Struktur und Lesarten des Discours de la servitude volontaire

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Struktur und Lesarten des Discours de la servitude volontaire

Unterscheidung wird nach dem semiotischen Modell Ecos 79 vorgenommen, da es

geeignet erscheint, präzise die Ebenen der Sender zu benennen. Das bedeutet aber auch,

dass die folgende Darstellung die beiden zitierten Sätze übermäßig verschachteln muss.

Anhand dieser Operation kann aber illustriert werden, wie der Text mit seinen Ebenen

jongliert:

„Viele Herren zu haben, sei sehr schädlich, nur einer solle Herr, nur solle einer

König sein.“ Das sagt Odysseus – erste Ebene. Das wiederum lässt ihn Homer in der

Ilias sagen – zweite Ebene. Doch eigentlich sagt es der Übersetzer der Ilias des Homer,

der die Alexandriner übertrug – die dritte Ebene (vermutlich la Boétie selbst). Und

zuletzt sagt es der Autor, dessen Text man liest – auf der vierten Ebene.

Diesen Weg kann man auch umgekehrt verfolgen: Es ist nicht la Boétie (als

hypothetischer Autor), der spricht – vierte Ebene, es ist die kommentierte Übersetzung

– dritte Ebene. Doch es ist nicht die Übersetzung selbst, sondern Homer – zweite

Ebene, der durch die Ilias spricht und auch nicht Homer, sondern letztlich Odysseus –

erste Ebene. Und dieser steht vor „le public“, dem Publikum mit dem er spricht.

Das Publikum wurde in dieser Reihe der Ebenen ignoriert, es scheint der

Hintergrund zu sein. Näher betrachtet steht dieses Publikum jedoch gleichzeitig und

unbemerkt für alle Leser des Textes: Vor dem Publikum (Basis-Ebene bzw. Spiegel-

Ebene) steht Odysseus, sagt Homer, sagt der Übersetzer, sagt der Text. Das nimmt der

Leser (als Publikum) also wahr: „Viele Herren zu haben, sei sehr schädlich, nur einer

solle Herr, nur einer König sein.“ Der Leser liest eine gleichzeitig an ihn und an das

Publikum gewendete Ansprache Odysseus', die durch Homer in einem Epos übermittelt,

von einem Übersetzer kommentiert und auf der vierten Ebene im Discours verwendet

wird und dort lesbar ist.

Das ganze ist ein Spiel über die Grenzen der Beziehungen zwischen dem, was der

Ursprung einer Sache ist und was lediglich einen Kommentar repräsentiert. 80 Dieses

Spiel richtet sich gleichzeitig an den Leser bzw. an das Publikum im Leser, vor dem

Odysseus auf der ersten Ebene und gleichzeitig außerhalb von ihr spricht. Es ist ein

Spiel des Textes, mit und über sich selbst. Die einzige Spielregel besteht darin, mit

Exempla der antiken Literatur und Geschichtsschreibung jeden Leser anzusprechen und

den Sprecher selbst nicht zu bezeichnen. Das Spiel wird unter dieser Regel fortgesetzt:

79 Vgl. Eco, U.: Lector in fabula, München, 1990, S. 74f. bzw. Eco, U.: Einführung in die Semiotik,

München 1972, S.69f.

80 Vgl. Malandain, P.:la Boétie et la politique du texte, Renaissance, Humanisme, Reforme, N.12, 1980

pp.33-41. Hiervon sind stellenweise Betrachtungen einbezogen worden.

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