PFD-Version Download - Star Trek NX

startrek.nx.de

PFD-Version Download - Star Trek NX

lla


STAR TREK

CAST AWAY

RENE BARZ

The Long Night

Roman

Star Trek©

Cast Away

Band 5

Deutsche Erstausgabe


San Jose, 2009

WTF PRODUCTIONS

Band 05

Deutsche Erstausgabe


In Gedenken an Damon

Ich vermisse dich, mein Freund


Nichts auf der Welt ist so gewiss wie der Tod.

JEAN FROISSART


In der Zukunft ist die Menschheit überheblich geworden.

1. Die Föderation beurteilt technischen Fortschritt viel zu

optimistisch. Was fehlt, ist die warnende Stimme. Irgendwann

werden die Forscher die Kontrolle über ihre

Entdeckungen verlieren: was technisch möglich ist, wird

auch gemacht - Ohne, dass die Entdecker und Erfinder

dafür Verantwortung übernehmen. Seit Entdeckung des

Omega-Partikels ist jedoch zu beobachten, dass Forscher

der Föderation die Notwendigkeit erkannt haben, über

die Konsequenzen ihrer Forschung nachzudenken. Deshalb

verweigern sich einzelne Individuen heiklen Themen.

Nicht jede Entdeckung sollte gemacht, nicht jede

technische Möglichkeit ausgenutzt werden.

2. Die Föderation glaubt allem gewachsen zu sein. Außenteams

werden auf fremde Welten gebeamt, nur mit einem

dünnen Zweiteiler bekleidet, und mit einem Handphaser

und Tricorder bestückt. Bei Routineeinsätzen mag das

gut gehen. Wenn aber ein Notfall eintritt, kann niemand

auf die Konsequenzen vorbereitet sein. Wer unerwartet,

von einem Augenblick zum anderen, seiner gewohnten

Umgebung entrissen und beispielsweise in den Urwald

transportiert wird, findet sich in einer völlig anderen Natur

wieder. Gefährliche Wetterbedingungen, giftige

Pflanzen, wilde Tiere. Und wie jedes in sich geschlossene

Ökosystem, duldet diese fremde Welt keine Touristen,

sondern fordert Eindringlinge mit Gefahren und Überraschungen

heraus und nur die stärksten und anpassungsfähigsten

Individuen überleben.

Darum geht es in dieser Miniserie.


Einleitung

Im Jahr 2385 startete ein Föderationsraumschiff der Akira-

Klasse unter dem Befehl von Admiral Alynna Nechayev zu

einer diplomatischen Mission tief in den unerforschten, cardassianischen

Raum.

Die Crew bestand aus einer knapp vierhundert Mann starken

Besatzung, die sich nach einem katastrophalen Zwischenfall

plötzlich inmitten eines Krieges, gestrandet auf einem weit

entfernten Mond wiederfand.

Sie kämpften gegen die Tücken eines fremden Ökosystems,

gegen einen unbarmherzigen, brutalen Gegner und Verrat aus

den eigenen Reihen.

Diese Besatzung erlitt die höchste Opferzahl, seit dem Ende

des Dominion-Krieges.

Dies waren die Männer und Frauen der USS Shenandoah,

NCC 74101

Das ist ihre Geschichte.


Roe

Sie standen tief im Schatten. Es war dunkel im Lazarett-

Container, obwohl die Sonne draußen noch nicht völlig untergegangen

war. Aber Eugene Roe hatte die Fenster geschlossen,

das langsam erlöschende Tageslicht ausgesperrt. Er wollte

es nicht hell haben. Er wollte es nie wieder hell haben.

Das Lazarett schüttelte sich gelegentlich unter den Belastungen

des unebenen Berggeländes über das der ganze Container-

Gespann mithilfe der Antigravitations-Einheiten hinwegschwebte.

Renee Lemaire wartete in respektvoller Entfernung zu Hawks

Bett und wusste nicht recht, wie sie mit der Situation umgehen

sollte. Aus Roe’s starrer Mine ließen sich kaum Gefühle, oder

Gedanken herauslesen. Niemans wusste, was in dem Sanitäter

vorging. Roe starrte einfach auf die zerwühlten Laken und

blieb stumm. Seit einer ganzen Weile schon hatten sie kein

Wort mehr gesprochen.

„Wenigstens... ist es schnell gegangen.“, sagte Lemaire irgendwann,

um die unerträgliche Stille zu brechen. Sie sah Roe

an, suchte bei ihm Bestätigung. Ihre Blicke trafen sich für einen

kurzen Moment, aber er sagte nichts, starrte nur wieder zu

Hawks Bett herüber. Vor wenigen Stunden hatte der Pilot

noch darin gelegen und unter dem Einfluss der Narkose- und

Schmerzmittel Unsinn geredet. Außerdem hatte es so ausgesehen,

als hätte er um Doktor Smith Angst - er hatte sich im Bett

herumgeworfen und immer wieder ihren Namen geflüstert.

Zunächst hatte Roe angenommen, dass es sich dabei um medikamentös

verursachte Wahnvorstellungen handelte. Inzwischen

hatte Roe jedoch den Eindruck, dass Hawk eine ganz


eale Katastrophe hatte kommen sehen. Dieses Gefühl wurde

noch dadurch verstärkt, dass Doktor Smith seit ihrem Aufbruch

mit Admiral Nechayev nicht zurückgekehrt war. Und es

gab wenige Anzeichen, dass sie je wiederkommen würde.

Vermutlich war sie längst tot. Nicht der erste Verlust der

Gruppe, wusste Roe. Und mit Sicherheit nicht der Letzte.

Hawk hatte so viele Dinge gesagt. So viel vorhergesehen, so

viele Katastrophen prophezeit. Und sie waren alle nach und

nach eingetreten. Roe gewann die Erkenntnis, dass der Pilot

mit allem richtig gelegen hatte. Dass er unter dem Einfluss der

Betäubungsmittel klarer gesehen hatte, als der ganze Rest, der

desorientierten Gruppe.

Als Roe aufstand, bemühte er sich um eine gleichgültige Haltung.

Aber seine Bewegungen waren steif. Er trat neben

Hawks Körper, schloss den Reißverschluss des Leichensacks

und wusste ganz genau; er würde noch in dieser Nacht weitere

schließen.

„Erde an Euge-he-ne. Erde an Euge-he-ne. Jemand zuhause?“

Kadett Eugene Roe sah von seinem Datenblock auf und starrte

über den Tisch hinweg die junge Frau an, die ihm gegenübersaß.

Es war schwierig, den Blick zu konzentrieren, weil

sich eine Schale Eiscreme ständig in seinem Blickwinkel bewegte.

Denn die junge Frau hielt die Schale abwechselnd vor

Roes Gesicht und zog sie wieder zurück. Es war sozusagen

ein Kalorientanz, mit dem sie um seine ungeteilte Aufmerksamkeit

buhlte.

„Du weißt, dass ich Eiscreme nicht vertrage.“, warnte Roe.

Delilah schien das nicht im geringsten zu stören. „O-ho, da ist

ja doch einer wach. Und ich dachte, du wärst schon genauso

tot wie deine Patienten.“ Und dann verfiel sie wieder in einen

unglaublich verspielten Tonfall: „Schau her, ich bin eine


wundervolle Schale voll mit leckerster Eiscreme. Hm-mmm.

Von wem werde ich nur gegessen?“ Sie brachte die Schale so

nahe an Roes Gesicht heran, dass nur noch ein winziges Stück

fehlte, bis seine Nase sie berührte. „Vielleicht von... dir?“

Roe schüttelte lächelnd den Kopf.

Ringsum gingen die Kadetten im Quantum Caffee ihren Freizeitbeschäftigungen

nach, ohne auf die beiden zu achten. Die

Nahrungsreplikatoren in den Wänden summten unablässig

und an der Bar hatten die drei Bediensteten alle Hände voll zu

tun, die Getränkebestellungen entgegen zu nehmen. Natürlich

hätte man die Flüssigkeiten auch replizieren können, aber es

gab Traditionen, mit denen Brach man einfach nicht, um das

Bar-Flair beizubehalten – Technik hin oder her. Abends wurde

es hier immer voll, das Cafee war ein beliebter Treffpunkt

für alle, die nach dem anstrengenden Unterricht abschalten

und sich ihren verrücktspielenden Hormonen hingeben wollten.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Kadetten auf dem

Campus, hielt Roe keine sonderlich großen Stücke auf das

Cafe. Es war ihm schlicht zu laut. Der Lärm lenkte ihn von

seinen Büchern ab. Er zog die Stille seiner Unterkunft vor,

aber für die gesellige Delilah war er immer bereit eine Ausnahme

zu machen. So auch heute.

Und wer könnte Kadettin Delilah Profitts großen, immer amüsiert

funkelnden Rehaugen auch etwas ausschlagen? Die

beiden kannten sich seit dem ersten Tag an der Akademie und

es wurde allgemein darüber gescherzt, was für ein ungleiches

Paar sie abgaben: Roe, immer etwas reserviert und zurückhaltend;

Profitt fortwährend aufgedreht und kommunikationsfreudig.

Sie teilten das gemeinsame Interesse für Medizin und

studierten in den entsprechenden Klassen. Beide standen sich

sehr nahe.

„Du willst sie.“, sagte Delilah. „Du weißt genau, dass du sie

willst. Sie ist einfach köstlich!“ Und als Beweis schaufelte sie


eine besonders große Portion Eiscreme auf ihren Löffel, und

anschließend in ihren Mund. Sie schloss die Lippen, verdrehte

die Augen und stöhnte ekstatisch. „Das ist so gut!“

Dem aufmerksamen Roe entging nicht, wie einige männliche

Kadetten in ihre Richtung blickten, sich wunderten, was mit

der jungen Frau los wahr. Er schmunzelte. „Wenn du heute

Nacht nicht in den Träumen der Mitschüler erscheinen willst,

solltest du diese Geräusche lassen.“

Delilah öffnete die Augen und grinste frech. „Eifersüchtig?“

„Nur auf die Eiscreme.“

Sie knüllte grinsend ihre Serviette zusammen und warf sie

ihm über. Roe machte keine Anstalten sie abzuwehren und

sah ihr nur nach, als das Papier von seiner Schulter abprallte

und über den Boden rollte. „Jetzt kommt auch noch Umweltverschmutzung

auf die Liste der Delikte.“

Delilah zuckte gut gelaunt mit den Schultern. „Ich bin ein

richtiges Miststück, was?“

„Absolut.“

„Hat sich der Herr Saubermann eigentlich endlich entschieden,

was er in den Ferien unternehmen will?“

Roe seufzte. Ging das schon wieder los? „Nein, bisher noch

nicht.“

„Euge-he-ne! Uns bleibt nur noch eine Woche bis Ferienbeginn.

Fast alle haben schon etwas gebucht oder wenigstens

geplant.“ Und dann sagte sie: „Du könntest mir deinen Heimatplaneten

zeigen.“

Roe verzog das Gesicht. Sie horchte ihn nun schon seit Wochen

über Xenex aus, seit er ihr von den ungewöhnlichen

Farben der Landschaft erzählt hatte. Delilah war immerzu

neugierig, wollte alles sehen, alles erforschen. Und wenn ihr

Interesse einmal geweckt war, verbiss sie sich in eine Sache,

bis sie alles wusste, was sie wissen wollte. Das war der

Grund, warum sie in der Sternenflotte war. Roe fragte sich

manchmal, ob sie in der Wissenschafts- oder Kommandoebe-


ne nicht besser aufgehoben sei.

„Du hast ein falsches Bild von Xenex. Der Planet ist wirklich

kein Urlaubsparadies.“

„Hab ich auch nicht erwartet.“

Roe seufzte nur und wandte sich wieder seinem Datenblock

zu. Delilah versuchte nicht weiter ihn zu befragen. Er würde

nicht darüber reden. Nicht eine Silbe. Er würde einfach dort

sitzen und lesen. Also beschloss sie, das Thema zu wechseln.

Sie lehnte sich auf dem Tisch vor und deutete mit dem Kinn

auf den Datenblock, den Roe in der Hand hielt, und den er

eben angestrengt gelesen hatte. „Was hast du da eigentlich?

Reisepläne für die Ferien sinds sicher nicht, huh?“

„Nein. Nur die Abendnachrichten.“

Delilah seufzte. „Eugene!“ Es klang fast flehend. „Nachrichten?

Es ist Freitag Abend! Wir haben Wochenende. Kannst du

nicht einfach mal loslassen? Kannst du nicht einfach mal

Spaß haben? Und aus dir rausgehen oder so was?“

Er runzelte die Stirn.

Delilah rollte mit den Augen. „Wenn ich dich je heiraten soll,

musst du schwer an dir arbeiten, Xenexianer.“

„Dann wäre ich aber nicht mehr derselbe in den du dich verliebt

hättest, oder?“

Darauf erwiderte sie nichts. Es war ein Spiel, dass sie seit

Wochen trieb. Wann immer er das Thema anschnitt, sah sie

ihn einfach an und grinste.

„Hast du heute schon die Nachrichten gelesen, Delilah?“

„Ich bin siebzehn, Eugene. Ich genieße meine Jugend und interessiere

mich nur für Nachrichten, wenn mich der Unterricht

dazu zwingt.“

„Dann entgeht dir etwas interessantes. Pass auf: Vorgestern

Nachmittag meldeten die Horchposten auf Takitus III eine

Reihe weiterer Dominion-Konvois, die durch das Wurmloch

nach Cardassia flogen. Insgesamt erfassten die Sensoren

neunundzwanzig Schiffe. Davon waren mehr als die Hälfte


große Kreuzer.“ Er atmete schwer aus und sah von seinem

Datenblock auf. „Das ist der vierte Strom an Schiffen, innerhalb

von zwei Tagen. Das Dominion rüstet auf.“

„Ja. ... Und?“

„Und? Delilah, das hier riecht nach Krieg. Wenn der Konflikt

heiß läuft, und wir früher eingezogen werden, können wir unser

Medizinstudium vergessen. Dann werden wir als Hilfskräfte

oder Sanitäter eingesetzt.“

Delilah sah in ihre Eiscreme-Schale hinein und schwieg lange

Zeit – was ungewöhnlich für sie war. Roe wusste, dass ihr das

Thema unangenehm war. Es ging den meisten so. Natürlich

las Delilah die Nachrichten. Natürlich wusste sie von den

Schiffen, die das feindlich gesonnenen Dominion schon seit

Wochen in eine taktisch günstige Position zu ihren neuen

Verbündeten – den Cardassianern – brachte. Und natürlich

wusste sie, was das bedeutete. Aber niemand sprach gerne

darüber. Niemand wollte wahrhaben, was das bedeutete; dass

ihre Leben einer äußerst ungewissen Zukunft entgegen sahen.

„Kadett Eugene Roy?“

Sie sahen beide zu dem Dozenten auf, der durch die Menge

zu ihnen herübergekommen war. Er trug seine Uniform, war

also noch im Dienst, war groß, mit grauen Haaren und breiten

Schultern. Sein Gesicht war wettergegerbt, und es schien

schon lange kein Lächeln mehr getragen zu haben. Er war

keiner ihrer Dozenten, und allein die Tatsache, dass er sich

hier im Kadettentreff aufhielt, bedeutete, dass etwas im Busch

war. Mehr aus Gewohnheit, denn aus Pflicht, erhoben sich

Roe und Profitt sofort und standen stramm.

„Kadett Roy?“, fragte der Mann erneut. Er blickte ernst und

zurückhaltend.

„Es wird Ro-i gesprochen, Sir. Nicht Roy und auch nicht Rö.

Ro-i. Oder Rowie.“

„Verstehe. Würden sie mir bitte folgen, Kadett Roe?“

Roe war verwirrt. Er tauschte einen Blick mit Delilah. „Was...


ist denn los, Sir? Haben wir... haben wir etwas angestellt?“

„Wir haben eine Nachricht für sie erhalten.“

Der Mann sah von einem zum anderen. Er schien sich unwohl

in seiner Haut zu fühlen. Der klassischer Überbringer

schlechter Nachrichten, dachte Roe. Er wurde unruhig. „Und

welche?“

„Ich denke wir sollten das unter vier Augen besprechen, Kadett.

Es ist... für sie persönlich.“

„Sie können’s mir ruhig sagen.“

Der Mann sah erneut zu Delilah, er schien unsicher zu sein.

Roe beteuerte ihm, dass er keine Geheimnisse vor ihr habe,

und dass sie es sowieso erfahren würde.

Der Mann war nicht glücklich damit, nickte aber. „Es geht um

ihren Bruder, Kadett.“

„Was ist mit ihm?“ Aber noch ehe der Mann antwortete,

wusste Roe, dass er schlechte Nachrichten hatte. Sehr

schlechte Nachrichten. „Es tut mir leid, Mr. Roe.“, sagte er

mit aufrechter Anteilnahme. „Die Nachricht kam eben an. Ihr

Bruder ist vergangene Nacht verstorben.“


Bergfuß

In blassen Schattierungen fluoreszierenden Grüns konnte

Shannyn die Explosionen noch deutlich erkennen. In dem

Nachtsichtfernglas blitzten sie hellgrün auf. Sie kamen von einem

Bereich hinter den Hügeln, jenseits der Ebene, wo das

umkämpfte Lager des Kinjal-Clans lag.

Von dort aus waren Shannyn und der Rest des Rettungsteams

nach ihrer Flucht stundenlang mit dem gestohlenen Bohrfahrzeug

der Tarkon durch die Ebene gefahren, solange bis das

Fahrzeug kurz vor den Bergen den Geist aufgegeben hatte.

Den weiteren Weg hatten sie zu Fuß zurückgelegt. Glücklicherweise

waren sie irgendwann gegen Abend auf den Rest

der Gruppe gestoßen und hatten ihre Flucht in die Berge gemeinsam

fortgesetzt, in der Hoffnung, irgendwo dort das

Wrack der vor wenigen Tagen abgestürzten USS Shenandoah

zu finden.

Sie waren aber noch nicht weit gekommen, befanden sich

noch immer am Fuß des Berges und planten derzeit den langsamen

und zweifellos mühsamen Aufstieg durch einen Pass,

den sie entdeckt hatten. Ihr Vorwärtskommen war schon jetzt

durch technische Schwierigkeiten gestoppt.

Hinter Shannyn schnauften die Anti-Gravitationseinheiten der

langsam vorbeiziehenden Container. Sie schenkte dem keine

Beachtung und sah weiter durch das Fernglas. Die Gestrandeten

waren noch nicht besonders hoch – dreißig, vielleicht vierzig

Meter -, konnten von ihrer gegenwärtigen Position aber die

zurückliegende Ebene überblicken.

„Was sehen Sie?“, fragte D’Agosta. Er stand mit ihr gemeinsam

auf einem Felsvorsprung und kniff die Augen zusammen.


Aber auf dieser Entfernung konnte er ohne das Fernglas nichts

erkennen.

Shannyn reichte es an ihn weiter. D’Agosta hob das Gerät an

die Augen, stellte es scharf und seufzte wenige Augenblicke

später aufgrund des Anblicks, der sich ihm darbot. Artilleriegeschosse

von einem Lager zum anderen.

„Sie bekriegen sich noch immer?“

„Seit unserer Flucht.“, nickte Shannyn. „Von heute früh an.

Muss ein harter Kampf sein.“

D’Agosta senkte das Fernglas. „Und wir sind dran schuld.“,

meinte er düster.

„Nicht wir.“, korrigierte Shannyn. „Nechayev.“

„Die unter dem Sternenflotten-Banner gehandelt hat.“

Sie starrten beide wieder auf die Ebene hinaus. Von wo sie geflüchtet

waren. Wo das Territorium der Tarkon lag.

„Wir hatten so gute Intentionen.“, seufzte D’Agosta. „Wir

wollten Judy befreien... und mit den Tarkon verhandeln. Wer

hätte gedacht, dass uns Nechayev derart in den Rücken fällt?“

Er schüttelte traurig den Kopf. Alles war schief gegangen,

schrecklich schief. Nachdem, was Nechayev getan hatte, würden

sie keine zweite Chance bekommen, Beliars Vertrauen zu

gewinnen. Er würde ihnen nicht mehr zuhören – und das zu

recht. „Es ist irgendwie merkwürdig. Wir dachten, Beliar würde

Probleme bereiten. Aber er lies nie Zweifel an seinen Intentionen.

Es war Nechayev, die uns letztendlich gefährlich

wurde.“

„Meiner Erfahrung nach, Allan, sind die bösen Jungs zu stolz

auf sich selbst, um zu lügen. Es sind die Guten, auf die man

aufpassen muss.“ Es wäre nett, wenn die bösen Jungs schwarze

Hüte tragen würden, dachte sie. Oder Hörner hätten. Oder

ein Namensschild trügen, das sagte: Hallo, ich bin böse. Manche

Leute machten es einem leicht. Man konnte sie einschätzen

und schnell sagen, auf wessen Seite sie stehen. Und dass

man auf der anderen Seite stehen wollte. Solche Leute mach-


ten es einem einfach zu wissen, was falsch war und was richtig

und welcher Seite man angehörte. Deswegen waren Bürgerkriege

auch so heftig. Wenn die guten, gegen die guten

kämpften... auf welcher Seite sollte man dann stehen? Manche

Leute sagten, dass der Weg, wie man rausfindet, was richtig

ist, der sei, der einen glücklich macht. Könnte sein, dachte

Shannyn. Vielleicht war das schon alles, was zählte, und den

Rest ließ man einfach das Problem von jemand anderem sein.

D’Agosta nickte und lauschte dem Zirpen der Grillen. Der

Abend war ruhig und windstill. Es hatte aufgehört zu donnern

und zu blitzen. Der aufgehende Planet über ihnen - Allan

musste sich immer wieder erinnern, dass sie selbst auf einem

Mond saßen, und da oben eigentlich den benachbarten Planeten

sahen, in dessen Orbit sie schwebten -, brach allmählich

durch die drohenden Wolken, während die Sonne unterging.

Schwach zuckten die Explosionen am Firmament. Sie kamen

seit einer ganzen Weile nur noch ab und zu. Der Kampf hatte

in den vergangenen Stunden nachgelassen und neigte sich

allmählich dem Ende. Wer gewann, konnten sie nicht bestimmen.

Der Angriff des anderen Clans war für alle überraschend

gekommen, aber offenbar wussten sich die Kinjal zu wehren.

Aber ob sie die Oberhand gewinnen konnten...?

„Wenn Beliar überlebt“, fragte D’Agosta besorgt. „wird er uns

verfolgen? Und finden? Können die hier hochkommen? In die

Berge?“

Shannyn schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht.“, gestand sie.

„Inzwischen dürften wir fünfzehn Kilometer von der Festung

entfernt sein. Vielleicht zwanzig.“ Vielleicht auch mehr. Sie

war sich nicht sicher. „Beliar sollte besseres zu tun haben.“

„Und wenn nicht?“

Shannyn sah ihn an. „Dann steht uns eine lange Nacht bevor.“


Höhlen

Inzwischen machte Theia das Bombardement nichts mehr aus.

Während sie energisch mit einer Fackel in der Hand durch das

Durcheinander aus Balken, Schutt und bewusstlosen, oder toten

Soldaten kletterte, erbebten die engen Stollen der alten

Minenschächte ein weiteres Mal unter dem anhaltenden Artilleriebeschuss

des Bloodcat-Clans. Sand und Staub rieselten

von der Decke, und einige der alten Balken knirschten vernehmlich.

Ausrüstung stürzte zu Boden.

Hinter ihr brüllte jemand Befehle, und das Geräusch weit entfernter

Schüsse hallte durch die Stollen, sowie der Mündungsdonner

schwerer Geschütze. Aber der schwache Widerstand,

den Theias verbliebene Soldaten nach acht Stunden des

Kampfes noch aufzubringen in der Lage waren, stellte nicht

mehr dar, als eine frustrierte Geste. Jeder wusste: der Kampf

neigte sich dem Ende. Und der Ausgang war allen bekannt -

die Kinjal hatten die Schlacht verloren. Vielleicht sogar den

Krieg.

Heute war ein Großteil ihrer Truppen ausradiert worden, als

die Bloodcats ihre Position überrannt hatten. Schlimmer noch;

sie hatten die Festung verloren - den wichtigsten und einzigsten

Vorposten der Kinjal zur Gewinnung der reichen Bodenschätze,

die es nur auf diesem Mond gab. Nun würde in der

Heimat die Kriegsmaschinerie ihres Clans endgültig stillstehen.

Und die Bloodcats würden ihre Welten früher oder später

erobern können. Theia schüttelte verdrossen den Kopf. Der

dunkelste aller Tage war eingetreten. Beliar würde nicht begeistert

sein. Sofern er überhaupt noch lebte.

Das Beben schien eine Ewigkeit anzudauern, bis es endlich


nachließ. Aber Theia spürte, dass die Erschütterungen nicht

mehr so heftig waren, wie noch vor einigen Stunden. Die

Bloodcats stellten das Bombardement, das sie auf die ganze

Umgebung begonnen hatten, allmählich ein. Vermutlich hatten

sie damit überhaupt erst in der Hoffnung begonnen, die

letzten Truppen der Kinjal, die sich während dem Rückzug

aus der Festung in das verästelte System der Minenschächte

hatten retten können, ins Freie zu locken. Oder um die Tunnel

durch gezieltere Sprengungen zum Einsturz zu bringen und sie

ein für alle Mal zu begraben. So oder so, bei dem noch immer

anhaltenden Artilleriebeschuss handelte sich um eine Machtdemonstration

dieser verdammten Bastarde! Eine Verspottung.

Seht her, wir haben eure Leute abgeschlachtet, eure Festung

eingenommen und nun verwüsten wir das Umland – wir

werden euch früher oder später alle ausradieren, wo auch immer

ihr seid.

Am liebsten hätte sich Theia ein Gewehr geschnappt und wäre

zurückgerannt, aber sie wusste, dass dies Selbstmord gleichkam.

Dennoch wurmte sie die Tatsache, dass sie sich wie Ratten

aus der Schlacht geschlichen hatten, in der Hoffnung, den

versteckten Notfallbunker zu erreichen. Beliar hatte ihn vor

einigen Jahren irgendwo tief den äußeren Regionen der Hügel

von den strafgefangenen Amphion anlegen und Kriegsequipment

dorthin verlegen lassen. Waffen, Artillerie, Jäger, Truppentransporter...

es war alles da. Eine kluge Maßnahme, wie

sich heute herausgestellt hatte. Von dort aus, so wusste Theia,

konnten sie mit den verbleibenden Truppen, und der Ausrüstung,

den Gegenschlag vorbereiten.

Sie war sich der Tatsache bewusst, dass sie die Bloodcats

nicht mehr besiegen konnten. Aber sie würden dem Feind so

viel Schaden zufügen wie möglich, mit jeder verfügbaren

Waffe, und zwar so lange, bis der letzte Kinjal tapfer im verbissenen

Kampf gefallen war. Das war nun ihre Mission. Das

war ihre Doktrin.


Teia folgte dem Verlauf des Schachtes. Irgendwo vor ihr hallten

Stimmen. Leises Gemurmel. Sie duckte sich unter einem

aus der Verankerung gerissenen Balken hindurch und ignorierten

den Schutt, der unter dem nächsten, diesmal leichteren Beben

auf sie herabrieselte. Schließlich erreichte sie die Haupt-

Höhle, ihren Rückzugspunkt, der von einer großen Grube im

Boden beherrscht wurde. Über der Grube hing ein schwerer

Metallkäfig an einer Kette. Ein gefangener Bloodcat stand geknebelt

darin, mit schwerzerfüllten Augen, und gefesselten

Händen, während zwei Kinjal Soldaten immer wieder mit Stöcken

in den Käfig stießen. Sie ließen ihren Frust über die Niederlage

an dem Mann aus und fügten ihm schwere Verletzungen

zu. Die nächsten Stunden würde er nicht überleben. Es

war Theia egal. Wenn ihr Zeit zur Verfügung stehen würde,

hätte sie sich vermutlich an der Folteraktion beteiligt. Die restlichen

Männer liefen durcheinander, hier und da wurden Befehle

gebellt und Waffenmagazine getauscht.

Theia bog in einen Seitengang, der sie zur Höhle führte, in der

die Verwundeten behandelt wurden. Davor hatte sich eine lange

Schlange gebildet. Die Soldaten blickten Theia mürrisch

an, als sie an ihnen vorbeimarschierte. Einige waren verletzt,

und alle wirkten erschöpft.

„Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.“, sagte der

Soldat, der sie am provisorisch mit einer Metalltür versehenen

Höhleneingang abfing. „Beliar lebt noch. Jemand hat ihn unter

einigen Trümmern gefunden und nach einiger Verwirrung

hierher, in den richtigen Minenschacht gebracht. Die haben

sich erst mal mit ihm verlaufen, können sie sich das vorstellen?

Aber wir können ihn nicht behandeln.“

Theia zog die Brauen zusammen. „Und warum nicht?“

„Wir haben keinen Arzt mehr. Nicht einmal Sanitäter. Es hat

sie alle erwischt.“

„Was?!“

Aus der Höhle drangen grauenhafte Schmerzensschreie. Es


war Beliar, der Schrie.

Ein Schaudern überlief Theia. „Wer ist jetzt da drin“, verlangte

sie zu wissen. „Wer kümmert sich um ihn?“

Der Soldat blickte auf seine Stiefelspitzen herab. Er wirkte

verlegen. Keiner mochte die Überbringer schlechter Nachrichten,

das wussten alle. „Zwei unserer Techniker geben ihr bestes.“,

sagte er.

„Techniker?“

„So ist es. Tut mir leid.“

„Scheiße.“, fluchte Theia. „Ist das klug? Können die überhaupt

etwas ausrichten?“

Ihr Gegenüber zuckte mit den Schultern. „Sie müssen. Eine

andere Möglichkeit bleibt uns nicht.“

„Und was ist die gute Nachricht?“

„Das war die gute Nachricht.“

Sie starrte ihn an. „Was ist die schlechte?“

„Er hat sein Gesicht verloren. Einen Teil davon. Das Feuer hat

ihn übel zugerichtet. Die Techniker versuchen jetzt zu retten,

was noch zu retten ist.“

„Na prima!“, fluchte Theia und schlug gegen die Wand. „Diese

Scheißkerle.“ Alles nur wegen den Föderierten. Sie hätten

sie gleich abschlachten sollen, selbst das Kind. Beliar schrie

wieder.

Sie fragte den Soldaten: „Kann ich zu ihm?“

Der Mann trat beiseite und machte ihr Platz. Theia atmete tief

ein, als müsse sie sich wappnen. Das würde nicht schön werden.

Dann trat sie durch den Eingang.

Es war Dunkel in der Höhle; die schwach glühenden, manchmal

sogar flackernden Lampen, sorgten mit den Schatten, die

sie auf die kargen Wände warfen, für eine unheimliche Atmosphäre.

Der Rest der Höhle wurde von einer bedrohlichen


Finsternis verschluckt, sodass man ihre wahre Größe höchstens

erahnen konnte. Theia sah zu, wie die beiden Techniker

über Beliar gebeugt waren, und mit verrosteten Laserbohrern

und Schweißapparaten sein Gesicht bearbeiteten. Beliar selbst

konnte Theia von ihrer Position aus nicht sehen, und sie war

froh darum. Er lag schwer verletzt, aber bei Bewusstsein in einem

metallenen Stuhl, den man hergeschafft hatte, und hustete

und keuchte, oder brüllte sich vor Schmerz die Seele aus dem

Leib, wenn die Techniker wieder mit ihren Geräten ansetzten.

Als er sich in Agonie wand, konnte Theia nur einmal einen

Blick auf seinen Hinterkopf erhaschen. Das wenige, das sie

sah, erfüllte sie mit Entsetzen. Beliars Kopf war grauenhaft

vernarbt, seine Haut aufgedunsen und an einigen Stellen verbrannt,

oder zumindest verkohlt.

Theia fragte sich, ob er je wieder so aussehen würde, wie früher.

Ganz sicher nicht. Er würde sich vermutlich schon glücklich

schätzen dürfen, wenn er überhaupt aussehen würde. Aber

erst musste er überleben. Doch daran zweifelte Theia nicht im

Geringsten. Die Tatsache, dass Beliar noch nicht an seinen

Verletzungen zugrunde gegangen war, und dass auch der

Schmerz, den er zweifellos ohne Betäubung ertragen musste,

und der schon alleine die meisten Männer längst in den Wahnsinn

und anschließend in den Tod getrieben hätte, ihn nicht zu

überwältigen vermochte, ihn im Gegenteil sogar zornig und

lebhaft machte, sprach Bände.

Leicht machte man es Beliar trotzdem nicht. Die Prozedur,

welche die Techniker durchführten, um die intakten Teile seines

Gesichtes zu retten, war eine einzige Qual für ihn. Als der

eine Techniker ihm eine Metallplatte dort ins offenliegende

Fleisch drückte, wo früher mal sein rechtes Auge gewesen

sein mochte, brüllte er auf und wand sich so stark, dass er beinahe

aus dem Stuhl gefallen wäre. Der andere Techniker reagierte

schnell und zwang Beliars aufgebäumten Oberkörper

zurück. „Bewegen Sie sich nicht, Beliar.“, instantierte er. „Das


ist ein kritisches Verfahren.“

Der andere drückte das Metallstück weiter in Beliars Fleisch.

Ein Schmatzen war zu hören. Mit der freien Hand tastete er

nach dem Schweißbrenner auf der Ablage.„Wenn sie sich bewegen,

könnten sie auch das andere Auge verlieren.“

Theia bemerkte, wie Beliars Hände hochschossen. Er packte

den Techniker mit bemerkenswerter Kraft am Kragen und zog

ihn zu sich herab, ganz nah, an sein geschundenes Gesicht

heran. Theia war glücklich, dass ihr der Anblick verborgen

blieb, denn der Techniker, versuchte angewiderte den Blick in

eine andere Richtung zu lenken. „Wenn ich auch das andere

Auge verliere.“, zischte Beliar. „Nehme ich ihnen ihres.“ Seine

Stimme war nicht mehr, als ein Krächzen. Er hatte viel

Rauch eingeatmet, vermutlich sogar eine Vergiftung. Er bekam

kaum Luft, sein Atem ging rasselnd. Er ließ den Mann

wieder los, und seine Arme fielen schlaff herab. Die beiden

Techniker tauschten einen Blick.

Theia hielt das nicht mehr länger aus. „Ihr Scheißkerle!“, fuhr

sie die beiden an. „Seid gefälligst vorsichtiger!“

„Was sollen wir denn machen?“, fragte der eine wütend. „Wir

sind keine Ärzte. Wir haben keine medizinische Ausrüstung.

Scheiße, wir haben ja nicht einmal Schmerzmittel. Er muss

das ertragen, oder er wird verrecken.“

Beliar stöhnte auf. „Theia.“ Er krächzte ihren Namen. „Theia,

sind sie das?“

Theia nickte automatisch. Dann wurde ihr Bewusst, dass er sie

natürlich nicht sehen konnte, also sagte sie laut: „Ich bin hier.“

„Was ist... was ist passiert? Wir haben die Festung verloren,

nicht wahr?“

„Ich fürchte ja.“

„Unsere Männer?“

„Ein Großteil ist in der Schlacht gefallen. Wir mussten viele

zurücklassen, etliche Tunnel sind eingestürzt.“

Beliar seufzte.


Theia sagte: „Was von uns übrig ist, wird sich zum Sammelpunkt

begeben. Zum Bunker. Den sie vor einiger Zeit errichten

ließen, erinnern sie sich noch? Wo wir Waffen und Ausrüstung

gehortet haben. Von dort aus werden wir unseren Gegenschlag

vorbereiten. Wir werden die Bloodcats angreifen

und ihnen heimzahlen, was sie uns angetan haben!“

„Nein.“, röchelte Beliar. „Nein, Sie müssen was anderes tun.“

Theia war verwirrt. „Ich... verstehe nicht.“

„Sie müssen was anderes tun.“, wiederholte Beliar noch einmal,

als hätte sie ihn zuvor nicht gehört. „Wir haben Jäger im

Bunker. Schnappen sie sich einen davon und finden sie

D’Agosta.“

„Was?“ Theia blinzelte. „Sie... sie verlangen von mir, dass wir

da rausfliegen – hinter die feindlichen Linien -, nur um die

Föderierten zu suchen?“

„Fliegen sie einen weiten Bogen. In der Ebene werden die

Bloodcats sie nicht verfolgen. Unsere Jäger sind zu schnell für

sie. Machen sie D’Agostas Position aus. Sobald das Kampfgetümmel

nachgelassen hat, konzentrieren wir all unsere verbliebenen

Kräfte auf die Föderierten.“

Theia konnte nicht fassen, was sie da hörte. Beliar war verrückt.

Vollkommen verrückt. „Sie verstehen nicht, Beliar.“

„Theia...“

„Bei allem Respekt, Beliar, aber ich glaube nicht, dass sie den

Ernst der Lage hier begreifen.“, sagte Theia stur. „Die Festung

wurde überrannt, die Bloodcats bombardieren das ganze Areal.

Einige sind uns sogar in die Minenschächte gefolgt, es finden

noch immer überall Kämpfe statt. Wir können unsere Einheiten

nicht für Erkundungsflüge abberufen. Wir brauchen sie,

um unseren Rückzug zu sichern und dann, um den Gegenschlag

vorzubereiten!“

Beliar hustete. Es klang fast wie ein hartes Lachen. „Welchen

Gegenschlag?“, fragte er schwach. „Wir haben Verloren,

Theia.“


„Wir haben nicht verloren.“, hielt sie standhaft dagegen. „Wir

haben schon vorher Niederlagen erfahren und sind wieder auf

die Beine gekommen. Wir werden auch das hier überstehen

und die Festung zurückerobern, sobald wir uns gesammelt haben

und die Feuer gelöscht sind. Wir werden unsere Kräfte

mobilisieren, zu den versteckten Truppentransportern in den-

Reserve-Anlagen vordringen und zurückschlagen. Wir werden

die Bloodcats angreifen. Noch ist es nicht vorbei!“

Beliar schlug mit der Faust auf die Stuhllehne. Er tat es vergleichsweise

heftig, erst recht für einen Mann, der schwer verletzt

und kaum bei Kräften war. Theia verstummte augenblicklich.

Beliar sog rasselnd den Atem ein. „Wir haben verloren!

Wegen den Föderierten. Sie sind uns in den Rücken gefallen.

Haben sich mit den Bloodcats verbunden.“

Theia knurrte, als er diese Schweine erwähnte.

„Ja, ganz genau.“, nickte Beliar langsam. „Sie lagen richtig

mit ihrem Gefühl, Theia. Sie hatten von Anfang an Recht, was

die Föderierten betraf: man konnte ihnen nicht trauen. Ich

dachte, wir könnten eine Vereinbarung mit ihnen aushandeln,

vielleicht sogar Frieden. Aber sie haben uns an die Bloodcats

verraten, niederträchtig und feige. Haben uns abgelenkt und

unseren Totfeinden geholfen, unsere Festung zu überrennen.

Alles, was jetzt noch zählt, ist blutige Rache, Theia. Blutige

Rache, um die Föderierten zu stoppen.“

„Blutige Rache.“, wiederholte sie Monoton. „ist nichts, was

uns aus dieser Situation retten kann. Wir müssen die Kontrolle

über unsere Erzanlagen zurückerlangen, Beliar. Über die Festung!“

„Uns kann nichts mehr retten, Theia. Es geht hier nicht mehr

nur um unsere hiesigen Truppen. Um unsere Festung. Wir sind

egal. Das Erz ist egal. Es geht jetzt nur noch darum, dass weder

den Bloodcats, noch den Föderierten die Waffe in die

Hände fällt, von der die Breen berichteten. Verstehen sie,

Theia? Sie mögen sich davor fürchten, was mit unserem gan-


zen Clan geschieht, wenn die Erzlieferung für die Heimatwelt

ausbleibt. Und somit die Waffenproduktion für unseren Widerstand

gegen das Königshaus. Ich fürchte mich davor, was

passiert, wenn Vesta mit etwas ganz anderem als dem Erz zur

Heimatwelt zurückkehrt! Keiner dort weiß, was hier geschehen

ist. Was hier geschieht. Keiner dort erwartet solche Zerstörungskraft

wie die, die wir gesehen haben. Wir sind nun auf

uns allein gestellt. Sind nicht länger ein Schürfposten, sondern

die letzte Hoffnung für unseren Clan. Unseren Krieg. Und

D’Agosta ist der Schlüssel. Er weiß von der Waffe. Er weiß

wo sie ist, hier auf dem Mond. Das hat er selbst gesagt. Vermutlich

befindet er sich genau in diesem Moment auf dem

Weg zu ihr. Und wenn der sie erst einmal hat, ist alles vorbei!

Dann haben wir den Kampf tatsächlich verloren. Dann werden

die Bloodcats die Kinjal wieder in die Knechtschaft zwingen,

aus der wir so hart zu entfliehen versuchen.“ Sein Kiefer

mahlte. Theia war sehr still geworden. „Ich will das hier doch

genauso wenig wie sie, Theia.“, sagte er. „Ich bin ein verzweifelter

Mann. Ein kalter Mann. Aber nicht ohne Sinn für Moral.

Ich würde den Befehl zur Jagd auf die Föderierten nicht geben,

wenn es nicht sein müsste. Wenn sie uns nicht... betrogen

hätten. Wenn sie uns nicht wieder betrügen würden.“

Theia schwieg. Also mahnte Beliar mit bedrohlich leiser

Stimme: „Diese Frau... diese Shannyn... sie hatten sie aufhalten

sollen, Theia. Erinnern sie sich? Sie hatten mir versichert,

sie würden mit ihr fertig werden. Aber sie sind gescheitert. Sie

haben sie entkommen lassen. Und sie kennen den Preis fürs

Scheitern...!“

Theia senkte beschämt den Blick, obgleich Beliar das nicht

sehen konnte. Er hatte recht, Theia hatte versagt. Diese Frau,

diese verdammte blonde Frau, hatte sie bloßgestellt, sie hatte

Theia regelrecht verspottet. In ihrer eigenen Festung! Und das

machte sie wütender, als alles, was die Bloodcats je getan hatten.

„Ich... verstehe, dass ich für dieses Desaster mitverant-


wortlich bin. Vielleicht sogar allein verantwortlich. Für den

Tod so vieler unserer Männer. Sie haben mich damit beauftragt,

die Frau zu töten, diese....“ sie spuckte den Namen regelrecht

aus: „Bartez. Ich habe versagt. Und ich bin bereit, die

Strafe dafür zu tragen.“

Beliar hustete schwer. Sein ganzer Körper schüttelte sich dabei,

er röchelte. Theia glaubte schon, er würde ersticken. Als

er sich wieder beruhigt hatte, klang er plötzlich sehr müde,

sehr schwach. „Soll ich sie bestrafen, weil ich die Föderierten

unterschätzt habe, Theia? Der Fehler lag bei mir. Ich hätte

niemals gedacht, dass diese paar Gestalten einen solchen Regen

der Vernichtung über die Kinjal bringen könnten. Ich lies

dies hier geschehen. Ich war nicht vorsichtig genug.“ Er ballte

die Faust. „Das wird nicht wieder vorkommen! Die Föderierten

mögen unserem Griff entschlüpft sein, aber wir haben ihnen

zuvor Verluste zugefügt. Sie sind angeschlagen, auf der

Flucht, – genau wie wir. Wenn wir es richtig machen, können

wir sie noch aufhalten, und vielleicht – nur vielleicht – das

Blatt sogar herumreißen.“ Seine Stimme wurde lauter, bestimmter.

Er gab ihr nun einen direkten Befehl, das wusste sie.

„Finden sie die Föderierten, Theia. Machen sie ihre Position

aus. Stoppen sie sie - mit allem was nötig ist! Und bringen sie

mir D’Agosta!“

Theia reckte das Kinn vor und schlug die Hacken zusammen,

um ihren Gehorsam zu bestätigen. „Jawohl, Beliar! Ich werde

sie nicht noch einmal enttäuschen.“

„Das hoffe ich! Ich bin nicht geübt darin, zweite Chancen zu

gewähren. Und ich will nicht bereuen, es dieses mal getan zu

haben. Das hier ist ihre Gelegenheit, sich zu rehabilitieren.“

„Rache.“, wiederholte Theia erneut, diesmal fester. Der Gedanke

gefiel ihr immer mehr. „Blutige Rache.“

Er ballte die Fäuste. „Wir haben den Krieg nicht angefangen.

Aber wir werden ihn beenden. Finden sie ihn, Theia.“, befahl

er. „Finden sie D’Agosta und bringen sie ihn hierher!“


Bergfuß

Allan D’Agosta starrte angestrengt auf den schmutzigen Datenblock,

den die noch immer humpelnde Hallie ihm vors Gesicht

hielt. Er hatte sich gerade auf einen Stein gesetzt und den

rechten Stiefel ausgezogen, um sich den schmerzenden Fuß

anzusehen. Überall bildeten sich Blasen. Das Gehen wurde

allmählich zur Tortour. Im Gegensatz zu Hallie, die sich beim

Aufprall schwer am Bein verletzt hatte, konnte er aber wenigstens

noch laufen. Andere hatten mit schlimmerem zu kämpfen,

als mit einigen Blasen, daran versuchte er sich ständig zu erinnern.

Also stülpte D’Agosta den Stiefel wieder über den Fuß

und nahm den Datenblock von Hallie entgegen. „Eine Liste

der Toten seit unserer Ankunft.“, erklärte sie leise.

D’Agosta starrte auf die Zeilen. So viele Namen.

So viele!

Hallie schabte mit dem unverletzten Bein über den Boden.

„Ich, ich dachte, jemand sollte es notieren.“

D’Agosta nickte geistesabwesend. Ein schwerer Kloss hatte

sich in seinem Hals gebildet und drohte ihn zu ersticken. Als

er sonst nichts erwiderte, fragte Hallie: „Penkala glaubt also,

dass die Shenandoah irgendwo hier runtergekommen ist? Ihren

Crashdown hatte?

„Ja.“

„Hier in den Bergen?“

„Das glaubt er zumindest.“

„Dann werden wir sie bestimmt finden. Richtig?“

Die Fragerei zehrte an seinen Nerven. Es fiel ihm schwer, sich

zu konzentrieren, nicht ständig auf die Namen auf der Liste zu

starren.


So viele Namen.

„Wir werden sie doch finden, oder?“

„Ich hoffe es.“, sagte D’Agosta langsam. Bei dem Tonfall und

der Bedächtigkeit mit der Allan sprach, lief es Hallie kalt über

den Rücken.

D’Agosta blinzelte, räusperte sich und steckte den Datenblock

sehr schnell in seinen Rucksack. Seine Bewegungen wahren

nervös und fahrig. Er sah nun zu Hallie auf und nickte eifrig.

„Ich bin sicher, dass wir sie finden. Ist nur eine Frage der Zeit.

Irgendwo muss sie ja sein.“

Hallie war nicht zufrieden damit. „Aber ihnen ist trotzdem

klar, dass das Schiff längst keine Rettung bedeutet, oder, Allan?

Ich meine... wir wissen nicht einmal, ob sie den Absturz

überstanden hat. Ist doch richtig, oder?“

„Sie hat es überstanden.“,

„Ich weiß nicht...“

„Doch doch, sie hat es ganz bestimmt überstanden.“

„Aber Allan...“

„Sie hat es überstanden!“ schnappte D’Agosta. Hallie wich

einen Schritt zurück, sah ihn bestürzt an. Wenn selbst Allan

D’Agosta die Geduld wurde, stand es schlecht um ihre Lage,

dachte sie. Er seufzte schwer und sprach dann wieder in einem

ruhigeren Ton weiter. „Tut mir... tut mir leid. Ich... Sehen sie...

Hören sie, Hallie. Wir dürfen jetzt nicht in Panik geraten.“

„Ganz recht.“, nickte Hallie.

„Es war... ein langer Tag. Es ist... es ist viel passiert. Viel

schiefgelaufen.“

„Das verstehe ich, Allan. Ich... ich glaube, sie sollten vielleicht...

eine Rede an die Crew halten oder so was.“

D’Agosta sah Hallie ein paar Sekunden einfach nur an, und

dann an ihr vorbei, zum Rest der Gruppe. Sie arbeiteten unentwegt

an den Antigravitationseinheiten. Manche hätten behauptet,

es läge an ihrer Ausbildung. Sternenflottenoffiziere

seien aus einem harten Holz geschnitzt, sie funktionierten in


Extremsituationen. Er konnte den Werbetext für die Anwerbungsprogramme

der Akademie regelrecht hören. Aber

D’Agosta vermutete, dass sie alle so eifrig arbeiten, weil sie

sich ablenken wollten. Damit sie nicht über ihre gegenwärtige

Situation nachdenken mussten. Es machte sie fertig. Ihn machte

es fertig. Denn er wusste so viel mehr als sie und über ihre

Situation...

Mein Gott.

Und seit sie hier waren, hier auf der Oberfläche, war alles nur

noch schlimmer geworden. Jeder Tag brachte mehr Verluste

mit sich, schrecklichere Entwicklungen der Ereignisse.

D’Agosta wollte einfach nur noch weg, wollte runter von diesem

Mond, wollte nach Hause, auf die Erde und all das hier

vergessen. Und er wusste genau, dass es nicht so bald geschehen

würde. Dass es vielleicht nie wieder geschehen würde. Er

sah wieder zu Hallie. „Eine Rede, sagen sie?“

„Eine aufmunternde Rede. Etwas patriotisches vielleicht, ganz

egal! Hauptsache... Hauptsache es klingt gut. Und macht

Hoffnung. Ich denke das bräuchten die Leute jetzt.“ Sie verschwieg,

dass es genau das war, was sie jetzt brauchte.

D’Agosta verzog das Gesicht. Was zum Teufel sollte er ihnen

schon sagen? Er wollte sie nicht anlügen. Wollte ihnen aber

auch nicht die Wahrheit sagen. „Ich.... ich bin nicht der richtige

Mann dafür. Nein ehrlich, Hallie, ich kann so was nicht.“

Er seufzte erneut. „Sicher, wir haben ein paar üble Tage hinter

uns. Sehr üble Tage. Aber... das ist sicher bald vor bei, ganz

sicher. Penkala wird die Shenandoah aufspüren und ich bin

zuversichtlich, dass sie größtenteils intakt ist und uns Schutz

bietet. Vielleicht sogar einen Notsender hat. Und dann ist alles

in Ordnung. Dann sind wir in Sicherheit. Warum... warum

warten wir nicht einfach ab und sehen, wie sich das ganze

entwickelt, ja?“

Hallie lies die Mundwinkel sinken. Sie wirkte plötzlich ausgelaugt

und alt.


Leise sagte sie: „Wie sie meinen, Sir.“ Es klang wie eine Mischung

aus Enttäuschung und Vorwurf. D’Agosta fühlte sich

schlecht, weil er sie abgewiesen hatte. Hallie wandte sich ab

und humpelte davon. Das schmerzende Bein zog sie nach.

Alex Penkala saß zusammengesunken in einer dunklen Ecke

am Bergfuß und nippte an einer Wasserflasche. Der Zug aus

Containern und heruntergekommenen Sternenflottenoffizieren

kam schon seit geraumer Weile nicht mehr voran. Die Antigravitationseinheiten

hatten erhebliche Probleme bei der zunehmenden

Steigung und die Techniker berieten sich im Moment.

Das hieß, dass es für Penkala und die anderen Piloten

der Arbeiterbienen nichts zu tun gab.

Neben ihm saß Arby Dorian, ein junger Pilot mit dichtem

Haar und einer viel zu kleinen Nase. Ein Grünschnabel, aber

ein sympathischer. Auf dem Schiffe hatte Penkala ihn jedenfalls

gemocht. Hier unten allerdings, auf dem Mond, ging ihm

der Bursche furchtbar auf die Nerven. Dorian verschlang gerade

mit Begeisterung eine Portion andorianisches Hueva,

dass er von Zane bekommen hatte. Eigelb vermischte sich auf

seinem Notrationsteller mit grüner Soße. Penkala wurde schon

beim Anblick schlecht. Er wandte sich ab, konnte aber noch

hören, wie Dorian sich geräuschvoll die Lippen leckte.

Sonst war niemand gut drauf. Im Gegenteil. Die Stimmung

unter den Gestrandeten war sogar reichlich mies. Die vergangenen

Strapazen zehrten an ihnen allen. Die meisten waren

aufgrund des Schlafmangels und des schlechten Essens dauergereizt,

oder emotional am Boden. Manche schienen kurz davor

zu sein, in Tränen auszubrechen. Andere hingegen schienen

sich beim kleinsten Kommentar an die Gurgel zu gehen.

Hinzu kamen die Verluste. Die waren das schlimmste. Mit Isaac

und Crocker hatten sie zwei Personen verloren, die die


Moral in der Gruppe aufrecht erhalten hatten. Sie waren

freundlich gewesen, jeder hatte sie gemocht. Jeder hatte sich

gut mit ihnen verstanden.

Smith, Nottingham und Nechayev galten als vermisst. Hier

draußen, in dieser Hölle, war das mit einem Todesurteil

gleichzusetzen. Nun, im Falle von Nechayev und Nottingham

sicher kein großer Verlust, wie Penkala fand. Er hoffte, dass

sie nie wieder zurückkehren würden. Vielleicht würden sie das

ja auch nicht. Nechayev hatte sich sowieso nicht um sie gekümmert,

war nur ihrer ominösen Operation nachgegangen,

und hatte sich dafür geholt, was sie brauchte. Den Jeep, Ausrüstung...

als sie alles hatte, war sie einfach verschwunden.

Verdammte Egomanin. Wer wusste schon, was sie überhaupt

im Schilde geführt hatte?

Aber sie mussten davon ausgehen, mit Smith ihre einzige Ärztin

verloren zu haben. Sie war mit Nechayev aufgebrochen

und seitdem hatte sie niemand mehr gesehen. Vermutlich war

sie tot. Auf diesem Mond, unter diesen Bedingungen, war dies

verheerend für alle. Garnere lag noch immer schwer verwundet

im Lazarett, mehr tot als lebendig. Hallie und viele andere

hatten ernste Verletzungen davongetragen, die sich verschlimmern

würden, ohne medizinische Versorgung. Und die

stand nicht zur Verfügung. Dadurch konnte schon ein Beinbruch

tödlich enden.

Und Fowler war geflohen, nachdem er im Suff erst Isaac und

dann einen der Amphion erschossen hatte. Das blutige Ergebnis

von Verzweiflung und Wut. Penkala atmete schwer, als er

daran dachte.

Aber die Liste war noch länger. Viel länger. Zu ihr gehörten

die kürzlich verstorbenen Offiziere Cooper Hawk und Joe Dike.

Und Dike.

Penkala konnte es noch immer nicht glauben.

Ausgerechnet Dike.


Neben ihm beendete Dorian sein Mahl, summte falling in love

with you und öffnete eine weitere Notrationspackung. Unglaublich

der Kerl! Penkala versuchte die Beherrschung zu

wahren, aber es fiel ihm schwer. Vielleicht würde er auch bald

durchdrehen, wie Fowler. Vielleicht würden sie alle bald

durchdrehen. Es lag am Warten. Das war’s. Sie konnten nichts

anderes tun als warten. Seit fast einer Stunde saß er schon in

diesem verdammten Berghang. Und es ging einfach nicht weiter.

Als Dorian erneut zu schmatzen begann, war es genug.

Bevor Penkala die Beherrschung völlig verlor und den jungen

Mann mit seinem ausschweifenden Reportoir an Beleidigungen

bekannt machte, erhob sich Penkala lieber knurrend und

wanderte ein bisschen herum – dabei achtete er sorgfältig darauf,

das Lager nicht zu verlassen. Nein nein, er blieb dicht bei

den Containern. Irgendwo musste die angestaute Energie hin,

wenn schon nicht in die Arme, dann eben in die Beine. Irgendwie

tat das Laufen gut. Er verfolgte kein bestimmtes

Muster, trottete nur so durch die felsige Gegend, ohne jemandem

zu nahe zu kommen. Ein Gespräch war das letzte, was er

mit diesen Leuten wollte. Aber das Lager war nicht besonders

groß, schon bald hatte er die Container hinter sich gelassen

und vor ihm lag der Bergpfad, der sie bis hierher gebracht hatte,

und den sie bald weiterverfolgen wollten.

Penkala blieb stehen und sah sich um.

Die Umgebung war trostlos und wenig einladend. Im Gegensatz

zur Ebene, mit den weiten Sandfeldern, die rot leuchteten,

waren die Berghänge grau und karg. Mächtige Felsen ragten

meterhoch in die Luft und umringen die Container, wie ein

Wald aus Bäumen. Sie hatten schon ein ganz gutes Stück geschafft,

und konnten die ganze Ebene überblicken. Aber allmählich

begann die Steigung des Weges drastisch zuzunehmen

und ihre Maschinen machten das nicht mit. Es hatte inzwischen

aufgehört zu blitzen, aber der Himmel war noch

immer grau und die Wolken hingen tief über den Bergen.


Was für eine Scheißgegend.

„Lieutenant?“

Penkala drehte sich um. Ramina stand vor ihm, die Stirn gerunzelt.

Er hatte sie in Gedanken versunken gar nicht herankommen

bemerkt. Oder lag es daran, dass sie nicht gewollt

hatte, dass er sie bemerkte? „Ich brauche einen neuen Phaser,

meiner ging in der Tarkonfestung verloren. Wo sind die gelagert?“

Das ging schon seit Stunden so. Ich brauche dies, ich brauche

jenes... konnten sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? „Woher

soll ich das wissen?“, blaffte er verärgert. „Verschwinden

sie!“

Ramina seufzte müde. Ramina hatte die letzten Stunden damit

verbracht, in einem Tarkonlager mit einer Wache zu schlafen,

hin und herzurennen, die halbe Burg auseinander zu nehmen

und dann die stundenlange Fahrt durch die Ebene in einem

engen, muffigen Tarkonfahrzeug zu verbringen. Sie war erschöpft.

Ihre Haut fühlte sich klebrig an, ihr ganzer Körper

stank nach Sex. Sie brauchte eine Dusche und frische Kleidung,

und Sie wusste genau, dass sie weder das eine, noch das

andere bekommen würde. Stattdessen musste sie sich mit den

weinerlichen Problemen der Leute auseinandersetzen, die keine

Ahnung hatten, was ums Überleben Kämpfen wirklich bedeutete

und nun, wo sie einen kleinen Vorgeschmack darauf

bekamen, durchdrehten.

„Chief Crocker ist tot.“, sagte Ramina bestimmt. „Die Kapsel

mit der Ausrüstung um die er sich gekümmert hatte, ist mit

ihm explodiert. Sie sind jetzt wieder der Ausrüstungsoffizier,

Penkala. Also frage ich sie noch einmal: wo sind die Phaser?“

Penkala rieb sich mit den Fingern über den Nasenrücken und

schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, deutete er auf einen

der Container. Es war der letzte des Zuges, der mit den

Kratzern an der Seite. „Dort müsste eine große blaue Kiste

drin sein, letztes Gestellt, rechte Seite. Der Code für das Zah-


lenschloss ist drei-vier-vier.“

Ramina wunderte sich nur kurz über das Zahlenschloss. Aber

es war logisch. Die anderen mussten nach Fowlers Vorfall in

ihrer Abwesenheit die Phaser weggesperrt haben. Eine vernünftige

Maßnahme. Verheerend, wenn die Tarkon plötzlich

angreifen sollten, aber vernünftig, damit sie sich nicht gegenseitig

umbrachten.

Ramina wandte sich ab und ging davon.

„Hey.“, rief Penkala nach einigen Sekunden und kam ihr hinterher.

„Warten sie.“

Sie wartete natürlich nicht.

Als er sie auf dem Weg zum Container eingeholt hatte, sah er

sich verschwörerisch um, und fragte dann leise, als er sich sicher

war, dass ihn niemand hören konnte: „Ist es wahr? Dass

Nechayev an dem Krieg zwischen den Tarkon schuld ist, meine

ich. Hat sie das angezettelt?“

Ramina nickte. „Es stimmt. Wie es aussieht, ist sie eine Allianz

mit Beliars Feind eingegangen und konnte ihn dazu bewegen

die Festung der Kinjal anzugreifen.“ Sie sah Penkala an.

„Und zwar im Namen der Sternenflotte.“

Penkala schloss für einen Moment die Augen und schüttelte

den Kopf. „Diese Schlampe! Ich hab gleich gewusst, dass sie

uns nur Ärger bereiten würde.“ Leiser fragte er nach ein paar

Sekunden: „Und Dike?“ Es klang aufrichtig, traurig.

Dike war sein Freund gewesen.

„Er hatte keine Chance.“

„Die waren zahlenmäßig überlegen, was?“

„Nein.“, schüttelte Ramina den Kopf und blieb vor der Tür des

Containers stehen. „Ich meinte, er hatte keine Chance, weil er

ein Feigling war.“ Sie öffnete die Tür und kletterte hinein.

Drinnen war es dunkel. Nur ein paar Leuchtstäbe an der Decke


spendeten schwaches Licht, zwei davon funktionierten gar

nicht. Der Rest arbeiteten nur mit halber Leistung - die Gruppe

musste Energie sparen.

Penkala folgte Ramina hinein. „He!“, machte er. „Seien sie

nicht so pietätlos. Der Mann hat versucht an der Rettungsaktion

des Mädchens teilzunehmen. Er wollte was richtiges tun

und sich beteiligen.“

„Eine blöde Idee.“, erwiderte Ramina emotionslos und trat

zwischen die Regale.

Irgendwo hinter ihr seufzte Penkala. „Ich hätte ihn niemals

gehen lassen dürfen.“

„Dann wäre er auf anderem Wege umgekommen. Dike war

dem Druck nicht gewachsen. Seien sie ehrlich, Penkala. Früher

oder später... wäre er ohnehin kollabiert.“ Ramina suchte

die Reihen aus hochgestapelten Kisten ab, bis sie die Kiste

schließlich im rückwärtigen Bereich des Containers erspähte –

genau da, wo Penkala gesagt hatte. Sie befand sich ganz oben

auf dem Regal. Ramina kam nicht ran. Sie sah Penkala auffordernd

an. „Würden sie..?“

Der Lieutenant starrte sie eine Weile an, schien zu überlegen,

ob er ihr helfen solle. Dann gab er sich einen Ruck und nahm

die Kiste herunter. Ramina nahm sie ihm aus der Hand und

legte sie unter einen der Deckenleuchten. Dann tippte sie den

Code in das Tastenfeld. Eine Bestätigung erfolgte, und das

Schloss wurde entriegelt. Ramina klappte den Deckel auf.

Penkala schnaubte, er war verärgert. Nicht einmal ein simples

Danke hatte er zu hören bekommen. Er wandte sich zum Gehen,

drehte sich dann aber noch mal um. „Sie sind jetzt die Sicherheitschefin.

Er oblag ihrer Verantwortung.“

„Wer?“

„Dike.“

„Ich habe ihn gewarnt...“, sagte Ramina beiläufig, als sie die

Energieleistungen der Phaser prüfte. Es waren insgesamt

zwölf Stück. Bei fast allen war der Energiepegel gering. Unter


den Phasern entdeckte sie jedoch etwas interessantes: eine

Handwaffe der Tarkon. Jemand musste sie nach dem Gefecht

in der Schlucht aufgesammelt haben.

„Haben wir davon noch mehr?“

„Ja, ein paar. Und ein paar erbeutete Gewehre.“

„Auch weggeschlossen, nehme ich an?“

„Ja. Die Kisten darüber. Selbe Kombination.“

Ramina legte die Phaser beiseite und nahm die Projektilwaffe

heraus. Erstaunt stellte sie fest, dass die Waffe schwerer war,

als erwartet – viel schwerer als ein Phaser. Damit konnte man

jemanden erschlagen. Sie öffnete den Munitionsklip. Zehn

Kugeln. Zehn mögliche Treffer. Das war mehr, als die Phaser

anzubieten hatten. Kurz entschlossen, sicherte sie den Abzug

und steckte die Waffe an den Gürtel. Dann schloss sie die Kiste

und schob sie in ein tieferes Regal, während Penkala weiter

nachbohrte: „Sie haben ihn also gewarnt, huh?“ Ramina unterdrückte

ein Augenrollen. Er wollte es einfach nicht sein lassen.

„Ja. Hab ich. Und er hat nicht gehört. Sein Pech.“

Als sie zum anderen Ende des Frachtcontainers wollte, stellte

sich Penkala ihr in den Weg. „Sie konnten gar nichts tun?“ Er

glaubte kein Wort. „Ihn nicht irgendwie schützen?“

„Nein, konnte ich nicht.“

„Scheint ihnen auch völlig egal zu sein.“

„Ja. Weil es das ist. Mache ich mir vorwürfe? Nein. Mache ich

mir Gedanken, ob ich etwas hätte ändern, oder für Dike tun

können? Nein. Nein, absolut nicht. Weil es keine Rolle spielt.

Überhaupt keine. Weil wir nicht in die Vergangenheit gehen

und Dinge ändern können. Ich konzentriere mich lieber auf die

Gegenwart, anstatt meine Gedanken schweifen zu lassen, klar?

Wenn sie das hier überstehen wollen, Penkala, dann sollten sie

ihre banalen Emotionen ebenfalls vergessen. Vergessen sie

den Hunger. Vergessen sie die Müdigkeit. Vergessen sie Dike.“

Sie schüttelte verärgert den Kopf und trat an Penkala vorbei.

„Er war ohnehin ein Klotz am Bein.“


„Also das ist ja wohl die Höhe! Wie können sie nur-“

Ramina wirbelte herum und starrte Penkala tief in die Augen.

Sie musste hinaufsehen, weil sie gut einen Kopf kürzer war als

er, was aber nichts daran änderte, dass sie trotz ihrer zierlichen

Gestalt gefährlicher aussah als er – vor allem in diesem Moment.

Penkala erstarb mitten im Satz.

„Ich sag ihnen, mal was, Lieutenant. Es gibt genau zwei

Gruppen von Menschen. Da sind zum einen die Schwachen.

Die ängstlichen. Sie zittern. Sie kreischen. Sie jammern in ihren

Schützengräben. Und sie rennen, sie rennen, sobald es

Probleme gibt, weil sie denken, sie könnten sterben. Zu denen

gehörte Dike. Die werden getötet. Und dann gibt es die Starken,

die nicht die Nerven verlieren, sich mit der Situation abfinden,

und bessere Entscheidungen treffen. Zu denen gehöre

ich. Zu denen gehört diese Shannyn. Zu denen gehört vielleicht

sogar D’Agosta. Oder kennen sie nicht das Sprichwort,

dass nur die Stärksten überleben, Penkala? Wir hatten alle die

gleiche Chance, als wir zur Festung der Tarkon aufgebrochen

sind. Der Unterschied lag in folgendem: Während wir alle

wussten, dass wir im Grunde bereits tot waren, und das beste

aus der Situation machten, war Dike so sehr um sein beschissenes

Leben besorgt, dass er an nichts anderes mehr dachte.

Als die Tarkon kamen, und uns überwältigten, hat er sich im

Unterholz versteckt, denn er wollte ja leben. Als wir in der

Festung waren, und einen Ausweg suchten, kam er uns nicht

zu Hilfe, denn er wollte ja leben. Und als uns dann tatsächlich

die Flucht gelang, und er unser Fahrzeug sah... da kam er

plötzlich aus seinem Versteck, schrie um Hilfe, und rannte uns

hinterher – denn er wollte ja leben. Er wollte so sehr leben,

dass er völlig vergaß oder verdrängte, was für ein ideales Ziel

er für die Tarkon darstellte, die uns verfolgten. Peng. Peng.

Peng. Tot.“ Sie beugte sich vor, so weit, dass sich ihre Nasenspitzen

fast berührten – auch wenn sie gut einen Kopf kleiner

war als er. „Suchen sie sich aus, zu welcher Gruppe sie gehö-


en möchten, Penkala.“

Damit trat sie zu einem Regal und nahm einen Rucksack aus

dem entsprechenden Ausrüstungsfach. Sie stopfte zunächst ein

paar Leuchtfackeln hinein, langte in die Notrationskiste und

nahm raus, was immer sie greifen konnte. Als nächstes waren

zwei Wasserflaschen dran, dann diverse Antibiotika und eine

Thermaldecke. Und alles kam in den Rucksack. Danach untersuchte

Sie die Tricorder. Der erste ging gar nicht an. Beim

zweiten hingen Kabel aus der Bedienfläche heraus. Kaputt.

Auch der dritte zeigte keine Aktivität. Alle Unbrauchbar. Keine

Energie.

Penkala runzelte die Stirn. „Was haben sie überhaupt vor?“

„Ich will das Gebiet vor uns auskundschaften. Mögliche Gefahren

rechtzeitig erkennen. Vielleicht einen erhöhten Standort

erklettern, um das Gebiet zu überblicken und die Shenandoah

zu finden. So etwas in der Art.“

„Es ist mitten in der Nacht. Was ist mit den Unsichtbaren?“

„Dieser Amphion – Athol - meinte, sie würden hier nicht jagen.

Außerdem, nehme ich die Fackeln hier mit. Nur zur Sicherheit.“

„Sie bereiten sich gut vor.“

„Uh-huh. Das muss man, wenn man überleben will.“ Sie warf

ihm einen Seitenblick zu.

„Also schön.“, sagte Penkala und nahm ebenfalls einen Rucksack

vom Regal. Er hatte nicht genau aufgepasst, welche Rationen

Ramina in ihren gestopft hatte, also griff er ebenfalls

wahllos in die Kisten hinein und zog sich drei Tüten heraus.

Was hatte sie als nächstes genommen? Wasserflaschen. Also

nahm er sich auch zwei.

Nun war es Ramina, die mit gerunzelter Stirn fragte: „Was

wird das?“

Als er fertig war, zog Penkala den Reißverschluss des Rucksacks

zu und schnallte ihn sich um. „Ich werde sie begleiten.“

Sie betrachtete ihn skeptisch. „Das werden sie nicht. Ich geh


alleine.“

„Zu spät. Sie sagten, sie könnten überleben? Fein. Will ich

auch. Also begleite ich sie einfach. Ich glaube nämlich kaum,

dass D’Agosta zu den Leuten gehört, die einfach so akzeptieren,

dass sie tot sind, oder die nicht an ihrem Leben hängen.

So verwegen ist der nicht. Bestimmt nicht. Ich glaube viel eher,

dass er einfach nur dieser Blondine nicht von der Seite

gewichen ist, und dadurch Glück hatte. Dike hingegen hatte

keinen. Also such ich mir besser auch so jemanden, wenn ich

überleben will. Herzlichen Glückwunsch. Sie haben sich grade

freiwillig gemeldet.“

Die Schwachen scharen sich um die Starken, in der Hoffnung

Schutz zu finden, dachte Ramina. Er hatte mit dem, was er sagte,

mehr Recht, als sie bereit war zuzugeben – Ramina hatte

sich auch an Shannyn gehalten, um zu überleben. Das war der

Grund gewesen, warum sie überhaupt erst mitgegangen war,

und sie nahm an, dass dies auch auf D’Agosta und Dorak zutraf.

„Ich spiele nicht den Aufpasser. Entweder sie kommen

allein zurecht, oder gar nicht.“

Penkala spitzte die Lippen. „Aber sie kommen alleine zurecht,

ja?“

„Immer.“

„Immer?“

Ramina verharrte für einen Moment, dachte an Spiers. Zögernd

korrigierte sie: „So gut wie immer.“

„So gut wie immer ist aber nicht immer. Irgendwann haben sie

auch jemanden gebraucht. Und ich brauche jetzt sie. Denn

wissen sie was?“ Er marschierte zum anderen Ende des Containers,

und nahm einen Phaser aus der Kiste. Ramina hatte

ihn zuvor in der Hand gehabt, damit konnte man höchstens 2

Schuss abfeuern. Das schien ihn nicht zu stören. „Wenn ich

noch ein Paar Minuten mit diesen Typen da draußen verbringen

muss, laufe ich wie Fowler Amok und schieße um mich.

Da sie die Sicherheitschefin sind, dürfte das wohl kaum in ih-


em Interesse liegen.“

„Sofern sie nicht auf mich feuern, ist es mir völlig egal.“, sagte

Ramina.

„Aber es garantiert ihnen niemand, dass ich nicht auf sie feuere.“

Penkala befestigte den Phaser an seiner Uniform. „Also

müssen sie ein Auge auf mich werfen. Das geht schlecht,

wenn sie nicht da sind.“

Sie seufzte. Es war Ramina inzwischen völlig klar, dass sie

Penkala nicht mehr abwimmeln konnte. „Sie halten die Klappe?“

„Ein wenig Ruhe wird mir gut tun.“, nickte Penkala.

„Sie tun, was ich sage?“

„Natürlich.“

Ramina seufzte. „Kommen sie.“ Gemeinsam gingen sie nach

draußen.

Judy sah zu, wie die Techniker die Faltverbindungsstangen

und Energieleitungen der Container prüften.

Die Halteseile wurden straffgezogen. Judy bemerkte an einer

Stelle, wo es bei den Energieleitungen zu einem Kurzschluss

gekommen war, schwarze, verkohlte Streifen. Einige Leitungen

waren geborsten. Man musste sie ersetzen und daran

machten sich die Techniker gerade zu schaffen.

Der Zug hatte sich nun schon seit einer ganzen Weile nicht

mehr bewegt und Judy begann sich allmählich zu langweilen.

Ständig ging irgendwas kaputt, ständig kam es zu Problemen,

die alles verzögerten.

Sie stöhnte entnervt, und durchquerte das Container-Lager auf

der Suche nach Athol. Dabei bemerkte sie, wie sie verfolgt

wurde. Der Sicherheitsoffizier – ein älterer Ensign namens

Moru -, gab sich alle Mühe es unauffällig aussehen zu lassen,

aber er verfolgte sie eindeutig. Judy rollte mit den Augen und


eschloss, sich nicht weiter zu kümmern. Dann fand sie endlich

Athol. Er kniete zusammen mit den anderen beiden

Amphion an der Felswand und sammelte Kräuter. Judy fragte

sich, was sie wohl als nächstes zubereiten würden. Das letzte

Mahl hatte in der Hauptsache aus kleinen wildwachsenden

Kartoffeln, die Katsumbe genannt wurden und wie verschrumpelter

Spargel aussahen, aus dem Wald wachsenden

Osta und Modoke, Blättern von wildem Miniok, sowie verschiedenen

Arten von Insekten bestanden. Raupen, Würmer,

froschartige Tiere... man musste immer mit allem rechnen,

wenn die Amphion ihren Kochtopf füllten. Den Wissenschaftlern

nach enthielt diese Nahrung zwar doppelt so viel Eiweiß,

wie Beefsteak, aber sie bekam den verwöhnten Mägen der

Flottenoffiziere nicht besonders. Niemand war begeistert. Aber

da sich ihre Vorräte dem Ende neigten, nahmen sie die

Hilfe der Amphion dankbar an, wenn auch mit einem blubbernden

Magen und blasser Haut.

Athol sah kurz auf, als er Judy bemerkte und begrüßte sie mit

einem bedächtigen Nicken. Das Mädchen lies sich neben ihn

fallen. „He, was machst du da?“, fragte sie. „Glaubst du, dass

man diese Beeren da essen kann?“ Sie zeigte auf einen kleinen

Strauch, der direkt aus einem der Felsen herauszuwachsen

schien. Judy sah an den Zweigen etwas, dass sie entfernt an

Trauben leuchtendroter Beeren erinnerte.

„Nein.“, sagte Athol nur.

„Nein und... weiter? Du bist so schweigsam, seit wir von den

Tarkon kommen. Stimmt was nicht?“

Athol seufzte und setzte sich ruhig hin. Er sprach langsam –

Er sprach immer langsam, als wäre er dumm. „Verzeih mir.

Ich... fühle mich nicht gut. Die Beeren dort sind eine Falle.

Ein Lockvogel der fressenden Felsen.“

Judy zog schnell ihre ausgestreckte Hand zurück. „Das ist

auch ein fressender Felsen?“ Sah gar nicht so aus.

Athol nickte lediglich.


„Hm.“, machte Judy. Der Fels sah wirklich genauso aus, wie

alle anderen auch. Er war durch nichts von den übrigen zu unterscheiden.

Wo zum Teufel durfte sie überhaupt noch hingehen?

„Toll.“, schnappte sie. „Ein ganzer Mond und ich kann trotzdem

nicht frei treten. Überall Gefahren, überall Verbote. Hier

ist es also auch nicht anders, als auf der Shenandoah. Nur dort

wurde ich wenigstens nicht verfolgt.“

„Verfolgt?“

„Siehst du den Typ da?“ Sie blickte zurück ins Lager, wo der

Sicherheitsoffizier schnell den Kopf drehte und sich mit was

anderem zu beschäftigen schien.

„Der folgt mir. Die ganze Zeit über.“

„Warum sollte er so was tun?“

„Weil ihn zweifellos mein Dad beauftragt hat. Weißt du, das

ist so unfair! Er macht so was immer. Immer! Er glaubt er

könnte mich...“

„Judy.“, unterbrach Athol. Er verzog das fleischige Gesicht

und hielt sich den Bauch. Erst jetzt bemerkte Judy, dass er

blasser war als sonst. Viel blasser. Und die Hautverfärbungen

in seinem Gesicht waren nicht mehr dunkelrot, sondern gingen

nun ins Lila über. Irgendwie sah er nicht gesund aus. „Verzeih

mir, aber ich muss mich hinlegen.“

„Ist... ist alles okay?“

„Ja. Aber ich muss ruhen.“

Er erhob sich stöhnend und wankte dann fort. Judy sah ihm

wütend nach. Selbst Athol hatte keine Zeit mehr für sie. Sie

biss sich auf die Lippe, verschränkte die Arme vor der Brust

und warf dem Sicherheitsoffizier einen bösen Blick zu.


Gordon

„Jerry! Jerry, würden sie mir... würden sie mir einen Hydroschraubenschlüssel

holen?!“ Gordon kniete vor dem Hauptcontainer

in der Mitte des Gespanns - der die Energieversorgung

für die Anti-Gravitationseinheiten sicherstellte. Die Seitenklappe

stand offen, und im Innern sah man ein kompliziertes,

blinkendes Geflecht aus Kabeln, Röhren, Leitungen und

Sonden.

Um Gordon herum waren ein halbes Dutzend Techniker versammelt,

die alle auf das ausgebreitete Chaos vor ihm auf den

Boden starrten und wilde Spekulationen anstellten. Sie hatten

alles auf der Kieselerde ausgebreitet. Blaupausen, Datenblöcke,

ja sogar auf Papier gekritzelte Konstruktionszeichnungen

und ellenlange mathematische Belastungsberechnungen. Elektronische

Komponenten und Stapel von Werkzeugen türmten

sich auf. Gordon wühlte in dem Haufen und zog schließlich

ein Blatt Papier hervor, dass er nachdenklich betrachtete.

Hinter sein Ohr hatte er einen alten, angeknabberten Bleistift

gesteckt, mit dem er ziemlich verrückt und anachronistisch

aussah. „Da, schaut her.“ Er zeigte es allen. „Nicht schlecht

was? Habs selbst entworfen.“

Die Leute sahen sich die kryptischen Codes und

Programmzeilen an. „Stoßdämpfer für die Anti-Grav-

Einheiten?“, erkannte Jerry.

„So kann man das auch nennen.“, brummte Gordon und deutete

auf die Formel. „Wir müssen die Dinger nur leicht umprogrammieren.

Dann sind wir das Problem mit den heftigen Stößen

los.“ Er hatte diese Programmroutine schon einmal geschrieben,

als er noch auf der Akademie unterrichtet hatte. In


den Computersimulationen hatten die Antigraveinheiten Frontalzusammenstöße

mit Shuttles auf einem viertel Impuls problemlos

standgehalten, mit nur sehr geringem Schaden. Das

Computerprogramm war von Sternenflotten-Ingenieueren

entwickelt, dann aber aufgegeben worden und Gordon hatte es

genommen und modifiziert. „Natürlich hat die Sternenflotteningenieursabteilung

das hier aufgegeben – es war eine gute Idee.

Ein Ingenieurskorps darf doch keine guten Ideen haben,

das könnte ja zu guten Produkten führen.“ Er seufzte. „Im

Computerprogramm haben wir Container und Gewichte auf

den Einheiten 10 000 mal gecrasht: entwerfen, crashen, modifizieren,

wieder crashen. Keine Theorie, nur testen. So wie es

sein soll.“ Gordons Abneigung zu Theorien war legendär. Seiner

Ansicht nach, war eine Theorie nichts anderes, als ein Ersatz

für Erfahrung und war von jemand in die Welt gesetzt

worden, der keine Ahnung hatte, wovon er sprach.

„Wozu sollen wir das einbauen? Die Erschütterungen sind

doch gar nicht das Problem?“, sagte ein junger Techniker namens

Rayne.

„Ach so. Ist das deine Entscheidung? Bist du jetzt der Designer?

Halte dich einfach an die Pläne. Ihr alle! Das hier könnte

ein Teil unseres Problems lösen, vertraut mir.“

Gordon betrachtete die Pläne noch einmal. „Nicht schlecht,

wenn ich das selber sagen darf. Wir werden das versuchen.“

Er stand auf und klatschte in die Hände. „Na los, wir haben

nicht die ganze Nacht Zeit.“ Die Techniker schnappten sich

Gordons Kritzeleien und machten sich murmelnd und kopfschüttelnd

an die Arbeit, gerade als D’Agosta den Container

entlang kam. Er hielt auf Gordon zu und versuchte leise zu

sein, um die anderen, die im Schlafcontainer ruhten, nicht aufzuwecken.

„Wie sieht’s aus?“

„Wir probieren gerade etwas neues.“

„Wo liegt denn das Problem?“

„Das Problem ist die Sternenflotte.“, sagte Gordon. „Baut Sa-


chen, die den Normen entsprechen. Den Sicherheitsbestimmungen.

Kein Risiko. Keine Innovation.“

„Mr. Gordon...“

„Der Aufstieg ist schwer. Wir sind noch am Fuß der Berge

und des Passes, aber es wird langsam steiler. Die Grav-

Einheiten werden stark beansprucht, für diese Aufgaben sind

sie nicht konzipiert. Wieso sollten sie es auch sein? Die Sternenflotte

nimmt an, dass man in so einem Fall, in so einer Situation,

den Transporter benutzt und keine Grav-Einheiten.

Wer würde auch Grav-Einheiten verwenden, um tonnenschwere

Containter einen Pfad hinaufzuhieven. Also bauen sie

die Teile erst gar nicht für diese Möglichkeit.“ Er schüttelte

frustriert den Kopf. „Aber ich denke ich habe was. Wir rüsten

die Einheiten nun mit neuen Programmzeilen auf, welche die

Stöße dämpfen. Dadurch wird die Belastung gesenkt. Keine

Ahnung, ob’s reicht. Wir müssen es ausprobieren. Das ist aber

nicht das Problem.“

„Was ist das Problem?“, fragte D’Agosta.

„Das Problem ist die Energieversorgung.“, antwortete Gordon.

„Die bereitet mir wirklich Kopfschmerzen. Wie sie wissen, ist

der ganze Zug hier, alle Container, mit Energietransferkabeln

verbunden, die ihre Energie von einer Zentralstelle im Mittelcontainer

erhalten und dann die Antigravitationseinheiten versorgen,

die wir außen angebracht haben. Und die Zentralstelle

erhält ihre Energie von einigen Sternenflotten-Sonden, die wir

gefunden haben und deren Energievorrat wir für unsere Zwecke

anzapfen. Aber sehen sie, die Grav-Einheiten halten die

Container nur in der Luft. Aber sie bringen sie nicht vorwärts.

Das sollten die Arbeiterbienen machen, die müssen den ganzen

Container-Gespann, ziehen. Aber die Energiespeicher der

Bienen sind schon wieder so gut wie leer, wir mussten ja

durch die komplette Ebene durch. Wir haben zwar Solarzellen

auf den Bienen, aber mitten in der Nacht nutzen die uns nichts.

Und der Energieverbrauch für den Aufstieg hier ist enorm,


wissen sie? Sowohl für die Bienen, als auch für die Anti-Grav-

Einheiten. Ich werde die Bienen also auch an die Zentralstelle

ankoppeln müssen, damit sie ihre Energie von dort erhalten,

sonst kommen wir ja nicht vorwärts. Das frisst Ressourcen.

Unmengen an Ressourcen. Ich denke mit unserem gegenwärtigen

Energievorrat schaffen wir es den Bergpass erst mal ein

gutes Stück hoch, wenigstens zur Hälfte, aber dann...? Wie gesagt,

die Anti-Graveinheiten werden stark belastet. Und wir

haben nur noch drei Sonden, deren Energievorrat sich auch

recht schnell erschöpfen. Schätze das reicht, um den Gespann

eine Weile in der Luft zu halten. Vielleicht für fünf Kilometer

oder so. Wenn wir die Programmzeilen einfügen, dadurch die

Stöße dämpfen, und hier und dort etwas modifizieren, kann

ich vielleicht auch sieben rausholen. Im besten Falle acht.“ Er

schüttelte den Kopf. „Das war’s dann aber.“

„Soll heißen, wenn wir die Shenandoah nicht innerhalb der

nächsten Acht Kilometer..-„

„Sieben.“, unterbrach Gordon. „Rechnen sie höchstens mit

sieben. Acht Kilometer sind ein hypothetisches Wunder. Würde

keine Wetten auf Acht geben.“

„Sieben dann.“, korrigierte sich D’Agosta. „Wenn wir die

Shenandoah also in den nächsten Sieben Kilometern nicht finden,

fallen die Grav-Einheiten aus...„

„...und wir müssen die Container und einen Großteil der Ausrüstung

aufgeben.“, nickte Gordon. „So sieht’s aus.“

D’Agosta seufzte und rieb sich den Nasenrücken. Es war

frustrierend. Seit ihrem Absturz, hatte sich ihre Lage kontinuierlich

verschlechtert und es gab keine Anzeichen, dass sie

sich verbessern würde. Es zehrte an ihnen allen. Die Anstrengungen,

die Rückschläge. Insgesamt war die Moral so tief, wie

sie nur sein konnte und allmählich verloren die Leute ihre

Hoffnung, was sich verheerend für sie alle auswirken würde,

wenn es so weiter ging. „Kann es noch schlimmer kommen?“,

meinte er niedergeschlagen.


„Nun ja, wir müssen erst mal sehen, ob wir es den Berg überhaupt

hoch schaffen.“, entgegnete Gordon. „Ich bin guter Dinge,

aber eine Garantie gebe ich nicht aus.“

D’Agosta blickte zu den Arbeiterbienen, die die Container zu

ziehen versuchten. Aktuell standen sie ruhig, da die Techniker

sie erst an die übrige Energieversorgung anschließend mussten,

und die meisten noch an den Grav-Einheiten arbeiteten.

Das würde das Problem aber nur aufschieben, nicht lösen. Sie

brauchten irgendwas kräftigeres für den Gespann, dachte

D’Agosta, irgendwas mit Bodenkontakt. Eine robuste, kräftige

Zugmaschine. „Jetzt könnten wir das Raupenfahrzeug der

Tarkon gut brauchen.“

„Moment mal.“ Gordon blinzelte. „ Wovon reden sie denn da?

Raupenfahrzeug? Welches Raupenfahrzeug?“

„Was glauben sie, wie wir sie eingeholt haben?“, fragte Allan

leicht erstaunt. „Wir kamen mit einem entwendeten Fahrzeug.

Von der Tarkon-Festung.“

„Natürlich!“, rief Gordon plötzlich, sehr aufgeregt. „Sie mussten

die Ebene ja mit einem Fahrzeug durchqueren, um uns

einzuholen. Das habe ich völlig vergessen! Ein Raupenfahrzeug,

sagten sie? Was für eins?“

„Na, es ist Geschichte.“, erwiderte D’Agosta. „Das Ding hatte

einen Kurzschluss im Elektroantrieb, oder so was. Haben es

nicht wieder hinbekommen. Wir haben versucht auf den

Verbrennungsmotor umzuschalten, aber... der Treibstoff war

alle. Das letzte Stück mussten wir also zu Fuß zurücklegen.“

„Das Fahrzeug hat zwei Motoren?“, fragte Gordon. „Wirklich

zwei?“

„Ja.“

„Welcher Art war der Elektromotor? War’s überhaupt einer?“

Allan sah sich nach Shannyn um. Er erspähte sie in der Nähe

und bedeutete ihr durch einen knappen Wink zu ihnen zu

kommen. „Hatten wir einen Elektromotor?“, fragte er.

Shannyn schaute verwirrt.


„In dem Tarkon-Fahrzeug, meine ich.“

Gordon fragte: „Was war das für ein Kurzschluss?“

„Ich weiß nicht genau.“, sagte Shannyn. „Wir sind durch eine

Pfütze, oder so etwas gefahren. Danach gingen alle Geräte

aus.“

„Na und? Vielleicht ist der Motor noch...“

„Nein.“, sagte Shannyn und schüttelte den Kopf. „Bei einem

solchen Kurzschluss würden die Sicherungen durchknallen.

Das Fahrzeug lief bis zu diesem Zeitpunkt nur noch auf Elektrobetrieb,

die Verbrennungsmotoren waren leer. Da geht gar

nichts mehr.“

„Glaube ich nicht.“, sagte Gordon. „Haben sie versucht den

Schutzschalter umzulegen?“

Shannyn und D’Agosta tauschten einen Blick. Sie fragte:

„Schutzschalter?“

„Das ist keine Sternenflotten-Technologie...“, erinnerte

D’Agosta.

Gordon winkte ab. „Spielt keine Rolle. Das hat nichts mit unterschiedlichen

Spezies zu tun – zumal die Tarkon sich ohnehin

nicht so sehr von unseren Vorfahren unterscheiden -, sondern

mit Vernunft. Jeder Ingenieur mit ein bisschen Grips,

würde dafür Sorge tragen, dass seine Maschine nicht bei der

kleinsten Berührung mit Wasser in die Werkstadt muss.“

„Dann kann es also sein, dass das Fahrzeug noch läuft?“

„Ja.“, nickte Gordon. „Wahrscheinlich, wenn man den Schutzschalter

wieder umlegt.“

„Und wo soll der sein?“

„Woher soll ich das wissen? Bin ich ein Tarkon?“

„Sehen wir nach.“, sagte Shannyn und ging bereits zu ihrem

Rucksack.

„Es ist mitten in der Nacht, Shannyn. Die letzten Leuchtstäbe

hat Ramina mitgenommen, wir haben keine Sicherheit vor den

Unsichtbaren.“

„Sagte Athol nicht, die würden in den Bergen nicht jagen?“


„Schon, aber...-„

„Bis morgen können wir keinesfalls warten, Allan.“

Gordon stimmte ihr zu. „Irgendwas müssen wir machen. Die

Anti-Grav-Einheiten fressen Energie. Wir können sie nicht

einfach abschalten und die Container abstellen. Wer weiß, ob

wir sie je wieder in die Luft bekämen. Die Geräte sind so angeschlagen,

dass ich es ihnen nicht zumuten will. Solange wir

uns also nicht weiterbewegen, verschwenden wir hier wertvolle

Ressourcen.“

D’Agosta entschied: „Shannyn, ich gehe.“

„Über Sexismus in Überlebenssituationen können wir uns unterhalten,

wenn ich zurückkomme.“, sagte sie. „Ich mach das

schon. Bleiben sie beim Lager und passen sie auf, dass die

Feuer brennen, um die Tiere fernzuhalten.“

„Sie sollten zumindest nicht alleine gehen.“

„Es ist sicher, Allen.“

„Aber Shannyn...“

„Außerdem sind sie keine Ingenieurin.“, warf Gordon ein.

„Ich sollte eher gehen.“

„Nein, ich mach das schon, ich bin schneller zu Fuß als sie

beide.“

„Aber-“

„Das Fahrzeug ist unsere einzige Chance den Pass hochzukommen,

vergessen sie das nicht. Wir sitzen hier auf dem Präsentierteller.“,

sagte sie und verschwieg dabei, dass die Tarkon

ihr Bombardement vor kurzem beendet hatten. Dies konnte ein

gutes, aber auch ein sehr schlechtes Zeichen sein. Wenn Beliar

es geschafft hatte den Angriff der Bloodcats zu überleben, und

nun die Gelegenheit fand, sich nach denen umzusehen, denen

er den ganzen Schlamassel erst zu verdanken hatte, waren sie

alle in Schwierigkeiten. Sie warf ihren Rucksack über ihre

Schulter, zog D’Agosta den Kommunikator von der Brust und

hielt ihn Gordon entgegen. „Das Ding funktioniert?“

„Unzuverlässig, wie ich gestehen muss.“, sagte Gordon. „Sie


können mit dem nur zu mir reden. Von einer Kommunikationsverbindung

zur anderen. Hallie hat das eingerichtet, mit

der Notbake. Aber sie ist keine Technikerin, und wir hatten

noch keine Zeit ihre Arbeit zu prüfen. Keine Ahnung, wie

groß die Reichweite ist. Dürfte nicht mehr als zwei Kilometer

sein, da unsere Empfänger zu schwach sind. Wir konnten ja

nichts anderes, als zu improvisieren, wissen sie?“

„Das muss reichen.“, sagte Shannyn. „Ich werde uns ein Zugmittel

besorgen.“

Und damit joggte sie den Pfad hinunter. D’Agosta sah ihr

nach. „Wie stehen die Chancen, dass sie es schafft?“

Gordon schüttelte nur den Kopf.


Aufgespürt

Der Kommunikator knisterte. „Gordon?“

Gordon nahm es zur Hand. „Ja, Shannyn.“

„Ich komme jetzt den Hügel runter. Ich sehe... es sind sechs.“

„Sechs was? Unsichtbare?“

„Nein. Es sind... Hören sie, ich werde es auf einem anderen

Weg versuchen. Ich sehe eine-„

Der Kommunikator knisterte.

„Shannyn?“ Dann brach der Kontakt ab.

„...-Art Seitenweg, der ... hier ... ich glaube ich-„

„Shannyn.“, sprach D’Agosta neben Gordon in den kleinen

Kommunikator. „Wir verlieren sie.“

„Gehe jetzt ... wünschen ...-„

Über Funk hörten sie ihre Schritte und noch ein anderes Geräusch,

ds ein Tierfauchen hätte sein können oder einfach nur

statisches Rauschen. Gordon senkte den Kopf und hielt sich

den Kommunikator dicht ans Ohr. Plötzlich klickte es, das Gerät

war stumm. „Shannyn?“, fragte er.

Es kam keine Antwort.

„Vielleicht hat sie abgeschaltet.“, sagte D’Agosta.

Gordon schüttelte den Kopf. „Shannyn?“

Nichts.

„Shannyn, können sie mich empfangen?“

Sie warteten.

Nichts.

„Verdammt.“, sagte D’Agosta.


Die Zeit verging nur langsam. Es war nun Nacht. Die Techniker

kümmerten sich weiterhin um den Zug, bereiteten alles für

die Weiterfahrt vor, während die anderen die Feuer um ihren

Standort am Lodern hielten. Die meisten schliefen jedoch in

Container 2, sie waren immerhin schon seit Stunden auf den

Beinen. D’Agosta hätte sich auch gerne hingelegt.

Athol, der in ihrer stand, stöhnte unregelmäßig. Vermutlich

machte ihm die Hitze zu schaffen. D’Agosta saß gegen einen

der Container gelehnt auf dem Boden, von wo aus er sowohl

seine Tochter, als auch die Passage sehen konnte, die Shannyn

genommen hatte.

Immer wieder nahm er den Kommunikator zur Hand, um

Shannyn zu rufen, erhielt aber keine Antwort. Er probierte alle

Frequenzen durch. Aber auf keiner hörte er etwas. Schließlich

gab er es auf.

Der Kommunikator knisterte. „-asse diese verdammten Dinger.

Dass die nie richtig funktionieren.“ Ein Grunzen. „Keine

Ahnung, was ... verdammt.“

D’Agosta, der an der Wand des Containers lehnte, setzte sich

auf und winkte Gordon herbei, während er den Kommunikator

packte, überglücklich ein Lebenszeichen von ihr zu hören.

„Shannyn? Shannyn?“

„Endlich.“, hörten sie plötzlich ihre verzerrte Stimme.

„Sind sie in Ordnung, Shannyn?“

„Bin ich.“

„Mit ihrem Kommunikator stimmt was nicht.“, bemerkte Gordon

leise. D’Agosta hielt ihm das kleine Gerät entgegen, damit

er besser hineinsprechen konnte. „Der Kontakt bricht immer

ab.“

„Ja? Was soll ich tun?“

„Versuchen sie den Deckel festzuschrauben. Der ist wahr-


scheinlich locker.“

„Nein, ich meine, was soll ich mit dem Raupenfahrzeug machen?“

„Was?“, fragte Gordon.

„Ich bin beim Wagen. Was soll ich tun?“

Im hellen Schein des Nachbarplaneten über ihnen, raste der

Tarkonjäger im Tiefflug die felsige Ebene entlang, genau über

den Rand des Tals. Die von Vesta zerstörte Festung Beliars,

die sie gestern nach einem langen und harten Kampf hatten

evakuieren müssen, war vor zehn Minuten unter ihnen vorbeigehuscht.

Vesta hatte ganze Arbeit geleistet, viel war von den

alten Gemäuern nicht übrig geblieben. Jetzt gab es nur noch

die erbarmungslose Ödnis der Ebene, rotes Feuerkraut und

Meile um Meile verlassener Sandwüste. Theia saß neben dem

Piloten und starrte durchs Fenster auf die vorbeiziehende

Landschaft hinunter. Dort unten gab es keine Anzeichen von

Leben, zumindest keine, die Theia sehen konnte.

Theia war müde. Sie war durstig und alles tat ihr weh. Ihr, von

den Technikern notdürftig und zweifelsfrei schlampig zusammengeflickter

Körper, schrie nach Schlaf, dem sie ihm einfach

nicht gönnen wollte. Sie hatte wichtigeres zu tun. Persönliche

Rache!

Sie verengte die Augen und fragte den Piloten: „Irgendwas gesehen?“

„Nein, gar nichts.“

„Sie sind dort irgendwo. Zu Fuß können sie nicht weit sein.“

„Dann werden wir sie finden.“ Der Pilot begegnete kurz ihrem

Blick. Theia hatte inzwischen eine neue Uniform übergezogen,

aber auch diese war staubig und Blutverkrustet. Vestas

Männer hatten ihnen kaum Gelegenheit gegeben sich in ein

sicheres Versteck zurückzuziehen. Diejenigen, die es aus der


Festung während des Angriffs geschafft hatten, konnten von

Glück sprechen. Es spielte keine Rolle. Theia war mit Beliar

nicht einer Meinung. Sie hatten den Krieg gegen Vesta nicht

verloren, sondern nur den ersten Kampf. Nun war die Zeit gekommen,

sich die Wunden zu lecken, neu zu gruppieren und

einen Gegenschlag vorzubereiten.

Doch erst... musste der Gerechtigkeit genüge getan und ein

Versagen wiedergutgemacht werden. Theia sah wieder nach

draußen. Von den Föderierten fehlte jede Spur. Aber irgendwo

dort mussten sie einfach sein! D’Agosta hatte selbst gesagt, ihr

Lager befände sich in der Wüste. Allein. Wehrlos.

Theias Mine beim hinausstarren war konzentriert und kritisch.

„Wo sind wir hier?“

„Planquadrat H-7.“

„So weit südlich?“

Der Pilot bestätigte. „Die Berge sind nur noch fünf Meilen

entfernt.“

„Abdrehen.“, befahl Theia kopfschüttelnd. „So weit können

sie nicht sein. Wir überfliegen noch mal die Ebene.“

Sie starrte wieder zur Wüste hinab. Nach einer Weile bemerkte

sie wieder den Durst. Sie griff neben sich und zog einen

Rucksack hervor. Er war zerfetzt, staubig und voller roter Flecken.

Der Gestank getrockneten Bluts ging von ihm aus. Theia

kümmerte sich nicht drum und zog eine Feldflasche heraus.

Als sie sich vorbeugte, um den Rucksack zwischen ihre Beine

zu klemmen, bemerkte sie das Blinken bestimmter Kontrolleinheiten

auf der Konsole vor ihr. Die Kommunikationssensoren!

„Sollten wir nicht Funkstille bewahren?“, fragte sie den Piloten.

„Ja, hat Beliar so befohlen.“

Theia runzelte die Stirn und schaltete den Sender ein. Das

Kontrolllämpchen leuchtete kräftig. Sie schaltete von einem

Kanal zum anderen, hörte aber nur statisches Rauschen. Fast


hätte sie es aufgegeben. Und dann eine Männerstimme:

„Shannyn? D’Agosta hier. Shannyn?“

Augenblicke später eine Frauenstimme. „Allan, haben sie

mich verstanden? Ich habe gesagt, ich bin am Fahrzeug.“

„Schon? Wie sind sie so schnell den Pfad heruntergekommen?

Wir haben Stunden gebraucht, um allein den Bergfuß hinaufzukommen.“

Theia hörte zu und lächelte.

Zum Piloten sagte sie: „Wenden!“

In den Bergen reichte D’Agosta Gordon den Kommunikator.

„Okay.“, sagte der Ingenieur. „Beeindruckende Geschwindigkeit.

Hören sie mir gut zu. Steigen sie in das Fahrzeug, beschreiben

sie mir, was sie sehen und tun sie genau, was ich ihnen

sage.“

„Alles klar.“, hörten sie Shannyn. „Aber sagen sie mir erst

mal, ist Athol bei ihnen?“

Eine kurze Pause.

Der Kommunikator klickte. „Ist er.“, antwortete nun

D’Agosta. „Warum?“

Shannyn sagte: „Fragen sie ihn, ob er ungefähr einszwanzig

große, graue Vierbeiner, mit gewölbter Stirn kennt. Sieht aus,

als hätten sie einen runden Hut auf. Und fragen sie, ob die mir

gefährlich werden können.“

Athol neben Allan nickte.

„Er sagt ja.“, erwiderte D’Agosta. „Sie sollen vorsichtig sein.

Warum fragen sie?“

„Weil ungefähr dreißig davon um das Fahrzeug herumstehen.“

Das rostige Bohrfahrzeug der Tarkon stand unter überhängen-


den Felsen. Es war Nacht, der Planet über ihr schien hell, der

Himmel war inzwischen fast wieder Wolkenlos.

Und diese Stille.

Der Wagen war direkt hinter einer Senke stehen geblieben, in

der sich am Tag noch eine große Pfütze befunden hatte. Jetzt

war aus der Pfütze ein Schlammloch geworden, nicht zuletzt,

wegen dem guten Duzend Tiere, die darin saßen und herumplanschten,

soffen und sich an den Rändern wälzten. Es waren

graue, kuppelköpfige Tiere, die sie nun schon seit Minuten

beobachtete, weil sie nicht so recht wusste, wie sie sich

verhalten sollte. Denn sie waren nicht nur am Schlammloch,

sondern auch vor, hinter und neben dem Fahrzeug. Beim

Anblick der Vierbeiner beschlich Shannyn ein ungutes Gefühl.

Sie hatte schon viel Zeit mit wilden Tieren verbracht,

Raubtierforschung war eine ihrer Passionen, ihrer

Leidenschaften. Aber gewöhnlich waren das Tiere, die sie gut

kannte. Aus langer Erfahrung wusste sie, wie nahe sie

rangehen konnte und unter welchen Umständen. Wäre das

eine Herde Weißschwanztargs, würde sie ohne Zögern

hindurchspazieren. Wenn es dagegen Graukopftargs wären,

würde sie sich nicht in die Nähe wagen. Sie hob den

Kommunikator an den Mund und sagte leise: „Irgendwelche

Vorschläge?“

Eine Pause entstand. Aus dem Kommunikator kam nur Knistern.

„Athol sagt, dass man über die Tiere kaum etwas weiß.“

„Toll. Warum jagen sie in der Nacht? Dachte die Ebene wäre

dann das Gebiet der Unsichtbaren.“

„Athol sagt, wir wären zu nahe an den Bergen. Hier gibt es

keine Unsichtbaren. Das hier ist das Gebiet der... der wie?“

Eine kurze Pause. „Der Bergböcke. So heißen sie. Aber die

Amphion wissen nichts genaues über sie. Aber wahrscheinlich

sind sie aggressiv.“

„Dachte ich mir.“ Shannyn musterte die Umgebung des Autos


und die überhängenden Felsen. Es war ein dunkles Fleckchen,

friedlich und still lag es im frühen Mondlicht.

Der Kommunikator knisterte. „Gordon meint, sie sollen versuchen,

sich ihnen langsam zu nähern und schauen, ob die Tiere

sie durchlassen.“

Sie sah sich die Tiere an und dachte: Die haben diese gewölbten

Köpfe für einen bestimmten Zweck – und sie glaubte ihn

zu kennen. „Nein danke.“, sagte sie. „Gordon soll mit seiner

Meinung bei technischen Dingen bleiben. Ich probiere etwas

anderes.“

In den Bergen fragte Gordon: „Was hat sie gesagt?“

„Sie hat gesagt, dass sie etwas anderes ausprobieren will.“

„Und was?“

D’Agosta zuckte mit den Schultern. Er sah auf, als sich jemand

näherte. Es war Judy. „Hey, Liebling, was machst du

noch so spät auf?“

„Ich kann nicht schlafen.“

„Judy, du hattest einen langen Tag. Geh am besten in den

Schlafcontainer und.-„

„Dad! Schick mich nicht immer weg. Ich... ich will jetzt nicht

alleine sein. Nicht hier.“

Das konnte er gut verstehen. Allan nickte, winkte sie zu sich

und legte Judy dann einen Arm um den Rücken, als sie sich

neben ihn setzte. Die Berührung spendete ihm vielleicht mehr

Trost, als ihr.

Sie fragte: „Wo ist Shannyn?“

„Sie holt das Tarkon-Fahrzeug.“, sagte Allan.

„Warum? Das ist doch hinüber.“

„Nein, vielleicht haben wir es zu schnell abgeschrieben.“

„Wann kommt sie zurück?“

„Weiß nicht. Gordon, wie lange wird sie brauchen für die Re-


paratur?“

„Nur ein oder zwei Minuten.“, sagte Gordon. „Vorausgesetzt,

sie findet den Motorblock. Oder es gibt überhaupt einen.“

Statisches Rauschen kam aus dem Kommunikator und dann

hörten sie Shannyn sagen: „Okay, ich bin über dem Fahrzeug.“

„Wo sind sie?“

„Über dem Fahrzeug.“, sagte sie. „Auf einem Felsen.“

Shannyn schob sich auf dem langen Felsvorsprung nach außen

und spürte, wie das Gestein unter ihr Bröckelte. Der Fels war

alles andere als stabil. Durch den Säureregen musste er sogar

höchst instabil sein. Sie befand sich jetzt etwa drei Meter über

dem Fahrzeug und der Fels unter ihr bröckelte weiter. Nur

wenige Tiere hatten zu ihr hochgesehen, aber die Herde schien

insgesamt beunruhigt zu sein. Tiere, die im Schlamm gesessen

hatten, standen auf und liefen durcheinander. Shannyn sah,

dass sie nervös mit den Schwänzen wedelten.

Sie rutschte noch weiter nach außen und unter ihr bröckelten

weitere Kiesel weg. Sie versuchte sich genau über dem Fahrzeug

in Position zu bringen. Sieht gut aus, dachte sie. Plötzlich

rannte eines der Tiere auf den Fels zu, auf dem sie saß und

rammte ihn mit voller Wucht. Der Aufprall war überraschend

heftig, der ganze Fels erzitterte und Shannyn hatte Mühe, sich

festzuhalten. Und dann brach der Felsvorsprung unter ihr ab.

Shannyn fiel. Und im letzten Moment sah sie, dass sie das

Fahrzeug verfehlten würde. Und dann schlug sie hart auf der

schlammigen Erde auf. Direkt neben den Tieren.

Der Kommunikator knisterte. „Shannyn?“, fragte D’Agosta.


Es kam keine Antwort.

„Was tut sie jetzt?“, fragte Gordon ungeduldig. Er sah zu seinen

Technikern, die an den Anti-Grav-Einheiten arbeiteten.

Wie lange standen sie jetzt schon an Ort und Stelle? Drei

Stunden? Vier? Zeitverschwendung. Zeit- und Energieverschwendung!

Jede Sekunde kostete wertvolle Reserven.

Auf einmal tippte Sanitäter Roe D’Agosta auf die Schulter.

„Sir.. haben wir noch weitere medizinische Güter als die im

Lazarett?“

D’Agosta sah fragend zu Gordon. Dieser sagte: „Tut mir leid,

was meinen sie?“

„Medizinische Güter“, wiederholte Roe. „Antibiotika,

Schmerzmittel, solche Dinge eben. Uns geht alles aus. Wir

beißen langsam auf Zahnfleisch.“

„Wir hatten noch ne Menge Ausrüstung in dem Container, der

mit Crocker hochgegangen ist, wie ich hörte.“, meinte Gordon.

„Aber jetzt... alles hinüber.“

„Was brauchen sie denn?, fragte D’Agosta.

„Alles.“, antwortete Roe. „Verbände, Morphium.... wir haben

fast gar nichts mehr. Langsam weiß ich nicht mehr, wie ich

Garnere ruhig halten soll. Er braucht dringend Schmerzmittel.“

„Fragen sie ein wenig rum.“, riet D’Agosta. Es war das einzige,

was ihm einfiel. „Kann sein, dass die Offiziere selbst

Schmerzmittel horten, für den Fall, dass es sie erwischt.“ Er

griff in die Hosentasche und zog ein kleines Hypospray – ein

Schmerzmittel - hinaus, dass er Roe gab. Auf dessen fragenden

Blick zuckte er nur mit den Schultern. „Für Notfälle.“

Der Sanitäter nickte. „Danke. Ich werd rumfragen.“ Und damit

war Roe wieder verschwunden. Allan legte Judy den Arm

wieder um. Das Mädchen fragte: „Ist der Kontakt zu Shannyn

abgebrochen?“

„Nein, der Kommunikator funktioniert.“

„Wo ist sie dann?“, fragte Judy.


Shannyn lag mit dem Gesicht im Schlamm unter dem Fahrzeug.

Sie war nach ihrem Sturz darunter gekrochen – einen

anderen Zufluchtsort gab es auf die Schnelle nicht -, und jetzt

starrte sie die Beine der Tiere an, die sich um das Fahrzeug

drängten. „Allan? Allan, hören sie mich?“, sagte sie in den

Kommunikator. Aber das verdammte Ding funktionierte wieder

nicht. Die Tiere stampften und schnaubten und versuchten

an sie heranzukommen. Dann fiel ihr ein, dass Gordon etwas

vom Festschrauben des Gehäuses gesagt hatte. Sie nahm den

Kommunikator in die Flache Hand und bildete eine Faust,

presste den Deckel so feste wie möglich auf die Unterseite.

Sofort knisterte es wieder.

„Allan?“

„Wo sind sie?“, fragte D’Agosta. Seine Stimme klang blechern.

„Ich bin unter dem Fahrzeug.“

Nun sprach Gordon: „Warum? Haben sie es schon probiert?“

„Was probiert?“

„Es anzulassen. Das Fahrzeug anzulassen.“

Shannyn seufzte. „Nein. Ich habe noch gar nichts probiert. Ich

bin vom Fels gefallen.“

„Sie haben seltsame Methoden. Aber wenn sie schon da unten

sind, können sie nachsehen, ob da ein Sicherungskasten oder

so was ist.“

„Der soll unter dem Fahrzeug sein?“

„Warum nicht?“, sagte Gordon schlicht.

Sie schob sich im Schlamm nach vorne. Es war dunkel unter

dem Fahrzeug. Sie kniff die Augen zusammen, sah aber immer

noch nicht viel. Mit einem metallenen Geräusch zog

Shannyn ihr Schwert aus der Scheide. Sie hielt die Klinge ein

wenig nach draußen, drehte sie so, dass das Mondlicht unter


den Wagen gespiegelt wurde. „Direkt hinter der Stoßstange ist

ein Kasten, denke ich. Auf der linken Seite.“

Gordon fragte: „Können sie ihn aufmachen?“

„Ich glaube schon.“ Sie kroch hin und zog am verrosteten

Riegel. Der Deckel klappte auf. Das Schwert spendete wieder

Licht. Vor sich sah sie drei schwarze Schalter. „Ich sehe drei

Schalter. Sie zeigen alle nach oben.“

„Nach oben?“

„Zur Vorderseite des Wagens.“

„Aha.“, sagte Gordon. „Interessant. Die Tarkon bauen die Teile

also doch ein. Sehen sie? Ich hatte recht. Jede Maschine ist

einigermaßen gleich. Kennt man eine, kennt man alle. Hodkins

Gesetz der parallelen Weltenentwicklung. Sagt ihnen das

was?“

„Gordon! Was soll ich tun?“

„Alle Schalter in die andere Richtung kippen. Sind sie trocken?“

„Nein, ich bin nass, von dem verdammten Schlamm, in dem

ich liege.“

„Na dann benutzen sie einen Hemdzipfel oder so was, sonst

kriegen sie noch nen Schlag.“

Shannyn schob sich ein Stückchen vor, immer weiter auf die

Stosstange vor. Ein paar der Tiere vor ihr schnaubten und stießen

gegen das Fahrzeug. Sie bückten sich und verdrehten die

Köpfe, um an Shannyn heranzukommen. „Sie haben einen

sehr schlechten Atem.“, sagte Shannyn.

„Bitte wiederholen?“

„Vergessen sie’s.“ Sie legte die Schalter um. Im Motorraum

am Heck, hörte sie ein Summen. „Okay, ich hab’s geschafft.

Der Wagen ist wieder angesprungen.“

„Sehr gut.“, sagte Gordon.

Shannyn streckte sich im Schlamm aus und betrachtete die

Füße der Tiere. Sie trampelten um das Fahrzeug herum. Sie

waren auf allen Seiten des Fahrzeuges. Und sie schienen ehe


noch aktiver und aufgeregter zu werden, stampften und

schnaubten ungeduldig. Warum diese Aufregung, dachte sich

Shannyn? Sie war keine solche Gefahr. Und plötzlich stürmten

sie alle davon, liefen am Auto vorbei und zu den Bergen hin,

wo sie verstreuten. Shannyn machte ein paar Verrenkungen,

um ihnen nachzusehen. Kurz darauf war alles still. Und deshalb

konnte sie auch das schwache Knattern eines entfernten

Tarkonjägers hören. Er kam näher.

Gordon stand auf einem Fels und starrte zur Ebene hinaus. Er

betrachtete den schwarzen Himmel, den hell scheinenden Planeten

im Orbit des Mondes auf dem sie sich befanden und

runzelte die Stirn.

Hinter ihm lächelte D’Agosta seine Tochter an. „Siehst du?

Shannyn kommt gleich zurück. Dann können wir endlich weiter.“

Judy lächelte zufrieden.

D’Agosta nahm den Kommunikator wieder vor den Mund.

„Shannyn?“

Rauschen.

„Shannyn, bitte kommen.“

Plötzlich war eine Verbindung da. „- die Feuer aus!“, sagte

Shannyn mit drängender Stimme.

„Bitte wiederholen.“

„Macht die Feuer aus! Schnell!“

„Was meinen sie?“

„Macht die Feuer aus, ich sehe sie kommen.“

„Shannyn, wir...-„

„Allan! Macht die verdammten Feuer aus!“

„Chaos am Werk.“, sagte Gordon kopfschüttelnd. Allan hörte

aus der Ebene ein seltsames Geräusch. Schnell lauter werdend.

Er drehte den Kopf. Riss die Augen auf. „Oh Nein!“, sagte er.


Es war ein einzelner Jäger, der über Shannyns Position hinwegraste

und auf die Berge zuhielt. Er konnte sie unmöglich

sehen, da das Fahrzeug noch immer unter dem Fels stand. Sie

war sicher, was aber keinesfalls für die stillstehenden Container

galt. „Allan?“

Nichts.

„Allan?“

Keine Antwort.

Shannyn kroch unter dem Wagen hervor und riss die Seitentür

auf. Im Innern des Fahrzeugs war es heiß und stickig.

„Allan?“

Noch immer nichts.

Sie griff zum Anlasser und betätigte ihn mit matschigen Händen.

Ein Tuckern war zu hören und dann ein leises Jaulen. Alle

Kontrolllämpchen am Armaturenbrett sprangen an. Shannyn

legte den Gang ein und spürte, wie er einrastete. Das Fahrzeug

machte ein unglaubliches Getöse, als sie losraste.

Der Tarkonjäger kam direkt auf ihre Position zu. Das Summen

seines Antriebes war unmissverständlich. Zumindest für Allan.

Er sah, wie sich das Flugzeug aus der Dunkelheit schälte

und schnell näher kam. Direkt auf sie zu!

Er verkrampfte, schlang seine Arme zitternd um Judy, die

noch gar nicht richtig begriffen hatte, was vor sich ging.

Ein verdammter Jäger kam auf sie zu und sie hatten Lagerfeuer

an. Drei Stück. Es war zu spät. Viel zu spät. Es würde ihnen

niemals gelingen, die Feuer auszumachen. Die anderen Warnen

konnten sie auch nicht mehr, die meisten schliefen noch,

ehe sie auf den Beinen waren, war vermutlich schon alles vor-


ei.

Gordon warf ihm einen Blick zu. „Was sollen...-?“

Jemand rief: „Alle in Deckung!“

Sie eilten hastig zum Schutz der Felsen und Container. Von

dort aus konnten sie den Jäger kurzfristig nicht mehr sehen,

aber sie konnten ihn kommen hören.

Er wurde lauter. Immer lauter.

Athol handelte als einziger geistesgegenwärtig. Er schwankte

zum ersten Feuer und trat die Zweige auseinander, lies sich

fallen und schaufelte Sand, Geröll und Kies auf die brennenden

Holzstöcke. Erstes Feuer war aus.

Roe brauchte ein paar Sekunden länger, ehe er es Athol

gleichmachte, dabei halfen ihm leise ein paar Techniker. Das

zweite Feuer war aus. Dann das dritte. Alles war dunkel.

Plötzlich schien die Nacht furchtbar Kalt zu sein.

„D’Agosta?“, fragte Gordon leise. „Was sollen wir tun?“

Allan antwortete nicht. Er saß stocksteif da, schlang die Arme

schützend um Judy und starrte ins Leere.

„Allan?“, sagte Gordon.

Das Geräusch wurde lauter. Die Techniker bewahrten Ruhe.

Niemand beging den Fehler panisch zu schreien und die anderen

zu wecken, wodurch sie erst Recht auf sich aufmerksam

gemacht hätten.

„O Gott.“, schluchzte Judy in Allans Armen.

Der Jäger brach plötzlich Mit erstaunlichem Tempo über ihren

Standort hinweg. Das Flugzeug war groß. Etwa doppelt so

breit wie ein Shuttle. Ein klein wenig länger. Statt Tragflächen

hatte es Rotorblätter. Für ein Flugzeug dieser alten Bauweise

bewegte es sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Behändigkeit.

Gordon starrte den Jäger nur stumm an und wartete,

was passieren würde. Er spürte, wie die Rotoren der Maschine

den Sand und das Feuerkraut aufwirbelten. Dennoch

wandte er den Blick nicht ab.

Judy stöhnte leise. Aber ein Bombardement, oder eine Feuer-


eröffnung fand nicht statt, der Jäger raste über sie hinweg und

verschwand links, hinter, einem Berg. So schnell, dachte Gordon.

Schnell! Das Ungetüm war aufgetaucht, kurz über sie

hinweggefegt und beinahe sofort wieder verschwunden. Gordon

wollte schon aufatmen, als der Jäger zurückkehrte, erneut

über sie hinwegraste und dann endgültig in der Ebene verschwand,

dorthin, wo er aufgetaucht war. Das Geräusch seiner

Rotoren wurde langsam leiser, bis es völlig verschwunden

war. Der Lärm hatte die anderen geweckt. Verschlafen und irritiert

trotteten sie aus dem Schlafcontainer heraus und sahen

sich verblüfft um.

Judy löste sich aus Allans Umklammerung. „Pervo!“

Gordon sah zu D’Agosta. Der junge Vater hatte sich nicht

umgedreht, um dem davonfliegenden Jäger nachzusehen. Er

saß noch immer da, mit angespanntem Körper und starrte geradeaus,

ins Leere. „Allan.“, sagte Gordon.

D’Agosta atmete flach. Erst jetzt bemerkte Gordon, dass

D’Agosta am ganzen Körper zitterte. Gordon und seine Techniker

waren erst später nach dem Absturz zu D’Agostas Gruppe

gestoßen. Man hatte ihm erzählt, wie ein Tarkonjäger über

dem Lager hinweggerast war und die Leiche des Captains abgeworfen

hatte. Anschließend war es zu einem Bombardement

gekommen, bei dem sie schwere Verluste erlitten hatten. Gordon

hatte das Artilleriefeuer nachts gesehen, aber ihm war erst

später klar geworden, dass die Tarkon damit D’Agostas Gruppe

beschossen hatten. Der Vorfall hatte offenbar Spuren bei

D’Agosta hinterlassen. Judy berührte ihn an der Schulter.

„Dad?“

„Ist er weg?“, fragte D’Agosta steif.

„Ja. Er ist weg.“

Allan entspannte sich. Er lies die Schultern sinken und atmete

lagnsam aus. Der Kopf sackte ihm auf die Brust. Dann atmete

er tief ein und hob den Kopf wieder. „Tut mir leid.“

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Judy.


„Ja. Es... ist nichts. Ich bin okay.“ D’Agosta legte seine Hand

auf die Brust, fühlte seinen Herzschlag. „Natürlich bin ich okay.

Der hier hat ja nichts abgeworfen, nicht wahr? Sind alle

in Ordnung?“

„Ist nichts passiert.“, nickte Gordon.

„Vielleicht hat er uns übersehen?“

Gordon war skeptisch „Wunschdenken.“, sagte er. „Die Felsen

schützen uns zwar einigermaßen, aber die Container schimmern

im Mondlicht. Ich bin sicher, der hat uns gesehen.“

„Na großartig.“, sagte D’Agosta. „Einfach großartig.“

Shannyn wartete, bis das Jägergeräusch verklungen war. Dann

lies sie den Wagen wieder an und fuhr ihn aus dem Schatten

eines Felsens, unter den sie ihn schnell gebracht hatte. Bis auf

das Tuckern ihres Motors war es ungewöhnlich still. Sie nahm

den Kommunikator wieder zur Hand, sah dafür nur kurz von

der Windschutzscheibe weg. „Allan?“

„Gordon hier.“

„Hat er abgedreht?“

„Ja. Ist einfach davongeflogen.“

„Ist auch wirklich nichts passiert?“, fragte sie.

„Nein, alles in Ordnung. Was ist mit dem Fahrzeug?“

„Es läuft. Ich komme zurück.“

„Okay.“, sagte Gordon. “Beeilen sie sich.”

Shannyn legte den Kommunikator wieder ab. Dabei sah sie

kurz hinter sich, wo sich die Ebene erstreckte. Der Jäger war

dorthin zurückgekehrt, wo er hergekommen war. Dabei hatte

er es offenbar sehr eilig gehabt. Und das machte ihr Sorgen.

„Jetzt die Ruhe bewahren.“, sagte D’Agosta, der auf und ab


ging. Er war nervös, nervöser als die anderen, und atmete erst

erleichtert auf, als er Shannyn aus dem Tarkon-Fahrzeug

springen sah. Sie war gerade erst zurückgekehrt. Shannyn sah

furchtbar aus. Voller Schlamm. Aber es schien ihr nichts auszumachen.

Inzwischen waren alle Mann wieder auf den Beinen.

Die Techniker koppelten die Arbeiterbiene vom Frontcontainer

ab und versuchten beinahe sofort etwas zu konstruieren,

mit dem sie das klobige Fahrzeug der Tarkon mit

den Containern verbinden konnten.

„Gordon, beeilen sie sich mit dem Fahrzeug.“, sagte

D’Agosta. „Und wir müssen Ruhe bewahren.“ Er schien mit

sich selbst zu reden. Er ging von einer Seite zur anderen,

hämmerte mit der Faust gegen seine Oberschenkel und schüttelte

unglücklich den Kopf. „Glauben sie, sie schaffen es in

einer halben Stunde?“

„Ja.“, sagte Gordon. „Denke schon. Aber warum? Was ist

los?“

D’Agosta deutete zur Ebene hinaus. „Das letzte Mal, als ein

Jäger über unsere Position hinwegraste, haben wir kurze Zeit

später was abbekommen.“ Er sah zu Judy herüber, die mit Athol

in einiger Entfernung an einem Felsen saß und so tat, als

würde sie ihnen nicht hören. Er zögerte und sagte dann:

„Glauben sie mir, wir müssen hier weg. Sobald das Fahrzeug

angebracht und Ramina und Penkala zurückgekehrt sind, verschwinden

wir.“


Judy

Judy hatte die Beine angezogen und hörte genau, was ihr Vater

und der Ingenieur Gordon miteinander besprachen. Judy

war nervös. Sie spielte mit ihren Fingern. Die Art, wie die anderen

alle redeten, machte sie nervös. Sie wünschte sich,

Shannyn wäre jetzt bei ihr. Es würde ihr gleich besser gehen,

wenn nur Shannyn hier wäre. Aber sie half gerade dabei, die

Ingenieure in die Bedienung des Wagens einzuweisen, daher

konnte Judy sie nicht sehen.

Wenigstens war Athol in ihrer Nähe. Er stand an einem Fels

gelehnt und machte ein komisches Gesicht. Überhaupt schien

er blasser zu sein, als sonst. Seine Hautfärbungen hatten nun

eine helle Tönung angenommen. Vielleicht lag es an der Müdigkeit.

Athol hatte nicht viel geschlafen, genau wie die anderen

Amphion. Genau wie Judy.

Judy dachte nicht gerne über ihre Lage nach. Sie hatte sich zusammengenommen

und nicht den Mut sinken lassen, sogar

während der Bombardierung nicht. Aber jetzt allmählich wurde

es ihr einfach zuviel. Jetzt, wo sie die Berge erreicht hatten,

aber noch immer keine Spur der Shenandoah fanden. Ihr fiel

auf, dass keiner der Leute davon sprach, wann sie das

Schiffswrack finden würden. Vielleicht wussten sie etwas.

Vielleicht würden sie es nie finden.

Allan sagte, dass sie weiterziehen mussten. Und Gordon fragte

Allan, wohin sie gehen sollten. Ob sie ihren Plan, den Pass in

die Berge zu beschreiten, wirklich weiterverfolgen sollten. Für

einen Moment fiel die Option bei den Amphion Zuflucht zu

suchen, aber D’Agosta schob den Gedanken beiseite. Vermutlich

wollte er nicht mehr in die Ebene. Judy konnte es ihm


keineswegs verdenken. Wo er denn sonst hin wolle, fragte

Gordon. Allan sagte: „Am liebsten gleich von diesem Mond

herunter, aber ich sehe nicht, wie. Ich denke deshalb, wir sollten

die Shenandoah weitersuchen. Das ist im Augenblick der

sicherste Ort.“

„Wenn wir sie finden.“, erwiderte Gordon.

Zur Shenandoah, dachte Judy. Wo Shannyn sie aus einem

brennenden Quartier gerettet hatte. Judy wollte nicht zur Shenandoah.

Sie wollte nach Hause.

Neben ihr stand Athol auf und entfernte sich langsam. Seine

Haltung war gekrümmt, er hielt sich den Magen, als er zu den

Containerreihen schlurfte, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwand.

Judy seufzte und lies den Kopf sinken. Dann endlich kam

Shannyn zu ihr. Plötzlich knurrte Judys Magen. Als hätte sie

es gewusst, zauberte Shannyn zwei Essenspakete aus ihrem

Rucksack hervor. Eines streckte sie Judy entgegen, das andere

behielt sie für sich selbst.

Judy nahm den silbernen Beutel an – auf dem Etikett stand

Hühnchen – und lächelte. Es war erstaunlich. Einfach erstaunlich.

Kaum war Shannyn da, fühlte sie sich tatsächlich um ein

vielfaches besser. Sicherer. Shannyn sank neben dem Mädchen

am Felsen herab und streckte die Beine aus. Sie schloss

für einen Moment die Augen, legten den Kopf in den Nacken

und stöhnte. Plötzlich spürte sie einfach jeden einzelnen Knochen.

Jeden einzelnen Muskel. Da half auch nichts, dass sie

gut trainiert und sportlich war: Die Strapazen der letzten Tage

forderten selbst vom fittesten Kämpfer Tribut. Judy musterte

die blonde Frau und stellte nach einer Weile fest: „Sie sehen

furchtbar aus.“

Shannyn hob die Brauen und sah Judy an. Erst grinste Shannyn,

dann musste sie Lachen. Das Mädchen fiel in das Lachen

mit ein. Ein helles, fröhliches Lachen. Es belebte Shannyns

Herz. Sie war froh, dass das Mädchen nach dem Absturz, der


Bombardierung und der Gefangenschaft bei den Tarkon noch

dazu imstande war.

Shannyn hatte die Jacke ausgezogen, aber ihre Hose und teile

ihres Haares waren noch immer voller Matsch. Sie strich mit

dem Finger ein wenig von der braunen Masse von ihrer Stirn

und tupfte Judys Nase damit, woraufhin das Mädchen noch

mehr lachen musste. „Und wie geht’s dir?“, fragte sie, nachdem

sie sich beruhigt hatten. „Kommst du mit der Situation

klar?“

„Geht schon.“, meinte Judy. „Aber ich glaube die Tarkon haben

uns wieder entdeckt, oder?“

„Ich bin ziemlich sicher, dass sie das haben. Aber denk dir

nichts. Wir sind weit von ihnen entfernt, hier können sie kaum

etwas ausrichten. Sind wir erst tiefer in den Bergen, dürften

wir es geschafft haben.“

„Wir wollen da hinauf, nicht?“ Judy nickte in die Richtung in

der sie unterwegs waren, bis die Container nicht mehr vorangekommen

waren. Je höher sie kamen, desto dunkler und bedrohlicher

sahen die aufragenden Felsen aus.

„Ja.“, entgegnete Shannyn und begann die dehydrierte Mahlzeit

zu verspeisen. „In den Bergen sind wir vor den Tarkon relativ

sicher und irgendwo dort auf dem Weg müsste die Shenandoah

liegen.“

„Wenn etwas von ihr übrig geblieben ist.“

„Daran zweifle ich nicht. Sternenflottenschiffe sind erstaunlich

robust, glaub mir.“

Judy starrte ins Leere. „Das hat meine Mom auch immer gesagt.“,

erwiderte sie langsam. „Hat ihr Shuttle trotzdem nicht

daran gehindert zu zerbrechen.“

Shannyn sah das Mädchen an. „Sie fehlt dir sehr, hm?“

„Schon, aber es geht.“, sagte Judy. „Ihm fehlt sie mehr.“

„Deinem Vater?“

Das Mädchen nickte. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.

Schließlich fragte Judy: „Sind sie geschieden?“


„Nein.“, antwortete Shannyn. „Ich war nie verheiratet.“

„Haben sie einen Freund?“

Shannyn lächelte traurig, fast bitter. „Es... ist kompliziert.“

Nun sahen ihre Augen ins Leere, wie Judys zuvor. Irgendwas

schien sie traurig zu machen. „Es ... es gab mal einen Mann

mit dem ich mein Leben verbringen wollte. Mit dem ich mich

sogar verlobt habe. Aber... manche Dinge wollen einfach nicht

funktionieren. Ich glaube, ich...“ Sie beendete den Satz nicht.

Sie sah Judy an und lächelte aufmunternd.

„Hm.“, machte Judy. „Das ist schade.“

„Ja? Und warum?“

„Nun, dann haben sie auch keine Kinder oder? Das ist schade.

Ich denke sie wären ne coole Mom.“ Für einen Moment stutzte

Shannyn, als sie etwas in Judys Augen aufblitzen sah. Erwartungen?

„Hm.“, machte nun Shannyn und sah von Judy zu D’Agosta,

der irgendwo zwischen den Containern umherhuschte. Er hatte

zu den beiden gesehen und wandte schnell den Kopf und gab

sich beschäftigt, als Shannyn zu ihm blickte. Ihre Augen verengten

sich. Sie musste erneut lächeln, sie wusste, was das bedeutete.

„Sie werden ihren Freund also nicht heiraten?“, wollte Judy

wissen.

„Nein.“

„Wen heiraten sie dann?“

„Ich glaube, ich werde niemanden heiraten.“, erwiderte Shannyn.

„Oh.“, sagte Judy. Sie schien überrascht zu sein und schwieg

eine Zeitlang. „Ich auch nicht.“, sagte sie schließlich.

„Das kannst du doch nicht wissen, Judy.“, sagte Shanny sanft.

„Es kommt meistens anders, als man denkt. Glaub mir.“

„Aber... dann können sie auch nicht wissen, ob sie niemals

heiraten.“

Shannyn sagte zunächst nichts. In ihrem Gesicht breitete sich


für einen Moment ein bitterer Schatten aus, als würde sie mehr

wissen. Wieder saßen sie eine Weile schweigend nebeneinander.

„Ja, vielleicht.“, erwiderte Shannyn etwas später.

Judy lehnte an sie, rollte sich neben ihr zusammen und schloss

die Augen. Shannyn legte den Arm um das Mädchen. Judy

sagte nichts mehr, sie war fast augenblicklich eingeschlafen.

Shannyn hob nachdenklich den Kopf und hielt nach Allan

Ausschau, konnte ihn aber in der Dunkelheit nicht noch mal

entdecken. Sie dachte an Judys Worte und plötzlich sah sie

D’Agosta in einem etwas anderem Licht, was alles ein wenig

veränderte. Sie spürte die Wärme Judys an ihrem Körper.

Shannyn schloss die Augen und schlief ebenfalls ein.


Roe

Ensign Salam humpelte, auf Dorian gestützt, aus dem Lazarett.

Er hatte frische Sachen aus den Vorräten angezogen: ein

rotes Unterhemd mit einem Pin am Kragen, und eine schwarze

Hose. Der Junge hatte ein blaues Auge, einen geschwollenen

Wangenknochen und auf der Stirn einen Schnitt, den Roe verbunden

hatte. Sein Knie war aufgeschürft. Aber er konnte auftreten

und schaffte sogar ein schiefes Lächeln.

Er war bei Schweißarbeiten von einem der Container gestürzt.

Als er nun in die Gruppe der Techniker zurückkehrte, holte er

sich Mitleidsbekundungen und liebevollen Spott ein. Roe sah

ihm nach und trat ebenfalls nach draußen, genoss die angenehm

kühle Luft. Es war später Abend. Der Himmel fast Wolkenlos.

Aber weder die Tage, noch die Nächte auf diesem

Mond waren besonders lang und allmählich litt Roe beträchtlich

unter einer Art Jet-Lag.

Im Lazarett gab es im Moment nichts mehr für ihn zu tun.

Garnere schlief und ansonsten hatten sie keine Patienten mehr.

Also stopfte Roe die Hände in die Taschen und wanderte ein

wenig durch die Gegend, um sich die Beine zu vertreten. Es

war schon dunkel, die Sonne war vor einer Weile untergegangen.

Sterne glitzerten nun am Himmel. Die Felsen sahen alle

gleich aus. Grau, furchteinflössend und befremdend.

Ein furchtbarer Ort.

Roe umrundete das Lager ziellos und erschrak beinahe, als er

eine schwarze Silhouette vor sich auf einem umgeknickten

Baumstamm erblickte. Er glaubte blonde Haare zu sehen.

„Lieutenant Bartez?“, fragte er.

Die Gestalt schüttelte den Kopf. Beim näherkommen erkannte


er Hallie. Er runzelte die Stirn. Sie hielt ein Gewehr in der

Hand und hatte bis zu seinem Eintreffen apathisch zu den

Sternen gestarrt. „Hallie. Was machen sie hier draußen?“

„Sterben, Sani.“, sagte sie traurig. Es klang furchtbar. „Ich

glaube ich werde hier draußen sterben. Auf diesem verhexten

Mond.“

Erst jetzt bemerkte er, dass sie ihr Knie hielt. Das verletzte

Bein.

„Haben sie noch Probleme mit dem Bein?“, fragte Roe.

Hallie antwortete nicht, weshalb sich Roe vor sie kniete und

die Hand ausstreckte. „Zeigen sie.“, sagte er bestimmt. „Lassen

sie mich mal sehen.“

Hallie krempelte ihr Hosenbein nur wiederwillig hoch. Trotz

der Dunkelheit, sah Roe, dass die Wunde eine graue Färbung

angenommen hatte. Es sah nicht gut aus. Ganz und gar nicht

gut. Roe berührte die entsprechende Stelle vorsichtig. Hallie

gab einen zischenden Laut von sich und zuckte kurz zusammen.

„Au.“

„Das hat sich entzündet, Hallie.“, sagte Roe. „Wenn es

schlimmer wird, könnten sie ihr Bein verlieren.“

Hallie schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, blickte

die junge Frau wütend, Tränen rannen ihr die Wange herab.

„Was soll ich denn machen?“

„Sich im Lazarett hinlegen.“, erwiderte Roe.

„Auf keinen Fall. Ich will nicht in einem Bett liegen, wenn

man uns abschießt.“

„Hallie...-„

„Vergessen sie’s! Ich will nicht enden wie Hawk. Das ist

nichts für mich, nicht im Schlaf. Dann lieber hier draußen.

Aufrecht.“

Roe konnte das sehr gut nachvollziehen. Ihm als Xenexianer

lag auch nicht viel daran im Bett zu sterben. Genaugenommen

war ihm diese Vorstellung sogar außerordentlich zuwider. Er

nickte langsam und sah Hallie ernst an. „Sie müssen das Knie


so ruhig wie möglich halten, ihm viel Ruhe gönnen.“, sagte er.

„Das Gewebe während der Tageshitze feucht und kühl halten,

jede Stunde massieren.“

„Gut, mach ich doch.“

„Machen sie’s wirklich.“

„Ich versuch’s.“

Sie versuchte seinem Blick auszuweichen, aber Roe fing ihn

ein. Seine purpurnen Augen durchdrangen sie. „Wirklich.“

„Okay.“, sagte Hallie.

Roe starrte sie noch einen Moment an, als wolle er herausfinden,

ob sie ihn anlog. Dann berührte er sie sanft an der Schulter,

erhob sich und ging zurück zum Lager, wo er sich müde

gegen die Duraniumhülle des Lazaretts fallen lies und zu Boden

rutschte, neben einem seiner Kollegen. Zane blickte nur

kurz zu ihm auf, fröstelte und zog dann die Beine an. Er

schloss die Augen wieder und versuchte zumindest ein wenig

Auszuruhen, wenn er schon keinen Schlaf fand.

Zane war Sanitäter, genau wie Roe. Der für seine Spezies extrem

blasshäutige Andorianer wirkte genauso angeschlagen

wie die anderen auch. Getrocknetes Blut klebte überall an seiner

zerrissenen Uniform. Das meiste davon stammte vom unglücklichen

Garnere. Zane hatte Smith dabei geholfen, seine

Wunden zu versiegeln, nachdem der Sicherheitsoffizier während

der Bombardierung sein Bein verloren hatte. Es war eine

lange, mühsame Operation gewesen, die ihm viele Nerven gekostet

hatte. Zane hatte seither weder geschlafen, noch gegessen.

Vermutlich war ihm der Appetit vergangen. Aber das

konnten sie sich nicht leisten, irgendwie mussten sie bei Kräften

bleiben.

Roe zog eine kleine, flache Essenspackung aus seiner Tasche.

Der Inhalt war halb geschmolzen und seltsam verbogen, aber

die Schokolade war noch essbar. Er hielt sie seinem Kollegen

hin. „Zane?“

Zane blickte auf die Tafel, rührte sich aber sonst nicht. Er sag-


te nicht mal was. Vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht, weil

er Schokolade nicht mochte. Vielleicht begriff er aber auch

gar nicht, was das war. Roe schälte die braune Schokolade aus

der Silberfolie und roch das Aroma. Trauben-Nuss. Eine Geschmacksrichtung,

die er in der zivilisierten Welt niemals angerührt

hätte. Aber hier draußen... ja, hier draußen, war vieles

anders.

Lemaire hatte ihm die Tafel gegeben. Er wusste nicht, wo sie

sie aufgetrieben hatte, und er hatte auch nicht gefragt. Roe

roch noch einmal daran, um es Zane schmackhaft zu machen,

sog dabei den Geruch, sowohl von der Schokolade, als auch

von Lemaires Parfum ein, dass daran haftete.

Dann brach er ein Stück ab und bot die Schokolade erneut Zane

an. „Iss das.“

Diesmal griff der Andorianer zu, wenn auch nur zögernd. Vorsichtig

steckte er sich den Rigel in den Mund und probierte

den Geschmack. Es schien ihm weder zu missfallen, noch

sonderlich zu begeistern. Aber er aß.

„Gut.“, sagte Roe. „In Ordnung.“

Sie saßen eine Weile nebeneinander und schwiegen. Zane sagte

schon seit Tagen kaum noch ein Wort. Er war ein guter

Freund von Isaac gewesen. Hatte sich prima mit ihr während

dem Dienst und auch während der Freizeit verstanden. Seit ihrem

Tode in der Ebene war er wie paralysiert. Ein wandelnder

Zombie. Und Roe erkannte sich darin wieder. Er zeigte dieselbe

distanzierte Zurückhaltung, die Tag für Tag, Patient für Patient

schlimmer wurde.

Ein Schutzmechanismus, dachte er. Damit sie weiterhin funktionieren

und alles schlimme verdrängen konnten. Gefühle

und Emotionen würden sie nur bei ihrer Arbeit behindern.

Nun saßen sie einfach da und beobachteten die Techniker, wie

sie die letzten Justierungen an dem Tarkonfahrzeug und den

Antigravitationseinheiten vornahmen.

„Hey.“, brach Zane nach einer Weile das Schweigen. Seine


Stimme klang brüchig. „Wie nennt man noch mal diese Wunderheiler?“

Offenbar wollte er reden.

„Von Xenex?“, fragte Roe.

„Genau. Wie nennt man die?“

„N´don. Meine Großmutter war eine N´Don.“

Zane hob die Brauen. „Deine Großmutter?“

Roe nickte.

„Wirklich?“

„Ja. Wirklich. Sie hat durch Handauflegen viele Leute gesund

gemacht in Roe – der Stadt in der ich aufgewachsen bin. Sie

konnte...“ Er seufzte. „Sie konnte alles heilen. Einfach alles.“

„Deine Großmutter hat das gemacht?“, fragte Zane erneut.

Roe nickte.

Und nun lächelte Zane humorlos. „Ach, du verarschst mich.“

Er sah wieder zu den Technikern.

Roe sagte leise: „Ich weiß noch, dass sie viel gebetet hat.“

„Ja, das war wohl auch nötig.“

„Sie hat mit den xenexianischen Göttern darüber gesprochen,

wie man Krankheiten besiegt.“, sagte Roe und fuhr sich durch

das schwarze Haar. Es war verfilzt und sicherlich ziemlich

durcheinander. Er versuchte es hinzubekommen. Wie sah er

nur aus? Seit dem Absturz hatte er keinen Spiegel mehr gesehen.

Den anderen standen bereits Drei-Tage-Bärte im Gesicht.

Roe kratzte sich am Kinn und spürte ebenfalls kleine Bartstoppel.

Er seufzte. Dann sagte er: „Sie hat sie gebeten, sie

wegzunehmen. Die Krankheiten, meine ich.“ Er lächelte bei

der Erinnerung an seiner Großmutter. Ein trauriges Lächeln.

Er sah zu Zane rüber. „Hat sie wirklich gemacht.“

Zane seufzte. „Weißt du was? Ich möchte mal wissen, warum

ich zum Sani gemacht wurde.“ Er schüttelte den Kopf. „Ausgerechnet

ich. Wieso? Dabei wollte ich immer zu den Biologen.

Aber nein. Ein versauter Test, ein einfaches Fingerschnipsen

und jetzt sind sie Sani. Ich hab die Schnauze voll

davon, Sani zu sein.“ Er wartete ein paar Sekunden. Als keine


Antwort von Roe kam, stieß er ihn an. „Hey. Was ist mit dir?

Warum bist du Sani?“

Roe gab keine Antwort, weil er sah, wie Athol auf sie zuwankte.

Der Ampfhion keuchte, stürzte vor ihnen auf die Knie und

brach zusammen. Roe und Zane waren sofort auf den Beinen.

Das dumpfe Vibrieren des alten Antriebes hatte eine einschläfernde

Wirkung – genau wie der Rest des heruntergekommenen

Transportschiffes - und Roe wäre wohl schon vor einer ganzen

Weile eingenickt, wenn er nicht viel zu distanziert gewesen wäre,

um überhaupt so etwas wie Müdigkeit zu empfinden. Es bereitete

ihm fast selbst Sorgen. Roe war nun seit drei Tagen ununterbrochen

auf den Beinen, seit ihrem Abflug, und er empfand

nicht das kleinste bisschen Müdigkeit. Und auch sonst... Da war

nichts, gar nichts. Nur eine merkwürdige Leere, die ihm den Magen

auch weiterhin zuschnürte, und ihn keinen klaren Gedanken

fassen ließ. Von sinnigen Worten ganz zu schweigen.

„Wir haben uns hier versammelt, um... um... ach, verdammt.

Computer, zurück auf Anfang.“

So ging das nun schon seit einer halben Ewigkeit.

Er startete die Aufzeichnung, brach sie sofort wieder ab, setzte

sie zurück, und begann das gleiche Spiel von vorn. Nun lehnte er

sich im Quartier zurück, und betrachtete das Portrait seines Bruders

zum X-ten Mal auf dem Computerbildschirm. Es flackerte

leicht, doch dann stabilisierte sich der Energiefluss wieder,

nachdem der Captain die Systeme umgeleitet oder vermutlich

einfach nur gegen die Konsole getreten hatte. Roe nahm derartige

Fluktuationen kaum wahr. Er war auch so schon schwer aus

der Ruhe zu bringen, aber seit man ihm letzte Woche vom Tod

seines Bruders informiert hatte, waren solche kleinen Ärgerlichkeiten

sogar noch weiter in den Hintergrund seiner Aufmerksamkeit

gerückt.


Er musterte das Gesicht sehr aufmerksam, als würde es ihm Einzelheiten

über G'landr verraten können, die Roe bisher entgangen

waren. G'landr war ein ziemlich attraktiver Xenexianer gewesen,

mit den gleichen, nur jüngeren Gesichtszügen, die auch

Roe auszeichneten. Und die beiden Brüder hatten dieselben purpurnen

Augen. Einzig G'landr’s Haut war deutlich matter, ledriger,

was der xenexianischen Sonne zuzuschreiben war, unter der

er viel Zeit verbracht haben musste.

Musste...

Roe schnaubte.

Nicht mal das wusste er über seinen Bruder. Hatte er draußen

gearbeitet? Was hatte er überhaupt gearbeitet? War er im Ödland

gewesen? Hatte er den Ritus bestanden?

„Computer...“

Ein Klacken war zu hören. „Bereit.“

„Gibt es irgendwelche Zusatzinformationen über G'landr -, von

denen in der Föderations-Registrierungskarte abgesehen?“

Die Maschine ratterte einen Moment. Dann: „Negativ.“

Roe seufzte. „Warum fällt mir das hier nur so schwer?“

„Keine Informationen verfügbar.“

„Ich habe nicht mit dir gesprochen.“

Er wandte den Kopf zum runden Fenster. Draußen zogen lange

Striche an ihnen Vorbei; sie befanden sich jetzt tief im Raum,

weit von der Akademie, weit von allem, wofür er sich angestrengt

hatte, entfernt. Die Leere des Alls ließ ihn sich nur noch

deplazierter fühlen. Um sich abzulenken, unternahm Roe einen

weiteren Versuch. „Aufzeichnung starten.“

„Bereit.“

„Mein Bruder G'landr war ein vorbildlicher Xenexianer. Er war

loyal, er liebte seine Heimat, und... und...“ Einige Sekunden lang

sagte er gar nichts, ihm viel nicht das geringste ein. Es machte

einfach keinen Sinn. „...und er ist ein kompletter Fremder für

mich! Hätte er sich nicht registriert, wüsste ich nicht mal, wie er

als erwachsener aussah.“


Von der Tür kam ein leises Signal.

„Herein.“, sagte er und deaktivierte das Computerterminal.

Delilahs Kopf erschien im Türrahmen. Sie wirkte etwas mitgenommen,

vermutlich weil die Betten nicht grade die bequemsten

waren. Beschwert hatte sie sich bisher nicht. Oder er hatte es einfach

überhört.

„Der Captain sagt, wir werden in Kürze zur Landung ansetzen.“

„Okay, gut.“

„Hast du was geschlafen, Eugene?“

„Nein. Du?“

Sie sah ihn merkwürdig an. „Tanzen Excalbianer den Mambo?“

Roe verstand nicht. „Um... ich habe keine Ahnung, ob-“

„Nein, Eugene, ich habe nichts geschlafen.“ Sie sah sich verschwörerisch

im Korridor um, und brummelte leise: „Wie soll

man auch, bei Captain Billigflug und seiner USS bitte-nicht-zuviel-atmen-sonst-fallen-wichtige-Teile-ab?“

Dann trat sie ein,

damit sich die Tür schließen und ihnen etwas Privatsphäre garantieren

konnte. Sie deutete mit dem Kinn zum nun schwarzen

Computerbildschirm. „Wie läuft es mit der Rede?“

Er streckte die Hand aus und wackelte mit gespreizten Fingern:

so lala.

„Nachrufe sind für die Lebenden, Eugene. Nicht für die Toten.

Du weißt, was sie in der Medizin sagen: Die toten könnten sich

nicht weniger um so was kümmern. Makaber... aber wahr.“

„Ich weiß. Die Sache ist nur... ich habe ihn nicht wirklich gekannt,

Delilah. Mein eigen Fleisch und Blut. Es spielt keine Rolle,

ob er sich nicht weniger kümmern könnte. Ich sollte mich

mehr kümmern. Ich will nicht irgendwann zu den Medizinern

gehören, die durch ihren Job verstumpfen. Für die Tot und Leben

verwischt.“

Delilah starrte ihn eine Weile an, mit Amüsement und stolz, aber

auch Verwirrung in ihren Zügen. „Ich habe keine Ahnung, wo

das jetzt herkam“, sagte sie „aber diese Seite an dir gefällt mir.“

Sie lehnte sich zu ihm herab und sie tauschten einen Kuss.


„Mein Bruder hat mehr verdient, als ein paar leere Worte.“

„Dann tu mehr.“

„Und wie?“

„Da ist deine Chance.“

Sie nickte an ihm vorbei zum Fenster.

Roe drehte den Kopf. Sie gingen gerade unter Warp. Ein großer,

hellbrauner, öder Ball erschien in der Ferne, und er wurde

schnell größer.

Xenex.

Heimat.

Roes Gesicht blieb ausdruckslos.

Heimat, dachte er erneut. Andere Leute mochten mit diesem

Wort schöne Dinge assoziieren. Roe hingegen...

Er fragte an Delilah gewandt: „Bist du sicher, dass du mich begleiten

willst? Xenex ist nicht grade-“

„Ich weiß. Ich bin sicher.“

„Es herrscht ein rauer Umgangston.“

„Ich weiß.“

„Du könntest auch wieder zurückfliegen. Du musst deine Ferien

nicht Opfer, um mit mir-“

„Eugene. Ich bin sicher. Das hier ist wichtig für dich. Glaubst du,

ich lasse dich im Stich?“

Er seufzte. Er wusste, er konnte es ihr nicht mehr ausreden.

Roe sah wieder zum Fenster. Xenex war nun schon sehr viel

größer - eine einzige öde Landmasse in der Schwärze der Nacht.

Heimat, dachte er.

Eine, die er gehofft hatte, nie wieder zu sehen.


Bergpfad

Bedrohliche Wolken zogen am Himmel auf, während sich

zwei unscharfe Schatten – ein zierlicher und ein größerer –

den Pfad hinauf durch die Nacht bewegten. Es war dunkel.

Und diese Stille.

Diese Stille.

Ramina kletterte mühelos über eine Felsanordnung und half

danach Penkala hoch. Der Ausrüstungsoffizier schwitzte und

war völlig außer Atem, gab sich aber nicht die Blöße um eine

Pause zu bitten, und tat sein bestes, um mit Ramina gleichzuhalten

– was wirklich kein leichtes Unterfangen darstellte. Sie

war in wesentlich besserer körperlicher Verfassung, als der

Ausrüstungfsoffizier, war sportlich, aber auf die saloppe Art,

wie alle in der Sicherheitsabteilung sportlich waren. Sie beherrschte

im Rahmen ihrer Ausbildung ein Dutzend

Kampfsportarten, wie Mok’bara, Jihtt und Tae Bo. Sie kletterte,

tauchte, lief, spielte Parrises squares, Anbo-jytsu und weiß

der Himmel, was sonst noch alles. Penkala wurde schon müde,

wenn er bloß daran dachte. Und natürlich nahm sie keine

Rücksicht auf ihn. Schließlich hatte sie ja davor gewarnt mitzukommen.

Immer wieder versagte die Energiezelle in Penkalas Handlampe.

Der schwache Lichtstrahl flackerte und verstarb irgendwann

völlig. Die letzte Fackel war ihnen vor einer Viertelstunde

ausgegangen. Sie hatten keine weiteren.

Dennoch folgten sie weiter dem Pass durch die Berge. Schon

kurz nach ihrem Aufbruch war bei beiden pure Ernüchterung

aufgetreten, denn der Weg nach oben war nicht so schlimm,

wie sie angenommen hatten. Er war noch viel schlimmer. Es


war keine Straße, nicht einmal etwas, dass die Bezeichnung

Weg verdient hätte.

Vor ihnen führte ein kaum handtuchbreiter, offensichtlich von

Erosion in den Fels gespülter Pfad in einem solchen Winkel in

die Höhe, dass einem schon beim hinaufsehen übel wurde.

Und jeder Fehltritt konnte hier den Tod bedeuten.

Zu Fuß war es also schon anstrengend und gefährlich und

Penkala fragte sich, wie die Container es nur hinauf schaffen

sollten, wo sie schon zu zweit große Probleme hatten, dem

Wegverlauf zu folgen. Und die Container waren groß, das Lazarett

fast fünf Meter breit.

Raminas Körpersprache und Haltung verriet Anspannung. Sie

blieb vor einer weiteren Felsanordnung stehen, um den deutlich

zurückgefallenen Penkala zu ihr aufschließen zu lassen

und sah sich kurz um. Das Lager hatten sie schon vor einiger

Zeit hinter sich gelassen. Sie schätzte, dass sie sich inzwischen

zwei, vielleicht drei Kilometer entfernt hatten. Sie kniff die

Augen zusammen und versuchte angestrengt die Container im

Tal hinter ihnen zu entdecken, aber sie sah keine Spur davon.

Die Lagerfeuer waren aus. Warum wusste sie nicht. Es musste

innerhalb der letzten fünfzehn Minuten geschehen sein, denn

als Ramina das letzte Mal zurückgeblickt hatte, waren die

Feuer noch an gewesen.

Sie fragte sich, was passiert war und ob das Knattern, dass sie

vor einer Weile vernommen hatte etwas damit zu tun gehabt

hatte. Sie hatte angenommen, es handele sich um eine Täuschung

ihrer Ohren. Dass ihr Verstand ihr einen Streich spielte.

Inzwischen war sie sich nicht mehr so sicher.

Nicht zu wissen, was im Lager vor sich ging half der ohnehin

schon beunruhigten Ramina kein bisschen, sich besser zu fühlen.

Penkala schloss endlich zu ihr auf, stöhnte und lies den Rucksack

von seinen Schultern gleiten. Ramina glaubte schon er

würde eine Pause einlegen wollen, aber Penkala griff nur in


den Rucksack hinein, nahm eine kleine Mignonenergiezelle

hervor und begann seine Handlampe aufzuschrauben. Schon

nach wenigen Sekunden hatte er die Energiezelle eingesetzt,

überprüfte das Gerät und lächelte zufrieden, als der Lichtstrahl

zwar nicht sehr intensiv, aber immerhin konstant aufleuchtete.

Er nickte Ramina zu und schwang sich dann den Rucksack um

die Schulter; sie konnten weiter. Um die Energiezelle zu schonen

aktivierte er die Handlampe nur hin und wieder, wenn es

nötig war.

Die nächste halbe Stunde schwiegen sie. Während Penkala ihr

lustlos folgte und schnaufte, waren Raminas Muskeln völlig

angespannt. Das Gefühl, in eine Falle zu tappen, wurde mit jedem

Schritt so intensiv, dass sie fast meinte, es fassen zu können.

Mit klopfendem Herzen sah sie sich um. Rechts und

Links des Pfades, ragten die spitzen Steilwände in die Sternenlose

Nacht. Ramina schauderte.

Für einen Moment sah sie Bewegung in den Schatten hoch

oben auf den Berghängen. Etwas großes, dunkles, was sofort

wieder verschwand – so schnell, dass man es für eine Einbildung

hätte halten können. Aber Ramina wusste es besser. Sie

umklammerte ihre Waffe.

Penkala bemerkte davon nichts. Er trottete einfach neben ihr

her.

„Können sie noch mithalten, Penkala?“

„Klar kann ich das.“, log er schnaufend. „Aber ich glaube, da

vorne kommen die Container nie hoch.“

Ramina folgte seinem Blick. Ein gutes Stück weit vor ihnen

wurde der Pfad sehr viel Steiler. Bis hierher konnten sie dem

Weg aufrecht folgen, aber Ramina war sich sicher, dass sie

spätestens ab dieser Stelle dort auf allen Vieren klettern mussten.

Es war kein enorm weites Stück, schon bald flachte der

Pfad wieder ab, aber für eine Strecke von ungefähr zweihundert

Metern wurde es sehr, sehr knifflig.

„Dürfte eine Herausforderung für die Ingenieure werden.“,


entgegnete Ramina nur. Dann marschierten sie weiter. Schon

bald befanden sie sich auf allen Vieren.

Nachdem sie den Steilhang hinter sich ließen, betraten sie ein

neues Wegstück – etwas ebener, mit angrenzender Lichtung,

die rechts zu einer tiefen Schlucht führte. Die Aussicht war

Atemberaubend. Links ragte drohend die Felswand auf. Vereinzelte

Nebelschwaden waberte im Dunkeln. Es sah auf eine

groteske Art und Weise wunderschön aus, machte aber das

Gehen gefährlich.

„Wenigstens gehen wir in die richtige Richtung.“, bemerkte

Penkala.

„Wäre auch ein Kunststück, sich hier zu verlaufen.“,

entgegnete Ramina. „Es geht nur nach oben oder nach unten.“

Penkala lächelte. Er stolperte über einen Stein, rappelte sich

aber schnell wieder auf. Eine Zeitlang marschierten sie

schweigend weiter und ließen die Lichtung hinter sich.

Schließlich sagte Penkala: „Sie hatten recht.“

„Hm?“, machte Ramina.

„Bezüglich Dike, meine ich.“ Penkala seufzte schwer. „Joseph

war mein Freund, aber... er war dem hier nicht gewachsen.

Wie sie sagten. Er war für so was nicht geschaffen, hatte

Angst...“

„Die hat jeder von uns.“ Erwiderte Ramina.

„Sie etwa auch?“, fragte Penkala.

„Nein.“, behauptete Ramina. Der Tonfall ihrer Antwort ließ

keinen Zweifel aufkommen, was sie beruhigte. Denn ganz so

mutig war sie bei weitem nicht.

Penkala blinzelte erstaunt. „Warum eigentlich nicht?“

„Weil Angst in unserer Situation das gefährlichste ist. Sie

lenkt uns ab. Veranlasst uns zu Hektik und Panik. Unsere Instinkte

übernehmen, und die treffen meist nicht die klügsten


Entscheidungen.“

Eine Weile gingen sie schweigend weiter.

Dann sagte Penkala: „Ich hab mich entschieden. Die Gruppe,

zu der ich gehören will, meine ich. Ich will nicht zu den

Schwachen gehören. Ich will das hier überstehen.“ Aber wer

wollte das auch nicht?

Ramina blieb seufzend stehen. Als sie sich zu einer Erwiderung

zu Penkala umdrehte, sah sie, wie er den Atem anhielt

und die Augen aufriss.

„Was ist los?“

„Ich hab was gehört.“

Ramina deutete nur zu den Bergspitzen. „Gredor. Die tun uns

nichts.“

„Gredor?“, fragte Penkala erstaunt. „Hier?“

„Sind uns in die Berge gefolgt.“, nickte Ramina. „Die kommen

mir schon seit unserem Absturz nach. Weiß nicht warum.

Meine neuen Schatten.“

„Aber ich habe was von hier unten gehört. Ganz in unserer

Nähe. Vielleicht sollten wir langsam umkehren.“

„Da war nichts. Das haben sie sich eingebildet.“

„Doch, ich bin ganz sicher, ich-“

„Da war nichts.“

„Aber-“

Und dann hörte Ramina es auch; ein Schliddern, das Knistern

kleiner Kiesel, die den Weg hinunterrollten. So nahe und laut,

dass sie sich fragte, wie sie es beim ersten Mal hatte überhören

können. Es kam nicht von den Gredor – viel zu nahe. Erneut

das Geräusch kleiner Kiesel, die unter schweren Stiefeln wegrollten.

Hinter den Felsen, direkt vor ihnen.

Ramina zog die Projektilwaffe, hockte sich hin und fasste den

vorliegenden Bereich ins Auge. Penkala tat es ihr gleich. Dann

warteten sie stumm. Die Atmosphäre war angespannt.

Als sich nach schrecklichen zwei oder drei Minuten immer

noch nichts rührte, wurde Penkala ungeduldig und sah immer


wieder über die Schulter, dorthin, wo sie hergekommen waren.

„Warum machen wir nicht einfach-“

Ramina hob die rechte Faust. Nicht, um ihm weh zutun; es

war ein militärisches Zeichen für Gefahr, und für: Mund halten!

Sie wies stumm auf die Felsen gegenüber der Lichtung und

bildete mit den Lippen ein Wort: Tarkon.

Penkala öffnete seine Augen weit. Fast lautlos begab sich Ramina

in geduckter Haltung zu einer kleinen Felsformation,

hinter der sie etwas Deckung hatte. Die Pistole hielt sie

Schussbereit. Penkala folgte. Dann sahen beide zu den Felsen

herüber, von denen die Geräusche gekommen waren.

Immer noch rührte sich nichts.

Penkala machte mit dem Finger eine Kreisförmige Bewegung

und deutete damit an, dass sie um die Felsen herumgehen und

nachsehen sollten. Ramina schüttelte den Kopf und bedeutete

ihm mit einer Armbewegung, er solle sich wieder auf den Boden

setzen. Sie wollte die Position nicht verlassen. Hier hatten

sie einigermaßen Schutz vor fremden Beschuss und der

Rückweg zum Pfad hinunter war frei.

Wieder geschah einige Minuten lang nichts. Sie lauschten dem

Zirpen der Zikaden in der Nachtluft und warteten. Sie sahen

Insekten durch die Luft flattern. Riesige Motten. Die beiden

saßen schweigend weiter.

Dann raschelte es ganz in der Nähe – jetzt hatte er sich verraten,

dachte Ramina. Ihre Beinmuskeln spannten sich an, als sie

sich ein wenig aus der Hocke erhob, um ein besseres Schussfeld

zu haben. Sie zielte mit der Waffe genau.

„Sie da!“, rief Ramina. „Rauskommen!“

Es dauerte einen Moment, einen elendig langen Moment, und

dann trat ein dunkler Schatten hinter den Felsen hervor. Zunächst

sah Ramina nur die Umrisse der Gestalt: Humanoid,

definitiv kein Gredor. Und er – sofern es sich um einen er

handelte -, hatte die Arme erhoben.


Ramina hatte ihn genau im Visier. Sie rief: „Treten sie aus

dem Schatten hervor, damit ich sie sehen kann! Sofort!“

Er war hellhäutig, etwa anderthalb Meter groß, mit

vorgewölbter kräftiger Brust, die dem Alter trotzte. Und er

trug die Uniform der Tarkon.


Komplikationen

Jemand klopfte an der Tür. Die schwache Beleuchtung sprang

flackernd an. Renee Lemaire drehte sich auf dem Bett im

Schlafcontainer und blinzelte müde.

„Was ist?“, fragte sie noch im Halbschlaf. Andere Offiziere,

die sich ebenfalls zurückgezogen hatten, um ein wenig Schlaf

zu finden, seufzten oder stöhnten verärgert auf. Renee konnte

es ihnen nachfühlen. Das Licht der Leuchtstreifen schmerzte

in ihren Augen. Sie hatte noch immer Kopfschmerzen, da Nechayev

sie mit einem Koffer niedergeschlagen hatte. Der Eindringling

deaktivierte das Licht sofort wieder. Lemaire kniff

die Augen zusammen. Nun sah sie D’Agosta mit einem Arztkoffer

in der Hand im Türrahmen stehen. Seine Schultern hingen

tief. „Es tut mir leid, aber wir brauchen ihre Hilfe.“, sagte

er leise. „Wir haben ein medizinisches Problem mit Athol, er

ist vorhin zusammengebrochen. Keine Ahnung, was er hat. Er

ist noch immer bewusstlos und wird gerade untersucht.“

„Athol?“, fragte sie verschlafen. „Was ist mit den anderen

Amphion?“

„Denen geht’s auch nicht gut, aber scheinbar befindet sich nur

Athol in einem bedenklichen Zustand.“ D’Agosta sprach jetzt

schneller. „Wir wissen noch nicht, was los ist. Ich meine, die

Tarkon können jeden Moment... und die Amphion...“ er führte

den Satz nicht zuende. „Im Augenblick braucht Athol dringend

Hilfe. Roe ist bereits an der Sache dran.“

„Sollten sie nicht lieber den Arzt rufen? Doktor Smith?“

D’Agosta blinzelte überrascht. Lemaire war offenbar noch

nicht ganz wach. Vielleicht lag es an dem Schlag. Nechayev

hatte Lemaire bewusstlos geschlagen, kurz bevor sie die


Gruppe verlassen – und hintergangen hatte. „Es gibt keine

Arzt mehr bei uns. Wir haben nur noch die Sanitäter.“

Ein langes Stöhnen. „Ja, richtig.“

„Bitte gehen sie ins Lazarett und helfen sie Roe.“

Und damit war D’Agosta verschwunden. Lemaire setzte sich

aufrecht und blickte dorthin, wo soeben noch D’Agosta gestanden

hatte. Durch die Tür, die er offen gelassen hatte, was

einiges mürrisches Knurren nach sich zog, sah sie Techniker

nervös um die Container herumflitzen. Allmählich kamen die

Erinnerungen an den Absturz zurück. Und an die bedrohliche

Lage in der sie sich befanden; gestrandet auf einem feindlichen

Planeten, gejagt von einer fremden Spezies.

Kein Arzt, wiederholte sie in Gedanken.

Kein Arzt.

Lemaire war keine Frau, die zu unnötiger Panik neigte und

nach allem, was sie in den vergangenen Stunden über Roe gehört

hatte, hatte er schon einige gefährliche Situationen gemeistert.

Zane hatte am vergangenen Abend, als sie ihn über

Roe befragt hatte, behauptet, er sei einmal im Ödland von Xenex

verschwunden gewesen. Eine Klippe hätte unter ihm

nachgegeben und er sei zehn Meter tief in eine Schlucht gestürzt.

Dabei hätte er sich das rechte Bein gebrochen und keine

Wasservorräte bei sich gehabt. Aber er sei mit dem gebrochenen

Bein in die Stadt zurückgehumpelt. Lemaire wusste nicht,

wie viel an der Geschichte dran war, wie viel sich Zane ausgedacht

hatte und wie viel der Wahrheit entsprach. Aber sie

traute es Roe zu. Seine ruhige, nachdenkliche Art war trügerisch,

in de Augen des Sanitäters blitzte hin und wieder – nur

für einen verschwindend kurzen Moment - eine gewisse Wildheit,

die er unter einem Deckmantel der Zivilisation zu verstecken

schien. Andererseits war gerade diese Wildheit in den

vergangen Stunden völlig erloschen. Seit Smith verschwunden

und Hawk gestorben war. Nein, in seinen Augen war keine

Wildheit mehr, beschloss Lemaire. Sondern Apathie. Wie bei


einem Borg.

Kein Arzt, wiederholte sie in Gedanken.

Und der einzige Mann, der sie alle behandeln konnte, war in

ein seelisches Wachkoma gefallen.

Auf dem Bergpfad hingegen hätten alle nicht wacher sein

können. Das Gesicht des Tarkon, der gerade in aller Vorsicht

hinter dem Fels hervorgetreten war, erwies sich als wettergegerbt,

die Augen waren eingefallen, die Lippen spröde. Das

fettige braune Haar hatte einen grauen Ansatz an den Schläfen

und war zurückgekämmt. Er sah nicht aus wie ein Soldat,

mehr wie ein Befehlshaber. Die zahlreichen Verzierungen an

seiner Uniform waren ein Indiz. Auf dem Rücken trug er einen

schweren Rucksack mit Ausrüstung.

Ramina lies ihn nicht aus den Augen. Sie hatte noch immer

die Schusswaffe auf ihn gerichtet. „Näher kommen. Hände

oben lassen!“

Der Mann tat wie geheißen und hob die Arme. Er zitterte am

ganzen Körper und betrachtete die beiden Sternenflottenoffiziere

nervös. Offensichtlich wollte er herausfinden, wer der

Anführer war. „Nicht schießen!“, rief er. „Nicht schießen!“

„Name, Rang und Clan-Zugehörigkeit!“, verlangte Ramina.

Der Mann zögerte.

„Name, Rang und Clan-Zugehörigkeit, verdammt!“

„Ich bin kein Mitglied des Königshauses. Ich bin ein Reisender,

nur ein Reisender. Ein Wanderer.“

„Ein Wanderer in Uniform?“ Ramina neigte den Kopf. „Der

sich dazu noch versteckt?“ Sie glaubte kein Wort.

„Ich weiß nicht... ich... ich wusste nicht, wer sie sind!“ Dann

wurde er plötzlich zornig, seine Stimme verriet für einen unbedachten

Augenblick den militärisch-herrischen Ton, mit

dem er zweifellos sonst immer sprach. „Sie sind die jenige, die


eine Waffe auf mich richten, nicht umgekehrt. Mein Instinkt

sich zu verbergen war also kaum falsch, oder?“

Ramina zog den Sicherheitshebel ihrer Waffe zurück.

„Nein.“, schrie der Taron. Er war nun wieder sehr ängstlich

und kleinlaut. Der Schweiß brach ihm aus. „Nicht! Nicht! Bitte,

warten sie, warten sie! Warten sie.“

Penkala wurde nervös, er wusste nicht, ob Ramina bluffte, oder

nicht. Die Situation gefiel ihm nicht, das ging alles zu

schnell, viel zu schnell. „Sagen sie ihr, was sie hören will!“

„Warten sie.“

„Sagen sie es!“

„Ich war... ich war wandern, als ich... als ich diesen Lichtblitz

gesehen habe. Das war vor ein paar Tagen.... vor... vor vier,

glaube ich. Irgendwas großes ist hier abgestürzt, vielleicht ein

Versorgungschiff. Es hat einen gewaltigen Donnerknall gegeben.

Hat mich glatt aus dem Zelt geworfen. Ich... ich wollte

nachsehen, aber... dann... ich habe letzte Nacht merkwürdige

Lichter gesehen, aus der Ebene. Ich weiß nicht, was los ist. Ich

wollte zurück.“

Penkala sah Ramina an, wollte einen Blick tauschen, aber die

Augen der Orionerin fixierten weiterhin den Tarkon, durchdrangen,

quälten ihn. Penkala sagte an den Mann gerichtet:

„Es ist zum Krieg gekommen.“

„Krieg? Was... was für ein Krieg denn?“

„Die hiesigen Tarkon-Clans haben sich gegenseitig angegriffen.“

Das schien den Mann noch mehr zu schocken. Er starrte sie

geschlagene zehn Sekunden einfach nur an, ehe er seine

Stimme wiederfand. „Aber... aber wieso?“

Penkala wollte es erklären, Nechayevs Betrug, Beliars Rage,

alles - aber Ramina unterbrach ihn, bedeutete ihm still zu sein.

Sie hatte die Waffe noch immer auf den Mann gerichtet. Sie

fragte: „Welchem Clan gehören sie an?“

Wieder das Zögern.


„Welchem Clan gehören sie an?“

„Den... den Bloodcats.“

Raminas Augen verengten sich. „Sie sagten hier sei was abgestürzt.

Wo?“

Erneut das Zögern.

„Wo, verdammt noch mal?“

„Ich...“ Er machte eine vage Geste den Bergpfad rauf. „In der

Richtung. Irgendwo da.“

„Haben sie die Quelle gefunden? Die Position ausgemacht?“

„Nein, ich... Nein.“

Was sollte diese Fragerei?

„Waren sie alleine unterwegs? Wandern?

„Ja, ich...“

„Dann wird sie auch keiner vermissen.“

Penkala versuchte noch diese Bemerkung zu verstehen, als

Ramina den Arm durchstreckte und schoss.

Penkala zuckte zusammen, als der Knall erfolgte „Nein!“ Aber

es war bereits zu spät.

Die Augen des Tarkon weiteten sich vor Entsetzen, als ihm

Blut aus einer Brustwunde spritzte. Doch noch immer stand er.

Für Penkala schien es ewig zu dauern, doch es waren nur zehn

oder zwanzig Sekunden. Er war wie gelähmt vor Schreck.

Ramina sah einfach nur schweigend zu, ohne sich zu rühren.

Dann hob sie die Waffe erneut und schoss ein weiteres Mal –

wieder in die Brust.

Nicht eine Sekunde lang zeigte ihr Gesicht irgendeine Regung.

Schließlich stürzte der Tarkon auf die Knie, mit gesenktem

Kopf, als würde er beten.

Penkala hielt die zitternden Hände vor den Mund. „Großer

Gott.“

Der Mann kippte nach hinten. Sein Todesröcheln dauerte noch

etwa eine Minute. Schließlich starb er.

Ramina steckte die Waffe weg, trat zu dem Leichnam herüber

und bückte sich. Sie untersuchte den Rucksack des Tarkon


und zog eine Wandererausrüstung heraus. Ein Zelt, ein Schlafsack...

Es schien ihr egal zu sein, weil sie nicht ein Wort sagte

und einfach weitersuchte, vermutlich nach Waffen, oder sonst

was, das ihnen nützlich sein konnte. Als sie nichts fand, richtete

sie sich auf und nickte Penkala zu. „Wir können zurück.“

Sie wuchteten den bewusstlosen Athol zu viert hoch und trugen

ihn ächzend zum Lazarett – der Amphion war massiv und

groß, entsprechend viele Probleme hatten sie, seinen kräftigen

Körper zu tragen. Roe untersuchte noch unterwegs seine Augen,

seine Ohren, sah ihm in Mund und Nase. Athol stöhnte

wieder. D’Agosta bedeutete den Leuten, die sich versammelt

hatten, um zu sehen, was los war, sie sollten beiseite treten,

um die Mediziner nicht zu behindern. Als sie mit Athol im

Lazarett verschwanden, setzte nervöses Getuschel ein.

„Was ist passiert?“

„Ist Athol zusammengebrochen?“

„Was hat er denn?“

„Ist vielleicht ein Hitzeschlag oder so. Hab was ähnliches

schon mal gesehen.“

D’Agosta hingegen gab sich keinen Spekulationen hin. Er

wusste nicht, was geschehen war, und wildes rumraten würde

niemandem helfen. Er wollte lieber richtige Antworten!

D’Agosta suchte die Menge nach den anderen beiden Amphion

– Godar und Dagmind – ab. Sie standen abseits vor einem

kleinen Felsüberhang und starrten auf das Lazarett. Aus ihren

Blicken ließen sich keine Emotionen herauslesen. Sie schienen

weder wütend, noch besorgt, noch sonderlich überrascht zu

sein. Vielleicht begriffen sie den Ernst der Lage nicht. Jemand

musste es ihnen vermitteln. D’Agosta trat nach einem langen

Zögern zu ihnen herüber, um sie zu beruhigen, um ihnen zu

versichern, dass alle in Ordnung war, dass es Athol wieder gut


gehen würde. Aber je näher er kam, desto langsamer wurden

seine Schritte. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was er sagen

sollte, denn alles, was ihm in den Sinn kam, war gelogen.

Die Amphion hatten ihnen von Anfang an geholfen, aber dafür

hatten sie auch den Preis in Form von Leben zahlen müssen.

Wenn das so weiter ging, würden sie die einzigen Verbündeten

verlieren, die sie auf diesem Mond hatten. Und die Gruppe

– so ungerne die Leute das zugeben wollten – waren Abhängig

von den primitiven Amphion. Waren abhängig, von ihrem

Wissen um das Terrain, die Tiere. Die Pflanzen, die man essen

konnte.

„Er wird nun mit Gott sprechen.“, verkündete Dagmind fast

rituell, als D’Agosta sie erreichte.

D’Agosta blieb stehen und maß die beiden Amphion mit Argwohn.

Er verstand nicht. „Mit Gott?“

Der Amphion nickte. „So wie es die Prophezeiung vorhersagte.“

Das ergab keinen Sinn für D’agosta. Prophezeiung? Was für

eine Prophezeiung? Er bemerkte, dass auch Dagmind blass

war. Er schwitzte. Vielleicht war er auch krank. Vielleicht

wusste er nicht, was er da sagte. D’Agosta trat einen Schritt

zurück. Er wollte nicht zu nahe an sie heran. Warum stellte sie

niemand unter Quarantäne?

„Prophezeiung?“

Die Amphion schlossen beide die Augen und vollführten eine

merkwürdige Handbewegung, die sie ständig wiederholten, als

befänden sie sich nun inmitten eines Gebets. D’Agosta wusste

nicht, was er tun sollte. Das kam ihm alles spanisch vor. Er

wandte sich um. Nach ein paar Sekunden trat Zane wieder aus

der Krankenstation heraus. D’Agosta ließ die Amphion kopfschüttelnd

und frustriert stehen, und fragte den Sanitäter, was

mit Athol los sei.

„Wir wissen es noch nicht.“

„Eine Krankheit vielleicht?“


„Wissen wir nicht. Aber ich will nachsehen, ob die anderen

Amphion auch Symptome zeigen.“

„Ich glaub schon. Sie schwitzen.“

„Haben die was gesagt? Haben die eine Ahnung, was los ist?“

„Keine Ahnung.“, entgegnete D’Agosta. Er hatte das Gefühl,

dass die Amphion ihnen nicht mehr recht trauten, nachdem

Fowler einen von ihnen im Suff erschossen hatte. Aber wer

konnte ihnen das schon verübeln? Warum sie dennoch bei der

Gruppe blieben wusste er nicht – D’Agosta schrieb es Athols

Einfluss als Anführer und Sprecher seines Volkes zu. Er hatte

Autorität über die anderen. Wenn ihm nun auch etwas passieren

würde...

D’Agosta wandte sich wieder an Zane, der gerade weiter wollte.

„Werden sie Judy sagen, dass Athol krank ist?“

„Nein.“, antwortete Zane. „Das werden sie tun.“

Auf dem Bergpfad kletterte Ramina über einen Fels und setzte

den Weg zurück zum Lager fort. Sie war schnell unterwegs.

Alex Penkala hatte Schwierigkeiten mitzuhalten. Halb rutschend,

halb laufend, gelang es ihm, zumindest heranzukommen.

Er war sehr aufgebracht, sehr wütend. „Was haben sie

sich nur dabei gedacht?!“, verlangte er zu wissen.

Ramina antwortete nicht. Sie hielt nicht einmal an und folgte

weiter dem Pfad nach unten. Sie blickte starr den Weg entlang,

nur aus den Augenwinkeln spähte sie ständig zu den

Berghängen hoch, wo die schwarzen Schatten huschten und

ihr in großem Abstand folgten. Entschlossen erhöhte sie ihr

Tempo noch einmal.

Penkala stolperte hinter ihr her. „Rami- Au!“ Ein paar Steine

gaben unter seinem Stiefel nach, Penkala stürzte. Rappelte

sich wieder auf. Stürzte erneut.

„Ramina verdammt, bleiben sie... bleiben sie stehen!“


Es gelang ihm sie erneut einzuholen. „Sie sollen stehen bleiben!“

Er griff nach ihrem Arm, drückte feste zu und wirbelte

Ramina heftiger herum, als beabsichtigt. Er wusste genau,

wenn sie sich dagegen hätte wehren wollen, hätte er keine

Chance. Und wenn sie ihn töten wollte, würde sie auch das

ohne Probleme hinkriegen. Vielleicht würden die anderen nie

etwas davon erfahren. „Er hat einen Unfall gehabt.“, würde sie

sagen. „Ist abgestürzt.“

Ja, das konnte sich Penkala gut vorstellen. Aber sie tat nichts

dergleichen, starrte ihn nur an. Mit einer solchen Kälte in den

Augen, die ihm einen eisigen Schauer über den Rücken laufen

lies. Schnell – fast zu schnell -, lies er sie wieder los, als wäre

ihr Arm pures Feuer, und dann trat er einen Schritt zurück.

„Wie konnten sie ihn so einfach erschießen?“

„Waffe entsichern, zielen, abdrücken.“

„Sie wissen genau, was ich meine.“

Ramina rollte die Augen. „Es gibt Millionen von Galaxien,

Milliarden von Sternen und mittendrin gibt es einen kleinen

Fleck. Das sind wir, irgendwo im nirgendwo, auf einem öden,

beschissenen Fels, umringt von anderen öden beschissenen

Felsen im Weltraum, auf denen sich tagtäglich irgendwer irgendwo

umbringt, und sie machen sich sorgen wegen einem

alten Kerl?“

„Sie haben ihn nicht einmal gekannt.“

„Darf ich die Leute jetzt erst umbringen, nachdem ich sie kennengelernt

habe?“

Penkala sagte nicht, starrte sie nur vorwurfsvoll und wütend

an.

„Er war ein Tarkon, Penkala. Nichts weiter. Nur ein blöder

Tarkon.“

„Er war ein verdammter Wanderer, Ramina. Ein alter Mann,

der vermutlich nichts davon mitbekommen hat, was los ist.

Der keine Ahnung davon hatte, dass die uns jagen.“

Ramina entgegnete: „Er hat gelogen. Er trug die Uniform der


Kinjal.“

Aber Penkala gab sich auch damit nicht zufrieden. „Er hat der

Frau, die ihm eine Waffe unter die Nase trug, das gesagt, was

sie hören wollte.“

„Na und? Was macht das schon? Vielleicht war er ja wirklich

ein Wanderer. Vielleicht war er aber auch ein ranghoher Offizier,

der unsere Position gemeldet und die Befehle gegeben

hätte, uns alle auszuräuchern, hätten wir ihn laufen gelassen.

Wir wissen es nicht. Es ist auch völlig egal, denn wie ich eben

schon sagte; er war ein Tarkon. Und wir befinden uns im

Krieg mit den Tarkon, ob wir das wollen oder nicht. Das

machte ihn zum Feind. So einfach ist das.“

„So einfach? Nein. Nein, nein, sie machen es sich einfach.

Viel zu einfach. Die Welt ist nicht Schwarz und Weiß, Ramina.

Es gibt Grautöne. Und wenn auch nur die Möglichkeit bestand,

dass er Unschuldig war...“

„Unschuldig?“ Ramina schien es nicht zu fassen, wie Penkala

so etwas nur sagen konnte. „Unschuldig? Penkala, da sind

immer Unschuldige. Es kümmert nur niemanden. Oder haben

die sich dafür interessiert, dass Spiers kein Invasor war? Huh?

Haben die sich Gedanken gemacht, als sie unser Lager bombardierten?

Oder als sie den Captain töteten? Und Dike? Ihren

Freund? Haben die Tarkon da auch nur eine Sekunde lang gezögert?“

Sie trat näher an ihn heran, bis sich fast ihre Nasenspitzen

berührten. „Erzählen sie mir nicht, wie die Welt ist,

Penkala. Nicht mir. Wenn sie sich im Krieg befinden, in einer

Extremsituation wie dieser hier, gelten die Regeln der Zivilisation

nicht mehr. Das hier ist kein Platz für gutes Benehmen.

Für Moral. Ethik. Der Mond ist eine Todesfalle! Hier zählen

andere Dinge. Wasser finden. Der Sonne entkommen. Essen

erlegen. Schuhwerk besorgen. Wie laufen sie auf heißem

Sand? Wie verhindern sie die Erfrierung in der Nacht? Was

benutzen sie, um sich den Arsch abzuputzen? Diese Fragen

gehen weiter und weiter, bis es am Ende nur noch darauf an-


kommt, die nächsten paar Minuten zu überstehen. Die erhabenen

Regeln und Gesetze der Sternenflotte? Der Menschheit?

Heh.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Spielen

hier keine Rolle. Wenn sie nicht überleben können, was für

einen Unterschied macht es dann schon? Sie sind nicht mehr

länger auf einem Sternenflottenschiff, Penkala, wo man die

Flagge der Moral aufrecht halten und sich bei Kaffee und Kuchen

auf die Schulter klopfen kann, wie toll man doch den Tagesbericht

verfasst hat. Wo man über den Luxus verfügt, moralische

Diskussionen und ethische Fragen aufzuwerfen, die

man in gemütlicher Atmosphäre mit funktionierenden Replikatoren

und Reinigungsmaschinen erläutert. Nein. Sie sind

jetzt in der Realität und in der Realität heißt es entweder die

oder wir.“ Sie deutete zum Weg, der hinter ihnen lag. „Die

oder wir. So ist das eben. So ist Evolution. Nur die stärksten

und anpassungsfähigsten überleben, während die schwachen

fortgeweht werden. Das ist der Lauf der Dinge. Es mag pragmatisch

klingen, Penkala, aber wenn man stark ist, dann hat

man am Ende immer das Richtige getan, aus dem einfachsten

Grund von allen... weil sonst niemand mehr da ist, der sagen

kann, dass man falsch lag.“

Sie sah ihn mit gleißenden kalten Augen an. Penkala war geschockt

und wütend zugleich. Es fiel ihm schwer, die Frau

weiterhin als menschliches Wesen zu sehen. Raminas Lippen

bebten vor Wut.

Sie wollte ganz offensichtlich noch etwas hinzufügen, lies es

aber bleiben und wandte sich ab. Sie warf den Bergspitzen einen

vernichtenden Blick zu und murmelte ein weiteres Mal:

„Die oder wir.“, ehe sie den Weg nach unten fortsetzte. Penkala

sagte nichts. Er sah ihr eine Weile einfach nur nach und

folgte dann in einigem Abstand. Für den Rest des Weges zurück

zum mobilen Lager sprach niemand mehr. Penkala musste

sich korrigieren. Ja, er wäre froh gewesen, zu wissen, dass

sie auf seiner Seite stand, aber Ramina stand auf niemandes


Seite.

Nur auf ihrer eigenen.

Athol lag auf dem Rücken. Seine Haut war unnatürlich rosa

und sein Mund stand offen. Jeder Atemzug kam langsam und

schien ein Kraftakt zu sein. Roe reichte Lemaire die Handlampe

und kauerte sich hin, um den Körper zu untersuchen.

„Ich weiß nicht was er hat.“, sagte er. „Kopf in Ordnung,

Brust, Arme...“ Dann fasste er mit der flachen Hand auf Athols

kahlen Schädel. Der Amphion war nassgeschwitzt.

Schweißtropfen perlten von seiner Haut. „Er glüht förmlich.

Muss sich um eine Infektion handeln.“

„Ein Virus?“, fragte Lemaire.

„Wahrscheinlich.“ Nicht der erste in den vergangenen Tagen,

fügte er in Gedanken hinzu. Athol nahm einen kräftigen Atemzug.

Seine Augen waren geschlossen, aufgrund des

Schmerzmittels, dass Roe ihm gegeben hatte, schlief er feste.

Roe legte seine Hand auf Athols Brustkorb, um den Herzschlag

zu spüren und Athol stöhnte. Roe stand auf, trat einen

Schritt zurück und überlegte, was er als nächstes tun sollte.

Die Amphion hatten eine ihm völlig unbekannte Physiologie

und waren anfällig für ihm ebenfalls völlig unbekannten

Krankheiten, die vielleicht auch Menschen befallen konnten.

Oder die Mitglieder der anderen Spezies, die sich unter den

Gestrandeten befanden. Orioner, Xenexianer, Nefari...

Athol litt möglicherweise an etwas, das zu einer Seuche unter

seinem Volk führen konnte. Oder unter den Gestrandeten. Ihn

nicht unter Quarantäne zu stellen, könnte ihr aller Tot bedeuten.

Andererseits; wo sollten sie ihn unter Quarantäne stellen?

Sie befanden sich zwei notdürftig zusammengeschweißten

Frachtcontainern, die man nur als Lazarett bezeichnete, um

zumindest die Illusion zu wahren, über eine medizinische Ein-


ichtung zu verfügen.

Ihn zurücklassen war ebenfalls keine Option, Athol würde sicherlich

sterben. Vielleicht litt er auch an einer gewöhnlichen

Grippe, Roe wusste es nicht. Und ihm standen nicht die nötigen

Mittel zur Verfügung, genaueres herauszufinden.

Athol stöhnte und atmete stoßweise. „Canthar.“, sagte er.

„Canthar.. ging... Canthar....“

„Wer ist Canthar?“, fragte Roe.

„Einer der Amphion.“, antwortete Lemaire. „Er wurde von

Fowler erschossen.“

Damit konnte Roe nichts anfangen. Und dann flüsterte der

Amphion immer wieder Ju-dy. Ju-dy.

„Judy ist in Ordnung.“, sagte Roe zu Athol. „Es geht ihr gut.“

Athol drehte sich auf die Seite und stöhnte wieder. Die Beruhigungsmittel

hielten ihn ruhig. Ein kurzer Blick auf den

Scanner verriet Roe, dass seine vitalen Werte wieder stiegen.

Sie waren aber weit entfernt davon, zufriedenstellend zu sein.

Roe begann sich ernsthafte Sorgen zu machen.

Während Gordon im heillosen Durcheinander umherlaufender

Techniker die letzten Vorbereitungen traf, Verbindungsstränge

prüfte, und alle Berechnungen noch einmal durchging, stand

Jerry nicht unweit von ihm auf der kleinen Lichtung, sah zur

Ebene hinab und lauschte. Der späte Abend war ruhig, fast

schon zu ruhig. Irgendwo weit in der Ferne brüllte ein Tier,

dann herrschte wieder Stille.

Kühle Luft hüllte ihn ein.

„Irgendwie unheimlich hier.“, sagte Jerry und zog sich seine

Shenandoah-Kappe tiefer in die Stirn. Ensign Jerry Carr war

vierundzwanzig Jahre alt und auf New Berlin aufgewachsen.

Er war dunkelhaarig, kompakt und stark. Sein Körper war

stämmig, bepackt mit dicken Muskeln, aber seine Hände wa-


en elegant und feingliedrig. Jerry hatte ein Talent für mechanische

Dinge – er erkannte wie Sachen funktionierten, in dem

er sie nur ansah. Er konnte alles bauen, alles reparieren. Und

Gordon mochte ihn - was, wie Jerry in den letzten Tagen seit

dem Absturz festgestellt hatte, auf Gegenseitigkeit beruhte.

Auf dem Schiff, als die verstorbene Chief Vescala noch über

den Maschinenraum geherrscht hatte, war Gordon ihm nur als

verdrossener Bastler aufgefallen. Er hatte in der Nachtschicht

gearbeitet, als stellvertretender Ingenieur, während Jerry in der

Alpha-Schicht und somit am Tag beschäftigt war. Sie waren

sich daher nicht häufig über den Weg gelaufen, hatten höchstens

formale Berichte aneinander weitergegeben, begleitet

vom üblichen Wortwechsel. Guten Tag, Guten Abend, Wiedersehen.

Nichts weiter. Aber hier, in dieser Lage, erwies sich

Gordons verquerte und unorthodoxe Denkensweise als Überlebenswichtig

– dadurch bewältigte er Probleme, die ihnen

sonst echtes Kopfzerbrechen bereitet hätten. Er dachte außerhalb

der Box.

Und das war genau Jerrys Geschmack. Aber Gordon brauchte

auch jemanden, der ihn wieder auf den Boden der Tatsachen

holte, jemanden, der Bedenken äußerte und somit ein Gleichgewicht

zu seiner Risikobereitschaft bildete. Hier kam Jerry

ins Spiel.

Sie gaben ein gutes Gespann ab. Der eine war für den anderen

unverzichtbar. Gordon hatte den Geist, Jerry die Kraft. Gordon

sah die Möglichkeiten, Jerry sah die Risiken. In der Flotte hätten

sie gemeinsam vielleicht einige tolle Dinge bauen können.

Hier reichte es gerade mal für einen schwerfälligen Zug aus

Frachtcontainern.

„Kommen sie.“, sagte Gordon und klopfte mit den Fingerknöcheln

gegen seinen Oberarm. „Lassen sie uns anfangen.“

Sie gingen zu dem Bohrfahrzeug der Tarkon, mit dem Bartez

vorhin eingetroffen war, öffneten die Seitenluke und kletterten

hinein. Jerry nahm auf dem Beifahrersitz platz, Gordon


klemmte sich hinter das Steuer und schaltete die Zündung ein.

Der Motor sprang tuckernd an und das ganze Fahrzeug begann

heftig zu wackeln. Ihnen klapperten die Zähne.

Gordon verzog das Gesicht: „Komisches Teil.“

„Keine Sorge.“, sagte Jerry. „Ist normal für so’n Fahrzeug.“

„Rückständige Technik. Aber unseren Zwecken wird’s genügen.

Was jetzt?“

Jerry erklärte schnell alle wichtigen Funktionen, deutete erst

auf die Pedale und sagte was von Energiezufuhr und Wegnahme,

und anschließend auf den Schubregler auf der Mittelkonsole.

Nach ein paar Sätzen hatte Gordon das wichtigste

begriffen.

„Aha.“, sagte er. „Scheint ja gar nicht so schwer zu sein. Primitiv.

Aber nicht schwer. Wo haben sie das alles aufgeschnappt?“

„Bartez hat’s mir eben schnell gezeigt.“

„Na dann muss es ja stimmen.“ Er trat das Pedal für die Energiezufuhr

durch und der Motor heulte auf. Ein verlegenes Lächeln

umspielte seine Lippen. „Oh. Richtig. Erst den Schubregler

einstellen.“

Er versuchte es ein weiteres Mal und diesmal bewegten sie

sich ohne Probleme ein Stück vorwärts. „Na bitte, geht doch.“

Jerry war erleichtert.

„Kann ich helfen?“, fragte D’Agosta, der hinzugekommen war

und nun neben dem Fahrzeug stand.

„Lieber nicht, wenn sie nichts dagegen haben.“, sagte Gordon.

„Wir packen das besser selber an.“

D’Agosta zuckte mit den Schultern und trat ein paar Schritte

zurück, um platz zu machen. Er sah, wie Gordon das Fahrzeug

an die Spitze des Container-Gespanns steuerte und es mit äußerster

Präzision direkt davor steuerte.

D’Agosta schüttelte den Kopf. Der Ingenieur bediente das

Fahrzeug, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Shannyn

war am Tag zuvor ebenso mühelos mit dem Ungetüm zurecht-


gekommen, hatte seine Funktionsweise sofort durchschaut,

und auf Anhieb alles richtig gemacht. Es war ihm unbegreiflich.

D’Agosta blickte immer noch nicht durch, wozu die Pedale

da waren. Während er zusah, wie Gordon zurücksetzte,

um noch ein bisschen näher an den Führungscontainer zu

kommen, kam er sich dumm vor, irgendwie unnütz.

Gordon stieg jetzt aus und koppelte den Container mit zwei

dicken Energieverbindugnen an das Bohrfahrzeug an. Ein

Summen war zu hören. „Das wär’s.“

Judy eilte zur Tür, zog sich hinauf und betrat das Lazarett. Im

ersten Raum sah sie die Krankenschwester Lemaire mit Handtüchern,

auf denen das Sternenflotten-Delta prangte, und mit

einer Schüssel voll dampfenden Wasser auf sich zukommen.

Lemaire steckte gerade einen Phaser weg. „Keine Sorge.“,

sagte sie mit französischem Akzent. Ihre Stimme war sanft

und beruhigend. Die perfekte Krankenschwester. „Wir kochen

damit das Wasser für die Verbände.“

Judy sah an ihr vorbei. Man hatte eine Plastikplane aufgehängt,

um den Behandlungsbereich abzusperren. Die Folie war

annähernd durchsichtig, sie konnte die Betten im anderen

Raum sehen. Athol lag dort. Ihr Vater hatte Judy eben geweckt,

um ihr die schlechte Nachricht zu überbringen. Sie war

sofort aufgesprungen und losgerannt. Selbst jetzt, wo sie Athol

sah, konnte sie kaum glauben, dass der stämmige Amphion

zusammengebrochen war. Es war schrecklich, einfach

schrecklich.

„Wie geht es ihm?“, fragte Judy aufgebracht.

„Er ist stark. Ich bin sicher er kommt durch.“

„Kann ich... kann ich zu ihm?“

„Ja, aber halte ein bisschen Abstand. Wenigstens einen Meter,

ja?“


Judy folgte Lemaire zum Behandlungsbereich, wo Roe und

ein anderer Sanitäter – Zane über Athol gebeugt waren. Der

Amphion lag mit geschlossenen Augen auf dem zweiten Bett

– im ersten lag noch immer der schlafende Garnere. Ein fauliger

Gestank trat in Judys Nase, als Lemaire die Plane zurückzog.

Der Geruch war beißend und er ging von Garnere aus, als

würde der Sicherheitsoffizier bei lebendigem Leib verwesen.

Sein Bein, dachte Judy. Es ging von seinem Bein aus. Ekelhaft.

Sie verzog das Gesicht und schmeckte Galle. Ihr wurde

schlecht. Sie drehte sich weg und versuchte sich nur auf Athol

zu konzentrieren. Roe schaute ihm gerade mit einem Instrument

in die Ohren, während Zane sagte: „Ich weiß, es ist unangenehm

für Athol. Aber ich halte es nicht für ungefährlich,

ihm ein Beruhigungsmittel zu geben. Wir wissen nichts über

seine Physiologie.“

Inzwischen war Athol am ganzen Körper krebsrot. Er sah aus,

als wäre er gekocht worden. Judy hatte Angst. Sie hatte noch

nie davon gehört, dass jemand leuchtend rot werden konnte.

Sie traute der Sache nicht. Roe war viel zu jung. Er konnte

doch noch keine Erfahrung mit so was haben. War er überhaupt

Arzt? Judy war furchtbar nervös, trat von einem Fuß

zum anderen. Lemaire legte beruhigend einen Arm um sie, aber

das half nicht viel.

„Sein Fieber ist jetzt konstant.“, sagte Roe und notierte sich

etwas auf einem Datenblock. „Bei... uh... über vierzig Grad.“

„Womöglich eine Infektion?“, fragte Zane.

„Ich weiß es nicht. Ich tippe auf einen Virus, wegen des Hautausschlags.

Aber wir müssen das vorläufige Blutergebnis abwar-

ah, danke.“ Lemaire reichte ihm einen Datenblock rüber.

Sein Display leuchtete schwach, vermutlich funktionierte er

gar nicht mehr richtig. „Hmm.“ Roe hielt inne, als er sich die

Werte durchsah. „Keine Infektion. Die Anzahl der weißen

Blutkörperchen ist normal, Proteinfraktion normal. Sein Immunsystem

ist nicht mobilisiert.“


Judy konnte sich nicht länger stillhalten. Sie fragte: „Was bedeutet

das alles?“

Roe bemerkte die Anwesenheit des Mädchens erst jetzt, schien

sie aber zu ignorieren. Er war sehr ruhig, stand da, runzelte die

Stirn und dachte nach. An Zane gewandt sagte er schließlich:

„Wir müssen das diagnostische Netz erweitern.“. Er reichte

den Datenblock an den Sanitäter weiter. Zane nahm ihn zögernd

entgegen und tauschte einen vielsagenden Blick mit

Lemaire; sie wussten, dass sie das diagnostische Netz nicht

erweitern konnten. Es war einfach nicht möglich. Sie hatten

keine entsprechenden Geräte zur Verfügung, konnten keine

Experten für Infektions- oder Virenkrankheiten befragen, oder

in der medizinischen Datenbank nachsehen. Es gab keinen

Computer, den sie zwecks näherer Untersuchung anweisen

konnten, genauere Scans zu liefern. Im Grunde konnten sie

nichts tun, als Abwarten und Löcher in die Luft starren. Aber

Roe wollte das Mädchen nicht beunruhigen. Zane verstand

das. „Also gut.“, sagte er. „Wir kümmern uns sofort darum. In

Kürze wissen wir mehr.“ Er gab Lemaire ein Zeichen und verschwand

mit ihr hinter der Plane im „Labor“ – einer kleinen

Ecke, mit ein paar kompliziert aussehenden Geräten, von denen

keines richtig funktionierte. Als sie gegangen waren,

wandte sich Roe dem Mädchen zu. Er bedachte sie mit einem

langen, nachdenklichen Blick, erinnerte sich, dass sie viel Zeit

mit Athol verbrachte und ging vor ihr in die Hocke.

„Er wird wieder.“

Judy war skeptisch.

Mit einer Taschenlampe leuchtete er Judy in die Augen. „Und

du? Geht es dir gut?“

„Mehr oder weniger.“

„Empfindest du Schwindel, oder Übelkeit?“

„Ein bisschen Übelkeit, wegen... na ja.“ Sie deutete mit dem

Kinn in Garneres Richtung.

Roe nickte verständnisvoll. „Du solltest nicht zu lange hier


leiben.“

„Was ist mit Athol? Was hat er?“

„Wir wissen es noch nicht genau. Hast du eine Vermutung?“

„Nein.“

„Ist er vielleicht kürzlich mit Metallen oder Toxiden in Berührung

gekommen? In der Tarkon-Festung beispielsweise?“

Sie hatte keine Ahnung, worauf er hinauswollte. „Nein, nicht

dass ich wüsste.“

„Und hat er irgendwas zu dir gesagt?“

„Nur, dass ihm nicht so gut sei.“

„Wann war das?“

Judy zuckte mit den Schultern. „Vielleicht vor einer Dreiviertelstunde

oder so. Kann ich mit ihm sprechen?“

Der Sanitäter überlegte einen Moment. Vielleicht half es ja

sogar. Der Amphion schien ein starkes Band zu dem Mädchen

zu haben. Also nickte er. „Er hat sogar nach dir gefragt.“ Roe

stand auf und trat zu Athol herüber. „Athol? Können sie mich

hören?“

Athol hatte die Augen noch immer geschlossen, seine Pupillen

schienen zu zucken. Aber er bewegte die Lippen und formte

Worte, wenn auch schwach. Judy konnte nicht verstehen, was

er sagte. Roe winkte sie ein Stück näher, achtete aber sorgsam

darauf, dass sie genügend Abstand hielt. „Judy ist hier.“, kündigte

er an. „Sie wollte sie besuchen.“

Das schien irgendwas in Athol auszulösen. Er versuchte sich

aufzurichten, sein Brustkorb kam aber nur wenige Zentimeter

hoch, ehe er schwach aufs Bett zurückstürzte. „Besuchen.“,

wiederholte er mit brüchiger Stimme.

Roe fragte: „Ist das in Ordnung für sie?“

Ein schwaches nicken.

„Okay. Na komm, Judy.“

Judy trat zögernd ans Bett heran. „Hi, Athol.“ Sie wartete auf

eine Reaktion, aber er rührte sich nicht. „Tut mir... tut mir leid,

dass ich nicht... Ich hätte sofort die Ärzte rufen sollen.“ Sie


fühlte sich furchtbar, weil sie nur an sich gedacht hatte und

auch noch sauer auf Athol gewesen war. Aber der Amphion

war nicht nachtragend. „Ich werde ... gesund.“ Er klang

schrecklich. „Mein Glauben... hilft.“

Judy schwieg. Das entlockte Athol ein Lächeln. Ein schwaches

zwar, aber immerhin. Sie hatte ihm bereits vorher recht

deutlich klar gemacht, dass sie so etwas wie Glaube rückständig,

ja sogar gefährlich hielt. Athol konnte ihren Standpunkt

verstehen. Sie war jung, unerfahren. Sie glaubte nur an die

Dinge, die sie sah, die sie beweisen konnte. Aber es gab auch

Dinge, die man nicht sehen konnte, nach denen man nicht

greifen, die man nicht berühren konnte, und doch existierten

sie, wie die Luft zum atmen. Das war der Standpunkt, den sein

Volk vertrat. Die Kluft zwischen dem, was man wusste, und

was man vermutete, musste man mit Glaube überbrücken.

Manchmal war das alles, was man hatte. So wie die Amphion

fest daran glaubten, dass Judy noch eine wichtige Rolle für ihr

Volk spielen würde. Eine Rolle, die ihr selbst noch nicht klar

war.

Aber Athol war kein Narr, er wusste, dass die Weissagung um

das Kind, dass vom Himmel fallen, und sie in eine neue Ära

des Friedens leiten würde, im besten falle Vage, im schlimmsten

Falle erdacht war. Judy hatte mit ihrer Skepsis also nicht

unrecht, blinder Glaube war eine gefährliche Sache. Glaubte

man zu wenig, verschloss man sich vor den Dingen, die möglich

waren. Glaubte man zuviel, entging einem die Realität.

Aber es bestand kein Zweifel, dass seine Leute an diese Weissagung

glaubten, dass sie fest daran anhielten, an der Hoffnung

und an den Dingen, die möglich waren. Und das war alles,

was zählte. Um diesen Erwartungen gerecht zu werden,

um in diese Rolle zu schlüpfen – sei sie nun wahr, oder nicht –

musste auch Judy daran glauben. „Manchmal“, sagte er mit

schwacher Stimme „ist das alles, was wir haben.“

Seine Augen rollten nach oben und sein Körper wurde schlaff.


„Er braucht jetzt Ruhe.“, sagte Roe.

Verstört und nachdenklich, verließ Judy ohne ein weiteres

Wort das Lazarett. So bald wollte sie Athol nicht mehr besuchen.

Er war ihr Freund, aber er machte ihr auch mehr und

mehr Angst. Als Judy nach draußen trat, verschwand der über

ihnen hängende Planet unter einer dicken Wolkenschicht und

die Dunkelheit nahm Einzug.

Es herrschte rege Betriebsamkeit, als Ramina und Penkala

zum mobilen Lager zurückkehrten. Feuer brannten keine

mehr, dafür rannten alle durcheinander in der Dunkelheit, trugen

Kisten und Ausrüstung und bereiteten alles für den Abmarsch

vor. Jemand hatte anscheinend das Tarkon-Fahrzeug

wieder flott gekriegt und vorne als Zugmaschine an den Gespann

angeschlossen. Seine dunkelrote Hülle glänzte im gelegentlich

durch die Wolkendecke brechenden Licht des Nachbarplaneten.

Ein paar Techniker waren dabei, Transferkabel

im Innern zu verlegen.

Im Vorübergehen bewunderte Ramina ihre Tüchtigkeit. Die

Ingenieure hatten mit nur rudimentärem Gerät binnen kürzester

Zeit die halbe Ausstattung umgerüstet. Und sie ließen sich

ständig was neues einfallen. Zwei Container hatten sie komplett

vom Gespann abgekoppelt und bugsierten sie gerade mit

den Arbeiterbienen zur Felswand hinüber, damit sie nicht im

Weg standen. Gleichzeitig luden Offiziere die Ausrüstung aus

ihnen in die anderen Container um, offenbar wollte man diese

beiden Container zurücklassen.

Um Energie zu sparen, dachte Ramina.

Das war ihr recht. Der Container-Gespann war auch mit den

verbleibenden sieben Containern unangenehm lang und

schwierig zu verteidigen.

Alle hatten es nun plötzlich sehr eilig. Ramina wusste nicht


genau warum. Sie hörte Gordon rufen: „Na los, macht fertig.

Besser wird’s nicht.“

Ramina blieb stehen und legte den Kopf in den Nacken. Der

frühe Nachthimmel hatte sich weiter zugezogen, die Wolken

sahen immer bedrohlicher aus. Vielleicht hatten sie Angst vor

einem Niederschlag? Auf jeden Fall ging alles jetzt sehr

schnell. Jemand rief: „Vorsicht! Vorsicht!“, als Techniker eine

der großen Ausrüstungskisten fallen ließen. Es schepperte und

klirrte. „Passt doch auf, verdammt noch mal!“

Andere Offiziere schleppten nun die letzten Kisten und Duraniumkonstruktionen

mit großer Eile zum Gespann. Viel kam

nicht mehr, sie waren so gut wie fertig. Die beiden Container,

die sie zurücklassen wollten, waren bereits leer, ehe sie überhaupt

richtig abgestellt waren.

Ramina suchte die geschäftige Menge nach D’Agosta ab.

Schließlich entdeckte sie ihn, wie er angespannt das Geschehen

verfolgte. Er hatte sich mit seiner Tochter etwas Abseits

positioniert, um niemandem im Weg zu stehen. Irgendwie

wirkte er verloren, unnütz. Als er Ramina und Penkala entdeckte,

klopfte er Gordon auf die Schulter, um den Ingenieur

aufmerksam zu machen, und dann kamen beide zu ihnen herüber.

D’Agosta erkundigte sich: „Was erwartet uns?“

„Ein natürlicher Pfad.“, antwortete sie. „Vermutlich Wettergewaschen.

Es gibt hier und da vulkanische Aktivität, einige

Hindernisse, viele Hügel.“

„Werden wir durchkommen?“, wollte Gordon wissen. Sie hatten

Frachtcontainer im Zug, die sieben Meter lang waren. Fast

alle waren drei Meter breit und genauso hoch. Das bereitete

ihm ernsthafte Sorgen. In der flachen Ebene waren die Ausmaße

des Gespanns kein Problem. Hier oben hingegen, erwies

sich die Klobigkeit der Container als außerordentlich großer

Nachteil. Besonders das Lazarett bereitete ihm Kopfzerbrechen;

Dabei handelte es sich nämlich nicht um einen gewöhn-


lichen Container, nein, sie hatten gleich zwei zusammengeschweißt

und die Zwischenwände entfernt, um auf die Art einen

möglichst großen Bewegungsfreiraum für die Ärzte und

Verletzten zu gewähren. Sie hatten ja nicht erwartet, mit dem

Ding einen engen Bergpfad hoch zu müssen.

„Bin nicht sicher.“, sagte Ramina schließlich und sah reserviert

zum Pfad zurück, von dem sie eben gekommen waren,

und den bald die ganze Gruppe besteigen musste. „Breit genug

für uns ist er, und es wird nur an manchen Stellen sehr steil.

Dann aber richtig. Da ist ein Teilstück...“ Sie schüttelte den

Kopf.

Gordon konnte sich denken, was das bedeutete. Dennoch fragte

er: „Steigungswinkel?“

Es war Penkala, der Antwortete: „Etwa sechzig bis siebzig

Grad, würde ich schätzen.“

Gordon starrte ihn an. Dann tauschte er mit D’Agosta einen

vielsagenden Blick aus, warf die Hände in die Höhe und marschierte

Kopfschüttelnd zum Bohrfahrzeug. D’Agosta konnte

es ihm nicht verübeln. Die Exkursion nahm offensichtlich eine

neue Wendung, ging noch größeren Gefahren und Hindernissen

entgegen.

Seinem Wunsch, umzukehren, und zur Ebene zurückzumarschieren,

stand die Erinnerung an die Bombardierung der Tarkon

entgegen, das ihnen den Grauen der Hilflosigkeit näher

gebracht hatte. Da unten lagen sie auf dem Präsentierteller. In

den Bergen hatten sie wenigstens eine Chance. Wenn auch nur

eine geringe.

D’Agosta blickte nachdenklich zum Pfad hinauf, zu den Bodenerhebungen

und den spitzen, gefährlich aussehenden Berghängen,

die zu beiden Seiten weit in die Höhe ragten. Leise

fragte er an Penkala gewandt: „Irgendeine Spur von der Shenandoah?“

Der Pilot war der einzige, der ihren Crashdown wirklich gesehen

hatte. „Nein.“, antwortete er. „Aber ich bin sicher, dass sie


irgendwo in den Bergen vor uns runterkam. Andere scheinen

auch wind davon bekommen zu haben?“

D’Agosta runzelte die Stirn. „Hatten sie Probleme?“

Ramina antwortete sofort: „Nein.“

Sie tauschte einen Blick mit Penkala, der sich ebenfalls entschloss,

von der Begegnung mit dem Tarkon nichts zu sagen.

„Wo genau sie runtergekommen ist, kann ich nicht sagen, aber

wenn wir dem Pfad hier folgen, marschieren wir in die ungefähre

Richtung.“

„Hm.“ D’Agosta war nicht begeistert. Ehe er seine Sorgen äußern

konnte, spürte er, wie der Boden vibrierte. Erst leicht,

dann immer heftiger. Die Umgebung begann zu schwanken.

Die Leute stolperten, Risse taten sich auf und Fels und Geröll

rumpelte. Alles geriet plötzlich in Bewegung, sie hatten Probleme,

sich auf den Beinen zu halten, manche stürzten. Und

dann ging alles Schlag auf Schlag. Sie wussten, was jetzt kam,

sie hatten das Phänomen seit ihrem Absturz schon mehrmals

beobachtet. In der Ebene begann sich etwas gewaltiges durch

den Boden zu bohren, begleitet von einem unheimlichen, laut

dröhnenden Geräusch, das durch Mark und Bein ging. Es

klang, wie ein Nebelhorn.

Alle drehten die Köpfe.

Sie sahen, wie sich einige Kilometer entfernt das Erdreich anhob,

wie ein Kaugummi, den man aufblähte. Der Lärm war

unvorstellbar, selbst in dieser Entfernung. Und dann schien die

Kaugummiblase zu platzen, das Erdreich stürzte schlagartig

wieder in sich zusammen, gefolgt von einer kleinen Schockwelle,

die sich unterirdisch durch die Ebene ausbreitete, bis sie

verebbte. Das Geräusch hatte aufgehört, der Boden beruhigte

wieder.

Die Nacht war still.

Nein, dachte Allan. Dorthin gehen wir nicht wieder zurück.

„Gordon?“, sagte er. „Lassen sie uns aufbrechen.“


Aufbruch

Der Einzug auf den Pass hinauf in die Berge geschah ohne eine

Spur der Romantik, die in den Berichten der Siedler fremder

Welten des 22. Jahrhunderts über vergleichbare Reisen

durchschimmert.

Die Gestrandeten schnauften und stöhnten unter der Last ihrer

Geräte, Rucksäcke und Waffen. So zogen sie weiter den Berg

hinauf und D’Agosta, der voranging, war sich qualvoll ihrer

Verwundbarkeit bewusst: eine einzelne Reihe von erschöpften

Menschen, die sich weit jenseits ihrer Belastungsgrenze befanden,

war die am leichtesten erlegbare Beute.

Das schwere Bohrfahrzeug der Tarkon fuhr an der Spitze und

kämpfte um jedes bisschen Bodenhaftung, um die klobige Last

hinter sich, die Steigung hochzuziehen. Der Container-

Gespann folgte summend. Daneben bildeten die Offiziere eine

lange Kolonne. Die Szene wirkte wie der biblische Exodus,

nur dass es hier nirgends ein Paradies gab.

Gordon saß am Steuer des Tarkon-Fahrzeugs und schwitzte.

Es war eine holprige, ungemütliche Fahrt. Der Pass, der von

unten so flach und gleichförmig ausgesehen hatte, entpuppte

sich aus der Nähe betrachtet als rau, uneben und steil – mit etlichen

Hügeln und Buckeln. Sie kamen nur sehr langsam voran.

Die Kettenräder drehten häufig durch, und schleuderten

Kies und Dreck, ehe sie wieder Bodenhaftung bekamen. Aber

allmählich hatte Gordon den Dreh raus. Trotzdem, es war komisch

ein Fahrzeug zu steuern, das so viel Getöse machte- und

bei dem man noch Hebel ziehen und Pedale treten musste. Auf

Gordons Armaturenbrett blinkten Kontrolllämpchen auf. Er

konnte die Sprache der Tarkon nicht entziffern und wusste


nicht, wofür die entsprechenden Kontrollen zuständig waren,

also beschloss er, das Blinken zu ignorieren.

Draußen in der Dunkelheit zogen Felsen und gelegentliche

Farne langsam an ihnen vorbei.

Jerry, der stumm neben Gordon saß, beschäftigte sich mit dem

kleinen Computerterminal auf seinem Schoss – er sah kein

einziges Mal aus den Sehschlitzen. Etliche Kabel ragten aus

dem Rücken des Geräts heraus, verschwanden im Armaturenbrett

und wiesen auf die Behelfsmäßigkeit hin, mit der sie alles

zusammengebastelt hatten. Aber immerhin bekam Jerry

dadurch ein paar Daten vom ganzen Gespann.

„Wie schnell sind wir?“

„Vier bis Fünf Meilen pro Stunde, je nach Steigung.“

Gordon brummte, als es einen kleinen Graben hinab- und

gleich wieder hochging. „Wie machen sich die Container?“

„Bisher recht gut, trotz der Tortour. Die Energieleitungen halten

alles zusammen, außerdem stimmt der berechnete Abstand.

Die Container schlagen nicht aneinander, wenn wir aus

einer Senke kommen. Und wenn wir keine zu engen Kurven

nehmen müssen, dürften wir nirgends hängen bleiben.“

„Und der Energiepegel?“

Jerry verzog das Gesicht. „Sinkt rapide. Schneller als angenommen.“

„Trotz der Modifikationen?“

„Scheint so.“

„Wann liegen wir auf dem Trockenen?“

Jerry stellte die Gegenfrage: „Wie lange dauert denn hier eine

Nacht?“

„Etwa zehn Stunden oder so. Und seit gut zwei Stunden ist es

schon dunkel, schätze ich. Bis Sonnenaufgang sind wir auf die

Energievorräte angewiesen und bis dahin ist es noch ein bisschen

hin. Halten die solange?“

Jerry sagte nichts. Aber er sah nicht glücklich aus.

„Hm.“ Gordon wurde langsam unruhig. Allmählich begriff er,


wie sich Jerry fühlte. Sie hatten das Fahrzeug hier nicht gebaut,

und sie führten unerprobtes Gerät unter ungünstigsten

Bedingungen in eine unvorhersehbare Situation. Jetzt beschlich

ihn auch langsam das unbehagliche Gefühl der Isolation,

des Ausgesetztseins auf diesem komischen Mond, und das

auch noch mit unzuverlässiger Technologie. Es wurde unangenehm

warm in der Kabine. Gordon sah durch den Sehschlitz

zum Himmel hoch, der sich weiter zuzog, und bekam ein ungutes

Gefühl.

Müde und doch unruhig setzte D’Agosta einen Fuß vor den

anderen, staunte dabei über seine eigene Ausdauer und auch

die von seiner Tochter, die neben ihm dahertrottete. Er hatte

furchtbaren Muskelkater, alles tat ihm weh und er konnte

kaum noch auftreten, aber trotzdem marschierte er weiter, sie

alle marschierten weiter, direkt neben dem Container-Zug und

hielten nicht mal an den steilen Stellen inne, um kurz auszuruhen.

Jeder wusste, was beim letzten Mal geschehen war, als

ein Jäger ihre Position überflogen hatte. Diese Erfahrung

weckte ungeahnte Entschlossenheit in den Beinen der erschöpften

Frauen und Männer.

Den Lagerplatz hatten sie daher einigermaßen schnell hinter

sich gelassen – so schnell es die Geschwindigkeit des Zuges

zuließ. Danach führte der Weg etwa fünfzehn Minuten lang

steil bergauf. Noch wurde das Tarkonfahrzeug mit der Belastung

fertig.

Judy stolperte.

Sowohl D’Agosta, als auch Shannyn packten sie sofort an den

Armen und verhinderten einen schlimmen Sturz. Sie richteten

das Mädchen wieder auf und marschierten mit ihr in ihrer Mitte

weiter. Von Anfang an blieb Shannyn an ihrer Seite. Judy

war dankbar dafür, es schien sie zu beruhigen. Und D’Agosta


eruhigte es auch. In ihrer Nähe fühlte er sich immer geschützt.

Man hätte fast glauben können, dass sich Shannyn als

ihre Leibwächterin sah. Vielleicht stimmte das ja sogar. Sie

hatte Allan ein Versprechen gegeben, ein Versprechen, dass

sie ihn und seine Tochter heil hier rausbringen wollte, und das

schien sie ernst zu nehmen. Die einsame Löwin, die auf die

Herde aufpasste.

D’Agosta war dankbar dafür und fühlte sich ihr verbunden,

auch jetzt, während dem beschwerlichen Marsch. Zwar

schwiegen sie die meiste Zeit über, aber sie schritten etwa im

gleichen Rhythmus. Es war schön, wenigstens kleine Gemeinsamkeiten

zwischen ihnen zu finden, dachte Allan, wo Shannyn

doch sonst immer so ganz anders war als er. So ruhig, so

konzentriert und... unerschütterlich. Selbst jetzt. Die Anstrengung

der Wanderung schien ihr nicht so viel auszumachen.

Ihn hingegen machte jedes zusätzliche Grad Steigung völlig

fertig. Er fühlte sich nach ihrem Exkurs in die Tarkon-

Festung, und den dort erfolgten Kämpfen furchtbar gerädert,

wollte eigentlich nur noch schlafen, für mindestens drei Tage.

Shannyn auf der anderen Seite wirkte noch immer so unermüdlich,

als könne sie es jederzeit erneut mit Beliars Armee

aufnehmen. Er wusste einfach nicht, wie sie das machte, es

war ihm unerklärlich und allmählich hörte er auf, sich darüber

Gedanken zu machen. Für Shannyn war alles einfach. Für ihn?

Für ihn war nichts einfach.

Ein Stück weiter Rechts von ihnen zischte gelber Schwefeldampf

aus dem Boden und färbte das Feuerkraut in der nächsten

Umgebung weiß. Der Geruch war stark.

„Vulkanisch.“, sagte Shannyn zu D’Agosta.

„Könnte das die Erdstöße in der Ebene verursachen? Vulkanische

Aktivität?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist ein völlig anderes Phänomen.“

„Und was für eins?“


„Ich weiß es nicht.“

Sie schwiegen für eine Weile. D’Agosta wollte fragen, ob

Shannyn glaubte, dass die Tarkon sie noch weiterverfolgen

würden, jetzt, wo sie ihre Position änderten. Aber Judy konnte

jedes Wort hören und er wollte sie nicht beunruhigen. Also

schnitte er ein anderes Thema an, ein simpleres. Etwas Smalltalk

würde ihnen gut tun, dachte er. Sie ablenken. „Ich hatte ja

seit längerem mit dem Gedanken gespielt, Urlaub zu beantragen.

Mal vom Schiff wegzukommen. Aber das hier schwebte

mir nicht grade vor Augen.“

Shannyn lächelte. „So? Wo hätten sie denn hingewollt?“

Judy übernahm die Antwort: „Risa.“ Sie strahlte.

„Ja, warum eigentlich nicht.“, sagte ihr Vater. „Schöne Natur.

Viel Ruhe. Keine fressenden Felsen. Schon mal da gewesen,

Shannyn?“

„Risa hat keine Natur. Risa hat Umweltkontrollen.“

„Ja, schon, aber die Umwelt ist ja trotzdem echt. Die Tiere, die

Wälder, die Strände...“

Sie lächelte, aber er bemerkte, dass sie etwas zurückhielt, ihm

offenbar nicht wiedersprechen wollte. „Oder etwa nicht?“,

fragte er daher.

„Nein, Allan, nicht wirklich. Risa ist ein künstlich geschaffenes

Habitat. Die Bäume werden präzise gesetzt, die Wiesen

auf eine exakt berechnete Fläche gesät. Alles ist genau geplant,

alles ist konstruiert. Wie ein komplexes Holoprogramm.

Es ist nicht real. Es ist keine Natur. Zuviel Ordnung, zuwenig

Chaos.“

„Ist das so?“

Sie nickte. „Ich sage es ihnen nur ungern, aber es gibt kein ursprüngliches

Paradies, kein mythologisches Eden. Die romantische

Sicht auf die natürliche Welt wird nur von Leuten aufrecht

erhalten, die keine wirkliche Erfahrung mit Natur haben

– beispielsweise von Sternenflottenoffizieren, die ihre Schiffe,

ihre Städte, Kolonien, und ihre moderne Technologie gewöhnt


sind. Sie erleben ganz gewöhnlichen Alltagstrott und sehnen

sich hin und wieder nach einem einfacheren Leben. Ohne Berichte,

ohne Termine und ohne Leistungsdruck. Sie denken,

die Natur wäre die Lösung. Aber glauben sie mir, Allan, Völker

die in der Natur leben, sind nun wirklich nicht romantisch.

Nehmen sie die Amphion zum Beispiel. Sie schlagen sich mit

Krankheiten rum, Tieren, Seuchen... Jeder Tag bringt neue

Gefahren, jeder Tag ist für sie ein Kampf ums Dasein. Sicher,

sie mögen einen spirituellen Glauben über die sie umgebende

Umwelt aufrechterhalten. Sie mögen sogar ein Gespür, einen

Sinn für die Einzigartigkeit der Natur besitzen, oder die Lebendigkeit

der Dinge, die sie umringt. Sie wissen das alles

vielleicht zu schätzen, haben Respekt davor. Aber sie müssen

dennoch jeden Tag jagen, töten, Pflanzen ausreißen, und möglicherweise

Waldgebiete abfackeln, um zu essen, um Unterschlüpfe

zu finden, und zu überleben. Wenn sie das nicht täten,

würden sie sterben.“

Sie deutete mit einer Geste zu den Offizieren, die vor und hinter

ihnen den Pfad hinauftrotteten. „Keiner von denen hat jetzt

romantische Fantasien über ein ursprünglicheres Leben, nicht

wahr? Und das, obwohl sie sich genau jetzt, in diesem Moment,

inmitten eines solchen Lebens befinden. Aber sie haben

Steine in den Schuhen, Dreck im Gesicht. Es ist heiß und der

Marsch anstrengend. Sie schwitzen. Überall sind Käfer, krabbeln

ihnen in die Kleidung, über die Haut und durchs Haar.

Manche von ihnen Beißen, einige versuchen einem in die Nase,

oder ins Ohr zu kriechen. Sie lösen Infektionen aus und

Krankheiten. In der zivilisierten Welt kann man diese Erkrankungen

leicht behandeln: einfach mit den Tricordern die Diagnose

herstellen, mit dem Replikator ein Gegenmittel synthetisieren,

und es mit dem Hypospray verabreichen. Aber nichts

davon ist Teil der Natur. Hyposprays wachsen nicht an Bäumen.

Die Wahrheit ist, so gut wie niemand will in die richtige,

ursprüngliche Natur zurück. Was die Leute wollen, ist mal für


ein oder zwei Wochen dem Alltagsstress entkommen. Ab nach

Risa, in ein kleines Hotelzimmer, mit Fenstern, tollem Ausblick

und Insektencreme. Einfach für eine Weile ihren Job

hinter sich lassen und abschalten. Niemand will wirklich zurück

zur Natur und keiner tut es. Und je mehr wir uns von unseren

Wurzeln entfernen, desto stärker bildet sich auf den

Schiffen und in den Städten ein moderner Mythos vom schönen

Leben auf dem Land. Kolonisten wissen, wovon sie reden.

Stadtleute und Sternenflottenoffiziere nicht. Es ist alles Fantasie.“

„Aber deswegen bereitet man uns doch auf der Akademie so

gut vor. Um mit so was klarzukommen.“

Shannyn sah ihn mit gehobenen Brauen an, als wolle sie sagen:

glauben sie das wirklich? „Wo hat ihr Überlebenstraining

stattgefunden, Allan?“

„Äh, in Australien.“

„Hatten sie Ausrüstung dabei?“

„Ein paar Sachen, ja.“

„Eine Notbake? Waren sie in ständigem Kontakt zur Basis?“

„Ich denke schon.“

„Wussten andere, wo sie waren, und erwartete man sie zu einem

bestimmten Termin zurück?“

„Nun... ja, sicher.“

„Waren sie in einer Gruppe unterwegs? Waren ein paar ältere

Kadetten dabei, die sie nicht kannten?“

„Ich weiß nicht mehr genau. Doch, ja. Da waren welche, die

nicht zu meiner Staffel gehörten.“

Shannyn nickte wissend. „Das waren Ärzte und Instruktoren,

Allan. Sie waren nie auf sich alleine gestellt.“

D’Agosta wirkte erstaunt. „Wirklich?“

„Ist Standartprozedur. Die Akademieleitung kann keine

Kadetten ohne Aufsicht in ein potentiell gefährliches Gebiet

lassen. Würden sie nie machen. Das Überlebenstraining war

eine Illusion. Man bekommt höchstens eine Vorstellung von

dem Vermittelt, was einen hier draußen erwartet, nicht mehr.


Vermittelt, was einen hier draußen erwartet, nicht mehr. Und

sie sehen ja, was es bringt. Nein, nein, das Training ist reine

Theorie, selbst, wenn’s außerhalb vom Campus stattfindet. In

der Praxis hingegen ist vieles anders.“

Judy fragte: „Wollen sie darauf hinaus, dass Natur schlecht

ist?“

„Nein, im Gegenteil. Sie kann sogar sehr schön sein, und erfrischend

unkompliziert. Aber meistens ist Natur eine raue und

unversöhnliche Welt. Sie verlangt von einem, dass man sich

ihr anpasst und sich keinen Illusionen hingibt. Sie erfordert ein

ganz anderes Denken und Handeln.“

„Und wir sind nicht darauf vorbereitet, wollen sie das sagen?“

Shannyn lächelte fürsorglich. „Wir werden uns anpassen, Judy,

mach dir keine Gedanken.“

„Hm.“

„Doch, werden wir. Du bist schon dabei. Du verstehst dich mit

den Amphion, mit der Tierwelt... du zeigst die nötige Ausdauer,

gerade jetzt zum Beispiel. Marschierst einfach weiter und

beschwerst dich nicht. Ich hab mich, als ich in deinem Alter in

einer ähnlichen Situation befand, weitaus mehr beklagt.“

„Wirklich?“ Das konnte Judy kaum glauben.

„Ja, wirklich. Du bist schon viel weiter, als ich es damals

war.“

Judys Lächeln wuchs in die Breite, das gefiel ihr.

„Und dein Vater hier wächst langsam in die Rolle, die ihm

aufgedrängt wurde.“

D’Agosta schnaubte verlegen. „Jetzt übertreiben sie.“, sagte

er. Trotzdem musste er lächeln. Es war erstaunlich. Irgendwie

hatte es Shannyn geschafft, seine Laune zu heben. Sie sprach

von brutaler Natur, vom Tod all derer, die sich nicht anpassten,

und dennoch fühlte er sich besser. Das felsige Areal erschien

ihm nun in einem anderen Licht. Das hier ist nicht unsere

Zukunft, dachte er. Es ist unsere Vergangenheit. Es war

höchste Zeit zu dem zurückzukehren, was sie kannten. Wo sie


hingehörten.

Sie gingen an einem blubbernden Tümpel vorbei, dessen Rand

mit einer dicken gelben Kruste überzogen war. Je weiter sie

kamen, desto mehr Schwefeldampf stieg auf. Schon bald verfärbte

er die Felsen: Schwarze verwandelten sich in Auberginefarbene,

Purpurne in braune Töne. Hier oben wuchs nichts

mehr – es gab nur nackten, harten Fels und einzelne, von

Schwefel weißgefärbte kleine Sandfelder. Viele Leute husteten,

es wurde heiß und der Dampf brannte im Hals erschwerte

die Sicht.

Shannyn schwitzte. Sie zog den roten Uniformpullie aus, und

band ihn sich um die Hüfte.

D’Agosta schielte unauffällig zu ihr rüber. Selbst mit den ganzen

Kratzern im Gesicht, dem Dreck, dem getrockneten Blut

und den ungekämmten Haaren, erschien sie ihm auf eine unerwartete

Art anmutig und schön. Das dünne, lilafarbene Unterhemd

lies nicht mehr viel Raum für Spekulationen. Shannyns

Oberarme waren kräftig, ihre trainierten Schultern verliehen

ihr einen robusten Eindruck. Auch ihre Beine waren

muskulös, sie zeichneten sich unter der Uniform deutlich ab.

Gleichzeitig konnte sie sich aber in einer unauffälligen, eleganten

Art bewegen. Ihre Stimme war sanft und sie hatte ausdrucksstarke

begeisterte Augen, vor allem dann, wenn sie über

wissenschaftliche Themen sprach. Bei solchen Gelegenheiten

wirkte sie fast normal.

D’Agosta lächelte, sah wieder nach vorn und marschierte weiter.

Als die Luft schließlich aufklarte, hatten sie eine großartige


Aussicht auf einen kleinen, südlich gelegenen Krater in einem

Tal unter ihnen, der sich steil aus dem blassen Grau der Fels-

und Berglandschaft erhob. Lava glühte nirgends, aber sie sahen

ein hellgelbes Netz aus Geysiren innerhalb des Kraters,

die in abwechselnder Reihenfolge eine Eruptionssäule schäumenden

Wassers in die Höhe schossen. Die Fontainen wuchsen

bestimmt an die zehn Meter hoch. Der zischende Wasserdampf

verlor seine Farbe, während er zum Nachthimmel aufstieg.

Hatte der eine Geysir seine Ladung verschossen, war sofort

der nächste in der Reihe dran. Es war ein beeindruckendes Naturschauspiel.

Shannyn lächelte sanft und auch Judy schien

begeistert. Selbst die müdesten Offiziere warfen noch einen

Blick hinab, zeigten auf die Geysire und ließen ein „Oh“ oder

„Ah“ von sich, wenn wieder einer ausbrach. Nur Ramina verschwendete

keinen Blick auf das Naturschauspiel. Sie sah öfters

zu den Berghängen hoch, schien nach etwas bestimmtes

Ausschau zu halten. Vielleicht hatte sie sich vorhin schon an

den Geysiren satt gesehen.

Der Rest begrüßte die Abwechslung. D’Agosta gönnte den

Leuten den kurzen unbeschwerlichen Moment, als sie vorbeimarschierten.

Trotzdem trieb er sie an, nicht langsamer zu

werden, immer weiterzumarschieren.

Denn der Himmel zog sich weiter zu, schon bald setzte Wetterleuchten

ein.

Der Zug lies den Aussichtspunkt hinter sich und schon bald

ragten zu beiden Seiten des Pfades wieder hohe Bergwände

auf. Es ging weiter hinauf.

Die nächsten dreihundert Meter waren besonders schwierig.

Immer wieder stockte die Kolonne, wenn der Container-

Gespann anhielt, weil schwere Felsen den Weg blockierten,


die erst mühselig weggeräumt, oder vaporisiert werden mussten.

Ramina war nicht glücklich darüber, der Energielevel der

Waffen war auch so schon angeschlagen genug. Auf ihr Drängen

hin versuchten sie so viel wie möglich mit Körperkraft

wegzuräumen, was die Leute nur noch schneller erschöpfen

und bereitwilliger die Phaser zücken lies.

Es gab einige heftige Diskussionen und Streit, aber es brachte

nichts, sie mussten weiter.

Die Schüsse der Phaser hallten immer mal wieder durch den

Pass und in der Ferne stoben jedes Mal dreiköpfige Trelkez-

Vögel kreischend davon. Die Blitze am Horizont nahmen zu.

Nun setzte auch fernes Donnergrollen ein und wurde langsam

lauter. Wenn sie Pech hatten, würde das Unwetter sie bald erreichen.

Sie setzten die ruckelnde, knirschende Fahrt weiter fort.


Schreie

Nach einer weiteren halben Stunde Fußmarsch, war D’Agosta

sehr durstig, aber er versuchte sich anzutrainieren, länger ohne

Wasser auszukommen – sich den Begebenheiten anzupassen -

und marschierte weiter, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse

seines Körpers. Der Container-Gespann schlängelte sich weiter

den Pfad hinauf, die Menschenkolonne marschierte nebenher.

Sie nahmen einen schweren Hügel und dann ging es leichter

vorwärts, der Pfad wurde breiter und der Untergrund fester.

Nach fünfzehn Minuten hörten sie irgendwo vor sich aufgeregtes

Kreischen. Die Offiziere traten enger beieinander, sahen

sich ängstlich um. Ramina nahm ihre Waffe vom Gürtel, gab

zwei anderen Sicherheitsoffizieren knappe Handzeichen und

kurz darauf bezogen sie eine neue Stellung neben dem langsam

weitertuckernden Bohrfahrzeugs an der Spitze des Zuges.

Dann erfolgte wieder das Kreischen. Es erinnerte sie an Vögel,

als wäre einer heiser und krank, und sie bewegten sich vorsichtiger.

Auf den nächsten Metern nahm das sporadische Kreischen

weiter zu, wurde immer lauter und lauter. Schließlich war es

ganz nahe, aber sie konnten die Quelle nicht ausmachen. Der

Weg vor ihnen war problemlos einsehbar, aber da war nichts,

nichts, wovon Gefahr ausgehen konnte. Nur der Pfad, die

Berghänge zu seinen beiden Seiten, und einige alleinstehende

Felsen und viel Kies.

Shannyn schaute angestrengt. Sie hatte das Gefühl, dass ihr

etwas entging, etwas, das direkt vor ihren Augen lag. Sie

konnte die drohende Gefahr fast spüren, und für gewöhnlich


hörte sie auf ihre Instinkte, so auch jetzt. Sie joggte schnell

zum Bohrfahrzeug nach vorn und sagte Gordon er solle stoppen.

„Was? Aber warum sollen wir denn-“

„Da vorn ist irgendwas.“

„Ich seh beim besten Willen nichts. Scheint doch alles in Ordnung

zu sein.“

„Das ist es, was mich beunruhigt. Stoppen sie.“

Gordon brummte, tat aber wie geheißen. Er hielt den Wagen

an. Der ganze Gespann kam zum Stehen. Shannyn trat ein

paar Schritte den Pfad hinauf und ging dann in die Hocke.

Weiter hinten warteten die Offiziere nervös, tuschelten, und

reckten die Köpfe, um zu sehen, was da los wahr.

Sekunden verstrichen.

Alles war ruhig. Kein Gekreische mehr. Nichts. In der Ferne

blitzte es. Donner blieb diesmal aus. Eine merkwürdige Stille

hatte sich über den Pfad gelegt. Es war fast zu ruhig.

Judy bekam langsam Angst, spielte nervös mit den Fingern.

Sie fragte Allan leise: „Was ist denn passiert?“

„Ich weiß nicht. Shannyn hat was gesehen.“

„Und was?

„Ich weiß nicht.“

„Tarkon?“

Er schüttelte nur den Kopf.

Nun bewegte sich auch Ramina gebückt zu Shannyns Position

und kauerte sich neben sie, die Waffe schussbereit in der

Hand.

Sie flüsterten irgendwas. Allan konnte es nicht verstehen, sie

sprachen zu leise, obwohl sie nur ein paar Meter vor dem

Bohrfahrzeug saßen. Die Lichter des Wagens warfen die

Schatten der beiden Frauen auf den vor ihnen liegenden Bereich.

Sie sahen Wetterleuchten, dann grollte ferner Donner.

D’Agosta zog Judy näher zu sich heran. Er rührte sich nicht


von der Stelle, war entschlossen bei Judy zu bleiben und sie so

gut wie möglich zu beschützen.

Und dann erfolgte wieder das Kreischen.

Ramina zeigte auf einen der alleinstehenden Felsen.

„Es kam von dort.“, sagte sie. „Von dem rot gesprenkelten.“

Shannyn nickte nur.

„Ein fressender Felsen vielleicht?“ Bei ihrer Erkundungstour

vorhin war ihr nichts ungewöhnliches aufgefallen.

Shannyn sagte noch immer nichts. Sie taxierte den Fels mit

dem Blick einer Wissenschaftlerin. Er stand verlassen, auf

weiter Strecke Wegesrand. Irgendwie wirkte er fehl am platz,

unnatürlich. Als hätte ihn jemand dort hingestellt. Als hätte

ihn jemand positioniert. Die roten Sprenkeln, die man auf den

ersten Blick für ein natürliches Farbmuster halten konnte, sahen

bei näherer Untersuchung tatsächlich aus, wie getrocknetes

Blut, aber Shannyn vermutete, dass etwas ganz anderes dahinter

steckte.

Sie wussten inzwischen, dass die fressenden Felsen gewisse

Lockmittel einsetzten – Beeren, oder Düfte, um Opfer anzulocken.

Fast so wie fleischfressende Pflanzen. War das Opfer

dann nahe genug, schlug die Falle zu. Kräftige Tentakeln

schossen aus zahlreichen Löchern hervor, packten die Beute

und zogen sie mit ungeheurer Wucht ins Innere des Fels, wo

sie verdaut wurde. Befand man sich einmal in ihrem Griff, gab

es kein entkommen mehr. Die Tentakeln waren in der Lage

einen Menschen in Stücke zu reißen.

Ramina schien ihre Gedanken zu lesen. „Aber der da hat gar

keine Löcher.“

Shannyn wusste inzwischen, was los wahr. Sie sagte: „Der

brauch keine.“

Ramina legte die Stirn in Falten. Gerade, als sie fragen wollte,


was Shannyn meinte, kam eines der Trelkez herangeflattert,

ein dreiköpfiger Vogel, gut einen Meter groß. Mindestens. Er

flog tief, wich reaktionsschnell Hindernissen aus und kreischte

alle paar Sekunden – vielleicht, um sich zu orientieren, dachte

Shannyn. Er sauste an dem gesprenkelten Felsen vorbei – zu

hoch, um etwas auszulösen, und drohte schon wieder in der

Nacht zu verschwinden, als nun auch ein zweites Kreischen

einsetzte – vom Fels - und ihn zurücklockte.

Der Trelkez macht mit kräftigen Flügelschlägen kehrt, seine

Köpfe zuckten aufgeregt von rechts nach links, suchten nach

dem anderen Vogel, der hier irgendwo sein musste.

Der Fels kreischte erneut.

Shannyn konnte dem Vogel an seinen Bewegungen ansehen,

dass er verwirrt war. Er konnte mit seinem hervorragenden

Gehör ganz offenbar die Quelle des anderen Vogelsignals binnen

weniger Sekunden ausmachen, aber er war nicht in der

Lage, den anderen Vogel zu sehen. Dennoch schlug er ein

paar Mal mit den Flügeln und landete auf dem Fels, krächzte

und sah sich um.

Einen Moment lang geschah gar nichts. Und dann krachte das

gewaltige Maul aus dem Boden, schloss sich wie eine Bärenfalle,

und Fels und Vogel waren im Bruchteil einer Sekunde

im Innern verschwunden. Die Offiziere schrieen überrascht

auf und schreckten zurück, manche stolperten. Selbst Ramina

stürzte auf die Ellenbogen, trat aus und brachte schnell einen

weiteren Meter Entfernung zwischen sich und dem Ding. Sie

beobachtete mit fassungslosem Entsetzen, wie das „Maul“ mit

gieriger Heftigkeit hin und herschleuderte, als wolle es seiner

Beute alle Knochen brechen. Es sah fast aus wie eine Muschel,

aber im Innern hatte keine Perle gewartet...

Sie hörten den Vogel im Innern schreien, panisch schreien. Es

war entsetzlich. Die Lebensform – worum es sich auch immer

handelte -, reckte das Maul etwas weiter aus dem Boden,

schleuderte wilder. Der Vogel kreischte nun schriller, und


dann gar nicht mehr. Das Maul beruhigte sich. Ein tiefes Gurgeln

war zu vernehmen. Eine Minute später, klappte das Maul

wieder zu den Seiten auf, fast wie eine Muschel, und grub sich

im Kies ein. Der Vogel war verschwunden. Der „Fels“ stand

allein.

Dann wurde die Nacht ruhig.

Alles war wieder wie vorher.

Shannyn hatte sich nicht von der Stelle bewegt. Nun wandte

sie sich Ramina zu, die sich noch immer auf den Ellenbogen

aufstützte. „Das war kein Fels.“, stellte die Orionerin mit großen

Augen fest.

„Nein.“, sagte Shannyn und half ihr auf. „Das war seine Zunge.“

„Hat das Ding im Boden grade wirklich die Geräusche eines

Vogels imitiert?“

„Wenn sie mal in Afrika sind, Ramina, in der Nähe eines Gewässers

und sie hören Hundegebell, dann können sie davon

ausgehen, dass sie bald ein Krokodil am Hintern haben.“

Ramina sah sie entgeistert an. „Was?“

„Raubtiere sind intelligent und zielgerichtet. Sie lernen sehr

schnell die unmöglichsten Tricks, um Beute anzulocken. Ihre

Opfer zu imitieren, ist nur eine ihrer Taktiken..“ Und dann rief

sie zu den anderen: „Wir können weiter.“

D’Agosta wies die Leute an, alleinstehende Felsen in Zukunft

zu meiden und so weit wie möglich zu umgehen. Wenn welche

im Weg standen, sollten sie von nun an die Phaser nutzen

und sich nicht mehr nähern, gleichgültig wie es um den Energievorrat

der Waffen stand.

Niemand wiedersprach, auch Ramina nicht. Gordon aktivierte

die Zündung wieder und steuerte den Container-Gespann dicht

am Berghang vorbei, um dieser merkwürdigen fleischfressenden

Falle auch ja nicht zu nahe zu kommen. Die Leute, nebenhermarschierten,

folgten seinem Beispiel. Leise und vorsichtig

entfernten sie sich von der Stätte des Grauens. D’Agosta war


erstaunt, wie schnell sich hier oben Schönheit mit Grausamkeit

abwechselten. Langsam begriff er, wovon Shannyn vorhin

gesprochen hatte. Das hier war eine fremde Welt, eine, die sie

nicht gewohnt waren und ganz und gar nicht verstanden.

Jedes Mal, wenn die Steigung zunahm, atmeten die Offiziere

schwerer. Obwohl der Zug nur langsam unterwegs war, und

mit Schritttempo den Berg hinaufkroch, fielen einige Leute

unangenehm weit zurück. Allmählich ließen Konzentration

und Kraft nach. Einige stolperten, selbst auf den flacheren

Wegstrecken. Sie schürften sich die Knie auf und zogen sich

Prellungen zu. Die Sanitäter Roe, Zane und Krankenschwester

Lemaire waren im Dauereinsatz.

Andere, die zuviel trugen, verloren etwas, blieben stehen und

versuchten die Taschen und Bündel wieder aufzuheben, wodurch

sie noch mehr fallen ließen. Trotzdem trieb D’Agosta

die Gruppe weiter an.

Zwei Stunden nach ihrem Aufbruch vom Bergfuß, veränderte

sich das Gesicht der felsigen Landschaft erneut. Wind und

Sand hatten dem Gestein hier oben eine merkwürdig gruselige

Form verliehen. D’Agosta fühlte sich an das Bild eines Horrorwaldes

erinnert, mit verrotteten Bäumen und verknoteten

Ästen. Hier und da hingen flockige Fetzen von Nebel wie

Watte auf dem Pfad und gelegentlich hörten sie wieder die

Schreie der Vögel. Ob es sich um Lockrufe der Fleischfresser,

oder tatsächlich um echte Trelkez-Vögel handelte, konnten sie

nicht sagen.

Einen fressenden Felsen sahen sie jedenfalls nicht mehr; das

Gestein hier oben war deutlich spitzer, zackiger, auf eine ge-


fährlich aussehende Art und Weise. Der Anblick der Umgebung

war langweilig und zugleich furchteinflößend. Die Felsen

wirkten fast unnatürlich weiß. Als D’Agosta Shannyn darauf

ansprach, schüttelte sie nur den Kopf.

Während sie tiefer in die Berge eindrangen, wurde D’Agosta

immer grüblerischer, die Leute vor und hinter ihnen wortkarger.

Er drehte sich im Gehen um, blickte die Reihen von Offizieren

entlang, die neben den Containern herstapften, wie

Zombies. Sie brauchten eine Pause, einen, die er ihnen noch

nicht gestatten wollte, nicht gestatten konnte. Nicht hier, auf

steiler Fläche. D’Agosta fragte sich langsam, welche Ausmaße

das Gebiet, das die Berge einnahmen, überhaupt hatte, und

wie lang der Pass war. Wie hoch waren sie nun? Wie weit lag

die Ebene zurück? Er war sich nicht sicher, ihm war jegliches

Zeitgefühl abhanden gekommen.

Shannyn und Judy blieben oft stehen, um aufmerksam einem

fernen Jaulen zu lauschen, oder weil sie sich ein Insekt genauer

ansahen. Sie konnte gut mit Kindern umgehen, wie

D’Agosta fand. Ein Naturtalent. Sie lenkte Judy ab, gab ihr

etwas zu tun und hielt ihren Verstand beschäftigt. Aber vielleicht

interessierte sich Shannyn ja auch wirklich für diese Geräusche

und Insekten.

Das ist Forschergeist. Besorgt musste er feststellen, dass ihm

sein eigener schon lange abhanden gekommen war. Sie marschierten

weiter.

Roe stand auf einer kleinen Anhöhe, lauschte angestrengt in

die Nacht hinein und nahm den Schwefelgeruch wahr, der von

einer heißen Quelle am Boden stammte. Er wandte den Blick

nicht vom Nachthimmel, weil er eine Veränderung in der Luft

witterte, die ihm überhaupt nicht gefiel. Er hatte das unangenehme

Gefühl, dass sich ein Sturm zusammenbraute, und er


wusste aus persönlicher Erfahrung, wie schnell sich solche

Veränderungen vollziehen konnten.

Die Bergwelt war ihm nicht fremd. Auf seinem Heimatplaneten

herrschten ganz ähnliche klimatische Bedingungen wie auf

diesem Mond und er hatte bei zahlreichen Wanderungen in die

xenexianische Ödnis einige Erfahrungen sammeln können, die

ihn besser auf die Hitze und die Anstrengungen des Aufstieges

vorbereiteten, als der Rest. Er wusste, dass eine solch harsche

Umwelt kein Erbarmen mit denen hatten, die nicht ständig auf

der Hut waren.

Ja, es war wirklich fast wie zuhause. Als sei er zurück auf Xenex.

Alles war riesig – die gewaltigen Berghänge, die merkwürdigen

Felsformationen, die hoch über ihnen von einer

Wand zur anderen strebten, und die Gipfel die, sie hin und

wieder in der Ferne erspähen konnten, mit ihren gefährlichen

Zacken, die sie aussehen ließen, als trügen sie eine Krone. Der

Pfad war dunkel, unheimlich, gelegentlich sogar neblig. Aber

sie kamen dennoch ganz gut voran. Davon abgesehen bot sich

die Landschaft als öde und still dar, seit sie die Geysire hinter

sich gelassen hatten.

Und alles war ruhig. Hin und wieder hörten sie zwar noch einen

gelegentlichen Vogelruf, oder den Schrei eines urzeitlich

anmutenden Tieres, das ihnen verborgen blieb, aber sonst lag

über allem eine tiefe Stille, die nur vom energisch tuckernden

Bohrfahrzeug an der Spitze des Container-Gespanns durchrochen

wurde.

Außerdem war alles seltsam monoton: Obwohl vereinzelt

Feuerkraut am Wegrand wuchs, sahen die Blätter blass und

gedämpft aus. Der Boden unter ihren Füßen war fest und die

stickige Luft, die gleichsam auf dem Pfad gefangen war, hatte

einen neutralen Geruch

Ja, dachte er. Ganz wie zuhause.

Wie auf Xenex.

„Sani?“ Jemand tippte Roe auf die Schulter und riss ihn aus


seinen Gedanken. „Können sie sich das hier mal ansehen?“

Es war Penkala. Er krempelte den seine Uniform am rechten

Arm hoch und Roe entdeckte eine fette, schneckenartige Kreatur,

die sich dort unterhalb der Elle festgesaugt hatte. Ein

Tropfen Blut quoll aus der Stelle, and er sie sein Fleisch berührte.

„Ich hab’s bis eben nicht einmal bemerkt.“

Roe sah sich das Tier genauer an: Ein klassischer Blutegel.

Der hier sah nur ein bisschen gefährlicher aus, womit er perfekt

zur restlichen Tierwelt passte. Außerdem war er ziemlich

groß. Sie hatten schon recht früh nach ihrer Ankunft auf der

Oberfläche festgestellt, dass sämtliche Tiere hier mutierte waren,

und ungewöhnliche Größenordnungen herrschten. Außerdem

gab es eine erhöhte Population an Raubtieren, die Roe

unnatürlich vorkamen. Sie konnten sie noch keinen Reim darauf

machen. Er fragte: „Waren sie an einer Wasserquelle? In

einem See, oder an einem Fluss oder etwas ähnlichem?“

„Nein, eigentlich nicht. Ist ja nur Wüste hier.“

„Merkwürdig. Eine Ahnung, wie lange der schon da hängen

könnte? Scheint sich schon ordentlich vollgesaugt zu haben.“

„Keine Ahnung, wirklich nicht. Wie gesagt, hab ihn eben erst

entdeckt. So ein Biest.“

Penkala wollte nach dem Tier greifen, aber Roe hielt ihn davon

ab. „Nein, nicht!“ Er erklärte ausführlich, warum man sie

wegbrennen musste. Wenn man sie herauszog, blieb meist ein

Teil des Kopfes im Fleisch zurück und führte zu einer Infektion.

„Wegbrennen?“ Penkala wirkte nervös.

„Gehen sie zu Lemaire. Sie wird’s mit einem Phaser machen.

Tut bestimmt nicht weh.“

Penkala rollte die Augen. „Oh Mann. Immer ich.“ Kopfschüttelnd

und schimpfend lief er Richtung Lazarett. Roe hörte ihn

noch zu jemandem rufen: „Hey, Edgarton. Sieh mal. Ich glaube

deine Mutter hängt mir am Arm.“ Es folgte herzliches Gelächter.


Roe entdeckte in den Reihen der vorbeiziehenden Offiziere

seinen Kollegen Zane und ging zu ihm rüber. Er fragte: „Was

bekommen?“ Roe hatte ihn vor ein paar Minuten losgeschickt,

um die Leute nach Schmerzmitteln zu fragen, die sie vielleicht

für sich selbst horteten.

Nun zuckten Zanes Antennen. „Nur zwei Hyposprays. Im einen

ist Antrazin und im anderen etwas Morphium. Das war’s.

Magere Ausbeute, huh? Entweder haben wir wirklich nichts

mehr, oder sie wollen ihre Vorräte nicht rausrücken.“

„Ist besser als nichts. Zeig mal her.“

Er nahm die beiden Injektionsgeräte entgegen und prüfte die

Ladungen in den Phiolen. Ihm wurde angezeigt, dass sie nicht

einmal bis zur Hälfte gefüllt waren. Entweder waren selbst die

Statusinformationen der Sprays defekt, oder die Leute hatten

sich Betäubungsmittel injiziert. Roe vermutete letzteres. Er

sah sich diskret um und fragte: „Sind die Leute in Ordnung?“

„Ja, größtenteils.“, sagte Zane. „Müde und so. Aber bis auf ein

paar Kratzern fehlt ihnen nichts. Hallie bereitet mir allerdings

Sorgen mit ihrem Bein.“

„Mir auch.“, sagte Roe. „Sie nennt mich nicht mal mehr den

Termitensani. Hast du irgendjemanden mit erweiterten Pupillen

gesehen?“

Zane stutzte und sah rüber. „Nein. Hab aber auch nicht drauf

geachtet. Stimmt denn was nicht?“

„Nein, alles okay. Wird wohl nichts sein.“

„Apropos Pupillen... Du solltest was schlafen, Eugene.“

„Seh ich so furchtbar aus?“

„Bist jedenfalls schon lange auf den Beinen.“

„Ja, vermutlich.“ Er war wirklich schon lange auf. Etwas

Schlaf würde gut tun. „Vielleicht hast du recht. Ich denke-“

Und plötzlich stellten sich Roes Nackenhaare auf, als er das

merkwürdige Pfeifen hörte. Wie von Sylvesterraketen. Noch

weit entfernt. Roe drehte sich Richtung Ebene um, versuchte

in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Einen Moment lang war


alles Still, dann drang das Geräusch einer großen Explosion

irgendwo aus den Bergen und ein orangeroter Feuerball erleuchtete

die Nacht.

Roe hielt unwillkürlich den Atem an; die Tarkon bombardierten

erneut.


Erstes Bombardement

Roe war sofort auf den Beinen, packte Zane am Kragen und

riss ihn mit sich. Roe sah aus den Augenwinkeln, wie einige

Offiziere ihre Sachen fallen ließen und in alle Richtungen

rannten. Sie wirkten verwirrt und zu Tode erschrocken und ihre

Blicke waren auf den Himmel gerichtet. Ein jeder von ihnen

hatte noch den Schrecken der ersten Bombardierung im Kopf.

Alle rannten und schrieen durcheinander. Das Heulen und

Pfeifen setzte wieder ein, kam näher und Roe fand gerade

noch Zeit, sich mit Zane hinter einen Felsen zu werfen, ehe die

Mörsergeschosse der Tarkon ihrer Position erschreckend nahe

kamen und auf einer der Steilwände explodierten. Ein gewaltiger

Donnerknall, der Roes Trommelfell zu zerreißen drohte,

folgte und die halbe Bergkuppe wurde weggefegt. Steine,

Staub und Schutt prasselten in alle Richtungen nieder. Die

ganze Erde bebte.

Und dann kamen alle Geschosse auf einmal.

Die Zielerfassung der Tarkon schien auf diese Entfernung enorme

Schwierigkeiten zu haben, die Explosionen lagen weit

auseinander, prasselten dafür aber in großer Zahl über das gesamte

Bergareal nieder. Weil die Tarkon ihre genaue Position

nicht kannten, oder nicht genau treffen konnten, hatten sie sich

wohl dazu entschieden, einfach den gesamten Berg mit Mörserbeschuss

einzudecken.

Eine Granate schlug hinter dem Schlafcontainer ein und die

Druckwelle lies ihn bedrohlich schwanken und warf drei Offiziere,

die sich in unmittelbarer Nähe befanden durch die Luft.

Einer stürzte mit dem Kopf voraus in eine Bodenvertiefung,

die beiden anderen wurden gegen die Bergwand geschleudert.


Sekunden, ehe das nächste Mörsergeschoss heulend heranraste,

warnte ihn das Aufrichten seiner Nackenhaare. Roe verlor

keine Sekunde, packte Zane erneut und sprang verzweifelt über

den Felsen, hinter dem sie sich versteckten. Die Granate

traf genau ihr Ziel. Sie explodierte nicht auf dem Bergrand,

sondern raste weißglühend an Roe vorbei und verschwand

hinter ihm. Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als

würde gar nichts passieren, doch dann flammte die Explosion

hinter ihnen auf.

Eine Woge unvorstellbarer Hitze fegte ihn von den Beinen.

Der Aufprall erfolgte beinah sofort. Roe spürte einen Schmerz

in der Schulter, hörte ein reißen irgendwo am Bein. Als er die

Augen öffnete, befand er sich ganz woanders und brauchte eine

Sekunde, um die Orientierung wiederzufinden. Von Zane

fehlte jede Spur.

Hektik, Panik, überall Lärm, Hilferufe und Schreie. Ein weiteres

Geschoss raste pfeifend heran und explodierte an der Innenseite

der anderen Bergwand. Der Einschlag war so weit

entfernt, dass er Roe nicht gefährlich wurde, aber er zertrümmerte

fast ein Drittel des Berges. Tonnen von Gestein polterten

in einer gewaltigen Lawine herab und türmten sich zu einer

Barrikade hinter dem Container-Gespann auf – ihnen war

der Rückweg abgeschnitten.

Der Zug war zum Stehen gekommen. Es herrschte heilloses

Chaos. Noch immer prasselten kleine Gesteinsbrocken von der

zerfetzten Bergkuppe herab, eine Staubwolke verkürzte die

Sicht. Einige Körper lagen verletzt, oder vielleicht auch tot am

Boden und die anderen rannten sinnlos umher. Roe brach zusammen

und vermochte für endlose Sekunden nichts anderes,

als keuchend ein- und auszuatmen und darauf zu warten, dass

die Hitze nachließ.


Und während all dem spürte er nichts. Kein Schmerz. Keine

Wut. Keine Trauer. Gar nichts. Wie jemand, der das ganze in

einem Holodeckszenario beobachtete, sah er leidenschaftslos

den fliehenden Offizieren hinterher, bis niemand mehr floh.

Der Beschuss hörte auf. Roe registrierte das erst Sekunden

nachdem die letzte Granate einschlug. Aber der Boden zitterte

noch immer und begann sich erst jetzt langsam zu beruhigen.

Ein grollen und Dröhnen lag in der Luft. Es dauerte eine Weile

ehe Roe begriff, dass das Dröhnen nur in seinen ohren existierte.

Eine Gestalt kam auf ihn zu und durch die Rauchschwaden erkannte

Roe erst, wer es war, als der andere Sprach und er seine

Stimme identifizieren konnte. Es war Zane. „Roe! Um

Himmels Willen, bist du verletzt?“

Roe fand, das war die mit Abstand dümmste Frage, die er seit

Tagen gehört hatte. Aber alles, was er als Antwort zustande

brachte, war ein kaum merkbares Nicken. Er versuchte auf die

Beine zu kommen, aber es gelang ihm erst, als Zane half.

„Wie steht’s mit dir?“, fragte er heiser. Seine Augen tränten

und die Haut fühlte sich an, als hätte man versucht ihn zu kochen.

Seine Uniform sah auch ungefähr so aus. „Bist du in

Ordnung?“

„Ja.“, erwiderte Zane. „Einigermaßen. Der Beschuss war halb

so wild, glaube ich. Die haben kaum was getroffen.“

Roe schüttelte ein paar Mal den Kopf, um ihn wieder klar zu

bekommen. „Ist... ist jemand verletzt? Hast du Verletzte gesehen?“

Und in dem Moment setzten die Hilferufe ein.

Das erste, was Roe sah, war, wie eine Gruppe bestehend aus

D’Agosta, Ramina und zwei weiteren Offizieren um einen

Körper herumstanden und nach einem Sani riefen, während


Shannyn das Mädchen festhielt und an sich drückte.

„Das wird wieder, das wird wieder!“, sagte D’Agosta und hielt

die Hand des Mannes. Ohne langsamer zu werden warf sich

Roe vor dem Verletzten auf die Knie. Er schlidderte ein kleines

Stück über den Kies und riss sich zeitgleich die Arzttasche

von der Schulter. Jede Sekunde zählte. Erst jetzt sah er, dass

es sich bei der Person am Boden um den Techniker Rayne

handelte. Sein Gesicht war Schmerzverzerrt. Er hielt sich das

Bein. Aus einer tiefen Wunde floss blut.

Soviel Blut.

Roe starrte es an.

Soviel-

Ramina stieß ihm gegen die Schulter, was Roe aus seiner Starre

erweckte. Nach ein paar Sekunden hatte Roe wieder seine

Stimme wiedergefunden. „Ist nur ein Kratzer, Rayne. Ruhig

bleiben. Es ist nicht so schlimm.“

Zwischen zusammengebissenen Zähnen brachte Rayne raus:

„Es ist mein Bein, ich entscheide, ob’s schlimm ist. Argh!“

Roe schüttelte den Kopf. Von seiner lädierten Uniform riss er

einen Stoffstreifen ab und band ihn um die Wunde. Als er eine

Schlaufe machte und den Knoten feste zuzog, stöhnte Rayne

auf. Nun kam endlich ein anderer Offizier mit ein paar Handtüchern

an, die sie ebenfalls um das Bein wickelten. Roes

Hände waren bereits blutverschmiert. In die Wunde kam

Dreck.

„D’Agosta.“, sagte Roe schnell. „Ich hab Morphium in meiner

Tasche, geben sie ihm was.“

D’Agosta zögerte einen Moment, griff dann aber nach dem

Hypospray. „Wohin?“

„In den Oberschenkel.“

„Okay.“

Rayne stöhnte, als der Injektor zischte.

„Legen sie seinen Kopf hoch, los. Ja, so ist gut, gut. Noch ein

Stück. Ok, gut. Jetzt hebt ihn hoch und bringt ihn zum Laza-


ett. Ruhig bleiben, Rayne, das wird wieder. Ist nicht so

schlimm, wie es aussieht.“

Als die Männer ihn in die Mitte nahmen und zum Lazarett trugen,

stöhnte Rayne irgendwas unverständliches. Er zog eine

dünne Blutspur hinter sich her. Roe blieb noch einen Moment

in der Hocke und starrte auf seine Hände. Sie zitterten und sie

waren voller Blut.

So viel Blut.

Und noch immer spürte er nichts. Gar nichts.

Es war viele Jahre her, seit Roe das letzte Mal auf Xenex gestanden

hatte, und nun musste er feststellen, dass es hier noch genauso

wenig einladend, heiß und öd war, wie in seiner Erinnerung.

Es kam ihm so vor, als hätte er einen Ofen betreten. Die Hitze,

die einem hier entgegenschlug lies ihn leise aufkeuchten. Es war

Niemand war da, der sie erwartete – keine Menschenseele in

Sicht. Die Verlockung, einfach wieder ins Transportschiff zu

steigen, ehe es abhob, und erst in fünf Tagen zurückkommen

würde, war enorm.

Delilah trat neben ihn, zog ihre Schultertasche zurecht und grinste

wie ein kleines Kind, das es geschafft hatte, zu später Stunde

beim Besuch am Küchentisch sitzen zu dürfen, und das allein

brachte auch ihm ein kleines Lächeln. Auch wenn er es nicht gesagt

hätte, war er froh, dass sie ihn auf diesem Trip begleitete.

Seine Hand tastete nach ihrer und drückte sie, was Delilah irgendwie

süß fand.

Er erklärte: „Es hilft, mir zu realisieren, dass du wirklich da

bist.“

Das fand sie sogar noch süßer.

„Das ist also euer Raumhafen.“, stellte sie fest.

„Uh-huh.“, machte Roe. „Sie haben ihn ziemlich erweitert in den

letzten Jahren.“ Ziemlich erweitert war nicht unbedingt eine


Phrase, die andere Leute benutzt hätten. Tatsächlich war der

Raumhafen nämlich äußerst erbärmlich und heruntergekommen.

Selbst der an der Akademie war um einiges größer. Im Gegensatz

zu den überall üblichen neun oder mehr, gab es hier nur

zwei Landefelder. Dazu noch einen Kontrollturm, der zur Mittagszeit

nicht einmal besetzt war, eine kleine Lagerhalle, diverse

Schrotteile, die teilweise sogar auf den Landefeldern herumlagen,

und eine hohe Steinmauer, die das ganze Areal umgab.

Alles war still.

Wirkte tot.

Da war nichts.

Nicht einmal ein Windhauch.

Es war zweifellos der kleinste und unbeeindruckendste Raumhafen,

den Delilah je gesehen haben mochte, aber dennoch verlor

sie kein negatives Wort. Im Gegenteil. Sie schien sogar gefallen

an der Ruhe und Verlassenheit zu finden, die dieser Ort ausstrahlte.

Entweder sah sie Xenex aus einer romantischeren Sicht,

weil sie den Planeten mit Roe verband, oder sie konnte ihre wahren

Gefühle einfach nur verdammt gut verstecken.

Oder aber er war seiner eigenen Heimat gegenüber arg kritisch,

überlegte Roe. Ja. Das war es wohl.

„Müssen wir uns irgendwo anmelden?“, fragte Delilah.

Roe schirmte seine Augen gegen das grelle Licht einer tief stehenden

Morgensonne ab und sah zum Kontrollturm hoch. Hinter

den schmutzigen Fensterscheiben rührte sich nichts. War wohl

wirklich keiner da. „Nein. Komm.“

Er führte sie nach draußen zu einer kleinen steinernen Garage in

der sich irgendwo zwischen Müll und Schrott ein heruntergekommener

Schwebe-Flitzer verbarg. Man hatte sich nicht die

Mühe gemacht ihn oder das andere Equipment zu sichern – entweder,

weil die Teile so alt waren, dass sie garantiert niemand

stehlen würde, oder aber, weil es schlicht niemanden in diese

Gegend verschlug. Man hatte lediglich eine fleckige Plane über

den Flitzer geworfen, und ihn dann seinem eigenen Rost überlas-


sen.

Während Roe ihn nach draußen ins Sonnenlicht schob, und zum

Laufen zu bringen versuchte, sah sich Delilah um.

Ringsherum nur flaches Gelände, mit niedrigen Sträuchern und

etlichen merkwürdig geformten Felsen, die wie Stalagmiten aus

der Wüste ragten und lange Schatten im Morgenlicht warfen. Irgendwo

am Horizont glaubte Delilah ein paar kleine Gebäude zu

erkennen – die Hauptstadt -, aber die Wüste flimmerte vor ihren

Augen, möglicherweise irrte sie sich. Ein maschinelles Dröhnen

erklang vom Raumhafen, und als Delilah einen Blick zurück

warf, sah sie, wie ihr Transportschiff mit Getöse abhob. Sie

duckte gegen den aufwirbelnden, beißenden Sand. Das Schiff

beschrieb einen Kreis und flog dann in den Himmel davon. Das

Dröhnen verklang. Die Wüste war wieder still und ein leichter

Wind zerrte an Delilahs Freizeitjacke, lies ihre Hosenbeine flattern.

Roe schnippte und winkte sie dann herbeit; der Flitzer war startklar.

Er klemmte sich hinter das Steuer, Delilah kletterte auf den

Beifahrersitz.

Sie fragte: „Wo fahren wir jetzt hin?“

„Nach Roe. Zu meiner Heimatstadt.“

„Ah. Wie heißt die?“

„Roe.“

Sie schaute verständnislos. „Huh?“

Roe seufzte. „Xenexianer haben eigentlich keine Nachnamen,

weißt du? Damit der Kontakt zu Außernweltlern etwas... reibungsloser

verläuft, habe ich einfach den Namen meiner Heimatstadt

angenommen. Das ist zugegebenermaßen nicht die

kreativste Lösung, aber...“

Starren.

„Habe ich dir das nicht erzählt?“

„Du nimmst mich auf den Arm.“

Roe legte ein paar Hebel um und errötete leicht. „Nein.“

Delilah fand das ganz und gar nicht lustig. „Und wann gedachte


der Herr, mich über dieses winzige Detail über ihn zu informieren?“

„Was spielt das schon für eine Rolle?“

„Eine große, mein Lieber! Eine große! Ich will dich doch kennen

lernen, Eugene.“ Sie sutzte, als ihr ein anderer Gedanke kam.

„Uh... das ist doch dein Name, oder?“

„Ja.“, sagte er. „Zumindest... Teilweise.“

„Was?!“

Ihr Geschimpfe ging im Röhren des Antriebs unter.


Danach

D’Agosta hatte den Kopf in den Nacken gelegt und sah zum

wolkenbehangenen Himmel hinauf. Langsam verzweifelte er.

Für gewöhnlich dauerten die Tage und Nächte auf dem Mond

nie lange an, der Rotationszyklus des Mondes war schneller

als der der Erde. Und es war schon seit einer ganzen Weile

dunkel. Es konnte also nur noch wenige Stunden bis Anbruch

der Dämmerung dauern. Trotzdem schien es eher dunkler als

Heller zu werden. Ein kräftiger Wind blies durch den Bergpfad

und trug die Staubwolke des gesprengten Berges davon.

Die Offiziere prüften die Ausrüstung.

D’Agosta wandte sich von einer kleinen Gruppe Technikern

ab und Judy zu. Sie hatten die Bombardierung ohne einen

Kratzer überstanden. Vielleicht auch, weil Shannyn sie schützend

unter einen der Container geschoben hatte.

Judy starrte nun mit stumpfen Augen auf die Ebene. Ihre Lippen

bebten, die Haut war blass. Eine Träne lief ihr über die

Wange. „Ich will nach Hause, Dad.“

Es klang flehend. D’Agosta wusste nicht, was er sagen sollte.

Phrasen wie „Alles wird gut.“, hätten in ihrer jetzigen Situation

nicht abgedroschener sein können. Abgesehen davon war

er sich inzwischen nicht mehr sicher, dass alles gut wurde. Da

er nicht wusste, was er sagen sollte, schlang er seine Arme um

Judy und drückte sie feste an sich. Dabei spürte er, dass er heftiger

zitterte als sie und dafür schämte er sich. Er wollte sie

beschützen, ihr Mut machen. Und sie nicht noch mehr beunruhigen,

als es ohnehin schon der Fall war. Seine Hand rieb über

ihren Rücken und nun erwiderte Judy den Druck. Vater und

Tochter waren sich so nah, wie selten zuvor.


„Lieutenant Commander?“

Allan löste sich von Judy.

Gordon kam auf sie zu.

„Wie schlimm ist es?“, fragte Allan in Erwartung furchtbarer

Hiobsbotschaften.

„Könnte besser nicht sein.“

„Was?“

„Die haben nichts getroffen. Keine toten.“

„Und die Technik?“

„Na ja, die Energieverbindung am letzten Container, der mit

den Arbeiterbienen, wurde vom Steinschlag in Mitleidenschaft

gezogen. Aber das kann man reparieren. Sonst ist nichts.“

D’Agosta seufzte erleichtert. Judy schluchzte, wusch sich eine

Träne aus den Augen und versuchte zu lächeln, als auch

D’Agosta freudig nickte.

„Einen hat’s am Bein erwischt, aber wie es aussieht, ist das

nur ein kleiner Kratzer.“, sagte Gordon. „Der Knallkopf jammert

lauter, als es weh tut. Aber er wird wieder. Der Rest hat

ein paar kleinere Schürfwunden hier und da abbekommen.

Nichts ernstes. Schätze die Mörser der Tarkon sind nicht dafür

gebaut über solche Entfernungen was zu treffen. Haben es

wohl einfach trotzdem mal versucht. Na ja, Glück für uns.

Jetzt wissen wir zumindest, das sie uns, wenn wir noch tiefer

in die Berge eindringen, gar nicht mehr erwischen. Die

schlechte Nachricht: es gibt kein zurück mehr. Hinter uns ist

eine Lawine runtergekommen und versperrt den Pfad. Jetzt

gibt’s nur noch einen Weg.“

„Hinauf.“

„Genau.“

„Hatten wir ohnehin vor.“, meinte D’Agosta entschlossen und

richtete sich auf. Er sah zum Himmel.

Keine Veränderung. Es war schrecklich düster, die Nacht

wollte einfach kein Ende nehmen. „Wie lange brauchen sie,

um diese Energieverbindung zu reparieren?“


„Wenn wir es ordentlich machen sollen, könnt’s ne Weile

dauern.“

„Wir haben keine ganze Weile.“, erwiderte D’Agosta. „Machen

sie alles bereit, wir setzen den Weg fort.“

„So schnell geht’s nun mal nicht. Wir...“

„Nein, nein, nein. Wir dürfen hier nicht bewegungslos an einem

Ort verweilen. Das beschwört nur Probleme herauf, glauben

sie mir.“

Gordon verstand nicht. „Was für Probleme, denn? Die Tarkon

treffen doch nichts.“

„Ich weiß nicht, was für Probleme, das ist es ja.“, sagte

D’Agosta. Er begegnete Judys Blick. Das Mädchen hatte sich

wieder gefasst. „Und ich will niemandem angst machen. Also,

warum veranlassen sie die anderen nicht schon mal die nötigste

Ausrüstung in die Rucksäcke und Kisten zu verpacken, sodass

wir sie notfalls schnell tragen können, falls sie für ihre

Reparatur zu lange brauchen?“

Gordon stutzte. „Sie wollen mir damit sagen, dass wir so

schnell wie möglich von hier verschwinden sollen - Notfalls

auch, wenn wir das mobile Lager und einen Grossteil unserer

Ausrüstung zurücklassen? Das ist es doch, was sie sagen wollen,

oder?“

D’Agosta nickte.

„Halten sie das wirklich für nötig?“

„In einem Wort.“, sagte D’Agosta. „Ja.“

Eugene Roe saß zusammengesunken in der Tür des Lazaretts

und zog sich einen neuen Uniformpulli an. Seine Beine baumelten

in der Luft, der Container surrte dank der Antigravitationseinheiten

einen halben Meter über dem Boden. Neben

ihm saß Renee Lemaire, verknotete die Finger und starrte auf

keinen klaren Fixpunkt in der Ferne.


Raynes Wunde hatte aufgehört zu Bluten und außer Bandagen

konnten die Sanitäter nicht viel machen. Was das anbelangte,

war Rayne behandelt und nun gönnten sich beide eine kleine

Ruhepause, während sie beobachteten, wie die Besatzungsmitglieder

begannen die Ausrüstung zu verpacken.

Niemand sprach. Es war alles so befremdlich.

„Woher kam sie eigentlich?“, fragte er nach einer Weile.

Auf Lemaires fragenden Blick fügte er hinzu: „Die Sanitäterin,

die mit ihnen runtergekommen ist? Zane hat mir von ihr

erzählt...“

Lemaire seufzte traurig.

„Von Bajor.“

„Was ist passiert?“

Roe versuchte die Frage so nebensächlich wie möglich zu stellen.

Aber er sah, wie Lemaire nicht unbedingt glücklich mit

der Beantwortung seiner Fragen war. Als er seine Frage gerade

zurückziehen wollte, sagte sie: „Die Unsichtbaren. Wir haben

sie als erste verloren.“

„Das tut mir leid.“, erwiderte Roe und fröstelte, als er den kalten

Tonfall seiner eigenen Stimme hörte. Darin fanden sich

gar keine Gefühle wieder. Er war erschrocken über sich selbst.

Lemaire zuckte mit den Schultern. „Sie war gerade erst zur

Shenandoah versetzt worden, genau wie ich.“ Sie sah noch

immer in die Ferne. „Sie wollte helfen. Sie wollte nur...“

Lemaire unterbrach sich selbst.

Eine Weile sagte niemand mehr etwas. Dann griff sie in ihre

Tasche und zauberte irgendwoher eine kleine, silberne Packung

hervor. Sie bot sie Roe an und lächelte schwach. Mehr

brachte sie einfach nicht zustande. „Schokolade?“

Als Roe nicht reagierte, knibbelte sie die Alufolie auf und

wollte gerade ein Stück für ihn abbrechen, als sie bemerkte,

dass er unglücklich auf ihre Hände starrte. „Was ist?“

„Ihre Hände.“, antwortete er langsam.

„Meine Hände?“ Sie betrachtete ihre Hände. Die Finger waren


geschwollen und blutverkrustet. Rotes Blut, blaues Blut, grünes

Blut - es sah fast so aus, als hätte sie mit einem Malkasten

gespielt und sich Zwei Tage lang nicht gewaschen. Lemaire

runzelte die Stirn. Es war ihr die ganze Zeit über nicht aufgefallen.

Vielleicht, weil dies der erste Moment seit... wie lange

waren sie überhaupt schon auf dem Planeten? Seit einer ganzen

Weile. Der erste Moment, seit einer ganzen Weile, dass

sie zum Verschnaufen kam.

Roe blickte Lemaire an und hatte erneut den Gedanken, dass

es fast an Zauberei grenzte, wie sie noch immer so vollkommen

aussehen konnte. Und sie trug das Parfüm, das ihn insgeheim

wahnsinnig machte, seit er es das erste Mal gerochen

hatte.

„Sie sind eine gute Krankenschwester.“, sagte er.

Lemaire lächelte auf eine Art, die ihm merkwürdig vertraut

war. Sie hatte Delilahs Lächeln.

In jeder anderen Situation hätte er sich darin verlieren... ja sogar

darin verlieben können. Aber hier...?

Roe wünschte sich, sie hätten sich unter besseren Umständen

getroffen. Er hoffte, dass sie beide hier durchkamen... Lebendig

und gesund... und dass man ihnen – Renee und ihm - eine

zweite Chance sich kennen zulernen gewährte

Bei ihrer Ankunft in Roe, wurde selbiger ausgelassen - ja sogar

ziemlich stürmisch - von den Einheimischen begrüßt, gedrückt,

gekniffen, und freundschaftlich geboxt. Der Universalübersetzer

leistete Delilah gute Arbeit, aber dennoch war sie überrascht, wie

feurig und... anzüglich die meisten Ausdrücke und Phrasen waren.

„Du siehst toll aus“, beispielsweise, wurde hier mit „Deine

Genitalien sind ja gar nicht eingegangen“ übersetzt. Nichts hatte

sie darauf vorbereitet. Nichts an Roes reserviertem, höflichen

Verhalten hatte ihr je einen Hinweis darauf gegeben, dass sie auf


seiner Heimatwelt so etwas erwarten würde. Es überraschte sie

zwar sehr, aber es machte ihr nichts aus. Irgendwie fand sie es

sogar witzig. Eugene hingegen wirkte deplaziert und er schien

sich für seine Leute schämen. Als sei es ihm peinlich, dass Delilah

das alles mit ansehen, mitanhören... und schließlich über sich

selbst ergehen lassen musste.

Keiner der Xenexianer war zurückhaltend, als Roe ihnen zögernd

und das beste hoffend seine Begleitung vorstellte. Sie musterten

sie von oben bis unten – sowohl Männer, als Frauen -, als müssten

sie erst verifizieren, was sie da vor sich hatten - eine Frau, eine

Ware, oder ein mögliches Rennpferd. Und dabei nahmen sie

kein Blatt vor den Mund. Manche bezeichneten Delilah als „zu

sehnig“, was sich anhörte, als würden sie mit dem Gedanken

spielen, sie zu essen. Andere hingegen nickten anerkennend und

machten aufrichtige Komplimente über die aufregendsten Teile

ihrer Anatomie.

In Kurz, die Xenexianer zeigten eine völlige Abwesenheit an

Takt. Und zwar so sehr, dass Delilah eine völlig neue Wertschätzung

für Roes gutes Benehmen erhielt. Er war zwar ein bisschen

zu sehr in sich gekehrt, aber andererseits wusste er auch sehr viel

romantischer gegenüber einer Frau zu sein, und keine Sätze wie

„Deine Hüften sehen aus, als könntest du gut Kinder gebären“ zu

sagen. Ihn inmitten seiner Leute zu beobachten, hatte was davon,

einen Ritter unter Barbaren zu beobachten. Der eine schlank,

still, zurückhaltend. Die anderen groß, laut, protzig. Irgendwie

fand sie auch das ziemlich süß, aber allmählich verstand Delilah,

warum er ihr seine Welt nicht hatte zeigen wollen und sie war

froh, als er sie endlich erlöste. Er lenkte das Thema auf seinen

Bruder, holte sich ehrlich gemeinte Mitleidsbekundungen ab

Schließlich drehte er sich zu Delilah um. „Hier lang.“ Er bahnte

sich einen Weg durch die neugierige Meute, legte Hände auf

Schultern, boxte gegen Schultern, versicherte lächelnd, dass sie

sich später noch sehen und sprechen würden, und führte Delilah

dann durch die Stadt. Die Gebäude waren alle simpel und flach


gebaut, und irgendwie primitiv, aber Delilah versicherte, dass ihr

das nichts ausmachen würde. Sie war Sternenflotten-Offizier und

verurteilte die Xenexianer nicht. Stattdessen hob sie den Charme

des einfachen hervor.

Roe sagte nichts dazu.

Schließlich erreichten sie ein bestimmtes Gebäude. „Hier.“ Es

war kleiner als die anderen. Jemand hatte unzählige Symbole in

die Fassade geritzt. Delilahs Stirnrunzeln entging Roe nicht. „Es

sind Gebete an die Götter.“

„Ah.“, machte Delilah. „Sie sind hübsch. Sehr...- Ist das die Residenz

des... uh... Schamanen?“

„Ja.“, er nickte. „D’ndra. Er ist schon ewig hier. Selbst in meiner

Kindheit war er uralt, ich kann also nur rätseln, wie er heute aussehen

mag. Aber er hat mir und meinem Bruder immer geholfen.

Vor allem, als unsere Eltern... na ja, du weißt schon. Er war es

auch, der meinte, meine Zukunft läge außerhalb von Xenex.“

Sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Roe lächelte, drückte

ihre Hand und klopfte dann an der Tür.

Stille.

Dann: „Komm herein, U’j’i’n.“

Delilah sah Roe erstaunt an. Er zuckte nur mit den Schultern.

„Wie er das wissen konnte, ohne uns zu sehen? Er weiß so was

halt.“

„U’j’i’n?“

„Oh... das meinst du... Es... es ist schmerzvoll zu hören, wie Außenweltler

den Namen Aussprechen. Die meisten kommen ja

schon mit meinem Nachnamen nicht klar.“

„Der eigentlich nicht dein Nachname ist.“

„Uh... richtig.“

Sie seufzte. Auf einmal sah sie sehr müde aus. „Wir müssen uns

mal ernsthaft unterhalten. Aber nicht jetzt.“

Mit einer Geste bedeutete sie ihm vorzugehen. Roe trat ein. Delilah

folgte kopfschüttelnd. Drinnen gab es nur einen einzigen

Raum, und der Mann, der zweifellos die Position des Schamanen


ausfüllte, saß genau in der Mitte. Er trug eine lange verwaschene

Robe, die von seinem langen, ebenfalls verwaschenen grauen

Bart- und Kopfhaaren teilweise verdeckt wurde. Seine Augenbrauen

waren so dicht, dass es schwer war, seine Augen darunter

zu sehen. Die Haut faltig, die Finger dürr, erfüllte er so ziemlich

jede Erwartung, die Delilah automatisch an einen Schamanen

richtete. Er saß in der Lotus-Position und hatte die Augen geschlossen.

Möbel gab es keine. Wenn er über Besitz verfügte,

dann hatte Delilah keine Ahnung, wo er ihn versteckte.

Roe begab sich vor ihm in den Schneidersitz und Delilah folgte

seinem Beispiel. „Ich bringe Grüße, D’ndra.“

„Zu lang, U’j’i’n.“, erwiderte D’ndra und öffnete seine Augen.

„So lange, dass ich schon glaubte, du hättest deine Wurzeln verleugnet.“

Das Problem war, dass er nicht Roe, sondern Delilah

ansah.

„Warst du es nicht, der sagte, meine Zukunft läge in der Ferne,

D’ndra?“

„Das tut sie.“, antwortete der alte, noch immer Delilah fokussierend.

Sie begann sich unbehaglich zu fühlen und rutschte auf

dem Hintern herum. „Aber nicht, wie du es dir vorstellst.“

Für einen qualvoll langen Moment sagte niemand etwas. Roe

hatte sich das Wiedersehen anders vorgestellt. Irgendwie...

...wärmer.

„Das ist übrigens Delilah.“, sagte er. „Delilah Profitt.“

Delilah streckte dem alten Mann ihre Hand entgegen und lächelte

charmant. „Ist mir eine Ehre, Sir.“

Er betrachtete die junge Frau von oben bis unten, sagte, dass ihre

Hüften gut geeignet wären, um Kinder zu gebären, und wandte

sich anschließend erstmals Roe zu, wodurch ihm Delilahs Augenrollen

entging.

„Dir mag deine Heimat unangenehm sein, U’j’i’n. Und doch

wird dir das, was du hier gelernt hast, nützen.“

Der alte Mann sprach in Rätseln – wie sooft. Roe konnte damit

nicht viel anfangen. „Ich bin hier wegen-“


„G’landr.“

„Ja, D’ndra. Wegen meinem Bruder. Es... es hieß in der Nachricht,

die mich erreichte, er sei zu einem Schamanen gebracht

worden, als man ihn verletzt fand. Zu dir, nehme ich an?“

D’ndra nickte bedächtig. „Es gab nichts, was ich für ihn hätte tun

können, außer seinen Schmerz zu lindern. Seine Zeit war gekommen.

Aber... das ist es nicht, was du fragen wolltest, nicht

wahr, U’j’i’n?“

Roe tauschte einen kurzen Blick mit Delilah. Er hatte ihr erzählt,

dass xenexianische Schamanen über Geistestechniken verfügten,

die denen der vulkanier ähnelten. Auch sie waren in der Lage

sich mit jemandem zu verbinden, um Schmerzen zu lindern.

Vielleicht sogar für mehr, Roe war sich nicht sicher. Er legte seinen

Blick wieder auf den alten Mann. „Hast du... einen Eindruck

von ihm gewinnen können? Hat er verstanden, was mit ihm geschah?

Was für eine Art Mann er war? Hast du etwas über seine

Wünsche erfahren? Träume? Irgendwas?“

„Unsere Seelen berührten sich nur für einen flüchtigen Moment,

U’j’i’n. Ich spürte nur einen jungen Mann... dem im Moment

seines Todes... nicht bewusst war, dass er eintreten würde. Er

wusste nur, dass die anderen in Sicherheit waren, und dass er

Schmerzen vom Disruptor hatte. Da war sonst nichts. Er wollte

nur, dass der Schmerz aufhörte. Und das tat er schließlich.“

Roe schloss die Augen und wandte den Blick ab. Als Mediziner

wusste er, wie es lief, wusste, wie zerbrechlich jedes Leben war,

und wie schnell es vorbei sein konnte. Aber alles, woran er nun

denken konnte, waren vergeudete Momente, und... Er verbannte

diese Gedanken, unfähig, jetzt, in diesem Moment damit umgehen

zu können. Nun war es Delilah, die nach seiner Hand griff.

Sie wollte eine Brücke aufbauen, ihm als emotionaler Anker dienen,

etwas, woran er sich festhalten konnte. Etwas, das ihm sagte,

dass er nicht alleine war. Aber seine Hand fühlte sich an wie

immer. Er zitterte nicht, er schwitzte nicht. Er lies es einfach

nicht raus. Seine Stimme war ruhig, als er sich wieder an D’ndra


wandte, und fragte: „Wie... hat es sich angefühlt?“

„Wie das flüstern einer gehenden Seele. Der Faden, der das Leben

in einem Körper hält, ist schrecklich dünn... und viel zu

leicht zu durchschneiden, U’j’i’n. Vergiss das niemals.“

„Das werde ich nicht.“

„Du wirst.“ Der alte Mann lächelte bitter. „Es gibt keine finale

Erleuchtung, U’j’i’n. Die Götter reichen im Moment der Wahrheit

nicht zu uns herab, um uns auf die andere Seite zu führen.

Nicht einmal eine dunkle Gestalt, die versucht uns für die Unterwelt

zu rauben. Man ist einfach... und dann ist man nicht

mehr.“

Roe schwieg.

Der alte Mann neigte den Kopf. „U’j’i’n, die Antworten, die du

suchst wirst du bei mir nicht finden.“

„Ich bin mir nicht mal sicher, welche Fragen ich habe.“

„Und das wirst du für eine lange Zeit nicht sein. Für viele... viele

Jahre. Bis du schließlich beginnst, die richtigen Fragen zu stellen.”

Seine Gestalt sackte ein wenig ein. „Ich bin müde. Ich muss

ruhen.“

Roe erhob sich sofort, Delilah tat es ihm gleich. „Wir werden

deine Zeit nicht länger in Beschlag nehmen.“ Bevor er nach

draußen trat, verbeugte sich Roe noch einmal. „Es war schön,

dich zu sehen. D’ndra. Ich hoffe, wir werden noch einmal die

Gelegenheit dazu bekommen.“

Erst als beide nach draußen getreten waren, sagte Den’dra mit

bitterer Stimme. „Du solltest weniger Hoffnungen äußern, junger

U’j’i’n. Denn sie werden sich nicht erfüllen.“


Steigung

Nachdem sie den ersten Schrecken der Bombardierung überwunden

hatten, setzten die Gestrandeten ihren Weg über den

Pfad durch die Berge weiter fort. Es war Gordon nicht recht

und er hatte sich lauthals beschwert. Er hätte lieber noch ein

paar Minuten mit der Überprüfung der angeschlagenen Verbindungsstränge

verbracht – er fürchtete, dass die Struktur reißen

und sie den ganzen letzten Container dadurch verlieren

konnten.

Aber D’Agosta hatte ungewöhnlich stur dazu gedrängt weiterzumarschieren.

Für seinen Geschmack kamen sie viel zu langsam

voran. Er wollte so viel Abstand zwischen sich und den

Tarkon bringen, wie nur irgend möglich. Er war wirklich sehr

abgespannt. Während sie marschierten, blickte er immer wieder

über die Schulter zum Himmel, lauschte nach Motorengeräuschen,

oder dem Zischen der Mörser.

Aber alles war einigermaßen ruhig. Die einzigen Geräusche

kamen vom laut dröhnenden Bohrfahrzeug, das den Zug wieder

anzog, dem Keuchen der Leute, und dem Klang ihrer Stiefel

auf dem Kiesboden.

Außerdem war da das Gelächter. Die Sicherheitsoffiziere hatten

ihre besondere Art, auf den Stress zu reagieren: Sie fingen

an zu lachen, zu scherzen, und so viel Lärm wie möglich zu

machen.

Judy verzog das Gesicht und sagte zu ihrem Vater: „Die sind

aber lustig drauf.“

„Nein, nein.“, sagte D’Agosta. „Sie warnen.“

„Warnen?“

D’Agosta erklärte, dass es sich um einen psychologischen


Kniff handelte. Sie machten so viel Lärm, um Tiere und Gegner

abzuschrecken. Wenn sie möglichst laut waren, so würden

sie denken, kämen sie sich vor, wie die gefährlichsten Tiere in

der Gegend. Und nicht wie die Zielscheiben, die sie tatsächlich

darstellten. Es würde ihnen dadurch besser gehen.

Judy blickte besorgt. „Also mir geht es nicht besser, wenn die

so laut sind.“

„Ja.“, sagte D’Agosta nur. Und Judy hatte recht, es ging ihm

auch nicht besser dadurch, im Gegenteil. Er bemerkte, dass

ihn wieder das von früher bekannte Gefühl der Bedrücktheit

und des Eingeschlossenseins beschlich, verbunden mit einer

seltsamen, übermächtigen Mattigkeit.

Als einfacher Systemanalytiker und alleinerziehender Familienvater,

hatte er den Dominion-Krieg gemieden. Die Shenandoah

war während seiner Abwesenheit in zahlreiche militärische

Auseinandersetzungen geraten und hatte einige heftige

Schlachten geschlagen und die Crew hatte viel durchmachen

müssen. Obwohl sie sowohl über Jagdgeschwader und auch

Truppentransporter inklusive der Bodenkampftrainierten Sicherheitsmannschaften

verfügten, hatte Captain O’Conner

planetare Gefechte vermieden, wo er konnte. Lieber hatte er

das Schiff in eine aussichtslose Schlacht gegen eine Überzahl

feindlicher Kreuzer geführt. Anderen Captains war es nicht

anders ergangen. Niemand wollte auf der Oberfläche eines

Planeten krieg führen. Der Bodenkampf war scheußlich und

die brutalste Form des Kampfes. Es war viel einfacher Schiffe

abzuschießen, da man sich mit den Piloten nie auseinandersetzen,

ihre Gesichter nie sehen musste. Je mehr man vom Gegner

erkannte, desto mehr kostete es die eigene Menschlichkeit.

D’Agosta war kein Kämpfer. War er nie gewesen. Würde er

nie sein. Er suchte friedliche Lösungen, wollte reden. Er hatte

es bei Beliar versucht. Nun, wo sie sich ihren Weg durch die

Felslandschaft bahnten, gejagt von allen Seiten, abgeschnitten

von jeglicher Hilfe, wurde ihm das volle Ausmaß seines


Versagens und des Alptraums, in dem er sich befand, bewusst.

D’Agosta hätte nie gedacht, dass er vor dem einen Krieg davongelaufen

ist, um in Friedenszeiten in einen noch viel

schlimmeren Konflikt zu geraten: Seinen eigenen.

In der nächsten Stunde drangen sie weiter den stickigen Pfad

hinauf, der in einer immerwährenden Düsternis lag. Allmählich

schoben sich dicke Wolken vor dem Planeten über ihnen,

es wurde dunkler und dunkler.

Hin und wieder brüllte in der Ferne ein Tier und Vögel ließen

ihren Ruf in der kühlen Luft erschallen. Am Himmel erklang

fernes Donnergrollen. Die Offiziere zogen in Zweiergruppen

neben, zwischen, und hinter dem Container-Gespann her. Die

Sicherheitsoffiziere scherzten nun seltener miteinander. Auch

sie wurden müde und durstig. Das viele Reden ließ nur ihre

Kehle austrocknen.

Sie mussten im Laufe der Reise immer mal wieder nach vorne

rennen, Steine und andere Hindernisse vaporisieren. Dadurch

verloren sie viel Zeit und Kraft. Je höher es ging, desto langsamer

kamen sie vorwärts.

Niemand sah die Wanderung als Abenteuer an, oder als phantastisches

Erlebnis, von dem man zuhause erzählen konnte.

Sie wollten nur noch weg. Eine bedrückte Stille kehrte ein.

Der Container-Gespann schwebte fast lautlos den Pfad hinauf,

nur die Antiv-Grav-Einheiten summten beständig im Niederfrequenzbereich,

während vorne an der Spitze das Raupenfahrzeug

der Tarkon die Zugarbeit mit einigem Getöse

erledigte. Hier im Pass, hollerte der Lärm, den der Motor

veranstaltete, schrecklich von den Bergwänden ab.


D’Agosta hatte vorhin darauf aufmerksam gemacht, dass man

sie vermutlich meilenweit nur aufgrund des Motorgeräuschs

ausfindig machen konnte.

Gordon, der auch jetzt noch hinter dem Steuer saß, hatte verdrossen

geschnaubt und den Kopf geschüttelt. Was solle er

denn machen, hatte er gefragt.

Ansonsten war alles ruhig.

Die Offiziere trotteten neben oder hinter den Containern her,

schnauften und stöhnten aufgrund der Anstrengung. Viel gesprochen

wurde nicht mehr, alle waren schweigsam geworden,

selbst die Sicherheitsoffiziere riefen sich keine Scherzworte

mehr zu.

Lediglich Dorian weiter hinten im Zug, plapperte ohne Unterlass.

Er war trotz allem gut gelaunt, versuchte der Situation

das positive abzugewinnen. Penkala, den er als Freund betrachtete,

und daher schon seit einer geraumen Weile beschwatzte,

war nicht gut gelaunt. Und ein guter Gesprächspartner

war er erst recht nicht, nicht heute. An jedem anderen

Tag hätte er mit Dorian geschäkert, aber heute... auf diesem

Mond, in dieser Situation...? Nein. Im Grunde wollte er nun

einfach nur alleine sein. Aber er wusste genau, dass hier draußen

alle möglichen Gefahren lauerten. Wer alleine marschierte,

verschwand einfach im Magen irgendeines Tieres, eines

Felsens, oder irgendeiner fleischfressenden Pflanze. Vielleicht

gab es hier ja sogar fleischfressende Nebelschwaden. Nach

seiner unliebsamen Begegnung mit den Unsichtbaren, glaubte

Penkala inzwischen an alles. Aber als Dorian begonnen hatte,

beschwingt über die Techniker herzuziehen, hatten sie sich zurückfallen

lassen. Penkala fürchtete, dass jemand den gut gemeinten

Spott in den falschen Hals bekommen konnte. Nun

bildeten sie also den Abschluss der Karawane.

„Man, diese Techniker sind ganz schön stur.“, sagte Dorian

gerade. „Wahrscheinlich die stursten der ganzen Flotte. Ganz

sicher sogar die stursten der Flotte. Findest du nicht auch? He,


Alex?“

Penkala hörte kaum hin. Er wirkte abwesend und miesgelaunt.

Dorians Geplapper ging ihm auf die Nerven. Also sprach er

wenig, und wenn, möglichst knapp. Er hatte gehofft, Dorian

würde es bemerken. Leider war der junge Pilot niemand, der

auf dezente Signale reagierte – oder nicht reagieren wollte -,

bis man ihm direkt ins Gesicht sagte, dass er verschwinden

solle. Aber Penkala war nicht nach Streit zumute. Also fragte

er einfach: „Hatte Gordon kein Einsehen gehabt?“

„Nein.“, sagte Dorian. „Hat mich nicht wieder in die Arbeiterbiene

gelassen. Nicht mal in die Nähe. Seit dem Vorfall in der

Ebene schon nicht mehr. Schätze er hat sich zu sehr erschreckt,

als ich mit der einen Arbeiterbiene neben ihm runtergerkacht

war. Hab ihm gesagt, dass es sich um einen Unfall

gehandelt hatte, hab ihm sogar Honig ums Maul geschmiert,

seine Arbeit gelobt. Seine Frisur. Aber nichts da, nada. Kein

Einsehen. Hab’s ihm einfach nicht vermitteln können. Jetzt

bin ich ein Pilot ohne Job und laufe hier rum.“ Er grinste

schief und schüttelte den Kopf. „Man. Dafür hat sich meine

vier-jährige Ausbildung an der Akademie ja wirklich gelohnt.“

Penkala nickte verständnisvoll, doch in Wahrheit war ihm

ziemlich egal, was Dorian sagte, es spielte ohnehin keine Rolle.

Der Junge war bekannt für seinen Hang zur fröhlichen Melodramatik.

Trotzdem erwischte sich Penkala dabei, das Gespräch von sich

aus fortzusetzen. „Selbst wenn er dich wieder fliegen lassen

würde, Arby. Die Energiezellen der Arbeiterbienen sind allesamt

so gut wie erschöpft, sie haben die Container quer durch

die Ebene bis hierher gezogen, wie du weißt. Mit denen ist

nichts mehr anzufangen, bis sich die Solarzellen bei Tagesanbruch

aufladen können.“

„Tja. Hab trotzdem nichts zu tun.“

Für eine Weile herrschte schweigen. Sie trotteten einfach den

anderen hinterher, schnaufend, immer wieder stolpernd, wenn


unter ihnen der Kies fortrutschte. Der gesamte Container-

Gespann kam nur langsam vorwärts. Die Steigung nahm jetzt

zu und selbst das Raupenfahrzeug hatte Probleme mit der Haftung.

Weiter oben auf dem Pfad wurden Befehle gerufen. Einige Offiziere

postierten sich seitlich und hinter den Containern und

versuchten anzuschieben. Mehr als eine nette Geste war’s

nicht.

„Ramina sieht verdammt gut aus, was?“ Dorian hatte sie zwischen

den Leuten erspäht und lächelte. Sie half anschieben. Ihr

Hintern bewegte sich dabei rhythmisch.

„Ja.“, antwortete Penkala düstern. „Und wie.“

„Was habt ihr beide eigentlich vorhin hier oben getrieben?

Wart ganz alleine, nicht?“

Dorian grinste nun breit. Penkala sah ihn feindselig an und

wandte dann den Blick ab, sah zu den Felsen, an denen sie

vorbeikamen.

„Nur, weil sie dich nicht ranlässt.“, sagte Dorian und lachte.

Penkala wusste, dass er die Stimmung auflockern wollte. Das

machte er immer. Dorian war ein guter junge. Aber es zog bei

Penkala nicht.

Dorian bemerkte seine Reserviertheit und quittierte sie mit einem

Lachen. „Ist nicht dein Typ, hm?“

Penkala sah ihn wieder an. „Glaub mir. Deiner auch nicht.“


Lichtung

Donner grollte. Die Gruppe war jetzt seit fast zweieinhalb

Stunden unterwegs und weit den Bergpfad hochgekommen.

Der Aufstieg war mühselig. Sie gingen einer hinter dem anderen

und mussten sehr vorsichtig sein, denn der Boden unter ihren

Füßen rutschte ständig weg. Brockway war schon einmal

ausgeglitten und drei Meter abgerutscht. Dabei hatte er sich

üble Prellungen zugezogen. Alle schnauften. Das Schlimmste

stand ihnen erst bevor.

Nun kam das schwierigste Stück, eine extreme Steigung, die

ihnen alles abverlangen würde, und vor der Ramina ausdrücklich

gewarnt hatte.

Und sie hatte nicht übertrieben. Der Weg führte nun etwa

zweihundert Meter steil nach oben. Sie würden klettern müssen.

Ob sie die Ausrüstung mitnehmen konnte, war mehr als

ungewiss. Während sich D’Agosta, Gordon und Shannyn berieten,

stand der Zug still. Die Leute nutzten die Gelegenheit,

um zu verschnaufen. Kaum einer sagte was.

Gordon bestand darauf, den Weg erst zu Fuß zu erkunden, ehe

ie etwas unternahmen. Er wollte den Untergrund testen, ein

Gefühl für die Steigung bekommen. Also ließen sie die anderen

zurück und stiegen hoch. Schon bald waren sie auf allen

Vieren.

Sie rutschten auf lockeren Steinen aus, verdorrte Ranken brachen

ab, wenn sie danach griffen, um sich hochzuziehen. Gor-


don kletterte ein gutes Stück voraus. D’Agosta hatte Mühe mit

ihm mitzuhalten. Shannyn blieb an seiner Seite, bewahrte ihn

das ein oder andere Mal davor, abzurutschen. Ramina bildete

die Nachhut. Sie hatte sich ein Gewehr über die Schulter gehängt.

Shannyn trug ihr Schwert. Die anderen waren unbewaffnet.

Die Luft stand hier oben still, war feucht und unglaublich

heiß. Insekten summten unaufhörlich. Als sie auf halber Höhe

des Hangs waren, blitze es häufiger. Sie waren jetzt etwa hundert

Meter hoch und die Vorstellung, den Halt zu verlieren,

war beängstigend. D’Agosta blickte zu Shannyn neben sich.

Sie bewegte sich wie immer gewandt und kräftig, als würde

sie den Berg hinauftanzen. Es gab Augenblicke, dachte er,

während er verdrossen weiterkraxelte, da machte sie ihn wirklich

fertig. Und Ramina, die hinter ihnen war, kletterte mit der

gleichen Leichtigkeit. Sie suchte kaum irgendwo Halt;

D’Agosta hingegen musste ständig nach einem verdorrten Ast,

einem Stein oder so was greifen und bekam jedes Mal Panik,

wenn seine Finger abglitten.

Er beobachtete Shannyn und hatte auf einmal das Gefühl, dass

sie die Situation fast zu gut bewältigte, zu geschickt. An dieser

tückischen Steigung strahlte sie eine Art Gleichgültigkeit aus,

als wäre das alles ganz normal. Wie ein Soldat, oder jemand

aus einer Elitetruppe, zäh, erfahren, gut ausgebildet. Ungewöhnlich,

für eine Wissenschaftlerin, fand er. Aber andererseits...

Es war immerhin Shannyn, über die er hier nachdachte.

Auf dem letzten Stück nahm die Steigung noch einmal beträchtlich

zu. Dann hatten sie es endlich geschafft und zogen

sich hoch oben auf eine wundervoll flache und große Lichtung,

die rechts zu einer gewaltigen Schlucht angrenzte.

D’Agostas Brustkorb hob und senkte sich schnell, als er sich

auf den harten Boden fallen ließ. Er war außer Puste und völlig

fertig.


Gordon, der sich neben ihn hinhockte, ging es nicht besser.

Aber der Ingenieur war zu besorgt, um seinem erschöpften

Körper großartige Aufmerksmakeit zu widmen. Er sah kopfschüttelnd

den Pfad hinab. Weit unten sahen sie die Lichter

der Container. Kleine Gestalten huschten zwischen ihnen umher.

Er sagte: „Das wird ne furchtbare Plackerei.“

„Schaffen wir’s denn?“

Gordon sah D’Agosta an. „Gibt nur einen Weg, das herauszufinden.”

Sie wollten den kompletten Zug in einem Rutsch nach oben

bringen. Andere Möglichkeiten gab es nicht. Eine Weile stand

die Option im Raum, die Container voneinander zu lösen und

einzeln nach oben zu bringen, aber die Ingenieure sahen keine

Möglichkeit, ihr Energieproblem zu umgehen. Sie konnten nur

das ganze Gespann auf einmal am Laufen – oder eher gesagt:

in der Luft - halten. Wenn sie einen der Container abkoppelten,

hätten sie keine Möglichkeit, seine Anti-Gravitations-

Einheiten weiter mit Energie zu versorgen. Mit einem einfachen

Generator wäre das kein Problem gewesen, aber sie hatten

keinen. Sie hatten schlicht nicht die nötige Ausrüstung. Es

war beinahe Lächerlich. Eine Steigung von zweihundert Metern

brach ihnen fast das Genick – mit Sternenflottentechnologie

im Rücken war so etwas zu jeder anderen Zeit undenkbar.

Sie mussten sich mit dem begnügen, was sie hatten: Eine zentrale

Energiestelle, mehrere Antigravitations-Einheiten. Das

war’s.

Und Gordon wollte nicht riskieren, die zu deaktivieren, denn

er wusste nicht, ob er sie je wieder zum Laufen bringen konnte.

Die Einheiten waren extrem empfindlich durch die Modifikationen,

die sie hatten durchführen müssen. Also blieb nur


noch eine Möglichkeit den Container-Gespann nach oben zu

bringen: Ganz oder gar nicht.

Es gab einigen Streit darüber, aber schließlich setzte sich Gordon

durch. Während er unten Anweisungen rief, um alles vorzubereiten,

kletterten einige Leute schon vor, brachten so viel

Ausrüstung nach oben, wie sie konnten, um die Container

möglichst leicht zu machen. Es war nicht mehr als eine nette

Geste. Die anderen warteten unten, halfen bei den Vorbereitungen,

oder taten nur so, um unten bleiben und so viel Zeit

wie möglich zu schinden, um zu verschnaufen. Sie wollten die

Steigung erst nehmen, wenn die Container oben waren. Shannyn

zeigte mehr Durchhaltevermögne. Sie brachte mit einigen

anderen Hilfsbereiten Offizieren ein paar schwere Kisten auf

die Lichtung. Als letztes holte sie Judy, um sie Huckepack

nach oben zu bringen. Sie war auf halber Höhe, als sie von unten

ein lautes Tuckern vernahm. Letzte Befehle wurden gebrüllt.

Das Tarkon-Fahrzeug fuhr an.

Oben auf der Lichtung fröstelte D’Agosta. Es donnerte unheimlich.

Er blickte zum dunklen Himmel, seufzte, und zog

den Reißveschluss seiner Jacke fester zu. Wieder donnerte es,

und gleich darauf krachte ein Blitz in der Ferne. Ein schweres

Unwetter zog auf.

Es war jetzt mitten in der Nacht, und die Lufttemperatur betrug

fünfundzwanzig Grad. Sie waren erst vor vier Stunden

vom Bergfuß aufgebrochen – ihren Anstieg im dampfenden

Bergarreal begonnen, und steckten nun an dieser furchtbaren

Steigung fest.

D’Agosta schüttelte den Kopf und trat von der Schlucht weg.

Dies war die schlimmste Zeit. Alle warteten, alle waren unruhig

und angespannt. Keiner wusste, wie es in den nächsten

paar Minuten weitergehen würde, ob sie den Weg mit dem


Container-Gespann forsetzen, oder sich in eine Sackgasse manövriert

hatten. Ob er sie in eine Sackgasse manövriert hatte.

D’Agosta blickte zu den anderen herüber. Die Hälfte der Leute

waren schon oben. Sie hatten viel Ausrüstung geschleppt,

Rucksäcke und Kisten, auf die sie sich nun setzten. Einige

streckten ihre schmerzenden Arme und Beine durch, oder

brannten mit den Phasern Zecken und andere Insekten weg,

die sich voller Blut gesogen hatten. D’Agosta wollte das nicht.

Die Waffen besaßen auch so schon nicht genug Energie.

Wenn die Leute so weitermachten, waren sie bald völlig leer,

dann hatten sie keine Verteidigung.

Wieder andere schlossen bereits die Augen. Die beiden

Amphion machten sich am Berghang auf die Suche nach

Kräutern oder irgendsowas. Sie hatten auch Fieber, aber sonst

fehlte ihnen nichts. Roe hatte es sich nicht erklären können.

Athols Zustand war noch immer bedenklich. Keiner wusste,

was mit ihm los war. Sie konnten nichts anderes tun als warten.

D’Agosta erspähte nun auch Shannyn, die Judy geholt hatte.

Sie waren eben erst auf der Lichtugn angekommen. Nun ruhten

sie sich zusammen inmitten des Kistensammelsuriums aus,

aßen, tranken und scherzten über irgendwas. D’Agsta hätte

auch gerne mit ihnen gescherzt, aber er war nicht in der Stimmung.

Shannyn sah kurz zu ihm herüber, Judy bemerkte es

nicht. Sie wies zum Himmel und rieb die Finger gegeneinander.

D’Agosta nickte.

Auch Shannyn hatte es gespürt, die feuchte Schwüle, die fast

greifbare elektrische Spannung. Regen lag in der Luft. Seit

dem Abend hatte es sich stark zugezogen und in den letzten

Stunden hatte es in der Ferne gedonnert. D’Agosta wusste,

was der Regen bedeuten würde. Er wollte gar nicht dran denken.


Ramina betrachtete die dösenden Offiziere, die beinahe sofort

eingenickt waren, sobald sie sich hingesetzt hatten.

Was für eine Truppe!

Sie selbst machte sich nichts aus Annehmlichkeiten, aber die

Leute wurden unaufmerksam. Ihnen unterliefen immer mehr

Fehler. Der Marsch hatte allen zugesetzt. Sie schüttelte den

Kopf und trat an D’Agosta heran. „Wir sollten eine Pause machen.“

„Eine Pause?“ D’Agosta wollte keine Pause machen. Es war

ihm nicht recht. Das konnte sie sehen – und mehr als gut verstehen.

„Aber wir sind erst seit vier Stunden unterwegs.“

„Ja, aber das hier ist der erste Fleck, an dem wir den Zug anhalten

können. Wir haben hier Platz, der Untergrund ist fest.

Außerdem geht hier mehr Wind, es ist angenehmer. Um möglichst

schnell vorwärts zu kommen, sollten wir wenigstens

kurz verschnaufen.“

D’Agosta atmete gepresst aus, aber er nickte. „Na schön. Aber

nicht zu lange.“

„Klar.“

Als Ramina sich wieder entfernte, sah er erneut zum Himmel

hoch. Er hatte Angst, dass die Tarkon zurückkommen würden.

Gordon bekam den Zug kaum vorwärts. Das Fahrzeug der

Tarkon stockte, verlor an Bodenhaftung und schleuderte Steine,

wenn die Ketten durchdrehten. Sie hatten mehr als dreiviertel

des Weges zurückgelegt, aber jetzt ging fast gar nichts

mehr, sie kamen nur noch Zentimeterweise vorwärts. Es wurde

furchtbar heiß in der Kabine, der Motor jaulte auf. Gordon

hatte Angst, er würde ihnen bald um die Ohren fliegen, woran

ihn Jerry auch ständig erinnerte, aber Abstellen konnten sie


den Wagen unterwegs keinesfalls. Das Gewicht der Container

würde ihn den Pfad hinabziehen, und was dann geschah, wollte

er sich gar nicht erst ausmahlen.

Entweder sie nahmen diese Steigung hier und jetzt, oder es

war aus. Er trat das Gas-Pedal durch, lenkte den Wagen mal

rechts, mal links, versuchte ihm soviel Bodenhaftung wie

möglich zu verschaffen, aber es brachte fast gar nichts. Sie

bewegten sich so quälend langsam vorwärts, dass er das Gefühl

hatte, sie würden auf der Stelle stehen. Und der Motor

jaulte immer lauter.

„Komm schon.“, knurrte Gordon, als würde das irgendwie helfen.

„Komm schon!“

Durch den ganzen Lärm der dröhnenden Maschine hörte Gordon

nicht, wie das Gewebe eine der Verbindungsstrangen, die

beim Steinschlag vorhin Schäden erlitten hatte, mit einem lauten

Klatschen riss. Auch die zweite gab kurz darauf nach. Nun

hingen die letzten beiden Container nur noch an den Energietransferkabeln,

die sich immer weiter dehnten... dehnten...

Penkala und Dorian kletterten in einigem Abstand hinter dem

Container-Gespann her, der nun schon fast die Lichtung erreicht

hatte. Ramina winkte alle nach oben, und rief irgendwas,

das Penkala nicht richtig verstand. Irgendwas von einer

Pause. Offenbar war eine angeordnet worden. Gut so, dachte

der Ausrüstungsoffizier. Wurde auch Zeit. Er sah über die

Schulter zu den letzten drei Leuten, die unten gewartet und

sich ausgeruht hatten. Auch sie machten sich nun auf den Weg

nach oben. Zu ihnen gehöerte Salam, der in den letzten Stunden

enormes Pech gehabt hatte. Erst war er bei Schweißarbeiten

vom Container gefallen, wobei er sich das Bein verletzt

hatte, und dann hatte er am ganzen Körper Blutegel entdeckt,

die sich schön vollfraßen.


„Nicht so lahm, meine Herren!“, rief Penkala hinab. „Das

zieht nur die Blutegel an.“

Ein Fluchen und Schimpfen drang an ihre Ohren. Dorian kicherte

dreckig. Auch Penkala lachte, sodass er das metallische

Knallen von oben zuerst gar nicht mitbekam.

Peng! Peng!

Penkala sah nur noch, wie Dorian plötzlich den Kopf hoch und

die Augen weit aufriss. „Runter!“, schrie er.

Er ließ sich sofort fallen, Penkala tat es ihm gleich, und

schmiegte sich flach auf den Boden, als schon der erste Container

torpedoartig herangeschossen kam, mit rasiermesserscharfen

Kanten den Rücken von seiner Jacke aufschlitzte,

und im nächsten Moment schon über sie hinweg war. Dorian

schrie auf. Der zweite Container kam herangesaust, krachte

vor ihnen auf den Boden, überschlug sich in der Luft, krachte

hinter ihnen wieder auf den Boden, stürzte weiter und völlig

außer Kontrolle den Hang hinab. Sie hörten einen gellenden

Schrei, der ebenso schnell erstarb, wie er erschallt war. Dann,

ein Poltern. Der Container, der zuerst herabgekommen war,

zerschellte an einem Fels, barst wie eine Bombe, wobei Ausrüstung

und Metall in alle Richtungen verstreut wurde. Er sah

aus, wie eine zerknüllte Papiertüte – aber nur für einen Moment.

Sofort schlug der Zweite auf den ersten drauf – und explorierte.

Ein gewaltiger Donnerknall hallte durch die Berge. Der Boden

Zitterte. Trümmer prasselten nieder.

Penkala hustete, blieb ein paar Sekunden schwer atmend liegen.

Neben ihm Dorian den Kopf an und machte große Augen.

„Ich hätte im Bett bleiben sollen.“, sagte er.

Zwanzig Minuten später reichte D’Agosta Gordon eine Hand

und zog ihn auf die Lichtung. Shannyn folgte ihm und kletter-


te ebenfalls über den Rand. Die Sanitäter waren noch unten

bei Penkala und den anderen. Als sich die letzten beiden Container

gelöst hatten, und in die Tiefe gestürzt waren, hatte der

Rest des Zuges einen regelrechten Schub bekommen. Das

Tarkon-Fahrzeug hatte einen ruckartigen Satz nach vorn gemacht,

was genügte, um die übrigen Container über den Rand

zu ziehen.

Gejubelt hat aber niemand, dafür gab es nicht den geringsten

Grund. Gordon war sofort ausgestiegen und mit den Sanitätern

nach unten geklettert, um das Ausmaß der Katastrophe festzustellen.

Nun scharrten sich alle besorgt um Gordon. D’Agosta fragte:

„Was... wie schaut’s aus? Können wir die Ausrüstung bergen?“

Er sah, wie Gordon den Kopf schüttelte und die Hände in die

Höhe warf.

„Was war drin?“

„Im ersten? Die Arbeiterbienen. Völlig hinüber alles. Der

Container mit den Sonden und Torpedos ist draufgeknallt und

hochgegangen. Jetzt haben wir nur noch eine Sonde, die in der

Energiezentrale. Wenn die leer wird, ehe die Sonne rauskommt,

und die Solarzellen versorgt, wars das. Darüber hinaus

sind wir nun komplett auf das Tarkon-Fahrzeug als Zugmaschine

angewiesen.“

Ramina runzelte die Stirn. „Wie konnten die Dinger sich so

einfach lösen?“

„Nicht einfach.“, sagte Gordon. „Die haben vorhin beim

Steinschlag was abbekommen. Ich wollt’s ja prüfen, und reparieren,

aber...“ Er sah D’Agosta an und sagte nichts weiter.

Das musste er auch nicht. D’Agosta hatte ihn gedrängt und

keine Zeit für eine genaue Inspektion des Zustandes der Ausrüstung

gewährt.

Shannyn machte Roe platz. Er kam mit Penkala, Dorian und

zwei anderen über den Rand geklettert und brachte sie ins La-


zarett.

D’Agosta sah ihnen nach. „Wen hat es erwischt?“ Die Frage

war an Shannyn gerichtet.

„Ein Ensign, namens Salam. Hat sich nicht rechtzeitig geduckt,

wie es aussieht.“

D’Agosta schloss die Augen. Na spitze. Wieder ein toter.

Wieder zwei Container weniger. Blieben noch fünf.

Gordon brummte. „Ich wüsste wirklich nicht, wie es noch

schlimmer werden könnte.“

Und dann begann es zu nieseln.

„Auch das noch“, sagte D’Agosta


Säureregen

Nur Momente später stürzte ein monsunartiger Regen auf sie

nieder. Die Tropfen waren so schwer wie dicht, und genau wie

Tags zuvor in der Ebene, bestanden sie aus Säure, sodass sie

Schmerz bereiteten. Die Offiziere brachten sich schnell in Sicherheit.

Einige heulten schmerzhaft auf, wenn sie einen Tropfen

in den Nacken oder auf die Ohren bekamen, aber niemand

blieb stehen, niemand wurde langsamer. Sie flohen in alle

Richtungen, in die Container und das Tarkonfahrzeug.

D’Agosta hob Judy ins Lazarett, dann kletterte er selbst hinein.

Helfende Hände zogen ihn hoch. Binnen Sekunden war

der gesamte Platz leer. Diesmal gab es keine Opfer, alle waren

rechtzeitig aus dem Regen gekommen. Die grausamen Todesschreie,

die sie beim letzten Regen mitanhören müssen, als eine

von ihnen bei lebendigem Leib zersetzt wurde, blieben

diesmal aus. Dafür wurden die Geräte in Mitleidenschaft gezogen.

Die Sachen, die sie draußen hatten stehen lassen – das

Essen und die Flaschen -, waren sofort durchweicht. Der Säureregen

führte zu Kurzschlüssen in den elektronischen Leitungen,

das Abwehrsystem stand nicht mehr unter Spannung, die

Beleuchtung flackerte, die auf den Containern montierten

Lampen platzten.

Ein Zischen lag in der Luft und heißer Dampf stieg von überall

dort hoch, wo der Regen auftraf. Schon bald betrug die

Sicht nur noch vier Meter. Am schlimmsten aber war, dass der

Regen so laut prasselte, dass sie sich nur schreiend miteinander

verständigen konnten.

Roe rief: „Wird das Dach halten?“

D’Agosta verstand ihn nicht. „Was?“


Der Sanitäter deutet nach oben. „Das Dach. Wird es halten?“

D’Agosta folgte seinem Blick. Wenn die Säure sich durch die

Containerlegierung fraß... „Gordon meinte die Container seien

sicher.“

Roe sah ihn nur einen Moment lang an, war nicht überzeugt.

Er bedeutete Lemair, ihm zu folgen, dann sah D’Agoste, wie

sie Decken und alles, was sie finden konnten, über Dings und

Penkala legten.

Allan drückte Judy an sich und sah wieder zur Tür hinaus.

Die Ausrüstung draußen konnten sie vergessen, und wenn sie

Pech hatten, waren die Arbeiterbienen brauchbar. Vielleicht

sogar die Grav-Einheiten, dann saßen sie fest. Allan fühlte

sich elend.

Die Stimmung war gedrückt. Es regnete die ganze nächste

halbe Stunde hindurch. Dann hörte der Regen ebenso plötzlich

wieder auf, wie er begonnen hatte.

Die Felsen um sie herum waren plötzlich wieder kühl und unheimlich.

Es herrschte nur noch ein feiner Nieselregen, aber

der war nicht schlimm, er tat auch nicht weh. Die Offiziere

trauten sich langsam wieder aus den Containern raus, um sich

den Schaden anzusehen. Als Hallie das Ok-Zeichen gab, trat

auch D’Agosta nach draußen.

Noch immer zischte der Untergrund, aber das Wasser würde

schnell versickert sein, das wusste er inzwischen. Ein furchtbarer

Gestank lag in der Luft. Die Gestrandeten sahen einander

fröstelnd und sprachlos an. Zwanzig Minuten später, als

sie noch dabei waren, ihre zerstörte Ausrüstung einigermaßen

wiederherzustellen, setzte der Regen wieder ein und stürzte so

heftig herab, wie nie zuvor.


Eine Stunde später betrachtete Gordon das ganze Ausmaß der

Katastrophe. Es hatte – vermutlich - auch beim zweiten Regenguss

keine Verluste gegeben, jedenfalls hatten sie nichts

gehört, und die Container selbst hatten die Säure relativ gut

weggesteckt. Dafür waren die Verbindungsrohre weggefressen.

Einige der Energieleitungen lagen frei, aus einer stoben

Funken. Irgendwann war die komplette Energieversorgung zusammengebrochen,

und sie hatten im Dunkeln gesessen. Gordon

nahm nun an, dass es an dieser Leitung gelegen hatten.

D’Agosta neben ihm fragte: „Bekommen sie’s wieder hin?“

Gordon sagte nichts. Er stand einfach da, mit in die Hüften gestemmten

Händen und schüttelte den Kopf.

Hinter ihnen räumten die Offiziere das Chaos auf. Zerfetzte

Teller lagen auf dem Boden, Gläser waren bis zur hälfte

aufgelöst. Die Kisten, die draußen gestanden hatten, sahen

aus, als wäre ihre Oberfläche wie Kerzenwachs geschmolzen.

Sie fanden keine Leichen, aber da sie praktisch im Dunkeln

saßen, suchten sie auch nicht. Eine Zählung hatten sie noch

nicht durchgeführt. Langsam war es aber auch schwer den

Überblick zu behalten, wie viele sie überhaupt noch waren. Es

kam ihnen so vor, als würden sie im Stundentakt Leute

verlieren.

„Gordon.“, wiederholte D’Agosta. „Bekommen sie es wieder

hin? Wann können wir weiter?“

Gordon sah ihn nur kurz an, marschierte dann davon und pfiff

seine Ingenieure zu sich: Er hatte keine Antwort parat.

D’Agosta seufzte.

Es war jetzt mitten in der Nacht, der Himmel war schwarz und

Sterne brachen in nur geringer Zahl durch die drohende Wolkendecke.

Ramina hatte ein kurzes Gespräch mit Shannyn ge-


habt und lies ihren Trupp anschließend Position beziehen. Sie

hatten kaum zuverlässige Waffen, aber sie wollten dennoch

die Umgebung im Auge behalten.

Nur für den Fall.

Gordon und seine Leute steckten schon seit einer Weile die

Köpfe zusammen; ihre Diskussion war hitzig und laut.

D’Agosta versuchte aus der Entfernung zu verstehen, was sie

sagten, aber er konnte ihnen nicht folgen. Das technische Jargon

war ihm zu hoch. Es war, als hätten die Ingenieure ihre

eigene Sprache entwickelt.

Judy fragte ihren Vater: „Müssen die so viel Krach machen?“

Sie war ihm seit einer Weile nicht mehr von der Seite gewichen.

Allan war froh darüber. So hatte er sie wenigstens im

Auge.

„Das ist die Verzweiflung, Judy.“

Er mochte das auch nicht, aber er konnte die Techniker verstehen.

Sie hatten praktisch nichts und mussten genau damit

den Gespann zusammenhalten.

Judy machte ein beunruhigtes Gesicht. Also sagte D’Agosta

schnell: „Mach dir keine Gedanken. Die bekommen das schon

hin. Er legte ihr den Arm um und führte sie zum Lazarett zurück.

Mit einem schweren „Uff“, hob er sie an und setzte Judy

auf die Türschwelle.

„Dad, lass das!“ Natürlich mochte sie es nicht, so behandelt zu

werden, sie hielt sich für erwachsen. Und zu seinem Verdruss

war sie das auch. Vermutlich erwachsener als er selbst. Trotzdem

sah sie sich um, als ob es ihr peinlich sein müsste, wenn

sie jemand gesehen hätte. Vermutlich sieht sie sich nach

Shannyn um, dachte D’Agosta. Judy wollte vor ihr nicht wie

ein Kind erscheinen. Er seufzte und lies sich neben ihr nieder.

„Magst du was essen?“

„Nein, Dad.“

„Durst?“

Sie verneinte erneut.


Eine Pause entstand.

Jemand tippte Judy von hinten an die Schulter. Es war Roe,

der ihr im nächsten Moment einen Riegel Schokolade vor die

Nase hielt. Judy machte große Augen und nahm ihn dankbar

entgegen. Roe berührte sie an der Wange, nickte D’Agosta

knapp zu und trat dann wieder ins Innere des Lazaretts, um

sich um seine Patienten zu kümmern.

Judy brach den Riegel in zwei Hälften. Die eine behielt sie für

sich selbst, die andere gab sie Allan.

Er lächelte stumm.

Dann lehnte sie sich an ihn und legte ihren Kopf auf seine

Schulter. Gemeinsam kauten sie die Schokolade. So verbrachten

sie eine ganze Weile und lauschten den streitenden Ingenieuren

und dem fernen Donnergrollen. Einmal glaubte

D’Agosta noch etwas anderes zu hören. Er beugte sich ein

bisschen nach draußen, um zu horchen. Ja. Ja, da war noch ein

Geräusch: ein schwaches Knattern. Er versuchte das Geräusch

gerade zu identifizieren, als ein Sicherheitsoffizier von einem

Dach der Container herabrief: „Versteckt euch, um Gottes

Willen, versteckt euch!“

Allan war sofort auf den Beinen.

Die Tarkon.

Sie waren zurückgekehrt.


Kollision

Es blieb nicht genug Zeit, um über die Situation nachzudenken,

oder zu den schwer einsichtbaren Felsformationen weiter

unten am Pfad zurückzukehren. Es gab jetzt kein zurück mehr,

keinen Ausweg. Flucht war sinnlos. Der Moment vor dem sich

alle gefürchtet hatten war eingetreten: sie mussten hier und

jetzt ihre Position halten. Die Sternenflotten-Offiziere reagierten

in Anbetracht der Bedrohung zum ersten mal seit Tagen

vernünftig und ohne sich absprechen zu müssen: sie erinnerten

sich an ihr Training und gingen in Kampfposition, bezogen

nebeneinander, in- und um den Containern und Felsen herum

Aufstellung, jeweils knapp einen Meter voneinander entfernt.

Der Rest rückte Fächerförmig aus und deckte die Seiten.

Ramina und ein anderer Sicherheitsoffizier sprangen in den

Frachtcontainer und holten in Windeseile die gesicherten Waffen

hervor. Handphaser, Gewehre, von den Tarkon erbeutete

Pistolen, alles. Die Verteilung ging schnell, einer reichte dem

anderen, was er brauchte.

Das Knattern wurde lauter, hatte einen merkwürdigen klang.

D’Agosta wusste: Das war nicht nur eine Maschine, die da auf

sie zukam.

Er nahm Judy fest an der Hand, zu fest, und hetzte mit ihr zu

einer kleinen Felsformation abseits – er wollte nicht im Zentrum

des mobilen Lagers sein, wenn es losging.

Shannyn schloss auf halbem Wege zu ihm auf und reichte einen

Phaser herüber. D’Agosta nahm ihn ungeschickt entgegen.

Er lies sich hinter einem großen Felsbrocken auf die Knie sinken

und ging in Deckung. Shannyn streifte ihren Rucksack ab

und folgte. In einer stummen Übereinkunft nahmen die beiden


Erwachsenen Judy in die Mitte. Allan schirmte sie von links

mit dem eigenen Körper ab, Shannyn von rechts.

Sie beobachteten, wie die letzten Waffen verteilt wurden. Hier

und dort huschten die letzten Gestalten schnell auf ihre Position.

Es wurden Befehle geflüstert, Energiemagazine rasteten

mit einem Klacken ein.

Dann herrschte völlige Stille. Es war unheimlich. Nur das

Knattern war zu hören. Hier und dort konnte Allan ein paar

Leute hinter ihrer Deckung hervorlugen sehen. Vielleicht sahen

die Tarkon sie nicht, dachte er. Vielleicht würden sie einfach

vorbeifliegen, oder abdrehen, wie beim letzten Mal.

Weiterhin Stille.

Und dann war die Hölle los.

D’Agosta sah, wie sich ein Schiff in der Entfernung aus einer

Wolkendecke schälte. Und dann noch eins. Und noch eins.

Die zwei anderen waren viel größer, der Jäger – und sie gehörten

demselben Bautyp an. Die Schiffe sahen bullig aus, in ihrer

dunkelroten Färbung, gefährlich. Das waren sie auch zweifellos.

Und sie kamen alle direkt auf sie zu.

Direkt auf sie zu.

D’Agosta spürte, wie ihm das Herz zum Hals schlug, und er

fragte sich, ob und wann es explodieren würde. Seine Hände

zitterten und ihm brach der Schweiß aus. Er spannte in Erwartung

des Angriffs alle Muskeln an. Shannyn hingegen war

merkwürdig ruhig. Es überraschte ihn inzwischen nicht mehr,

aber er konnte es einfach nicht begreifen, konnte nicht verstehen,

warum sie nicht wie die meisten anderen ausflippte, und

er würde sich auch nie daran gewöhnen.


Sie kamen aus Richtung der Ebene, vermutlich direkt von Beliars

Festung – oder dem, was davon übriggeblieben war –

wenn etwas von ihr übriggeblieben war. Im Grunde war es

Ramina egal. Es spielte keine Rolle. Sie warn die Feinde, und

jetzt waren sie hier. Mehr brauchte sie nicht zu wissen.

Von ihrer Deckung aus gab sie dem Rest der Sicherheits...-

nein ihrer Abteilung ein paar komplizierte Handbewegungen,

und bedeutete ihnen dadurch, sich auf den kleineren Jäger zu

konzentrieren. Und sie sollten erst feuern, wenn sie sicher waren,

dass der Schuss auch sitzen würde. Die Phaser waren angeschlagen,

die meisten fast leer. Jeder Treffer war wichtig.

Jeder musste genug schaden anrichten, um den Angriff beim

ersten Versuch zurückzuschlagen. Andernfalls mussten sie

sich mit Steinen wehren, dachte sie.

Ramina gab die letzten Zeichen. Die Leute nickten, sie hatten

verstanden. Dann starrten sie schockiert zu dem, was da auf

sie zukam. Jetzt blieb nur zu hoffen, dass sie nicht in Panik

verfielen, und dass auch die anderen warten würden. Ramina

sah wieder zu den Schiffen. Es waren drei Stück. Sie wurden

schnell größer, mit jeder Sekunde waren mehr Einzelheiten zu

erkennen.

Der Jäger passte zur Beschreibung, die D’Agosta gegeben hatte,

als sie mit Penkala ins Lager zurückgekehrt war. Vermutlich

handelte es sich auch um denselben.

Beschreibung.

Die darauffolgenden Flugzeuge waren hingegen schwer, klobig,

jeder mit einem breiten Brauch und einer schmalen Nase.

Vielleicht zwanzig Meter breit. Vielleicht auch dreißig. Das

ganze Ding wirkte bedrohlich. Nun sah Ramina, die Stacheln,

die hier und dort aus dem Schiff ragten. Vielleicht waren es

Antennen, aber es sah aus, wie eine Rüstung. Das schien unglaublich

stark gepanzert, zu stark für ihre Waffen – zumindest

für den Zustand in dem sie sich befanden. Ramina hatte

keine Ahnung, wie sie das überstehen sollten. Laufen war


zwecklos. Bleiben aber auch.

Die Schiffe wurden immer größer und damit auch die Geschützrohre,

die aus ihren Seiten herausragten.

Ramina schüttelte den Kopf.

Sie hatten nicht die geringste Chance.

Scheiß drauf!

Dann würden sie es den Tarkon eben so schwer wie möglich

machen. Ramina sah, wie die Schiffe immer näher kamen, und

zählte einen stummen Countdown herab.

...fünf...

Die Schiffe passten nun den Kurs leicht an, sie hatten die Container

entdeckt.

...vier...

Ramina hob ihr Gewehr und legte an.

...drei...

Die Schiffe kamen näher...

...zwei...

...noch näher...

...eins...

...waren ganz nah.

„Jetzt!“, brüllte Ramina.

Sofort fauchten Phaserstrahlen, mehrere Salven kochten über

die Hülle des Jägers, der in einer fast schon überraschten Reaktion

zur Seite auszuweichen versuchte. Andere verfehlten

das Ziel, verschwanden in der Nacht. Ramina machte das mit

zwei besonders heftigen Treffern wieder wett; sie hatte ihre

Waffe nun auf volle Leistung gestellt. Sie konnte dabei zusehen,

wie die Energieanzeige rasend schnell gen Null sank, aber

die Entladungen zeigten Wirkung: Der Jäger bekam leicht

Schlagseite und eines der größeren Schiffe versuchte in die

Schlucht zu tauchen, um den zuckenden Strahlen zu entgehen,

während das andere Schiff ratlos in der Luft hing. Der Pilot

schien nicht zu wissen, ob er sich ihnen nähern, oder ebenfalls

abtauchen sollte. Einen Moment lang hätte Ramina fast grim-


mig gelacht – so zahnlos war die Katze nicht, wie die Tarkon

gedacht hatten. Dann jedoch sah sie am Jäger einen Lauf herumschwenken.

Direkt in ihre Richtung.

„Scheiße!“

Sie lies sich fallen und als die Tarkon das Feuer erwiderten,

glaubte Ramina zum wiederholten Male, dass sich die Pforten

der Hölle öffneten. Die Projektilwaffen der Tarkon waren absolut

tödlich, und sie waren laut! Ramina presste die Hände

hinter den Ohren und schrie auf, als die Maschinengewehrsalve

den Felsen zerfetzte, hinter dem sie sich versteckte. Die

Tarkon feuerten unentwegt und schossen die Salven so schnell

ab, dass ihre Energiewaffen dagegen wie Spielzeuge aussahen.

Kugeln flogen in alle Richtungen, bohrten sich in Felsen, Container

und Körper. Alle suchten im Schlamm Deckung. Die

Salven töteten zwei Offiziere sofort, im Sterben griffen sie

sich verzweifelt an die Brust. Um sie herum wurde das Gestein

pulverisiert, Kies wirbelte in die Luft.

Es stank nach Schießpulver.

Für einen Moment schien Ramina fassungslos von der Zerstörungskraft,

dann bleckte sie die Zähne, kam hinter der Deckung

hoch und schrie: „Feuer! Schießt mit allem, was ihr

habt!“

Die anderen taten wie geheißen, die Strahlen der Phaser fauchten

erneut durch die Nacht, doch sie richteten nach wie vor

nicht genug Schaden an – wie auch? Sie konnte nur die kleineren

Einstellungen verwenden, für große Zerstörung hatten die

Geräte nicht genug Energie, die Zellen waren überall fast leer.

Ramina betätigte selbst zweimal den Auslöser, aber nur ein

Schuss verließ die Vorfeuerkammer, dann war die Energieanzeige

auf Null. Sie warf das Gewehr fluchend in den Dreck

und zog die Projektilwaffe, mit der sie den Tarkon vor kurzem

erschossen hatte.

Der Lauf am Jäger schwenkte wieder herum und das MG

deckte die Sternenflottenoffiziere mit seinem Schnellfeuer ein.


Diesmal ging Ramina nicht in Deckung; sie schoss einfach

weiter. Links von ihr wurde einer ihrer Leute direkt in den

Schädel getroffen – mit verheerenden, fast schon übertriebenen

explosiven Folgen. Er wurde völlig zerfetzt. Ramina sah

nur noch seinen kopflosen, blutspritzenden Torso, der langsam

zu Boden sank. Das Blut spritzte auf einen Wissenschaftler,

der in der Deckung daneben gekauert hatte. Er schrie auf,

rannte panisch Richtung Container, als ihn die Angst übermannte.

Im Laufen wurde er in die Schulter getroffen, die Kugel

trat auf der einen Seite ein und explosionsartig auf der anderen

Seite wieder raus, und die Wucht des Aufpralls warf ihn

mit schmerzerfülltem Gesicht zu Boden. Die Sanitäter setzten

sich sofort und geduckt in Bewegung. Alle anderen feuerten

weiter mit ihren Phasern, aber ihnen stand helles Entsetzen ins

Gesicht geschrieben. Die Wirkung der Strahlen wurde von ihrer

Panik buchstäblich aufgefasert, ihre Hände zitterten, sie

zielten überhaupt nicht mehr.

Ramina sprang zornig über den Felsen hinweg, hinter dem sie

sich bisher versteckt hatte. Ein unmenschlicher Wutschrei verließ

ihre Kehle, als sie brüllend und ihre Waffe weiter abfeuernd

schnurstracks auf den Jäger zumarschierte, der in dreißig,

vielleicht vierzig Metern Entfernung oberhalb der Schlucht

schwebte.

Sein Geschütz knatterte laut, konnte sie jeden Moment treffen.

Es war Ramina egal.

Sie wollte die Kerle umbringen, sie wollte sie alle umbringen!

Moru, ein bajoranisches Mitglied der Sicherheitsabteilung, sah

von seiner Position weiter hinten zwischen den Containern

aus, wie Ramina plötzlich durchdrehte. Sie hatte ihre Deckung

verlassen, gab sich nicht einmal mehr die Mühe, sich zu ducken,

und ging mit feuernder Waffe dem Jäger entgegen.


Das darf nicht wahr sein, dachte er entsetzt. Das darf einfach

nicht wahr sein! Was hatte sie nur vor?

Moru wusste, dass sie jeden Moment getroffen werden konnte,

der Gewehrlauf des Jägers schwenkte bereits gefährlich in ihre

Richtung. Er mochte sie nicht besonders, aber sie war jetzt

nun mal seine Befehlshaberin. Jemand musste was tun, musste

ihr Deckungsfeuer verschaffen, eine Ablenkung, Irgendwas.

Er griff nach dem Sicherheitsschalter seines Phasers, legte ihn

rasch um und stellte die Waffe auf Überladung. Dann aktivierte

er die Vorfeuerkammer. Sofort ging ein schnell schriller

werdendes Geräusch vom Phaser aus. Gleich würde er explodieren.

Moru sprang auf, um die umfunktionierte Granate zu

werfen. Im selben Moment traf ihn ein Querschläger mitten in

die Brust. Moru wurde von den Beinen geworfen und zog ein

überraschtes Gesicht. Hustend schlug er auf, lehnte nun halb

liegend, halb sitzend an einem der Container des Caravans. Er

machte einen schwachen Versuch sich an die Brust zu greifen,

doch der nächste Querschläger durchdrang seinen Hals. Der

schrill pfeifende Phaser fiel ihm aus der Hand.

Von den Leuten, die sich weiter Rechts befanden, und feuerten,

bemerkte das nur einer – und das zu spät.

Es gab einen hellen Lichtblitz.

Sofort darauf folgte der Knall und dann die Druckwelle, die

einige unglückliche Offiziere noch in zehn Metern Entfernung

hochriss und sie über die Lichtung schleuderte. Einige von ihnen

bewegten sich noch benommen, andere rührten sich gar

nicht mehr.

Ramina registrierte die Tragödie, die sich hinter ihr ereignet

hatte kaum. Sie bekam nur die Explosion mit, die den Boden

unter ihren Füßen erschütterte, und sie schwanken lies. Sie

hatte sich aber sofort wieder gefangen und marschierte weiter


auf den Jäger zu, während sie immer und immer wieder den

Abzug ihrer Pistole betätigte.

Nun warfen auch die Tarkon mit Granaten. Der Transporter,

der oberhalb der Schlucht geblieben war, hatte inzwischen

seine eigenen Geschütze in Position gebracht. Es gab ein

dumpfes Geräusch, als er etwas abfeuerte. Die Leuchtspurgranate

zischte weiter über Ramina hinweg und verlor sich irgendwo

in den Bergen mit unregelmäßigem Sprühen.

Einige Sekunden später erfolgte der dumpfe Knall.

Ramia feuerte weiter.

Auch die Tarkon versuchten es ein weiteres Mal mit dem Granatenwerfer.

Ramina riss ihre Waffe herum und nahm den

Werfer unter Beschuss.

Tang

Tang

Tang

Die Kugeln schienen einfach von der Metalllegierung abzuprallen,

sprühten nur Funken. Es war ihr egal, Ramina feuerte

weiter, immer weiter.

Und dann nur noch:

Klick

Klick

Klick.

Das Magazin war leer. Keine Projektile mehr drin. Ramina

fluchte. Die Tarkon richteten den Granatwerfer auf sie aus.

Ramina warf vor lauter Wut mit der Pistole nach dem Transporter.

Sie traf nicht mal annähernd, die Waffe stürzte vor dem

Transporter direkt in die Schlucht, trotzdem ging die Orionerin

weiter auf das schwebende Ungetüm zu, als wolle sie es mit

bloßen Händen erlegen. Das Rattern des Jäger-MGs zerfetzte

weiterhin die Luft, hallte durch die Berge. Dazu das Fauchen

der Phaser, das Krachen von Schüssen. Irgendwo hinter ihr

hörte Ramina schreie, es herrschte ein Höllenlärm. Dann stolperte

sie über die kopflose Leiche des unglücklichen Sicher-


heitsoffiziers. Sie schob den Torso ein Stück mit dem Stiefel

beiseite, griff nach dem Gewehr, das er noch immer in seinen

verkrampften Händen hielt – und nicht loslassen wollte. Sie

riss dran, fluchte, riss noch einmal daran und endlich, endlich

gab er die Waffe frei. Ramina legte an, zielte auf den Granatwerfer,

der nun direkt auf sie zeigte, und jeden Moment konnte

das Blitzen erfolgen, das Feuern der Granate. Sie hatte nur

diesen einen Versuch.

Ramina fletschte die Zähne und betätigte den Abzug.

Nichts geschah.

Auf der Energieanzeige blinkte eine fette Null.

„Scheiße!“

Der Werfer feuerte eine Granate.

Sie zischte direkt auf sie zu.

Ramina entließ einen frustrierten Schrei und drosch die Granate

mit ihrem Gewehr zum Absender zurück. Sie warf sich auf

den Bauch und riss die Arme über den Kopf. Die Granate

sprühte durch die Luft, explodierte oberhalb der Antriebseinheit.

Das Heck des Transporters sackte durch die Druckwelle

ab, seine Motoren kreischten auf. Dann erschütterte eine weitere

Explosion das Schiff – diesmal vom Antrieb selbst. Eine

Flammenzunge bleckte an der Hülle entlang, das Schiff begann

unkontrolliert zu trudeln, die Piloten hatten die Kontrolle

verloren. Im Innern erfolgte eine weitere Explosion, man

konnte durch die dünnen Fenster und Sehschlitze deutlich

Körper durch den Innenraum fliegen sehen.

Der Transporter schlingerte und verschwand brennend in der

Schlucht.

Ramina hob erstaunt den Kopf und konnte ihr Glück kaum

glauben.

So etwas gelingt mir in einer Millionen Jahren nicht mehr.

Nun fassten sich auch die übrigen Offiziere wieder, sie schienen

endlich eine Chance zu sehen. Typisch Männer, dachte

Ramina. Werden erst motiviert, wenn eine Frau es ihnen vor-


macht und dadurch an ihrem Ego kitzelt. Ihre Phaserstrahlen

fauchten mit ungeheuer Intensität auf den oben verbliebenen

Tarkonjäger. Die Luft glühte regelrecht.

Einige der Sicherheitsleute sprangen nun ebenfalls hinter ihrer

Deckung hervor – wie Ramina eben -, dem MG-Feuer des Jägers

zum trotz. Sie feuerten unentwegt, deckten den Jäger mit

der destruktiven Kraft ihrer Waffen ein...

... und drängten ihn in die Schlucht hinab!

Ein Hagel aus Phaserstrahlen und Kugeln ihrer eigenen, von

den Sternenflottenleuten erbeuteten Waffen prasselten auf den

Jäger und wohl auch auf den Truppentransporter herab, denn

aus dem Funkgerät hörte Theia einen gurgelnden Schrei; die

Begleitschiffe waren stark getroffen worden, eines sogar verloren.

Theia fluchte. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass

diese Bastarde derart bewaffnet waren. Es war ein Fehler gewesen,

noch einmal zurückzufliegen, und Verstärkung mitzubringen.

Sie hätten gleich angreifen sollen!

„In die Schlucht absteigen!“, brüllte sie zum Piloten und ins

Funkgerät gleichermaßen. „Beide Schiffe in die Schlucht absteigen,

na los!“

Die Maschinen heulten auf, der Jäger setzte sich ruckartig in

Bewegung und sank tiefer. Theia nahm das um Anlass, ihre

Kanone ein weiteres Mal abzufeuern. Die Granate schlug gut

hundert Meter hinter den Containern der Föderierten ein und

ließ eine zwanzig Meter hohe Staub- und Trümmerfontaine in

die Luft steigen.

„Verdammter Idiot!“, brüllte Theia den Piloten an. Dann waren

sie über die Klippe und in der Schlucht, um den Salven der

Raumflottenleute zu entgehen.

Durch den dünnen Sehschlitz konnte Theia erkennen, dass

auch der Truppentransporter in Sicherheit war.


Trotz der Dunkelheit der Nacht erspähte sie Rußspuren an der

Außenhülle.

„Ziehen wir uns zurück?“, fragte der Pilot.

Theia strafte ihn mit einem wütenden Blick, als sie sich aus

dem Sitz hievte, am Piloten vorbeizwängte und das MG hinter

ihm besetzte. „Keinesfalls. Wir räumen nur erst auf.“

Auf der Klippe zog Shannyn ihr Schwert. Sie sagte zu

D’Agosta: „Bleiben sie bei Judy!“

Bevor er etwas erwidern konnte, hechtete sie den Hügel zur

Lichtung hinauf, Richtung Schlucht, in die der Jäger gerade

erst getaucht war. D’Agostas Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Shannyn!“, schrie er. Was hatte sie nur vor? Was hatte sie

vor?!

„Shannyn!“

Und als letztes sah er, wie sie über die Klippe in den Abgrund

sprang.


Shannyn

Theias Fluch ging im Dröhnen der kreischenden Motoren unter.

Der Jäger stieß eine gewaltige Qualmwolke aus und senkte

sich ein paar Meter weiter in die Schlucht. Sie waren schwer

getroffen worden, beißender Rauch stieg ins Cockpit. Der Pilot

hustete und hatte Probleme die Maschine ruhig zu halten.

Theia bemerkte davon nichts. Sie war voll und ganz damit beschäftigt,

einen neuen Munitionsgurt in ihr Gewehr zu stopfen

und den Piloten anzubrüllen. „Hoch, hoch!“

Endlich gelang es ihr, ihren Daumen aus dem klemmenden

Verschluss des MG heraus, und den Ladestreifen hineinzubekommen.

Klatschend rastete der Streifen ein. Sie drehte sich

zum Piloten. „Hoch, und dann soll der Truppentransporter

endlich landen und die Soldaten rauslassen!“

„Aber wo denn?“, fragte der Pilot des Transporters durch das

Funkgerät zurück. „Wir können den Transporter bei dem Beschuss

nicht runterbringen.“

„Landen sie auf der verdammten Lichtung!“ Theia warf einen

Blick durch die Seitensichtluke.

Ein Blitz zuckte und erhellte die Nacht. Der verbliebene Truppentransporter

schwebte bewegungslos. Dort hatten sie ein

halbes Kontingent schwer bewaffneter Soldaten – ihre besten,

verbliebenen Männer -, die nur darauf warteten anzugreifen

und nun konnten sie sie nicht entladen?

Lächerlich!

„Fliegen sie zurück und halten sie den Transporter so dicht

über den Boden wie möglich. Die Soldaten springen ab!“ Und

zum Piloten: „Wir räumen den Weg für sie frei!“

Gleichzeitig sah sie sich wild um, sofern der winzige Seh-


schlitz vorne im Schiff dies zuließ. Sie bewegten sich die

Steilwand wieder hoch und irgendwo dort oben waren die

Sternenflottenleute. Allerdings nicht nur dort oben, was Theia

aber erst merkte, als ein halber Meter rasiermesserscharf geschliffener

Stahl durch die Sichtluke hereinfuhr, den Piloten

aufspießte und eine dünne, teuflisch brennende Linie in ihrem

Gesicht hinterließ. Theia kreischte auf, warf sich zurück und

schlug Instinktiv mit dem Arm nach der Klinge. Die lederne

Uniform bewahrte sie vor weiteren Verletzungen. Die Klinge

verschwand wieder durch den Sehschlitz. Theia sah einen

Schatten huschen, dann ein poltern, das vom Dach kam.

Sie waren auf dem Jäger!

Plötzlich begann das Fluggerät hin und herzuschleudern. Der

Pilot war leblos auf den Armaturen zusammengesunken. Theia

stürzte und prallte gegen einen Sitz. Ein paar dieser Halbaffen

mussten den Jäger geentert haben, wie ein vorbeisegelndes

Schiff. Ihr Schiff! Theias unbändiger Zorn über diese Unverschämtheit

lies sie sich wieder aufbäumen.

Der Jäger schlingerte noch immer, Theia sah im kurzen Licht

des nächsten Blitzes, wie sie der Felswand bedrohlich nahe

kamen, nur um im letzten Moment wieder in die andere Richtung

zu schwenken. Die Motoren dröhnten, die Maschine war

außer Kontrolle. Über ihr polterte es erneut. Wütend zerrte sie

am entsprechenden Hebel und lies die Dachluke entriegeln.

Theia fletschte die Zähne und lud das Gewehr durch.

Noch ehe sie Zeit zum nachdenken und zum zögern gefunden

hatte, war Shannyn über die Klippe gesprungen und mit den

Füßen genau auf dem herabsausenden Transporter gelandet,

wo sie sich auf Hände und Knien hatte fallen lassen. Der Aufprall

war härter gewesen, als angenommen, aber sie hatte keine

Verletzungen davongetragen. Sie hatte den Piloten erledigt


und damit den Aufwärtsflug gestoppt. Aber was nun? Der

Transporter hing bedrohlich schwankend knapp unterhalb der

Klippe und drehte sich außer Kontrolle schwerfällig um die

eigene Achse, während er langsam wieder an Höhe verlor.

Shannyn sah sich hektisch um und entdeckte eine Eisenluke,

die zweifellos ins Cockpit führte.

Entern!

Kalter Nachtwind blies ihr ins Gesicht, als sie sich in Bewegung

setzte. Shannyn blinzelte in das grelle Licht eines zuckenden

Blitzes. Ein Schatten geriet in ihr Sichtfeld. Sie bekam

Gesellschaft – noch jemand sprang auf den Transporter.

Ein mit Armen und Beinen rudernder Körper sauste herab.

Auch Ensign Zane kam wie sie zuvor, mit den Beinen auf und

landete polternd auf Händen und Knien, direkt hinter der Luke,

zu der Shannyn gerade unterwegs war. Shannyn brüllte:

„Runter vom Jäger!“

Er konnte durch den Lärm unmöglich verstehen, was sie gesagt

hatte. Aber als er Shannyn sah, grinste er verwegen, richtete

sich auf und zog einen Phaser. Zweifellos hatte ihn sein

jugendlicher Leichtsinn dazu bewegt, es der verwegenen

Blondine, die allen Gefahren trotzte und niemals umkam,

nachzumachen. Aber woher sollte er auch wissen...-

Shannyns Kopf fuhr herum. Jemand im Jäger öffnete die

Dachluke.

Theia riss die Luke auf, duckte sich und gab gleichzeitig einen

Feuerstoß aus ihrem Gewehr ab. Ein Schrei ertönte, einen

Herzschlag später von einem dumpfen Aufprall gefolgt. Mit

triumphierendem Grinsen richtete sich Theia auf der Leiter

stehend auf – und brüllte vor Schmerz, als geschliffener Stahl

von hinten tief in ihre Schulter drang. Sie spürte, wie ihr Linkes

Schlüsselbein brach. Die Klinge wurde zurückgezogen


und ein schlimmer Schmerz lies rote Lichtblitze vor Theias

Augen tanzen. Instinktiv wirbelte sie herum, packte das Gewehr

mit beiden Händen, riss es hoch über den Kopf und fing

den nächsten Schwerthieb mit der Waffe ab.

Die Erschütterung riss ihr das Gewehr aus den Händen. Ihr

linker Arm war plötzlich ohne Kraft und sank nutzlos herab.

Warmes Blut tränkte ihre Lederrüstung und lief an ihrem Rücken

herab.

Und dann, beim zucken eines weiteren Blitzes, sah sie nicht

nur die Silhouette, sondern auch das Gesicht des Angreifers.

„Bartez!“

Sie stand hoch über Theia, das blonde Haar wehte im Wind.

Ihr Gesicht kalt und entschlossen.

Trotz der Schmerzen stemmte sich Theia mit einem Schrei

vollends aus der Luke heraus, packte Bartez, die gerade zu einem

weiteren Hieb ausholte, mit der unverletzten Rechten und

rammte ihr das Knie in den Magen. Todesangst und Wut verliehen

ihr übermenschliche Kräfte. Shannyn keuchte auf.

Theia setzte mit einem Hieb nach, der Bartez das Gleichgewicht

raubte und durch die Luke in den Jäger stürzen lies.

Der Jäger drehte sich noch immer um die eigene Achse, näherte

sich nun wieder der schwarzen Steilwand.

Theia wollte Shannyn hinterher springen, als ihr jemand in die

Beine trat. Sie stürzte auf den verletzten Arm, sah für einen

Moment Sterne und brüllte in Weißglut auf. Ihr Kopf flog herum.

Auf dem Dach lag ein verwundeter Sternenflottenoffizier

– sie hatte ihn bei ihrer ersten Salve getroffen. Er hielt sich das

rechte Bein. Eine kleine Blutfontaine schoss aus einer Wunde

und tränkte seine Uniform. Theia sah rot. Sie sprang geradezu

auf ihre Beine, ihr Zorn war ein mächtiger Adrenalinstoß. Sie

trat dem Mann ins blaue Gesicht und spürte ein Knacken. Sofort

versuchte er sich aufzurappeln, aber Theia ließ ihm keine

Chance. Ehe der Schmerz in ihrer Schulter übermächtig werden

konnte und ihr die Sinne rauben konnte, zog sie die Pisto-


le aus dem Halfter hervor und erschoss den Mann.

Ein weiterer Blitz verriet: Die Steilwand kam näher. Diesmal

drehte der Jäger nicht ab; der rechte Flügel zerschellte an den

scharfen Kannten. Der Boden unter ihren Füßen erzitterte und

Theia verlor das Gleichgewicht. Sie landete auf allen Vieren

und keuchte.

Der Flügel drückte sich zusammen, das Splittern und Krachen

des Metalls war Ohrenbeteubend. Dann explodierte etwas im

Motor. Mit einem jähen Ruck kippte der Jäger zur anderen

Seite und bewegte sich wieder von der Felswand fort. Trümmer

wirbelten durch die Luft, der Gestank von Benzin und

verbranntem Metall war unerträglich.

Das nächste, was Theia registrierte, war das Dröhnen, des

Truppentransporters, der die Schlucht hoch und ihnen endlich

zu Hilfe kam.

Shannyn schlug hart im engen Cockpit auf. In ihrer Schulter

brannte plötzlich ein Schmerz, der ihre Sinne und Wahrnehmung

vernebelte. An die nächsten Sekunden erinnerte sie sich

nicht mehr. Als sie wieder halbwegs klar denken konnte, drehte

der Jäger wieder von der gefährlichen Felswand ab und stotterte

in die andere Richtung davon. Shannyn rappelte sich auf,

als sie durch die Sehschlitze den Truppentransporter herannahmen

sah. Und die Soldaten öffneten ihre Luke, um herüberzuspringen.

Nicht den Hauch einer Chance, dachte Shannyn. Waren die

erst mal an Bord, hatte sie verloren.

Schnell sah sie sich um.

Das Seitengeschütz!

Shannyn duckte sich und versuchte an den Abzug zu gelangen.

Sie zielte mittschiffs auf den Truppentransporter und hatte

den Finger am kalten Abzug. Sie war eben am Durchdrü-


cken, als Theia durch die Luke hineingesprungen kam und gegen

ihre schmerzende Schulter trat. Shannyn schrie auf und

lies das Geschütz los. Sie wirbelte herum. In Theias Augen

blitzte purer Wahnsinn, sie sprang für eine neue Attacke auf

sie zu. Aber Shannyn hielt sich wacker auf den Beinen, schlug

nach hinten aus und schenkte der stürzenden Theia keine weitere

Beachtung, hörte nur das Poltern eines fallenden Körpers

hinter sich. Schon war sie erneut an der Bordkanone, zielte

hastig und feuerte.

Sie traf mitten in den Benzintank. Der ganze Truppentransporter

explodierte und wirbelte Trümmer und schreiende Soldaten

durch die von Feuer und Rauch erfüllte Luft. Die Druckwelle

der unangenehm nahen Explosion erfasste den Jäger. Shannyn

und Theia wurden durch den Innenraum geschleudert. Während

Shannyn auf den kühlen Boden knallte, stieß Theia im

Fallen gegen einen Hebel, der die Seitenluke entriegelte. Dann

kippte das Deck erneut und Theia landete sie mit einem Aufschrei

auf dem Boden.

Der Jäger war außer Kontrolle. Er trudelte gefährlich und geriet

wieder auf einen Kurs, der ihn zurück auf die Felswand

zubrachte.

Theia schenkte dem keine Beachtung und warf sich herum.

„Bartez!“ Ihr Gesicht war dunkel vor Wut.

„Sie leben noch Theia?“, rief Shannyn, die sich gerade aufrappelte

„Ich dachte, ich hätte sie bereits in der Festung erledigt.“

„Erledigt? Nein! Gedemütigt? Ja!“

Die Frauen kamen auf die Beine, standen sich nun in zwei

Metern Abstand gegenüber, lauernd, auf den Zug des Gegners

wartend. „Kommen sie uns deshalb hinterher, Theia? Um

wieder in Beliars Gunst zu steigen? Es wird nicht klappen.

Hören sie auf uns zu verfolgen. Hören sie auf mich zu verfolgen.

Ich sag’s ihnen gleich: sie können mich nicht töten.“

„Sie sollten nicht blind auf ihren Erfolg hoffen.“, höhnte

Theia. „Sie sind auch nicht unsterblich.“


„Doch, bin ich.“, versicherte Shannyn. Schweigend fügte sie

hinzu: zumindest noch für eine Weile.

Theia starrte sie an, forschte in Shannyns Gebaren nach Hinweisen

auf Angst und Nervosität. Sie fand nichts dergleichen.

Die Frau war sich ihrer Sache sicher. „Vielleicht will ich sie ja

auch gar nicht umbringen, Bartez. Noch nicht. Denn ich kann

etwas viel besseres tun: Ich kann sie verletzen. Ich kann ihnen

weh tun. Den Mann umbringen, den sie so mögen, diesen

D’Agosta. Oder das Mädchen.“

Shannyn rührte sich nicht. Sie verzog keine Mine, versuchte

auf die Provokation nicht einzugehen, aber Theia wusste dennoch,

dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte. Shannyns

Augen verrieten sie. Sie hatte Angst. Nicht um sich, aber um

die anderen. Das war also ihre Achillesverse. Das war ihr

Schwäche. Nun wusste Theia endlich, wo sie den Hebel ansetzen

musste. Sie grinste. „Ich werde jeden in ihrer Umgebung

beseitigen, bis sie daran zerbrechen, Bartez! Einen... nach...

dem... anderen.“

Shannyns Kiefermuskulatur mahlte, es fiel ihr schwer, sich

nicht provozieren zu lassen. Draußen krachte ein Blitz. Der

Jäger trudelte weiter durch die Luft.

Theia lachte herausfordernd und triumphierend. „Und mit dem

Mädchen fange ich an. Ganz... langsam.“ Sie verspottete Judy.

Sie verspottete und bedrohte Judy. Dann klickte etwas in

Shannyns Kopf. Ihre Vernunft und Ruhe verflüchtigte sich wie

Tau, der von einer Nova hinweggefegt wurde. „Na los!“, rief

sie. „Na los!“ Und sie gestikulierte trotzig, während sich ihre

Rage mit jedem verstreichenden Augenblick steigerte. „Bringen

wir es zuende!“

Einen Sekundenbruchteil lang zögerte Theia, fragte sich, ob es

eine Falle war, ob Bartez nur so tat, als sei sie genügend provoziert

worden, um sie heranzulocken. Nein, entschied Theia.

Sie war wirklich wütend. Und mit einem triumphierenden Gebrüll

setzte sie zum Angriff an. Und sie war schnell! Schnel-


ler, als das menschliche Auge sehen konnten. Die Faust ihres

unversehrten Armes war ein fliegender Schemen, sie drängte

Shannyn zurück, immer weiter zurück, überwand schließlich

ihre Deckung und traf sie mit einer äußerst harten Rechten.

Und Shannyn sagte nichts. Sie schrie nicht auf, sie gab nicht

das leiseste Geräusch von sich, obwohl Theia wusste, dass sie

sie hart getroffen hatte.

Sie steckte den Schlag einfach so weg. Das triumphierende

Lächeln in Theias Gesicht verblasste. Sie hatte ihre Gegnerin

zu wütend gemacht.

Shannyn holte mit dem linken Arm aus und schlug mit der

Faust gegen Theias Kinn. Die Tarkon biss sich so heftig auf

die Zunge, dass sie einen Schrei unterdrücken musste. Und

Shannyn setzte sofort nach. Wo ihre Linke schon zerstörerisches

Potential entfaltete, glich ihr rechter Schwinger einem

Nuklearschlag. Theias Kopf flog herum und hinter ihrer Stirn

explodierte ein Meer aus Sternen. Dann hob Shannyn den Fuß

und trat Theia in den Bauch, wodurch sie endgültig zu Boden

ging.

Als Shannyn sprach, war ihre Stimme erschreckend kalt. „Sie

haben keine Ahnung, mit wem sie sich anlegen, Theia. Ich habe

Diktatoren und Dämonen zu Fall gebracht. Mit einem wandelnden

Klischee im Lederkostüm werde ich grade noch fertig.“

Theia sagte nichts, sondern stieß nur einen unartikulierbaren

Schrei aus, bevor sie erneut zum Angriff überging. Sie trat mit

dem Stiefel in Shannyns Kniekehle, und warf sich mit ganzer

Kraft gegen sie, als Shannyns Bein einknickte. Sie rollten gemeinsam

über den Boden.

In dem Moment ertönte von irgendwoher ein lauter Knall und

der Jäger kippte nach links. Theia rutschte gegen die Seitenluke,

die plötzlich und sehr zu ihrer Überraschung weit aufschwang.

Kühler Wind riss an ihrem Körper. Panisch klammerte

sich Theia mit dem unverletzten Arm an einer Me-


tallstange fest. Hinter ihr lauerte der Abgrund.

Shannyn sah Theia an. Draußen blitzte es erneut. Theia hatte

die Augen vor Angst weit aufgerissen. Hinter der offenen Luke

klaffte ein tiefer, schwarzer Abgrund. Den Talboden konnte

Shannyn nicht sehen, aber sie wusste, dass es weit runterging!

Theia biss die Zähne zusammen und gab einen seltsamen Laut

von sich. Shannyn hingegen war merkwürdig ruhig. Sie wusste,

was zu tun war. Schnell drehte sie sich, bis sie sich mit

Kopf und Schultern am Sitz des MG-Schützen abstützen

konnte. Theia wandte sich zu ihr um, als Shannyn begann, gegen

ihre Unterschenkel zu treten. Sie aus der Luke herauszuschieben.

Theia wehrte sich entsetzt und versuchte verbissen dagegen zu

drücken, aber Shannyn war in einer viel besseren Position –

und sie war kräftig! Zentimeter um Zentimeter rutschten Theias

Stiefel nach draußen. Dann ihre Beine. Ächzend schob

Shannyn weiter, konzentrierte ihre ganze Stärke darauf.

Mit wütender Stimme rief Theia: „Verdammt, was soll denn

das?“

Unter ihr klaffte der Abgrund, wie ein gewaltiger Schlund

„Aufhören!“, rief Theia. „Aufhören!“

Aber Shannyn hörte nicht auf. Sie stemmte einen Stiefel gegen

Theias Schulter und stieß zu. Zuerst wehrte sich Theia noch,

doch dann rutschte ihr Körper von Shannyn weg. Im letzten

Moment packte sie Shannyns Stiefel, versuchte sich festzuklammern

und sie mit hinauszuziehen. Sie fletschte die Zähne

zu einem widerwärtigen Grinsen. „Jeder, der ihnen nahe steht.

Merken sie sich das!“

Shannyn stieß ihr den anderen Stiefel ins Gesicht. Theia ließ

los. Und verschwand durch die Luke.

Der Wind traf Theia wie ein Faustschlag, als sie aus der Ma-


schine fiel. Sie schrie erschrocken auf, überschlug sich vier,

fünfmal hintereinander in der Luft und fand mehr durch Zufall,

als durch Können in eine einigermaßen stabile Lage zurück.

Über sich sah sie den einen dunklen Schatten – den Jäger,

der sich erschreckend schnell entfernte. Gleichzeitig nahm

sie aber befriedigt war, wie er nur wenige Sekunden davor entfernt

war, an der Steilwand zu zerschellen.

Im selben Moment griff Theia nach der metallenen Öse an ihrer

Brust und riss daran. Der Schirm entfaltete sich mit einem

Ruck, der Theia wieder zwanzig, oder dreißig Meter in die

Höhe zu reißen shcien. Beinahe wäre sie in Panik geraten, aber

es war nicht Theias erster Absprung. Irgendwie gelang es

ihr, so an den Leinen und Stricken über sich zu ziehen, dass

sie sich einmal um ihre eigene Achse drehte. Sie hob den

Kopf. Und sah, wie der Jäger weit, weit über ihr an der Felswand

zerschellte.

Bartez konnte dort überhaupt nicht herausgekommen sein. Die

Mission war fehlgeschlagen, aber der Sieg war dennoch ihrer.

Und während Theia sanft in die ruhige Nacht glitt, lächelte sie.

Shannyn vergeudete keine Zeit damit aus der Luke zu schauen

und zu prüfen, ob Theia tatsächlich einen Fallschirm bei sich

hatte, denn im Grunde zweifelte sie überhaupt nicht daran.

Shannyn hatte noch nicht gewonnen, das war ihr klar. Irgend

etwas sagte ihr, dass Theia es schaffen würde. Die Tarkon gehörte

nicht zu den Leuten, die sich bei so etwas banalem wie

dem Sturz in eine Schlucht den Hals brachen. Aber diese Runde

ging an sie.

Glaubte Shannyn.

Sie hatte es ungefähr eine Sekunde ernsthaft geglaubt, als sie

durch einen weiteren Blitzschlag hinter der offenstehende Luke

bemerkte, dass der Jäger nur noch ein paar Meter von der


scharfen Steilwand entfernt war und sich träge näherte. Der

Tarkonjäger sackte in einer Spiralbewegung immer weiter ab,

und bewegte sich dabei gefährlich nahe an den Fels heran.

Wenn Shannyn noch drin war, während der Flügelstutzen gegen

den Fels prallte...

Irgendwo am Heck erfolgte eine Explosion, und der Jäger bekam

Schlagseite. Shannyns Schwert rutschte klirrend über den

Boden und wäre aus der Luke gefallen, wenn Shannyn nicht

sofort reagiert und den Griff fest umklammert hatte. Dann

kam sie auf die Beine. Ein Blitz zuckte, erhellte die Sicht. Nur

noch ein paar Meter bis zur Felswand.

Vielleicht sechs.

Shannyn zerrte den toten Piloten von den Kontrollen und riss

den Steuerknüppel herum.

Die Maschinen reagierten nicht darauf. Stur bewegte sich der

Jäger weiter in einer elliptischen Drehung auf die Felswand

zu, während er an Höhe verlor.

Wieder ein Blitz.

Fünf Meter.

Shannyn wirbelte herum, sprang zur Leiter und zog sich aus

der Dachluke heraus. Der Wind wirbelte ihre Haare durcheinander.

Sie sah Zane. Mit der Jacke seiner Uniform hatte er sich

an einem herausragenden Metallteil verfangen, was ihn davor

bewahrt hatte, vom Dach zu rollen und in die Tiefe zu stürzen.

Eine blaue Blutlache hatte sich unter seinem Körper gebildet,

sickerte aus einer Schulter- und einer Brustwunde. Aber Shannyn

stellte verblüfft fest, dass er den Kopf langsam drehte. Er

lebte noch!

„Zane!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, packte sie seine

rechte Hand und zerrte ihn hoch, bis er stand. Der Andorianer

ächzte. Aus den Augenwinkeln bemerkte Shannyn die Felswand

näherkommen und im Schein des nächsten Blitzes, sah

sie die Dringlichkeit ihrer Lage.

Vier Meter.


Höchstens.

„Ich kann nicht...“ stöhnte er schwach.

„Arme okay?“

Er nickte.

„Dann halte dich an mir fest, Junge, ich trag dich.“

„Aber-“

„Sofort!“

Zane keuchte. Dann spürte sie sein Gewicht auf sich, so unvermittelt

und schwer, dass sie beinahe in die Knie gegangen

wäre. Seine Arme umklammerten ihren Hals und schnürten ihr

die Kehle zu. Shannyn keuchte auf, griff mit beiden Händen

nach hinten, umfasste seine Schenkel und hob ihn hoch, während

er den Griff um ihren Hals lockerte. Nun konnte sie wieder

atmen.

„Sorry.“, sagte er schwach.

Zwei Meter.

Oben auf der Lichtung waren die Offiziere hinter ihren Deckungen

zusammengezuckt, als sie die Explosion aus der Tiefe

vernommen hatten. Sie kauerten in der Dunkelheit zwischen

Felsen und Containern versteckt, und dort unten war ein

Kampf im Gange, den Shannyn und Zane alleine ausfochten

und Allan wusste nicht, wer gewann und wer verlor.

Sie hatte doch gar keine Chance. Sie konnte es niemals schaffen.

Alle warteten darauf, dass die Tarkonschiffe hinter der

Klippe auftauchten und das Feuer eröffneten. Aber sie kamen

nicht.

D’Agosta und Gordon tauschten einen Blick. Der Techniker

schüttelte kaum merkbar mit dem Kopf.

D’Agosta sah wieder zur Klippe. Nichts.

Er glaubte ein dumpfes Dröhnen zu hören. Die Hand in der er

den Phaser hielt, war klitschnass.


Judy, die sich hinter ihm versteckte zupfte an seiner Jacke.

„Dad, was ist mit Shannyn?“

„Ich weiß es nicht.“

„Hat sie die Tarkon aufhalten können?“

„Ich... ich weiß es nicht.“

Sie schien an seinem Tonfall zu erkennen, dass er sich alles

andere als sicher war, sie dieses mal noch einmal wiederzusehen.

Aber Judy wollte seine Meinung nicht teilen. „Sie schafft

es immer.“

D’Agosta starrte zur Schlucht.

Sekunden vergingen. Nichts geschah. Dann konnte er nicht

mehr länger warten. Er drehte sich zu Gordon. „Ich brauche

Seil.“ Er wusste, der Techniker hatte irgendwo alle mögliche

Zusatzausrüstung versteckt.

„Allan...“

„Sagen sie’s einfach.“

„Es ist im Jeep.“

D’Agosta stieß gegen den Fels, hinter dem er sich verbarg.

„Großartig.“

„Kann sein, dass im Container mit der Ausrüstung eine Nylonschnur

ist.“, sagte Gordon. „Aber ich weiß nicht, wie viel.“

Er klang nicht sehr optimistisch. D’Agosta steckte den Phaser

weg und rannte mit Judy an der Hand zu dem entsprechenden

Container. Drinnen war es dunkel. Die Kisten enthielten die

letzten Nahrungsmittelvorräte. Unzählige Kisten. Sie mussten

sie alle öffnen und nachsehen. Denn im Augenblick brauchte

er dringend ein Seil.

Nur noch wenige Sekunden bis der Tarkonjäger an der Felswand

zerschellen würde.

Jetzt oder nie, dachte Shannyn.

Sie umklammerte den Schwertgriff und warf die Waffe so fes-


te, wie sie nur konnte, wie einen Speer gegen den Fels. Die

scharfe Klinge bohrte sich in dort in das bröckelige Gestein,

wo vorher bereits der Flügel zerstellt war und risse in der

Struktur hinterlassen hatte.

„Schweren!“

Die Waffe reagierte auf den verbalen Befehl und wurde plötzlich

tonnenschwer. Dadurch spaltete sie den Fels ein stückweit,

bis die Klinge so feste verkeilt war, dass sie sich in diesem

Zustand kaum lösen würde, auch nicht, wenn das Gewicht

von zwei Menschen dran hing.

Shannyn ging in Anlauf-Position. „Bereit?“, fragte sie.

„Nein.“

Sie rannte trotzdem los. Stieß sie sich von der Kante ab. Und

hoffte. Shannyn flog mit Zane huckepack durch die Luft. Für

eine Sekunde, die ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkam, befürchtete

schon, dass sie es nicht schaffen würden, dass sie

den Griff um wenige Zentimeter verfehlen und in die Tiefe

stürzen würden. Und dann bekam sie den Griff zu fassen. Sofort

spürte sie nicht nur ihr eigenes, sondern auch Zanes Gewicht,

dass an ihr zerrte. Sie stöhnte unter der Last, biss die

Zähne zusammen. Aber sie lies nicht los.

In dem Moment wurde unter ihnen der Flügel des Jägers eingedrückt,

splitterte und dann knallte die ganze Maschine gegen

den nackten Fels.

D’Agosta verharrte plötzlich beim Durchsuchen der Ausrüstungskisten

und sperrte die Ohren auf. Er steckte den Kopf aus

der Tür. Ein merkwürdiges Quietschen lag in der Luft. Leise,

aber beständig, fast wie der langgezogene Schrei eines Menschen.

Doch dann erkannte er, dass es etwas anderes war. Es war Metall,

dass irgendwo entlang rutschte. Im selben Moment glaub-


te er eine Erschütterung des Bodens zu spüren. Und dann folgte

die Explosion.

Shannyn hing noch immer am Knauf ihres Schwertes, das sich

im Fels verankert hatte – und zwar mit Zanes vollem Gewicht

von immerhin gut siebzig Kilo auf dem Rücken.

Die Last zerrte an ihr, zerrte sie in die Tiefe und ihr Griff

drohte sich zu lockern. Die Knöchel ihrer Finger traten bereits

weiß hervor. Ihre Hände begannen weh zu tun, doch Shannyn

ignorierte das. Sie wusste, wenn sie überleben wollte, durfte

sie sich keinem Schmerz hingeben.

Ihre Beine baumelten in der Luft. Immer wieder versuchte sie

Halt im Fels zu finden, trat nach jedem Vorsprung, den sie

finden konnte, rutschte aber immer wieder ab, wenn sie kleine

Brocken aus der Wand lösten und in die Tiefe stürzten. Shannyn

blickte an sich herab. Die Rotoren des Jägers setzten im

selben Moment aus, wie sie hinabsah. Das Wrack stürzte etwa

zwanzig Meter in die Tiefe, wurde immer kleiner und explodierte

mit einem lauten Knall.

Die Druckwelle schüttelte Shannyn ordentlich durch. Sie spürte

ihre Zähne klappern. Zane drückte ihr wieder den Hals zu,

wodurch Shannyn fast keine Luft mehr bekam. Sie keuchte,

trat erneut aus und fand diesmal etwas Halt. Zumindest für den

Moment. Sie prüfte, ob der dünne Felsvorsprung unter ihr

auch wirklich halten würde und als sie sich sicher war, lies sie

eine Hand vom Schwertgriff los und suchte Halt im Fels. Sie

fand ihn. Aber das Gestein war scharfkantig, sie riss sich

schon jetzt die Hand auf. Das waren absolut keine optimalen

Kletterbedingungen.

„Lösen.“

Das Schwert reagierte auch auf diesen verbalen Befehl unverzüglich

und kehrte in seinen Normalzustand zurück. Shannyn


zerrte am Griff, sie hing jetzt nur noch mit einem Arm in der

Wand. Aber sie wollte ihr Schwert nicht zurücklassen und

zerrte weiter, zerrte solange bis sich die Klinge lockerte und

Shannyn das Schwert aus dem Fels ziehen konnte. Sie steckte

die Waffe zurück an den Gürtel, verschnaufte kurz und machte

sich ihre Lage bewusst. Sie hatte einen verletzten Andorianer

huckepack, hing also mit doppeltem Gewicht, blutigen Händen

und schmerzenden Gliedern an einer Felswand, die sich

beinahe senkrecht noch gut und gerne zwanzig Meter über ihr

erhob.

Und da, endlich, war auch ein Seil. Ein Halbzoll-Nylonseil.

Allerdings war es viel zu kurz, höchstens fünf Meter lang. Im

selben Moment hörte sie von oben jemanden „Zu kurz!“, sagen.

Der Umriss einer mittelgroßen Gestalt tauchte über der

Klippe auf. Es war D’Agosta, der hinabsah. „Shannyn?“

„Es ist Zane.“, rief sie. „Er ist verletzt.“

„Das... das Seil ist zu kurz.“, hörte sie von oben. „Können sie

klettern?“

„Habe ich denn eine andere Wahl?“

Sie schaute an der spitzen Felswand hoch. Ein Blitz zerriss

den Himmel. Die Wand verlief fast vertikal und war sehr gefährlich.

Sie sah kleine, scharfkantige Vorsprünge. Das Gestein

war bröckelig und brüchig. Und dann wieder Schwärze.

Scheiße.

„Shannyn? Schaffen sie es?“

Es waren mindestens zwanzig Meter. Sie blutete und war verletzt.

Unmöglich.

„Ja.“, rief sie. Shannyn atmete tief ein und fing an zu klettern.

Auf der Lichtung sagte Judy: „Wo ist sie? Ist alles in Ordnung

mit ihr?“

Sie durfte nicht nahe an die Klippe. D’Agosta hatte es verbo-


ten. Penkala hielt deswegen Judy fest. Ramina, die das Seil um

einen Fels gewickelt hatte und nun den Knoten prüfte, sah zu

ihr rüber. „Sie klettert.“, sagte sie.

Beide schauten wider zum Rand der Lichtung und warteten

auf den nächsten Blitz.

Shannyn hatte die Hacken dreimal zusammengeschlagen. In

Folge dessen waren kleine Spikes aus ihren Stiefelsohlen geschossen.

Das sollte das Klettern ein wenig erleichtern, dachte

sie.

Nun hob sie die Arme, streckte die Finger aus und tastete nach

dem nächsten Halt. Sie klammerte sich an einen Vorsprung,

aber Kiesel lösten sich und ihre Hand glitt ab. Sie packte fester

zu und zog sich nach oben. Schon bald atmete sie schwer. Ihre

Schultern brannten und ihre Hände hinterließen eine grausige

Blutspur an der Wand.

Dennoch kletterte sie weiter. Sie spürte, wie Zanes Arme um

ihren Hals zitterten. Ansonsten rührte er sich überhaupt nicht

mehr, was Shannyn beunruhigte. Sie konnte nur mit Mühe

seinen Atem wahrnehmen. Sie fürchtete, dass er jeden Moment

ohnmächtig werden, seinen Griff lockern und fallen

konnte. Also versuchte sie noch schneller, noch entschlossener

zu klettern.

„Durchhalten, Junge.“, sagte sie. „Wir schaffen es.“

Zane gab keinen Ton mehr von sich.

Ein Blitz krachte. Shannyn sah hinauf. Noch zehn Meter. Vielleicht

elf.

Ihre Arme tasteten weiter nach Vorsprüngen, Einbuchtungen

oder Spalten, aber immer wieder brach Gestein unter ihrem

Griff ab. Zweimal wurde es richtig eng. Sie stieß ihre Stiefel

nun härter in das Gestein, und wuchtete sich hauptsächlich mit

Beinarbeit hoch, um die Arme zu entlasten. Je näher sie dem


Rand kam, desto heftiger blies der Wind. Er pfiff um ihre Ohren,

und zerrte an ihrer Kleidung. Es war, als versuchte er,

Shannyn und Zane aus der Wand zu saugen.

Als sie den Kopf hob, und ein weiterer Blitz zuckte, sah sie

dichtes Laubwerk, das an der Kante des Gesteins wuchs. Hände

reckten sich ihr entgegen. Und da war das Seil.

Fast geschafft, dachte sie. Fast.

Shannyn wusste nicht wie, aber irgendwie schaffte sie es trotz

Zanes Gewicht auf dem Rücken bis zum Rand, wo ihr die anderen

halfen, sich mit einem letzten Schwung über die Kante

zu stemmen. Sie lies sich in weiches Feuerkraut fallen und

legte Zane ab. Wo waren die Sanitäter?

Roe steckte mit beiden Händen im Blut. Er eilte von einem

Patienten zum nächsten, gab sein bestes, aber er hatte keine

Ausrüstung, kaum Medikamente. Im Grunde konnte er nicht

mehr machen, als Bandagieren, gut zureden und sich dem

nächsten Fall zuzuwenden.

Vor ihm lag ein Techniker, eine Kugel hatte seine Schulter

zerfetzt, das ganze Schlüsselbein lag frei. Gutes Zureden würde

die Wunden nicht schließen.

Roe legte eine Aderpresse und zog sie feste.

Der Techniker stöhnte.

Er musste operiert werden, aber wie sollte Roe das anstellen

ohne Ausrüstung? Es war zum verzweifeln. Er musste sich

später darum Gedanken machen. Für den Moment war der

Techniker stabil.

Roe nickte den Trägern zu: „Bringt ihn rein, bringt ihn zu den

anderen.“ Die Träger keuchten, als sie den schlaffen Körper

hochhoben. Blut sickerte über ihre Hände, besudelte Kleidung

und Haut. Sie verzogen die Gesichter und versuchten nicht zu

stark dran zu denken, während sie ihn Richtung Lazarett


schleppten. Für Roe blieb keine Zeit zum Verschnaufen, oder

um über die Situation nachzudenken. Kaum waren die Träger

weg, hörte er hektische Schreie von der Klippe. Eine Gruppe

von Leuten – Gordon, D’Agosta, die Blondine, und andere -

kauerten um einen bewegungslosen Körper, plapperten aufgeregt

durcheinander und versuchten ihn weiter vom Rand der

Klippe wegzuziehen.

Und sie riefen nach einem Sani.

Roe erhob sich mit schmerzenden Knien und rannte los.

Gordon war über den Körper gebeugt, sah auf, zu Roe, und

wedelte wild mit seiner Hand. „Hier her! Hier!“, schrie er, als

Roe die Lichtung überquerte und zu ihnen herüberhasteten. Er

sah, dass sich die anderen Leute an die Haare griffen, oder

sich die Hände vor den Mund hielten, und auf den reglosen

Körper in ihrer Mitte herabstarrten.

„Los, los! Kommen sie schon, Sani.“

Unterwegs tippte Roe Lemaire an, die gerade damit fertig geworden

war, einen Streifschuss am Oberarm einer Frau zu behandeln.

Sie war dabei ihr Zeug zusammenzupacken, sah auf,

begriff, und folgte sofort. Roe drängte sich durch die Traube

Menschen, und schließlich erkannte er, wer da auf dem Boden

lag: Zane.

Der andere Sanitäter.

Verdammt.

Roe lies sich sofort neben ihm auf die Knie fallen und riss seine

medizinische Tasche von der Schulter. Als er zunächst Zanes

Jacke und dann das blutgetränkte, einst blaue Uniformhemd

öffnete, sah Roe die klaffende Wunde an der Schulter

und eine weitere in der Brust. Sie waren kleiner als die, die er

bisher gesehen hatte, stammten nicht vom Geschütz.

„Was ist mit ihm passiert?“


„Handfeuerwaffe.“, sagte Bartez. „Mindestens zwei Treffer

aus nächster Nähe. Projektilgeschosse.“

Zane war blass und ohne Bewusstsein. Er zitterte. Roe winkte

die anderen ein Stück zur Seite, sie standen nur da, schauten

hilflos. „Macht platz. Macht etwas platz.“

Immer mehr Leute wurden aufmerksam, sahen zu ihnen herüber.

Roe bekam davon nichts mit. Während er ein Hypospray

justierte, um die richtige Dosis anzusetzen, erwachte hinter

ihm ein Leuchtstab zischend zum Leben. Bartez hatte ihn aus

ihrem Rucksack gekramt, und brachte ihn nun über dem Jungen

in Position, damit die Sanitäter was sahen. Roe beugte

sich vor, um die Wunden genauer zu untersuchen. Er erkannte

sofort, dass es nicht gut aussah.

Zane würde höchstwahrscheinlich sterben. Die lange, ausgefraserte

Wunde an der Schulter war schlimm, aber nicht das

Problem. Das Fleisch an den Wundrändern war zerfetzt, wie

aufgerissen. Aber sie ging nicht tief. Die Wunde in der Brust

jedoch...

Helle Knochen lagen dort bloß. Roe konnte die Hauptarterie

pulsieren sehen – auch sie war zerstört. Das blaue Blut des

Andorianers sprudelte regelrecht.

D’Agosta fragte: „Wird er wieder?“

Er leckte sich beim Sprechen über die Lippen. Er war unruhig

und nervös.

Roe ignorierte ihn völlig, er blendete alles aus, konzentrierte

sich nur auf seinen Patienten.

„Wunde ausspülen?“, fragte Lemaire.

„Ja.“, antwortete Roe. „Druckverband erst anlegen.“

Sie nahm eine Wasserflasche aus seiner Tasche entgegen,

dann beugte sie sich tiefer. Roe begegnete einen Moment lang

D’Agostas Blick und schüttelte nur den Kopf. D’Agosta

schloss die Augen und drehte sich weg.

„Okay.“, sagte Gordon an die übrigen gerichtet. „Macht platz,

macht ihnen platz.“


Roe wandte sich wieder den Verletzungen zu. Es sah wirklich

nicht gut aus. Immer mehr Blut sickerte aus der Schusswunde

an der Brust. Lemaire zögerte. „Weiterwaschen?“

„Ja.“, sagte Roe, während er den Druckverband vorbereitete.

Doch plötzlich stöhnte Zane. Seine Lippen bewegten sich, aber

seine Zunge war schwer.

„Luft.“, sagte er. „Keine... Luft...“

Roe verzweifelte langsam. „Er bekommt keine Luft, wir müssen

uns beeilen.“

Zanes Lippen bewegten sich wieder, aber diesmal brachte er

keinen Ton heraus.

Sie verloren ihn.

Roe wollte eben befehlen, weiterzumachen, als sich der verletzte

Zane kerzengerade aufsetzte. Lemaire kreischte vor Entsetzen.

Roe verlor das Gleichgewicht. Zane stöhnte und warf

den Kopf hin und her, blickte mit weit aufgerissenen, starren

Augen nach oben und unten, und spuckte plötzlich einen

Schwall Blut.

Jemand rief: „Großer Gott!“

Dann krümmte sich Zane wieder zusammen, sein Körper bebte,

und Roe griff nach ihm, aber Zanes Gliedmaßen zuckten

unkontrolliert. Er erbrach noch einmal Blut. Es spritzte überall

hin, die anderen sprangen erschrocken zurück, hielten sich die

Hand vor den Mund.

Roe hatte alle Mühe, Zanes zappelnde Beine festzuhalten. Er

brüllte: „Helfen sie mir, verdammt!“

Die Frau – Bartez -, war nicht zurückgewichen, sie griff nach

Zanes Armen, drückte sie runter, fest, er konnte sich nun nicht

mehr losreißen.

Roe griff erneut nach seinem Hypospray, um Zane wenigstens

die Schmerzen zu nehmen, was sollte er auch sonst tun- er

konnte nichts tun! -, aber noch in der Bewegung merkte er,

dass es keinen Sinn mehr machte. Zane zuckte noch einmal,

erschlaffte dann und lag still.


Shannyn griff nach Kinn und Stirn, beugte über ihn, um ihn

von Mund zu Mund zu beatmen, aber Roe packte sie heftig an

der Schulter und riss sie zurück.

„Nein!“, sagte er. „Es wird nichts mehr ändern.“

Sie starrte ihn an. Ihre blauen, ungeheuer intensiven Augen

durchbohrten ihn, mit einer schäumenden Wut, die Roe Angst

gemacht hätte, wenn er in der Lage gewesen wäre, überhaupt

noch etwas zu empfinden. Aber da war nichts. Gar nichts. Also

hielt er ihrem Blick stand und schüttelte noch einmal mit

dem Kopf. „Es hat keinen Sinn mehr.“

Shannyn betrachtete nun den Körper am Boden und begriff,

dass es gleichgültig war, sie konnten den Jungen nicht mehr

wiederbeleben. Sie stand auf, desorientiert. Wütend. Einen

Moment schwankte sie. Dann fing sie sich wieder und marschierte

einfach davon. Die besorgten Schaulustigen machten

ihr vorsichtshalber platz, als Shannyn mit unlesbarem Gesichtsausdruck

die Lichtung verließ. Dabei sah sie keinem in

die Augen. Keinem einzigen.

Niemand sprach ein Wort.

D’Agosta blickte ihr nach und schluckte.

Er kannte sie kaum. Shannyn hielt jeden auf sicherer Distanz,

achtete sorgsam darauf, im Hintergrund zu bleiben, bis es

ernst wurde. Sie preschte vor, eliminierte alles, was den Gestrandeten

an den Kragen wollte und holte sie dadurch wie ein

Schutzengel aus dem Schlamassel. Dann verschwand sie für

gewöhnlich wieder aus dem Rampenlicht, und egal was geschah,

es schien, als könne sie nichts erschüttern. Sie war der

Fels in der Brandung. Wie sie das machte, war ihm unbegreiflich.

Es war allen unbegreiflich. Und wenn man es genau

nahm... ihr Rucksack kannte sie vermutlich besser als jeder

andere hier.

Aber eines wusste D’Agosta: Das hier hatte sie sich aus irgendeinem

Grunde zu Herzen genommen. Das hier hatte ihr

zugesetzt. Das hier hatte ihr wehgetan. Es war deutlich in ih-


en Augen erkennbar gewesen.

Und er wusste, wenn sogar Shannyn jetzt angeschlagen war...

dann steckten sie wirklich in Schwierigkeiten.

Gordon und die anderen entfernten sich still und bestürzt, ließen

Roe und Lemaire mit der Leiche allein. Roe blickte über

die Lichtung und bemerkte nun, dass sie es alle gesehen hatten;

jeder, der den Angriff unverletzt überstanden hatte, hatte

den Tumult an der Klippe bemerkt, hatte schockiert mit angesehen,

was passiert war. In ihren Gesichtern spiegelte sich pures

Entsetzen. Als sie realisierten, dass Roe zu ihnen herübersah,

wachten sie aus ihrer Starre auf, drehten sich weg und taten

so, als hätten sie nie geschaut.

Einigen wurde schlecht, sie stützten davon und übergaben sich

hinter der nächsten Ecke. Andere begannen umherzuwandern,

ziellos, wie Zombies, und sie redeten mit sich selbst, und wieder

in die Andere, brachen in den Armen ihrer Freunde und

Kameraden zusammen. Jetzt begriffen sie erst, was sie gerade

durchgemacht und überstanden hatten.

Roe winkte schweigend zwei Leute herbei, die zögernd zu ihm

traten, und dann die Leiche wegbrachten. D’Agosta kam noch

einmal zurück, berührte den Sanitäter an der Schulter und sagte

leise: „Ich bin sicher, dass sie alles getan haben, was in ihrer

Macht stand.“

Es klang furchtbar, aber Roe wusste, dass er es nicht als Vorwurf

meinte. Trotzdem erwiderte er nichts. Was hätte er auch

sagen sollen? Es musste inzwischen allen klar sein, dass den

Sanitätern keine Mittel zur Verfügung standen, dass sie nichts

tun konnten, dass sie fast nur noch ihre Hände hatten – und es

waren keine magischen Hände. Die Technologie des 24. Jahrhunderts

stand ihnen nicht mehr zur Verfügung. Mit dem Absturz

und dem Energieausfall der Systeme, und des Equip-


ments, waren sie mit einem Schlag ins Mittelalter katapultiert

worden. Vielleicht bereitete ihnen das so viel Angst. Sie hatten

Sanitäter da, und trotzdem konnte hier, auf diesem Mond, jede

noch so kleine Verletzung den Tod bedeuten. Die Erkenntnis

war erschütternd. Der moderne Geist kam damit kaum klar. Zu

sehr waren sie ihre Schiffe, ihre sauberen Krankenstationen

und ihre Wunderheiler gewöhnt.

Weg.

Alles weg.

Roe sah zu, wie die Männer mit der Leiche in der Dunkelheit

verschwanden.

Lemaire tastete nach seiner Hand. Roe zuckte bei der Berührung

zusammen, obwohl sie sanft war. Erst jetzt wurde ihm

klar, dass Lemaire nicht von seiner Seite gewichen war. Ihre

Finger fühlten sich warm an... und waren voller Blut. Seine

ebenfalls.

Zanes Blut.

„Es war besser so.“, sagte sie.

Roe nickte stumm. Das Schlimme an der Situation war: sie

hatte recht.

Ihnen war eine kleine Wohnung zugeteilt worden, die sie für die

Dauer ihres Aufenthaltes auf Xenex nutzen konnten. Weder die

Lage, noch die Einrichtung des Hauses waren bemerkenswert,

aber Delilah empfand die Abgeschieden- und Einfachheit als

willkommene Abwechslung zum hektischen, technisierten Alltag

auf der Sternenflotten-Akademie. Unter anderen Umständen

hätten sie hier eine schöne Zeit verbringen können. Stattdessen

herrschte die meiste Zeit über ein unangenehmes schweigen.

Seit sie das Haus des Schamanen verlassen hatten, war Roe

wortkarg geworden – sogar wortkarger als sonst.

Delilah versuchte ihn in Gespräche zu verwickeln, ihn irgend-


wie aufzuheitern. Er begrüßte das mit einem Lächeln hier, einer

Umarmung da... kleinen Gesten, die sie zu schätzen wussten,

die ihr aber auch verrieten, dass sie seine Schale nicht geknackt

bekam. Schließlich ließ sie es bleiben. Sie wollte ihn nicht

drängen. Sie wusste – oder hoffte -, dass er irgendwann von

selbst zu ihr kommen und reden würde, wenn er soweit war. Alles,

was sie bis dahin tun konnte, war an seiner Seite zu bleiben,

ihn zu unterstützen, und zu warten. Am Abend saß er lange

draußen und starrte in die Ferne, während die Sonne über den

Horizont wanderte, und schließlich dahinter verschwand. Delilah

nahm unterdessen die drei am wenigsten schauerlichen Dinge

aus der Nahrungskiste – erlegte vogelartige Tiere mit drei

fünf Beinen -, legte sie auf einen Teller und beobachtete sie gespannt

zwei Minuten lang. Da sie innerhalb dieser Zeit keinen

Versuch unternahmen, sich zu bewegen, nannte sie es Abendessen

und deckte den Tisch. Während dem Essen sprachen sie über

dieses und jenes, aber ihre Unterhaltungen waren hohl und

nichtssagend. In der Nacht liebten sie sich schweigend, bis Delilah

erschöpft einschlief.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, war Roe bereits gegangen.

Er suchte Freunde auf, Bekannte, befragte sie und jeden,

den er unterwegs traf, über seinen Bruder, um zu rekonstruieren,

was genau passiert war. Nicht nur kurz vor G’landr’s tot,

sondern, seit Roe Xenex verlassen hatte. Wie sich herausstellte,

war G’landr für die meisten ebenso ein Fremder, wie Roe es für

sie war. Wie es schien, hatte er sich die meiste Zeit auf seiner

Farm außerhalb der Stadt aufgehalten, und nur wenig mit anderen

Leuten verkehrt. Und wenn, dann war er nie sehr gesprächig

gewesen. Egal, wen er auch fragte, Roe bekam immer dieselben

Antworten.

„Tut mir leid, U’j’i’n.“, raunte Blankat, während er die Neroon

in den Stall drängte. Die Tiere blögten und schwitzten unter der

xenexianischen Sonne fast so stark wie ihr Besitzer. „Ich kann

nicht behaupten, deinen Bruder gut gekannt zu haben. Er war


ein ziemlicher Eigenbrödler. Hat sich nicht versucht einzufügen.

Weißt ja, wie er wahr.“

Roe folgte Blankat und der Herde. „Habt ihr nicht versucht eurerseits

einen Kontakt herzustellen? Vielleicht war er einfach

nur... ich weiß nicht, vielleicht wollte er nur nicht den ersten

Schritt machen.“

„Nicht wirklich, nein.”

„Ich meine, es ist eine kleine Gemeinde. Hier kennt doch jeder

jeden.“

Ein Schnauben. „Seit wann?“ Blankat gab einem Tier einen

Klaps auf den Hintern, damit es sich schneller bewegte, und

wandte sich dann Roe zu. „Wir sind Xenexianer, U’j’i’n. Du

weißt, was wir durchgemacht haben. Der Krieg gegen die Danteri

hat einen weitreichenden Arm – obwohl er schon lange vorbei

ist, holt er sich noch immer seine Opfer. Eines davon mag

die Brüderlichkeit sein, die uns vielleicht irgendwann mal ausgezeichnet

hat. Wir sind rauer geworden. Abgestumpfter. Mehr

als sonst. Das solltest du doch am besten wissen.“ Und er setzte

fort: „Wenn jemand was braucht, muss er nur zu uns kommen.

Wenn wir in einen Kampf geraten, passen wir aufeinander auf.

Aber wir teilen nicht unsere Gefühle, oder rücken uns so dicht

auf die Pelle, bis wir uns auf die Nerven gehen. Wir sind keine

Sternenflotten-Offiziere und wir sind keine Gentleman. Wir sind

nicht wie du.“

Die Worte waren verletzend, aber Roe wusste, dass er es hier

nicht mit offener Anfeindung zu tun hatte, sondern nur mit xenexianischer

Ehrlichkeit. Die Leute nahmen es ihm nicht allzu

übel, dass er seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte. Sie fühlten

sich nicht verraten. Aber sie waren auch nicht bereit, ihm

Honig um den Mund zu schmieren. Er hatte sich für ein anderes

Leben entschieden, und jeder kannte die Gründe.

„Ich verstehe, was du sagen willst. Habt ihr... denn sonst gar

nichts mitbekommen? Hat er sich vielleicht eine Frau gesucht?

Vielleicht aus einer anderen Stadt? Gibt es irgendwen, der sich


die Mühe gemacht hat ihn kennen zu lernen?“

Blankat seufzte und legte Roe eine mächtige Hand auf die

Schulter „Hör zu, Junge. Es ist bedauerlich, was passiert ist.

Und dass sich niemand so richtig für ihn interessiert hat. Aber

es kann jetzt keiner mehr ändern. Ich werde mich für ihn betrinken,

aber sicher nicht für ihnen heulen. Komm drüber weg. Das

Leben geht weiter.“

Und damit wandte er sich ab und trieb die Herde weiter voran.

Roe blieb zurück und sah ihm lange nach. Er versuchte es noch

den Rest des Tages, aber es war sinnlos; keiner hatte Informationen

für ihn. Keiner hatte G’landr richtig gekannt. Und ihn

kannten sie auch nicht.


Dorak

Die Gruppe ging auseinander. Roe und Lemaire zogen sich ins

Lazarett zurück, um die Verletzten zu versorgen. Die Amphion

legten sich schlafen, es ging ihnen nicht gut. Hallie trug

weitere Namen in die Liste der Gefallenen ein. Sie hatten insgesamt

zehn Leute verloren, bei einem war es noch nicht sicher,

ob er durchkommen würde. Er hatte eine schwere

Schusswunde im Bauch erlitten. Roe machte sich und den anderen

keine Hoffnungen. Der Mann würde die nächsten zwanzig

Minuten vermutlich nicht überstehen. Der Rest war einigermaßen

glimpflich davongekommen. Penkala überprüfte die

Ausrüstung, hauptsächlich, um sich abzulenken. Er war unruhig

und nervös.

Ramina begab sich zum kümmerlichen Rest ihres Teams, sie

wollte einen Schlachtplan entwerfen, für den Fall, dass die

Tarkon einen zweiten Versuch starteten. Gordon blieb beim

Gespann und stellte in seiner präzisen, methodischen Art die

Antigravitations-Einheiten neu ein. Allan und Judy sahen ihm

dabei zu. Eine ganze Weile hantierte der Techniker mit Werkzeugen,

die D’Agosta bisher nicht aufgefallen waren. Aber er

passte auch kaum auf, seine Gedanken waren ganz woanders.

Niemand wusste genau, was mit Shannyn war. Judy wollte

nach ihr sehen, drängte immer wieder, doch bitte nach ihr sehen

zu dürfen, aber D’Agosta verneinte jedes mal. Sie würde

jetzt auch mal Ruhe brauchen, sagte er. Insgeheim machte er

sich große Sorgen.

Shannyn war noch nie einfach gegangen.


Während D’Agosta ihr einen gewissen Freiraum gewähren

wollte, war Dorak, der cardassianische Reiseführer, der sich

bisher dezent im Hintergrund gehalten hatte, weniger zimperlich.

Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Shannyn

nicht traute. Sie war aus dem Nichts aufgetaucht - und zwar

wörtlich. Er hatte nicht vergessen, was auf der Shenandoah im

Korridor geschehen war, während des Angriffs. Wie dieses

gleißende Licht existiert hatte, wie ein Portal, nur für einen

Sekundenbruchteil existent... oder offen. Er hatte es nur aus

den Augenwinkeln wahrgenommen, und ehe er verarbeiten

und begreifen konnte, was geschehen war, hatte Shannyn Bartez

im Korridor gestanden, desorientiert und taumelnd. Dann

hatte er sie aus den Augen verloren. Und nun waren sie alle

hier, hier auf dem Mond. Außer ihm machte sich niemand Gedanken,

stellte niemand fragen. Jeder schien zu glauben, dass

der jeweils andere wusste, warum sie sich an Bord befunden

hatte. Ob sie sich an Bord befunden hatte. Aber warum sollten

sie auch skeptisch sein? Sie hatten ja nicht gesehen, was er an

jenem Tag, kurz vor dem Absturz gesehen hatte... oder glaubte

gesehen zu haben.

Tatsache war, dass niemand von ihnen so recht wusste, wer

Shannyn Bartez eigentlich war. Interessanterweise schien sie

eine ganze Menge über alle anderen zu wissen. Das war nicht

die beste Kombination, wie Dorak fand – aus einem Sicherheitsspezifischem

Standpunkt betrachtet. Der Geheimniskrämer

scheute die Konkurrenz.

Sie überlebte Dinge, die niemand überleben konnte, ging Risiken

ein, die niemand eingehen wollte. Manchen machte sie

Angst. Ihm machte sie angst. Aber da war etwas an ihr... etwas,

das ihre Anwesenheit richtig erschienen ließ. Etwas... ein

Gefühl... dass er nicht so recht benennen konnte. Ja, sie wusste

zweifellos mehr, als sie sagte. Aber... auf wen traf das nicht

zu, dachte Dorak? Sie waren sich sogar ziemlich ähnlich,


Shannyn und er.

Eigentlich hätte Dorak froh sein müssen, dass sie auf derselben

Seite standen...

...nur...

....in diesem Punkt war er sich nicht sicher. Denn da war dieses

andere Gefühl... Vielleicht würde er ja diesmal etwas nützliches

in Erfahrung bringen können, dachte er. Dorak gab sich

einen Ruck und ging sie suchen.

Er fand sie außerhalb des Lagers, an einem der Steilhänge, wo

sie auf einem Stein saß, mit dem Rücken zu ihm. Dorak räusperte

sich, aber sie schien ihn gar nicht zu bemerken. Oder es

war ihr egal. Vielleicht hatte sie beschlossen, ihn einfach zu

ignorieren, damit er sie in Ruhe lies. Was er nicht zu tun gedachte.

Also probierte er es anders. „Eine... interessante Nacht, nicht

wahr?“

Er hätte wenigstens mit einem „verschwinden sie“ gerechnet,

aber auch diesmal blieb eine Reaktion aus.

„Ereignisreich.“

Schweigen. Sie rührte sich nicht mal. Dorak zog die Stirn

kraus. Allmählich wurde er unruhig. „Lieutenant Bartez?“

Er trat näher an sie heran und sah nun, dass sie auf ihre blutigen,

geschundenen Hände starrte. Aber ihr Blick war nach innen

gerichtet, irgendwie traurig... und bitter. Er beschloss sie

mit etwas zu ködern dem ganz sicher eine Reaktion folgen

würde. Sei es nur eine Emotionale. „Nebenbei bemerkt... sehr

beeindruckend, wie sie es wieder mal im Alleingang geschafft

haben, die Tarkon aufzuhalten. Man... gewöhnt sich langsam

dran. Dass sie aus dem Nichts auftauchen, meine ich... und

den Tag retten...“

Er lächelte süffisant.


Aber es kam nichts.

Keine Bemerkung.

Kein böser Blick.

Nichts.

Dorak nickte.

Er ließ sie besser in Ruhe. Es war besser so. Er wandte sich

zum Gehen ab, als er sie fragen hörte: „Was tut man, wenn alles,

was man macht, nicht genug ist?“ Sie sprach leise, als wäre

sie weit weg. Und sie starrte weiter ins Leere. So hatte er sie

noch nie erlebt. „Wenn man all seine Cleverness einsetzt...

seine ganze Kraft, jede Ressource, die man hat... und es nicht

einmal in die Nähe von „das reicht aus“ kommt? Und... und

alles, was einem übrig bleibt, ist dort zu stehen, hilflos, und...

und in Wut über die Beschränkung der Möglichkeiten, die

man hat. Wenn es einfach nicht ausreicht.“ Sie senkte den

Kopf. „Es gibt in der ganzen Welt kein schlimmeres Gefühl.

Keines.“

Dorak zögerte. „Kontrolle ist eine Illusion. Wir haben die

Dinge nie völlig im Griff.“

„Ich weiß. Es ist nur...“ Sie beendete den Satz nicht.

„Wie das alte Sprichwort lautet“, sagte Dorak. „dass man gute

Tage hat und schlechte Tage. An den schlechten Tagen fragt

man sich „Warum ich?“ Und an den guten Tagen... ist man zu

beschäftigt, um sich darüber zu wundern. Sie haben heute eindeutig

ihren schlechten Tag.“

Shannyn nickte. Eine Weile schwiegen beide.

Dann fragte Dorak: „Würden sie sich selbst als Kontrollfreak

bezeichnen?“

Schnauben.

„Welchen Begriff würden sie dann wählen, um sich zu beschreiben?“

„Jetzt in diesem Moment?“

„Uh-huh.“

Zunächst antwortete sie nicht. „Als einen Bauern.“, sagte sie


nach einer Weile. „Als den Bauern eines Schachspiels.“

Das verwunderte Dorak. „Einen Bauern? Wirklich? Interessant.

Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, ist der Bauer

die schwächste Figur in diesem Spiel, oder?“

Sie nickte.

„Warum sehen sie sich als Bauern?“

Shannyn versuchte mit dem Daumen das Blut von ihren Händen

zu reiben. Es brachte natürlich nichts. „Ich bin ein Verteidigungswall.

Wenn ich eine Lücke lasse, sterben Menschen.

Ich erfülle meinen Zweck, meine Rolle.“, sagte sie. „Darüber

hinaus bin ich unwichtig.“

„Aber wenn ein Bauer das Ende des Brettes erreicht, kann er

sich in etwas besseres verwandeln, oder nicht? Da ist Hoffnung...“

Sie gab den Versuch auf, ihre Finger von dem Blut befreien zu

wollen und sah zu Dorak auf. „Es gibt da eine Geschichte...

Sie dreht sich um den Gralskönig, der den heiligen Gral – ein

alter Mythos meines Volkes – bewachte. Als der Ritter Parsifal

diesen König in seinem Schloss aufsuchte, um Schutz vor

einem Unwetter zu suchen, fand er den König in einem

schlimmen Zustand vor. Er hatte furchtbare Schmerzen, niemand

wusste warum. Das ganze Land litt darunter. Als edler

Ritter wollte Parsifal fragen, was los sei. Die Legende besagt,

dass König und Land Heilung erfahren hätte, wenn jemand

reinen Herzens genau diese Frage stellen würde. Aber Parsifal

wusste das nicht. Und als ein Ritter war er darauf trainiert, einem

strengen Verhaltenskodex zu folgen. Dazu zählte unter

anderem, dass er keine Fragen stellte, es sei denn, man forderte

ihn erst dazu auf. Also ging er zu Bett, ohne den König zu

fragen. Am nächsten Morgen wurde er von der Nachricht geweckt,

dass der König während der Nacht verstorben sei. Parcifal

hat seine Chance König und Land zu retten verspielt,

weil er seinem Training gefolgt war, statt seinem Herzen. Anders

als der Skorpion hatte er eine Wahl. Ich hingegen...“ Sie


schüttelte den Kopf und kam sich plötzlich sehr dumm vor.

„Warum erzähle ich ihnen das eigentlich?“

Dorak zuckte mit den Schultern. „Vielleicht, weil ich im Moment

der einzige bin, der ihre Mauer aus lasst-mich-in-Ruhe-

Signalen durchbrochen hat und zuhört.“

Shannyn schnaubte. „Wollen sie das tatsächlich? Oder sind sie

nur wieder daran interessiert mich auszuhorchen, Dorak, um

an Infos zu kommen, die ihnen einen Vorteil verschaffen?“

Ihr Tonfall war nun schneidend.

Dorak hielt gleichermaßen dagegen. „Bauern tauchen nicht

einfach aus dem Nichts auf.“

„Fahren sie zur Hölle, Dorak!“

Er lächelte. „Oh, meine Liebe, ich glaube da bin ich längst...“

Shannyn erhob sich, baute sich vor ihm auf. Ihr ganzes Gebahren

war nun feindselig. „Judy hat mir erzählt, dass sie in der

Festung versucht haben an meinen Rucksack zu kommen.

Dass sie das Mädchen bedroht haben.“

Dorak sah sie mit großen Augen an. Shannyn wirkte gefährlich,

unberechenbar. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. Ein kühler

Nachtwind ließ ihre Haare wehen. „Halten sie sich von ihr

fern. Wenn ich sie noch einmal in Judys Nähe sehe, bringe ich

sie um, Dorak, ich bring sie um, bei Gott.“ Sie war so zornig,

dass nicht der geringste Zweifel an ihren Worten bestand.

„Und lassen sie mich in Ruhe. Hören sie auf Spiele mit mir zu

spielen. Hören sie auf so zu tun, als seien wir Gleichgestellte,

oder Partner. Oder Freunde. Wir sind höchstens ein gegenseitiger

Nutzen, nichts weiter. Verstanden?“

Er sagte nichts.

„Ob sie mich verstanden haben, Epius.“

Diesmal nickte er. Shannyn feuerte ihm noch einen letzten bösen

Blick zu und ließ sich dann wieder auf den Stein sinken,

wo sie das Gesicht in den Händen vergrub. Plötzlich wirkte sie

alt, ausgelaugt.

Dorak sah sie lange an. Als er Sprach, geschah dies leise und...


irgendwie ehrlich. „Um die Wahrheit zu sagen, und um ihre

Eingangsfrage zu beantworten... ja. Ja, sie... auszuhorchen, das

war tatsächlich meine Intention, als ich mich vorhin auf die

Suche nach ihnen machte. Ich sah die Gelegenheit, ein paar

Antworten zu erhalten. Befragungen sind immer am fruchtbarsten,

wenn der Befragte in emotionaler Aufruhr ist. Man

kann dort ansetzen. Aber.. heh... glauben sie es, oder glauben

sie es nicht, ich... sympathisiere mit ihnen. Sie verausgaben

sich. Tun alles, um diese Leute hier zu schützen, die sie –

wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege – nicht einmal

kennen. Ich weiß nicht genau warum. Aber letztendlich muss

ich doch anerkennen, dass sie bisher auch für meine Sicherheit

sorgten.“

Shannyn hob das Gesicht aus den Händen, sah ihn aber nicht

an. Sie schnaubte nur. „Kurze Geschichte kürzer: es interessiert

mich nicht.“

Er lächelte. „Ich kann es ihnen nicht verdenken, dass sie nicht

reden wollen. Ich bewundere sie sogar dafür, weil ich es auch

nicht tun würde. Schließlich... setzt so etwas Vertrauen voraus.

Vertrauen, dass die andere Person einem zuhören wird. Und

sich kümmert.. Und wie wir alle wissen, ist Vertrauen unter

den besten Umständen eine delikate Angelegenheit. Das

hier...“ Er machte eine ausschweifende Geste. „das hier sind

nicht die besten Umstände. Nicht einmal annähernd. Ein Vertrauensbruch...

ein Betrug... kann hier zum Todesurteil werden,

wie man es an Nechayev gesehen hat. Sie halten ihre Deckung

oben, Shannyn. Nicht nur mir gegenüber – speziell mir

gegenüber -, aber auch bei den anderen. Das verstehe ich.

Das... unterstütze ich. In jedem anderen Moment sollten sie

mir nicht trauen, denn in jedem anderen Moment würde ich

ihnen nicht trauen. In diesem hier jedoch... da sehe ich keinen

Opponenten vor mir. Ich sehe keine immerzu starke Shannyn

Bartez, die besser ist, als alle anderen. Ich sehe nur eine erschöpfte,

verwundete Frau, die nicht weiß, wann sie aufhören


muss, und die sich mehr zutraut als gut für sie ist. Vielleicht...

weil sie nur in eine Rolle schlüpft, aus der sie selbst Kraft gewinnt.

Vielleicht aber auch nur, damit andere Kraft gewinnen.“

Shannyn sagte nichts. Sie schloss bloß die Augen und drehte

ihr Gesicht halb von ihm weg, damit er... damit er es nicht sah.

Aber Dorak war zu klug, um nicht zu bemerkten, dass sie mit

den Tränen kämpfte.

Er nickte. „Und in diesem Moment... ist es mir tatsächlich

nicht länger egal. Keine Hintergedanken diesmal.“ Er zog seine

Jacke aus und hängte sie Shannyn um. „Ausnahmsweise...

mal keine Hintergedanken.“

Er versuchte sie nicht weiter zu befragen. Sie würde nicht drüber

reden. Nicht ein Wort. Nicht eine Silbe. Sie würde sich einen

Moment der Schwäche gönnen, aufstehen und einfach

weitermachen. Er fragte sich, ob sie es je rausließ.

Also zog er sich zurück und ließ sie allein.

Shannyn sah ihm nach, und zog die Jacke enger, in die er sie

gehüllt hatte. Und schließlich konnte sie es nicht länger zurückhalten

und Tränen rannen ihre Wangen herab.


Entscheidungen

D’Agosta hatte sich bereits gefragt, wann sie diesen Punkt erreichen

würden: der Zuweisung von Schuld. Er war sich nicht

sicher gewesen, wer damit anfangen würde. Hätte er eine Wette

abgeben müssen, hätte er wohl auf die Sicherheitsoffiziere

gesetzt. Die waren immer sehr hitzig, und zögerten nur selten,

wenn es darum ging, anderen ihren Missmut mitzuteilen. Es

war Lieutenant Spiers’ Art gewesen, mit seiner Abteilung umzugehen.

Er hatte offene und direkte Konfrontationen geschätzt,

selbst in Diskussionen, weshalb er seine Leute dazu

ermutigt hatte, ihren Mund aufzumachen und zwar in jeder Situation.

Das hatte für eine raue, aber ehrliche Arbeitsatmosphäre

in der Sicherheitsabteilung gesorgt, die von allen geschätzt

wurde – aber nur solange, wie Spiers da war, um seine

Leute im Zaum zu halten. Nun, nach seinem Tod, war seine

ehemalige Abteilung außer Rand und Band.

Daher überraschte es D’Agosta sehr, dass es diesmal Ausrüstungsoffizier

Penkala war, der die Initialzündung zum Disput

gab. „Es ist alles Nechayevs Schuld!“, schimpfte er in die

Gruppe hinein. „Ich hab gleich gesagt, dass sie uns Probleme

bereiten würde. Hab ich es nicht gesagt? Huh? Huh?“

„Was hätten wir denn tun sollen?“, fragte ein Goldhemd. „Sie

festnehmen?“

„Zumindest diesen Nottingham hättet ihr mal überwachen

können. Vielleicht hätten wir dann wenigstens noch unseren

verdammten Jeep!“

Ein anderer sagte. „Langsam, ja? Wir wissen immer noch

nicht genau, warum sie sich mit den Bloodcats verbündet hat.

Oder?“


„Ja, vielleicht kommt sie ja sogar zurück. Wir sollten keine

voreiligen Schlüsse-“

„Was gibt es denn da für Schlüsse zu ziehen?“, schnappte

Penkala. „Sie hat sich genommen, was sie brauchte, und uns

dann fallen gelassen, wie eine heiße Kartoffel. Und die Tarkon

denken nun, wir seien an allem Schuld. Deswegen sind sie

doch erst hinter uns her!“

„Und sie werden uns nicht in Ruhe lassen, ehe sie uns alle erledigt

haben.“

„Wir hätten zu den Amphion gehen sollen.“, meinte einer der

Wissenschaftler. „Das wäre das einzig kluge gewesen. Wir

hätten uns dort verstecken können. Warum sind wir nicht zu

den Amphion gegangen?“

„Weil D’Agosta hier lieber zur Shenandoah wollte.“

„Ja, weil du ihm gesagt hast, du wüsstest, wo sie ist, Penkala.“

Nun begannen sie auch noch mit den Fingern aufeinander zu

zeigen. Alle waren sehr aufgebracht. In den letzten Stunden

hatte sich viel Frust angestaut. „Ich sagte nur, sie sei irgendwo

in den Bergen runtergekommen. Nicht mehr. Nicht weniger.“

„Nett rausgeredet.“

„Was soll denn das wieder heißen, Brockway?“

Das hier ist verrückt, dachte D’Agosta. Das brachte sie kein

Stück weiter. Er entschloss, einzugreifen, um die Situation zu

entschärfen. Um ihnen klar zu machen, was auf dem Spiel

stand, und vor allem: wer hier das Kommando hatte. D’Agosta

machte einen Schritt auf die Gruppe zu. „Wenn ich auch mal

was sagen dürfte...“

„Nein!“, blafften alle gleichzeitig.

„Dann eben nicht.“, gab sich D’Agosta geschlagen. Seine Autorität

wurde nicht anerkannt – weil er nie welche besessen

hatte. Er war kein Anführer, war einfach der falsche Mann für

so etwas. Sicher, er wollte die Gruppe zusammenhalten. Ja

wirklich. Aber er war von allen hier vermutlich die letzte Person,

die dazu geeignet war, den anderen Mut zu machen, und


ihnen die Richtung zu weisen – wo er sich ja selbst kaum Mut

machen, und sich kaum entscheiden konnte, was sie tun sollten.

Das war die Schattenseite, wenn man sich selbst nicht für

wichtig genug hielt – und damit durchaus leben konnte.

D’Agosta war sich selbst sein größter Feind. Wenn sie ihn um

Führung fragten, konnte er lediglich mit den Schultern zucken,

und „ich weiß es nicht“ sagen. Das wollte er ihnen ersparen.

Es war besser so. Wenn man ein aussichtsloses Schachspiel

spielte, war es keine Schande zuzugeben, dass man verlor.

Man spielte nicht weiter, wenn die Figuren alle wegwaren. Er

lies die Schultern hängen und trottete davon. Die anderen bemerkten

es nicht einmal, sie waren zu sehr mit Streiten beschäftigt.

D’Agosta sah sich unterwegs nach Shannyn um. Er wollte mit

ihr sprechen. Sie wusste sicher, was zu tun war. Sie wusste

immer, was zu tun war. Aber er konnte sie nirgends sehen. Sie

hatte sich zurückgezogen. Vielleicht würde sie ihm nicht mehr

helfen. Vielleicht war sie es irgendwann leid, dass er immer

angerannt kam, wenn etwas nicht stimmte. Er musste selbst

klarkommen. Zumal er sich ohnehin denken konnte, was sie

sagen würde. „Es spielt keine Rolle, ob sie das Kommando

über diese Gruppe haben wollen oder nicht, Allan.“, würde sie

sagen. „Sie haben es. Das ist das einzige, was zählt. „Das einzige

was zählt“, würde sie mit eindringlicher Stimme sagen

„ist die Tatsache, dass sie als ranghöchster Offizier und letztes

verbliebenes Mitglied der Führungscrew das Kommando und

somit die Verantwortung über diese Gruppe haben – ob sie das

wollen, oder nicht. Zweifel, ob sie der richtige für diese Aufgabe

sind, ob sie den Rang überhaupt verdient haben, oder ob

da jemand bei der Leistungsbewertung nur einen Fehler gemacht

hat, spielen keine Rolle. Nichts davon ist wichtig. Das

einzige was die Leute, deren Leben man ihnen anvertraut hat,

wollen, ist, dass sie ihren Job machen – und zwar mit Überzeugung

und Zuversicht. Das ist alles. Zweifel, Unsicherheit


und Verwirrung schwingen immer irgendwo mit, aber davon

dürfen sie sich nicht ablenken lassen.“ Und dann würde sie

ihm eine Hand auf die Schulter legen und ihn mit ihren tiefblauen

Augen durchdringen. „Sie schaffen das!“

D’Agosta blieb langsam stehen. Er war nur ein paar Schritte

weit gekommen. Hinter ihm diskutierten die anderen weiter.

Fragten sich, was sie nun tun sollten. Er hörte sie sagen: „Wo

soll denn das nur enden? Wenn sie uns alle abgeschlachtet haben?

So weit kommt’s noch, ich sag’s euch.“

„Wir sollten zurückgehen, mit ihnen reden. Den Tarkon erklären,

dass wir nichts mit Nechayev und ihrem Bündnis mit dem

anderen Tarkon-Clan zu tun haben.“

D’Agosta konnte darüber nur müde lächeln. Sie versuchten die

Situation herabzuspielen, wollten nicht wahrhaben, dass die

Tarkon ihnen nicht zuhören und sie umbringen würden, sobald

sie sich ihnen auch nur näherten. Angst besiegte Logik. Immer.

Ihre Verzweiflung führte zum Selbstbetrug. Zum gefährlichen

Selbstbetrug. Sie waren jetzt am selben Punkt angelangt,

wie D’Agosta vor kurzem: sie sahen nur noch, was sie

sehen wollten und nicht, was wirklich vor sich ging.

D’Agosta blickte zum Himmel hinauf und sog kühle Nachtluft

ein. Was hatte Shannyn vorhin gesagt? Diese harsche Natur

verlangte von einem, dass man sich ihr anpasste und sich keinen

Illusionen hingab. Sie erforderte ein ganz anderes Denken

und Handeln.

Ja.

Ja, das war’s. Darauf kam es an.

D’Agosta drehte sich auf dem Absatz herum und marschierte

zur Gruppe zurück.

„Wir gehen weiter!“

Sie drehten alle die Köpfe, als D’Agosta mit energischen


Schritten zu ihnen zurückkam. „Den Pfad hinauf.“, sagte er.

„In die Berge. Der Shenandoah entgegen. Wir gehen weiter.“

Penkala begann: „Allan...“

„Nein. Keine Widerworte. Ich habe das Kommando. Ich gebe

die Befehle. Und ich sage, wir gehen weiter.“

Jemand höhnte: „Das Kommando? Von welcher Kommandostruktur?“

D’Agosta sah ihn direkt an. Ein Mann aus der Sicherheit.

Swihart oder so. „Sie wollen hier bleiben Lieutenant? Viel

Spaß. Ich werde sie nicht aufhalten. Richten sie den Tarkon

einen netten Gruß von mir aus, ja? Oder den Unsichtbaren,

oder den fressenden Felsen, oder Fowler und den hundert anderen

Gefahren, die hier auf jemanden wie sie warten. Na los.

Sagen sie denen ruhig, sie seien von der Sternenflotte, sie kämen

in Frieden und so und wollten nur reden. Ich bin sicher,

man wird sie anhören, und zum Kaffee und Kuchen einladen,

so wie man auch Captain O’Conner, Lieutenant Spiers, Ingenieur

Tessler und all die anderen angehört und sie anschließend

aufgeknüpft hat. Vielleicht ist es ihnen entgangen, aber

wir waren bei den Tarkon. Wir wollten verhandeln. Und dank

Nechayev wir sind nur knapp mit dem Leben davongekommen.“

Darauf sagte Swihart nichts, sondern starrte betreten auf

seine Schuhspitzen. Auch die anderen schwiegen.

„Leute, gebt euch keinen Illusionen hin. Aus dieser Sache

kommen wir nicht mehr mit Reden raus. Ob wir wollen oder

nicht, wir werden gejagt. Und wir dürfen unsere Wachsamkeit

nicht für einen Moment nachlassen. Wir müssen weiter, weiter

zur Shenandoah, weiter nach Sicherheit suchen. Wir können

nicht aufhören, weil die niemals aufhören werden. Sie werden

immer da sein... und mehr... und versuchen uns zu schwächen,

uns zu eliminieren, einer nach dem anderen, wie Wasser, das

einen Stein abträgt. Einfach, weil sie im Gegenzug zu uns

nicht wissen, wann man aufhört.“

Penkala biss sich verzweifelt auf die Lippe. „Aber warum ma-


chen die das? Warum jagen die uns? Wir sind doch keine Gefahr

mehr.“

„George Mallory.“, warf Gordon ein, der gerade erst dazugestoßen

war. Er war damit beschäftigt, sich Öl von den Händen

zu wischen. Alle drehten sich zu ihm. „George Mallory“, sagte

er „wurde einmal gefragt, warum er den Everest besteigen

wollte. Er hatte geantwortet: Weil er da ist. Dasselbe Prinzip.

Die versuchen uns umzubringen, aus dem einzigen Grund:

weil wir noch da sind.“

D’Agosta nickte. „Fünfundsiebzig Jahre später hat man Mallorys

Körper schließlich auf dem Everest gefunden, wenn ich

mich nicht irre.“

„Stimmt genau.“

„Vielleicht steckt ja sogar eine Lektion dahinter. Vielleicht

auch nicht. Es spielt keine Rolle. Wir gehen weiter. Wir halten

an der Hoffnung fest.“ Er hätte erwartet, dass sich seine angeborene

Vorsicht meldete – sie hatten viele Tote zu beklagen

und tiefer in unbekanntes Bergterritorium vorzudringen, wo

noch mehr Gefahren auf sie lauern würden, konnte alles nur

noch schlimmer machen - So arbeitete sein Verstand normalerweise.

Aber in diesem Augenblick empfand er nicht die

Spur von Unsicherheit. Die Tarkon jagten sie, und sie würden

ihre Rachegelüste stillen, wenn die Gruppe zu lange an einem

Ort verweilte, der ihnen keinen Schutz bot. Auf einmal wurde

ihm klar, dass ihn die Erlebnisse der letzten Tage – vor allem

die in der Tarkon-Festung - für immer verändert hatte. Jemand

versuchte sie umzubringen. Ihn umzubringen. Das war für ihn

in seiner Jugend im sicheren Schoß der Föderation unvorstellbar

gewesen. Und auch im Krieg, aus dem er sich rausgehalten

hatte, hätte er das nie für möglich gehalten. Aber jetzt? Er

fühlte sich, als hätte ihn jemand hochgehoben und drei Meter

versetzt. Er stand nicht mehr an derselben Stelle. Aber auch

innerlich empfand er – zumindest in diesem Moment – einen

merkwürdigen Fokus, der ihm früher Fremd gewesen war. Es


gab nun mal unangenehme Tatsachen auf dieser Welt und zuvor

hatte er die Augen davor verschlossen, oder das Thema

gewechselt, oder Entschuldigungen für das, was geschehen

war, gesucht. Er hatte sich eingebildet, das wäre eine akzeptable

Lebensstrategie – dass es sogar die humanere Strategie

war. Das glaubte er nun nicht mehr. Nicht völlig jedenfalls.

Wenn jemand versuchte dich umzubringen, dann gab es keine

Möglichkeit, die Augen davor zu verschließen, oder das Thema

zu wechseln. Du warst gezwungen, dich dem zu stellen.

Letztendlich bedeutete diese Erfahrung für D’Agosta den Verlust

gewisser Illusionen. Die Welt war nicht so, wie er sie haben

wollte. Es gab schlechte Menschen, und denen galt es einen

Schritt voraus zu sein.

„Wir gehen weiter.“, sagte er noch einmal. Und zu Gordon:

„Machen sie den Zug bereit. In einer viertel Stunde brechen

wir auf.“

Der Ingenieur nickte. Der Befehl war gegeben, der Entschluss

stand fest. Und diesmal äußerte niemand Wiederworte.

Der tote Körper lag ausgestreckt neben ihr auf dem Boden,

grau und leblos. Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt.

Während die anderen sich auf die Weiterfahrt vorbereiteten,

und zusammenpackten, was von der Ausrüstung übrig geblieben

war, verbrachte Shannyn die nächsten zehn Minuten damit,

abseits des Zuges ein Grab für Zane auszuheben, mit ihren

bloßen Händen. Sie lockerte den Untergrund mit ihrem

Schwert und trug dann Sand und Kies ab. Es blieb weder Zeit

für eine Zeremonie, noch für die Beerdigung der anderen. Man

hatte auch Zane einfach zurücklassen wollen, an den Rand des

Weges gelegt, mit einer Decke umhüllt. Trotzdem war jedem

bewusst, dass sich früher oder später die Raubtiere an den Toten

zu schaffen machen würden. Es war unmenschlich und


pietätlos, aber was sollten sie schon machen? Die Toten könnten

nicht gleichgültiger darüber sein, wo sie lagen – die Lebenden

hingegen hatte weitaus wichtigere Sorgen, die es zu

beachten gab. Sie konnten einfach keine Zeit entbehren, sie

mussten weiter. Und dennoch...

... Shannyn hatte das hier für Zane tun wollen. Sie fühlte sich

verantwortlich. Schuldig. Die anderen verstanden das... vielleicht.

Shannyn mied sie. Sie sprach mit niemandem ein Wort.

Sie wollte es nicht. Sie konnte es nicht. Noch nicht. Sie machte

sich zu viele Vorwürfe. Auch das wollte sie nicht. Es gab

nicht den geringsten Grund es zu tun, nicht das geringste, das

man daraus gewinnen konnte. Sie hatte alles getan, was in ihrer

Macht stand. Und dennoch stellte sie sich die Frage, ob sie

nicht etwas übersehen hatte, ob sie nicht etwas anderes hätte

tun können, damit sie sich jetzt nicht wie eine Mörderin fühlen

musste. Wenn sie nur schneller gewesen wäre...

...oder kräftiger...

...oder klüger...

...oder besser...

Das war der Punkt. Besser. Ihr Drang die Beste zu sein. Bestmöglich

zu sein. Damit sie ihr Schicksal erfüllen konnte. Damit

sich die Tragödie – die Tragödie, die sich ihr vor vielen

Jahren ereignet hatte – nicht noch einmal wiederholte. Sie hatte

so hart dafür trainiert... so viel aufgegeben... Und was war

daraus geworden? Was nutzte ihr das ganze Training nun, wo

sie über einer weiteren Leiche stand, die sie zu verantworten

hatte. Wo eine weitere arme Sau wegen ihrer übertriebenen

Risikobereitschaft in den Tod gerannt war? Weil er ihr Verhalten

gesehen, und gedacht hatte, er könnte ebenso „mutig“

sein? Ohne die Hintergründe zu kennen? Ohne zu wissen, dass

sie schummelte? Einen Vorteil ausnutzte, den sie eigentlich

gar nicht haben sollte?

Limbus, dachte sie. Es war genau wie auf Limbus III. Sie hatte

damals – unfreiwillig – durch ihr risikobereites Verhalten je-


manden dazu verleitet, ihr in die Gefahr und somit in den Tod

zu folgen, und heute auch wieder. Und sie hörte im Geiste die

alten Vorwürfe, die sie an Sortaks Grab über sich ergehen hatte

lassen müssen. „Du warst für ihn verantwortlich.“, hatte

Sturak gesagt, mit kalten, vorwurfsvollen Augen. „Du warst

die ältere. Ich will dich nie wieder sehen, Shannyn. Nie wieder.“

Und er hatte sie nie wieder gesehen. Würde er auch nicht.

Shannyn schloss die Augen und musste Tränen zurückhalten.

Die Erinnerungen an das, was damals geschehen war, war einfach

zu viel, denn in dieser Nacht wirkten sie wieder genauso

real, wie zu jener Zeit. Sie erlebte den ganzen Horror noch

mal.... vor allem die Schuld.

Womit hatte sie das verdient? Hatte sie in ihrem Leben nicht

genug gelitten? War das die Strafe für die vielen Leben, die

sie genommen hatte? Aber hatte man ihr nicht ebensoviel genommen?

Shannyn atmete tief durch, klärte ihren Geist und

fasste sich.

Nein. Sie hatte das alles erst durchgemacht. Damals war sie

daran zerbrochen. Heute würde das nicht geschehen. Sie öffnete

die Augen und legte das Schwert beiseite. Das Grab war

tief genug. Sie nahm Zanes Körper an Brust und Kragen und

zog ihn in die Mulde... verlor den Halt... griff wieder nach

ihm... zerrte weiter. Warum wollte er sich nicht bewegen?

Hatte sich denn jetzt jeder und alles gegen sie verschworen?

Shannyn keuchte. Die Luft stach in ihren Lungen. Sie war erschöpft

und müde und die Anstrengung forderte ihren Tribut.

Jeder Muskel in ihrem Körper, jede Sehne schmerzte. Sie lies

Zane los und ließ sich einfach fallen, als ihre Beine für einen

kurzen Moment nachgaben. In der letzten Nacht hatte sie die

halbe Tarkon-Festung auseinandergenommen. Einige getötet,

manche verkrüppelt. Und seither kaum Ruhe gehabt. Und jetzt

das hier. Sie war nicht wie Drake. Sie konnte diese Kerle nicht

einfach auseinandernehmen...


...und die Schreie abschalten.

Sie hatte es tun müssen. Hatte es tun müssen. Aber der Klang

brechender Knochen, das Wimmern um Gnade...

Gott.

Sie starrte ihre blutverkrusteten, dreckigen Hände an.

Was war nur aus ihr geworden?

Was war aus dem Kind geworden?

Was hatte die Arroganz aus ihr gemacht?

Rufe hallten durch die Nacht, erwidert von Ok-Meldungen.

Shannyn sah zum Zug rüber. Die Offiziere waren bereit den

Weg fortzusetzen.

Es machte wenig Sinn über die Vergangenheit nachzugrübeln,

beschloss sie. Nur die Gegenwart war für sie von Interesse.

Und die nahe Zukunft, die Zane nun nicht mehr miterleben

konnte. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen und sie würde jetzt

nicht jammern. Shannyn richtete sich auf, den Schmerz in den

Oberschenkelmuskeln ignorierend. Sie zog Zane noch einmal

zurecht, kreuzte seine Arme und begann den Körper dann mit

Erde und Kies zu bedecken. Würden sie ihr auch ein Grab errichten?

Oder würden sie zuvor noch weitere Gräber ausheben

müssen, für andere, die Shannyn mit sich in den Tod riss?

Vielleicht war es ihr ja schon gelungen, Leben zu retten, dachte

sie. Vielleicht würde es ihr weiter gelingen. Aber wenn sie

nicht höllisch aufpasste... wenn sie sich zu stark in den Vordergrund

wagte... würden mehr der Leute sterben, die sie eigentlich

verteidigen wollte.

Der Zug setzte sich in Bewegung.

Shannyn nahm ihr Schwert vom Boden und richtete sich auf.

Sie war fertig und bereit zu gehen. Aber sie blieb noch einen

Moment am Grab stehen und sah auf die Klinge in ihrer Hand

herab, die im Mondlicht funkelte. Mit ihr hatte sie Leben genommen,

ihre Unschuld verloren. Und dadurch den Weg beschritten,

der in einer Sackgasse endete, die sie bereits kannte,

und auf die sie dennoch mit Vollgas zusteuerte. Sie besaß das


Schwert schon so lange und trug es so oft bei sich... man hielt

es für eine Verlängerung ihres Körpers und kannte sie nicht

ohne. Sie war selbst so sehr daran gewöhnt, dass sie oft vergaß,

dass es sich um eine todbringende, primitive und äußerst

brutale Waffe handelte, die ihr irgendwann selbst zum Verhängnis

werden würde.

Was sagte das über sie aus?

Es sagte aus, dass Shannyn gefangen war. Gefangener, als alle

anderen. Sie konnte nicht zu dem zurück, was sie mal war –

bevor sie das Schwert besessen hatte - und sie hatte Angst , zu

was sie noch werden würde, in der kurzen Zeit die ihr

verblieb.

„Nicht, wenn ich es verhindern kann.“, flüsterte sie.

Und Shannyn warf das Schwert fort, mit der Spitze nach unten.

Es fuhr am Kopf von Zanes Grab in den Boden und blieb

vibrierend stecken. Shannyn schloss sich dem Zug an und sah

nie wieder zurück.


Tiefer in die Berge

Der Container-Gespann war wieder in Bewegung. Fünfzehn

Minuten nachdem D’Agosta die Anweisung gegeben hatte,

zogen sie im Gänsemarsch erneut auf den Pfad ein, folgten

dem tuckernden Raupenfahrzeug an der Spitze des Gespanns

und ließen die Lichtung hinter sich. Dort hatten sie auf dem

Präsentierteller für die angreifenden Tarkon gesessen. Aber

auch dazu hatten einige etwas zu sagen: „Besser auf dem Präsentierteller,

als im Nirgendwo verhungern.“

Dennoch waren die Proteste erstaunlich leise. Als sie an Zanes

Grab vorbeikamen, schwiegen die Leute komplett. D’Agosta

wollte nicht einmal hinsehen. Er hielt den Blick möglichst gerade,

legte den Arm um Judy, die neben ihm hertrottete, und

beobachtete, wie sich Shannyn weiter vorn dem Zug wieder

anschloss. Irgendwas war anders. Ihre Bewegungen... irgendwas

hatte sich verändert. Er machte sich Sorgen.

Dann bemerkte er es aus den Augenwinkeln. Ein Funkeln.

Von links. D’Agosta drehte den Kopf Richtung Grab und runzelte

die Stirn. Das einfallende Licht des Mondes wurde von

einer vibrierenden Klinge reflektiert, von einer Schwertklinge.

Es schnürte ihm die Kehle zu, als er begriff, dass es sich um

Shannyns Schwert handelte, das da als Grabeskreuz in der Erde

steckte.

Sie hat es zurückgelassen!

Mit großen Augen suchte er in der Gruppe erneut nach Shannyn.

Sie nahm gerade eine schwere Kiste entgegen, um sich

nützlich zu machen. Der Rucksack baumelte wie immer auf

ihrer Rückseite.

Aber die Scheide... Die Scheide an ihrer Hüfte war leer. Sie

hatte es absichtlich zurückgelassen.


Oh Gott.

Sie hat aufgegeben, dachte D’Agosta. Sie hat aufgegeben! Das

versetzte ihm einen gehörigen Schrecken.

Er zog Judy dichter an sich heran, um mit seinem Körper als

Barriere zwischen ihr und dem Grab zu fungieren, damit sie

das Schwert nicht sehen konnte.

Er versuchte nicht noch einmal hinzusehen, um keine Aufmerksamkeit

zu erwecken. Seine Kehle war plötzlich wie zugeschnürt

und kratzte.

Wieder fühlte er die Hilflosigkeit und Panik, die er schon fast

abgelegt zu haben glaubte.

Shannyn hatte ihr Schwert zurückgelassen.

D’Agosta konnte es nicht glauben... wollte es nicht glauben.

Nun musste er Kraft aufbringen... weitermachen, weiterbefehlen.

Anweisungen geben. Die Gruppe zusammenhalten. Den

Tarkon einen Schritt voraussein. Also fasste er sich wieder.

D’Agosta suchte die Köpfe nach Penkala ab. Der Ausrüstungsoffizier

marschierte ei paar Meter hinter ihnen. D’Agosta

hob die Hand und schnipste ihn herbei. Als sie die Lichtung

komplett hinter sich ließen, drehte er sich ein letztes Mal zu

dem Schwert im Boden um, bis ihn die Felslandschaft wiederhatte,

und die Sicht versperrte.

So zogen sie weiter in die Berge hinauf. Minuten vergingen.

Zehn... zwanzig... dreißig... und D’Agosta war sich qualvoll

ihrer Verwundbarkeit bewusst: eine einzelne Reihe von erschöpften

Menschen, die sich weit jenseits ihrer Belastungsgrenze

befanden. Die am leichtesten erlegbare Beute.

Er bemerkte, wie hier und dort Feuerkraut aus den Hängen näher

an sie heranrückte und der Pfad immer schmaler und steiler

wurde. Er konnte sich nicht erinnern, je auf so einem

schlechten Untergrund gelaufen zu sein. Ständig rutschten ihm


die Schuhe weg, Kies und Gestein bröckelte überall ab. Es

musste am Säureregen liegen.

Jetzt waren sie von dichten Farnen und Feuerkrautbüschen

umgeben. Möglicherweise lauerten darin irgendwelche Tiere,

nur wenige Meter von ihnen entfernt im Blattwerk versteckt.

D’Agosta hatte vorhin huschende Gestalten an den Berghängen

weit oben gesehen.

Gredor, hatte Ramina gesagt. Sie würden sie schon seit einer

Weile heimlich verfolgen. Keiner wusste, was sie vorhatten.

D’Agosta schüttelte den Kopf. Sie würden es wohl erst merken,

wenn es zu spät war. Er glaubte, dass sie das Schlimmste

hinter sich hätten, wenn es gelang, die Kuppe hinter sich zu

lassen und in das dahinterliegende Tal einzurücken – sofern es

dahinter ein Tal gab. Es spielte keine Rolle. Je tiefer sie in die

Berge vordrangen, desto schlechter konnten die Tarkon sie

finden. Noch ein, zwei Stunden dem Weg folgen und sie wären

außer Gefahr, dann würde sie selbst das Artilleriefeuer

nicht mehr erreichen. Er sah zum Himmel hinauf. Der Horizont

war jetzt dunkelblau, statt schwarz.

Warum quälte sie dieser Mond?

Dann hörten sie das Keuchen. Es schien aus allen Richtungen

zu kommen. Er sah, wie sich vor ihnen das Blattwerk bewegte,

als wehte Wind hindurch. Aber es wehte kein Wind. Das Tarkon-Fahrzeug

hielt ruckelnd an. Der ganze Caravan kam zum

Stehen.

D’Agosta nahm Judy bei der Hand und eilte zu Gordon nach

vorne. Die Leute tuschelten. Er hörte, wie die Sicherungshebel

der verbliebenen Waffen umgelegt wurden. Das Keuchen

wurde lauter.

Gordon sah aus dem Fenster. Direkt vor ihnen gabelte sich der

Weg. Die Fortsetzung des Pfades führte in eine enge Schlucht,

mit dicht bewachsenen Bergwänden: eine Stelle, wie geschaffen

für einen Hinterhalt. Dafür war der Boden eben, die Steigung

leicht zu schaffen. Ein Kinderspiel für die Maschinen.


Der andere Weg führte sie praktisch vom Kurs ab. Sie konnten

ihn nicht weit einsehen, aber schon das kleine Teilstück, dass

sich ihnen offenbarte, machte ihm Angst. Überall Steine, Hügel,

starke Gefälle und Steigungen. Die Container würden ordentlich

durchgeschüttelt – wenn sie überhaupt hineinpassten.

Er fragte: „Was machen wir?“

D’Agosta beobachtete die Bewegung im Blattwerk und horchte

auf das Keuchen. Er konnte nur schätzen, wie viele Tiere

sich dort in den Feuerkrautbüschen versteckt hielten – wenn es

Tiere waren. Zwanzig? Dreißig? Auf jeden Fall zu viele.

Gordon wies den Pfad hinauf. „Da hoch?“

D’Agosta antwortete lange nicht. Schließlich sagte er: „Nein,

nicht da hoch.“

„Wohin dann? In diesen Schotterweg?“

„Ja.“

„Das ist mir nicht geheuer. Kann nicht garantieren, dass wir da

durchkommen. Und selbst wenn - wir wissen nicht mal, wohin

der Weg führt.“

„Wir werden es herausfinden.“, sagte D’Agosta kurzerhand.

„Wir biegen ab.“

Gordon warf Jerry auf dem Beifahrersitz einen bedeutungsschwangeren

Blick zu und brummte mürrisch. Trotzdem legte

er den Gang ein und fuhr an. Als sie ruckelnd von dem Pfad

abwichen, dem sie in den letzten Stunden gefolgt waren, und

auf einen unbekannten Weg mit unsicherem Ausgang einbogen,

wurde das Keuchen leiser und die Bewegungen im Blattwerk

hörten auf. Als D’Agosta ein letztes Mal über die Schulter

zurücksah, wirkte die Schlucht wie ein gewöhnlicher

Durchgang in den Bergen, der nichts bedrohliches hatte.

Der Untergrund wurde mit der Zeit uneben und schwierig zu

meistern. Die Steigung zog rasch an. Ramina kam den Weg


hochgejoggt, vorbei an stöhnenden Offizieren, und den summenden

Containern, bis sie einen bestimmten erreichte – den

dritten von vorn. Die Seitentür stand bereits offen, also

brauchte sie nur aufzuspringen. Als sie durch die schwach beleuchteten

Lagergestelle nach vorn kletterte, sah sie Penkala.

De’ja’vu.

Einen Moment lang stutzte sie, fragte sich, was er hier machte,

wo sie sich doch draußen aufhalten sollten, um Die Anti-

Gravitations-Generatoren nicht noch mehr zu belasten, als nötig.

Aber dann sah sie, wie er gerade eine flache, lange Kiste in ein

Regal schob, und anschließend die Tricorder einer nach dem

anderen überprüfte - Er tat also ausnahmsweise mal was sinnvolles

und ging seiner Arbeit als Ausrüstungsoffizier nach.

Oder er war einfach faul und wollte nicht mehr laufen.

„Die hatte ich kürzlich schon in der Hand.“, sagte Ramina und

deutete auf die Tricorder, die er sich gerade vornahm. „Die

klappen nicht.“

Er sah sie nicht mal an, als er den nächsten ausprobierte, und

erwiderte: „Klappen schon, haben nur keine Energie.“ Sein

Tonfall war distanziert, unbewegt. Sie wusste, was das bedeutete.

Er noch sauer wegen dem, was sich auf der Lichtung mit

dem Tarkon abgespielt hatte, und wollte sie mit seiner Missachtung

strafen, wie ein kleines Kind. Sie rollte die Augen.

Sollte er doch. Es war ihr egal.

Sie deutete mit dem Kinn Richtung Nahrungskiste. Darin horteten

sie die letzten Notrationen. „Gibt’s noch was zu essen?“

Penkala blickte sie einige Sekunden lang einfach nur an. Er

schien sich eine schnippische Antwort zurechtzulegen, ließ es

dann aber bleiben. „Ich glaub, ja.“

Ramina trat an ihm vorbei und auf die Kiste zu. Er legte den

Tricorder weg und trottete ihr hinterher. „Das war... übrigens

nicht schlecht vorhin.“

„Vorhin?“


„Bei dem Angriff. Ich hab gesehen, wie sie die Granate abgewehrt

haben.“

Ach, das meinte er. Die Leute sprachen sie schon die ganze

Zeit darauf an. Es ging ihr langsam auf die Nerven. Sie hob

den Deckel und kramte zwischen den wenigen verbliebenen

Rationstüten herum. „Wenn man auf einer Planke durchs Meer

treibt“, sagte sie „hungernd und durstig, ist es besser einfach

ins Wasser zu springen und sich mit den Haien anzulegen.

Vielleicht stirbt man, aber wenigstens stirbt man kämpfend.

Und wenn man gewinnt, hat man einen Hai, den man essen

kann.“ Sie kramte weiter herum, fand ein paar vakuumverpackte

Nudeln. Gut genug. Penkala hielt ihr eine Wasserflasche

hin. Viele hatten sie nicht mehr.

Ramina nahm sie entgegen und wollte wieder zum Ausgang.

Kein Bitte, kein Danke.

Penkala schnaubte. Was hatte er auch erwartet? „Und ich

dachte immer Menschen seien soziale Wesen.“

„Sind sie nicht.“ Ramina blieb an der Tür stehen und sah ihn

an. „Wir sind Einzelgänger von Natur aus. Wir bleiben nur zusammen,

weil es die Überlebenschancen erhöht. Und Manchmal...

da reicht selbst das nicht. Dann kann man nur noch hoffen,

dass es einem egal ist. Glauben sie mir, wenn es drauf ankommt...

schaut jeder nur nach sich selbst.“ Und damit verschwand

sie aus der Tür.

Penkala sah ihr lange nach. Er fragte sich allmählich, ob sie

einen Todeswunsch hatte. Versuchte Ramina tatsächlich einfach

ihr Leben zu beenden und nahm diese offensichtliche

Gleichgültigkeit, was mit ihr geschah, als Vorwand, um dieses

Ziel zu erreichen? Vielleicht nicht. Nein, Penkala glaubte

nicht wirklich daran. Der Gedanke hatte sie vielleicht einmal

getrieben, aber inzwischen nicht mehr. War es die Rache, die

sie antrieb? Die Wut auf die Tarkon, für die Ermordung von

Lieutenant Spiers, zu dem sie eine tiefe Bindung gehabt hatte?

Seit sie von seinem Tod erfahren hatte, war sie kalt. Abwei-


send. Gleichgültig. Sie hielt Abstand zu allem und jedem, ihr

schien alles egal zu sein. Und allmählich dämmerte ihm auch

warum: Ramina kannte sich selbst nicht mehr. Wer sie war,

woher sie kam... wofür sie lebte.

Sie hatte keinen Grund zu sterben. Sie hatte aber auch keinen

Grund zu leben. Ohne Spiers wusste sie nichts mit sich anzufangen.

Sie suchte dieselben Antworten, die alle suchten. Und

war dabei verlorener, als jeder andere.


Hallie

Hallie atmete schwer. Sie ging – beziehungsweise humpelte -

ganz hinten im Zug und hatte große Mühe mit den anderen

mitzuhalten. Ihr Bein tat schrecklich weh, sie konnte kaum

auftreten. Bei jedem Schritt zuckte ein unglaublich stechender

Schmerz ihre linke Seite hoch und ließ sie fast Sterne sehen.

Sie kam sich schrecklich vor, wie eine Last, auch wenn es Unsinn

war.

Roe kam immer wieder nach ihr sehen. Er hatte Angst, dass

sie einfach umkippte, und versuchte sie zu überreden, doch

bitte mit ins Lazarett zu kommen, wo sie sich ausruhen konnte.

Das würde den Anti-Grav-Einheiten nichts ausmachen,

versicherte er. Dafür sei das Lazarett doch da. Aber Hallie

blockte jedes Mal ab. Sie biss die Zähne zusammen, log, dass

es ihr gut ginge, versicherte, dass sie durchhielt. Keiner von

beiden glaubte ihren Worten. Roe sah sie dann immer nur an,

führte eine Routineuntersuchung durch und kam eine halbe

Stunde später wieder, um das Spiel von vorne zu beginnen.

Aber Hallie wollte nicht in diesen klobigen Kasten von Lazarett,

wollte nicht zwischen Kranken und Halbtoten sitzen. Das

wäre für sie die schreckliche Bestätigung dafür gewesen, dass

es ihr wirklich nicht gut ging, dass sie nun ein unnützer Krüppel

sei. Dafür war sie viel zu stolz...

...und viel zu ängstlich.

Solange sie noch marschierte, konnte sie sich wenigstens einreden,

dass alles wieder gut würde, auch wenn sie genau wusste,

dass es schlimm um ihr Bein stand. Vielleicht würde sie es

verlieren, genau wie Garnere.

Hallie verdrängte den Gedanken schnell, er war einfach zu

schrecklich. Sie wollte sich damit nicht auseinandersetzen,


wollte es nicht wahrhaben.

Also kämpfte sie weiter, schleppte sich verbissen den Pfad

entlang, immer weiter und weiter, begrüßte irgendwann sogar

den Schmerz. Solange das Bein wehtat, so dachte sie sich, war

es schließlich noch da.

Außerdem wusste sie, dass es ein großes Missverständnis über

Schmerz gab. Das wussten alle Mitglieder ihres Volkes. Man

brachte den meisten Leuten bei, Schmerz zu fürchten, zu vermeiden.

Aber Schmerz war ein vitaler Bestandteil des Lebens.

Es war schlicht eine Erinnerung ihres Körpers, dass dort eine

Welt hinter ihren Zellen lag. Eine lebendige Welt, eine, aus

der sie Kraft schöpfen konnte. Sie waren alle subatomare Wesen,

verbunden mit dem, was sie umgab. Alles im Leben war

verbunden, erinnerte sich Hallie. Daran hatte sie immer geglaubt.

Daran glaubte sie auch jetzt. Leider...

...änderte diese Verbundenheit nichts daran, dass sie sich

fürchterlich allein fühlte.

Sie war schon wieder zurückgefallen. Der Weg war hier wieder

etwas flacher, die anderen kamen gut voran. Das Tempo

des Container-Gespanns beschleunigte geringfügig. Wirklich

nur geringfügig. Aber es genügte, um beinahe den Anschluss

zu verlieren. Sie kamen zu einer Biegung.

Die anderen verschwanden dahinter. Hallie konnte sie nicht

mehr sehen. Sie versuchte schneller zu humpeln, aber es ging

nicht. Sie stolperte, stürzte beinahe. Es ging nicht. Es ging einfach

nicht schneller. Sie wollte optimistisch bleiben, aber je

länger sie braucht, um die Biegung zu schaffen, desto mehr

Sorgen schoben sich in ihren Fokus.

Sie hatte schreckliche Angst davor zurückzubleiben, alleine

gelassen zu werden. Vielleicht geschah etwas, und sie mussten

laufen. Während den Bombardierungen waren alle um ihr Leben

gerannt – Hallie jedoch war kaum vom Fleck gekommen.

Sie würden sie einfach zurücklassen, und dann war sie allein,

ganz allein auf diesem verdammten Mond, und sie würde ein


grausames Ende finden.

Irgendwo raschelte es.

Die Tiere, dachte sie.

Hallie war den Tränen nahe. Sie ließ den Kopf sinken und

schluchzte. Sie würde hier sterben.

„He, Maus, alles klar?“

Es waren Dorian und Roe. Sie kamen um die Biegung geeilt.

Sie hatten ganz offensichtlich nach ihr gesucht. Die halbe

Stunde, dachte Hallie. Die halbe Stunde war rum. Roe hatte

sie nicht vergessen.

Sie schluchzte noch immer. „Geht ohne mich. Ich bin nur eine

Last.“

„Hättest du wohl gerne.“, sagte Dorian. Die beiden Männer

flankierten sie, legten sich Hallies Arme um die Schultern und

setzten sich mit ihr in Bewegung.

„Ihr seid doch müde...“

Nun war es Roe, der sprach. „Hören sie auf sich zu beschweren,

Hallie. Das hier ist ok, wirklich. Geteiltes Leid ist halbes

Leid.“

Hallie nickte und schluchzte nur noch einmal. Sie war dankbar.

Zu dritt brachten sie die Biegung hinter sich und holten

den Zug langsam wieder ein – irgendwann hielt er sogar ganz.

Vielleicht warteten die anderen. Hallie betrachtete eine Weile

die langsam ziehenden Wolken. Der Himmel war noch immer

dunkelblau. Alles wirkte so friedlich. Die Ereignisse des Absturzes

schienen Monate, ja Jahr zurückzuliegen. Sie blickte

an sich herab, zu dem Bein, dass sie sich beim Absturz verletzt

hatte. Sie fühlte sich gebrandmarkt. Eine gebrandmarkte Frau.

Sie fragte sich, wo die Shenandoah war. Ob man sie je finden

würde. Sie wünschte wirklich, D’Agosta würde etwa sagen.

Dass irgendwer eine Rede hielt.

Dann sah sie Roe und anschließend Dorian an. „Danke ihr

beiden.“

„Stets zu Diensten.“


Roe nickte nur. Er begegnete kurz ihrem Blick.

„Termitensani.“, sagte sie.

Das entlockte dem sonst so reservierten Roe ein Lächeln. Hallie

lächelte ebenfalls.

„G’landr, huh?“

Sie saßen zu dritt in der kleinen Gefängniszelle. Die Luft war

schlecht, die Wände dreckig. Es war ein biederer Ort. Zwei teilten

sich die alte Pritsche, aus der fleckigen Matratze hingen

Sprungfedern heraus. Der eine starrte auf die Zigarette in seiner

Hand. Der Boden war voller Stummel und Asche. Der andere

sah nur zum Fenster und war kurz vorm Einschlafen. Die letzten

Sonnenstrahlen des Tages drangen durch die Eisenstäbe und

tauchten den Raum in ein surreales orange-rot. Der dritte Mann

saß mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden und sah durch

das Gittertor gleichgültig zu Roe hoch. Sein Haar war lang und

ungewaschen, die Nase auf markante Art krumm. Die drei erweckten

eher den Eindruck, auf das nächste Transportschiff zu

warten, als in einer Todeszelle zu sitzen. In ihrem Gebaren zeigte

sich nicht einmal ein Hauch von Reue. Für sie war alles einfach,

alles ein Spiel.

„Ja.“, entgegnete Roe. Er kniete sich vor der Zelle hin, damit er

seinem Gegenüber in die Augen sehen konnte. „So lautet der

Name des Xenexianers, den ihr umgebracht habt.“

„Herzzerreißend.“

Roe spitzte die Lippen und starrte den Mann einen Moment

lang an. Wie er da saß, lässig, mit einem fast hämischem Grinsen

im Gesicht und sich für einen ganz wilden hielt und dabei

nur ein Klischee bediente, dass sich sooft im Universum zeigte,

dass es auf unangenehme Art und Weise Teil der realen Welt

war. „Wir haben die Geschichte mithilfe verschiedener Zeugenaussagen

rekonstruiert. Ihr seid Räuber, nicht wahr? Ganz ge-


wöhnliche Diebe, die sich schon seit Monaten in den Bergen

verstecken und von dort aus die Städtischen Ein- und Ausfuhren

überfallen.“

Der Mann zuckte nur mit den Schultern.

Roe sprach weiter. „Ihr habt es auch letzte Woche versucht,

nicht wahr? Habt euch bereit gemacht, auf den Nahrungstransporter

gewartet und losgeschlagen. Aber der war zäher als ihr

dachtet und gab Gas. Ihr wolltet euch diese Beute nicht entgehen

lassen, habt auf Revo-Tieren die Verfolgung aufgenommen...

und den Transporter bis zu G’landrs Farm verfolgt.... Er

hat sich euch in den Weg gestellt.... Und ihr habt ihn kaltblütig

erschossen.“

„Nicht kaltblütig.“, sagte einer der Männer. Es war der mit der

Zigarre. Er nahm einen gierigen Zug und sah zu Roe herüber.

„Es kam zu einem Handgemenge. G’landr war brutal, er wollte

keine halben Sachen machen. Es... ist alles schnell gegangen. Er

hätte sich nur ergeben müssen. Wir wollten nichts von ihm. Wir

wollten nur den Transporter.“

Der Mann auf dem Boden schnaubte. „Wen kümmert’s schon?

Er ist tot. Selbst schuld.“

„Mich kümmert’s.“

„Warum, U’j’i’n? Weil er dein Bruder war? Oder weil du

denkst, er sei letztendlich doch noch ein Held gewesen? Er

war’s nicht.“

Roe starrte ihn an und zog die Stirn kraus. „Ihr wisst, wer ich

bin?“

Erneut das Schnauben. „Wir kennen jeden in der Stadt, U’j’i’n.

Das müssen wir. Um unsere Überfälle planen zu können. Wir

kennen die Gewohnheiten von jedem... die Hobbys... den Tagesablauf.

Wir kennen euch besser, als ihr euch kennt.“ Er verschränkte

die Hände hinter dem Kopf. Eine lässige Geste.

„Nach xenexianischem Recht entscheiden die Familienmitglieder

eines Opfers über Urteil und Strafe der Täter. Aber du

magst diese Welt nicht, U’j’i’n. Du magst Xenex nicht. Unsere


Traditionen. Du bist Sternenflotten-Offizier. Und dort gibt es

keine Todesstrafe. Das weiß jeder.“

Und Roe verstand. Deswegen die Entspanntheit. Sie rechneten

damit, dass er sie mit einer milden Strafe verschonte, wie es die

Föderation meistens tat. Als Arzt... war er beinahe dazu verpflichtet.

Schade keinem Leben. Auch das wussten sie. Sie

schienen überhaupt alles zu wissen. Und das versetzte ihn mehr

in Rage als alles andere. „Ich habe nicht vor, euch nach Föderations-Gesetzt

zu behandeln. Ich bin xenexianer – ganz gleich,

was ich von meiner Heimat halten mag – halten mochte, in der

Vergangenheit. Und an diesem Tag finde ich die Riten weit weniger

bestialisch und primitiv, als üblich.“ Er erhob sich mit

finsterer Mine. „Ich werde dafür sorgen, dass ihr gesteinigt

werdet. Draußen. Im Sand. Auf G’landrs Farm.“

„Was?!“, sie sprangen fast gleichzeitig auf, waren mit einem

Mal an den Gitterstäben. „Das kannst du nicht tun! Das ist gegen

die-“

„Ihr habt keine Ahnung... wer ich bin.“

Und damit drehte er sich auf dem Absatz herum und verließ das

Gefängnis. Die verzweifelten Rufe der Männer erstickten, als er

die Tür hinter sich zuschlug.


Stillstand

Gordon streckte die Hand aus und aktivierte den Motor. Er

stotterte und erstarb mit einem letzten Keuchen. Gordon aktivierte

ihn erneut, er erstarb. Erst bei dem vierten Versuch

sprang er an. Gordon legte den Gang ein und trat sanft aufs

Gaspedal. Die Raupen drehten durch. Er schaltete höher und

plötzlich ruckte das Tarkonfahrzeug merkbar los. Aber es half

nicht, um über die vor ihnen liegende Steigung zu kommen.

Gordon schüttelte den Kopf.

Sie mussten dort einfach hoch.

Wenn es die Zugmaschine nicht schaffte, konnten sie die Container

vergessen. Er trat das Gaspedal weiter durch, die Raupen

kreischten, aber noch immer kam er kein Stück vorwärts.

Als er das Pedal bis zum Anschlag durchtrat, sah er, dass die

Anzeigen am Armaturenbrett wild ausschlugen und er hörte

ein Knistern, das nur eines bedeuten konnte – Kurzschluss.

Vom Motor hinter sich gab es eine Explosion, beißender

Rauch quoll in den Fahrerraum und die Räder blieben stehen.

Eine Sirene schrillte in regelmäßigen Abständen los und synchron

dazu flammten die Scheinwerfer auf.

Gordon saß im Fahrzeug und wedelte mit der Hand vor dem

Gesicht. Er aktivierte den Motor. Nichts passierte.

Abgestorben. Gordon lehnte sich zurück, seufzte, starrte auf

den steilen Weg vor ihnen hinaus und versuchte herauszufinden,

wo sie sich befanden. In der vergangenen Stunde hatten

sie eine ordentliche Strecke hinter sich gebracht und bis zu

dieser Weggabelung war alles glatt gelaufen – die Antigraveinheiten

hielten stand, die Energie der Arbeiterbienen reichte

noch aus. Und nun drohten sie an dieser kleinen Hürde zu


scheitern, weil der Weg zu uneben war. Er schätzte, dass sie

noch mehr als vier Kilometer vom Berggipfel entfernt waren,

vielleicht nur noch zwei. Zu weit, es ohne das Tarkonfahrzeug

zu schaffen. Er seufzte erneut und schlug mit der Faust auf

den Sitz.

D’Agosta, der mit Jerry neben dem Fahrzeug stand und überprüft

hatte, ob die Raupen es den Felsvorsprung hoch schafften,

sah nun durch die offenstehende Tür zu Gordon. Er musste

die Stimme heben, um die Sirene zu übertönen. „Schaffen

sie´s nicht?“

„Nein, das Fahrzeug ist abgestorben. Wir haben einen Kurzschluss.“

„Schon wieder?“

„Sind nicht sonderlich stabil, die Dinger.“, ächtzte Gordon und

kletterte aus dem Fahrzeug hinaus. Ein Stück weit hinter ihnen

hatte der Zug angehalten. Einige Crewmitglieder versuchten

zu schlafen, waren durch den Lärm aber sicher aufgeweckt

worden. Andere sahen zu ihnen und beobachteten die Fortschritte

mit mäßiger Zuversicht. Fast alle schwiegen, oder

flüsterten leise.

Sie hatten das Fahrzeug von den Containern abgekoppelt, in

der Hoffnung ohne die Last der Container würden sie es die

Steigung hoch schaffen. „Zumindest nicht im Elektrobetrieb.“,

sagte Gordon.

„Kriegen sie es wieder hin?“

„Selbst wenn, das wird unser Problem nicht lösen.“ Er kratzte

sich am Kinn, lies das Fahrzeug hinter sich und ging zurück zu

Shannyn, die mit Ramina abseits stand und zu den Hügeln

hochblickte. Der Himmel war noch immer dunkel, die Nacht

wollte einfach nicht enden.

„Wie lange, bis es hell wird?“, fragte er Shannyn.

„Vielleicht noch eine Stunde.“

Gordon fing an auf und ab zu gehen. „Eine Stunde... das frisst

Unmengen an Energie. Wir können doch nicht einfach hier he-


umstehen, und drauf hoffen, dass die Sonne rechtzeitig rauskommt,

um die Energiezellen aufzuladen. Bis dahin sind die

Antigraveinheiten erschöpft und wir können die Sache vergessen.

Wenn die einmal ausfallen... das Energiesystem ist so instabil,

ich weiß nicht ob ich’s wieder einfach so hochfahren

kann. Vielleicht bekomme ich das System nie wieder ans Laufen.

Wir müssen Treibstoff besorgen.“, sagte er. „Wenn wir

Treibstoff hätten, könnten wir auf den sehr viel stärkeren

Verbrennungsmotor des Fahrzeug umschalten. Bin sicher der

schafft es problemlos hoch. Der Elektorantrieb ist zu schwach,

der wurde wohl nur als Notlösung eingebaut.“

„Aber wir haben keinen Treibstoff.“, sagte D’Agosta.

„Irgendwo muss doch welches sein.“ Er ging weiter auf und

ab. „Sie haben das Fahrzeug durchsucht...“

„Ja, da war nichts drin.“, nickte Shannyn.

„Wo könnte sonst was sein? Was ist mit der Ausrüstung? Haben

sie bei den Tarkon vielleicht Benzin aufgegabelt?“

D’Agosta schüttelte den Kopf. „Da war nichts. Wirklich

nichts.“

Judy fragte: „Können wir dieses... Benzin... denn nicht selbst

machen?“

„Ohne Replikationssystem?“ Gordon schnaubte. „Niemals.

Dazu bräuchten wir Erdöl.“

„Und... können wir das nicht machen?“

„Wir nicht, nein. Aber der Mond, nehme ich an. Vorausgesetzt

er trägt schon seit einer Weile Leben.“ Gordon erklärte, dass

es sich bei Erdöl um Überreste von Tieren und Pflanzen handelte.

Organische Rückstände, die sich durch Druck, Hitze und

chemische Prozesse im Erdinneren in Kohle, Erdöl und Erdgas

verwandeln. Der Prozess konnte Millionen von Jahren veranschlagen,

so Gordon.

„Und so viel Zeit haben wir gewiss nicht.“, fügte D’Agosta

hinzu.

„Wäre sowieso lächerlich. Wir müssten erst ein Erdölvor-


kommen finden, anbohren, zu Treibstoff umwandeln... nein, es

ist sogar lächerlich, das in Betracht zu ziehen.“

Sie hatten ja nicht mal vernünftig funktionierende Tricorder.

Das Boronit-Erz, das den ganzen Boden durchzog, störte ihre

Anzeigen.

Jerry, der zum vor ihnen liegenden Weg gesehen hatte, sagte

leise: „Aufgepasst. Wir kriegen Besuch.“

Im dunklen Licht des Nachthimmels kamen sie aus einem felsigen

Pfad und gingen direkt auf das Tarkonfahrzeug zu. Es

waren insgesamt sechs Tiere. Shannyn erkannte sie wieder.

Nur das diese hier um einiges größer waren als die Tiere, denen

sie in der Ebene begegnete. Viel größer sogar. Selbst die

Kuppelköpfe machten einen gefährlicheren Eindruck, der noch

von den feuerroten Hautschuppen unterstrichen wurde.

„Bergböcke.“, sagte Shannyn. „Athol sagte, sie seien überall

in den Bergen vorzufinden. Aber die hier sind größer.“

D’Agosta trat einen Schritt zurück, als eines der Tiere von

dem Fahrzeug zu ihnen herübersah und dann wieder zurück

zum Fahrzeug. Es schnaufte wütend. „Was... was haben die

vor?“

Die Tiere brüllten das hupende und blinkende Tarkonfahrzeug

an. Sie zögerten, näherten sich immer wieder und sprangen

schnell wieder zurück. Der Lärm und das Licht schien sie sehr

zu verstören.

„Sie verteidigen ihr Territorium vor einem lauten Eindringling.“,

wusste Shannyn.

Sie knurrten und schnaubten. Und dann begannen sie mit dem

Schädel voraus das Fahrzeug zu rammen und zu zertrümmern.

Eines riss die Tür ab. Zwei andere stießen gleichzeitig gegen

die Seite, sodass das schwere Fahrzeug hin und herschwankte.

„Was machen die denn da? Was soll denn das?“, fragte Gor-


don aufgeregt.

„Wir müssen das Licht ausschalten.“ Shannyn wollte gerade

auf die Tiere zugehen, als Allan sie an der Schulter packte und

zurückhielt. Als sie sich zu ihm drehte, schüttelte er den Kopf

und sagte leise: „Das schaffen selbst sie nicht.“

Es war auch bereits zu spät. Sie sahen zu, wie die Tiere alle

zusammen und gleichzeitig gegen das Fahrzeug stießen und es

umkippten. Das Fahrzeug landete auf der Seite. Blitzschnell

umrundeten zwei der Tiere den Feind und rammten ihn von

der anderen Seite. Mit ihren rammbockartigen Köpfen drückten

sie das Fahrzeug zusammen. Die Bewegungen der Tiere

waren hektisch, fast wie Raserei.

Shannyn seufzte.

Als sie die Scheinwerfer zertrümmerten, wurde es dunkel.

Dann, als die Front erneut gerammt wurde, verabschiedete

sich auch die Hupe mit einem schrillen Quieken. Auf einmal

war die Nacht wieder still. Damit wurden die Bergböcke ruhiger

und langsamer. Sie stießen noch einige Male gegen das

Fahrzeug und liefen dann noch einige Augenblicke hin und

her, als wüssten sie nicht so recht, ob es noch mehr zu tun gab.

Sie sahen zu den Containern und den Sternenflottenoffizieren,

prüften ob auch diese Eindringlinge zu bekämpfen waren, aber

die Lichter waren beim Eintreffen der Tiere alle deaktiviert

worden. Niemand sagte etwas.

Die Tiere schnaubten und zogen dann krächzend davon. Zurück

ließen sie ein zerbeultes, zerschmettertes Fahrzeug.

„Ich glaube, Benzin ist jetzt kein Problem mehr.“, sagte Gordon.

Kopfschüttelnd starrte Gordon das Wrack des Tarkonfahrzeugs

an. „Die Dinger waren doch dazu gebaut Tunnel zu graben,

nicht?“, sagte er. „Die müssten doch eigentlich stabil ge-


nug sein. Aber das hier... Meine Güte. Sieht aus, als wärs in

ner Müllpresse gewesen. Für diese Art von Belastung war es

offenbar nicht gebaut.“

D’Agosta schnaubte. „Die Techniker der Tarkon haben wohl

kaum erwartet, dass vierbeinige Rammböcke drauftreten.“

„Wissen sie.“, sagte Gordon. „Es würde mich interessieren,

wie unser Jeep so was überstanden hätte.“

„Weil er verstärkt war?“

„Richtig. Die Seitenverstrebungen sind für Belastungen gebaut.

Für enorme Belastungen meine ich.“

Ramina sagte: „Spielt keine Rolle. Nechayev hat den Wagen,

nicht wir. Und wir haben keine Ahnung, wo sie sich aufhält.“

D’Agosta, der vor dem Wrack in der Hocke saß, sah zu Gordon

auf. „Was machen wir jetzt?“

Der Techniker hob und senkte die Schultern. „Ich weiß es

nicht. Ich weiß es einfach nicht. Ich... Wie sollen wir den Zug

schon ohne Zugmaschine voranbringen? Der Jeep ist weg, die

Arbeiterbienen zerstört, und das Raupenfahrzeug im Eimer.

Vielleicht, wenn alle Mann mithelfen und schieben.... Ich weiß

nicht. Ich weiß es einfach nicht.“ Er schüttelte den Kopf,

machte eine hilflose Geste und ging zurück zu seinen Ingenieuren,

um sich zu beraten.

Shannyn und D’Agosta tauschten vielsagende Blicke. Dann

ging auch sie wortlos und ließ ihn allein. Das Fehlen des

Schwertes an ihrer Hüfte fiel unangenehm auf.

D’Agosta blieb noch einen Moment in der Hocke und verzog

das Gesicht. Sie saßen auf dem Präsentierteller, wenn sie sich

nicht bewegten. Der Himmel hellte sich quälend langsam auf.

Es würdesicher noch mindestens eine Stunde dauern.

Noch eine Stunde.

D’Agosta wollte nicht warten.


„Wir räumen alles aus, nehmen mit, was wir können und dann

verschwinden wir.“

Gordon fühlte sich elend. Er wollte die Ausrüstung nicht zurücklassen.

Wollte nicht akzeptieren, dass es keine andere

Möglichkeit gab. Das behagte ihm nicht. Ganz und gar nicht.

Es gab immer eine Möglichkeit. Immer eine Lösung. Er musste

sie nur finden. Aber im Moment... waren ihm die Ideen ausgegangen,

so ungern er es auch zugab. „Was ist mit den Verletzten?“

„Nehmen wir mit. Bauen sie Tragen oder so was.“

„Was ist, wenn es regnet?“, fragte er. „Dann können wir uns

nirgends unterstellen. Ihnen ist doch klar, dass wir unmöglich

die verbliebene Ausrüstung tragen können, oder? Wir müssten

eine Menge Zeugs zurücklassen, dass sich vielleicht noch als

nützlich erweisen könnte. Allein unsere Notbake ist so schwer

und klobig...“

D’Agosta verstand seine Sorgen, aber er hatte den Entschluss

schon gefasst. Sanft, aber bestimmt, legte er dem Ingenieur eine

Hand auf die Schulter. „Gordon. Sagen sie ihren Leuten sie

sollen packen. Wir lassen den Container-Gespann zurück.“


Athol

Athol hustete. Die Augen hinter den geschlossenen Lidern

zuckten unruhig. Er streckte Arme und Beine durch, dann

wurde sein Körper wieder schlaff, nur um die Prozedur Sekunden

später erneut zu wiederholen. So ging das nun schon

eine ganze Weile. Er zuckte, murmelte etwas. Manchmal

schrie er sogar.

Lemaire machte sich ernsthafte Sorgen. Sie wussten nicht, was

mit Athol los war, wussten nicht, wie sie ihm helfen sollten.

Er schien einen sehr realen Alptraum zu durchleben, einen,

aus dem sie ihn nicht wecken konnten. Die Krankenschwester

hatte sich gerade seine Blutwerte unter dem Scanner angesehen.

Das Gerät war dauernd ausgefallen, sie hatte es jedes Mal

neu justieren und von vorne beginnen müssen. Nun legte sie

den Datenblock ab, auf dem sie Zwischenergebnisse notiert

hatte, und ging zu Athol herüber. Sie betastete seine Stirn – er

glühte noch immer. Das Fiber ging nicht zurück. Gegenwärtig

konnte sie nicht mehr tun, als ihm mit einem nassen Tuch etwas

Abkühlung zu verschaffen. Sie berührte ihn sanft am Oberarm,

als könne sie ihm dadurch Mut machen. „Durchhalten.

Wir finden einen Weg.“ Dann ging sie zurück an den Arbeitstisch

und widmete sich wieder den Blutwerten. Ihr Magen

grummelte. Er wurde schon seit einer ganzen Weile ausfallend.

Renee war sehr hungrig. Aber sie wollte das Lazarett

nicht verlassen – einer musste immer da sein und Roe war

noch draußen, um nach Hallie zu sehen. Sonst konnte sie niemand

ablösen – es waren nur der Sanitäter und sie übrig

geblieben.

Sie blickte auf das Chronometer. Roe war sogar schon eine


ganze Weile weg. Vielleicht war etwas passiert. Vielleicht hatte

er sich aber auch nur etwas Schlaf gegönnt. Er war in der

letzten Zeit auch kaum zur Ruhe gekommen. Renee war selbst

müde und jetzt, wo sie daran dachte, wurde die Müdigkeit überwältigend.

Sie versuchte sich weiter auf den Scanner zu

konzentrieren, aber irgendwann verschwammen die Anzeigen

vor ihren Augen. Renee seufzte. Das hatte keinen Sinn. So

ging es nicht weiter. Sie musste sich schonen, nur für einen

Moment. Renee deaktivierte den Scanner, bog den Rücken

durch und legte ihren tonnenschweren Kopf auf den Händen

ab. Dann schloss sie die Augen. Es war ja nur für einen Moment.

Sie würde sofort weiterarbeiten.

Ein paar Sekunden später war sie eingeschlafen.

Athol riss die Augen auf. Er war desorientiert, wusste nicht,

wo er war. Strömende Flammen umgaben ihn, huschten über

die Höhlenwände, sprangen gekrümmt hoch, verwandelten

sich in dreiköpfige Vögel, die im Irrsinn flatterten und nach

Plätzen suchten, wo sie landen konnten. Immer höher flogen

sie, klatschten gegeneinander und an die Höhlendecke, stürzten

kreischend aus dem Boden herauf und um ihn herum. Er

wollte sich hochhieven, doch seine Arme gaben nach, und er

fiel wieder zurück auf den Altar. Noch immer war er ganz

benommen. Er starrte an die Decke, an die Decke der schattengefüllten

Höhle, durchflattert von Riesenvögeln. Sie schienen

nirgends landen zu können und klatschten unentwegt ihre

Flügel gegen die Feuer.

Schatten wisperten in der endlosen Nacht.

Irgendwo flackerte eine Kerze.

Eine Kerze in der Dunkelheit der flammenden Existenz.

Er musste zur Kerze.

Athol schnappte nach Luft, hatte das Gefühl einen Berg be-


stiegen zu haben. Er stürzte vom Altar, riss irgendwas mit sich

herab. Er hörte ein Scheppern, von überall und nirgendwo.

Laut und Tonlos zugleich. Er kroch über den Höhlenboden,

jede Bewegung eine Pain. Seine Hand griff nach den Flammen.

Das Feuer bleckte und spieh. Er bekam eine Flamme zu

fassen, zog sich daran hoch, kam auf die Beine. Die Kerze rief

weiter nach ihm, von draußen, irgendwo draußen, außerhalb

der Höhle, irgendwo im Feuer. Athol sah sich um, suchte den

Ausweg, suchte den Höhleneingang. Er war nicht allein. Ein

Skelett war da, lag auf einem anderen Altar, schreiend, weinend

und längst tot, ohne es zu sein. Und die Zauberin, die

Zauberin, die über sie wachte. Sie saß da, still, rührte sich

nicht. Die Aura des Todes umgab auch sie, ein süßlicher duft.

Er machte einen Schritt auf sie zu, aber sie bemerkte es nicht.

Ihr flammendes Haar besprühte seine Wange. Die Vögel flatterten

wild. Athol konnte sie nicht retten. Niemand konnte sie

retten. Er musste zur Kerze, die Kerze würde ihn retten, würde

sein Volk befreien.

Er fand den Ausgang, bewegte sich darauf zu. Er bewegte

sich, ohne sich zu bewegen, zurück in der Zeit, im Raum, eine

Stunde, ein Verlies, einen Blutdurst, ein Lied in der Finsternis,

flog durch dunkle Wasserfälle. Er war nun draußen, weiterhin

überall Feuer, irgendwo die Kerze. Da waren auch andere.

Magier, Krieger, ein Verräter ohne Gesicht, eine reisende

durch Zeit und Raum mit einer Klinge in der Brust. Und sie

alle trugen den süßlichen Duft des Todes. Sie waren verloren,

verdorben, falsch. Sie bemerkten ihn nicht, waren mit weltlichem

beschäftigt, mit unwichtigem. Athol stolperte weiter,

stolperte in die Flammen hinein, auf der Suche nach der Kerze.

Roe hatte Hallie bei Dorian gelassen, nachdem sie den Knall


gehört hatten. Er war nach vorn gegangen, um sich zu erkundigen,

was los war. Dann waren die Tiere aufgetauchte. Allen

war klar, dass es nicht mehr weiterging, nicht mit den Containern.

Man hatte ihm gesagt, dass sie zu Fuß weitergehen würden.

Roe wollte zunächst Bedenken äußern, aber ihm war klar, dass

sie fort mussten, dass sie nicht an einer Stelle verweilen durften

– egal wie es um ihre Patienten stand. Das waren nur zwei.

Wenn sie blieben, riskierten sie aber das Leben aller. Also hatte

er sich mit dem Techniker Jerry Carr unterhalten, wie sie

den Transport durchführen würden. Jerry hatte ihm gesagt, sie

würden sich was einfallen lassen. Er solle zu seinen Patienten

gehen und alles vorbereiten.

Roe hatte nur genickt. Als er nun ins Lazarett kletterte, um

Garnere und Athol auf den Transport vorzubereiten, hörte er

leises Schnarchen. Er sah einen gekrümmten Körper über der

Ablage im „Laborbereich“ Der Brustkorb senkte und hob sich

langsam - Lemaire war am Scanner eingeschlafen. Roe lächelte

fast. Wer konnte es ihr verdenken. Es war eine anstrengende

Nacht und sie beide mussten übermenschliches leisten. Er

blickte zu Garnere herüber. Der Lieutenant schlief noch immer

wegen der starken Schmerz- und Betäubungsmittel. Er würde

keine Probleme beim Transport machen. Gut so. Und Athol-

Roe wurde blass.

Athol war weg!

Das Laken war aufgeschlagen, einige Geräte lagen am Boden

zerstreut. Der Amphion musste eine der Ablagen beim Aufstehen

umgeschmissen haben.

„Verdammt!“

Mit zwei Schritten war Roe bei Lemaire, schüttelte sie an der

Schulter, schüttelte sie aus der lieblichen Umarmung des

Schlafes. „Renee. Athol ist weg! Renee.“

Sie sah ihn verschlafen an. „Athol?“

„Er ist weg, er ist nicht mehr in seinem Bett.“


Nun schien sie zu begreifen. Ihre müden Augen weiteten sich

vor Schrecken. „Ich hab nur... es war nur eine Minute.“

Wenn Roe verärgerte war, so zeigte er es nicht. „Ich geh ihn

suchen. Er kann nicht weit gekommen sein.“

„Ich bleibe bei Garnere.“

Er nickte.

„Roe, es...“

Aber Roe war bereits aus der Tür. Lemaire seufzte.

„..tut mir leid.“

Die Bar lag in einer Seitenstraße am Stadtrand, ein schäbiger

kleiner Lehmbau mit versifften Wänden. Drinnen roch es nach

Bier und Schweiß. In großen Gruppen saßen Männer beisammen,

unterhielten sich angeregt, scherzten oder sangen. Es war

viel los und die Stimmung heiter. Der Barmann wusste von jedem,

was er trank (Bier), nur Roe und Delilah musste er fragen.

Sie bestellten Wasser und bekamen Bier. Nun saßen sie schon

eine ganze Weile nebeneinander auf den Barhockern und

schwiegen. Delilah lauschte den schunkelnden Xenexianern, die

ihr ein ums andere Mal verhohlene Blicke zuwarfen. Früher oder

später würden sie sicher kommen, und sie mit ihrem eigenen,

rüpelhaften Charme umwerben. Roe zog ein niedergeschlagenes

Gesicht und spielte mit einem Flaschendeckel zwischen

den Fingern, während er tief in Gedanken versunken war.

„Wirst du es tun?“, fragte Delilah nach einer Weile, um die Stille

zu unterbrechen.

„Hm?“

„Wirst du sie wirklich steinigen lassen?“

„Ich weiß nicht.“ Er seufzte und legte den Deckel weg. „Würde

ich in deiner Achtung sinken, wenn ich es täte?“

Delilah schwieg einen Moment. „Nein.“

„Es wäre gegen unseren Eid...“


„Eugene. Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen. Die

meisten Leute halten Ärzte für Naiv. Besonders uns Sternenflottenärzte.

Aber die Welt ist nicht rosarot, das wissen wir beide.“

Er nickte und nahm einen Schluck von seinem Bier. Es

schmeckte fad, irgendwie schal. Ganz anders, als das Syntehol

der Föderation. Früher hatte es ihm nichts ausgemacht. Heute

waren seine Geschmacksknospen etwas anderes gewöhnt. Er

blickte sich ein wenig in der Bar um... diesem kleinen, muffigem

Raum. So vieles hatte sich geändert. Aber nur auf seiner

Seite.

„Warum habt ihr euch auseinandergelebt?“

Er sah Delilah fragend an.

„Dein Bruder und du, meine ich.“

„Wir haben uns nicht auseinandergelebt. Wir waren ja nie besonders

eng verbunden.“

„Wie kommt’s?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß auch nicht. Als Kinder

haben wir uns viel gestritten. Ich habe ihn mitunter richtig gehasst.

Wie Brüder in dem Alter eben so sind. Vater und Mutter

sind früh gestorben, wir waren da beide noch sehr jung – und

voller Zorn. Andere Familienmitglieder gab es nicht. Man sollte

meinen, das hätte uns näher zusammengeschweißt, aber das

Gegenteil war der Fall. Ich kam mehr oder weniger bei D’ndra

unter, er hat sich um mich gekümmert. G’landr kam bei einem

Viehtreiber in einer anderen Stadt unter. Wir schlugen uns eben

irgendwie durch und hatten von Anfang an wenig Kontakt.“ Er

zuckte mit den Schultern. „Ich weiß auch nicht. Wie es eben so

ist. Man verliert sich aus den Augen... und weil wir uns nie besonders

Nahe standen, hat es auch keinen von uns gestört. Jeder

ging eben seine eigenen Wege.“

Sie fragte: „Deiner führte in den Weltraum?“

Roe nickte. „Ja. Ich wollte... ich wollte was aus mir machen und

habe Xenex bei der erstbesten Gelegenheit verlassen. Erst über

Umwege kam ich zur Sternenflotte. G’landr... er stand mir nicht


näher, als sie“, er nickte zu einer Gruppe lachender Xenexianer

„oder der da“ und zum Barmann, der ein neues Fass aus dem

Keller holte. Roe seufzte und rieb mit dem Daumen über seine

Handfläche. „Mein eigener Bruder war mir völlig egal. Und

dann erweist er sich als gar kein so schlechter Kerl, wie ich ihn

in Erinnerung hatte.“ Er sah sie an. „Wie kann ich das je wieder

gut machen?“

Delilah neigte den Kopf sah ihn lange an. Mit der Hand begann

sie ihm durchs dichte, zerzauste Haar zu fahren. In solchen

Momenten wirkte sie sehr liebevoll, fast mütterlich. „Indem du

es nicht vergisst, Eugene. Und indem du es weitergibst.“


Zweites Bombardement

Athol war nun alleine, alleine inmitten des Feuers. Er war verzweifelt,

er sah die Kerze nicht mehr. Sie rief immer wieder

nach ihm, aber der Klang ihrer Stimme schien aus keiner bestimmten

Richtung zu kommen, er konnte sic für keine Richtung

entscheiden. Es war ihm gelungen die Todgeweihten zu

umgehen, sie hatten nicht bemerkt, wie er sich durch Raum

und Zeit in die Flammen gestohlen hatte. Die Vögel waren

ihm gefolgt. Sie flatterten wild, wetzten ihre scharfen Schnäbel

am Innern seines Kopfes.

Sie hielten ihn für geisteskrank. Sag ihnen, dass ich es nicht

bin. Sag ihnen, dass ich es nicht bin, nur weil ich glaube.

Die Kerze sagte es ihnen und die Vögel verschwanden.

Du musst mir folgen, mahnte die Kerze. Athol war verzweifelt.

Er konnte sie nicht finden.

Such mich.

Er stolperte weiter, Tränenüberströmt. Tränen aus Blut, er berührte

sie und sie wurden zu Lava, brannten seine Finger weg,

bis auf die Knochen, weiße Knochen, klaffend im Dunkelwind.

Aus der Ferne kam ein Flatter. Der Zauberer näherte sich.

Folge ihm nicht, warnte die Kerze.

Das Flattern wurde lauter, es kannte seinen Namen. Die Zauberin

war wieder wach, sie würde ewig schlafen. Der Zauberer

wusste nichts davon, er flatterte Athol entgegen.

Geh weg, schrie Athol in sich hinein.

Der Zauberer ging nicht weg, kam durch das Flammenmeer

auf ihm zu, ein großer Vogel, Gefühlskalt, tot.

Geh nicht mit ihm, warnte die Kerze.


Athol stand vor einer Wand, war eingeschlossen. Kein Ausweg.

Der Zauberer näherte von hinten. Er sprach, aber es kamen

keine Worte aus seinem Mund. Die Erde erzitterte, Athol

sah den Meteor vom Himmel fallen, eine Kerze im Feuer. Sie

ist meine Rettung und euer Verderb.

Der gesichtslose Verräter nickte.

Die Frau mit dem Schwert in der Brust weinte.

Du musst jetzt schlafen, flüsterte der Zauberer.

Was?

Er öffnete den Schnabel, eine Salamanderzunge peitschte heraus,

zerfetzte seinen Hals und brachte die Schlangen in seinen

Körper. Sie fraßen sich durch seine Rippen, knackten seinen

Brustbereich. Ich möchte nach Hause, sagten die Schlangen.

Ihr Zuhause war in seiner Brust. Sie rollte sich zusammen und

schlief.

Athol knickte ein. Seine Gliedmaßen waren taub und kalt und

schwer. Sein ganzer Körper war schwer. Er verlor das Gleichgewicht,

zuerst langsam und dann glitt er zur Seite, bis er mit

der Brust auf den Zauberer stürzte. Die Schlangen schliefen

fest, zogen ihn mit sich. Und so blieb er unfähig sich zu rühren.

Das letzte, was er sah, war die Kerze, die ihm sein Gesicht

offenbarte. Das Gesicht eines Mädchens.

Roe keuchte, als er Athols schlaffen Körper auffing und ihn so

vor einem üblen Sturz bewahrte. Er legte ihn vorsichtig ab.

Athols Atem ging nun rasselnd. Das Betäubungsmittel hatte

sofort gewirkt, Athol hatte sich nicht gewehrt. Aber man hätte

auch einen Elefanten damit ins Reich der Träume schicken

können... aber vielleicht war Athol ja längst dort gewesen. Er

hatte sich im Fieberwahn bewegt, war völlig verwirrt und desorientiert

gewesen, als Roe ihn gefunden hatte. Auch jetzt

glühte seine Stirn noch, wie der Sanitäter feststellte. Es war


Roe unbegreiflich, wie Athol sich so weit vom Lager hatte

fortbewegen können – und keiner hatte es gemerkt. Keiner.

Eine so schwere Gestalt übersah man doch nicht einfach. Allerdings

hatte Roe ihn selbst nur durch Zufall gefunden, weil

er im Richtigen Moment eine Bewegung in der Dunkelheit

ausgemacht hatte. Hier draußen ging man schnell verloren.

Der Sanitäter seufzte und lies sich neben Athol auf den Boden

sinken. Er wollte einen Moment verschnaufen, eher er die anderen

herbeirief, damit sie den Amphion erneut ins Lazarett

trugen.

Sie würden ihn dann besser festschnallen, damit er nicht noch

einmal im Delirium ausbrechen konnte. Wie war es Athol überhaupt

gelungen-

Roe stand auf. Er hatte etwas gespürt. Ein Erdbeben? Dann ein

fernes Grollen. Und dann eine sehr, sehr nahe Detonation.

Plötzlich erzitterte der Boden unter ihm so heftig, dass kleine

Steine in die Höhe sprangen und über die Hänge kullerten.

Gleichzeitig hallte lautes Donnern vom Himmel, wie von einem

nahen Gewitter.

Roe drehte sich Richtung Ebene.

Artilleriegeschosse.

Die Tarkon bombardierten erneut.

Sie deckten das ganze Areal ein. Der Anblick war gleichermaßen

beeindruckend und beängstigend. Hunderte kleiner Lichter

kamen pfeifend aus der Ebene angeflogen, detonierten in

weiter Ferne in den Berghängen.

Im Lager erklangen erschrockene Rufe. Andere ließen fallen,

was sie grade in der Hand hatten, um schneller laufen zu können.

Offiziere warfen sich auf den Boden, andere suchten in

oder unter den Containern Schutz.

Die Detonationen kamen näher. Sie würden auch ihre Position

erreichen.

Roe sah eines der Geschosse in einen Berghang etwa einen

Kilometer vor ihnen krachen. Die komplette Bergspitze wurde


durch die Erschütterung emporgerissen, sodass in der gesamten

Umgebung ein Regen aus kleinen Gesteinstrümmern niederging.

Zwanzig Meter von ihm entfernt krachte ein brennender

Fels auf die Erde.

Roe musste zum Lazarett. Er zögerte, sah zu Athol. Er wollte

den Amphion nicht alleine lassen. Aber er musste zurück ins

Lager, er musste sich auf die Verletzten vorbereiten. Die Erde

zitterte. Roe rannte los.

Rechts und links krachte es.

Ein paar Momente später wurde der obere Teil der Anhöhe

über ihnen, getroffen, brach auseinander und Bruchstücke, die

meisten nicht größer als ein Sandkorn, rieselten auf sie hinab.

Ein Riss bildete sich im Boden. Roe sprang darüber hinweg,

rannte, erreichte den ersten Container. Er war fast am Lazarett,

er konnte es sehen, er konnte es schon sehen.

Fast da!

Dann gleißte direkt vor ihm ein Blitz so grell, dass Roe um

sein Augenlicht fürchtete. Damit einher ging ein so lautes

Donnern, dass ihm die Zähne klapperten. Er und einige andere

wurden von der Druckwelle erfasst und durch die Luft geschleudert,

wie Puppen. Roe war bereits Ohnmächtig, bevor er

aufschlug.

Dunkelheit. Schmerz. Ein Schmerz, der im Kopf stach, im Nacken,

auch im Rücken. Ein Schmerz, der von tausend Quetschungen

und anderen Wunden stammte. Roe stöhnte leise,

und selbst diese geringfügige Bewegung von Lippen und Kiefern

Beschieh ihm Agonie, die in der linken Gesichtshälfte

heiß vom Auge bis zum Kinn brannte. Die Versuchung war

groß, sich wieder der Bewusstlosigkeit anzuvertrauen, der

Pein auf diese Weise zu entkommen. Doch eine Erinnerung

hinderte ihn daran. Er wusste nicht genau, worum es sich handelte.


Ein Name.

Lemaire?

Was bedeutete das?

Er war nicht sicher. Aber es war wichtig, das wusste er. Wichtig

genug, um aufzustehen.

Na los, du musst aufstehen, mach schon.

Roe biss die Zähne zusammen und rollte sich mit aller Kraft

auf den Bauch. Ein furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen

Körper, raubte ihm fast die Sinne. Er entließ einen Schrei, was

irgendwie half. Ein beißender Geruch drang ihm in die Nase,

seine Lungen brannten. Das Atmen fiel ihm schwer. Er stöhnte,

schloss die Augen. Das Verlangen, sich auszuruhen, wurde

unbändig. Nur einen Moment, dachte er. Nur für einen kleinen

Moment. Er schloss die Augen.

Dann wieder: Lemaire.

Irgendwas drang an sein Ohr.

Hilferufe.

Roe zwang sich, die Augen zu öffnen, aber die Sicht war trüb,

unscharf. Er schob die Hände unter den Brustkorb und stemmte

sich auf alle Viere. Wieder der Schmerz , wieder die Pein.

Aber diesmal war es nicht so schlimm, nicht ganz so intensiv.

Er verschnaufte ein paar Sekunden, versuchte seinen zitternden

Körper zu beruhigen. Es stank fürchterlich, und er konnte

noch immer nicht richtig atmen, als würde jemand auf seinem

Brustkorb sitzen. Er unternahm einen Versuch sich ganz aufzurichten,

aber es klappte erst beim dritten Anlauf. Sein Stand

war wacklig, die Beine fühlten sich an wie Gummi und es

dröhnte in seinem Schädel. Er wusste nicht, wie lange er sich

aufrecht halten konnte, also versuchte er sich einen Überblick

zu verschaffen. Die Umgebung war voller Rauch, er konnte

fast nichts sehen.

Roe hustete.

Dann kamen die Erinnerungen zurück. An den Lärm, an die

Explosionen, an-


Das Lazarett, dachte er.

Oh ihr Götter!

Roe taumelte los

Roe stolperte durch eine Alptraumlandschaft. Der Nachbarplanet

am Himmel war hinter den Rauch- und Staubschwaden

nur eine schwache, blasse Scheibe. Hier und dort sah er den

Weg, aber die Felsen waren alle verbrannt, nur noch gebrochene,

gespenstische Stümpfe, von denen Rauch aufstieg. Alles

war verkohlt. Selbst die Bergwand hatte was abgekriegt,

ein Teil des Hangs war heruntergekommen und hatte den

Schlafcontainer umgerissen. Die Seitenwand war eingedrückt,

schwere Felsen lagen drauf.

Überall hörte er die Rufe nach Verwundeten, dazu Husten,

Keuchen, und erbärmlicher Hilferufe. Er wusste, dass sie ihm

galten, aber er unternahm keinen Versuch die Quellen zu, finden,

sondern stolperte weiter durch den Nebel, auf der Suche

nach dem Lazarett. Er wusste nicht, wo er war, er hatte völlig

die Orientierung verloren. Hier und dort sah er schemenhafte

Bewegungen am Boden. Einige Leute atmeten noch, zwei

drei, rührten sich gar nicht mehr. Einer war halb unter Geröll

vergraben, sein Körper zertrümmert. Unter ihm breitete sich

bereits eine Blutlache aus.

Roe verlor das Gleichgewicht, noch immer drehte sich alles,

ihm war schwindelig. Er stürzte aufs rechte Knie und ein

Schmerz, ihn für ein paar Sekunden schwarz sehen lies,

durchzuckte sein Bein. Er keuchte und versuchte bei Bewusstsein

zu bleiben, als ein Verwundeter in der Nähe die Hand hob

und kläglich um Hilfe rief.

Roe krabbelte auf allen Vieren zu ihm herüber. Es war ein Ingenieur,

Anfang dreißig, er hatte sichtlich angst und zweifellos

Schmerzen. Ein Splitter steckte tief in seinem Unterarm. Auf


dem Rücken liegend, sah er Roe flehend an und sagte Worte,

die Roe nicht verstand. Roe sah sich den Splitter wieder an

und zuckte hilflos mit den Schultern. Er konnte ihn nicht rausziehen,

nicht ohne Wasser und Verbandszeug.

„Lass drin.“, sagte Roe. Seine Stimme war nicht mehr als ein

Krächzen. „Den holen wir gleich raus. Durchhalten.“

Der Mann sah ihn kurz wütend an, schloss die Augen und

wandte sich ab.

Roe rappelte sich wieder auf und torkelte weiter. Immer mehr

Rufe drangen an sein Ohr. Aber es waren nur noch wenige

Hilferufe dabei. Er wusste nicht recht, was das zu bedeuten

hatte. Vielleicht gab es gar nicht so viele Verletzte, vielleicht

waren sie nicht so schlimm getroffen worden.

Von irgendwoher erklang das Zischen eines Feuerlöschers.

Roe hustete. Er bahnte sich seinen Weg durch die Rauchschwaden.

Nachdem sich seine Augen an die trüben Sichtverhältnisse

gewöhnt hatten, erspähte er mehr und mehr Leute.

Sie waren verängstig, geschockt und verwirrt, aber unverletzt.

Und sie waren viele.

Vielleicht war alles in Ordnung, dachte er.

Vielleicht war alles noch mal gut gegangen.

Und dann tauchte das Trümmerfeld vor ihm auf. Das Lazarett

war von zwei Mörsern gleichzeitig getroffen worden. Die von

Säure zerfressene Hülle hatte dem nicht mehr viel entgegensetzen

können. Das Dach war regelrecht aufgeplatzt. Nun

standen die in Scheiben geschnittenen Wände offen, bogen

sich nach außen, wie eine Bananenschale. Noch immer stieg

Rauch aus dem Trümmerfeld auf.

Roe machte noch ein paar kraftlose Schritte auf das Lazarett

zu und blieb dann stehen. Zwei direkte Treffer. Das hatte niemand

überlebt. Lemaire... Garnere...

Renee, dachte er.

Renee war fort.

Der Wind wehte einen Kleidungsfetzen in seine Richtung. Ein


angekohltes Stück von einer grüner Uniform, wie sie Lemaire

getragen hatte. Roe setzte sich auf den Boden, weil er zu

schwach war, um sich weiterhin aufrecht zu halten.

Roe trat auf das Podium an der Vorderseite der kleinen Kapelle

und blickte auf die versammelten Stadtbewohner. Die meisten

machten einen unbeteiligten Eindruck. Wirkten irgendwie gelangweilt,

als ginge sie das hier nichts ans. Als würde es sie

nicht interessieren. Vielleicht tat es das ja auch nicht. Der Rest

schien gedanklich bereits bei den Aufgaben zu sein, die an diesem

Tage noch anstehen würden. Die Felder bearbeiten beispielsweise.

Das Vieh eintreiben. Saufen. Keiner von denen

war wirklich hier, um zu trauern.

Keiner war hier, um G'landr zu gedenken.

Waren sie schon so sehr degeneriert? Hatte der Krieg mit den

Danteri ihnen derart zugesetzt, dass sie inzwischen zu abgebrüht,

zu verroht waren, um Trauer empfanden? Aber wie sollte

man auch Trauer für einen völlig unbekannten empfinden,

dachte Roe. Ihm selbst ging es ja nicht anders. Am liebsten

wäre er wieder vom Podium gestiegen und einen Moment lang

spielte er ernsthaft mit dem Gedanken.

Aber er sah Delilah, ganz vorne, die ihm dezent zunickte, ihm

mit einem dezenten Lächeln Mut machte. Mit der Kraft ihrer

Augen.

Also reckte Roe die Schultern und setzte erneut an. „Das Folgende

ist die getestete, abgesegnete und bewährte Grabrede,

die sie einem an der Medizinschule der Sternenflotte für Gelegenheiten

wie diese hier beibringen und einzusetzen raten:

>Wir haben uns hier versammelt, zum Gedenken an Vorname,

Nachname. Rang, Nachname war beliebt und bewundert.

Er/Sie/Es war ein guter Freund/ eine gute Freundin. Ein guter

Offizier. Fleißig und lernwillig. Und repräsentierte alles wofür


diese Uniform steht, An seinem/ihrem Mut bestand kein Zweifel.

Der Dienst der Erkundung, der Dienst in der Sternenflotte

ist ein gefährliches Unterfangen. Er/sie/es wusste das. Er/sie/es

wusste von der Zerbrechlichkeit unserer Existenz, im Angesicht

des Vakuums, und der Dingen, auf die man da draußen

stößt. Das hat ihn/sie/es nicht davon abgehalten, dieses Risiko

einzugehen, und seine/ihre Pflicht zu erfüllen. Wir können

dankbar dafür sein, dass uns das Privileg zuteil wurde, mit

Rang, Name gedient zu haben, und wir werden sein/ihr Andenken

für immer ehren.


schob das Kinn vor und hob die Stimme an. Zu diesem Zeitpunkt

hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit aller. „Der Name

seiner Mutter war Aa’m, der Name seines Vater R’e’p’p’u. Er

hat einen jüngeren Bruder namens U’j’i’n. Er wurde im Ödland

geboren, vor einunddreißig Zyklen, außerhalb von Roe.

Die Farmerei brachte er sich selbst bei, er hat kein Handwerk

gelernt. Ich habe noch mehr Fakten. Noch mehr trockene Daten.

Aber ich weiß nicht, was seine Lieblingsfarbe war. Ich

kenne seinen Musikgeschmack nicht, habe keine Ahnung, ob

er sich je verliebte, oder wie er seinen Effoc trank. Oder ob er

überhaupt Effoc trank. Ich weiß nicht, warum er sich für das

Leben außerhalb der Stadt entschied. Ich weiß nicht, was er erreichen

wollte. Welche Träume ihn antrieben. Welche Wünsche

er hatte. Welche Sehnsüchte und Ängste. Ich weiß es

nicht. Ich kannte ihn nicht. Ich kannte meinen eigenen Bruder

nicht. Und ich werde ihn niemals mehr kennen lernen. Da war

absolut nichts besonderes an ihm. Und die Realisierung, dass

ich ihn als uninteressant empfand, verdeutlicht, dass mit mir

etwas nicht stimmt. Das mit uns allen etwas nicht stimmt. Wie

viele haben wir verloren? Bei wie vielen hat es uns wirklich

gekümmert?“ Er sah in ernste Gesichter. „Während wir damit

beschäftigt sind unserem Tagesablauf zu folgen, dürfen wir

nicht versäumen, miteinander in Kontakt zu bleiben, in richtigem,

echtem Kontakt. Wir müssen uns immer Zeit füreinander

nehmen, weil wir nie wissen können, wie lange wir hier sind.“

Er zögerte. Senkte den Kopf ein wenig, nur um anschließend

wieder aufzusehen. „Ich werde es immer bereuen, G'landrs Existenz

für selbstverständlich genommen zu haben. Denn

schon der tot eines einzelnen... vermindert uns alle.“

Während Roe auf den verkohlten Stofffetzen von Renees

Kleidung starrte, überwältigten die Gefühle ihn, und er brach


in Tränen aus. Er wusste nicht, ob er um Lemaire weinte, oder

um sich selbst. Er war voller Trauer und zugleich fühlte er

sich erleichtert, weil er...

...weil er fühlte.

Als sich Rauch und Staub legten, sah D’Agosta, dass das Lazarett

verschwunden war – nur eine qualmende Ruine aus Metall

und Duranium war noch übrig. Ein Überrest der Plastikplane,

mit der man drinnen die Betten geteilt hatte, wehte an

ihm vorüber und er hatte plötzlich das bestürzende Gefühl,

dass sie mit einem Schlag ihre Mediziner verloren hatten.

Wenn das stimmte, dann hatten sie keine Chance mehr hier zu

überleben. Er zog Judy näher an sich, und sah sich um. Sie

beide waren mit dem Schrecken davongekommen. Und die

meisten anderen wohl auch. Nachdem er zuerst niemanden gesehen

und dann etliche Hilferufe gehört hatte, tauchten nun

mehr und mehr Gestalten in den diffusen, nebligen Sichtverhältnissen

auf, wagten sich zurück ins Lager und sahen sich

um.

Der Cardassianer, Gordon, Ramina, die Amphion…

Shannyn war auch da.

Gott sei dank.

Dann sah er den Männerkörper, der unter einem Haufen Steinen

begraben war: dunkelhaarig, groß, stark, in einem grünen

Unterhemd. Roe. Ganz sicher.

Es war ungewöhnlich still. Die Stille des Todes.

Hinter ihnen weinte jemand.

Es war Roe.

D’Agosta seufzte stumm. Immer mehr Leute kamen zurück

ins Lager, versammelten sich vor dem Lazarett, hielten sich in

Bestürzter Trauer und Fassungslosigkeit die Hände vor den

Mund. Und dann sahen sie alle auf den Sanitäter herab, der ei-


nen Stofffetzen in der Hand hielt, weinte und... lachte?

„Was bedeutet das?“, fragte Judy leise ihren Vater. „Ist er verrückt.“

Es dauerte lange, ehe D’Agosta antwortete. „Nein. Das bedeutet,

dass es ihm gut geht.“

Ein Kreis hatte sich um den Sanitäter gebildet, aber sie standen

alle nur da, wussten nicht, was sie tun sollten. Hallie sah

erst nach links, dann nach rechts. Sie war die erste, die zu Roe

humpelte, sich neben ihn setzte und in die Arme nahm. Ihre

Schulter war schon bald nass von seinen Tränen. Penkala

schaute zu Ramina rüber. Sie begegnete seinem Blick. Er

schien ihr vermitteln zu wollen „wir sind keine Einzelgänger“,

und setzte sich ebenfalls zu Roe.

„Tz.“, machte jemand leise hinter Ramina. „Menschen.“

Es war Dorak. Ramina begegnete seinem süffisantem Lächeln.

Er spielte mit ihr. Sie hatte weder Lust ihm beizupflichten,

noch zu widersprechen. Also entfernte sie sich mit einem verärgerten

Kopfschütteln. Während sie aus der Gruppe trat, sah

sie zu den Berghängen hoch. Von den Gredor fehlte jede Spur.

Zwanzig Minuten später, hatten sie erste Zahlen. Soweit sie es

feststellen konnten, hatten sie vier Leute verloren. Garnere.

Lemaire. Thorogood. Lumley. Zwei weitere wurden vermisst.

Es gab einige Verletzte, aber sie würden noch eine Weile

durchhalten.

Der Himmel wurde heller. Allmählich verschwand die Dunkelheit

der Nacht. Die Finsternis war bald vorüber. Ihr Leidensweg

aber noch lange nicht.


Exodus

D’Agosta führte sie jetzt raus auf den Pfad und von „zu Hause“

weg – das war der kleine silbern leuchtende Container-

Gespann, das mobile Lager, das jetzt hinter ihnen lag, rauchend

und unnütz.

Auf D’Agostas Anweisung hin nahmen sie nur geringe Mengen

an Nahrung und Geräten mit. Alles andere blieb zurück.

Der Notrufsender, die Container, alles – der ganze Gespann.

Nun trugen sie das bisschen, was sie noch besaßen, an ihren

Körpern. Sie waren ab sofort ohne Schutz und ohne Unterschlupf.

D’Agosta erinnerte sich an eine Geschichte, die Captain

O’Conner ihm einmal erzählt hatte, eine Geschichte aus

den Grenzkonflikten mit den Cardassianern. O’Conner hatte

sich damals bei den Bodentruppen befunden, in einem stark

umkämpften Waldgebiet auf Seltik III, abgeschnitten vom

Rest der Flotte und ohne Verstärkung oder eine Ahnung, wann

man sie da rausholen würde. Die beiden feindlichen Mächte

hätten sich in Bunker verschanzt, irgendwo im Dschungel, und

zwischen den Sternenflotten-Offizieren sei es zu einer spöttischen

Parole gekommen: „Bleib bloß zu Hause.“ Sie hatte

mehrere Bedeutungen, darunter die offensichtliche, dass sie

von vornherein erst gar nicht auf den Planeten hätten gehen

sollen. Sie bedeutete aber auch, dass es, war man einmal im

Bunker, sich nicht empfahl, raus in den Dschungel zu gehen,

was auch immer der Anlass sein mochte.

Mehrere von O’Conners Freunden hatten es mit dem Leben

bezahlt, dass sie nicht „zu Hause“ geblieben waren, hatte er

erzählt. Die Nachricht hätte gewöhnlich gelautet: „Soundso

hat es gestern außerhalb des Bunkers erwischt.“


„Außerhalb? Warum ist er auch nicht zuhause geblieben!“

D’Agosta warf einen Blick über die Schulter. Er hoffte, dass

er richtig handelte. Und, dass bald nicht auch jemand sagen

würde „Außerhalb? Warum sind sie auch nicht zuhause

geblieben?“

Das mulmige Gefühl in D’Agostas Magen lastete auch noch,

als sie den Gespann lange hinter sich gelassen hatten, und ihn

nicht mehr sehen konnten. Es war nicht so, als hätten sie nicht

schon vorher unter Stress gestanden. Als hätten sie nicht mit

Situationen umgehen müssen, in denen jeder hinter ihnen her

war. Die Crew hatte eine Menge durchgemacht im Krieg, auch

wenn D’Agosta in dieser Zeit von Bord gegangen war. Für die

Meisten auf der Shenandoah war Stress aber so ziemlich der

Status Quo. Aber das hier...? Das war ein schier auswegloser

Kampf für ihr bloßes Recht ums Dasein. Und D’Agosta war

sich langsam nicht mehr sicher, ob sie dieses Recht überhaupt

durchzusetzen vermochten. Sie hatten alles verloren. Alles.

Die Kapseln. Das alte Lage. Das mobile Lager. Und jetzt standen

sie mit leeren Händen da, marschierten hilflos in den Bergen

herum, in der verschwinden geringen Hoffnung, doch

noch das Wrack der Shenandoah zu finden.

Sie waren nie verletzbarer gewesen. Eine Crew von fast vierhundert

Leuten... reduziert zu einer kleinen, ausgezehrten

Gruppe. Ihr Schiff abgestürzt, ihr Weg nach Hause

abgeschnitten. Eine Attacke könnte jederzeit erfolgen. Sie

hatten nichts zu essen, kein Wasser und die Energie für ihre

Waffen war fast vollständig aufgezehrt. Sie schleppten sich

mit versengten und zerfetzten Kleidern und verstörten

Gesichtern den Berg hinauf, immer hinauf.

Niemand sprach.

D’Agosta sagte später: „Es war ein Wirklichkeit gewordener


Alptraum.“

Die Welt, durch die sie stiegen war finster und farblos. Einst

mochte es auf der Oberfläche des Mondes vielleicht einmal

angenehm gewesen sein. Mit leuchtenden Wasserfällen und

kleinen Bächen. Jetzt war alles porös, die Flora giftig und die

Fauna gefährlich. Schmutzige Teiche, an denen sie vorbei kamen,

waren mit Schaum bedeckt.

Die grauen Berghänge erhellte eigentlich nur das Feuerkraut,

das hier oben zu wuchern versuchte. Mit mäßigem Erfolg. Die

Luft war trocken und stickig, hier und da stieg Schwefel auf.

Sie husteten und taumelten halb benommen durch diese Welt

aus Hitze und schlechten Dämpfen.

Sie alle waren mit Schmutz bedeckt. Staub und Asche lag auf

ihren Rucksäcken, ihre Gesichter waren schmierig, wenn sie

drüberwischten, und ihre Haut war um vieles dunkler als normal.

Nase, Kehle und Augen brannten – teilweise von der

Luft, teilweise als Nachwirkungen vom Bombardement. Ihre

Uniformen hatten diese Bezeichnung schon lange nicht mehr

verdient, so mitgenommen war die Kleidung.

Aber sie konnten nur eines tun – weitergehen.

Während sie sich durch die heller werdende Felslandschaft

schleppten, wurde Allan D’Agosta sich der Ironie bewusst, die

in diesem Ende seiner Karriere lag – er hatte nämlich nie eine

angestrebt. Er hatte nie eine Gruppe anführen, nie einen verantwortungsvollen

Posten haben wollen. Es stand sogar in seiner

Beurteilung. Die ihm zugesprochenen Eigenschaften und

Fähigkeiten kannte er auswendig. ZURÜCKHALTEND

SCHÜCHTERN (das war kein Geheimnis) / SCHWACHE

BIS GAR NICHT AUSGESPRÄGTE

FÜHRUNGSEIGENSCHAFTEN (dem konnte er nur beipflichten)

/ ÜBERTRIEBEN UNSICHER / PASSIV (diese


Einschätzung ging ihm allerdings gegen den Strich. Er war

nicht passiv, wie er immer betonte. Er war bedacht). Und er

kannte die Empfehlung des Flottenkommandos, als Captain

O’Conner ihn zur Beförderung vorgeschlagen hatte. Dazu gehörte

vor allem der letzte Satz: DAHER IST ANGERATEN !

VON EINER BEFÖRDERUNG IN DIE KOMMANDO-

EBENE ABZUSEHEN.

Es war zum Lachen und zum Heulen gleichermaßen. Hätte

O’Conner nur auf diese Empfehlung gehört, anstatt ihn in die

Reihen der Senior-Senioroffiziere zu befördern, wo er plötzlich

mit Kriegshelden wie Spiers, Bowman und Vescala Aug

in Aug gesessen hatte. Schon alleine deswegen hatte er sich

nie zugehörig gefühlt, war sich immer wie ein Fremdkörper

vorgekommen. Wie ein Betrüger. D’Agosta war einfach nicht

so jemand wie Spiers. Wie Bowman. Wie Shannyn. Er war

kein Held und erst recht kein Kämpfer. Manchmal, da fragte

er sich, warum er überhaupt noch lebte. Warum er nun einer

der wenigen Offiziere war, die noch aufrecht standen. Ausgerechnet

er... der sich immer aus der Affäre gezogen hatte, der

jeder Konfrontation aus dem Weg gegangen war.

Andererseits... er war hier. Am Kopf der Gruppe. Und führte

sie weiter den Berg hinauf. Vielleicht führte er sie in den Tod,

vielleicht führte er sie in Sicherheit. Keiner wusste es. Aber er

führte sie. Dass sie unterwegs von der Flora und Fauna eines

fremdes Mondes geschlagen wurden... wer konnte ihn dafür

tadeln?

Gordon, der weiter hinten bei seinen Technikern marschierte,

fühlte sich von der Welt betrogen. Er hatte wirklich alles versucht,

um nun, wo man sein Talent endlich erkannt, und ihm

die Leitung des technischen Stabes anvertraut hatte, den Gestrandeten

ein Mindestmaß an Komfort und Schutz in Form


des Container-Gespanns zu gewährleisten. Jetzt lag der Zug

weit hinter ihnen, energielos und unnütz.

Er kam sich vor wie ein Spieler, der seine wenig guten Karten

jedes Mal richtig eingesetzt und dennoch verloren hatte. Er

wusste, dass er alles richtig gemacht hatte, aber dennoch... das

Gefühl, irgendetwas übersehen zu haben, irgendeine Gleichung,

irgendeine Möglichkeit... es nagte an ihm. Es war, als

hätte sich der Mond gegen ihn und seine Technik verschworen

– und schließlich war er geschlagen worden.

Jerry, der neben ihm herging, und seine Gedanken zu lesen

schien, klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. Gordon lächelte

schwach. Es war kein aufrichtiges Lächeln.

Shannyns Enttäuschung ging tiefer, richtete sich gegen sie

selbst. Geschichte hatte sich wiederholt – als Archäologin,

hätte sie es fast wissen müssen. Erneut war ein unschuldiger

junger Bursche umgekommen, aus keinem geringerem Grunde

als dem, ihr gefolgt zu sein. Sie nachgeahmt zu haben. Dabei

ging es weniger um Zane selbst, obwohl dieser Punkt schwerwiegend

genug war. Es ging um die Begleiterscheinungen seines

Todes.

Ein Teil von ihr sah es symbolisch. Dass sie von einer Krise

zur anderen ging, relativ unbeschädigt, während der Rest der

Welt den Preis zahlen musste, denn es erwischte immer all jene,

die ihr etwas bedeuteten, und die ihr... nahe standen. Die

ihr folgten, ihr helfen wollten. Der andere Teil fühlte sich an

die irdische Legende der Sirenen erinnert, die jenen Seefahrern

Schmerz und Leid brachten, die durch ihren Gesang, oder

ihre Schönheit angelockt wurden.

Vielleicht hatte das Schicksal für sie ja wirklich vorgesehen,

bis zum letzten Atemzug allein bleiben zu müssen. Der Preis,

für das Wissen um die Zukunft, das sie sich erschummelte hat-


te – und für die daraus resultierende, vorübergehende Unsterblichkeit.

Ramina fühlte sich innerlich tot. Sie hatte sich an den Tarkon

rächen wollen, für Spiers’ Ermordung, und dreimal war ihr

nun schon die Gelegenheit dazu vergönnt gewesen. Bei ihrem

Hinterhalt, in der Tarkonfestung, und hier auf dem Pfad in die

Berglandschaft. Und sie hatte diese Möglichkeiten ausgenutzt,

diesen Bastarden zu schaden.

Erheblich zu schaden sogar.

Sie dachte, das würde ihr vielleicht ein wenig Trost bringen.

Erlösung. Aber irgendwie...

... da war nichts. Gar nichts.

Vielleicht war ihr Blutdurst einfach noch nicht gestillt. Sie sah

wieder zu den Berghängen hoch. Die Gredor zeigten sich nicht

mehr, aber Ramina war sich sicher, dass sie noch immer da

waren und ihr folgten. Vielleicht, bis sie zu schwach war, um

sich zu wehren. Aber das würde nicht geschehen. Sie sollten

sich nur zeigen. Sollten ruhig kommen. Mit denen würde sie

es auch aufnehmen.

Ramina umklammerte das Gewehr in ihren Händen fester und

marschierte entschlossener.

Hallie, Penkala und Dorian halfen Roe dabei, die Trage mit

dem bewusstlosen Athol zu heben. Hin und wieder stellte der

Sanitäter sogar Fragen. Es waren nicht viele. Und sie waren

auch nicht sehr spezifisch. Welche Lieblingsfarbe. Welche

Musik. Was wolltet ihr auf der Shenandoah. Aber er redete. Er

zog sich nicht zurück. Und die anderen blieben bei ihm, antworteten,

wenn er etwas wissen wollte, und hörten zu, wenn er


etwas erzählen wollte.

Die, die an ihnen vorbeigingen, oder die ihre Verwundungen

überprüfen lassen wollten, grüßten leise und pietätvoll. Sie

wollten ihm nun die Unterstützung zukommen lassen, die er

bisher ihnen entgegengebracht hatte. Er spürte es am respektvollen

Umgang. Und er war froh darüber.

Heller. Es wurde immer heller. Langsam nur, quälend langsam,

aber D’Agosta begrüßte jede Veränderung, jedes noch so

kleine Anzeichen, dass die Nacht bald – bald – vorbei war.

Der Weg führte sie über ein kurzes Feld auf ein dunkles Bergstück

zu. Von dort aus stiegen sie rasch durch einen kleinen

Feuerkrautwald ab und von da quer durch eine Fläche voller

Steinzacken, die bei einem kürzlich erfolgten Erdbeben oder

so etwas entstanden sein mussten und aussah, als sei sie nicht

von dieser Welt. Hier kamen sie an schwarze Krater verbrannter

Erde, manche anderthalb bis zwei Meter tief. D’Agosta

dachte zuerst, das Artilleriefeuer der Tarkon sei bis hierher

durchgedrungen. Bei näherem Hinsehen aber stellten sie fest,

dass ein Muster verbrannter Stellen in den Felsen geätzt war,

das wie Tentakeln von den Kratern nach außen reichte. So etwas

konnten sie sich nicht erklären. Andererseits war ihnen

auch der Forschergeist abhanden gekommen. Keiner hatte

wirklich Interesse, solchen Fragen jetzt auf den Grund zu gehen.

Also marschierten sie stumm weiter, bogen in einen anderen

Pfad ein, und schon bald ging es wieder nach oben. Während

der nächsten Stunden hörten sie entfernte Detonationen von

Mörsern und Raketen. Beliar war hartnäckig, aber sie waren

seinem Zorn entkommen. Hier konnte er sie nicht erreichen.

Nach den Verlusten, die er ihnen zugefügt hatte, war das nur

ein schwacher Trost.


Tageslicht

Die langsam einsetzende Morgendämmerung verlieh dem

Himmel ein zartes Rosarot, als die Gestrandeten den Weg tief

in die Berge fortsetzten. Inzwischen waren die Offiziere ruhiger,

vielleicht deshalb, weil sie wussten, dass sie in dieser Region

sicherer waren. Oder Erschöpfung hinderte sie daran, im

gleichen Ausmaß zu keuchen wie zu Anfang. Judy kam es so

vor, als sei es das Ende der Welt.

Sie marschierten, und marschierten, und marschierten, und sie

wusste inzwischen einfach nicht mehr, warum überhaupt. Sie

würden die Shenandoah nicht finden, daran glaubte inzwischen

wohl niemand mehr. Sie wussten ja nicht einmal, wo sie

sich befanden. Wo der Weg noch hinführen würde. Warum sie

trotzdem weitersuchten?

Vielleicht gebot es die Verzweiflung. Das Festhalten an der

Hoffnung, bis wirklich nichts mehr ging. Judy wusste nicht,

wie es die anderen sahen, aber für sie war der Punkt langsam

erreicht. Der Weg wurde plötzlich wieder sehr steil. Judy

stöhnte, als die Muskeln in ihren Oberschenkeln aufgrund der

Anstrengung brannten. Sie keuchte und atmete schwer, bis sie

eine besonders steile Stelle hinter sich gebracht hatten. Danach

ging es etwas leichter. Trotzdem konnte sie nicht mehr. Es war

genug. „Dad?“

D’Agosta, der neben ihr herging, und sorgsam darauf achtete,

nicht schneller zu laufen als seine Tochter, drückte ihre Hand.

„Ja?“

„Ich bin müde.“, sagte Judy. „Trägst du mich?“

Er sah voller Verwunderung zu ihr herab. „Ich dachte du bist

für so etwas schon zu groß?“


„Ich bin soo müde.“

„Okay, Judy.“, sagte Allan und nahm sie Huckepack. „Uff,

bist du schwer.“

Ihre Kraft reichte nicht einmal mehr für einen schnippischen

Kommentar. Jetzt wusste er, dass es wirklich nicht gut um sie

stand, also gab er sich alle Mühe, die Kraft für zwei aufzubringen.

Im weiteren Verlauf der frühen Morgenstunden spürten sie alle

mehrere leichte Erdstöße, bei denen jeweils Staubwolken

von zerfallenen Gesteinsformationen aufstiegen. Gleichzeitig

vernahmen sie aus weiter Ferne – aus der Ebene – wieder das

signalhornartige Geräusch, das ein jedes Beben begleitete.

Oder auslöste. Sie wussten es nicht. Das Phänomen war ihnen

völlig rätselhaft.

Sonst herrschte tödliche Stille. Um sich irgendwie von seiner

fürchterlich kratzenden, trockenen Kehle abzulenken, stellte

sich D’Agosta vor, wie sich in der Ebene wieder dasselbe

Schauspiel ereignete, das sie dort seit einiger Zeit in unregelmäßigen

Abständen beobachtet hatten: Das Nebelhorn, das

Beben und dann das Umstülpen eines ganzen Bodensatzes. Irgendwie

geschah es immer häufiger, hatte er den Eindruck.

Was mochte das bedeuten?

Er wusste es nicht. Auf jeden Fall war er froh, endlich aus der

Ebene rauszusein. Er hoffte, dass sich das Phänomen nur auf

diese Region beschränkte, und hier nicht vorkam. Dass sich

der Boden unter ihnen aufblähte, um wenige Sekunden später

in sich zusammenzukrachen, war das letzte, was sie brauchen

konnten.

D’Agosta war so sehr in Gedanken versunken, dass Shannyn

ihn am Arm berühren musste, damit er sie bemerkt. Er blinzelte

und sah zu ihr rüber. Judy schnarchte auf seinem Rücken


weiter. Shannyn war bisher alleine marschiert, irgendwo abseits

der Gruppe. D’Agosta hatte ihre Anwesenheit vermisst –

mehr, als er sich eingestehen wollte, aber er hatte sie auch

nicht drängen wollen. Wenn sie Ruhe brauchte, dann brauchte

sie Ruhe. Er wollte ihr nicht auf die Nerven gehen. Nicht

mehr, als ohnehin schon. Jetzt reichte sie ihm schweigend eine

Wasserflasche rüber, die sie aus ihrem Rucksack genommen

hatte. D’Agosta spürte wieder seine vertrocknete Kehle und

lächelte. Sie machte so etwas dauernd. Sie war immer da,

wenn er sie brauchte, sorgte sich um ihn. Auch jetzt noch. Das

war beruhigend. Dankbar nahm D’Agosta die Flasche entgegen

und schraubte den Verschluss auf. „Sie sind immer noch

hier.“, stellte er fest.

Shannyn sah ihn nicht an. „Ja. Ich bin immer noch hier.“ Ihre

Worte klangen irgendwie dumpf.

„Und ich bin froh darüber, Shannyn.“

Sie nickte nur.

Eine Weile gingen sie schweigend nebenher. Aber da gab es

etwas, das ihn zu sehr beschäftigte. Und er ertrug die Stille

nicht. Er wollte reden, wollte ihrer warmen Stimme lauschen.

Wollte wieder, dass alles wie vorher war, vor Zanes tot. Er

sagte leise: „Ich dachte schon sie hätten aufgegeben. Wegen

ihrem Schwert.“

Shannyn sprach nicht direkt. „Vor ein paar Jahren... ist schon

eine Weile her... da begab ich mich zu einem kleinen klingonischen

Dorf, auf einem Planeten jenseits der Grenze. Ein Dahar-Meister

residierte dort mit seinen zwanzig Söhnen und den

ehemaligen Kameraden seiner Kampfeinheit und deren Familien.

Er war gut. Wirklich gut. Hatte einen legendären Ruf. Ich

wollte von ihm lernen. Verteidigung... Nahkampf... einfach alles.“

Sie schnaubte bei der Erinnerung. „Die Leute stülpten

mir einen Sack über den Kopf und ich bekam die Prügel meines

Lebens. Eine Woche lang. Eine Woche lang, konnte ich

mich kaum rühren vor Schmerz. Als es wieder einigermaßen


ging... wiederholten sie die Prozedur. Diesmal lag ich fünf Tage

in meiner eigenen Pein. Aber ich gab nicht auf. Ich zog die

Sache durch. Beim dritten Mal wehrte ich mich, wehrte ich

mich richtig. Ein paar von ihnen können auch heute nicht

mehr laufen. Die Lektion war eine einfache: wenn man mit

dem Gefühl der kompletten Hilflosigkeit konfrontiert ist,

bleibt einem nur noch eines: Die Sache durchzustehen. Weiterzukämpfen.

Mit neuen Ideen, neuen Blickwinkeln zu kommen.

Alles zu tun, was man kann, auch wenn es nicht genug

ist. Manchmal kommt es einfach darauf an... die Zähne zusammenzubeißen

und vertrauen zu haben. Und da zu sein,

wenn einen die Leute brauchen. Ich bin noch hier, Allan. Ich

habe ihnen ein Versprechen gegeben. Und das löse ich ein,

komme was wolle.“

„Ist es das, was aus einem Menschen einen Helden macht?“

Erneut das Schnauben. Was hatten die Leute nur immer mit

ihrem Heldentum? „Zu dämlich zu sein, um rechtzeitig aufzuhören?

Ja, vielleicht.“

„Also ich finde das bewundernswert.“

Das schien ihr nicht recht zu sein. „Nein, nein... Allan.... nein.

Ich... ich habe viele getötet. Und manchmal nicht nur, um

mich zu verteidigen. Das ist das Problem an einem Schwert.

Früher oder später will man die Klinge ausprobieren. Und das

schrecklichste daran ist, dass ich Nachts trotzdem noch gut

schlafen kann. Ich weiß nicht, zu was mich das macht. Sicher

nicht zu einem guten Menschen. Und ganz sicher nicht zu einer

Heldin. Hat man einmal die Linie überschritten, einmal

Blut an den Fingern gehabt, gibt es keinen Weg zurück. Das

ist nicht die Richtung, die sie einschlagen sollten. Oder Judy.

Niemals.“

„Hm.“

Schweigen.

Dann: „Warum haben sie eigentlich trainiert?“ Er konnte sich

nur schwer vorstellen, warum man als Archäologin einen


Klingonischen Kampfmeister aufsuchen musste. „Ist das ein

Hobby, oder...?“

„Hauptsächlich wollte ich verhindern, dass so etwas wie heute

noch einmal geschieht.“

„Noch einmal?“

Sie sah ihn an. „Vor ein paar Jahren, auf einer archäologischen

Expedition... da habe ich mich auch in Gefahr begeben. So

wie heute... und durch meine Arroganz und mein Verhalten

jemanden dazu verleitet, mir ebenfalls zu folgen. Mir ist nichts

geschehen. Er hingegen...“ Sie vollendete den Satz nicht.

„Das... das ist eine Episode, die sich durch mein Leben zu ziehen

scheint. Wann immer ich mich in Gefahr begebe, verliere

ich die, die mir an nächsten stehen. Die mir hinterherkommen.“

Und deswegen habe ich mich immer abgeschottet, fügte

sie in Gedanken hinzu. Und mir stets eingeredet, ich würde

niemanden brauchen... obwohl mich die Einsamkeit ängstigte.

Ich habe mich vor dem Leben versteckt.

D’Agosta sah sie lange an, die Bitterkeit in ihren Augen. Er

berührte sie sanft an der Schulter. „Ich würde ihnen auch überall

hin folgen.“

Die Worte hatten eine andere Wirkung, als gehofft. Shannyn

blieb stehen, starrte ihn an, bohrend, als hätte er etwas sehr

schlimmes gesagt. Sie erinnerte sich an Theias Drohung. „Das

hat Zane das Leben gekostet.“

Auch D’Agosta blieb stehen. Er wusste nicht, was er sagen

sollte. Er hatte sie nur aufmuntern, ihr irgendwie Beistand leisten

wollen. Aber er hatte alles noch schlimmer gemacht.

Shannyn war aus irgendeinem Grund sauer.

Sie schüttelte schnaubend den Kopf: „Ich denke, ich marschiere

von nun an besser alleine.“

Sie trag an ihm vorbei. D’Agosta senkte den Blick. „Es tut mir

leid.“

Nach zwei Metern wurde sie langsamer, blieb stehen und kam

noch einmal zurück. Sie nahm ihn sanft, aber bestimmt mit


eiden Händen an den Schultern und drehte ihn zu sich, damit

sie ihm tief in die Augen schauen konnte. Mit eindringlichem

Blick sagte sie: „Egal was passiert, Allan. Schlagen sie nie...

niemals.... niemals den Weg ein, den ich vor langer Zeit beschritten

habe. Folgen sie mir nicht. Wohin auch immer. Unter

gar keinen Umständen. Wenn ich sage bleiben sie stehen, dann

bleiben sie stehen. Wenn ich sage Lauf... dann laufen sie. Und

sehen nie wieder zurück. Egal, was mit mir geschieht. Haben

sie das verstanden?“

Kein Wort. „Nun...“

„Allan. Haben sie das verstanden?“

Es schien ihr sehr wichtig zu sein. „Ich denke schon.“

Sie sagte noch einmal: „Egal was mit mir geschieht.“

Er nickte, verwirrt. Er war völlig durcheinander. Shannyn zögerte,

als wenn sie noch etwas hinzufügen wollte. Sie entschied

sich jedoch anders und marschierte ohne ein weiteres

Wort davon. In den folgenden Stunden ließ sie ihn allein. Toll,

dachte D’Agosta. Jetzt hast du die einzige Person wütend gemacht,

auf die du dich hundertprozentig verlassen konntest.

Drei Stunden waren vergangen, seit sie den Container-

Gespann zurückgelassen hatten. Am Horizont ging die Sonne

auf und tauchte die Umgebung in ein malerisches Orangerot.

In der nächsten halben Stunde erklommen sie einen Berg, von

dem aus sie die Täler überblicken konnten, die in südlicher

Richtung neben ihnen lagen. Aber es breitete sich schnell Ernüchterung

aus. In der Ferne entdeckten sie Rauchwolken und

sahen Flammen emporzüngeln. Man hörte die entfernten

Schreie urzeitlich anmutender Tiere. Auch am Himmel zogen

viele Trelkez-Schwärme ihre Bahnen. Fliegen summten und

stachen.

Von der Shenandoah fehlte jede Spur.


Vielleicht waren sie schon vorbei. Vielleicht lag sie noch vor

ihnen. Aber vielleicht würden sie sie auch niemals finden. Und

in diesem Augenblick wurde sich D’Agosta der Situation bewusst.

Die Führungscrew war tot.

Ein Grossteil der Mannschaft vermisst.

Ausrüstung und Notrufsender hatten sie zurückgelassen.

Die Shenandoah war in diesem Labyrinth aus Bergen unauffindbar

- ihr Zustand ohnehin unklar.

Sie hatten weder Nahrungs- noch Wasservorräte.

Athol befand sich im Delirium. Viele Leute waren verletzt und

die Verletzungen würden sich entzünden, was zu Krankheit

und Tod führen konnte, wenn sie keine medizinische Versorgung

bekamen – was unmöglich war.

Im Orbit war ein fremdes Molekül explodiert, das den Subraum

zerstört hatte.

Was bedeutete, dass sie an diesem Ort festsaßen. Gefangen,

ohne Führer, oder Hilfe. Und ohne jede Aussicht, je nach Hause

zurückkehren zu können.

Nie mehr.

D’Agosta blieb stehen. Es war vorbei. Er konnte nicht mehr.

Er gab sich geschlagen, endgültig geschlagen. Seine Beine

wollten ihn nicht länger tragen, versagten ihm den Dienst und

so stürzte er auf die Knie. Er atmete laut und setzte Judy vorsichtig

ab, die jetzt wach wurde und sich müde die Augen rieb.

„Was ist los, Dad?“

Er antwortete nicht.

„Dad...?“

„Judy, ich...“ Wie sollte er es ihr nur sagen? Wie sollte er gestehen,

dass er versagt hatte, dass er sie alle in den Untergang

geführt hatte? „Es tut mir so leid, Spatz. So schrecklich,

schrecklich leid.“

Denn für ihn stand fest, dass sie hier unten alle umkommen

würden, einer nach dem anderen. Qualvoll. Elendig. Sie hatten


die Shenandoah nicht gefunden und damit ihre letzte Hoffnung.

Und dann rief jemand: „Ich hab sie! Ich hab sie gefunden!“

D’Agosta drehte den Kopf. Es war Gordon. Er war auf eine

Anhöhe geklettert. Jetzt deutete er auf ein Tal hinab, das

D’Agosta von seiner Position nicht einsehen konnte, war aufgeregt,

furchtbar aufgeregt. Und dann rief er: „Die Shenandoah!“

D’Agosta starrte ihn einige Sekunden nur an. Er stand langsam

auf. Die anderen ließen fallen, was sie in den Händen hatten,

setzten sich in Bewegung, gingen erst, und rannten dann,

rannten an D’Agosta vorbei, links und rechts, rempelten ihm

ggen die Schultern, rannten zur Anhöhe und begannen hochzuklettern.

Alle waren aufgeregt. Das mussten sie sehen.

D’Agostas Herz schlug wild.

Er ging nun ebenfalls, mit Judy an der Hand, begann schon

bald zu laufen. Vater und Tochter sprinteten das letzte Stück

hoch. Sie konnten nichts sehen, die anderen standen am Rand

der Anhöhe, versperrten ihm die Sicht. D’Agosta drängte

durch die Menge, schob Arme und Körper beiseite...

...und dann sah er sie plötzlich, weit unten in einem Bergkessel.

Sie lag in einem See, zur Hälfte im Wasser verdeckt. Der

Rumpf war verkohlt, hier und dort zeigten sich noch die Spuren

des Kampfes mit den Breen. Sie hatte eine Schneise der

Verwüstung in den Fels geschlagen – dort, wo ihr vermeintlicher

Eintrittsvektor gelegen hatte, klaffte fehlte eine ganze

Bergkuppe, die sich nun neben der Shenandoah in den See

bettete. Der Aufschlag musste enorm gewesen sein. Aber sie

war intakt. Sie war nicht zertrümmert, nicht zerquetscht nichts.

Das Schiff war wie durch ein Wunder heil geblieben! Ein ohrenbetäubender

Jubel brach unter den Offizieren aus, als sie

diese Information verarbeiteten.

Das Schiff war intakt!


Die Leute applaudierten, klopften sich gegen die Schultern

oder fielen sich in die Arme. Tränen flossen. So auch in

D’Agostas Gesicht. Auch Judy weinte, weinte vor Glück und

vor Erleichterung. Er nahm sie in die Arme, drückte sie feste

an sich, so feste, wie er konnte, als würde er sie nie wieder

loslassen wollen. Shannyn sah zu ihm herüber. Sie deutete ein

nickte an. Er formte mit den Lippen das Wort „Danke“, während

ihm gleichzeitig Tränen die Wange hinabrannen. Dann

sah er wieder zum Schiff herab, das da unten auf sie gewartet

hatte.

Und D’Agosta dachte daran, was sie durchgemacht hatten.

Was er durchgemacht hatten. Tag für Tag hinterfragte er sich.

Sah immer alle Seiten einer Frage, und er war sich nie sicher,

ob er das richtige tat, oder getan hatte. Heute... zum ersten Mal

seit langer Zeit, fühlte er nicht auf diese Art. Er hatte eine Entscheidung

getroffen, hatte die Leute in die Berge getrieben.

Und anstatt sich von den Folgen, die im Tod von über zehn

Leuten mündeten, verunsichern zu lassen, war er standhaft

geblieben. Er fühlte sich gut. Das war ein kleines Stück seiner

Seele wert.

Und während die Sonne weiter aufging, und den Tag ein wenig

fröhlicher gestaltete, und die Hülle der Shenandoah glänzen

ließ, gaben sich die die Offiziere hoch oben auf dem

Bergkamm noch ein bisschen der Euphorie hin und jubelten

weiter.

Von ihrer Position aus konnten sie ja auch weder die zahllosen

Gredor sehen, die ihnen gefolgt waren, und die nun unaufhaltsam

näher rückten, wie eine Schlinge, die sich um den Hals

der zu hängenden Person enger zog; noch konnten sie den unter

Wasser liegenden Stumpf erspähen, an dem sich früher mal

eine Warpgondel befunden hatte, und der davon zeugte, dass


sich die Shenandoah nie wieder aus ihrem nassen Grab erheben

würde...


Fortsetzung folgt...