Struktur und Lesarten des Discours de la servitude volontaire

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Struktur und Lesarten des Discours de la servitude volontaire

A) Einleitung

1. Die Leerstelle einer Statue

“Manifestum est enim omne quod recipitur

in aliquo recipitur in eo per modum recipientis.”

Thomas von Aquin, Summa theologica I qu. 76, art. 2 ad 3

Der Discours de la servitude volontaire ist einer jener Texte, die allseits gelesen und

diskutiert wurden, dessen Gedanken ohne Nennung ihrer Herkunft zahllose neue Werke

inspirierten und der in vielen Krisensituationen zur Anstiftung von Revolten

Verwendung fand. Mit jeder Neuübersetzung und jeder Ausgabe des Discours

verbanden sich seine Deutungen zu Interpretationen und Interpretationstraditionen, die

aus sich unterscheidenden historischen Gegenwarten heraus entstanden sind. 1 Dadurch

knüpft sich ein Netz von Interpretationen und Übersetzungen, auf das sich jeder neue

Leser des Textes bezieht und woraus er dem Text einen feststehenden Sinn gibt. Das ist

jedoch gleichsam das Problem dieser Sinnstiftungen, sie weisen mit der Festlegung

eines bestimmten, konkreten Verständnisses dem Text Bedeutungen zu, die er nicht aus

sich selbst heraus besitzt, sondern die ihm aufgezwungen werden. Das folgende

Ereignis mag diese Situation besonders illustrieren:

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde vor dem Palais de Justice in Sarlat die

Statue von Etienne de la Boétie eingeweiht. 2 Man sieht einen jungen Mann, dessen

1 Eine Auflistung aller bis 1997 erschienenen Ausgaben präsentiert Magnien in: Magnien, M.:

Bibliographie des Ecrivains Français: Etienne de la Boétie; Paris- Roma 1997, S.30f.

Aktualisierungen in die Gegenwartssprachen europäischer Provenienz finden nahezu jährlich statt. Zu

beachten ist die Übersetzung ins Japanische.

2 Lasserre, A.:La statue de la Boëtie à Sarlat: Les vrais titres de célébrité d'Etienne de la Boëtie; sa vie,

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