Das Wort des Arztes ist eine Macht - Universitätsklinikum Essen

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Das Wort des Arztes ist eine Macht - Universitätsklinikum Essen

Das Wort des Arztes ist eine Macht

Placeboforschung: Es geht nicht darum, Patienten heimlich

wirkungslose Mittel unterzujubeln

Deutsche Wissenschaftler beschäftigen sich intensiv mit dem Placeboeffekt. Die Frage ist

unter anderem: Warum treten positive Wirkungen ohne erkennbaren medizinischen

Grund auf?

Von Christiane Löll (dpa)

Medikament oder frei von Wirkstoffen:

Forscher sind verschiedenen Effekten von

Placebos auf der Spur. Foto: Gina

Sanders/Fotolia

Giftgrüne Erdbeermilch mit leichtem

Lavendelgeschmack – was sich nach einer harten

Prüfung für die Sinne anhört, ist Bestandteil der

Forschung zum Placeboeffekt. Das eigens entwickelte

Getränk kam am Universitätsklinikum Essen zum Einsatz.

Das Team in Essen ist Teil der bundesweiten

Forschergruppe 1328 der Deutschen

Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie will klären, welche

Faktoren in welchem Ausmaß zum Placeboeffekt

beitragen.

Zwei Gründe treiben die Forscher an: Zum einen geht es darum, Erkenntnisse aus der

Placeboforschung in den klinischen Alltag einzubauen. Die Bundesärztekammer hatte Anfang

März eine Schrift veröffentlicht, in der sie den Status quo der Forschung zusammenfasst.

Der zweite Grund: Bei der evidenzbasierten Medizin gehören placebokontrollierte Studien

zum Standard. Neue Medikamente werden mit einem Placebo (einem wirkstofflosen

Scheinpräparat) verglichen, um die Wirksamkeit des Präparates zu prüfen. Aber es mehren

sich Stimmen, die die Aussagekraft solcher Studien infragestellen. Oder zumindest die Art

und Weise, wie der Placebo-Effekt "herausgerechnet" wird, wie die Experten sagen.

Drei Faktoren

"Placeboeffekte beruhen auf drei grundlegenden Mechanismen", sagt Professor Manfred

Schedlowski vom Universitätsklinikum Essen. Dazu gehören die Erwartungshaltung,

bewusste oder unbewusste Lernprozesse, sowie die Qualität der Beziehung zwischen Arzt

und Patient. "Alle diese drei Faktoren hängen zusammen, aber wir haben noch nicht


herausgefiltert, was welchen Anteil hat", sagt der Direktor des Instituts für Medizinische

Psychologie.

Schedlowskis Versuche mit der grünen Erdbeer-Lavendelmilch begannen bereits vor einigen

Jahren. Das Team wollte – und will – den Aspekt der Lernprozesse auf den Placebo-Effekt

untersuchen, im Rahmen einer klassischen Konditionierung, entsprechend den berühmten

Versuchen mit den Pawlowschen Hunden. Denen wurde das Futter zunächst immer

zusammen mit einem Glockenton gereicht, so dass die Hunde irgendwann allein beim Hören

der Glocke zu sabbern anfingen. Solch einen Sinnesreiz wollten die Essener Forscher setzen –

und kreierten ihre Erdbeermilch.

"Reihen von Medizinstudenten tranken verschiedene Getränke und wählten dann diese

Milch als besonders einzigartig und neu im Geschmack heraus", berichtet Schedlowski. Sinn

und Zweck der Sache: Mit diesem Getränk spülten gesunde Probanden vier Mal in zwei

Tagen das starke Immunsupressivum Ciclosporin A herunter. Dieses erhalten beispielsweise

Patienten nach einer Organtransplantation, um die Abstoßung des fremden Organs zu

verhindern. Das Blut der Studienteilnehmer wurde untersucht.

Die Forscher warteten dann einige Tage ab, bis Ciclosporin A wieder aus dem Körper der

Probanden heraus war – und ließen die Studienteilnehmer noch einmal die Milch trinken –

diesmal aber ohne das Medikament. "Es zeigte sich, dass dennoch eine Wirkung am

Immunsystem zu sehen war, zwar nicht ganz so stark wie beim Medikament, aber allein

durch den Geschmacksreiz hatte sich der Körper offensichtlich darauf eingestellt", sagt

Schedlowski.

Ein weiterer Versuch mit dem grünem Drink: 30 Hausstauballergiker erhielten fünf Mal ein

Antihistaminikum zur Verminderung der Allergie zusammen mit dem Getränk. Nach einer

Pause von zehn Tagen wurden drei Gruppen gebildet, die folgendes erhielten: Wasser plus

Medikament, Erdbeermilch plus Placebo, Wasser plus Placebo. Anhand von Hauttests

stellten die Forscher fest, dass bei allen nach dieser Gabe eine schwächere Reaktion auftrat,

doch auf der Ebene von Blutzellentests hatte vor allem die Gruppe reagiert, die erneut die

Erdbeermilch erhalten hatte – und kein Medikament.

Würde das also bedeuten, dass Mediziner einfach weniger "echte" Pillen verschreiben

können? Könnten sie vielleicht jeden zweiten Tag eine Attrappe geben, die Wirkung tritt

trotzdem ein, aber Kosten und Nebenwirkungen sinken, wie angedacht? "Theoretisch wohl

schon, ethisch ist das aber ein Problem und verletzt das Vertrauen zwischen Patienten und

Arzt", sagt der Hamburger Neurowissenschaftler Professor Christian Büchel. Als eines der

höchsten Güter der Arzt-Patient-Beziehung gilt die vollständige Aufklärung und die

Einwilligung des Patienten – doch wie soll man seinem Patienten klar machen, dass man ihm

unter Umständen keine "echte" Medizin geben will? "Das ist gar nicht das Ziel, sondern wir

möchten die Effekte von positiver Erwartung bei Behandlungen nutzen", sagt Büchel.

Die britische Royal Society hat der Placebo-Forschung in ihren "Philosophical Transactions"

kürzlich ein ganzes Heft gewidmet. Dieses hat die Münchner Medizinerin Karin Meissner

zusammen mit zwei Kollegen herausgegeben. Am Institut für Medizinische Psychologie der

Ludwig-Maximilians-Uni München erkundet sie, wie auch innere Organe über das vegetative

bzw. autonome Nervensystem von der Erwartungshaltung beeinflusst werden können. In


einer Studie erhielten Probanden drei Mal Tabletten: Pillen, die die Magen-Aktivität steigern,

senken oder gar nicht beeinflussen sollten. In Wahrheit hatten sie alle keine Wirkung.

Mit Elektroden über der Bauchdecke wurden die Kontraktionen des Verdauungsorgans

überwacht – und einmal mal mehr zeigte sich: Die Aktivität des Magens war am stärksten,

wenn es sich um eine anregende Pille handeln sollte. "Für uns bedeutet das, dass verbale

Äußerungen über Repräsentationen unserer Organe im Gehirn das Nervensystem

beeinflussen können. Das heißt, dass das Wort des Arztes eine Macht hat – und diese sollte

richtig eingesetzt werden."

Wirksamkeit belegen

Die Rolle des Placebo-Effekts bei Medikamentenstudien hat der Tübinger Psychologe Paul

Enck für die Royal Society zusammengefasst. "Bei einem traditionellen Design wird die

Wirksamkeit von Medikamenten in Studien mit zwei ,Armen‘ untersucht", sagt Enck. Der

eine Teil bekommt das zu prüfende Medikament, der andere Teil ein Placebo, und wer was

bekommt, ist weder dem Studienleiter noch den Patienten bekannt. In beiden Armen hat die

Einnahme der Medikation einen Einfluss. "Er muss beim Medikament größer sein als in der

Placebo-Gruppe, um die Wirksamkeit zu belegen."

Daher wird der Placebo-Effekt von der Wirkung des Medikaments subtrahiert und so die

Wirksamkeit errechnet. "Die Frage ist aber nun: Ist der Placebo-Anteil auf Seite des

Medikaments wirklich genauso hoch wie in der Kontrollgruppe?" Enck sieht darin keine rein

akademische Frage, möglicherweise könnte die Wirkung der zu prüfenden Medikamente

über- oder unterschätzt werden. Eine Alternative bieten Studien, in denen neue

Medikamente mit vergleichbaren Wirkstoffen verglichen werden. "Doch wie groß ist denn

da der Placebo-Anteil, wenn gar kein Placebo gegeben wird, sondern die Patienten auf jeden

Fall einen Wirkstoff erhalten? Hier lässt sich nur mit vielen Studienteilnehmern herausfiltern,

ob das neue Medikament über- oder unterlegen ist."

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