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Bei Gott!

Für das jährliche Hammelfest, höchstes Fest im Islam, werden allein

in Marokko zu Ehren Allahs bis zu sechs Millionen Schafe geschlachtet.

Aus Freude und Dankbarkeit feiern die Familien vier Tage ausgelassen

und mit viel gutem Essen. Unsere Autorin war in Marrakesch dabei

text: nataly Bleuel fotos: alexandre dupeyron

Musterstück Ein Schafskopf auf den

Terrassenkacheln von Habib Touili in

Marrakesch. Das Opferfest findet

dieses Jahr vom 25.–28. Oktober statt

hammelfest


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Umschlagplatz

Hammelmarkt auf

dem riesigen Souk

Larbaa in Marrakesch.

Hier wird

ein Sardi-Schaf

von einem Transporter

gehievt

Schlachtgewicht

Ein Berber aus

dem Umland von

Marrakesch lässt

einen Hammel auf

dem Markt wiegen.

Ein stattliches

Tier kostet bis zu

einen Monatslohn

a

ls Erstes kommt

immer der Griff

an den Schwanz.

Habib hat heute

bestimmt dreißigmal

dran

gefasst. Mit

Daumen und Zeigefinger nimmt er ihn,

kneift, rüttelt und lässt ihn wieder fallen.

Meistens guckt er dann abschätzig.

Wenn man die Männer fragt, warum sie

dauernd an den Schwanz fassen, sagen

die einen: weil man so spüre, ob da ein

oder zwei Eier dran sind. Manche hätten

nur eines, und das wäre Beschiss. Einige

zucken mit den Schultern, als wäre es

ein Geheimtrick, und wirken dabei so,

als hätten sie sich den Schwanzgriff bei

ihren Vorvätern abgeschaut; weil man

das eben so macht. Aber Habib weiß es

besser. Er tut nicht einfach nur wie ein

Fachmann. Er hebt den Oberarm, drückt

auf seinen Bizeps und krümpfelt das

Oberlippenbärtchen: „An den Muskeln

merkt man doch sofort, ob auch am

Rest was dran ist.“ Denn ein Hammel,

an dem nichts dran ist – kaum Hinterschwanz,

wenig Fleisch, keine Hörner –,

der gereicht nun wirklich nicht zur Ehre.

Nicht zu der des Käufers. Nicht zum

Stolz der Familie. Nicht zur Ehre Allahs.

Und nicht zur Freude der Kinder. „Die

weinen zu Hause, wenn der Nachbar

einen größeren hat“, sagt Habib. Und

schaut sehr abschätzig.

Habib Touili ist auf dem Hammelmarkt

von Marrakesch. In endlosen

Reihen stehen Männer in bodenlangen

sand- und ockerfarbenen Mänteln zu

beiden Seiten der Straße. Die spitzen

Kapuzen ihrer Dschellabas haben sie

sich über die Köpfe gezogen, es regnet.

Sie halten ihre Schafe an den gebogenen

Hörnern, die recken ihre Hinterteile

den Käufern hin. Und die prüfen, einer

nach dem anderen, die Qualität der Ware

– in einem geradezu rituellen Dreisatz

von Griffen: an den Schwanz, die

Lenden und schließlich wird das Tier

gelupft, um sein Gewicht zu erspüren.

Der Hammelmarkt auf dem Souk

Larbaa ist etwa so groß wie die Shoppingmeile

einer deutschen Kleinstadt,

und er ist nur einer von vielen, die gerade

in Marrakesch stattfinden. Er liegt

in einem Gewerbegebiet am Rande der

Neustadt mit ihren modernen Gebäuden,

aber im gleichen Rot wie die Gassen

der Medina, der Altstadt. Es ist das

Rot der Erde, die sich hinter den Toren

der Altstadt, am Horizont in den Atlas

aufwirft. Seine 4000 Meter hohen Gipfel

sind mit Schnee bedeckt. Es ist Anfang

November, in drei Tagen ist Aïd al-Adha.

Hammelfest, Opferfest – das große Fest.

Der höchste Feiertag im Islam wird zelebriert

wie Weihnachten im Abendland.

Ähnlich feierlich, ähnlich familiär – und

ebenso mit Opfermythos und Tradition

aufgeladen.

Der Regen hat Lehm und Kot auf

dem Boden aufgeweicht, die Männer

latschen mit ihren spitzen Lederpantoffeln

hindurch. Aus der weißen Wolle

der beliebten Sardi-Schafe dampft es. >

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Einparkmanöver

Habib (r.) und sein

Sohn Ismail schieben

und ziehen

einen gerade gekauften

Hammel

über die Schwelle

ihres Hauses

Laster voller Tiere schieben sich durchs

Gedränge. Männer stemmen Hammel

über die Schultern und rennen zu ihren

Mopeds, um den Zentner Schaf daraufzuwuchten

– und zwischen Lenker und

Sitz geklemmt nach Hause zu knattern.

Jugendliche schieben die Schafe wie

Schubkarren vom Markt und verdienen

sich so fünf Dirham, umgerechnet

50 Cent, pro Tag etwa zehn Euro. Im Eilschritt

und unter Gebrüll geht es zum

Auto des Käufers. Oder des Transporteurs,

wie Habib dieser Tage einer ist.

Für 30 Dirham, knapp drei Euro, kutschiert

er die Schafe in seinem Kleintransporter

zu den Familien nach Hause.

Eigentlich verkauft Habib auf dem

Hauptplatz der Medina, der Djemaa el

Fna, Tajine (Schmorgerichte aus dem

Lehmtopf) und Couscous an Touristen,

für Einheimische auch zu einem Sonderpreis.

„Aber die“, sagt er, „können

sich die 120 Dirham für die Tajine kaum

noch leisten.“ Die Stadt ist teuer geworden,

seit der Jetset sie wiederentdeckt

hat. Und die normalen Touristen wurden

rarer. Aus Angst vor Anschlägen,

vor Revolutionen, vor allem aber vor ihren

eigenen Vorurteilen. Habib schließt

seinen Laden aber auch, weil jetzt für

das Hammelfest ein Markt entsteht, mit

dem viele etwas dazuverdienen.

Die Stadt ist voll von Schafen. Schafe

fahren Auto, Schafe fahren Moped.

Schafe blöken von Balkonen. Und aus

Tiefgaragen, die leer geräumt und vermietet

werden. Überall werden Häufchen

von Gras und Heu verkauft, Futter

für die Schafe; und Häufchen von

Salz, Cumin und Grillkohle; und bunte

Kordeln, um die Schafe an den Füßen

zusammenzubinden. Sogar die Supermärkte

verkaufen lebendige Schafe und

haben Kohlebecken und Gasgrills im

Angebot, Hammelfest-Kredite und Gutscheine

für die Armen, Plastikplanen

und Kühltruhen. Denn das Schaf muss

ja irgendwohin, auch wenn es nicht

mehr lebt. Vor dem Supermarché Marjane

klammern sich kleine Kinder an

die Hörner der Schafe, weil sie – jetzt

sofort! – eines mit nach Hause nehmen

wollen. Und Väter rollen die Augen über

den Preis für einen stattlichen Hammel:

einen Monatslohn, mindestens 2500 und

bis zu 8000 Dirham, kann einer kosten.

Je näher der Feiertag kommt, desto

mehr Messerschleifer tauchen an den

noch drei taGe,

dann kehle durch!

Straßenkanten auf. An roten runden

Steinen, die sie mit Radpedalen drehen,

wetzen sie lange Messer. Fünf bis sechs

Millionen Schafe werden am Morgen

des Opferfestes allein in Marokko geschlachtet

– in den Häusern, Höfen und

auf den Dachterrassen der Familien.

Es liegt ein wildes, freudiges Glimmen

in den Augen der Menschen, und man

kann es zum Flackern bringen, wenn

man ihnen „Aïd Mubarak“, ein frohes

Fest, wünscht. Noch drei Tage, dann …

Jeder, den man jetzt trifft, macht diese

Geste und zieht mit der flachen Hand

über die Gurgel: „Kehle durch!“

Sogar die kleinen Kinder in Habibs

Haus beherrschen den typischen Gurgelgriff,

die vierjährige Hiba streicht

über ihre Kehle, deutet auf eines der

sechs Schafe in der Ecke des Hofes und

lacht. Viele Kinder stehen um die Tiere

herum und zeigen stolz, wem welches

gehört. Hiba hat sich Khalid auf die

Hüfte gestemmt. Der ist ein Jahr alt und

wird später, beim Schlachten, als Erster

ein Blutmal abbekommen: in Form

eines roten Bindi, auf die Babystirn

gedrückt. Wenn man die Kinder fragt,

ob die Schafe Namen haben und ob sie

traurig sein werden, wenn die in zwei

Tagen – Kehle durch!? –, dann gucken

sie, als hätten sie nicht verstanden

und lachen wieder. Namen? Für Tiere?

Tränen? Es scheint, als könnten so nur

Fremde fragen. Und zwar Fremde, die

aus einer Welt kommen, in der man

Hunde Schnucki nennt, Schafe nicht auf

Balkone stellt und Fleisch in der Hoffnung

isst, es sei zuvor kein Tier gewesen,

also in Form von Hackepeter und

Gesichtswurst.

Scharfmacher

Kurz vor dem Hammelfest

sind sie

überall: Messerschleifer,

die an

roten runden

Steinen (mit Pedalantrieb)

lange

Klingen wetzen

Mit vieren seiner fünf Geschwister

lebt Habib in diesem Haus am Rand

der Neustadt; macht zehn Erwachsene,

plus die Oma, mit 14 Kindern. Jede der

fünf Familien hat, über vier Stockwerke

verteilt, eine winzige Küche und ein

ein opfer als

lieBesBeweis

Familienzimmer. Zum Schlafen, Essen

und Fernsehen. Dazu Bad, Terrasse, Hof

und einen prächtigen Empfangsraum.

Da lässt Habib jetzt Minztee bringen, >

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Im Angesicht des Todes Beim Hammelopfer

ist die Familie dabei, und Kinder

sind den Anblick von klein auf gewöhnt.

Gleich zieht der Schlachter dem

Tier das Messer durch die Gurgel

158

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Da geht die Pumpe Der Kopf des

Hammels ist abgetrennt. Jetzt

pumpt Metzger Abdelfadel (r.)

Luft zwischen Fell und Haut des

Tieres, damit sich beides leichter

voneinander lösen lässt

stark gezuckert, und mit kleinen Pfannkuchen,

die man in Honig tunkt. Seine

Frau Amina lässt alles durch eines ihrer

Kinder aus der Küche liefern. Sie selbst

betritt den Empfangsraum nicht. Die

Touilis haben drei Töchter: Assia, 21,

Soukayna, 17, Hassna, 12, und einen

Sohn, Ismail, 18.

Nach dem Tee springt Habib selbst

auf, um einen abgegriffenen Lederband

zu holen. Er küsst den Koran zärtlich

und liest die Sure 37,99-113 vor. Um den

Fremden aus dem Abendland zu erklären,

was von Indonesien über Zentral-

asien bis Marrakesch jedes Kind und

jeder Passant im Supermarché weiß:

weshalb jeder gläubige Muslim am Höhepunkt

der Hadsch, im zehnten islamischen

Monat, ein Schaf zu opfern hat,

wenn er es sich denn leisten kann. Warum

das vier Tage lang zu feiern ist. Und

zu teilen: mit der Familie, den Kindern,

den Freunden und den Armen. Weil

nämlich Ibrahim seinen einzigen Sohn,

Ismail, opfern sollte. Für Allah. Der

wollte das so, als Liebesbeweis. Und als

er sah, dass Ibrahim dazu bereit war,

erließ er ihm das Opfer – und Vater und

Sohn opferten aus Dank einen Widder.

So kommt es, dass fast anderthalb Milliarden

Muslime das Opferfest feiern.

Am Morgen des Schlachtfestes ist

vom Himmel über Marrakesch der Vorhang

gezogen, kein Fetzen Wolke hängt

darin, und die Sonne lässt die seidenen

Dschellabas, Kopftücher und Gebetskappen

schimmern wie Perlmutt am

Strand. Auf der Brache zwischen Habibs

Viertel und einer Militärkaserne haben

die Männer vorn und die Frauen weiter

hinten ihre Teppiche ausgelegt und sich

darauf gebeugt. Der Muezzin ruft zum

Kauwerkzeug

Schlachter Abdelfadel

zieht einem

Hammel mit

beiden Händen

das Fell ab. Sein

Messer hat er

dabei fest im Griff

zweiten Mal, es ist kurz vor acht. Auch

Habib und seine Jüngste schlendern

zum Gebet, mit dem Teppich unterm

Arm. Habib ganz in Weiß und Hassna in

einem neuen Kleid, das die Mutter bis

in die Nacht genäht hat. Zwischen den

Betenden und Mekka stehen: ein Imam,

ein Fußballtor und der Atlas, als versuchte

er, sich in seiner majestätischen

Größe zwischen Allah und die Gläubigen

zu drängen.

Der Henker ist schon im Haus. Eigentlich

ist es ein Schlachter, wie es sie

an jeder Ecke gibt. Aber irgendwie bringen

einen die vielen Schafe, der Gedanke

an ein massenhaftes Blutbad, weibliche

Warnungen wie die, man solle ein

paar Gummistiefel erstehen, und vermutlich

auch die spitzen Kapuzen der

Männer auf finstere Gedanken. Dabei

ist es ganz ruhig. Es ist ein Feiertag, auf

den Straßen nichts los. Nur die roten

Nationalflaggen flattern, als eskortiere

sogleich der König vorbei. Und auch der

schlachtet heute, sein hoheitlicher Mes-

serzug wird live im Fernsehen übertragen.

Aber es gibt kein ahnungsvolles

Geblöke, still liegt die Stadt.

Abdelfadel ist Berber vom Land, und

Habib hat ihn bestellt, um die sechs

der kopf ist für

die junGen

Schafe in seiner Familie und noch ein

paar mehr bei den Nachbarn zu richten.

Denn ein Messer durch die Gurgel ziehen,

das kann jeder. Sagen zumindest

alle, die man darauf anspricht. Aber das

war’s dann noch nicht. Man kann den

Hammel ja nicht einfach auf dem Hinterhof

liegen und verbluten lassen. Beziehungsweise

schon. Aber der Reihe

nach. Noch sitzt Abdelfadel mit Habib

beim Tee, neben sich einen Jutesack, aus

dem eine Fahrradpumpe und ein Messerschaft

ragen, und macht Herrenwitze

wie den, dass er auch seiner Frau an

die Gurgel gehen sollte. 100 Dirham,

zehn Euro, bekommt er dafür, dass er

die Schafe halal schächtet und … Dann

liegt das erste Schaf auf den Fliesen des

Hofs und zuckt mit dem Kopf. Abdelfadel

hat mit einem akkuraten Zug den

Hals durchtrennt. Tiere halal zu schächten,

heißt: sie nicht zu betäuben – aber

in einem Streich die Luft-, die Speiseröhre

und die großen Blutgefäße zu

kappen. Und das Tier dann ausbluten zu

lassen. Denn Islam und Judentum verbieten

den Verzehr von Blut. Der Ham-

hammelfleisch

Gilt als rein

mel zuckt ein, zwei, vielleicht 15 Sekunden.

Stille. Die Kinder stehen daneben

und schauen zu. Aus den Fenstern der

oberen Stockwerke lachen Amina und

die anderen Frauen herunter. Die übrigen

Schafe drücken sich in die Ecke

des Hofes.

Abdelfadel schneidet den Schafskopf

ab. Ismail legt ihn zur Seite, der

Kopf ist für die Jungen. Dann nimmt >

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Hauptsache BBQ

Die jungen Männer

grillen Köpfe, Hufe

und Hörner der

Hammel auf einem

Bettenrost, hier

vor dem Tor einer

Kaserne

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Abdelfadel die Fahrradpumpe. Nicht

jeder hat so ein schickes Ding. Habibs

Schwager muss sich oben auf der Dachterrasse

ohne Pumpe abplagen und Luft

zwischen Fell und Haut des Tieres pusten,

damit sie sich besser voneinander

trennen lassen. Ismail hält das Bein

fest, Abdelfadel steckt die Pumpe hinein,

und nach einer Weile sieht das

kopflose Tier aus, als könnte es nun

über die Berge fliegen. Auf Werbeplakaten

in der Stadt segeln seit Tagen solche

Schafsballons herum. Dann schlitzt

Abdelfadel das Bauchfell auf und zieht

einen Teil davon ab. Er bricht die Haxen

des Tieres und verkeilt es damit am

Fenstergitter. Es erfordert nicht nur

Übung und Geschick, es kostet Kraft.

Der hagere Mann muss in das Tier hineinsteigen,

um es zu häuten. Auch das

Fell nimmt sich Ismail. Schließlich

schlitzt Abdelfadel den Bauch auf und

die Eingeweide quellen heraus. Habib

trägt sie in einem Eimer zu den Frauen

in die Küche. Man könnte das Schaf

jetzt am Fenster zum Hof hängen lassen.

In den meisten Häusern auf dem

Land liegen noch einige Tage nach dem

Opferfest die geschlachteten Tiere herum,

als gehörten sie genauso dazu.

Und sie tun es auch. Das Tier ist Teil des

Hauses, ob lebend oder tot. Und Hammelfleisch

hält sich länger als Schwein,

auch deswegen gilt es als rein. Trotzdem

werden die Zeitungen nach dem Aïd

mangelnde Hygiene und Verletzungen

durch scharfe Messer beklagen. In

Habibs Hof schieben die Frauen mit

Fens terwischern das Blut in den Gully.

Und auf dem Lehmboden mancher

Dörfer trocknen die Blutlachen ein, und

das wirkt, als trüge die marokkanische

Erde Wundmale.

In Aminas Küche unterm Dach

scheint die Sonne, die Novemberstrahlen

tunken den Raum in dottergelbes

Licht. Aus einem Radio rumpelt alter

Jazz. Die Küche ist etwas größer als ein

deutsches Gästebad, und auf dem Boden

liegt der nackige kopflose Hammel.

Es ist jetzt elf Uhr vormittags, und bis

zum Abend um sieben werden Amina

und ihre Tochter Soukayna das Tier zerlegt

haben. Der Kühlschrank auf dem

Balkon wird voll sein mit Plastiktüten.

Und Amina fertig mit ihren Kräften. Alle

zwei, drei Stunden, wenn der Muezzin

ruft, wird sie, während sie Koteletts

schneidet oder Pansen wäscht, „Allahu

akbar“ mitmurmeln. Soukayna wird hin

und wieder im Spiegel ihr Make-up korrigieren.

Sie ist Friseurin und bemalt

das Gesamte tier

wird verwertet

zwischendrin Hände und Füße der anderen

mit Henna. Die Frauen sind unter

sich. Wie gut, dass der Mann morgen

weg ist. Habib wird mit seinem Bruder

den Onkel auf dem Land besuchen. Geschenke

– Mandarinen, Bananen, Schokolade

– verteilen. Ringeltauben jagen.

Und Tee trinken. Amina beugt sich über

das Tier, deutet auf die verschiedenen

Körperregionen und sagt: „Schulter!

Kotelett! Tajine! Couscous!“ Und dann

zieht sie die schon gewaschenen und

mit Knoblauch, Cumin und Safran gewürzten

Gedärme aus einer Schüssel

wie klitschnasse hautfarbene Feinstrumpfhosen

und ruft: „Delicieux!“

Die Därme werden einen Tag mariniert,

dann zwei Wochen lang über Wäscheleinen

abgehangen und gekocht. Das

gesamte Tier wird verwertet, von den

Hörnern bis zu den Hufen. Von den gegrillten

Innereien-Spießchen schwärmt

jeder. Je nachdem, woher er kommt,

nennt er sie: Brochette (Frankreich),

Boulfaf (Casa blanca) oder Znen (Mar-

rakesch). Dafür grillen Amina und Soukayna

über einem kleinen Kohlebecken

auf dem Balkon vor ihrem Familienzimmer

Herz und Leber kurz an und

stückeln sie in große Würfel. Rauchschwaden

vernebeln das Zimmer, es ist

das Aroma des Aïd. Dann kommt die

Köstlichkeit: das Fettnetz, das die Innereien

des Schafes im Bauchraum umhüllte.

Wie eine geklöppelte Gardine

hing es zum Trocknen über der Tür. Soukayna

schneidet die feinsten Teile in

Anstecknadel Herz und Leber vom

Schaf, gewürfelt, mit Fett umwickelt,

auf Spieße gesteckt und gegrillt.

Saftig, knusprig, göttlich!

Streifen heraus, sie haben die Konsistenz

von Kaugummi, und umwickelt

jeden angegrillten Herz- und Leberwürfel

mit dem Fett, spießt sie auf. Amina

beugt sich noch mal über den Grill. Es

schmeckt saftig, knusprig, süßlich und

wirklich: delicieux. Man hört nur noch

Hassnas Schmatzen.

Ismail kriegt vom Herz noch nichts

ab, denn er hat mit Kopf und Füßen zu

tun. Auf der Brache hinter der Siedlung

haben die Jungen in Gruben Feuer entzündet,

die Flammen lecken an den Bettenrosten,

die sie darübergelegt haben. >

163


Für 30 Dirham fackeln sie die Schafsköpfe

und die Füße ab. Einer hat sich die

Jeans tief unter den Hintern fallen lassen,

aus seinem Handy tönt Musik, und

mit Skihandschuh und Eisenstange

wendet er die Schafsköpfe, um sie von

allen Seiten anzukohlen. In den kommenden

Tagen werden junge Männer

wie er, vor allem auf dem Land und in

den Bergen, die Schafsfelle zusammennähen,

Hörner aufsetzen, Schwänze

anbinden – und fauchend durch die

Dörfer rennen. Ein Kreischen wird durch

die Gassen hallen. Buschlut nennen sie

das karnevaleske Treiben und freuen

sich an den Wölfen im Schafspelz. Jetzt

flackern überall auf den Straßen und

Plätzen die ersten Schafsköpfe auf

Riesenrosten. Es riecht durchdringend

nach Versengtem. Hin und wieder fliegen

in hohem Bogen verkohlte Hörner

durch die brennende Luft. Grün glühen

die Augen der Schafe im Licht.

Am Abend sitzen Habib, Amina und

die Kinder auf den Sitzkissen, die ihr

Zimmer umrunden. Eigentlich liegen

sie eher. Amina steht der Schweiß auf

der Stirn. Sie hat noch Kutteln mit in

Salz eingelegter Zitrone gekocht. Soukayna

textet auf ihrem Handy, Hassna

isst Kekse, Ismail sieht fern. Und Habib

ist ausgelassen. Es ist vollbracht. Morgen

wird ein schöner Tag. Er wird sein

Heimatdorf besuchen und mit seinen

Freunden jagen gehen. Dort werde er

dann, sagt er, „wirklich gut essen“.

Am nächsten Morgen in der Frühe

fährt Habib dann in sein Land hinein.

Maler und Dichter sind nach Marokko

gekommen, um es zu fassen, dieses

Licht und das Land. Doch wenn man

darin steht, beginnt man zu zweifeln,

ob sich dieses Gefühl vermitteln lässt,

in Bildern oder Worten: wenn die Sonne

aufgeht und der Himmel sich spannt

über der Erde, erst rot, dann safrangelb,

dann bleich wie Hammelhaut, und

hinter der Wüste die von Schnee gekrönten

Berge, die wirken, als könnten

sie einen Klang erzeugen. Habib hat das,

Mummenschanz

Männer verkleiden

sich mit Hammelfellen,

Masken und

Hörnern, laufen

brüllend durch die

Dörfer – das nennt

sich Buschlut

was nun kommt, zu erklären versucht.

Im Arabischen gebe es dafür ein Wort,

es bedeute: die Zeit, in der man mit

Freunden sitzt, redet und fröhlich ist.

Dieser Zustand, dieses Fest, hat mit

hammel mit salz

und cumin

dem Griff an den Schwanz begonnen.

Es folgen die Griffe von rechten Händen

in dampfende Hammelschultern, wie

Strauße picken sie Stücke heraus, dippen

sie in Salz und Cumin und führen

sie schmatzend zum Mund. Es gipfelt in

dem Geräusch, das Teegläser machen,

wenn sie von Marokkanern auf einen

Messingtisch geknallt werden, nachdem

sie gehandelt, geschlachtet, gejagt, gegessen

und – ohne einen Tropfen Alkohol

– miteinander getrunken, geredet und

gelacht haben. Es ist nicht möglich, dieses

Geräusch laut-zumalen. Und es ist

unmöglich, in diesem Augenblick nicht

von Glückseligkeit zu sprechen.

Fotos: alexandre dupeyron/agentur Focus, graFik: Fabienne contu/alle Für beeF!

Waschen, legen,

föhnen Ein Hammelfell

hängt zum Trocknen

über einer Mauer

HInkoMMEn

Von Deutschland fliegen Ryanair und Germanwings

ab ca. 80 Euro one way (ohne Steuern).

Flüge mit Royal Air Maroc oder Iberia sind,

je nach Reisezeit, ab ca. 400 Euro hin und

zurück zu haben (mit Zwischenlandung in

Paris, Madrid oder Casablanca).

UnTErkoMMEn

„La Mamounia“. Legendäres Palast hotel aus

dem 18. Jahrhundert im Herzen Marrakeschs,

umgebaut und renoviert von Innenarchitekt

Jacques Garcia. Irre Gästeliste: Churchill,

Roosevelt, Hitchcock, Mandela, die Stones …

Übernachtung im DZ ab 600 Euro.

www.mamounia.com

„Riad Samsara“. Traditionelles Stadthaus

(Riad) im alten Zentrum mit Innenhof

und Dachterrasse. Übernachtung im DZ ab

110 Euro, www.riadsamsara.com. Ein zweites

Haus steht im Hohen Atlas im Nationalpark

Toubkal, eine alte, stilvoll hergerichtete

Berber-Herberge, nur 1 ½ Autostunden von

Marrakesch entfernt. www.douar-samra.com

„The Great Getaway Medina“. Neues,

wunderschönes Designhotel in der Altstadt.

Übernachtung im DZ ab 150 Euro,

www.the-great-getaway.com

ToUrplAnUng

In Marokko lässt es sich mit dem Mietwagen,

aber auch mit Überlandbussen oder Zügen

einwandfrei reisen, beispielsweise zwischen

Marrakesch und Agadir oder dem nördlich der

Stadt und ebenfalls am Atlantik gelegenen

Essaouira. Jenseits des Atlas in der Wüste gibt

es in der Region um Zagora einen regen

Wüstentrekking-Tourismus. Weitere Reise-

Infos auch unter www.visitmarocco.com

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