Energie & Umwelt - Schweizerische Energie-Stiftung

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Energie & Umwelt - Schweizerische Energie-Stiftung

Energie & Umwelt

Magazin der Schweizerischen Energie-Stiftung SES – 4/2009

Die SES auf dem Energie-Prüfstand

> Sind wir 2000-Watt-kompatibel?

> Klimasünderin Schweiz

> Zürich auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft


inhaltsvErzEichnis

Impressum

ENERGIE & UMWELT Nr. 4, Dezember 2009

Herausgeberin:

Schweizerische Energie-Stiftung SES, Sihlquai 67,

8005 Zürich, Telefon 044 271 54 64, Fax 044 273 03 69

info@energiestiftung.ch, www.energiestiftung.ch

Spenden-Konto: 80-3230-3

Redaktion & Layout: Rafael Brand, Scriptum,

Telefon 041 870 79 79, info@scriptum.ch

Redaktionsrat:

Jürg Buri, Rafael Brand, Dieter Kuhn, Rüdiger

Paschotta, Bernhard Piller, Linda Rosenkranz,

Sabine von Stockar, Reto Planta

Fotos SES-Energiecheck: Angel Sanchez

Re-Design: fischerdesign, Würenlingen

Korrektorat: Bärti Schuler, Altdorf

Druck: ropress, Zürich,

Auflage 9200, erscheint 4 x jährlich

Klimaneutral und mit erneuerbarer Energie gedruckt.

Abdruck mit Einholung einer Genehmigung und

unter Quellenangabe und Zusendung eines Belegexemplares

an die Redaktion erwünscht.

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Fr. 30.– Nichtverdienende

Energie & Umwelt 4/2009

SCHWERPUNKTTHEMA: Die SES auf dem Energie-Prüfstand

4 Mehr Klimaschutz:

Die Schweiz muss vom Saulus zum Paulus werden

Wollen wir eine globale Erwärmung von mehr als 2 Grad verhindern, müssen

die CO2-Emissionen bis 2050 auf 1 Tonne pro Kopf und Jahr sinken. Die grauen

Emissionen miteingerechnet, steht die Schweiz heute bei 12–18 Tonnen. Die

1-Tonne-pro-Kopf-Gesellschaft kann erreicht werden: mit einer Klimapolitik,

die den konsequenten Einsatz von klimaschützenden Technologien fördert

sowie finanzielle Anreize für klimafreundliches Verhalten schafft.

Die SES auf dem Energie-Prüfstand

Das SES-Team unterzog sich einem spielerischen Selbsttest, um herauszufinden,

wo es sich auf dem Weg hin zur 2000-Watt-Gesellschaft befindet. Das

Ergebnis: Es gibt bei uns allen noch viel zu tun.

8 Selbsttest Jürg Buri: Bereich Mobilität

In der 2000-Watt-Gesellschaft stehen jeder Person 500 Watt für die Mobilität

zur Verfügung. SchweizerInnen brauchen aber 1500 Watt. Das heisst, dass

unser verkehrsbedingter Energieverbrauch um zwei Drittel sinken muss.

10 Selbsttest Linda Rosenkranz: Bereich Wohnen/Heizen

Die 2000-Watt-Gesellschaft ist möglich, insbesondere im Bereich Wohnen/

Heizen. Um das Ziel zu erreichen, müssen Private, Wirtschaft und vor allem

die Politik am selben Strick ziehen und bestmögliche Standards verfolgen.

1 Selbsttest Bernhard Piller: Bereich Ernährung

Wie können wir die wachsende Weltbevölkerung in Zukunft ernähren? Eine

immer globalisiertere Nahrungsmittelproduktion bei zunehmender Ressourcen-

und Energieknappheit ist nicht zukunftsfähig.

14 Selbsttest Sabine von Stockar: Bereich Konsum

Es gibt keine Energieetikette für Konsumgüter, welche die graue Energie in

unseren Konsumgütern deklariert. Wer nicht nur «bio» oder «fair», sondern

energiebewusst einkaufen will, bleibt orientierungslos.

16 Selbsttest Rafael Brand: Bereich Automobilität

Matchentscheidend für eine nachhaltige Mobilität wird letztlich eine Verkehrs-

und Energiepolitik sein, die wirklich ernst macht. Und was uns alle

angeht: Nachhaltige Mobilität bedeutet viel, viel weniger (Auto-)Kilometer.

18 Selbsttest Dieter Kuhn: Bereich Strom/Elektrogeräte

Alleine durch den Einsatz der besten Technik kann der Energieverbrauch in

den nächsten Jahrzehnten um 40% reduziert werden.

0 l News l Aktuelles l Kurzschlüsse l

Zürich auf dem Weg zur 000-Watt-Gesellschaft

Die Stadt Zürich trägt das Energiestadtlabel GOLD und gehört zur Championsleague

der Schweizer Energiestädte. Als erste Gemeinde der Schweiz hat die

Stadt Zürich in der Volksabstimmung vom 30. November 2008 die Ziele der

2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung verankert. Der hohe Anteil

von 76 Prozent Ja-Stimmen zeigt, dass die Bevölkerung überzeugt hinter den

Zielen der Energiestadt Zürich steht.


Editorial

Bis zum Ziel fehlt noch viel

Von RETo PLANTA

Natur- und Umweltfachmann

Leiter Finanzen & Administration

Die Aufgabe schien einfach. Ein SES-

Mitglied hat im Magazin von CONTR-

ATOM GENF gelesen, dass es neue

Lampen für den Wohnbereich gibt, die

nur noch 1,8 Watt Strom benötigen.

«Wo in Zürich gibt es diese Wunderlampen?» stand im

Brief an uns. Ausgerüstet mit einem Bild machte ich

mich auf die Suche. Vom Migros Do-it-your-self zum

Coop, vom Media-Markt zum Interdiscount – überall

das gleiche Bild: Viel Reklame über «Energiesparlampen»,

aber von der «1,8-Watt-Wunderlampe» keine

Spur. Selbst beim Fachgeschäft EKZ hatte man keine

Kenntnis über diese Lampe. Während meiner Odyssee

quer durch Zürich kam mir der Satz «Im Haus muss

beginnen, was leuchten soll im Vaterland» in den Sinn.

Obwohl Jeremias Gotthelf damals gewiss nicht an den

Stromverbrauch unserer Beleuchtung gedacht hat,

passt der Satz gut zu dieser E&U-Ausgabe, denn wir

informieren Sie anhand unserer eigenen Lebensstile

über die Schritte hin zur 2000-Watt-Gesellschaft. Die

«SES auf dem Energie-Prüfstand» soll Denkanstösse

liefern und zum Nachahmen animieren. Die Selbsttests

zeigen aber auch, dass der Weg hin zur 2000-

Watt-Gesellschaft noch weit ist.

Die SES auf dem Energie-Prüfstand

Unser Geschäftsleiter Jürg Buri berichtet aus seinem

Leben als Bahn-Pendler (Seite 8). Die Kommunikationsverantwortliche

Linda Rosenkranz bilanziert ihren

Energiebedarf aus der Sicht einer Mieterin (Seite 10).

Der Fokus von Projektleiter Fossile Energien & Klima,

Bernhard Piller, liegt auf seinem Freizeitverhalten

(Seite 12) während die Projektleiterin Atom & Strom,

Sabine von Stockar, ihr Konsumverhalten analysiert

(Seite 14). Wie ein Auto in Zukunft zu seinem Minergiehaus

passt, beschreibt E&U-Redaktor Rafael

Brand (Seite 16). Und «last but not least» präsentiert

uns auch Stiftungsrat Dieter Kuhn seine persönliche

Energieetikette (Seite 18).

Sie alle sind auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft,

aber noch lange nicht am Ziel. Und solange dieser Weg

noch so steinig ist, wie ich es bei der Suche nach der

«1,8-Watt-Wunderlampe» erlebt habe, muss das Zitat

von Jeremias Gotthelf ergänzt werden: «Im Bundeshaus

muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland».

Denn ohne griffige Vorschriften hat es in keinem Umweltschutz-Bereich

je einen Fortschritt gegeben. Sei es

bei Autos oder bei Waschmaschinen: Die für die Umwelt

schlechtesten Modelle müssen vom Markt. Denn

solange es sie gibt, werden sie gekauft. Die SES hat

noch viel zu tun. Ein herzliches Dankeschön, dass Sie

uns dabei unterstützen. <

Das SES-Team hat sich auf den Energie-Prüfstand begeben (siehe Seiten 8–19), um im Selbsttest herauszufinden, wo es sich auf dem Weg hin zur 2000-

Watt-Gesellschaft befindet. Das Ergebnis war zu erwarten und ernüchternd: Es gibt bei uns allen noch viel zu tun.

Unsere Energieetiketten basieren auf dem Energiespiel der Stadt Zürich (www.stadt-zuerich.ch/energiespiel). Es ist uns klar: Das Energiespiel hat auch

Schwächen. Der angezeigte Verbrauch in Watt ist eher ungenau, vielleicht sogar beschönigend. Aber darum geht es nicht.

Es geht ums Mitmachen. Wer sich dem Selbsttest unterzieht, erkennt, wo es klemmt, wo die Herausforderungen auf dem Weg zum Ziel liegen. Sprich:

Das Spiel kann durchaus Nebenwirkungen verursachen, Denkanstösse liefern und eigene Verhaltensmuster und Gewohnheiten in Frage stellen. Und eine

Erkenntnis, die (hoffentlich) zu denken gibt: Es sind unsere eigenen Schwächen, Gewohnheiten und Bequemlichkeiten, die uns vom Ziel abhalten.

Es sei noch angemerkt: Der ECO2-Rechner (www.novatlantis.ch/index.php?id=29) erlaubt differenziertere Eingaben und liefert genauere Werte. Die Erkenntnis

bleibt die gleiche: Die 2000-Watt-Gesellschaft fängt bei uns an – der Weg ist machbar, aber noch weit.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe SES-Mitglieder. Die 2000-Watt-Gesellschaft erreichen wir nur, wenn wir zuerst vor der eigenen Türe wischen. Machen doch

auch Sie den Test und analysieren Sie, wie viel Energie Sie im Alltag brauchen. Viel Spass dabei wünscht Ihnen das SES-Team.

Energie & Umwelt 4/2009


KlimasündErin schwEiz

Mehr Klimaschutz: Die Schweiz muss vom

Saulus zum Paulus werden

Wenn wir eine globale Erwärmung von mehr als Grad verhindern wollen, müssen die

Treibhausgasemissionen bis 050 auf 1 Tonne Co pro Kopf und Jahr gesenkt werden. Werden

die grauen Emissionen miteingerechnet, so steht die Schweiz heute bei 1 –18 Tonnen.

Klar ist: Mit der derzeitigen Schweizer Klimapolitik werden die Emissionen weiter zunehmen.

Die 1-Tonne-pro-Kopf-Gesellschaft kann dennoch erreicht werden: mit einer

Klimapolitik, die den konsequenten Einsatz von klimaschützenden Technologien fördert

sowie finanzielle Anreize für klimafreundliches Verhalten schafft.

4 Energie & Umwelt 4/2009

Von BASTiEN GiRoD

Dipl. ETH Umweltnaturwissenschaftler

Nationalrat Grüne Partei der Schweiz (GPS)

Der Bundesrat schreibt in seinen Leitlinien

und im Aktionsplan 2008–2011 für

eine nachhaltige Entwicklung: «Gemäss

dem Intergovernmental Panel on Climate

Change (IPCC) müssen die globalen CO2-

Emissionen bis 2050 bis zu 50% im Vergleich

zum Niveau von 1990 verringert werden, um

den Temperaturanstieg unter 2°C zu halten und katastrophale

Auswirkungen für den Menschen zu vermeiden.»

Dass damit eine globale Erwärmung über

2 Grad verhindert würde, ist wohl wahr. Jedoch ist die

Schweiz viel stärker von der globalen Erwärmung be-

troffen und diese würde nota bene etwa 4 Grad ausmachen.

Eine Erwärmung von 4 Grad würde uns schwer

zu schaffen machen und hätte tatsächlich «katastrophale

Auswirkungen für die Schweiz»! Falsch ist

hingegen, dass das IPCC sage, die Emissionen müssten

«bis zu 50%» reduziert werden. Gemäss IPCC-Report

müssen nämlich für eine Erwärmung von 2 bis 2,4

Grad die Emissionen bis 2050 um 50 bis 85 Prozent

reduziert werden (IPCC 2007).

Wie viel Co pro Kopf ist tragbar?

Obiges Zitat zeigt: Der Bundesrat unterschätzt die

Herausforderung für das Erreichen des 2-Grad-Ziels

und zitiert den IPCC-Bericht falsch. Wie hoch die

CO2-Reduktion sein muss, lässt sich leider nicht

aufs Prozent genau bestimmen. Es ist vielmehr eine

Frage der Wahrscheinlichkeit. Die neusten Resul-


Foto: dreamstime

tate der Klimaforschung (Meinshausen et al. 2009)

zeigen, dass eine CO2-Reduktion bis 2050 um 50 Prozent

immer noch eine Wahrscheinlichkeit von etwa

30 Prozent birgt, dass die Temperatur um mehr als

2 Grad steigt – mit laut Bundesrat «katastrophalen

Auswirkungen für den Menschen». Um diese Gefahr

zu halbieren, müssen die CO2-Emissionen bis 2050 auf

10 Mia. Tonnen CO2 pro Jahr gesenkt werden. Bei einer

Weltbevölkerung von 9,2 Milliarden Menschen 1

im Jahr 2050 (und der Annahme, dass wir nicht mehr

Recht auf Klimaerwärmung haben als andere Bewohner

dieses Planeten) macht das etwa 1 Tonne CO2 pro

Person und Jahr aus. Wollen wir die Wahrscheinlichkeit

einer Klimaerwärmung mit «katastrophalen Auswirkungen»

unter 20 Prozent halten, müssen wir die

1-Tonnen-Gesellschaft nicht erst bis 2100 – wie das

Bundesamt für Umwelt (BAFU) schreibt – sondern bereits

bis 2050 realisieren.

Wie viel Co pro Kopf stossen wir heute aus?

Noch immer schreibt das Bundesamt für Energie:

«Dank quasi-CO2-freier Stromproduktion verfügt die

Schweiz mit 5,8 t CO2 über den niedrigsten jährlichen

CO2-Ausstoss pro Einwohner in Westeuropa (EU-Durch-

schnitt: 8,24 t CO2). Im Vergleich dazu emittiert ein

Durchschnitts-Amerikaner 20,57 t CO2.» Doch das Bild

der sauberen Schweiz ändert sich rasch, wenn auch

die grauen Emissionen mit einbezogen werden. Also

die Emissionen, die wir in der Schweiz verursachen,

die aber nicht über Schweizer Territorium ausgestossen

werden.

Denn die Schweiz hat kaum noch Schwerindustrie

oder Raffinerien. Wir importieren Güter – und damit

auch graue Emissionen. Das ist in grösseren Ländern

wie Deutschland, Frankreich oder den USA anders.

China ist sogar Exporteur von grauen Emissionen.

Berücksichtigt man gemäss Verbraucherprinzip auch

die grauen Emissionen netto, so belaufen sich gemäss

Es braucht die 000-Watt- und die 1-Tonnen-Co -Gesellschaft

Die Bevölkerung der Stadt Zürich hat entschieden, die 2000-Watt-

Gesellschaft bis 2050 anzustreben und gleichzeitig die CO2-Emissionen

auf 1 Tonne pro Kopf zu reduzieren. Das ist genau richtig,

denn wir brauchen beides. Wenn die 2000-Watt-Gesellschaft mit

fossiler Energie betrieben wird, würden immer noch 4 Tonnen CO2

resultieren. Deshalb müssen 1500 Watt aus erneuerbaren Energien

stammen. Würden wir hingegen alleine die 1-Tonne-CO2-Ausstoss

pro Kopf und Jahr anstreben, ginge der Fokus, den Energiekonsum

zu reduzieren, verloren. Dieser ist wichtig, weil erneuerbare Energien

– zumindest heute – noch nicht unbegrenzt verfügbar sind. Mit dem

Anstreben der 2000-Watt- und 1-Tonnen-CO2-Gesellschaft wird auch

Pseudo-Klimaschutz mittels neuen AKWs verhindert. Ruedi Rechsteiner

meinte dazu treffend: «AKWs als Klimaschutz: Das ist, als ob man

einem Übergewichtigen raten würde, doch mit Rauchen zu beginnen,

um abzunehmen».

Globale Klimaerwärmung

Unsere Klima-Zukunft: Der Anstieg der CO2-Emissionen und die Klimaerwärmung – ohne Klimaschutz (rot),

bzw. wenn die CO2-Äquivalente bis 2050 auf 1000 Milliarden Tonnen beschränkt werden (blau). Seit dem Jahr

2000 sind bereits ein Drittel dieses «Budgets» aufgebraucht.

einer vom BAFU in Auftrag gegebenen Studie die gesamten

Treibhausgas-Emissionen auf 12 Tonnen pro

Kopf und Jahr (Jungbluth et al. 2007). Eine aktuelle

internationale Studie kommt für die Schweiz sogar

auf 18,4 Tonnen pro Kopf (Hertwich and Peters 2009,

siehe auch www.carbonfootprintofnations.com und

Seite 6). Die Studie zeigt auf, dass die Schweiz zu den

Ländern mit dem grössten Anteil grauer Emissionen

gehört.

Das will heissen: Die Schweiz ist besonders anfällig

dafür, ihre Klimaschutz-Anstrengungen zu überschätzen!

Senken wir «nur» die in der Schweiz anfallenden

CO2-Emissionen auf 1 Tonne pro Kopf, verringern jedoch

nicht auch die grauen Emissionen, so bleiben wir bei

zwischen 8 und 14 Tonnen stehen.

1 Mittlere UNO-Prognose: www.un.org/popin/data.html

Quelle: Novatlantis, Leichter leben.

Energie & Umwelt 4/2009 5


www.carbonfootprintofnations.com

Das Bild der sauberen Schweiz ändert sich rasch: Berücksichtigt man auch die grauen

Emissionen netto, so belaufen sich die gesamten Treibhausgas-Emissionen auf 12 Tonnen

pro Kopf und Jahr. Eine aktuelle internationale Studie kommt für die Schweiz sogar auf

18,4 Tonnen pro Kopf.

6 Energie & Umwelt 4/2009

Co -Emissionen steigen mit dem Einkommen

Wie eine Untersuchung der Ausgaben der Schweizer

Haushalte und entsprechender direkter und grauer

CO2-Emissionen zeigt, variieren die Emissionen pro

Kopf innerhalb der Schweiz sehr stark (Girod and de

Haan 2009b). Den grössten Einfluss hat das Einkommen:

Wer mehr verdient, gibt mehr aus und hat

deshalb im Durchschnitt auch höhere Emissionen.

Doch auch bei gleichem Einkommen beträgt der

Unterschied bezüglich den verursachten Treibhausgas-

Emissionen zwischen den 10 Prozent an Haushalten

mit dem «best practice»-Konsummuster und jenen

10 Prozent mit dem «worst practice»-Konsummuster

mehr als einen Faktor 3.

Personen mit«best practice»-Konsummuster zeichnen

sich vor allem dadurch aus, dass sie nicht fliegen, wenig

Auto fahren, in klimafreundlich geheizten Gebäuden

leben und ihr Geld eher für Kultur und Qualität anstatt

für Quantität ausgeben. Das «worst practice»-

Konsummuster hat bezüglich Klimabelastung genau

gegenteilige Eigenschaften.

Dass es entscheidend ist, wie die Haushalte sich verhalten,

zeigt ein kleines Rechenbeispiel: Das Kyoto-

Ziel einer Reduktion der Emissionen um 8% bis 2010

(verglichen mit 1990) könnte erreicht werden, wenn

der Anteil «best practice»-Konsummuster von 10% auf

26% erhöht würde, oder die Konsummuster mit den

höchsten Emissionen von 10% auf 1% reduziert würden.

Das Beispiel zeigt insbesondere, dass jene Haushalte

mit «klimafeindlichen» Konsummustern einen

ungleich grösseren Einfluss auf die Gesamtbilanz der

Schweiz haben. Eine andere Untersuchung gibt Hinweise,

wie sich der Konsum und die mit ihm verbundenen

Treibhausgas-Emissionen in Zukunft verändern

(Girod and de Haan 2009a). Es ist anzunehmen,

dass der Konsum mit steigendem Einkommen sich in

Richtung jener Konsummuster entwickelt, die bereits

heute reichere Haushalte zeigen. Das bedeutet: mehr

Qualität, mehr auswärts essen, mehr Dienstleistungen

und – für das Klima weniger erfreulich – auch

mehr (Auto-)Kilometer und Mobilität. Insgesamt werden

darum die Treibhausgas-Emissionen ohne ernsthafte

Klimaschutzbemühungen in Zukunft weiter

zunehmen.

Was wäre bereits heute möglich?

Die CO2-Emissionen von 12 respektive 18 Tonnen auf

eine Tonne pro Kopf und Jahr zu senken, hört sich

schwieriger an, als es effektiv ist. Um nicht Kraut mit

Rüben zu verwechseln, muss die Klimapolitik in verschiedene

Handlungsbereiche aufgeteilt werden. So

zeigt sich auch besser, wo die Schweiz welche Massnahmen

ergreifen soll und kann:

n Grosses Potenzial beim Endkonsum

Die Emissionen in der Schweiz beim Endkonsum – bei

Verkehr und Gebäuden – zu reduzieren, ist eigentlich

am einfachsten. Die Massnahmen sind wirtschaftlich

interessant, weil sie keineswegs die Produktion verteuern

und die Wettbewerbsfähigkeit reduzieren. Im

Gegenteil, mit einem forcierten Klimaschutz in diesen

Bereichen lassen sich sogar ertragsversprechende Innovationen

für künftige Märkte entwickeln.

Technisch ist heute bereits vieles möglich. Bis 2050

könnte z.B. problemlos auf «Zero-Emission»-Autos

umgestellt werden. Nicht von alleine, jedoch mit den

nötigen politischen Emissionsvorschriften. Damit der

Energiekonsum der Elektrofahrzeuge wiederum nicht

explodiert, braucht es allerdings auch Vorschriften

für ihr Gewicht, um die Leichtbauweise zu fördern.

Ähnlich sieht es bei den Neubauten aus: Diese könnten

auf Null-Emissionen gesenkt werden. Bei bestehenden

Bauten hingegen ist das technisch schwieriger. Mit

dem Gebäudeprogramm wurde aber der richtige Weg

eingeschlagen, der jedoch noch konsequenter fortgesetzt

werden muss.

n Graue Emissionen: Anstrengungen der Wirtschaft

schützen

Schwieriger ist es, die grauen Emissionen in der produzierenden

Wirtschaft zu senken. Hier besteht – anders


als bei den Emissionen, die lokal mit dem Endkonsum

verknüpft sind – die Gefahr, dass bei zu kostspieligen

Massnahmen die Produktion einfach in Länder ohne

Klimaschutzregime verlagert wird, womit unter dem

Strich nichts erreicht wäre. Jedoch besteht diese Gefahr

nur bei einem relativ kleinen Teil der Wirtschaft.

Für diesen wäre ein Grenzfallausgleich sinnvoll. Für

exportierte Produkte wird die CO2-Abgabe zurückerstattet,

auf importierten wird eine Abgabe auf graue

Emissionen erhoben. So könnte in der Schweiz die CO2-

Abgabe stark erhöht werden, ohne sich Wettbewerbsnachteile

einzuhandeln. Im Gegenteil, die Wirtschaft

würde sich auf die Zukunft ausrichten, in der fossile

Energieträger aufgrund politischer Anstrengungen

und/oder Verknappung bestimmt teurer werden.

n Knacknuss Flugverkehr

Um die 1-Tonnen-Gesellschaft zu erreichen, ist der

Flugverkehr die grösste Knacknuss. Technisch ist das

Potenzial limitiert. Weil leichter Brennstoff mit hoher

Energiedichte benötigt wird, ist eine Elektrifizierung

nicht möglich. Und sogar wenn Treibstoffe aus

sozial und ökologisch unbedenklichen – falls das je

in grösseren Mengen möglich ist – Agrotreibstoffen

hergestellt würden, bliebe die höhere Klimawirksamkeit

der Emissionen bestehen, welche die Flugzeuge

bei Reiseflughöhe in die Atmosphäre entlassen. Hier

muss deshalb mit finanziellen Anreizen gearbeitet

werden, um die Zahl und Distanz der Flüge auf ein

klimaverträgliches Mass zu bringen.

Starke Reduktion der Treibhausgase ist

problemlos finanzierbar

Bereits das Potenzial an Massnahmen, die zu negativen

Kosten – also insgesamt gewinnbringend – umgesetzt

werden könnten, ist riesig. Würde der damit

erwirtschaftete Gewinn für weitere Klimaschutzmassnahmen

verwendet, liessen sich bis 2030 mit

heutiger Technik 45% der Emissionen einsparen

(McKinsey 2008). Von allein aber geschieht das nicht!

Auch die Massnahmen, die direkt zu Einsparungen

führen (z. B. sparsamere Autos), werden nicht von

sich aus ergriffen.

Der Stimmzettel hat die grösste Macht

Zentral ist die Erkenntnis, dass das Erreichen der 1-

Tonnen-Gesellschaft nicht über freiwillige Beschränkungen,

sondern durch kollektive Entscheide erreicht

werden kann und muss. Einzelne Personen zeigen

heute schon, dass Lebensqualität mit sehr wenig CO2-

Ausstoss vereinbar ist. Sie beweisen, dass es bereits

heute ginge und das Verhalten einen Einfluss hat.

Letztlich handelt es sich um ein globales Problem, zu

dessen Lösung alle beitragen müssen. Nur wenn die

Knacknuss Flugverkehr: Technisch ist das Potenzial limitiert. Finanzielle Anreize müssen

dafür sorgen, dass sich die Zahl und Distanz der Flüge auf ein klimaverträgliches Mass

reduzieren.

Rahmenbedingungen für die Wirtschaft so gesetzt

werden, dass ein Wettbewerb um Lösungen entsteht,

die konform mit der 1-Tonnen-Gesellschaft sind und

klimafreundliches Verhalten auch finanziell einigermassen

Sinn macht, kann die Gesellschaft als Ganzes

dieses Ziel rechtzeitig erreichen. Es sind also letztlich

die BürgerIn und das Stimmverhalten und nicht die

KonsumentIn und das Konsumverhalten, die uns zur

1-Tonnen-Gesellschaft führen können. <

Literatur zum Thema

n Girod, B. and P. de Haan. 2009a. Better or more? A model on changes in

greenhouse gas emissions of households due to higher income.

Energy Policy 37 (12): 5650–5661.

n Girod, B. and P. de Haan. 2009b. GHG reduction potential of changes in consumption

patterns and higher quality levels: Evidence from Swiss household

consumption survey. Energy Policy (accepted).

n Hertwich, E. G. and G. P. Peters. 2009. Carbon Footprint of Nations: A Global,

Trade-Linked Analysis. Environmental Science & Technology 43 (16):

6414–6420.

n IPCC, ed. 2007. Climate Change 2007: Mitigation of Climate Change Edited

by B. Metz, O. R. Davidson, P. R. Bosch, R. Dave and L. A. Meyer. Cambridge:

Cambridge University Press.n IPCC (2007): Climate Change 2007 – Mitigation

of climate change, working group III, Summary for policy makers, Intergovernmental

panel on climate change, WMO, UNEP.

n Jungbluth, N., R. Steiner and R. Frischknecht: Graue Treibhausemissionen

der Schweiz 1990–2004. [Swiss embodied GHG emissions 1990– 2004.],

Umwelt-Wissen Nr. UW-0711. Bern: Bundesamt für Umwelt, 2007.

n McKinsey&Company, 2008. Swiss Greenhouse Gas Abatement Cost Curve.

How Switzerland can save up to 45 percent CO2 by 2030.

n Meinshausen, M., N. Meinshausen, W. Hare, S. C. B. Raper, K. Frieler, R. Knutti,

D. J. Frame and M. R. Allen, 2009. Greenhouse-gas emission targets for

limiting global warming to 2°C. Nature 458 (7242):1158–1162.

Energie & Umwelt 4/2009

Foto: dreamstime


sElbsttEst Jürg bUri: bErEich mobilität in dEr 2000-watt-gEsEllschaft

Der Kluge reist trotzdem mit dem Zug

KUrzporträt

Jürg Buri, SES-Geschäftsleiter

Wohnen/Heizen: Zu zweit in Dreizimmerwohnung, 3-stöckiges Haus

aus den dreissiger Jahren, Ölheizung, teilsaniert, Fensterfugen handisoliert,

Dusche und Hahnen mit Durchflussbegrenzern, keine Vollbäder.

Elektrogeräte: Neue Küche mit besten Geräten, Geschirrspüler, überall

Stromsparlampen, ein Laptop, Wlan, Stereoanlage, kein Standby.

Mobilität: Arbeitspendler Bern–Zürich (1000 km pro Woche), kein Auto,

zwei Fahrräder. Alle 5 Jahre eine grössere Reise.

Ernährung: Fast nur regionale und saisonale Bio-Produkte, keine

Tiefkühlkost, keine Tropenfrüchte, keine Fertigprodukte. 2–4 Mal Mittagessen

im Restaurant, 2–3 Mal Fleisch pro Woche.

Konsum: Ich besitze wenig und lasse flicken, was sich flicken lässt. Beim

Kauf achte ich auf Qualität und lange Lebensdauer, wenn immer möglich

bevorzuge ich einheimisches oder zumindest europäisches Schaffen.

8 Energie & Umwelt 4/2009

+ + + STÄRKEN + + +

Ausschliesslich hochwertige Nahrungsmittel aus der Region. Wenige

Konsumgüter, wenn möglich «made in Switzerland» und langlebig.

Raumbedarf ist klein, das Schlafzimmer kalt. Tiefer Stromverbrauch,

100% erneuerbar! Ich habe kein Auto und fahre wenn immer möglich

mit Zug oder Velo.

- - - SCHWÄCHEN - - -

Die Arbeits-Pendlerei nach Zürich trübt die Energiebilanz massiv. Das

schöne alte Mietshaus hat zwar dicke gute Mauern, ist aber noch keine

«Thermosflasche» und wird mit Öl geheizt.

: : : ZiELE : : :

Die 1000 Bahnkilometer jede Woche sind bei heutiger Technologie nicht

2000-Watt-kompatibel. Also müsste der Arbeitsort nach Bern kommen

oder der Wohnort nach Zürich gehen. Bei meiner Hausbesitzerin ist

das Unterfangen «neue Fenster» bereits angelaufen. Weitere Ideen in

Richtung Holz- statt Ölheizung sind am Gären.


ÖV ist gut, Velofahren und Zuhausebleiben ist besser

Die fast 8 Mio. SchweizerInnen legen

jährlich im Inland 120’715 Mio. Personenkilometer

zurück. Jede SchweizerIn

fährt im Schnitt 0,4 Mal um die Welt.

Vor 40 Jahren waren wir genau halb so

viel unterwegs. Heute legen wir diese

Kilometer zu 77% im Auto und zu 23%

mit dem öV zurück. Die Verteilung hat

sich seit 40 Jahren kaum verändert.

Schlechter sieht es beim Transport von

inländischen Gütern aus. Hier haben

sich die Tonnenkilometer in 40 Jahren

verdoppelt, die Bahn hat kontinuierlich

an Terrain verloren. Während sie 1970

noch fast 1/3 aller Güter transportierte,

sind es heute noch etwa 1/6. Heute transportieren

wir dreimal so viele Güter im

Lastwagen wie mit der Bahn. Fazit: Egal

ob Güter oder Personen: Die Mobilität

und der Energieverbrauch dafür haben

enorm zugenommen.

Unser heutiges Mobilitätsverhalten ist

alles andere als 2000-Watt-kompatibel.

Während ein Inder im Durchschnitt

mit insgesamt 500 Watt durchs Leben

«geht», verbrauchen wir heute in

40’000 Bahnkilometer sind zu viel

In Bern wohnen und in Zürich arbeiten,

heisst jährlich über 40’000 Bahnkilometer

zurücklegen. Auch mit mehrheitlich

erneuerbarem Strom (SBB-Strommix:

75% Wasserkraft, 25% aus Atomkraftwerken

(F) und Strombörsen) ist meine

Arbeitspendlerei nicht 2000-Watt-kompatibel.

Jedenfalls nicht mit heutiger

Bahntechnologie. In meinem persönlichen

Energiebudget frisst alleine die

Arbeitspendlerei ganze 1500 Watt von

4270 Watt Gesamtverbrauch. Die Pendlerei

zwischen Bern–Zürich verbraucht

ungefähr 20-mal weniger Energie als

die tägliche Autopendlerei mit einem

Kleinwagen und einer Person drin.

Aber in der Bahninfrastruktur steckt

viel graue Energie. Nur gerade 10% des

gesamten Energieverbrauchs geht aufs

Konto der direkten Fahrenergie. 90%

der Energie stecken im System in Form

von Infrastruktur, Schienennetz und

Rollmaterial. Trotzdem: Vergleicht man

verschiedene Studien zum Primär-Energieverbrauch

verschiedener Personen-

der Schweiz alleine für die Mobilität

1500 Watt (von 6000 Watt Gesamtverbrauch).

Gemäss ETH hat eine Person in der

2000-Watt-Gesellschaft 500 Watt für

die Mobilität zur Verfügung. Das heisst,

der verkehrsbedingte Energieverbrauch

muss bei jedem um 2/3 sinken. Die Ellipson-Studie

der Umweltverbände hat

deutlich gezeigt, dass wir mit effizienteren

Autos das Ziel nicht erreichen.

Würden wir ab 2012 sämtliche ausrangierten

PWs mit einem Toyota Prius ersetzen,

so würden wir bis 2050 nur rund

ein Drittel der Energie einsparen. Wir

brauchen aber das Doppelte an Einsparung.

Eine weitere Effizienzsteigerung

auf 500 Watt hinunter ist nur zu erreichen,

wenn wir zu viert im 2-Liter-Auto

rumfahren, den flächen- und energieeffizienteren

öV massiv ausbauen, die

Ferien im Engadin statt auf den Malediven

verbringen und dort arbeiten, wo

wir wohnen – also auch unser Verhalten

ändern. <

verkehrsmittel (inkl. graue Energie), so

schneidet ein Schnellzug zwischen drei-

bis fünfmal besser ab als ein Personenwagen.

Bezogen auf die CO2-Emissionen

ist die Bahn dank dem klimafreundlichen

SBB-Strommix hierzulande bis

zu 10-mal klimafreundlicher.

Die Mobilität der Zukunft und die neue

Lust am Zuhausebleiben müssen also

erst noch entwickelt werden. Denn alles,

was zwei Tonnen schwer ist und 80 kg

Körperfleisch von A nach B transportiert,

ist nicht zukunftsfähig – egal ob Benziner,

Gasauto, Hybrid, Plugin-Hybrid

oder Elektroantrieb. Wir brauchen viel

kleinere, leichtere und energieeffizientere

Fahrzeuge, neue Mobilitäts-Konzepte,

viel mehr öffentlichen Verkehr

und eine noch effizientere Eisenbahn.

Die SBB haben sich zum Ziel gesetzt, bis

2015 – trotz Mehrangebot mit Mehrverkehr

– zehn Prozent Energie einzusparen.

Das würde dem Verbrauch von

58’000 Haushalten entsprechen. Das ist

ein Anfang. <

Transportmittelvergleich

Auf ecopassenger.com können Sie eine

Strecke frei wählen und rausfinden, welches

Verkehrsmittel wie viel Energie braucht, wie

viel CO2 dabei emittiert wird und was für Luftbelastungen

sie verursachen. In obiger Grafik

fahre ich von Bern nach Wien. Sie sehen, dass

der Primärenergie-Verbrauch im halbvollen

Zug mehr als viermal tiefer liegt, als wenn ich

alleine im Kleinwagen dorthin fahre.

Kostenvergleich

Die SBB bietet ihren Kunden einen Preisvergleich

auf ihrer Website an. Der Service richtet

sich vor allem an Pendler. Diese lernen Erstaunliches.

Der Arbeitspendler von Bern nach

Zürich bezahlt für ein 2.-Klasse-GA im Jahr

3100 Franken. Würde er die Strecke jeden Tag

mit einem VW Golf zurücklegen, müsste er

Fahrzeugkosten von jährlich 31’668 Franken

berappen. Das ist fast genau das 10fache.

http://mct.sbb.ch/mct/vergleichsrechner

Komfortvergleich

ENERGiESPARTiPPS

Reist der Kluge wirklich im Zuge? Die eigene

Pendler-Feldstudie lässt folgende Feststellung

zu: Der Zugpendler hat im Gegensatz

zum Autopendler keinen Staustress, keinen

Baustellenstress, keinen Überholstress, keinen

Parkplatzsuchstress. Dafür hat der Kluge

im Zuge Zeit zum Arbeiten, zum Lesen, zum

Quatschen, zum Leute kennenlernen oder zum

Schlafen. Der Lerneffekt im Zug ist um Welten

höher als im Auto. Deshalb ist richtig: Der Zug

macht klug!

Energie & Umwelt 4/2009


sElbsttEst linda rosEnKranz: bErEich wohnEn/hEizEn in dEr 2000-watt-gEsEllschaft

ich möchte in einem Kraftwerk wohnen

KUrzporträt

Linda Rosenkranz, SES-Kommunikationsverantwortliche

Wohnen/Heizen: Ich wohne in einem 10-Parteien-Wohnblock im

5. Stock. Das Haus wird mit einer Ölheizung geheizt, die Radiatoren sind

nur zum Teil regulierbar, es gibt weder einen Thermostaten noch eine

individuelle Heizkostenabrechnung.

Elektrogeräte: Kühlschrank mit Energieetikette A, kein Geschirrspüler,

kein Lift. Persönliche Geräte entweder alt oder beste Technologie,

überall Stromsparleisten, kein Standby.

Mobilität: Arbeits-Pendlerin von Luzern nach Zürich (400 Kilometer pro

Woche), bin immer und viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit

dem Fahrrad unterwegs.

Ernährung: Wenig Fleisch und fast nur regionale und saisonale Produkte.

Konsum: Ich lese zu viele Zeitungen und Magazine und kaufe zu gerne

Schuhe und Kleider.

10 Energie & Umwelt 4/2009

+ + + STÄRKEN + + +

Verdichtetes Wohnen im Genossenschafts-Wohnblock. Nur mit Fahrrad

oder öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Sehr bewusster Umgang

mit Nahrungsmitteln, Elektrizitiäts- und Wärmeverbrauch.

- - - SCHWÄCHEN - - -

Zu grosser Konsum an Printprodukten, v.a. Zeitungen, Magazinen und

Büchern. Kaufe öfters neue Kleider und Schuhe. Geheizt wird mit Öl und

ohne «Spar-Anreiz». Nehme einmal wöchentlich ein heisses Bad. Ausserdem

pendle ich täglich mit dem Zug von Luzern nach Zürich und zurück.

: : : ZiELE : : :

Den Genossenschaftsverwalter bitten, Thermostaten einzubauen. Antrag

an die Wohngenossenschaft auf individuelle Heizkostenabrechnung

stellen. «Nur» noch eine Zeitung täglich kaufen und wöchentliches Bad

nicht ganz füllen.


Gebäude sollen zu Kraftwerken werden

Die 2000-Watt-Gesellschaft ist möglich,

insbesondere im Bereich Wohnen/Heizen.

Ein Einfamilienhaus aus dem Jahr 1970

braucht durchschnittlich 12–15 Liter

Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche

für Heizung und Warmwasser. Bei einem

2003 erbauten Standard-Einfamilienhaus

sind es 9 Liter Heizöl, beim Minergie-P-Wohnhaus

noch 3 Liter Heizöl.

Noch besser schneiden Plusenergiehäuser

ab: Die neueste Generation funktioniert

wie ein Kraftwerk, sie produziert dank

Photovoltaik und Solarwärme bis zu

dreimal mehr Energie, als es für Heizung,

warmes Wasser und Strom verbraucht.

Hausbesitzerinnen werden so

zu Energielieferanten.

Um im Heiz- und Wohnbereich die

2000-Watt-Gesellschaft zu erreichen,

müssten also Öl- und Elektroheizungen

ersetzt werden, die Gebäude gedämmt,

die Fenster ausreichend isoliert und

die Warmwasserproduktion auf Solarthermie

umgestellt werden.

Doch die Erneuerung des Schweizer Ge-

ich will in der Sonne baden!

Wollen wir das Ziel 2000-Watt-Gesellschaft

erreichen, so müssen Private,

Wirtschaft und vor allem die Politik am

selben Strick ziehen. Unsere PolitikerInnen

müssen sich heute für die richtigen

Leitplanken entscheiden.

Um die 2000-Watt-Gesellschaft im

Gebäudebereich zu erreichen, müssen

sie griffige Massnahmen durchsetzen.

Das heisst, für Neubauten wie auch

für Gebäudesanierungen müssen die

bestmöglichen Standards gelten. Ich

fordere von der Schweizer Politik, dass

sie endlich den Ausstieg aus dem fossilen

Zeitalter plant und durchführt. Das

macht die Schweiz unabhängiger vom

Ausland und garantiert so eine höhere

Wertschöpfung im Inland und damit

auch neue Arbeitsplätze. Auch für kommende

Generationen ist es sehr wichtig,

dass wir nicht alles Öl aufbrauchen. Sie

werden es beispielsweise für die Herstellung

von Medikamenten benötigen.

Das wertvolle Öl darf also nicht mehr

bäudeparks geschieht nur sehr zögerlich.

Von den 3,8 Millionen Wohnungen

(Ein- und Zweifamilienhäuser, Eigentums-

und Mietwohnungen) werden

jährlich nur etwa 2700 saniert. Gerade

deshalb ist es so wichtig, im Wohnbereich

bereits heute Energie zu sparen:

Heizung und Warmwasser verbrauchen

durchschnittlich 12 Liter Heizöl im Jahr

pro Quadratmeter Wohnraum. Das sind

mindestens 6 bis 9 Liter zu viel. Wir

SchweizerInnen bezahlen für Heizung

und Warmwasser jährlich rund 8,5 Milliarden

Franken – 4 bis 6 Milliarden

Franken davon für nichts.

Das Geld könnte mit einfachsten Tricks

eingespart werden (siehe nebenan).

Jährlich eine ganze Badewanne voll

Heizöl pro Person würde so weniger verheizt.

Schweizweit macht das pro Jahr

rund 280 Millionen Liter Heizöl aus

oder anders gesagt, genügend Energie,

um rund 250’000 EinwohnerInnen mit

Wärme zu versorgen und 924’000 Tonnen

CO2 einzusparen. <

unnötig für Raumwärme und Warmwasser

vergeudet werden. Ein wesentlicher

Beitrag wäre ein Verbot von

Ölheizungen in Neubauten. Gekoppelt

mit einem Sonnenkollektoren-Obligatorium

könnte auch das Warmwasser

sauber aufgewärmt werden. Das Gute

daran: Sonnenkollektoren werden bereits

von vielen Kantonen gefördert.

Noch besser: Ich könnte in der Kraft der

Sonne baden.

Meine Vision vom Wohnen in der 2000-

Watt-Gesellschaft sieht so aus: Ich will

eine Wohnung in einem optimal isolierten

Kraftwerk-Wohnblock mieten. Beste

Verglasung, Wärmerückgewinnung

und Warmwasser durch Sonnenkollektoren

sind dabei Mindeststandard. Der

Block muss Platz haben für viele Menschen,

in unmittelbarer Nähe stehen zu

Bushaltestelle und Einkaufsmöglichkeit

und eben: Er sollte mehr Energie produzieren,

als er braucht. <

ENERGiESPARTiPPS

Richtig heizen – Kosten sparen

Wer clever mit Wärme haushaltet,

kann viel Geld sparen.

Hier die wichtigsten und einfachsten

Tipps:

n 1ºC weniger Raumtemperatur spart

6 Prozent Heizkosten.

n Fensterdichtungen: Passt ein dünner

Papierstreifen bei geschlossenem Fenster

durch, muss nachgebessert werden.

n Heizkörper mit Thermostatventilen versehen.

Sie senken den Verbrauch um bis

zu 20 Prozent.

n Raumtemperatur den Bedürfnissen anpassen:

Schlafzimmer 17ºC, Wohnzimmer

20ºC, Badezimmer 21ºC, Küche 18ºC.

n Die Heizkörper sollten staubfrei und un-

bedeckt sein.

n Richtig Lüften, das heisst: kurz und kräftig.

Infos unter: www.so-einfach.ch/?page=tipp19

Förderbeiträge abholen

Private InvestorInnen können Förderbeiträge

anfordern. Zum Beispiel für Solaranlagen:

Swissolar führt eine Liste der kantonalen

und kommunalen Förderbeiträge für Solarwärme.

Ausserdem liefert der Solardach-

Rechner eine Zusammenstellung der Förderbeiträge

in der Gemeinde. Gut zu wissen

ist auch, dass beim Bau einer Solaranlage

auf ein bestehendes Gebäude die Investitionskosten

in fast allen Kantonen steuerlich

abzugsfähig sind. Infos auf www.swissolar.ch.

Mehrfamilienhäuser

schlau erneuern

Jedes Gebäude muss auch instand gehalten

werden. Damit der Zeitpunkt dieser Sanierung

von HausbesitzerInnen optimal genutzt wird

und fossile durch erneuerbare Energien ersetzt

werden, hat das Bundesamt für Energie BFE die

Broschüre «Mehrfamilienhäuser energetisch

richtig erneuern» herausgegeben. Sie gibt Anleitung,

wie richtig vorgegangen werden soll.

Mehr dazu unter: www.bau-schlau.ch

Energie & Umwelt 4/2009 11


sElbsttEst bErnhard pillEr: bErEich ErnährUng in dEr 2000-watt-gEsEllschaft

Der Ernährungssektor wird sich ohne Erdöl

massiv verändern

KUrzporträt

Bernhard Piller

SES-Projektleiter Fossile Energien & Klima, Gemeinderat Stadt Zürich

Wohnen/Heizen: Wohnt als Mieter in einem gut 60-jährigen

8-Familien-Haus mit Ölheizung und ohne Gebäudeisolation.

Elektrogeräte: Der jährliche Stromverbrauch liegt mit knapp 800 kWh

(ohne Warmwasser) deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt.

Stromsparlampen und Steckerleisten sind eine Selbstverständlichkeit.

Der Verbrauch liegt relativ tief, weil ich höchstens dreimal pro Woche zu

Hause mit dem Elektrokochherd koche. Der Geschirrspüler ist 25 Jahre

alt, der Kühlschrank 4,5 Jahre.

Mobilität: Besitze kein Auto und bin auch mit Mobility nur 2–3-mal im

Jahr unterwegs. In der Stadt lege ich alle Wege mit dem Fahrrad zurück.

In der Freizeit und in den Ferien sehr viel mit dem Zug unterwegs.

Ernährung: Wenig Fleisch, fast ausschliesslich Produkte aus biologischem

Anbau, aber nicht prioritär regional. Esse oft auswärts.

Konsum: Der Kauf von Konsumgütern ist unterdurchschnittlich,

besonders bei Möbeln und Haushaltsartikeln.

1 Energie & Umwelt 4/2009

+ + + STÄRKEN + + +

Wohn- und Arbeitsort sind mit dem Fahrrad in nur 10 Minuten erreichbar.

Kein Auto, niedriger Fleischkonsum, tiefer Stromverbrauch. Kaufe relativ

wenige Konsumgüter.

- - - SCHWÄCHEN - - -

Wohne alleine auf 75 m 2 Fläche. Liebe gut geheizte Räume und heisse

Bäder. Habe eine hohe Freizeitmobilität und verreise rund alle zwei Jahre

mit dem Flugzeug.

: : : ZiELE : : :

Noch weniger Fleisch essen. Mehr regional produzierte Nahrungsmittel.

Einmal mehr versuchen, meiner Vermieterin eine energetische Gebäudesanierung

und ein alternatives Heizsystem schmackhaft zu machen.


Unsere Landwirtschaft ist vom Erdöl abhängig

Die moderne industrielle Landwirtschaft

wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts

immer stärker von einer hohen Energiezufuhr

abhängig. Landwirtschaftsmaschinen

laufen mit fossilen Treib-

stoffen; Stickstoffdünger wird aus Erdgas

hergestellt; Pestizide und Herbizide

werden aus Erdöl synthetisiert. Saatgut

und Chemikalien und die landwirtschaftlichen

Produkte werden über

lange Strecken mit Lastwagen, Schiff

und Flugzeug transportiert. Gekocht

wird direkt oder indirekt mit fossiler

Energie, und die Nahrungsmittel, der

«Fast»- und «Convenience-Food» kommen

in immer aufwändigeren, aus

Erdöl hergestellten Verpackungen zu

den VerbraucherInnen. Die industrielle

Landwirtschaft ist die ineffizienteste

Wie können wir die wachsende Weltbevölkerung

in Zukunft ernähren?

Eines ist klar: Eine immer globalisiertere

Nahrungsmittelproduktion, mit

immer längeren Transportdistanzen

bei zunehmender Ressourcen- und Energieknappheit

ist nicht zukunftsfähig.

Um eine Umkehr zu einer regionalen

Nahrungsmittelproduktion zu erreichen,

braucht es auf der politischen

Ebene dreierlei: Eine andere Verkehrs-

, eine neue Raumplanungs- und eine

komplett andere Landwirtschaftspolitik.

Denn eine 2000-Watt-kompatible

Energiebilanz der Nahrungsmittel bedeutet

nicht nur biologische und regionale

Produktion, sondern auch ein

saisongerechter Konsum. Der Streit, ob

ein weitgereister Bio-Apfel oder ein konventionell

angebauter regionaler, aber

weit über hundert Tage im Kühlhaus

gelagerter Apfel eine bessere Energiebilanz

aufweist, endet nämlich unentschieden.

Die Frage ist falsch gestellt.

Richtig muss es heissen: Zu gewissen

Jahreszeiten sind «nicht-saisonale» Produkte

einfach nicht erhältlich. Um dies

zu erreichen, müssen die Energiepreise

massiv erhöht werden. Dafür gibt es

zwei Möglichkeiten: Entweder wir steuern

die Preiserhöhung durch eine sozial

abgefederte, hohe Energielenkungsabgabe

auf alle Energieformen, oder wir

Form der Nahrungsmittelherstellung,

die es je gab: Die für die Produktion aufgewendete

Energie steht in keinem Verhältnis

zur in der Nahrung enthaltenen

Energie. Rechnet man den Weg vom

Bauernhof auf den Essteller mit ein,

erfordert heute ein normales Nahrungsmittel

– je nach Verarbeitung und Transportweg

– einen Energieaufwand, der

zwischen vier- und einigen hundertmal

höher ist als seine Nahrungsenergie.

Ein weltweites Ernährungssystem für

9 Milliarden Menschen im Jahr 2050

auf 2000-Watt-Niveau wird ohne Erdöl

auskommen müssen. Denn das Erdöl

wird knapp und kaum bezahlbar sein.

Ein Nahrungssystem ohne Erdöl bedeutet

automatisch eine Deindustrialisierung

und eine Relokalisierung. <

Neukonzeption unserer Lebensmittelversorgung

machen weiter wie bisher. Dann kommen

die Preiserhöhungen einfach unkontrolliert

und schubweise mit Peak Oil und

Peak Gas. Insgesamt ist klar: Nahrungsmittel

sind – wie auch Energie – um ein

Vielfaches zu billig.

Eine interessante und visionäre Modellidee

ist «Mikro-Agro» von P.M. In diesem

Konzept werden Landwirtschaftsbetriebe

und Nachbarschaften (das sind

urbane Einheiten von ca. 500 Personen

– sogenannte Basisgemeinden) Partner.

Es besteht jeweils eine direkte Beziehung

zwischen einem Mikrozentrum in

der Stadt und einem Agrozentrum auf

dem Land. Eine solche Partnerschaft

beinhaltet die Lieferung von Produkten

und Brennstoffen in die eine Richtung,

und Geld, Arbeit und Dienstleistungen

in die andere Richtung. Die beiden Zentren

liegen maximal 20 Kilometer auseinander.

Ein solches Agrozentrum weist

einen Biolandbedarf von zirka 85 ha

auf, das ergibt rund 300 Tonnen Nahrungsmittel

pro Jahr, was auch für 0,6

Kilogramm Fleisch pro Person und Woche

reicht. Für den Transport zwischen

dem Agro- und dem Mikrozentrum

genügt ein mit Kompogas betriebener

Kleintransporter. 1 <

1 Detaillierter nachzulesen in der demnächst erscheinenden

erweiterten zweiten Auflage von P.M.s «Neustart Schweiz».

Das E&U wird Sie rechtzeitig informieren.

Fleischverzicht

ENERGiESPARTiPPS

Der Mensch ist ein Allesfresser. Vegetarismus

an und für sich ist etwas Unnatürliches. Ein

massvoller Fleischkonsum ist aber eins der

wichtigsten Gebote der Stunde, wollen wir

alle heute knapp 7 Milliarden Menschen auf

der Welt ernähren. Fleischliche Ernährung ist

energieintensiver als Pflanzenkost. Aus sieben

pflanzlichen Kalorien (Tierfutter) entsteht

eine tierische. In zunehmendem Mass werden

für die Erzeugung tierischer Nahrung Futtermittel

eingesetzt, die auch als Nahrungsmittel

für Menschen verwendbar wären: Getreide,

Sojabohnen, Ölfrüchte usw. Wenn Weizen bei

direkter Verwendung als Nahrungsmittel (Brot)

einen Einsatz von 1:1 erfordert, so beträgt dieser

kalorienmässig bei Verwendung als Futtermittel

für die Erzeugung von Hühnerfleisch

12:1. Das heisst 11 von 12 Nahrungskalorien

gehen verloren. Das Verhältnis bei Rindfleisch

ist 10:1. In einer Welt, in der Energie und Nahrung

knapp sind und noch knapper werden,

ist der Fleischkonsum eine Gewissensfrage.

Regionaler und saisongerechter

Konsum

Hängen Sie sich wieder eine Saisontabelle für

Gemüse in die Küche. Heute werden in Coop

und Migros das ganze Jahr über praktisch

alle Gemüsesorten angeboten. Viele urban lebende

Menschen wissen nicht mehr, welche

Gemüse und Früchte wann Saison haben. Sie

wissen auch nicht, welches Gemüse Lagergemüse

ist. Wohlgemerkt: Lagerung im Keller,

nicht im energieverschwendenden Kühlhaus.

Bio- und Quartierläden statt

Grossverteiler

Einkaufszentren auf der grünen Wiese sind für

die automobile Welt gebaut und sollten boykottiert

werden. Ein Nahrungsmitteleinkauf in Bio-

und Quartierläden fördert soziale Kontakte in

der Nachbarschaft und erlaubt es, Einkäufe zu

Fuss oder mit dem Fahrrad zu erledigen.

Mehr Infos unter:

www.bio-suisse.ch / www.bioterra.ch

Energie & Umwelt 4/2009 1


sElbsttEst sabinE von stocKar: bErEich KonsUm in dEr 2000-watt-gEsEllschaft

Unsere Konsumgüter sind voll grauer Energie

KUrzporträt

Sabine von Stockar, SES-Projektleiterin Atom&Strom

Wohnen/Heizen: Kleine Wohnfläche in einem 5-Parteien-Haus

(Ölheizung) im Zentrum von Zürich. Die Raumtemperatur bleibt bei 18ºC.

Elektrogeräte: Kühlschrank und Geschirrspüler sind über 10 Jahre alt,

kein Lift, kein Tumbler, keine Elektrozahnbürste.

Mobilität: Für die alltäglichen Distanzen kommt nur mein Fahrrad in

Frage, in der Freizeit nur der Zug. Ich scheue allerdings keine längeren

Distanzen, um so häufig wie möglich über der Nebelgrenze die Aussicht

zu geniessen.

Ernährung: Ich bezeichne mich als Teilzeitvegetarierin und habe ein

Bio-Gemüseabo.

Konsum: Halte mich ungern in Geschäften auf, doch brauchen Outdoor-

Hobbys eine «high-tech»-Ausrüstung.

14 Energie & Umwelt 4/2009

+ + + STÄRKEN + + +

Mein Arbeitsweg ist kurz und deshalb Fahrrad-tauglich. Ich fühle mich

in kalten Räumen wohl und bin froh, mit nicht zu viel Material den Alltag

bewältigen zu müssen. Biologische und Regionalprodukte stehen im

Kühlschrank.

- - - SCHWÄCHEN - - -

Es geht nichts über eine lange, sehr heisse Dusche. Ich habe ab und zu

Ausreden, um für Reisen ins Flugzeug zu steigen. Outdoor-Produkte sind

«high-tech»-Konsumgüter, die viel Energie bei der Herstellung brauchen.

: : : ZiELE : : :

Möglichst häufig Leitungswasser statt Mineralwasser trinken. Fleischkonsum

noch weiter reduzieren. Mein Umfeld über die graue Energie

von Konsumgütern informieren. Energiesparende Weihnachtsgeschenke

suchen.


Graue Energie: es braucht mehr Transparenz

Kleider, Schuhe und Zeitungen brauchen

zur Benützung keine Energie. Für

Herstellung, Transport und Entsorgung

wird jedoch eine grosse Menge sogenannt

«grauer Energie» benötigt. Pro

Haushalt macht das ungefähr das 1,5fache

des direkten Energieverbrauchs

aus. Wenn in China jede Woche neue

Kohlekraftwerke ans Netz gehen, dann

auch, um unseren wachsenden Bedarf

nach Konsumgütern «Made in China»

zu decken.

Will ich für den Winter Skischuhe kaufen,

werden alleine für ihre Herstellung

rund 2 Watt benötigt. Eine neue Faserpelzjacke

braucht zirka 0,5 Watt 1 . So

stecken in der Bekleidung eines Durchschnittsschweizers

500 Watt. In Lektüre

und Spielen sind es fast 200 Watt und in

der Kosmetik rund 150 Watt pro Person.

Der Vergleich: 500 Watt entsprechen

der Energie von 50 brennenden 10-

Watt-Sparlampen. Experten gehen davon

aus, dass zusätzliche 2400 Watt pro

Um das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft

zu erreichen, muss auch der Anteil an

grauer Energie massiv gesenkt werden.

Für Produkte ohne Energieetikette gilt

die Faustregel: Qualitätsprodukte aus

der Region beinhalten weniger graue

Energie, weil sie längere Lebensdauer

und kürzere Anfahrtswege haben.

Grundsätzlich gilt jedoch heute und in

Zukunft: Wir müssen nicht nur bewusster,

sondern auch weniger konsumieren.

So soll sich jeder in Erinnerung rufen,

wie schön es ist, einen Lieblingspulli zu

haben, der getragen wird, bis er sich auflöst;

wie befreiend es sein kann, nur wenig

Material zu besitzen – insbesondere

wenn ein Umzug bevorsteht. Anstatt

Ski-, Wander-, und Nordic-Walking-Stöcke

im Keller herumstehen zu haben,

tun es auch ein Paar – die Spitze kann

nämlich je nach Saison ausgetauscht

werden. Damit meine ich: Es sollte ein

Ziel sein, weniger, aber Brauchbareres

zu besitzen.

Person alleine für die graue Energie von

Konsumgütern zum Schweizer Durchschnitt

von 6000 Watt hinzu gerechnet

werden müssen. 2 Doch es gibt auch gute

Nachrichten: Die Bereitschaft der KonsumentInnen,

bewusst einzukaufen,

wächst. Analog dazu ist die Labelvielfalt

gewachsen. «Ecofashion» oder «Lifefair»

liegen im Trend. Eine Energieetikette

für Konsumgüter gibt es allerdings

nicht. Wer nicht nur «bio» oder «fair»,

sondern energiebewusst einkaufen will,

bleibt orientierungslos.

Es ist eine grosse Herausforderung,

graue Energie zu erfassen und zu minimieren.

Doch nur mit Transparenz können

sowohl die Produzenten, wie auch

die KonsumentInnen «energiebewusst»

mit der Ware umgehen. <

1 Für die Berechnung wurden für Skischuhe (56 kWh) und

Faserpelzjacke (12 kWh) eine Lebensdauer von 3 Jahren

angenommen.

2 In den 6000 Watt ist nur die graue Energie der Energieimporte

mit ca. 1000 Watt berücksichtigt.

Konsumgüter länger nutzen und mehr teilen

Aber nicht nur die KonsumentInnen,

sondern vor allem die ProduzentInnen

müssen ihre Konsumgüter unter die

Lupe nehmen und sparsamer mit Energie

umgehen. Dazu sollten die Label,

die für «fair», «gesund» oder «biologisch

angebaut» stehen, sich auch dem Thema

graue Energie annehmen. So würde

gesunde Kosmetik bei der Herstellung

nicht insgeheim das Klima erwärmen,

und für «fair» gehandelte Ware würde

nicht verschwenderisch mit unseren

Energieressourcen umgegangen.

Darüber hinaus müssen wir in Zukunft

wieder lernen, Konsumgüter zu teilen.

Nicht jeder braucht seinen eigenen Rasenmäher,

sein Rennfahrrad oder seine

eigene Bohrmaschine. Für mich bedeutet

das, für den kommenden Winter

keine neue Goretexjacke, meine Handschuhe

nicht dauernd zu verlieren und

meine Telemark-Ski zum «Sharing» anzubieten.

<

ENERGiESPARTiPPS

Wie entsteht graue Energie?

Auf www.storyofstuff.com sehen Sie, wo

graue Energie bei der Herstellung, Transport

und Entsorgung von Konsumgütern entsteht.

Die aktuellste Publikation, die sich auf die

Schweiz bezieht: Niels Jungbluth, Roland

Steiner, Rolf Frischknecht, «Graue Treibhausgas-Emissionen

der Schweiz 1990–2004»,

Herausgeber: Bundesamt für Umwelt BAFU:

www.umwelt-schweiz.ch/uw-0711-d

Graue Energie vermindern

n Qualitativ hochwertige Ware kaufen, die

langlebig ist, und Ware länger brauchen.

n Regionalprodukte kaufen, die einen

kürzeren Anfahrtsweg haben.

n Second-Hand-Ware kaufen.

n Eigene, nicht mehr gebrauchte Produkte

gezielt weitergeben.

n Nur diejenige Ware kaufen, die wirklich

benötigt wird.

Beispiel Möbel-Kauf-Tipp:

Achten Sie auf das Material beim nächsten

Möbelkauf! Dies ist bezüglich grauer Energie

entscheidend: Die folgende Tabelle zeigt

anhand des Beispiels einer 2 Quadratmeter

grossen Tischplatte, wie unterschiedlich der

Anteil grauer Energie abhängig vom Material

sein kann. Die Daten dazu stammen aus der

Ökoinventardatenbank Ecoinvent und sind als

Richtwerte zu verstehen.

Material Dicke Gewicht Graue Energie

(mm) (kg) (kWh)

Glasplatte 12.00 60.00 195.00

Spanplatte

(unbeschichtet) 25.00 33.00 75.00

Sperrholz

(unbeschichtet) 12.00 12.70 57.00

Aluminium

(Wabenplatte,

z.B. Alucore) 15.00 13.80 281.00

Granit 20.00 112.00 190.00

Berechnungen: Stiftung myclimate

Graue Energie im Vergleich

Es ist nicht möglich den Konsumgütern

anzusehen, wie viel graue Energie (Material,

Herstellung, Transport und Entsorgung) sie

enthalten. Ein paar Beispiele:

Graue Energie Graue Energie Graue Energie

kg Rohöl MJ kWh

Zahnbürste 0.04 1.60 0.44

Faserpelzjacke 1.05 45.40 12.61

Skischuhe 4.66 201.10 55.86

Mobiltelefon 0.36 15.60 4.33

PC inkl. Monitor 54.25 2343.50 650.97

Tragbarer CD-Player 0.54 23.40 6.50

Kunststoff-Bekleidung 0.57 24.70 6.86

Plastiksack 0.04 1.60 0.44

Quelle: E&U 2004/1, Berechnungen aus der Datenbank Ecoinvent

Energie & Umwelt 4/2009 15


sElbsttEst rafaEl brand: bErEich aUtomobilität in dEr 2000-watt-gEsEllschaft

Zwischen Kinderwagen, VW T4 und grünem

Unternehmertum

KUrzporträt

Rafael Brand Scheuber, Meret und Andrea Scheuber

Geschäftsinhaber Scriptum – Layout. Öffentlichkeitsarbeit. Web.

Wohnen/Heizen: Minergie-Haus mit kontrollierter Lüftung, Erdsonden-

Wärmepumpe und Sonnenkollektoren fürs Warmwasser.

Mobilität: Bahn, (Elektro-)Velo, Kinderwagen und VW-Transporter T4.

Elektrogeräte: A-Geräte, Induktionsherd, nur Energiesparlampen – mit

einer einzigen Ausnahme.

Ernährung: Wenn immer möglich Regio- und Bioprodukte. Wenig und

möglichst Bio-Fleisch aus der Region. Eigenprodukte aus dem Garten.

Konsum: Meist Ferien in der Schweiz oder im nahen Ausland. Öfters in

den Surfferien per VW-Transporter. Bei den alltäglichen Konsumgütern

schauen wir möglichst auf Qualität und insbesondere Herkunft.

16 Energie & Umwelt 4/2009

+ + + STÄRKEN + + +

Wohnhaus und Geschäft im Minergie-Standard. «Einigermassen» verdichtete

Bauweise mit zwei Doppeleinfamilienhäusern und Geschäftsräumlichkeiten

im UG. Null Arbeitsweg :-) Vor allem energiepolitische Aufträge.

Vor über 20 Jahren das letzte Mal per Flugzeug in die Ferien.

- - - SCHWÄCHEN - - -

Zu viele Auto-Kilometer. Grosswagen VW-Transporter T4. Öfters per Auto

in die Surfferien. Im Winter per (meist vollbesetzem) VW-Bus auf Skitouren.

Mit Kind und Kinderwagen sind wir – weil bequemer und flexibler

– nun öfters mit dem Auto unterwegs. Die Wärmepumpe ist im Prinzip

eine moderne, wenn auch effiziente Elektroheizung.

: : : ZiELE : : :

Eine Photovoltaikanlage soll in Zukunft den Stromverbrauch decken. Unsere

Ziele 2010: Bedeutend mehr Ökostrom kaufen. Und: Irgendwann das

Auto verkaufen oder für Kurzstrecken aufs Elektroauto umsteigen.


Liebe (Auto-)Mobilität: Viel Ansätze, keine Lösungen

Die Mobilität, vor allem die Auto-Mobilität,

ist das eigentliche Sorgenkind

auf dem Weg hin zur 2000-Watt-Gesellschaft.

Mehr als ein Drittel unseres

Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen

gehen aufs Konto des motorisierten

Strassenverkehrs. 81% der Schweizer

Haushalte besitzen ein Auto. Der/die

SchweizerIn legt im Schnitt pro Jahr

über 19'000 km zurück. Fast 70% (rund

13'500 km) davon im Privatauto. Und

dies zum grössten Teil für den Privat-

und Freizeitverkehr. Das Erschreckende

daran: 50% aller Autofahrten sind kürzer

als 5 km, 20% sogar kürzer als 1 km

– und könnten per Velo, zu Fuss oder

mit den öffentlichen Verkehrsmitteln

um ein Zigfaches energieeffizienter bewältigt

werden.

Die Prognosen sind düster: Bis 2050 sind

mindestens bis zu 40% mehr Verkehr zu

erwarten. Fakt jedoch ist: Um das Ziel

der 2000-Watt- oder auch die 1-Tonnen-

CO2-Gesellschaft zu erreichen, stehen

jeder Person 500 Watt an fossiler Energie

zu, die wir vor allem für die Mobilität

inklusive Luftverkehr (!) brauchen.

(Wann) Brauche ich ein Auto?

Für eine nachhaltige Mobilität müssen

wir lernen, intelligenter und effizienter

mobil zu sein. Auch ich – obwohl ich

null Arbeitsweg habe – mache zu viele

Auto-Kilometer. Und dies erst noch mit

einem VW-Transporter T4 Diesel (7,5

Liter/100 km). Ich bin überzeugt: Rein

technische Lösungen, z. B. Umsteigen

aufs Elektroauto, werden nicht oder

nur teilweise ans Ziel führen. Was es

braucht, ist eine im wörtlichen Sinn

nachhaltige Verhaltensänderung hin zu

weniger Automobilität – auch meinerseits.

Ein Versuch, (m)eine mobile Zukunft

zu skizzieren:

n Die öffentlichen Verkehrsmittel sind

erste Wahl. Es braucht eine Verkehrspolitik,

welche klare Zeichen setzt für

mehr Bahn in Kombination mit Regional-

und Schnellbussen (insbesondere

für Randregionen und Seitentäler).

n Wer braucht noch ein eigenes Auto?

Wir müssen lernen, das Auto zu teilen

oder gar kein eigenes Auto mehr zu

besitzen. Es braucht in unmittelbarer

Lösungsansätze sind – angesicht der Krise

der Autobranche – derzeit sehr in

Mode: Hybridautos, Biogas, Elektro- und

Brennstoffzellenautos sowie Träume

vom 1- oder 2-Liter-Auto sind letztlich

nur ökologischer Deckmantel. Der-

weil bleibt der Strassenbau durch die

Benzinsteuer wie geölt finanziert. Die

Strassenlobby ist derart mächtig und

die Autoindustrie «too big to fail», dass

sich sämtliche Staatsregierungen bemühen,

diese mit Finanzspritzen vor dem

Kollaps zu retten. – Anlass zu Hoffnung

geben die obigen Ansätze durchaus. Mit

einem Elektroauto (mit Strom aus 20 m 2

Solarzellen für 15'000 km pro Jahr) lässt

sich der CO2-Ausstoss gegenüber einem

«Benziner» um den Faktor 15 verringern.

Derzeit sind solche Lösungen aber noch

kaum bezahlbar. – Matchentscheidend

für eine nachhaltige Mobilität wird

letztlich eine Verkehrs- und Energiepolitik

sein, die endlich und wirklich

ernst macht.

Und was uns alle angeht: Nachhaltige

Mobilität bedeutet schlicht und einfach

viel, viel weniger (Auto-)Kilometer. <

Nähe und flächendeckend «Mobility»ähnliche

Angebote. Am besten mit effizienten

Elektro-Autos, zudem Kleinbussen

und Lieferwagen, um auch Waren

zu transportieren. Die Gemeinden sind

zu verpflichten, solche Strukturen zu

schaffen oder zu fördern.

n Der Pendlerverkehr ist zu optimieren.

PendlerInnen, die mit dem öV zur Arbeit

fahren oder sich in Fahrgemeinschaften

zusammenschliessen, werden

steuerlich entlastet.

n Autofahren ist zu billig. Es braucht

eine Verkehrspolitik, welche die Kostenwahrheit

und das Verursacherprinzip

spürbar durchsetzt. Die Niederlande

könnten es ab 2012 mit einer leistungsabhängigen

Abgabe pro Autokilometer

vormachen.

Wenn ich ehrlich bin: Ich brauche, trotz

eigenem Geschäft, kein eigenes Auto.

Das öV-Angebot ist gut. Was (noch)

fehlt, ist ein Mobility-Angebot – und

insbesondere eine Verhaltensänderung,

ein Umdenken meinerseits. <

ENERGiESPARTiPPS

www.autoteilen.ch

Private Fahrgemeinschaften und professionelles

CarSharing haben sich in den letzten

Jahren in der Schweiz rasant entwickelt. Der

VCS-Ratgeber «Autoteilen» zeigt, wie mehrere

Personen ein Auto nutzen und teilen können.

Zudem gibt der Ratgeber einen Überblick zu

den zwei professionellen CarSharing-Anbietern

sowie zu Carpooling-Organisationen oder

Mitfahrzentralen, welche Fahrgelegenheiten

für Privatpersonen vermitteln. Dem Ratgeber

liegen auch die notwendigen Muster-Verträge

bei. www.autoteilen.ch

Leben ohne eigenes Auto

Als führender CarSharing-Anbieter stellt «Mobility»

eine vielfältige Autopalette mit dem

schweizweit grössten Standortnetz (rund

1150 Standorte und über 2250 Fahrzeuge)

zur Verfügung. Jedes Verkehrsmittel hat seine

Vorzüge. Mit «Mobility», «Click&Drive» und

«Raillink» ist es möglich, Bus, Bahn, Tram,

Velo und Auto auf einfache Art intelligent und

effizient zu kombinieren. www.mobility.ch

1 Honda

Auto-Umweltliste

TESTSIEGER 2009

A L L E K L A S S E N

Insight Hybrid

Der VCS-Ratgeber bewertet eine Vielzahl von

Autos und Modellen nach CO2-, Schadstoff-

und Lärmbelastung. Nebst der ökologischen

Bewertung von über 450 Modellen und den

topten-Bestenlisten bietet die Auto-Umweltliste

eine Fülle von Tipps und Informationen

wie auch zum sparsameren Fahren. Der

Ratgeber gibt nicht zuletzt Auskunft, welche

Antriebe und Treibstoffe als Alternative zu

Benzin und Diesel in Frage kommen.

www.verkehrsclub.ch (Auto Umweltliste 2009)

Energie & Umwelt 4/2009 1


sElbsttEst diEtEr KUhn: bErEich strom/ElEKtrogErätE in dEr 2000-watt-gEsEllschaft

Mehr Energieeffizienz und mehr Erneuerbare

KUrzporträt

Dieter Kuhn-Badet, mit Fabienne und Jacqueline

Gymnasiallehrer für Physik, Mathematik und ICT; SES-Vizepräsident

Wohnen/Heizen: Hälfte eines Doppeleinfamilienhauses aus den Zwanzigerjahren

mit fünfzig Quadratmeter Gebäudegrundfläche in der Stadt;

gemeinsame Heizung (Ölkessel) für beide Haushälften; Eigentums-

Ferienwohnung aus den Siebzigerjahren im Bündnerland.

Elektrogeräte: Waschmaschine und Kühlschrank bereits A-Klasse;

Restliche Geräte erneuerungsbedürftig. Kein Geschirrspüler.

Mobilität: GA für alle Familienmitglieder; Mobility-Genossenschafter;

Velo, Tram und Bus (kein Auto).

Ernährung: Bio-Gemüse-Abonnement (wöchentlich). Wenig Fleisch.

Wir kaufen fair (Max Havelaar) und biologisch (Knospe) produzierte

Produkte.

Konsum: Gelegentlich an Wochenenden, öfters für Wanderferien und

immer für Winterferien in der Ferienwohnung. Reisen dorthin ausschliesslich

mit öV. Vor 25 Jahren zum letzten Mal geflogen.

18 Energie & Umwelt 4/2009

+ + + STÄRKEN + + +

Alle Wege zum Wohnen und Arbeiten werden zu Fuss, mit Velo und öV zurückgelegt.

Stadt- und Ferienwohnung liegen optimal bezüglich Einkaufen

und Anbindung an den öV. Das Stadthaus wurde teilrenoviert. Die Fenster

von Stadt- und Ferienwohnung sind energetisch saniert worden. Sowohl

in der Stadt als auch für die Ferienwohnung beziehen wir Ökostrom. An

allen Heizkörpern wurden Thermostatventile nachgerüstet.

- - - SCHWÄCHEN - - -

Die Heizung von Stadthaus und Eigentums-Ferienwohnung erfolgt noch

immer mit Öl. Fassaden und Kellerdecken sind schlecht gedämmt. Das

Warmwasser in der Stadtwohnung wird mit einem Elektroboiler erzeugt.

: : : ZiELE : : :

Das Dach unserer Ferienwohnung muss nächstes Jahr unbedingt wärmegedämmt

und hinterlüftet werden. Die Einbaugeräte in unseren beiden

Küchen sollen mittelfristig erneuert werden.


Co -freier Strom und Elektrogeräte der A-Klasse

Durch den Einsatz der besten Technik

(Stand 2004) im Rahmen der normalen

Ersatzzyklen kann der Energieverbrauch

in den nächsten Jahrzehnten

um 40% reduziert werden. Das zeigt

die von der SES und anderen Umweltorganisationen

in Auftrag gegebene

Studie «Wegweiser in die 2000-Watt-

Gesellschaft». Bis 2020 lassen sich bei

Elektrogeräten und Beleuchtung durch

Best-Technologie rund 6 Milliarden Kilowattstunden

(kWh) Strom einsparen,

was der Stromproduktion der AKW Beznau

1+2 entspricht.

Es ist zwar auf Anhieb schwer zu glauben,

stimmt aber: Unter Umständen ist

es besser, ein noch funktionierendes

altes Elektrogerät durch ein neues A-

Klasse-Gerät zu ersetzen. Das gilt insbesondere

für Kühlgeräte und Waschmaschinen.

Ein grosses Einsparpotenzial

liegt auch bei den rund 170’000 Elektroheizungen

mit einem Verbrauch von

rund 7,7 Milliarden kWh (= AKW Gösgen).

Werden sie durch Wärmepumpen

ersetzt, sinkt der Stromverbrauch um

Strom aus erneuerbaren Quellen muss

mit kostendeckender Einspeisevergütung

gefördert werden. Dabei gilt es in erster

Linie Kleinkraftwerke zu unterstützen.

Denn dezentrale, diversifizierte Kraftwerke

tragen gewaltig zur Versorgungssicherheit

bei.

Daneben braucht es aber auch einen

effizienten Umgang mit dem kostbaren

Gut. Energie-Etiketten helfen dabei, die

Übersicht zu behalten über die besten

Elektro-Geräte auf dem Markt. Sie müssen

allerdings mit der technischen Innovation

mithalten. Denn was heute

A++ ist, ist morgen nur noch A- oder

B-Klasse. Es ist deshalb zwingend, dass

die Normen für Elektrogeräte parallel

zur technischen Entwicklung verschärft

werden. Geräte aus schlechten Effizienzklassen

müssen mittels politischer Leitplanken

schnellstmöglich vom Markt

verschwinden.

Gerade die Industrie hat noch viele

Hausaufgaben zu erledigen. Noch im-

60%. Ebenso gross ist das Einsparpotenzial

bei Elektroboilern. Sie verbrauchen

gut 4 Milliarden kWh Strom. Die Alternative

mit ohne Stromverbrauch sind

Warmwasser-Sonnenkollektoren.

Ein riesiges Sparpotenzial liegt im

Standby-Stromverbrauch. Im Jahr brauchen

SchweizerInnen rund 1900 GWh

Strom – ohne etwas davon zu haben.

Das kostet rund 320 Millionen Franken.

Drei Viertel davon entfallen auf Geräte

im Haushalt. Alleine Kaffeemaschinen

verbrauchen pro Jahr so viel Strom wie

110’000 Durchschnittshaushalte. Von

Interesse ist auch der Anteil des Standby-

Verbrauchs am gesamten Elektrizitätsverbrauch

eines Gerätes. Extrem hohe

Anteile hat der Standby-Verbrauch bei

Kaffeemaschinen am Arbeitsplatz (84%),

im Haushalt (60%) und bei Induktions-

Kochfeldern (48%). Dann folgen Geräte

mit weniger grossen Standby-Anteilen

wie Mikrowellen (29%), Backöfen (19%)

bis zu Geschirrspülern mit lediglich 3%

(www.topten.ch).

Weg mit dem Deckel für die Einspeisevergütung!

mer gibt es beispielsweise Lüftungsmotoren,

Umwälzpumpen von Heizungen

usw., die überdimensioniert sind und

wenig oder gar nicht gesteuert werden.

Dazu kommt, dass sie viel zu lange und

zu hochtourig laufen. Die Politik sollte

auch der Industrie vorgeben, wie sie zu

mehr Effizienz kommt.

Was wir alles nicht brauchen:

n Rolltreppen, die ständig laufen.

n Warmluftvorhänge in Kaufhäusern,

die vor allem die Umgebung wärmen.

n Raumtemperaturen in klimatisierten

Kaufhäusern, bei denen Verkaufspersonal

und Kundschaft im Winter

in Hemd und Bluse schwitzt und

dafür im Sommer fröstelt.

n Meterlange Kühltruhen mit Dutzenden

verschiedener Joghurts.

n Ebenso lange Gefrierschränke mit

fünf verschiedenen Arten von Backofen-Frites.

n Softeis-Stände unter brütender

Sonne und ebensolche Kühltruhen

mit Cola-Dosen. <

Ökostrom kaufen

Strom aus erneuerbaren Energiequellen ist

nicht gleichbedeutend mit Ökostrom. Wer

ökologischen Mehrwert will, setzt aufs Label

«naturemade star»! Auf www.topten.ch sind

ein Ratgeber zu Ökostrom und die besten

Ökostrom-Produkte zu finden.

online-Energieberatung nutzen

Vor dem Ersetzen von Altgeräten bzw. dem

Kauf von Neugeräten die «Energybox» konsultieren:

www.energybox.ch/verteiler.aspx

Kein Standby!

ENERGiESPARTiPPS

Geräte wie TV, Audiogeräte usw. nicht mit der

Fernbedienung, sondern mit einem mechanischen

Schalter ausschalten! Bei Kaffeemaschinen,

Fotokopierern usw. Zeitschaltuhren

zwischen Stecker und Steckdose einbauen.

Grösser und schneller ist nicht

immer auch besser!

Heute sind Computer zwar

leistungsfähiger als noch

vor wenigen Jahren. Da

sich aber die Programme

gleichzeitig masslos aufgebläht

haben, werden die Arbeiten unter

dem Strich kein bisschen schneller erledigt!

Manchmal ist es richtig, einen Computer zu

«upgraden» und länger in Betrieb zu halten.

Wie sich dabei Geld sparen und die Umwelt

schützen lässt, ist im Ratgeber «Computer,

Internet & Co.» zu lesen.

Download unter: www.umweltbundesamt.de/

cebit/tipps/index.htm#9

Energie & Umwelt 4/2009 1


l News l Aktuelles l Kurzschlüsse l

«Virus Auto. Die Geschichte einer Zerstörung»

Das neue Buch des Verkehrsexperten

Hermann Knoflacher über die verschiedenen

Facetten unserer autovernarrten

Gesellschaft: Der Autor

schaut weit in die Geschichte zurück,

bis zu den ersten Feuerstellen und

den antiken Mythen. Denn die eindringlichen

Bilder von Prometheus

und von der Büchse der Pandora

spiegeln sich im Wunderding Auto,

das unbegrenzte Mobilität schenken

sollte und nun unsere Lebenswelt mit Abgasen, Lärm, Staus,

Autobahnlandschaften und kreisenden Parkplatzsuchern

beglückt. Auch wenn exakte Zahlen wohl schwer berechnet

werden können, gelangt Knoflacher anhand von diversen Studien

zur Schlussfolgerung, dass weltweit jährlich rund drei

Millionen Menschen vorzeitig durch den Autoverkehr sterben

(Unfälle, Abgase, Lärmwirkungen), während 50 Millionen

Menschen langfristige Schäden verschiedenster Art davontragen.

Ein spannendes und lesenswertes Buch.

Umweltrating.ch

Welche NationalrätInnen und StänderätInnen haben in der

laufenden Legislatur umweltpolitische Anliegen unterstützt?

Die Halbzeitbilanz des umweltrating.ch liefert die Antwort.

Die Homepage umweltrating.ch basiert auf den umweltrelevanten

Abstimmungen der ersten Halbzeit der 48. Legislaturperiode

bis und mit Herbstsession 2009. Das Rating ist an

den folgenden vier Kernthemen der Umweltorganisationen

ausgerichtet: Klima, Naturräume, Risikotechnologien (Atom/

Gentechnologie) sowie Verkehr.

Finanzierungsprobleme:

RWE steigt aus bulgarischem Atom-Projekt aus

Am 28. Oktober hat sich der deutsche Energieriese RWE aus

dem Vorhaben zum Neubau des bulgarischen Atomkraftwerks

Belene zurückgezogen. Der Grund: Finanzierungsprobleme. Die

RWE sollte an dem Kraftwerk 49 Prozent halten, der bulgarische

Staat 51 Prozent. Die seit Ende Juli amtierende neue bulgarische

Regierung prüft das Vorhaben in Belene. Sie geht davon aus,

0 Energie & Umwelt 4/2009

dass der Neubau deutlich mehr kosten wird als bislang veranschlagt.

Statt vier Milliarden Euro könnte das Projekt demnach

bis zu zehn Milliarden Euro kosten.

Kantone fördern den Co -Ausstoss

Wenn Doris Elmer ihren Arbeitsweg von Lachen nach Trin

nicht mit öffentlichem Verkehr, sondern mit dem Auto

zurücklegt, «spart» sie im Kanton Schwyz rund 1000.– Franken

Steuern jährlich, weil sie bis zu 10’000.– Motorfahrzeugkosten

abziehen kann (65 Rappen pro Kilometer Arbeitsweg). Der

Kanton fördert also einerseits den CO2-Ausstoss, indem er Umweltbewusste

bestraft und UmweltsünderInnen belohnt und

verzichtet andererseits auf Steuereinnahmen. Wenn jemand

nur die finanzielle Seite anschaut, ist die Schlussfolgerung

verheerend: Schnellstens ein Auto kaufen und ja nicht den

öffentlichen Verkehr benutzen.

Atomkraftwerke sterben aus

Immer wieder ist

von der «Renaissance

der Kernenergie» die

Rede. Unlängst belegte

eine Prognos-

Studie, dass dies

nicht stimmt. Die

Zahl der Reaktoren,

die installierte Leistung

und die Stromerzeugung

in AKW gehen weltweit deutlich zurück. In den

nächsten 10 Jahren reduziert sich ihre Anzahl um 22 und bis

2030 sogar um 29 Prozent. Zu erwarten sei, dass nur 23 Prozent

der bis 2020 und 35 Prozent der bis 2030 angekündigten

Neubauprojekte wirklich realisiert werden. Gemäss Welt-Statusbericht

Atomindustrie 2009 war 2008 das erste Jahr, in

dem kein neues Atomkraftwerk in Betrieb ging. Ausserdem

scheint die neue Generation von Atomkraftwerken nicht gerade

vom Glück gesegnet. Sie haben Finanzierungsschwierigkeiten

(Olkiluoto, Belene), kämpfen mit Sicherheitsproblemen

(Aufsichtsbehörden Frankreichs, Grossbritanniens und

Finnlands fordern bessere Sicherheitsvorkehrungen) oder

werden gar gesprengt, um Energie zu sparen und Emissionen

zu reduzieren – wie im chinesischen Xinxiang.

Prognos-Studie:

www.prognos.com/fileadmin/pdf/publikationsdatenbank/

Prognos_Studie_Renaissance_der_Kernenergie.pdf

Welt-Statusreport Atomindustrie 2009:

www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/welt_

statusbericht_atomindustrie_0908_de_bf.pdf


ENSi wirft Axpo vorsätzliches Handeln vor

Die Schweizer Atomaufsichtsbehörde hat ein Strafverfahren

gegen die Axpo eingeleitet. Der Unfall, bei dem zwei Arbeiter

verstrahlt wurden, war schlimmer, als behauptet. Das Eidgenössische

Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) wirft dem

Stromkonzern vor, vorsätzlich oder fahrlässig gegen das

Strahlenschutzgesetz verstossen zu haben. Einer der Beschäftigten

habe dabei 38, der andere 25,4 Millisievert abbekommen,

bestätigte das ENSI (Grenzwert 20 Millisievert).

Die Axpo habe den Vorfall zudem auf der Störfallskala zu

niedrig eingestuft, denn es handle sich bei dem Vorfall um

das schwerwiegendste Vorkommnis seit Jahrzehnten. Auf das

Konto des ältesten Schweizer Atomkraftwerks, dem drittältesten

Druckwasserreaktor der Welt, gehen im laufenden Jahr

sechs von sieben bei der Aufsichtsbehörde gelistete Störfälle.

Die Schweiz und die schmutzige Kohle

Die Schweiz will neue Kohlekraftwerke in Deutschland bauen.

Betroffene deutsche BürgerInnen bitten deshalb um Klima-

Asyl in der Schweiz. Dörpen, Lünen und Brunsbüttel haben

eines gemeinsam: Schweizer Energieunternehmen beteiligen

sich dort an riesigen Kohlekraftwerksprojekten, die Unmengen

des Klimakillers CO2 ausstossen werden. In Deutschland gibt

es gegen die Kraftwerksprojekte heftigen Protest der Bevölkerung.

Am 25. November haben deshalb Kohlekraftgegner vor

der Schweizer Botschaft in Berlin gemeinsam protestiert. Sie

liessen sich symbolisch mit Tonnen dreckiger Kohle zuschütten

und stellten danach ein Asylgesuch bei den Eidgenossen.

Keine Form der Stromerzeugung belastet das Klima mehr als

die Verbrennung von Kohle. Werden die geplanten Projekte

mit Schweizer Beteiligung realisiert, sind es in Deutschland

Kohlekraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 4260 Megawatt

(4,2 Gigawatt). Zusammen werden sie jährlich 24,6

Millionen Tonnen CO2 produzieren. Zum Vergleich: Heute

verursacht die Schweiz nach offiziellen Angaben pro Jahr 40

Millionen Tonnen CO2.

Waadtländer Stimmbevölkerung akzeptiert

Atomrisiken nicht

Im Kanton Waadt hat das «Nein» zu einer unbefristeten

Betriebsbewilligung für das alte AKW Mühleberg gezeigt,

dass die Bevölkerung nicht bereit ist, die unverhältnismässig

hohen Risiken der Atomkraft in Kauf zu nehmen. Bund und

Stromlobby sind nun aufgefordert, das Signal aus dem Kanton

Waadt zu beachten, denn die Atomkraft hat keine Zukunft.

Nur eine Energiepolitik, die auf einem effizienten Umgang mit

Ressourcen und auf erneuerbaren Energien aufbaut, kann der

Schweiz langfristig Versorgungssicherheit garantieren, einen

massiven Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leisten und

gleichzeitig die einheimische Wertschöpfung stärken. Die

Zukunft ist erneuerbar!

www.nein-zu-neuen-akw.ch

Der Bundesrat nach dem Klima-Test

Das Klimamandat des Bundesrates genügt nur in 5 von 15

Punkten. Die Allianz für eine verantwortungsvolle Klimapolitik

ist bestürzt über das am 27. November vom Bundesrat

verabschiedete Verhandlungsmandat für die Klimakonferenz

in Kopenhagen. Lediglich 5 von 15 Mindestanforderungen an

ein verantwortungsvolles Klimamandat wurden erfüllt. Bei 2

der 15 Forderungen wurden sogar Vorgaben gemacht, dass

die Schweiz zwingend ungenügende Verhandlungsresultate

fordern muss. Bernhard Piller, SES-Projektleiter: «Das Mandat

des Bundesrates ist völlig ungenügend, denn das von ihm geforderte

2-Grad-Ziel bedingt eine konsequente Klimapolitik.»

Die 15 Mindestanforderungen:

www.energiestiftung.ch/files/textdateien/aktuell/medienmitteilungen/forderungen_der_klimallianz_fuers_kopenhagenmandat.pdf

Energie & Umwelt 4/2009 1


diE ziElE dEr 2000-watt-gEsEllschaft in dEr UmsEtzUng

Zürich auf dem Weg

zur 000-Watt-Gesellschaft

Die Stadt Zürich trägt das Energiestadtlabel GoLD und gehört zur Championsleague der

Schweizer Energiestädte. Als erste Gemeinde der Schweiz hat die Stadt Zürich in der

Volksabstimmung vom 0. November 008 die Ziele der 000-Watt-Gesellschaft in der

Gemeindeordnung verankert. Der hohe Anteil von 6 Prozent Ja-Stimmen zeigt, dass die

Bevölkerung überzeugt hinter den Zielen der Energiestadt Zürich steht.

Energie & Umwelt 4/2009

Von BRUNo BéBié

Energiebeauftragter Stadt Zürich,

Die Entwicklung hin zur 2000-Watt-Gesellschaft

wurde vom Zürcher Stadtrat

bereits vor vier Jahren mittels Legislaturschwerpunkt

in Gang gesetzt. Auf

dem Weg hin zum ehrgeizigen Ziel wurden

bisher rund 80 Projekte Departemente-übergreifend

und teilweise mit

Beteiligung externer Partner aus der Wirtschaft, aus

Forschung und Bildung oder von Behörden und Verbänden

erarbeitet und realisiert.

Grundlagen und Szenarien

In Zusammenarbeit mit in- und externen Energieexperten

wurden die wichtigsten methodischen Eckpunkte

für die Umsetzung des 2000-Watt-Konzeptes

festgelegt und so für die Praxis nutzbar gemacht. 1

Insbesondere wurden verschiedene Szenarien für den

Energieverbrauch und ein Konzept für die Energieversorgung

der Stadt Zürich für 2050 erarbeitet. Zentral

dabei ist die Stromversorgung, da Elektrizität

als Instrument zur Reduktion der Treibhausgasemissionen

an Bedeutung gewinnen wird. Zudem werden

die Kernkraftwerke, an denen das Zürcher Stadtwerk

ewz beteiligt ist, zwischen 2025 und 2035 ihr «technisches

Lebensalter» erreichen. Ab 2035 laufen auch

die bestehenden Konzessionen für die Nutzung der

Wasserkraft aus. Daher lag der Fokus auf Szenarien,

welche die Stromversorgung ohne neue Beteiligungen

und Bezugsrechte an Kernenergieanlagen langfristig

sicherstellen (siehe Grafik nebenan.)

Mehr Energieeffizienz und Erneuerbare

Neu schuf die Stadt Zürich neben der bisherigen Energieberatung

speziell eine Beratung und Begleitung

für Planende und Bauende (Energie-Coaching). Das

Geschäftsfeld Energiedienstleistungen ewz wird mit-

tels eines Kredits von 180 Millionen Franken ausgebaut.

Das ewz treibt die Ökologisierung der Stromversorgung

weiter voran, ebenso die Verbreitung des

ewz-Effizienzbonus bei grösseren Unternehmen. Unterstützend

wirken auch die Förderbeiträge aus dem

Stromsparfonds zur Steigerung der Energieeffizienz

und zur Nutzung erneuerbarer Energiequellen. Mit

folgenden Projekten und Entscheiden brachte die

Stadt Zürich die Produktion erneuerbarer Energien in

Schwung: zwei Rahmenkredite von total 220 Millionen

Franken zum Ausbau der Windenergie, zwei Kredite

für eine hydrothermale Probebohrung zur Nutzung

der Erdwärme, der Bau einer Brennstoffzellen-Pilotanlage

und der Bau eines Holzheizkraftwerks.

Stadtbauten für die 000-Watt-Gesellschaft

Die Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft konnten für

den Gebäudebereich konkretisiert und wegweisende

Grundlagen für die Umsetzung im Immobilienmanagement

und bei Bauprojekten erarbeitet werden. Die

Stadt Zürich realisierte Leuchtturmprojekte bei

Neubauten und Instandsetzungen (z.B. Stadtspital

Triemli, Schulhaus Milchbuck) und verschärfte den

stadtinternen Gebäudestandard für nachhaltiges

Bauen (7-Meilen-Schritte). Neu stehen für Energieeffizienzmassnahmen

und erneuerbare Energien der

städtischen Bauten Rahmenkredite von 28 Millionen

Franken zur Verfügung.

Mobilität: Verkehr 050

Eine Teilstrategie zur Elektromobilität als weiterer

Baustein der bewährten städtischen Mobilitätsstrategie

ist in Arbeit. Der öffentliche Verkehr wird gemäss

der VBZ-Netzentwicklungsstudie 2025 ausgebaut, und

das Fuss- und Velowegnetz wird kontinuierlich verbessert.

Die Fussgängerbereiche in der Innenstadt

werden erweitert und die Stadträume in den Quartierzentren

aufgewertet. Vorbereitungen für ein automatisches

Veloverleihsystem sind im Gange.

Für die verkehrlichen Anforderungen an 2000-Watt-


Entwicklung Stromversorgung der Stadt Zürich mit erneuerbaren Energien

Es gibt noch viel zu tun. Die Energiestadt Zürich hat erste Weichen in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft gestellt. Um

das Ziel zu erreichen, sind weitere Anstrengungen notwendig, insbesondere bei der Energieeffizienz, im Bereich

Mobilität und beim Ausbau der erneuerbaren Energien.

kompatible Bauprojekte wurde ein

Leitfaden entwickelt, und eine Studie

«Zürichs Verkehr 2050» enthält erste

qualitative Aussagen zum zukünftigen

Stadtverkehr. Zur Sensibilisierung der

Bevölkerung findet alljährlich die Aktion

«Zürich Multimobil» statt.

information, Sensibilisierung,

Aktionen und Anreize

Zur Information und Sensibilisierung

der Bevölkerung fanden verschiedene

Aktionen statt, zum Beispiel die jährlichen

Umwelttage, die Aktion «Sportlich

zum Sport» und zwei Plakataktionen

mit einfach zu realisierenden

Energiespartipps. Informationen und

Tipps sind auf www.stadt-zuerich.ch zu

finden, wo zudem mittels Energiespiel

der persönliche jährliche Energieverbrauch

ermittelt werden kann. Der eigens

entwickelte Energierechner – eine

Art interaktive Ausstellung – war an

vielen Anlässen bereist im Einsatz und

soll ein breites Publikum für den eigenen

Energiekonsum und Einsparmöglichkeiten

sensibilisieren.

Zusammenarbeit mit Partnern

Um die Breiten- und Tiefenwirkung zu

verstärken, hat die Stadt Zürich ein Allianzen-

und Partnermanagement mit interessierten

Dritten aufgebaut. Mit dem

Öko-Kompass, einem Beratungsangebot

für Zürcher KMU, schuf sie zudem ein

Instrument, welches die KMU bei Analyse

und Umsetzung von betriebsinternen

Umweltschutzmassnahmen gezielt

unterstützt.

Es gibt noch viel zu tun

Mit den bisherigen Aktivitäten hat die

Energiestadt Zürich erste Weichen in

Richtung der 2000-Watt-Gesellschaft

gestellt. Für die Umsetzung sind weitere

Anstrengungen notwendig, insbesondere

bei den erneuerbaren Energiequellen,

der Energieeffizienz und

im Bereich der Mobilität. Es sind noch

lange nicht alle Erkenntnisse aus den

diversen Grundlagenarbeiten nutzbar

gemacht und in die Breite umgesetzt

worden. Die Information und Sensibilisierung

aller Beteiligten bleibt dabei

eine Daueraufgabe. <

1 www.stadt-zuerich.ch/content/dib/de/index/energieversorgung/energiebeauftragter.html

Peak oil ist vorbei

So richtig zugeben kann das die OECD-Energie-Lobby-Organisation

IEA natürlich nicht.

Hinter vorgehaltener Hand wissen sie es aber

eigentlich: Peak Oil ist vorbei. Zwar kommen

auch die IEA-ExpertInnen in ihrer Energie-

Bibel «World Energy Outlook» der tatsächlichen

Erdöl-Realität Jahr für Jahr ein Stück

näher. Die offizielle Doktrin der IEA gebietet

aber immer noch die Veröffentlichung von

geschönten Daten. Das ärgert inzwischen sogar

IEA-Mitarbeitende so gewaltig, dass sie

als InformantInnen an die Medien gelangten.

Das postfossile Zeitalter rückt näher, und ist

die Weltwirtschaft ab nächstem Jahr erst

wieder richtig in Schwung, werden wir sehr

schnell wieder Ölpreise weit jenseits der 100-$-

pro-Barrel-Grenze haben.

Informieren Sie sich auf www.peakoil.net

Leserbrief zum E&U-Artikel ( /0 )

«Besser leben mit nur 000 Watt»

Die Internetseite www.blackle.com bringt

bei LCD-Monitoren, wie sie bei uns Standard

sind, praktisch keinen Spareffekt. Viel mehr

Leistungsreduktion bringt die Reduktion der

Grösse des Bildschirms und bei gegebenem

Monitor die Reduktion der Grundhelligkeit

und des Grundkontrastes. Das sollte man

thematisieren.

Freundliche Grüsse, Bruno Vogt

SES-Kampagne

Helfen Sie uns, mit den Atom-Märchen

aufzuräumen und bestellen Sie den Flyer

«Glaubst Du das wirklich?» unter:

www.energiestiftung.ch

SES-iNTERN

Energie & Umwelt 4/2009


«Im Engadin stieg die Temperatur seit 1976

um 1.6°C, daraus folgt ein Anstieg der Baumgrenze

um 250 Meter.»

Global Change Newsletter 57, www.igbp.net

AZB

P.P. / JOURNAL

CH-8005 ZÜRICH

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Sihlquai 67

CH-8005 Zürich

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www.energiestiftung.ch

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