Der lange Abschied von der DDR - Geschichtswerkstatt Jena eV

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Der lange Abschied von der DDR - Geschichtswerkstatt Jena eV

Der lange Abschied von der DDR 1

Klartexte oder Tarntexte

Von Udo Scheer

Vor einigen Jahren erhielt ich eine Einladung an die Schwabenakademie Irsee zu einer

Diskussion u. a. mit dem Präsidenten des Deutschen PEN-Clubs Johanno Strasser. Das

Thema folgte einer Zeitstimmung und widmete sich der Frage: Brauchen wir heute noch den

politischen Autor? Das war nicht etwa provokativ, es war durchaus ernst gemeint. Der

Eingangstenor: die „Gruppe 47“, Ingeborg Bachmann, der frühe Günter Grass oder Siegfried

Lenz mit ihrer Auseinandersetzung um den Nationalsozialismus und unseren Schwierigkeiten,

aus unserer Geschichte zu lernen, wurden ebenso wenig infrage gestellt wie Heinrich Böll mit

seiner Wehrmachtsauseinandersetzung und seiner Kritik am alten bundesdeutschen Staat.

Aber inzwischen sei die Situation doch eine andere, meinte man im beschaulichen Baden-

Württemberg.

Das Thema DDR und deren literarische Darstellung standen zunächst außerhalb jeder

Überlegungen. Die Frage, brauchen wir den politischen Autor, sah sich viel mehr in jenem

westdeutschen Trend, der schon seit den 1980ern eine Littérature engagée ablehnte. Im linken

Autorenspektrum wollte man offenbar nicht an eigene Instrumentalisierungen und Irrgänge in

Sachen sozialistischer Utopien erinnert werden. Und auch in einigen konservativeren Kreisen

dominierte die Auffassung: Kritik und Einmischung in gesellschaftliche Belange könne keine

wertvolle Literatur hervorbringen. Heinrich Bölls so einfacher wie tiefgründiger Satz schien

vergessen: „Wir Autoren sind die geborenen Einmischer.“

Inzwischen erleben literarische Einmischung und Vergangenheitsauseinandersetzung einen

regelrechten Boom. Autoren lassen sich ihren Stoff nun mal nur ungern diktieren. Und so sind

Geschichten mit DDR-Hintergrund heute ähnlich bedeutungsvoll wie früher die literarische

Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Man könnte meinen, das Land DDR sei

erst durch sein Verschwinden richtig interessant geworden. Und zur Aufgabe von Literatur

gehört es nun einmal, markante Zeiten und Zäsuren in exemplarischen Geschichten zu

bewahren. Tatsächlich können Schriftsteller - zumal mit eigenem Erlebnishintergrund - hier

im Osten oftmals spannendere Lebensgeschichten und absurdere Umständen finden als in der

1 Vortrag zur Podiumsveranstaltung „Was bleibt? DDR und deutsche Einheit im literarischen Raum“ des

Collegium Europaeum Jenense am 03.Oktober 2009 in den Rosensälen Jena.

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alten Bundesrepublik. Nicht zufällig bekommt man bisweilen zu hören: „Wir beneiden Sie

um ihre Biografien.“

Die außerordentlichen Stoffe, die DDR bot, deuteten sich trotz Zensur bereits während ihres

Bestehens an, wenn man zum Beispiel an Christa Wolfs über Jahre verzögerten Roman

Nachdenken über Christa T. (1968) - über den vergeblichen Versuch, den eigenen Platz in der

normierten Ordnung zu finden - denkt oder an Stefan Heyms nie im SED-Staat erschienenen

Stasi- und verschlüsselten Stalinismusroman Collin (1979, DDR 1990) oder an Volker Brauns

Hintze-Kunze-Roman (1985), in dem er das im Absolutismus herrschende Herr-Knecht-

Prinzip 2 auf einen SED-Funktionär und seinen Fahrer überträgt.

Es genügten Andeutungen. Die Kunst, unzulässige Wahrheiten zwischen den Zeilen zu lesen

oder das Verlangen, das eigene Leben mit dem von literarischen Figuren zu vergleichen, hatte

sich im „Leseland DDR“ bis zur Perfektion entwickelt. Tatsächlich steckten und stecken in

diesem verschwundenen Land unvergleichlich mehr Geschichten, als selbst ein Wolfgang

Hilbig mit seinen Erzählungen aus dem Manchestersozialismus oder ein Hans Joachim

Schädlich mit seinem DDR-Absurditätenkabinett in Versuchte Nähe (1977) oder in seinem

großartigen, grotesken Roman mit dem Titel Trivialroman (1998) hervorbringen konnten.

Bedeutungsverlust der DDR als „Leseland“

Bezeichnend ist auch der Umgang Ostdeutscher 1990/91 mit Teilen der ihnen bis dahin

zugemessenen Buchkultur. Mit dem Zusammenbruch des Staates einher ging zugleich ein

rapider Bedeutungsverlust als „Leseland“. Nicht nur im tristen Braunkohlerevier südlich von

Leipzig ließen Verleger und Buchauslieferer tonnenweise Bücher auf Müllhalden verkippen.

Es wurden Bücher entsorgt, die mit dem Einzug der Simmel und Konsalik, der Ratgeber- und

Reiselektüre als unverkäuflich galten. Darunter befanden sich peinliche Lobpreisungen der

sozialistischen Überlegenheit ebenso wie Werke der Weltliteratur. Es war ein Westdeutscher,

Pfarrer Weskott aus Katlenburg im Westharz, der sich mit Freunden aufmachte, um

Lastwagenladungen mit Bänden von Heinrich Mann, Arnold Zweig, Stefan Heym, Ernesto

Cardenal, Fjodor Dostojewskij und Lew Tolstoj zu retten.

Was bleibt (1990), diese Frage stellte Christa Wolf im Titel ihrer Erzählung aus dem Jahr

1979, und sie wurde daraufhin gezielt demontiert. Nicht, weil sie den Repressionsapparat in

einer heruntergewirtschafteten DDR anhand ihrer mehrere Wochen währenden Stasi-

Überwachung und operativen Bearbeitung erst mit elf Jahren Verspätung öffentlich gemacht

2 Vgl. Evangelium nach Matthäus, Kap.18/19 „Der Stallknecht“; zur „Die Dialektik von Herr und Knecht“ in

Phänomenologie des Geistes von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1988): Philosophische Bibliothek, Bd. 414,

Hamburg 1988.

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hatte, sondern weil sie verschwiegen hatte, wie sie in den 50er Jahren selbst als Inoffizielle

Mitarbeiterin der Staatssicherheit - übrigens nicht sonderlich willig - geführt worden war.

Eine heftige Debatte über die DDR-Literatur und deren Glaubwürdigkeit setzte ein. Mit dem

Zusammenbruch des Systems fand Christa Wolf, wie andere Autoren auch, die der Idee des

Sozialismus verhaftet waren, ihre Utopie vom Sockel gestürzt und wohl auch ihre literarische

Lebensleistung in Frage gestellt. Im gesellschaftlichen Umbruch sah sie die „Totaldemontage

der DDR“ und befürchtete diese Demontage auch für die „Literatur, die in der DDR

geschrieben wurde, und möglichst viele ihrer Autoren gleich mit.“ Der einsetzenden

Medienschelte entzog sie sich zeitweilig nach Amerika.

Wir betreten hier eine literarische Kampfzone, in der jene Autoren ihre Feder spitzen, die

ihren staatlich privilegierten Status mit dem Ende der DDR ebenso verloren hatten wie den

Bedeutungsmehrwert ihrer Literatur. Ich denke z. B. an Volker Braun. Seine

reformsozialistischen Ideale wurden vom Mehrheitswillen in der Gesellschaft schlicht

hinweggespült. Tief getroffen stand er im Sommer ´89 der Massenflucht Zehntausender

gegenüber. Den Freiheitsdrang des eingesperrten Volkes kommentierte er scharf als einen

Zug von Lemmingen, der auf den Abgrund zuliefe. Dabei wäre der studierte Philosoph des

Marxismus-Leninismus, der Lyriker, Erzähler und Dramatiker in den 70er Jahren beinahe zu

einer wichtigen Anlaufstelle für den kritischen Schriftstellernachwuchs der DDR geworden.

Er tauschte sich mit Rudolf Bahro aus und unterschrieb die Resolution gegen die

Ausbürgerung Wolf Biermanns. Unter Druck gesetzt, widerrief er zehn Tage später öffentlich.

Seit 1975 bearbeitete ihn die Staatssicherheit mit dem Ziel, Zitat: „ihn von Personen (zu)

isolieren, die einen negativen Einfluss auf ihn ausüben.“ Im Abschlussbericht verbuchte das

MfS, die Strategie, Brauns „Bindung an die DDR“ mit Erfolgserlebnissen zu festigen, sei

erfolgreich gewesen. Gleichzeitig wurden in den 1980er Jahren Werke von ihm wie der

Hintze-Kunze-Roman (1985) oder Die Übergangsgesellschaft (Uraufführung 1986) vom

DDR-Publikum begeistert aufgenommen. Sie waren Öl ins Feuer der Perestroika-Diskussion.

Dabei wollte Braun keinesfalls „schreiben für die Zerstörung des Sozialismus, die ich nicht

wollte, aber zeigen musste.“ Die Dogmatiker der Macht misstrauten ihm, wie sie dem

literarischen Wort generell misstrauten. Vom Lauf der Geschichte nach 1989 zutiefst

getroffen, artikulierte Volker Braun seine Verletztheit in spöttischer bis bissiger Tonlage und

zeichnete eine überaus düstere Gegenwart: „Da bin ich noch, mein Land geht in den Westen. /

KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN. / Ich selbst hab ihm den Tritt versetzt

[…]“ Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Einheit, konstatierte er bitter: „Die Utopien sind

eingerollt. Die Pastoren blasen die Demonstrationen ab. Edeka verlangt den

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Selbstreinigungsprozess […] Ach der Menge gefällt, was auf dem Marktplatz taugt […] Wir

müssen ohnehin zurück bis in die Startlöcher, warum nicht gleich bis auf die freie Wildbahn

des Kapitalismus, wo die Freiheit am Punching-Ball trainiert wird.“ Sein Zorn hielt an. In Die

vier Werkzeugmacher (1994) agitierte er: „Wir haben nichts zu gewinnen als Ketten.“ Der

Gedichtband Tumulus (1998), das Hügelgrab, wird ihm zum Sinnbild nicht für die Leichen im

Keller des Kommunismus, sondern für eine in Trauer begrabene Vergangenheit, auf der - für

ihn - die neuen Feldherren stehen: „Die Bauern tanzen / um den Galgen / an dem die Partei

hängt / das Gesinde l / Ustig. Plakate im Frühling in Prag. / ER IST GEKOMMEN. WIR

AUCH. DEUTSCHE BANK […] UND ELENDES WESEN IST.“ Derart destruktive Schärfe

findet man sonst nur bei den größten sozialistischen Hardlinern. Bis heute sucht Volker Braun

primär das Negative an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen und projiziert es

in kunstvoll hohem Ton in seine Texte. Dafür steht auch der bittere Schelmenroman über

einen arbeitslosen Bergmann namens Flick, durchaus mit Anleihen an Don Quijote. Der Titel:

Machwerk oder das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer (2008). Diese rebellische

Literatur hat auch für Teile der westdeutschen Gesellschaft durchaus ihren Reiz, besonders

vor dem Hintergrund eigener antibürgerlicher Ideale. So ist wohl auch Brauns mehrfache

Würdigung - u. a. als Büchner-Preisträger 2000 - zu erklären.

Vergangenheit wird schön geschrieben

Noch schärfer wird der Ton, wenn wir auf das Weiterwirken des sozialistischen Dogmatismus

in der Literatur blicken. In diesem Chor beanspruchte der wortgewandte Erzgenosse Hermann

Kant lange Zeit eine Solostimme. In einem Interview offenbarte er, Zitat: „Ich kam als

lupenreiner Stalinist aus dem Lager im ehemaligen Warschauer Ghetto nach Hause […]“.

Durch die Literatur sei er zum „Anwalt der sozialistischen Idee“ geworden. Wie er diese

Anwaltschaft nach 1989 verstand, offenbaren seine Bücher. Als Meister der Halbwahrheiten

erreichte er mit Abspann (1991) eine neue Qualität literarischer Verklärung. Scheinbare

Gedächtnistäuschungen und Erzählübermut tummeln sich seither zur Genüge zwischen

Verzerrungen und Ausblendungen gegenüber der eigenen Vergangenheit, der DDR-

Geschichte und dem Prozess der Einheit. Des Beifalls seiner Altgenossen gewiss, fabulierte er

in Kormoran (1994), betitelt nach einem in hiesigen Breiten angeblich vom Aussterben

bedrohten Fischräuber, wie sich ehemals einflussreiche Freunde aus der Funktionärselite und

aus dem MfS rar machen. Vergangenheit wird schön geschrieben. Genussvolle Seitenhiebe

gelten der lebensverachtenden kapitalistischen Profitgier, die selbst vor „fehlerhaften

künstlichen Herzklappen aus Ohio“ nicht Halt mache. Später geriet ihm Escape (1995) zum

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Rückzug auf ein selbsterfundenes Spiel. Amüsiert lässt er sein

Computerrechtschreibprogramm charakteristische Ersatzbegriffe für Namen suchen. Da steht

dann z. B. für Gysi sympathisierend „Gischt (aufsprühendes Wasser)“, für Bohley

diffamierend „Böllen, Bölken, Boffel“. So viel ignoranter Wortwitz bereitet Vergnügen unter

Gleichgesinnten.

Ein ähnliches Vergnügen, gepaart mit niederer Genugtuung, bedient auch der plattere

Totschlag (1994) von Erik Neutsch. Neutsch, der mit Spur der Steine (1964) den

Vorzeigeroman des „Bitterfelder Weges“ der sozialistischen Arbeiterliteratur schlechthin

geschaffen hatte, diente im Nebenberuf als Politoffizier in der Nationalen Volksarmee,

zuständig für Agitation und Propaganda. Während der Niederschlagung der Prager

Demokratiebewegung 1968 erschien er im Halleschen Schriftstellerverband in

Offiziersuniform, um seine Solidarität mit den Besatzern zu demonstrieren. Eben dieser Erik

Neutsch sah sich 1990 gezwungen, den fünften Band des Zyklus Der Friede im Osten (1974-

1989) wegen zu offensichtlicher Geschichtsverfälschung zurückzuziehen. In seinem Buch

Totschlag (1994) schwingt er sich auf zum Rächer der Entrechteten, sprich all jener, die ihre

einstigen Staatsprivilegien - von traumhaften Auflagehöhen über Sonderversorgung bis zum

exklusiven Westpass - verloren hatten. Um seine Frustphantasien auszuleben, lässt er den

neuen Finanzdezernenten der Stadt, „einen Westimport“, durch einen Handwerksmeister

erschießen. Als Grund konstruiert Neutsch eine finanzielle Nachforderung des Dezernenten

für die nach einem Modrow-Erlass zu Spottpreisen - in der Realität überwiegend an Genossen

- verkauften ehemals enteigneten Grundstücke und Häuser. In der Verteidigungsrede vor

Gericht artikuliert der Handwerker die angestaute Wut seines Autors: „Ich hab den Falschen

getroffen. Es hätte die ganze Brut sein müssen, die erst solche Maden auskriechen lässt, damit

sie sich uns ins Fleisch bohren.“ Erik Neutschs „Totschlag“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie

der Schock über den Zusammenbruch der gepriesenen sozialistischen Diktatur weiter wirkte.

Gegen diese Form der Destruktion steht inzwischen eine ganze Bibliothek an literarischen

Gegenpolen.

Kann ein Gedicht die Welt verändern?

„Kann ein Gedicht die Welt verändern“, fragte Reiner Kunze und antwortete: „Ein Gedicht

kann nicht die Welt verändern, aber für das Leben des Autors kann es Folgen haben.“ Und er

erzählte, wie er, der Philosophie- und Journalistikstudent nach einer Rundfunksendung mit

frühen Liebesgedichten sich als Hilfsschlosser wiederfand. Den Versen fehle der

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Klassenstandpunkt, hieß es im Exmatrikulationsbescheid. Doch die Sendung führte auch zum

Briefkontakt mit einer Tschechin, seiner späteren Frau: „Mein erster und kostbarster

Literaturpreis“, schmunzelte er in einem Gespräch. In seinem Essay-Band Wo Freiheit ist…

Gespräche 1977 - 1993 bietet Reiner Kunze neben bemerkenswerten Einblicken in seine

Biografie immer wieder auch sehr lesenswerte zeitkritische Positionen. Beispielsweise sagt er

mit Bezug auf die doppeldeutsche Blindheit nach der Vereinigung und die Enttäuschungen

nach dem kurzen Freiheitsrausch: „Diejenigen, die in diesem politischen System fast erstickt

sind, werden die Freiheit stets als den Wert empfinden. Aber hat denn die Mehrheit der

Menschen tatsächlich die Freiheit gewollt? […] Sie haben geglaubt - nicht alle, ich weiß -

Freiheit sei etwas, dass man ohne Gegenleistung erhalten kann […] eine verwaltete Freiheit.

Eine bequeme Freiheit. Da kann ich nur sagen, nichts ist unbequemer als die Freiheit. Aber

auch nichts ist begehrenswerter.“ Ein Gedicht aus seinem Band auf eigene hoffnung & eines

jeden einziges leben (2000) fasst Reiner Kunzes Selbstverständnis in die prägnante Verse:

DREI WÜNSCHE FÜR DAS NEUE JAHR / Durchsichtige zäune / Hartnäckige fragen (im

nacken ein wenig flaum) / Brücken die beim vormarsch / brechen.

Im Ton sächsisch rustikaler, doch mit seinen verschmitzt bis nachdrücklich vorgebrachten

Einmischungen in heutige und vergangene Verfehlungen nicht weniger überzeugend, ist Erich

Loest. Eines der treffendsten Bilder über sich hat er in seiner Autobiographie Der Zorn des

Schafes (1990) notiert: „Schafe warten geduldig, ehe sie den Kopf senken und zustoßen. Ihre

Stirn ist geschützt durch Knochenwülste über den Brauen. Sie ist eine stumpfe Waffe. Doch

man sollte sie nicht unterschätzen.“ 1981 ausgereist und nach dem Mauerfall zurückgekehrt,

setzte er der friedlichen Revolution in Nikolaikirche (1995) ein literarisches Denkmal. Der

Roman über das Scheitern der doktrinären DDR-Führung an ihrem mündig gewordenen Volk,

dieser Roman über einen einmaligen historischen Moment wurde zum Bestseller und verfilmt.

Von Erich Loest sind inzwischen weit über 40 Bücher erschienen. Im Gespräch sagte er

einmal in seiner typischen Gelassenheit: „Hin und wieder erscheint ein Buch. Mal ein neues,

zwischendurch ein altes, das wir als Werkausgabe herausbringen, immer auf der Leipziger

Buchmesse. So werden wir es weiterhin treiben, solange ich noch schreibe. Nichts drängt.“

Und so erschien auch zur letzten Buchmesse mit Löwenstadt (2009) ein neuer Roman von

ihm. Darin schreibt er sein Völkerschlachtdenkmal fort und überstreicht in einem

kurzweiligen Monolog des die meiste Zeit in einer psychiatrischen Anstalt einsitzenden Fredi

Linden 200 Jahre Leipziger Geschichte von Napoleons Schlacht bei Leipzig bis zum großen

Wahljahr 2009. Als die Mauer fällt, „sortiert sich alles neu“. Im Roman wie im richtigen

Leben hat die Partei, personifiziert im ehemaligen Bezirksleitungsfunktionär Ratzel, schnell

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egriffen, „Positionen des Staates mussten geopfert werden, um die Partei zu retten“. Die

künftige Strategie besprechen die Genossen im „Fürstenhof“: Untertauchen, unterwandern,

überwintern, bis die Zeit reif ist - vielleicht in zwanzig Jahren, mit Hilfe einer unbelasteten

Generation. Von nun an arbeite die Zeit für sie. In der Gegenwart angekommen, beim

illustren Mahl im Edelrestaurant „Falco“ hoch über den Dächern der Stadt, schauen sie, unter

ihnen auch der ehemalige Stasi-Zuträger Kaltow, jetzt Spitzenkandidat der „Linken“, auf das

Lichtermeer unten und resümieren: „Gar so blöd waren wir damals nicht. Der Kapitalismus

hat das doch ganz gut hingekriegt.“ Nun gelte es, „im Großwahljahr alle Kraft zu

mobilisieren“. Liest man diese „Löwenstadt“ der Gegenwart, spürt man hautnah, welche

politisch restaurative Spannung sich im Osten aufbaut. Kurz nach Löwenstadt hat der wie eh

und je produktive Nestor mit Wäschekorb (2009) einen weiteren Erzählband vorgelegt, in

dem er seine Leser in die Lebenswelt und Denkungsart eines Parteiveteranen-Ehepaars

versetzt. Zwanzig Jahre nach ihrer großen Niederlage sind die Erfolge der Partei mit Gregor

und Oskar an der Spitze wie Medizin gegen diverse Alterswehwehchen. Die alt gewordenen

Eheleute freuen sich über die neuen Wahlerfolge und lesen in der Leipziger Volkszeitung, wie

Genossen die Bundesrepublik verändern. Die Tage sind heller, seit das umstrittene Marx-

Monument in Leipzig wieder steht und „ihr Mann“ Kulturbürgermeister wurde. Nun denkt

Bernhard, die Hauptfigur und einst mäßig erfolgreicher DDR-Staatsschriftsteller, darüber

nach, wie auch er sich einbringen kann. Ihm ist aufgefallen: „Seit 1990 gibt es keine

Parteibelletristik mehr.“ Das sollte zu ändern sein.

Tendenzen der Wahrnehmung

Wenn man die zunehmende Tendenz: Es war nicht alles schlecht! Die DDR hatte mehr gute

als schlechte Seiten! - das meinten 1990 weniger als 30 Prozent, heute meinen es fast 50

Prozent in Ostdeutschland - wenn man diese Tendenz betrachtet, könnte man fast meinen,

Autoren wie der 2007 verstorbene Wolfgang Hilbig hätten die abnorme Seite des realen

Sozialismus für umsonst dargestellt. In seinem mehrfach ausgezeichneten Roman Ich (1993)

hat er das Thema Staatssicherheit - im Zentrum steht ein Schriftsteller und Spitzel mit dem

Decknamen „Cambert“ - auf bis heute unerreichte Weise literarisch gefasst. Es gibt wohl

kaum ein zweites Buch - ausgenommen der Geheimtipp Nachstaub und Klopfzeichen (2008)

von Karsten Dümmel, in dem die Atmosphäre eines von Misstrauen zersetzten Landes so

plastisch nachgezeichnet ist.

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Klartext sprechen und schreiben, war auch der Anspruch, dem Jürgen Fuchs sich bereits als

Student der Psychologie in Jena Mitte der siebziger Jahre stellte. In seinem ein Jahr vor

seinem viel zu frühen Tod erschienenen Roman mit dem beziehungsreichen Titel Magdalena

(1998), betitelt nach dem Gefängnis in der Magdalenenstraße Berlin-Lichtenberg, bietet er

schonungslose Innenansichten der Diktatur, ihr Hineinwirken in Biographien und in die

Gegenwart.

Bei dem Wort Littérature engagée, bei der Forderung, Literatur habe sich in die Gesellschaft

einzumischen, Konformismus und Tabus aufzubrechen, rümpfen deutsche

Literaturwissenschaftler und -kritiker - anders als beispielsweise französische -

vergleichsweise häufig die Nase. Mitunter wird literarische Einmischung dabei auch als

Betroffenheitsliteratur abgekanzelt, wie im Fall Jürgen Fuchs. Die Freundschaft mit dem

verbotenen Liedermacher Wolf Biermann, mit Robert Havemann und Reiner Kunze bestärkte

ihn in der literarischen Auseinandersetzung mit den Auswüchsen der Diktatur. Die Quittung:

Ausschluss aus der SED, Exmatrikulation, 1976/77 neun Monate Stasi-U-Haft und

Abschiebung nach Westberlin. Da war Fuchs längst drin in seinem Lebensthema, Macht und

Individuum, Unterdrückung der Menschenrechte. Seine Vernehmungsprotokolle (1978, 2009

neu herausgeben) wurden in die DDR geschmuggelt und zu einer wichtigen

Verhaltensrichtlinie für spätere politisch Inhaftierte. Dokumentarliterarisch analysieren diese

Vernehmungsprotokolle die Methoden moderner, demokratisch nicht kontrollierter

Geheimdienste, insbesondere die „schwarze Psychologie“, zum Brechen politischer Gegner.

In den 80er Jahren thematisierte Fuchs, auch ermutigt durch Heinrich Böll, in seinen

Romanen Fassonschnitt (1984) und Das Ende einer Feigheit (1988) als bis dahin Einziger die

Instrumentalisierung auf dem sozialistischen Kasernenhof. Wegen seiner Aktivitäten für die

unabhängige DDR-Friedensbewegung unterschrieb Erich Mielke 1982 ein internationales

Fahndungsersuchen, das bis 1999 (!) für alle sozialistischen Staaten gelten sollte. Jürgen

Fuchs erlebte den langen Arm der Staatssicherheit auch in Westberlin, es gab Morddrohungen

und Anschläge auf sein Leben auch über 1989 hinaus, und er machte die Erfahrung einer

klinischen Krebsstation. Vor diesem Lebenshintergrund handelt sein Roman mit dem

beziehungsreichen Titel Magdalena (1998), betitelt nach dem Gefängnis in der

Magdalenenstraße Berlin-Lichtenberg. Es ist ein schonungsloses Buch über die

Innenansichten der Diktatur, ihr Hineinwirken in Biographien und in die Gegenwart. Es ist

ein Buch über das partielle Versagen der Gauckbehörde, über Fuchs´ Recherchen im dortigen

„Handtuchzimmer“, über Stasi-Zersetzung und ihre Opfer. Er registriert sensibel das Wachsen

der Behördenwelt und taucht in Zwiesprache mit seinem fiktiven Ratgeber, der

„Knaststimme“, ein in eine Vergangenheit mit Psychofolter und Zellenkrieg, mit Zellenspitzel

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und psychologisch geschulten Stasi-Vernehmern. „Magdalena“ ist ein harter Collageroman,

er berührt Versagensmomente von der Weimarer Republik bis zur bundesrepublikanischen

Demokratie heute und stellt sich der Schuld der Vätergeneration. Hier fordert ein literarisches

Werk Ost- und Westdeutsche gleichermaßen heraus, in die Katakomben der jüngsten

deutschen Geschichte hinabzusteigen und zugleich den Blick auf das Heute zu schärfen.

Resümee

Es gibt einen kleinen Kreis von Autoren, die in der DDR blieben, die für Meinungsfreiheit

und eigenständiges Denken Veröffentlichungs- und Berufverbot in Kauf nahmen und massive

Repression erfuhren. Zu den durchaus Wahrgenommenen zählt Gabriele Stötzer, die heute in

Erfurt und Utrecht lebt. In der DDR fand sie sich für ein Jahr im Zuchthaus Hoheneck unter

Kriminellen und Mörderinnen wieder, weil sie im November 1976 die Resolution der

Schriftsteller gegen die Biermann-Ausbürgerung abgetippt und unterschrieben hatte. Ihr

Erzählband erfurter roulette (1996) schildert unangepasstes Jugendleben und die alternative

Kunstszene im Angesicht der orwellschen Präsenz der Macht. Ihre dokumentarliterarische

Quasi-Fortsetzung Die bröckelnde Festung (2002) lässt die Schrecken der Haft, die vom

Wachpersonal geförderten Extremsituationen für politische Häftlinge lebendig werden.

Ganz anders dagegen liest sich Stötzers Roman Das Leben der Mützenlosen (2007) Er erzählt

- mit phantastischen Elementen angereichert - aus einer selbstbestimmten, zugleich

unterwanderten Subkultur und von einer Gruppenflucht aus der geschlossenen Gesellschaft

über eine dämonische Grenze.

Die literarische Auseinandersetzung mit dem, was DDR war und was Leben in der Diktatur

bedeutete, ist als literarisches Thema nicht mehr wegzudenken. Dafür steht in jüngster Zeit

unter anderem auch Uwe Tellkamp mit seinem nationalpreisgewürdigten Bestseller Der Turm

(2008). In diesem Roman wird der dämonische Stillstand in der DDR greifbar mit einer

zurückgezogenen Gesellschaft im Dresdener Villenviertel „Weißer Hirsch“, mit

Bildungsbürgern und ihrer inneren Emigration und mit einem absurden Alltag in der NVA-

Kaserne. Hier wird die Erstarrung und Implosion der späten DDR konserviert, aber auch die

Dramatik, als etwa die Truppe um den Panzersoldaten Christian am 04. Oktober 1989 gegen

zehntausend Demonstranten am Dresdener Hauptbahnhof abkommandiert wird.

Nichts drängt, sagte Erich Loest augenzwinkernd. Und doch drängt seit Jahren - und wohl

noch für Jahre - kaum etwas so stark in die Literatur wie der Erinnerungsraum DDR.

Udo Scheer | Schriftsteller und Publizist | Stadtroda

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