Ideologische Feindbilder des 20 - Geschichtswerkstatt Jena eV

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Ideologische Feindbilder des 20 - Geschichtswerkstatt Jena eV

Ideologische Feindbilder im 20. Jahrhundert und ihre Wirkmächtigkeit bis in die

Gegenwart - Annäherung an ein historisches Phänomen

„Um zu lieben, muss man hassen können, man muss wissen, wo man steht, man muss die

Feinde beim Namen nennen, damit es vorwärts geht.“ 1

Das Thema Feindbilder ist ein höchst komplexes und zugleich ambivalentes Thema, das seit

Menschengedenken eine zentrale Rolle für die individuelle und gesellschaftliche Existenz der

Menschen spielt. Feindbilder bestimmen entwicklungspsychologisch das Sein des Menschen

von seiner Geburt an und gründen sich auf soziale, kulturelle und individuelle Prägungen und

Erfahrungen. Sie sind Ausdruck eines Abgrenzungsprozesses innerhalb einer Gemeinschaft

oder Gesellschaft. Erkenntnisse, also Wissen, das Vermögen an Reflexion und Empathie

können als Gegengewicht die zerstörerische Kraft von Feindbildern relativieren und/oder

zumindest abmildern. Entscheidend für die Wirkmächtigkeit von Feindbildern ist aber nicht

deren Existenz an sich oder das Vermögen des Einzelnen zur Relativierung, sondern ihr

vermeintlicher „Nutzen“ für den Einzelnen, eine Gruppe oder Gesellschaft. Im

Nachfolgenden möchte ich nach einer kurzen Einführung zum Begriff Feindbild in einem

„historischen Längsschnitt“ eine Annäherung an das historische „Phänomen“ ideologischer

Feindbilder im 20. Jahrhunderts und ihre Wirkmächtigkeit bis in die Gegenwart vornehmen.

Dabei beziehe ich mich im Wesentlichen auf die deutsche Geschichte als Folie hierfür. Es ist

zu fragen, welche zentralen Feindbilder das vergangene Jahrhundert bestimmten und worauf

sie im Konkreten abzielten. Anschließend skizziere ich an Hand von Beispielen, welche

Wirkung die „alten“ Feindbilder bis in die Gegenwart entfalten.

Fremdenangst - Potential ideologischer Feindbilder

Im sechsten bis achten Lebensmonat zeigen Kinder erstmals ängstliche Reaktionen auf

fremde Gesichter, was auf der Verhaltensebene einer Kontaktverweigerung entspricht. Dies

verweist einerseits darauf, dass fremde Gesichter als fremd erkannt werden, andererseits weist

es auf eine Objektbeziehung zu Bezugspersonen hin. Darin kommt das sozial bedeutsame

Phänomen zum Tragen, dass Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit bereits unterschieden

werden. Die so genannte Fremdenangst in dieser Entwicklungsphase stellt eine

„ontogenetische Erstform“ des Grundelements der Vergesellschaftung dar - die eingangs

1 Liedtext der Volkspolizei der DDR: „Wir, die Genossen der VP“. In: Dienst am Volk, Hg. Ministerium des

Inneren der DDR, Berlin 1982, S. 52.


erläuterte Grenzziehung zwischen Innen und Außen, zugehörig und nicht-zugehörig: „In der

Fremdenangst des Kindes steckt das Grundmodell für Fremdenfurcht und -ablehnung, stecken

Verhaltensmuster, die durch Erziehungspraktiken zwar modifiziert und abgeschwächt werden

können, aber als ein Potential weiterwirken, das durch Indoktrination mittels ideologischer

Feindbilder jederzeit wieder belebt werden kann.“ 2

Ein Feindbild ist voll negativer Energie, eine Büchse der Pandora, die kein Unheil anrichtet,

solange sie geschlossen ist. Doch wenn man sie öffnet, ergießen sich aus ihr alle Übel der

Welt. Feindbilder drücken sich in der Sprache aus, das macht sie, im Unterschied zu

psychologischen Annahmen, objektiv beschreibbar. Der Begriff trägt dem modernen

Bewusstsein Rechnung, dass in der menschlichen Gesellschaft ein Feind nicht etwas

„natürlich“ Gegebenes ist (wie der „natürliche Feind“ im Tierreich), sondern die Folge einer

Projektion: der Mensch ist nicht des Menschen Feind, sondern er sucht sich unter den

Menschen Feinde beziehungsweise findet sich von anderen zum Feind erklärt. Ein Feindbild

depersonalisiert. Schon die Uniform depersonalisiert, verwandelt den Gegner, der aus

Individuen besteht, in eine ununterscheidbare Masse. Einen depersonalisierten Gegner zu

töten ist einfacher, als sich vorzustellen, dass er einen Namen trägt, Frau und Kinder hat und

im Frieden einen zivilen Beruf ausübt.“ 3

Du musst deinen Feind kennen, um ihn besiegen zu können 4

Zu den tschekistischen Feindbildern des MfS gehörte es, „[…] in einem konkret definierten

Verantwortungs- und Aufgabenbereich feindliche Tätigkeit gegen die Staatsordnung der DDR

2 Pohlmann, Friedrich: Die soziale Geburt des Menschen. Einführung in die Anthropologie und

Sozialpsychologie der frühen Kindheit. Weinheim und Basel 2000, S.37.

3 Der Begriff Feindbild ist in den 1980er Jahren in allgemeinen Gebrauch gekommen und reflektiert die

Erkenntnis, dass die Dinge nicht nur sind, was sie sind, sondern auch und vor allem, was wir in sie hineinsehen.

Es handelt sich um eine - berechtigte oder unberechtigte - Feindlichkeitsprojektion. Sie ist nicht immer

unberechtigt; sie ist sogar häufig berechtigt. Vgl. Wagener, Sybil: Feindbilder. Wie kollektiver Hass entsteht,

Berlin 1999.

4 Verkürzte Aussage von Sunzi (auch Sun Zi oder Sun Tsu), chinesischer General, Militärstratege und Philosoph

in seinem berühmten Buch „Die Kunst des Krieges“ ca. 220 - 280 v. Chr. im Königreich Wu (die Angabe „500

vor Christus in der Zeit des Königreichs von Wau“ kann nicht stimmen. Ein solches Königreich gab es nicht).

Zahlreiche Übersetzungen und Veröffentlichungen, so: Ssun-ds’: Traktat über die Kriegskunst, Verlag des

Ministeriums für Nationale Verteidigung, Berlin (DDR), 1957. Diese Ausgabe ist eine Übersetzung aus dem

Russischen. Zuletzt Sun Tsu: Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft. Die Kunst des Krieges, Thomas Cleary Hg.,

Piper 2001, ISBN 3-492-23330-9 (enthält viele Kommentare alter Chinesen, die aber direkt in den Text

eingestreut sind; der Originaltext kann also nicht flüssig gelesen werden). Das Originalzitat lautet: „Wenn du den

Feind und dich selbst kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich

selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Wenn du

weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen.“ Gelegentlich auch als Zitat von

Lenin stammend dargestellt: „Um den Feind zu besiegen, muss man ihn studieren“ bzw. „Es ist eine alte

Wahrheit, dass man in der Politik oft vom Feinde lernen muss.“


aufzuspüren, aufzudecken und zu unterbinden, möglichst zu verhindern. […] inhaltlich ging

es um Feindbilder, wenn wir von „Angriffsrichtungen, Mitteln, Methoden und Kräften des

Gegners“ sprachen und bei der Ausrichtung der Abwehrarbeit davon mit geleitet wurden.“ 5

Das MfS hatte aus dem historischen Kontext der deutschen und kommunistischen Geschichte

heraus bis zum Untergang der DDR vor allem zwei Feindbilder verinnerlicht: „Die

Sozialdemokratie und die völkische Demagogie. Die Sozialdemokratie ist eine bürgerliche

Partei und untrennbar verbunden mit der Bourgeoisie. Sie ist die Partei des Reformismus, des

Verrats am Proletariat, der Lakai der Bourgeoisie. Der andere Feind, die völkische

Demagogie, ist die andere Waffe der Bourgeoisie, geführt von verkrachten Generalen

(Ludendorff), von meineidigen Mörderorganisationen (Brigade Ehrhardt) und verrückt

gewordenen Tapeziergehilfen (Hitler). Beider Parteien müssen vernichtet werden.“ 6

Angeleitet von den revolutionären und ideologischen Dogmen Lenins und anderer russischer

Kommunisten sowie dem unbedingten Willen zur Macht, träumten radikale deutsche

Kommunisten in der Zeit der Novemberrevolution 1918 und der Weimarer Republik vom

Bürgerkrieg, vom Zerschmettern der Bourgeoisie und von der Weltrevolution mit dem Ziel

der Errichtung einer „Diktatur des Proletariats“. Die gesamte bürgerliche Gesellschaft sollte

zerstört werden, das Eigentum beschlagnahmt und die gefährlichsten Gegner unter ihnen

sollten vertrieben, interniert und überwacht werden. 7 Ganz ähnliche Vorstellungen

entwickelten die radikalsten Kräfte der sogenannten Rechten, die Nationalisten und

Nationalsozialisten. 8 Es entflammte ein gnadenloser ideologischer Kampf zwischen der

demokratisch verfassten Welt, dem nationalen Sozialismus (Nationalsozialismus) und

proletarisch-internationalem Kommunismus (Bolschewismus). Die aus dem politischen

Scheitern des „langen“ 19. Jahrhunderts hervorgegangenen Brüche bestimmten die

politischen Auseinandersetzungen und die Entwicklungen des „kurzen“ 20. Jahrhunderts 9 ,

was schätzungsweise 50 Millionen Menschen das Leben kostete. Die bestimmenden und sich

gegeneinander richtenden ideologischen Feindbilder des 20. Jahrhunderts in Europa und der

Welt waren in sehr verschiedenen Fassetten der Nationalismus und der Kommunismus. Auch

5 Panster, Klaus: Zum Feindbild, von dem die Abwehrarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der

DDR geprägt war. Einführung zur Diskussion beim Jour fixe des Insider-Komitees am 03.03.2004, Quelle:

http://www.mfs-insider.de/Abhandlungen/FeindB.htm, Stand 16. Februar 2011.

6 Wahlaufruf der KPD vom 23. März 1924 auf dem Bezirksparteitag Berlin-Brandenburg. Abdruck in: Sombart,

Werner: Der proletarische Sozialismus (Marxismus), zehnte Ausgabe der Schrift „Sozialismus und Soziale

Bewegung“, zweiter Band „Die Bewegung“, Jena 1924, S. 442 ff.

7 Ebenda.

8 Tyrell, Albrecht: Führer befiehl… Selbstzeugnisse aus der Kampfzeit der NSDAP, Bindlach 1991, S. 8 f. bzw.

S. 20 ff.; Schieferle, Rolf Peter: Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen, Frankfurt a.M. 1995,

S. 45 ff., hier zu Paul Lensch: Die Geburt des nationalen Sozialismus, S. 48 zu nationalen Feindbildern nach

dem Ersten Weltkrieg und S. 52 zur Herausbildung eines proletarischen bzw. nationalen Sozialismus.

9 Zu den Begriffen „kurzes“ 20. Jahrhundert und „langes“ 19. Jahrhundert empfehle ich auch zur weiteren

Einführung in das Thema Jesse, Eckhard: Systemwechsel in Deutschland. 1918/19 - 1933 - 1945/49 - 1989/90,

Köln, Weimar, Wien 2010, S. 9.


zeitweilige Bündnisse von Nationalsozialismus und Kommunismus (Hitler-Stalin-Pakt),

politische und ideologische Gemeinsamkeiten (Weltherrschaft sowie Herrschaftsanspruch)

und Formen der Machtausübung (Diktatur) änderten an diesen Feindbildern nichts. Gegen

diese ideologische Feindschaft zwischen Nationalismus und Kommunismus mussten die

bestehenden und sich entwickelnden Demokratien in Europa und den USA immer wieder

behaupten und zur Wehr setzen (z. B. Anti-Hitler-Koalition, Kalter Krieg).

Das „lange“ 19. Jahrhundert

Beide Ideologien, Nationalismus und Kommunismus, waren Folge des sich entwickelnden

europäischen Nationalismus im Ergebnis der Napoleonischen Kriege und eine Folge der

Industrieellen Revolution. Die sich beschleunigende technische Entwicklung in der zweiten

Hälfte des 19. Jahrhunderts führte den inzwischen weitgehend ökonomisch bestimmenden

Kräften des Bürgertums vor Augen, dass „ihre“ politische Teilhabe an der Gesellschaft

insgesamt notwendig wurde, um die weitere ökonomische Entfaltung zu sichern und voran zu

treiben im Interesse des „Fortschritts“. Gleichzeitig erlebten die europäischen Gesellschaften

insgesamt umwälzende Transformationsprozesse im Bereich der Arbeit. Aus einst leibeigenen

und abhängigen Bauern der vorherigen Jahrhunderte wurden „freie“ Landarbeiter und später

Industriearbeiter, jedoch ohne den geringsten politischen Einfluss oder gar einer

angemessenen ökonomischen Teilhabe. Daraus folgend entbrannte die Frage nach der

„rechten“ bzw. „gerechten“ Partizipation am politisch-gesellschaftlichen und technisch-

ökonomischen Fortschritt. Sie ist eine der zentralen gesellschaftlichen Leitfragen geblieben

bis in die Gegenwart. Der zunächst „progressive Nationalismus“ (Patriotismus) der von

Napoleon unterdrückten Völker wandelte sich in Europa zu einem das 19. Jahrhundert

bestimmenden politischen Faktor nationaler, politischer, ethischer und zum Teil rassistischer

Abgrenzung. Eine Folge war der „frühe Antisemitismus“ des 19. Jahrhunderts (z. B. die

Dreyfus-Affäre) 10 als zunächst gesamteuropäisches Phänomen. Er speiste sich u. a. aus

religiösen Versatzstücken in Abwehr und gegen die Abkehr von der christlichen Religion.

Eine andere Folge der Französischen Revolution und der napoleonischen Herrschaft waren

nationale und/oder politische (zumeist vor dem Hintergrund ökonomischer Probleme)

Aufstände und Revolten (Unabhängigkeitskampf der Polen, Weberaufstand, Pariser

Kommune). Während das Bürgertum im Nationalismus seinen Katalysator zur Durchsetzung

10 Als Dreyfus-Affäre wurde der Fall des aus dem Elsass stammenden jüdischen Artilleriehauptmanns im

französischen Generalstab Alfred Dreyfus bekannt, der in der III. Französischen Republik Ende des 19.

Jahrhunderts wegen angeblichen Landesverrats zu lebenslanger Verbannung und Haft verurteilt wurde. Die

heftigen Debatten um seine Schuld oder Unschuld hatten weitreichende Auswirkungen auf die französische

Innenpolitik und polarisierten mehrere Jahre lang die gesamte Gesellschaft und die junge französische Republik.


politischer und ökonomischer Interessen fand, nach wie vor beruhend auf dem Prinzip der

politischen Ausgrenzung der arbeitenden Masse, fand die „unterdrückte Klasse“ im

Marxismus ihren „neuen Glauben“ an eine gerechtere Welt. Beide entfalteten sich unmittelbar

und parallel in einem bis heute die Gesellschaft bestimmenden Prozess der durchgreifenden

Säkularisierung. Die Abwendung von der Religion als alleiniger „heilsbringender Ideologie“

wurde so allmählich abgelöst von einem sich überlagernden Nationalismus auf der einen Seite

und auf der anderen Seite von der Utopie eines alle Menschen befriedigenden

Gesellschaftssystems, dem Kommunismus. 11

Erste Höhepunkte in der politisch-ideologischen Auseinandersetzungen in Deutschland waren

nach dem „Erringen“ der nationalen Einheit (Deutsch-Französischer Krieg 1870/71) der

politische Kampf Bismarcks gegen die katholische Kirche (Kirchenkampf) sowie die

Bekämpfung der politisch aufstrebenden Arbeiterschaft (Sozialistengesetze). Nach dem

Ausscheiden Bismarcks (Der Lotse geht von Bord) versuchte Kaiser Wilhelm II., alle Seiten

„zufrieden zu stellen“. 12 Der angestrebte „Platz an der Sonne“ in Gestalt eines deutschen

Kolonialismus bediente einerseits nationale Großmachtträume in Abgrenzung zu den anderen

europäischen Großmächten, andererseits beförderte er den furiosen ökonomischen Aufstieg

Deutschlands. Daran partizipierte die Arbeiterschaft, die zugleich Ende des 19. Jahrhunderts

die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung stellte, kaum, was deren Politisierung verstärkte.

Auch koloniale Auswanderungsprogramme änderten daran nichts. Vor allem die Schwer- und

Großindustrie profitierten von der kaiserlichen Kolonialpolitik. Letztere verwirklichte zudem

durch den Bau zahlreicher Kriegsschiffe die kaiserliche Vision von einer mächtigen

Kriegsflotte. 13

Das „kurze“ 20. Jahrhundert

11 Sombart, Werner: Der proletarische Sozialismus (Marxismus), zehnte Ausgabe der Schrift „Sozialismus und

Soziale Bewegung“, erster Band „Die Lehre“, Jena 1924, S. 116 f. und S. 248 ff. Zur Psychologie der Masse als

Ausdruck der neuen sozialen Bewegungen im 19. und Anfang 20. Jahrhundert vgl. Le Bon: Psychologie der

Massen, Stuttgart 1957, S. 3: „Heute werden Forderungen der Massen nach und nach immer deutlicher und

laufen auf nichts Geringeres als auf den gänzlichen Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaft hinaus, um sie

jenem primitiven Kommunismus zuzuführen, der vor dem Beginn der Kultur der normale Zustand aller

menschlichen Gesellschaft war.“

12 Zum Wirken Bismarcks u.a. Cranksahw, Edward: Bismarck, München 1983, S. 269 ff. Zur zeitgeschichtlichen

Wertung der Rolle von Bismarck und Kaiser Wilhelm II. vgl.: Graf Ernst von Reventlow: Von Potsdam nach

Doorn, 12. Auflage, Berlin 1940, S. 118 u. 190 f.

13 Eingebettet in den europäischen Kontext vgl. Gordon A. Craig: Geschichte Europas 1815-1980. Vom Wiener

Kongreß bis zur Gegenwart, München 1983, S. 284 ff.; vgl. auch Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und

20. Jahrhunderts., Frankfurt a. M 1993, S. 452 ff.


Kulminationspunkt dieser Entwicklung war der 1. Weltkrieg ab 1914, der Große Krieg, wie er

damals hieß. 14 Der Kaiser kannte von da an keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche,

die nun ihre Pflicht zu erfüllen hätten. Bisher zeitlich begrenzte Feindbilder unter den

„Mächtigen der Welt“ wandelten sich besonders in Deutschland in Folge des verlorenen

gegangenen Krieges (Alleinkriegschuld, Versailler Vertrag) und vor dem Hintergrund des

sich daraus speisenden Nationalismus in eine manifeste Ideologie, von der besonders der

aufkommende Nationalsozialismus in den Jahren der Weimarer Republik profitierte. 15

Anderserseits bündelte die deutsche Niederlage bisher ungekannte revolutionäre Kräfte und

Dimensionen in der Arbeiterschaft, wofür das Deutsche Reich und der verlorene Krieg

maßgeblich selbst verantwortlich waren. Lenins Bolschewiki wäre allerdings ohne deutsche

materielle und logistische Unterstützung weder an die politische Macht in Russland

gekommen, noch hätte sich Lenins Revolution durchsetzen oder gar halten können. 16 Lenin

verknüpfte auf fatale Weise die Theorie des Marxismus mit seinem Machtstreben und

begründete als scheinbare Weiterführung des Marxismus die Ideologie des Leninismus.

Dessen zentrale Leitlinien waren der dauerhafte revolutionäre Prozess, basierend auf dem Ziel

der „Diktatur des Proletariats“, sowie eine anhaltende revolutionäre Gewalt im Gewand des

Klassenkampfes. Ausgehend von der neu gegründeten Sowjetunion verhieß das große

politische Ziel Lenins „Weltrevolution“. 17 Das daraus abgeleitete ideologische Feindbild, der

14 Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts nannte George F. Kennan, USA-Diplomat und Sicherheitsberater,

den Ersten Weltkrieg 1914-1918. Ehrhardt Bödecker stellte im Zusammenhang mit der später von den Alliierten

erklärten Alleinkriegsschuld Deutschlands in einem Essey die These auf: „Durch das Eingreifen der USA 1917

wurde ein gerechter „Erschöpfungsfriede“ auf Basis des status quo ante verhindert und das europäische

Machtgleichgewicht auf Jahrzehnte empfindlich gestört. Der diktierte Friede von Versailles 1919 bildete keine

Grundlagen für einen dauerhaften Frieden. Die Folgen waren Revolution, Revanchelust, Bolschewismus,

Faschismus und Nationalsozialismus sowie ein neuer Krieg. Zum Beleg zitiert er am Ende u.a. eine Aussage von

Winston Churchill aus dem Jahr 1936: „Amerikas Kriegseintritt war verheerend nicht nur für die USA, sondern

auch für die Alliierten, denn wären die USA zu Hause geblieben und hätten sich um ihre eigenen

Angelegenheiten gekümmert, wir (die Alliierten) hätten im Frühjahr 1917 mit den Mittelmächten Frieden

geschlossen. Es wäre nicht zum Kollaps in Rußland gekommen mit dem nachfolgenden Kommunismus, kein

Zusammenbruch in Italien mit dem nachfolgenden Faschismus; und Nazismus würde jetzt nicht in Deutschland

an die Regierung gekommen sein.“ Vgl.: http://www.wilhelm-der-zweite.de/essays/boedecker.php.

15 Feindbilder wurden als dauerhafte propagiert und interpretiert, Krieg als große Schule und Gewalt als die

Zukunft beherrschende Norm im Überlebenskampf der deutschen Nation. Vgl. Mommsen, J. Wolfgang: Der

Erste Weltkrieg. Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters, Bonn 2004, S. 200 ff; Vgl. Kruse, Wolfgang:

Krieg und Kultur: Die Zivilisationskrise, in: derselbe: Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914-1918,

Frankfurt a. M. 1997, S. 183 ff.; Sontheimer, Kurt: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die

politischen Ideen des deutschen Nationalismus, 4. Aufl., München 1994, S. 86; Pietzsch, Henning: Die

Fronterfahrungen der deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg und ihre Ideologisierung zum „Fronterlebnis“ in

den zwanziger Jahren, Stuttgart 2005, S. 93 ff.

16 Nekrich, Alexander; Heller, Michail: Geschichte der Sowjetunion, Erster Band: 1914-1939, Königstein/Ts.

1981, S. 25 ff. Der hier noch festgestellte Bedarf an Diskussion über deutsche Gelder an Lenin und die

Bolschewiki ist inzwischen durch Belege erweitert und in der Forschung bestätigt worden.

17 Die Weltrevolution ist nach marxistischer Auffassung eine Revolution, die, aus nationalen Revolutionen

erwachsend, alle Länder der Erde ergreift und wird als eine Voraussetzung für den Übergang vom Sozialismus

zum Kommunismus gesehen. Nachdem es den Bolschewiki nicht gelungen war, die Revolution des Jahres 1917

weltweit zu exportieren, ging Stalin, um eine Isolation der Sowjetunion zu verhindern, zum Prinzip des

„Sozialismus in einem Land“ über.


Imperialismus als „höchste Form des Kapitalismus“, wurde zum Kern kommunistischer

Ideologie im 20. Jahrhundert und verstärkte dessen Radikalität, was zugleich zur Spaltung der

Arbeiterschaft beitrug (Sozialfaschisten). 18 Der Erfolg der kommunistischen wie

nationalistischen Ideologie als Gegenpart zur republikanischen Demokratie vor allem unter

den Arbeitermassen gründete im Wesentlichen auf den Grundängsten der Menschen in Folge

des 1. Weltkrieges und seiner gewaltigen politischen und sozialen Folgen (Urkatastrophe der

Menschheit). Lenins Nachfolger Stalin perfektionierte das kommunistische Prinzip von

Gewalt, Angst und Terrorherrschaft, verbunden mit der Heilsbotschaft vom globalen

Kommunismus als neuer politischer „Weltreligion“. 19 Parallel dazu etablierte sich europaweit

ein sich weitgehend selbst isolierender „Staatsnationalismus“. 20 In Reaktion auf den Ersten

Weltkrieg galt dieser, negativ interpretiert, dem Untergang geweiht („Untergang des

Abendlandes“). 21 Die sich gegeneinander richtenden Ideologien des europäischen Faschismus,

des deutschen Nationalsozialismus und des bolschewistischen leninistisch-stalinistischen

Kommunismus versprachen die Zerstörung dieses „Staatsnationalismus in jüdisch-

demokratisch-bürokratischem Gewand“. Gemeint waren die westlichen Demokratien. Deren

notwendiger Zerstörung führe zur Aufhebung aller bisherigen „Klassengegensätze“. Daraus

erwüchse ein nationaler „Sozialismus“ bzw. ein herrschaftsfreier Kommunismus,

Volksgemeinschaft bzw. Kollektivismus. Hitlers NS-Staat gründete sich zugleich auf einer

diffusen Rassenlehre und Lebensraumtheorie. Beide Ideologien, die NS-Ideologie wie auch

18 Der Begriff Sozialfaschismus wurde 1924 von G. Sinowjew kreiert. Der Sozialfaschismusthese zufolge stellte

die Sozialdemokratie den „linken Flügel des Faschismus“ dar und war daher vorrangig zu bekämpfen. Vgl.

Plener, Ulla: Sozialdemokratismus. Instrument der SED-Fuhrung im Kalten Krieg gegen Teile der

Arbeiterbewegung (1948-1953), in: UTOPIE kreativ, Heft 161, 2004, S. 248-256; Abendroth, Wolfgang: Ein

Leben in der Arbeiterbewegung. Gespräche, aufgezeichnet von Barbara Dietrich und Joachim Perels, 3. Aufl.,

Frankfurt a.M. 1981, S. 25 f.; Winkler, August Heinrich: Revolution als Konkursverwaltung, 9. November 1918:

Der vorbelastete Neubeginn, in: Willms, Johannes Hg.: Der 9. November, Fünf Essays zur deutschen

Geschichte, 2. Aufl., München 1995, S. 11 ff.

19 Ab 1927 war Stalin uneingeschränkter Alleinherrscher in der Sowjetunion. Er war das Haupt der

Kommunistischen Partei. Seit 1929 ließ er sich offiziell als „Führer“ titulieren. Vgl. Hildermeier, Manfred: Die

Sowjetunion 1917-1991, München 2007, S. 53; Weber, Hermann: Zur Rolle des Terrors im Kommunismus, in:

Mählert, Ulrich; Weber, Hermann Hg.: Verbrechen im Namen der Idee. Terror im Kommunismus 1936-1938,

Berlin 2007, S. 16 ff.

20 Gühler, Gerhard; Klein, Ansgar: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts, in: Lieber, Hans-Joachim Hg.:

Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, 2. Aufl., Bonn 1993, S. 611-614 und 622-624.

21 Geht zurück auf Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Der erste Band (Gestalt und

Wirklichkeit) wurde von 1918 an in erster und zweiter Auflage im Verlag Braumüller in Wien herausgegeben,

der zweite Band (Welthistorische Perspektiven) 1922 beim Verlag C. H. Beck in München. Die weiteren

Auflagen seit 1923 sind sämtlich im Verlag C. H. Beck erschienen und revidieren die älteren Teile des

Gesamtwerkes in einigen, meist sprachlichen Punkten. Spengler entwirft in seinem Hauptwerk das Panorama

einer für ihn spezifischen Geschichtsphilosophie. Sie reflektiert die Erfahrungen der Zeit vor und während des

Ersten Weltkrieges und zeigt sich gerade von den revolutionären Begleitumständen der Epoche inspiriert. Als

Philosoph empfiehlt er indes den „Blick auf die historische Formenwelt von Jahrtausenden […] wenn man

wirklich die große Krisis der Gegenwart begreifen will.“


die stalinistische Ideologie, beanspruchten auf der Basis einer aggressiven Macht- und

Herrschaftspolitik die totale Herrschaft über Volk und Vaterland. Widerspruch war zwecklos!

Der Zweite Weltkrieg

„Der Soldat, der die Wahl hat, zu töten oder getötet zu werden, spricht vom Feind. Doch da er

den Gegner nicht persönlich kennt, ist es in Wirklichkeit das Feindbild, auf das er anlegt. Wir

schleudern die Granaten nicht gegen Menschen - was wissen wir im Augenblick davon, dort

hetzt mit Händen und Helmen der Tod hinter uns her, beschreibt Erich Maria Remarque

diesen Bewusstseinszustand in seinem Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“.“ 22 Die die

Welt erschütternde Folge des Großen Krieges war der Zweite Weltkrieg als „Fortsetzung des

Ersten Weltkrieges“. Dieser Krieg war aber kein Krieg der Staaten mehr, der als „Fortsetzung

der Politik mit anderen Mitteln“ betrachtet wurde. Dieser Krieg war besonders von deutscher

Seite ausgehend ein Rasse- und Vernichtungskrieg, der sich mit seinen ideologischen

Feindbildern gegen den Kommunismus und die Sowjetunion (Slawen und Juden = jüdischer

Bolschewismus) sowie die demokratische Welt insgesamt (Demokratie = Plutokratien und

jüdisch-kapitalistische Weltverschwörung) richtete. Erklärtes Ziel war ein völkisch

organisiertes und „rassisch sauberes“ deutsches Reich (Drittes Reich) in politischer und

ökonomischer Dominanz über ganz Europa. „Heute Polen und morgen die ganze Welt“,

lautete einer der beliebtesten Slogans, der vielen Deutschen leicht von den Lippen ging. Der

„Kampf im Osten“ wurde von der NS-Propaganda als „Verteidigung des Reiches und Europas

vor den jüdisch-bolschewistischen Horden“ dargestellt, der Kampf gegen „die Juden“ als

„rassischer Überlebenskampf des deutschen Volkes“ und der Kampf gegen die westlichen

Demokratien als „Kampf gegen die Weltvorherrschaft der jüdisch-kapitalistischen

Plutokratien“. Nur ein Sieg über diese „Erzfeinde“ würde den bisherigen Kampf des

deutschen Volkes beenden und den Weg frei machen für das „Endziel“ der

weltbeherrschenden Stellung des Reiches. Er würde die „Ausrottung des Judentums“ und die

Versklavung der „slawischen Untermenschen“ bedeuten. Die Ausbeutung aller ökonomischen

und humanen Ressourcen sollte die politische und ökonomische „Weltherrschaft“ des

Deutschen Reiches begründen. Die Folgen: dem nationalsozialistischen Regime sind in

Europa durch verbrecherische Maßnahmen (also ohne Einbeziehung der Kriegshandlungen)

insgesamt mindestens 13 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Die Zahl der während und

infolge des Krieges ums Leben gekommenen Militärpersonen nichtdeutscher Nationalität

22 Vgl. Wagener, Sybil: Das Feindbild macht den Feind, ... in ebenda: Feindbilder. Wie kollektiver Hass entsteht,

Berlin 1999.


wird auf 17,2 Millionen geschätzt, die der Zivilpersonen nichtdeutscher Herkunft auf mehr als

15,8 Millionen, Tote und Vermisste der Wehrmacht und der paramilitärischen Verbände

(Waffen-SS, Organisation Todt, Reichsarbeitsdienst, Polizeieinheiten, Volkssturm und

anderer) mit etwa 4,2 Millionen angegeben, die Zahl der zivilen Luftkriegstoten mit über

500.000. Die Vertreibungsverluste unter der deutschen Zivilbevölkerung aus den Ostgebieten

innerhalb des ehemaligen Deutschen Reiches (in den Grenzen von 1937) betrugen etwa 1,39

Millionen, aus den deutschen Siedlungsgebieten im Ausland 886.300, insgesamt also etwa

2,27 Millionen Menschen. 23 Die Sowjetunion verlor ihrerseits im Zweiten Weltkrieg 20

Millionen Menschleben. Die über 70 Jahre andauernde kommunistische Herrschaft bewirkte

in den Jahren zwischen 1920 und 1990 annähernd 100 Millionen Opfer im eigenen

Machtbereich. 24

Nachkriegsentwicklung und die Angst im Kalten Krieg

Das aus dem Kriegsverlauf heraus zeitweilige Bündnis der demokratischen Welt mit dem

Kommunismus in Gestalt der Sowjetunion beendete zwar die Pläne der „Welt“-Herrschaft des

Nationalsozialismus und italienischen Faschismus in Europa und der ganzen Welt. Aus dem

„gemeinsamen Sieg“ der zeitweilig Alliierten erwuchs aber zugleich der demokratischen

Staatenwelt eine neue Gefahr, die Gefahr eines nach wie vor vorhandenen

Weltherrschaftsanspruches des Kommunismus. Diese Auseinandersetzung zwischen der

demokratischen Staatenwelt und dem globalen Kommunismus bestimmte die politische und

gesellschaftliche Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts insgesamt. Sie fand

ihren Ausdruck im Kalten Krieg. Nationalstaatliche Einzelinteressen verloren durch das

jeweilige Bündnissystem an Bedeutung. Der Kalte Krieg generierte alte wie neue Feindbilder

über das Potential der Bedrohung und der Angst. Die Waffen der Propaganda warfen

stellvertretend die gewünschten Feindbilder an den Horizont. Die Menschen waren dagegen

vor dem Hintergrund der Weltkriegskatastrophen zunächst nur daran interessiert, zu

überleben.

Ein bisher kaum wahrgenommenes Phänomen in Bezug auf den Untergang des

Kommunismus ist die Tatsache, dass die sich bis Ende der sechziger Jahre potenzierende

Angst der Menschen vor den jeweiligen kommunistischen Regimes seit Mitte der siebziger

Jahre abzuschwächen begann. In der DDR hatte das auch mit der veränderten

23

Auerbach, Hellmuth, in Wolfgang Benz Hg.: Legenden Lügen Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte,

6. Aufl., München 1994, S.161 ff.

24

Vgl. u.a. Courtois, Stephane u.a. Hg.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und

Terror, München 2004.


Repressionspolitik der SED zu tun, die in der Ära Honecker vom offenen Terror abkam und

von da an auf verdeckte Repressionen (Zersetzung) setzte. Zeitgleich entfaltete sich eine

zunehmende militärische Bedrohung und die Angst vor einem unkalkulierbaren neuen

Weltkrieg sowie die Nichtbeherrschbarkeit dieser Gefahr durch die kommunistischen

Regimes. Beide Faktoren beeinflussten den Untergang des Kommunismus nachhaltig mit,

denn: „Sie können eine Gesellschaft nicht permanent in einem Zustand von Angst behalten,

Herrschaft heißt auch Versprechen von Sicherheit, und die Regierung, die Machthaber, die

Eliten, die nicht mehr in der Lage sind, einem Kollektiv Zukunft und Sicherheit zu

versprechen, die ihre Herrschaft nur auf Angst gründen, deren Tage sind gezählt, natürlich

funktioniert das für eine Zeit lang, Stichwort Stalinismus, aber irgendwann ist diese

Ressource erschöpft.“ 25 Die Ängste der Menschen wandelten sich also zwischen der frühen

und der späten Phase des Kalten Krieges. Auch die Gewalterfahrungen des Zweiten

Weltkrieges verblassten allmählich.

Bereits in der ersten Phase der Entspannungspolitik im Kalten Krieg in den 60er Jahren kam

es zu einer von der jeweiligen „Realpolitik“ bestimmten teilweisen Verschiebung der

bisherigen Feindbilder. Vorteile von Kooperation und friedlicher Koexistenz schoben sich

seitdem zunehmend in den Vordergrund des politischen Kampfes. Es kristallisierte sich

zudem eine wirtschaftliche Abhängigkeit des Ostens vom Westen heraus. Anstrengungen zur

Rüstungskontrolle griffen dagegen nur partiell und beendeten auch nicht den

Rüstungswettlauf beider politischer Blöcke. Willi Brandts neue Ostpolitik und Egon Bahrs

politische Leitlinie vom Wandel durch Annäherung versuchte in diesem Stadium, erste

Erleichterungen für die Menschen im Besuchsverkehr zwischen Ost und West zu erreichen.

„Auch die Angst legte gleichsam eine Pause ein, und der ideologisch besetzte Feindbegriff

verlor an Konturen“. 26 Realer Konsum auf der einen Seite und fiktive Konsumversprechen auf

der anderen konterkarierten die politische Propaganda und relativierten bisherige ideologische

Feindbilder. Die konkreten Interessen der Menschen galten einem friedlichen und

konsumorientierten Leben. Feindbilder wurden weitgehend gegenstands- und wirkungslos

und erzwangen so auch Möglichkeiten für eine politische Entspannung.

Als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte, trat der Kalte Krieg in eine neue,

zweite Phase. Das Waffenarsenal der ideologischen Zerr- und Feindbilder stand wie ehedem

zur Verfügung: Ronald Reagan dämonisierte die Sowjetunion als Empire of Evil, als Reich

25 Greiner, Bernd: Angst im Kalten Krieg. Bilanz und Ausblick, in: Greiner, Bernd; Müller, Christian Th.;

Walter, Dierk Hg.: Angst im Kalten Krieg, Hamburger Edition 2009, S. 7 ff.

26 Ebenda.


des Bösen. Die Sowjetunion wiederum beschimpfte die USA als Fratze des Imperialismus.

Die Rüstungsspirale der beiden Kontrahenten und ihrer Bündnisse drehte sich schneller denn

je. Die Angst der Menschen vor einem atomaren Inferno entfaltete sich zu einem politischen

Motor der Kritik, besonders in der DDR. Die Reaktionen des kommunistischen

Staatenbündnisses auf die militärische Rüstungsspirale und die Angst der Menschen vor

einem erneuten Krieg trugen schließlich mit dazu bei, die kommunistische Herrschaft zu

überwinden. Die Nachrüstungsbeschlüsse von NATO und Warschauer Pakt beschleunigten

unbeabsichtigt von den politischen Machthabern und als Gegenreaktion der Menschen eine

Popularisierung der Friedensbewegung in Ost und West - in der DDR und in Osteuropa, weil

es nicht mehr eine von oben aufoktroyierte Angst vor dem Feind gab vor den Amerikanern

oder gar vor dem Imperialismus, sondern die Angst der Menschen richtete sich inzwischen

gegen die eigenen Machthaber. Im Westen dagegen hatten viele Menschen nicht mehr „nur“

Angst vor den Russen, vor Moskau, sondern vor den ökologischen und gesellschaftlichen

Folgen und dem, was ein heißer Krieg, was Waffen verursachen konnten. Die Sehnsucht nach

dem Ende der gegenseitigen Bedrohung führte in der Folge zur politischen und ideologischen

Delegitimierung des kommunistischen Systems und läutete das Ende des Kalten Krieges von

innen heraus ein.

Feindbilder der Gegenwart

Die das 20. Jahrhundert bestimmenden ideologischen Feindbilder des Nationalsozialismus

und Kommunismus sind nicht verschwunden und vermitteln bis in die Gegenwart alte und

neue Ängste. Die Einen schüren Fremdenangst und Religionsfeindschaft, andere heizen die

Angst vor sozialer Ungerechtigkeit und sozialem Abstieg an. Die demokratische Welt der

Gegenwart hat ihrerseits vor dem Hintergrund abhanden gekommener realer politischer

Feinde Angst vor politischen und ideologischen Leerräumen. Der Versuch, neue Feindbilder

aufzubauen (Islamismus, Terrorismus) oder vorhandene abzurufen, scheiterte bisher an den

die Gegenwart relativierenden Erfahrungen der Nachkriegsgenerationen des Kalten Krieges.

Die aktuellen politischen Auseinandersetzungen spielen sich gegenwärtig weitgehend im

ökonomischen Bereich ab, was die daraus folgenden militärischen einschließt. Gleichzeitig

besteht die nicht ausgeräumte Gefahr, dass Menschen sich auf Grund einer scheinbar

unübersichtlich gewordenen Welt von einfachen Vorurteilen und Feinbildern nach wie vor

beeindrucken lassen. Beispiele dafür gibt es unzählige.

Der oben angeführte Auszug aus einem Wahlaufruf der KPD aus dem Jahr 1924 zeigt, wie

dramatisch und hasserfüllt der politische Klassenkampf der Kommunisten im zwanzigsten


Jahrhundert geführt wurde. 27 Diese Hypothek wirkt abgeschwächt in verschiedenen Fassetten

bis heute fort. Im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung ehemaliger hauptamtlicher

Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit stellte Klaus Panster 2004 fest: „Wenn ich

[heute, d. A.] die politische Entwicklung eines nicht unbeträchtlichen Teils dieser

„profilierten Bürgerrechtler“ sehe - zu Befürwortern von Krieg und von mehr „innerer

Sicherheit“ durch Ausweitung von Geheimdienst-Vollmachten - und ich höre ihre jüngeren

Selbstdarstellungen, dann waren sie schon immer gegen den Sozialismus und für die

westliche „Freiheit“. Nun kann ich nicht wissen, wie viel davon Opportunismus ist und wie

viel zutreffende Selbstdarstellung. Ich kann mich jedoch des Gedankens nicht erwehren, dass

bei der Einordnung und Behandlung der Gemeinten als Feinde des Sozialismus das Bild des

MfS in diesem Teil wohl doch nicht falsch war.“ 28

Der anachronistische Klassenkampf und seine Feindbilder haben zumindest theoretisch und

im Versuch der Selbstlegitimation ehemaliger kommunistischer Kader bis in die Gegenwart

überlebt. Nur selten kommt es zum „Aufschrei der Öffentlichkeit“ gegen die altstalinistischen

und kommunistischen Ideologen, die, beruhend auf ihren alten kommunistischen

Feindbildern, nach wie vor Thesen vertreten, die außerhalb der demokratischen

Grundordnung stehen. Einer der Vertreter dieser politischen Richtung ist Hans Heinz Holz,

marxistischer Philosoph, Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei und Herausgeber

der „Marxistischen Blätter“. Er meint, zum aktuellen Imperialismus müsse eine neue

gesellschaftliche Alternative erkämpft werden. „Der Kapitalismus in seinem imperialistischen

Stadium stellt die Menschheit vor die Frage: Revolution oder Verewigung von Ausbeutung,

Unterdrückung und Krise.“ 29 Bezug nehmend auf Afghanistan spricht er von einem

„entfesselten Imperialismus und seinen neuen Kolonialkriegen“. Von Lenin lernen heißt für

ihn: „Der Revisionismus, der die leninsche Erkenntnis verleugnete, daß sich der Aufbau des

Sozialismus nur in schärfsten Klassenkämpfen vollziehen kann, und stattdessen einer

sozialdemokratischen Harmonisierungsideologie folgte, gab dem Imperialismus die Chance

eines Auswegs. Nun muß der Kampf gegen die Barbarei von neuem begonnen werden. […]

Bei niemand anderem als Lenin finden wir so klar die Erwägungen, die von Situation zu

Situation fortschreitend die Leitlinien der politischen Praxis vorzeichnen. Nicht die Situation

von 1920 ist es, die wir heute meistern müssen. Aber von Lenin ist zu lernen, wie man mit

27 Vgl. dazu Fußnote 5.

28 Panster, Klaus: Zum Feindbild, von dem die Abwehrarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der

DDR geprägt war. Einführung zur Diskussion beim Jour fixe des Insider-Komitees am 03.03.2004, vgl. Insider-

Komitee Berlin, http://www.mfs-insider.de/Abhandlungen/FeindB.htm.

29 Junge Welt, 08.01.2011, S. 10.


einer Situation wie der heutigen umgeht.“ 30 Ein anderer, Otto Köhler, schreibt in der Jungen

Welt über „Unsere Soldaten - unser Feind“: „Sie kämpfen, sie töten in Afghanistan von

Anfang an für die Interessen der Großkonzerne und keineswegs für, sondern gegen unsere

Sicherheit vor terroristischen Anschlägen.“ 31 Gesine Lötzsch dozierte Anfang Januar in der

Jungen Welt: „Die Novemberrevolution von 1918 wurde verraten und halbiert in den

Absprachen zwischen Mehrheitssozialdemokratie und der kaiserlichen Armee, bevor sie

überhaupt ihr ganzes Potential entfalten konnte.“ 32 Auf die Zukunft gerichtet ist sie der

Ansicht: „Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg

machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung.“ 33 Und: „Egal,

welcher Pfad zum Kommunismus führt, alle sind sich einig, dass es ein sehr langer und

steiniger sein wird.“ 34 Schließlich erklärte sie: „Die Partei Die Linke ist entstanden aus dem

Widerstand der damaligen PDS gegen einen marktradikalen Weg der Vereinigung, den

Jugoslawien-Krieg der NATO und die Hartz-IV-Reformen, gegen die sich vor allem in den

neuen Bundesländern eine Welle von Montagsdemonstrationen erhob.“ 35

Gegen diese historische und ideologische Wahrnehmung stehen zahlreiche noch lebende

Opfer und Zeitzeugen der kommunistischen Gewaltherrschaft mit ihren repressiven

Erfahrungen. 36 Einer von ihnen, Siegmar Faust, bringt seine „historische Nachlese“ der

anachronistisch wirkenden Meinungsäußerungen vieler alter und neuer Kommunisten über

das 20. Jahrhundert und die Gegenwart selbstkritisch so auf den Punkt: „Wer Jung-Marxist

war, hat zwar Lebenszeit mit einer infantilen Ideologie vergeudet, doch es bleibt das Gespür

für hintergründige Verschleierungen kommunistischen Denkens, denn bekanntlich waren die

schärfsten Kritiker der Elche einstmals selber welche.“ 37 Mit Blick auf historische

Gemeinsamkeiten zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus nach sowjetischem

Vorbild schreibt er: „Das 1918 in Russland eingeführte und von den Nazis übernommene

Gulag-/KZ-System war faktisch die „Erziehungsanstalt“ des „neuen Menschen“ zu einer

30

Ebenda.

31

Junge Welt, 08/09.01.2011, Titel.

32

Junge Welt, 03.01.2011, S.10, Lötzsch, Gesine: Wege zum Kommunismus. Ein für allemal fertige Lösungen

gibt es nicht. Radikale Realpolitik steht im offenen Spannungsfeld von Reformen innerhalb der gegenwärtigen

Gesellschaftsordnung und der Perspektive einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus. Lötzsch ist Mitglied des

Bundestags und seit Mai 2010 eine der beiden Vorsitzenden der Partei Die Linke.

33

Ebenda.

34

Ebenda.

35

Ebenda.

36

Seit Oktober 2008 präsentiert die Stasi-Unterlagen-Behörde die Wanderausstellung „Feind ist, wer anders

denkt“, zuletzt vom 11. Februar bis 2. März 2011 Neumünster. Sie dokumentiert Entstehung, Aufgaben und

Methoden des MfS an Hand von exemplarisch ausgewählten Beispielen.

37

Faust, Siegmar: Egal, welcher Pfad zum Kommunismus führt? Unveröffentlichter Aufsatz im Archiv der

Geschichtswerkstatt Jena, 2011.


„gerechten Gesellschaftsordnung“. 38 Zur aktuellen Diskussion um die Kommunismus-

Äußerungen von Gesine Lötzsch formuliert er: „Lötzschs Parteigenosse, Gregor Gysi, der

alles nur besser machen will, gibt sich ganz überrascht, dass der Kommunismus das Ziel der

Partei sein soll. „Mein Ziel ist er nicht. Ich bin demokratischer Sozialist“. Sozialismus? Ist das

nicht die Vorstufe zum Kommunismus? Sozialdemokraten wollen heute auch gern

demokratische Sozialisten sein, die seit Willy Brandt die Erkenntnis Kurt Schumachers

verdrängen, der noch aus eigener Erfahrung wusste, was Kommunisten immer waren:

„rotlackierte Nazis“. […] Einst waren es die Roten, die gemeinsam mit den Braunen

Deutschlands erste Demokratie in die Zange nahmen. Jetzt hat die verkommene Demokratie

neben den linken und rechten Extremisten noch ein paar Feinde mehr: den Islamismus, die

Bürokratenkrake und die Resignationspartei der Nichtwähler.“ 39

Radikalisierung alter neuer Feindbilder

Bezug nehmend auf ideologische Feindbilder gegen die demokratische Gesellschaft ergeben

sich eigenwillige Gemeinsamkeiten zwischen Gruppen und Strömungen von Kommunisten

und sogenannten linken Nationalisten. Eine eher seltsam anmutende ideologische Allianz

ergibt sich daher auch aus der Aufforderung des Kommunisten Hans Heinz Holz: „Nationale

Kerne einer revolutionären Bewegung müssen gebildet, und sie müssen international vernetzt

werden“. 40 Selbsternannte Linksnationalisten (übrigens mit engem Bezug zur Fangemeinde

des FC Carl Zeiss Jena) 41 „Die Neue Bewegung - Der Linksnationalismus“ sagen über sich:

„Als radikale Sozialisten sind wir außerdem radikale Nationalisten. In einer Zeit, in der die

Globalisierung die kulturellen Identitäten zu zerstören droht, ist ein volkhafter Nationalismus

oberstes Gebot. Das nationale Bekenntnis ist allerdings kein Zweck, es bedarf keines

Grundes. Sozialismus ist nur auf ethnokultureller Basis zu machen, alles andere ist Utopie

und versandet im Nichts. Unsere Verbundenheit gilt unserem Volk, dem wir schicksalhaft

angehören. […] Die Front verläuft in vielerlei Hinsicht vielleicht quer zwischen links und

rechts, aber es gibt eine unüberbrückbare Kluft zwischen der metapolitischen Revolution und

der mentalen Totalverkalkung der Reaktion. […] Ausgehend von der Richtigkeit der Kritik

der syndikalistischen und rätekommunistischen Theoretiker an der Durchführung der

Oktoberrevolution als auch den Systemen des Leninismus, Trotzkismus und insbesondere des

Stalinismus, sind wir der Meinung, daß der Bolschewismus als russische Ausformung des

38 Ebenda.

39 Ebenda.

40 Zitat Holz, Hans Heinz, in: Junge Welt, 08.01.2011, S. 10.

41 Vgl. dazu http://www.freie-deutsche-jugend.tk/.


Kommunismus mit der unsrigen Forderung eines eigenen Sozialismus nicht vereinbar ist,

nicht auf unserem nationalen Wesen fußt. Allerdings weisen wir jeglichen bürgerlichen

Antikommunismus von uns. Ernst Niekischs Ausspruch der 30er Jahre behält für uns

Gültigkeit: Die deutsche Befreiungsbewegung ist weder kommunistisch, noch

antikommunistisch, aber des Kommunismus fähig, wenn kein anderer Ausweg möglich ist.

Aber eben diesen Ausweg wollen wir liefern. Hinfort mit der Parteiendiktatur, alle Macht den

Volksräten! […] Die Schwarze und die Rote Fahne wehen uns voran!“ 42 In vermeintlicher

Legitimation ihrer kruden Vorstellungen bedienen sich die „Linksnationalisten“ einerseits der

Vertreter der Konservativen Revolution wie beispielsweise Ernst Jünger 43 , aber eben auch

einiger Altkommunisten wie beispielsweise Wolfgang Abendroth 44 . Auch Aufsätze von

Joseph Goebbels finden sich hier, so „Kapitalismus“ aus „Der Angriff“ vom 15. Juli 1929.

Ein selbsternannter „Sozialrevolutionär“ verfasste einen Beitrag über „Rudi Dutschke und die

nationale Frage“. Er kommt dabei zu dem Schluss: „Der „nationalen Rechten“ andererseits

dient „68“ - und alles, was man damit verbinden zu können glaubt - als Feindbild. Daran

können nun auch die Verteidigungsversuche von Bernd Rabehl 45 nichts ändern. Da sich die

Programmatik deutscher Nationalrevolutionäre zu nicht unerheblichen Teilen mit dem

Ansinnen Rudi Dutschkes deckt, wollen wir uns zwar nicht anmaßen, sein Erbe zu vertreten,

hoffen aber doch ideologisch-politisch in diesem Sinne zu wirken.“ 46

Die Auswirkungen der im 19. Jahrhundert angelegten ideologischen Feindbilder, die im 20.

Jahrhundert zur Katastrophe zweier Weltkriege führten, reichen bis in die Gegenwart.

Angesichts der verworrenen historischen Kenntnisse und Schlussfolgerungen mag man die

politischen „Randgruppen“ der Linken wie Rechten heute nicht mehr wirklich ernst nehmen

wollen. Gleichwohl verbergen sich dahinter „ideologische Rattenfänger“, die alte Feindbilder

generieren für die jeweils eigenen aktuellen politischen Legitimationsversuche. Schon einmal

waren solche „Randgruppen“ diejenigen, die die demokratische Gesellschaft mit allen Mitteln

bekämpften. Eine Wiederholung des Untergangs der Demokratie wie zur Zeit der Weimarer

42 „Diese Abhandlung, die als Manifest betrachtet werden kann, oder nicht, dient der Verortung des

revolutionären Linksnationalismus, der keine bloße nationale Linke, oder eine linke Spielart des Nationalismus

darstellen will, sondern als Synthese zwischen Nationalismus, radikalkonservativ-revolutionärer Weltsicht und

rätesozialistischer Wirtschaftsalternative, die bürgerliche Ideologie des Liberalismus in all ihren Facetten auf den

Müllhaufen der Geschichte verbannen will.“ Vgl. Internetseite:

http://www.fahnentraeger.com/index.php?option=com_content&view=article&id=131:die-neue-bewegung-derlinksnationalismus&catid=19&Itemid=84,

Stand: 16. Februar 2011.

43 Jünger, Ernst: Die nationalistische Revolution, in: Zeitschrift „Standarte“ vom 20. Mai 1926.

44 Abendroth, Wolfgang: Imperialismus?, in: Zeitschrift „Die Kommenden“ vom 25. Oktober 1929.

45 Bernd Rabehl ist ein deutscher Autor und war eines der bekanntesten Mitglieder des Sozialistischen Deutschen

Studentenbunds (SDS). Inzwischen vertritt Rabehl nationale und rechtsradikale Positionen. 2002 kam von ihm

auch eine Biographie zu Dutschke heraus.

46 Vgl. http://www.fahnentraeger.com/index.php?option=com_content&view=article&id=236:rudi-dutschkeund-die-nationale-frage&catid=20&Itemid=83,

Stand: 16.02.2011.


Republik wird es aber nicht wieder geben, denn Geschichte wiederholt sich nicht 1 : 1.

Politische Systeme erfinden sich stets neu, bezogen auf historische Referenzsysteme und

abgewandelt auf aktuelle Erfordernisse und Bedürfnisse. Die realen Gefahren der Zukunft

stellen sich daher auf eine ganz neue und andere Art dar. Zum einen besteht die Gefahr,

zukünftig vor dem Hintergrund eines umfassenden und kaum politisch abgrenzbaren

„Terrorbegriffs“ ein politisches Überwachungssystem zu etablieren und mit demokratischen

Mitteln zu legitimieren. Zum anderen schmerzt die konkrete Gefahr der zunehmend sozialen

Schieflage. Nur satte Bürger lieben die Demokratie! Daraus resultiert für die Regierenden die

Gefahr, dass die nichtsatten, mündigen „Wut“-Bürger aus Mangel an echten ideologischen

Feindbildern sowie der Verharmlosung realer Feinde der Demokratie zu das demokratische

System zerrüttenden Querulanten mutieren. Letzteres birgt allerdings auch die Chance der

Weiterentwicklung der Demokratie. Volksentscheide, direkte Demokratie und die

Stabilisierung der sozialen und ökonomischen Durchlässigkeit könnten der Schlüssel dafür

sein, religiöse und politische Feindbilder in der Zukunft weiter abzubauen. Die Tatsache, das

die angenommene politische Unterscheidbarkeit der im deutschen Bundestag vertretenen

politischen Parteien scheinbar kaum noch vorhanden ist und von vielen Zeitgenossen als

schädlich für die Demokratie gewertet wird, kann auch als Ausdruck fehlender

Wirkmächtigkeit ideologischer Feindbilder gewertet werden, wo es im politischen Alltag

nicht mehr allein um Weltanschauungen und Parteien, sondern um wie auch immer

formulierte und abzuarbeitende Sachfragen geht. Offene politische Diskurse und der Wille zur

gerechteren Verteilung der ökonomischen Erträge sind im Interesse aller Bürger und somit im

Interesse der propagierten lebendigen Demokratie, die so neben einem konsumorientierten

Wohlstand für die Mehrheit der Bevölkerung auch politisch zufriedene Bürger hervorbringen

kann, denen ideologische Feindbilder immer fremder werden. Aufklärung über alte neue

Feindbilder bieten aber auch die historische Forschung, die politische Bildung, Schulen

sowie beispielsweise Wanderausstellungen der BStU.

Dr. Henning Pietzsch | Historiker Projektleiter der Geschichtswerkstatt Jena e. V.

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