DEF_Standortmagazin_Nr%201_15-02-13

sanktgallen

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Baumgruppen und Sitzmöglichkeiten

aufgewertet werden sollen. Das gleiche

gilt für den Appenzeller Bahnhof.

Touristen wie Einheimische werden

das zu schätzen wissen. Auch die Neu-

gestaltung von Bohl, Marktplatz und

Blumenmarkt würde endlich die

Chance bieten, die Innenstadt ausserhalb

der Ladenöffnungszeiten etwas

zu beleben.

Die geplanten Verbesserungen für

den öffentlichen Verkehr sind in meinen

Augen absolut notwendig. Eine

moderne Stadt muss dem wachsenden

Mobilitätsbedürfnis und den zuneh-

menden Pendlerströmen gerecht werden

und für die Zukunft gewappnet sein.

Der neue Ruckhalde-Tunnel für die

Durchmesserlinie der Appenzeller

Bahnen und die Aufwertung des Haupt-

knotenpunkts Bahnhof wären Schritte

in die richtige Richtung. Und eine

elektronische Fahrgastinformation für

Es gibt im internationalen

Vergleich kaum eine Stadt

mit vergleichbarer Größe, die

ein so reiches historisches

Erbe und gleichzeitig ein so

vielfältiges Kultur- und

Bildungsangebot aufweist.

Busse und Postautos war schon lange

überfällig. Die Verdoppelung der bestehenden

Veloparkplätze ist äusserst

begrüssenswert.

Die Investition der Stadt in eine um-

weltfreundliche und erneuerbare Ener-

gieversorgung hat schon jetzt Vorbildcharakter.

Ich wünschte mir auch für

Kyoto ein Geothermieprojekt. Trotz

Fukushima und hoher Erdbebengefahr

hält Japan leider weiterhin an der

Atomkraft fest.

Studenten und Studentinnen verleihen

einem Ort Farbe, konsumieren,

schaffen kontemporäre Kultur und treiben

damit die urbane Dynamik an.

Kyoto vereint nicht weniger als 39 Fachhochschulen

und Universitäten auf

dem Stadtgebiet. Die vielen Musikclubs,

Konzertlokale, Galerien, Studentenkneipen

und Spielsalons wären ohne die

Studierenden nicht denkbar. St.Gallen

weist mit der Universität und der neuen

Fachhochschule auch eine beachtliche

Menge an Studierenden auf – ein nicht

zu unterschätzendes Potential. Das Projekt

Campus 2022 soll die an der

Universität St.Gallen trotz kürzlicher

Erweiterung herrschende Platznot lindern.

Doch der lange Zeithorizont

und die Kostenfrage stellen ein Problem

dar. Es wird nicht einfach

sein, die Bevölkerung dafür

zu gewinnen.

Nach nur zwei Jahren Planung

hat Kyoto letztes Jahr

unter grossem Protest von

Umwelt- und Tierschützern

ein Aquarium mit integrierter

Delfinshow eröffnet,

das noch mehr chinesische

Touristen anziehen soll. Man

hat dafür die Hälfte eines

grossen Picknickparks geopfert

– eines der letzten grünen

Erholungsgebiete der Stadt. Die Bevölkerung

wurde erst gut zwei Monate

vor Baubeginn im Amtsblatt darüber

informiert, zu einer Volksbefragung

war es nicht gekommen. In der Schweiz

dauert der politische Prozess bis zum

Baubeginn im Schnitt lange zehn Jahre.

Doch dafür hat die Bevölkerung

ein Mitspracherecht und die Möglichkeit,

überrissene oder unnötige Vorhaben

per Volksabstimmung bachab zu schicken

– in meinen Augen ein unüberschätzbarer

Vorteil gegenüber der

Situation in Japan.

St.Gallen wird oft belächelt und auf

Klischees wie Bratwurst und Olma

reduziert. Aber meiner Meinung nach

gibt es im internationalen Vergleich

kaum eine Stadt vergleichbarer Größe,

die ein so reiches historisches Erbe

und gleichzeitig ein so vielfältiges Kul-

tur- und Bildungsangebot aufweist,

das weit über die Region und Landesgrenzen

hinaus strahlt. Die Schweiz

hört beileibe nicht nach Winterthur

auf. Im Gegenteil: Man findet in

St.Gallen und in der Ostschweiz eine

Lebensqualität, die ihresgleichen

sucht. Nur etwas mehr Mut zu Farbe

und zu unkonventionellen Lösun-

gen würde ich mir manchmal wünschen.

Mit der nötigen Um- und Weitsicht

bei den anstehenden Bauvorhaben

wird die Gallusstadt ihre Bedeutung

als Zentrum noch weiter zemen-

tieren und auch in Zukunft die Blicke

auf sich ziehen.

Der gebürtige St.Galler Roger Walch

(*1965) hat in Zürich Japanologie,

Kunstethnologie und Soziologie studiert.

Nach Stationen als Leiter des St.Galler

Programmkinos Kinok, als Chefredaktor

des Ostschweizer Kulturmagazins

Saiten und als Lehrbeauftragter an der

Kantonsschule St.Gallen lebt er seit

1998 in Kyoto (Japan), wo er als Filmemacher

und Publizist tätig ist.

Weitblick

Interview von Hanspeter Trütsch mit dem

St.Galler Stadtpräsidenten Thomas

Scheitlin über die Vision, Entwicklung und

Wahrnehmung der Stadt St.Gallen

St.Gallen ist eine Stadt im Umbruch.

Welche Vision haben Sie als

Stadtpräsident?

Für mich ist es ganz klar, dass die

Stadt St.Gallen ein eindeutiges Profil

bekommen muss als das Wirtschafts-,

Bildungs- und Kulturzentrum der

Ostschweiz. Das Ziel ist, dass wir als

Hauptstadt der Ostschweiz wahrgenommen

werden.

Scheitert diese Vision nicht an

geographischen und politischen

Grenzen?

Die Hindernisse bilden die institutio-

nellen und politischen Grenzen.

Haben wir aber diesen Anspruch, als

Hauptstadt der Ostschweiz zu gelten,

können wir uns nur über Lead-Projekte

oder Lead-Institutionen profilieren.

Wir müssen aufzeigen, dass es sich

lohnt, wegen diesen Leuchttürmen

nach St.Gallen zu kommen.

Lokremise; Lieblingsplatz von Thomas Scheitlin, Stadtpräsident

Standortmagazin der Stadt St.Gallen Frühling. 2013. S.4–5

Es scheint, als ob die Vernetzung

zwischen diesen positiven Imageträgern

(Universität, Spitäler, Bundesverwaltungsgericht,

die neue

Fachhochschule etc.) der Stadt und

Region zu wenig ausgeprägt ist.

Diese Aussage ist korrekt. Wir müssen

es schaffen, dass die einzelnen Institu-

tionen vernetzt gegen aussen auftreten,

und uns so klarer positionieren.

Muss eine Stadt zwingend wachsen?

Gibt es nicht auch die Möglichkeit

eines qualitativen Wachstums?

Eine Stadt muss wachsen. Wir könnten

sonst unsere zunehmenden Aufgaben

gar nicht mehr finanzieren. Ich bin der

Meinung, dass die Stadt St.Gallen

«verträglich» wächst. Wir boomen nicht.

Wir können uns entwickeln und

wachsen. Und dieses Wachstum können

wir verkraften, ohne dass die Qualität

auf der Strecke bleibt. Um die Region

oder Stadt zu entwickeln, muss es uns

gelingen, in der Raumplanung die

politischen Grenzen zu überschreiten.

Sie bekennen sich zu qualitativem

Wachstum. Aber nicht alle ver-

stehen das Gleiche darunter.

Wir sind daran interessiert, gute Areale

für hochstehende Wohnbauten und

für die Ansiedlung erfolgreicher Unternehmen

zu entwickeln. Am Schluss

entscheidet der Mensch, wo er leben

will oder wo er seine Firma ansiedelt.

Wäre die Stadt nicht mehr wohnlich

oder wirtschaftlich interessant, oder

hätten wir kein qualitativ gutes Angebot

mehr, würden die Menschen

nicht nach St.Gallen ziehen. Es braucht

also diesen Mix.

Von aussen hat man den Eindruck,

dass in St.Gallen «nichts läuft».

Innerstädtisch gibt es viele Bau-

stellen: Die Marktplatzabstimmung

wurde verloren, der Bahnhof ist

keine Visitenkarte. Wo setzen Sie

Prioritäten?

Das ist wohl eine der zentralen Aufgaben

der nächsten Jahre. Wir müssen

den Bahnhofplatz «in shape» bringen.

Mit dem aktuellen Projekt, das eine Ver-

bindung der Optimierung des öffentlichen

Verkehrs und gestalterischen

Aufgaben ist, wird dies erreicht. Dasselbe

gilt auch für den Marktplatz. Die

Gestaltung der wichtigsten inner-

städtischen Drehscheibe neben dem

Bahnhofplatz muss die Menschen, ähn-

lich wie die südliche Altstadt, einla-

den und innerstädtisches Leben ermöglichen.

Mit diesen beiden kann man

der Stadt ein Gesicht verleihen.

Es gibt viele Projekte in der Stadt,

die geplant sind oder welche in

naher Zukunft umgesetzt werden.

Demgegenüber steht ein starker

Spardruck.

Wir werden uns auf wesentliche Sachen

konzentrieren müssen. Priori-

täten haben wir im Stadtrat auf die

Projekte gelegt, welche einen Beitrag

an die Stadtentwicklung leisten

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