Nachdenken über Christa W. - Geschichtswerkstatt Jena eV

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Nachdenken über Christa W. - Geschichtswerkstatt Jena eV

Wahrhaftigkeit mit ihrer Literatur nun endlich rückhaltlos Genüge tun zu können, für sie als

Schriftsteller, als Sachwalter der Literatur alle anderen Aspekte der Wende hätte überstrahlen

müssen; und dass sie sich nun daran gemacht hätten, den Nachholbedarf in Sachen Wahrheit

über die DDR abzuarbeiten und das Umgangene, Verschwiegene, Tabuisierte zu benennen.

Aber nichts davon; statt dessen machten sie allesamt weiter mit dem politisch lavierenden

Reden, das sie sich angewöhnt hatten; statt dessen hielten sie wie Christa Wolf im Herbst

1989 auf dem Alexanderplatz Reden „gegen den Ausverkauf unserer materiellen und

moralischen Werte“, wie es hieß, und verbreiteten sich über alle möglichen Aspekte von

Wende-Unheil. Stattdessen wurden nun Verse geschrieben wie die folgenden von Volker

Braun: „Was ich niemals besaß, wird mir entrissen, / was ich nicht lebte, werd ich ewig

missen, / und unverständlich wird mein ganzer Text“. „Was ich niemals besaß“: den „wahren

Sozialismus“, das „wird mir entrissen“, nämlich die Sehnsucht danach, die Hoffnung darauf,

die ich in der DDR doch immerhin nähren konnte, offenbar zu Recht, offenbar in gutem

Glauben nähren durfte.

Ist es naiv anzunehmen, dass für einen Schriftsteller die Möglichkeit zu wahrhaftiger Rede ein

erstes und letztes sei, dem gegenüber alles andere für ihn zweitrangig werden müsse? Ist es

naiv zu fragen, welche „moralischen Werte“ da auf dem Alexanderplatz und anderswo hätten

verteidigt werden sollen und welche unheilvollen Aspekte der Wende die Verhältnisse in der

DDR nachträglich hätten ins Recht setzen können? Ist es naiv, sich darüber zu verwundern,

wie ein Autor beklagen kann, dass seine „Tarntexte“ unverständlich werden, wenn sich vor

ihm die Möglichkeit eröffnet, „Klartext“ zu reden?

Christa Wolf – Was bleibt

Nun gut, Christa Wolf hat nach der Wende dann doch einen Schritt in Richtung „Klartext“

getan, mit der Publikation ihrer Erzählung „Was bleibt“, wo sie ihr Leben in jenen Wochen

nach den Biermann-Wirren schildert, in denen sie selbst von der Stasi überwacht worden ist.

Die Literaturkritik hat das allerdings keineswegs honoriert, im Gegenteil: sie hat die

Publikation weithin als einen politischen Schachzug verbucht, mit dem Wolf ihre Position in

der Öffentlichkeit hätte sichern wollen. Und in der Tat: „Klartext“ wird hier nicht geredet.

Davon, was die Stasi und die anderen „Organe“ des Regimes Menschen anzutun bereit waren

und angetan haben, lässt die Erzählung in ihrem Duktus des poetisch Ungefähren kaum etwas

erkennen. Und der Gedanke, dass in einem Gesellschaftssystem wie dem der DDR auch die

Stützen des Regimes, auch das Establishment, auch die Loyalen der Überwachung,

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