Rede Jürg Stüssi-Lauterburg - Schweizerisches Rotes Kreuz

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Rede Jürg Stüssi-Lauterburg - Schweizerisches Rotes Kreuz

Bern, 7. Mai 2009

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Helvetias Töchter

Rede aus Anlass des Rotkreuztages am 7. Mai 2009, Bibliothek

am Guisanplatz, Bern

von Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg

Helvetias Töchter sind unser Thema und Helvetias Töchtern wollen wir uns auch

gleich zuwenden, aber doch nicht ohne des Geburtstags eines Pioniers zu gedenken,

Henry Dunants, welcher morgen 8. Mai vor 181 Jahren, am 8. Mai 1828 also in

Genf geboren wurde.

Machen wir uns nichts vor, Dunant war ein Spekulant oder, wenn Sie das französische

Wort lieber haben, ein Affairiste. Er reiste Kaiser Napoléon III nach, weil er

Protektion wollte, eine Unterschrift auf einem Dokument, dessen Summe und

Resultat in einem einzigen Wort sein sollte: Geld!

Das ist nichts Verderbliches, nichts Falsches, nichts Verbotenes, aber auch nichts

speziell Interessantes. Doch dann geschah es: Dunant fand sich auf einem Schlachtfeld

wieder, auf dem die Greuel des Krieges nur allzu deutlich wurden. Er beteiligte

sich an der Hilfe für die Verletzten, das war auch nicht seine Idee, da gaben die

Frauen von Castiglione delle Stiviere den Ton an. Was aber sein Beitrag war, war die

Universalität der Hilfe unter dem Stichwort "TUTTI FRATELLI", war das Aufrütteln der

Öffentlichkeit mit seinem "Souvenir de Solferino", war die Vision des Roten Kreuzes,

dessen praktische Umsetzung in erster Linie ein Verdienst des bestens vernetzten

und organisatorisch einmaligen Generals Guillaume-Henri Dufour war, sodann auch

dasjenige von Dunants und Dufours Kollegen Gustave Moynier, Louis Appia und

Théodore Maunoir.

Das ist und bleibt ein unvergängliches Verdienst der Genfer Pioniere, es wäre aber

ungerecht, die Vorläuferinnen und Vorläufer in der Schweiz und in der Welt zu vergessen.

Zwei Beispiele: In Bern existierte 1798 eine von Frauen gegründete und

getragene Lazarettgesellschaft. Im Krimkrieg inspirierte und leitete die Lady with the

Lamp, Florence Nightingale, im Militärspital von Scutari, dem heutigen Üsküdar, die

Pflege der verwundeten und kranken Soldaten und erreichte dadurch und durch ihre

guten gesellschaftlichen Verbindungen, dass die Mortalität stark sank, dank besserer

Verpflegung und besserer Hygiene. Henry Wadsworth Longfellow dichtete darüber:

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"Lo! in that hour of misery

A lady with a lamp I see

Pass through the glimmering gloom,

And flit from room to room."

Das hier zu erwähnen dient nicht dazu, die Verdienste Dunants zu schmälern, es ist

ein Gebot der Wahrheit und der Gerechtigkeit.

Doch nun von Albions Tochter zu Helvetias Töchtern! Sie haben eine lange und

grossartige Geschichte. Zu denken ist hier nicht primär an die bewaffneten Frauen an

der Fassade des Bundeshauses, die Freiheit unter der Jahrzahl 1291 und der Friede

unter der Jahrzahl 1848. Zu denken ist auch weniger an Albert Walchs, denn das ist

der Name des Künstlers, ikonenhaftes Münzbild der mit Speer und Schild bewehrten

Helvetia, der Tochter der Roma und Enkelin der Athena.

In unserer eidgenössischen Überlieferung steht nicht die kämpfende Frau im Mittelpunkt,

im Gegenteil: Tell schiesst, die Stauffacherin rät. So sind die Plastiken der

Brüder Chiattone im Nationalratssaal zu interpretieren. Giuseppe Chiattones

Stauffacherin hat den Gedanken ausgesprochen, der zur Eidgenossenschaft führt,

Antonio Chiattones Tell hat den Schuss getan, der die politische Emanzipation der

Täler der Urschweiz besiegelt.

Das ist die Version Schillers, die wir in der Schweiz nun seit zweihundert Jahren

adoptiert haben. Die spätmittelalterliche Eidgenossenschaft selber betrachtete es als

richtig, wenn Männer für die Ehre von Frauen und Töchtern zur Waffe griffen. Hören

wir nur ganz genau hin, was der erste deutsch geschriebene Bundesbrief, der keinen

Monat nach der Morgartenschlacht vom 9. Dezember 1315 in Brunnen besiegelt

worden ist, und zu sagen hat:

"Ez sol aber ein jeglich mensche, ez si wib oder man, sinem rechten herren, oder

siner rechten herschaft gelimphlicher vnd cimelicher dienste gehorsam sin, …"

Das ist der klare, urkundliche Beleg dafür, dass man 1315 unter anderem die

unziemlichen und unglimpflichen Dienste hat abstellen wollen, welche nach der

Befreiungsüberlieferung die Landvögte von Frauen und Töchtern verlangt hatten.

Umgekehrt hatten auch die eigenen Krieger Frauen, die nicht an den Kämpfen

teilnahmen, zu schonen. Die Berner Kriegsordnung von 1410 ist klar und deutlich:

"Weler … dehein frouwen freffenlich angriff oder schlug, der sol umb die hand komen

sin…"

Das war der Ton, das war das Bestimmende in der Alten Eidgenossenschaft. Die

Ausnahme aber, die Frau, die zu den Waffen griff, hat es ebenfalls immer gegeben.

Ferdinand de Rovéréa hat die Heldinnen von 1798 gesehen, mit denen zusammen

er die Heimat gegen den Landesfeind verteigte:

"Entre autres des femmes, partout des femmes heroînes …, partout des femmes

victimes de leur courageux dévouement …! Quel peintre rendra avec assez de force

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à la postérité, tout ce que la génération présente doit transmettre aux générations

futures pour consacrer l'audace et la fermeté qu'elles firent briller au travers de notre

molle et indigne foiblesse!"

Das hat auch Aussenwirkung gezeitigt. In Middletown, Connecticut, erschien 1807

ein Buch über das Europa Bonapartes und darin folgende Passage:

"Of the party was an amiable young lady about twenty-four, who at the battle of

Frauenbrun … was wounded in seven places, in fighting against the French. She was

our guide and showed us the spot…"

Heute steht dort auf dem Tafelefeld ein Denkmal, ein anderes, Denkmal hat Jeremias

Gotthelf in seiner "Elsi, die seltsame Magd" hinterlassen, ein ebenso kurzes wie

gutes und essentielles Stück Schweizer Literatur.

Die Waffentaten von Frauen leben auch in der Tradition weiter. Ich habe selber noch

Leute gekannt, die mir erzählt haben, wie in Scuol im Engadin oder an der Lenk im

Berner Oberland die Frauen, in Anerkennung ihrer militärischen Leistungen, im

Kirchenschiff rechts sitzen durften. Für das Wett- und Wyberschiessen der Stadtschützengesellschaft

Burgdorf und der Schützengesellschaften von Sumiswald und

Langnau ist im Reglement vom 7. Mai 1865 klar niedergelegt:

"… jeder Teilnehmer ist streng verpflichtet, den Fall der Unmöglichkeit

ausgenommen, am Feste in weiblicher Begleitung zu erscheinen."

Das hat nicht unbedingt bedeutet, dass die Frauen auch geschossen hätten, aber

immerhin waren und sind sie an den Wettschiessen und im Entlebuch, das dieselbe

Tradition kennt, schiessen sie ja seit 1880 auch wirklich selber.

Nun hat die wehrhafte Frau nicht so recht zum Frauenideal der Belle Epoque

gepasst, wenn auch die Schweizer Realität schon eine etwas andere war, als Stefan

Zweig sie in Die Welt von Gestern für Österreich beschreibt.

Aktiv aber wurden die Frauen in der Eidgenossenschaft im höchsten Mass im

Zeichen des Roten Kreuzes.

Der 1866 gegründete Hülfsverein für schweizerische Wehrmänner und deren

Familien kam im Zeichen der Internierung der über die Grenze tretenden

Angehörigen der französischen Armee de l'est im Jahre 1871 im grossen Stil zum

Einsatz. Der verantwortliche Kommissär, Sanitätsmajor Heinrich Schnyder, hatte eine

klare Vorstellung vom Wert des Einsatzes von Frauen:

"Es ist … zu berücksichtigen, dass die Pflege durch Frauenhand die beste ist."

Nun, der eingeschlafene Hülfsverein wurde 1882 durch Pfarrer Walther Kempin zu

neuem Leben erweckt. Kempin, der eigentliche Gründer des SRK, schrieb damals in

seinem Blatt Philantrop:

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"Man braucht im Krieg Wärter und Pflegerinnen, aber sie werden nur etwas taugen,

wenn sie im Frieden eingeübt und vorbereitet worden sind auf ihr schweres Amt und

indem dies geschieht, dienen sie heute schon den Armen im Volke, den Siechen und

Elenden aller Orts."

Praktisch wurde die Ausbildung während der ersten beiden Jahrzehnte vollständig

durch die Samaritervereine und durch das SRK selber getragen, ohne jede Unterstützung

durch die öffentliche Hand. Typisch ist das Lob, das 1887 Berner Samariterinnen

in den Spalten der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift erhielten:

"Hier sah man die vornehmen Fräulein und Damen, welche über das in vier

vorgängigen Kursen Gelernte ihr Examen ablegten und eine solche Hingabe, Fleiss

und Geschicklichkeit bekundeten, als hätte man das Bild der nacktesten Wirklichkeit

eines Kriegsfalles vor sich."

Das SRK verlangte seinerseits ab 1895, dass alle Teilnehmer seiner Krankenwärterkurse

sich im Hinblick auf den Kriegsfall schriftlich zum Dienst verpflichten mussten.

Damit war, allerdings erst einseitig, die freiwillige Dienstpflicht begründet. Dieses

Angebot musste nun, um dauerhaft zum Tragen zu kommen, von den Behörden

formell angenommen werden. Der Bundesrat wollte das Angebot annehmen, aber er

wollte - entgegen dem Antrag des Militärdepartements übrigens - nichts dafür

bezahlen. Aber da hatte er die Rechnung ohne die Wirtin gemacht!

Die Damen des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins richteten kurzerhand

eine Petition an die Bundesversammlung. In der Petition vom Januar 1902,

welche eine materielle Unterstützung bezweckte, wiesen sie auf den militärischen

Nutzen einer gründlichen Ausbildung des Pflegepersonals hin:

"Die Schweiz. Pflegerinnenschule mit Frauenspital ist eine Schöpfung des Schweiz.

Gemeinnützigen Frauenvereins, hervorgegangen aus der Einsicht, es sei eine

bessere Ausbildung von freiem Pflegepersonal für unser Vaterland ein Gebot

absoluter Notwendigkeit sowohl in volkswirtschaftlicher Beziehung im Allgemeinen

und hauptsächlich in Epidemiefällen, als auch in militärischer Beziehung im

Kriegsfalle."

Der Bundesrat wand sich und spielte auf Zeit, hatte sich nun aber mit Kräften eingelassen,

die ihm über waren.

Als sechs Monate nichts Entscheidendes geschehen war, reichte der Schweizerische

Gemeinnützige Frauenverein im Juli 1902 eine erneute Eingabe ein und forderte den

Bundesrat auf, das Gesuch "baldmöglichst zur Behandlung" zu bringen. Zu den in

dieser erneuten Eingabe genannten Mitgliedern der Krankenpflegekommission des

SGF gehörten Damen wie die erste Schweizer Ärztin Marie Heim-Vögtlin und "Frau

Bundesrat Ruchet, Bern". Diese Damen verstanden, lange vor dem Frauenstimmrecht,

die politische Klaviatur der Heimat ausgezeichnet. Wie zufällig tauchte ungefähr

gleichzeitig mit ihrem Mahnschreiben ein nationalrätliches Postulat mit dem

Anliegen auf:

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"Der Bundesrat wird eingeladen, Bericht und Antrag einzubringen über die engere

Verbindung der freiwilligen Sanitätshilfe mit dem Militärsanitätswesen für den

Kriegsfall."

Von hier war der Weg zum Gesetz vorgezeichnet, welches 1903 von beiden Räten

einstimmig angenommen wurde - offenbar wollte es kein Mann an sich haben, gegen

dieses von Frauen vorgebrachte Anliegen gestimmt zu haben! Dadurch wurde der

Rotkreuzdienst in aller Form gegründet, die Frau hatte in der Schweizer Armee

erstmals einen ganz offiziellen, anerkannten Platz!

Dieser offizielle Platz war von 1903 bis 1939 auf den Rotkreuzdienst beschränkt und

auch danach spielte der RKD noch immer eine wesentliche Rolle. Man möge sich

aber keinen falschen Vorstellungen hingeben: Die Wirklichkeit war komplizierter und

das Schiessen verbreiteter als eine am Frauenideal der Belle Epoque geschulte Zeit

es wahrhaben wollte.

Beleg gefällig? Else Fischer war Soldatenmutter im Fort Gondo, Betreuerin der

Soldatenstube. Gondo, 6. Juni 1916, das Wort hat Else Fischer:

"Am 6. Juni stand Gewehrschiessen auf dem Tagesbefehl. Da wollte ich auch mitmachen.

Kommandant und Soldaten freuten sich, dass ich an ihrer Arbeit Anteil

nahm, und der Offizier war gerne bereit, mir Anleitung im Schiessen zu geben. Er

instruierte mich genau wie einen Rekruten. Mir selbst war ernstlich daran gelegen,

mir die gleiche Mühe zu geben, wie sie von den Soldaten gefordert wurde. Das

Resultat war denn auch gar nicht so schlecht."

Das war ein Frauentyp, dem die Emanzipation in der Praxis und durch die Tat

gelang. Else Fischer schildert wunderbar ihre Begegnung mit dem Kommandanten

der Festung:

"Ich kann mich in jede Lage fügen. Im übrigen ist es mir am liebsten, wenn Sie alles

natürlich und selbstverständlich auffassen und keinen Anstoss daran nehmen wollen,

dass ich nun einmal ein Mädchen bin. So kommen wir wohl am besten miteinander

vorwärts."

Das und Hunderte von Frauen des Else Fischer-Typs stehen hinter den anerkennenden

Worten von Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg, der am Ende des

Aktivdienstes über die Soldatenmütter und ihren Verband, den heutigen SV Service,

sagte:

"Armee und Volk sind dem Verband Soldatenwohl, seiner Leitung und den

Fürsorgerinnen für ihre hingebende, treue Arbeit zu grossem Dank verpflichtet."

Machen wir uns nichts vor, diese Frauen dienten unter Einsatz ihres Lebens, vor

allem im Grippejahr 1918, einem Jahr, das unsere von Pandemieängsten geplagte

Gegenwart vielleicht präsenter haben sollte. Ich zitiere aus dem amtlichen

Schlussbericht des Roten Kreuzes einige Sätze über den Einsatz der Schwestern.

Hintergrund ist eine wirkliche Pandemie, nicht ein Medienrummel:

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"Die Grippe hat … eine ganz ausnahmsweise Lage geschaffen. Eine Schwierigkeit

eigener Art erwuchs uns aus dem Umstand, dass die in Militärspitäler aufgebotenen

Schwestern sehr bald selber erkrankten; gewöhnlich geschah dies etwa am dritten

Tag, dann mussten sie sofort ersetzt werden und hatten selber Pflege nötig. Dabei

hat es sich gezeigt, welche gewaltige Rolle die Übermüdung bei dieser Epidemie

gespielt hat. Viele Schwestern hatten wochenlang Grippekranke gepflegt, ohne

angesteckt zu werden, ihre natürlichen Widerstandskräfte reichten eben aus. Aber

wenn nach so viel Wochen schlafloser Nächte die Übermüdeten in die

Massenspitäler" - sprich Turnhallen und dergleichen - "berufen wurden und ihnen

jegliche Gelegenheit, sich auch nur momentan zu erholen, benommen war, dann

wurden die Tapferen um so stärker gepackt; ihre Widerstandskraft war mit einemmal

gebrochen und nicht wenige sind der Lungenentzündung erlegen."

Was hiess das? 692 Schwestern des RKD kamen in den Einsatz, 692. Jetzt zitiere

ich erneut:

"Laut allen eingegangenen Berichten haben sich diese Schwestern ihrer schweren

und gefährlichen Aufgabe nicht nur mit Geschick unterzogen, sondern dabei helle

Begeisterung und grosse Aufopferung an den Tag gelegt. Leider hat diese

Aufopferung eine ganze Reihe meist jüngerer Schwestern zum Tode geführt. Nicht

weniger als 69 sind erlegen. Ehre ihrem Andenken!"

Das war die Pandemietaufe des RKD, der natürlich auch seither über einen weiteren

Weltkrieg und einen Kalten Krieg und die Aufhebung des Obligatoriums hinweg dem

Land und der Armee und man ist versucht zu sagen, ein Blick auf den Wassertankwagen

im Balkan mag es belegen, auch anderen Völkern ein Segen gewesen ist.

Was soll's? Nun, so lange es Menschen geben wird, werden wir Kriege haben, so

lange wir Kriege haben auf dem Globus braucht auch unsere Heimat eine den

jeweiligen Umständen angepasste Armee. Und dass die Armee ja nicht nur in

Kriegszeiten nützlich ist, dafür haben wir die Belege in grosser Zahl vor uns, vom

Konferenzschutz - denken wir an den Basler Zionistenkongress oder ans WEF in

Davos - bis zur Reaktion auf eine Pandemie, die wir nicht herbeiwünschen aber von

der wir wissen, dass sie uns früher oder später wieder heimsuchen wird. Die

Geschichte des RKD ist denn auch mit dem würdigen Jubiläum im Jahre 2003 nicht

zu Ende gegangen, die Geschichte des Rot-Kreuz-Gedankens erst recht nicht.

Letztlich ist dieser Gedanke ja eine Variation unseres Landesmottos, das tröstlich

von der Bundeshauskuppel heruntergrüsst:

UNUS PRO OMNIBUS OMNES PRO UNO

Einer für alle, alle für einen, eine für alle, alle für eine!

Vielen Dank!

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