Nachdenken über Christa W. - Geschichtswerkstatt Jena eV

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gezeigt und Mut bewiesen haben, etwa bei der Ausbürgerung von Wolf Biermann. Und mir

ist bekannt, dass sie dafür - auch von der Literaturkritik und Literaturwissenschaft des

Westens - mit dem Ehrentitel „kritischer DDR-Autoren“ bedacht und als „Kritiker, Aufklärer

und Tabubrecher im Verhältnis zum realsozialistischen System“ (W. Emmerich) verbucht

worden sind.

Zwischen den Zeilen

Aber diese „Kritik“, dieses „Aufklären“ und „Brechen von Tabus“ hatte natürlich seine

Grenzen, und auch das weiß ich, dass die gespannte Erwartung, die viele Leser in der DDR

den neuen Büchern jener Autoren entgegenbrachten, wesentlich aus der Frage erwuchs, wo

die Grenze diesmal verlaufen würde, bis wohin sie diesmal vorgetrieben werden könnte. Der

Grenzverlauf ergab sich bekanntlich aus dem, was zwischen den Literaturbehörden des

Regimes und den Autoren ausgehandelt wurde, was einerseits von der Zensur zugelassen

wurde, und sei es auch nur in Form einer Publikation im Westen, und was andererseits die

Autoren um der Möglichkeit des Schreibens und Publizierens willen hinzunehmen bereit

waren. Das Ergebnis war, dass vieles dann eben doch nicht zur Sprache kam, dass vieles

weiterhin ausgespart, umgangen, verschwiegen wurde, dass es weiterhin tabu blieb. Keiner

der so genannten „kritischen DDR-Autoren“ hat in DDR-Zeiten über die DDR je wirklich

„Klartext“ geredet, wie Gottfried Meinhold das nennt. Die Frage ist, ob ihre Texte deshalb

auch schon als „Tarntexte“ einzustufen sind.

Tabu blieb zum Beispiel das Schicksal der Andersdenkenden in der DDR, blieb, was es da an

Bespitzelung und Bedrückung gab, an Verfolgung bis hin zur physischen Vernichtung. Tabu

blieb vor allem der Versuch, das, was an negativen Erscheinungen, an objektiven

„Widersprüchen“ und subjektiven Fehlleistungen thematisiert wurde, auf das Projekt jenes

Sozialismus sowjetischer Lesart selbst anzurechnen, von dem her sich die DDR legitimierte,

blieb die Frage, inwieweit das Kritisierte nicht bloß auf bestimmte Fehlentwicklungen, etwa

auf bestimmte Ausformungen der Bürokratie zurückzuführen sei, sondern auf das Projekt des

Sozialismus selbst. So dass die Texte der „kritischen DDR-Autoren“ wie von selbst den

Charakter einer Kritik annahmen, die den Sozialismus gegen sich selbst in Schutz nahm; die

die hehren Ziele, die so genannten Ideale des Sozialismus, gegen das in Schutz nahm, was bei

deren Umsetzung konkret geschah, was bei dem Versuch ihrer Realisierung alles misslang.

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