Struktur und Lesarten des Discours de la servitude volontaire

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Struktur und Lesarten des Discours de la servitude volontaire

unterwerfen. Damit hinterfragt der Discours auch generell jede Festlegung und

Sinnzuschreibung, die man ihm aufzwingt, indem man das sich Hin- und Her-

Bewegende bindet und festlegt. Denn wozu führen solche Festlegungen anders, als zu

unhinterfragtem Unterwerfen des Rezipienten unter eine ihm vorgegebene

Interpretation?

Das kanonische Nachschlagewerk zu den Hauptwerken der politischen Theorie

versteht den Discours als Entfaltung „sozial-ethisch-politischer Anthropologie, die

gesellschaftliche Gewaltmechanismen bloßstellt und die hierarchisch- autoritären

Gesellschaftsformen als unvereinbar mit der Freiheit und Würde des Menschen

begreift.“ 5 Diese Feststellung hilft einem Fragenden mit der Einordnung in die politik-

theoretischen Denktraditionen und bestimmt den Text als aufklärerisches Manifest der

Freiheit. Gegen diese Bezeichnungen ist kaum etwas einzuwenden, sie treffen die

wesentlichen Punkte des gegenwärtigen Verständnisses dieses Werkes. Bei einer

näheren Betrachtung des Discours zeigt sich allerdings, dass eine solche Einordnung

nicht ausreichend das Offene und sich Bewegende des Textes zu charakterisieren

vermag und mit der Festlegung ihrer Sinngebung seine Geschichtlichkeit sogar verfehlt.

Sie beachtet beispielsweise keineswegs die in der Zeit der Abfassung des Textes

gegenwärtige Lebenswelt, die Praxis derartige Texte zu verfassen oder die aktuellen

Denkformen und Deutungsmuster. Sie fragt nicht nach der Art der Weltauffassung, des

spezifischen Standpunkts des Textes und erfasst somit auch nicht die Konstellation all

dieser Bereiche, aus denen heraus ein solcher Discours erst verfasst werden konnte.

Freilich kann man diesen Maßstab auch nicht an die vorliegende Arbeit anlegen. Er soll

dennoch als Horizont dafür dienen, dass die Einordnung eines Textes nicht allzu

voreilig gefällt werden darf, da man sonst seiner ihm gegenwärtigen Vielfalt Abbruch

tut und jede immer nur fragmentarische und auf die Art ihrer Wahrnehmung festgelegte

Erfassung eines Werkes weitere Reduzierungen erfährt. 6

Daher ist es nicht das Ziel der vorliegenden Darstellung, alternative Lesarten

vorzuschlagen oder den Text auf einen ihn in einem hermeneutisch zugrundeliegenden

Sinn zu konzentrieren, sondern es soll der Versuch unternommen werden, sich der

spezifischen Art der Vermittlung einer Thematik zu nähern, in deren Zentrum der

Begriff der freiwilligen Knechtschaft steht. Voraussetzend für diese Herangehensweise

5 Vgl. Hauptwerke der politischen Theorie, hrsg. v. Stammen, Theo/Riescher, Gisela/Hofmann,

Wilhelm, Stuttgart: 1997, S.268-270.

6 Als Hinweis auf die prinzipielle Schwierigkeit der Einordnung des Discours gilt beispielsweise der

Ansatz von Hoffman: Etienne de La Boétie. Discours de la Servitude volontaire. Abhandlung über

freiwillige Knechtschaft Würzburg, 2005.

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