mit

Roland Weise, dem pädagogischen Leiter

des Thomanerchores, hat Knoch die

attraktive Sammlung bei der Edition

Akanthus veröffentlicht. Das Buch erscheint

in drei Sprachen – Deutsch, Englisch und

Japanisch – und gibt einen spannenden

Einblick in Freizeit, Sport, Schule,

Alumnatsleben, Chorproben und Auftritte

der Thomaner. Das Buch ist beim Verlag

www.edition-akanthus.de, bei Rondeau

Production, www.rondeau.de, beim

Thomasshop direkt neben der Thomaskirche

und im bundesweiten Handel zum

Preis von 30 Euro erhältlich. Der Förderkreis

Thomanerchor hatte die hochwertige

Sammlung finanziell unterstützt.

cD-tIpp: chanSonetteS MIt bach

Ute Loeck und Thomaskantor Georg Christoph Biller veröffentlichen mit CHANSONetteS

MIT BACH ihr erfolgreiches Bühnenprogramm auf CD: »Chanson und Bach«, das will auf

den ersten Blick nicht so recht zusammenpassen! Doch wie ist es mit »Humor und Bach«?!

Ist Johann Sebastian Bach humorlos, weil er aufgrund der außerordentlichen Bedeutung

seiner Musik indirekt »heilig gesprochen« zu sein scheint? Die Chansonette Ute Loeck

und Thomaskantor Georg Christoph Biller nähern sich diesem Bach auf eigene Weise und

bringen ein abwechslungsreiches Programm zu Gehör. Gemeinsam mit Stephan König am

Klavier improvisieren die Chansonette und Bach, personifiziert von Georg Christoph Biller,

über Melodien von Herbert Grönemeyer und Elton John, von Friedrich Hollaender,

Kurt Weill und Leonard Bernstein, sowie von Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn und Johann Sebastian Bach

und versichern sich ewige Treue. Die neue CD ist im Katalog von Rondeau Production erschienen und ab sofort im Fachhandel,

im Thomasshop an der Thomaskirche sowie unter www.rondeau.de erhältlich.

cD-tIpp: bach In Jazz

Kammersänger Martin Petzold und das Jazz­Trio um Stephan König übersetzen ganz dem

Motto folgend Bach in Jazz, barocke Musik in elegante Jazz­Miniaturen. Erstmals sind

Arien aus den großen Kantaten und Passionen von Johann Sebastian Bach für dieses vokale

Experiment bearbeitet. Doch das Neue wird nicht überstrapaziert: Mit Sätzen aus dem

Italienischen Konzert und den Orchestersuiten schafft das Stephan­König­Trio neue und

anregende Hörerlebnisse. Zwei scheinbare Gegenpole – der der Partitur verbundene Sänger

und die improvisierenden Instrumentalisten – gehen einen vollkommen neuen Weg zu Bach.

Doch keine Angst: Bach bleibt Bach – auch im Jazz. Die vorliegende Einspielung ist bei dem

Leipziger Musiklabel Rondeau Production erschienen und wurde ermöglicht durch die

Aktion Demenz e.V.. Die CD ist ab sofort im Fachhandel, im Thomasshop an der Thomaskirche

sowie unter www.rondeau.de erhältlich.

DeutSchlanDraDIo würDIGt DIe thoManer

In sieben Sendungen setzt sich Deutsch­ von Kantor Calvisius, den Grundstein für

landradio Kultur aus unterschiedlichen die beispiellose Erfolgs geschichte des Chores

Blickwinkeln mit dem 800­jährigen

legte. Der zweite Teil »›Vor allen anderen

Jubiläum des Thomanerchores auseinander. wohlbestallt‹ – die Thomaner im 17. Jahr­

Den Anfang machte im März der Beitrag hundert«, war am 22. Mai zu hören. Die

»Wir lauschen dem Thomanerchor«, der der Ausstrahlung des dritten und vierten Teiles

Frage nachging, wie die Geschichte der (»Bach und die ›wunderliche, der Music

Sängerknaben im Radio widergespiegelt wenig ergebene Obrigkeit‹« und »Johann

wird. Die ältesten musikalischen Doku­ Adam Hillers ›wahres musikalisches

mente stammen von 1919, die ersten O­Töne Conservatorium‹«) ist noch nicht terminiert.

rund um die Thomaner von 1934. Die Auch Kakadu, das Kinderprogramm von

musikhistorische Bedeutung des Chores Deutschlandradio Kultur, setzt sich mit dem

steht in der vierteiligen Reihe »Soli Deo 800. Geburtstag des Thomanerchores

Gloria – die Leipziger Thomasschule« im auseinander. Die Autorin Kati Obermann

Mittelpunkt. Die Frage lautet: Was zog die hat die Jungs gefragt, was »Thomaner sein«

herausragenden Künstler ihrer Zeit – allen heute noch bedeutet. Eine Würdigung

voran den Köthener Kapellmeister Johann des Jubilars – auch mit Hilfe historischer

Sebastian Bach – in eine städtische

Aufnahmen – von Haino Rindler lief am

Knabenschule und spornte sie an, hier auf 22. März unter dem Titel »Nett singen reicht

höchstem Niveau kontinuierlich neue Werke uns nicht«. Neben den Beiträgen zum

zu schaffen. In der ersten Folge (20. März: Jubiläum sendet Deutschlandradio Kultur,

»Von der Klosterschule zum musikalischen wie auch der Mitteldeutsche Rundfunk

Eliteinternat«) ergründet der Bach­Forscher MDR, regelmäßig Kantaten von Johann

Michael Maul, wie es zur Etablierung des Sebastian Bach aus der neuen CD­Reihe, die

für lange Zeit einzigartigen musikalischen Deutschlandradio gemeinsam mit Rondeau

Profils der Schule kam. Um es vorweg zu Production produziert. Die ersten drei CDs

nehmen, es war die Leipziger Bürgerschaft, der zehnteiligen Serie »Das Kirchenjahr mit

die bald nach der Reformation, zu Zeiten Johann Sebastian Bach« sind bereits lieferbar.

GratulatIon zuM

60. GeburtStaG

Die Thomaner haben

ihrem Gesangslehrer

Gotthold Schwarz mit

einem Ständchen zum

60. Geburtstag gratuliert.

Gotthold Schwarz arbeitet

seit 1979 als Stimmbildner

des Thomanerchores

Leipzig. Als Dirigent und

Bass- Bariton begleitet

er die Thomaner zu

zahlreichen Konzerten

im In- und Ausland.


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Der frisch gewählte Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt in der Thomaskirche: OBM Burkhard Jung betont »die

besondere Ehre, das neue Staatsoberhaupt schon vor dessen Vereidigung in ›der Stadt der Friedlichen Revolution‹ willkommen

heißen zu dürfen«; Pfarrerin Britta Taddiken begrüßt gemeinsam mit einer Thomasschülerin und einem Thomaner die hoch

gestimmte Festversammlung.

F Jubelnder

reut euch und jubiliert…!

Überaus gelungene erste Festwoche des

Jubiläumsjahres »800 Jahre Thomana«

Wer das Glück hatte, die Festwoche des Thomanerchores vom 19. bis 25. März 2012 in Leipzig mit zu erleben,

wird noch lange von den vielen wunderbaren, intensiven Eindrücken zehren. Die ganze Stadt schien auf

den Beinen, um Anteil an diesem bedeutenden Jubiläum zu nehmen.

Großer Andrang allenthalben – schon beim ersten Termin,

der Eröffnung der Sonderausstellung »Cantate!« im Stadtgeschichtlichen

Museum am Montagabend. Hier war Stehvermögen

gefragt, um den freudig bewegten Festrednern

von Land, Stadt, Museums­ und Chorleitung zu lauschen,

denn die Sitzplätze waren schon lange vor Beginn komplett

belegt. Die zahlreichen Gäste, die stehend ausharren mussten,

waren allerdings in bester Gesellschaft: Die Chorsänger als

die eigentlichen Jubilare zeigten mustergültig, wie lange

Stehzeiten mit Anstand zu bewältigen sind. Mit ihrem

Arrangement der »Air« aus Bachs Orchestersuite BWV 1068

– eingerichtet für Chor von Thomaskantor Georg Christoph

Biller – verzauberten sie die Zuhörer und ließen alle müden

Beine vergessen. In der Ausstellung herrschte darauf ein

solches Gedränge, dass die Exponate etwas in den Hinter­

grund rückten. Glücklicherweise ist sie aber noch bis zum

23. September 2012 zu sehen, so dass ausreichend Gelegenheit

bleibt, sich über die Geschichte des Chores und seiner

Kantoren zu informieren. Der Besucher solle »ein Gefühl

dafür entwickeln, was es in verschiedenen Zeitepochen bedeutet,

Thomaner zu sein« – so Kuratorin Kerstin Sieblist.

Ergänzt wird die Schau durch Alltagsbilder aus dem Chorleben,

die der Leipziger Fotograf Gert Mothes aufnahm, der

außerdem die derzeit 97 Thomasser porträtierte.

Festakt mit Joachim Gauck

Am nächsten Vormittag ging es weiter mit dem Festakt, zu

dem sich 1300 geladene Gäste in der Thomaskirche einfanden.

Im Jahresprogramm war noch Bundespräsident

Christian Wulff als Gast annonciert; aufgrund alter Kontakte

Empfang der hohen Gäste vor der Thomaskirche. Strahlender Sonnenschein begleitet den Festzug zur Einweihung

des Campus’ Forum Thomanum. Auf dem überfüllten Thomaskirchhof wird am 21. März die Geburtstagstorte für

Johann Sebastian Bach angeschnitten.

zu Joachim Gauck war es Thomaspfarrer Christian Wolff

gelungen, den zwei Tage zuvor gewählten Amtsnachfolger

zu seinem ersten öffentlichen Auftritt nach Leipzig einzuladen.

Die vielen Leipziger, die vor der Thomaskirche ausharrten,

feierten den neuen Präsidenten begeistert. Die

Festversammlung in der Kirche begrüßte ihn mit langem

Beifall. Die feierliche Eröffnung des Festakts kam darauf

Thomasorganist Ullrich Böhme mit Bachs Präludium und

Fuge C­Dur BWV 545 zu. Ganz im Sinne des amtierenden

Thomaskantors, der bei jeder Gelegenheit für aktive Musikausübung

anstatt passiven Musikgenusses eintritt, wurde

hernach »Nun danket alle Gott« angestimmt, was dem ehemaligen

Pfarrer Gauck vertrauter als so manch anderem

geladenen Gast gewesen sein dürfte.

Oberbürgermeister Burkhard Jung verwies in seiner

Begrüßung auf die besondere Ehre, das neue Staatsoberhaupt

schon vor dessen Vereidigung in »der Stadt der Friedlichen

Revolution« willkommen heißen zu dürfen. Seine

Ehrfurcht vor dieser Geschichte von 800 Jahren »glauben,

singen, lernen«, einer Struktur, die nur wirksam sein könne

durch etwas, das »sie im Inneren zusammenhält« könne er

nicht verbergen, gestand Jung. Die Thomaner seien immer

»hörbar, sichtbar, fühlbar« Bestandteil der Stadtgesellschaft

gewesen: »Alles ist vergessen, wenn die Thomaner

singen!« Welch bessere Überleitung zu deren Darbietung

des ersten Teils der Motette »Singet dem Herrn ein neues

Lied« hätte es geben können. Anschließend dankte Stanislaw

Tillich, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, in seinem

Grußwort dem neuen Bundespräsidenten für die »Leipzig

und Sachsen« erwiesene Ehre und betonte die Bedeutung

der Musik des größten Thomaskantors Johann Sebastian

Bach, die in ihrer Universalität eine »Annäherung an die

Ewigkeit« gewähre. Darauf fügte sich der zweite Teil der

Motette BWV 225 aufs Schönste.

»Was Kaiser Otto IV. auf den Tag genau vor 800 Jahren,

am 20. März 1212, besiegelte, war nichts weniger als die


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Geburtstagsfeier für Johann Sebastian Bach im Rathaus: Der Thomanerchor und prominente ›Ex-Thomasser‹ – hier Die Prinzen

und das Ensemble Amarcord – bringen dem größten aller Thomaskantoren ein Ständchen. Und tausende Leipziger feiern

begeistert mit!

Gründungsurkunde für das älteste, kostbarste und kulturelle

Identität stiftende Kleinod der Stadt Leipzig«, eröffnete

Prof. Dr. Christoph Wolff, Direktor des Bach­Archivs Leipzig,

seine Festansprache. Als Ȋltesten und prominentesten

musikalischen Zeugen Leipzigs« führte er darauf Heinrich

von Morungen, den »bedeutendsten mitteldeutschen Minnesänger«,

an. In vorgerücktem Alter sei er dem Chorherrenstift

beigetreten und 1222 hier gestorben. Ohne ihn trüge

das Stift wohl kaum den Namen St. Thomas, denn er habe

dem Kloster eine Reliquie des Heiligen Thomas zur Weihe

und Namensgebung gestiftet – die im Zuge der Reformation

»entsorgt« worden sei. Wie der Thomanerchor im heutigen

Festakt pars pro toto für die Trias der Thomana stehe, so

stehe Johann Sebastian Bach für die lange Reihe der Kantoren:

»Seine Musik nimmt in besonderer Weise Bezug auf die

zurückliegende Zeit und strahlt ebenso auch auf die nachfolgenden

Generationen aus. Wie alle große Kunst vermittelt sie

zwischen Zeitgebundenheit und Zeitlosigkeit.« Aus Bachs

wegweisendem Wirken resultiere ein Auftrag, ja eine Verpflichtung

für die Thomaner, sich um das »neue Lied« zu

bemühen. Insofern seien die Auftragsmusiken, die über das

ganze Festjahr zur Uraufführung kommen werden, ein geradezu

notwendiger Bestandteil der Feierlichkeiten.

Thomaspfarrer Christian Wolff kam das Schlusswort

zu. Er verwies darauf, dass Thomaskirche und Thomanerchor

zu allen Zeiten eine »Insel des Glaubens und ein Hort

der geistlichen Musik« gewesen seien. Hier mit der Etablie­

rung des Forum Thomanum nun wieder neue Lern­ und

Bildungsprozesse anzuregen sei eine bedeutende und schöne

Aufgabe: »Ich danke Gott, dass er uns dafür Kraft, Zeit und

seinen Geist geschenkt hat!« Musikalisch ging der Festakt

mit dem bewegenden »Dona nobis pacem« aus Bachs

h­Moll­Messe mit Thomanerchor und Gewandhausorchester

zu Ende.

Erweitert um zahlreiche Gratulanten, die sich vor der

Kirche anschlossen, zog die Festversammlung bei strahlendem

Sonnenschein und bester Feierlaune zur Einweihung

des Campus Forum Thomanum in die Sebastian­Bach­

Straße. Hier herrschte den ganzen Nachmittag hindurch

reges Treiben. Am Abend luden Tenor Martin Petzold, als

ehemaliger Thomaner dem Chor aufs Engste verbunden,

sowie das Stephan­König­Trio zu Bach in Jazz in die Lutherkirche.

Bei überaus regem Publikumszuspruch stellten die

Musiker auf ihre eigene Art und Weise die beim Festakt

beschworene Universalität und Zukunftszugewandtheit der

Bach’schen Musik eindrucksvoll unter Beweis.

Bürgerfest mit 2000 Leipzigern

Am folgenden Tag, dem 21. März, wollte Bachs 327. Geburtstag

gefeiert sein – wie immer mit Gesang und Torte vor der

Thomaskirche am Bachdenkmal sowie vielen Geburtstagsgästen,

die dieses Jahr um einige Leipziger Schulklassen

bereichert wurden, die ein Ständchen für den Jubilar einstudiert

hatten. Am Abend lud OBM Jung zur großen

Das Fest der Knabenchöre: Der Dresdner Kreuzchor, die Regensburger Domspatzen und der Chor des King’s College aus

Cambridge überbringen musikalische Glückwünsche. Auch Thomasorganist Böhme, Kreuzkantor Kreile, Thomaskantor Biller

und Domkapellmeister Büchner strahlen!

Geburtstagsparty ins Neue Rathaus. »Frühzeitiges Kommen

sichert den Einlass!« hatte es im Vorfeld geheißen.

Etwa 2000 Leipziger standen bereit, als sich die Pforten

öffneten, und stürmten das Rathaus, um die amtierenden

wie ehemalige Thomaner von David Timm und Martin

Petzold über Amarcord bis zu den Prinzen zu erleben. In

drangvoller Enge waren Jung und Alt bei bester Stimmung

versammelt. Wem die Füße versagten, der ließ sich einfach

auf dem Boden nieder; der Feierlaune tat dies keinen

Abbruch. Und Hausherr Jung, der ausnahmsweise sogar im

Chor mitsingen durfte, strahlte mit den Thomassern um die

Wette.

Ein Fest der Knabenchöre

Am Donnerstag und Freitag folgten Auftritte beim Großen

Concert im Gewandhaus, bevor am Samstag mit dem Fest

der Knabenchöre ein weiterer Programmhöhepunkt in der

Thomaskirche folgte. Der Dresdner Kreuzchor, die Regensburger

Domspatzen und der Chor des King’s College aus

Cambridge hatten sich eingefunden, um den Thomanern zu

gratulieren. Wiederum bevölkerten ganze Massen von

Musikfreunden frühzeitig den Thomaskirchhof, um sich die

besten Plätze zu sichern. Da die Festmotette lange im Voraus

ausverkauft war, gab es etliche enttäuschte Gesichter, die

auf den sonntäglichen Gottesdienst mit allen Chören verwiesen

wurden. Als alle jungen Sänger gemeinsam die italienische

Laude »Alta trinità beata« anstimmten, herrschte

tiefe Ergriffenheit im Publikum. Anschließend stellten sich

die Chöre einzeln vor: Die Regensburger hatten de Victoria,

di Lasso, Duruflé und Eben im Gepäck; die Dresdner brachten

Schein, Brahms und Martin; die Engländer überreichten

Zeitgenössisches aus ihrer Heimat mit ungewohnten Klangeffekten.

Mit einer Choralbearbeitung für vier Chöre und

Gemeinde forderte Thomaskantor Biller die Aktivität aller

Anwesenden ein, bevor der Thomanerchor mit Bachs Motette

»Singet dem Herrn ein neues Lied« seinen Beitrag leistete.

Zum krönenden Abschluss waren mit Luthers »Verleih uns

Frieden« in einer Biller’schen Bearbeitung nochmals alle

gefragt. Auf die Thomaner und deren Gäste wartete am

Abend im Ratskeller noch eine interne Geburtstagsfeier mit

Geschenken, Gesang und verlockendem Büffet.

Beim Gottesdienst am Sonntagmorgen platzte die

Thomaskirche aus allen Nähten – hier waren selbstverständlich

keine Einlasskarten erforderlich. Auf den Emporen

hätte man die Zuhörer stapeln können – welch besseren

Beweis für das Interesse und die Sympathie, die die Stadt

ihrem Thomanerchor und den befreundeten Chören entgegenbringt,

hätte es geben können. So wurde der Festgottesdienst

mit den vier berühmten und traditionsreichen

Knabenchören ein würdiger und bewegender Ausklang

einer ganz besonderen Festwoche, die den Dreiklang

»glauben, singen, lernen« aufs Schönste Gestalt annehmen

ließ.

Sabine Näher


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Wir feiern jetzt hier bergfest

Interview mit Roland Weise und Thoralf Schulze

Es ist Mittwochnachmittag. Auf der Wiese vor dem Alumnat spielen einige Thomaner Fußball. Einige Jungs kommen

mir entgegen und gehen zur Probe, als ich das Interim des Alumnats betrete. Normales Alltagsgeschäft.

Nichts lässt an die Strapazen und Höhepunkte der eben vergangenen Festwoche 800 Jahre Thomanerchor

denken. Wie die Thomaner die Festwoche bewältigt haben und welche Veränderungen in Zukunft das völlig

umgebaute Alumnat mit sich bringt, darüber sprach ich mit Roland Weise, dem pädagogischen Leiter, und mit

Thoralf Schulze, dem Alumnatsleiter des Thomanerchores.

Die Festwoche 800 Jahre Thomanerchor ist gerade vorüber.

Wie ist Ihre persönliche Einschätzung der Veranstaltungen?

thoralf Schulze: Es war eine großartige Woche. Vom

Montag, der Eröffnung der Ausstellung »Cantate!« im Stadtgeschichtlichen

Museum, bis zum Sonntag, der Verabschiedung

der anderen Knabenchöre, war es eine rauschende

Woche. Der Höhepunkt war sicherlich der Festakt am

Dienstag mit Bundespräsident Joachim Gauck. Es gab aber

auch viele andere schöne Dinge. Die Eröffnung des Forum

Thomanum gleich nach dem Festakt, das Ständchen der

Leipziger Schüler zum Bachgeburtstag auf dem Thomaskirchhof,

das sensationell gut besuchte Bürgerfest am

Mittwochabend. Für mich persönlich das Schönste war der

Besuch der anderen Knabenchöre. Erstens ist es immer

wieder schön, diese zu Gast zu haben, sich mit ihnen auszutauschen

und mit ihnen gemeinsam zu musizieren. Zweitens

ist es natürlich auch bewegend, dass wir dabei ganz viel

Lob und Anerkennung bekamen.

rolanD weISe: Ich bin froh, dass die Festwoche offenbar

dazu geführt hat, dass die Leipziger den Thomanerchor

noch mehr in ihr Herz geschlossen haben. Der riesige

Zuspruch beim Bürgerfest und beim Festumzug hat mich

besonders gefreut. Dass die Leute sich mitnehmen und mitreißen

lassen von dem, was die Thomaner eigentlich jede

Woche ganz normal an musikalischer Arbeit leisten. Mein

Eindruck in den letzten Jahren war, dass die Thomaskirche

zwar immer gut gefüllt ist, aber im Wesentlichen durch

Städte­ und Kulturreisende. Es wäre schön, wenn die

Thomaner auch wieder ein Chor sind, der für den normalen

Leipziger eine wichtige Rolle spielt.

Mir ist in der Festwoche deutlich geworden, wie groß die

Rolle des Thomanerchores tatsächlich ist. Wenn man sich

die Ausstellung ansieht, erkennt man, wie eng verflochten

die Stadtgeschichte mit der Trias Thomanerchor – Thomasschule

– Thomaskirche ist.

Und gewiss gab es die kleinen und besonderen Momente

während der Festwoche. Für mich persönlich beispielsweise

als der Chor des King’s College nach der Motette hier den

Campus besichtigt hat. Da muss man sich ja eigentlich immer

verstecken, wenn man an den gewaltigen Campus in

Cambridge denkt. Die Jungs in ihren Talaren, mit Krawatte

Thoralf Schulze und Roland Weise (v.l.n.r.) sind ein

eingespieltes Team und Ansprechpartner für die Thomaner

und deren Eltern.

und Lackschuhen haben dann erst einmal eine Runde

Fußball gegen die Thomaner gespielt. Das war ein schöner,

spontaner Moment. Überhaupt die in den letzten Jahren gewachsene

Kollegialität zwischen den Chören. Die Kruzianer

haben für uns ein Musikstück von Sethus Calvisius ediert

und dem Thomanerchor gewidmet. Es wurde von Kreuzkantor

Kreile als Geschenk überreicht.

Haben die Thomaner die Festwoche gut verkraftet? Gibt es

jetzt erst einmal eine Erholungsphase?

thoralf Schulze: Vor der Karwoche gab es eine ruhigere

Phase mit einem Heimfahrt­Wochenende. Das hatten wir

so geplant und das war auch nötig. Ansonsten haben die

Thomaner die Festwoche gut überstanden. Die große Aufmerksamkeit,

welche die Jungs erfahren haben, wurde sehr

wohltuend von ihnen aufgenommen. Es gab während der

Festwoche partiell schulfrei. Ab Montag ging es dann aber

wieder regulär weiter. Schließlich begannen nach Ostern die

Abiturprüfungen.

Welche Aufgaben hat man als pädagogischer Leiter beziehungsweise

Alumnatsleiter des Thomanerchores?

rolanD weISe: Chor und Schule sind ursprünglich eins

gewesen. Heute ist die Thomasschule in Trägerschaft des

Landes und das Alumnat in städtischer Trägerschaft.

Thoralf Schulze ist administrativer Leiter des Alumnats,

Kontaktmann zur Thomasschule und gleichzeitig Lehrer

dort. Er sorgt dafür, dass die Vernetzung zwischen Alumnat

und Schule gut funktioniert, erstellt die Wochenpläne und

stimmt sie zwischen Schule und Chor ab. Ich bin mehr für

die inhaltlich­konzeptionellen Aufgaben im Alumnat zuständig,

leite das Pädagogenteam und bin Hauptansprechpartner

für die Eltern. Insgesamt arbeiten wir natürlich

Hand in Hand, weil es doch sehr viele Schnittstellen zwischen

unseren Aufgabenbereichen gibt.

Welche Fächerkombination haben Sie, Herr Schulze?

thoralf Schulze: Ich bin Lehrer für die Fächer Deutsch und

Latein und unterrichte jetzt in den Thomanerklassen ausschließlich

Latein.

Seit einem Jahr wohnen die Thomaner in einem Interim –

das Alumnat wird bekanntlich umgebaut ...

thoralf Schulze: ... ja und wir liegen gut im Plan. Wir gehen

zum gegenwärtigen Zeitpunkt davon aus, dass wir in den

Winterferien 2013 zurück ziehen können. Der Bau läuft

richtig gut. Alles, was an der Außenhülle neu gebaut werden

musste, ist seit dem Winter abgeschlossen. Zurzeit arbeiten

fast 15 Firmen am Innenausbau. Besonders beeindruckend:

Die Stuben entstehen baulich neu. Der neue Probensaal, der

neue Speisesaal samt Küchentrakt, der zu erwartende Studiersaal

im Erdgeschoss – das lässt alles große Hoffnungen

aufblühen. Wir waren sehr erstaunt vom Dachgeschoss. Das

war bisher mehr oder weniger toter Raum – jetzt hat man

durch das Anheben des Daches Wohnfläche gewonnen.

Ansonsten ist das Konzept durch alle vier Etagen durchgängig:

Wir behalten die Stube als soziale Wohnform bei. Es

wird jedoch wesentlich mehr Platz geben und – das erproben

wir schon jetzt in den Containern des Interims – es wird eine

gemeinschaftliche Stube für alle Thomaner einer Stube und

dazu gehörend Zweibett­ beziehungsweise Dreibettzimmer

für die in etwa Gleichaltrigen geben. Jeder Thomaner wird

seinen Schreibtisch, seine Köte (Schrank – Anm. der Red.)

und sein Bett dann in seinem Zweibettzimmer haben, so

dass die gemeinsamen Räume vom Mobiliar her nicht überbelastet

sind, sondern zu wirklichen Aufenthaltsräumen

werden. Dazu werden jeder Stube Bäder und WCs zugeordnet.

Das ist wirklich ein sehr großer Fortschritt.

Sie sprachen von einem neuen Studiersaal. Wie wird dieser

aussehen und welchem Zweck wird er dienen?

thoralf Schulze: Aus dem alten Speisesaal gleich neben

dem Eingang wird der Studiersaal entstehen. An sieben bis

acht großen Refektoriumstischen wird man Platz finden

können, um entweder klassenweise oder auch zu zweit oder

zu dritt zu sitzen. Und in der ehemaligen Küche soll dann die

Alumnenbibliothek untergebracht sein, so dass man sich

gleich aus der Bibliothek Materialien holen und dann im

Studiersaal arbeiten kann. Und wir haben im Studiersaal

noch ein kleine Nische abgetrennt und mit zehn oder zwölf

Computerarbeitsplätzen ausgestattet, so dass umfassendes

Arbeiten für die Thomaner möglich ist.

Welches Konzept wird mit dem Umbau des Alumnates verfolgt?

rolanD weISe: Es sollten repräsentative Räume entstehen,

an denen man erkennt, dass hier nicht nur Kinder und

Jugendliche leben, sondern auch der Chor als eine Institution

zu Hause ist. Das war im alten Kasten ein bisschen der

Mangel, da eben jene repräsentativen Räume, in denen

geprobt wurde und die man von Photographien her kennt, in

der im Zweiten Weltkrieg zerstörten zweiten Thomasschule

lagen. Dieser Mangel wird mit dem umgesetzten Konzept

zum Beispiel des neugebauten Probesaals aufgehoben. Der

neue Kasten wird nicht mehr nur ein Bettenhaus mit Probenräumen

sein.

Hier ist dann alles modern, repräsentativ und dennoch

bescheiden, aber eben auch der Institution gerecht werdend.

Die prägnanten Graffiti

an der Mauer rund um das

Alumnat bleiben trotz der

Sanierung teilweise erhalten.

Teile der Mauer werden

versetzt und erneuert.


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InterVIew

Wir wollen mit dem Konzept des neuen Kastens zeigen: Es

geht um mehr als »essen – schlafen – singen«. Deshalb wird

es zum Beispiel auch im Studiersaal die Möglichkeit geben,

Teile der historischen Bibliothek unterzubringen sowie einen

Teil der Gemälde und Kunstgegenstände für die Thomaner

sichtbar zu machen. Auch das ist wichtig, um den Jungs eine

Identität zu vermitteln – auch über das Jubiläum hinaus –

und ihnen zu zeigen, dass sie Teil einer großen, ja auch

strahlenden Geschichte sind.

... und auf das Jubiläum zurück kommend: Was mir

gefallen hat, dass das Ganze eben nicht eine museale

Rückschau war, sondern das wir mit dem Projekt Forum

Thomanum so ein wunderbares Scharnier in die Zukunft

haben. Die Idee zu dieser Art Campus entstand auf der

Konzertreise des Thomanerchores 1994 in Cambridge. Und

damals gab es hier bei uns nur das ziemlich veraltete

Alumnat, keine Schule ringsum, sondern nur unsanierte

Häuser. Die Thomaner mussten in die damalige Thomasschule,

einen Plattenbau in etwa 1,5 Kilometer Entfernung

vom Alumnat laufen. Und da wurde bei uns die Campusidee

geboren: eine Verbindung aus Kindertagesstätte, Grundschule

und eben der Thomasschule. Als nächstes steht der

Bau der Grundschule an. Sie soll hier entstehen, wo sich

momentan noch das Interim befindet.

Das Interim wurde schon mehrmals angesprochen. Lebt es

sich gut hier?

thoralf Schulze: Wir feiern jetzt hier Bergfest – und die

Sache mit dem Interim ist gelungen. Das Haus blieb lebendig,

der Chor intakt wie im Alumnat. Es verlangt von jedem

Thomaner, aber auch von allen Mitarbeiterinnen und

Mit arbeitern – gerade auch von den musikalischen Kollegen,

für die ich zuständig bin – natürlich Flexibilität. Wir mussten

ja mit dem Unterrichten in die Villa Thomana oder in die

Thomasschule ausweichen – aber alle haben mitgezogen,

allen voran der Thomaskantor. Wir haben die völlige Umstellung

der Proben­ und Unterrichtslogistik gut gemeistert

– dennoch freuen wir uns sehr, wenn Ende des Jahres die

Bauarbeiten abgeschlossen sein werden und wir an die Inneneinrichtung

des Hauses gehen können.

Sie sprachen gerade die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

an, die hier im Hause tätig sind. Wie viele sind das?

thoralf Schulze: Es sind 31 Personen, die hier direkt im

Wohnheim tätig sind: Vom Koch bis zum Kammersänger

sind alle dabei. Wir sind rund um die Uhr für die Thomaner

da und das fast 365 Tage im Jahr. Dazu kommen noch einige

Honorarkräfte in verschiedenen musikalischen Bereichen,

da wir ja nicht nur Klavier als Instrumentalunterricht sondern

auch Geige, Cello, Querflöte und Trompete anbieten.

Es gab in den letzten Jahren eine Menge Informationen über

das Erziehungssystem im Alumnat, dass die Jungs sich in

den Stuben zum Teil selbst erziehen, die Älteren Aufgaben

übernehmen in der Erziehung der Jüngeren. Ist das weiterhin

so geplant im neuen Alumnat? Hat sich diese Erziehungsform

bewährt?

Ein Blick auf und in die Baustelle: Das mittlere Bild zeigt den

Zugang zum neuen Probensaal, auf dem unteren Bild ist der Ausbau

des Dachgeschosses mit Sicht auf das Stadtzentrum zu sehen.

rolanD weISe: Das hat sich unbedingt bewährt. Es gab ja

beim Kommunizieren der Umbaupläne Ängste, Vorbehalte

und Bedenken bei Eltern oder auch ehemaligen Thomanern:

Wird jetzt alles auf den Kopf gestellt? Kommt jetzt eine klassenweise

Betreuung? Das war nie unsere Intention. Was wir

ändern wollten und mussten, waren die baulichen Bedingungen

– da war der Kasten an seine Grenzen gestoßen. Das

haben wir natürlich versucht mit unserem historischen

Konzept zu verbinden.

Wir behalten – wie gesagt – die Stube bei, aber eben auf

eine Wohngemeinschaft erweitert. Das heißt natürlich auch,

dass wir die Betreuung verstärken müssen. Bisher waren wir

ja im alten Kasten relativ zentral organisiert. Schon jetzt hier

im Interim haben wir zwei Wohnebenen. Im neuen Kasten

dann werden wir vier Ebenen haben. Eine Dezentralisierung

der Vorgänge und damit natürlich auch der pädagogischen

Betreuung ist die Folge. Da gibt es einen guten Konsens zwischen

allen Beteiligten und es gehört zu unserem System der

Einbindung eines jeden. Es geht eben nicht nur um das

Singen oder das Zur­Schule­Gehen. Es geht darum, den

Chor zu aktivieren, als Gruppe lebendig zu halten und um

das Miteinander zu stärken. Das sind für uns Schlüsselbegriffe,

die auch zur Musik führen: Beim Musizieren können

die Jungs ja nur miteinander erfolgreich sein. Und die Gruppe

kann im Musikalischen nur harmonieren, wenn sie auch im

Alltagsleben harmoniert.

thoralf Schulze: Ich möchte noch ergänzen, dass wir mit

der stubenweisen Unterbringung keinen Status quo bewahren.

Es ist eines unserer Erziehungsziele hier im Alumnat:

Wir halten die Übernahme von Verantwortung für die

Jüngeren durch die Elft­ und Zwölftklässler, die ja in ihrer

Entwicklung noch nicht fertig sind, für ein durchaus

lohnendes Ziel. Das ersetzt natürlich keine professionelle

pädagogische Betreuung, bietet uns jedoch auch die Gelegenheit,

den Großen Inhalte zu vermitteln und sie spüren zu

lassen, wie es ist, Verantwortung für die Jüngeren zu übernehmen.

Unsere Erfahrungen sind überwiegend positiv. Wir

müssen im Pädagogenteam natürlich immer die Augen offen

haben, in welcher Stube es vielleicht nicht funktioniert.

Wo sehen Sie den Chor in zehn Jahren?

rolanD weISe (lacht): Knabenchöre sind immer – egal von

welchem wir sprechen, egal in welcher Tradition er steht –

konservative Einrichtungen. Die machen keine großen

Sprünge, heute dies und morgen das. Fast immer ist – aus

der Tradition hergeleitet – der Auftrag klar umschrieben. Bei

uns ist das ganz eindeutig: Die Thomaner sind seit 800 Jahren

da, um die Kirchenmusik an Leipziger Kirchen zu gestalten.

Wir sind eine Bildungseinrichtung, die mit einem Gymnasium,

der Thomasschule, sehr eng verbunden ist. Wir haben

zukünftig hoffentlich auch eine musische Grundschule vorgeschaltet.

Ich denke, die Thomaner werden in zehn Jahren das

Gleiche tun wie jetzt. Hoffentlich erfolgreich und gut singen,

sich hoffentlich wohlfühlen und das neue Alumnat mit

Leben erfüllt haben und ihrem Auftrag musikalisch und

geistlich gerecht werden.

thoralf Schulze: Das kann ich so nur unterstreichen. Ich

sehe den Chor in zehn Jahren in einem modernen, großen

neuen Alumnat als Herzstück eines dann, glaube ich schon

funktionierenden Campus Forum Thomanum, in dem der

Bildungsbetrieb in allen Altersstufen läuft. Ansonsten

wünsche ich mir natürlich, dass die musikalische Kraft des

Chores so bleibt, sie kann gerne noch ein bisschen wachsen

... nur die Grundidee des Chores wird bis dahin sicherlich

die gleiche sein wie am heutigen Tag.

Gibt es bei Ihnen Berührungspunkte zur Musik? Spielen Sie

ein Instrument?

thoralf Schulze: Ich habe eine musikalische Ausbildung,

spiele Geige. Ich hatte elf Jahre Geigenunterricht und habe

E­Gitarre autodidaktisch spielen gelernt. Ich praktiziere

auch beides noch – zum Beispiel als Hausmusik.

rolanD weISe: Ich bin eher unmusikalisch aufgewachsen.

Aber ich habe im Chor in Leutzsch gesungen (lacht), im

Fußballstadion und dann in eine Musikerfamilie hineingeheiratet.

Meine Frau ist Orchestermusikerin, meine Tochter

auch, mein Sohn ist Thomaner.

thoralf Schulze: Und was uns hier beim Chor natürlich

alle verbindet: Wir genießen das Privileg, den Chor so oft

hören zu dürfen, ihn auf Konzertreisen begleiten zu können.

Das ist vielleicht der schönste Berührungspunkt zur Musik.

Ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche für die

weitere Arbeit viel Kraft.

Das Interview führte Dr. Michael Kampf

Der 1964 in Leipzig geborene

Religionspädagoge Roland Weise

kam unmittelbar nach der

politischen Wende 1990 zum

Thomanerchor. Er unterrichtete,

neben seiner Tätigkeit als

Pädagoge im Alumnat, zwölf

Jahre an der Thomasschule

evangelische Religion. Seit dem

Jahre 2002 ist er Pädagogischer

Leiter des Thomanerchores.

Als Mitbegründer und Vorstandsmitglied

des Vereins Forum

Thomanum e.V. konzipierte er

Thoralf Schulze, geboren 1967 in

Roßlau/Elbe, studierte in Leipzig

Klassische Philologie, Germanistik

und Slawistik. Er war nach

absolviertem Staatsexamen

zunächst als Gymnasiallehrer an

diversen Gymnasien in Leipzig

tätig. Im Jahre 2002 übernahm er

eine Stelle als Inspektor des

Thomanerchores. Zu Beginn des

Schuljahres 2005/06 wurde

ihm das Amt des Alumnatsleiters

übertragen, das er seither bei

fortlaufendem Lehrauftrag

an der Thomasschule zu Leipzig

bekleidet. Thoralf Schulze

ist Vorstandsmitglied des Forum

Thomanum e.V. und wirkt

rolanD weISe

thoralf Schulze

unter anderem die Gründung

einer musisch-sprachlichen

Kindertagesstätte.

konzeptionell in den Kuratorien

der Stiftung Thomanerchor sowie

anderer Förderinstitutionen des

Thomanerchores mit. Er ist

Vater zweier Kinder und lebt im

Süden von Leipzig.

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VERANSTALTUNGSKALENDER Die Die Auftritte des des Thomanerchores Leipzig leitet leitet Thomaskantor Georg Christoph Biller. Freitags um um 18 18 Uhr Uhr

und und samstags um um 15 15 Uhr Uhr finden in in der der Thomaskirche wöchentlich Motetten statt. Auch Auch der der Gottesdienst

sonntags um um 9:30 9:30 Uhr Uhr wird wird musikalisch gestaltet.

JULI–DEZEMBER 2012

Juli

1. 1. So So 9:30 Gottesdienst

mit mit der der Kurrende der der Thomaskirche und und

Thomaneranwärter

unter der der Leitung von von Angelika Mees

20:00 Konzert Nürnberg (St. (St. Seebald)

mit mit dem Thomanerchor Leipzig im im Rahmen der der

Internationalen Orgelwoche Nürnberg

6. 6. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

7. 7. Sa Sa 15:00 Motette

Johann Sebastian Bach

Kantate »Mein Herze schwimmt im im Blut« Blut« BWV 199 199

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

8. 8. So So 9:30 Familiengottesdienst

zum zum Gemeindetag an an der der Lutherkirche

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

13. 13. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

14. 14. Sa Sa 15:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

15.–19. Sommerreise des des Thomanerchores Leipzig

Werke von von Sethus Calvisius, Johann Hermann Schein,

Johann Schelle, Georg Christoph Biller,

Erhard Mauersberger, Kurt Kurt Thomas, Günther Ramin,

Moritz Hauptmann, Johann Adam Hiller und und

Johann Sebastian Bach

15. 15. So So 17:00 Saalfeld (Johanneskirche)

im im Rahmen des des MDR-Musiksommers

16. 16. Mo Mo 19:30 Ingelheim (Saalkirche)

17. 17. Di Di 20:00 Werne (Christopheruskirche)

18. 18. Mi Mi 20:00 Hannover (Markuskirche)

19. 19. Do Do 19:00 Torgau (Stadtkirche)

20. 20. Fr Fr 18:00 Motette

zum zum Schuljahresabschluss

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

23.7.–31.8. Sommerferien des des Thomanerchores Leipzig

September

7. 7. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

8. 8. Sa Sa 15:00 Motette

Johann Sebastian Bach

Kantate »Der »Der Herr Herr denket an an uns« uns« BWV 196 196

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

9. 9. So So 9:30 Gottesdienst

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

14. 14. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

15. 15. Sa Sa 15:00 Motette

Johann Sebastian Bach

Kantate »Was Gott tut, tut, das das ist ist wohlgetan« BWV 99 99

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

16. 16. So So 9:30 Gottesdienst

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

17.–23. Festwoche 800 800 Jahre Thomasschule

17. 17. Mo Mo 15:00 Festkonzert

Eröffnung der der Festwoche 800 800 Jahre Thomasschule

Grußwort des des Oberbürgermeisters

Thomanerchor Leipzig, Thomasschulchor, Schüler- und und

Elternorchester der der Thomasschule, Amarcord

21. 21. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

22. 22. Sa Sa 15:00 Motette

Johann Gottfried Schicht

84. 84. Psalm (Erstaufführung)

Thomasschulchor, Thomanerchor Leipzig,

Gewandhausorchester

Thomaskantor Georg Christoph Biller, Michael Rietz

23. 23. So So 9:30 Gottesdienst

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

28. 28. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

29. 29. Sa Sa 15:00 Motette

Johann Sebastian Bach

Kantate »Man singet mit mit Freuden vom vom Sieg« BWV 149 149

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

30. 30. So So 9:30 Gottesdienst

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

Oktober

12. 12. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

13. 13. Sa Sa 15:00 Motette

Johann Sebastian Bach

Kantate »Ich »Ich will will den den Kreuzstab gerne tragen« BWV 56 56

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

14. 14. So So 9:30 Gottesdienst

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

31.10.–4.11. Festwoche 800 800 Jahre Thomaskirche

31. 31. Mi Mi 10:00 Festgottesdienst

Vierte Festmusik von von Heinz Holliger (Uraufführung)

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

November

3. 3. Sa Sa 15:00 Motette

Vierte Festmusik von von Heinz Holliger

Kammerchor Josquin des des Préz, Thomanerchor Leipzig,

Gewandhausorchester

9. 9. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

10. 10. Sa Sa 15:00 Motette

Johann Sebastian Bach

Kantate »Nur jedem das das Seine« BWV 163 163

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

11. 11. So So 9:30 Gottesdienst

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

16. 16. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

17. 17. Sa Sa 15:00 Motette

Johann Sebastian Bach

Kantate »O »O Ewigkeit, du du Donnerwort« BWV 60 60

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

18. 18. So So 9:30 Gottesdienst

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

30. 30. Fr Fr 18:00 Motette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

Dezember

1. 1. Sa Sa 15:00 Motette

Johann Sebastian Bach

Kantate »Herz und und Mund und und Tat Tat und und Leben« BWV 147a

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

2. 2. So So 9:30 Gottesdienst

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

14. 14. Fr Fr 19:00 Konzert

Johann Sebastian Bach

Weihnachtsoratorium BWV 248 248

(Kantaten 1 1 bis bis 3 3 und und Kantate 6) 6)

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

(Karten über die die Gewandhauskasse Tel.: Tel.: 0341-1270 280 280 oder

ticket@gewandhaus.de)

15. 15. Sa Sa 17:00 Konzert

Johann Sebastian Bach

Weihnachtsoratorium BWV 248 248

(siehe 14.12.12)

16. 16. So So 17:00 Konzert

Johann Sebastian Bach

Weihnachtsoratorium BWV 248 248

(siehe 14.12.12)

19. 19. Mi Mi 19:30 Weihnachtsliederabend

Thomasorganist Ullrich Böhme

Thomanerchor Leipzig

(Karten über Musikalienhandlung M. M. Oelsner Leipzig,

Tel.: Tel.: 0341-960 56 56 56 56 oder musik@m-oelsner.de)

20. 20. Do Do 19:30 Weihnachtsliederabend

(siehe 19.12.12)

21. 21. Fr Fr 19:30 Weihnachtsliederabend

(siehe 19.12.12)

22. 22. Sa Sa 15:00 Motette

Fünfte Festmusik von von Brett Dean (Uraufführung)

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

24. 24. Mo Mo 13:30 Weihnachtsmotette

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

16:00 Christvesper

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

24:00 Komplet

mit mit Männerstimmen des des Thomanerchores Leipzig

25. 25. Di Di 9:30 Festgottesdienst

mit mit dem Thomanerchor Leipzig

(siehe 22.12.12)

31. 31. Mo Mo 13:30 Silvestermotette

Johann Sebastian Bach

Kantate »Herrscher des des Himmels« aus aus dem

Weihnachtsoratorium BWV 248 248

»Dona nobis pacem« aus aus der der Messe h-Moll BWV 232 232

Thomanerchor Leipzig, Gewandhausorchester

Stand: 31. 31. Mai Mai 2012 – Änderungen – Änderungen vorbehalten.

Weitere ausführliche Hinweise zu zu den den Veranstaltungen mit mit dem dem

Thomanerchor Leipzig oder oder Gastkonzerten in in der der Thomaskirche finden

Sie Sie unter www.thomanerchor.de oder oder auch unter www.thomaskirche.org.

Alle Alle Veranstaltungen finden, soweit nicht anders angegeben, in in der der

Thomaskirche zu zu Leipzig statt.

19 19


20 thoManer-leben

thoManer-leben 21

65 Thomaner touren mit der Bach’schen Matthäus-Passion durch Korea und Japan. Ausgebuchte Konzertsäle mit über 1500 Plätzen

bezeugen die große Nachfrage nach dem Thomanerchor in Fernost.

G

roßer beifall und ehrliche begeisterung

Erfolgreiche Tournee mit der Matthäus-Passion nach

Korea und Japan

Das neue Jahr begann für den Thomanerchor Leipzig nicht nur mit der Vorfreude auf die Jubiläumsfestwoche,

sondern auch mit einer großen Tournee nach Fernost. Gemeinsam mit den Solisten Ute Selbig, Stefan Kahle,

Martin Petzold, Christoph Genz, Gotthold Schwarz und Matthias Weichert sowie dem Gewandhausorchester

begaben sich Ende Februar 65 Thomaner und Thomaskantor Georg Christoph Biller auf den Weg nach Korea

und Japan. Im musikalischen Gepäck hatten sie die Matthäus-Passion BWV 244 von Johann Sebastian Bach. Der

pädagogische Leiter Roland Weise fasst seine Eindrücke dieser Reise zusammen.

Unsere erste Station war das südkoreanische Daejon, etwa

100 Kilometer südlich von Seoul, wo wir am 19. Februar eintrafen.

Daejon erschien uns als Musterstadt vom Reißbrett:

schnurgerade Alleen gesäumt von unzähligen Wohnblöcken.

Dazwischen Einkaufszentren, Stadien und das gewaltige

Culture and Arts Center. Am 22. Februar erklang dort vor

rund 1500 Zuhörern die erste Aufführung der Matthäus­

Passion dieser Reise, ob der riesigen Ausmaße der Konzerthalle

unter schwierigen akustischen Bedingungen. Dennoch

nahmen die Koreaner die Aufführung mit großem Beifall

und ehrlicher Begeisterung auf.

Am Tag darauf musizierten wir die Passion im Seoul Arts

Center, ebenfalls ein riesengroßer Komplex mit Konzertsaal,

Opernhaus, Theater, Galerien und Museen. Anwesend waren

der deutsche Botschafter in Südkorea Dr. Hans­Ulrich Seidt

und eine Wirtschaftsdelegation aus Leipzig. Leider ver­

blieb nur wenig Zeit, um Seoul etwas näher kennen zu lernen,

denn am 24. Februar flogen wir ins benachbarte Japan, wo

Yokohama unsere erste Station war.

Wir residierten im großartigen Pan­Pacific Hotel in der

Bucht von Yokohama und genossen den Blick über den Hafen

und das große Riesenrad. Die Yokohama Minato Mirai Hall


22 thoManer-leben

thoManer-leben 23

befand sich unmittelbar im Komplex aus Hochhäusern, Hotels,

U­Bahnhof und Einkaufszentrum mit Vergnügungspark.

In den freien Stunden erkundeten die Thomasser die

Umgebung, fuhren mit dem Riesenrad und grüßten das in

der Ferne sichtbare Tokyo. Leider erkrankte während der

Reise der Solist Christoph Genz und musste abreisen. Martin

Petzold übernahm als Evangelist zusätzlich die Tenorarien.

Von Yokohama aus reisten Chor und Orchester mit dem

rasenden Shinkansen nach Osaka weiter, wo am 26. Februar

in der 1700 Sitzplätze umfassenden Symphony Hall ein

weiteres Konzert stattfand. Abschließend führte die Tournee

nach Tokyo in die Tokyo Opera City Concert Hall und in

die Suntory Hall. Das erste Konzert in Tokyo widmeten

Thomanerchor und Gewandhausorchester dem verstorbenen

langjährigen ersten Konzertmeister des Gewandhausorchesters,

Prof. Gerhard Bosse, der am 1. Februar 2012

neunzigjährig in Japan, wo er die letzten Jahrzehnte seines

Lebens verbracht hatte, verstorben war. Am Beginn des Konzertes

erhoben sich Musiker und Zuhörer schweigend, bevor

die Thomaner den Chor »Wenn ich einmal soll scheiden« aus

der Matthäus­Passion sangen.

Vor der letzten Aufführung in Tokyo unternahmen

die Thomaner den fast schon traditionellen Ausflug nach

Kamakura am Pazifischen Ozean. Dort bestaunten sie den

großen Buddha, die zahllosen Schreine und Tempel, das

Meer, die ersten Blüten des Jahres und die großen Raubvögel.

Für alle Beteiligten war die Reise wieder ein großartiges

Erlebnis. Die Thomaner wurden mit überwältigender Herzlichkeit,

Liebe und Respekt empfangen. Das Riesenflugzeug

Airbus A380 brachte uns am 3. März sicher wieder zurück

nach Deutschland.

Roland Weise

Neben dem üblichen Zeitvertreib wie Kartenspielen und Essen, nutzt der Chor seine Freizeit, um Land und Leute kennenzulernen:

Ein Rendevouz mit dem großen Buddha in Kamakura gehört bei jeder Japan-Tournee dazu.

Chinatown und zahlencodes

Die Briten empfangen den Thomanerchor

Der Leipziger Flughafen an einem windigen Tag Anfang März: Zwei Busse fahren vor und öffnen ihre Türen.

Heraus treten 64 Jungen im Alter von 10 bis 18 Jahren, welche in Sekundenschnelle den Schalterbereich des

Flughafens bevölkern. Das Reiseziel ist Großbritannien: Manchester, Birmingham, London.

Der Thomanerchor beeindruckte mit der Matthäus-Passion nicht nur die Konzertbesucher in der Bridgewater Hall in Manchester,

sondern auch die Gäste der über 2000 Plätze umfassenden Symphony Hall in Birmingham (hier ein Probenfoto).

Das Charter­Flugzeug steigt am Mittag in die Luft. An Bord

befinden sich neben den Thomassern und Thomaskantor Georg

Christoph Biller auch das Gewandhausorchester und die Solisten

Ute Selbig, Stefan Kahle, Martin Petzold, Christoph

Genz, Gotthold Schwarz und Matthias Weichert. Am frühen

Nachmittag landen alle Beteiligten in Manchester und steigen

in die bereit stehenden Busse. Nach kurzer Fahrt kommt der

Chor im Hotel an, wo bereits einige Fans des Vereins Manchester

United in den Vereinsfarben stehen und das Fußballspiel,

welches an diesem Tag stattfindet, sehnsüchtig erwarten.

Nachdem sich alle an dem typisch englischen Büffet gesättigt

haben, werden im Nu die dem englischen Standard

entsprechenden Zimmer bezogen und alle Jüngeren begeben

sich zur Bettruhe. Die Größeren erkunden in der Zwischenzeit

ein nahe gelegenes Einkaufszentrum, um die getauschten

Pfund wieder los zu werden. Als dann um 17 Uhr auch die

letzten Schlafmützen aus ihren Träumen geholt sind, kann

der Bus zur Bridgewater Hall starten. Das Konzerthaus ist

riesig und man läuft Gefahr, die Orientierung zu verlieren.

Den Weg zur Anspielprobe und den darauf folgenden Imbiss

finden jedoch alle, und so betritt der Chor ordentlich gestärkt

und unter großem Beifall die Bühne. Die modischen Besonderheiten

einiger Gäste lenken den Blick von dem ein oder

anderen freien Platz ab. Drei Stunden später erklingen die

letzten Töne der Matthäus­Passion und es setzt sofort ein

nicht enden wollender, tosender Applaus ein. Innerhalb kürzester

Zeit sind die zahlreichen CD­Exemplare verkauft und

der Chor kehrt zufrieden ins Hotel zurück und plündert das

Büffet. Erschöpft sinken vor allem die jüngeren Thomasser in

die Kissen, und nach kürzester Zeit herrscht, abgesehen von

einigen enttäuschten ManU–Fans, Ruhe im Hotel.

Ab halb neun des darauffolgenden Tages regen sich die

ersten Knaben, und die Flure des Hotels füllen sich mit

Leben. Nach dem überschaubaren Frühstück geht die Reise

weiter nach Birmingham. Dabei ziehen an den Fenstern des

Busses grüne Weidelandschaften mit unzähligen Pferden,

Schafen und ein paar Kühen vorbei. Es sieht so aus wie man

sich England vorstellt. Bei der Fahrt durch die Stadt bestaunen

die Jüngeren immer wieder die englischen Taxis und

machen zahlreiche Fotos. Gegen Mittag empfängt uns das


24 thoManer-leben

zuGänGe DeS thoManerchoreS 25

ortsansässige Ibis Hotel, und es wird ein gut gewürztes – die

Mehrheit würde sagen »scharfes« – Lammcurry serviert. Die

Unterkunft macht einen sehr guten Eindruck. Als das Mittagessen

mit einem Eis abgeschlossen ist, beziehen alle zufrieden

ihre Zimmer. Fußläufig sind in Chinatown allerhand

Geschäfte und Märkte sowie zahlreiche Cafés und Lokale zu

erreichen, und die kurze verbleibende Zeit bis zur Bettruhe

wird für intensives Shoppen genutzt.

Danach heißt es Bettruhe, aufstehen, Konzertanzug anziehen

und los geht es zur Symphony Hall. Auch dieses

Gebäude birgt unzählige Räume und Gänge sowie ein ausgeklügeltes

Sicherheitssystem. Jedem Thomasser wird am

Einlass ein Zahlencode mitgeteilt. Nun gilt es sich diesen zu

merken, ansonsten endet der Weg an der nächsten Tür – und

davon gibt es etliche. Der Konzertsaal wirkt farblich etwas

überladen und unterscheidet sich in diesem Punkt deutlich

von den Konzerthäusern in Deutschland. Nach der Anspielprobe

und dem Imbiss in Form von Sandwichs, geht der Chor

auf die Bühne. Das Konzert ist wieder ein voller Erfolg. Das

Publikum applaudiert und ruft »Bravo«.

Die Älteren haben das Ansinnen, sich nach dem Konzert ins

Nachtleben zu stürzen, um auch diese Seite Englands kennen

zu lernen. Die über 18­jährigen tun dies auch. Wer noch keine

18 Jahre ist, kehrt zeitnah ins Hotel zurück, da es unmöglich ist

am Sicherheitspersonal, welches sich vor jedem (!) Lokal befindet,

vorbei zu kommen und der Abend damit beendet ist.

Am nächsten Morgen teilen sich die Reisenden in zwei

Gruppen auf. Eine Gruppe tritt den Heimweg nach Leipzig

an. Die zweite, etwas kleinere Gruppe macht sich auf den Weg

nach London um dort in der Royal Academy of Music den

bedeutenden Bach Prize London 2011 in Empfang zu nehmen.

In London angekommen wird der freie Nachmittag sofort genutzt,

um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Sehenswürdigkeiten

zu besichtigen. Als die »Touristen« mit vollen

Speicherkarten wieder im Hotel eingetroffen sind, geht es auf

zur Probe in die Academy. Am Sonntagmittag wird dem Chor

unter Demonstration des ihm eigenen fabelhaften musikalischen

Niveaus der Bach Prize London 2011 überreicht.

In Anwesenheit des in Leipzig geborenen Stifters Sir Ralph

Kohn, des deutschen Botschafters Georg Boomgaarden,

zahlreicher Gäste aus Kultur, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft

überreicht der Präsident der Königlichen Akademie,

HRH The Duchess of Gloucester, den Preis an Thomaskantor

Georg Christoph Biller, der ihn sogleich symbolisch an die

Thomaner übergibt. Direkt im Anschluss kehren die Preisträger

zurück nach Leipzig, wo sie eine aufregende Fest woche

anlässlich ihres 800­jährigen Jubiläums erwartet.

Sarah Krüger

The Royal Academy of Music Bach Prize

Als Gewinner des Royal Academy of Music/Kohn Foundation

Bach Prize gesellt sich der Thomanerchor Leipzig zu so namhaften

Persönlichkeiten wie John Butt (2010), Peter Schreier

(2009), Sir John Eliot Gardiner (2008), András Schiff (2007)

oder dem Direktor des Leipziger Bach­Archivs Prof. Dr. Dr.

Christoph Wolff (2006). Letzterer hielt vor Ort die Laudatio

und unterstützte die Ehrung für den Thomanerchor mit den

Worten: »Es ist der Ausdruck einer wunderbaren Anerkennung

für ein Ensemble, das sich die längste Zeit seines Bestehens

aktiv und kontinuierlich mit dem Werk Bachs auseinandersetzt

– schließlich war kein Geringerer als Johann

Sebastian Bach selbst sein einstiger Leiter.«

Bäume erklimmen und buden bauen

Die neuen Thomaner sind nicht nur Fußballfans

Wieder ist ein Jahr vergangen und der

Thomanerchor freut sich über den Zuwachs

von elf Knaben, welche die Aufnahmeprüfung

im vergangenen Sommer

gemeistert haben und nun den Chor

verstärken. Im Gegensatz zum vergangenen

Jahr gibt es unter den Neuen

nur wenige, die gern Fußball spielen.

Thomas Barth und Jakob Stahr sind hin

und wieder unter den Spielern auf dem

Fußballfeld zu entdecken und haben

jeweils gleich drei Lieblings vereine. Der

Hof des Alumnates wird dennoch

anderweitig rege genutzt, um Bäume zu

erklimmen, Stöcke zu suchen und Buden

zu bauen. Das Spielen im Freien ist für

fast alle eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen.

Franz­Peter Graupe geht

dabei noch einer ganz besonderen Leidenschaft

nach. Schmetterlinge sind

sein größtes Hobby, und er möchte

später unbedingt Insektenforscher

werden. Albert Sacher fährt mit seinen

Eltern in den Ferien jedes Jahr nach

Frankreich. Im vergangenen Sommer

hat er dort das Surfen gelernt. Das bereitet

ihm viel Freude, und er kann den

nächsten Surfurlaub kaum erwarten.

Neben dem Spielen und Surfen

kommt das Singen natürlich nicht zu

kurz. Das machen, wie sollte es auch

anders sein, alle sehr gern. Albert ist

etwas traurig darüber, dass er als einziger

aus seiner Klasse im Alt singt,

aber dafür durfte er schon nach einem

halben Jahr mit nach Japan und

England fliegen. Richard Selle kann

sich noch sehr lebhaft an seinen ersten

Auftritt in Kieler Bluse erinnern. »Es

war im Sommer und sehr warm. Es hat

etwas gemüffelt, aber es war toll darin

aufzutreten, denn das hat nicht jeder

auf der Welt.« Auch Benedikt Voigt hat

es gefallen. Er war sehr aufgeregt und

hatte in diesem Moment »das Gefühl,

richtig dabei zu sein.« Ein ganz besonderer

erster Auftritt in Kieler Bluse ist

Paul Roß zuteil geworden. Er ist im

Halbjahr in den Chor aufgenommen

worden und wartete aufgrund zahlreicher

Reisen lange darauf, endlich

in Kieler Bluse singen zu dürfen. Am

20. März war es soweit. Sein erster Auftritt

als Chormitglied fand im Rahmen

des Festaktes zum 800­jährigen Jubiläum

statt, worauf er mächtig stolz ist.

Während der Großteil der jüngsten

Thomasser von Angelika Mees und

Lana Toshev in Leipziger Kindergärten

entdeckt wurde, sind Richard und

Benedikt auf andere Art und Weise auf

den Chor aufmerksam geworden.

Richard wurde durch den Film »Das

fliegende Klassenzimmer« inspiriert

und Benedikt bekam von seinem Patenonkel

eine CD der Matthäus­Passion

des Thomanerchores geschenkt und beschloss

daraufhin: »Da will ich auch

hin, weil das so schön geklungen hat.«

Er begann sich auf die Aufnahmeprüfung

vorzubereiten, übte fleißig Cello

zu spielen und hat es geschafft. Seine

Klassenkameraden haben sich fast einstimmig

entschlossen, auf dem Klavier

Elf Knaben verstärken den Thomanerchor

(v.l.n.r.): Vinzenz Klose, Richard Selle (10),

Benedikt Wadewitz (12), Jakob Stahr (10),

Dragan Lautenschläger (9), Jakob Miseler,

Franz-Peter Graupe (10), Albert Sacher

(10), Konstantin Haufe (10), Frank

Bonsong-Segovia (10), Thomas Barth (9),

Lukas Kühne und Benedikt Voigt (10).

Paul Roß ist ebenfalls neuer Sänger im

Thomanerchor, fehlt aber leider auf dem

Bild. Vinzenz K., Jakob M. und Lukas K.

sind bereits seit längerem dabei.

in die Tasten zu hauen, wobei Frank

Bonsong­Segovia mit einem Blick in die

Zukunft verrät, dass er irgendwann

einmal Drehleier spielen möchte. »Das

sieht leicht aus, aber eigentlich ist es

ganz schwer.« Benedikt Wadewitz, welcher

seit Schuljahresbeginn die Klasse

6 TM verstärkt, hat sich entschieden,

Querflöte zu lernen und wird dabei von

Richard, der ebenfalls Flöte spielt, zahlenmäßig

unterstützt.

Fragt man die Jungs, ob es ihnen

schwergefallen ist, den gesamten Tag

und teilweise auch die Nacht im Alumnat

zu verbringen, bekommt man zusammengefasst

eine Antwort: »Nein.«

Wenn man diese Antwort jedoch hinterfragt,

erfährt man von dem ein oder

anderen, dass das Heimweh zu Beginn

doch »ein kleines bisschen« vorhanden

war. Für Konstantin Haufe war die

Umstellung »schon anstrengend, aber

es war schön, plötzlich in so einen Chor

zu kommen.« Mittlerweile haben sich

alle im Choralltag zu Recht gefunden.

Die Vorteile sind für Jakob Stahr eindeutig:

»Man lebt in einer Gemeinschaft.

Der eine hilft dem anderen und

es wird nie langweilig.« Auch Benedikt

Wadewitz betont, dass man im Kasten

mehr »Blödsinn machen kann«. Für

Dragan Lautenschläger liegen die Vorteile

des Chorlebens ganz woanders. Er

singt gern und es ist schön, das »bei

Auftritten zeigen zu können und dass

dann die Leute sich darüber freuen

können.« Sarah Krüger


26 Motette/Kantate

Motette/Kantate 27

Wassertropfen anstatt Vollbad

Pfarrer Christian Wolff über die Kantate BWV 7

Ein Ertrag des regelmäßigen Motetten­ und Gottesdienstbesuchs

in der Thomaskirche ist für jeden, das Kirchenjahr in

seiner Gänze neu kennenlernen zu können – nicht zuletzt

durch die musikalische Würdigung der hohen kirchlichen

Feiertage, die selbst innerhalb der Kirche in Vergessenheit geraten

sind oder der römisch­katholischen Kirche zugewiesen

werden. Das gilt nicht nur für die Marienfeiertage wie den

2. Februar und 25. März, sondern auch für den Michaelis­

(29. September) und Johannistag (24. Juni). Letzterer gehört

noch zu den bekannteren unter den kaum noch präsenten

kirchlichen Gedenk­ und Feiertagen. Hintergrund des

Johannistages ist die Geburt, die Beschneidung und Namensgebung

von Johannes dem Täufer. Zacharias, der Vater von

Johannes, der seit der Ankündigung der Geburt seines Sohnes

die Sprache verloren hatte, schrieb den Namen des Jungen auf

eine Tafel: »Er soll Johannes heißen«.

Zur großen Verwunderung der Verwandten stimmt er

darin mit Elisabeth überein, die den gleichen Namen nennt.

Johannes heißt auf Deutsch »Gott hat Gnade erwiesen«. Nach

der biblischen Überlieferung ist Elisabeth, die Mutter des

Johannes, schon ein halbes Jahr schwanger, als der Maria die

Geburt Jesu angekündigt wird. Darum ist der Johannistag auf

den 24. Juni gelegt worden, sechs Monate vor der Heiligen

Nacht, in der wir die Geburt Jesu feiern.

Informationen zur Kantate

Die Kantate BWV 7 »Christ unser

Herr zum Jordan kam« ist Teil des

Zyklus von Choralkantaten, den

Johann Sebastian Bach 1724/25

als seinen zweiten Leipziger

Kantatenjahrgang schuf. Textlich

liegt der Kantate Martin Luthers

gleichnamiges Tauflied von 1541

zugrunde, dessen Rahmenstrophen

eins und sieben wörtlich beibehalten

worden sind. Die Sätze zwei

bis sechs hat ein unbekannter

Verfasser, unter behutsamen

Veränderungen der Vorlage

Luthers, umgedichtet. Auffällig ist,

dass die Kantate nicht auf die

Evangelienlesung des Tages

Bezug nimmt. Diese erzählt von

der Geburt des Täufers, während

die Kantate von der Taufe Jesu

berichtet.

1. coro »Christ unser Herr zum

Jordan kam« für vierstimmigen

InformatIonen zur Kantate

Gemeinsam mit dem

Gewandhausorchester

musiziert der

Thomanerchor Leipzig

regelmäßig Kantaten von

Johann Sebastian Bach

in der Thomaskirche.

Christ unser Herr zum Jordan kam BWV 7

Von Johann Sebastian Bach kennen wir drei Kantaten, die er

zum Johannistag komponiert hat – eine davon ist die Choralkantate

»Christ unser Herr zum Jordan kam« BWV 7 aus dem

Jahr 1724. Die Kantate umfasst sieben Teile und folgt dem

siebenstrophigen Lied von Martin Luther, wobei die zwischen

dem Eingangs­ und Schlusschoral frei gedichteten drei Arien

und zwei Rezitative die jeweiligen Inhalte der zweiten bis

sechsten Strophe aufnehmen. Im Evangelischen Gesangbuch

ist der Choral heute – dem Inhalt angemessen – unter den Taufliedern

zu finden und nicht bei den Liedern zum Johannistag

eingeordnet (EG 202). Dem entsprechend nimmt die Kantate

kaum Bezug auf das Evangelium für den Johannistag aus

Lukas 1,57–80, sondern beschäftigt sich vor dem Hintergrund

der Taufe Jesu durch Johannes (Matthäus bzw. Markus 3) mit

der Bedeutung der Taufe für den Christenmenschen.

Man kann sich fragen, warum Bach gerade für den

Johannistag diese kleine, sich ganz an Martin Luther orientierte

Tauflehre vertont hat. Das mag zum einen daran liegen,

dass Bach sich bei seinem, 1724 begonnenen Choralkantatenzyklus

an die Klassiker unter den Kirchenliedern gehalten hat

und darum seine Wahl unter den nicht gerade zahlreichen

Chorälen zum Johannistag auf das Lutherlied fiel. Zum

andern wird er das Evangelium für diesen Tag wie selbst­

Chor, Oboe d‘amore I/II, Violino

concertante, Violino I/II, Viola, Basso

continuo

2. aria »Merkt und hört, ihr

Menschenkinder« für Bass und

Basso continuo

3. recitativo »Dies hat Gott klar mit

Worten und mit Bildern dargetan«

für Tenor und Basso continuo

4. aria »Des Vaters Stimme ließ sich

hören« für Tenor, Violino

concertante I/II und Basso continuo

5. recitativo »Als Jesus dort nach

seinen Leiden« für Bass, Violino I/II,

Viola und Basso continuo

6. aria »Menschen, glaubt doch

dieser Gnade« für Alt, Oboe

d’amore I/II e Violino I all’ unisono,

Violino II, Viola und Basso continuo

7. choral »Das Aug allein das Wasser

sieht« für vierstimmigen Chor, Oboe

d’amore I/II e Violino I col Soprano,

Violino II coll’ Alto, Viola col Tenore

und Basso continuo

verständlich mitgedacht haben. Und da ist im Lobgesang des

Zacharias das Wirken des Johannes als Täufer schon vorweggenommen:

»Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten

heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du

seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem

Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche

Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird

das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen,

die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte

unsere Füße auf den Weg des Friedens.« (Lukas 1,76 – 79)

Johannes der Täufer

Luther wie Bach sehen den Höhepunkt der Tätigkeit des

Johannes in der Taufe Jesu gegeben – die durch den Choral als

Stiftungsakt der Taufe des Menschen dargestellt wird: »Da

wollt er stiften uns ein Bad, zu waschen uns von Sünden« heißt

es in der ersten Choralstrophe. Gleichzeitig ist die Taufe ein

Akt der Befreiung. Jedenfalls steht das hinter der für uns heute

so sperrigen Vorstellung Luthers, dass die Taufe mit Wasser

der Reinigung, der Erneuerung dient, indem der alte Adam

ersäuft wird und ein neuer Mensch aufersteht. In unserer heutigen

Taufpraxis sind von diesem Vollbad im Fließgewässer

des Jordan nicht mehr als ein paar Wassertropfen übrig geblieben.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass das Wasser

als Element der Reinigung, der Energie und des Lebens allein

nicht ausreicht, um die Taufe zu vollziehen. Notwendig gehören

das Wort Gottes und Gottes Geist (Bassarie) dazu.

Als das entscheidende Wort wird im Tenorrezitativ die

Stimme gedeutet, die bei der Taufe Jesu zu hören ist: »Er

sprach: Dies ist mein lieber Sohn.«

Die Proklamation enthält eine doppelte Botschaft: Zum

einen wird sich der Mensch durch die Taufe seiner Identität

bewusst. Denn Gott erinnert den Menschen daran, dass er sein

Geschöpf ist und segnet damit ein jedes Menschenleben mit

Recht und Würde. Zum andern unterstreicht das Wort Gottes:

das, was Jesus als Fleisch gewordenes Wort unter die Menschen

bringt, soll von diesen auch gehört und angenommen werden:

»Den nehmet nun als euren Heiland an, und höret seine teuren

Lehren!«

In der folgenden Tenorarie, die den Mittelpunkt der Kantate

bildet, wird die Taufe als trinitarisches Ereignis gedeutet:

»Es habe die Dreifaltigkeit, uns selbst die Taufe zubereit’«.

Jesus Christus stiftet die Taufe, indem er sich von Johannes

taufen lässt und damit ganz in diese Welt eintaucht. Sein Tun

wird durch Gottes Wort gerechtfertigt und überträgt sich auf

alle Getauften. Und der Geist Gottes kommt wie die Taube

über den Menschen und ermöglicht ihm erneuertes Leben –

allein dadurch, dass mit der Taufe ein Leben lang die Frage

präsent ist: In welchem Geist wollen wir leben?

Nun dient die Taufe des Menschen nicht nur der Befreiung

von dem, was mich ein Leben lang quält, sondern auch der

Weitergabe der Guten Nachricht von Jesus Christus. Denn

jeder Mensch trägt das in sich, was Jesus am Jordan mit der

Taufe begonnen hat: die göttliche Berufung, in die Welt zu

gehen und von Jesu Leben und Wirken zu zeugen. Damit soll

ein Ausweg aus dem Dilemma aufgezeigt werden, wissentlich

das Falsche zu tun (Thema der Altarie): »Menschenwerk und

–heiligkeit / gilt vor Gott zu keiner Zeit. / Sünden sind uns

angeboren, / wir sind von Natur verloren.«

Diese Tragik (mit dem Begriff »Erbsünde« eher vernebelt

als erklärt) begleitet uns ein Leben lang – und wird von

Johannes in seiner Predigt drastisch dargestellt. Diese ging der

Taufe Jesu voraus und ist uns im Lukasevangelium (Lukas

3,7ff) überliefert. Sie lässt an provokanter Deutlichkeit nichts

zu wünschen übrig. Vielleicht wollte Bach das durch die musikalische

Gestaltung des Eingangschores mit berücksichtigen

und verzichtet darum auf alle Beschaulichkeit. In dem vielfältigen

Stimmengeflecht der Instrumentierung sehe ich weniger

die Wellenbewegung des Jordans wiedergegeben als vielmehr

die Ernsthaftigkeit und Schärfe unterstrichen, mit der

Johannes aufgetreten ist. Vielleicht wird auch deswegen der

Cantus firmus durch den Tenor gesungen. Johannes verkündet

ohne Ansehen der Person das kommende Gericht, ruft die

Menschen zur Umkehr auf und vollzieht dann die Taufe mit

Wasser: »Ihr Schlangenbrut«, so seine wenig einfühlsame

Anrede an die Volksmenge. »Es ist schon die Axt den Bäumen

an die Wurzel gelegt« so seine nicht gerade verheißungsvolle

Zukunftsvision. Und als er dann von den Menschen gefragt

wird: »Was sollen wir denn tun?« antwortet Johannes: »Wer

zwei Hemden hat, der gebe dem eines, der keines hat.« Den

korrupten Zolleinnehmern schärft er ein: »Fordert nicht

mehr, als euch vorgeschrieben ist.« Und den tötungsbereiten

Soldaten schreibt er ins Stammbuch: »Tut niemandem Gewalt

oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold.« Was

aber, wenn uns das nicht gelingt? Dann soll uns die Taufe

daran erinnern, dass Gott uns Gnade erwiesen hat, »Die allen

Schaden heilet gut / von Adam her geerbet, / auch von uns

selbst begangen.«

Wir Menschen müssen nicht an der Nichterfüllung unserer

Verantwortung zerbrechen, sondern können uns immer wieder

neu unserer Bestimmung und den sich daraus ergebenden

Aufgaben stellen.

Christian Wolff, Pfarrer an der Thomaskirche Leipzig

· 1949 in Düsseldorf geboren

· Studium der evangelischen Theologie

in Heidelberg und Wuppertal

· 1973/74 Vorsitzender des Allgemeinen

Studentenausschusses an der Universität

Heidelberg

· nach dem Vikariat 1977 Antritt

einer Pfarrstelle an der Unionskirche

in Mannheim

· dort besondere Beteiligung in der kirchlichen Friedensbewegung und

in der Frage »Kirche und Arbeitswelt«

· seit 1992 Pfarrer an der Thomaskirche Leipzig

· Engagement in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens:

Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins Thomaskirche-

Bach 2000 e.V., Vorsitzender der Stiftung Chorherren zu St. Thomae

und des Forum Thomanum e.V.

pfarrer chrIStIan wolff


28 MuSIKer In leIpzIG

MuSIKer In leIpzIG 29

Moritz Hauptmann

war von 1842

bis zu seinem Tod

Thomaskantor.

Zu Beginn fühlte

er sich in diesem

Amt nicht wohl:

»[...] ich gefalle

mir in der Stelle

nicht gut [...]«.

MorItz hauptMann

· Moritz Hauptmann wurde

1792 in Dresden geboren

· Ausbildung bei Louis Spohr

(Violine) und Francesco

Morlacchi (Komposition)

· 1812 bis 1816 Violinist

der Dresdner Hofkapelle

· ab 1822 Violinist der Kasseler

Hofkapelle und Zusammen-

arbeit mit Louis Spohr

· auf Empfehlung Felix

Mendelssohn Bartholdys

wurde Hauptmann 1842

Thomaskantor und blieb

dies bis zu seinem Tode

· ab 1843 Lehrer für

Musiktheorie am Leipziger

Konservatorium

· 1850 Mitbegründer der

Bach-Gesellschaft, deren

erster Vorsitzender er wurde

· 1868 stirbt Hauptmann

in Leipzig

Moritz hauptmann (1792−1868)

Von den Bergen und Tälern der musikalischen Kunst

»Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns;

vor uns liegen die Mühen der Ebenen.« Diese

bekannten Zeilen Bertolt Brechts waren beileibe

nicht auf den Thomanerchor, Johann

Sebastian Bach oder das diesjährige Jubiläum

von 800 Jahren Thomanerchor, Thomaskirche

und Thomasschule gemünzt. Und

doch: die Mühen der Ebene – einem Thomaskantor

dürften sie vertraut sein. Jede Woche

von neuem ein Programm auf die Beine zu

stellen, und einen sich ständig erneuernden

Chor auf gleichbleibend hohem Niveau halten

zu müssen, ist eine kräftezehrende Aufgabe.

Die Messlatte liegt dabei nicht eben niedrig.

Schließlich sitzt einem, neben einer 800­jährigen

Tradition, auch einer der größten Komponisten

als Maßstab im Nacken, Johann

Sebastian Bach. »Die Beschäftigung mit ihm

kommt auch für mich jedes Mal dem Entschlüsseln

von Rätseln gleich, wobei mit

jedem Erkennen das Wesentliche an ihm

unfassbarer wird. Doch das Unerreichbare

will ich nicht als Lähmung auffassen,

sondern als Ansporn, mich mit meinen Mitteln

auch auf den Weg in Unbekanntes zu

machen. Als Interpret kann ich, von anderen

lernend, nur auf eigenen Füßen weit gehen.

Als Komponist ist mir ihm gegenüber zumute,

wie einem Spatz, der sich frech vorwagt,

bei einem leichten Flügelschlag des Adlers

jedoch schnell davonfliegt.« Diese Zeilen des

amtierenden Thomaskantors Georg Christoph

Biller, illustrieren auf eine besondere Weise

Möglichkeiten und Beschränkungen des

Musizierens in der Nachfolge Bachs.

Auch Billers Amtsvorgänger Moritz

Hauptmann dürfen solche Überlegungen zugetraut

werden. Eine im Thomaner­Almanach

IV von Dr. Stefan Altner umsichtig und

kenntnisreich besorgte Auswahl der Briefe

Hauptmanns an seinen Vertrauten und

Freund Franz Hauser zeigt auch die Zweifel,

die der als Musiktheoretiker und Violinist

versierte Hauptmann an seiner Eignung als

Thomaskantor hatte. So schrieb er 1842:

»Die Stelle gefällt mir recht gut, aber ich

gefalle mir in der Stelle nicht gut: es fehlt mir

an eindringlicher, activer Rührigkeit, und

ich kann mir immer noch nicht denken, daß

ich so recht mit den Bedingungen die zu

erfüllen sind, verwachsen werde, und sie

nicht außer mir als etwas entgegenstehendes

behalten werde. (…) Ich bin zu alt in diese

für mich ganz neue Sphäre gekommen, da

lernt man schwer um.« Der auf Empfehlung

von Felix Mendelssohn Bartholdy und Louis

Spohr ins Thomaskantorat berufene Hauptmann

blieb dennoch 26 Jahre im Amt.

Vom Wegfall der öffentlichen Singumgänge

1837 bis zum Amtsantritt Karl

Straubes 1918 erstreckt sich eine Periode der

Suche des Chores nach einem neuen Platz im

Musikleben der industriell wachsenden und

kulturell vielfältiger werdenden Stadt

Leipzig. Bis zur Profilierung des Thomanerchores

als bedeutendem Träger der Bachpflege

mit internationaler Ausstrahlung war es

noch ein weiter Weg. Seit 1581 waren die

Thomaner zum Kurrendesingen verpflichtet

gewesen und mussten mit dem dort eingenommenen

Geld zum Erhalt von Schule und

Alumnat beitragen. Obwohl die Stadt

Leipzig für alle wesentlichen Ausgaben des

Chores aufzukommen hatte und die normale

kirchenmusikalische Arbeit weiterging, war

es notwendig, die nach 1837 nunmehr weg­

gefallenen Einnahmen durch billetpflichtige

Konzerte aufzufangen. Im sogenannten

Riedel­Verein, einem Chorgesangverein

zur Pflege alter Kirchenmusik, war den

Thomanern ein kritisch beäugter Konkurrent

entstanden: »Dessen Eifer und Fleiß ist

gewiß recht zu loben;« schrieb Hauptmann

1858 an Hauser, »nun muß man aber die

Zeitungen sehen, durchgängig, da ist nicht

der gute Wille und das bedingte Gelingen

gelobt – sondern die allerhöchste Vortrefflichkeit

aller Leistungen und aller Mittel die

dabei mitwirken, so daß es auch heißt, die

Aufführungen des Riedelschen Vereins sind

gegenwärtig der Schwerpunkt auf dem das

Leipziger Musikleben beruht; daß da die

Singacademie und der Thomanerchor

schlecht wegkommen als abgestandene

Anstalten ohne Energie und Lebenskraft

versteht sich von selbst.« Dabei hatte auch

Hauptmann mit den Urproblemen aller

seiner Amtsvorgänger zu kämpfen: zu wenig

Probenzeit für eine Vielzahl von Verpflichtungen

bei unzureichender materieller und

pädagogischer Versorgung. So schrieb er

Hauser 1848: »Ich wollte Sie hätten den

Domchor in Berlin zu dirigieren, noch lieber

als den Thomanerchor, dort die ausgesuchtesten

Stimmen, (…) – hier haben wir

auch die verlornen durch alle vier Register

Aus Leipzig kommt beeindruckende Chormusik.

Und ordentlich Rock ’n’ Roll.

Porsche gratuliert zu 800 Jahren Thomana.

durchzuschleppen, (…). Ich möchte überhaupt,

daß mir’s einmal einer zeigte, wie es

anzufangen, mit täglich einer Stunde (…) –

so einer Masse von 60, die alle mitsingen

müssen in den Chören gleich von ihrer Aufnahme

an, etwas von eigentlicher Gesangart,

von richtigem Stimmgebrauch und etwas

Allgemeines von musikalischer Kenntniß,

ordentlich, daß es bei der Ausübung zur

Natur werden könnte, beizubringen.«

Auch die außermusikalischen Zustände

fanden nicht das Gefallen des Kantors, der

1849, wiederum an Hauser, schrieb: »Ich

möchte mein Kind nicht in solch eine Anstalt

haben. Die Kleinen neu angenommenen sind

immer die Besten, der Esprit de corps in den

sie sich hineinwachsen taugt nichts – wenigstens

bekommen sie eine große Fertigkeit die

Unwahrheit zu sagen und das ist mir etwas

Greuliches und kommt alles mögliche Uebel

daraus.« Hatte nicht schon Bach 100 Jahre

früher befunden, »daß dieser Dienst bey

weiten nicht so erklecklich, als man mir ihn

beschrieben«? Aber vielleicht hatte auch das

in Leipzig Tradition…

Als Lehrer bedeutender Schüler – darunter

Namen wie Joseph Joachim, Hans von

Bülow oder Ferdinand David – hatte der seit

1843 am Leipziger Konservatorium Harmonielehre

und Kontrapunkt unterrichtende

Kraftstoffverbrauch (in l/100 km) innerorts 15,9–8,4 · außerorts 8,5–6,5 · kombiniert 11,5–7,2; CO 2 -Emissionen 270–189 g/km

Felix Mendelssohn Bartholdy

war Freund und Förderer

Moritz Hauptmanns. Auf

seine Empfehlung hin wurde

Hauptmann in das Amt des

Thomaskantorats berufen.

www.porsche.de


30 MuSIKer In leIpzIG

StIftunG thoManerchor

31

Die Thomasschule um 1850.

Im Vordergrund ist das

Hillerdenkmal, im Hintergrund

das alte Bachdenkmal zu sehen.

Singende Schüler mit ihrem

Präfekten; Zeichnung

von Ludwig Richter aus dem

19. Jahrhundert.

Hauptmann sich früh einen Namen gemacht.

Durch eine Abschrift Spohrs hatte er noch in

Kassel Bachs Matthäus­Passion kennengelernt

und sich mit dessen Werk eingehend

befasst – so legte er eine tiefgreifende Studie

über die »Kunst der Fuge« vor. Neben mannigfaltigen

Kompositionen aller Art schuf

Hauptmann auch ein umfangreiches Œuvre

an Chorwerken, die sich, wie etwa die Motette

»Nimm von uns, Herr Gott« op. 34, bis heute

im Repertoire des Thomanerchores gehalten

haben. Er, der sich immer mit Bescheidenheit

über sein eigenes kompositorisches Werk

geäußert hat (1852 an Hauser: »es ist keine

Blumenwiese, es sind kümmerliche Kräutchen

und Gräschen«), hielt zu den musikalischen

(und politischen) Revolutionären

seiner Zeit Abstand (»Ich glaube nicht daß

von Wagner ein Stück seiner Composition

ihn überlebt.«). Umso größer sind seine Verdienste

als Mitbegründer der Bachgesellschaft,

die er 1850 unter anderem mit Robert

Schumann ins Leben rief und deren Vorsitzender

er bis zu seinem Tode war. Für einige

Bände zeichnete er als Herausgeber verantwortlich

und legte mit dem Verzicht auf

nachträglich hinzugefügte Vortragsbezeichnungen

erste Grundlagen für künftige wissenschaftliche

Ausgaben. Die Werke Bachs

führte er, dem Stil seiner Zeit gemäß, oft gekürzt

und von ihm selbst durch einen, die

Harmoniefunktion der Orgel ergänzenden

Streichersatz bereichert, auf. Einige bei Bach

vorgesehene Instrumente, die im 19. Jahrhundert

nicht mehr verwendet wurden, ersetzte

er dabei durch in seiner Zeit gebräuchliche.

Soviel er aber auch für die Verbreitung

der Musik Bachs zu tun bereit war und so

sehr er dessen Genie bewunderte: Mit der

Behandlung der Singstimme bei Bach konnte

sich Hauptmann nie anfreunden und zahlreich

sind die Klagen in seinen Briefen über

das instrumentale Musizieren der Sänger bei

Bach (»Gesangmelodie, melodische Wortbetonung

sind sie [die Stücke Bachs] sehr oft

nicht, es ist melodischer Rococo.« Oder auch:

»Soll denn die Singstimme mit dem gesungenen

Wort nichts anderes zu thun haben,

als in einer canonischen Nachahmung mit

der Oboe di Caccia oder d`Amore fort gehen?«)

Trotz (oder wegen…?) der Bachschelte: Ein

großer Nachruhm ist Moritz Hauptmann in

der heutigen Zeit, wie den meisten anderen

Thomaskantoren neben Bach, nicht vergönnt.

Als er 1868, nach Jahren der Krankheit,

starb, schied mit ihm ein Musiker aus dem

Leben, der die Gebirge der musikalischen

Kunst bereist hatte, ohne von den Mühen der

Ebene verschont geblieben zu sein.

Patrick Grahl

800Jahre thoMana

Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche,

Thomanerchor, Thomasschule

Die Gründung eines Augustiner­Chorherrenstifts

darf ohne Übertreibung

für Leipzig schicksalsbestimmend

genannt werden. Ob es die Geschichte

der Thomaskirche, des Thomanerchores,

der Thomasschule oder die des

ältesten Krankenhauses mit eindeutig

sozialer Handlungsbestimmung ist –

diese schicksalhafte Stunde schlug für

Leipzig am 20. März 1212. Obwohl sich

die Gründung nicht im Einvernehmen

mit der Stadt Leipzig vollzog – politische

Argumente gibt es immer, die

dagegen sprechen –, leben bis heute

ganze Bereiche von ihr und ziehen

daraus Gewinn: Universität, Kirchen,

Gewandhaus, St. Georg als Krankenhaus,

der Ruf Leipzigs als Musikstadt,

Bildung, Kunst und Wirtschaft, ja

selbst das politische Selbstverständnis

der Stadt und ihre Beziehungen zum

Freistaat Sachsen und zu anderen

Ländern.

Dr. Stefan Altner und Prof. Dr. Martin

Petzoldt sind Herausgeber einer umfangreichen

Festschrift, die zu dem

außergewöhnlichen Jubiläum »800

Jahre Thomana – glauben, singen,

lernen« erschienen ist: Sie nimmt viele

Themen rund um die Trias von

Stefan altner • Martin Petzoldt

( h r s g . )

800 JAHRE THOMANA

GLAUBEN – SINGEN – LERNEN

Festschrift zum Jubiläum von

Thomaskirche, Thomanerchor,

Thomasschule

496 Seiten

323 teils farbige Abbildungen

gebunden, Schutzumschlag

21 × 28 cm

19,80 Euro

ISBN 978-3-89923-238-7

Inkl. CD-Beilage: Der Thomanerchor

singt Werke von Johann Sebastian Bach

und Felix Mendelssohn Bartholdy

Die Festschrift ist erhältlich im

bundesweiten Handel, in Leipzig

unter anderem im Thomasshop an

der Thomaskirche, im Internet bei

www.rondeau.de, und per

Faxbestellung unter 034607-21203

direkt bei dem Verlag Janos Stekovics.

Thomaskirche, Thomanerchor und

Thomasschule auf, die von dieser

Schicksalsbestimmtheit künden, davon

handeln, was daraus entstanden ist, wie

die Dinge sich entwickelt haben. Die

Beiträge nehmen Höhen ebenso in den

Blick wie Tiefen; für die Leser entsteht

ein farbiger und zugleich zielgerichteter

Zusammenhang. Ausgesuchte – zum

Teil noch nie gezeigte – Abbildungen

wollen den Blick schärfen helfen, ebenso

die im Anhang beigegebenen Übersichten,

Biogramme und Verzeichnisse.

Die Festschrift ist im Verlag Janos

Stekovics erschienen.


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Mitglied im

Förderkreis

Thomanerchor

Leipzig

F

estliche einweihung des bildungscampus

forum thomanum

Angeführt von Kindern der BBW Kita

Forum Thomanum, den Schülern der

Grundschule Forum Thomanum sowie

der Thomasschule, den Thomaneranwärtern

der Edouard­Manet­Schule

und dem Thomanerchor setzte sich der

Festumzug bei herrlichem Sonnenschein

Richtung Bildungscampus

Forum Thomanum in Bewegung. Auch

Oberbürgermeister Burkhard Jung,

viele Vertreter der Stadt Leipzig sowie

Kuratoren, Sponsoren, Mitglieder und

Freunde des Vereins Forum Thomanum

Leipzig e.V. nahmen am Umzug teil.

Für die musikalische Umrahmung sorgte

ein Bläserensemble des Thomaner ­

chores Leipzig und die Kinder der Kita

und Schulen stimmten während des

Umzugs viele fröhliche Lieder an.

Zu Beginn der feierlichen Einweihung

des Bildungscampus’ Forum

Thomanum sangen die Kinder der

BBW Kita Forum Thomanum und der

Grundschule Forum Thomanum die

Liedkantate »Jauchzet dem Herrn, alle

Welt« begleitet von dem Bläserensemble.

Pfarrer Christian Wolff, Vorsitzender

des Vereins Forum Thomanum e.V.,

sprach die erfolgreich umgesetzte Vision

an: »Jetzt sind wir da angekommen, wo

wir hinwollten: auf dem Bildungscampus

Forum Thomanum – vor zehn

Jahren eine Vision, eine Idee von wenigen,

umzingelt von vielen Bedenkenträgern,

nun aber in der Wirklichkeit

angekommen und in wesentlichen

Teilen schon realisiert.«

Pfarrer Wolff und Oberbürgermeister

Burkhard Jung würdigten all jene

und dankten denen, die an die Vision

Forum Thomanum geglaubt haben und

seit 2002 mit steter Arbeit, Geduld,

finanzieller Unterstützung und großem

Engagement dieses Projekt vorangetrieben

haben. Zur Einweihung wurde

eine Installation mit dem Schriftzug

Forum Thomanum enthüllt. Die verstreut

in der Menge stehenden Thomaner

gaben ein weiteres Lied zum Besten. Anschließend

wurden alle Gäste zu einem

foruM thoManuM

Das Forum Thomanum blickte am 20. März 2012 nicht nur auf die 800-jährige Geschichte der Thomana

zurück, sondern stieß mit der Einweihung des Bildungscampus Forum Thomanum die Tür in die Zukunft auf.

Nach dem Festakt in der Thomaskirche beteiligten sich rund 2000 Menschen an einem Festumzug.

Essen in den Rohbau des Alumnatanbaus

geladen: Mit italienischen

Speisen und einer englischen Tea­Time

griff der Verein die beiden sprachlichen

Profile der Institutionen indirekt auf.

Bis zum Abend fanden unterschiedlichste

Programmpunkte, von musikalischen

Darbietungen, Tanz, Basteln

bis hin zu Campusführungen auf dem

gesamten Gelände statt. Dieser wunderschöne,

heitere und unvergessliche

Tag ging mit dem Konzert Bach in Jazz

mit Martin Petzold (Tenor) und dem

Stephan­König­Trio in der voll besetzten

Lutherkirche zu Ende.

Annette Neuweiler-Hahm

InformatIonen

forum thomanum leipzig e.V.

Rolf Ahrendt, Annette Neuweiler-Hahm

Thomaskirchhof 18, 04109 Leipzig

Tel.: 0341-22 22 42 60, Fax: 0341-22 22 42 65

info@forum-thomanum.de

www.forum-thomanum.de

33


34 fÖrDerKreIS

fÖrDerKreIS 35

Jung, bescheiden und erfolgreich

Der Förderkreis Thomanerchor wird 20 Jahre alt

Manchmal korrespondieren große Jubiläen mit kleinen, und manchmal sind sie nicht nur durchs Datum,

sondern auch miteinander inhaltlich korrelativ verknüpft. Eine solche Situation ist in diesen Wochen in

Leipzig zu verzeichnen. Da feiert der Thomanerchor im großen Stil – zu Recht – und weltweit beachtet sein

800-jähriges Bestehen, während die Mitglieder des Förderkreises gleichen Namens mit ein klein wenig

Stolz und gewisser Genugtuung auf 20 Jahre erfolgreiche Arbeit zurückblicken.

Dr. Klaus Israel, Prof. Dr. Steffen Wilsdorf, Dr. Michael Kampf, Gabriele Findeisen,

Jutta Schmidt, Solveig Schöber (v.l.n.r.) und Marion Hegewald sind der Vorstand des

Förderkreises. Frithjof Schmidt (ganz links im Bild) leitet die Geschäftsstelle.

Christian Führer (dritter v.r.) ist Präsident des Vereins.

Bilder unten: Der Förderkreis Thomanerchor war auf den Kirchentagen in München

und in Dresden mit einem Informationsstand vertreten und akquirierte zahlreiche

neue Mitglieder.

Obwohl die Gründung des Förderkreises

Thomanerchor in eine Zeit voller

Hoffnung und Euphorie fiel – Deutschland

war seit kurzem wiedervereint, die

Ostdeutschen konnten wieder frei reisen

und sie verfügten über die DM –,

bedeutete dieser gesellschaftliche Umbruch

für viele Menschen auch einschneidende

Veränderungen in ihrem

persönlichen Leben. Dem Thomanerchor

erging es nicht anders.

Ironischerweise war es die gerade

gewonnene Reisefreiheit und der jetzt

für alle Schülerinnen und Schüler mögliche

Zugang zum Abitur, der dieser

ältesten Kultureinrichtung der Stadt

insbesondere bei der Nachwuchsgewinnung

große Schwierigkeiten bereitete.

In einem Artikel von Schatzmeisterin

Jutta Schmidt und dem Vereinsvorsitzenden

Dr. Michael Kampf ist diesbezüglich

zu lesen: »Die spartanische

Einrichtung, die strenge Ordnung im

Alumnat und die gegenseitige Erziehung

der Thomasser – wie sich die

Thomaner selbst nennen – waren kaum

geeignet, interessierte Sänger aus ganz

Deutschland und darüber hinaus für

eine Mitwirkung im Chor zu begeistern.

Eine wichtige Frage war deshalb,

ob die Stadt Leipzig als Träger

des Chores willens und in der Lage

wäre, die dem Thomanerchor entsprechend

seiner Bedeutung notwendigen

finanziellen Mittel zur Verfügung zu

stellen.«

In dieser Situation überlegten viele

besorgte Thomaner­Eltern, wie man

den Chor unterstützen kann. 15 besonders

engagierte fanden sich am

20. Januar 1992 in einer Leipziger

Wohnung zusammen, um eine schon in

vielen Vorgesprächen diskutierte

Satzung zu beschließen und den

Förderkreis Thomanerchor aus der

Taufe zu heben. Als er wenige Wochen

später, am 16. April 1992, in das

Vereinsregister eingetragen war, hatten

die Mühen der Gründungsmitglieder

ein formales Ende gefunden, und

die eigentliche Arbeit konnte beginnen.

Und die – so hatte man sich vorgenommen

– sollte sich darauf konzentrieren,

»die musisch­kulturelle Arbeit des

Thomanerchores ideell, materiell und

personell zu unterstützen, dessen

musikalische und christliche Traditionen

zu wahren und zu fördern, mitzuwirken

an der Verbesserung der

Arbeits­, Lebens­ und Lernbedin­

gungen der Thomaner sowie zur

Gewinnung und Betreuung des Chornachwuchses

beizutragen«, so Jutta

Schmidt und Dr. Michael Kampf. Dies

sollte in enger Abstimmung mit den

Verantwortlichen in der Chorleitung

geschehen.

Mit großem Enthusiasmus begann

der erste Vorstand unter Leitung von

Wolfgang Goldstein diese Vorhaben zu

verwirklichen. Das ging nicht ohne

Schwierigkeiten vonstatten. Der gute

Wille war vorhanden, aber manche, vor

allem finanzielle Sachkenntnis fehlte.

Diese Probleme sind heute überwunden:

Schatzmeisterin Jutta Schmidt hat

die Gründungsphase miterlebt und ist

bis heute aktiv im Vorstand engagiert.

Die ersten größeren Spenden kamen

von der Commerzbank und von der

Dresdner Bank. Mit ihnen kaufte der

Verein eine Truhenorgel aus den

Niederlanden. Es war das erste Highlight

in der Geschichte des Förderkreises.

In der Zwischenzeit erwarb er

eine Vielzahl von Instrumenten für

die musikalische Ausbildung der

Thomaner. Darunter sind mehrere

Flügel, Klaviere und Violinen, nicht zu

vergessen die Orff’schen Instrumente,

die für eine qualifizierte Nachwuchsförderung

ausgesprochen wichtig sind.

Diese Anschaffungen waren nur

möglich, weil im Laufe der 20 Jahre

fast eine Million Euro an Spenden, vorwiegend

von Privatpersonen, eingegangen

sind. Mit Hilfe dieses Geldes verbesserten

sich die Arbeits­, Lebens­ und

Lernbedingungen der Thomaner entscheidend.

Neben scheinbar so trivialen

Dingen wie Handtuchhalter, Funkuhren

und Gardinen erwarb der Förderkreis

mit diesem Geld Fernsehgeräte,

CD­Player und Verstärkertechnik

und komplettierte die Einrichtung

eines Fitnessraumes. Der Förderkreis

finanziert darüber hinaus den Draht

ins World Wide Web, der den Jungs

nicht nur die Möglichkeit gibt, schnell

den Kontakt zu Eltern und Freunden

aufzunehmen, sondern sich auch auf

diese Weise über das Weltgeschehen zu

Die neue Truhenorgel der Orgelbauwerkstatt Woehl finanzierte der Förderkreis zusammen

mit der Stiftung Thomanerchor. Thomasorganist Ullrich Böhme spielt das Instrument

regelmäßig zu den Motetten in der Thomaskirche.

informieren. Auf diesem Gebiet werden

künftig wieder größere Auf­ und Ausgaben

auf den Förderkreis zukommen,

wenn die Thomaner das umgebaute

Alumnat beziehen. Eine schöne neue

Hülle verlangt auch innerlich manch’

sicherlich noch nicht vorhandene Feinheit!

In den vergangenen Jahren hat sich

der Förderkreis verstärkt auch der

Öffentlichkeitsarbeit zugewendet, ohne

seine Kernaufgaben zu vernachlässigen.

Ziel ist es, einen stärkeren Beitrag

für die Nachwuchsgewinnung zu leisten

und weitere Mitglieder für den Förderkreis

zu gewinnen − bereits heute besteht

der Verein aus weit über 500 Mitgliedern.

Deshalb ist aus den

Mitteilungsblättern in Zusammenarbeit

mit dem Verein Forum Thomanum

das ThomaneJournal entstanden.

In die gleiche Richtung zielen die

»Non­Profit«­Förderkreis­CDs. In der

Zwischenzeit sind sechs dieser Scheiben

gepresst, die über die Jahre hinweg

einen guten Überblick über das Repertoire

des Chores geben. Eine Aufnahme

der Johannes­Passion von Johann

Sebastian Bach ist als Sonderedition

erschienen.

Gewiss ist, dass der Förderkreis

sich auch in den nächsten Jahren der

Unterstützung des Thomanerchores

widmen wird. Mit einem Festakt am

12. Mai 2012 dankte der Förderkreis

seinen Spendern für die jahrelange

Unterstützung, ohne die die Arbeit des

Vereins nicht möglich gewesen wäre

und ohne die sie auch in den kommenden

Jahren nicht realisierbar ist.

Steffen H. Wilsdorf

InformatIonen

förderkreis thomanerchor leipzig e. V.

Hillerstraße 8–10, 04109 Leipzig

Telefon 03 41-9 83 93 53

info@foerderkreis-thomanerchor.de

www.foerderkreis-thomanerchor.de

Der Förderkreis Thomanerchor e. V. begrüßt seine neuen Mitglieder: Katharina Becke Klaus Bruer Dr. Andreas Creuzburg Dieter Escher

Susann Finsterbusch Mike Garbe Ricarda Geidelt Renate Haßelhorn Michael Holz Susanne Krämer Christian Mathes

Franziska Mattfeld Steffen Messerschmidt Pascal Moré Ute Lauchstädt Renate und Gunter Lehmann Dr. Hannemarie Lietz

Robert Pohlers Stefan Rudewig Klaus Smerling Alexander Stolarow Britta Taddiken Constanze Weiß


36 zu Guter letzt

MuSIK an Der thoMaSSchule

Die Ensembles der Thomasschule – Kinderchor,

Thomasschulchor und Thomasschulorchester

– haben in den vergangenen Monaten verschiedene

Konzerte gegeben. Esther Lehr betreut den

Kinderchor, die Musiklehrer Ulrike Gaudigs und

Michael Rietz leiten den Thomasschulchor und

das Orchester. Vor allem das neu gegründete

Orchester hatte bereits erfolgreich seine Feuertaufe

und spielte in verschiedenen Besetzungen

bis hin zum großen Orchester beeindruckend auf.

Ein Highlight des Thomasschulchores war im

Oktober 2011 ein Ausflug nach Baden-Württemberg,

um am Schüleraustausch unter der Schirmherrschaft

der Kultusminister aus Sachsen und

Baden-Württemberg teilzunehmen. Unter

anderem präsentierte sich eine 40 Chorsänger

starke Besetzung mit vier- bis achtstimmigen

Motetten, darunter Kompositionen von Anton

Bruckner und Eric Whitacre. Der Kinderchor

der Thomasschule, mit Schülerinnen und

Schülern der fünften bis siebten Klasse, sang

im Januar 2012 zum Tag der offenen Tür der

Thomasschule und des Alumnates. 800 Jahre

Thomana gehen natürlich auch an den Ensembles

der Thomasschule nicht spurlos vorüber:

Zum Bachgeburtstag – einen Tag nach dem

großen Festakt des Thomanerchores – brachte

der Thomasschulchor gemeinsamen mit vier

weiteren Schulchören der Stadt ein Ständchen

vor dem Bachdenkmal zu Gehör. Zum Festakt

der Thomasschule in der Thomaskirche am

Montag, 17. September 2012, musizieren die

Ensembles der Thomasschule gemeinsam mit

dem Thomanerchor und Amarcord. Mit dem

Thomanerchor und dem Gewandhausorchester

gestaltet der Thomasschulchor am Samstag,

22. September 2012, die Festmotette in der

Thomaskirche.

IMpreSSuM

herauSGeber

FöRDERKREIS THOMANERCHOR LEIPZIG E. V.

FORUM THOMANUM LEIPZIG E. V.

STIFTUNG THOMANERCHOR

THOMANERCHOR LEIPZIG

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Dr. Stefan Altner, Teres Feiertag,

Patrick Grahl, Frank Hallmann,

Sascha Hille, Dr. Michael Kampf,

Uta-Maria Thiele, Roland Weise

GeStaltunG

Oberberg · Seyde: Lurette Seyde,

Leila Tabassomi

foruM thoManuM leIpzIG e. V.

Thomaskirchhof 18, 04109 Leipzig

Rolf Ahrendt

Annette Neuweiler-Hahm

Telefon 03 41-22 22 42 60

Telefax 03 41-22 22 42 65

info@forum-thomanum.de

www.forum-thomanum.de

Interessenten können dem Forum

Thomanum Leipzig e. V. beitreten

oder die Arbeit des Vereins mit einer

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Bankverbindung: Sparkasse Leipzig

Konto: 100 2012 100, BLZ: 860 555 92

StIftunG thoManerchor

Hillerstraße 8, 04109 Leipzig

Telefon 03 41-9 84 42 22

Telefax 03 41-9 84 42 43

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thoManerchor leIpzIG

Hillerstraße 8, 04109 Leipzig

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fÖrDerKreIS thoManerchor leIpzIG

Hillerstraße 8-10, 04109 Leipzig

Dr. Michael Kampf

Vorsitzender des Förderkreises

Telefon und Telefax 03 41-9 83 93 53

info@foerderkreis-thomanerchor.de

www.foerderkreis-thomanerchor.de

Interessenten können dem Förderkreis

Thomanerchor Leipzig e. V. beitreten

oder die Arbeit des Vereins mit einer

Spende unterstützen:

Bankverbindung:

»Spende für Förderkreis

Thomanerchor e. V.«

Commerzbank Leipzig:

Konto: 115 800 501, BLZ: 860 400 00

Verwendungszweck: Spende

Redaktionsschluss: 15. Juni 2012

Im Jahr 2012 blicken Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule auf ihr 800-jähriges

Bestehen – drei Institutionen, die trotz aller Brüche im gesellschaftlichen Leben bis zum

heutigen Tage ihren ursprünglichen Aufgaben nachkommen: Glauben zu leben, Musik

und Kultur zu gestalten, Menschen zu bilden.

Bildnachweis: Gert Mothes (S. 1, 6, 9, 10, 12, 13, 26), Dirk brzoska (S. 4), Matthias Knoch (S. 4, 11, 12, 33), Stefan nöbel-heise (S. 4, 5, 10, 11), Sasha Gusov (S. 5), roland weise (S. 7, 8, 15, 16, 20-25)

benefIzKonzert

Der Förderkreis Thomanerchor

Leipzig e.V. lud im Januar 2012 zu

einem Benefizkonzert ein: Rund

90 Zuhörer folgten der Einladung in

die Villa Thomana. Zu Gehör kam

ein Programm von Kammersänger

Martin Petzold und dem Gitarristen

Martin Hoepfner. Gebannt von

der mitreißenden Vortragsweise

eines musikalisch untermalten

Märchens und Volksliedern

lauschte das Publikum auch den

leisen und geheimnisvollen Tönen.

Unter großer Beteiligung des

Publikums bildete die alte Weise

»Der Mond ist aufgegangen« den

Abend ausklang. Mit dem Erlös

des Abends von über 500 Euro

unterstützt der Förderkreis

Thomanerchor die Arbeits-,

Lebens- und Lernbedingungen

der Thomaner. Beim Altenburger

CD-Label Querstand haben

die beiden Künstler die Volkslieder

auf einer CD veröffentlicht.

ReISen Durch DeutSchlanD

Mit einer erfolgreichen Konzertreise

beendete der Thomanerchor Leipzig

das Jahr 2011. Gast war er in der

Philharmonie Essen, in der Alten

Oper in Frankfurt am Main,

im Konzerthaus Dortmund und

im Festspielhaus Baden­Baden.

Gemeinsam mit den Solisten Sophie

Harmsen, Maximilian Schmitt,

Wolfram Lattke und Panajotis

Iconomou sowie dem Gewandhausorchester

musizierte der Chor

unter der Leitung von Thomaskantor

Georg Christoph Biller die

Kantaten I bis III und VI aus

dem Weihnachtsoratorium von

Johann Sebastian Bach.

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