Nachdenken über Christa W. - Geschichtswerkstatt Jena eV

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Nachdenken über Christa W. - Geschichtswerkstatt Jena eV

Ich will hier noch einmal in aller Naivität bekennen, dass es mir stets besonders große Mühe

gemacht hat nachzuvollziehen, wie ein Gutteil der DDR-Autoren von dem her, was sie als

ihre „Mitverantwortung für die Entwicklung in der DDR“ begriffen, den Mauerbau nicht nur

hinnehmen, sondern geradezu befürworten und rechtfertigen konnte, so wie Christa Wolf das

mit ihrem „geteilten Himmel“ getan hat. Den Mauerbau wie zuvor schon den Aufstand der

Ungarn 1956, den Aufstand der Ostberliner Arbeiter 1953. Wie muss es im Kopf von

Autoren, von Schriftstellern, Dichtern aussehen, wie muss es überhaupt um Menschen bestellt

sein, die es als Sachwalter der Literatur begrüßen können, wenn einer ganzen Bevölkerung

mit dem Mauerbau das Grundrecht auf Freizügigkeit genommen wird, die davon sogar

„bessere Bedingungen für eine kritische Literatur“ erwarten können? Ich weiß gar nicht, ob

ich das verstehen will. Und der Text von Christa Wolf lässt auch nicht erkennen, dass es hier

bei ihr inzwischen zu einem selbstkritischen Insichgehen gekommen wäre. Im Gegenteil: sie

wirbt nach wie vor um Verständnis: „Heute sieht man klar, dass die DDR, eingeklemmt

zwischen dem Diktat der Sowjetunion und dem politisch-ökonomischen Druck aus dem

Westen, kaum Handlungsspielraum hatte“. Das mag so gewesen sein, aber macht es die Sache

besser? Was sind das nur für Menschen, diese „kritischen DDR-Schriftsteller“!

Prof. Dr. Gottfried Willems | Friedrich-Schiller-Universität Jena | Institut für Germanistische

Literaturwissenschaft Lehrstuhl für Neuere und Neueste deutsche Literatur

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