Nachdenken über Christa W. - Geschichtswerkstatt Jena eV

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Nachdenken über Christa W. 1

Zeugnis ablegen von den Verhältnissen in der DDR

Von Gottfried Willems

Als einer, der nicht in der DDR gelebt hat, der die Lebensverhältnisse der DDR nie am

eigenen Leib erfahren hat, glaube ich am ehesten etwas zu diesem Gespräch beitragen zu

können, indem ich Ihnen einige Fragen vorlege, wie sie eben jemandem kommen, der von

außen auf die DDR und ihre Literatur blickt, der allenfalls, wie das die Bayern nennen, als ein

„Reingeschmeckter“ durchgehen kann. Es sind Fragen, die einem diffusen Unbehagen

entspringen, das mich immer wieder ergreift, wenn ich mir ansehe, wie einige der großen,

namhaften, als literarisch bedeutsam gehandelten Schriftsteller der DDR mit ihrem Werk und

ihren öffentlichen Auftritten Auskunft geben über das Leben und Schreiben in der DDR,

Zeugnis ablegen von den Verhältnissen in der DDR und von dem Phänomen DDR überhaupt.

Vielleicht können Sie mir ja dabei helfen, mit diesem Unbehagen ins Reine zu kommen.

Meine Fragen sind womöglich naive Fragen, aber ich will mich hier ausdrücklich zu jener

Naivität bekennen, die von der Literatur zunächst und vor allem eines erwartet:

Wahrhaftigkeit, eine Wahrhaftigkeit ohne Wenn und Aber.

Mit den namhaften Schriftstellern meine ich Autoren wie Christa Wolf, wie Stefan Heym,

Stephan Hermlin, Volker Braun, Heiner Müller und Christoph Hein, also in der Tat einige aus

der ersten Garde der DDR-Literatur. Ich weiß, dass sich viele ältere Leser aus DDR-Zeiten

diesen Autoren gegenüber eine gewisse Dankbarkeit, eine Anhänglichkeit und einen Respekt

bewahrt haben. Weil man seinerzeit in ihren Werken einer Sprache begegnen konnte, die

ansonsten aus der medialen Öffentlichkeit ausgeschlossen war, einer Sprache, die im

öffentlichen Raum den Beton der offiziellen Sprachregelungen aufbrach und etwas davon

erkennen ließ, wie den Menschen wirklich zumute war, etwas erkennen ließ von dem Sich-

Herumschlagen des Einzelnen mit den Realitäten des Alltags, von seinen Ängsten und Nöten,

von Einsamkeit, Nicht-weiter-Wissen, Verzweiflung, von dem, was in der DDR offenbar das

Skandalon schlechthin war, vom Skandal des beschädigten, des misslingenden Lebens. Und

weil sie persönlich etwas dafür gewagt haben, um diese Sprache in die Öffentlichkeit zu

bringen, weil sie dafür den Kampf mit einer allmächtigen Partei und ihren ideologischen

Kontrollorganen, den Kampf mit der Zensur aufnahmen. Weil sie auch sonst vielleicht Flagge

1 Vortrag zur Podiumsveranstaltung „Was bleibt? DDR und deutsche Einheit im literarischen Raum“ des

Collegium Europaeum Jenense am 03.Oktober 2009 in den Rosensälen Jena.

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gezeigt und Mut bewiesen haben, etwa bei der Ausbürgerung von Wolf Biermann. Und mir

ist bekannt, dass sie dafür - auch von der Literaturkritik und Literaturwissenschaft des

Westens - mit dem Ehrentitel „kritischer DDR-Autoren“ bedacht und als „Kritiker, Aufklärer

und Tabubrecher im Verhältnis zum realsozialistischen System“ (W. Emmerich) verbucht

worden sind.

Zwischen den Zeilen

Aber diese „Kritik“, dieses „Aufklären“ und „Brechen von Tabus“ hatte natürlich seine

Grenzen, und auch das weiß ich, dass die gespannte Erwartung, die viele Leser in der DDR

den neuen Büchern jener Autoren entgegenbrachten, wesentlich aus der Frage erwuchs, wo

die Grenze diesmal verlaufen würde, bis wohin sie diesmal vorgetrieben werden könnte. Der

Grenzverlauf ergab sich bekanntlich aus dem, was zwischen den Literaturbehörden des

Regimes und den Autoren ausgehandelt wurde, was einerseits von der Zensur zugelassen

wurde, und sei es auch nur in Form einer Publikation im Westen, und was andererseits die

Autoren um der Möglichkeit des Schreibens und Publizierens willen hinzunehmen bereit

waren. Das Ergebnis war, dass vieles dann eben doch nicht zur Sprache kam, dass vieles

weiterhin ausgespart, umgangen, verschwiegen wurde, dass es weiterhin tabu blieb. Keiner

der so genannten „kritischen DDR-Autoren“ hat in DDR-Zeiten über die DDR je wirklich

„Klartext“ geredet, wie Gottfried Meinhold das nennt. Die Frage ist, ob ihre Texte deshalb

auch schon als „Tarntexte“ einzustufen sind.

Tabu blieb zum Beispiel das Schicksal der Andersdenkenden in der DDR, blieb, was es da an

Bespitzelung und Bedrückung gab, an Verfolgung bis hin zur physischen Vernichtung. Tabu

blieb vor allem der Versuch, das, was an negativen Erscheinungen, an objektiven

„Widersprüchen“ und subjektiven Fehlleistungen thematisiert wurde, auf das Projekt jenes

Sozialismus sowjetischer Lesart selbst anzurechnen, von dem her sich die DDR legitimierte,

blieb die Frage, inwieweit das Kritisierte nicht bloß auf bestimmte Fehlentwicklungen, etwa

auf bestimmte Ausformungen der Bürokratie zurückzuführen sei, sondern auf das Projekt des

Sozialismus selbst. So dass die Texte der „kritischen DDR-Autoren“ wie von selbst den

Charakter einer Kritik annahmen, die den Sozialismus gegen sich selbst in Schutz nahm; die

die hehren Ziele, die so genannten Ideale des Sozialismus, gegen das in Schutz nahm, was bei

deren Umsetzung konkret geschah, was bei dem Versuch ihrer Realisierung alles misslang.

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Die entscheidende Frage scheint mir nun, inwieweit dies im Sinne beider Seiten war,

inwieweit hier eine Art Einverständnis zwischen der Zensur und den genannten Autoren,

zwischen den Machthabern und ihren Kritikern bestand. Es gibt gar nicht so wenige

Beobachter, die ein solches Einvernehmen erkennen wollen; die davon überzeugt sind, dass

jene Autoren, indem sie gegenüber den konkreten Realitäten in der DDR immer nur wieder

die Ideale des Sozialismus einklagten und keine anderen als diese Werte zum Maßstab ihrer

Kritik nahmen, überhaupt von keinen anderen Werten zu wissen schienen, dass sie damit

nichts anderes betrieben hätten, als gegen die zunehmende Entfremdung zwischen dem

Regime und weiten Teilen der Bevölkerung anzuschreiben. Indem sie mit ihrer Kritik die

„Sehnsucht nach dem wahren Sozialismus“ am Leben erhalten und nach Kräften genährt

hätten, nach dem Motto: mag in der DDR auch noch so vieles schief gehen - es geht in ihr

und anders als anderswo letztlich doch um das Einzige, wofür es sich zu leben lohnt, um den

„wahren Sozialismus“ - indem sie so verfahren wären, hätten sie ein Ventil für den seelischen

Druck geschaffen und eine „Stillhalteliteratur“ produziert, ein „innenpolitisches Sedativ“.

Und das sei sowohl im Sinne des Regimes gewesen - unbeschadet aller internen Kontroversen

zwischen den Funktionären, die der Literatur mehr Leine geben, und denen, die die Zügel

immer wieder anziehen wollten - als es auch den Intentionen der Autoren entsprochen hätte.

Übrigens, als Außenstehender hat man sich immer nur darüber wundern können, wie viel in

der DDR, die sich letztlich ja doch auf Marx berief, in Bezug auf den Sozialismus von Idealen

und Idealismus die Rede war. Denn der Marxismus versteht sich doch wohl als ein

Materialismus, und der setzt auf Interessen und nicht auf Ideale; er will, dass die Menschen

ihre Interessen wahrnehmen und sich nicht durch angebliche Ideale davon abbringen lassen,

nämlich in den Dienst der Interessen anderer nehmen lassen. Aber das nur am Rande.

Aufforderung zum Klartext

Kann man, darf man, muss man von einem fundamentalen Einverständnis zwischen den

„kritischen DDR-Autoren“ und den Machthabern reden? Das zu akzeptieren, wird all den

Lesern schwer fallen, die die Werke jener Autoren in DDR-Zeiten anders erlebt haben und sie

von daher anders in Erinnerung haben. Aber es spricht doch einiges dafür. Was dafür spricht,

ist vor allem das Verhalten jener Autoren während und nach der Wende. Und erst hier beginnt

für mich das große Unbehagen, von dem ich eingangs sprach. Als Außenstehender hätte man

erwartet, dass Autoren, die sich ein Leben lang mit der Zensur hatten herumschlagen müssen,

in der Wende zunächst und vor allem eines hätten für sich entdecken müssen: die

Möglichkeit, nun endlich „Klartext“ zu reden; dass der Gedanke, der Anforderung der

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Wahrhaftigkeit mit ihrer Literatur nun endlich rückhaltlos Genüge tun zu können, für sie als

Schriftsteller, als Sachwalter der Literatur alle anderen Aspekte der Wende hätte überstrahlen

müssen; und dass sie sich nun daran gemacht hätten, den Nachholbedarf in Sachen Wahrheit

über die DDR abzuarbeiten und das Umgangene, Verschwiegene, Tabuisierte zu benennen.

Aber nichts davon; statt dessen machten sie allesamt weiter mit dem politisch lavierenden

Reden, das sie sich angewöhnt hatten; statt dessen hielten sie wie Christa Wolf im Herbst

1989 auf dem Alexanderplatz Reden „gegen den Ausverkauf unserer materiellen und

moralischen Werte“, wie es hieß, und verbreiteten sich über alle möglichen Aspekte von

Wende-Unheil. Stattdessen wurden nun Verse geschrieben wie die folgenden von Volker

Braun: „Was ich niemals besaß, wird mir entrissen, / was ich nicht lebte, werd ich ewig

missen, / und unverständlich wird mein ganzer Text“. „Was ich niemals besaß“: den „wahren

Sozialismus“, das „wird mir entrissen“, nämlich die Sehnsucht danach, die Hoffnung darauf,

die ich in der DDR doch immerhin nähren konnte, offenbar zu Recht, offenbar in gutem

Glauben nähren durfte.

Ist es naiv anzunehmen, dass für einen Schriftsteller die Möglichkeit zu wahrhaftiger Rede ein

erstes und letztes sei, dem gegenüber alles andere für ihn zweitrangig werden müsse? Ist es

naiv zu fragen, welche „moralischen Werte“ da auf dem Alexanderplatz und anderswo hätten

verteidigt werden sollen und welche unheilvollen Aspekte der Wende die Verhältnisse in der

DDR nachträglich hätten ins Recht setzen können? Ist es naiv, sich darüber zu verwundern,

wie ein Autor beklagen kann, dass seine „Tarntexte“ unverständlich werden, wenn sich vor

ihm die Möglichkeit eröffnet, „Klartext“ zu reden?

Christa Wolf – Was bleibt

Nun gut, Christa Wolf hat nach der Wende dann doch einen Schritt in Richtung „Klartext“

getan, mit der Publikation ihrer Erzählung „Was bleibt“, wo sie ihr Leben in jenen Wochen

nach den Biermann-Wirren schildert, in denen sie selbst von der Stasi überwacht worden ist.

Die Literaturkritik hat das allerdings keineswegs honoriert, im Gegenteil: sie hat die

Publikation weithin als einen politischen Schachzug verbucht, mit dem Wolf ihre Position in

der Öffentlichkeit hätte sichern wollen. Und in der Tat: „Klartext“ wird hier nicht geredet.

Davon, was die Stasi und die anderen „Organe“ des Regimes Menschen anzutun bereit waren

und angetan haben, lässt die Erzählung in ihrem Duktus des poetisch Ungefähren kaum etwas

erkennen. Und der Gedanke, dass in einem Gesellschaftssystem wie dem der DDR auch die

Stützen des Regimes, auch das Establishment, auch die Loyalen der Überwachung,

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Bespitzelung und Denunziation bis hin zur Säuberung ausgesetzt sind, bis hinauf in die

Zentren der Macht, tritt gar nicht erst in den Blick. Es wird hier also weiterhin um Lakunen

des Unausgetragenen, des Ausgesparten und Verschwiegenen herum laviert, und dies in einer

Sprache, die demonstrativ um die Ausstellung eines Willens zur subjektiven Authentizität, um

einen Ton treuherziger Aufrichtigkeit bemüht ist. Eine mehr als unerquickliche Lektüre.

Der Streit um das literarische Erbe

Eine letzte unbehagliche Leseerfahrung hat mir Christa Wolf mit einem Aufsatz in der „Zeit“

vom 02. April 2009 beschert. Zum 60. Jubiläum der Bundesrepublik und zum 20. Jahrestag

des Mauerfalls hat die „Zeit“ 25 Persönlichkeiten zu einem Beitrag mit dem Thema „Mein

Deutschland“ eingeladen, darunter auch Christa Wolf. Ihr Aufsatz beginnt mit der

Beschwerde darüber, dass nur fünf der 25 eingeladenen Beiträger aus der DDR stammten.

Also weiterhin die Selbststilisierung zum Sprachrohr dessen, was mal die DDR war. 5 von 25,

20 Prozent, das entspricht übrigens dem Anteil der neuen Bundesländer an der deutschen

Bevölkerung. Es folgen Mutmaßungen darüber, dass sie wie die anderen „Ex-DDRler“ nur

eingeladen worden sei, um einem durchaus „differenzierten Bild von der Bundesrepublik

Deutschland eine ausschließlich düstere Sicht auf die DDR gegenüberzustellen und damit

dem Zeitgeist Genüge zu tun“. Wer anders als der böse Zeitgeist kann ein düsteres Bild der

DDR zeichnen. So wie ich die „Zeit“ kenne, hätte ihr die Redaktion keineswegs verwehrt,

sich statt düsterer Augenblicke helle Momente zum Gegenstand zu wählen; das tut sie dann

aber doch nicht, sondern schildert ihren Auftritt bei dem besonders bedrückenden 11. Plenum

des ZK der SED von 1965, wo sie sich als Kandidatin des ZK, durchaus mit einigem Mut,

gegen eine drohende neue Eiszeit in der Kultur wandte, freilich nicht ohne, wie sie schreibt,

„im ersten Teil meiner Rede die Versammelten meines grundsätzlichen Einverständnisses mit

der Politik der Partei zu versichern“. Sie betont: „Das war nicht nur taktisches Verhalten“,

also nicht der übliche Kotau, bevor man zum Eigentlichen kam. „Der tiefgehende Konflikt, in

dem wir alle steckten, (...) war gerade, dass wir durch unsere Arbeit die Entwicklung in der

DDR vorantreiben wollten, für die wir uns mitverantwortlich fühlten. Wir hatten gehofft,

nach dem Bau der Mauer würden bessere Bedingungen für eine kritischere Literatur und

Kunst entstehen, welche die Demokratisierung in anderen Bereichen der Gesellschaft

befördern würden“.

Was sind das nur für Menschen, diese „kritischen DDR-Schriftsteller“?

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Ich will hier noch einmal in aller Naivität bekennen, dass es mir stets besonders große Mühe

gemacht hat nachzuvollziehen, wie ein Gutteil der DDR-Autoren von dem her, was sie als

ihre „Mitverantwortung für die Entwicklung in der DDR“ begriffen, den Mauerbau nicht nur

hinnehmen, sondern geradezu befürworten und rechtfertigen konnte, so wie Christa Wolf das

mit ihrem „geteilten Himmel“ getan hat. Den Mauerbau wie zuvor schon den Aufstand der

Ungarn 1956, den Aufstand der Ostberliner Arbeiter 1953. Wie muss es im Kopf von

Autoren, von Schriftstellern, Dichtern aussehen, wie muss es überhaupt um Menschen bestellt

sein, die es als Sachwalter der Literatur begrüßen können, wenn einer ganzen Bevölkerung

mit dem Mauerbau das Grundrecht auf Freizügigkeit genommen wird, die davon sogar

„bessere Bedingungen für eine kritische Literatur“ erwarten können? Ich weiß gar nicht, ob

ich das verstehen will. Und der Text von Christa Wolf lässt auch nicht erkennen, dass es hier

bei ihr inzwischen zu einem selbstkritischen Insichgehen gekommen wäre. Im Gegenteil: sie

wirbt nach wie vor um Verständnis: „Heute sieht man klar, dass die DDR, eingeklemmt

zwischen dem Diktat der Sowjetunion und dem politisch-ökonomischen Druck aus dem

Westen, kaum Handlungsspielraum hatte“. Das mag so gewesen sein, aber macht es die Sache

besser? Was sind das nur für Menschen, diese „kritischen DDR-Schriftsteller“!

Prof. Dr. Gottfried Willems | Friedrich-Schiller-Universität Jena | Institut für Germanistische

Literaturwissenschaft Lehrstuhl für Neuere und Neueste deutsche Literatur

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