MISEREOR aktuell 3/2012

misereor

MISEREOR aktuell 3/2012

titel

thema

Umbrüche,

Krisen,

Entwicklung

Die Kraft der Armen: Minister Niebel besucht Kenia

nr. 3/2012

Mein Haus, mein Leben: Eigenheime für Arme in Brasilien

Mit Rucky Reiselustig um die Welt: Kommunionkindertag


impressum inhalt

Herausgeber:

Bischöfliches Hilfswerk

MISEREOR e.V.

Redaktion:

Michael Mondry (verantw.)

Ralph Allgaier

Annika Sophie Duhn

Dr. Kerstin Burmeister

Grafische Gestaltung:

Anja Hammers/MISEREOR

Druck und Vertrieb:

MVG Medienproduktion und

Vertriebsgesellschaft, Aachen

Papier:

Revive Pure Natural Matt,

100 % Recyclingpapier,

ausgezeichnet mit dem

Blauen Engel

Erscheinungsweise:

4 x jährlich

Redaktionsschluss:

7. 9. 2012

ISSN 0942–2269

G 5256 F

Zuschriften an:

MISEREOR aktuell

Mozartstraße 9

52064 Aachen

info@misereor.de

Titelbild:

Jens Grossmann/MISEREOR

Vertrieben: Frau in einem

Flüchtlingslager in Mali.

2

Fotos: Grossmann/MISEREOR (1), KNA-Bild/MISEREOR (1), Andreas Schmitter (1) titel

thema

Umbrüche,

Krisen,

Entwicklung

3 Editorial

4 Reportage Mali: Warten auf den Regen

10 Interview Ägypten: Die Fronten verhärten sich

12 Portrait Manal Tibe: Selbstbewusst und kämpferisch

14 Nachrichten

4 10 12

15 Auf ein Wort: Kolumne des Hauptgeschäftsführers

17 Kommentar: Rio+20 – Der Gipfel der Enttäuschung

18 MISEREOR vor Ort: Vorbildliche Partner

20 Projekt Brasilien: Mein Haus, mein Leben

26 MISEREOR vor Ort: Mit Rucky Reiselustig um die Welt

18

Die Auswirkungen

von Krisen und Umbrüchen

auf Entwicklung

an den Beispielen

Mali und Ägypten.

Die Zusammenarbeit

von Staat und Kirchen

besteht seit 50 Jahren.

Ein Festakt mit dem

Bundespräsidenten.

28 Im Fokus Kenia: Die Kraft der Armen

26

Kinder reisen am

Kommunionkindertag

bei MISEREOR mit

Rucky Reiselustig

um die Welt.

MISEREOR aktuell 3/2012


MISEREOR aktuell 3/2012

Wir unterstützen

die Mutigen,

die sich für Flüchtlinge

in Afrika einsetzen.

Ihre Spende hilft!

www.misereor.de

Spendenkonto 10 10 10

Pax-Bank

BLZ 370 601 93

Liebe Leserinnen und Leser,

was bedeutet es für eine Entwicklungsorganisation,

wenn die alltägliche Arbeit von einer aktuellen

Krise bedroht wird? Wie reagieren zivilgesellschaftliche

Akteure auf massive gesellschaftliche

Umbrüche? Wir sind diesen Fragen in unserem

Schwerpunktthema an den Beispielen des

westafrikanischen Mali und Ägyptens nachgegangen.

In der Reportage berichtet Schuldirektor

Francois Huyé Karakodjo, warum er mit seiner Familie

Hals über Kopf aus seiner malischen Heimatstadt

fliehen musste. Im Interview und Portrait

begegnen wir Manal Tibe. Als Direktorin des

„Egyptian Center for Housing Rights“ hat sie auf

dem Tahrir-Platz in Kairo gegen das Mubarak-Regime

protestiert. Drei ihrer Mitarbeiter wurden

zwischenzeitlich inhaftiert. Heute ist Manal Tibe

eine von sieben Frauen in der verfassungsgebenden

Versammlung und verschreckt dort ihre

männlichen Kollegen.

50 Jahre alt ist die Zusammenarbeit von Staat

und Kirchen in Deutschland in Sachen Entwicklungshilfe.

In einem Festakt unter dem Titel „Vertrauen

auf die Kraft der Armen“ wurde diese Beziehung

auch von Bundespräsident Joachim

Gauck ausdrücklich gewürdigt. In seiner ersten

entwicklungspolitischen Rede bescheinigte Gauck

den Hilfswerken einen starken Willen, den Mut

und die Zuversicht, sich gegen Armut und Ungerechtigkeit

einzusetzen, der Resignation entgegenzutreten

und zu handeln. Auf einer Reise

nach Kenia im Vorfeld der Jubiläumsveranstaltung

überzeugte sich Entwicklungsminister Dirk Niebel

von der Wirkung des gemeinsamen Ziels: „Menschen

zu unterstützen, ihr eigenes Schicksal in

die Hand zu nehmen.“

Wir wünschen eine anregende Lektüre.

Für die Redaktion

Michael Mondry

editorial

3

Foto: Nobis/MISEREOR


eportage

4

AUF DEN REGEN

Im westafrikanischen Mali entsteht derzeit ein Konflikt von internationaler

Dimension. Al-Qaida-nahe islamistische Gruppen haben

zwei Drittel des Landes zum Gottesstaat erklärt. Mehr als 400.000

Menschen sind auf der Flucht. Langsam werden die Nahrungsmittel

knapp. Gunnar Rechenburg berichtet aus einer Krisenregion, in der

die Arbeit von Entwicklungsorganisationen immer schwieriger wird.

MISEREOR aktuell 3/2012


Fotos von Jens Grossmann

MISEREOR aktuell 3/2012

reportage

titel

thema

Umbrüche,

Krisen,

Entwicklung

5


eportage

6

Rückkehr

ausgeschlossen:

Josephine Guindo

mit Tochter

Djeneba.

Ein Fahrrad. Djeneba wünscht sich nichts mehr

als ein Fahrrad. Platz genug zum Fahren hätte sie:

Vor ihrem neuen Zuhause gibt es eine große freie

Fläche. Manchmal ist hier Markt, jetzt spielen einige

Jungs Fußball. Djeneba hatte ein Fahrrad. Das

mussten sie zurücklassen. Verstanden hat die

Dreijährige das nicht. Sie weiß auch nicht, dass sie

nicht umgezogen, sondern geflohen ist, dass das

kein Feuerwerk auf der Straße war, wie ihre Mutter

gesagt hat, und dass die Männer mit den schwarzen

Fahnen nicht im Frieden gekommen sind.

Im Innenhof des Hauses sitzen Francois Huyé

Karakodjo und seine Frau Josephine Guindo. Djenebas

Eltern sind beide Lehrer. Sie haben an der

katholischen Schule in Gao im Nordosten Malis

unterrichtet, er war der Leiter der Schule. „Ich

werde Ende dieses Jahres pensioniert“, sagt er.

Ob er bis dahin seine Schule noch einmal sehen

wird? „Nein“, sagt seine Frau. Sie hat entschieden,

dass die Familie nicht mehr nach Gao zurückkehren

wird. Jetzt leben sie in Sevare, rund 600 Kilometer

von Gao entfernt und weniger als 100 Kilometer

von der Grenze des neuen Gottesstaates,

weit genug, um sich sicher zu

fühlen. Dort werden sie unterstützt von

einem Lehrerkollegen und von der Caritas

sowie von der Kirchengemeinde.

Karten neu gemischt

Die Situation in Mali ist verworren.

Es gibt drei Konfliktparteien: die Tuareg,

die Armee und radikal-islamische

Gruppierungen. Seit Jahrzehnten

schon kämpfen die Tuareg für

einen eigenen Staat im Norden Malis,

bislang sind alle Aufstände gescheitert.

Nach dem Tod des libyschen Machthabers

Muammar al-Gaddafi im Oktober 2011 wurden

die Karten in Nordafrika allerdings neu gemischt.

Tausende Tuareg, die bislang in Gaddafis

Armee gekämpft haben, sind schwerbewaffnet in

MISEREOR aktuell 3/2012


Karte: Fischer-Weltalmanach

ihre Heimatländer zurückgekehrt. Auch nach Mali.

Keine drei Monate später begann der Aufstand.

Die Armee war einerseits nicht in der Lage, die Situation

im Norden unter Kontrolle zu bringen, andererseits

gab sie der Regierung in Bamako die

Schuld an der Misere. Am 22. März ergriff eine

Gruppe junger Offiziere die Macht und jagte den

Präsidenten mit der Begründung aus dem Amt,

die Staatsführung habe nicht entschieden genug

auf die Krise im Land reagiert.

Aus dem folgenden Chaos in Bamako ging vor

allem ein Gewinner hervor: die Sahara-al-Qaida-

Gruppe AQMI und Anzar Dine, ein internationales

Bündnis radikaler Islamisten aus Pakistan, Afghanistan,

Kenia, Nigeria, Saudi Arabien und Algerien.

Zu Beginn des Aufstandes nahmen sie Seite

an Seite mit den Tuareg die großen Städte ein.

Dazu gehörte auch Gao im Nordosten.

Erste Schüsse

Es war am 31. März, einem Samstag, als sie Gao

angriffen. Josephine Karakodjo war am Morgen

mit dem Moped auf den Markt gefahren. „Die

Stimmung war sehr eigenartig“, sagt sie heute.

Dort hätten die ersten Menschen berichtet, dass

die Rebellen schon in der Stadt seien. Josephine

Karakodjo beeilte sich mit dem Einkauf. „Auf dem

Rückweg hörte ich bereits die ersten Schüsse.“

Zu dieser Zeit war ihr Mann gerade auf dem Weg

zurück nach Gao. Er hatte Verwandte eine Tagesreise

entfernt im Süden besucht. Auf dem Busbahnhof

erfuhr er von dem Angriff auf Gao. „Ich

habe nur zugesehen, dass ich so schnell wie möglich

einen Bus nach Hause bekomme.“ Schon auf

der Fahrt hätten sie Tote und sehr viele Verletzte

gesehen. Am Busbahnhof von Gao wurde er von

seinem ältesten Sohn begrüßt: „Sie suchen dich.“

Als Leiter der einzigen christlichen Schule in der

Stadt stand Francois Karakodjo neben Regierungsbeamten

und Soldaten ganz oben auf der

Liste der Islamisten. „Es war extrem gefährlich

für uns.“ In der Stadt konnte sich die Familie

dann bei muslimischen Freunden verstecken.

Jeden Tag, so erzählt Karakodjo, hätten sie versucht,

Tickets für einen der Busse raus zu bekommen.

„Irgendwann hatten wir Fahrscheine. Aber

zu wenig für uns alle.“ Josephine und die Mädchen

sind dann mit dem Bus gefahren, Francois

und die Jungs kamen ein paar Tage später mit

einem Lkw nach. Auf der Fahrt raus sahen sie: Die

Kirche war zerstört, die Häuser der Priester, alles,

reportage

oben

420.000 Menschen

sind auf der Flucht:

Flüchtlingslager

in Mopti.

unten links

Tochter von Francois:

Der Alltag ist mühsamer

geworden.

unten rechts

Stand kurz vor der

Pensionierung:

Francois Karakodjo.

MISEREOR aktuell 3/2012 7


eportage

oben

Ein Stück Normalität:

Tochter von

Francois Hoye bei

den Hausaufgaben.

unten

Den Anschluss

nicht verpassen:

Schuldirektor

Karakodjo hilft

den Töchtern.

8

was nach Christentum aussah. Was aus seiner

Schule geworden ist, weiß er nicht, „aber ich

kann es mir denken.“

Lernen ist Normalität

420.000 Menschen sind inzwischen aus dem Norden

geflohen. 173.000 davon haben im Süden

Malis Zuflucht gesucht, der Rest in den Nachbarländern.

Sie alle erzählen Ähnliches aus den Städten

Timbuktu, Gao und Kidal. Mittlerweile hätten,

so berichten Augenzeugen im Norden, die Tuareg

nichts mehr zu sagen. Al-Qaida hat die Macht

übernommen. Der Grund? Mit der Eroberung des

Nordens haben sich die salafistischen Gruppen

einen Korridor von Ost- bis nach Westafrika geschaffen.

Von dort aus können sie nicht nur Handels-

und Schmuggelwege quer durch die Sahara

überwachen und kontrollieren, sie haben sich

damit auch die Orte gesichert, in denen in den

vergangenen Jahren angeblich Rohstoffe gefunden

wurden: Öl und Uran. Vor allem aber haben

die Islamisten zwischen dem algerischen Hoggar-

Gebirge und Timbuktu jede Menge Rückzugsraum

in der Wüste. Die Lage erinnert immer stärker

an die jüngere Geschichte Afghanistans. Die

Angelegenheit ist schon längst kein rein malisches

Problem mehr.

Hinter ihrem neuen Zuhause hat Francois Karakodjo

eine Schultafel für seine Töchter aufgestellt.

Djeneba spielt dort, ihre großen Schwestern

lernen. Sie wollen den Anschluss in der Schule

nicht verpassen, sagen sie. Das Lernen ist für

sie so etwas wie Normalität. „Sie sind sehr gut

aufgenommen worden in ihrer neuen Schule“,

sagt ihre Mutter. Und der Vater ergänzt: „Und wir

hier in der Nachbarschaft auch.“ In dem Viertel in

Sevarre leben fast ausschließlich Muslime. Sollten

die Islamisten es schaffen, einen Keil zwischen

die verschiedenen Glaubensgruppen zu

treiben, dann wäre es schnell vorbei mit der Solidarität

und dem inneren Frieden in Mali. Der

steht ohnehin von Tag zu Tag mehr auf der Probe.

Vor allem verlieren die Menschen langsam die Geduld

mit der Übergangsregierung. Gehälter für

Staatsangestellte und Pensionen werden nur

schleppend oder gar nicht bezahlt. Gegen das düstere

Treiben im Norden und die schwelende Nahrungsmittelkrise

ist die derzeitige Führung des

Landes machtlos. Noch funktionieren die altbewährten

Mechanismen der Solidarität. Aber wie

lange noch? Alle Organisationen, die staatlichen

MISEREOR aktuell 3/2012


und nichtstaatlichen, die malischen und die ausländischen,

wurden von den Ereignissen im März

und April völlig überrascht.

Nahrungsmittelknappheit droht

Unterstützt von MISEREOR versucht die malische

Caritas vor Ort zu reagieren. „Seit dem Coup d’État

ist es sehr schwer“, sagt Théodore Togo. Er ist Generalsekretär

der Caritas in Mali. Togo sitzt in seinem

Büro in Bamako und versucht derzeit das

Allernötigste zu organisieren. Alleine in Bamako

versorgen sie 300 Flüchtlinge aus dem Norden in

einem katholischen Zentrum am Rande der Stadt.

Aber die Besetzung des Nordens durch al-Qaida

und die innenpolitischen Wirren in Bamako sind

nicht die einzigen Probleme des Landes: Die Sahelzone

erlebt wieder ein Dürre und damit eine

Nahrungsmittelknappheit. Die Zahlen, wie viele

Menschen tatsächlich davon betroffen sind, gehen

weit auseinander. Nach Einschätzung der Vereinten

Nationen sind es 4,5 Millionen Menschen.

Von den Diözesen im Land lässt sich Théodore

Togo Daten darüber schicken, wie viele Menschen

wo unter Nahrungsmittelknappheit leiden. Dann

versucht er ausreichend Nahrungsmittel zu beschaffen.

„Aber das ist derzeit fast unmöglich.“

Dabei hatte die Caritas gut vorgeplant. „Es war ja

damit zu rechnen, dass die Ernte in diesem Jahr

nicht gut ausfallen wird. Da haben wir angefangen,

Nahrungsmittelreserven anzulegen. Aber durch

das Problem im Norden und die zahlreichen Flüchtlinge

mussten wir viele Nahrungsmittel ausgeben,

bevor die Not eigentlich richtig begonnen hat.“

Entwicklungsprojekte liegen auf Eis

Die Dürreregion liegt in diesem Jahr im Westen

Malis. Je weiter man von Bamako in diese Richtung

fährt, desto trockener wird es. Kilometer für

Kilometer. Kurz vor der Regenzeit ist es heiß, staubig,

der Himmel rot von Sand aus der Sahara. In

der Region nahe der mauretanischen Grenze ist

die Not derzeit am größten. Die Vereinten Nationen

haben dort eines der großen Nahrungsmittellager

des Landes angelegt – Nahrungsmittel, die

aus Übersee importiert werden müssen, weil es

weder im Land noch in der Region ausreichend

davon gibt. „Den Hungertod“, sagen sie, „wird

hier niemand sterben“, aber es wird knapp für

viele Familien.“ Die Abhängigkeit von Hilfe von

MISEREOR aktuell 3/2012

republik mali

außen nimmt zu. Teilweise schicken Verwandte,

die in den Städten oder im Ausland Geld verdienen,

einen Teil davon in ihre Dörfer. Einige Hilfsorganisationen

haben bereits das Land verlassen.

Die Sicherheitslage ist für internationale Helfer in

manchen Regionen Malis nach wie vor heikel.

Für die Caritas Mali bedeutet die derzeitige

Krise, dass die eigentlichen Entwicklungshilfeprojekte

erst einmal auf Eis gelegt werden müssen.

„Dass jetzt gerade mehrere Krisen zusammenkommen,

macht die Sache für uns nicht einfacher“,

sagt Théodore Togo. Und jetzt warten alle

auf den Regen. Wenn die Regenzeit in diesem

Jahr gut ausfällt, dann ist zumindest im kommenden

Jahr das Versorgungsproblem gelöst. Ob sich

die politischen Probleme bis dahin auch gelöst

haben, bleibt abzuwarten. Viele im Land sind da

äußerst skeptisch.

reportage

Mit 1,24 Millionen Quadratkilometern ist der westafrikanische

Binnenstaat 3,5-mal so groß wie Deutschland. 60 Prozent des

Landes bedeckt die Sahara. Im Norden regnet es mitunter jahrelang

nicht, immer wieder treten Dürren auf. Obwohl sich keine

zwei Prozent der Landesfläche als Ackerland eignen, arbeiten

rund 80 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft. Gut die

Hälfte der etwa 15,8 Millionen Malier sind extrem arm. Mali belegte

2011 Rang 175 von 187 im Weltentwicklungsindex. Mehr

als ein Drittel der Bevölkerung hat keinen sicheren Zugang zu

sauberem Trinkwasser. Die durchschnittliche Lebenserwartung

liegt bei 48,1 Jahren.

Die Bevölkerung Malis umfasst etwa 30 Ethnien, charakterisiert

durch verschiedene Kulturen. Die Amtssprache Französisch sprechen

nur rund zehn Prozent der Malier als Zweitsprache. Nicht

einmal die Hälfte der über 15-Jährigen kann lesen und schreiben.

Etwa 90 Prozent der Einwohner gehören dem Islam an.

MISEREOR fördert aktuell in Mali 20 Projekte mit insgesamt gut

vier Millionen Euro.

rechts

Mehrere Krisen

kommen zusammen:

Caritas-Direktor

Théodore Togo.

Gunnar Rechenburg

lebt als freier Journalist

in Bonn. Seit dem Tsunami

2004 war er als Krisenreporter

in Afrika, Asien

und Lateinamerika unterwegs.

Er berichtet für

mehrere Zeitungen und

Magazine und arbeitet zudem

als Mediaconsultant für

Hilfsorganisationen.

Jens Grossmann

lebt und arbeitet als

freier Bildjournalist in

Wuppertal. Er ist Mitglied

der Fotoagentur laif.

9


interview

Frau Tibe, Sie kämpfen seit vielen

Jahren für mehr Rechte für die Bewohner

der Armenviertel in Kairo und in ganz

Ägypten, was hat sich denn seit der

Revolution von 2011 verändert?

Manal Tibe: Wissen Sie, ich kämpfe nicht

nur hier in Ägypten für das Recht auf Wohnen.

In Hamburg gab es im vergangenen

Jahr eine Demonstration von Hausbesetzern.

Die Polizei hatte sie gerade brutal aus

ihrem Haus geräumt. Ich war zufällig in

Hamburg bei einer Konferenz und habe

dann auf der Demonstration gesprochen.

Das war eine sehr zornige Rede gegen die

Polizei. Ich finde ein Land wie Deutschland

sollte sich schämen, so mit Hausbesetzern

umzugehen.

Aber ist die Situation von Hausbesetzern

in Deutschland nicht eine andere als

die der Millionen von Armen hier in Kairo?

Tibe: Ja, aber es geht um das gleiche Prinzip.

Ich trete für das Recht auf Wohnen ein.

In Deutschland, ich war auch in Kenia und

hier in Ägypten habe ich mehr als einmal

10

titel

thema

Umbrüche,

Krisen,

Entwicklung

verhärten sich

Seit Anfang des Jahres 2011 hat der „Arabische Frühling“ auch Partnerorganisationen von

MISEREOR in Atem gehalten und sich an vielen Orten auf die Projektarbeit ausgewirkt,

unter anderem in Ägypten. Das „Egyptian Center for Housing Rights“ (EHCR) in Kairo ist

seit vielen Jahren ein zuverlässiger Projektpartner bei der Unterstützung städtischer Armer.

In der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs erwies sich die Organisation als ein mutiger und

aktiver zivilgesellschaftlicher Akteur der Protestbewegung. Julia Gerlach hat in Kairo mit

Manal Tibe gesprochen, Leiterin von ECHR, Demonstrantin der ersten Stunde auf dem Tahrir-Platz

und eine von sieben Frauen in der verfassungsgebenden Versammlung Ägyptens.

vor den Bulldozern demonstriert, die kamen,

um eine illegale Siedlung abzureißen.

Die Revolution in Ägypten begann mit

der Forderung: „Brot, Freiheit und soziale

Gerechtigkeit!“ Hat sich denn für die

Armen und die Bewohner der informellen

Viertel inzwischen etwas verbessert?

Tibe: Nein, das kann man nicht sagen.

Eigentlich hat sich die Lage mit dieser Zeit

eher verschlechtert.

Aber das Volk hat doch inzwischen

mehr zu sagen. Das müsste doch auch

dazu führen, dass die Regierung mit mehr

Respekt mit den Menschen umgeht?

Tibe: Ja, es gab eine Zeit, gleich nach dem

Sturz von Mubarak, da haben sich die Angestellten

in der Verwaltung mehr Mühe

gegeben, doch das hat sich schnell gelegt.

Neulich ist eine Gruppe von Demonstranten

in einem Stadtteil von Kairo gezogen.

Sie forderten Wohnungen. Man ließ sie

auch in das Gebäude, doch da warteten

dann Schläger auf sie und haben eine

Schwangere so verletzt, dass sie ihr Kind

verloren hat.

Und wie hat sich für Sie und ihre Arbeit

die Situation durch die Krise verändert?

Tibe: Auf der einen Seite haben die Leute

Mut gefasst und treten selbstbewusster

für ihre Rechte ein. Sie demonstrieren und

protestieren. Auf der anderen Seite sind

die Vertreter der Behörden aber auch rabiater

im Umgang geworden. Auch die Besitzer

von Wohnungen und Immobilien vertreten

ihre Rechte noch stärker. Die Fronten

haben sich verhärtet. Zugleich hat sich

das Land in politische Diskussionen verstrickt:

Islamisten gegen Liberale. Es geht

um Wahlen, die Verfassung, das Parlament.

Die wichtigen sozialen Fragen sind dabei

auf der Strecke geblieben.

Dazu kommt die Wirtschaftskrise. Es

mangelt an Kochgasflaschen und Benzin.

Tibe: Diese Güter des täglichen Bedarfs

wurden künstlich verknappt. Wer genau

dahintersteckt ist unklar. Es waren wohl

MISEREOR aktuell 3/2012


Vertreter des alten Regimes. Sie wollten

das Volk ablenken und beschäftigen, damit

es nicht auf die Idee kommt, grundsätzlichere

Fragen zu stellen. Auch sollten

die Leute sich nach den besseren Zeiten

unter Mubarak zurücksehnen, als es ihnen

wirtschaftlich noch besser ging.

Haben Sie denn die Hoffnung,

dass sich die Situation bessern wird?

Tibe: Ehrlich gesagt, bin ich im Moment

nicht sehr optimistisch. In der ganzen Welt

bewegen sich die Regierungen Richtung

Links, nur bei uns regieren die Konservativen.

Die Muslimbrüder stehen ganz und

gar zur freien Marktwirtschaft und zu den

Rechten der Besitzenden.

Sie sind eine von nur sieben Frauen in

der verfassungsgebenden Versammlung.

Tibe: Ich habe mich nicht darum beworben,

sondern wurde aufgestellt. Ich gehöre

zur Minderheit der Nubier und habe viel

zu den Landrechten der Nubier gearbeitet.

Wir wurden ja immer wieder vertrieben

und enteignet. Die nubischen Organisationen

haben mich dann aufgestellt. Ich wollte

erst nicht, aber dann habe ich die Herausforderung

angenommen.

Und arbeiten Sie nun mit den anderen

Frauen zusammen?

Tibe: Eigentlich nicht, denn sie gehören

fast alle zur islamistischen Strömung.

Mich trennt von Ihnen genauso viel wie

von den Männern. Man muss sich auch

einmal vorstellen: Ich bin die einzige in

dem Ausschuss für Grundrechte, die aus

dem Bereich der Menschenrechte kommt.

Da fühlt man sich schon allein.

MISEREOR aktuell 3/2012

rechtshilfe und vernetzung

interview

Das „Egyptian Center for Housing Rights“ (ECHR) basiert auf der Arbeit

von Aktivisten und Rechtsanwälten der Menschenrechtsarbeit in Ägypten.

Im Jahr 2000 wurde das Zentrum aufgrund der starken Nachfrage

nach Rechtshilfe, der stark ansteigenden Vertreibungen und der sich zuspitzenden

Wohnsituation für untere Einkommensschichten zunächst in

Kairo und später mit einer Zweigstelle in Port Said gegründet.

Seitdem konzentriert sich die Organisation auf die Stärkung der Rechte

der armen Bevölkerungsgruppe im Zusammenhang mit Hausräumungen

und -zerstörungen, die Unterstützung bei der Selbstorganisation der Betroffenen

sowie die Lobbyarbeit für angemessenen Wohnraum als soziales

Menschenrecht.

Frauen und Kinder sind bei den Vertreibungen in Ägypten am stärksten

betroffen. Die Arbeit von ECHR gibt ihnen Schutz und Hilfe zur Selbstentfaltung.

Adäquate Wohnraumversorgung und Infrastruktur haben

eine positive Auswirkung auf die Gesundheit und die städtische Ökologie.

Zudem werden zivilgesellschaftliche Kräfte mobilisiert und unterstützt.

So ist ECHR auch eine treibende Kraft bei der Vernetzung von

zahlreichen Menschenrechtsgruppen, die sich für eine demokratische

Verfassung einsetzen.

Und wie reagieren die islamistischen

(1)

Männer auf eine Frau wie Sie?

Tibe: Ich glaube, viele haben Angst vor mir.

picture-alliance

Ich gehe dort so hin, wie ich jetzt bin: T-

dpa

Shirt, offene Haare. Neulich hatte ich

(1),

sogar Make-up. Das sind die nicht ge-

Gerlach

wohnt, aber ich habe das Gefühl, dass

Julia

viele mich trotzdem respektieren. Fotos:

11


portrait

12

titel

thema

Umbrüche,

Krisen,

Entwicklung

Nicht erst seit Beginn der Revolution stellt

Manal Tibe die Besitzverhältnisse in Ägypten

in Frage: Nur so lasse sich das Problem

der Wohnungslosigkeit am Nil lösen. Als „Vor Frauen wie mir ha-

Vertreterin der nubischen Minderheit wurde ben in Ägypten viele Leute

die Mutter eines 15-jährigen Sohnes in die Angst“, sagt Manal Tibe und

verfassungsgebende Versammlung gewählt. grinst. Die 42-Jährige mit

Und lehrt dort die Männer das Fürchten. den braunen welligen Haaren

gehört zu den bekanntesten

Menschenrechtsaktivistinnen Ägyptens. 1998

gründete sie das Ägyptische Zentrum für das

Recht auf Wohnen und bemüht sich seitdem, den

Menschen in den Armenvierteln Kairos zu dem zu

verhelfen, was sie am dringendsten brauchen:

einer menschenwürdigen Wohnung. Einem Zuhause

also, das sie sich leisten können, aus dem

sie nicht von heute auf morgen vertrieben werden

können und wo es auch Trinkwasser und Kanalisation

gibt. Mehr als die Hälfte Kairos besteht

aus sogenannten informellen Siedlungen: Dies

sind ausufernde Gebiete mit holprigen engen

Gassen, wenig Freiräumen und schnell hochgemauerten

Wohnhäusern. Viele davon weisen

schwere bauliche Mängel auf und sind oft auch

Ein Portrait von Julia Gerlach

vom Einsturz bedroht. Da Bauland in Ägypten so

kostbar ist, haben die dicht stehenden Gebäude

meist vier und mehr Stockwerke. Ganze Großfamilien

drängen sich hier in kleinsten Zimmern,

mit mangelhafter Wasserversorgung und unter

schlechten sanitären Bedingungen.

Wohltätigkeit ist keine Lösung

„Die Regierung hat kein Interesse, das Problem

zu lösen und daran hat sich seit der Revolution

auch nichts geändert“, so Tibe. Zwar sei der

Schlachtruf der Demonstranten auf dem Tahrir-

Platz „Freiheit, Brot und soziale Gerechtigkeit“

gewesen, doch in den eineinhalb Jahren, die seit

dem Sturz Mubaraks vergangen seien, hätten

sich Politiker, Regierung und Aktivisten in endlose

politische Debatten verstrickt: Um die Verbesserung

des Schicksals der Armen habe sich aber

niemand ernsthaft bemüht. „Ich habe auch nicht

wirklich die Hoffnung, dass sich daran etwas ändert.

Schauen Sie sich doch einmal die neue Regierung

und die anderen wichtigen

politischen Kräfte an: Sie sind alle

geschäftsorientiert, gute Bedingungen

für Investoren und freie Wirtschaft

stehen für sie im Vordergrund“,

das gelte auch für die Muslimbruderschaft,

die im Parlament

die Mehrheit hat und zu der auch der

neugewählte Präsident gehört. „Sie

schreiben sich zwar auf die Fahnen,

dass sie sich um die Armen küm-

MISEREOR aktuell 3/2012


mern und haben auch jahrzehntelange Erfahrung

in der Sozialarbeit aus Moscheen und Wohltätigkeitsinstitutionen

heraus“, sagt sie: „Aber das ist

genau das Problem: Sie machen Wohltätigkeitsarbeit,

wollen aber nicht den Armen mehr Rechte

geben oder womöglich die Besitzrechte der Reichen

angreifen.“

Fünf Millionen Wohnungen stehen leer

Sie schätzt die Anzahl der Familien, die ohne vernünftige

Wohnung sind, auf ungefähr drei Millionen.

Geht man von einer Familiengröße von fünf

bis sieben Personen aus, so ist ein beachtlicher

Teil der 83 Millionen Ägypter betroffen. „Es ist ein

schwieriges Problem, aber eigentlich bräuchte es

gar nicht zu bestehen“, so Tibe und setzt ein

leicht trotziges Gesicht auf: „Es gibt mindestens

fünf Millionen Wohnungen, die leer stehen“, sagt

sie und tatsächlich steht Kairo voller Bauruinen:

Investoren beginnen Bauprojekte, das Land bekamen

sie in den letzten Jahren günstig von der Regierung

– gute Beziehungen und Schmiergeld vorausgesetzt.

Oft reichte das Kapital dann nicht,

um das Projekt fertigzustellen und so stehen

viele Wohnblocks seit Jahrzehnten halbfertig in

der Gegend. „Die Regierung müsste die Investoren

zwingen, die Wohnungen den Armen zur Verfügung

zu stellen, statt sie vergammeln zu lassen“,

so Tibe und langsam wird klar, warum so

viele Ägypter Angst vor ihr haben: Sie will nicht

nur den Armen helfen, sie stellt die Besitzverhältnisse

in Frage. „Dann gibt es auch noch ungefähr

zwei Millionen Wohnungen, die Familien gehören,

die sie nicht benutzen und sie über Jahre leer stehen

lassen“, sagt sie und auch da könnte die Re-

gierung mit den nötigen Gesetzen

viel bewirken. „In anderen

Ländern ist es verboten, Wohnungen

leer stehen zu lassen. In

Frankreich zum Beispiel.“

Auf Facebook beschimpft

Manal Tibe ist in Ägypten sehr

angesehen, aber sie hat auch

viele Feinde. Es gibt sogar eine

spezielle Facebookseite, auf der

gegen sie Stimmung gemacht

wird und sie beschimpft wird. Natürlich

ist es den aufgebrachten

Immobilienbesitzern ein Dorn im Auge, dass ausgerechnet

sie als eine von nur sieben Frauen in

die verfassungsgebende Versammlung Ägyptens

gewählt wurde. Sie ist Mitglied im Ausschuss für

Rechte und bemüht sich, dass nicht nur das Recht

auf Wohnung, sondern auch andere grundlegende

Menschenrechte im neuen Grundgesetz verankert

werden. Die Mehrheit der Versammlung besteht

aus Islamisten und die sind den Umgang

mit selbstbewussten, unverschleierten Frauen

nicht gewohnt: „Neulich hat einer von den Salafisten

offen zugegeben, dass er Angst vor mir hat.

Es sei nicht schlimm, dass nur sieben Frauen

unter den 100 Abgeordneten sind, denn ich würde

ungefähr 70 Männer aufwiegen“, sagt sie und es

ist ihr anzumerken, dass ihr diese Rolle gefällt.

portrait

Julia Gerlach

geboren 1969, arbeitet

seit 2008 als Autorin und

Korrespondentin in Kairo.

2011 erschien ihr Buch

„Wir wollen Freiheit – Der

Aufstand der Arabischen

Jugend“ im Herder Verlag.

MISEREOR aktuell 3/2012 13

Fotos: Julia Gerlach (2), privat (1), dpa picture-alliance (1)


nachrichten

Hauptgeschäftsführer zieht positive Jahresbilanz 2011

Ehrendoktorwürde für Josef Sayer

Dem ehemaligen Hauptgeschäftsführer

von MISEREOR, Josef Sayer, wurde die Ehrendoktorwürde

durch die Katholisch-Theologische

Fakultät der Universität Tübingen

verliehen. „Professor Josef Sayer ist

ein Mann, der sein Leben in den Dienst der

Ärmsten der Armen gestellt hat. Er bringt

Wissenschaft und Praxis in Dialog, um Armut,

Hunger, Krankheit, Naturzerstörung

und Ungerechtigkeit in dieser Welt zu bekämpfen“,

begründete Dekan Professor Albert

Biesinger die Ehrung. Als Pastoraltheologe

habe er sich für die interdisziplinäre

Verschränkung von Sozialwissenschaft und

MISEREOR konnte im Jahr 2011 Gesamteinnahmen

in Höhe von 181 Millionen

Euro verbuchen. Das teilte Hauptgeschäftsführer

Pirmin Spiegel bei der Jahrespressekonferenz

in Bonn mit. Spiegel zog

damit ein insgesamt positives Fazit. Nach

dem Spendenrekord aus dem Vorjahr mit

75,5 Millionen Euro, die vor allem auf die

Katastrophen in Haiti und Pakistan zurückzuführen

seien, habe MISEREOR sein Spendenergebnis

in den vergangenen Jahren

insgesamt steigern können, so Spiegel.

Theologie eingesetzt sowie für die Profilierung

des Bischöflichen Hilfswerks MISE-

REOR im Hinblick auf die lokalen und globalen

Bedrohungen der Menschheit. Josef

Sayer nutzte die Gelegenheit, um eine kritische

Bilanz des bisherigen Verlaufs der

Globalisierung zu ziehen. „Wenn die Globalisierung

den ökonomischen Gewinn als

oberstes Prinzip wählt wie es etwa gegenwärtig

im spekulativen Sektor des Bankenwesens

geschieht, dann verlängert, ja verschärft

sie die Geschichte der Ungerechtigkeit

zwischen Arm und Reich mit ungezählten

Opfern“, so Sayer.

Der MISEREOR-Chef zeigte sich zudem erfreut,

dass die Fastenkollekte in den katholischen

Kirchengemeinden stabil sei

und mit 17,5 Millionen Euro ein Ergebnis

nahezu auf Vorjahresniveau erbracht habe.

Neben 62,9 Millionen Euro aus Kollekten

und Spenden wurden MISEREOR 107,4

Millionen Euro aus Mitteln des Bundesministeriums

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung (BMZ) sowie 8,3

Millionen Euro aus kirchlichen Haushaltsmitteln

zur Verfügung gestellt. Insgesamt

bewilligte das Hilfswerk

im Verbund mit der Katholischen

Zentralstelle für

Entwicklungshilfe (KZE)

im vergangenen Jahr für

1.585 Projekte 169,9 Millionen

Euro.

14 MISEREOR aktuell 3/2012

Foto: KNA-Bild

Ehrendoktorwürde

für die Professoren

Sayer und Joas.

Informationen rund

um den Jahresbericht

2011 unter:

www.misereor.de


Gerechtigkeit

ist nicht verhandelbar

Kolumne des Hauptgeschäftsführers

„Sind das etwa keine Menschen? Mit welchem

Recht unterdrückt und versklavt ihr sie in so grausamer

Weise? Seid ihr nicht aufgerufen, sie zu lieben

wie euch selbst?“

Vor gut 500 Jahren denunziert der Dominikanerpater

Antonio Montesinos in einer Predigt die

Sklaverei an der indigenen Bevölkerung in Santo

Domingo. Für ihn und die Dominikanerkommunität

war klar, dass das größte Hindernis eines

überzeugenden Christentums die praktizierte Ungerechtigkeit

war. Engagiert und in der Art eines

Propheten denunziert er das Erlebte und öffnet

zugleich die Vision einer anderen Gerechtigkeit.

„Sind das etwa keine Menschen? Mit welchem

Recht versklavt ihr sie? Seid ihr nicht aufgerufen,

sie zu lieben?“

Das sind drei Fragen der Mit-Menschlichkeit.

Drei praktische Kriterien für mein und unser tägliches

Handeln oder Nicht-Handeln. Universale

Kriterien, keine abstrakten Glaubensgrundsätze.

Ihre Gültigkeit ist ungebrochen, weil sie an die

Grundbedingung des Menschen, seiner Gebrechlichkeit

und Verletzbarkeit anknüpfen. Ihnen liegt

ein anderes Sehen zugrunde, ein Sehen mit den

Augen von „Zorn und Zärtlichkeit“ im Umfeld von

Gewalt und Kriegen, von Hunger und fehlender

Solidarität.

Es gibt für uns eine Freiheit zu Verwunden und

zu Heilen, eine Freiheit zu Handeln oder das Handeln

zu verweigern. Der Dominikanerpater Montesinos

optierte für das Heilen und Handeln zugunsten

der Verwundeten.

Drei Fragen sind das. Sie stellen uns Orte vor

Augen, die wir kennen, die zumindest via Medien

an unserer Haustür vorbeigehen. Es sind Orte, die

provozieren und an denen eine größere Liebe und

eine größere Gerechtigkeit ihr konkretes Gesicht

erhalten können. Die Fragen sind klar und bedür-

MISEREOR aktuell 3/2012

fen keiner Interpretation. Sie lassen keine Zweifel

zu, sind ein nicht zu verhandelnder Kanon. Sie

stellen die entscheidende Frage an uns: Es geht

nicht um die Frage nach Status oder nach dem

Vermögen; es geht um die Frage „wie können und

wie sollen wir leben!“

Dazu gibt uns Kardinal Frings bei seiner Gründungsrede

von MISEREOR im Jahre 1958 einen

wichtigen Wegweiser mit. Er fragt nach den Ursachen

von Hunger und Ausgrenzung! Und er macht

ganz konkrete Vorschläge, was die Einzelnen das

Jahr hindurch tun können, um mitzuhelfen, den

Hunger in der Welt zu beseitigen. Und Frings erinnert

MISEREOR daran, „den Mächtigen und Reichen

ins Gewissen zu reden.“ Also schon vom

Gründungsauftrag seitens des Kardinals und der

Bischofskonferenz muss MISEREOR „politisch“

sein. Das darf nicht mit „parteipolitisch“ verwechselt

werden. Einen solchen persönlichen und öffentlichen

Einsatz gegen Hunger und Krankheit in

der Welt verbindet Frings mit der „Teilhabe an der

Not Christi“ in den Menschen. Das ist geerdete

Spiritualität, wie ich sie auch in Lateinamerika

kennengelernt habe und wie sie in der Bibel bereichernd

und als Lebenshaltung permanent anzutreffen

ist.

Diese Option Jesu für die Armen ist und bleibt

Grundprinzip der Arbeit von MISEREOR. Für die

gesamte Kirche bleibt unaufgebbar, dass sie sich

für die leidenschaftlich einsetzt, die in der Welt

unter die Räder kommen, die arm und vergessen

sind, ausgeschlossen und zu Opfern gemacht

werden. Ich lade Sie ein, sich mit MISEREOR mit

„Zorn und Zärtlichkeit“ an die Seite der Armen zu

stellen und an einer gerechteren und menschlicheren

Welt mitzuarbeiten. Auf diese Weise sind wir

in der Lage, den künftigen Generationen einen lebenswerten

Erdplaneten weiterzureichen.

Ihr

auf ein wort

Pfarrer Pirmin Spiegel,

Hauptgeschäftsführer

von MISEREOR

15

Foto: KNA-Bild/MISEREOR


nachrichten

Sabine und Bernd Simons aus Aachen

haben sich ihren persönlichen Traum erfüllt

und mit einem guten Zweck verbunden:

Auf ihrer 14-monatigen Radreise

von Costa Rica bis nach Feuerland

und Neuseeland erlebten sie die Schönheiten

der Natur und kulturelle Vielfalt,

setzten sich aber auch mit Armut und

dem oft mühseligen Alltag der Menschen

in den besuchten Ländern auseinander.

So hatten sie sich schon im Vorfeld

der Reise entschieden, ein landwirtschaftliches

Projekt von MISEREOR

zu unterstützen. „Einige der in diesem

Projekt unterstützten Dorfgemeinschaften

in der Umgebung von Abancay im

Hochland der peruanischen Anden konnten

wir während unserer Reise besuchen“,

berichtet Sabine Simons. „So

konnten wir erleben, wie MISEREOR in

16

Fotos: privat

Vierzehn Monate auf dem Rad

Zusammenarbeit mit einem örtlichen

Träger Hilfe auf Augenhöhe leistete und

diese Hilfe zu einer spür- und sichtbaren

Verbesserung der Ernährungssituation

von Kleinbauern und ihren Familien

führt.“ Ob in den trockenen Ebenen

Argentiniens, den rauen Weiten Patagoniens,

den Bergen Neuseelands oder

auf dem Weg durch Europa nach Hause,

oft hätten sie noch bei ihrer Weiterreise

an die Begegnungen mit den freundlichen

Indigenen in den Bergen Perus

gedacht. Sie würden dem Projekt mit Sicherheit

immer in besonderer Weise

verbunden bleiben, versicherte das Paar

nach seiner Rückkehr in Aachen.

Ihre Eindrücke und Erlebnisse

schildern sie auf ihrer Homepage:

www.lebenistreisen.de

Löwe von Cannes

für 2-Euro-Plakat

Mit dem silbernen und bronzenen Löwen

von Cannes wurde die Hamburger

Agentur Kolle Rebbe erneut für eine MISE-

REOR-Kampagne mit einem der angesehensten

Preise der PR-Branche ausgezeichnet.

Die Agentur hatte die 2-Euro-Aktion

mit einem interaktiven Plakat am

Hamburger Flughafen unterstützt.

E-10-Stopp

MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin

Spiegel hat den Vorstoß von Bundesentwicklungsminister

Dirk Niebel begrüßt,

die Beimischungspflicht von Biokraftstoffen

auszusetzen. „Dass auch die

EU-Staaten mit der Beimischungspolitik

künstlich die bestehende Nahrungsmittelknappheit

dramatisch verschärfen,

ist angesichts der drohenden Hungerkrise

durch nichts mehr zu rechtfertigen“,

so Spiegel. So drohe durch die Dürre im

Mittleren Westen der USA und die damit

einhergehenden Preissteigerungen,

der Hunger in vielen importierenden

Staaten in Afrika, Asien und Lateinamerika

massiv zuzunehmen. Spätestens

jetzt sei auch die Europäische Union

(EU) gefragt, den Markt zu entlasten

und der Ernährungssicherung Priorität

einzuräumen.

MISEREOR aktuell 3/2012

Foto: Kolle-Rebbe


Rio+20:

Der Gipfel der Enttäuschung

Schon bevor die

Konferenz am 20.

Juni begann, war

sie auch schon wieder

beendet. Die

brasilianische Präsidentin

Dilma Roussef

wollte kein Risiko

eingehen. Um

jeden Preis sollte beim Rio+20-Gipfel eine

Wiederholung des Debakels der Klimakonferenz

von Kopenhagen 2009 verhindert

werden. Deswegen boxte die brasilianische

Regierung bereits am Tag vor dem offiziellen

Beginn einen Konsensbeschluss

über das Abschlussdokument durch. Seinem

vielversprechendem Titel „Die Zukunft,

die wir wollen“ wird das Papier in

kaum einer Zeile gerecht. Es enthält mehr

Verhandlungslyrik als wirklich konkrete

Beschlüsse, die mit politischen oder finanziellen

Verpflichtungen verbunden sind.

Die EU und Deutschland sind mitverantwortlich

für das Scheitern des Rio-Gipfels.

Sie haben sich dem Druck von Blockierern

wie den USA, Kanada, Russland, China

und Indien gebeugt. Sie hatten nicht den

Mut, Klartext zu sprechen und das

Schlussdokument mit seinem beschämend

schlechten Kompromiss abzulehnen.

MISEREOR aktuell 3/2012

Können wir nicht etwas Weitsicht unserer

Politiker erwarten? Die Zeit läuft uns davon.

Und die globale ökologische und soziale

Weltkrise wird weitaus dramatischer

und nachhaltiger sein als die Folgen der Finanzkrise:

Rund eine Milliarde Menschen

hungern, 80 Prozent der Weltbevölkerung

lebten ohne soziale Sicherung, etwa

einem Drittel der Menschheit mangelt es

an einer grundlegenden Gesundheitsversorgung,

das Trinkwasser wird knapp, die

Klimaveränderungen bringen jetzt schon

vermehrt Dürren, wie zum Beispiel in der

Sahel-Zone, oder Überschwemmungen in

Asien. Die Gier nach Rohstoffen, der

Kampf um Anbauflächen für Nahrungsmittel,

Viehfutter oder Agrartreibstoffe ist

schon jetzt voll entbrannt.

Angesichts dieser multiplen Krisen ist

die Enttäuschung über die mageren Ergebnisse

immens groß. Die Lehre aus Rio ist,

dass einzelne Staatengruppen vorangehen

müssen. Wenn die Welt auf das Einlenken

der USA und anderer Blockierer hofft,

wartet sie ewig. Einzig die Vereinbarung,

dass Nachhaltigkeitsziele formuliert werden

sollen, stimmt ein wenig hoffnungsvoll.

Sie sollen die Millenniumsentwicklungsziele

2015 ablösen und vorgeben,

wie die einzelnen Länder Ungerechtigkeit,

kommentar

Als hätten wir noch viel Zeit für weitere Gipfel in fünf, zehn oder 20 Jahren, zähe Verhandlungen und kleinmütiges Feilschen um Zugeständnisse

und Kompromisse! Der Rio+20-Gipfel Ende Juni hat einmal mehr einen erschreckenden Realitätsverlust unserer Politiker

offenbart und mit einem beschämend schlechtem Kompromisspapier geendet.

Ein Kommentar von Barbara Wiegard

Zerstörung der Umwelt und Ressourcenverschwendung

in den Griff bekommen.

„Wir dürfen jetzt nicht in eine kollektive

Schockstarre verfallen“, hatte MISERE-

OR-Bischof Werner Thissen am Ende der

Konferenz appelliert. „Wir müssen die wenigen

positiven Impulse nutzen, um über

Rio hinauszudenken. Die Zivilgesellschaft,

besonders auch die Kirche, muss nun weltweit

Druck auf die Regierungen ausüben

und die Verbindlichkeit einfordern, die in

Rio gefehlt hat.“ Gerade jetzt müssten Regierungen,

die mit gutem Beispiel vorangehen,

die ärmsten Länder und die zivilgesellschaftlichen

Kräfte eng beieinander

stehen und sich gegenseitig unterstützen.

Es wird also vor allem an der Zivilgesellschaft,

den Medien, der Wissenschaft,

NGOs und Kirchen, aber auch an unserem

täglichen Konsumverhalten liegen, an einer

Zukunft mitzuarbeiten, die wir wirklich wollen:

Eine Zukunft, die besser ist für alle Menschen

und nicht nur für einige wenige.

Barbara Wiegard

arbeitet als Pressesprecherin

von MISEREOR in Berlin. Zuvor hat sie

nach einem Studium der Spanien- und

Lateinamerikawissenschaften ein Volontariat

in der Presseabteilung absolviert.

17

Foto: dpa picture-alliance


misereor vor ort

den Armen keine vorgefertigtenHilfskonzepte

zu präsentieren,

sondern die Verantwortung

dafür, welche Art

der Unterstützung für

sie die richtige ist, partnerschaftlich

vor Ort zu

belassen und zu stärken,

sehen wir uns als kirchliche

Hilfswerke auch nach

50 Jahren Kooperation

mit dem Staat bestätigt.“

Martin Bröckelmann-Simon,

Geschäftsführer

Internationale Zusammenarbeit

bei MISEREOR

Fotos: KNA-Bild „In unserer Haltung,

„Wer sich gegen Armut und Ungerechtigkeit

einsetzt, braucht starken Willen,

Mut und Zuversicht. Heute sind eine

Menge Leute hier versammelt, die genau

dies mitbringen: den Mut, der Resignation

entgegen zu treten und zu handeln. Sie

hier wissen: Es gibt neben dem, was uns

bedrückt, auch Erfolge in der weltweiten

Entwicklung. Zum Beispiel gehen immer

mehr Kinder weltweit in die Schule, immer

weniger Menschen sterben an Malaria.

Und dazu haben Sie beigetragen, dass

Armut weltweit nicht übermächtig wird.“

Bundespräsident Joachim Gauck

VORBILDLICHE

Gemeinsam mit Bundespräsident Joachim

Gauck, Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel,

Erzbischof Robert Zollitsch und Präses

Nikolaus Schneider feierten über 500 Gäste

in Bonn das 50-jährige Jubiläum der Kooperation

von Staat und Kirchen in der Entwicklungszusammenarbeit.

Seit 50 Jahren setzen

sich Staat und Kirchen gemeinsam für

die Ärmsten der Armen in aller Welt ein. In

dieser Zeit unterstützten die evangelische

und katholische Kirche mit staatlichen Zuschüssen

rund 20.000 Entwicklungsprojekte.

50 Jahre Kooperation

von Staat und Kirchen

in der Entwicklungszusammenarbeit

„Menschen zu unterstützen, ihr eigenes

Schicksal in die Hand zu nehmen: Das ist

unser gemeinsames Ziel – das der Kirchen,

das der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit

und das der Menschen in unseren

Kooperationsländern. Das ist die Grundlage

einer wirksamen Entwicklungspolitik.

Das ist ein zentrales

Menschenrecht.“

Bundesminister Dirk Niebel

„Von Beginn an zeigte sich auch, wie wichtig

eine enge Zusammenarbeit zwischen den beiden

Kirchen ist. Das gemeinsame Auftreten der beiden

Zentralstellen gegenüber Bundesregierung

und Parlament war immer ihr Markenzeichen.

Das ist gelebte Ökumene.“

Erzbischof Robert Zollitsch

18 MISEREOR aktuell 3/2012


PARTNER

Beim Gottesdienst und Festakt in

der Bundeskunsthalle in Bonn feierte

man eine Erfolgsgeschichte: Seit

1962 haben die katholische und die

evangelische Kirche in Deutschland

aus Mitteln des Bundesministeriums

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung (BMZ) insgesamt

rund 6,2 Milliarden Euro erhalten.

Mit diesen Zuschüssen und eigenem

Geld wurden in 50 Jahren fast 20.000

Entwicklungs- und Hilfsprojekte in Asien, Afrika

und Lateinamerika unterstützt und damit

die Lebensbedingungen von Millionen Menschen

nachhaltig verbessert. Die Kirchen können

die ihnen anvertrauen Staatsgelder nach

klaren Absprachen eigenverantwortlich und

unabhängig für ihre Entwicklungsarbeit einsetzen.

Sie müssen dabei nur eine Bedingung erfüllen:

Das Geld darf nicht für Zwecke der Verkündigung

verwendet werden.

Alle bisherigen Bundesregierungen und Bundestagsparteien

haben diese Zusammenarbeit

vorbehaltlos unterstützt. Dahinter steckt die klare

Erkenntnis, dass die Kooperation von Staat

und Kirchen allen Seiten zugutekommt.

Martin Bröckelmann-Simon

und Claudia Warning begrüßten

den Bundespräsidenten

zum Gottesdienst.

Ezbischof Ignatius Kaigama

und Isabel Richardson berichteten

von Projekten in Nigeria

und Indien und vom Mut,

sich täglich gegen Armut und

Unterdrückung einzusetzen.

misereor vor ort

Die „Singing Ambassadors“

von der Universität der

Philippinen begeisterten

das Publikum und gaben

dem Festakt einen festlichen

Rahmen.

„Manchmal ist es gerade der Glaube

der Armen, der uns daran erinnert,

dass Gottes Kraft größer ist als die

strukturelle Gewalt ungerechter

Wirtschaftssysteme. Und dass im

Namen Jesu auch vertraute Logik

und vorgebliche Sachzwänge außer

Kraft gesetzt werden können.“

Präses Nikolaus Schneider

„Die Kirchen erhalten eine verlässliche

Finanzquelle für ihre Entwicklungsprojekte,

der Staat erhält Zugang

zum weltweiten Netz der Kirchen

in den Entwicklungsländern“.

Claudia Warning,

Vorstand Internationale Programme

und Inlandsförderung Brot für die Welt –

Evangelischer Entwicklungsdienst.

MISEREOR aktuell 3/2012 19


projekt

20

Mein Haus,

MISEREOR aktuell 3/2012


mein Leben

Ihre Nägel sind sorgfältig lackiert. Die lockigen Haare bahnen sich unter dem Helm

ihren Weg auf die Schulter. Mit ihrem gepflegten Erscheinungsbild wirkt Rosangela

Martins wie ein Fremdkörper auf der Baustelle. Doch genau das Gegenteil ist der

Fall. Die Maniküre aus Rio de Janeiro fühlt sich wohl zwischen Zement und Ziegelsteinen.

Mit einem charmanten Lächeln legt sie einen Backstein auf den anderen

und schwärmt dabei von der Zukunft in ihren eigenen vier Wänden.

Eine Reportage von Astrid Prange de Oliveira, Fotos von Florian Kopp

MISEREOR aktuell 3/2012

projekt

21


projekt

Packt für den Traum

vom Eigenheim mit an:

Die gelernte Maniküre

Rosangela Martins verbringt

ihre Wochenenden

seit sieben Jahren

auf dem Bau.

Der Traum vom Eigenheim beflügelt alle Frauen

und Männer, die an diesem Sonntagmorgen

früh aufgestanden sind. Die 70 Mitglieder der Kooperative

„Esperança“, Hoffnung, verbringen jedes

Wochenende auf der Baustelle in der Colonia

Juliano Moreira, einem Stadtteil im Westen von

Rio. 17 Stunden in der Woche muss jedes Mitglied

ran, damit das knapp 50 Quadratmeter

große Haus bis Juni nächsten Jahres fertig wird.

Doch die brasilianischen Häuslebauer wollen mehr.

Sie sind dabei, in der Nische ihrer Kooperative an

den Grundfesten der Gesellschaft zu rütteln. Denn

hier arbeiten Hausangestellte für sich selbst

und nicht für andere. Bauarbeiter lernen Kindermädchen

und Köchinnen beim Spachteln an,

Friseurinnen verlegen Abwasserrohre und elektrische

Leitungen. Und mit Hilfe der Stiftung

„Fundaçao Bento Rubiao“ wird ganz selbstverständlich

mit der Staatsbank über günstige

Immobilienkredite verhandelt.

Verkehrte Welt? Eigentlich ist für Hausangestellte,

Kindermädchen, Lastwagenfahrer

oder Bauarbeiter in der

fünftgrößten Wirtschaftsnation

der Welt der Traum vom Eigenheim

nicht vorgesehen. Geringverdiener

müssen sich normalerweise

mit einem Dienstmädchenzimmer

oder einer Behausung in einer der

zahlreichen Elendsviertel der Stadt zufrieden

geben. In der Kooperative „Esperança“

werden diese Regeln der brasilianischen

Klassengesellschaft auf den Kopf

gestellt. Mehr noch: Männer sind auf der

Baustelle sogar in der Minderheit. Die Mehrheit

der 70 Mitglieder sind Frauen, 30 davon

alleinerziehende Mütter mit Kindern.

Rosangela Martins ist eine von ihnen.

Seit sieben Jahren verbringt sie ihre

Wochenenden auf dem Bau. „Viele

Leute geben irgendwann auf, weil es

22 MISEREOR aktuell 3/2012


zu lange dauert“, weiß sie. Doch davon will sie

nichts wissen. Mit einem kecken Augenaufschlag

lädt sie die nächste Schubkarre voll mit Ziegelsteinen

und macht sich an die Arbeit.

Frauen stellen Männer in den Schatten

Clarindo Soares gefällt das. Mit Stolz beobachtet

er „seine“ eifrigen Schülerinnen. „Die Frauen

kommen zu mir und fragen mich um Rat“, sagt

der stellvertretende Bauleiter mit einem bescheidenen

Lächeln. Und dann folgt ein dickes Lob:

„Viele Frauen stellen die Männer schlicht in den

Schatten“, räumt er ohne Umschweife ein. „Sie

sind gründlicher und genauer, insbesondere beim

Verputzen der Außenwände.“

Auch außerhalb der Kooperative ist die Revolution

auf dem Bau im vollen Gang: Mittlerweile arbeiten

offiziell rund 150.000 Frauen in Brasilien

in der Branche. Im Jahr 2000 waren es erst

83.000. Auch wenn der Anteil im Vergleich zu den

insgesamt 1,3 Millionen Beschäftigten in der Bauindustrie

noch gering ist, nimmt die Präsenz von

Frauen in der Branche kontinuierlich zu. Die Gründe

liegen auf der Hand: Während Hausangestellte

in der Regel ein bis zwei Mindestlöhne verdienen,

also umgerechnet zwischen 248 und 496 Euro,

schwanken die Löhne auf dem Bau zwischen umgerechnet

520 und 1.400 Euro.

MISEREOR aktuell 3/2012

aufholjagd im schwellenland

projekt

Frauen sind gründlicher

und genauer:

Clarindo Soares ist stolz

auf seine Schülerinnen.

Von 70 Frauen sind

30 alleinerziehende

Mütter.

Bis zum Jahr 2014 will die brasilianische Regierung über drei

Millionen Unterkünfte für Geringverdiener errichten lassen. Das

nationale Defizit an billigem Wohnraum ist enorm. Nach offiziellen

Angaben fehlen 5,5 Millionen Wohneinheiten im ganzen

Land. Neben den lukrativen Aufträgen für große Baufirmen wird

der soziale Wohnungsbau auch von Kooperativen vorangetrieben.

Durch die starke öffentliche Subventionierung können nun

auch Geringverdiener mit Hilfe eines Kredites eine reguläre Immobilie

erwerben. Bei Kooperativen verbilligt sich der Preis zusätzlich

durch den Anteil der Eigenarbeit.

Die von MISEREOR unterstützte Stiftung „Funadaçao Bento Rubiao“

betreut im Bundesstaat Rio de Janeiro 1.867 Familien in zehn

Kooperativen. Die Mitglieder dürfen nicht mehr als drei Mindestlöhne

verdienen und nicht über Wohnungseigentum verfügen.

Bevorzugt werden alleinerziehende Mütter oder Familien, die in

Elendsvierteln wohnen, die durch Überschwemmungen oder Erdrutsche

gefährdet sind. MISEREOR unterstützt die Arbeit der Stiftung

mit jährlich 53.000 Euro.

In der Kooperative „Esperança“ zahlt jedes Mitglied nach der Fertigstellung

des 46 Quadratmeter großen Hauses zehn Jahre lang

eine monatliche Rate von umgerechnet 47 Euro – also insgesamt

5.640 Euro. Der reale Wert des Hauses beträgt aufgrund der staatlichen

Subventionen bei der Fertigstellung 17.500 Euro. Für die

Mitglieder der Kooperative ist der Einsatz somit ein mehrfacher

Gewinn: Ihre monatliche Rate – ein Fünftel des Mindestlohnes – ist

wesentlich geringer als die Miete, die die meisten bisher bezahlten.

Dadurch steigt ihr verfügbares Einkommen. Durch die erlernten

Fähigkeiten auf dem Bau steigen für alle Mitglieder der Kooperative

die Chancen auf dem brasilianischen Arbeitsmarkt. Der

Zusammenhalt unter den Mitgliedern wächst. Nach zehn Jahren

ist die Immobilie abbezahlt und vermutlich wesentlich mehr wert

als 17.500 Euro. Für die Mitglieder der Kooperative bedeutet dies,

dass sie über eine finanzielle Absicherung für ihre Familie verfügen.

Wer sein Haus mit Gewinn verkaufen will, kann dies tun, verliert

allerdings den Anspruch auf jede weitere öffentliche Finanzierung.

Das Grundstück gehört dem Staat und ist unveräußerlich.

23


projekt

links

Auf den regelmäßigen

Versammlungen werden

Probleme angesprochen und

Arbeitspläne festgelegt.

rechts

Gemeinsames Mittagessen:

Während der Arbeitszeiten

organisiert die Kooperative

eine Kinderbetreuung.

24

bundesrepublik brasilien

Brasilien ist mit über 8,5 Millionen Quadratkilometern und mehr

als 205 Millionen Menschen das fünfgrößte Land der Welt. 87

Prozent der Brasilianer leben in den rasant wachsenden Städten,

Hauptstadt ist Brasília. Das südamerikanische Land hat immense

soziale Probleme. Kaum zwei Prozent der Landeigentümer besitzen

fast die Hälfte des nutzbaren Bodens. Den Rest teilen sich

mittlere Landwirtschaftsbetriebe und Millionen Kleinbauern mit

Miniparzellen. Fünf Millionen Bauern können von den Erträgen

ihres Landes ihre Familien nicht ernähren; etwa zehn Millionen

besitzen gar kein Land. Die Menschen flüchten in die Slums der

Großstädte, São Paulo etwa hat bereits 20 Millionen Einwohner.

Schätzungen zufolge leben zehn Millionen Kinder in Brasilien auf

der Straße und schlagen sich mit Betteln, Gelegenheitsarbeiten,

Diebstählen und Prostitution durch. Oft werden sie Opfer von Gewalt.

Vor allem in den Städten sind Morde, Entführungen und

Raubüberfälle an der Tagesordnung. Die Vereinten Nationen geben

die Mordrate mit 22,7 Delikten pro 100.000 Einwohner an (2011).

Im Jahr 2012 unterstützt MISEREOR in Brasilien 282 Projekte mit

gut 47 Millionen Euro.

Im Rahmen einer Städtepartnerschaft

mit Rio de

Janeiro unterstützt die

Stadt Köln das Projekt.

Weitere Spenden unter

dem Stichwort P 64027

kommen den Frauen

und Männern der Kooperative

zugute.

Für den wachsenden Bedarf an Fachkräften sorgt

die brasilianische Regierung selbst. Sie will im

Rahmen ihres Programms „Minha casa, minha

vida“ (Mein Haus, mein Leben) drei Millionen

Unterkünfte für Geringverdiener errichten lassen.

Rund 1,2 Millionen Unterkünfte sind für Familien

mit einem Einkommen bis zu drei Mindestlöhnen

bestimmt. Zehn Prozent davon wiederum werden

gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen

geplant. „Das Projekt trägt dazu bei, die Ängste

und Vorurteile, die sich mit dem Begriff Baustelle

verbinden, abzubauen“, meint der stellvertretende

Bauleiter Clarindo Soares. Zum ersten Mal in

seinem Leben bekommt der 39-jährige Fachmann,

der sich bisher von einem Auftrag zum nächsten

hangelte, ein regelmäßiges Gehalt. Wegen seiner

großen Erfahrung arbeitet er in der Woche Voll-

zeit auf der Baustelle, am Wochenende leistet er

seine Arbeitsstunden für die Kooperative ab.

Scheu vor Zement abgelegt

Jurema da Silva Constâncio, Gründerin der Kooperative

„Esperança“, hat die Scheu vor Zement und

Ziegelsteinen schon lange abgelegt. „Gemeinsame

Arbeit auf dem Bau versklavt niemanden“,

stellt sie klar. „Die Mitglieder finanzieren ihr

Haus eben nicht nur mit Geld, sondern mit ihrer

eigenen Arbeit.“ Die ehemalige Hausangestellte,

die sich heute in der nationalen Bewegung für sozialen

Wohnungsbau engagiert, spricht aus Erfahrung.

Sie war bereits federführend an einem anderen

großen Projekt beteiligt. Von 1996 bis

2000 leitete sie die Wohnungsbau-Kooperative

„Shangri-lá“, ebenfalls in Rio de Janeiro, in der

sich 29 Familien zusammengeschlossen hatten.

Der Erfolg des Projektes, das 1992 auf Initiative

von Pater Roberto aus der Gemeinde „Igreja

Sagrada Familia“ begann, sprach sich herum. „Es

kamen immer wieder Leute und fragten, ob ich

ihnen Bescheid sagen würde, wenn in Shangri-lá

etwas frei wird“, erinnert sich Jurema da Silva.

2004 standen 70 Interessenten auf der Liste. Die

Aktivistin fackelte nicht lange und gründete eine

neue Kooperative: „Esperança“.

Seitdem ist viel passiert. Die brasilianische Regierung

stockte ihr Finanzierungsprogramm für

sozialen Wohnungsbau auf. Sie stellt öffentliche

Grundstücke zur Verfügung und betreibt Frauenförderung.

So sollen insbesondere alleinerziehende

Mütter bei der Vergabe von öffentlichen Immobilienkrediten

bevorzugt werden.

Eine gute Idee reicht nicht aus

Doch damit die guten Vorsätze in der Praxis umgesetzt

werden können, sind die Kooperativen

auf Unterstützung von außen angewiesen. Schließlich

muss eine Baustelle rund um die Uhr bewacht,

MISEREOR aktuell 3/2012


Material eingekauft, Dienstpläne ausgearbeitet,

eine Kantine eingerichtet und Fachkräfte angeheuert

werden. „Eine gute Idee reicht nicht“, lautet

die Erfahrung von Ricardo Gouveia von der Stiftung

„Fundação Bento Rubião“ aus Rio de Janeiro.

„Ohne ständigen Druck, Geduld und Verhandlungen

läuft nichts“, weiß der Jurist. Er begleitete

bereits die Kooperative „Shangri-lá“ bei der Finanzierung

ihrer 29 Wohneinheiten. Mit der brasilianischen

Bürokratie befindet er sich im Dauerclinch.

1995 stieg MISEREOR in das Projekt ein und

unterstützte zunächst die Kooperative „Shangrilá“.

Durch die Einzahlungen in den Fonds der Stiftung

und die monatlichen Ratenzahlungen der

Mitglieder der Kooperative konnte das notwendige

Kapital für die Finanzierung neuer Wohneinheiten

aufgebracht werden. Mittlerweile finanziert

MISEREOR aktuell 3/2012

das Hilfswerk keine Häuser mehr, sondern unterstützt

die Stiftung bei ihrer Arbeit für die Kooperativen.

So werden bei den regelmäßigen Versammlungen

der Mitglieder Probleme offen angesprochen,

Regeln und Arbeitspläne erstellt. Die Stiftung

hilft bei allen organisatorischen Fragen, bereitet

die Versammlungen vor, heuert Architekten

und Fachkräfte an, verhandelt mit den brasilianischen

Behörden und betreut die Mitglieder bei

der Finanzierung ihrer Häuser. Am schwierigsten

ist die Kooperation mit der brasilianischen Staatsbank

„Caixa Econômica Federal“. „Die Caixa akzeptiert

keine Kollektivverträge“, erläutert Ricardo

Gouveia. „Wir mussten für jedes Mitglied

einen eigenen Vertrag abschließen.“

Bei den Mitgliedern der Kooperative „Esperança“

überwiegt trotz aller bürokratischer Hürden

die Vorfreude auf ein neues Leben in den eigenen

vier Wänden. Für Maria da Gloria, 49, und Laudeci

Vieira, 48, hat das neue Leben bereits angefangen.

Sie lernten einander auf der Baustelle kennen –

und lieben. Das Eheversprechen gaben sich die

beiden bereits im Weihnachtsgottesdienst vergangenen

Jahres. Im Juni nächsten Jahres wollen sie

in ihr gemeinsames neues Zuhause einziehen.

projekt

links

Jurema da Silva Constancio,

Gründerin der Kooperative

„Esperança“, hat Erfahrung

mit der Leitung von Wohnungsbauinitiativen.

rechts

Werden im nächsten Jahr

ihr Eigenheim gemeinsam

beziehen: Maria de Gloria

und Laudeci Vieira.

Astrid Prange de Oliveira

arbeitet als freie Redakteurin

bei den ZEIT-Extra-Seiten

„Christ & Welt“ sowie für den

Deutschlandfunk. Zuvor war

die Historikerin von 1989

bis 1997 Korrespondentin

der taz in Brasilien. Sie lebt

mit ihrem brasilianischen

Ehemann und ihren zwei

Töchtern in Bonn.

Florian Kopp

lebt mit seiner Familie in

Brasilien und arbeitet als

freier Fotograf vor allem

zu entwicklungspolitischen

Themen.

25

Karte: Fischer-Weltalmanach


misereor vor ort

Die Aachener Geschäftsstelle von MISEREOR

bevölkerten mehr als 120 Kinder und ihre

Katecheten aus dem ganzen Bistum: Der

Tag für Kommunionkinder feierte damit eine

gelungene Premiere in der Mozartstraße.

Nina Krüsmann

lebt als freie Journalistin

in Aachen. Sie schreibt

unter anderem für die

Aachener Kirchenzeitung.

Andreas Schmitter

lebt und arbeitet als

freier Fotograf und Bildjournalist

in Aachen.

26

„Unter dem Motto „Mit

Rucky Reiselustig um die

Welt“ reisen 120 Kinder am

Kommunionkindertag von

Kontinent zu Kontinent, lernen

die Lebensbedingungen Gleichaltriger in den

Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas kennen.

Singen, spielen, basteln, essen und jede

Menge Spaß miteinander stehen auf dem Programm,

das MISEREOR eigens organisiert hat.

Nicht Theorie ist dabei angesagt, sondern lebendige

Praxis, bei der die Mädchen und Jungen

selbst erleben können, wie sich die Kontinente in

Geografie, Kultur und Alltag unterscheiden.

Die Vorfreude auf die spannenden Aktivitäten

ist groß. „Wir fliegen, wir fliegen“. Fröhlich sin-

Erster Tag für Kommunionkinder

gen die Kinder bei der Eröffnung im großen Saal.

Der erste Flug geht nach Afrika, wo ein Stopp im

Senegal eingelegt wird. Hier erfahren die Kinder,

wie Gleichaltrige unter erschwerten Bedingungen

leben. 40 Grad heiß und staubig ist es in der senegalesischen

Hauptstadt Dakar. Wie in vielen

afrikanischen Ländern gibt es leider auch hier viel

Kinderarmut. Theoretisch und praktisch lernen

die Kinder, wie der Alltag im Senegal aussieht

und womit Gleichaltrige dort ihre Zeit zubringen.

Singen, Trommeln, Basteln

Nach dem Start mit vielen fröhlichen Liedern geht

es ebenfalls musikalisch weiter: Wie man traditionell

und vor allem mit viel rhythmischem Gefühl

trommelt, vermittelt der professionelle Musiker

Pascal Salimou. Nur wenige Räume weiter wird

fleißig gebastelt: Die Kommunionkinder zeigen

dabei viel Kreativität und Geschicklichkeit. Unter

fachkundiger Anleitung der Mitarbeiter von MISE-

REOR fertigen sie bunte Schlüsselanhänger aus

Perlen an – ein schönes Mitbringsel für Eltern oder

Großeltern. Eine Station weiter lernen die Kinder,

wie sich ihr Name in Afrika schreiben würde. Auf

einem Ansteck-Button wird die afrikanische Version

des Namens mit Hilfe einer Druckerpresse

festgehalten. Mit dem neuen Anstecker als bleibende

Erinnerung ausstaffiert geht es weiter zum

nächsten Raum. Hier kann jedes Kind schnell und

spielerisch ein paar Wörter Kisuaheli lernen.

Schuhputzer, Lastenträger

und Müllsammler

Text von Nina Krüsmann,

Mittags geht die Reise weiter nach Indien. Nach

der Mittagspause stimmte ein Bollywood-Tanz die

Kinder ein. Keine Frage, dass die hierfür typischen

bunten Kostüme und die eingängigen Rhyth-

MISEREOR aktuell 3/2012


in der MISEREOR-Geschäftsstelle in Aachen

Fotos von Andreas Schmitter

men nicht fehlen dürfen. Dann informiert ein Film

über den Kontinent Asien und das MISEREOR-Projekt

„Butterflies“ für Straßenkinder in Neu-Delhi.

Eine große Bereicherung des Tages ist auch

die Aachener Initiative „Mittendrum“, die sich

den anwesenden Katecheten vorstellt. Kinder auch

in der Zeit nach der Erstkommunion in der Gemeinde

zu beheimaten, das hat sich die Initiative

zum Ziel gesetzt. Einmal im Monat gibt es für Kinder

und Jugendliche das Angebot, sich zu treffen

und sich mit Themen aus Kirche und Gesellschaft

zu beschäftigen. „Wir sind ehemalige Katechetinnen,

die den Schwung der Kommunionvorbereitung

nutzen, Kindern ab dem Kommunionalter

weiter regelmäßige Angebote rund ums Christsein

anzubieten“, erklärt „Mittendrum“-Teammitglied

Anne-France Zink.

Im praktischen Teil zum Thema Indien zeigte

sich dann, wie man aus Tetrapaks und anderem

Verpackungsmüll etwas Sinnvolles basteln kann.

Für indische Kinder ist es an der Tagesordnung,

aus Abfall nützliche Dinge herzustellen.

Andere Mädchen und Jungen ma-

MISEREOR aktuell 3/2012

chen sich derweil ans Schuhe putzen – für Gleichaltrige

in Indien eine normale Tätigkeit, um etwas

Geld zu verdienen.

Auch die Frage „Welche Rechte haben Kinder

und wie können diese Rechte gewährleistet werden?“

wird in einem Workshop zum Thema Kinderrechte

thematisiert. Das Basteln von bunten

Schmetterlingen und die Herstellung von Mango-

Lassi gehören zu den weiteren vielfältigen Angeboten

am Nachmittag. Beim großen Indien-Quiz

können die Kinder ihr Wissen erproben, bevor der

letzte Flug des Tages sie von Asien nach Lateinamerika

führt. Der neue MISEREOR-Hauptgeschäftsführer

Pfarrer Pirmin Spiegel nimmt die

Kinder mit nach Brasilien. Für jede Station, an

der die Kinder mitgemacht haben, gibt es anschließend

einen Stempel in den speziell aufgelegten

MISEREOR – Reisepass. Stolz nehmen die

Kinder den Pass mit nach Hause – eine wunderbare

Erinnerung für jeden Teilnehmer.

misereor vor ort

Mit Rhythmus im

Trommelkurs,

Basteln mit Müll und

als Schuhputzer:

Kreativität war gefragt.

27


im fokus

Von Ralph Allgaier

oben

150.000 Menschen leben

im Slum Korogocho und

verkaufen, was sie auf

dem Müllberg finden.

unten

Erfindungsreich: Aus Müll,

Papier und Holzresten werden

Brennbriketts hergestellt.

28

Entwicklungsminister Niebel

besucht Projekte

der beiden kirchlichen Hilfswerke

in Kenia

Die Kraft der

Es stinkt nach Müll, Rauch, Fäkalien und Vergorenem.

Man muss diese schwer erträgliche Mixtur

gerochen haben, um wirklich zu begreifen,

was es heißt, in Korogocho zu leben. In engen

Straßen, wo es vor Menschen nur so wimmelt. Wo

die Bewohner aus unförmigen Ästen, etwas Lehm

und zerbeultem Blech ihre Hütten zusammengezimmert

haben. Wo ihnen außer Abfall kaum

etwas bleibt, von dem sie leben können. Für Cent-

Beträge verkaufen sie Plastiktüten, Scherben oder

Briketts, die – aus Altpapier und anderen Zutaten

bestehend – als Brennmaterial herhalten müssen.

Man merkt Dirk Niebel, dem Bundesminister

für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

an, dass ihm sehr nahegeht, was er in Korogocho

zu sehen bekommt, einem der gewalttätigsten

Elendsviertel von Nairobi. Der FDP-Politiker

ist mit Repräsentanten der katholischen und der

evangelischen Kirche

in Deutschland nach

Kenia gereist, um Projekte

zu besichtigen,

die von den Hilfswerken

MISEREOR und Evangelischer Entwicklungsdienst

(EED) mit hohen Zuschüssen des Ministeriums

unterstützt werden. Seit genau 50 Jahren

gibt es diese Kooperation von Staat und Kirche in

der Entwicklungszusammenarbeit, und der Minister

erlebt nicht zuletzt in Korogocho, wie notwendig

diese Hilfe nach wie vor ist. Dort trifft er auf

Pfarrer John Webootsa, Leiter der katholischen St-

Johns-Gemeinde – einer der wenigen Hoffnungsträger

für die Ärmsten der Armen in der kenianischen

Millionenmetropole. Auf dem Gelände der

Pfarre treffen sich die Kinder und Jugendlichen

der Umgebung zum Sport; hier werden jugendliche

Kriminelle und Prostituierte in diversen Berufen

ausgebildet, erhalten alleinerziehende Mütter

Unterstützung.

Einkommen aus Müll

Hinter dem Gemeindehaus wird das gesammelte

Elend des Slums auf schockierende Weise sichtbar:

Pfarrer John zeigt Niebel die riesige Müllkippe,

die seit Jahrzehnten die gesamten Abfälle der

Hauptstadt aufnehmen muss, Menschen wie Umwelt

auf untragbare Weise belastet. Andererseits

stellt diese Deponie für täglich tausende Menschen

eine Möglichkeit dar, nach Verwertbarem zu

suchen, von dessen Verkauf sie ihr Überleben sichern

müssen. Der Minister lernt später eine Gruppe

junger Leute kennen, die auf genau diese Weise

MISEREOR aktuell 3/2012


Armen

eine bescheidene Einkommensquelle erschlossen

hat. Stolz überreichen sie ihm ein Paar Schuhe,

das aus Materialien von der Kippe hergestellt

wurde. Sie wirken selbstbewusst und zufrieden.

Eigene Talente nutzen

Der Minister und seine Reisedelegation treffen in

Kenia eine ganze Reihe von Menschen, die so viel

Überlebenswillen verströmen, dass man die Begegnung

mit ihnen wohl kaum mehr vergessen

wird. In PapOnditi/Moro lernen wir eine ältere

Frau kennen, die alle nur „Mama Hellen“ nennen.

Sie erzählt dem Minister und den Leitern der beiden

kirchlichen Zentralstellen für Entwicklungshilfe,

Prälat Bernhard Felmberg (Evangelische Kirche)

und Prälat Karl Jüsten (Katholische Kirche),

aus ihrem bewegten Leben. Wie sie davon erfuhr,

mit HIV/AIDS infiziert zu sein, wie sie stigmatisiert,

verarmt und von ihrem Ehemann verlassen,

auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen

war. Ein Projekt der Anglikanischen Kirche, das

vom EED unterstützt wird, habe für sie die Rettung

bedeutet, sagt Hellen. Dabei werden Menschen

gezielt darin gefördert, ihre eigenen Selbsthilfepotenziale

zu mobilisieren. Davon hat Mama

Hellen eine ganze Menge. Heute ist sie eine Kleinunternehmerin,

die als Imkerin und Tomatenzüchterin

erfolgreich ist. Mit diesem sogenannten „People

owned process“, einem Entwicklungsansatz

MISEREOR aktuell 3/2012

zur Stärkung der

Selbsthilfe-Ressourcen

armer Menschen,

ist MISEREOR ebenfalls

sehr erfolgreich.

Die Partnerorganisationen

des katholischen

Hilfswerks begleiten die Menschen dabei

betont zurückhaltend, lassen sie selbst entdecken,

welche Talente in ihnen stecken, und wie

sie ihre Lebensbedingungen verbessern können.

In der Diözese Embu, einer Partnerorganisation

von MISEREOR, ist es die 29-jährige Mary Wambogo

Nsiru, die sich mutig vor Minister Niebel

stellt und in einer flammenden Rede darstellt,

wie sehr die Hilfe der Kirche das Leben der immer

wieder von Dürre heimgesuchten Region Ishiara

verbessert hat. Niebel und seine Delegation bewundern

den modernen Dorfladen und den vielfältig

gestalteten Küchengarten, die Lehmziegelproduktion

und die an das sehr trockene Klima

besser angepasste Landwirtschaft. „Ich bin tief

beeindruckt“, sagt der katholische Prälat Karl

Jüsten später und lobt die geballte „Frauenpower“

im Dorf. Und auch Prälat Felmberg sieht in

diesem Projekt-Ansatz eine Bestätigung für die

deutschen Hilfswerke: „Gott hat Kräfte in uns gesetzt,

die wir im Miteinander wecken müssen, um

das Beste füreinander zu erreichen.“

im fokus

oben

Die Gemeinde von

Pater John Webootsa liegt

im Slum. Mit Sozialarbeit

unterstützt er vor allem

Jugendliche.

unten

Begleiten Minister Niebel:

Prälat Jüsten und Prälat

Felmberg von den kirchlichen

Zentralstellen.

Ralph Allgaier,

Pressesprecher von

MISEREOR, hat Bundesminister

Niebel auf seiner

Keniareise begleitet.

29

Fotos: Thomas Köhler


Foto: Allgaier/MISEREOR

nachrichten

Aachen sozial

31.000 Euro für Projekte in Ostafrika

Einen Scheck über mehr als 31.000

Euro, gesammelt bei den Mitgliedern

des Verbandes der Katholiken in Wirtschaft

und Verwaltung (KKV), übereichten

der Bundesvorsitzende Bernd-M.

Wehner und Geschäftsführer Joachim

Eine nicht alltägliche Spende erhielt MI-

SEREOR im Krönungssaal des Aachener Rathauses:

Der Aachener Bauunternehmer Georg

Quadflieg, der dort vom Verein „Die Familienunternehmer

ASU“ mit der Auszeichnung

„Aachen sozial“ geehrt wurde, schenkte

MISEREOR nicht nur sein Preisgeld in

Höhe von 5.000 Euro, sondern verdoppelte

diese Summe. MISEREOR-Hauptgeschäftsführer

Pirmin Spiegel bescheinigte Quadflieg

ein Herz auf dem rechten Fleck.

Hüpkes an MISEREOR-Hauptgeschäftsführer

Pirmin Spiegel in Aachen. Mit

den Spendengeldern werden drei Wasserrückhaltebecken

in Marsabit, einer

von der Dürre besonders betroffenen

Region im Nordosten Kenias, gebaut.

Erneut sind Jugendliche für knapp

ein Jahr in MISEREOR-Projekte aufgebrochen.

Zum entwicklungspolitischen Freiwilligendienst

entließ MISEREOR-Hauptgeschäftsführer

Pirmin Spiegel in ei-

MISEREOR kritisiert

peruanische Regierung

Mit scharfem Protest hat MISEREOR

auf die vorübergehende Festnahme des

Bergbau-Aktivisten Marco Arana reagiert.

Der Gründer der MISEREOR-Partnerorganisation

Grufides saß mit anderen Umweltaktivisten

auf einem Platz in der Stadt Cajamarca

, als sich zahlreiche Polizisten auf

ihn stürzten und ihn abführten. Die Aktion

wurde von Passanten gefilmt und im Internet

veröffentlicht. Via Twitter berichtete

Arana aus dem Gefängnis, man habe ihn

geschlagen und beschimpft. Am selben

Tag kam der Träger des Aachener Friedenspreises

wieder frei. Das Hilfswerk zeigt sich

besorgt über die gravierende Zunahme

von Konflikten in Zusammenhang mit dem

Bergbau in Peru. So kamen in jüngster Zeit

bei Protesten in Espinar und der Region

Cajamarca fünf Menschen ums Leben.

Freiwilligendienst zum Dritten

nem feierlichen Gottesdienst 14 junge

Frauen und Männer zur Mitarbeit in Projekte

in Indien, Philippinen, Thailand,

Ruanda, Tansania, Mexiko und erstmals

Kambodscha und Argentinien.

30 MISEREOR aktuell 3/2012

Foto: Mondry/MISEREOR

Foto: Mondry/MISEREROR


Foto: Mondry/MISEREOR

MISEREOR aktuell 3/2012

lesetipp

Andreas Lohmann,

Leiter der Abteilung Projektpartnerschaften

und Spenderkontakte, liest:

Adaobi Tricia Nwaubani

Die meerblauen

Schuhe meines Onkels

Cash Daddy

„Mein Name ist Herr Patrick. Es gibt

eine Summe von $ 22.500.000,00 in meiner

Bank. Es gab keine Begünstigten.

Ich weiß um Ihre Mithilfe an der Vornahme

dieser Transaktion einzuholen. Ich

beabsichtige, Ihnen 30 Prozent der gesamten

Mittel als Ausgleich für Ihre

Unterstützung zu geben.“ Haben Sie

eine solche E-Mail auch schon in Ihrem

Postfach gehabt? Die Nigerianerin Adaobi

Tricia Nwaubani hat daraus einen

höchst lesenswerten Roman gemacht.

Der junge Kingsley hat sein Chemiestudium

erfolgreich abgeschlossen. Doch es

scheint unmöglich, ohne Beziehungen

einen Job zu ergattern. Der einzige, bei

dem Kingsley eine Chance erhält, ist

sein Onkel Cash Daddy, der mit E-Mail-

Angeboten wie dem genannten Geschäftsleute

aus Europa und Amerika um

große Summen erleichtert. Der Roman

von Nwaubani stimmt nachdenklich

und eröffnet Einblicke in Höhen und Tiefen

der nigerianischen Gesellschaft.

Dtv, München 2011,

496 Seiten, Taschenbuch 14,90 Euro.

Vegetarisches aus der malische Küche

Ausschließlich die Frauen sind in dem

westafrikanischen Mali für die Zubereitung

der Mahlzeiten zuständig. Die Grundnahrungsmittel

Hirse, Reis, Mais, Sorghum und

Bohnen verkochen die Frauen meist zu

einem Brei. Dazu gibt es verschiedene Saucen

aus Gemüse, zum Beispiel aus Okraschoten,

Auberginen oder Tomaten, aus

Für 4 – 6 Personen

couscous mit erdnuss-soße

quartalsrezept

den Früchten des Affenbrotbaumes oder

gemahlenen Erdnüssen. Etwas Lamm- oder

Rindfleisch, Hühnchen oder Fisch ergänzen

diese Saucen. Landestypisch ist die „Zeremonie

der drei Tees“. Ein Sprichwort aus

Mali beschreibt die erste Tasse als stark

wie das Leben, die zweite süß wie die

Liebe, die dritte Tasse bitter wie der Tod.

Zutaten für die Soße:

Öl, 2 große Zwiebeln, 2 Knoblauchzehen, 1 Stange Lauch, 1 große Möhre,

1 rote Paprika, 1 kleine Dose Tomaten; 1 Glas Erdnussbutter, 1 kleine

Dose Tomatenmark, etwa 3/4 Liter Hühner- oder Gemüsebrühe, Salz, Muskat,

scharfe Chilipaste, zum Beispiel Harissa oder Sambal Oelek.

Zubereitung

Zwiebeln, Knoblauch, Möhre, Lauch und Paprika klein schneiden. Zwiebel

und Knoblauch in Öl goldgelb anbraten. Das restliche Gemüse, die

Erdnussbutter und das Tomatenmark zufügen. Je nach gewünschter Konsistenz

Brühe hinzugeben und die Sauce würzen. Das Ganze muss 30

Minuten köcheln, bis das Öl sichtbar wird. Dabei ständig rühren, damit

die Soße nicht anbrennt. Zum Schluss abschmecken und eventuell mit

weiterer Brühe verdünnen.

Couscous (pro Person etwa 60g)

Pro Kilogramm Couscous rechnet man mit 1,2 Liter Wasser, also gut 400

ml für sechs Personen. Das Wasser mit etwas Salz und Öl aufkochen und

die Getreidekügelchen darin ohne Hitze ausquellen lassen. Zum Schluss

etwas Butter dazugeben und das Getreide mit einer Gabel auflockern.

31

Foto: Schwarzbach/MISEREOR


Bischöfliches

Hilfswerk

MISEREOR e.V.

Mozartstraße 9

52064 Aachen

www.misereor.de

Ihre Spende an

MISEREOR erreicht

Menschen in Not

sicher und nachweisbar.

Mit dem Spendensiegel

bescheinigt

das Deutsche Zentralinstitut

für soziale

Fragen/DZI den sparsamen

und verantwortungsvollenEinsatz

aller gespendeten

Mittel.

„Eine Gesellschaft,

in deren Mitte die Überzeugung steht,

sich gegen Armut und Ungerechtigkeit zu engagieren,

hat gewichtige Grundlagen,

um mit Partnern gemeinsam

das volle Potenzial im Menschen zu wecken

und kritisch den eigenen Lebensstil zu reflektieren.“

Bundespräsident Joachim Gauck

Spendenkonto 10 10 10

Pax-Bank

BLZ 370 601 93

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine