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Reise

PÄSSEFAHRT DURCH DIE SCHWEIZ

Eidgenössische

Höhenmeter

„Rüdig guet“ ist die Schweiz für Rennradfahrer, die für

majestätische Panoramen gerne klettern. Umdrehung für

Umdrehung begegnet man hier Geschichte und Geschichten

und vor allem traumhaften Naturschönheiten,

wie dem Heidiland, der Via Mala und dem Entlebuch.

Auf die Pässe, fertig, los!

TEXT: MONIKA HUBER

FOTOS: ST / SWISS-IMAGE.CH, GUSTI

ZOLLINGER.CH RADSPORTREISEN

Wie damals in der Schule an der Tafel werde ich ein klein

wenig nervös. „Vielleicht so auf 300?“ antworte ich unsicher

auf Andreas Frage, wie hoch über dem Meeresspiegel ich

denn zu Hause lebe. Der Eidgenosse an sich – und auch die

Eidgenössin – scheint stets zu wissen, auf wie viel Höhenmetern

er sich gerade befi ndet. Jetzt sind wir auf jeden Fall

einige hundert Meter höher als heute Mittag, der Röte meines

Gesichts nach zu urteilen. Der Blick vom Bürgenstock

(878 m) auf den Vierwaldstättersee und Luzern entschädigt

für die Schweißperlchen des Prologs zu meiner Tour de Suisse

mit Martin, Andrea und Konsorten. Nach der herrlichen

Abfahrt über Hergiswil nach Luzern überreicht mir Andrea

ein fesches rotes Trikot mit weißem Kreuz, und ich strahle

wie ein Tour-Sieger.

Übrigens: Luzern, die wahrscheinlich schweizerischste Stadt

der Schweiz, liegt 436 Meter über dem Meeresspiegel und

ist mit der alten gedeckten hölzernen Kapellbrücke und dem

Wasserturm, der Bergkulisse ringsum und dem idyllischen

See ein echtes Schmuckstück. Hier am Vierwaldstättersee

sollen anno 1291 die Abgesandten der drei Urkantone mit

dem Rütlischwur die Eidgenossenschaft begründet haben.

Durch diese hohle Gasse …

125 Kilo- und 2 100 Höhenmeter: Die heutige Etappe verlangt

nach einem guten Frühstück, und das nicht nur wegen der

Kletterpartien, sondern auch wegen der geschichtsträchtigen

Pfade, die wir „erfahren“ werden. Gleich hinter Luzern

muss ich schon wieder an meine Schulzeit denken. „Durch

diese hohle Gasse muss er kommen. Es führt kein andrer

Weg nach Küssnacht“, zitiere ich pathetisch Friedrich Schiller

bzw. Wilhelm Tell, der bei Küssnacht auf den bösen

Landvogt Gessler gewartet haben soll, um den legendären

Tyrannenmord zu begehen.

Andrea lacht: „Warte nur auf die Axenstraße, das ist nicht

nur eine hohle Gasse, sondern ein richtiges Nadelöhr!“ Im

Schatten des Berges Rigi kurbeln wir zunächst durch die

Feriendörfer Weggis und Vitznau und schließlich durch das

Kuriosum Gersau, von 1433 bis 1798 eine knapp 24 Quadratkilometer

große reichsfreie Republik. Am Ostufer des Urnersees

schmiegt sich schließlich die eindrucksvolle Axenstraße

durch Kunstbauten wie Tunnels oder Steinschlaggalerien an

90 RennRad RennRad 91


Reise

Bereit für den Apfelschuss:

Wilhelm Tell steht schon seit

1895 in Altdorf zusammen mit

seinem Sohn Walter und seiner

Armbrust.

Im Bild oben ruht der Vierwaldstättersee

am Fuße des Kerenzerbergs.

den Fels. Hinter uns rattert die Gotthardbahn

herbei, die Schienen laufen parallel zur Straße.

Wir passieren die Grenze zum „Schweizer

Kanton mit drei Buchstaben“ – Uri wird

häufig in Kreuzworträtseln erfragt – und rollen

in Altdorf ein. Hier soll Wilhelm Tell – auf

458 m über dem Meer – den Gruß an Gesslers

Hut auf der Stange verweigert haben. Symbolisch

nehmen wir den Helm vor dem

Nationalhelden am Altdorfer Marktplatz

und denken an den Apfel, den er mit seiner

Armbrust wagemutig vom Kopf seines

Sohnes Walter schoss. „Wilhelm Tell ist auf

jeder Rückseite eines Fünffranken-Stückes

zu sehen“, erzählt Martin und ergänzt:

„Ob er tatsächlich gelebt hat, ist übrigens

gar nicht sicher.“

Knapp 1 500 Höhenmeter verteilt auf 25

Kilometer gilt es nun für uns heldenhaft

zu erklimmen. Der Schweiß fließt nach

wenigen Kilometern schon mehr als

perlchenweise, der Klausenpass liegt

satte 1 948 Meter über Normalnull.

Wenn der Güggel

kräht auf dem Mist …

Mit Wilhelm Tell im Sinn, der sich auch von

der Übermacht der Staatsgewalt nicht unterkriegen

ließ, steige ich tapfer in die Pedale,

und genieße am höhenmetrischen Tagesziel

das Panorama, bevor ich mir bei der „Schussfahrt“

hinunter nach Urnerboden, Linthal

und Glarus den kühlenden Wind um die

Nase wehen lasse.

Die Schweiz ist voller Geschichten – das wird

mir schnell klar, als Andrea bei einem spätnachmittäglichen

Schümlikaffee die Sage

von den beiden Hähnen von Glarus und Altdorf

erzählt. Die Grenze zwischen dem Kanton

Uri (mit Altdorf) und dem Kanton Glarus

(mit dem gleichnamigen Städtchen) war

nicht genau festgelegt und natürlich Thema

eines hitzigen Streits. Deshalb sollten zwei

Läufer beim ersten Hahnenschrei in Glarus

beziehungsweise Altdorf starten: Da wo sie

sich treffen, sollte die Grenze sein. Die Urner

setzten ihren „Güggel“ (Hahn) auf Diät, damit

er vom Hunger geweckt möglichst früh

kräht. Die Glarner fütterten ihren Güggel

umso mehr, damit er aus Dankbarkeit noch

früher als sonst den Morgen begrüßt. Der satte

Hahn schlief faul bis zum Mittag, deshalb

ragt laut Legende bis heute ein langer Uri-

Zipfel in den Kanton Glarus hinein.

„Deine Welt sind die Berge“ …

Glarus liegt auf 472 Metern Meereshöhe,

das Tagesziel Davos auf 1 550 Metern. Trotz

leichtem Klausenpass-Muskelkater geht es

flott den Kerenzerberg hinauf ins Heidiland,

das nach dem weltbekannten Kinderroman

„Heidi“ von Johanna Spyri so getauft wurde.

Krampfhaft versuche ich den Ohrwurm der

Heidi-Fernsehserie aus dem Kopf zu bekom-

men, während ich meinen Blick über den

Walensee und die majestätischen Zacken der

Churfirsten schweifen lasse.

Auf dem wie frisch geteerten Radweg kurbelt

unser kleines Peloton weiter nach Walenstadt

im Kanton St. Gallen, angelockt

vom tiefblauen Walensee. „Kannst du dich

noch an den ‚Coolman‘-Opa aus der Milkawerbung

erinnern?“ Andrea dreht sich lachend

um. „Er hieß Peter Steiner und lebte

hier in Walenstadt.“ Diese Tatsache stecke

ich schmunzelnd in meine imaginäre Schublade

mit dem Aufkleber „Unnützes Wissen“

und sprinte an Andrea vorbei in Richtung

Walensee-Ufer. Hier wird gerade fleißig die

Bühne für das Musical „Heidi 2“ aufgebaut,

das auch im Sommer 2008 wieder aufgeführt

wird.

Flach führt uns die zweite Etappe unserer

Tour de Suisse weiter nach Flums, Sargans

und Bad Ragaz – Betonung auf -gaz. Der

Kurort von Weltruf hat sein Thermalwasser

im benachbarten Bad Pfäfers „geklaut“, und

die Schweizer Tennislegende Martina Hingis

verbrachte viele Lehrjahre auf den hiesigen

Tennisplätzen. Die Weinberge rechts und

links kündigen Maienfeld, Heidis literarische

Heimat, im Kanton Graubünden an. Hauptsorte

ist der Blauburgunder, der früher unter

dem Namen Beerliwein verkauft wurde. An

zweiter Stelle steht der Riesling-Silvaner, gefolgt

von Weißburgunder (Pinot Blanc), Chardonnay

und Grauburgunder (Pinot Gris).

In Maienfeld im Churer Rheintal werden

edle Tröpfchen gekeltert, zum Beispiel

Blauburgunder und Riesling.

Davos ist famos!

Hinter Landquart „prättern“ wir 42 Kilometer

lang nach einer gemütlichen Mittagspause

ins Prättigau hinauf. Schiers, Fideris und

Küblis schleichen an uns vorbei. Das Wintersportdorf

Klosters steht sprichwörtlich

Spalier und feuert uns an, so dass wir spielend

leicht die Kehren auf den Wolfgangpass

hinaufkommen. „Mit der Rhätischen Bahn

müssten wir nicht so schwitzen!“ denke ich

mir, als ich kurz auf der Passhöhe doch ein

wenig außer Atem die Meereshöhe 1 631 Meter

lese und die Schienen der 1890 in Betrieb

genommenen Bahnverbindung entdecke.

Bis nach Davos hinunter sind es nur noch

wenige „Tiefenmeter“. Der weltbekannte

Wintersportort ist ein famoses Phänomen:

Einerseits zeigt er sich gerade im Sommer als

eine perfekte Naturidylle, andererseits ist Davos

eine lebendige Ferienmetropole. Weltbekannt

wurde das Städtchen im Landwassertal

durch das World Economic Forum WEF,

das hier jedes Jahr im Januar unter strengsten

Sicherheitsvorkehrungen stattfindet. Dem

Davoser Höhenklima wird übrigens eine heilende

Wirkung nachgesagt, ab 1865 entwickelte

es sich zum größten und wichtigsten

Lungenkurort Europas.

Viele schöne Pässe sammeln

Auf zur dritten Etappe! Satte 2 400 Höhenmeter

stehen heute verteilt auf 106 Kilometer,

zwei Pässe und einen finalen knackigen Anstieg

nach Lenzerheide an. Wer heute wohl

das Bergtrikot übernimmt? Gleich nach dem

ersten „Güggel-Schrei“ starten wir in Davos

mit der Eroberung des Flüelapasses. Vierzehn

Kilometer lang klettern wir auf 2 383 Meter

hinauf. Bisher hatten wir stets strahlenden

Sonnenschein, leider ziehen heute ein paar

Wolken auf. Souverän halte ich mich an der

Spitze, bis plötzlich eine junge Dame an mir

vorbeizieht. Melanie trainiert für einen Triathlon

in Ungarn und spurtet nach ein paar

hundert Plauschmetern weiter in Richtung

Passhöhe – das Bergtrikot des Tages geht eindeutig

an sie.

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FOTO: ST/SIWSS-IMAGE.CH

Tapfer kämpft sich die Gruppe dem Klausenpass entgegen.


Reise

Viele Höhenmeter (unten) machen

durstig (oben): Martin und andere

Schweizrundfahrer kühlen die hei-

ßen Köpfe im Brunnen.

Rüttelpartie auf dem Kopfsteinpflaster der

„Tremola“ hinauf zum St. Gotthard-Pass

Auf der steilen Abfahrt nach Susch im Unterengadin

rauschen wir verhalten gen Tal,

die Straße ist ein wenig nass. Doch hinauf ins

Oberengadin, dort, wo der Inn entspringt,

scheint schon wieder die Sonne. Der leicht

ansteigende Etappenabschnitt nach Zernez

im Schweizer Nationalpark wärmt unsere

Muskeln erneut auf für die zweite große Herausforderung

des Tages: den Albulapass.

Am Inn entlang rollen wir nach Zuoz und

entscheiden uns für einen „Boxenstopp“: Der

Himmel verdunkelt sich, wir ziehen dem

kurzen Sommerschauer ein Stück Engadiner

Nusstorte in der hiesigen Bäckerei vor. „Wir

nähern uns dem rätoromanischen Sprachgebiet“,

erklärt mir die gebürtige Zürcherin Andrea

kauend. Im Reiseführer steht‘s genau:

In Zuoz sprechen je 38 Prozent Deutsch und

Rätoromanisch, rund 15 Prozent Italienisch.

Hinter dem Pass sollen es gar 80 Prozent sein,

die in diesen seltsamen, aus der lateinischen

Umgangssprache entstandenen Dialekten

kommunizieren.

La Punt, das Tor zum Albulapass, liegt auf

1 687 Metern, bis zur traumhaft schönen

Passhöhe auf 2 312 Metern Meereshöhe gilt

es über zehn Kilometer lang die Zähne zusammenzubeißen,

die Kalorien der Nusstorte

sind schnell verbraucht. Vorbei an Bergrün

und dem eindrucksvollen Landwasserviadukt

der Rhätischen Bahn bei Filisur sausen

wir 26 Kilometer lang auf nasser Straße, aber

mit trockenen Kleidern nach Alvaneu-Bad

und nach den letzten 500 Höhenmeter verteilt

auf zwölf Kilometer zum Etappenziel

Lenzerheide-Valbella. „Wir sind auf 1 550

Metern“, weiß Andrea. Natürlich …

La bella Svizzera

Lenzerheide liegt auf der römischen Julierroute,

die sommers wie winters etwa eine

Million Touristen herführt. Trotz der Urlaubermassen

hat sich der eigentlich nur 2 500

Einwohner zählende Ort eine anheimelnde

Schönheit bewahrt, die wir am nächsten Morgen

nur ungern in Richtung Tessin verlassen.

Ein letzter Blick auf den magisch funkelnden

Heidsee und wir rollen gen Süden via Tiefencastel

nach Thusis. Wenn es die Tunnelpassagen

erlauben, werfen wir im Vorbeifahren

tiefe Blicke in die Via Mala und ich sehe vor

meinem geistigen Auge den grimmigen Mario

Adorf, der in der 80er-Jahre-TV-Verfilmung

von John Knittels Roman „Via Mala“

den Tyrannen Jonas Lauretz spielt. Bei Andeer

an der Rofflaschlucht halten wir an: Die

Schlucht ist touristisch erschlossen, nach einem

Stück Fußweg klettert man unter dem

Rhein hindurch und hinter den Wasserfall.

Heute morgen waren wir noch dick eingepackt,

nachdem es in der Nacht geregnet hatte.

Jetzt „güggselt“, wie Andrea sagt, die Sonne

hervor und schnell wird die Straße trocken

und uns wird warm. Die Sonnenstrahlen tauchen

die Via Mala sowie die Rofflaschlucht

in ein mystisches Licht, sanft steigt die Straße

nach Splügen an. „Halt! Kaffeepause!“ Irgendwie

klingt mir der San-Bernardino-Pass

gefährlich, ich fühle, dass ich meine Kräfte

sammeln sollte. Die Meereshöhe? „2 065 Me-

ter“, tönt es aus Andreas Richtung wie aus

der Pistole geschossen. Das sind ja nur noch

500, das müsste doch zu schaffen sein, denke

ich mir angriffslustig. In schönen sanften Serpentinen

winden wir uns acht Kilometer lang

hinauf, die Belohnung für die letzte Anstrengung

des Tages: 56 Kilometer lang können

wir unsere Beine bei der Abfahrt entspannen,

über San Bernardino, Mesocco, Roveredo, bis

nach Bellinzona in der italienischen Schweiz.

Auf den Spuren der Profis

Bellinzona wird die Stadt der drei Burgen

genannt, und jene kündigen sich auch schon

von Weitem an. Die Hauptstadt des Tessin

galt früher außerdem als das Tor zu Italien

und gefällt uns besonders durch den lombardisch-winkeligen

Charakter der Altstadt.

Hier rauschte auch die Schweizer Rundfahrt

2007 vorbei. Der Lokalmatador Fabian

Cancellara holte den Prolog- und den Finaletappensieg,

Gesamtsieger wurde der junge

Russe Vladimir Karpets. Die Etappe durch

Bellinzona nach Gubiasco ersprintete sich

Robbie McEwen.

Der Kampfgeist der Profis erwacht in uns:

Bis Biasca fahren wir uns „bergwarm“, die

Anstiege bis nach Airolo betragen schon

mehr als 800 Höhenmeter. Und dann taucht

sie vor unseren Augen auf: die gefürchtete

Tremola zum St. Gotthard-Pass. „24 Kehren

Kopfsteinpflaster“, Andrea deutet nach oben.

„Wenn wir oben sind, sind wir ca. 2 100 Meter

über dem Meer.“ Und gewaltig durchgeschüttelt,

denke ich mir ergänzend.

Nach der Passhöhe rollen wir hinunter nach

Hospental und entspannen uns auf ein paar

flachen Kilometern durch das Urserental. Das

Dach unserer Tour de Suisse steht uns bevor:

der Furkapass wartet mit einer Höhe von

2 431 Metern auf uns. Doch den lassen wir

noch ein wenig warten. „Ich hab‘ Hunger!“

bremse ich Andreas Gipfelsturm, die nur widerwillig

umdreht und einen Teller Spaghetti

Bolognese mit mir isst. Gut gestärkt mit

warmen Nudeln im Bauch machen wir uns

auf, den letzten Berg unserer Königsetappe

zu erklimmen. Auf den Wiesen neben der

zwölf Kilometer langen Auffahrt liegt noch

ein wenig Schnee von der Nacht, doch die

Bergblumen wehren sich kräftig gegen die

weiße Pracht. Der Anstieg zieht sich hin, die

Höhenmeter der letzten Tage machen sich in

den Beinen langsam bemerkbar. Auch mein

Rad beginnt zu ächzen: Die Kette quietscht!

„Das haben wir gleich!“ meint Martin, packt

sein Sonnenöl aus und streicht es kurzerhand

auf die Kette. „Wohl bekomm‘s!“ kommentiert

er seinen „Trick 17“. Und was soll man

Oben: In der Tiefe der Rofflaschlucht

kann man hinter den Wasserfall lugen.

Unten: In eindrucksvoller Höhe rattert

die Rhätische Bahn über das Viadukt

beim Albulapass.

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Reise

sagen? Der Kette hat‘s geschmeckt, kein

Ächzen und kein Stöhnen kommt mehr über

ihre Kettenglieder. Das Berner und Walliser

Alpenpanorama zeigt sich so wie der Furka

teils mystisch in Nebel gehüllt. Von nun an

geht‘s bergab nach Oberwald, die 3 200 Höhenmeter

dieser anstrengenden 125-Kilometer-Etappe

sind geschafft!

Im Schatten des Dreizack

„Güete morge!“ Zum Frühstück geht es am

nächsten Morgen auf den Grimselpass, in

vielen Serpentinen kurbeln wir uns elf Kilometer

lang auf 2 165 Meter hinauf. Auf der

Abfahrt nach Guttannen und Innertkirchen

durch das idyllische Haslital lacht uns durch

den Nebel endlich die Sonne entgegen, und

wir sagen dem Wallis adieu. Stausee um

Stausee rauscht an uns vorbei. Der Kanton

Bern begrüßt uns mit einer Flussfahrt an der

Aare bis zur Aareschlucht, hinter der wir ins

Rosenlauital – auch Reichenbachtal – einbiegen.

„Da hinten befi ndet sich die Rosenlaui-

Gletscherschlucht, ein bedeutendes Schweizer

Naturdenkmal. In der engen Schlucht

fl ießt das Schmelzwasser vom Rosenlauigletscher,

die Wände sind teilweise 70 bis 80 Meter

hoch“, schon wieder spricht Andrea von

Höhenmetern.

Wir schrauben uns durch diese eindrucksvolle

Schlucht Meter um Meter hinauf, teilweise

müssen wir bei bis zu 20 Prozent auch

richtig die Zähne zusammenbeißen. Unser

Ziel heißt „Große Scheidegg“ (1 962 m). Bei

einem Glas Rivella, laut Martin ein typisches

Schweizer Getränk, genießen wir den Blick

auf das berühmte Dreigestirn Eiger, Mönch

und Jungfrau, bevor wir nach Grindelwald

rollen. „Hier könnt ihr so richtig Gas geben!“

ruft uns Martin zu. „Die Straße ist für

Autos gesperrt, nur Postbusse fahren hier

rauf und runter“, ergänzt er erklärend. Aus

der Stille der Abfahrt heraus erscheint uns

Grindelwald doppelt quirlig, in der Tourismushochburg

ist im Sommer und Winter

richtig viel geboten. Zwanzig Kilometer rollen

wir weiter durch das Lütschinental bis

nach Interlaken und genießen die ständige

Aussicht auf das majestätische Trio.

Über 15 Kilometer himmelwärts

„Vierzehn Kilometer in den Schweizer

Himmel sind wir bisher gefahren“, rechne

ich mir aus, als ich am Abend in Interlaken

vor unserem Routenplan sitze. Nur noch

eine Etappe zurück nach Luzern steht uns

bevor, dann haben wir die Große Schleife

durch die Schweiz bewältigt. Am Ufer des

Oben: Jedes Jahr Ende August/Anfang Septem-

ber fi ndet das Unspunnen-Trachtenfest in Inter-

laken statt. Wie zum ersten Fest 1805 wird zum

Beispiel der Unspunnenstein gestoßen. Links:

Das Thuner Schloss in den Berner Alpen.

Thunersees kurbeln wir gemütlich in sanftem

Auf und Ab in Richtung Thun, werfen

einen Blick auf das mächtige Schloss und in

die Altstadtgässchen hinein und erreichen

trockenen Fußes den Fuß des Schallenbergs.

Der Pass auf 1 167 Metern ist der Übergang

zwischen dem Kanton Bern und dem Kanton

Luzern, oben treffen wir auf eine riesige

Schar Motorradfahrer, die brummend gerade

losstartet.

Bei Escholzmatt tauchen wir ins Entlebuch

ein, den „Wilden Westen“ von Luzern. Seit

2001 ist das Entlebuch, das Tal der Kleinen

Emme, UNESCO-Biosphärenreservat. Vor

Luzern erwartet uns noch ein kurzer, aber

giftiger Anstieg auf das Rengglad (886 m)

und die Abfahrt nach Malters, bei der uns

der hohe Kirchturm der Wallfahrtskirche

St. Jost den Weg weist. Unsere Tour de Suisse

geht mit einem Juchzer von Martins Seite

zu Ende. Bei einem deftigen „Zvieriplättli“

(Brotzeit) rechne ich noch einmal stolz unsere

Leistung zusammen: 15 500 Höhen- und

825 Kilometer haben wir auf sieben Etappen

geschafft.

Und übrigens: Meine Heimatstadt liegt 403

Meter über dem Meeresspiegel. Für meinen

nächsten Besuch in der Schweiz habe ich

das schon einmal recherchiert …

INFOS Schweiz

Die Schweizerische Eidgenossenschaft existiert als

loser Staatenbund seit dem 13. Jahrhundert; einem

Nationalmythos zufolge wurde sie am 1. August

1291 auf der Rütli-Wiese zur Gründung beschworen.

Die Schweiz in ihrer heutigen Form als föderalistischer

Bundesstaat wurde mit der Bundesverfassung

von 1848 geschaffen. Sie gliedert sich seit

1979 in 26 Kantone. Die Schweiz, seit 2002 Mitglied

der UNO und kein Mitglied der EU, hat 7 507 000

Einwohner, die Landessprachen sind Deutsch, Französisch,

Italienisch und Rätoromanisch.

Anreise mit dem Flugzeug

Wer nach Luzern möchte, fliegt am besten zunächst

nach Zürich, mit dem Interregio oder dem Leihauto

ab Flughafen erreicht man Luzern in etwa einer

Stunde.

Anreise mit dem Auto

Wer aus dem Westen Deutschlands kommt, der

reist über das Rheintal und Basel in die Schweiz

ein und kommt über die A 2 nach Luzern. Aus dem

übrigen Deutschland und aus Österreich erreicht

man Luzern über Wangen im Allgäu und Bregenz in

Vorarlberg und fährt weiter nach St. Gallen, auf der

Bundesstraße 8 geht es weiter bis nach Rapperswil,

über die A 3 und die A 14 weiter nach Luzern an

den Vierwaldstättersee.

Anreise mit der Bahn

Luzern ist von München in 5–6 Stunden mit der

Bahn zu erreichen. Tipp: Von vielen deutschen

Städten aus kommen Sie bequem über Nacht per

CityNightline in die Schweiz: www.citynightline.ch.

DB-Nachtzugauskunft: 01805/141514

(14 Cent/Min., 6.00-24.00 Uhr) • www.bahn.de

Schweizer Bundesbahn SBB

Rail Service: 0900/300 300 (1,19 CHF/Min.)

www.sbb.ch

Klima und Reisezeit

Wetterkundige sagen, Schweiz ist Europa im Miniaturformat:

Eisiges Kontinentalklima kennt man hier

genauso wie warme mediterrane Lüftchen. Wie

überall in den Bergen kommt es häufig zu raschen

Wetterumschwüngen. Am Alpennordrand regnet

es häufig. Eine Besonderheit der Alpen ist der Föhn,

der einen plötzlichen Temperaturanstieg, aber auch

Stürme hervorrufen kann. Die Luft in den Hochtälern

ist heilend.

Topografie

Der mehrfache Schweizreisende Mark Twain schrieb,

dass der Alpenstaat „einfach ein großer, buckliger,

massiver Felsen mit einer dünnen Grashaut“ sei.

Das trifft es nicht ganz: Mit Alpenvorland und Jura

besitzt die Schweiz rund 40 Prozent nichtalpine

Landschaften. Die alpine Bergwelt der Schweiz mit

ihren 74 Viertausendern ist vielfältig, die Pässe sind

gerade für Rennradfahrer legendär. Die Schweiz hat

rund 1 500 Seen. Mit Rhein, Rhône und Inn entspringen

große europäische Flüsse in der Schweiz.

Reisedokumente und Zoll

Der Personalausweis oder der Reisepass muss an

der Grenze vorgezeigt werden. Für die Ausfuhr von

Alkohol, Zigaretten und Parfüm gelten immer noch

strenge Grenzen.

Radrouten

Die Schweiz hat eine Stiftung, die sich eigens um

Radfahrer kümmert: das Veloland Schweiz. Insbesondere

Radwanderer und Mountainbiker finden

unter www.veloland.ch viele Informationen.

Radreisen und Bikestationen

• GustiZollinger.ch Radsportreisen GmbH

Bünte 39m, CH-5306 Tegerfelden

Tel. +41 (0)56/268 62-60 • Fax -61

info@gustizollinger.ch • www.gustizollinger.ch

Die Reportage entstand auf der Basis des Gusti

Zollinger SwissAlpenRide, der jedes Jahr im August

stattfindet. Reise direkt bei Gusti Zollinger buchbar!

• Radsport Gotthard (Touren u.a. mit Bruno Risi)

Gitschenstrasse 9, Postfach 155, CH-6460 Altdorf

Tel. +41 (0)41 874/16-99 • Fax -98

info@radsport-gotthard.ch • www.radsport-gotthard.ch

Buchbar in jedem TUI-Reisebüro.

Sehenswert

• Luzern: Kapellbrücke mit Wasserturm und Altstadt

• Tell-Denkmal in Altdorf • Glarus mit der neuromanischen

Stadtkirche • Weinstädtchen Maienburg

• Walenstadt mit Heidi-Musical • Lungenkurort

Davos • Zuoz mit Engadiner Häusern • Viadukt in

Filisur/Albulapass • Lenzerheide-Valbella mit Heidsee

• Via Mala und Roffla-Schlucht • Castello Bellinzona

• Berner Oberland mit Grindelwald und Eiger,

Mönch und Jungfrau • Rosenlaui-Schlucht • Schloss

Thun Entlebuch • UNESCO-Biosphärenreservat

Essen & Trinken

Das Glarner „Zigerhörnli“ ist ein mit Ziegenkäse

überbackenes Teighörnchen und eine regionale

Spezialität, jede (Sprach-)Region hat ihre eigenen










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Gerichte. Typische Gesamt-Schweizer Gerichte sind

das Käsefondue, Raclette, Älplermagronen und

Rösti. Letzteres hat auch den Röstigraben definiert.

Östlich dieser Grenze

gehört Rösti zu

den populärsten

Nationalgerichten,

westlich davon nicht.

Das heute weltweit

bekannte Birchermüesli

wurde um 1900

von einem Schweizer

Arzt, Dr. Maximilian

Bircher-Benner, in

Zürich entwickelt.

Informationen

Schweiz Tourismus

(Deutschland)

Postfach 16 07 54, 60070 Frankfurt a.M.

Tel. 00800/100 200 30 (gratis)

info@myswitzerland.com

www.myswitzerland.com

Webtipps

• www.schweizwochen.de

• www.ausflugsziele.ch

• www.centralswitzerland.ch

Lesetipps

• Das Marco Polo-Büchlein „Schweiz“ von

Rainer Stiller und Christof Hegi ist handlich

genug, dass es in die Trikottasche passt. Es

wurde bereits elfmal wieder aufgelegt und

ist sehr informativ und gleichzeitig mitunter

so witzig geschrieben, dass man laut

lachen muss. Preis: 8,95 Euro.

Info: www.marcopolo.de

• Der im September 2007 erschienene

HB-Bildatlas „Schweiz“ eignet sich mit schönen

Bildern hervorragend zum Einstimmen auf die

Reise. Preis: 8,50 Euro.

Info: www.hb-verlag.de

• Ausführlich alphabetisch: Baedeker „Schweiz“.

Preis: 25,95 Euro.

Info: www.baedeker.com

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