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Prof. Dr. Siegfried Zimmer

PH Ludwigsburg

"Haben Adam und Eva wirklich gelebt?"

Warum es sich lohnt, von der wissenschaftlichen Theologie zu lernen

Inhalt: Seite

Vorbemerkungen 1

1. Der Sinn antiker Anfangserzählungen 2

a) Grundsätzliche Hinweise 2

b) Konkretion durch biblische Beispiele 5

2. Das Verständnis des Wortes "adam" im Alten Testament 7

a) Der Ausdruck "ha adam" in der hebräischen Sprache 7

b) Das Wort "adam" in Genesis 1-3 10

c) Das Wort "adam" in Genealogien des Alten Testaments 12

3. Warum Gen 2-3 nicht in einem geschichtlichen Sinn gemeint sein kann 14

4. Motivparallelen in anderen altorientalischen Religionen

5. Ist die Erzählung ein "Mythos"?

6. Adam und Eva im späteren Judentum und im Neuen Testament

7. Adam und Eva im heutigen Judentum

Schlussbemerkungen

Literatur 24


Vorbemerkungen

1

Die Erzählung von Adam und Eva (Gen 2-3) ist eine der bekanntesten und wichtigsten Geschichten

der Bibel. Im Blick auf ihre Wirkungsgeschichte in Judentum, Christentum und Islam

kann man sogar sagen: sie ist eine der bedeutendsten Erzählungen der Welt. Seit mehr als 2500

Jahren wird sie gelesen, erzählt und interpretiert. Bis heute ist das Interesse an dieser Erzählung

ungebrochen. Jedes Jahr erscheinen theologische, religionsgeschichtliche, tiefenpsychologische

und belletristische Artikel und Bücher, die sich mit Adam und Eva beschäftigen. Die Erzählung

hat es offenbar "in sich".

In diesem zweiten Teil des Bändchens geht es nicht um eine Gesamtinterpretation der Erzählung

von Adam und Eva. Es geht lediglich um die Klärung einer wichtigen Streitfrage. Diese

Klärung ist notwendig, weil es in der Christenheit zwei sehr unterschiedliche Auffassungen von

dieser Erzählung gibt, die sich gegenseitig ausschließen: Viele Christen, in allen Konfessionen,

sehen in Adam und Eva die zwei ersten Menschen, die am Beginn der Menschheitsgeschichte

gelebt haben und von denen alle anderen Menschen abstammen. Ihrer Überzeugung nach entspricht

nur dieses geschichtliche Verständnis dem biblischen Text. Andere Christen, ebenfalls in

allen Konfessionen, verstehen Adam und Eva dagegen als symbolische Repräsentanten der

Menschheit nicht als geschichtliche Personen, die zu einer bestimmten Zeit gelebt haben. Welche

dieser beiden Auffassungen wird dem Bibeltext gerecht? Erst wenn diese Frage geklärt ist,

hat es Sinn, sich der Erzählung von Adam und Eva im Einzelnen zuzuwenden. Es geht mir im

Folgenden darum, möglichst vielen Leserinnen und Lesern einsichtig zu machen, warum und

inwiefern eine dieser beiden Auffassungen dem Bibeltext angemessen ist und die andere nicht.

Deshalb behandle ich diese Frage ausführlich und gehe Schritt für Schritt vor. Ich halte diese

Vorgehensweise aus folgenden Gründen für erforderlich:

1. Die Frage nach dem angemessenen Verständnis der Erzählung von Adam und Eva berührt

Grundfragen des Bibelverständnisses. Die Art und Weise, wie diese Frage beantwortet

wird, ist meist symptomatisch für die Gesamtsicht der Bibel. Der exemplarische Rang

dieser Erzählung hängt mit ihrer Stellung am Anfang der Bibel zusammen, aber auch mit

den grundlegenden Aspekten des Menschseins, die in dieser Erzählung angesprochen

werden.

2. Viele Christen stellen sich die Frage, ob Adam und Eva geschichtliche oder symbolische

Personen sind und finden auf diese Frage keine klare Antwort.

3. Wer im Bereich der christlichen Erziehung, Bildung oder Ausbildung Verantwortung

trägt bzw. in Zukunft tragen wird, sollte jene Gesichtspunkte und Kriterien kennen, mit

deren Hilfe man diese alte Streitfrage entscheiden kann. Es geht dabei auch um die eigene

Beratungskompetenz gegenüber Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Auf den folgenden Seiten stelle ich die wichtigsten Gründe vor, die in der wissenschaftlichen

Exegese seit langem dazu geführt haben, Adam und Eva nicht als geschichtliche Personen zu

verstehen. Jeder Leser kann diese Argumente prüfen und sich sein eigenes Urteil bilden. 1 Zunächst

ist es wichtig, die Argumente überhaupt kennenzulernen. Außerhalb der wissenschaftlichen

Fachkreise sind sie noch immer zu wenig bekannt. Nur wer diese Argumente kennt, kann

zu ihnen Stellung nehmen. In der etwa 200jährigen Geschichte der wissenschaftlichen Erforschung

des Alten Testaments und des Alten Orients haben ganze Forschergenerationen sowohl

1 Vgl. den Grundsatz des Paulus: "Prüfet alles und das Gute behaltet" (1 Thess 5,21).


2

die althebräische Sprache als auch die anderen altorientalischen Sprachen und deren Schrift

(Keilschrift, Hieroglyphen) erforscht. Dadurch wurde es möglich, die erhaltenen bzw. gefundenen

altorientalischen Texte zu übersetzen. Die Lektüre dieser Texte gestattet uns einen Einblick

in das Lebensgefühl, die Denkweise und das Weltbild der damaligen Menschen. Dieser Einblick

erwies sich als große Hilfe für das Verständnis des Alten Testaments. In den folgenden Kapiteln

stelle ich die wichtigsten Ergebnisse dieser Forschungsarbeit zusammen. Das soll möglichst vielen

Leserinnen und Lesern die Gelegenheit geben, an diesem Lernprozess teilzunehmen.

1. Der Sinn antiker "Anfangserzählungen"

a) Grundsätzliche Hinweise

Es ist heute im Allgemeinen wenig bekannt, dass sich die Bedeutung des Wortes "Anfang" in

den letzten Jahrhunderten verändert hat. Die veränderte Bedeutung dieses Wortes bringt eine

veränderte Haltung des Menschen gegenüber der Vergangenheit zum Ausdruck. Ohne Kenntnis

dieses Veränderungsprozesses und seiner Ursachen wird man die biblischen Erzählungen vom

"Anfang" der Welt und der Menschheit (Gen 1-3) fast zwangsläufig missverstehen. Ich gehe

deshalb zunächst auf diesen Veränderungsprozess mit einer gewissen Ausführlichkeit ein, um

einen Eindruck davon zu vermitteln, wie wichtig dieser Gesichtspunkt ist.

Im 18. und 19. Jahrhundert entstand in Europa das "historische Denken". Diese neue Denkweise

erwies sich als großer wissenschaftlicher Gewinn. Sie breitete sich in der ganzen westlichen

Welt aus und ist heute zu einem festen Bestandteil der westlichen Kultur geworden. Worin

besteht das Neue dieser Denkweise? Warum entstand sie gerade in dieser Zeit und nicht schon

früher? Erst im 18. und 19. Jahrhundert wurde deutlich, wie umfassend das Leben und Denken

des Menschen einem geschichtlichen Wandel unterliegt. In den früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden

war der geschichtliche Wandel nicht im gleichen Maß erkennbar gewesen, weil er sich

langsamer vollzogen hatte. Innerhalb eines Menschenlebens war er kaum aufgefallen. Erst durch

die immer kürzeren Abstände zwischen den Entdeckungen und Erfindungen der Neuzeit, sowie

durch die gravierenden politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in dieser Zeit, beschleunigte

sich der geschichtliche Wandel immer mehr und trat dadurch stärker ins Blickfeld. 2 Im

Zuge dieser Veränderungen erkannte man die historische Bedingtheit der gesamten menschlichen

Kultur. Und eben darin liegt das Neue des "historischen Denkens". Es liegt in der Erkennt-

2 Man denke an die Entdeckung Amerikas, die Entdeckung der Kugelgestalt der Erde und ihres Umlaufs um die

Sonne, an die Erfindung des Buchdrucks, der mechanischen Uhr und der Brille, die militärtechnischen Erfindungen

(Gewehr, Geschütz, Granate), die Entwicklung des Fernrohrs und des Mikroskops, die Entdeckung des menschli-

chen Blutkreislaufs, der Röntgenstrahlen und der Narkose, die Entwicklung von Maschinen, Dampfschiffen, Fa-

briken und Labors, die Entdeckung des elektrischen Stroms, die Erfindung der Eisenbahn, der Photographie, der

Telegraphie, des Telephons und des Autos. Es entstehen die ersten modernen Demokratien. In Frankreich kommt

es zur ersten großen Revolution (1789). Die Aufklärung verändert das Denken. Naturwissenschaft und Technik

erleben einen ungeahnten Aufschwung. Die Industrialisierung verändert die Lebenswelt in Europa. Die Europäer

erobern die Welt und teilen sie in Form von Kolonien untereinander auf. Es entsteht der Gedanke der "National-

staaten" usw.


3

nis: nicht nur die Technik und Wissenschaft verändern sich, auch die Sprache, das Denken, die

Moral und Philosophie, die Politik und Religion.

Aber nicht nur das Ausmaß des geschichtlichen Wandels wurde immer deutlicher, sondern

auch dessen Unumkehrbarkeit. War eine Veränderung eingetreten - eine Entdeckung bzw. Erfindung

gemacht worden -, ließ sie sich auf keine Weise wieder rückgängig machen. Man konnte

die neuen Möglichkeiten des Buchdrucks, der Eisenbahn, der Photographie usw. nicht ignorieren.

Es brauchte zwar seine Zeit, bis die jeweiligen Entdeckungen ihre volle Wirkung entfalteten,

aber das Rad der Geschichte ließ sich nicht mehr zurückdrehen. Auch diese Erkenntnis gehört

fortan zu den Merkmalen des historischen Denkens. Im historischen Denken geht man erstmals

konsequent von der Unumkehrbarkeit und damit von der Unwiederholbarkeit (Einmaligkeit) der

geschichtlichen Ereignisse und Abläufe aus. Das führte dazu, dass zwischen der Vergangenheit

und der Gegenwart ein historischer Abstand ("Graben") entstand, den es bisher so nicht gegeben

hatte. Bisher hatte man die Gegenwart im Licht der Tradition, d.h. von der Vergangenheit her

gedeutet. Vergangenheit und Gegenwart waren eng verbunden. Jetzt wurden sie deutlicher unterschieden.

Auf diese Weise gelang es dem Menschen, sich mehr als bisher aus der prägenden und

festlegenden Macht der Vergangenheit zu lösen. Dort, wo die Tradition unangefochten herrscht,

kann wenig Neues entstehen. Gegenüber der Macht der Tradition erwies sich das historische

Denken als eine distanzierende und befreiende Kraft. Von jetzt an war die Vergangenheit in einem

tieferen Sinn vergangen. Dafür vergrößerte sich der Spielraum für neue Entwicklungen. Die

Zukunftsperspektiven wurden wichtiger. Heute spricht man von einem "historischen Ereignis"

dann, wenn von diesem Ereignis besonders folgenreiche Entwicklungen ausgegangen sind oder

wahrscheinlich noch ausgehen werden. Dieses moderne Verständnis der "Wirkungsgeschichte"

eines Ereignisses bewertet die Ereignisse von der Zukunft her. Ein Geschichtsverständnis dieser

Art war in der Antike unbekannt. (Einschub neuer Text)

Es gibt für diese Veränderung gibt es ein deutliches Indiz: der Wandel der Erzählformen. Bisher

standen Mythen, Ätiologien, Märchen, Sagen, Legenden und Fabeln im Vordergrund des Erzählens.

Diese Erzählformen verlieren jetzt an Bedeutung. In ihnen werden Vergangenheit und Gegenwart

auf eine Weise miteinander verbunden, die dem historischen Denken nicht mehr entspricht.

Sie entstammen einer Welt, in der man noch nicht in vergleichbarer Weise mit dem geschichtlichen

Wandel rechnen musste und in der es noch kein naturwissenschaftliches Denken

gab. Sie erzählen, als ob die Welt immer die gleiche bleibt.

Mit dem historischen Denken der Neuzeit entwickelte sich eine neuartige Fragestellung: die

wissenschaftliche Rückfrage nach der Entstehung der Menschheit, des Lebens und des Weltalls.

Eine vergleichbare Forschungshaltung gab es in der Antike nicht. Es fehlten dazu die Voraussetzungen,

Methoden und Quellen. Kein antiker Mensch ist z.B. auf den Gedanken gekommen,

nach "Fossilien" zu suchen. Man hätte sie als solche weder erkennen noch auswerten können. Es

gab in der Antike keine Archäologie. Das ist kein Zufall. Ein Bedürfnis nach Archäologie war

schon deshalb nicht vorhanden, weil die antiken Gesellschaften ohnehin vergangenheitsorientiert

waren. Es gab kein Überlegenheitsgefühl gegenüber den früheren Zeiten. Kein "historischer Abstand"

und kein "Fortschrittsdenken" minderte die Bedeutung der Tradition. "Alt" war in jeder

Hinsicht ein Würdetitel. Die Tradition der Ahnen war der Orientierungsrahmen der Menschen

und die normgebende Instanz für die Erziehung. In einer solchen Welt fragt man anders nach

dem "Anfang" als wir heute. Unser heutiger Begriff "Anfang" konzentriert sich auf den historischen

(zeitlichen) Aspekt. Es geht um den einmaligen und unwiederholbaren Beginn einer Sa-


4

che, sei es die Entstehung des Weltalls, der Menschheit, einer Geschichtsepoche usw. Je mehr

Zeit vergangen ist, desto weiter entfernt liegt dieser Anfang hinter uns zurück. Für den antiken

Menschen dagegen bedeutet "Anfang" mehr als den zeitlichen Beginn einer Sache. Es geht nicht

nur um eine Anfangsphase, sondern um den tiefsten Grund. Natürlich gab es auch in der Antike

den "Anfang" im zeitlichen Sinn. Um ihn ging es in den praktischen Fragen des Alltags. 3 Sobald

es aber auf die tieferen Zusammenhänge des Lebens ankam, trat eine andere Dimension in den

Vordergrund. Sie ist im modernen Begriff "Anfang" kaum mehr enthalten. Das griechische

Wort "archä" bedeutet sowohl "Anfang, Beginn" als auch "Grund". Von diesem Wort sind z.B.

unsere Begriffe "Archäologie" und "archetypisch" abgeleitet. Es geht bei dem Wort "archä" in

der Tat gerade auch um das Archetypische im Sinne des "Urgrunds". Das Gleiche gilt für das

hebräische Wort "reschit". Es ist abgeleitet von dem Wort "rosch" (das Haupt). Auch nach hebräischer

Sicht geht es beim "Anfang" um das "Haupt" der Dinge, um das was hauptsächlich

(grundsätzlich) gilt. In beiden Sprachen ist der gleiche Sachverhalt gemeint. Besonders klar sind

die Dinge in der lateinischen Sprache. Sie hat für den zeitlichen Beginn einer Sache und für den

tiefsten Grund einer Sache jeweils ein eigenes Wort. Der zeitliche Beginn heißt "initium". Der

sachliche Grund heißt "principium". Wenn im Lateinischen von "initium vitae" (Anfang des Lebens)

die Rede ist, dann geht es um den zeitlichen Beginn des Lebens. Dagegen bezeichnet "in

principio" den sachlichen Grund der Dinge, die Grundprinzipien. Den "Anfang" im Sinne von

"in principio" kann man nicht datieren. Er liegt auch nicht um so weiter von der Gegenwart entfernt,

je mehr Zeit vergangen ist.

Es ist sehr aufschlussreich, wie die bekannteste lateinische Übersetzung der Bibel aus antiker

Zeit 4 den ersten Satz der Bibel "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" übersetzt. Sie entscheidet

sich für die Übersetzung: "In principio creavit Deus caelum et terram". Genauso übersetzt

sie auch den ersten Satz des Johannesevangeliums "Im Anfang war das Wort" mit: "In principio

erat Verbum". Dagegen übersetzt sie den ersten Satz des Markusevangeliums "Anfang des

Evangeliums von Jesus Christus" mit: "Initium evangelii Jesu Chisti." Das Markusevangelium

beginnt mit dem Hinweis auf Johannes den Täufer, von dem Jesus sich taufen ließ. D.h. es geht

beim Beginn des Markusevangeliums tatsächlich um den zeitlichen Beginn des öffentlichen Auftretens

Jesu. Da diese Bibelübersetzung ein Dokument aus antiker Zeit ist, können wir davon

ausgehen, dass ihren Autoren der antike Sprachgebrauch und das antike Denken vertraut war und

ihre Übersetzung dem Sinn der biblischen Sätze entspricht. Wenn es um die tieferen Zusammenhänge

des Lebens geht, dann ist mit dem hebräischen "bereschit" (im Anfang), dem griechischen

"en archä" und dem lateinischen "in principio" kein zeitlicher Beginn im Sinn einer einmaligen

Anfangsphase gemeint. Dann geht es um mehr als um Ereignisse, die irgendwann einmal vor

langer Zeit stattgefunden haben, seitdem aber nie wieder stattfinden. Der Anfang im Sinne von

"in principio", "bereschit" und "en archä" meint keine längst vergangene Vergangenheit, sondern

den tragenden Grund des Lebens. Worauf ist alles Leben gegründet? Von welchen Grundlagen

leben wir? Welche Kräfte prägen das Leben von Grund auf und darum zu jeder Zeit? Worauf

kann man sich verlassen? Was hält das Leben am Leben? Das sind die antiken Fragen nach dem

Anfang. Es sind keine historischen, sondern qualitative und existentielle Fragen.

3

Es gab den "Anfang" des Tages, des Jahres, der Regenzeit, einer Reise, eines Buches usw.

4

Es handelt sich um die sogenannte "Vulgata". Sie wurde im 4. Jh. n. Chr. angefertigt und fand in der abendländischen

Christenheit überall Verbreitung.


5

Welche Folgerung ergibt sich aus dieser antiken Sprach- und Denkgewohnheit für das Verständnis

der antiken "Anfangserzählungen"? Antike Erzählungen vom "Anfang" der Welt und

der Menschheit meinen keinen einmaligen, zeitlichen Entstehungsvorgang in einer weit entfernten

Vergangenheit. Sie erzählen vielmehr vom tiefsten Grund der Welt und des menschlichen

Lebens. Dieser Daseinsgrund ist stets gegenwärtig und gilt für jede Zeit. Antike "Anfangserzählungen"

erzählen davon, was die Welt im Tiefsten bestimmt und im Innersten zusammenhält,

davon wer der Mensch "im Grunde" ist und wie sein Leben eingebettet ist in stabile Ordnungen.

Das ist eine grundsätzlich andere Verstehensebene als die moderne historische Rückfrage nach

dem, wie einmal alles begonnen hat. Man darf die antike und die moderne Frage nach dem "Anfang"

nicht vermischen oder für identisch erklären. Man darf sie auch nicht gegeneinander ausspielen.

Beide Fragestellungen haben ihr Recht. Wer den Unterschied zwischen diesen beiden

Fragestellungen nicht kennt und deshalb unberücksichtigt lässt, der kann die biblischen Erzählungen

vom "Anfang" der Welt und der Menschheit nur missverstehen. Die biblischen Erzählungen

stammen aus antiker Zeit. Sie müssen zunächst einmal aus ihrer Zeit heraus verstanden werden.

Wir dürfen nicht einfach unsere heutigen Sprach- und Denkgewohnheiten in die biblischen

Texte hineinprojizieren.

b) Konkretion durch biblische Beispiele

Im Folgenden möchte ich das bisher Gesagte durch Beispiele aus der Bibel verdeutlichen:

Am Beginn des Buches der Sprüche steht der bekannte Satz: "Die Furcht des Herrn ist der

Anfang der Weisheit" (Spr 1,7). Die gleiche Aussage steht, weil sie so wichtig ist, nochmals in

Spr 9,10. Die "Furcht des Herrn" bzw. die "Furcht Gottes" spielt in der israelitischen Weisheit

eine zentrale Rolle. Gemeint ist die Ehrfurcht vor Gott und das Ernstnehmen seines Willens. Der

zitierte Satz wäre völlig missverstanden, wenn man das Wort "Anfang" zeitlich verstehen würde.

Dann wäre die Ehrfurcht vor Gott lediglich in der Anfangsphase des Weisewerdens wichtig. Sie

wäre nur etwas für Anfänger. Was aber sollte dann nach der Anfangsphase an ihre Stelle treten?

Das Buch der Sprüche kennt keine bessere und reifere Haltung des Menschen gegenüber Gott,

als die Haltung der Gottesfurcht. Der zitierte Satz will etwas Anderes sagen: Die Gottesfurcht ist

die Grundlage der Weisheit. Das Wort "Anfang" ist also qualitativ gemeint, nicht zeitlich. Im

gleichen Sinn heißt es in Spr 4,6-8: "Das ist der Weisheit Anfang: erwirb Weisheit, erwirb Erkenntnis

um all deinen Besitz. Verlass sie nicht, so bewahrt sie dich. Behalte sie lieb, so behütet

sie dich. Halte sie hoch, so erhebt sie dich. Sie bringt dich zu Ehren, wenn du sie umfängst."

Auch hier geht es nicht um den zeitlichen Anfang, sondern um die Grundprinzipien im Umgang

mit der Weisheit. In Jer 49,35 steht wörtlich übersetzt: "So spricht der Herr der Heerscharen:

Siehe, ich werde den Bogen der Elamiter, den Anfang ihrer Macht, zerbrechen und werde über

Elam die vier Winde kommen lassen...." Selbstverständlich ist der Bogen 5 nicht der zeitliche

Anfang der elamitischen Macht, sondern deren typischer Ausdruck. 6 Ein weiteres Beispiel:

"Spannt die Pferde vor die Wagen, ihr Einwohner von Lachisch! Ja, das war der Anfang der

Sünde der Tochter Zion, denn in dir zeigte sich die Gottlosigkeit Israels" (Mi 1,13). Auch hier

5 Gemeint sind Pfeil und Bogen der Bogenschützen.

6 Sehr gut übersetzt die Einheitsübersetzung: "So spricht der Herr der Heere: Seht, ich zerbreche den Bogen Elams,

seine stärkste Waffe". Auch die "Gute Nachricht" trifft den Sinn: "Der Herr, der Herrscher der Welt sagt: 'Die

Stärke der Elamiter sind ihre Bogenschützen, aber ich werde ihnen die Bogen zerbrechen!' "


6

geht es weniger um eine zeitliche Anfangsphase im Sündigen, als um die Grundhaltung, die in

allen Sünden zum Ausdruck kommt: das mangelnde Vertrauen zu Gott. Es geht um das Wesen

der Sünde, nicht nur um ihren zeitlichen Beginn. Ein letztes Beispiel: nach Hi 40,19 ist Behemot

"der Anfang der Werke Gottes". Gemeint ist: Behemot (das Nilpferd) ist ein charakteristisches

Beispiel für die Schöpferwerke bzw. die Schöpferkraft Gottes. Dass Gott ausgerechnet mit dem

Nilpferd seine Schöpfungswerke begonnen haben soll, wäre im Kontext der biblischen Schöpfungsaussagen

ein völlig absurder Gedanke.

In einer anderen Reihe von Beispielen wird deutlich, dass im AT oft vom "Anfang" eines

Gebäudes oder Gegenstandes die Rede ist, wenn es um die Bedeutung und die Bestimmung dieses

Gebäudes oder Gegenstandes geht. So wird z.B. in Gen 6-8 die Arche nicht in ihrer fertigen

Gestalt beschrieben, sondern es wird erzählt, wie Noah die Arche baut. In den Königsbüchern

wird nirgendwo der Jerusalemer Tempel in seiner fertigen Gestalt beschrieben. Dafür wird ausführlich

erzählt, wie Salomo den Tempel bauen lässt (1 Kg 6). In Ex 25-31 wird die Bundeslade,

die Stiftshütte, der goldene Leuchter, der Brandopferaltar, der Räucheraltar und die Amtskleidung

des Priesters nicht in ihrer fertigen Gestalt beschrieben, sondern wir lesen die Anweisungen,

nach denen die Bundeslade, die Stiftshütte, der goldene Leuchter, der Brandopferaltar, der

Räucheraltar und die Amtsbekleidung des Priesters anzufertigen sind. 7 In allen diesen Fällen ist

der Herstellungsbericht als Wesensbeschreibung gemeint. Indem die Bibel den "Anfang" der

Arche, des Tempels, der Bundeslade, der Stiftshütte und des Priestertums erzählt, soll das Wesentliche

dieser Dinge deutlich werden. Darin zeigt sich die typisch orientalische Bevorzugung

des Dynamischen vor dem Statischen. Der Orientale vermeidet statische Beschreibungen. Will er

die wesentlichen Merkmale einer Sache in Worte fassen, dann erzählt er, wie diese Sache geschaffen

wurde. Im gleichen Sinn ist es zu verstehen, wenn die Bibel vom "Anfang" der Schöpfung

und des Menschen erzählt. Sie will damit die wesentlichen Aspekte, die Wesenszüge der

Schöpfung und des Menschseins zum Ausdruck bringen.

Noch einige andere Beispiele sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich. König Saul ist

zornig auf seinen Sohn Jonathan, weil dieser sich mit David, dem Sohn Isais, verbündet hat: "Du

Sohn eines rebellischen Weibes. Ich weiß sehr gut, dass du dich für den Sohn Isais entschieden

hast, dir und deiner Mutter, die dich geboren hat zur Schande" (1 Sam 20,30). Wer das orientalische

Denken nicht kennt, ist verwirrt darüber, dass Saul in einer einzigen Aussage sowohl positiv

als auch negativ von Jonathans Mutter - seiner eigenen Frau - spricht. Doch die Formulierung:

"du Sohn eines rebellischen Weibes" bezieht sich nicht auf auf Jonathans leibliche Mutter.

Es wäre eine schwere Entgleisung, wenn König Saul gegenüber seinem Sohn auf diese Weise

von seiner eigenen Frau sprechen würde (zumal der hier benutzte hebräische Ausdruck für

"Weib" auch "Hure" bedeuten kann). Nach orientalischer Sprachgewohnheit geht es Saul bei

dieser Formulierung um das Wesen, den Charakter Jonathans. Er will seinem Sohn sagen: daran,

dass du einen Mann, der nicht zu unserer Familie gehört, wichtiger nimmst als deinen eigenen

Vater, zeigt sich, was für ein Mensch du bist. Du bist von Grund auf (von Geburt an) rebellisch.

Der Hinweis auf den "Anfang" des Lebens ist hier wieder nicht zeitlich gemeint, sondern qualitativ.

Genauso wenig ist das arabische Schimpfwort "du Hundesohn" ein Angriff auf den leiblichen

Vater des so Beschimpften. Selbst wenn der Vater ein von allen hochgeschätzter Mann ist,

kann dessen Sohn ein "Hundesohn" sein. Es geht bei diesem Schimpfwort nicht um den zeitli-

7

Auch das Priesteramt wird nicht beschrieben, sondern wir erfahren, wie Mose seinen Bruder Aaron in sein Priesteramt

einsetzen soll (Ex 29).


7

chen Beginn des Lebens, sondern um das "von Grund auf" des Charakters. Wenn ein Orientale

einen Menschen als "Sohn des Friedens" bezeichnet, will er damit sagen: dieser Mensch ist

durch und durch friedlich. Er ist ganz vom Frieden geprägt. In diesen Zusammenhang gehört

auch Ps 51,7: "Siehe, ich bin in Schuld geboren. Meine Mutter hat mich in Sünden empfangen".

Diese Feststellung ist keine Aussage über die Mutter des Betreffenden. Der Satz ist keine Anklage

oder Ausrede, sondern ein Schuldbekenntnis. Es geht um Selbsterkenntnis. Der Beter betont

das Ausmaß und die Schwere seiner Schuld. Er fühlt sich als Sünder "von Grund auf". Seine

Aussage bezieht sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf den Grund seines Herzens. Hinter

allen diesen orientalischen Redeweisen steht das antike Verständnis vom "Anfang" als dem lebensbestimmenden

Grund.

Fazit: Die biblische Rede vom "Anfang" der Welt und der Menschen meint keinen zeitlichen

Anfang im historischen Sinn. Es geht bei den biblischen Anfangserzählungen also nicht um die

einmalige und unwiederholbare "Entstehung" der Welt oder der Menschheit. Die Erzählungen

Gen 1 und Gen 2-3 wollen vielmehr die grundlegenden und bleibenden Wesensmerkmale der

Schöpfung und des Menschen zum Ausdruck bringen. Das ist ihnen wichtig. Was "im Anfang"

war, das gilt immer und für alle. In diesem Sinn sprechen wir noch heute in den Gottesdiensten

einen Satz aus der Zeit der Alten Kirche: "Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von

Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen". 8 Mit diesem Bekenntnissatz der Alten Kirche ist kein Anfang im

historischen Sinn gemeint. Der "Anfang", von dem die Historiker sprechen, ist längst vorbei. Der

Anfang, von dem die Antike und die Bibel spricht, dauert an und gilt für alle Zeit. Das ist ein

wesentlicher Unterschied. Wer ihn nicht berücksichtigt, missversteht die Bibel.

2. Das Verständnis des Wortes "adam" im Alten Testament

a) Der Ausdruck "ha adam" in der hebräischen Sprache

Die jüdische Bibel - die wir Altes Testament nennen - ist in hebräischer Sprache geschrieben.

Diese Sprache gehörte in keiner Epoche der Geschichte zu den geläufigen Kultursprachen. Auch

in den heutigen weiterführenden Schulen wird Hebräisch normalerweise nicht als Fremdsprache

angeboten. Deshalb ist den meisten Menschen nicht bekannt - auch sehr vielen Lesern der Bibel

nicht -, was das hebräische Wort "adam" bedeutet und wo dieses Wort im hebräischen Bibeltext

überall steht. Diese Unkenntnis führt immer wieder zu falschen Vorstellungen. Da die Erzählung

von Adam und Eva andererseits zu den grundlegend wichtigen Bibeltexten zählt, ist es eine Daueraufgabe

derer, die im Bereich der christlichen Erziehung, Bildung und Ausbildung Verantwortung

tragen, sich über die Bedeutung des Wortes "adam" zu informieren und diese Informationen

möglichst vielen zugänglich zu machen. Zwar genügen sprachliche Informationen allein oft noch

nicht, um tiefsitzende Missverständnisse und Vorurteile zu überwinden, 9 sie sind aber ein not-

8 Der Satz will nicht etwa zwischen dem "Anfang" und dem "jetzt" unterscheiden, sondern er betont, dass das, was

"im Anfang" war, auch "jetzt" gilt und "immerdar". Vgl. im gleichen Sinn: "Jesus Christus ist derselbe gestern,

heute und in alle Ewigkeit" (Heb 13,8).

9 Vergleiche dazu auch ...


8

wendiger Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel. Ohne Klärung der wesentlichen Begriffe ist es

nicht möglich, einen Bibeltext zu verstehen.

Erfährt ein Leser der Bibel zum ersten Mal, was das Wort "adam" im Hebräischen bedeutet

und wo dieses Wort im hebräischen Bibeltext überall vorkommt, ist er in aller Regel sehr erstaunt.

Auch mir selbst ist es so ergangen und ich habe dieses Erstaunen bei vielen anderen miterlebt.

Bisher kannte man das Wort "adam" nur aus der Geschichte von "Adam und Eva" (Gen 2-

3), vielleicht noch aus einem der Geschlechtsregister, die mit "Adam" beginnen (z.B. Gen 5,1ff).

Deshalb geht jeder Bibelleser selbstverständlich davon aus, dass es in der Bibel ein spezielles

Wort "Adam" gibt und dass dieses Wort der Name des ersten von Gott erschaffenen Menschen

ist. Was sollte er auch sonst annehmen? Jetzt aber erfährt der Leser der Bibel zum ersten Mal

vier Tatbestände, die er bisher nicht wissen konnte:

1. Das Wort "adam" kommt im hebräischen Text des Alten Testaments (AT) viel häufiger

vor, als der Leser einer deutschen (englischen, französischen usw.) Bibelübersetzung ahnen

kann. Es gibt 560 Belege dieses Wortes im AT. 10

2. Das Wort "adam" kommt keineswegs nur in der Erzählung von "Adam und Eva" (Gen

2-3) und in einigen Geschlechtsregistern vor, sondern weit überwiegend außerhalb dieser

Texte. Lediglich 6 % der alttestamentlichen Belege des Wortes "adam" (32 Stellen) finden

sich in den Anfangskapiteln der Bibel (Gen 1-5).

3. Ein spezielles Wort "Adam", das als Name für einen bestimmten Menschen reserviert ist,

gibt es im Hebräischen nicht.

4. In fast allen Fällen steht das Wort "adam" im AT mit dem Artikel "ha". 11 In Verbindung

mit dem Artikel ist das Wort "adam" kein Eigenname und bezeichnet keine bestimmte

Einzelperson. Eigennamen wie David, Hiskia, Sulamit usw. stehen im Hebräischen - wie

in anderen Sprachen auch - ohne Artikel. Spricht man von einer bestimmten Einzelperson,

dann verwendet man im Hebräischen andere Begriffe ("isch", "nafäsch" u.a.), oder man

benutzt die Formulierung "ben adam" 12 . Der Ausdruck "ha adam" bezieht sich nicht auf

das Besondere und Unverwechselbare eines Individuums, sondern auf das typisch

Menschliche, das allen Menschen - trotz der geschlechtlichen, kulturellen und religiösen

Unterschiede - gemeinsam ist. Es geht bei diesem Wort um das, was jeden Menschen

kennzeichnet, weil und insofern er Mensch ist. Deshalb ist "ha adam" mit "Mensch",

"Menschen" oder "Menschheit" zu übersetzen. Der Ausdruck kommt nur im Singular vor

- auch dann, wenn er sich auf viele Menschen bezieht - und lässt sich nicht deklinieren.

Außerhalb von Gen 2-3 übersetzen alle Bibelübersetzungen "ha adam" mit "Mensch", "Menschen"

oder "Menschheit". Deshalb kann der Leser der Bibel nicht erkennen, dass an mehr als

fünfhundert Stellen der Bibel der gleiche Ausdruck "ha adam" steht, der in der Erzählung von

"Adam und Eva" für den von Gott erschaffenen Menschen verwendet wird. Da andererseits die

älteren Bibelübersetzungen innerhalb von Gen 2-3 den Ausdruck "ha adam" nicht mit "Mensch",

10

Die Belege verteilen sich wie folgt: Psalmen 62, Prediger 49, Urgeschichte (Gen 1-11) 46, Sprüche 45, Hesekiel

39 (ohne "ben adam"), Jeremia 30, Jesaja 27, Hiob 27, Numeri 24, Leviticus 15, Exodus 14 (alle übrigen Bücher

unter 10).

11

Nur in acht der 560 Belege steht das Wort "adam" ohne Artikel. Diese Stellen werden noch im Einzelnen erörtert

(s.u. die Abschnitte b und c).

12

Der Ausdruck "ben adam" lässt sich nur schwer in das deutsche Sprachgefühl übertragen. Wörtlich übersetzt heißt

er "Sohn des Menschen". Gemeint ist: Angehöriger der Gattung Mensch. Der Ausdruck "ben adam" kommt besonders

häufig im Buch Hesekiel vor (93 Belege). Er bezeichnet dort den Propheten Hesekiel selbst.


9

sondern mit "Adam" übersetzen, 13 ist in den Lesern der Bibel der Eindruck hervorgerufen worden,

es gäbe in Gen 2-3 ein spezielles Wort "Adam". Das ist aber nicht der Fall. In Gen 2-3 steht

der gleiche Ausdruck "ha adam", der hundertfach im Alten Testament vorkommt und nirgendwo

sonst mit "Adam" übersetzt wird. Um dem heutigen Bibelleser diesen sprachlichen Befund erkennbar

zu machen, sollte man auch in Gen 2-3 den Ausdruck "ha adam" mit "Mensch" übersetzen.

Nur so lässt sich der falsche Eindruck vermeiden, es handle sich in Gen 2-3 um einen speziellen

Eigennamen "Adam". Viele neuere Bibelübersetzungen beachten inzwischen diesen Gesichtspunkt

(z.B. die Einheitsübersetzung, die "Gute Nachricht" u.a.). Leider sind aber immer

noch Bibeln zu kaufen, die an der Übersetzung "Adam" festhalten. 14

Im Folgenden möchte ich deutschen Bibellesern den hebräischen Sprachgebrauch dadurch

deutlich machen, dass ich in Beispielsätzen aus dem AT den Ausdruck "ha adam" unübersetzt

lasse. Die Beispiele sind bewusst breit gestreut, d.h. sie stammen aus unterschiedlichen Bereichen

des AT. Die Zahl der Beispiele könnte leicht um ein Vielfaches vermehrt werden:

• "Und es geschah, als sich ha adam auf der Erde zu vermehren begann und ihnen

Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter ha adam

waren" (Gen 6,1).

• "Da kam alles Fleisch um, das sich auf der Erde regte, an Vögeln, an Vieh, an wildem

Getier und an allem, was da wimmelte auf Erden und alle ha adam" (Gen 7,21).

• "Wer das Blut von ha adam vergießt, dessen Blut soll durch ha adam vergossen werden"

(Gen 9,6).

• "Kein ha adam kann Gott schauen und am Leben bleiben" (Ex 33,20).

• "Wer ein Herdentier erschlägt, der soll es erstatten. Wer aber ha adam erschlägt, der

soll sterben" (Lev 24,21). 15

• "Wer einen toten ha adam anrührt, der wird sieben Tage unrein" (Nu 19,11).

• "Gott ist kein ha adam, der lügt" (Nu 23,19; vgl. 1 Sam 15,29).

• "Heute ist uns geschehen, dass Gott zu ha adam sprach und sie blieben am Leben"

(Dt 5,24).

• "Ha adam sieht was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an" (Dt 16,7).

• Salomo "war weiser als alle ha adam" (1 Kg 5,11).

• "Es gibt keinen ha adam, der nicht sündigt" (1 Kg 8,46).

• " ... die ha adam aber erschlugen sie mit scharfem Schwert und rotteten sie alle aus"

(Jes 11,14).

• "Verflucht ist der Mann, der sich auf ha adam verlässt" (Jes 17,5).

• "Wie vergänglich hast du alle ha adam geschaffen" (Ps 89,48).

• "Die Tage ha adam gleichen dem Gras" (Ps 103,15).

• "Dies alles sah ich, als ich über alles Tun nachdachte, das unter der Sonne geschieht:

ha adam herrscht über ha adam zu seinem Unheil" (Pred 8,6).

13 Das gilt sowohl für die älteren Fassungen der Lutherbibel als auch für die älteren katholischen Bibelübersetzun-

gen. Entsprechendes gilt für die Übersetzungen in andere Sprachen.

14 Vgl. z.B. die Elberfelder-Übersetzung, die Menge-Übersetzung (Gen 3,12.20) u.a. Sehr inkonsequent verfährt

leider auch die Lutherübersetzung in der 1984 revidierten Fassung. Sie übersetzt zwar "ha adam" in Gen 2 durch-

gehend mit "Mensch", in Gen 3 aber an mehreren Stellen mit "Adam" (Gen 3,8.9.12.20.21).

15 Dieser Satz zeigt, dass "ha adam" durchaus auch einen einzelnen Menschen bezeichnen kann (vgl. z.B. auch Ps

32,2; Hi 27,13), aber nicht im Sinne einer bestimmten, unverwechselbaren Person, sondern lediglich im Sinne

irgendeines einzelnen Menschen, ohne dass es im betreffenden Zusammenhang auf die spezifische Biographie

oder Persönlichkeit des Betreffenden ankommt. Vgl. in obiger Beispielreihe auch das folgende Beispiel.


10

• "sowohl ha adam als auch das Vieh" (Gen 6,7; 7,23; Ex 9,25; 12,12; Nu 3,13; Jer

50,3; 51,62; Ps 135,8).

Ein Leser der Bibel, der diesen hebräischen Sprachgebrauch kennt bzw. von ihm zum ersten Mal

erfährt, wird den Ausdruck "ha adam" in Gen 2-3 mit anderen Augen lesen, als ein Leser, der

diesen Sprachgebrauch nicht kennt. Schon vom hebräischen Sprachgebrauch her wird man es

dann für das Wahrscheinlichste halten, dass der Ausdruck "ha adam" in Gen 2-3 das Gleiche

bedeutet, wie an den anderen mehr als fünfhundert Stellen des AT. 16 Hinzu kommen dann noch

die Gesichtspunkte aus dem vorangegangenen und dem anschließenden Kapitel.

Für den heutigen Bibelleser klingen die Worte "Adam" und "Eva" auch deshalb anders als für

damalige Leser, weil "Adam" und "Eva" in unserem Kulturkreis Vornamen geworden sind. Auch

dieser Umstand beeinflusst uns unterschwellig. Man muss sich aber klar machen, dass es sich

dabei um Entwicklungen handelt, zu denen es erst in nachbiblischer Zeit gekommen ist. 17

b) Das Wort "adam" in Genesis 1-3

In den ersten drei Kapiteln der Bibel kommt das Wort "adam" 24 Mal vor. An 22 Stellen steht es

mit dem Artikel. An diesen Stellen ist das Wort "adam" kein Eigenname und bezeichnet keine

unverwechselbare Einzelperson. Doch auch an den beiden Stellen, an denen der Artikel fehlt

(Gen 1,26; 2,5), 18 sind keine Einzelpersonen gemeint (s.u.). Unter den Bibellesern ist kaum bekannt,

dass das Wort "adam" bereits im ersten Kapitel der Bibel zwei Mal vorkommt. Die beiden

"adam"-Stellen in Gen 1 sind für das biblische Verständnis des Menschen von großer Bedeutung.

Schon in diesen beiden Stellen geht es um die Erschaffung des Menschen:

"Und Gott sprach: 'Lasst uns adam machen, nach unserem Bild, uns ähnlich. 19 Sie sollen herrschen

über die Fische des Meeres, die Vögel des Himmels, das Vieh, über alles Wild der Erde

und alles Gewürm, das auf der Erde kriecht" (Gen 1,26). Die Fortsetzung im Plural ("Sie sollen

herrschen...") zeigt, dass mit dem Wort "adam" keine Einzelperson gemeint ist, sondern die

Menschen insgesamt. Das wird durch den nächsten Vers bestätigt: "Und Gott schuf ha adam

nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er sie, als Mann und Frau schuf er sie" (Gen

1,27). Wörtlich müsste man übersetzen: "männlich und weiblich schuf er sie". Mann und Frau

sind gleicherweise "ha adam". Natürlich sind mit "männlich und weiblich" nicht nur zwei Menschen

gemeint. Wie sollten zwei Menschen über "die Fische des Meeres, die Vögel des Himmels,

das Vieh, über alles Wild der Erde und alles Gewürm das auf der Erde kriecht" herrschen (Gen

1,26)? Für zwei Menschen wäre ein solcher Auftrag viel zu groß. Da alle Bibelübersetzungen

"adam" (Gen 1,26) und "ha adam" (Gen 1,27) mit "Menschen" übersetzen, kann der Bibelleser

nicht ahnen, dass bereits in diesen beiden Versen das gleiche hebräische Wort "adam" verwendet

16

Dafür sprechen außerdem die Gesichtspunkte, die sowohl im vorangegangenen als auch im nachfolgenden Kapitel

genannt werden.

17

Der hebräische Ausdruck "chawwa", der in den deutschen Bibelübersetzungen mit "Eva" übersetzt wird, ist ebenfalls

kein Eigenname.

18

Wurde der Artikel versehentlich weggelassen? Wir wissen es nicht. Es ist jedenfalls kein Grund erkennbar, warum

das Wort "adam" ausgerechnet an diesen beiden Stellen ohne Artikel steht.

19

Dass Gott hier von sich selbst im Plural spricht ("uns"), ist immer schon aufgefallen. Dieser Plural ist entweder im

Sinne eines Plurals der Erwägung (plural deliberationis) zu verstehen, einer besonderen Stilform des Selbstgesprächs

(wie z.B. in 2 Sam 24,14; Jes 6,8 u.ö.), oder als Majestätsplural (plural majestatis), der im Alten Orient

allerdings erst ab der persischen Zeit belegt ist, also erst nach dem Ende des babylonischen Exils.


11

wird, wie in der Erzählung von "Adam und Eva" (Gen 2-3). Und warum sollte das gleiche Wort

in Gen 2-3 eine andere Bedeutung haben als in Gen 1?

In Gen 2-3 treten der erschaffene Mensch und die erschaffene Frau allerdings als handelnde

Personen auf. Beide verhalten sich und sprechen wie Einzelpersonen. Darin liegt in der Tat ein

auffallender Unterschied zu Gen 1. Dieser Umstand 20 ruft bei vielen Lesern der Bibel den Eindruck

hervor, es handle sich in Gen 2-3 um zwei Einzelpersonen im biographischen und geschichtlichen

Sinn. Doch falls das die Meinung des Textes sein sollte: warum verwendet die Erzählung

dann keinen eindeutigeren Begriff für eine Einzelperson, der nicht so stark als Gattungsbegriff

vorbelastet ist wie der Ausdruck "ha adam"? Und: Warum gibt die Erzählung dann

dem ersten erschaffenen Menschen nicht einen speziellen, persönlichen Namen? Die Antwort auf

diese beiden Fragen liegt für alle diejenigen auf der Hand, die sich mit den Erzählformen des

alten Orients beschäftigt haben: trotz der "Einzelgestalt-Erzählweise" geht es auch in Gen 2-3

nicht um Einzelpersonen im biographischen und geschichtlichen Sinn. Die Erzählungen des alten

Orients stellen grundsätzliche (ethnologische, anthropologische, kollektive) Zusammenhänge oft

an Einzelgestalten dar. Das ist anschaulicher und leichter zu verstehen. Insbesondere in den Anfangserzählungen

des Orients ist das der Fall. In diesen Erzählungen sind "Einzelgestalten" als

Typen und Repräsentanten im Sinne einer "korporativen Persönlichkeit" zu verstehen. 21 Eine

genauere Analyse der Erzählung Gen 2-3 zeigt sehr deutlich, dass es in ihr nicht um Einzelpersonen

im geschichtlichen Sinn geht. 22 Man erzeugt eine große Zahl unlösbarer und unsinniger

Probleme, wenn man die Erzählung Gen 2-3 als Bericht über geschichtliche Personen und Ereignisse

versteht.

An einer Stelle wird auch in Gen 2-3 schon vom Sprachgebrauch her klar, dass sich "ha adam"

nicht auf eine Einzelperson bezieht: "Und Jahwe Elohim sprach: 'Siehe, ha adam ist geworden

wie unsereiner und erkennt gut und böse.' Und nun, damit er nicht seine Hand ausstreckt

und auch vom Baum des Lebens isst und für immer lebt, wies Jahwe Elohim ihn aus dem Garten

Eden, um den Acker zu bebauen, von dem er genommen wurde. Und er vertrieb ha adam und

ließ im Osten des Garten Eden die Kerubim und das zuckende Flammenschwert wohnen, damit

sie den Baum des Lebens bewachten" (Gen 3,22-24). Da sowohl der Griff nach der Frucht als

auch die Vertreibung aus dem Garten Eden den Mann und die Frau gemeinsam betrifft, schließt

der Ausdruck "ha adam" in diesen Versen die Frau mit ein, ohne dass dies ausdrücklich gesagt

werden muss. Auch an der einzigen Stelle, in der das Wort "adam" in Gen 2-3 ohne Artikel steht,

ist keine Einzelperson gemeint: "Und alles Gesträuch des Feldes gab es noch nicht auf Erden und

alles Kraut des Feldes wuchs noch nicht, weil Jahwe Gott noch nicht hatte regnen lassen auf der

Erde, und es noch keinen adam gab, die Erde zu bebauen" (Gen 2,5). Vom Sinnzusammenhang

her ist klar, dass es nicht um die Tätigkeit eines einzelnen Menschen geht, sondern um die Kulturtätigkeit

des Menschen überhaupt.

20

Er ist der Hauptgrund, dafür, dass die älteren Bibelübersetzungen "ha adam" innerhalb von Gen 2-3 mit "Adam"

übersetzen.

21

"Korporative Persönlichkeiten" verkörpern ganze Sippen, Clans, Stämme und Völker.

22

Vgl. dazu das folgende Kapitel.


12

c) Das Wort "adam" in Genealogien des Alten Testaments

Es gibt im AT allerdings drei Texte (Gen 4,25; 5,1-5 und 1 Chr 1,1), in denen das Wort "adam"

tatsächlich zum Eigennamen geworden ist und eine bestimmte Einzelperson bezeichnet. In diesen

Texten steht das Wort "adam" stets ohne Artikel. 23 Bei allen drei Texten handelt es sich auffälligerweise

um genealogische Texte. Außerhalb von Genealogien (Geschlechtsregistern;

Stammtafeln) gibt es im AT keinen Befund dieser Art.

Genealogien haben in der Bibel wichtige theologische Funktionen. In der biblischen Urgeschichte

(Gen 1-11) bringen sie zum Ausdruck, dass der Mensch ein Glied in der Kette der Generationen

ist. Er wird in hohem Maß bestimmt durch seine Vorfahren, durch Vergangenheit und

Tradition. Der Generationenzusammenhang bringt Stabilität in den Fluss der Zeiten. Er schafft

eine Struktur. Deshalb ist der Generationenzusammenhang Ausdruck des Segens. Dieser Segen

wird in den Genealogien des AT ganz aus der Sicht des Mannes formuliert. Es geht um Namen

von Männern, um ihr Zeugungsalter beim erstgeborenen Sohn und um ihr Lebensalter. Die Namen

und Lebensdaten der Frauen und Töchter werden nicht erwähnt. Man kann die Genealogien

der biblischen Urgeschichte nicht im modernen Sinn "historisch" auswerten. Warum das nicht

möglich ist, möchte ich am Beispiel der Genealogie Gen 5,1-32 erläutern. Diese Genealogie ist

für das Thema "Adam" von besonderer Bedeutung. In ihr kommt das hebräische Wort "adam"

vier Mal ohne Artikel vor (vgl. Gen 5,1-5). In zwei dieser Fälle wird das Wort "adam" als Eigenname

verwendet, in den beiden anderen Fällen nicht (s.u.). Die Genealogie beginnt mit "Adam"

und endet bei Noah. Folgende Beobachtungen am Text machen eine historische Auswertung

dieser Genealogie unmöglich:

1. Das Lebensalter der ersten Väter des Menschengeschlechts ist enorm hoch. Die Mehrzahl

der genannten Väter wird über 900 Jahre alt! Aber nicht nur die Höhe der Zahlen ruft

Fragen hervor. Wichtig ist auch, dass diese Zahlen unterschiedlich überliefert werden. In

der samaritanischen Übersetzung der fünf Bücher Mose werden z.T. niedrigere Zahlen

genannt, in der griechischen Übersetzung z.T. noch höhere. 24

2. Die Genealogie nennt zehn Generationen von Adam bis Noah. Die Zahl zehn ist Ausdruck

der Vollständigkeit. 25 D.h. die Zeit vor der Flut soll als eine vollständige, abgeschlossene

Epoche deutlich werden. Bei den Sumerern gibt es eine wesentlich ältere Liste

der ersten Könige mit ebenfalls zehn Generationen bis zur Flut. Die Zahl zehn ist nicht

im modernen Sinn "historisch" zu verstehen, sondern symbolisch.

3. Die Genealogie bietet in der siebten Position (sieben ist die Zahl der Vollkommenheit) 26

einen besonderen Fall: Henoch "wandelte mit Gott" und wird von ihm vor seinem Tod

entrückt. Er wurde "365 Jahre" alt. Das ist die Zahl der Tage im Sonnenjahr. Mit dieser

Zahl wird Henoch als "Kind des Lichts" dargestellt. Auch diese Zahl ist offensichtlich

nicht historisch zu verstehen, genauso wenig wie die siebte Position Henochs innerhalb

der Genealogie. Die Zahlen zehn, sieben und 365 können nicht alle zusammen eine historische

Grundlage haben. Das wäre zu viel an Zufall.

23

Insgesamt 6 Belege; an vier dieser Belege ist mit dem Wort "adam" eine Einzelperson gemeint. Vgl. dazu die

folgenden Ausführungen.

24

Vgl. dazu Seebass, Urgeschichte, 178.

25

Vgl. die zehn Finger, die zehn Gebote, die zehn ägyptischen Plagen, die zehn Tiere in Hi 38-39 usw.

26

Vgl. die sieben Tage der Woche, die sieben Planeten, die sieben Farben des Regenbogens, die sieben Bitten des

Vaterunsers, die sieben Wunder im Johannesevangelium usw.


13

4. Die Angaben über Noah (Gen 5,32) fallen in doppelter Hinsicht aus dem bisherigen

Rahmen der Genealogie heraus: a. Noah war bereits "500 Jahre" alt, als er seine ersten

Söhne zeugte. Seine bisher genannten Vorfahren waren ausnahmslos jünger als 200 Jahre,

als sie ihre ersten Söhne zeugten (teils sogar jünger als 100 Jahre). b. Alle anderen

Vorfahren zeugten zunächst nur einen Sohn. Noah aber zeugte in einem Jahr gleich drei

Söhne (Sem, Ham und Japhet). Soll man sich diese Söhne als Drillinge vorstellen? Oder

wurden sie von verschiedenen Frauen geboren?

Fragt man nach dem Grund für das auffallend hohe Zeugungsalter Noahs, findet man die Antwort

in der Theologie der biblischen Urgeschichte: Nur wenn man das Zeugungsalter Noahs so

hoch ansetzt, wird verständlich, dass die Söhne Noahs erst nach der Sintflut ihrerseits Söhne

zeugen. 27 Das ist für die Theologie der Urgeschichte wichtig. Ihr zufolge ist die Sintflut eine

tiefe Zäsur. Mit der Sintflut wird die erste Epoche, die Urzeit, abgeschlossen. Seit der Sintflut ist

die Lebenswelt der Menschen so, wie sie heute ist. Die neue Epoche nach der Flut beginnt mit

den Enkeln Noahs. Sie gehören in die neue Zeit und haben keinen Anteil mehr an der Urzeit.

Deshalb ist es wichtig, dass sie erst nach der Flut geboren werden. Da die Sintflut nach Gen

9,28f im 600. Lebensjahr Noahs stattfand, waren Noahs Söhne zur Zeit der Flut "erst" 100 Jahre

alt. Bei diesem "jungen" Alter leuchtet es ein, dass Sem, Ham und Japhet erst nach der Flut Söhne

zeugten. Aus diesem Grund setzt die Genealogie in Gen 5,32 das Zeugungsalter Noahs so

hoch an. Es geht offensichtlich nicht um "historische", sondern um theologische Erwägungen.

Wer wollte die runden Zahlen 500, 600 und 100 als "historische" Angaben verstehen? 28 – Diese

Hinweise auf die theologische Gestaltung der Genealogie Gen 5,1-32 sollen als Erklärung dafür

genügen, dass man in der wissenschaftlichen Exegese darauf verzichtet, diese Genealogie historisch

auszuwerten. Der Hinweis auf den Eigennamen "Adam" in Gen 5,1-5 ist deshalb kein überzeugendes

Argument für einen "historischen Adam".

Der zweite der drei genannten genealogischen Texte – 1 Chr 1,1 – setzt Gen 5,1ff voraus, ist

also keine unabhängige biblische Überlieferung, deren geschichtliche Aussagekraft man gesondert

prüfen müsste. Der dritte Text – Gen 4,26 – kann für sich allein die Beweislast für einen

"historischen Adam" nicht tragen. Für diesen Text gilt das Gleiche wie für die beiden anderen

Genealogien: wer das Wort "adam" in einer Genealogie verwenden will, der muss es als Eigenname

verwenden. In Genealogien geht es grundsätzlich um Eigennamen. Aber selbst wenn man

die drei genealogischen Texte (Gen 4,26; 5,1-5; 1 Chr 1,1) - trotz aller genannten Hinweise! - für

historisch auswertbare Texte halten wollte, bliebe immer noch der Tatbestand, dass in Gen 2-3

das Wort "adam" fast immer mit Artikel steht, also kein Eigenname ist und keine Einzelperson

bezeichnet.

Ein letzter Hinweis: dem Autor der Genealogie Gen 5,1-32 ist es nicht leicht gefallen, aus

dem Gattungsbegriff "ha adam" den Eigennamen "Adam" zu machen. Das zeigt sich in Gen

5,1-2. Der erste Satz lautet: "Das ist das Buch der Nachfahren Adams". In dieser Überschrift ist

"Adam" als Eigenname verstanden. Anschließend greift der Autor jedoch auf Gen 1,26-27 zu-

27 Am Beginn der Völkertafel in Gen 10 heißt es betont: "Dies sind die Nachkommen der Söhne Noahs, Sem, Ham,

und Japhet. Diesen wurden Söhne geboren nach der Flut" (Gen 10,1).

28 Es hilft auch nichts zu sagen, diese Zahlen seien zwar "gerundet", aber trotzdem historisch. Von

der sehr hohen Lebenserwartung der urzeitlichen Väter einmal ganz abgesehen: sollte Noah bei der Geburt

seiner drei Söhne zufällig "ungefähr" 500 Jahre alt gewesen sein und die Sintflut zufällig "ungefähr" im 600.

Lebensjahr Noahs stattgefunden haben, so dass alle drei Söhne Noahs bei der Sintflut zufällig "ungefähr" 100

Jahre alt waren? Auch das wäre des Zufalls zu viel, zumal ja schon die zehn Generationen von Adam bis Noah,

die siebte Position Henochs und dessen 365 Lebensjahre zu viel an Zufall sind.


14

rück. 29 Deshalb muss er das Wort "adam" nach der Überschrift doch auch pluralisch verstehen:

"Als Gott adam schuf, machte er ihn nach Gottes Ähnlichkeit. Als Mann und Frau schuf er sie

(Plural!) und so segnete er sie (Plural!) und nannten ihren Namen adam (Plural!) am Tage als er

sie (Plural!) erschaffen hatte" (Gen 5,1b-2). Erst nach diesem Hinweis zur Gottesebenbildlichkeit

beginnt mit Gen 5,3 die eigentliche Genealogie. Dieses Schwanken im Gebrauch des Wortes

"adam" zeigt, dass es nicht ohne Schwierigkeiten möglich ist, vom Gattungsbegriff "adam" zum

Eigennamen "Adam" zu wechseln. Man kann fragen, warum der Autor der Genealogie sich überhaupt

diese Mühe macht und solche Schwierigkeiten in Kauf nimmt. Wahrscheinlich bewegte

ihn ein theologisch berechtigtes Motiv. Er möchte eine Verbindung schaffen zwischen dem "Anfangsgeschehen"

und der geschichtlichen Existenz des Menschen. Es gehört zu den Besonderheiten

des israelitischen Gottes- und Weltverständnisses, dass Israel seine Erzählungen vom "Anfang"

der Welt und des Menschen in einen Zusammenhang bringt mit der Geschichte (vgl. Gen

12ff). 30

Fazit: Es ist nicht möglich, durch den Verweis auf drei genealogische Texte des AT die zahlreichen

Belege dafür zu entkräften, dass "ha adam" im gesamten übrigen AT und auch in Gen

2-3 ein Gattungsbegriff ist, der sich nicht auf eine bestimmte, unverwechselbare Einzelperson im

biographischen und geschichtlichen Sinn bezieht, sondern die Gattung "Mensch" bezeichnet.

3. Warum Gen 2-3 nicht in einem geschichtlichen Sinn gemeint sein kann

Die in den beiden vorangegangenen Kapiteln genannten Aspekte haben bereits deutlich gemacht,

dass die Erzählung Gen 2-3 nicht als historischer Bericht gemeint ist. In diesem Kapitel folgt

eine Art Gegenprobe. Nehmen wir einmal an, die Erzählung von Adam und Eva wäre ein Bericht

über geschichtliche Personen und geschichtliche Ereignisse. Ergibt die Erzählung in diesem Fall

überhaupt einen in sich stimmigen, plausiblen Sinn? Das wäre doch das Mindeste, was man erwarten

kann. Diese "Probe aufs Exempel" ist - wenn man sie wirklich genau und konsequent

durchführt - sehr aufschlussreich. Es stellt sich auf diese Weise nämlich heraus, wie unhaltbar

die Behauptung ist, Adam und Eva seien geschichtliche Personen. Man darf sich deshalb mit

dieser Behauptung in ihrer pauschalen Form nicht zufrieden geben, sondern muss diese Behauptung

Vers für Vers einer Bewährungsprobe aussetzen. Hält die Behauptung, Adam und Eva seien

geschichtliche Personen, einer Überprüfung am Bibeltext stand? Das ist die Frage, um die es

jetzt geht.

1. Die Zeitangaben in der Erzählung von Adam und Eva: Die Geschichte von Adam und Eva

beginnt mit folgenden Worten: "Am Tag als Jahwe Gott Erde und Himmel machte und alle die

Sträucher des Feldes waren noch nicht auf Erden und all das Kraut des Feldes war noch nicht

gewachsen, denn Jahwe Gott hatte noch nicht regnen lassen auf Erden und der Mensch war noch

nicht da, die Erde zu bebauen..." (Gen 2,4b-5). Dieser lange Anfangssatz enthält die einzige

29 Der Autor muss auf Gen 1,26-27 zurückgreifen, weil dort gesagt wurde, dass alle Menschen Ebenbilder Gottes

sind (in Gen 1,26-27 ist "adam" nicht als Einzelperson verstanden). Wenn der Autor der Genealogie Gen 5,1-32

"Adam" jetzt - im Unterschied zu Gen 1,26f - als Einzelperson versteht, muss er klarstellen, dass nicht nur

"Adam" selbst ein Ebenbild Gottes ist, sondern auch dessen Nachfahren.

30 Vgl. dazu unten ...


15

Zeitangabe in der ersten Hälfte der Erzählung (Gen 2). 31 Um welche Zeit aber handelt es sich?

Wann war dieser Tag, von dem hier erzählt wird? Das bleibt offen. In der zweiten Erzählhälfte

kommt nur eine einzige weitere Zeitangabe dazu: "Und sie hörten Jahwe Gott, wie er im Garten

ging, als der Tag kühl geworden war" (Gen 3,8). Damit kann nur der späte Nachmittag, oder der

frühe Abend gemeint sein. D.h. wir erhalten in der gesamten Erzählung von Adam und Eva keine

einzige Zeitangabe in einem geschichtlich verwertbaren Sinn. Deshalb bleiben - wenn man

die Geschichte als historischen Bericht verstehen will - sehr viele Gesichtspunkte unklar. Für

einen historisch interessierten Menschen stellen sich z.B. folgende Fragen: Wie lange hat Adam

eigentlich im Garten Eden gelebt, bevor die Tiere (Gen 2,19-20) und bevor Eva (Gen 2,20-21)

geschaffen wurden? Eine Stunde? Ein Tag? Eine Woche? Ein Monat? Ein Jahr, oder länger? Wie

lange haben Adam und Eva eigentlich zusammen im Garten Eden gelebt, bevor sie vom Baum

der Erkenntnis aßen? Eine Stunde? Ein Tag? Eine Woche? Ein Monat? Ein Jahr, oder länger?

Man sage nicht, solche Fragen seien unwichtig und der Text konzentriere sich auf das Wichtige.

Im Falle eines historischen Berichts sind Fragen dieser Art keineswegs unwichtig. Wie soll man

sich sonst eine einigermaßen zutreffende Vorstellung vom Aufenthalt Adams und Evas im Garten

Eden machen können? Es wäre z.B. hochinteressant und theologisch sehr wichtig zu erfahren,

wie lange Adam und Eva gelebt haben, bevor es zu dem Griff nach der Frucht am Baum der

Erkenntnis kam. Das würde viel darüber zu aussagen, welche Rolle die Sünde im Leben von

Adam und Eva gespielt hat. Lebten sie ein Jahr ohne Sünde, oder nur zwei Stunden? Im Falle

eines Berichts über historische Personen stellen sich außerdem folgende Fragen: Mit was hat sich

Adam allein und mit was haben sich Adam und Eva zusammen im Garten Eden beschäftigt? Wie

sah ihr Tagesablauf aus, wie ihr Wochenprogramm? Wo lagen ihre Interessen und Vorlieben?

Haben sie Werkzeuge hergestellt? Welche? Haben sie sich untereinander immer bestens verstanden?

Oder gab es zwischen ihnen hin und wieder auch Missverständnisse und Streit? Welche Art

von Sprache haben sie gesprochen? Wie und wo haben sie gewohnt? Wie groß war der Garten?

Sobald man beginnt, irgendwelche historische Fragen an diesen Text zu richten, stellt man fest,

dass er auf Fragen dieser Art nicht eingeht. Die Erzählung ist in dieser Hinsicht auffallend mager.

Sieht so ein historischer Bericht aus?

Auf Grund der beiden einzigen Zeitangaben in Gen 2,4-5 und 3,9 kann man die Geschichte

von Adam und Eva auch folgendermaßen verstehen: alles, was in Gen 2-3 erzählt wird, hat sich

innerhalb eines einzigen Tages abgespielt. Der Text lässt auch diese Deutung zu. Doch sie erzeugt

genauso viele Ungereimtheiten. Wurden Adam und Eva aus dem Garten Eden ausgewiesen,

obwohl sie kaum einen Tag in ihm gelebt haben? Hat sich dafür der Aufwand des Gartens

gelohnt? Was ist das für eine Heimat, in der man nur einen Tag gelebt hat? Adam und Eva hätten

sich kaum kennenlernen können, bevor sie ausgewiesen wurden. Außerdem hat Adam allen Tieren

einen Namen gegeben (Gen 2,19-20). Ist das innerhalb weniger Stunden möglich? Unklarheiten

über Unklarheiten.

Damit stehen wir schon am Beginn der Gegenprobe vor der Situation, vor der wir bis zum

Ende der Gegenprobe immer wieder stehen werden: Sobald man die Erzählung von Adam und

Eva ernsthaft als historischen Bericht verstehen will, ergibt sich eine Schwierigkeit und Unklarheit

nach der anderen. Versteht man die Erzählung dagegen als eine antike "Anfangserzählung",

31 Der Ausdruck "am Tag" muss nicht unbedingt als 24-Stunden-Tag verstanden werden. Im Hebräischen ist dieser

Ausdruck des Öfteren auch als allgemeinere Zeitangabe gemeint: "Zu der Zeit, als ..." So übersetzen viele Bibel-

übersetzungen den Beginn der Erzählung.


16

entfallen alle diese Schwierigkeiten. Dafür wird der Leser frei für eine andere Beobachtung. Der

zitierte lange Anfangssatz Gen 2,4-5 (s.o.) enthält vier Mal die Formulierung "noch nicht". Das

ist auffallend. Der Vergleich mit anderen altorientalischen Anfangserzählungen zeigt, dass es

sich dabei um ein übliches Stilmittel speziell in Anfangserzählungen handelt. Die damals sehr

bekannte babylonische Anfangserzählung "Enuma elisch" beginnt z.B. mit folgenden Sätzen:

"Als oben der Himmel noch nicht da war

und unten die Erde noch nicht entstanden war,

gab es Apsu, den Ersten, ihren Erzeuger

und die Gebärerin Tiamat, die sie alle gebar.

Ihre Wasser haben sich vermischt.

Das Weideland hatten sie noch nicht bereitgestellt

und das Sumpfgebiet noch nicht aufgefüllt.

Als die Götter noch nicht hervorgebracht waren, kein einziger,

sie mit Namen noch nicht gerufen waren,

ihnen die Schicksale noch nicht bestimmt waren,

da wurden die Götter in ihrem Inneren geformt ..." 32

Dieser Noch-nicht-Stil findet sich auch in einem weiteren Schöpfungstext des Alten Testaments.

Im Buch der Sprüche sagt die Weisheit von sich:

"Jahwe hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege,

vor seinen Werken in der Urzeit.

Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her

am Anfang, beim Ursprung der Erde.

Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren,

als es die wasserreichen Quellen noch nicht gab.

Ehe denn die Berge eingesenkt wurden,

vor den Hügeln wurde ich geboren.

Als er die Erde noch nicht gemacht hatte,

noch nicht die Schollen des Erdbodens ..." (Spr 8,22-26).

Warum sind diese Noch-nicht-Sätze in den altorientalischen Anfangserzählungen so beliebt? Sie

schaffen einen Hintergrund, vor dem die Bedeutung, die Qualität und die Schönheit der Schöpfung

um so bewusster wird. Die orientalischen Anfangserzählungen nennen entscheidende Aspekte

der gegenwärtigen Lebenswelt und sagen dem Leser: Stell dir einmal vor, das alles habe es

noch nicht gegeben! Auf solche Weise wollen diese Anfangserzählungen den damaligen Lesern

und Hörern dazu verhelfen, sich um so mehr darüber zu freuen, dass es diese Dinge gibt und

dankbar zu werden für die eigene Lebenswelt. Bei diesem Stilmittel der altorientalischen Anfangserzählungen

geht es nicht um Zeitangaben im modernen historischen Sinn. Es geht um Hilfe

zur bewussteren Wahrnehmung der eigenen Lebenswelt. Auch dieser sprachliche Vergleich

macht deutlich, dass es bei der Erzählung von Adam und Eva nicht um einen historischen Bericht

geht. Wo findet man solche wichtigen Sprachvergleiche in fundamentalistischen Auslegun-

32 Vgl. dazu Bauks, Anfang, 213ff; Pettinato, Menschenbild, 69-73. Auch in den noch älteren sumerischen Texten

begegnet dieser Noch-nicht-Stil. Ein ägyptischer Pyramidentext beginnt mit den Worten: "Als noch nicht der

Himmel entstanden war, als noch nicht die Menschen entstanden waren, als noch nicht die Götter geboren waren,

als noch nicht das Sterben entstanden war" (Löning/Zenger, Anfang, 32). Weitere Beispiele bei Pettinato, Menschenbild,

86ff. 91ff.


17

gen von Gen 2-3? Wie sollen sich die Leser solcher Auslegungen ein angemessenes Urteil bilden

können, wenn sie von solchen sprachlichen Zusammenhängen nichts erfahren?

2. Die Erschaffung des Menschen: "Da formte Jahwe Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden

und blies ihm den Atem des Lebens in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendiges

Wesen" (Gen 2,7). Die Erschaffung des Menschen aus Erde bzw. Ton (Töpferlehm) ist im Alten

Orient eine geläufige Vorstellung. Sie begegnet sowohl in Mesopotamien als auch in Ägypten,

aber auch in Griechenland und Afrika. 33 Der akkadische Gilgamesch-Epos erzählt, wie die Göttin

Aruru den Menschen aus Ton formt. Sie "kneift" dazu einen Lehmklumpen von einer größeren

Menge Lehm ab. 34 Auch im babylonischen Atramhasis-Epos wird der Mensch aus Ton geschaffen.

Damit er seiner Lebensaufgabe besser gewachsen ist, vermischen die Götter den Ton

mit dem Blut eines untergeordneten Gottes. Nach ägyptischer Vorstellung erschafft der Schöpfergott

Chnum die Menschen, indem er sie aus Ton zu Figuren formt. Eine andere Gottheit

haucht diesen Figuren dann das Leben ein. Auf einem Relief ist Chnum zu sehen - in Menschengestalt,

mit Widderkopf -, wie er an der Töpferscheibe arbeitet und einen Pharao aus Ton formt.

Diese Beispiele zeigen, wie handfest und konkret man sich sowohl in Mesopotamien als auch in

Ägypten die Erschaffung des Menschen durch die Götter vorgestellt hat. Die Götter gingen dabei

genauso vor, wie menschliche Töpfer. Man unterschied nicht grundsätzlich (kategorial) zwischen

dem Schaffen der Götter und dem Schaffen der Menschen. Gerade in dieser Hinsicht ist

der biblische Text (Gen 2,7) wesentlich vorsichtiger und zurückhaltender:

Die biblische Erzählung von der Erschaffung des Menschen erzählt keine Details des Erschaffungsvorgangs.

Wann hat Gott den Menschen erschaffen? Wo hat er ihn erschaffen? Wieviel

Erde hat er genommen? Wie lange hat die Erschaffung gedauert? Trotz der anschaulichen Sprache

wahrt der Text das Geheimnis des Schöpferwirkens. Der Erzähler hat ein sicheres Gespür

dafür, dass er Gott nicht in falscher Weise vermenschlichen darf. Er spricht weder von einer

"Gestalt" Gottes noch von seinen "Händen", seinem "Mund", oder seinem "Atem". 35 Es findet

sich auch kein Hinweis auf ein "Abkneifen" des Lehms, oder auf eine "Töpferscheibe". Im Hebräischen

gibt es ein spezielles Wort für Töpferlehm ("chomär"; vgl. Gen 11,3 u.ö.). Dieses Wort

wird in Gen 2,7 nicht benutzt. Dafür ist - anders als in den altorientalischen Parallelen - vom

"Staub der Erde" die Rede. Dass das Wort "Staub" (afar) sehr bewusst verwendet wird, zeigt Gen

3,19. Dort wird der gleiche Ausdruck noch einmal aufgegriffen („Denn Staub bist du und zum

Staub wirst du zurückkehren“). Das Wort "Staub" passt aber denkbar schlecht zur Tätigkeit eines

33 Vgl. zum Folgenden Yoyotte, Entstehung; Pettinato, Menschenbild. Auch Prometheus bildet den Menschen aus

Lehm (vgl. Westermann, Urgeschichte, 279). Zu den zahlreichen afrikanischen Belegen vgl. Frazer, Arche, 6-20.

Es ist kein Zufall, dass viele alte Völker gerade im Töpferlehm das Ausgangsmaterial für die Erschaffung des

Menschen gesehen haben. Die Entdeckung, dass Ton und Lehm zu haltbaren Formen gestaltet werden kann, ge-

hört zu den großen Entdeckungen der Menschheitsgeschichte. Sie führte nicht nur zu neuen Möglichkeiten im

Mauerbau - man war nicht mehr ausschließlich auf Steine angewiesen, deren Transport oft mühsam war - und im

Bau von Wasserleitungen, sondern sie war vor allem entscheidend für die Entstehung der Keramik. Die Keramik

wiederum war für die Kultur der Menschen von so herausragender Bedeutung, dass man die frühe Geschichte der

Menschen in die "vorkeramische" und "keramische Zeit" (ab 5500 v. Chr.) gliedert. Die Menschen waren faszi-

niert, von den Gestaltungsmöglichkeiten dieses Materials. Aus feuchtem Lehm konnte man die unterschiedlich-

sten Dinge gestalten: Ziegel, Röhren, Krüge, Töpfe, Vasen, Tiere, Vögel, Köpfe, ein menschliches Gesicht u.a.

Mit dem Trocknen des Tons wurden alle diese Formen haltbar. Tongefäße sind wasserdicht. Sie schützen ihren

Inhalt vor Feuchtigkeit, Licht und Hitze. Bis heute übt der Töpferlehm seine Faszinationskraft aus, nicht nur auf

Töpfer, Künstler und Kinder.

34 "Aruru wusch sich die Hände, kniff sich Lehm ab, warf ihn draußen hin. Enkidu, den Gewaltigen schuf sie, einen

Helden ..." (Westermann, Urgeschichte, 279).

35 Es ist nur vom "Atem des Lebens" die Rede, nicht aber vom "Atem Gottes".


18

Töpfers. 36 Es drückt vielmehr den großen Abstand zwischen Gottes Schaffen und dem Schaffen

eines menschlichen Töpfers aus. Auffallend ist auch, dass es nicht heißt: "Und Gott nahm den

Staub von der Erde und machte ..." Die Formulierung "er nahm" ist im Hebräischen üblich, wenn

ein Mensch aus einem Material etwas herstellt (vgl. Ex 4,9; 29,7; Lev 4,5 u.ö.). 37 Das in Gen 2,7

verwendete Wort "formen" (jazar) stammt zwar aus der Töpfersprache (vgl. z.B. 2 Sam 17,26; 1

Chr 4,23 u.ö.), ist aber im AT nicht mehr wörtlich (materiell) gemeint, wenn es auf Gottes Wirken

bezogen wird. 38 So kann es z.B. heißen: Gott "formt" sein Volk Israel und seinen auserwählten

Knecht durch seine Führungen. 39 Er "formt" den Geist (Sach 12,1), das Licht (Jes 45,7), die

Jahreszeiten (Ps 74,17) und das kommende Unheil (Jer 18,11). Wenn Gott der Formende ist,

dann meint das hebräische Verb jazar also ein geheimnisvolles schöpferisches Wirken und "Gestalten",

das sich mit dem Formen und Modellieren eines menschlichen Töpfers nicht vergleichen

lässt. Wie wenig das Verb jazar auch in anderen Fällen seine ursprüngliche konkrete Bedeutung

beibehalten hat, geht z.B. daraus hervor, dass das Substantiv von jazar meistens ein "Gedankengebilde"

meint. Es bezieht sich also auf das Denken des Menschen, auf das "Trachten seines Herzens“.

40

Diese auffallende Zurückhaltung des biblischen Erzählers geht verloren, wenn man Gen 2,7

wörtlich-konkret versteht: als einen einmaligen "handfesten“ Erschaffungsvorgang im historischen

Sinn. Ein wörtliches Verständnis von Gen 2,7 missachtet gerade das Besondere dieses

biblischen Textes gegenüber den mesopotamischen und ägyptischen Menschenerschaffungstexten.

Ein wörtliches bzw. historisches Verständnis von Gen 2,7 ruft folgende Fragen hervor:

Hat Gott tatsächlich eine bestimmte Menge Erde genommen, um den Menschen daraus zu formen?

Ist Gott also so vorgegangen, wie ein menschlicher Töpfer vorgeht? Wog die Erde, die

Gott nahm, achthundert Gramm oder dreißig Kilogramm? Hat Gott "Hände"? "Bläst" er tatsächlich

den Atem des Lebens durch die Nase des Menschen? Hat Gott Lunge, Mund und Backen? Je

wörtlicher ich Gen 2,7 verstehe, desto mehr muss ich Gott vermenschlichen. Gott ist aber kein

Mensch! Er schafft also nicht nach menschlicher Weise. Gott ist kein irdisches Wesen, kein Teil

dieser Welt. Deshalb hantiert er nicht mit Erdklumpen wie ein irdischer Handwerker. Das heißt:

Man darf Gen 2,7 auf keinen Fall wörtlich verstehen! 41 Das führt zurück zu den heidnischen

36

In den altorientalischen Erzählungen von der Erschaffung des Menschen wird oft betont, dass auch bei der Erschaffung

der Menschen durch die Götter der Lehm feucht sein muss (vgl. Pettinato, Menschenbild, 41-46).

37

In Gen 3,19.23 wird lediglich die unkonkrete Passivformulierung verwendet: "denn von der Erde bist du genommen".

38

In den 63 Belegstellen von jazar im AT ist an 42 Stellen Gott der Formende.

39

Vgl. Jes 27,11; 29,15f; 43,1.7.21; 44,2-4; 45.11; vgl. 49,5 mit 42,1; 64,7; Jer 18,1-12; Jes 43,7.21 u.ö.

40

Vgl. Gen 6,5; 8,21; Jes 26,3; Jer 18,11; 1 Chr 28,9; 29,18; DA 31,21.

41

Die radikale Unterscheidung von Gott und Mensch ist für das gesamte AT von entscheidender Bedeutung. Darin

liegt gerade der Unterschied zu den Göttervorstellungen der anderen antiken Religionen. Man kann gegen diese

Unterscheidung nicht einwenden: der Mensch sei doch als "Ebenbild" Gottes geschaffen worden (Gen 1,26f). Mit

diesem Ausdruck soll ja nicht gesagt werden, dass zwischen Gott und Mensch eine körperliche Ähnlichkeit besteht.

Wer sich Gott in menschenähnlicher Gestalt vorstellt, der fällt in heidnische Gottesvorstellungen zurück

und gibt das biblische Gottesverständnis auf. Zum Neuen des israelitischen Glaubens gehört gerade das Verbot,

sich von Gott ein Bild zu machen. Ein ähnliches Verbot gibt es in keiner anderen antiken Religion. Im AT wird

das erste und zweite Gebot oft im Bilderverbot zusammengefasst (vgl. Ex 20,2-6; 34,14.17; Lev 19,4; 26,1; Dt

14,10-20; vgl. auch Hos 11,2; Jer 1,16; 25,6 u.ö.). Das Bilderverbot gehört also zum Kernbereich des israelitschen

Glaubens (vgl. noch Ex 20,23; Dt 5,8; 27,15; Ri 17,3f; Hos 13,2; Jes 44,10ff u.ö.). Im Jerusalemer Tempel stand

kein Gottesbild. Das unterschied diesen Tempel von allen Tempeln der Nachbarvölker. In Israel galt ab einer

bestimmten Zeit genau das als religiöser Frevel, was in den Nachbarvölkern als religiöse Pflicht galt: das Herstellen

von Gottesbildern. Nach Dt 4,10-16 ist es ausdrücklich verboten, sich Gott "nach der Gestalt eines Mannes

oder einer Frau" vorzustellen. Wie ist dann die biblische Rede vom "Ebenbild" Gottes zu verstehen? Dieser Ausdruck

bezieht sich auf die Funktion des Menschen gegenüber der Schöpfung. Der Mensch soll als Stellvertreter


19

Gottesvorstellungen (zu den handgreiflichen Vorstellungen von der Erschaffung der Menschen

in Mesopotamien und Ägypten). Wer meint, Gott hätte eine Gestalt aus Erde geformt, wie es im

Prinzip auch menschliche Töpfer tun, der nimmt die Andersartigkeit Gottes nicht wirklich ernst.

Er stellt sich Gott wie eine irdische, weltliche Person vor, die handgreiflich arbeitet. Nur bei einem

symbolischen Verständnis von Gen 2,7 ist es überhaupt möglich, Gottes Göttlichkeit - seine

Andersartigkeit – zu würdigen und so Gott die Ehre zu geben.

Dass das AT die Erschaffung "adams" nicht als ein geschichtliches (einmaliges) Ereignis ansieht,

wird auch daran deutlich, dass von allen Menschen gesagt wird, Gott habe sie "aus Erde

geformt". Alle Menschen sind "Gebilde" (Geformte), weil sie Geschöpfe Gottes sind (Ps

103,14). Hiob sagt zu Gott: "Denke doch daran, dass du wie Ton mich geformt hast" (Hi 10,9).

Und Elihu sagt zu Hiob: "Siehe, ich stehe zu Gott genauso wie du. Vom Lehm genommen bin

auch ich" (Hi 33,6). In Jes 29,16 heißt es: "Ist denn der Töpfer dem Ton gleich zu achten, dass

das Geschöpf von seinem Schöpfer sagen kann: 'Er hat mich nicht geschaffen' und das Gebilde

(von jazar!) von seinem Bildner sprechen konnte: 'Er versteht nichts' "? Hier wird das Wort jazar,

das in Gen 2,7 verwendet wird, auf alle Menschen bezogen, weil alle Menschen Geschöpfe

und damit "Geformte" sind. Bei einem historischen Verständnis von Gen 2,7 wäre die Erschaffung

"Adams" etwas absolut Einmaliges. Dann wären alle "späteren" Menschen nicht mehr in

der gleichen (direkten) Weise von Gott aus Erde erschaffen, sondern (im Unterschied zu Adam)

von irdischen Eltern gezeugt und geboren. Diesen Unterschied zwischen "Adamund den anderen

Menschen macht das AT aber an keiner Stelle. 42

3. Der Garten Eden (Gen 2,8-14): In Eden entspringt ein Strom, der den Garten Eden bewässert.

Dieser Strom teilt sich in vier Flüsse. Dass aus der Erde gleich ein riesiger Strom entspringt,

gibt es sonst auf der Erde nicht. Außerdem kommt es zwar vor, dass ein Fluss in einen anderen

Fluss mündet, aber nicht, dass sich ein Strom in mehrere Flüsse aufteilt. Das gibt es nur kurz

bevor ein Strom in das Meer mündet (Nildelta usw.), aber nicht am Beginn eines Flusslaufs. Solche

Erzählzüge waren für die damaligen Leser Signal genug, um zu wissen, dass die Erzählung

vom Garten Eden keinen normalen geographischen Ort meint. Zwei der vier genannten Flüsse

sind bekannt: Euphrat und Tigris. Die Namen der beiden anderen Flüsse sind nicht mehr sicher

zu deuten. Wo fließt heute dieser große "Strom“? Euphrat und Tigris haben jeweils ihre eigenen

Quellgebiete, die beträchtlich voneinander entfernt liegen. Wo liegt der Garten Eden heute? Sollen

wir ihn in der Region suchen in der Euphrat und Tigris entspringen? Bis heute ist noch niemand

zufällig oder nicht zufällig in dieser oder in einer anderen Region auf die Außengrenzen

Gottes über die Schöpfung fürsorglich "herrschen" (vgl. Gen 1,26). Das besagt: der Mensch ist das einzige Lebe-

wesen in der Schöpfung, das für die Schöpfung Verantwortung übernehmen kann. Diese Verantwortung soll der

Mensch so wahrnehmen, wie es dem Willen des Schöpfers entspricht. Der Mensch hat also der Schöpfung ge-

genüber eine ähnliche Rolle wie der Schöpfer. Er soll die Schöpfung gemäß dem Willen Gottes erhalten und

gestalten und das Chaos abwehren. D.h. in seiner von Gott gegebenen Herrscherwürde - in seinem "Amt und

Auftrag" - handelt der Mensch gegenüber der Schöpfung als "Ebenbild" (Repräsentant) Gottes. Vgl. dazu auch

Ps 8,6-8.

42 Vgl. dazu auch Ps 50,15; 119,73; Hi 4,19; 33,6; Jes 44,2.24; 45,19. Auch das "Zurückkehren zum Staub" (Gen

3,19.21) wird im AT keineswegs nur von Adam allein ausgesagt, sondern von allen Menschen und Lebewesen:

"Nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie dahin und kehren zurück zum Staub der Erde" (Ps 104,29). "Wenn

Gott seinen Geist und Atem zurücknimmt, muss alles Fleisch zusammen sterben und der Mensch wieder zum

Staub zurückkehren" (Hi 34,14f). In diesen Stellen wird ausgesagt, dass alle Menschen - genauso wie "Adam" -

aus Staub geschaffen wurden und im Tod wieder zum Staub zurückkehren. D.h. die Erschaffung "Adams" in Gen

2 ist nicht als ein einmaliges, außergewöhnliches historisches Ereignis gedacht, sondern als eine Aussage über

das Wesen der Menschen insgesamt.


20

dieses Gartens gestoßen, oder von einem Cheruben zurückgewiesen worden, der den Garten bewacht.

Sollen wir Forschungsexpeditionen ausrüsten, die nach diesem Garten suchen?

In der Bibel steht kein Wort davon, dass Gott den Garten Eden nach der Ausweisung Adams

und Evas wieder beseitigt, oder in den Himmel entrückt hat. Das hindert allerdings viele fundamentalistische

Christen nicht daran, genau das zu behaupten. Als "Beleg" genügt ihnen, dass

Jesus am Kreuz zu einem der beiden Mitgekreuzigten sagte: "Amen, ich sage dir, noch heute

wirst du mit mir im Paradies sein" (Lk 23,43). Das Wort "Paradies" wird im AT allerdings an

keiner Stelle auf den Garten Eden angewendet. Der Garten Eden wird in Gen 2-3 nicht als "Paradies"

bezeichnet. Das Wort "Paradies" ist ein Lehnwort aus dem Persischen Es wurde erst in

der Zeit nach dem babylonischen Exil in die hebräische Sprache aufgenommen. In den nachexilischen

Texten des AT kommt es drei mal vor (Hohesl 4,13; Pred 2,5; Neh 2,8). An keiner dieser

drei Stellen hat es etwas mit dem Garten Eden zu tun. Das Wort bezeichnet - wie im Persischen

auch - einen vornehmen (königlichen) Garten oder Park. Erst als in der griechischen Übersetzung

des AT im 3. Jh.v.Chr. der Garten Eden mit dem griechischen Wort "paradeisos" übersetzt

wird – es handelt sich dabei ebenfalls um ein Lehnwort aus dem Persischen -, beginnt im Judentum

die Verknüpfung von "Paradies" und Garten Eden. Im Laufe des 2. und 1. Jh.'s v.Chr. entsteht

im Judentum außerdem der neue Brauch, auch die Endzeitshoffnung bzw. die Jenseitshoffnung

mit dem Wort "Paradies" auszudrücken. So kommt es, dass im Neuen Testament das Wort

"Paradies" an drei Stellen (Lk 23,43; 2 Kor 12,4; Off 2,7) für die Jenseits- bzw. Zukunftshoffnung

verwendet wird. Mit einer Entrückung des Garten Edens in den Himmel hat dieser spätere

Sprachgebrauch aber nichts zu tun. Wer zu Spekulationen dieser Art greift, hat in Wahrheit keinen

Respekt vor dem Bibeltext. - Es steht in der Bibel auch kein Wort davon, dass die Sintflut

den Garten Eden zerstört oder den Lauf der Flüsse in jener Region verändert hat. Auch solche

Spekulationen gehören zu den Rettungsversuchen, mit deren Hilfe man ein historisches Verständnis

von Gen 2-3 verteidigen will. Dass dafür jede biblische Grundlage fehlt, wird in Kauf

genommen, wenn dadurch nur das eigene Auslegungssystem "verteidigt" werden kann. Gegenüber

bizarren Spekulationen solcher Art kann man nur sagen: so wenig sich der Garten Eden

lokalisieren lässt, so wenig lassen Adam und Eva sich historisieren.

4. Die beiden besonderen Bäume im Garten Eden (Gen 2,9.16-17; 3,22-24): Gab es im Garten

Eden tatsächlich einen Baum, dessen Früchte - wenn man in sie hineinbeißt - die Erkenntnis von

gut und böse vermitteln? Was waren das für Früchte? Wie sah dieser Baum aus? In welcher

Sprache hat Gott zu Adam gesagt, dass er nicht von den Früchten dieses Baumes essen soll? Gab

es im Garten Eden tatsächlich einen anderen Baum, der ewiges Leben vermitteln kann, wenn

man von seinen Früchten isst? Es fällt auf, dass der Erzähler keinen dieser beiden Bäume seinen

Lesern erklären muss. Er kann sie offenbar als bekannt voraussetzen. D.h. beide Bäume waren

der Leserschaft als Erzählmotiv bekannt.

5. Die Erschaffung der Tiere (Gen 2,19-20): Hat Gott tatsächlich alle Landtiere und alle Vögel

zu Adam geführt? Wieviel Tier- und Vogelarten müssen das gewesen sein? Wie groß war der

Platz, auf dem das geschah? Konnte sich Adam die vielen tausend Namen behalten, die er den

Tieren gab? Konnte Adam schreiben und hat sich Notizen gemacht? Mit welchem Schreibwerkzeug

hat er geschrieben? Auf welchem Material? Welche Schrift hat sich Adam ausgedacht?

Falls Adam nicht schreiben konnte: wie hat er dann die vielen Tiernamen seinen Kindern überliefert?

Ohne eine solche Überlieferung geraten die Tiernamen sofort wieder in Vergessenheit.

Was soll dann die ganze Prozedur? Außerdem fällt auf, dass in Gen 2,19 nur wilde Tiere genannt


21

werden ("Tiere des Feldes" und "Vögel des Himmels"), in Gen 2,20 aber auch die gezähmten

Tiere ("Vieh"). Hat Gott bestimmte Tiere bereits gezähmt erschaffen? Oder hat Adam sie im

Handumdrehen gezähmt? Oder hat er vorausgesehen, welche Tiere später einmal gezähmt werden?

Fragen über Fragen. Rätsel über Rätsel.

6. Die Erschaffung der Frau (Gen 2,21-24): Hat Gott tatsächlich eine "Rippe" Adams genommen

und daraus Eva "gebaut"? Wer das symbolische Verständnis diesr Stelle ablehnt, steht

wieder in der Gefahr – genauso wie bei der Erschaffung des Mannes (Gen 2,7) - Gott in falscher

Weise zu vermenschlichen und sich ihn wie einen menschlichen Bauhandwerker vorzustellen.

Warum sagt Gott ausgerechnet zu Adam und Eva: "Deshalb wird der Mann Vater und Mutter

verlassen und an seiner Frau hängen"? Falls Adam und Eva historische Personen waren, dann

sind sie doch die einzigen Menschen, die keinen Vater und keine Mutter hatten! Sie wissen also

nicht, was ein solcher Trennungsprozess bedeutet. Adam musste niemand verlassen, um an seiner

Frau zu hängen. Was soll dann dieser Satz ausgerechnet bei diesen beiden Menschen? Der

Satz zeigt, dass "Adam und Eva" nicht als historische Personen gemeint sind, sondern als exemplarische

Beispiele für Mann und Frau.

7. Die Schlange (Gen 3,1-15): Gab es im Garten Eden tatsächlich eine Schlange, die reden

und mit Menschen Dialoge führen kann? Nach Gen 2 kann nur der Mensch reden. Merkwürdig

ist vor allem, dass Eva sich kein bisschen wundert, dass eine Schlange mit ihr spricht. Es scheint

für sie das Normalste auf der Welt zu sein. Eine Schlange, die die menschliche Grammatik beherrscht,

in einem historischen Bericht? Ein historischer Bericht, der ohne jede Erklärung so tut,

als ob das das Normalste auf der Welt ist?

8. Gottes Spaziergang in der Abendkühle (Gen 3,8-9): Macht Gott tatsächlich Spaziergänge?

Bevorzugt er dabei die Abendkühle? Ist es ihm tagsüber zu heiß? Konnte Adam tatsächlich Gottes

Schritte "hören" (Gen 3,9)? Hat Gott Füße, die beim Gehen Geräusche verursachen? Wie

groß sind Gottes Füße? Mit welchem Körpergewicht tritt Gott auf? Es steht kein Wort davon

geschrieben, dass Gott sich speziell für Adam und Eva in eine menschliche Gestalt verwandelt

hat. Das zu behaupten, wäre eine Manipulation des Bibeltextes. Ein spazierengehender Gott in

einem historischen Bericht?

9. Die Ausweisung aus dem Garten (Gen 3,20-24): Hat Gott tatsächlich "Felle" für Adam und

Eva gemacht? Hat er eines der von ihm geschaffenen Tiere getötet, ihm das Fell abgezogen und

für Adam und Eva passend hergerichtet? Bewacht tatsächlich ein Cherube seit der Ausweisung

von Adam und Eva den Garten? Auch heute noch?

10. Der Gegenwartsbezug der gesamten Erzählung: Im Grunde war dem damaligen Leser

alles, was Gen 2-3 erzählt, aus seiner eigenen Lebenswelt vertraut. Er kannte die Unterscheidung

von Wildpflanzen und Nutzpflanzen ("Sträucher des Feldes" und "Kraut des Feldes", Gen 2,5),

die Bedeutung des Regens, die Kultivierung des Ackers und die Bedeutung des Grundwassers

(Gen 2,5-6), die Schönheit von Gärten (zumindest vom Hörensagen), die Bedeutung des "Bebauens

und Bewahrens" (Gen 2,15). Er wusste, dass der Mensch am liebsten selbst entscheiden

will, was für ihn gut oder nicht gut ist (Gen 2,16-17). Dem Leser war auch die Formulierung

bekannt: "An dem Tag, an dem du das tust, musst du sterben" (Gen 2,19). Mit dieser Formel

wurde im damaligen Israel die Todesstrafe ausgesprochen. Der Leser kannte das Problem des

Alleinseins (Gen 2,18), die Nähe und Ferne zum Tier (Gen 2,19-20), die Bedeutung des sprachlichen

Benennens (Gen 2,19-20), die Anziehungskraft der Geschlechter (Gen 2,21-24), die Verführbarkeit

des Menschen (Gen 3,1-6), das Sichschämen und Sichverstecken (Gen 3,7-10), das


22

Abschieben der Verantwortung auf Andere (Gen 3,11-13). Die Erzählung führt nirgendwo in

eine unbekannte, ferne Vergangenheit. Sie erzählt von den Grundphänomenen der menschlichen

Lebenswelt aller Zeiten.

Fazit: Wir sind am Ende der "Gegenprobe" angekommen. Das Ergebnis ist eindeutig. Die

Behauptung, bei "Adam und Eva“ handle es sich um geschichtliche Personen, hält einer Überprüfung

am Bibeltext nicht stand. D.h. diese Behauptung ist unbiblisch.Eine Vielzahl von Beobachtungen

am Bibeltext schließt dieses Verständnis aus. Wer die Behauptung aufstellt, die Bibel

verstehe "Adam und Eva" als geschichtliche Personen, verteidigt nicht die Bibel. Er verteidigt

etwas Anderes: sein eigenes, falsches Bild der Bibel und seine eigenen Missverständnisse

und Vorurteile. Er erweist der Bibel damit keinen Dienst.

Es geht bei der Frage, wie Gen 2-3 zu verstehen ist, keineswegs um die Frage, ob man Gott

mehr oder weniger viel zutraut. Es geht vielmehr darum, die Merkmale einer symbolischen

Sprache zu erkennen und zu respektieren. In fundamentalistischen Kreisen gibt es Christen, die

mit einem ungeheueren naturwissenschaftlichen Aufwand und Scharfsinn beweisen wollen, dass

es in den Anfangskapiteln der Bibel um historische Ereignisse und um historische Personen geht.

Diese Christen wollen etwas beweisen, was die Bibel gar nicht behauptet! Das ist tragisch und

absurd. Man muss zunächst einmal verstehen, was diese biblischen Texte überhaupt sagen wollen.

Zum besseren Verstehen der biblischen Erzählung Gen 2-3 ist eine moderne naturwissenschaftliche

Ausbildung keine Hilfe. Viel wichtiger ist die gründliche Beschäftigung mit den alten

Sprachen und mit den Denk- und Erzählgewohnheiten der damaligen Zeit. Wer glaubt, dass er

eine solche Beschäftigung nicht nötig hat und er in dieser Beziehung nichts lernen muss, darf

sich nicht wundern, wenn er in seiner Unkenntnis Dinge behauptet, die in Wahrheit dem Bibeltext

in keiner Weise gerecht werden.

Es ist für fundamentalistische Kreise charakteristisch, dass sich in ihnen gerade naturwissenschaftlich

ausgebildete Christen (Ingenieure, Techniker, Physiker) verpflichtet sehen, die Schöpfungstexte

der Bibel Zeitschriften, Broschüren und Büchern auszulegen. In Auslegungen zeigen

sich immer wieder dieselben typischen Defizite:

• Die spezifische Sprache von Gen 2-3 bzw. die Eigenart der Erzählung werden nicht beachtet.

Die Autoren haben offensichtlich kein Gespür für unterschiedliche Textsorten,

sondern schlagen alles über den gleichen Leisten einer Reportage.

• Der Vergleich mit den anderen altorientalischen Texten zur Weltentstehung und Menschenerschaffung

spielt keine nennenswerte Rolle. Diese Texte sind den betreffenden Autoren

in aller Regel nicht näher bekannt. Vermutlich halten sie es ohnehin für unwichtig,

sich mit ihnen zu beschäftigen. Damit entgeht diesen Autoren und ihrer Leserschaft aber

aufschlussreiches Vergleichsmaterial aus der damaligen Zeit.

• Die hebräische Bedeutung des Wortes "adam" ist den Autoren entweder unbekannt, oder

sie spielen es unsachgemäß herunter.

• Das heute gängige Verständnis des Wortes "Anfang" wird einfach für die biblische Zeit

vorausgesetzt. Der Bedeutungswandel dieses Begriffs und dessen Ursachen ist den Autoren

offensichtlich unbekannt.

Damit fehlt diesen Auslegungen an entscheidenden Punkten das notwendige Problembewusstsein.

Auch ein Naturwissenschaftler muss die bewährten Grundregeln jeder Textinterpretation

ernst nehmen: 1. Wer einen Text auslegen will, muss die Bedeutung der Begriffe dieses Textes

kennen. 2. Er muss die Besonderheit der Sprache und des Aufbaus eines Textes beachten. 3. Je-


23

der Text muss zuerst einmal aus der Zeit heraus verstanden werden, in der er entstanden ist. Erst

von da aus kann man dann nach der bleibenden und aktuellen Bedeutung eines Textes fragen.

Deshalb ist für das wissenschaftliche Theologiestudium das Erlernen der alten Sprachen und die

gründliche Kenntnis der antiken bzw. altorientalischen Lebenswelt so wichtig. Natürlich muss

man nicht jahrelang studieren, um Christ zu sein. Das christliche Vertrauen in Gott ist etwas

Kindliches und wird immer etwas Kindliches bleiben. Wer sich aber zutraut und berufen fühlt,

die Christenheit öffentlich über Grundfragen der Bibelexegese zu belehren, der sollte das dazu

erforderliche Rüstzeug nicht unterschätzen. Ein Autor mag in seinen fundamentalistischen Kreisen

viel Beifall finden und auf wenig fundierte Kritik stoßen, in einer wissenschaftlichtheologischen

Hochschulausbildung ist mit Auslegungen dieser Art nicht viel zu erreichen. Wie

sich ein Historiker oder Theologe kraft seiner Ausbildung nicht zutrauen kann, anspruchsvolle

technische Zusammenhänge zu durchschauen, so steht einem heutigen Ingenieur und Naturwissenschaftler

Bescheidenheit gut an, wo es um Fragen der antiken Lebenswelt bzw. der antiken

Sprach- und Denkgewohnheiten geht. Außerhalb fundamentalistischer Kreise ist das auch kein

Thema.

Eine Auslegung von Gen 2-3 auf der Basis eines symbolischen Verständnisses kann die tiefe

Weisheit dieser beiden Kapitel und ihre bleibende Bedeutung aufzeigen. Auch daran wird deutlich:

die symbolische Interpretation ist diesem Bibeltext angemessen und kann den Reichtum

dieses Textes weitaus besser erfassen als eine geschichtliche Interpretation. Es geht deshalb nicht

darum, dass man seine bisherige geschichtliche Sicht von Gen 2-3 traurig und zähneknirschend

aufgibt, sondern dass man sich darüber freut, eine bessere und tiefere Sicht der Bibel kennenzulernen.

Auf die Frage: "Haben Adam und Eva wirklich gelebt?" kann man nur antworten: Sie

haben nicht nur wirklich gelebt. Das wäre viel zu wenig. Sie leben zu jeder Zeit wirklich und in

jedem von uns. Die Erzählung von Adam und Eva hat es nicht verdient, dass man sie in eine weit

entfernte Vergangenheit abschiebt und sie damit ihrer stets aktuellen Bedeutung beraubt. Es geht

dabei nicht um weniger Wirklichkeit und weniger biblische Substanz. Es geht um mehr Wirklichkeit

und mehr biblische Substanz.

(Die Kapitel 4-7 konnten noch nicht fertiggestellt werden.)


Literatur

24

Bauks, Michaela, Die Welt am Anfang. Zum Verhältnis von Vorwelt und Weltentstehung in

Gen 1 und in der altorientalischen Literatur, Neukirchen-Vluyn 1997

Frazer, J.G., Die Arche. Biblische Geschichten im Lichte der Völkerkunde, München 1960

Haag, Ernst, Der Mensch am Anfang. Die alttestamentliche Paradiesvorstellung nach

Genesis 2-3, Trier 1970

Janowski, Bernd; Ego, Beate (Hg.), Das biblische Weltbild und seine altorientalischen Kontexte

(FAT 32), Tübingen 2001

Keel, Ottmar; Schroer, Silvia, Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer

Religionen, Göttingen 2002

Matthys, Hans-Peter (Hg.), Ebenbild Gottes - Herrscher über die Welt. Studien zu Würde und

Auftrag des Menschen (BThSt 33), Neukirchen-Vluyn 1998

Löning, Karl; Zenger, Erich, Als Anfang schuf Gott. Biblische Schöpfungstheologien,

Düsseldorf 1997

Pettinato, Giovanni, Das altorientalische Menschenbild und die sumerischen und akkadischen

Schöpfungsmythen, Heidelberg 1971

Seebass, Hans, Genesis I: Urgeschichte (1,1-11,26), Neukirchen-Vluyn 1996

Westermann, Claus, Genesis. 1. Teilband: Gen 1-11 (BK I/1), Neukirchen-Vluyn 1999 4

Yoyotte, Jean, Ägyptische Vorstellungen von der Entstehung der Welt, in: Welt und Umwelt

Der Bibel 1/2 (1996), 12-15


25

Dass das Alte Testament selbst diesen Unterschied berücksichtigt, zeigt sich daran, dass die Geschichte

von Adam und Eva (Gen 2-3) im gesamten Alten Testament an keiner einzigen Stelle

zitiert wird! Während von Abraham, Isaak und Jakob, von Mose, Josua, David und Salomon an

zahlreichen Stellen die Rede ist und auf ihre Geschichte Bezug genommen wird, ist das bei der

Geschichte von Adam und Eva nirgendwo der Fall. Das ist sehr auffallend. Das Alte Testament

ist sich dessen bewusst, dass es bei der "Geschichte" von Adam und Eva nicht um die gleiche Art

von Geschichte geht, wie bei den Erzvätern, dem Exodus oder den Königen Israels. Es ist eine

Geschichte anderer Art, eine Geschichte, die allen Zeiten gleich nah ist. 43

43 Zu Adam und Eva im Neuen Testament und bei Paulus vgl. unten Kapitel 17.

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