Albinismus: Formen, klinisches Spektrum, Funktion
Albinismus: Formen, klinisches Spektrum, Funktion
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
<strong>Albinismus</strong>: <strong>Formen</strong>, <strong>klinisches</strong> <strong>Spektrum</strong>, <strong>Funktion</strong><br />
Barbara Käsmann-Kellner<br />
Kinderophthalmologie und Orthoptik<br />
Leitung: PD Dr. Barbara Käsmann-Kellner<br />
Augenklinik der Universität des Saarlandes<br />
Direktor: Prof. Dr. K.W. Ruprecht<br />
PD Dr. Barbara Käsmann-Kellner<br />
Ärztliche Beraterin der NOAH e.V. <strong>Albinismus</strong>-Selbsthilfegruppe Deutschland<br />
www.albinismus.de<br />
Leiterin der Kinderophthalmologie und Orthoptik<br />
Augenklinik und Poliklinik der Universität des Saarlandes<br />
Direktor: Prof. Dr. K.W. Ruprecht<br />
Kirrberger Str. 1<br />
66421 Homburg (Saar)<br />
www.albinismus.info<br />
kinderaugen@email.de<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Einleitung<br />
<strong>Albinismus</strong> ist der Überbegriff für eine Gruppe hereditärer Stoffwechselerkrankungen, die mit<br />
einer Verminderung von Melanin entweder in Haut, Haaren und Augen oder nur in den<br />
Augen einher geht. Prinzipiell unterscheidet man <strong>Formen</strong> mit generalisierter Beteiligung<br />
(OCA: okulokutaner <strong>Albinismus</strong>) und nur okulärer Beteiligung (OA: okulärer <strong>Albinismus</strong>)<br />
(25,34,39).<br />
Der Begriff „Albino“ (aus dem Spanischen, "der Weißliche") wurde von portugisischen<br />
Afrikafahrern im 18. Jahrhundert geprägt. Sie sahen bei ihrer Ankunft in Afrika dunkel- und<br />
hellhäutige Eingeborene und nannten die einen "negros" (negro - schwarz) und die anderen<br />
negros albinos (weißliche Schwarze) (39,40, Internet Version of Webster´s Dictionary).<br />
<strong>Albinismus</strong> ist keine auf die Menschen beschränkte Stoffwechselstörung, prinzipiell können<br />
unterschiedliche <strong>Formen</strong> von <strong>Albinismus</strong> im Tierreich bei allen Spezies vorkommen ( Abb. 1).<br />
<strong>Albinismus</strong> übt seit Jahrhunderten eine Faszination aus, so findet sich bereits im 19.<br />
Jahrhundert eine Darstellung einer australischen Familie mit <strong>Albinismus</strong>, die im Zirkus<br />
vorgeführt worden sind, auch aus dem 19. Jahrhundert gibt es Gemälde, siehe Abb. 2.<br />
Alle <strong>Formen</strong> des <strong>Albinismus</strong> sind aufgrund des Melaninmangels assoziert mit<br />
entwicklungsbedingten Veränderungen des visuellen Systems, da sowohl die postnatale<br />
Differenzierung vor allem der fovealen Strukturen als auch die prä- und postnatale<br />
Differenzierung der primären visuellen Bahnenverbindungen (Optikus - Corpus geniculatum<br />
laterale [Schichtenbildung] - primärer visueller Cortex), melaninabhängig sind (10,19,41).<br />
Bei den Typen des okulokutanen <strong>Albinismus</strong> (Tab. 2) kann die Manifestation an Haut und<br />
Haaren abhängig vom Genotyp zu unterschiedlichen phänotypischen Manifestationen führen,<br />
generell ist die Spanne möglicher Phänotypen bei allen okulokutanen Abinismustypen groß,<br />
die Spanne reicht von dem "klassischen" Aussehen mit weißen Haaren und heller, nicht<br />
bräunender Haut (Abb. 3, OCA 1A) bis hin zu braunen Haaren und gut nachpigmentierender<br />
Haut (4, 22, 34, 35, 37). Bei einigen <strong>Formen</strong> des OCA führt das Fehlen des Pigmentes zu<br />
einer Prädisposition für Hautkrebs, vor allem in Ländern mit hoher Sonneneinstrahlung und<br />
geringeren Möglichkeiten des Hautschutzes (zum Beispiel Afrika, hier ist die Inzidenz von<br />
<strong>Albinismus</strong> zudem deutlich höher (1:10.000 und häufiger) als bei Kaukasiern (1: 17.000).<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Desweiteren kommt es zu psychologischen und sozialen Problemen durch das auffällige<br />
Aussehen, auch hier trifft dies vor allem für die Patienten zu, die von der ethnischen<br />
Zugehörigkeit her dunkel pigmentiert wären (Abb 4, OCA 2 bei einem Afrikaner; Abb. 5: OCA<br />
2 bei einem Türken). Der okuläre <strong>Albinismus</strong> (OA) zeigt vergleichbare Veränderungen im<br />
optischen System wie der okulokutane <strong>Albinismus</strong>, jedoch in der Regel keine<br />
makroskopischen Auffälligkeiten in der Haut und in den Haaren (Abb. 6), die Haut zeigt<br />
jedoch mikroskopisch Makromelanosomen (30,31). Im Auge findet sich vor allem das<br />
Melaninpigment im retinalen Pigmentepithel und in der Uvea reduziert.<br />
Generell führen die Veränderungen im visuellen System, die assoziiert mit einer<br />
Hypopigmentation sind, zu einer meist reduzierten zentralen Sehschärfe, bedingt durch eine<br />
Foveahypoplasie mit konsekutivem sensorischen "kongenitalen" Nystagmus. Zudem findet<br />
sich pathognomonisch bei <strong>Albinismus</strong> eine atypische chiasmale Kreuzung der Sehnerven: es<br />
kreuzen mehr Fasern als bei regulär pigmentierten Individuen. Dies führt in der Regel zu<br />
deutlichen Störungen im Binokularsehen sowie immer zu pathognomonischen, diagnostisch<br />
relevanten Veränderungen bei der Ableitung VEPs seitengetrennt über dem rechten und<br />
linken Cortex (6,10,18,19,20). Die Veränderungen des optischen Systems sind bei allen<br />
<strong>Albinismus</strong>formen ähnlich und werden eher dem generalisierten Pigmentmangel<br />
zugeschrieben als einem pleiotropen Effekt der verschiedenen involvierten Gene oder<br />
Mutationen.<br />
Aktuelle Klassifizierung der <strong>Albinismus</strong>typen basierend auf<br />
molekulargenetischen Grundlagen<br />
Pigmentbildung im Körper<br />
Die Bildung von Pigment ist ein komplexes Geschehen, bei dem etliche Enzyme und Proteine<br />
beteiligt sind sowie die pigmenthaltige subzelluläre Organelle, das Melanosom. Bislang<br />
wurden bei der Maus über 65 Genloci gefunden, bei denen Alterationen zur Beeinträchtigung<br />
der Pigmentsynthese führen. Es ist zu erwarten, daß weitere als die bisher bekannten<br />
homologe Gene im humanen Genom gefunden werden (4,7,26,33,35).<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Geschichte der Klassifikation der <strong>Albinismus</strong>typen, Haarwurzelinkubationstest<br />
In den Sechziger Jahren wurde von C. Witkop und R. King der Tyrosin-Haarwurzeltest<br />
entwickelt, um Tyrosinasefunktion und somit Melaninbildung in den Haarwurzeln<br />
nachzuweisen und so eine Klassifikation der <strong>Albinismus</strong>typen in „Tyrosinase-negativ“ und<br />
„Tyrosinase-positiv“ (keine Melaninbildung / Melaninbildung nachweisbar) vorzunehmen<br />
(16,17). Frisch ausgerissene Haarwurzeln wurden in eine Lösung mit Tyrosin (siehe<br />
Stoffwechselschema) inkubiert. Bei fehlender Pigmentierung der Haarwurzeln wurde der Test<br />
als negativ bezeichnet und die <strong>Albinismus</strong>form als „Tyrosinase-negativer okulokutaner<br />
<strong>Albinismus</strong>“ klassifiziert. Weitere Untersuchungen zeigten jedoch, daß der Test weder<br />
sensitiv noch spezifisch noch gut reproduzierbar ist und auch Veränderungen im Laufe des<br />
Lebens aufweisen kann. Mit zunehmendem Wissen über die Pigmentsynthese im Körper, die<br />
Vielfältigkeit des klinischen Phänotyps und die molekulargenetischen Grundlagen von<br />
<strong>Albinismus</strong> wurde daher der Test aus der <strong>Albinismus</strong>diagnostik gestrichen.<br />
Bislang wurden 11 Gene auf 9 Chromosomen identifiziert, die mit der Entwicklung eines<br />
okulokutanen <strong>Albinismus</strong> assoziiert sind, und ein Gen, welches mit okulärem <strong>Albinismus</strong><br />
assoziiert ist. Die molekulargenetische Klassifikation ist umfassender und einfacher als<br />
phänotypische Klassifikationsversuche. Es muß allerdings beachtet werden, daß das Ausmaß<br />
der Pigmentierung (Phänotyp) bei allen Genloci eine sehr breite Spanne zeigt. Ein sicherer<br />
Schluß aus phänotypischem Erscheinungsbild auf verantwortlichen Gendefekt ist daher nur<br />
selten möglich.<br />
Tabelle 1 gibt einen Überblick über die aktuelle Klassifizierung der <strong>Albinismus</strong>typen, die<br />
wesentlichen Untergruppen werden im Folgenden vorgestellt.<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Zusammenfassend kann die folgende Abbildung die Genetik bei okulokutanem <strong>Albinismus</strong><br />
verdeutlichen.<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
OCA 1: Tyrosinase-Gen-bezogener <strong>Albinismus</strong><br />
OCA1 tritt in etwa 1:40.000 Personen in den meisten Bevölkerungen auf. Bislang sind über<br />
70 verschiedene Mutationen des Tyrosinasegens gefunden worden, die mit OCA1 assoziiert<br />
sind. Die meisten Betroffenen haben verschiedene maternale und paternale Mutationen<br />
(compound heterozygotes). Die bislang beschriebenen Mutationen sind entweder Missense-,<br />
Frameshift-, Nonsens- und Splice-site-Mutationen.<br />
Prinzipiell können zwei <strong>Formen</strong> von OCA1 unterschieden werden (Tab. 1): OCA1A: keine<br />
Restfunktionen des Tyrosins (frühere "klassische" Tyrosinase-negative Form entsprechend<br />
des Haarwurzeltestes). OCA1B: Hier ist eine Restfunktion des Tyrosins gegeben, in einem<br />
Dopa-Inkubationstest wird Melanin in der Haarwurzel gebildet, hier kann ein sehr<br />
unterschiedliches <strong>Spektrum</strong> möglicher kutaner und okulärer Pigmentationen auftreten.<br />
OCA1A<br />
Aufgrund der völlig fehlenden Tyrosinaseaktivität sind OCA1A - Patienten lebenslang nicht in<br />
der Lage, Melanin zu produzieren. Sie werden mit weißen Haaren, weißer Haut und blauen<br />
Augen geboren (Abb. 3), es treten während des Lebens keine wesentlichen Veränderungen<br />
auf. Der Phänotyp ist in allen ethnischen Gruppen ähnlich. Der leichte gelbe Stich, der sich<br />
bei manchen Haaren im Laufe der Jahre entwickelt, resultiert nicht von einer Pigmentation,<br />
sondern von einer alters- und lichtinduzierten Denaturierung der Haarproteine.<br />
Die Sehschärfe bei OCA1A liegt häufig zwischen 0,05 und 0,15 und liegt somit im unteren<br />
<strong>Spektrum</strong> möglicher erreichbarer Sehschärfen bei <strong>Albinismus</strong>. Die Photophobie ist wesentlich<br />
schwerer ausgeprägt als bei den melaninbildenden <strong>Formen</strong> von <strong>Albinismus</strong>.<br />
OCA1B<br />
OCA 1 b wird hervorgerufen durch Mutationen des Tyrosinasegens, die in einem Enzym mit<br />
Restaktivität resultieren. Die Variationsbreite möglicher Pigmentationen bei Patienten mit<br />
OCA1B ist sehr breit und kann von sehr geringer kutaner Pigmentation bis zu annähernd<br />
normaler Haut- und Haarpigmentation reichen. Hier beeinflussen die ethnische Zugehörigkeit<br />
und die familiäre Pigmentierung das Aussehen eines Individuums mit OCA1B (26,27,35,37).<br />
Alle <strong>Formen</strong> von OCA1B sind charakterisiert durch sehr geringe oder fehlende Pigmentierung<br />
bei der Geburt und eine Zunahme des kutanen und okulären Pigments unterschiedlichen<br />
Ausmaßes über die ersten Lebensjahre. Bei manchen Patienten bildet sich das Melanin<br />
deutlich innerhalb des ersten Lebensjahres. Die Haarfarbe kann sich von weiß-blond bis<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
blond, manchmal bis dunkelblond ändern. Ein charakteristisches Kennzeichen von OCA1B ist<br />
die Entwicklung von dunklen Wimpern, wobei die Wimpern oft deutlich dunkler sind als das<br />
Haupthaar (Abb. 7). Im Gegensatz zu OCA1A können Patienten mit OCA1B eine diskrete<br />
Hautbräunung bei Sonneneinstrahlung aufweisen. Es können sich auch pigmentierte Naevi<br />
entwickeln.<br />
Auch okulär kann die Hypopigmentation sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.<br />
Dementsprechend kann die Sehschärfe sehr unterschiedlich von 0,1 bis 0,8 reichen und sich<br />
deutlich im Laufe der ersten Lebensjahre verbessern.<br />
OCA2: P-Gen-bezogener okulokutaner <strong>Albinismus</strong><br />
OCA2 ist die häufigste Form von <strong>Albinismus</strong> weltweit und besonders häufig bei Afrikanern<br />
(1:10.000) (Abb. 4) und Afroamerikanern (23).<br />
Mutationen im P-Gen, dem humanen Homolog des Mouse-pink-eye-dilution-Gens (P-Gen von<br />
Pink Eye) führt zu dem klinischen Erscheinungsbild eines OCA 2. Das Gen ist beim Menschen<br />
auf dem Chromosom 15q lokalisiert.<br />
Das <strong>Spektrum</strong> des kutanen Phänotyps ist bei OCA2 ebenfalls sehr breit und kann von<br />
minimaler bis mäßiger oder deutlicher Pigmentation von Haut, Haaren und Iris reichen.<br />
Häufig finden sich Sommersprossen und Naevi (Abb. 8). Im Gegensatz zu OCA1 haben<br />
Patienten mit OCA2 in der Regel bei Geburt pigmentierte Haare, wenn auch hell. Der<br />
ethnische und familiäre Hintergrund der Pigmentierung hat einen großen Einfluß auf das<br />
phänotypische Erscheinungsbild.<br />
Entsprechend der unterschiedlichen Pigmentationsformen der Haut kann auch die okuläre<br />
Hypopigmentation unterschiedlich ausfallen. Die Iris kann mäßig bis deutlich hypopigmentiert<br />
und durchleuchtbar sein, das retinale Pigmentepithel ebenso. Es gibt eine große Spanne<br />
möglicher erreichbarer Sehschärfen von 0,1 bis 1,0.<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Prader Willi- und Angelman-Syndrom<br />
Es gibt eine seit langem bekannte Assoziation von OCA2 und dem klinischen<br />
Erscheinungsbild des Prader -Willi- Syndroms und des Angelman-Syndroms. Beide Syndrome<br />
beruhen ebenfalls auf Genveränderungen auf dem Chromosom 15 in der Region des P-Gens.<br />
Beide Syndrome sind komplexe Dysmorphiesyndrome, die sowohl vom äußeren Phänotyp als<br />
auch von der geistigen Entwicklung charakteristisch sind. Bei der Geburt fällt eine Hypotonie,<br />
ein Hypogonadismus sowie kleine Hände und Füße auf. Im Laufe des Lebens manifestiert<br />
sich eine deutliche geistige Retardierung mit auffallenden Charakterzügen. Beim Angelmann-<br />
Syndrom kommen zudem noch eine Mikrozephalie, ataktische Bewegungen und inadäquates<br />
Lachen (pathognomonisch; engl.: Happy-Puppet-Syndrome) hinzu. Sowohl das Prader Willi-<br />
Syndrom als auch das Angelmann-Syndrom sind durch eine deutliche kutane und okuläre<br />
Hypopigmentierung charakterisiert. Dies betrifft fast alle Patienten. In etwa 15% der<br />
Patienten liegt ein manifester OCA2 mit entsprechenden okulären Zeichen, Nystagmus und<br />
Visusreduktion vor (13,21,32).<br />
OCA 3 – Chromosom 9, TRP1-Gen<br />
Bislang ist OCA 3 nur bei Personen in Afrika beschrieben worden. Eingene<br />
molekulargenetische Untersuchungen haben bei einer deutschen <strong>Albinismus</strong>-Patientin eine<br />
Mutation im TRP1-Gen nachweisen können, allerdings nur heterozygot. Weitere<br />
Untersuchungen müssen klären, ob OCA3 auch ausserhalb von Afrika auftritt. Die<br />
Betroffenen sind oft etwas besser pigmentiert und zeigen braune Augen, die Haare haben oft<br />
einen rötlichen Schimmer.<br />
Abb. 9 zeigt eine Patientin unserer Sprechstunde, Tochter eines Ehepaares aus Ghana.<br />
OCA 4 – Chromosom 5, MATP – Gen<br />
OCA 4 wurde erstmals Ende 2001 bei einem in Deutschland lebenden Türken nachgewiesen.<br />
Eigene molekulargenetische Analysen konnten bei 170 europäischen Patienten mit<br />
<strong>Albinismus</strong> homozygote OCA4 – Beteiligung bei 5 Personen nachweisen, bei weiteren 11<br />
patienten fanden sich Mutationen im MATP-Gen in heterozygoter Form.<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Bislang kann aufgrund der geringen Patientenzahl nur wenig über den Phänotyp ausgesagt<br />
werden. Es scheint sich jedoch wie auch bei OCA1B und OCA2 um einen möglicherweise sehr<br />
breitgefächerten Phänotyp handeln: bei unseren Patienten findet sich von Seiten der Haut<br />
und der Haare Schattierungen von mattweiss bis dunkelblond, die Haut pigmentiert jedoch<br />
bei keinem Patienten (Abb. 10, OCA 4 homozygot). Der Visus bei unseren Patienten zeigt<br />
eine Spannweite von 0,1 bis 0,6.<br />
Syndrome, die mit okulokutanem <strong>Albinismus</strong> assoziiert sind<br />
Mit dem Hermansky-Pudlack-Syndrom (Typ I: Chr. 10, Typ II: Chr. 5, Typ III: Chr. 3, Typ<br />
IV: Chr. 22; 2003 wurden humane HPS-Typen V – VII beschrieben, bei der Maus:<br />
mindestens 16 loci) und dem Chediak-Higashi-Syndrom (Chr. 1) sind seit langem zwei<br />
Syndrome bekannt, die neben weiteren Symptomen die Zeichen eines kutanen und okulären<br />
<strong>Albinismus</strong> aufweisen. Bislang konnte noch nicht für jede der Unterformen des HPS geklärt<br />
werden, auf welcher Störung der Pigmentsynthese der <strong>Albinismus</strong> bei diesen Syndromen<br />
basiert bzw. welche Veränderungen in den jeweiligen Chromosomen / Genen zu einer<br />
Beeinflussung der Pigmentsynthese führen (2,38).<br />
Hermannsky-Pudlak-Syndrom (HPS)<br />
Das HPS ist charakterisiert durch einen okulokutanen <strong>Albinismus</strong> mit normaler<br />
Tyrosinasefunktion, eine Thrombozytenfehlfunktion mit Blutungsneigung sowie durch<br />
Akkummulation von Zeroiden vor allem in Lunge und Darmwand. Eine besondere Häufung<br />
findet sich in Puerto Rico, wo die Prävalenz bei 1:1800 liegt. Das Ausmaß an Pigmentierung<br />
kann auch hier sehr variabel sein, die Betroffenen sind jedoch in der regel sehr<br />
hypopigmentiert und bräunen nicht. Es können sich jedoch auffallend viele Somersprossen<br />
entwickeln. Okulär findet sich das Vollbild des <strong>Albinismus</strong>, es können Sehschärfenwerte bis<br />
0,6 erreicht werden.<br />
Das internistische Problem beim HPS liegt in der Zeroideinlagerung in Lunge, die bei vielen<br />
Betroffenen zu einer interstitiellen Lungenfibrose mit entsprechender restriktiver<br />
Lungenfunktionsstörung führt. Die Lebenserwartung bei HPS hängt im Wesentlichen vom<br />
Ausmaß der restriktiven Lungenfibrose ab und kann deutlich reduziert sein. Durch die<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Zeroidspeicherung in der Darmwand kommt es bei weniger Patienten zudem noch zu einem<br />
Bild einer granulomatösen Colitis..<br />
Die Thrombozytenaggregationsstörung führt bei den HPS-Patienten zudem zu einer<br />
verstärkten Blutungsneigung (blaue Flecken, Nasenbluten, postoperative Blutungen, in der<br />
Regel keine lebensbedrohlichen Blutungen). Dies ist bei einem Kind mit okulokutanem<br />
<strong>Albinismus</strong> oft der erste Hinweis auf das Vorliegen eines HPS und sollte bei entsprechender<br />
Anamnese abgeklärt werden.<br />
Chediak Higashi-Syndrom (CHS)<br />
Das Chediak Higashi-Syndrom (Chromosom 1) ist ein sehr seltenes Syndrom, welches aus<br />
einer deutlich erhöhten Anfälligkeit für bakterielle Infektionen, einer Hypopigmentation und<br />
dem Nachweis von Riesengranula in weißen Blutzellen besteht. Obgleich die Haut, die Haare<br />
und die Augen deutlich hypopigmentiert sind, findet sich nicht immer ein manifester<br />
<strong>Albinismus</strong>. Die Hypopigmentation wird manchmal nur deutlich beim Vergleich mit den<br />
anderen Familienmitgliedern. Das Haar ist hellbraun bis blond und hat oft einen metallisch-<br />
silbergrauen Schimmer. Die Iris zeigt mäßiggradige Durchleuchtbarkeit. Nystagmus und<br />
Photophobie sind nur wechselnd vorhanden.<br />
Der <strong>Albinismus</strong> steht bei der Erkrankung nicht im Vordergrund, weil die Kinder in der Regel<br />
sehr früh aufgrund der immer wiederkehrenden bakteriellen Infektionen schwer krank sind.<br />
Die Lebenserwartung ist hierdurch deutlich verkürzt.<br />
OA 1: X-chromosomal rezessiver <strong>Albinismus</strong><br />
Der okuläre <strong>Albinismus</strong> betrifft von der klinischen Symptomatik her nur die Augen. Aufgrund<br />
der x-chromosomal rezessiven Vererbung tritt der okuläre <strong>Albinismus</strong> vornehmlich bei<br />
männlichen Personen auf (3,29,31). Die Hautfarbe ist oft normal, selten etwas heller als die<br />
anderer Familienmitglieder (Abb. 5). Die Augenfarbe ist unauffällig. Bei der Untersuchung<br />
fällt jedoch eine deutliche Durchleuchtbarkeit auf: das retinale Pigmentepithel ist<br />
pigmentarm. Charakteristischerweise zeigen weibliche Konduktorinnen ein scheckiges Bild<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
von pigmentierten und nicht pigmentierten Arealen an der Netzhaut. Hierdurch sind<br />
weibliche Konduktorinnen oft als solche zu erkennen.<br />
Obwohl der OA 1 als okulärer <strong>Albinismus</strong> klassifiziert wird, finden sich dennoch<br />
Auffälligkeiten in den Melanozyten der Haut und der Haarfollikel. Sie beinhalten auffällig<br />
große Melanosomen. Von den okulären Befunden zeigen sich die beschriebene<br />
Hypopigmentation genau wie die foveale Dysplasie und die atypische chiasmale Kreuzung.<br />
Augenseitige Befunde bei <strong>Albinismus</strong><br />
Die Hypopigmentation hat verschiedene Auswirkungen auf Morphologie und <strong>Funktion</strong> des<br />
Auges (1,8,9,18,34,37). Eine Übersicht über die Augenveränderungen gibt Tabelle 2.<br />
VORDER-<br />
ABSCHNITT<br />
FUNDUS<br />
MORPHOLOGISCHE<br />
VERÄNDERUNGEN<br />
Fehlendes / reduziertes<br />
Pigment in den<br />
Melanosomen des<br />
iridalen Pigmentblatts<br />
Fehlendes / reduziertes<br />
Pigment in den<br />
Melanosomen des<br />
retinalen<br />
Pigmentepithels<br />
Formanomalien der<br />
Papillen<br />
CEREBRUM Sehnervenverlauf:<br />
atypische chiasmale<br />
Kreuzung<br />
Verzögerte<br />
Myelinisierung<br />
BAU DES<br />
AUGES<br />
BEFUNDE FUNKTIONELLE<br />
FOLGEN<br />
Durchleuchtbarkeit der Iris<br />
? vorzeitige Kataraktbildung<br />
Heller Fundus, Maculadysplasie<br />
durch fehlende topographische<br />
Differenzierung, atypische<br />
Gefäßverläufe im Foveabereich<br />
Helle, kleine, evtl.<br />
hypoplastische und<br />
dysplastische Papillen<br />
Blendungsempfindlichkeit,<br />
Visusreduktion, reduzierte<br />
Kontrastempfindlichkeit<br />
Kongenitale Sehbehinderung<br />
mit sensorischem Nystagmus,<br />
Blendungsempfindlichkeit<br />
Assoziation mit hohem<br />
Astigmatismus<br />
Pathologisches Halbfeld-VEP Störungen der Binokularität,<br />
häufig Strabismus<br />
Erhöhte Inzidenz einer<br />
verzögerten visuellen Reifung<br />
(Delayed Visual Maturation,<br />
DVM Typ III)<br />
Refraktionsanomalien Hohe Hyperopie > hohe<br />
Myopie, Astigmatismus<br />
Bei DVM fehlende<br />
Fixationsaufnahme in den<br />
ersten Lebensmonaten, später<br />
keine Visusunterschiede<br />
Höhe des Astigmatismus<br />
korreliert mit<br />
Nystagmusintensität,<br />
Hyperopie und Myopie<br />
dagegen nicht<br />
Tab. 2: Okuläre und zerebrale morphologische Veränderungen und funktionelle Folgen bei <strong>Albinismus</strong><br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
1. Iris<br />
Die Hypopigmentation führt zu einer Durchleuchtbarkeit der Iris durch das fehlende Pigment<br />
im iridalen Pigmentepithel. Die Irisfarbe kann abhängig vom Typ des <strong>Albinismus</strong> variieren<br />
von blau, blaugrau bis zu braun. Durch die Durchleuchtbarkeit der Iris kommt es (neben dem<br />
fehlenden Blendungsschutz durch das retinale Pigmentepithel) zu einer deutlichen<br />
Blendungsempfindlichkeit (Photophobie).<br />
2. Retina, Fovea, retinales Pigmentepithel<br />
Die Hypopigmentation des retinalen Pigmentepithels führt zu einem deutlich hellen Aspekt<br />
des Augenhintergrundes. Durch das fehlende Pigment kann sich in den ersten Lebensjahren<br />
die Fovea nicht adäquat differenzieren. Es resultiert eine Foveadysplasie unterschiedlichen<br />
Ausmaßes. Der fehlende Blendungsschutz durch das fehlende Pigment im retinalen<br />
Pigmentepithel führt zu einer verstärkten Blendungsempfindlichkeit. Die Foveadysplasie führt<br />
zu der bekannten Sehbehinderung, wobei das Ausmaß der Sehminderung nicht immer mit<br />
dem Typ des <strong>Albinismus</strong> korreliert.<br />
3. Papille (Sehnervenkopf)<br />
Der Sehnervenkopf zeigt bei <strong>Albinismus</strong> nicht selten deutliche Auffälligkeiten. Der später<br />
erreichbare Visus korreliert mehr mit dem Grad der Sehnervenpathologie als mit dem Grad<br />
der retinalen Hypopigmentation, die Beurteilung des Optikus sollte daher in die Diagnostik<br />
bei <strong>Albinismus</strong> immer einbezogen werden.<br />
Tabelle 3 stellt die Klassifikation der Schweregrade der Veränderungen an Vorder- und<br />
Hinterabschnitt dar. Die Schweregrade korellieren vor allem hinsichtlich des Ausmaßes der<br />
Opticopathien sowohl zum <strong>Albinismus</strong>typ als auch zum Ausmaß der Visusreduktion als auch<br />
zur Intensität des Nystagmus.<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Grad der iridalen<br />
Hypopigmentation<br />
Grad der retinalen<br />
Hypopigmentation<br />
und der<br />
Maculadysplasie<br />
Grad der<br />
Papillen-path<br />
ologie<br />
Papille<br />
unauffällig<br />
Klassifikation der Pathomorphologie bei <strong>Albinismus</strong><br />
Grad 1 Grad 2 Grad 3 Grad 4<br />
periphere<br />
punktuelle<br />
Irisdurchleucht-ba<br />
rkeit<br />
periphere retinale<br />
Hypopigmentation<br />
Foveastrukturen<br />
gut abgrenzbar<br />
Papille hell, regelr.<br />
Größe<br />
diffuse periphere<br />
Irisdurchleucht-ba<br />
rkeit, Pupillarsaum<br />
lichtdicht<br />
peripher deutliche<br />
und zentral<br />
sichtbare retinale<br />
Hypopigmentation<br />
Makulawallreflex<br />
abgrenzbar,<br />
Foveastrukturen<br />
hypoplastisch<br />
Papille klein, aber<br />
vital<br />
Tab. 3: Gradeinteilung morphologischer Befunde bei <strong>Albinismus</strong><br />
konfluierende<br />
periphere Irisdur<br />
chleuchtbarkeitLin<br />
senrand zirkulär<br />
durch Iris<br />
sichtbar, Pupillarsaum<br />
pigmentiert<br />
ausgeprägte<br />
periphere und<br />
zentrale Hypopigmentation,<br />
foveolare und<br />
makuläre<br />
Hypoplasie<br />
Papille hell und<br />
klein<br />
komplette<br />
Irisdurchleuchtbar<br />
keit, Pupillarsaum<br />
durchleuchtbar<br />
Grad 3 plus<br />
atypischer<br />
choroidealer<br />
Gefäßverlauf im<br />
Bereich der nicht<br />
abgrenzbaren<br />
Macula- und<br />
Foveolastrukturen<br />
Papillendysplasie<br />
Fasst man den Phänotyp der Haut, den klinischen Befund und die funktionellen<br />
Einschränkungen bei den Haupttypen des <strong>Albinismus</strong> zusammen, ergeben sich die in Tabelle<br />
4 orientierend dargestellten Kennzeichen. Die Daten wurden aus eine Gruppe von 381<br />
Personen mit <strong>Albinismus</strong> ermittelt, die sich bei uns in Betreuung befinden.<br />
Tabelle 4<br />
N = 381 Personen mit okulokutanem und okulärem <strong>Albinismus</strong><br />
- Kutane Nachpigmentierung<br />
o Bei OCA 1B oft deutlich, ebenso bei OCA2<br />
o Blonde, mittelblonde Haare häufig<br />
o Rothaariger Phänotyp in ca 10%<br />
- Sehschärfe<br />
o OCA1 0,1 – 0,4<br />
o OCA2 9,1 – 1,0<br />
o OCA3 hier nur 1 Pat. Lit: oft besser als OCA1 (Afrika)<br />
o OCA4 0,1 – 0,5<br />
o OA 0,1 – 0,8<br />
- Nystagmus<br />
o OCA1 100%<br />
o OCA2 85%<br />
o OCA4 100%<br />
o OA 90%<br />
13
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Weitere typische Auffälligkeiten bei <strong>Albinismus</strong><br />
4. Atypische chiasmale Kreuzung<br />
Bei <strong>Albinismus</strong> findet sich pathognomonisch eine atypischen chiasmalen Kreuzung der<br />
Sehnerven. Üblicherweise kreuzen 30 - 50% der Fasern jedes Optikus zur Gegenseite, bei<br />
<strong>Albinismus</strong> kreuzen etwa 70 - 80% der Fasern. Dies macht ein charakteristisches Bild bei der<br />
Ableitung eines VEP, bei dem zunächst eine Ableitung über der einen, dann der anderen<br />
Kortexhälfte erfolgt. Dies kann daher bei Patienten mit nicht eindeutigem Phänotyp zur<br />
Diagnosestellung hilfreich sein. Es wird vermutet, daß diese atypische chiasmale Kreuzung<br />
neben der Sehbehinderung zur hohen Inzidenz von Strabismus und Binokularpathologie bei<br />
<strong>Albinismus</strong> beiträgt.<br />
Eigene bildgebene Untersuchungen (funktionelle MRI während VEP-Ableitungen und<br />
visuellen Aufgaben) konnten die atypische chiasmale Kreuzung auch im Bild darstellen. Es<br />
fanden sich atypische Kreuzungen von bis zu 100% (vollständige Kreuzung, keine Fasern<br />
ipsilateral), wobei das Ausmaß der Atypie mit dem <strong>Albinismus</strong>typ (vermehrt bei OCA1) und<br />
mit der Atypie des Sehnerven korreliert.<br />
5. Strabismus<br />
Etwa 75% der Patienten mit <strong>Albinismus</strong> zeigen einen Strabismus, Strabismus ist somit noch<br />
häufiger als sonst üblicherweise bei kongenitaler Sehbehinderung. In Relation zur sonstigen<br />
Verteilung findet sich ein Strabismus divergens häufiger.<br />
6. Nystagmus<br />
Wie bei allen kongenitalen Sehbehinderungen kommt es auch bei <strong>Albinismus</strong> in der Regel zu<br />
einem horizontalen Pendel- bis Rucknystagmus (1,8,11,29). Der Nystagmus erscheint<br />
üblicherweise zwischen dem 2. und 3. Lebensmonat, wird häufig in den ersten 4<br />
Lebensjahren etwas beruhigt und erreicht dann seine endgültigen Werte. Manchmal nehmen<br />
Patienten eine Kopfzwangshaltung ein, um so in einer Neutralregion den Nystagmus zu<br />
beruhigen.<br />
14
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
7. Brechungsfehler<br />
Bei <strong>Albinismus</strong> sind in der Regel hohe Brechungsfehler assoziiert, etwa zwei Drittel der<br />
Patienten zeigen einen hyperopen Astigmatismus, ein Drittel einen myopen Astigmatismus<br />
(12).<br />
8. Verzögerte visuelle Reifung (Delayed Visual Maturation, DVM)<br />
Ein häufiger Befund bei <strong>Albinismus</strong> ist eine verzögerte visuelle Reifung, die durch eine<br />
fehlende Fixationsaufnahme in den ersten Lebensmonaten charakterisiert ist. Die Babys<br />
reagieren und agieren als ob sie blind wären. Die Fixationsaufnahme beginnt in der Regel<br />
zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat, die später erreichte Sehschärfe wird nicht dadurch<br />
beeinflußt, ob eine verzögerte visuelle Reifung vorlag oder nicht. Eine verzögerte visuelle<br />
Reifung findet sich in etwa der Hälfte der Patienten mit <strong>Albinismus</strong>. Es wird vermutet, daß<br />
die verzögerte visuelle Reifung hervorgerufen wird durch das fehlende Melanin und die damit<br />
verbundene verzögerte Ausbildung neuraler Bahnen im Gehirn (41).<br />
Supportive Ansätze bei <strong>Albinismus</strong><br />
Man kann bei <strong>Albinismus</strong> nicht von "therapeutischen" Ansätzen oder "Therapiemöglichkeiten"<br />
sprechen, da die Grunderkrankung bislang einer Therapie natürlich nicht zugänglich ist.<br />
Dennoch gibt es eine Vielzahl unterstützender Maßnahmen, die gerade wenn sie im frühen<br />
Kindesalter eingesetzt werden, zu einer Verbesserung der Situation führen können. Gerade<br />
die optimale Korrektur der hohen Refraktionsanomalien in der plastischen Phase wird sich<br />
positiv auf die später erreichte Sehschärfe auswirken. In jedem Fall sollte bei Kindern die<br />
Möglichkeit von Frühfördermaßnahmen angesprochen werden und allen Patienten der<br />
Kontakt zur deutschen Selbsthilfeorganisation für <strong>Albinismus</strong> (NOAH e.V.: Nationale<br />
Organisation für <strong>Albinismus</strong> und Hypopigmentation, Tel 0800 – ALBINISMUS;<br />
www.albinismus.de; www.albinismus.info) angeboten werden. Gerade aufgrund der doch oft<br />
deutlichen Belastungen des Anders-Aussehens, unter denen unserer Erfahrung nach<br />
besonders Schulkinder und junge Erwachsene leiden, aber auch aufgrund der vielfältigen<br />
Probleme aufgrund des Sehbehinderung ist der Kontakt zu der Selbsthilfeorganisation und<br />
15
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
die Möglichkeit, andere Betroffene kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen, von<br />
unschätzbarem Wert.<br />
1. Korrektur der Brechungsfehler (Brille, Kontaktlinse)<br />
Die wichtigste Therapiemöglichkeit im frühen Kindesalter ist die Verschreibung von Brillen<br />
oder Kontaktlinsen, um die oft hohen Brechungsfehler zu korrigieren. Dies hat einen guten<br />
Effekt auf die Entwicklung der zentralen Sehschärfe und hat vermutlich einen guten Effekt<br />
auf die neurale Entwicklung (topographisch basierte Differenzierung) der Fovea durch die<br />
Verbesserung der retinalen Abbildung.<br />
Getönte Kontaktlinsen haben sich als sehr positiv bei <strong>Albinismus</strong> herausgestellt. Sie<br />
vermindern die Blendungsempfindlichkeit besser als Brillen und verbessern die<br />
Kontrastwahrnehmung. Wir haben auch den Eindruck, daß sich Kontaktlinsen beruhigend auf<br />
den Nystagmus auswirken.<br />
2. Vergrößernde Sehhilfen<br />
Zur Anpassung vergrößernder Sehhilfen wird auf die einschlägige Literatur verwiesen. Bei<br />
<strong>Albinismus</strong> ist eine Versorgung mit vergrößernden Sehhilfen in der Regel sehr gut möglich,<br />
da es sich um eine stabile, nicht progressive Erkrankung handelt. Im frühen Schulalter<br />
kommen Handlupen, Blocklupen und bifokale Lesebrillen in Frage, später werden Fernrohre,<br />
Hyperokulare, etc. zum Einsatz kommen (Abb. 11). Vor allem in weiterführenden Schulen<br />
und im Beruf sind öfter Bildschirmlesegeräte notwendig.<br />
3. Nystagmus<br />
Da bei manchen Patienten eine kompensatorische Kopfhaltung zur Nystagmusberuhigung zu<br />
finden ist, sollte bei jedem Patienten mit <strong>Albinismus</strong> die Möglichkeit einer<br />
nystagmusberuhigenden Operation geprüft werden. Verschiedene Methoden der<br />
nystagmusberuhigenden Operationen stehen zur Verfügung. Eine nystagmusberuhigende<br />
Operation sollte nicht vor dem 4. bis 5. Lebensjahr durchgeführt werden, da bis dahin der<br />
Nystagmus ohnehin an Intensität verlieren kann. Eine sorgfältige präoperative Vorbereitung<br />
incl. Nystagmographie und Prismentrageversuch ist notwendig, um festzulegen, ob der<br />
individuelle Patient tatsächlich von einer Muskelumlagerung profitiert.<br />
16
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
4. Katarakt<br />
Bei <strong>Albinismus</strong> wird vermutet, daß durch den fehlenden Blendungsschutz und das vermehrte<br />
Einfallen von Licht eine Linsentrübung evtl. früher auftreten kann als sonst üblich. Die<br />
Katarakt-Operation bei <strong>Albinismus</strong> ist nicht mit besonderen intraoperativen Risiken behaftet.<br />
Da die Kataraktbildung zu einer zusätzlichen Blendungsempfindlichkeit und zu einer weiteren<br />
Reduktion der ohnehin reduzierten Sehschärfe führt, sollte mit einer Katarakt-Operation nicht<br />
allzu lange zugewartet werden.<br />
5. Hautschutz<br />
Abhängig vom Ausmaß der kutanen Hypopigmentation ist ein Hautschutz notwendig.<br />
Patienten mit <strong>Albinismus</strong> reagieren nicht mit Bräunung auf Sonneneinstrahlung, sondern mit<br />
Rötungen und Verbrennungen. Durch fehlenden Schutz kommt es vor allen Dingen in Afrika<br />
gehäuft zur Bildung maligner Hauttumoren, die Inzidenz ist allerdings auch in unseren<br />
Breitengraden für Patienten mit <strong>Albinismus</strong> erhöht. Einen für unsere Klimaregion wichtigeren<br />
Faktor stellt die vorzeitige lichtinduzierte Hautalterung dar, der durch entsprechenden<br />
Hautschutz entgegengewirkt werden kann. Bei ausgeprägten <strong>Albinismus</strong>formen empfiehlt<br />
sich daher die Applikation eines sehr hohen Lichtschutzfaktors (z.B. Sonnenschutzcreme mit<br />
hohem Lichtschutzfaktor, 60 bis 100).<br />
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Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abbildungen (alle Aufnahmen ausser 2: Barbara Käsmann)<br />
Abb. 1: <strong>Albinismus</strong> bei einem Raben (Vogelpark Walsrode)<br />
20
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 2: Darstellung eines Geschwisterpaares mit <strong>Albinismus</strong>, Künstler: Heitzmann<br />
1872, aus: DermIS, dermatologischer Bildatlas im Internet<br />
21
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 3: OCA 1A<br />
22
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 4: OCA 2 bei einem Afrikaner, molekulargenetischer Nachweis der in Afrika<br />
typischen 28kb - Deletion Abbildung mit normal pigmentierter Mutter. Beachte<br />
die für den OCA2-Typ bei Afrikanern typischen gelblichen Haare und die<br />
grünbraunen Augen.<br />
23
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 5: OCA 2 bei einem Türken. Zudem Z.n. Keratoplastik OS bei Keratokonus<br />
24
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 6: Junge mit OA. Beachte normale Haut- und Haarfarbe, aber albinotischen<br />
Fundusreflex bei erweiterter Pupille<br />
25
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 7: OCA 1B: beachte die deutlich dunkleren Wimpern im Vergleich zu Brauen und<br />
Haaren<br />
26
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 8: OCA2, deutlich pigmentierter Naevus an der Kopfhaut trotz sehr heller Haut<br />
und schlohweissen Haaren<br />
27
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 9: OCA3, Elternpaar aus Ghana. Beachte den rötlichen Haarschimmer, Augen<br />
grünbraun<br />
28
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 10: OCA4, homozygot, Visus 0,1 bds<br />
29
Barbara Käsmann <strong>Albinismus</strong><br />
Abb. 11: 6-jähriges Mädchen mit OCA 1B, erste Monokularerprobung (gelingt ab dem 6.<br />
Lebensjahr in der Regel sehr gut)<br />
30