Impulse für die Wissenschaft 2010 - VolkswagenStiftung

volkswagenstiftung

Impulse für die Wissenschaft 2010 - VolkswagenStiftung

Impulse für die Wissenschaft 2010

Aus der Arbeit der VolkswagenStiftung

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4 Vorwort

6 Die VolkswagenStiftung

11 Neues aus der Forschungsförderung

12 Von der Wissenschaft, das Internet zu befragen

Im Gespräch: Lichtenberg-Professorin Iryna Gurevych von der Universität Darmstadt

über automatische Textanalyse im Internetzeitalter

18 Ohne Worte – über die Sprache der Hände

Gehorchen Gesten einer eigenen Grammatik? Mit dieser Frage beschäftigen sich

vier Forscherinnen aus Frankfurt/Oder, Berlin und Köln.

24 Hirnforschung: mehr Einblick mit Weitblick

Die bildgebende Diagnostik ermöglicht heute bessere Einblicke ins Gehirn und

neue Therapien. Doch Hirnforscher beschäftigen auch ethische Fragen.

30 Neue Heimat Deutschland

Schumpeter-Fellow Naika Foroutan geht an der Humboldt-Universität Berlin

der Frage nach, wann Menschen Deutschland als ihre Heimat empfinden.

36 Afrikanische Kulturen im Wandel

Die Gesellschaften im sub-saharischen Afrika wandeln sich mit rasanter

Geschwindigkeit. Das interessiert auch Forscher aus aller Welt.

44 Die vergessene Krankheit

Hilfe für Afrika: ein internationales Forscherteam auf dem Weg, eine der

schlimmsten Krankheiten auf dem afrikanischen Kontinent einzudämmen

52 Alles im Fluss?!

Forscher aus Hannover, Taschkent und Duschanbe wollen das Lebenselixier

der zentralasia tischen Region retten: das Wasser des Serafschan-Stroms.

58 Die Kulturen des Krieges

Auf den düsteren Spuren von Tod und Terror: Dilthey-Fellow Dietmar Süß

beschäftigt sich an der Universität Jena mit dem Krieg im 20. Jahrhundert.

64 Die Rückkehr der Folter

Ist die Würde des Menschen noch unantastbar? Forscher in Konstanz und

Münster, Düsseldorf und Gießen auf den Spuren von Wahrheit und Gewalt

72 Ein Jahr im Forscherparadies

Die „Harvard-Fellowships“ ermöglichen exzellenten Geisteswissenschaftlern

einen unvergesslichen Aufenthalt an der US-Elite-Universität.

78 Kleben ohne Klebstoff

In Laborgemeinschaft mit Geckos: Forscher aus Saarbrücken, Freiburg und

Ludwigshafen auf der Suche nach klebstofffreien Haftsystemen

83 Die Organisation der VolkswagenStiftung

84 Vermögensanlage

88 Finanzen und Verwaltung

91 Die Ansprechpartner in der VolkswagenStiftung

Übersicht: Hintere Umschlagseiten

96 Das Kuratorium

Förderinitiativen


Förderangebot *)

● • • • • • • • • ● • • • •

Struktur- und personenbezogene Förderung

Thematische Impulse

Lichtenberg-Professuren

Schumpeter-Fellowships für den Hochschullehrer-

und Führungsnachwuchs in den Wirtschafts-,

Sozial- und Rechtswissenschaften

Pro Geisteswissenschaften

– Dilthey-Fellowships

– Opus magnum

Fellowships für Postdoktoranden und -doktorandinnen

aus den Geisteswissenschaften am

Humanities Center der Harvard University

Hochschule der Zukunft

– Bologna – Zukunft der Lehre

Symposien und Sommerschulen

• ● • • • • •

Auslandsorientierte Initiativen

Wissen für morgen – Kooperative

Forschungsvorhaben im sub-saharischen Afrika

Zwischen Europa und Orient – Mittelasien /

Kaukasus im Fokus der Wissenschaft

Dokumentation bedrohter Sprachen

Integration molekularer Komponenten in

funktionale makroskopische Systeme

Neue konzeptionelle Ansätze zur Modellierung

und Simulation komplexer Systeme

Evolutionsbiologie

• • • ● • • •

Gesellschaftliche und kulturelle

Herausforderungen

• • • • ● • •

Zukunftsfragen der Gesellschaft –

Analyse, Beratung und Kommunikation

zwischen Wissenschaft und Praxis

– Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven

des Alterns

– Europe and Global Challenges

Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften –

Programm zur Förderung fachübergreifender

und internationaler Zusammenarbeit

Deutsch plus – Wissenschaft ist mehrsprachig

Forschung in Museen

Offen – für Außergewöhnliches

Außergewöhnliches

Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft

European Platform for Life Sciences,

Mind Sciences, and the Humanities

Stand: Dezember 2009

*) Die Ansprechpartner zu den einzelnen Förderinitiativen

siehe hintere Umschlagseite.


Impressum

Herausgeber

© VolkswagenStiftung,

Hannover, Dezember 2009

Redaktion (verantwortlich)

Dr. Christian Jung (cj)

Korrektorat

Cornelia Groterjahn,

Hannover

Gesamtherstellung

Sponholtz Druckerei GmbH ,

Hemmingen

Bildnachweis

Die Fotos und Abbildungen

wurden – soweit unten

nicht anders angegeben –

dankenswerterweise von den

jeweiligen Instituten bzw.

Hochschul-Pressestellen zur

Verfügung gestellt.

Das Umschlagfoto zeigt Dr. Florian

Carl vom Zentrum für Weltmusik

in Hildesheim, Dr. Isaac R. Amuah,

Kooperationspartner in Ghana,

Projektleiter Professor Dr. Raimund

Vogels von der Hochschule für

Musik und Theater Hannover, Pro -

fessor Dr. William Anku, Projekt -

partner in Ghana, Projektleiter Dr.

Wolfgang Bender vom Zentrum

für Weltmusik sowie Christopher

Mtaku, Partner aus Nigeria, bei

einem Treffen in Hildesheim.

Umschlag und Seiten 36, 38, 39:

Frank Wilde, Hannover

Seiten 4, 30, 32, 34, 35: Frank

Nürnberger, Berlin

Seite 7: Rainer Dröse, Langenhagen

Seiten 12, 14, 16, 24, 25, 26, 27, 78, 80,

81: Jens Steingässer, Darmstadt

Seite 15: Mathias Daum, Mainz

Seite 23: Katie Slocombe, York, UK

Seite 20, 21, 22: Klaus Siebahn,

Güstrow

Seite 29: Johann Saba, Bonn

Seiten 52, 57, 92 (Stanitzke,

Robrecht, Saß, Ebeling, Jung),

94 (Brunotte, Wessler), 95 (Otto),

96: Dennis Börsch, Hannover

Seiten 58, 60, 62: Thomas Wolf,

Gotha

Seiten 64, 66, 67: Uwe

Lewandowski, Osnabrück

Seite 68: David Klammer, Köln;

auf dem Bild zu sehen sind

Skulpturen von Jean Fautrier

(Figur vorne links: "TETE", 1937;

Figur hinten: "GRAND TETE

TRAGIQUE", 1942; Figur vorne

rechts: "TETE STRIEE", 1940;

Stiftung Insel Hombroich)

Seiten 69 oben, 75 unten, 79: dpa

Picture-Alliance, Frankfurt/Main

Seite 70: Ina Bigalke

Seite 71: David Klammer, Köln

Seite 75 oben: “The Butler's in Love"

1991, Mark Stock,

www.theworldofmarkstock.com

Seite 84: Chris Kistner,

Frankfurt/Main

Seiten 92 (Krull), 93 (Bischler, Fließ,

Hanne, Hartmann, Nöllenburg),

94 (Horstmann, Szöllösi-Brenig),

95 (Fallnacker, Maaß, Lehmann,

Bensch, Pörschke): Franz Fender,

Hannover

Seiten 93 (Willms-Hoff, Detten -

wanger), 94 (Hof, Levermann,

Schmidt), 95 (Mitscherling,

Bodemer): Volker Uphoff,

Hannover

Quellennachweis

Seiten 46, 47, 49: aus: Thomas

Junghanss et al.: Phase Change

Material for Thermotherapy

of Buruli Ulcer: A Prospective

Observational Single Centre

Proof-of-Principle Trial. In: PLoS

Neglected Tropical Diseases,

Februar 2009


Wir stiften Wissen


4

Vorwort

Durch die Finanzmarktkrise!

Liebe Leserinnen und Leser,

die Entwicklungen auf den Finanzmärkten stellen

auch Stiftungen vor immense Herausforderungen.

Auswirkungen auf das Vermögen, die Erträge

daraus und auf Spendeneinnahmen haben sich

bereits in vielen Fällen konkretisiert und sind auch

weiterhin zu erwarten – sei es aufgrund sinkender

Renditen aus der Anlage des Vermögens oder

wegen geringerer Spenden aus der Wirtschaft

und von Privatpersonen. Doch wie immer kann

eine Krise auch Neuem den Weg bahnen.

Im Chinesischen setzt sich der Begriff der Krise

bekanntlich aus zwei Schriftzeichen zusammen:

„Risiko/Gefahr“ und „Gelegenheit/Chance“. Eine

Krise ist demgemäß ein Wendepunkt; sie kann

immer auch als Chance begriffen werden – wenn

die Betroffenen sie zugleich zum Anlass nehmen,

ihr Handeln und Wirken kritisch zu überdenken

und sich weiterzuentwickeln.

Sich weiterzuentwickeln ist gerade für Stiftungen

ein sine qua non. Es muss im Selbstverständnis

von Stiftungen liegen, unaufhörlich bereit zu

sein, Neuland zu betreten. Dazu kommt, dass die

nachhaltige Bewältigung der aktuellen Krise und

ihrer Folgen von Voraussetzungen abhängt, die

nicht allein vom Staat geschaffen werden können.

Gerade Stiftungen sind hier in der Verantwortung,

zur Stabilität, Leistungs- und auch Wandlungs -

fähigkeit einer demokratischen Gesellschaft beizutragen,

der sie letztlich ihre heutigen Aktionsmöglichkeiten

und vielfach ihre Existenz verdanken.

Die Krisen und die seit einiger Zeit zu beobach -

tenden Veränderungsprozesse stellen momentan

und wohl auch in den kommenden Jahren die

Gesellschaft und deren Institutionen vor zusätz -

Generalsekretär Dr. Wilhelm Krull

liche Herausforderungen – und denen sollten sich

Stiftungen mit Verve annehmen. So greift auch

die VolkswagenStiftung über ihr Förderportfolio

aktuell einige der großen „Problemfelder“ auf:

Beispielsweise fordert sie Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler dazu auf, sich mit Fragen der

Globalisierungskonsequenzen, von Migration und

Integration oder mit den Auswirkungen der demografischen

Entwicklung auseinanderzusetzen –

oder sie ermöglicht die modellhafte Betrachtung

von Extremereignissen, die in Natur, Wirtschaft

und anderswo immer häufiger zu beobachten

sind. Dies skizziert nur einige Aktionsfelder.

Festzuhalten bleibt, dass sich aus der aktuellen

Situation ein Verantwortungszuwachs für die Stiftungen

ergibt. Dieser erfolgt nun allerdings just in

einem Moment, da sie den gleichen, besonderen

Belastungen ausgesetzt sind wie Politik und Wirtschaft.

Doch auch hier weist die Krise den Weg.

Und der führt – in die Kooperation; in Partnerschaften,

Allianzen und Netzwerke. Der Einzelne

wird stark durch die Kraft vieler.


Der Ansatz ist dabei eigentlich kein neuer: Wo man

auch hinschaut, vieles in unserer Gesellschaft ist

durch die Zusammenarbeit vieler geprägt. Unser

Leben wird komplexer, und damit werden es auch

die gesellschaftlichen Zusammenhänge. Entsprechend

bedarf es ausdifferenzierter Handlungs -

strategien. Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen

die oben schon genannten Themenfelder

lassen sich schnell erweitern – machen

gemeinsames Handeln zur umfassenden gesamtgesellschaftlichen

Aufgabe. Die anhaltende und

jüngst wieder intensivere Diskussion über ein

neues Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft, Bürgern

und Drittem Sektor zeigt dabei, dass es dem

einzelnen Akteur immer weniger zugetraut wird,

Aufgaben isoliert zu bewältigen. Die aktuelle

Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise macht uns

viele Grenzen bewusst. Fast zwingend, so lässt

sich daher sagen, wird die Krise den Trend zur

Zusammenarbeit verschiedener Akteure beflügeln.

Eine Entwicklung, die ebenso überfällig ist

wie nachdrücklich zu begrüßen.

Das funktioniert zugunsten vieler Themenfelder

und gleichermaßen auf internationaler, nationaler

wie auf lokaler Ebene. In der Wissenschaftsförderung

der VolkswagenStiftung – in diesem Heft finden

Sie wieder ein Dutzend exzellenter laufender

Forschungsvorhaben vorgestellt – zeigen dies die

vielfältigen Stiftungskooperationen. Für diesen

Ansatz steht aber auch ein Beispiel aus der Ver mö -

gensanlage. So wird die Stiftung über den Bau eines

wissenschaftlichen Tagungszentrums im Gewand

des dafür wieder aufzubauenden Schlosses in

Herrenhausen der Stadt Hannover und einer ihrer

touristischen Attraktionen, den Herrenhäuser Gärten,

ein Stück neuen Glanz verleihen. Auch hier

wird mutig in Zeiten der Krise etwas realisiert, auch

hier arbeiten mehrere Partner zusammen mit dem

Ziel, am Ende etwas Großes entstehen zu lassen.

So wird das Tagungszentrum gemeinsam von

Stadt und Land durch ein Museum ergänzt, das die

– unter anderem mit dem Namen Gottfried Wilhelm

Leibniz verknüpfte – besondere kultur- und

geistesgeschichtliche Bedeutung des Ortes dokumentieren

soll. Die Symbiose dieser beiden Nut-

zungen aus modernem Tagungszentrum und

kulturhistorisch ausgerichtetem Museum wird

den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort

Hannover und dessen bedeutende Tradition

weiter stärken und das Zusammenspiel zwischen

Geschichte, Gegenwart und Zukunft verdeutlichen.

Die Beispiele machen klar: Stiftungen – und hier

sieht sich die VolkswagenStiftung als wichtiger

Impulsgeber – spielen auch und gerade in der Krise

eine große Rolle als Innovatoren und als Motor für

Veränderungen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass

sie jedem modischen Trend nachlaufen sollten.

Vielmehr kommt es darauf an, in kritischer Distanz

zu aktuellen gesellschaftlichen und kulturellen

Entwicklungen eigene Wertentscheidungen

zu treffen. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein,

über einen bestimmten Zeitraum stets nur einige,

dafür (finanziell) umso deutlichere Akzente zu

setzen – indem man beispielsweise angesichts

des Zustands vieler Museumssammlungen den

Schwerpunkt ganz stark auf das Erhalten, Erschließen

und insbesondere Erforschen der Bestände

legt, wie es die VolkswagenStiftung mit ihrer

jüngsten Förderinitiative „Forschung in Museen“

tut. Wer also auf verantwortungsvolle Weise die

Zukunft gestalten will, findet gerade in der Krise

überall Gelegenheiten und seine Chance, mit

vorausschauendem Denken und Handeln präsent

zu sein.

Ihr

Wilhelm Krull

Impulse 2010 5


6

Die VolkswagenStiftung

Wir stiften Wissen

Die VolkswagenStiftung ist keine Unternehmensstiftung,

sondern eine eigenständige, gemeinnützige

Stiftung privaten Rechts mit Sitz in Hannover.

Mit einem Fördervolumen von rund 100 Millionen

Euro pro Jahr ist sie die größte deutsche wissenschaftsfördernde

Stiftung überhaupt und eine der

größten Stiftungen hierzulande und in Europa. Die

Fördermittel werden aus dem Kapital der Stiftung

erwirtschaftet, das derzeit etwa 2,1 Milliarden Euro

beträgt – eine starke Basis, um Wissen zu stiften!

Gemäß ihrem Slogan „Wir stiften Wissen“ ent -

wickelt die Stiftung mit Blick auf junge, zukunftsweisende

oder auch gerade erst im Ansatz zu

identifizierende Forschungsgebiete eigene, spe -

zifische Förderinitiativen; sie ist darüber hinaus

jedoch immer auch offen für Außergewöhnliches.

In ihrer Gesamtheit bilden die Initiativen den

Kern des Förderangebots. Mit dieser Konzentra -

tion auf derzeit zwanzig solcher „Arbeits felder“

sorgt die Stiftung dafür, dass ihre Mittel effektiv

eingesetzt werden. Wenn eine Initiative nach

einigen Jahren beendet wird, um Raum für Neues

zu schaffen, ist das Thema oft fest in der Wissenschaftslandschaft

verankert.

Ihre Finanzkraft ermöglicht es der Stiftung, auf

ungewöhnlich umfangreiche und vielfältige Weise

die Wissenschaften zu unterstützen und neue

Entwicklungen voranzutreiben. Besondere Aufmerksamkeit

widmet sie dabei dem wissenschaftlichen

Nachwuchs und der Zusammenarbeit von

Forschern über wissenschaftliche, kulturelle und

staatliche Grenzen hinweg. Zwei weitere große

Anliegen: die Ausbildungs- und die Forschungsstrukturen

in Deutschland verbessern helfen.

Inzwischen hat die Stiftung in den nunmehr 48

Jahren ihres Bestehens rund 29.500 Projekte mit

insgesamt mehr als 3,6 Milliarden Euro gefördert

– auch das ein Superlativ.

Impulse geben: das Förderangebot

Die VolkswagenStiftung gibt der Wissenschaft mit

ihren Fördermitteln gezielte Impulse: Sie stimuliert

solche Ansätze und Entwicklungen, die sich

einigen der großen Herausforderungen unserer

Zeit stellen. Die Stiftung fördert entsprechende

Forschungsvorhaben aus allen Wissenschaftsbereichen

und hilft wissenschaftlichen Institutionen

bei der Verbesserung der strukturellen Voraussetzungen

für ihre Arbeit.

In ihrem Zusammenwirken und ihrer wechselseitigen

Ergänzung verleihen die sich immer wieder

zu einem neuen Gesamtpaket zusammensetzenden

Förderinitiativen dem Förderprofil der Stiftung

dessen unverwechselbare Struktur. Auf diese

Weise füllt die Stiftung ihren Satzungszweck, „die

Förderung von Wissenschaft und Technik in Forschung

und Lehre“, beständig mit neuem Leben.

Deutlich wird dabei: Gezielte Fokussierung ist

übergreifendes Strukturprinzip der Forschungsförderung

der VolkswagenStiftung. Dies sichert

auch eine nachhaltige Wirkung der zur Verfügung

stehenden Mittel.

Derzeit steht vor allem eine explizit personenbezogene

Förderung im Zentrum des Engagements:

Die Stiftung richtet „Lichtenberg-Professuren“

an deutschen Universitäten ein oder hält mit den

Schumpeter-, Dilthey- und Harvard-Fellowships

spezielle Angebote für Geistes- und Sozialwissen-


Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Wiederaufbau von Schloss

Herrenhausen: Am 3. Juli 2009 unterschrieben Hannovers Oberbürgermeister

Stephan Weil (rechts) und der Generalsekretär

der VolkswagenStiftung Wilhelm Krull die Verträge. Im Innern

des Schlosses entstehen ein Tagungszentrum und ein Museum,

das in den Seitenflügeln untergebracht sein wird.

schaftler bereit. Ebenso gilt ihr Interesse solch

unterschiedlichen Gebieten wie den Fertigungsprozessen

multifunktionaler Oberflächen, der

Erforschung bedrohter Sprachen oder verschiedenen

Facetten des Themas Evolutionsbiologie. Die

Stiftung beschäftigt sich und die Wissenschaften

mit den Zukunftsfragen der Gesellschaft – oder

fördert eben mit Nachdruck wissenschaftliche

Kooperationen mit dem Ausland. Ihr Augenmerk

richtet sie dabei auf fachübergreifende Forschungsansätze

und die junge Wissenschaftlergeneration.

Gerade den international renommierten Forscherinnen

und Forschern sowie den Nachwuchswissenschaftlern

macht sie immer wieder speziell

zugeschnittene Angebote.

• Struktur- und personenbezogene Förderung

Wichtiges Ziel der VolkswagenStiftung ist es,

gezielte Anstöße zu geben zur Verbesserung der

strukturellen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen

von Forschung und Lehre sowie der

wissenschaftlichen Kommunikation. Diesem

Zweck dient die struktur- und personenbezogene

Förderung. Hier geht es um die besten Köpfe;

darum, Exzellenz zu fördern, die Hochschulen

international wettbewerbsfähig zu machen und

gezielt an die Spitze zu bringen. Es geht vor allem

auch darum, die Chancen für den wissenschaft -

lichen Nachwuchs zu verbessern und neue Formen

fächer- wie institutionenübergreifender

Zusammenarbeit zu fördern.

Zurzeit umfasst dieses Förderangebot sechs aufeinander

abgestimmte Initiativen. Dabei verbinden

sich wie etwa bei den Lichtenberg-Professuren

und den Schumpeter-Fellowships personenbezogene

Impulse mit strukturellen wie thematischen

Akzentsetzungen. Die Initiative „Pro Geisteswis-

senschaften“ wiederum mit ihrer Ausrichtung auf

die ebenso klassischen wie un verändert erfolgreichen

Formen „individueller“ Forschung erfüllt eine

von Wissenschaftlern dieser Fachrichtungen immer

wieder mit Nachdruck erhobene Forderung nach

adressatenspezifischer Unterstützung.

• Auslandsorientierte Initiativen

Die auslandsbezogenen Förderinitiativen – gegenwärtig

sind es drei – dienen der internationalen

wissenschaftlichen Zusammenarbeit und der

gezielten Unterstützung von Institutionen und

Vorhaben im Ausland: wie derzeit für die Region

Mittelasien/Kaukasus und das sub-saharische

Afrika. Dabei entwickelt die Stiftung jeweils spezifische

Förderinstrumente, die den Gegebenheiten

in den einzelnen Ländern und Regionen Rechnung

tragen. Zum einen geht es darum, dass die wissenschaftlichen

Einrichtungen im Ausland von dem

Vorhaben profitieren und die – insbesondere jüngeren

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

in der Region Möglichkeiten zur Qualifizierung

erhalten. Ebenso soll aber auch durch Unterstützung

von Auslandsprojekten und -aufenthalten

der deutschen Forschung zu stär kerer internationaler

Orientierung verholfen werden. Anträge von

wissenschaftlichen Einrichtungen im Ausland

nimmt die Stiftung übrigens in den meisten ihrer

Förderinitiativen entgegen – allerdings nur, wenn

eine substanzielle Koopera tion mit Wissenschaftlern

in Deutschland vorgesehen ist.

• Thematische Impulse

Hier setzt die Stiftung explizit Anreize im Hinblick

auf die Förderung themen- und problemorientierter

Grundlagenforschung. Sie verfolgt damit fachliche

Ziele inhaltlicher und methodischer Art, will

also ihrerseits auf neue Forschungsgebiete, -inhalte

Impulse 2010 7


8

und -methoden aufmerksam machen. Die Stiftung

gibt mit diesem Angebot Anregungen und Hilfestellungen

dafür, neue Ansätze und Fragestellungen

aufzugreifen, Theorien, Arbeitsrichtungen,

Methoden und auch neue Fächerverbindungen

zu entwickeln und zu erproben – vor allem auch

unter Einbindung des wissenschaftlichen Nachwuchses

in die Projekte. Derzeit bietet die Stiftung

in diesem Segment drei Förderinitiativen an.

• Gesellschaftliche Herausforderungen

Je komplexer und unübersichtlicher die Strukturen

und Prozesse in der modernen, von Wissenschaft

ebenso geprägten wie abhängigen Welt werden,

desto mehr muss sich die Wissenschaft den damit

verbundenen Herausforderungen stellen. Von

daher sieht sich die VolkswagenStiftung als wissenschaftsfördernde

Einrichtung auch dort in der

Pflicht, wo Politik und Verwaltung, Wirtschaft und

Gesellschaft von der Wissenschaft im engen Austausch

mit der Praxis Orientierung und Unterstützung

erwarten. Derzeit konzentriert die Stiftung

ihre Förderung diesbezüglich auf vier breit angelegte

Initiativen. Beispielhaft dafür sind die „Schlüs -

selthemen der Geisteswissenschaften“ oder die

„Zukunftsfragen der Gesellschaft“ mit ihren

wechselnden Ausschreibungen zu – momentan

zwei – verschiedenen Themenfeldern. Die jüngste

datiert aus dem Be ginn des Jahres 2009: „Europe

and Global Challenges“.

• Offen – für Außergewöhnliches

Wer eine herausragende wissenschaftliche Projekt -

idee hat, einen innovativen, außergewöhnlichen

Forschungsansatz verfolgt, sein Gebiet schon

spürbar vorangebracht hat, quer zu Disziplinen

und Mainstream denkt, aber unter den aktuellen

Förderinitiativen der VolkswagenStiftung keine

findet, der sich das geplante Vorhaben zuordnen

lässt – der könnte dennoch bei der Volkswagen-

Stiftung an der richtigen Adresse sein. Die Stiftung

ist sehr daran interessiert, auch Vorhaben zu

fördern, für die es bei ihr derzeit kein entsprechendes

Rahmenangebot gibt. Auf diese Weise möchte

sie ein Forum bieten für Ideen und Konzepte, die

zukunftsweisenden Fragestellungen gelten und

durch Zusammenführung unterschiedlicher Fachrichtungen

und methodischer Ansätze neue Perspektiven

eröffnen – in der Forschung, in der Lehre

und nicht zuletzt im Zusammenspiel von Wissenschaft,

Praxis und Öffentlichkeit. Dieses Angebot

zielt allerdings nicht auf den Regelfall, sondern

auf die Ausnahme. Wer hier zum Zuge kommen

will, muss daher mit seinem Vorhaben nicht nur

höchsten wissenschaftlichen Maßstäben genügen,

sondern auch plausibel machen können, dass sich

dafür im Rahmen der Förderangebote anderer

Institutionen keine Un terstützung finden lässt

und somit gerade die VolkswagenStiftung gefordert

ist.

Unabhängiger Wissenschaftsförderer

Die VolkswagenStiftung sieht ihre Aufgaben und

Gestaltungsspielräume innerhalb der Wissenschaftsförderung

zum einen in den Bedürfnissen

der scientific community selbst, andererseits auch

in Problembereichen, in denen Politik, Wirtschaft

und Gesellschaft von der Wissenschaft Unterstützung

erwarten können. Auch wo andere Mittel -

geber nicht oder nicht hinreichend zur Verfügung

stehen, sieht sich die Stiftung immer wieder in

der Pflicht. Da sie nur aus den Erträgen ihres eigenen

Vermögens schöpft, ist sie autark. Und da sie

rechtsfähig ist, ist sie auch autonom. Das bietet

eine starke Basis für eine unabhängige Wissenschaftsförderung.

Zweckbindung der Mittel

Für die Ausführung der Fördertätigkeit enthält die

Satzung der Stiftung nur wenige Bestimmungen.

So werden Mittel an wissenschaftliche Ins titu tio -

nen, nicht an Personen vergeben. Die Stiftung hat

sicherzustellen, dass ihre Fördermittel zusätzlich

verwendet werden; die Mittel dürfen also nicht

die Unterhaltsträger der geförderten Einrichtungen

– in der Regel den Staat – entlasten. Sie dürfen

auch nicht zum Ausgleich von Etatlücken verwendet

werden oder Anlass dafür geben, dass der Etat


aufgrund der Zuwendungen gekürzt wird. Die

Satzung fordert weiter, dass die Fördermittel als

zweckgebundene Zuwendungen zu vergeben sind.

Eine pauschale Gewährung allgemeiner, nicht spe -

zifizierter Zuschüsse ist ausgeschlossen. Schließlich

darf ein einzelnes Vorhaben in der Regel nicht

länger als fünf Jahre gefördert werden. Im Übrigen

bestimmt die Stiftung ihre Verfahren selbst.

Sorgfältige Begutachtung

Qualität zu finden, macht sich die Stiftung nicht

leicht. Im Jahr 2009 beispielsweise haben 868

Gutachter, darunter 294 aus dem Ausland, die Vorbereitung

ihrer Entscheidungen unterstützt: einzeln

oder in Gutachterkreisen. Die Stiftung achtet

auch hier strikt auf Unabhängigkeit. Grund sätzlich

nicht als Gutachter befragt werden insbesondere

Kollegen des Antragstellers aus derselben Forschungsgruppe,

wissenschaft lichen Einrichtung,

Fakultät, Hochschule; ferner Wissenschaft lerinnen

und Wissenschaftler, von denen ein Antrag bei der

Stiftung vorliegt oder deren Antrag kürzlich abgelehnt

wurde – und natürlich diejenigen, bei denen

es Hinweise auf positive oder negative Voreingenommenheit

gibt. So versucht die Stiftung schon

bei der Begutachtung den selbst gesetzten hohen

Standards zu entsprechen, die ihre Fördertätigkeit

insgesamt bestimmen.

Das Schloss Herrenhausen, ursprünglich ein barocker, in mehreren

Abschnitten entstandener Bau, wurde von Georg Ludwig Laves

Anfang des 19. Jahrhunderts im Stil des Klassizismus umgestaltet

(siehe Bild). Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau zerstört; damit

verlor das Gesamtensemble des Großen Gartens einen wichtigen

Bezugspunkt. Mit dem Wiederaufbau des einst von den Welfen

als Sommerresidenz genutzten Schlosses stärken Stadt und

Stiftung die Attraktivität des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes

Hannover.

Geschichte der Stiftung

Zum Schluss ein paar Worte zur „Geschichte“ der

VolkswagenStiftung, die – anders als ihr Name

vermuten lässt – keine Unternehmensstiftung ist.

Sie verdankt ihren Namen wie auch ihre Gründung

einem Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik

Deutschland und dem Land Niedersachsen vom

November 1959, mit dem die Auseinandersetzungen

um die unklaren Eigentumsverhältnisse am

Volkswagenwerk beendet wurden.

Nach dem Krieg gab es keinen identifizierbaren

Eigentümer mehr. Man beschloss, die damalige

Volkswagenwerk GmbH in eine Aktiengesellschaft

umzuwandeln. 60 Prozent des Aktienka -

pitals wurden durch die Ausgabe sogenannter

Volksaktien in Privateigentum überführt, je 20

Prozent behielten der Bund und das Land Niedersachsen.

Der Erlös aus der Privatisierung und die

Gewinnansprüche auf die dem Bund und dem

Land verbliebenen Anteile wurden als Vermögen

der neu gegründeten Stiftung Volkswagenwerk,

wie sie bis 1989 hieß, übertragen. Ihr Kapital legt

die VolkswagenStiftung so ertragreich und nachhaltig

wie möglich an; sie hat das Stiftungskapital

dabei über die Jahre in seinem Wert erhalten.

Dessen Erträge ermöglichen eben seit nunmehr

nahezu fünf Jahrzehnten jene Forschung, die auf

den folgenden Seiten vorgestellt wird.

Impulse 2010 9


Neues aus der Forschungsförderung

Wissenschaft ist in besonderem Maße globalisiert – das kommt nicht zuletzt in dem

Slogan von der weltweiten Konkurrenz um die besten Köpfe zum Ausdruck. Betrachtet

man das Ziel der Internationalisierung explizit von der Wissenschaft her, werden allerdings

viele Barrieren erkennbar. Sie haben teils nur mittelbar etwas mit Geld oder Politik

zu tun, mit disziplinären Methoden, technologischen Voraussetzungen oder institutionellen

Strukturen. Oftmals mehr begrenzend wirken Sprache und gegenseitiges (Miss-)

Verstehen, ist gerade wissenschaftliches Wirken doch ebenso sprachabhängig wie kulturell

bedingt. Wenn es also um neue Ideen auf der Basis internationaler Zusammenarbeit

geht, ist die Tatsache, dass Wissenschaft sich in kulturellen Kontexten entwickelt, von

weitreichender Bedeutung.

Hier ebenso „entgrenzend“ wie über die Grenzen – gleich welcher Art – zusammenführend

zu wirken, ist immer schon Ziel der VolkswagenStiftung gewesen. Beispiele in diesem

Heft zeigen dies. Allein vier Projekte aus drei Themenfeldern und zwei Weltregionen

machen deutlich, wie erfolgreich die Stiftung agiert mit ihrem Verständnis von einer

angemessenen auslandsorientierten Förderung, die partnerschaftliches Zusammen -

arbeiten in den Mittelpunkt stellt. So hat ein deutsch-afrikanisches Forscherteam eine

neue Methode entwickelt, einer der gefürchtetsten Krankheiten der Tropen Einhalt zu

gebieten. Ebenfalls im sub-saharischen Afrika „unterwegs“ ist ein junger ghanaischer

Biologe mit dem Ziel, einer weiteren sogenannten Armutskrankheit besser entgegenzutreten.

Wieder ein anderes deutsch-afrikanisches Forscherteam beschäftigt sich mit den

Veränderungsdynamiken und den „Aushandlungsprozessen“ von Kultur in afrikanischen

Gesellschaften – und zwar am Beispiel von Musik und elektronischen Medien. Und in

Zentralasien suchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und

der Region nach Wegen, ein dringendes Umweltproblem in den Griff zu bekommen.

Unterdessen geht eine Wissenschaftlerin mit iranischen Wurzeln in Deutschland der Frage

nach, wann Menschen das Land, in dem sie leben, als Heimat empfinden. Naika Foroutan

ist dabei nur eine von vier „besten Köpfen“, die in Interviews Einblicke geben in ihre Arbeit

und ihr Leben als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler. Neugierig geworden? Dann

wünschen wir viel Spaß bei der Lektüre unserer „Impulse für die Wissenschaft“!


Von der Wissenschaft, das Internet zu befragen

Im Gespräch: Lichtenberg-Professorin Iryna

Gurevych von der Universität Darmstadt über

automatische Textanalyse im Internetzeitalter

Sie stehen noch am Beginn ihrer Karriere und haben doch längst ein neues

Forschungsfeld für sich abgesteckt – die erfolgreichen Bewerberinnen und

Bewerber um eine Lichtenberg-Professur der VolkswagenStiftung. Dieses

Förderinstrument gibt ausgewählten exzellenten Forschern die nötige Freiheit

und die Ausstattung, ihre hochinnovativen Ideen verfolgen zu können.

Und an den Universitäten, die in den Genuss einer Lichtenberg-Professur

kommen, lassen sich auf diesem Weg neue Forschungsgebiete etablieren.

Wer mit Iryna Gurevych ein Interview führt, muss sich in Acht nehmen: Die

W1-Lichtenberg-Professorin ist Expertin für missverständliche Fragen und

klare Antworten. An der Technischen Universität (TU) Darmstadt erforscht

die 33-Jährige, wie Menschen aus der Informationsflut des Internets intelligente

Antworten fischen können – und dabei die Frage nicht anders formulieren

müssen, als sprächen sie mit ihrem Nachbarn. Iryna Gurevych versteht

die Sprache von Mensch und Maschine. Sie hat Sprachwissenschaften studiert

und forscht heute mit ihrer Lichtenberg-Professur – ausgestattet mit knapp

900.000 Euro – an einer Informatik-Fakultät. Mit ihr sprach Wissenschaftsjournalist

Frank van Bebber.

Frau Professorin Gurevych, schauen Sie öfter ins Internet als in die Uni-Bibliothek?

Ich muss gestehen, ich war nur ein Mal in der Uni-Bibliothek – weil ich den

Leiter der Bibliothek besucht habe, um mit ihm ein Entwicklungsprojekt zu

virtuellen Forschungsumgebungen zu konzipieren. Ansonsten setze ich stark

auf elektronische Wissensquellen und elektronische Bibliotheken. In der Informatik

ändert sich das Wissen so schnell, dass wir kaum einschlägige Bücher

haben; wir müssen uns auf das stützen, was wir in elektronischer Form im

Internet finden.

Im Vergleich zur Uni-Bibliothek ist das Internet riesig. Ist es auch für Sie schwer,

auf eine Frage eine Antwort zu bekommen?

Das Internet selbst gibt meist keine Antworten auf konkrete Fragen. Es gibt

aber andere Wissensquellen im Web 2.0, zum Beispiel soziale Frage-Antwort-

Sie bringt dem Computer bei, ähnlich zu

denken wie ein Mensch. Die Lichtenberg-

Professorin Dr. Iryna Gurevych entwickelt

an der Technischen Universität Darmstadt

das so genannte „Question Answering“, eine

Technologie, mit der Computer Sinnzusammenhänge

der menschlichen Sprache erfassen

und natürlich-sprachliche Fragen „ver -

stehen“ und richtig beantworten können.

Impulse 2010 13


14

Gibt man bei Google den Befehl „Kuchen -

(minus) Obst“ ein, weil man auf der Suche

nach Backrezepten OHNE Obst ist, antwortet

die Suchmaschine mit Unmengen von Rezepten

für Apfelkuchen und Kirschtorten. Diplominformatiker

Torsten Zesch, hier kurz vor dem

Verzehr eines Kuchenstücks, weiß warum:

Google versteht den Sinnzusammenhang

zwischen einzelnen Fruchtsorten und dem

Oberbegriff „Obst“ nicht und sucht lediglich

nach Seiten, auf denen der Begriff „Kuchen“

ohne das Wort „Obst“ auftaucht.

Plattformen. Bei diesen bekommt man zumeist sehr schnell Antworten von

anderen Menschen, die auf dem einschlägigen Gebiet ausgewiesene Experten

sind. Dieses Phänomen hat die Bezeichnung Wisdom of Crowds, auf Deutsch:

die Weisheit der Vielen. Wir erforschen zum Beispiel Algorithmen: Wie etwa

lassen sich Hunderte von Antworten auf eine Frage automatisch zusammenfassen?

Das Motto unserer Arbeit könnte lauten: „Wenn Sie Fragen haben,

kommen Sie nach Darmstadt!”

An welchen Fragetechniken für das Internet arbeiten Sie? Geben Sie bitte mal ein

Beispiel!

Wir arbeiten an einer Technologie, die man unter der Bezeichnung Question

Answering kennt: die Beantwortung natürlich-sprachlicher Fragen. Wir wollen

intelligente Fragen stellen können und darauf intelligente Antworten

erhalten. Das heißt: Wie finde ich in einem Dokument genau jene Stellen, die

meine Frage beantworten – und nicht nur jene, in denen die Wörter der Frage

vorkommen. Ein Beispiel: Sie wollen wissen, welche Professoren an der Technischen

Universität Darmstadt tätig sind. Da würden Sie heute keine Antwort

bekommen, sondern nur eine Liste mit Treffern, wo die Worte Professor und

TU Darmstadt gleichzeitig auf einer Webseite auftauchen. Oder Sie interessiert,

welche Vorteile Darmstadt als Informatik-Standort hat. Unsere Methoden

ermöglichen es, Meinungen in Internetforen zu analysieren und zusammenzufassen.

Und das ist eine Aufgabe für eine Sprachwissenschaftlerin?

Ich habe tatsächlich mein Diplom in englischer und deutscher Linguistik

gemacht. Mein akademischer Werdegang hat mich aber immer weiter weg

von der Linguistik in Richtung Informatik geführt. Ich habe in Computerlingu -

istik promoviert – über Mensch-Maschine-Schnittstellen, die auf gesprochener

Sprache beruhen. Anders gesagt: Das sind Informationssysteme, mit denen

Sie reden können. Ich war dann fünf Jahre an einem Forschungsinstitut für

angewandte Informatik tätig, bevor ich in den Fachbereich Informatik der

TU Darmstadt gewechselt bin. Die Forschung auf dem Gebiet automatischer

Textanalyse erfordert aber auch viele Kenntnisse über die Sprache. Es ist sehr

komplex, dem Computer beizubringen, Zusammenhänge abzuleiten, die dem

menschlichen Denken ähnlich sind. Der Computer muss den Sinn erschließen.

Und wir möchten nun mit dem „Lichtenberg-Team“ Methoden entwickeln,

die allgegenwärtig, benutzerfreundlich und flexibel sind – so wie Sie Google

für Suchen aller Art benutzen können.

Nun gibt es im Internet auch viele Gerüchte und falsche Informationen.

Wie soll ein Computer das erkennen?


Die Frage stellt sich gerade in Web 2.0-Kontexten, weil es hier keine Kontrolle

zum Beispiel durch Verlage gibt. Ich habe kürzlich einen Doktoranden eingestellt,

der sich mit automatischer Qualitätsbewertung von Webtexten befasst.

Das ist schwer zu operationalisieren. Was ist die Qualität eines Textes?

Manchmal kann eine Antwort willkommen sein, auch wenn sie voller Rechtschreibfehler

ist. Doch viele Fehler sind manchmal auch Zeichen für Schlampigkeit.

Eine Vielzahl an automatisch bestimmbaren Qualitätsmerkmalen eines

Textes erlaubt intelligentes Filtern. Es gibt im Internet aber auch Gemeinschaften,

die Qualität sicherstellen: Wikipedia ist dadurch in vielen Bereichen die

Informationsquelle Nummer eins.

Werden Computer einmal bessere Antworten im Internet aufstöbern können als

Menschen?

Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das heute schon der Fall ist. In

vielen Bereichen gibt es derart viele Texte, dass niemand die mehr alle lesen

kann. In begrenzten Bereichen ist natürlich der menschliche Experte weiterhin

die Lösung Nummer eins.

Wie arbeitet Ihr Team an den neuen Methoden, Informationen aus dem Internet

zu heben?

In meinem Team sind 17 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

beschäftigt. Wir arbeiten in vier Gruppen mit zentral jeweils einem Post-Doktoranden

zu einer Leitfrage, die bisher nicht erforscht ist. Zum Beispiel ent -

Das 17-köpfige Forscherteam um Lichtenberg-

Professorin Dr. Iryna Gurevych (vordere Reihe,

Zweite von links) auf dem Campus der TU

Darmstadt. Dank fünfjähriger Lichtenberg-

Professur konnte Iryna Gurevych ein völlig

neues Forschungsgebiet definieren und aufbauen.

Und auch langfristig bieten sich für

das Team gute Perspektiven an der Univer -

sität, da sich das außerordentliche Potenzial

des Forschungsfeldes bereits bestätigt hat.

Impulse 2010 15


16

Brainstorming im Demonstrations- und Teambesprechungsraum

an der TU Darmstadt.

Torsten Zesch, Cigdem Toprak, Dr. Delphine

Bernhard, Professorin Iryna Gurevych und

Christof Müller (Bild oben, von links) disku -

tieren über die Internetsuche der nächsten

Generation. Das von den Forschern entwickelte

„Question Answering“ könnte Google

und Co. revolutionieren, indem es die Flexi -

bilität und Effektivität von Suchmaschinen

deutlich erhöht.

wickeln wir Algorithmen, die die Ähnlichkeit zwischen zwei Texten automatisch

bestimmen. Dazu müssen wir erst einmal herausfinden: Was macht Texte zu

ähn lichen Texten? Eine Ähnlichkeit im Sinne des Themas? Oder sind es identische

Wörter? Dann überlegen wir uns, wie wir dies in einen Algorithmus

verwandeln. Am Ende prüfen wir die Ergebnisse der Software anhand einer

von Menschen erstellten Musterlösung. Wir arbeiten mit Unternehmen zu sam -

men; vieles aber ist Grundlagenforschung, die ja Gegenstand der Lichtenberg-

Professur ist. Beides in Kombination macht dies von der Stiftung geförderte

Vorhaben so spannend.

Wie hat Ihnen die Lichtenberg-Professur geholfen, mit Geld?

Es ist sicher nicht das Geld. Ich habe viele andere Drittmittel-Forschungsprojekte.

An der Lichtenberg-Professur hat mich fasziniert, dass ich ein originäres

Forschungsgebiet definieren und international aufbauen kann. Das ist ein

Risiko, aber auch ein Reiz, weil man der Erste ist und die Chance hat, ein Forschungsgebiet

mit seinem Namen zu verbinden. Und ich habe eine langfristige

Perspektive an der Universität, weil bei Lichtenberg-Professuren gleich

eine Zielvereinbarung über ein Tenure-track-Verfahren geschlossen wird. Man

weiß: Nach fünf Jahren ist es nicht vorbei, wenn sich das Potenzial bestätigt.

Eine weitere Motivation für mich war, dass Lichtenberg-Professuren interdisziplinär

angelegt sind. Ich bin ja durch verschiedene wissenschaftliche Diszi -

plinen geprägt, und die Professur macht es möglich, diese in einem Forschungsgebiet

zu verbinden. Das Potenzial meiner Forschung hat sich bereits bestätigt

– mit Rufen auf gleich zwei W3-Professuren.

Als Sie die Professur antraten, sind Sie gerade 32 Jahre alt geworden. Weckt da der

Anspruch, ein neues Forschungsfeld eröffnen zu wollen, nicht Zweifel bei sich und

anderen?

Ich versuche, mit meiner Arbeit zu überzeugen. Mir ist der Einstieg aus zwei

Gründen leichter gefallen: Zum einen habe ich einen Schritt nach dem anderen

gemacht. An die Technische Universität Darmstadt kam ich Ende 2005

zunächst als leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsschwerpunkt

E-Learning und als Leiterin eines von mir eingeworbenen Projekts bei

der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nach anderthalb Jahren kam eine

Emmy-Noether-Gruppe der DFG hinzu, dann die Lichtenberg-Professur. Der

andere Punkt ist, dass ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen wunderbar

zusammenarbeiten kann; ich habe eine exzellente Arbeitsgruppe aufgebaut,

die mir viel bedeutet. Gemeinsam ist es uns inzwischen gelungen, den Stand -

ort TU Darmstadt auf dem Gebiet der automatischen Textanalyse weltweit

bekannt zu machen. Wir haben manches entwickelt, was auch in Stanford

oder Berkeley eingesetzt wird. Mehr kann man in so kurzer Zeit wohl kaum

erreichen.


Warum sind Sie Ihren Entwicklungen nicht in die USA gefolgt?

Weil ich gern in Deutschland bin. Deutschland ist für mich ja schon Ausland.

Ich komme aus der Ukraine, dort habe ich studiert. Ich war Stipendiatin des

Deutschen Akademischen Austauschdienstes und habe hier promoviert. Ich

lebe sehr gern in Deutschland, hier ist meine achtjährige Tochter geboren

und wächst glücklich auf. Es stimmt: In den USA wird viel mehr im Bereich

automatischer Textanalyse gearbeitet. Das ist zweifellos attraktiv, aber mit

der Lichtenberg-Professur wurde mir ein traumhaftes Angebot unterbreitet

– ganz einfach ein tolles Förderpaket geschnürt. Von den Kollegen in den USA

werde ich mittlerweile oft als Gastsprecherin und Partner für Forschungs -

projekte eingeladen.

Und wer das von Ihnen und Ihrem Team produzierte Wissen sucht, sollte im

Internet schauen, nicht in der Bibliothek?

Ja. Sobald ein Aufsatz für eine Veröffentlichung angenommen wurde, stellen

wir ihn auf unsere Webseite – ebenso wie Informationen über unsere Forschungsprojekte.

Unsere Community pflegt die Open-Access-Kultur. Die Leute

finden die Informationen von und über uns entweder mit Google oder sie

schauen gezielt auf unserer Webseite danach.

Frau Gurevych, vielen Dank für das Gespräch.

Die Lichtenberg-Professuren

Exzellente Forscherinnen und Forscher benötigen

zweierlei: die Freiheit, eigene Ideen zu verfolgen,

und eine Ausstattung, mit der die Realisierung

dieser Ideen möglich wird. Beides erhält, wer sich

bei der VolkswagenStiftung erfolgreich um eine

Lichtenberg-Professur bemüht. Zugleich können

Universitäten mithilfe einer solchen Professur auf

besonders substanzielle und nachhaltige Weise

Strukturplanung betreiben; das macht dieses Förderinstrument

für mehr und mehr Hochschulen

attraktiv. Fünf bis acht Jahre lang unterstützt die

Stiftung die herausragenden Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler dabei, ihr Forschungs-

feld an einer Universität ihrer Wahl fest zu verankern.

25 solcher Professuren – benannt nach dem

Mathematiker, Physiker und Philosophen Georg

Christoph Lichtenberg – hat die Stiftung zwischen

2003 und 2009 an 17 deutschen Hochschulen eingerichtet

(im Sommer 2009 sind vier weitere hinzugekommen,

die ihre Arbeit allerdings noch nicht

aufgenommen haben). All diese Wissenschaftlerpersönlichkeiten

eint, dass sie frische Strategien

in das traditionelle Hochschulsystem einspeisen.

Auf diese Weise gelingt es, bestehende Strukturen

aufzubrechen und Neuem nachhaltig den Weg zu

bahnen. cj

Impulse 2010 17


Ohne Worte – über die Sprache der Hände

Gehorchen Gesten einer eigenen Grammatik? Mit

dieser Frage beschäftigen sich vier Forscherinnen

aus Frankfurt/Oder, Berlin und Köln.

Wo fängt eine Geste an? Wo hört sie auf? Welche Formen gibt es? Wie lassen

sich Gesten kombinieren, und welche Bedeutungen haben sie? Und wie

hängen Gesten und Lautsprache zusammen? Was sind die neurologischen

Grundlagen von Gesten, und welche Vorläufer haben sie in der Evolution? In

einem einzigartigen Projekt suchen vier Forscherinnen aus Linguistik, Se mio -

tik, Neurologie und Vergleichender Primatologie nach einer „Grammatik der

Gesten“ – und stellen dabei das traditionelle Konzept von Sprache infrage.

Wenn Wissenschaftlerinnen die gleichen Fragen umtreiben, warum dann nicht

gemeinsam nach Lösungen suchen? Das sagten sich vor vier Jahren auch die

Linguistin Cornelia Müller, die Neurologin Hedda Lausberg, die Linguistin und

Semiotik-Expertin Ellen Fricke und die Primatologin Katja Liebal. Bis zum Start

ihres Forschungsprojekts „Towards a grammar of gesture: evolution, brain, and

linguistic structures“ im Jahr 2006 hatte jede von ihnen einen Weg gesucht,

Gesten systematisch zu erforschen. Dann fanden sie zusammen. Es sollte sich

auszahlen.

Eine aus dem Quartett ist Katja Liebal. Die Biologin, die heute als Juniorprofessorin

für Evolutionäre Psychologie an der Freien Universität Berlin arbeitet und

zuletzt in Leipzig und Portsmouth tätig war, promovierte 2005 zur gestischen

Kommunikation von Menschenaffen. Ihr Ziel war es, Gemeinsamkeiten wie

Unterschiede gegenüber der menschlichen Kommunikation aufzudecken und

Hinweise auf die Evolution von Sprache zu finden. „Es wird bisher strittig diskutiert,

ob Gesten Vorläufer der Lautsprache sind oder ob sie sich unabhängig

davon entwickelt haben“, sagt die 33-Jährige. Klarheit hätte eine exakte Analyse

der Gesten unserer nächsten Verwandten bringen können. Doch hierfür

fehlte Liebal die Methode. „Das ist ungefähr so, als wenn Sie eine Ihnen unbekannte

Sprache analysieren müssen, für die es noch gar keine Beschreibungskategorien

gibt.“

Das Zusammentreffen mit der Linguistin und Gestenforscherin Cornelia Müller

war für sie ein Glücksfall. Müller, inzwischen Professorin für Angewandte

Sprachwissenschaft an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder

und seinerzeit noch an der Freien Universität Berlin tätig, war schon lange

überzeugt davon, dass die Handbewegungen, die wir beim Sprechen benutzen,

kein Zufall sind. „Wenn wir reden, kommunizieren wir relevante Inhalte

Sind Gesten die Vorläufer der Lautsprache?

Oder hat sich die Kommunikation mit den

Händen unabhängig zum gesprochenen Wort

entwickelt? Vier Forscherinnen suchen nach

einer „Grammatik der Gesten“ und konzentrieren

sich dabei auf die Handbewegungen

während des Sprechens. Vergleichend werfen

sie einen Blick auf unsere nächsten Ver wand -

ten – etwa die Orang-Utans, die zum Beispiel

Gesten einsetzen, um Futter zu erbetteln.

Beobachtet wurden Orang-Utan Saddam

(links) und Patrizia (oben, hier mit Betreuerin

Ms Tuti), die im Orang-Utan Care Center im

Tanjun Putin Nationalpark im indo ne sischen

Teil der Insel Borneo leben.

Impulse 2010 19


20

Sie bilden das Forscherinnenquartett: Dr.

Ellen Fricke (links) von der Europa-Universität

Viadrina in Frankfurt/Oder ist im Team die

Expertin für Semiotik, die „Lehre der Zeichen“.

Juniorprofessorin Dr. Katja Liebal (rechts)

arbeitet zurzeit an der Freien Universität

Berlin; im Rahmen des Projekts verbrachte

sie mehr als 700 Stunden mit der Kamera vor

Zookäfigen und im Freiland und untersuchte

die Gestik von Schimpansen, Orang-Utans

und Gibbons.

auch mit den Händen“, sagt die Wissenschaftlerin. Im Jahr 2004 gründete

sie mit Ellen Fricke und Hedda Lausberg das Berlin Gesture Centre (BGC), das

interdisziplinäre Forschung und Lehre zu gestenbezogenen Themen mit Aus -

bildung und Beratung verbindet. Cornelia Müller und Ellen Fricke gehen davon

aus, dass Gesten ein integrierter Bestandteil von Sprache sind und ebenso

wie die Lautsprache Regeln unterliegen. Anders als bisher in der Linguistik

vermittelt, ist Sprache für sie kein „geschlossenes System lautlicher Zeichen“,

sondern „multimodal“.

In ihrem auf drei Jahre angelegten Vorhaben wollen die vier engagierten Wissenschaft

lerinnen nun erstmals eine umfassende Beschreibung von Gesten

erarbeiten, eine „Grammatik der Gesten“. Unterstützt werden sie dabei von

der VolkswagenStiftung im Rahmen der Initiative „Schlüsselthemen der

Geisteswissenschaften“ mit knapp einer Million Euro. Das Wort „towards“

im Projekttitel ist dabei bewusst gewählt, wie Cornelia Müller betont. „Wir

wollen zeigen, dass Gesten zumindest einer eigenen Proto-Grammatik gehorchen;

allerdings werden wir in dieser kurzen Zeit nur die Grundlagen dafür

legen können.“

Im Fokus des Forscherteams stehen die redebegleitenden Gesten, also Handbewegungen,

die sich beobachten lassen, wenn jemand spricht. In neun Teilprojekten

untersuchen mehr als zwanzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

aus Primatologie, Linguistik, Neurobiologie und Semiotik, wie Gesten

aus Handbewegungen geschaffen werden, welche Formen und Kombinationen

von Gesten wir verwenden und welche evolutionären Hintergründe und

neurologischen Prozesse ihnen zugrunde liegen. Als Ergebnisse sollen unter

anderem drei Grundlagenwerke entstehen: ein Field Guide von Cornelia Müller,

der erstmals eine systematische linguistisch-strukturelle Analyse von Gesten


ermöglichen soll, ein Buch mit dem Titel „Talking Hands“, in dem Müller eine

linguistische Dokumentation der Formen redebegleitender Gesten vornimmt,

sowie Ellen Frickes Buch „Grammatik multimodal“, das die theoretischen Grund -

lagen für eine Integration von Gesten in die lautsprachliche Grammatik

formuliert.

Die Linguistinnen Müller und Fricke lieferten auch den theoretischen Hin -

tergrund für die linguistische Beschreibung von Gesten. Ellen Fricke vertritt

gerade eine Professur für Angewandte Sprachwissenschaft an der Europa-

Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Als Expertin für die „Lehre der Zeichen“

kennt sie sich mit deren theoretischer Beschreibung, ihrer Abgrenzung und

Interpretation aus und fungiert damit als Bindeglied zwischen der Linguistik

und den anderen Disziplinen. „Die meisten Linguisten trennen Körperbewegungen

von Sprache“, sagt sie. „In der Semiotik gab es dagegen schon immer

eine Offenheit für gestische Zeichen.“ Dieses Verständnis, dieses Bewusstsein

zahle sich jetzt aus.

Gemeinsam mit Cornelia Müller und ihren Mitarbeitern hat sie schon mehr

als 80 Stunden Videomaterial gesichtet: Aufnahmen von Menschen in Ratesendungen

und Talkshows, von Gesprächen zwischen Bekannten, in Vorlesungen

und bei wissenschaftlichen Vorträgen – oder auch in eher experimentellen

Situationen. Jede Geste beschrieben sie anhand von vier Parametern:

Handform, Orientierung der Hand, ausgeführte Bewegung und Bewegungsrichtung

sowie räumliche Position in Relation zum Körper. Änderten sie

dabei einen Parameter, zum Beispiel die Position der Hand, veränderte sich

damit auch die Bedeutung der Geste. „Ähnliches kennt man in der Linguistik

von Wörtern, bei denen man einzelne Laute austauschen kann“, erklärt Fricke.

„Wie bei ‚rot’ und ‚tot’.“

Professorin Dr. Cornelia Müller (links) von der

Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder

geht wie ihre Kollegin Dr. Ellen Fricke davon

aus, dass Gesten ein integrierter Bestandteil

von Sprache sind und ebenso wie die Lautsprache

Regeln unterliegen. Professorin Dr.

Hedda Lausberg (rechts) untersucht an der

Deutschen Sporthochschule Köln die kogni -

tiven und emotionalen Prozesse, die bei der

Gestenproduktion im menschlichen Gehirn

ablaufen. Sie interessiert unter anderem, welche

Hirnareale aktiv sind, wenn Menschen

Objekte tatsächlich gebrauchen oder aber

dies nur pantomimisch darstellen.

Impulse 2010 21


22

Vier Forscherinnen, vier thematische Schwerpunkte

– Neurologie, Linguistik, Semiotik

(Lehre der Zeichen) und Primatologie: (von

links) Professorin Dr. Hedda Lausberg von der

Deutschen Sporthochschule Köln, Professorin

Dr. Cornelia Müller und Dr. Ellen Fricke (beide

von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder)

sowie Juniorprofessorin Dr. Katja

Liebal von der Freien Universität Berlin

Überdies stellten sie fest, dass sämtliche Gesten nach vier Prinzipien „hergestellt“

werden: als agierende, modellierende, zeichnende und repräsentierende

Gesten. Agierende Gesten ahmen Bewegungen nach und erinnern damit an

Verben. So wird das Wort „schreiben“ häufig mit einer schreibenden Bewegung

des Zeigefingers begleitet. Modellierende und zeichnende Gesten stellen

dagegen Eigenschaften dar, vergleichbar Adjektiven. Manchmal steht unsere

Hand aber auch direkt für ein Objekt, zum Beispiel für ein Blatt Papier – eine

repräsentierende Geste. Aus diesen und anderen Hinweisen schließen die

Forscherinnen, dass sie es bei Gesten mit Vorformen von sprachlichen Strukturen

zu tun haben. Für sie steht fest: „Denken manifestiert sich nicht nur

über die Lautsprache, sondern auch im Gestikulieren.“

Die Vierte im Forscherinnenverbund, Hedda Lausberg, untersucht die kognitiven

und emotionalen Prozesse, die bei der Gestenproduktion im menschlichen

Gehirn ablaufen. Unter anderem zeigt die Professorin für Neurologie, Psychosomatik

und Psychiatrie von der Deutschen Sporthochschule Köln – bei Projektbeginn

war sie noch am Universitätsklinikum Dresden tätig – mithilfe der

funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) und der Nah-Infrarotspektroskopie

die zerebralen Aktivierungsmuster bei der Produktion von Gesten

auf. So untersuchte sie, welche Hirnareale aktiv sind, wenn Menschen ein

Objekt gebrauchen, etwa einen Hammer. Die Ergebnisse verglich Lausberg

mit der zerebralen Aktivierung bei der gleichen Bewegung als pantomimische

Geste. Sie stellte fest: Bei denjenigen Personen, die den Hammer verwendeten,

wurden beide Hirnhälften aktiviert. Die pantomimische Handlung aktivierte

jedoch zusätzlich linkshemisphärische Areale. Bei Patienten mit linkshemi -

s phärischen Hirnschädigungen beobachtete sie zudem, dass diese bei der

Ausführung pantomimischer Gesten eingeschränkt waren. Eine ihrer Folgerungen:

Pantomimische Gesten erfordern im Vergleich zu Objektgebrauch

die zusätzliche Kompetenz, mit der Vorstellung des Objektes zu agieren, das

heißt, die Fähigkeit zur Abstraktion. „Diese Fähigkeit ermöglicht es, Dinge

zu kommunizieren, die nicht physisch präsent sind, zum Beispiel von einem

Hammer zu sprechen, obwohl er nicht da ist“, sagt Lausberg. „In der Evolution

könnte der Erwerb dieser Kompetenz einen entscheidenden Schritt in der

Entwicklung gestisch-sprachlicher Kommunikation dargestellt haben.“

Eine Fähigkeit, die Affen zu fehlen scheint. Katja Liebal hat mehr als 700 Stunden

mit der Kamera vor Zookäfigen und im Freiland verbracht und beobachtet,

wie sich Schimpansen, Orang-Utans und Gibbons verständigen. Dabei entdeckte

sie, dass die Tiere ausschließlich agierende Gesten benutzten, zum

Beispiel um Futter zu erbetteln. Zeichnende, modellierende oder repräsentierende

Gesten fand die Forscherin dagegen nicht. Andererseits deutet einiges

darauf hin, dass Affen ihr Kommunikationssystem flexibel anpassen können.

In Gefangenschaft kommunizieren die Tiere eher über Gesten als im Freiland,

wo sie sich oft über große Entfernungen verständigen müssen. Auch variieren

sie die Form einer Geste, je nachdem, in welchem Kontext diese steht.

„Ohne die linguistische Perspektive wäre ich auf viele Ergebnisse gar nicht


gekommen“, sagt Liebal, die ihren Forschungsansatz unter Freilandprimatologen

manchmal rechtfertigen muss – und sich umso mehr an dem inspirierenden

Forscherinnenverbund erfreut.

Vom großen Potenzial interdisziplinärer Zusammenarbeit sind sie und ihre

drei Kolleginnen überzeugt. Neben den umfassenden Erkenntnissen, die sie

für ihre jeweilige Disziplin gewonnen haben, wollen sie durch ihr Projekt auch

dazu beitragen, die noch junge Gestenforschung national wie international

zu etablieren. Dokumentiert und thematisiert wird das junge Forschungsfeld

unter anderem durch die Zeitschrift GESTURE und die Internationale Gesellschaft

für Gestenforschung (ISGS). Die praktische Relevanz dieses Wissenschaftszweiges

zeigen zudem zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten in der

Lehrerausbildung, der Kommunikationsforschung und -beratung, der Arzt-

Patient-Interaktion, der Psychotherapie, der Rehabilitation von Patienten mit

Sprachstörungen, der Computeranimation oder in der wissenschaftlichen

Analyse audio-visueller Daten.

Für die Erforschung von Gesten haben Cornelia Müller und ihre drei Kolleginnen

in kurzer Zeit Entscheidendes geleistet, nicht zuletzt durch die Erarbeitung

wesentlicher Grundlagenwerke. Ihre Expertise, aber auch zahlreiche Kontakte

zu Wissenschaftlern anderer Disziplinen und Länder machen sie darüber hinaus

auch hierzulande zu gefragten Expertinnen in Sachen Gestenforschung. So ge -

hören Cornelia Müller, Hedda Lausberg und Katja Liebal zum Exzellenzcluster

„Languages of Emotion“ der Freien Universität Berlin. Katja Liebal wird zudem

seit Herbst 2008 von der VolkswagenStiftung noch in einem weiteren großen

Kooperationsprojekt gefördert; bei dem Vorhaben „Evolu tionary Roots of

Human Social Interaction“ versucht sie gemeinsam mit Forschern in Leipzig,

der Evolution des menschlichen Sozialverhaltens auf die Spur zu kommen.

Das Projekt über die Grammatik der Gesten hingegen nähert sich seinem

Ende. Bei einer großen internationalen Abschlusskonferenz im Jahr 2010

(www.isgs2010.de) wollen die vier Wissenschaftlerinnen die Ergebnisse

dann zur Diskussion stellen. Das Thema „Gestenforschung“, da sind sich

alle vier einig, wird sie jedoch auch weiter begleiten.

Melanie Ossenkop

Auf Forschungsreise zu unseren „Verwandten“ auf

Borneo: Katja Liebal, im Bild unten mit dem Orang-

Utan-Weibchen Jill, besuchte unter anderem das

Orang-Utan Care Center im indonesischen Tanjun

Putin Nationalpark. Beim Beobachten der Menschenaffen

fand sie zum Beispiel heraus, dass in Gefangenschaft

lebende Tiere deutlich häufiger mit Gesten

kommunizieren als ihre freilebenden Artgenossen.

Impulse 2010 23


Hirnforschung: mehr Einblick mit Weitblick

Die bildgebende Diagnostik ermöglicht heute bessere

Einblicke ins Gehirn und neue Therapien. Doch

Hirnforscher beschäftigen auch ethische Fragen.

Mithilfe von Stammzellen oder neurochirurgischen Verfahren könnten

Schlag anfälle und Tumore, neurodegenerative und psychische Erkrankungen

in Zukunft besser behandelbar werden. Doch diese Therapien bergen

auch Risiken und Nebenwirkungen. Um die Patienten von morgen zu schützen,

ist ein verantwortungsvoller Weitblick bereits in der Forschung wichtig.

In zwei von der Stiftung geförderten Projekten stellen sich Wissenschaftler

dieser Herausforderung auf unterschiedliche Weise.

Das menschliche Gehirn ist die Steuerzentrale des Körpers, der Entstehungsort

von Bewegung. Es verarbeitet Empfindungen, steuert Sprache und gilt als

Sitz der Seele. Mit dem Eingriff ins Gehirn verbindet die Menschheit Hoffnung

und Bedenken zugleich. Schon Schädelöffnungen im antiken Ägypten

sorgten für Aufsehen. Moderne Anästhesie und die Möglichkeit keimfreien

Arbeitens förderten die Entwicklung der Hirnchirurgie im 20. Jahrhundert. In

den 1960er Jahren durchtrennte man Nervenfasern zur Therapie psychiatrischer

Erkrankungen. Jenes Zeitalter der Psychochirurgie warf alsbald die Frage

auf: Wird ein Eingriff ins Gehirn zum Eingriff in die Persönlichkeit? Aktuelle

Popularität verdankt die Hirnforschung der Macht von Bildern. Kern spin-Tomografie

und molekulare Bildgebung gewähren Forschern neue Einblicke in Anatomie

und Funktion. Sie haben die Hirnforschung revolutioniert und neue

Therapien ermöglicht. Der Bogen für aktuelle Herausforderungen ist gespannt.

Reparatur mittels eingepflanzter Stammzellen

Eine davon ist die Therapie mit Stammzellen. Diese noch nicht spezialisierten

Zellen teilen und vermehren sich im Unterschied zu ausgereiften unbegrenzt.

Die Allroundtalente können sich grundsätzlich zu jedem Zelltyp entwickeln.

Ihre Eigenschaften nutzt die medizinische Forschung etwa zur Regeneration

von Körpergeweben: „Wir wissen, dass sich Stammzellen zu einem geschädigten

Gewebe bewegen“, erklärt Professor Dr. Mathias Hoehn vom Max-

Planck-Institut für neurologische Forschung in Köln. In geringem Umfang

geschehe dies bei körpereigener Regeneration. Hoehns Idee besteht nun

darin, diese Reparaturvorgänge mit eingepflanzten Stammzellen zu unterstützen.

Im Idealfall verwandeln sich diese in ausgereifte Nervenzellen und

übernehmen deren Funktion.

Wohin bewegen sich in Ratten implantierte

Stammzellen, und zu was entwickeln diese

sich? Das Anfärben von Hirnschnitten ihrer

Versuchstiere (Bild oben) hilft Forschern, solche

Fragen zu beantworten. Wissenschaftler

aus Köln und von der Universität Leiden in

den Niederlanden nutzen in einem von der

Stiftung geförderten Vorhaben mehrere bildgebende

und molekularbiologische Verfahren,

um der regenerativen Kraft von Stammzellen

auf die Spur zu kommen (großes Bild

links: immunhistologische Anfärbung von

Hirnschnitten von Ratten).

Impulse 2010 25


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Diplombiologe Klaus Kruttwig aus der Arbeits -

gruppe von Professor Dr. Mathias Hoehn vom

Max-Planck-Institut für neurologische Forschung

in Köln bei der Probenanalyse mit -

hilfe einer hochauflösenden Kamera (Bild

oben). Im Bild unten: Professor Mathias Hoehn

und Mitarbeiter seines Teams (von links):

Melanie Nelles, Dr. Chrystelle Po, Professor

Mathias Hoehn, Dr. Therese Kallur, Dr. Chantal

Brüggemann, Dilek Güneri, Diplombiologe

Klaus Kruttwig.

Erstmals gelang es dem Physiker bereits im Jahr 2002 mithilfe der Kern spin-

Tomografie, die Wanderung transplantierter Stammzellen im Gehirn von

Ratten sichtbar zu machen. Doch bisher blieben diese Untersuchungen auf

die Lokalisierung der Zellen beschränkt. Nun will Hoehn gemeinsam mit dem

Zellforscher Professor Dr. Clemens Löwik vom Medizinischen Zentrum der

Universität Leiden in den Niederlanden deren funktionelle Veränderungen

über einen längeren Zeitverlauf im lebenden Organismus beobachten. Der

Clou an dem Vorhaben ist die Kombination mehrerer bildgebender mit molekularbiologischen

Verfahren. Neben der Kernspin-Tomografie (MRI) setzt

Hoehn auch optische Methoden ein. Die Wissenschaftler haben Mitte 2008

mit ihren Arbeiten begonnen; die VolkswagenStiftung unterstützt das interdisziplinäre

Kooperationsprojekt mit 560.000 Euro unter dem Dach ihres

Förderangebots „Offen – für Außergewöhnliches“. Eingebunden sind in das

Forscherteam Molekular- und Verhaltensbiologen, Mediziner, Chemiker,

Elektrotechniker und Physiker.

Die Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Frage: Wohin bewegen sich die

Zellen, und zu was entwickeln sie sich? Um sich Antworten zu nähern, werden

die Stammzellen vor ihrem Einsatz zunächst einmal mit einem Kontrastmittel

aus Eisenoxid-Nanopartikeln markiert. So lassen sich Lokalisation und Bewegung

nachweisen. Die Beobachtung der Zellfunktion hingegen ist aufwän di ger:

Vor der Implantation, der Einpflanzung, werden die Stammzellen gentechnisch

verändert. Das ist der Part, den der Molekularbiologe Löwik übernimmt: Über

ein Virus schleust er sogenannte Genfähren, kleine Abschnitte fremder DNA,

in die Stammzelle ein. „Sobald man mit solchen transgenen Zellen arbeitet,

wird es kompliziert“, betont Hoehn. Das in die Wirts-DNA eingefügte Stück

nennt sich Reporter-Gen. Wie ein Nachrichtenreporter sendet es wichtige

Informationen an die Forscher. Es codiert etwa für einen optisch nachweis -

baren Farbstoff. Voraussetzung dafür ist eine Art Startsignal, das von einem

vorgeschalteten Promotor-Gen ausgeht. Dies wird aktiviert, wenn die Zelle

einen bestimmten Funktionszustand erreicht. Hat sie sich etwa zur Nervenzelle

verwandelt, wird das eingeschleuste Reporter-Gen abgelesen, und die

Zelle erzeugt ihr Kontrastmittel selbst.

Stammzellforschung als gesellschaftliches Thema

Die Schwierigkeit besteht darin, Nachweisstoffe für bestimmte Zustände zu

finden. Hoehn berichtet von ebenso spannenden wie zeitraubenden Experimenten:

„Manchmal nehmen die Zellen den Stoff nicht auf, oder er stellt nicht

die gesuchte Eigenschaft dar – oder wirkt gar schädlich.“ Doch die Zelldynamik

lasse sich nun einmal nur im aktiven Zustand beobachten. Erfolgreich

funktioniert hat bereits die zellspezifische Produktion von fluoreszierenden

Farbstoffen. So können die Forscher bereits rot fluoreszierendes Protein selektiv

in weiterentwickelten Stammzellen nachweisen. Bei der Biolumineszenz-

Methode enthält das Gensegment die Information für ein Enzym, das die


Zelle zu einer Lichtreaktion wie bei Glühwürmchen anregt. Beide Verfahren

dieses Optical Imaging (OI) basieren auf der Detektion von Licht: Es wird von

lebenden Zellen ausgesendet und mithilfe einer für Licht hochempfindlichen

Kamera gemessen.

„Je mehr Verfahren wir allerdings gleichzeitig anwenden, desto schwieriger

wird der Nachweis“, gibt Mathias Hoehn zu bedenken. Die optischen Methoden

zeigen ihm, ob die Zellen noch leben; in der Aufnahme der Kernspin-To mo -

graphie wiederum sieht man, wo sie sich befinden. Inzwischen lassen sich mit

den Spezialgeräten der Forscher einzelne Zellverbände genau beobachten. Die

Erkenntnisse könnten einmal eine bessere Behandlung von Schlag anfällen

und Tumor er krankungen ermöglichen und auf andere Organe übertragbar

sein.

Doch der Forscher bremst die Erwartungen: „Hier handelt es sich um Beobachtungen

an Mäusen und Ratten. Die Anwendung beim Menschen ist noch

ganz weit weg.“ Auf dem Weg dorthin sieht er sich immer wieder ethischen

Fragen ausgesetzt. Das Gebiet der Stammzellforschung allgemein sorgt in

der Breite der Gesellschaft für Diskussionen, die auch ihn berühren. Durch das

Embryonenschutzgesetz ist der Einsatz der unreifen humanen embryonalen

im Unterschied zu den adulten Stammzellen hierzulande untersagt. Beim

Einsatz embryonaler Stammzellen von Mäusen war einem Team um Hoehn

in früheren Studien ein erhöhtes Tumorrisiko aufgefallen, das sich bei adulten

Stammzellen nicht beobachten ließ. „Das Verhalten menschlicher embryonaler

Stammzellen unter klinischen Bedingungen ist derzeit nicht vorauszusagen“,

betont Hoehn. Er will zunächst die Abläufe in den Zellen genauer verstehen.

Wenn dieses Ziel erreicht sei, könne man möglicherweise andersartig hergestellte

Stammzellen nutzen. „Dies würde auch die ethische Diskussion vereinfachen“,

hofft er.

Jan Jikeli (links) und Mathias Hoehn vom Max-

Planck-Institut für neurologische Forschung

in Köln diskutieren Untersuchungs ergebnisse

gleich am Bildschirm. Die Er kennt nisse der

Wissenschaftler könnten in Zukunft zu einer

besseren Behandlung etwa von Schlaganfällen

und Tumorerkrankungen beitragen. Bis

allerdings das, was derzeit an Ratten und

Mäusen erprobt wird, auf den Menschen

übertragbar ist, dürfte noch Zeit ver gehen.

Impulse 2010 27


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Neue Hoffnung für die kranke Psyche?

Ein anderes Projekt der Stiftung rückt eben diese Diskussionen in den Mittelpunkt.

Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen

sich mit ethisch-juristischen Aspekten der Tiefen Hirnstimulation in der

Psychiatrie; ein Vorhaben, das die VolkswagenStiftung mit rund 200.000 Euro

unterstützt. Auch in der Psychiatrie werden innovative Bildgebungsverfahren

eingesetzt – beispielsweise, um Erkrankungen wie Depressionen zu erforschen.

„Bisher nahm man ein Missverhältnis der Botenstoffe im Gehirn als Ursache

der Krankheit an. Die neuen Darstellungsmethoden machen jedoch auch

andere Hypothesen möglich“, erklärt Professor Dr. Thomas Schläpfer. Nach

Ansicht des stellvertretenden Direktors der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

am Universitätsklinikum Bonn hat die bei Depressionen typische

Antriebslosigkeit und Freudlosigkeit mit einer falschen Reizverarbeitung im

Belohnungssystem zu tun. Dieses sorgt eigentlich für die Erinnerung an gute

Erlebnisse und versetzt uns in einen Zustand der Vorfreude.

Schläpfer bringt innerhalb des Belohnungssystems insbesondere den Nucleus

accumbens mit der Entstehung der Depression in Verbindung. Dieses Hirn -

areal ist daher sein Zielgebiet, wenn er ausgewählte Patienten mit schweren

Depressionen mit der Tiefen Hirnstimulation (THS) behandelt. Während sich

dieses Stimulationsverfahren zur Therapie der Parkinson-Krankheit bereits

bewährt hat, kommt es gegen Depressionen bislang nur experimentell zum

Einsatz. Dabei werden zwei Elektroden ins Gehirn implantiert. Ein damit

verbundener Schrittmacher gibt elektrische Impulse ab. „Oft verschwinden

gewisse Symptome schon wenige Minuten, nachdem Strom fließt“, hat

Schläpfer bei Untersuchungen an gut einem Dutzend Patienten beobachtet.

Bei Depressiven, denen andere Behandlungsmethoden bisher nicht halfen,

hält er die Tiefe Hirnstimulation für Erfolg versprechend.

Tiefe Hirnstimulation nicht nur bei Parkinson, sondern auch im

Kampf gegen Depressionen. Implantierte Elektroden werden mit

einem Schrittmacher verbunden, der über die Elektroden elek -

trische Impulse in den Bereich des Nucleus accumbens abgibt –

ein Hirnareal, das Teil des Belohnungssystems ist. Wissenschaftler

berichten, dass bei einigen Patienten gewisse Symptome der

Depression bereits wenige Minuten, nachdem der Strom fließt,

verschwinden.


Doch der Psychiater weiß auch um die Gefahren: Wie bei jeder Operation

können Blutungen und Infektionen auftreten. Weltweit fanden erst etwa

zweihundert Operationen dieser Art statt; Langzeiteffekte sind noch unzu -

reichend erforscht. Die Tiefe Hirnstimulation wirft ethische Fragen auf: Ist

es vertretbar, die kranke Psyche elektronisch zu beeinflussen? Kritiker be -

fürchten gar Parallelen zum Zeitalter der Psychochirurgie mit bleibenden

Verän de rungen der Persönlichkeit. „Im Unterschied dazu ist die Tiefe Hirn -

stimulation schonend und reversibel“, betont Schläpfer. Die Elektroden

könnten jederzeit ausgeschaltet werden. Dessen ungeachtet setzt sich

der Psychiater mit Nachdruck für eine frühzeitige ethische Auseinander -

setzung ein.

Und die wird in dem seit Sommer 2008 geförderten Projekt koordiniert von

der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlichtechnischer

Entwicklungen in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Von dort organisiert

Dr. Thorsten Galert gemeinsam mit Professor Schläpfer die Zusammenarbeit

einer internationalen Expertengruppe bestehend aus neun Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftlern, die international führend sind auf dem Gebiet.

Im Verlauf von neun Meetings, die sich bis ins Jahr 2011 erstrecken werden,

bearbeiten Neurochirurgen, Psychiater, Neurologen, Neuropsychologen, Juristen

und Medizinethiker ethisch relevante Fragen der Tiefen Hirnstimulation.

Erstaunlich findet der auf medizinethische Themen spezialisierte Philosoph

Galert, wie reibungslos hier Forscher zusammenarbeiten, die sonst teilweise

Konkurrenten sind. „Sie eint das gemeinsame Anliegen, ihr Gebiet auf ethisch

verantwortbare Weise voranzubringen.“ Die Expertengruppe will sich auf

klare Em p fehlungen sowohl für die wissenschaftliche Erforschung und klinische

An wen dung als auch für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft

verständigen.

Dabei geht es unter anderem um das Thema Patienteneinwilligung. „Die

Betroffenen leiden oft so stark, dass sie in jede Hoffnung verheißende The -

rapie einwilligen würden“, erklärt Schläpfer. Hier stehen die Experten beispielsweise

vor der schwierigen Frage einer angemessenen Patientenauf -

klärung. Weil die Tiefe Hirnstimulation längst nicht jedem Depressiven hilft,

sind Nutzen und Risiko individuell abzuwägen. Die Gruppe formuliert daher

ethische Kriterien für die Patientenauswahl und das methodische Vorgehen.

„Unsere Empfehlungen könnten international erheblichen Einfluss gewinnen“,

hofft Galert. Sie müssten veröffentlicht werden, bevor sich die Therapie etabliert

– schon um der Einflussnahme verschiedener Interessengruppen entgegenzuwirken.

Die Ergebnisse der Projektarbeit sollen 2011 publiziert und bei

einer internationalen Tagung vorgestellt werden. „Im Idealfall können geeignete

Patienten so den größtmöglichen Nutzen aus der Tiefen Hirnstimulation

ziehen“, sagt Galert. Bis dahin ist allerdings noch viel ethischer Weitblick von

allen Beteiligten gefordert.

Dr. Heidrun Riehl-Halen

Professor Dr. Thomas Schläpfer (links) von der

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am

Universitätsklinikum Bonn und Dr. Thorsten

Galert von der Europäischen Akademie zur

Erforschung von Folgen wissenschaftlichtechnischer

Entwicklungen in Bad Neuenahr-

Ahrweiler mit einem Hirnschrittmacher.

Gemeinsam organisieren sie die Zusammenarbeit

einer internationalen Expertengruppe,

die sich auf klare ethische Empfehlungen für

den Einsatz der Tiefen Hirnstimulation bei

Depressionen verständigen will.

Impulse 2010 29


Neue Heimat Deutschland

Schumpeter-Fellow Naika Foroutan geht an der

Humboldt-Universität Berlin der Frage nach, wann

Menschen Deutschland als ihre Heimat empfinden.

Mit ihrem Forschungsvorhaben über Menschen, die sich verschiedenen

Kulturräumen zugehörig fühlen, gehört Dr. Naika Foroutan zum ersten

Jahrgang der Schumpeter-Fellows. Mit dieser Initiative fördert die Stiftung

exzellente Nachwuchswissenschaftler aus den Wirtschafts-, Sozial- und

Rechtswissenschaften, deren Ziel es ist, Neuland für ihr Wissensgebiet

zu erschließen. Nicht zuletzt können sie so auch ihr Potenzial für eine

Führungsposition innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft entfalten.

Das Spezialgebiet von Naika Foroutan ist Identitäts- und Integrationspolitik.

Seit Januar 2008 fördert die VolkswagenStiftung ihr Forschungsprojekt „Hybride

europäisch-muslimische Identitätsmodelle“ am Institut für Sozialwissenschaften

der Humboldt-Universität zu Berlin. Die 38-jährige Politologin promovierte

bei Professor Dr. Bassam Tibi in Göttingen und erhielt für ihre Arbeit über die

Untersuchung interzivilisatorischer Kulturdialoge zwischen dem Westen und

der islamischen Welt mehrere Preise. Naika Foroutan engagiert sich im „Verein

zur Förderung des interkulturellen Dialogs“ und in der „Gesellschaft für

Iranbezogene Sozialforschung in Berlin e. V.“. Für den Hörfunksender Deutsche

Welle analysiert sie regelmäßig aktuelle Entwicklungen aus den Bereichen

Nahost, Iran, politischer Islam und rund um das Themenfeld Migration und

Integration. Über ihr Forschungsprojekt und die Herausforderung, Beruf und

Familie zu vereinbaren, sprach die dreifache Mutter mit Wissenschaftsjournalistin

Ute Kehse.

Frau Dr. Foroutan, Sie sind auf der Suche nach Menschen mit hybrider Identität.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Das sind Menschen, die in zwei Kulturräumen heimisch sind, die es schaffen,

unterschiedliche Referenzsysteme miteinander zu verbinden. Meine Kollegin

Dr. Isabel Schäfer und ich arbeiten an einer empirischen Studie, für die wir 250

Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit und muslimischem Migrations -

hintergrund interviewen. Bei uns sind die verschiedenen Zugehörigkeitskontexte

folglich der Islam und das Deutschsein. Mit „muslimischem Migra tions -

hintergrund“ meinen wir, dass die Personen selbst, ihre Eltern oder Großeltern

aus einem Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung eingewandert

sind. Sie müssen sich aber nicht unbedingt als muslimisch bezeichnen.

Wann wird Deutschland zur Heimat? Dr. Naika

Foroutan erforscht am Institut für Sozialwissenschaften

der Humboldt-Universität zu

Berlin die Identitäten von Menschen, die in

zwei Kulturräumen heimisch sind. Dabei

konzentriert sich die 38-jährige Expertin für

Identitäts- und Integrationspolitik auf Menschen

mit deutscher Staatsangehörigkeit

und muslimischem Migrationshintergrund.

Impulse 2010 31


32

Dr. Naika Foroutan bespricht sich mit einem

Teil ihres Teams (von links): Miriam Yasbay,

Dr. Naika Foroutan, Benjamin Schwarze, Sina

Arnold. Die Forscherin kooperiert bei ihrem

Projekt eng mit der Berlin Graduate School of

Social Sciences und pflegt ein Netzwerk aus

einer Vielzahl an Studierenden, Doktoranden

und Wissenschaftlern anderer Einrichtungen,

die sich mit Identitäts- und Integrationspolitik

befassen.

Was interessiert Sie an diesen Menschen?

Mich interessiert, warum es für diese Personen so schwierig ist, sich mit

Deutschland als Heimat zu identifizieren, und warum es für die Mehrheitsgesellschaft

so schwierig ist, diese Menschen als „echte“ Deutsche zu sehen.

Schließlich leben sie in zweiter und dritter Generation hier. Sie sprechen fließend

Deutsch, träumen auf Deutsch und geben die Staatsangehörigkeit an

ihre Kinder weiter. Der Migrationshintergrund endet eigentlich mit der dritten

Generation. Dies wird hier in Deutschland jedoch nicht so wahrgenommen.

Wir untersuchen in unserem Projekt, wie diese Menschen sich selbst

sehen und welche Rolle sie für den politischen, sozialen und kulturellen

Wandel in Deutschland spielen: als Akteure des Wandels, als Brückenbauer,

Mediatoren – oder vielleicht sogar als Avantgarde.

Ihr Name lässt darauf schließen, dass Sie selbst Wurzeln außerhalb Deutschlands

haben …

Ja, mein Vater ist Iraner und meine Mutter ist Deutsche, das Thema betrifft

mich also auch. Wenn ich einen Fragebogen konzipiere, gehe ich die Fragen

in Gedanken durch und überlege, wie ich sie selbst beantworten würde. Ich

versuche aber, von mir als Person zu abstrahieren. Aus unserem Fragebogen

sollen am Ende verschiedene Identitätsmodelle deutsch-muslimischer Natur

herausgekoppelt werden: zum Beispiel gibt es da den Neo-Islam, Herkunfts-

Islam, Kultur-Islam, Eliten-Islam, Pop-Islam, Street-Islam, Traditions-Islam.

Diese unterschiedlichen „hybriden“ Identitätsmodelle sollen verdeutlichen,

dass der Islam, wie jede andere kulturelle oder religiöse Zugehörigkeit, unterschiedliche

Modelle und Entfaltungsräume anbietet. Diese Modelle stehen

keineswegs im Widerspruch zur kulturellen Verortung der Mehrheitsgesell -

schaft, die ja auch nicht homogen ist. Homogene Gesellschaftsstrukturen hat

es noch nicht mal zu Zeiten der Römer gegeben – trotzdem steht dies als Idee

eines sozialen Friedens, sozusagen als Mythos, im Raum.

Haben Sie schon eine Antwort darauf, warum es so schwierig ist, Deutschsein

und Muslimischsein zu verbinden?

Bei unseren Interviews kam heraus, dass sich ganz viele unserer Gesprächs -

partner zu 80 Prozent als Deutsche fühlen, und nicht etwa nur zu 50 Prozent.

Viele fühlen sich aber in Ämtern, bei der Polizei oder beim Arzt überhaupt

nicht als Deutsche wahrgenommen. Der einzige Ort, an dem Eigenwahrnehmung

und Fremdwahrnehmung übereinstimmen, ist das Telefon, weil hier

Erkennung nicht visuell erfolgt. Sonst divergieren Fremdwahrnehmung und

Eigen wahr nehmung sehr stark. Das kann zu Entfremdungsprozessen, Aggression,

freiwilliger Desintegration oder Resignation führen. Es kann aber auch

zu dem Willen führen, politisch und gesellschaftlich etwas verändern zu wollen.


Vor allem das Aussehen wirkt also abgrenzend?

Ja. Das hat uns selbst überrascht, weil wir dieses Ergebnis zunächst sehr

platt fanden. Man nennt die Abgrenzung von anderen Gruppen auch „Othering“.

Wenn man offene Symbole wie Kopftuch, einen bestimmten Bart oder

bestimmte Kleidung trägt, dann findet dieser Othering-Prozess sofort statt.

Es wird sofort assoziiert: Dieser Mensch kann wahrscheinlich nicht richtig

Deutsch sprechen oder ist womöglich gar illoyal und gefährlich; er gehört

nicht dazu. Interessanterweise findet dieser Prozess aber auch statt, wenn

diese klar erkennbaren Symbole nicht gegeben sind, sondern nur die Haarfarbe

oder der Name auf einen muslimischen Migrationshintergrund schließen

lassen. Es ist also das Aussehen, in Verbindung mit dem Referenzsystem

Islam, das hier ganz besonders negativ konnotiert ist.

Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Es geht nicht mehr um die Multikulti-Debatte: Wie leben wir mit Muslimen

in Deutschland? Toleranz war gestern, heute geht es um Wertschätzung! Es

geht auch nicht mehr darum, wie man Türken oder Muslime am erfolgreichsten

integriert. Es geht darum, wahrzunehmen und deutlich zu machen, dass

sich das „Deutschsein“ wandelt: Wir sind auch Deutsche! Wir leben hier, und

unsere Kinder werden hier leben, und irgendwann wollen wir endlich als

Deutsche gesehen werden, ohne dass unsere Identität stets hinterfragt und

uns mangelnde Loyalität unterstellt wird.

Sie werden mit einem Schumpeter-Fellowship gefördert. Dabei geht es um Forschungsprojekte,

die die Grenzen des eigenen Fachs ausloten. Inwiefern ist das

bei Ihnen der Fall?

Meine Projektpartnerin Isabel Schäfer und ich sind Politikwissenschaftlerinnen.

In unserem Vorhaben schlagen wir den Bogen zur Sozialpsychologie, zu den

Kommunikationswissenschaften und zur Religionssoziologie. Neu an unserer

Studie ist, dass wir uns auf Deutsche beziehen – Deutsche mit muslimischem

Migrationshintergrund. Wir gehen in unserem Projekt weg davon, Muslime

als eigene Gruppe zu markieren.

Wie organisieren Sie Ihre Arbeit?

Wir haben das Projekt an der Freien Universität Berlin begonnen; inzwischen

sind wir zum Fachbereich Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität

Berlin gewechselt. Professor Klaus Eder vom Lehrstuhl für Vergleichende Strukturanalyse,

bei dem das Projekt jetzt angedockt ist, hat uns gleich in sein

Netzwerk aufgenommen. Wir kooperieren sehr stark mit der Berlin Graduate

Impulse 2010 33


34

Der „hybriden Identität“ auf der Spur: Dr.

Naika Foroutan im Gespräch mit Farhad

Dilmaghani von der European School of

Management and Technology (ESMT) in

Berlin. Die Forscherin interviewte 250 Deutsche

mit muslimischem Migrationshintergrund

für eine empirische Studie und stieß

auf Überraschendes: Viele der Gesprächspartner

fühlen sich überwiegend als Deutsche

– und nicht etwa nur „zur Hälfte“.

School of Social Sciences, die in der Exzellenzinitiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft

gefördert wird. Wir haben außerdem ein großes Netzwerk mit

über 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Dazu gehören Studierende, Doktoranden

und externe Wissenschaftler, die alle beim Projekt mitarbeiten.

Was bedeutet das Schumpeter-Fellowship für Ihre Arbeit?

Es ermöglicht mir ein sehr fundiertes wissenschaftliches Arbeiten, weil es

mir Sicherheit über fünf Jahre gewährt. Ich habe genug Zeit, um tief in das

Thema einzusteigen. Und weil die VolkswagenStiftung einen sehr guten Ruf

hat, bekommen wir zudem sehr leicht Kontakt zu hervorragenden Referenten,

Gesprächs- und Kooperationspartnern.

Bei vielen jungen Wissenschaftlerinnen gerät die Karriere schnell ins Stocken,

wenn sie eine Familie gründen. Sie haben inzwischen drei Kinder, das jüngste

davon ist erst zehn Monate alt. Wie hat die Stiftung darauf reagiert, als Sie den

Wunsch hatten, kurz nach Anfang des Projektes erst mal eine Babypause ein -

legen zu wollen?

Als ich den Antrag gestellt habe, war meine Familienplanung eigentlich abgeschlossen.

Es war also Zufall, Schicksal, Glück, dass dieses Kind noch hinzu kam.

Am Anfang war ich sehr besorgt und wusste gar nicht, wie ich das der Stiftung

mitteilen sollte. Es ging dann aber alles ganz unbürokratisch. Ich habe

drei Monate Mutterschaftszeit genommen; das Ende des Projektes wurde

um diese Zeit nach hinten verschoben. Alles überhaupt kein Problem.

Wie schaffen Sie es, Ihr Forschungsprojekt und die Familie unter einen Hut zu

bringen?

Ich habe das Glück, in Berlin zu leben. Da ist es nicht so schwer mit den Kita-

Plätzen. Meine beiden großen Kinder waren schon in der Kita, und für meinen

Kleinen habe ich eine Betreuung rund um die Familie organisiert. Meine Mutter,

meine Schwester und meine Tante haben gesagt: Mach dir keine Sorgen,

wir sind da und helfen dir. Und das hat bis jetzt immer geklappt. Mein Mann

ist selbstständiger Rechtsanwalt, und auch er hat sich für dieses Jahr Freiräume

geschaffen.

Haben Sie das Gefühl, dass Frauen, zumal mit Kindern, es in der Wissenschaft

schwerer haben als Männer?

In manchem schon. Männer müssen sich nicht so viele Gedanken über

Kindererziehung und Betreuung machen. Sie sind vor allem in ihrer Zeit -


einteilung freier. Ohne das Schumpeter-Fellowship wäre es für mich sicherlich

schwer geworden. Die Förderung ermöglicht es mir, meine Forschung so

weit voranzutreiben, dass am Ende die Habilitation steht. Das ist das Ziel, an

dem ich festhalte!

Ist es für Sie ein Nachteil, weniger Zeit zum Forschen zu haben?

Nicht unbedingt. Nach meiner Erfahrung nutzen Mütter ihre Netto-Arbeitszeit

viel intensiver. Außerdem ist Forschung ein kreativer Prozess und lässt

sich nicht anhand der damit verbrachten Zeit messen. Als Mutter jongliert

man flexibel mit der Zeit, man ist auf Chaos eingerichtet, man ist spontaner,

erfinderischer. Ich persönlich glaube, dass es meiner Forschung zugute kommt,

dass ich auch Mutter bin. Das Multitasking im Kopf befähigt, unterschiedliche

Logiken zu akzeptieren und wissenschaftlich origineller nachzudenken. Man

hat vielleicht gerade dann eine weiterführende Idee, wenn man just das Kind

füttert.

Frau Foroutan, vielen Dank für das Gespräch.

Die Schumpeter-Fellowships

Das Angebot der „Schumpeter-Fellowships“ richtet

sich an Nachwuchsforscherinnen und -forscher

aus den Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften.

Von ihnen wird erwartet, dass sie das

Fellowship nutzen, um für ihr Fachgebiet Neuland

zu erschließen. Dabei kann das geplante Vorhaben

aufgrund der Komplexität oder eines höheren

Risikos durchaus längere Bearbeitungshorizonte

notwendig machen – entsprechend sieht die Stiftung

eine Förderung von fünf Jahren vor. Im Zuge

eines Projekts sollen beispielsweise Inhalte und

Methoden auf die Probe gestellt, Schnittstellen zu

anderen Fachgebieten herausgearbeitet oder der

Mainstream eines Wissensgebietes durch Kooperation

jenseits üblicher Fächerkombinationen verlassen

werden. Ziel muss es in jedem Fall sein, zu

Dank Berliner Kitas und der Unterstützung

durch Ehemann und Verwandte gelingt es

der dreifachen Mutter Naika Foroutan, Familie

und Forschungsprojekt unter einen Hut zu

bringen. Durch ihre Kinder (im Bild Mahja und

Milon, nicht zu sehen ist ihr ältester Sohn

Malec) fühlt sich die Wissenschaftlerin sogar

noch gestärkt: „Als Mutter jongliert man

flexibel mit der Zeit, man ist auf Chaos ein -

gerichtet, man ist spontaner, erfinderischer.“

einer inhaltlichen oder methodischen Neuorien -

tierung des jeweiligen Forschungsgebietes beizutragen.

Die Fellows haben die Möglichkeit, mit

Unterstützung der Stiftung Doktoranden, Postdoktoranden

und wissenschaftliche Hilfskräfte in ihr

Projekt einzubinden. Erwartet wird zudem, dass

die Geförderten mit ihren Arbeiten auch einen

Beitrag zur internationalen Diskussion über ihr

jeweiliges Thema leisten können.

Nach sieben Bewilligungen in der ersten Entscheidungsrunde

Ende 2007 – darunter Naika Foroutan

– wurden zum Jahreswechsel 2008/2009 weitere

vier Schumpeter- Fellows neu in die Förderung

genommen. Die nächste Entscheidungsrunde ist

für Anfang 2010 angesetzt. cj

Impulse 2010 35


Afrikanische Kulturen im Wandel

Die Gesellschaften im sub-saharischen Afrika

wandeln sich mit rasanter Geschwindigkeit.

Das interessiert auch Forscher aus aller Welt.

Elektronische Medien suggerieren globale Nähe und verändern gleichzeitig

Identitäten. Musik bewahrt kulturelle Werte, beschleunigt aber auch den

kulturellen Wandel. Wie wird in diesen komplexen Wechselspielen Kultur

in afrikanischen Gesellschaften „ausgehandelt“? Das ist zentrales Thema

zweier von der VolkswagenStiftung geförderter Projekte, die sich unter

dem Dach der Afrika-Initiative der Veränderungsprozesse annehmen,

denen „Kultur“ in Zeiten zunehmender Globalisierung ausgesetzt ist.

In der mittäglichen Sommersonne leuchtet der schlichte Turm der Timo -

theus-Kirche wie ein weißer Solitär aus den üppigen Bäumen der norddeutschen

Bischofsstadt Hildesheim. Was der Bau von außen anzukündigen

scheint, beantwortet er im Innern mit Nachdruck: Hier werden Preziosen

gehütet. Seit Juli 2009 schlägt in der ehemals evangelischen Kirche das

Herz des neuen Center for World Music.

Den Besucher erwartet Erstaunliches: eine musikethnografische Sammlung

mit 4.000 Instrumenten aus aller Welt, mit 50.000 Schallplatten und 10.000

Büchern. Hier, in dem zur Universität Hildesheim gehörenden Archiv, ist aber

auch ein besonderes transkulturelles Vorhaben angesiedelt: das von der VolkswagenStiftung

mit 410.000 Euro geförderte Forschungsprojekt „The Formation

and Transformation of Musical Archives in West African Societies“. Beteiligt sind

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Hochschulen in Hannover

und Hildesheim, in Maiduguri, Nigeria, und Accra, Ghana. Streift man durch

dies außergewöhnliche Vorhaben, trifft man auf Forscher so unterschiedlicher

Fächer wie Musikwissenschaft, Sozialanthropologie oder die schon in sich

selbst interdisziplinären „African Studies“.

„In Hildesheim haben wir einen stimmigen Ort für unsere Forschung zu den

Musikarchiven gefunden“, bestätigen die beiden Projektleiter Professor Dr.

Raimund Vogels von der Hochschule für Musik und Theater Hannover und

Dr. Wolfgang Bender vom Center for World Music. Und mit den als „materielle

Archive“ verstandenen Museen, Bibliotheken oder den Klangarchiven mit

ihren Aufnahmen auf unterschiedlichen Tonträgern werden zugleich stets

auch „ideelle Archive“ erforscht, die das praktische, verinnerlichte oder „inkor -

porierte“ Wissen der Menschen umfassen. Beide bewahren und verändern

im Wechselspiel das kulturelle Erbe der Gesellschaft.

Sie erforschen, wie sich afrikanische Kulturen

unter verschiedenen musikalischen Einflüssen

ausbilden (von links): Dr. Florian Carl vom Zentrum

für Weltmusik in Hildesheim, Dr. Isaac

R. Amuah, Kooperationspartner in Ghana,

Projektleiter Professor Dr. Raimund Vogels

von der Hochschule für Musik und Theater

Hannover, Professor Dr. William Anku, Projektpartner

in Ghana, Projektleiter Dr. Wolfgang

Bender vom Zentrum für Weltmusik so -

wie Christopher Mtaku, Partner aus Nigeria.

Impulse 2010 37


38

Die ehemals evangelische Timotheus-Kirche

in Hildesheim beherbergt nun eine deutschlandweit

einzigartige musikethnografische

Sammlung: Mit Tausenden von Musikinstrumenten,

Schallplatten und Büchern bietet

das noch junge Zentrum für Weltmusik einen

idealen Ausgangsort für das Forschungsprojekt

„The Formation and Transformation of

Musical Archives in West African Societies“.

Das sieht Professor Dr. William Anku, Projektpartner an der Akademie für

Darstellende Künste der Universität Ghana, genauso: „Von Schlaf- und Kinderliedern

bis zu rituellen Hochzeits- oder Sterbegesängen hat jede Gesellschaft

für be stimmte Gelegenheiten eigene Musikrepertoires, die bei der

Vermittlung von Werten und Verhalten eine vitale Rolle spielen“, reißt er

sein Interessensgebiet an. „Damit formt Musik auf einer ganz elementaren

Ebene die Identität.“ Sie wecke Emotionen, die das Denken und das Handeln

von Individuen und ganzen Nationen färben; sie verführe zum Konsumieren,

Meditieren oder auch Marschieren. Musik manifestiere, dass Fühlen, Erkennen

und Verhalten untrennbar zusammenhängen.

Das macht sie für die Politik interessant, besonders in Westafrika. „Denn

hier sind Musik und politische Kultur traditionell eng verflochten“, berichtet

Vogels. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert erlebte Ghana einen musikalisch

beflügelten Identitätswandel. Mit der damaligen Besetzung der südlichen

Region durch die Volksgemeinschaft der Asante dominierten zunehmend

auch deren Musikformen. Während der Kolonialisierung Westafrikas wiederum

sorgten Hymnen, patriotische Lieder oder Militärmusik für die kollektive

Identifikation mit dem „Empire“. Auch die Unabhängigkeitsbewegungen

nutzten die Musik. „Ein bekanntes Beispiel dafür ist Ephraim Amus 1929

komponiertes Lied ‚This is our precious land’, das Grundschulkinder in Ghana

am Empire Day singen sollten“, erzählt Vogels. Im kollektiven Bewusstsein

aber gewann das Lied einen anderen Status; neben der offiziellen „God Bless

Our Homeland Ghana“ wurde es allmählich zur informellen, „gefühlten“

Nationalhymne des Landes.

Aushandlungsprozesse zwischen Afrika, Europa und Amerika

„Noch heute stehen Sänger oder Musikensembles im Dienst politischer Führer“,

blickt Raimund Vogels nachdenklich auf ein Medium unter Kuratel, das

im Wortsinn zur Stimmungsmache instrumentalisiert wird. Dennoch verändern

neue Formen medialer Wirklichkeit allein nicht das Bewusstsein. Heu -

tige afrikanische Identitäten, wie sie sich in musikalischen Genres, Stilen und

Institutionen ausdrücken, werden im komplexen Beziehungsgeflecht zwischen

Afrika, Europa und Amerika ausgehandelt, angetrieben zwischen „materiellen“

und „ideellen“ Archiven.

An diesen Stellen kristallisieren sich auch einige der Forschungsfragen, die

das Wissenschaftlerquartett bearbeitet. Wie entstehen musikalische Archive

in westafrikanischen Gesellschaften, und wie verändern sie sich über die Zeit

durch die unzähligen Einflüsse von vielen Seiten? Wie prägt das „archivierte“

Wissen moderne afrikanische Identitäten? Und in welcher Beziehung stehen

letztlich materielle und ideelle Archive? Auch das Thema „Eigentumsrechte“,

das in der Musik eine zentrale Rolle spielt, soll mitgedacht und mitdiskutiert

werden.


„Ideelle“ Musikrepertoires, ob jene einer politischen Kultur, eines DJs oder

einer Ära, sind jedenfalls stets im Fluss. Werden sie in einer bestimmten

Version „materiell“ archiviert, beeinflusst das wiederum die Rezeption. Und

nicht immer verlaufen diese Transformationsprozesse in die gewünschte

Richtung. Das belegen bisherige Versuche vorwiegend europäischer Wissenschaftler,

die über Dokumentationen afrikanische Kulturen vor dem Vergessen

retten wollen. Fatalerweise „entfremden“ diese materiellen Archive die

Musik nicht nur von ihrem kulturellen Ort; sie standardisieren auch, was sie

als Spezifikum erhalten sollten. Eine paradoxe Entwicklung, der Professor

Anku ein eigenes, ein „afrikanisches“ Lehrbuch über afrikanische Musik

entgegensetzt.

Nachhaltige Kooperationen für ein capacity building in Afrika

Die Aneignung der geistigen Hoheit über die eigene Kultur gehört zu den

wichtigsten Zielen des Verbundprojekts, was wiederum ein capacity building

in Afrika erfordert. „Denn zu wenige hier wissen wirklich, wie der Wissenschaftsbetrieb

läuft“, bedauert Dr. Isaac Amuah von der Universität Ghana.

„Die geplanten vier Workshops und zwei internationalen Konferenzen sind

deshalb für afrikanische Studierende und Doktoranden die Gelegenheiten,

akademische Auseinandersetzung zu erlernen.“

Das Forschungsprojekt löst in besonderer Weise das Anliegen ein, das die

VolkswagenStiftung mit der Förderinitiative „Wissen für morgen – Koopera -

tive Forschungsvorhaben im sub-saharischen Afrika“ verfolgt: einen Beitrag

zu leisten zum Aufbau einer nachhaltig angelegten Wissenschaftskultur

sowie zu einer substanziellen Stärkung der Forschungsaktivitäten im süd -

lichen Afrika zu verhelfen. Entscheidend dabei ist für die Stiftung die Unterstützung

von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sowie

eine symmetrische Nord-Süd-Partnerschaft zwischen den Projektbeteiligten

(weitere Informationen zur Afrika-Initiative siehe Textkasten).

Das „Musikprojekt“ läuft in der Afrika-Initiative im Rahmen der Ausschreibung

„Negotiating Culture in Contemporary African Societies“. Das Themenfeld

wurde in einem behutsamen, von der VolkswagenStiftung angeregten

Prozess zwischen afrikanischen und europäischen Forscherinnen und Forschern

im Laufe eines internationalen Workshops formuliert. Die Ausschreibung

zielte darauf, den Prozesscharakter des Verhandelns von Kultur, seine

Dynamiken, Kontexte und Akteure deutlich sichtbar in den Fokus zu rücken.

Es wurden Projekte gesucht, die das Phänomen der Intermedialität – das

Wandern von Themen zwischen verschiedenen Medien – interdisziplinär

übergreifend untersuchen. Gastgeber des Workshops war das Ethnologische

Institut der Univer sität Basel. Dort ist auch ein weiteres von der Stiftung

gefördertes Vorhaben angesiedelt, das Aushandlungsprozesse zwischen

Kulturen in den Blick nimmt.

Welchen Einfluss haben materielle Musikarchive

auf „ideelle“ Musikrepertoires in Afrika?

Beim Kick-off-Meeting im September 2009

im Zentrum für Weltmusik besprechen die

Projektpartner aus Hildesheim, Hannover,

Ghana und Nigeria Details ihres Vorhabens.

Impulse 2010 39


40

Austausch über die Forschungserkenntnisse

im Land des jeweils anderen: Lic.phil. Bettina

Frei aus der Schweiz führt Befragungen in

Kamerun durch, der Kameruner Doktorand

Primus Tazanu bei Landsleuten in der Schweiz.

Von transnationalen Träumen und neuen Identitäten

Hier, vis-à-vis des Basler Münsters mit seiner 900-jährigen bewegten

Geschichte durchziehender Völker, wird zum Thema „Passages of Culture:

Media and Mediations of Culture in African Societies“ geforscht. Im fiebrigen

Takt der Globalisierung ist die Bewältigung der Gegenwart zwischen kulturellem

Erbe und neuen Medien in Afrika ein besonders konfliktgeladenes

Topos. „Die Basler Region im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz

mit ihrer langen Migrationskultur ist für unsere Arbeit äußerst inspirierend“,

freut sich Professor Dr. Till Förster vom Ethnologischen Seminar der Univer -

sität Basel, Projektleiter des von der VolkswagenStiftung mit 516.900 Euro

geförderten Vorhabens. Knapp 30 Prozent der Basler und 16 Prozent der Freiburger

Bevölkerung sind Ausländer.

Mit vier Fallstudien, die über identische Untersuchungsperspektiven verbunden

sind, spürt ein Forscherquintett dem komplexen Spiel zwischen Kultur

und den – neuen – Medien nach. Beteiligt sind Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftler der Universitäten Basel und Freiburg, der nigerianischen

Bayero University in Kano, der Université de Yaoundé in Kamerun und der

University of the Witwatersrand im südafrikanischen Johannesburg. Jede

Fallstudie nimmt die mediale Verschiebung von direkten zu indirekten, „technologisierten“

Kommunikations- und Aushandlungsformen auf. In Südafrika

wird die Entwicklung vom Live-Auftritt zu Radio-, CD- und Fernsehproduk -

tionen erforscht, in Kamerun jene von Theateraufführungen zu Film und

Fernsehen, in Nigeria von live gespielter Musik zu medialen Trägern.

Am Beispiel der Migration schließlich untersuchen drei Forscher aus Kamerun,

Deutschland und der Schweiz die Verschiebung von Face-to-face-Kommunikation

zu elektronischen Interaktionen. „Weil die neuen Kommunikationsmedien

so billig und so schnell geworden sind und die Teilnahme am Alltag


der fernen Heimat dadurch möglich geblieben ist, hat sich auch die Migration

verändert“, analysiert Till Förster. Auswandern bedeute nicht mehr den endgültigen

Abschied von der heimatlichen Kultur. „Die Afrikaner, die hier am

Oberrhein leben, können über die Medien an zwei Alltagen gleichzeitig teilnehmen.“

Ohne Zeitverschiebung verbinden SMS, E-Mails oder Bilder die

Lebenswelten.

Neue Verständnisräume zwischen alter und neuer Heimat

Die zentrale Frage ist, ob und inwieweit diese Kommunikationsformen phy -

sische Kontakte ersetzen. „Unsere Hypothese ist, dass sich die beiden Alltage

zu neuen sozialen Räumen verbinden, die als Substitut der alten eine ‚transnationale’

Identität schaffen“, sagt Förster. Dabei spielten nicht allein die

Medien eine Rolle, sondern auch der Ort, an dem sie genutzt würden. „In

Kamerun ist das Internet sehr viel sichtbarer als in Europa“, erklärt Professor

Bole Butake von der Université de Yaoundé. „Weniger Menschen besitzen

einen Anschluss, weshalb Internet-Cafés stärker frequentiert werden.“ Das

verändere auch die Medienkultur, schaffe eine andere Art der Kommunika -

tion. „User diskutieren mit anderen, informelles Wissen verbreitet sich, auch

das Wissen um verschlüsselte Hinweise – beispielsweise über kleinkriminelle

Partnersuche im Internet.“ Elaborierte Zeichen- oder Sprachsysteme entstehen

wie die „Klingelsprache“ per Handy, die dem Empfänger bei einmaligem,

zwei- oder mehrmaligem Klingeln eine bestimmte Botschaft übermittelt.

Medien entwerfen Lebenswelten, die sich selbst ständig neu erfinden und

kulturelle Vorstellungen auf Abruf halten.

Der Blick auf die Medialisierung als Ergebnis dessen, wie Medien auch sinnlich

mit menschlichem Handeln interagieren, ist eine der vielen Stärken dieses

Forschungsprojekts. Eine andere ist das raffinierte, von der Freiburger Profes-

Mainasara Kurfi, M. A., aus Kano, Nigeria,

spricht anlässlich eines Workshops des Projekts

„Passages of Culture“ über „South to

South: Transnational Flow, Mediation and

Glocalization of Literary Materials in Northern

Nigeria“. Mit diesem Thema beschäftigt er

sich im Rahmen seines Promotionsvorhabens.

Impulse 2010 41


42

sorin Judith Schlehe mit entwickelte Forschungs-Setting, das die mehrschichtige

Betrachtung der komplexen Kommunikationsprozesse von Migranten

ermöglicht. So führt der Kameruner Doktorand Primus Tazanu die Feldforschung

bei Landsleuten in der Basler Region durch, die Schweizer Doktorandin

Bettina Frei bei den jeweiligen Angehörigen, Freunden und Bekannten

in Kamerun.

In einem zweiten Forschungsschritt wird die „Umgestaltung von Subjektivität“

untersucht und damit die Frage, wo Menschen zu Hause sind, die medial

in Basel und Kamerun Kontakte halten. „Migranten aus Kamerun, die in ihre

ursprüngliche Heimat zurückkehren, wird oft der Vorwurf gemacht, dass sie

nicht mehr denken wie ein Kameruner“, erklärt Förster. Verwandte und

Bekannte erwarten beispielsweise Geschenke, die sich die Rückkehrer nicht

leisten können. Ebenso wenig aber können jene kommunizieren, warum sie

nichts zu verschenken haben. Zu lebendig sind die – etwa durch die Krimiserie

„Derrick“ auch in Afrika – vermittelten Bilder vom reichen Europa. Entsprechend

suchen die „Entwurzelten“ nach neuen Verständnisräumen, die sich

zwischen der alten und der neuen Heimat bilden. „In diesen trans nationalen

Räumen spielen sich neue Aushandlungsprozesse mit politischer Wirkung

ab“, erzählt Förster. Es gebe keine einfachen nationalen Folien mehr, vor

denen sich Identitäten und Kulturen bilden – weder in Europa noch in Afrika.

Schwieriger als die komplexen Forschungsstrukturen des Verbundprojekts

erweisen sich die ganz profanen Dinge. „Es ist einfacher, von Südafrika nach

Kamerun zu fliegen als von Nigeria aus, obwohl wir Nachbarländer sind“,

bedauert Butake. Denn noch fehlt hier wie dort eine ausreichende Infrastruktur.

„Deshalb haben wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch nach

ihrem organisatorischen Talent ausgesucht“, schmunzelt er. Das ehrgeizige

Ziel, Nachwuchsforscher – vor allem die zehn am Projekt beteiligten Doktoranden

– und wissenschaftliche Netzwerke in Afrika zu stärken, soll nicht an

fehlender Improvisation scheitern.

Ruth Kuntz-Brunner

Um herauszufinden, ob es so etwas wie eine transnationale Identität

gibt, untersuchen die Wissenschaftler den Alltag von Migranten und

deren Angehöriger in beider Heimat. Hier lässt sich Projektleiter Professor

Dr. Till Förster von der Universität Basel bei einem Aufenthalt in

Afrika die neuesten Skulpturen und Gemälde des Kameruner Künstlers

Nsawir Arts zeigen (Bild unten). Unterdessen wirft Keneth Tume

Fondzeyuf, M. A., von der Universität Yaoundé in Kamerun einen letzten

Blick auf seine Power-Point-Präsentation vor seinem Vortrag im

Rahmen eines Projekt-Workshops in Yaoundé im September 2009.


Wissen für morgen: die Stiftung und ihr Engagement für Afrika

Im Jahr 2003 richtete die VolkswagenStiftung die

Förderinitiative „Wissen für morgen – Kooperative

Forschungsvorhaben im sub-saharischen Afrika“

ein. Im Zentrum des grundsätzlich fachoffenen

Förderangebots stehen der Aufbau und die nachhaltige

Stärkung wissenschaftlicher Kompetenz

in Afrika. Ein wichtiger Aspekt der Initiative

besteht darin, Nachwuchswissenschaftlerinnen

und Nachwuchswissenschaftlern

aus der Region

langfristige Karriereperspektiven

zu eröffnen. So

sollen erfolgreiche

Doktoranden

aus einer ersten

Förderphase über

Postdoktorandenprogramme

in

einer zweiten bis

hin zu Gruppenleiterpositionen

in einer dritten Phase unterstützt werden – unter

der Maßgabe, dass sie sich in einem strengen internationalen

Evaluationsprozess bewähren. Bisher

fördert die Stiftung in ihrer Afrika-Initiative in erster

Linie Forschungsprojekte, die in enger Zusammenarbeit

zwischen afrikanischen und deutschen

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ent -

wickelt wurden, aber auch Workshops, Symposien

und Sommerschulen. Die Förderinstrumente sind

sehr vielfältig und an die Bedürfnisse der jeweiligen

wissenschaftlichen Communities angepasst.

Für die Stiftung war entscheidend, dass die Forschungsvorhaben

als symmetrische Nord-Süd-

Partnerschaften entwickelt und umgesetzt wurden.

Um diesen Prozess zu unterstützen, führte

die Stiftung vor jeder Projektausschreibung entsprechende

Themenworkshops in Afrika durch

– unter wesentlicher Beteiligung afrikanischer

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Im

Zuge der Ausschreibung „Negotiating Culture in

Contemporary African Societies“ wurden bislang

die beiden hier vorgestellten Vorhaben bewilligt.

Mit diesem Engagement für die Kulturwissenschaften

setzt die Stiftung in ihrer sechsten – und

bislang letzten – Ausschreibung in der Afrika-Initiative

einen besonderen Akzent, indem sie jenen

Blick auf den Kontinent

weitet,

der in der Regel

zuvorderst den

dortigen drängenden

wirtschaft -

lichen und politischen

Problemen

gilt. Die beiden

hier vorgestellten

Projekte zeigen,

dass der An spruch

der Stiftung eingelöst

wird und

dass die Zusammenarbeit

der Wissenschaftler verschie dener

Disziplinen aufgrund unterschiedlicher Arbeitsweisen

ihren Reiz hat und Interessantes an Erkenntnissen

zutage fördert.

Seit dem Jahr 2009 werden unter dem Dach der

Afrika-Initiative im Rahmen eines vereinten Engagements

europäischer Stiftungen zur Erforschung

vernachlässigter Tropenkrankheiten (NTDs) auch

zehn Postdoktoranden und -doktorandinnen mit

insgesamt rund 1,4 Millionen Euro unterstützt –

allein die VolkswagenStiftung stellt 550.000 Euro

zur Verfügung. Über diese Aktivi täten wird auf

Seite 50 in diesem Heft berichtet. Beteiligt an dem

europäischen Förderkonsortium sind neben der

VolkswagenStiftung die Fondazione Cariplo in

Italien, die Fundaçao Gulbenkian in Portugal, die

britische Nuffield Foundation und die Fondation

Mérieux in Frankreich. cj

Impulse 2010 43


Die vergessene Krankheit

Hilfe für Afrika: ein internationales Forscherteam

auf dem Weg, eine der schlimmsten Krankheiten

auf dem afrikanischen Kontinent einzudämmen

Von der industrialisierten Welt weitgehend unbeachtet, leiden in Afrika die

Ärmsten und Anfälligsten an einer verheerenden, von einem Bakterium verursachten

Krankheit, dem Buruli Ulkus. Unbehandelt führt sie zu schweren

Behinderungen. Eine neue Methode verspricht, einer der gefürchtetsten

Krankheiten der Tropen auf verblüffend einfache Weise Einhalt zu gebieten

– der Erfolg eines deutsch-afrikanischen Forscher teams, das von der Stiftung

in ihrer Initiative zum sub-saharischen Afrika gefördert wird.

Thomas Junghanss stellt eine Pappschachtel mit vier Kunststoffbeuteln auf

den Tisch. „Mehr ist es nicht!“, sagt er. „Und mehr brauchen wir wohl auch

nicht, um den Menschen schwerstes Leid zu ersparen.“ Sichtlich erfreut zeigt

er Bilder, auf denen zu sehen ist, wie die kleinen, mit einer gel-artigen Masse

gefüllten Beutel erhitzt und auf mit weißer Gaze abgedeckte Geschwüre an

Armen und Beinen gelegt werden. Wenige Tage darauf beginnen die Wunden

zu heilen. „Dieser Behandlungserfolg macht nicht nur die Patienten, sondern

auch uns sehr glücklich“, sagt der Mediziner der Sektion Klinische Tropen -

medizin des Universitätsklinikums Heidelberg. „Persönlich ist das mein

schönstes Projekt.“

Das Projekt hat einen langen und komplizierten Titel. Es heißt „Modification

of host pathogen interaction in Mycobacterium ulcerans disease (BU) through

heat treatment“ und wird seit dem Jahr 2004 von der VolkswagenStiftung in

ihrer Initiative „Wissen für morgen – Kooperative Forschungsvorhaben im

sub-saharischen Afrika“ mit insgesamt knapp einer Million Euro gefördert;

zunächst als Pilotstudie mit sechs, derzeit als große Studie mit rund hundert

Patientinnen und Patienten. „Wir hoffen sehr, dass wir während des Folgeprojekts

die Ergebnisse der Pilotstudie bestätigen können“, sagt Junghanss.

„Bislang sieht es erfreulicherweise ganz danach aus.“

Was Thomas Junghanss und seine Kooperationspartner aus Kamerun, Ghana,

der Schweiz und Würzburg anzubieten haben, klingt wie ein kleines Wunder:

eine innovative, leicht anwendbare, effektive, die Patienten nicht belastende

und zudem preiswerte Behandlungsmethode gegen eine der furchtbarsten

Krankheiten des tropischen und subtropischen Afrikas, die vor allem Kinder

in armen ländlichen Gebieten heimsucht – das Buruli Ulkus. „Buruli ist eine

über Jahrzehnte hinweg vernachlässigte und fast vergessene Krankheit“,

Buruli Ulkus, eine der tückischsten Tropenkrankheiten

Afrikas, wird von einem mikroskopisch

kleinen Organismus verursacht –

dem Bakterium Mycobacterium ulcerans,

einem nahen Verwandten der Erreger von

Tuberkulose und Lepra. Unklar ist, wo überall

der Keim sich in der Umwelt aufhält und wie

er seine Opfer befällt. Da sich wie hier nahe

der Stadt Ayos im westafrikanischen Kamerun

meist Menschen anstecken, die in der

Nähe von Flüssen, Seen und Tümpeln leben,

handelt es sich bei Mycobacterium ulcerans

wohl um einen Wasserbewohner, der zum

Beispiel durch Stechmücken übertragen

werden könnte.

Impulse 2010 45


46

Buruli Ulkus beginnt in der Regel mit einer

kleinen Schwellung der Haut, die weder

schmerzt noch Fieber verursacht. In einem

qualvollen Prozess, der sich über Jahre hin -

ziehen kann, zerstört der Erreger dann die

Zellen der Haut, bis sich Geschwüre bilden

(Bild unten) und ausbreiten. Sie entstellen

die Erkrankten und haben nicht selten

Amputationen zur Folge. Dr. Thomas Junghanss

(Bild oben) vom Universitätsklinikum

in Heidelberg inspiziert und erneuert den

Verband eines Patienten im Krankenhaus

von Ayos in Kamerun (von links nach rechts:

Almaz Desta vom Koordinierungszentrum für

Klinische Studien des Universitätsklinikums

Heidelberg, Dr. Thomas Junghanss, Dr. Franklin

Bayi und Krankenschwester Felecite Ntsang).

erläutert Junghanss. Das gelte zwar für die meisten Tropenerkrankungen,

für Buruli sei der Grad der Vernachlässigung jedoch besonders hoch. „Bei

uns in Deutschland“, ergänzt Junghanss, „kennt kaum jemand die Krankheit,

auch viele Ärzte nicht.“

Verursacht wird das gefürchtete Leiden von einem bereits im Jahr 1948 entdeckten

Bakterium namens Mycobacterium ulcerans, einem Verwandten des

Erregers von Tuberkulose und Lepra. Diese Verwandtschaftsbeziehung war

lange Zeit das nahezu Einzige, was die Wissenschaftler über den heimtückischen

Keim wussten. Im Jahr 2007 gelang es Molekularbiologen dann, die

Buchstabenfolge des Bakterien-Erbguts zu entziffern, was ab sofort darauf

hoffen ließ, die Krankheit einmal schneller zu diagnostizieren, mit besseren

Medikamenten zu behandeln oder ihr gar mit einem Impfstoff vorbeugen zu

können.

Auch heute noch weiß man nicht, wo sich das Bakterium in der Umwelt versteckt

und auf welche Weise es auf seine menschlichen Opfer übertritt. Weil

häufig Menschen erkranken, die in der Nähe von Flüssen, Seen und Tümpeln

leben, vermuten die Wissenschaftler, dass sich der Erreger im Wasser aufhält:

vielleicht im Körper kleiner Wasserinsekten oder im Biofilm auf der Wasseroberfläche

im Innern von Bakterien, Algen, Pilzen oder Einzellern. Möglicherweise

könnte auch eine Stechmücke bei der Übertragung auf den Menschen

im Spiel sein. Darauf weist eine neuere Studie australischer Wissenschaftler

hin. „Aber all das sind bislang nur Vermutungen“, sagt Junghanss. „Wirklich

wissen tut man nichts!“

Was der Erreger, der außer in Westafrika auch in Mittelamerika, in Asien und

im westpazifischen Raum auftritt, beim Menschen anrichtet, ist indes schon

lange bekannt: Wenn das Bakterium – wahrscheinlich über kleine Verletzungen

– in die Haut eingedrungen ist, entsteht zunächst eine kleine, harmlos

erscheinende Schwellung. Ohne mit Fieber oder Schmerzen auf sich aufmerksam

zu machen, zerstören die Erreger fortschreitend die Zellen der Haut und

der Unterhaut bis hin zur Muskulatur. Dafür vermutlich maßgeblich verantwortlich

ist ein Gift, das die Bakterien produzieren und das sie wie eine un -

heilvolle Wolke umgibt: Mykolakton. Das Toxin ist offensichtlich auch in der

Lage, die Zellen des Immunsystems zu lähmen, finden sich örtlich doch kaum

Anzeichen für eine nennenswerte Reaktion der körpereigenen Abwehrstra -

tegen. Der zerstörerische Prozess kann sich über Monate bis Jahre hinziehen.

Bleibt die Infektion unbehandelt, entstehen aus den Wunden großflächige

Hautgeschwüre, zumeist an Unterarmen und Beinen. Sie führen nicht selten

zu Funktionseinbußen und Entstellungen; manch ein Betroffener bleibt ein

Leben lang gezeichnet. In der Bevölkerung, berichtet Thomas Junghanss, ist

Buruli stark stigmatisiert. Niemand gebe gern zu, daran erkrankt zu sein.

Viele Patienten kommen deshalb erst sehr spät oder überhaupt nicht zur

Behandlung.


„Die lange Zeit einzig Erfolg versprechende Maßnahme war, das zerstörte

Gewebe bis weit in das Gesunde hinein herauszuschneiden, um so eine weitere

Ausbreitung des Bakteriums zu verhindern“, sagt Junghanss. Er selbst

hat die Operationen Ende der 1990er Jahre, als er im Süden von Ghana im

Krankenhaus arbeitete, häufig miterlebt. „Die Patienten“, berichtet Junghanss,

„müssen wochen-, manchmal monatelang in der Klinik bleiben, weil die großen

Wunden nach dem Eingriff nur langsam heilen und zumeist noch eine

Hauttransplantation erfolgen muss.“ In schweren Fällen ließen sich Ampu -

tationen von Gliedmaßen nicht vermeiden. „Es war manchmal einfach nicht

zum Aushalten, dabei zusehen zu müssen, wie sehr die Patienten leiden“,

erinnert sich Junghanss.

Vor allem das Leid der Hauptbetroffenen, der Kinder, veranlasste den Arzt, nach

anderen Mitteln und Wegen zu suchen, mit denen der Erreger bekämpft und

die Infektionskrankheit gestoppt werden kann. Er studierte die wissenschaftliche

Literatur und stieß während seiner Recherchen auf die Arbeit eines

amerikanischen Pathologen namens Wayne Meyers. Jener hatte in den 1970er

Jahren bei Patienten in Zaire sehr gute Erfolge mit einer Hitzebehandlung

erzielt und sich dazu eine Schwachstelle des Bakteriums zunutze gemacht:

Der Erreger, das war aus Laborversuchen bekannt, gedeiht bestens zwischen

30 und 33 Grad, bei Temperaturen aber, die längere Zeit über 37 Grad liegen,

stirbt das Bakterium. „Das ist auch der Grund, warum sich die Keime in der

Haut, nicht aber im Innern des Körpers aufhalten“, erklärt Junghanss.

Meyers benutzte seinerzeit zur Therapie eine Manschette, die mit 40 Grad

heißem Wasser gefüllt war und über befallene Gliedmaßen gelegt wurde.

Damit gelang es ihm, die Geschwüre seiner Patienten nach wochenlanger

Behandlung entscheidend zurückzudrängen. Die dafür erforderlichen Apparaturen

inklusive eines großen Boilers für die Heißwasserbereitung erwiesen

sich jedoch als wenig praktikabel, zumal in den ländlichen Regionen Afrikas.

Die Methode geriet rasch wieder in Vergessenheit.

Immerhin hatte Meyers es geschafft, alle acht der von ihm wärmebehandelten

Patienten dauerhaft von den Geschwüren zu befreien. Dieses bemerkenswerte

Resultat veranlasste Thomas Junghanss darüber nachzudenken, wie

man die Hitzebehandlung ebenso effizient, aber in weniger aufwändiger

Weise vornehmen könne. „Wie lassen sich stabile Temperaturen über eine

ausreichend lange Zeit hinweg garantieren, ohne die Patienten damit zu

belasten?“, bringt Junghanss die zentrale Herausforderung auf den Punkt.

Mit seiner Kernfrage wandte er sich an den Ingenieur Dr. Martin Hellmann

– und der hatte tatsächlich eine Idee: Kunststoffbeutel, sogenannte heat

packs, wie sie als Handwärmer im Winter beliebt sind. Sie sind mit einem

Zwei-Phasen-System gefüllt, das schmilzt, wenn man es erhitzt, und wieder

fest wird, wenn es sich abkühlt. „Zur Wärmebehandlung des Buruli Ulkus

haben wir Natriumacetattrihydrat als Inhaltsstoff gewählt“, erläutert Junghanss.

„Es ist ungiftig und schmilzt bei 59 Grad.“

Bei der neu entwickelten Behandlungsmethode

kommen einfache Wärmekissen wie

dieses zum Einsatz. Die Kissen sind kostengünstig

und wiederverwendbar und erfüllen

damit entscheidende Voraussetzungen für

die Anwendung in den von großer Armut

geprägten tropischen Regionen Afrikas.

Impulse 2010 47


48

Bevor die neue Methode bei Patienten verwendet wurde, testeten Martin

Hellmann, dessen Ingenieurskollege Helmut Weinläder und der Physiker

Stefan Braxmeier die befüllten Plastikbeutel und deren bestmöglichen

Gebrauch zunächst in den Labors der Abteilung „Funktionsmaterialien und

Energietechnik“ des Bayerischen Zentrums für Angewandte Energieforschung.

In der Praxis werden die Hautgeschwüre der Erkrankten zunächst mit einem

sterilen Verband bedeckt und die in Wasser erhitzten Kunststoffbeutel, zumeist

über Nacht, aufgelegt. Auf der Oberfläche der Haut komme auf diese Weise

eine Temperatur von etwa 40 Grad zustande, erklärt Junghanss. Das genüge,

um die Bakterien zu schädigen, belaste die Patienten aber nicht. Um die

handlichen Wärmepakete wieder gebrauchsfertig zu machen, genügt es, sie

in einen Topf mit kochendem Wasser zu legen.

Diese einfache Handhabe ist ideal für arme und ländliche Gebiete und ein

Vorteil der Wärmekissen gegenüber der anderen wirkungsvollen Option,

einer Therapie mit Antibiotika. Verabreicht werden Rifampicin und Streptomycin,

zwei aus der Tuberkulosetherapie stammende Antibiotika. Um das

Buruli Ulkus zu behandeln, muss Streptomycin über acht bis zwölf Wochen

hinweg einmal pro Tag gespritzt werden. „Spritzen sind in Afrika ein grundsätzliches

Problem – und Kinder mögen bekanntlich überhaupt keine Spritzen“,

sagt Junghanss. Dennoch misst er der Antibiotikatherapie einen eigenen

Stellenwert bei: „Als Arzt weiß ich, dass eine Methode allein nur selten

wirksam ist, möglicherweise wird sich eine Kombination der Medikamente

mit den Wärmekissen als sinnvoll erweisen; denkbar ist auch, dass der eine

Patient besser auf die Wärmemethode, der andere besser auf Antibiotika

anspricht.“ Hinter all diesen Einschätzungen verbergen sich Forschungs -

fragen, die es zu klären gilt.

Von 2005 bis 2007 erprobten Thomas Junghanss und sein Kollege Moritz

Vogel gemeinsam mit dem Team ihres Projektpartners Alphonse Um Book,

dem lokalen Vertreter der Leprahilfe Emmaus Schweiz in Kamerun, und

der Arbeitsgruppe des Schweizerischen Tropeninstituts von Gerd Pluschke

die neue Applikationsweise erstmals bei sechs erkrankten Kindern und

Jugend lichen im Buruli-Zentrum von Ayos in Kamerun. Die Patienten waren

zwischen sechs und 21 Jahre alt und litten unter verschieden stark ausgeprägten

Geschwüren an Armen und Beinen. Die kleineren Geschwüre wurden 28

bis 31 Tage, die größeren 50 bis 55 Tage behandelt. Die Wissenschaftler befestigten

die Wärmekissen so am Körper, dass die Patienten sich die ganze Zeit

über frei bewegen konnten. „Die Kinder haben damit sogar Fußball gespielt“,

erinnert sich Junghanss. Die Behandlung war zuvor sowohl von der natio -

nalen Ethikkommission Kameruns als auch der Ethikkommission des Uni -

versitätsklinikums Heidelberg befürwortet worden.

„Proof of Principle“ – der grundsätzliche Nachweis der Wirksamkeit – hieß das

Ziel der Pilotstudie. Und dieses Ziel wurde in beeindruckender Weise erreicht:

Bei allen sechs Patienten bildeten sich die Geschwüre innerhalb von vier bis


fünf Wochen zurück und sind bislang – über zwei Jahre nach der Therapie –

nicht wiedergekehrt. „Das ist ein wirklich sehr gutes Ergebnis“, freut sich

Junghanss.

Gegenwärtig kommt die neue Methode bei Buruli-Kranken in Kamerun zum

Einsatz: Bis zum Jahr 2011 sollen in die Folgestudie alle rund hundert Patienten

eingeschlossen sein. In dieses erneut von der VolkswagenStiftung im Anschluss

an die Pilotstudie geförderte Vorhaben sind vier Gruppen eingebunden; die

Koordination obliegt Thomas Junghanss in Heidelberg, die mikrobiologischen

und immunologischen Arbeiten werden vom Schweizerischen Tropeninstitut

unter Leitung von Professor Gerd Pluschke begleitet.

Die Hauptarbeiten jedoch erfolgen in Afrika, beteiligt sind Dr. Alphonse Um

Book in Kamerun, Dr. Dorothy Yeboah-Manu im Noguchi Memorial Institute

for Medical Research in Accra, Ghana, und Dr. Ernestina Mensah-Quainoo

vom Ghana Health Service. „Wir bauen auf den in der Pilotstudie erarbeiteten

Ergebnissen auf und wollen jetzt die Wärmeapplikation optimieren sowie

genaue Schemata für die Wärmedosierung entwickeln“, nennen die afrikanischen

Projektpartner zwei wichtige Ziele. Darüber hinaus gelte es, den Wirkmechanismus

zu erforschen, ein verlässliches System für die Zuordnung der

Krankheit in Stadien zu erarbeiten und insbesondere die Effektivität der Be -

handlung vor Ort sicherzustellen, führt Thomas Junghanns begleitend aus.

Dazu werden Mediziner und klinisch tätiges Personal vor Ort ausgebildet, und

es wird in den ländlichen Regionen die erforderliche Labordiagnostik eingerichtet.

„Die hervorragende interdisziplinäre Zusammenarbeit mit un seren

Kooperationspartnern in Afrika ist eine ideale Voraussetzung dafür“, erklärt

Junghanss.

Die Vision von Thomas Junghanss ist es, in allen betroffenen Regionen

gemeindenahe Buruli-Gesundheitszentren einzurichten, in denen die Erkrankung

rasch diagnostiziert und behandelt werden kann. Durch eine intensi -

vere Aufklärung könnte erreicht werden, dass die Menschen mehr über die

Krankheit lernen und sie nicht für Hexenwerk oder eine Strafe Gottes halten.

Dieses Wissen soll sie dazu befähigen, die Infektion eigenständig in einem

frühen Stadium zu erkennen, wo sie noch leicht zu behandeln und zu heilen

ist. Vielen Menschen könnte so eine schlimme Leidenszeit erspart bleiben.

„Eine frühe Diagnose und eine gute Behandlung sind unsere wichtigsten

Ziele“, betont auch Alphonse Um Book, einer der Partner in Afrika. Ohne

intensive Forschung aber und eine detaillierte Kenntnis der Hintergründe

der „vergessenen Krankheit“ bleibe den Menschen die dringend benötigte

Hilfe verwehrt. Umso wichtiger sei ein Kooperationsprojekt wie dieses zur

Bekämpfung einer der schlimmsten gesundheitlichen Plagen Afrikas, bringen

es die Projektbeteiligten beider Kontinente abschließend auf den Punkt.

Claudia Eberhardt-Metzger

Im Kampf gegen Buruli Ulkus werden die

Wärmekissen in Wasser erhitzt und mit

einem Verband über den erkrankten Hautpartien

fixiert (Bild oben). Diese unkomplizierte

Hitzetherapie tötet die temperaturempfindlichen

Erreger mit der Zeit ab und

führt bei regelmäßiger Anwendung zu einer

vollständigen Abheilung der Geschwüre

ohne Rückfall (Bild unten).

Impulse 2010 49


50

Hilfe für morgen – gegen die Armutskrankheiten von heute

Der Biologe Dr. Alexander Debrah (beide Bilder, je -

weils links) erforscht in seinem Heimatland Ghana

die Lymphatische Filariose, eine der schlimmsten

Armutskrankheiten Afrikas.

„Viele Fragen – wenig Antworten.“ Das war der

Eindruck des jungen Biologiestudenten Alexander

Debrah, als er erstmals im Jahr 1999 das „Kumasi

Centre for Collaborative Research in Tropical

Medicine“ in Ghana betrat und dort die „Neglected

Tropical Diseases“, die vernachlässigten Krankheiten

der Tropen, näher kennenlernte. Eines dieser

Leiden ist die Lymphatische Filariose, eine Wurmerkrankung,

von der in den Tropen schätzungsweise

120 Millionen Menschen betroffen sind und

die schwerste Entstellungen verursacht. Schon als

Student beschloss Alexander Debrah, die Krankheit

zu erforschen. Heute leitet der 40-jährige Wissenschaftler

im Kumasi-Zentrum ein eigenes Projekt.

Sein ambitioniertes Vorhaben verspricht eine bessere

Diagnose und Therapie. „Die Arbeiten verlaufen

bislang sehr gut“, sagt der engagierte Forscher.

„Ich bin sehr glücklich, in meinem Heimatland

Ghana gemeinsam

mit meinem europä -

ischen Partner, dem

Institut für Medizinische

Mikrobiologie,

Immunologie und

Parasitologie der

Universitätsklinik

Bonn, zur Lösung

eines unserer größten

Gesundheits -

probleme beitragen

zu können.“

Alexander Debrah ist einer von zehn afrikanischen

Wissenschaftlern, die im Jahr 2008 im Rahmen

eines Wettbewerbs der europäischen Initiative

„Neglected Tropical Diseases and Related Public

Health Research“ (NTD-Fellowships) als besonders

förderungswürdig ausgewählt wurden. Der Initiative

gehören fünf Stiftungen an: neben der VolkswagenStiftung

die portugiesische Fundaçao Gulbenkian,

die französische Fondation Mérieux, die

britische Nuffield Foundation und die italienische

Fondazione Cariplo. Diese Initiative – nähere Informationen

dazu unter www.ntd-africa.net – setzt

Aktivitäten der VolkswagenStiftung in der Tropenmedizin

fort, die im Jahr 2005 mit einer thema -

tischen Ausschreibung begonnen wurden (siehe

Haupttext).

Die fünf Akteure haben sich zusammengeschlossen

mit dem Ziel, zumindest auf einigen Gebieten

den Teufelskreis von Armut und Krankheit in

Afrika zu durchbrechen. Dies zu erreichen, werden

exzellente afrikanische Nachwuchsforscherinnen

und -forscher unterstützt, die in den Ländern des

sub-saharischen Afrikas arbeiten oder dorthin zu -

rückkehren wollen und deren Forschungsansätze

versprechen, möglichst rasch den Patienten zugute

zu kommen. Das ist besonders drängend etwa bei

der Lymphatischen Filariose, einer der schlimmsten

mit Armut assoziierten

Krankheiten

im tropischen Afrika.

Sie wird von Fadenwürmern

(Filarien)

verursacht, deren

unreife Vorstufen

über Stechmücken

von Mensch zu

Mensch übertragen

werden. Im Körper

des Infizierten gelangen

die Larven über

die Blutbahn zu den

Lymphknoten und reifen dort zu Würmern von

bis zu zehn Zentimetern Länge heran. Die Wurmknäuel

behindern den Abfluss der Lymphe und

lösen zudem massive Entzündungen aus. Das lässt

enorme Schwellungen (Lymphödeme) entstehen.


Im Extremfall entwickelt sich eine „Elefantiasis“,

eine unförmige Anschwellung von Körperteilen,

zumeist der unteren Extremitäten und der Leistenregion.

Mehr als 40 Millionen Menschen weltweit

sind von diesen

Entstellungen betroffen

und werden so

zu Außenseitern der

Gesellschaft.

„Um der Erkrankung

vorbeugen und ihre

bislang suboptimale

Therapie verbessern

zu können, müssen

wir die zugrunde liegenden

molekularen

Mechanismen verstehen“,

erläutert Alexander Debrah, der im Rahmen

des NTD-Fellowships mit rund 90.000 Euro

gefördert wird. Während seiner Forschungsarbeiten

in Deutschland und Ghana hat der Wissenschaftler

herausgefunden, dass eine Familie körpereigener

Signalmoleküle (Vascular Endothelial

Growth Factors = VEGFs) am Entstehen der Krankheit

maßgeblich beteiligt ist. In einer Pilotstudie

konnte Debrah zeigen, dass die Anzahl von VEGF-

Molekülen im Blut von Patienten mit hilfe des

Antibiotikums Doxycyclin reduziert und die

Krankheitszeichen dadurch gemildert werden

können. „Dieses Ergebnis lässt hoffen, dass wir die

schlimmsten Krankheitsstadien, für die es bislang

keine Behandlung gibt, einmal mit einer Anti-VEGF-

Therapie bekämpfen können.“ Der Wissenschaftler

vermutet, dass es noch wei tere körpereigene

Signalstoffe gibt, die das Krankheits geschehen

vorantreiben. Sein Ziel ist es, auch diese Moleküle

aufzuspüren. Möglicherweise könnten darunter

Moleküle sein, die sich für ein „Frühwarnsystem“

nutzen lassen. „Ein Warnsystem, das die Infektion

anzeigt, bevor die ersten Symptome auftreten.“

Alexander Debrah ist darüber hinaus an einem

weiteren, von der VolkswagenStiftung ebenfalls

in ihrer „Afrika-Initiative“ – und mit insgesamt

rund 600.000 Euro – geförderten Projekt beteiligt,

das gemeinsam vorangetrieben wird von seinem

deutschen Doktorvater Achim Hörauf, Professor

am Universitätsklinikum

Bonn, und Partnern

in Ghana,

Kamerun und Tan -

sania. Die Forscher

wollen heraus fin -

den, welche Rolle

bestimmte Bakterien,

sogenannte Wolbachien,

bei der Lymphatischen

Filariose

spielen. Diese Bakte -

rien siedeln als Symbionten

im Körper

der Fadenwürmer; ohne sie können die Würmer

nicht überleben. Wie sich herausstellte, lassen sich

mit dem Antibiotikum Doxycyclin die Bakterien

und mit ihnen die Anzahl der im Blut zirkulierenden

Vorläufer der Fadenwürmer reduzieren. Auch

das ist ein neuer Ansatz, der möglicherweise in

eine neue Therapie gegen die Lympha tische Filariose

einmünden könnte. Zusammen mit einem

Testsystem, das die Infektion frühzeitig nachweist,

ließe sich der Wurmbefall bekämpfen, bevor es

im weiteren Verlauf der Krankheit zu massiven

Schädigungen kommt.

In diesem ebenfalls internationalen Kooperationsprojekt

konnte Alexander Debrah erste Erfahrungen

sammeln, die ihm nun bei seinem eigenen

Vorhaben im Rahmen der „Neglected Tropical

Diseases“ wertvolle Hilfe sind. Wie besser als an

diesem Erfolg eines jungen Forschers ließe sich

deutlich machen, was eines der grundlegenden

Ziele des Afrika-Engagements der Stiftung ist:

ein nachhaltiges capacity building vor Ort, das

sich gründet auf der Förderung exzellenter Nachwuchswissenschaftlerinnen

und -wissenschaftler

im sub-saharischen Afrika.

Claudia Eberhardt-Metzger

Impulse 2010 51


Alles im Fluss?!

Forscher aus Hannover, Taschkent und Duschanbe

wollen das Lebenselixier der zentralasia tischen

Region retten: das Wasser des Serafschan-Stroms.

Verschmutztes Wasser gehört in vielen Ländern Zentralasiens zu den dringlichsten

Umweltproblemen. Besonders stark betroffen ist die Region am

Fluss Serafschan. Zwar wächst dort das Bewusstsein für die brisante Lage,

doch die Datenbasis für Lösungsansätze ist dünn. Helfen soll ein in der Mittelasien/Kaukasus-Initiative

der Stiftung gefördertes Projekt: Gemeinsam

gehen jetzt vor Ort heimische Experten mit deutschen Partnern die Probleme

an – und langsam keimt Hoffnung, dass die Situation sich verbessert.

Türkisblau leuchten die Kuppeln der orientalischen Bauten von Samarkand

und Buchara in Usbekistan. Die prächtigen Städte an der Seidenstraße sind

Oasen in einer Wüste, die vom Fluss Serafschan mit Wasser versorgt werden.

An Märchen aus Tausendundeiner Nacht erinnert dieser Strom allerdings

schon lange nicht mehr. Denn der Serafschan, Lebensgrundlage von mehr

als sieben Millionen Menschen in Tadschikistan und Usbekistan, führt

immer weniger Wasser – und zudem einen Cocktail giftiger Schadstoffe.

„Der Serafschan-Fluss gehört heute zu den am stärksten verschmutzten

Gewässern in Zentralasien“, sagt Dr. Melanie Bauer von der Leibniz Univer -

sität Hannover.

Die junge Ingenieurin leitet ein Projekt, das seit dem Jahr 2008 von der

VolkswagenStiftung im Rahmen ihrer Initiative „Zwischen Europa und Orient

– Mittelasien/Kaukasus im Fokus der Wissenschaft“ mit 200.000 Euro gefördert

wird. Ziel aller Beteiligten ist es, Lösungsansätze für ein nachhaltiges Wassermanagement

im Serafschan-Tal zu entwickeln. Die Projektidee hat Bauers

Arbeitsgruppe gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern aus den betroffenen

Ländern entwickelt. Dazu gehören Professor Inom Normatov von der

Tajik Academy of Sciences in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans,

dessen Mitarbeiter sowie ein Wissenschaftlerteam um Dr. Malika Ikramova

vom Central Asian Scientfic Research Institute of Irrigation in Taschkent.

„Wir kennen uns schon seit vielen Jahren aus früheren Projekten, haben uns

unter anderem gemeinsam mit den Problemen rund um das Thema Aralsee

beschäftigt“, erzählt Bauer. „Mittlerweile sind wir ein gut eingespieltes Team.“

Ein Team, zu dem neben Ingenieuren unterschiedlicher Fachrichtungen auch

Chemiker und Sozioökonomen gehören. Außerdem sind sechs Nach wuchs -

wissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler aus den drei beteiligten

Ländern in das Vorhaben eingebunden.

Die Projektleiterin Dr.-Ing. Melanie Bauer

von der Leibniz Universität Hannover zeigt

ein pH-Meter – nur eines der vielen Messgeräte,

mit denen die beiden Teams vor Ort die

chemische Belastung des Serafschan-Stroms

quantifizieren. Das pH-Meter misst den Säurewert

des Wassers: Sollte dieser weiter steigen,

lösen sich mehr und mehr am Grund

des Flusses abgelagerte Giftstoffe. Die Folgen

wären katastrophal.

Impulse 2010 53


54

Der Serafschan-Fluss

Der Zarafschan oder Serafschan („Goldspender“)

ist der drittgrößte Fluss in Usbekistan. Er entspringt

in Tadschikistan auf 2750 Meter Höhe über dem

Meeresspiegel und ist rund 800 Kilometer lang,

sein Einzugsgebiet etwa 4000 Quadratkilometer

groß. Die ersten 300 Kilometer legt der Serafschan

in Tadschikistan zurück; er fließt zwischen dem

steil zu ihm abfallenden Turkistanischen Gebirge

im Norden und der Serafschankette im Süden in

Richtung Westen zunächst in einem engen Tal.

Später tritt er in das nach ihm benannte Serafschan-Tal

ein, das in der Region Samarkand in

Usbekistan liegt. Rund 20 Kilometer hinter der

Stadt Buchara versickert der Fluss in der Wüste.

Insgesamt hat der Serafschan 70 Nebenflüsse.

Einige von ihnen erreichen ihn mangels Wasser

zeitweise nicht. Am Serafschan gibt es eine Reihe

von Dämmen und Stauseen und viele große und

Alle Projektpartner sind sich einig: Das Wasser muss dringend sauberer

werden, denn die schlechte Wasserqualität hat schlimme Folgen für die

Menschen im Serafschan-Tal. „Zum Beispiel werden die Baumwoll- und

Reisplantagen mit Flusswasser bewässert. Dadurch lagern sich immer mehr

Schwermetalle im Boden ab, senken dessen Fruchtbarkeit und die Qualität

des Erntegutes“, berichtet die usbekische Wasserexpertin Malika Ikramova.

Das habe nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen, sondern wirke sich auch

auf die Gesundheit der ansässigen Bevölkerung aus. „Auf dem Land ist die

Lage besonders brisant, denn die Menschen in ländlichen Gebieten trinken

das ungesunde Wasser mitunter direkt aus dem Fluss.“ Welch fatale Folgen

das haben kann, ist aus Untersuchungen am ebenfalls hoch belasteten Aralsee

bekannt: Typhus- und Cholera-Erkrankungen nehmen merklich zu, und

die Kindersterblichkeit steigt.

Das Wasserproblem verschärft sich noch zusätzlich, da das Flusswasser immer

weniger wird. Ein Trend, den Bauers Kollege Oliver Olsson mittlerweile anhand

von Zahlen untermauern kann – und zugleich ein erstes handfestes Ergebnis

des Projektes. „Der Fluss führt heute fast ein Zehntel weniger Wasser als noch

zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts“, berichtet er. „Wir konnten außerdem

feststellen, dass die Zahl der Überschwemmungen tendenziell ab- und

mittelgroße Kanäle, die der Bewässerung und

Wasserversorgung der Region dienen; einige

umliegende Seen erhalten Drainagewasser aus

den Kanälen. Allein in den Regionen Samarkand

und Navoiy wird das Wasser zur Bewässerung

von 530.000 Hektar Land gebraucht, auf dem

hauptsächlich Agrarprodukte angebaut werden,

die dem Bedarf der schnell wachsenden Land -

bevölkerung dienen.

Auf Tadschikistan entfallen derzeit rund sechs

bis acht Prozent des Wasserabflusses, das restliche

Wasser wird in Usbekistan verbraucht. Die Wasserqualität

hat sich nach Einschätzung von Wissenschaftlern

durch den Einfluss des von der Bewässerung

zurückfließenden Wassers und des Abwassers

von Städten wie Samarkand, Kattakurgan und

Navoiy über die Jahre kontinuierlich verschlechtert.

Quelle: Wikipedia


die Zahl der Dürreperioden, vor allem seit den 1970ern, stark zunimmt.“ Seither

muss im Schnitt jedes zweite Jahr mit extremem Niedrigwasser gerechnet

werden. Das macht den Schadstoffcocktail immer konzentrierter und

schmälert die ohnehin knappen nutzbaren Wassermengen. Worin die Ursachen

liegen für die schwindenden Wasserströme? Olsson hat mehrere Antworten

parat: „Vom Klimawandel über erhöhte landwirtschaftliche oder industrielle

Wasserentnahmen bis hin zu wachsenden Bevölkerungszahlen ist alles

denkbar!“

Ablagerungen im Fluss sind tickende Zeitbomben

Das Wasserproblem in Usbekistan und Tadschikistan ist auch deshalb so

schwierig in den Griff zu bekommen, da in den Ländern der ehemaligen

Sowjetunion noch sehr vieles, auch im übertragenen Sinne, im Fluss ist.

„Seit 18 Jahren sind die Länder unabhängig, doch die Übergangsprozesse

– wir nennen sie Transition – sind voll im Gang“, betont Melanie Bauer. So

werden etwa Pesti zide und Düngemittel mangels Fördergeldern für die

Landwirtschaft zunehmend sparsamer eingesetzt. Einige Unternehmen

mussten ihre Produktion zurückfahren, andere sind mittlerweile in auslän -

dischem Besitz. „Keiner weiß so recht, was von dort in den Fluss gelangt

und welche Umweltstandards hier möglicherweise maßgeblich sind“,

beschreibt Bauer das Dilemma.

Um Licht in das Dickicht und Dunkel der Einflussfaktoren zu bringen, wollen

die Wasserexperten zunächst einmal herausfinden, welche Schadstoffe woher

kommen und wie sie sich im Fluss verteilen – eines der zentralen Anliegen

des Vorhabens. Zugleich möchten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen

mit hilfe histo rischer Daten die Entwicklung der Wasserbelastung rund

zwanzig Jahre zurückverfolgen. „Wir haben dazu eine klare Aufgabenteilung“,

sagt Bauer. So koordinieren die Wissenschaftler aus Hannover die Arbeit der

drei Forschergruppen und bewerten die Informationen zu Wasser- und Stoffströmen,

um am Ende fundierte Erkenntnisse zu Ursachen und Folgen der

Wasserverschmutzung bereitstellen zu können. Die dafür erforderlichen Daten

liefern die beiden Teams von Inom Normatov und Malika Ikramova. Sie haben

mehrere Messpunkte an Zu- und Abläufen verschiedener Städte, Industrie -

gebiete und an einer Goldmine ausgewählt, nehmen dort Wasser- sowie

Bodenproben und analysieren diese mit zum Teil eigens aus Projektmitteln

für das Vorhaben angeschafften modernen Messgeräten.

„In der Ära der Sowjetunion wurden Landwirtschaft und Industrie im Serafschan-Tal

massiv ausgebaut“, schildert die usbekische Wasserforscherin Ikramova

den Beginn der tragischen Entwicklung. Der Wasserverbrauch stieg

drastisch, und belastete Abwässer wurden – und werden noch – meistens

unbehandelt in den Fluss geleitet. Viele dieser toxischen Altlasten, darunter

Quecksilber- und Chromverbindungen, arsenhaltige Substanzen und gesund-

Klassische Feldforschung an der Seiden -

straße: Im Gebiet der uralten Handelsstadt

Samarkand entnimmt das usbekische Messteam

vom Central Asian Scientific Research

Institute of Irrigation in Taschkent (SANIIRI)

Wasserproben aus dem Fluss Serafschan (Bild

oben), analysiert diese im Labor und wertet

sie anschließend am Computer aus (Bild

unten). Das geschichtsträchtige Samarkand

war ab 1925 Hauptstadt der damaligen Sowjetrepublik

Usbekistan, verlor diesen Status

aber nur fünf Jahre später an Taschkent.

Impulse 2010 55


56

Messen ist das A und O: Karimjon Emomov

(vorn) von der Tajik Academy of Sciences in

der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe

entnimmt Proben aus der Zentrifuge. Sein

Kollege Obid Bokiev hat derweil eine Wasserprobe

angefärbt, um mithilfe des Fotometers

(weißer Kasten zwischen den Forschern) die

Konzentration der im Wasser gelösten Substanzen

zu bestimmen.

heitsschädliches Phenol, sind ausgesprochen langlebig und haben sich über

Jahrzehnte im Fluss angereichert. Heute schlummern sie in großen Mengen

auch auf dem Grund des Stroms, wenngleich zurzeit noch in einer für die

Menschen unschädlichen Form. „Die giftigen Stoffe können aber wieder aktiviert

werden, wenn der Säurewert des Serafschan-Flusses durch unbehandelte

Industrieabwässer weiter steigt“, mahnt die Wasserexpertin. Einige dieser

tickenden Zeitbomben konnte sie mithilfe der Messungen im Rahmen des

Projekts bereits lokalisieren.

Bei ihren Messungen haben die Wissenschaftler mitunter mit extremen

Wetterbedingungen zu kämpfen: von klirrender Kälte mit Schnee und Eis

im Hochgebirge Tadschikistans bis zu flimmernder, flirrender Hitze bei 60

bis 70 Grad Celsius im heißen usbekischen Sommer. Und sie müssen bei der

Planung die über das Jahr stark schwankenden Wasserstände des Flusses

berücksichtigen. So ist der Serafschan im November mancherorts nur ein

trübes Rinnsal, während er in der Regenzeit schnell zu einem reißenden

Strom werden kann.

Das Ziel: ein nachhaltiges Wassermanagement

Der Rahmen des Projekts ist weit gesteckt. So durchforsten die tadschikischen

und usbekischen Forscher außerdem Archive in Moskau, Taschkent und

Duschanbe nach historischen Wasserdaten – eine Jagd mit ungewissem Ausgang,

denn die bürokratischen Hürden sind hier weitaus höher als etwa in

Deutschland. Und nicht zuletzt halten Normatov und Ikramova einen heißen

Draht zu den verantwortlichen Ministerien. Gerade das ist zwingend. „Schließlich

sehen wir unsere Aufgabe nicht darin, ökologische Schreckensszenarien

zu produzieren, sondern die neuen Erkenntnisse vor allem für politische Entscheidungen

im Sinne eines nachhaltigen Wassermanagements nutzbar zu

machen“, betont Normatov.

Bei diesem Prozess helfen auch die fest eingeplanten Workshops, zu denen die

Wissenschaftler politische Entscheidungsträger sowie Vertreter von regionalen

Wasserverbänden und Entwicklungshilfeorganisationen einladen. „Erst

im persönlichen Gespräch kann ein Verständnis für die Probleme vor Ort entstehen

und umgekehrt eine Sensi bilisierung für das Thema erreicht werden“,

meint Projektleiterin Melanie Bauer. Der erste Workshop fand in Taschkent

statt, als der Startschuss für das Projekt fiel. Mindestens zwei weitere sollen

folgen.

Ob im großen oder kleinen Kreis, die Kommunikation zwischen Wissenschaftlerinnen,

Wissenschaftlern und Entscheidungsträgern bringt bereits

erste Früchte. „Das Interesse unseres Ministeriums für Landwirtschaft und

Wasserwirtschaft an dem Projekt ist inzwischen sehr groß“, weiß etwa die

usbekische Wasserforscherin Ikramova zu berichten. Doch trotz erster Erfolge


leibt einiges zu tun. Viele Dinge sind unverstanden, und der Weg zu kon -

kreten Handlungshinweisen ist noch weit – von der praktischen Umsetzung

ganz zu schweigen. Unterstützung könnte eine Fortsetzung des Projekts bringen.

So wollen Olsson und Bauer ihren Projektpartnern ein Computermodell

verfügbar machen, das die gewonnenen Daten und Erkenntnisse in anschauliche

Szenarien übersetzt. Solche Simulationen machen Entwicklungen sichtbar,

bevor ein realer wirtschaftlicher oder ökologischer Gau eintritt. Und sie

zeigen, welche Lösungsansätze Erfolg versprechen. Damit hätten die Experten

vor Ort weitere schlagkräftige Argumente für konkrete Maßnahmen an

der Hand, damit der Traum vom sauberen Wasser im Serafschan-Tal so bald

wie möglich Wirklichkeit wird.

Andrea Hoferichter

Wissenschaftsjournalistin Andrea Hoferichter (rechts) im Gespräch

mit Dr.-Ing. Melanie Bauer (Mitte) und Diplomingenieur Oliver

Olsson von der Universität Hannover. Bild unten: Blick auf eine

Landkarte von Zentralasien. Zwischen den Händen der beiden

Wissenschaftler erstreckt sich die nördlichste Provinz Tadschikistans.

Hier beginnt der Serafschan-Fluss seine 800 Kilometer lange

Reise nach Westen bis ins usbekische Buchara, wo er schließlich

hinter der Stadt in der Wüste versickert.

Impulse 2010 57


Die Kulturen des Krieges

Auf den düsteren Spuren von Tod und Terror:

Dilthey-Fellow Dietmar Süß beschäftigt sich an der

Universität Jena mit dem Krieg im 20. Jahrhundert.

Welche Vorstellungen von „Kriegsmoral“ haben Diktaturen und Demokratien?

Und wie geht die Zivilbevölkerung, wie gehen die Kirchen mit dem Thema

Krieg um? Es ist ein ebenso weites wie spannendes Feld, das Dr. Dietmar

Süß an der Friedrich-Schiller-Universität Jena untersucht – und somit ein

typisches Forschungsthema für ein „Dilthey-Fellowship“. Erstmals im Jahr

2005 ausgeschrieben, setzt dieses Förderinstrument inzwischen vielfache

Ausrufezeichen in der geisteswissenschaftlichen Forschungslandschaft.

Seit September 2008 arbeitet Dietmar Süß am Historischen Institut der Universität

Jena an seinem großen Thema „Tod aus der Luft: Gewalt, Zivilgesellschaft

und die Kulturen des Krieges im 20. Jahrhundert“. Der 36-Jährige studierte

Neuere und Neueste Geschichte, Mittelalterliche Geschichte, Soziologie

und Rechtswissenschaften in Hagen (FernUniversität), Berlin (HU), Santander

(Universidad de Cantabria) und München (LMU). An letzterer promovierte

er 2001 über „Arbeiterschaft, Betrieb und Sozialdemokratie in der bayrischen

Montanindustrie 1945-1976“. Nach einem Volontariat bei der Katholischen

Nachrichtenagentur war er ab 2003 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am

Institut für Zeitgeschichte in München tätig. Von 2006 bis 2007 hielt sich

Dietmar Süß als Feodor-Lynen-Stipendiat der Alexander von Humboldt-

Stiftung an der Universität von Exeter in Großbritannien auf. Wissenschaftsjournalistin

Mareike Knoke sprach mit ihm über die unterschiedlichen Formen

von Kriegen, interdiszi plinäres Arbeiten und über den einsamen, aber

schönen Zeitvertreib des Schreibens.

Herr Süß, Ihre Doktorarbeit haben Sie zum Wandel sozialdemokratischer Milieus

nach 1945 verfasst. Wie kommt man von dort zu dem großen, internationalen

und auf den ersten Blick so anderen Thema „Gewalt, Zivilgesellschaft und die

Kulturen des Krieges“?

Interesse an dem Thema „Kriegs- und Gewaltgeschichte“ hatte ich schon früher.

Das hat zum einen teilweise auch private Gründe: Man entdeckt plötzlich

alte Briefe und Dokumente aus der Familiengeschichte und möchte sich

intensiv damit beschäftigen. Zum anderen habe ich während meiner Recherchen

für die Doktorarbeit mit vielen Arbeitern gesprochen, die der Soldaten-

Generation angehören und natürlich durch ihre Erlebnisse und Gewalter -

Dr. Dietmar Süß und das Gedenken an die

„Stunde Null“ in Jena: Im Februar und März

des Jahres 1945 wurde die Innenstadt durch

alliierte Bombenangriffe fast völlig zerstört –

ein Schicksal, das viele deutsche Großstädte

teilten. Im Rahmen seines „Dilthey-Fellowships“

erforscht Süß an der Friedrich-Schiller-

Universität Jena die gesellschaftlichen Auswirkungen

des Luftkrieges auf die Zivilbe völkerung

– von den beiden Weltkriegen bis zum

vermeintlich „sauberen“ Krieg der Gegenwart.

Impulse 2010 59


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Dr. Dietmar Süß an seinem Arbeitsplatz im

Historischen Institut der Universität Jena.

Gerade sichtet er einen archivierten Artikel

der Liverpool Daily Post (Bild unten), in dem

zusätzliche Hilfe für die Opfer des Bombenkrieges

angekündigt wird. Zeitungsartikel

vermitteln dem Wissenschaftler einen guten

Eindruck der Stimmung, die während des

Zweiten Weltkriegs in der britischen und

deutschen Bevölkerung herrschte.

fahrungen im Zweiten Weltkrieg geprägt sind. So entstand der Wunsch, das

einschneidende Erlebnis Krieg aus mehreren Blickwinkeln zu erforschen.

Welche Aspekte interessieren Sie dabei besonders und nehmen eine zentrale Rolle

in Ihrer Arbeit ein?

Mich interessiert, wie sich Krieg – insbesondere „Air Power“, also Luftkrieg –

auf die Zivilbevölkerung auswirkt: Was geschieht in dem jeweiligen Land, in

der dortigen Kriegsgesellschaft? Welche Vorstellungen von „Kriegsmoral“

haben Diktaturen und Demokratien? Und wie gehen die Kirchen mit dem

Krieg um; welche Trauerkulturen gibt es? Dabei beziehe ich meine Fragen

nicht nur auf Deutschland und den Nationalsozialismus, sondern arbeite

vergleichend, indem ich meinen Blick etwa auch auf Großbritannien richte.

Ebenfalls in international vergleichender Perspektive interessiert mich, wie

die verschiedenen Länder und Kulturen Krieg und Terror aus der Luft legitimieren

– und wie sich diese Legitimationsmuster vom Ersten Weltkrieg über

den Zweiten Weltkrieg bis hin zum Vietnam- und dem Irak-Krieg veränderten.

Man versteht zum Beispiel die Kriegführung im Irak-Krieg besser vor

dem Hintergrund einer Betrachtung des Zweiten Weltkriegs.

Inwiefern?

Denken Sie daran, was von der Art der Kriegführung im Zweiten Weltkrieg

vor allem im kollektiven Gedächtnis hängen blieb: die Luftangriffe auf deutsche

und britische Städte, die Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis durch die

US-Atombomben – Militärexperten haben all das jahrelang erforscht. Was

man im Irak-Krieg unbedingt vermeiden wollte, war die Verbreitung ähnlich

schrecklicher Bilder, wie sie nach den Luftangriffen auf Hamburg oder Dresden

oder auf japanische Städte um den Globus gingen. Im Irak sollte die Illusion

eines „sauberen“ Krieges, eines „klinisch reinen“ Luftkrieges über die Medien

in alle Welt gesendet werden.

Das wäre die Durchführung eines Krieges auf der Grundlage von Erfahrungen aus

einem anderen …

Ja, das heißt es. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fragten

US-Sozialwissenschaftler im Auftrag des United Strategic Bombing Survey in

Deutschland und in Japan die Zivilbevölkerung nach deren Befindlichkeit:

Welche Wirkung hatte der Luftkrieg auf sie, wie haben sie ihn erlebt? Die

Forscher lieferten mit ihren Umfrageergebnissen sozusagen die Blaupausen

für spätere Luftkriege. Einer von ihnen war übrigens der spätere US-Verteidigungsminister

Robert McNamara. Diese „Experten des Krieges“ nehmen eine

zentrale Rolle in meiner Forschungsarbeit ein.


Damit sind wir noch einmal bei Ihrer aktuellen Arbeit: Was genau tun Sie in Jena?

Der erste Teil meines Forschungsvorhabens widmet sich dem Vergleich der

deutschen und der britischen Gesellschaft während des Krieges – unter den

bereits erwähnten Aspekten. Dies steht im Zentrum meiner Habilitationsschrift.

In dem zweiten Teil konzentriere ich mich auf die globale Gewalt -

geschichte der Kriegführung beziehungsweise des Luftkriegs. In solch einer

breiten, international vergleichenden Perspektive wurde das bislang noch

nicht erforscht.

Welche Rolle spielt dabei Interdisziplinarität?

Eine wichtige. Man muss das Forschungsthema aus dem engen Korsett

der reinen Militärgeschichte befreien, es auch mit den Augen der Kulturund

Wissenschaftsgeschichte betrachten. Erste Schritte sind schon getan:

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Hamburg – Literatur- und

Sozialwissenschaftlern – haben wir einen Band über europäische Erinnerungen

an den Luftkrieg herausgebracht. Ebenso wichtig wie der Sprung über

disziplinäre Grenzen ist natürlich auch der Blick über den nationalen Tellerrand:

Deshalb ist mein Thema so weit und so umfangreich angelegt. Außerdem

möchte ich gern einen internationalen Forscherverbund zum Thema

aufbauen. Sehr gute Voraussetzungen dafür bietet natürlich meine enge

Zusammenarbeit mit den Kollegen an der britischen University of Exeter.

Gemeinsame Tagungen und Bücher sind geplant.

Die Dilthey-Fellowships

Wenn exzellente Nachwuchsforscherinnen und

-forscher aus den Geisteswissenschaften hierzulande

fünf Jahre lang eigenständig wissenschaftlich

arbeiten können, dann haben sie möglicherweise

ein „Dilthey-Fellowship“ inne. Erstmals im

Jahr 2005 ausgeschrieben, hat sich dieses Förderinstrument

hervorragend bewährt, denn die promovierten

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

können ihre Arbeiten selbstbestimmt an

einer Hochschule oder einem außeruniversitären

Institut fortsetzen und werden so in Deutschland

gehalten. Die jungen Forscher sollen dabei vor

allem Themen bearbeiten, die den Geisteswissenschaften

neue Gebiete erschließen und die auf-

grund ihrer Komplexität oder ihres höheren Risikos

von vornherein längere Planungs- und Zeithorizonte

benötigen. Über herkömmliche Grenzen

hinaus denkende Forscherpersönlichkeiten erhalten

auf diese Weise die Chance, sich zu führenden

Vertretern ihres Wissensgebietes zu entwickeln.

Die Dilthey-Fellowships – sie sind einer der beiden

Bausteine der Förderinitiative „Pro Geisteswissenschaften“

– helfen somit, eine Forscherkarriere im

besten Sinne ungezwungen und unabhängig

voranzutreiben. Im Zuge der ersten vier Bewilligungsrunden

der Jahre 2006 bis 2009 konnten

bislang insgesamt 32 Dilthey-Fellows mit ihren

Forschungen beginnen. cj

Impulse 2010 61


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Im Gespräch verrät Dietmar Süß Impulse-

Autorin Mareike Knoke (oberes Bild), dass die

angeblich so einsame Arbeit im Archiv gar

nicht so einsam ist: „Man entdeckt sehr viel

Neues und Überraschendes und tauscht sich

mit anderen darüber aus.“

Mit den Dilthey-Fellowships unterstützt die VolkswagenStiftung Forschungs -

vorhaben, die nicht ohne Risiko sind und deshalb bei anderen Förderern schnell

durchs Raster fallen könnten. Was macht denn Ihr Projekt zur „Risikoforschung“?

Oh (lacht) – nach den Förder-Maßstäben der Deutschen Forschungsgemeinschaft

fallen mir eine ganze Reihe von Risikofaktoren ein: die große Spannbreite

des Themas; die viele Zeit, die notwendig ist, um in Archiven auf der

ganzen Welt zu recherchieren; die Interdisziplinarität und die Multiperspek -

tivität auf mein Thema …. Mit einer normalen zwei- bis dreijährigen Laufzeit

wäre das nicht machbar. Als Dilthey-Fellow aber habe ich die nötige Ruhe

und vor allem mindestens fünf Jahre Zeit, um mich durch viele, viele Aktenmeter

zu fressen und anschließend meine Erkenntnisse niederzuschreiben.

Und welche Rolle spielt der Standort Jena für Ihr Vorhaben?

Mit dem „Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts“ und dem Lehrstuhl

für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut habe ich eine

ideale Heimat und ein wunderbar anregendes Umfeld für mein Projekt

gefunden. Bereits im Oktober 2008 haben wir hier eine Tagung zu „Erinnerungskultur

in Deutschland und Europa“ veranstaltet, für Mai 2010 ist die

nächste Tagung zu „Kriegslegitimationen nach 1945“ geplant. Es ist eine klassische

Win-win-Situation: Ich finde hier eine spannende Umgebung vor und

bringe im Gegenzug meine Erfahrung ein, um am Institut thematisch neue

Akzente zu setzen.

Hat denn auch der wissenschaftliche Nachwuchs etwas davon?

Die Lehre ist fester Bestandteil meiner Dilthey-Förderung und macht mir großen

Spaß. Ich biete unter anderem Seminare zum Krieg im 20. Jahrhundert

oder zur Soziologie des Krieges an. Spannend für beide Seiten ist, dass ich mit

den Studierenden Aspekte meiner laufenden Arbeit diskutieren kann. Das

bringt mir sehr viel – es hilft, eigene Positionen zu überdenken. Aber auch die

Studierenden, die mit Quellen aus meiner unmittelbaren Forschung arbeiten

können, haben etwas davon.

Inwieweit binden Sie auch Doktorandinnen und Doktoranden ein?

Promovenden darf ich zwar im Augenblick – als nicht Habilitierter – noch nicht

betreuen. Aber auf informellem Weg kann ich sie trotzdem fördern und einbeziehen.

Zum Beispiel, indem wir Magistranden und Doktoranden bei unseren

Tagungen die Möglichkeit bieten, ihre Arbeiten zu präsentieren. Das hilft

ihnen, die Scheu vor der anwesenden „Fachwelt“ zu verlieren, und stimmt sie

schon mal auf eine eventuelle spätere Tätigkeit als Wissenschaftler ein.


Was macht denn Ihnen am meisten Spaß an der Arbeit als Wissenschaftler?

Da gibt es vieles! Zum Beispiel die angeblich einsame Arbeit in den Archiven.

Die ist gar nicht so einsam – man entdeckt sehr viel Neues und Überraschendes

und tauscht sich mit anderen darüber aus. Schreiben ist die viel einsamere

und härtere Arbeit. Die mir allerdings wiederum auch großen Spaß macht.

Mein Traum wäre es, ein Buch zu schreiben, das sich mit der Frage „Warum

töten Demokratien Zivilisten?“ beschäftigt und nicht nur von der Fachwelt,

sondern auch von „normalen“ Menschen mit Interesse und Gewinn gelesen

wird.

Herr Süß, vielen Dank für das Gespräch.

Geballte Kraft für die Geisteswissenschaften – auch im Jahr 2009

Wie haben sich im imperialen Russland des 19.

Jahrhunderts technische Neuerungen wie Eisenbahn

und Telegrafie auf die Gesellschaft ausgewirkt?

Welchen Einfluss hat es auf die öffentliche

Darstellung der Demokratie, dass sich Politiker

immer stärker in den Medien inszenieren? Welche

Rolle spielen Vaterbilder für die US-amerikanische

politische Kultur? Und was verbirgt sich hinter

neugermanischem Heidentum? – Vier spannende

Themen, die ganz unterschiedliche Facetten innovativer

geisteswissenschaftlicher Forschung widerspiegeln.

Zugleich vier von zwölf Themen, die für

wissenschaftliche Vorhaben stehen, die seit dem

Jahr 2009 neu von der Fritz Thyssen Stiftung und

der VolkswagenStiftung in ihrer gemeinsamen

Initiative „Pro Geisteswissenschaften“ gefördert

werden.

Die Geisteswissenschaften mit Angeboten zu

unterstützen, die ausdrücklich auf deren Bedürfnisse

und Forschungspraxis zugeschnitten sind,

ist Ziel der Initiative „Pro Geisteswissenschaften“.

Sie umfasst zwei Komponenten: die Dilthey-Fellowships

für den hoch qualifizierten wissenschaftlichen

Nachwuchs sowie die Förderung „Opus magnum“

als Freistellungsangebot für Professorinnen und

Professoren, die ein größeres wissenschaftliches

Werk verfassen wollen. Für die im Jahr 2009 neu

auf den Weg gebrachten sechs Dilthey-Fellowships

und sechs „Opus magnum“-Förderungen

wurden seitens der beiden Stiftungen insgesamt

3,1 Millionen Euro vergeben.

Die sechs neu geförderten Dilthey-Fellows befassen

sich dabei mit Fragestellungen aus den Politik- und

Geschichtswissenschaften, aus Philosophie und

Technikgeschichte sowie aus den Literatur- und

Kulturwissenschaften; je zwei von ihnen sind

angesiedelt an Wissenschaftseinrichtungen in

Berlin und München und je ein Dilthey-Fellow

verfolgt sein Projekt an der Universität Bochum

beziehungsweise Tübingen.

Die ausgewählten „Opera-magna“-Vorhaben

umfassen Themen aus den Geschichts- und

So zialwissenschaften, aus Wissenschafts- und

Kirchengeschichte sowie der Ethnologie. Verankert

sind zwei der unterstützten Forscherinnen

und Forscher an der Humboldt-Universität zu

Berlin, die vier anderen an den Universitäten in

Erfurt und Erlangen-Nürnberg – sowie ebenfalls

in Tübingen und Bochum. cj

Impulse 2010 63


Die Rückkehr der Folter

Ist die Würde des Menschen noch unantastbar?

Forscher in Konstanz und Münster, Düsseldorf und

Gießen auf den Spuren von Wahrheit und Gewalt

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde in den deutschen Landen die Folter abgeschafft.

Unter den Nazis kehrte sie zurück. Der erste Artikel des Grundgesetzes

der Bundesrepublik bezeichnet die Menschenwürde als unantastbar.

Mehr als fünf Jahrzehnte lang galt Folter als Tabu. Doch seit einigen Jahren

wird die Würde des Menschen neu verhandelt. Die sogenannte Rettungsfolter

gilt manchem als denkbar. Droht der Rückfall ins Mittelalter? Stehen

wir vor einer neuen Form von Gewalt, die als zweckmäßig betrachtet wird?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Auf diesen feierlichen Satz

beruft sich der freie Westen gern, wenn er sich gegen die Diktaturen und

Tyrannen dieser Welt stellt. Der Satz aus dem ersten Artikel des deutschen

Grundgesetzes bestimmt das moralische und rechtliche Fundament unseres

Verständnisses von Gemeinschaft und Staat. „Die Menschenwürde ist kein

Gut, das man gegen andere aufrechnen kann“, sagt Professor Dr. Thomas

Gutmann, Rechtsphilosoph an der Universität Münster. „Sie markiert eine

normative Grenze, die man nicht überschreiten darf.“

Formal gilt dieser Satz uneingeschränkt. Doch seit Jahren schwelt unter den

Gelehrten eine Debatte, ob sich Würde gegen Würde aufrechnen lässt. Der

Hintergrund ist handfest: Aus der Unantastbarkeit der Menschenwürde folgte

bisher, dass man Menschen nicht foltern darf – etwa, um ein Geständnis zu

erzwingen; oder, um nützliche Informationen zu erhalten. „Nun gibt es vermehrt

Stimmen, die Folter für einen ‚guten Zweck’ erlauben wollen“, beklagt

Thomas Gutmann. „Das ist mit der sechzigjährigen Entwicklung des Rechtsbegriffs

der Menschenwürde im Grundgesetz nicht vereinbar.“ Ein Satz, der

steht wie eine Mauer.

Gutmann und Forscherkollegen sind sich einig: Die Rückkehr der Folter ist

ein heiß diskutiertes Thema, das dringend der wissenschaftlichen Analyse

bedarf. Deshalb hat die VolkswagenStiftung zwei Vorhaben bewilligt, die sich

diesem Feld nähern. Der Münsteraner Thomas Gutmann forscht gemeinsam

mit Kollegen in Konstanz im Projekt „Wahrheit und Gewalt. Der Diskurs der

Folter“, das mit 461.000 Euro gefördert wird. Ein zweites Forschungsprojekt

ist an der Universität Düsseldorf angesiedelt; hier kooperieren Wissenschaftler

aus Gießen. Das Vorhaben „Die Wiederkehr der Folter? Interdisziplinäre

Studie über eine extreme Form von Gewalt, ihre mediale Darstellung und

Gemeinsam auf den Spuren der Folter – die

Wissenschaftler aus Münster und Konstanz:

Professor Thomas Weitin, Professor Peter

Oestmann, Natalie Knapp, Sabine Blömacher,

Gesine Brede, Alexander Kroll, Dr. Michael

Neumann (nach links Blickende, von vorn);

Professor Thomas Gutmann, Dr. Bernhard

Jakl, Dr. Bijan Fateh-Moghadam, Marco Bunge-

Wiechers (nach rechts Blickende, von vorn).

Impulse 2010 65


66

Die Renaissance der Folter in Zeiten des

Terrors stimmt die Forscher nachdenklich.

Professor Thomas Weitin von der Universität

Konstanz (oben) und Professor Thomas Gutmann

von der Uni versität Münster wollen

herausfinden, warum die Akzeptanz von

Gewalt an Einzelnen zum vermeintlichen

Wohle Vieler immer weiter steigt, und werfen

dabei mit ihren Kollegen einen Blick auf die

Geschichte der Folter in Deutschland.

Ächtung“ wird mit 741.000 Euro unterstützt. In beiden Projekten – sie sind im

Frühsommer 2009 gestartet – geht es um ein Schlüsselthema der Geisteswissenschaften,

das in fachübergreifender Zusammenarbeit bearbeitet wird: in

enger Vernetzung von Juristen, Medien- und Kulturwissenschaftlern, Philo -

sophen und Medizinern. Die Forscher beider Vorhaben tauschen sich dabei

auch projektübergreifend aus.

Das unausgesprochene Folterverbot galt bis Ende der 1990er Jahre. Zwei Jahre

nach den Terroranschlägen in New York im September 2001 erschien ein

Kommentar zum ersten Artikel des Grundgesetzes. Darin wurde die Auffassung

vertreten, dass eine Verletzung der Menschenwürde nicht vorliege,

wenn der Eingriff einem hochrangigen „Zweck“ diene. Die Folterung einer

Person wäre demnach also keine Würdeverletzung, gelangte man auf diese

Weise an wertvolle Erkenntnisse. Informationen, mit denen man vielleicht

das Leben von Tausenden retten könnte. Ähnlich gelagert ist die immer

wieder aufflackernde Debatte über den gezielten Abschuss eines gekaperten

Passagierflugzeuges, um dessen Einsatz als terroristische Waffe zu verhindern.

Thomas Gutmann sagt: „Das Bundesverfassungsgericht hat dazu festgestellt:

Wir dürfen nicht einmal daran denken, die Maschine abzuschießen.

Der Rechtsstaat nimmt hin, was nur durch die Entwürdigung Einzelner zu

verhindern wäre.“

Lässt sich die Würde zweier Menschen gegeneinander aufrechnen?

Eigentlich wäre der Gelehrtenstreit damit erledigt. Doch die Folter kehrt derzeit

vehement über die Nachrichtenkanäle, TV-Serien und Kinofilme in die

öffentliche Wahrnehmung zurück. So propagierte beispielsweise die populäre

Serie „Twenty Four“ („24“) den Agenten Jack Bauer, der böse Terroristen foltert,

um wertvolle Details zu erpressen. Und längst hat die Folter die fiktive Welt

der Filme und Bücher (zum Beispiel „Uhrwerk Orange“) verlassen, tritt ganz

real in die Welt: In Deutschland machte 2004 ein Gerichtsprozess Furore, in

dem es um die Androhung von Folter durch einen Polizeibeamten ging. Um

den entführten Jungen Jakob von Metzler zu befreien, drohte der hochrangige

Polizist Wolfgang Daschner dem geständigen Entführer Magnus Gäfgen an,

ihn gewaltsam zur Preisgabe des Aufenthaltsortes seines Opfers zu zwingen.

Daschner nahm an, dass der Junge noch lebte, er wollte das Kind retten. Gäfgen

gab den Ort preis, wohl wissend, dass er den Jungen bereits erwürgt hatte.

Daschner, seinerzeit stellvertretender Polizeipräsident von Frankfurt am Main,

fertigte eine Aktennotiz an, die letztlich zum Prozess führte – Nötigung im

Amt, so der Vorwurf gegen ihn. Dieser Fall eröffnete eine erregte Debatte um

die Rettungsfolter. „Kann man die Würde des Kindes gegen die Würde des

Entführers aufwiegen?“, fragt auch Professor Dr. Karsten Altenhain, Strafund

Medienrechtler an der Universität Düsseldorf und Projektleiter des

anderen von der Stiftung geförderten Vorhabens, das sich mit der Wiederkehr

der Folter beschäftigt.


War das Abendland bislang stolz darauf, die Folter abgeschafft zu haben,

kehrt diese zunehmend über den sogenannten Krieg gegen den Terror

zurück. Die Bilder, die 2004 aus dem irakischen Gefängnis von Abu Ghraib

um die Welt gingen, rückten diese verstörende Tatsache ins Licht: Zur Ver -

teidigung der Demokratie galt in den USA die Folter von Inhaftierten durch

amerikanisches Wachpersonal als legitim. Dabei nahmen sich die GIs ähn -

liche Gewaltakte aus den Medien zum Vorbild. Auch im US-amerikanischen

Stützpunkt von Guantanamo wurden „Islamisten“ ohne Gerichtsverfahren

über Jahre inhaftiert und gefoltert. Dazu hatte die Regierung in Washington

alle Regeln eines rechtsstaatlichen Gerichtsverfahrens außer Kraft gesetzt.

Als der neue US-Präsident Barack Obama Anfang des Jahres 2009 den Chefsessel

im Weißen Haus übernahm, untersagte er zwar die Folterpraxis in

Guantanamo. Eine juristische Untersuchung ordnete er bisher jedoch nicht

an. Ist das ein Zeichen dafür, dass der alte Konsens, der die Folter verbot,

schon erodiert ist? Genau darin sieht Thomas Gutmann ein wichtiges Forschungsfeld:

„In der Kooperation mit Sozialwissenschaftlern gehen wir der

Frage nach: Mit welchen theoretischen Mitteln kann man erklären, warum

der Konsens in der Folterfrage wegbricht? Warum ändern sich normative

Überzeugungen und verbreiten sich weltweit?“ Er mutmaßt: „Das hat etwas

mit der prägenden Macht der Leitmotive globaler Weltpolitik zu tun. Die

Amerikaner haben die Folter als politisches Dispositiv normalisiert. Auch

wir in Deutschland stellen unsere Erzählung vom Recht von ‚Freiheit‘ auf

‚Sicherheit‘ um.“

Gutmanns Projektkollege, der Konstanzer Literaturwissenschaftler Professor

Dr. Thomas Weitin, untersucht, unter welchen Umständen die Folter in

Deutschland abgeschafft wurde. Bis ins 19. Jahrhundert zielte die Beweisord-

Das Projektteam aus Münster und Konstanz

vor einer Szene aus der US-Fernsehserie „24“,

in der Antiterroragent Jack Bauer gezielt

Foltermaßnahmen zur Informationsbeschaffung

einsetzt. Im Vordergrund die drei ko -

operierenden Professoren: Rechtsphilosoph

Professor Dr. Thomas Gutmann (links), Rechtshistoriker

Professor Dr. Peter Oestmann (Mitte)

– beide von der Universität Münster – und

der Literaturwissenschaftler Professor Dr.

Thomas Weitin von der Universität Konstanz.

Impulse 2010 67


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nung der Gerichte in erster Linie auf ein Geständnis, das unter Umständen

auch mit physischer Gewalt erzwungen werden konnte. „Die Abschaffung

der Folter gründete dann auf der Erkenntnis, dass unter Gewalt erzwungene

Geständnisse kaum verwertbar waren“, analysiert er. „Folter war ineffizient,

denn die Wahrheit ließ sich auf diese Weise kaum ermitteln.“ Dennoch dauerte

es fast hundert Jahre, bis sie in allen deutschen Staaten abgeschafft war.

Während der Rechtshistoriker Professor Dr. Peter Oestmann aus Münster als

dritter Kooperationspartner mit seinem Team Gerichtsakten aus der Übergangszeit

auswertet, untersuchen Weitin und seine Mitarbeiter die Wirkung

der Folter in der Literatur. Als sich Preußen endlich entschloss, die Folter

abzuschaffen, wurde dieses Verdikt zunächst geheim gehalten. Man wollte

das Abschreckungspotenzial der Gewaltdrohung nicht aufgeben. „Die Folter

wandelte sich von physischer zu verbaler Gewalt“, urteilt Weitin. Die Literatur

dieser Epoche, fügt er hinzu, habe in dem Umwandlungsprozess eine zentrale

Rolle gespielt. Dem Philosophen Immanuel Kant etwa war es vorbehalten, die

„Tortura spiritualis“ (Geistesfolter) an die Stelle der schmerzhaften Folterwerkzeuge

zu setzen. Weitin spürt zugleich den historischen Konsequenzen

der Kant’schen Definition von „Menschenwürde“ nach. Bei Kant spielt dieser

Begriff eine zentrale Rolle, als moralischer und als Rechtsbegriff. Er prägte die

Epoche der Aufklärung, auf die sich der moderne Verfassungsstaat inklusive

seinem Folterverbot gründete.

„Wir waren immer so stolz darauf, die Folter abgeschafft zu haben“, erläutert

Karsten Altenhain von der Universität Düsseldorf. „Aber ist sie wirklich verschwunden?“

Gefoltert wurde bis in die jüngste Geschichte: in den deutschen

Kolonien, unter den Nazis. Die Amerikaner folterten in Vietnam und im Irak,

die Franzosen im Algerienkrieg, die Briten im Konflikt um Nordirland. Altenhain

moniert: „Beispielsweise ist die Folter im deutschen Strafrecht als Tatbestand

überhaupt nicht enthalten. Das Strafrecht kennt die Körperverletzung

und die Erpressung einer Aussage, aber Folter wird weder erwähnt noch defi-

Die Wiederkehr der Folter? Im zweiten von der VolkswagenStiftung

geförderten Projekt zum Thema arbeiten Forscher aus Düsseldorf

und Gießen zusammen: Professor Dr. Reinhold Görling

(links) von der Universität der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt

und sein Kooperationspartner Professor Dr. Johannes

Kruse treffen sich hier gerade im Museum Insel Hombroich vor

Werken des französischen Künstlers Jean Fautrier, der sich in

seiner Arbeit vielfach mit dem Thema Folter auseinandersetzt.


niert.“ Dabei gibt es einige Vorbilder: die Antifolterkonvention der Vereinten

Nationen etwa oder die Menschenrechtskonvention des Europarates.

Es gebe also erheblichen Definitionsbedarf, fährt Altenhain fort, denn: „Den

Juristen in den Behörden und Gerichten fehlt oft die Vorstellung davon, was

Folter bewirkt und welche dauerhaften traumatischen Folgen sie für die Opfer

hat.“ Altenhain wiederum kooperiert mit Professor Dr. Johannes Kruse, Chef

der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Gießen.

Er schätzt, dass in Deutschland rund eine Million Flüchtlinge leben, davon

rund 100.000 Folteropfer. „Etwa dreißig bis vierzig Prozent der Asylsuchenden

wurden in ihren Herkunftsländern gefoltert“, ergänzt er und fragt: „Ist

das ein Abschiebehindernis?“ Kruse ist als Gutachter in Gerichtsverfahren

tätig, wenn es um das Aufenthaltsrecht für Verfolgte geht, die in ihrer Heimat

gefoltert wurden. „Entscheidend ist, wie die Gesellschaft damit umgeht“,

erläutert er. „Wenn man die Traumatisierung durch Folter oder andere schwere

Erlebnisse ignoriert oder den Opfern unterstellt, selbst schuld zu sein oder

gar zu simulieren, kann die Traumatisierung chronisch werden.“ Im Rahmen

des Forschungsprojekts untersucht das Gießener Team zahlreiche Gutachten

und deren Interpretation durch die Gerichte. „Wir werden für die Richter spezielle

Veranstaltungen zur Fortbildung anbieten und die Ergebnisse unserer

Forschungen publizieren“, stellt der Mediziner in Aussicht. Zunächst wird

sein Team die verfügbare Literatur zur empirischen Erforschung der Traumatisierung

durch Folter sammeln und auswerten.

Folterszenen als „Konsumgut“?

Der Folter geht die Entwürdigung des Opfers voraus, sie ist der zentrale psychologische

Hebel, um Folter überhaupt zu ermöglichen. Pauschal als gesichtslose,

anonyme „Terroristen“ oder „Islamisten“ abgeurteilt, nicht selten vermummt

dargestellt (wie in Guantanamo), werden die Folteropfer jeglichen

menschlichen Mitgefühls durch die Täter beraubt. Auch den Fernsehzuschauern

wird es dadurch leicht gemacht, wegzusehen. „Das funktioniert gleichermaßen

beim Antiterroragenten Jack Bauer, dem positiv kolorierten Helden

der Fernsehserie ‚24‘“, berichtet Professor Dr. Reinhold Görling, Medienwissenschaftler

in Düsseldorf und dritter Kooperationspartner im Vorhaben

„Die Wiederkehr der Folter“. Er erforscht, welche filmischen Strategien zum

Einsatz kommen, um die Folter zu legitimieren. „Der Zuschauer erhält keine

Gelegenheit, Empathie für die Opfer zu entwickeln“, hat der Wissenschaftler

beobachtet. Als dramaturgischer Hintergrund diene meist ein enormes

Bedrohungsszenario – beispielsweise Biowaffen in den Händen von Terroristen

oder eine versteckte Atombombe mit Zeitzünder. Jack Bauers verstockte

Gegenspieler haben das Wissen, die Katastrophe zu verhindern. „Nur dadurch

lässt sich die Legitimation aufbauen, dass der gute Jack foltern darf“, analysiert

Görling. „Das klappt immer. Letztlich bekommt er die Informationen, die

er braucht.“ Zur Erinnerung: Die Folter wurde im Zuge der Aufklärung abge-

Angesichts von „Waterboarding“ in Guantanamo

und der Misshandlung von Gefangenen

in Abu Ghraib scheint die Folterdebatte

in erster Linie eine amerikanische zu sein.

Aber auch in Deutschland steht Folter durchaus

auf der Tagesordnung, wie die Diskussion

um den Fall des entführten Jakob von Metzler

zeigte: Ein hochrangiger Polizist drohte dem

geständigen Magnus Gäfgen Gewalt an, um

den Aufenthaltsort des entführten Jungen

zu erfahren (Bild oben: Antifolterplakat bei

Metzler-Prozess 2004; unten: Konferenz „Folter

und Zukunft“ im Juni 2009 in Düsseldorf).

Impulse 2010 69


70

schafft, weil man sich von ihrer Nutzlosigkeit überzeugt hatte. Möglichst

schnell an verwertbare Informationen zu gelangen, wird nun als Argument

benutzt, um sie wieder einzuführen. Thomas Weitin aus Konstanz spricht

von der „Ökonomie der Folter“.

Statistiken aus den USA belegen, dass die Folter in den Medien seit Mitte

der 1990er Jahre stark zugenommen hat. „Früher waren einzelne Szenen in

Horrorfilmen zu sehen“, urteilt Görling. „Heute laufen sie zur Primetime im

Fernsehen.“ Die Serie „24“ sei nur eines von vielen Beispielen. „Welche Ängste

werden hier aufgegriffen?“, fragt der Forscher nun. „Und wie verbinden diese

sich mit den Argumenten, anhand derer Regierungen heute versuchen, die

Einschränkung unserer Grundrechte zu rechtfertigen?“

„Würde“ ist nicht „Dignitas“… – über das Verständnis des Würdebegriffs

Würde – dignité – godnosc éé – dignity. Vier Begriffe,

die gleich übersetzt werden; doch tragen sie auch

den gleichen Inhalt? Lassen sich Begriffe tatsächlich

wortwörtlich in eine andere Sprache übertragen?

– Das von der Stiftung in ihrer Initiative „Deutsch

plus“ geförderte Projekt „Würde ist nicht Dignitas“

widmet sich dem Einfluss von Kultur, Geschichte

und Sprache auf den Würdebegriff.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Erneut

lohnt der Blick auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes.

Die

„Menschenwürde“

wird damit zu

einem Schlüsselbegriff

der Ver -

fassung und

zu gleich des

gesamten poli -

tischen und

gesellschaftlichen

Lebens – zumindest

in Deutschland.

Seien es Diskussionen

um Sterbehilfe, Embryonenschutz oder

Folterverbot: Immer wieder spielt der Begriff der

„Würde“ eine zentrale Rolle. Und auch für so unterschiedliche

wissenschaftliche Disziplinen wie

Philosophie, Theologie, Rechtswissenschaften,

Biologie, Medizin und Ethik ist er von hoher Relevanz.

Doch lässt sich „Würde“ überhaupt klar umreißen?

Und wenn dies schon für eine (Sprach-) Kultur

schwer zu beantworten ist: Was verbirgt sich dann

hinter dem Begriff in verschiedenen Sprachen

und zu unterschiedlichen Zeiten? Schließlich war

es zum Beispiel im viktorianischen Zeitalter verpönt,

nackte Haut zu zeigen. Davon kann heute

keine Rede mehr

sein. Und auch die

Frage, ob man die

Würde einer Person

gegen diese

selbst vertei digen

kann oder sogar

muss, weil sich

jemand freiwillig

erniedrigt, wird

keineswegs überall

auf der Welt

gleich beantwortet.

Dies zeigt sich beispiels weise bei einem „Phänomen“

wie dem „Zwergenwerfen“ – einem Wettbewerb,

bei dem kleinwüchsige Menschen auf

gepolsterte Matten geschleudert werden.


Ein Ergebnis soll sein, hilfreiche Kriterien zur Bewertung von Filmen zu entwickeln.

Denn immer mehr Jugendliche konsumieren die Folterszenen. „Auch

im Jugendschutz ist die Folter nicht verankert“, sagt Görling. Vielen Zuschauern

sei nicht bewusst, wie schleichend die Folter wiederkehrt. Görling spricht

von „der Kärrnerarbeit, sich dieses Zeugs anzusehen“. Das lasse einen nicht

unbelastet. Er wertet auch die Filmgutachten beispielsweise der Freiwilligen

Selbstkontrolle aus. Evan Katz, Mitautor von „24“, hat den Erfolg der Serie einmal

so begründet: „Angst verkauft sich gut“. Und die Folter im Gepäck gleich

mit? Reinhold Görling fragt: „Sind die filmischen Strategien so gestaltet, dass

man das schon unbemerkt schluckt? Das wäre mehr als bedenklich!“

Heiko Schwarzburger

Dass es sich lohnt, den Bedeutungsreichtum des

Konzepts „Würde“ genauer zu erforschen, davon sind

Professor Dr. mult. Nikolaus Knoepffler und Professor

Dr. Peter Kunzmann vom Lehrstuhl für Angewandte

Ethik der Friedrich-Schiller-Universität Jena überzeugt:

„Ein Deutscher versteht unter Würde nicht unbedingt

das Gleiche wie ein Franzose unter dignité, ein Pole

unter godnosc éé oder ein Anglophoner unter dignity“,

erklärt Kunzmann. Sowohl die jeweilige Kultur als

auch Geschichte haben einen immensen Einfluss auf

die Sprache – so lautet eine grundlegende These der

beiden Philosophieprofessoren, die sie zum Projekt

„Würde ist nicht Dignitas“ inspiriert hat. Das Vorhaben

wird von der VolkswagenStiftung in ihrer Initia -

ti ve „Deutsch plus – Wissenschaft ist mehrsprachig“

gefördert, denn solche sprachlichen und kulturellen

Prägungen haben offenkundig auch Einfluss auf den

wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema Würde.

Kunzmann und Knoepffler gehen in ihrer Forschung

davon aus, dass dem Ausdruck „Würde“ gerade in

der deutschen Sprache eine besondere Bedeutung

zu kommt. Die Erfahrungen Deutschlands während

des Nationalsozialismus haben unter anderem dazu

geführt, dass die „Würde“ im Grundgesetz – im Vergleich

zum Status quo ante und anderen Nationen –

deutlich aufgewertet wurde. Hat Deutschland hiermit

einen Sonder weg im internationalen Vergleich

Als blickten sie in eine düstere Zukunft: Der

Medienwissenschaftler Professor Reinhold

Görling von der Universität Düsseldorf (links)

erforscht filmische Strategien, die wie in der

US-Fernsehserie „24“ benutzt werden, um

Folter zu legitimieren. Professor Johannes

Kruse ist Chef der Klinik für Psychosomatik

und Psychotherapie an der Universität Gießen.

Er nutzt seine Erfahrung als Gutachter

in Gerichtsverfahren und wertet Daten zur

Traumatisierung von Folteropfern aus.

eingeschlagen? Wie lassen sich etwaige Besonderheiten

in einen gesamteuropäischen oder gar globalen

Kontext integrieren?

Diese Fragen möchten sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern

beantworten, indem sie mehrere sprach -

liche und fachwissenschaftliche Traditionen miteinander

vergleichen. So geht Doktorandin Christine

Baumbach den Spuren des Begriffs im französischund

im deutschsprachigen Raum nach, Habilitand

Martin O’Malley nimmt die USA näher in den Blick.

Dabei sind länder- und diszip li nenübergreifende

Vernetzung und Austausch das A und O.

Eine erste internationale Konferenz mit Rechts- und

Sprachwissenschaftlern, Philosophen und Soziologen

liegt schon erfolgreich hinter den Wissenschaftlern,

eine weitere steht 2010 auf dem Plan. Das Team

schaut erwartungsfroh in die Zukunft: „Schließlich

wird sich ein ganzes Panorama von zum Teil verblüffenden

Traditionslinien und Querverbindungen zeigen“,

erwartet Kunzmann. Eine besondere Rolle komme

dabei dem „Weg der Würde“ ins Grundgesetz zu;

„quasi ein Prisma, in dem sich viele Linien bündeln“.

Claudia Gerhardt

Impulse 2010 71


Ein Jahr im Forscherparadies

Die „Harvard-Fellowships“ ermöglichen exzellenten

Geisteswissenschaftlern einen unvergesslichen

Aufenthalt an der US-Elite-Universität.

Warum heißt der Server Server? Und: Was hat er mit Bediensteten vergange -

ner Zeiten gemeinsam? An diesen Fragen entzündete sich das Forschungsinteresse

von Markus Krajewski. Der Juniorprofessor an der Bauhaus-Universität

Weimar verfasst derzeit seine Habilitation zur Geschichte des Dienens. Seine

Arbeitsbedingungen waren im vergangenen Jahr hervorragend: 2008 gehörte

er zu den ersten Postdoktoranden, die die VolkswagenStiftung ge meinsam

mit dem Humanities Center der Harvard University als Fellows auswählte.

Eine Zeit lang an der Harvard University in den USA wissenschaftlich arbeiten

können? Das wünschen sich sicherlich viele Forscherinnen und Forscher. Für

ausgewählte junge Geisteswissenschaftler wird dieser Traum seit dem Jahr

2008 wahr. Die hervorragendsten Köpfe unter ihnen, die sich mit zukunftsweisenden

Projekten – insbesondere an der Nahtstelle zu anderen Disziplinen

– befassen, erhalten als „Harvard-Fellows“ die Gelegenheit, das einzigartige

Angebot an Bibliotheken, Archiven und Kommunikationsmöglichkeiten vor

Ort zu nutzen. Darüber hinaus hält das reichhaltige Veranstaltungsprogramm

vielfältige Impulse bereit für zweifelsohne jeden Nachwuchsforscher. Ein

Gesamtpaket, das weltweit einzigartig sein dürfte.

Markus Krajewski, den in seiner bisherigen wissenschaftlichen und publi -

zistischen Laufbahn die kulturwissenschaftliche Perspektive der Informatik

beschäftigt, bot sich als geradezu idealer Fellow für Harvard an. Tatsächlich

hat er dort zahlreiche wichtige Kontakte knüpfen und von einem Workshop

zu seinem Forschungsgebiet profitieren können. Im Gespräch mit Wissenschaftsjournalistin

Elke Kimmel schildert er seine Erwartungen an den USA-

Aufenthalt ebenso wie seine Erfahrungen in Harvard.

Herr Krajewski, können Sie mir mit wenigen Worten Ihre bisherige Karriere

schildern?

Ich bin Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Mediengeschichte.

Geforscht habe ich unter anderem zur Geschichte des Zettelkastens oder der

Projektemacherei. Aber ich war auch als Wissenschaftsautor und Softwareentwickler

tätig, bevor ich an der Bauhaus-Universität Weimar zu arbeiten

begonnen habe.

Er war einer der Ersten: Ein Jahr lang konnte

Harvard-Fellow Dr. Markus Krajewski von der

Bauhaus-Universität Weimar an der renommierten

Harvard University in den USA wissenschaftlich

arbeiten und die vielleicht beste

Bibliothek der Welt für seine Forschung nutzen.

In US-Bildungseinrichtungen wie dieser

wird großer Wert auf eine angenehme Arbeits -

atmosphäre gelegt: In solch ehr würdigem

Ambiente wie hier im Aufenthaltsraum des

Humanities Center der Harvard University

tauscht man sich gern aus, und schnell knüpfen

sich neue Forschungskontakte.

Impulse 2010 73


74

Wie kamen Sie auf die Idee, die Geschichte des Dienens zu erforschen?

Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass im Zentrum der gesamten Kommunikation

im Internet Agenturen stehen, die als „Server“ bezeichnet werden.

Ich habe mich gefragt: Was steckt dahinter? Denn der Begriff meint ja

den Kellner, wie man ihn aus dem Restaurant kennt, aber auch den Messdiener

– und in einer alten Verwendung steckt eben ganz allgemein der Diener

dahinter. Was bedeutet es, wenn diese Metapher in elektronischen Kommunikationszusammenhängen

auftaucht? Ausgehend von dieser Fragestellung

erzähle ich eine Geschichte des Dieners vom Barock bis heute. Interessant

sind vor allem die Transformationen: Der Kammerdiener der spätabsolutis -

tischen Fürstenhöfe funktioniert natürlich anders, aber in bestimmter Weise

doch strukturähnlich zu den elektronischen Agenten – Servern –, mit denen

wir E-Mails verschicken, Dateien oder Informationen im Web abrufen. So

lassen sich beide etwa als wohlinformierte Suchmaschinen im Sinne eines

universalen Informationsbeschaffers beschreiben, der zudem den Zugang

zum Wissen kontrolliert.

Was hat Sie bewogen, sich bei der VolkswagenStiftung um eines der begehrten

„Harvard-Fellowships“ zu bewerben?

Ein Motiv war, dass ich eine Zeit lang aus dem üblichen Universitätsbetrieb

heraus wollte, in dem ich kaum zum Schreiben kam. Außerdem baute ich

auf ein Versprechen, das mit der Institution Harvard verbunden ist: mit der

besten Bibliothek weltweit arbeiten zu können – und das hat sich durchaus

bewahrheitet. Ich bin im vergangenen Jahr ein gutes Stück vorangekommen.

Haben sich Ihre Erwartungen an den Harvard-Aufenthalt erfüllt?

Unbedingt. Auf der einen Seite ist hier das akademische Paradies, man kann

das gar nicht anders nennen. Ich habe den Eindruck, dass hier nahezu jedes

Buch, das irgendwann gedruckt wurde, vorhanden ist – und sollte eines nicht

da sein, kümmert sich eine ganze Armee von freundlichen Bibliothekaren

darum, es schnellstmöglich zu besorgen. Ich kannte die Bibliothek bereits von

einem früheren, kurzen Forschungsaufenthalt – aber es ist natürlich etwas

anderes, wenn man das hier über ein Jahr lang intensiv genießen kann.

Können Sie mir Ihre weiteren Eindrücke beschreiben?

Ich habe ja am Humanities Center gearbeitet, das als Veranstaltungszentrum

den gesamten Bereich der Geisteswissenschaften abdeckt. Das schafft auf

kompakte Weise in kurzer Zeit – zwei-, dreimal die Woche – Zugang zu einer

Vielzahl an Themen und interessanten Persönlichkeiten. Auf diese Weise


erhielt ich jede Menge Anregungen und Inspiration. Zudem hatte ich die

Aufgabe, eine Lehrveranstaltung zu übernehmen. Ich entschloss mich dazu,

an das wissenschaftsgeschichtliche Department zu gehen, passend zu

meiner bisherigen universitären Laufbahn.

Zu welchen Inhalten haben Sie gelehrt?

Das Seminar habe ich zu einem eher allgemeinen, für Undergraduates geeigneten

Thema „Subjectivity and Agencies in Virtual Worlds“ abgehalten – ein

Parforceritt durch die Philosophiegeschichte von Descartes bis zu Foucault

und weiteren Theoretikern des 20. Jahrhunderts, die sich mit Subjektkonstitutionen

beschäftigt haben. Ziel war es, diese Ansätze gemeinsam mit den

Studierenden auf das Internet zu beziehen – also etwa Machtstrukturen in

Facebook zu untersuchen. Das war entkoppelt von meinem Forschungsprojekt,

aber im Austausch mit den anderen Fellows, Kollegen und Wissenschaftlern

innerhalb des großen Bereichs „Arts and Sciences“ haben sich eine Menge

Gespräche ergeben. Das ist ein großer Vorzug des amerikanischen Systems:

Die Wege sind kurz, die Türen in den allermeisten Fällen weit geöffnet, es ist

überhaupt kein Problem, auch mit berühmten Kollegen in Kontakt zu kommen.

Es gibt sehr viele Gelegenheiten für informelle Diskussionen beim

Kaffee oder Mittagessen.

Inwieweit hat der Harvard-Aufenthalt Ihr Projekt beeinflusst?

Im Grunde hat sich die Konzeption meiner Forschungsarbeit hier bestätigt –

zum Glück. Aber in der täglichen Kleinarbeit der Forschung summieren sich

natürlich die unterschiedlichen Eindrücke, so dass ich bei der Ausarbeitung

einige neue Wege entdeckt habe. So ist mir beispielsweise klar geworden,

dass ein Kapitel zum sogenannten Stummen Diener, also dem Garderobenständer

oder Beistelltisch, unverzichtbar für das Buch ist. Und in Thomas Jefferson,

dem dritten Präsidenten der USA, habe ich ein Paradebeispiel für den

Intensivgebrauch „Stummer Diener“ entdeckt. In welchem Maße diese Einsicht

jetzt von Gesprächen oder Lektüren abhängt, lässt sich im Nachhinein

eher schwer bestimmen. Aber allein, dass man die Möglichkeit hat, so viel

Zeit auf die Lektüre und den Austausch mit aufmerksamen Gesprächspartnern

zu verwenden, formatiert und rekonfiguriert das Forschungsprojekt im

hohen Maße. Wichtig ist dabei auch die Diskussionskultur in den USA, die

anders funktioniert als in Deutschland.

Woran machen Sie das fest?

Wenn Sie beispielsweise den Vortrag eines Kollegen besuchen, den Sie zwar

interessant, an einigen Stellen jedoch verbesserungswürdig finden – kurz: ein

Die Geschichte des Dieners vom Barock bis

heute: Bei seinen Recherchen stieß Dr. Markus

Krajewski auf große Parallelen zwischen den

Kammerdienern früherer Zeiten und den

„Servern“, den elektronischen Dienern von

heute (Bild unten: Gemäl de von Hubert Ro -

bert „Un domestique fait la lecture a Madame

Geoffrin“ – Madame Geoffrin lässt sich von

einem Diener vorlesen, um 1772; Bild oben:

„The Butler’s in Love“, Ölgemälde des ame -

rikanischen Künstlers Mark Stock aus dem

Jahr 1991, www.theworldofmarkstock.com).

Impulse 2010 75


76

Das Humanities Center der Harvard Univer -

sity ist ein international hoch angesehenes

Zentrum für geisteswissenschaftliche Forschung

und Veranstaltungen. Dr. Markus

Krajewski nutzte das umfangreiche Vorlesungs-,

Workshop- und Seminarangebot und

knüpfte zahlreiche Kontakte: Dank der offenen

amerikanischen Universitätskultur blieben

ihm selbst die Türen der berühmtesten

Forscherpersönlichkeiten nicht verschlossen.

Vortrag, der Sie nicht grenzenlos überzeugt; wenn Sie so etwas in Deutschland

erleben, dann wird je nach Personenkonstellation eine sehr deutliche Kritik

geäußert. Der Vortragende wird unter Umständen hart angegangen. In den

USA ist das nahezu undenkbar; hier äußert sich Kritik in sehr feinen Nuancen.

Was also „I was struck by …“ heißt oder „Such a great talk, but …“, das sind

alles Standardfloskeln, denen aber letztlich das gleiche Spektrum an Kritik

von „grandios“ bis „dürftig“ unterliegt. Für jemanden, der hier neu ankommt,

ist das zunächst irritierend, weil es sich nach undifferenziertem Lob anhört.

Die Form, in der kritisiert wird, ist eine völlig andere. Auch wenn Zuhörer einzelne

Thesen oder den Ansatz ablehnen, würden sie diese nie mit eindeutig

negativen Wertungen verknüpfen – das machen nur „rüde Europäer“.

Welche Vorteile hat diese Diskussionskultur?

Lassen Sie mich zunächst den Nachteil benennen. Es passiert, dass diese

Nuancen überhört werden und ein solches Feedback nichts bewirkt. Das ist

eine Gefahr. Der Vorteil ist, dass eine Wohlfühl-Atmosphäre hergestellt wird,

die durchaus förderlich sein kann. Denn natürlich ist ein höflicher Umgang

miteinander sehr angenehm. Als temporärer Besucher kann ich aber nicht

einschätzen, welche langfristigen Effekte dieses Phänomen hat. Die Trag -

weite kann da ja auch sehr unterschiedlich sein – je nachdem, ob man einen

Vortrag unter Kollegen hält oder ob man stärker an die Öffentlichkeit geht.

Sicher wird die Zurückhaltung der Kollegen niemanden dazu verführen, in

einem wichtigen Vortrag ein Feuerwerk unfertiger Gedanken abzubrennen,

zumal ja der Leistungsdruck sehr groß ist. Aber im kleineren Kreis finde ich

diese Offenheit sehr produktiv. Wie ja überhaupt ein Workshop eher das

geeignete Forum ist, Gedanken voranzubringen.

Apropos Workshop: Sie haben ja selbst einen ausgerichtet. Welche Erfahrungen

haben Sie diesbezüglich gemacht?

Ich habe im Mai 2009, nach dem Ende der Lehrveranstaltungen, einen Workshop

veranstaltet zum Thema „In Pursuit of Invisible Forces. Servants in History

and Today“. Das war der Versuch, den Betrachtungszeitraum meines Themas

noch stärker auszuweiten als in dem Buch – vom späten Mittelalter bis ins

21. Jahrhundert. Teilgenommen haben Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen

Disziplinen: Mediävisten, Philologen, Sozialhistoriker, Medienphilosophen,

Informatiker. Es war ungeheuer aufschlussreich zu sehen, wie sich die

Wissenschaftler aus verschiedenen Richtungen dem Thema näherten und

letztlich so etwas wie eine Geschichte der Dienerschaft entstanden ist. Das

hat mir deshalb besonders viele Anregungen verschafft, weil ja mein Ansatz

ähnlich multiperspektivisch ist. Und natürlich war es wunderbar, meine

Arbeit dort vorzustellen und zu sehen, wie die Kollegen aus anderen Disziplinen

darauf reagieren.


Was werden Sie aus Harvard mit nach Weimar nehmen?

Sicher eine Fülle von Kontakten – trotz E-Mail und Internet bleibt das per -

sönliche Gespräch eben doch sehr wichtig, und Harvard ist ja regelrecht ein

Marktplatz der Gelehrsamkeit in dem Sinne, dass ununterbrochen Leute aus

aller Welt hierher kommen, zusätzlich zu denen, die ohnehin dort arbeiten.

Es herrscht ein riesiger Durchsatz von Ideen, von denen ich einige mitnehme

– auch Ansätze, die jenseits meiner eigentlichen Forschungsgebiete und

Methoden liegen. Ein anderer Punkt ist leider mit einem Wermutstropfen

versehen: das Wissen, so ideale Arbeitsbedingungen so schnell nicht wieder

zu finden. Ein bisschen werde ich jetzt – was die Forschungsinfrastruktur

angeht – in ein Drittweltland zurückgestoßen, wo man, um rasch an ein

Buch zu gelangen, schon mal in ein anderes Bundesland reisen muss.

Herr Krajewski, herzlichen Dank für das Gespräch.

Harvard ruft! – Die Geisteswissenschaften antworten?

Die VolkswagenStiftung schreibt derzeit jährlich

bis zu vier „Harvard-Fellowships“ aus. Gefragt

sind junge, hoch qualifizierte Postdoktoranden

und -doktorandinnen aus deutschen Hochschulen,

die ihre Forschungskompetenz und ihr Forschungsprofil

auf einem zukunftsweisenden

geisteswissenschaft lichen Gebiet international

stärken und weiterentwickeln wollen. Ausschreibungsrunden

sind zunächst bis zum Jahr 2011

vorgesehen.

Am Humanities Center der Harvard University,

das geleitet wird von dem international renommierten

Intellektuellen Professor Homi Bhabha,

können die jungen Wissenschaftler für jeweils ein

Jahr in einem attraktiven akademischen Umfeld

geisteswissenschaftlich arbeiten und dabei auf

die dortigen Bibliotheken, Archive und weitere

Forschungs- und Kommunikationsangebote

zurückgreifen. Gefordert ist, dass die Fellows

neben ihrer Forschung auf der Basis eines Auftaktworkshops

fächerübergreifend Gesprächsund

Arbeitskontakte aufbauen und an interna -

tionalen Konferenzen und Workshops mitwirken

Die Harvard-Fellows „der ersten Stunde“

Dr. Markus Krajewski (links) von der Bau -

haus-Universität Weimar und Dr. Julia Wilker

(rechts) von der Freien Universität Berlin mit

dem Leiter des Humanities Center der Harvard

University Professor Homi K. Bhabha.

Dr. Julia Wilker erforschte im Rahmen ihres

Harvard-Fellowships die politischen und

gesellschaftlichen Veränderungen im

Griechenland des 4. Jahrhunderts v. Chr.

sowie in begrenztem Umfang auch eigene Lehrveranstaltungen

durchführen.

Das Humanities Center genießt international

einen hervorragenden Ruf, begründet durch

Forschungsleistungen, Vortrags- und Vorlesungsreihen,

Konferenzen, Tagungen, Workshops und

Seminare zu einem breit gefächerten Themenspektrum.

Insbesondere bietet es informelle

Möglichkeiten zum Gedankenaustausch und zu

gemeinsamer wissenschaftlicher und künstle -

rischer Arbeit. Besonderes Anliegen ist dabei die

Förderung von Kontakten und Kooperationen

zwischen den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften.

Darüber hinaus gehört es zu den Zielen

des Centers, die Bedeutung der Geisteswissenschaften

für die politischen und gesellschaftlichen

Entwicklungen unserer Zeit augenfällig und verständlich

zu machen; klassische Kompetenzen der

Geisteswissenschaften werden mit zeitgenössischen

Ansprüchen konfrontiert und verbunden.

Die VolkswagenStiftung hat für das auf zunächst

vier Jahre angelegte Angebot insgesamt rund 1,3

Millionen Euro bereitgestellt. cj

Impulse 2010 77


Kleben ohne Klebstoff

In Laborgemeinschaft mit Geckos: Forscher aus

Saarbrücken, Freiburg und Ludwigshafen auf der

Suche nach klebstofffreien Haftsystemen

Wie ein Gecko die Wände hochlaufen, ohne Haken und Ösen zu nutzen, ist

eine Vorstellung, die vor allem in Comic-Heften mit Leben gefüllt wird. Aber

nicht in der Wissenschaft – oder doch? Wer offen ist für außergewöhnliche

Herausforderungen, wagt sich auch an solche Themen, wie Forscher aus

Saarbrücken, Freiburg und Ludwigshafen beweisen. Allerdings verfolgen die

Wissenschaftler nicht das Ziel, die Wände hochzugehen; sie wollen klebstofffreie

Haftsysteme für Hochtechnologie und Medizintechnik entwickeln.

Elmar Kroner ist von Kopf bis Fuß in einen blauen Kunststoff-Overall gehüllt.

Langsam legt er eine runde, schillernde Siliziumscheibe unter ein Belichtungsgerät,

das aussieht wie ein Mikroskop mit Anbauten. Er blickt durch die Okulare

und bringt die Scheibe vorsichtig in die richtige Position. Der Reinraum,

in dem er gerade arbeitet, ist in gelbes Licht getaucht; diese Be leuchtung verhindert,

dass das Werk der vergangenen Stunden zerstört wird – denn den

Silizium-Wafer hat Kroner vorher mit einem empfindlichen Fotolack beschichtet.

Ein Knopfdruck, und das Belichtungsgerät brennt eine mikrometerfeine

Struktur in diesen Lack: das Negativ eines Geckofußes. Der junge Forscher

am INM Leibniz-Institut für Neue Materialien in Saarbrücken gehört zu einem

von der Stiftung mit 800.000 Euro geförderten interdiszi plinären Team, das

sich die Herstellung klebstofffreier Haftsysteme zum Ziel gesetzt hat.

Vorbild für den klebstofffreien Kleber sind Geckofüße, denn Geckos verfügen

über eine beeindruckende Haftkraft. Sie laufen problemlos kopfüber

sogar auf der Unterseite einer Glasscheibe entlang und könnten dabei bis

zu 100 Kilogramm Gewicht tragen – natürlich rein theoretisch, denn kein

Forscher würde die Tiere mit solch einem Gewicht behängen. Diese enorme

Haftkraft wollen Forscher des INM in Saarbrücken, des Fraunhofer-Institutes

für Solare Energiesysteme in Freiburg und der BASF in Ludwigshafen für

Menschen nutzbar machen. „Natürlich sind starke Klebeverbindungen an

sich nichts Neues“, erklärt der Projektleiter Professor Dr. Eduard Arzt vom

INM. „Das Besondere an den Haftmaterialien nach dem Geckovorbild aber

ist, dass sie extrem stark haften, sich jedoch auch einfach wieder lösen lassen

– und vor allem nach dem Ablösen keine Spuren zurückbleiben.“ Hat der

Gecko die Glasscheibe wieder verlassen, ist es, als wäre er nie dort gewesen.

„Am Anfang unserer Arbeit ähnelte unser Institut mehr einem Zoo“, erinnert

sich Arzt. Denn um das Prinzip dieser enormen natürlichen Adhäsionskraft

Dem Vorbild Natur technisch nacheifern:

Ein Forscherteam aus Saarbrücken, Freiburg

und Ludwigshafen orientiert sich an der

außergewöhnlichen Struktur und Haftkraft

von Geckofüßen (Bild oben). Diplomingenieur

Elmar Kroner (links) vom INM Leibniz-Institut

für Neue Materialien in Saarbrücken hält die

in eine Silikonscheibe gebrannte künstliche

Version eines Geckofußes in der Hand. Ziel der

Forschung sind klebstofffreie Haftsysteme für

die Hochtechnologie und die Medizintechnik.

Impulse 2010 79


80

Die Haftkraft der Füße eines Geckos ist

enorm (im Bild auf S. 79 ein von der Unterseite

einer Glasscheibe aufgenommenes Tier).

Milliarden feinster Härchen binden einzeln

schwach, in der Summe jedoch stark an die

Oberfläche des Untergrundes. Das Forscherteam

nutzt dieses Prinzip für seine künstlichen

Haftsysteme. Hier prüft Elmar Kroner

vom INM in Saarbrücken im Reinraum eine

Siliziumscheibe zunächst auf Staubfreiheit

(Bild oben) und trägt dann eine Schicht empfindlichen

Fotolack auf (Bild unten). In einem

weiteren Arbeitsschritt brennt ein Belichtungsgerät

das Negativ einer mikrometerfeinen

Haftfläche in den Lack, das später mit

einem Silikonfilm übergossen wird: Fertig

ist das Silikonpositiv eines Haftsystems.

zu verstehen, mussten die Wissenschaftler erst einmal die Füße der Geckos

genau untersuchen. Betäubt und auf dem Rücken unter einem Mikroskop

liegend, haben die Geckos ihr Geheimnis verraten: Aus Milliarden feinster

Härchen besteht die scheinbar glatte Unterseite ihrer Füße. Mit nur 200

Nanometer dünnen Keratinfasern, zweihundert Mal so dünn wie ein menschliches

Haar, binden sie locker über sehr schwache Oberflächenkräfte – die so -

genannten Van-der-Waals-Kräfte – an den Untergrund. Jede einzelne dieser

Bindungen wäre kaum messbar, gemeinsam erreichen sie jedoch eine sehr

starke und vor allem reversible Haftkraft. Aber nicht nur Größe und Anzahl

der Härchen sind entscheidend, sondern auch der Winkel, mit dem sie auf die

Oberfläche aufkommen, ihre Form und die Feuchtigkeit der Oberfläche. Sogar

selbstreinigend sind die Füße. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Körperspannung

des Geckos. So wie wir mit unseren zehn Fingern nur dann einen

Ball fangen können, wenn wir die Finger anspannen, müssen auch Geckos

ihre Haltevorrichtung aktiv steuern. „Wenn sie abgelenkt sind – etwa bei der

Paarung – fallen sie auch schon mal von der Wand“, hat Arzt beobachtet.

Das „System Gecko“ ist optimiert für die Lebensbedingungen dieser Reptilien,

und sogar innerhalb der Tierfamilie gibt es noch Unterschiede in den Strukturen

an den Füßen. Ziel der Wissenschaftler kann es also nicht sein, einfach

die Füße der Geckos nachzubauen. Vielmehr gilt es, das Prinzip nachzuempfinden

und für verschiedene Haftaufgaben passgenaue Haftsysteme zu entwickeln.

Das können beispielsweise Systeme sein, die sich zwar abziehen,

aber nicht abheben lassen – und umgekehrt. Oder solche, deren Haftfähigkeit

sich steuern lässt: die zum Beispiel erst bei bestimmten Temperaturen haften.

Eine konkrete Anwendung wären Reparaturpads für Trommelfellverletzungen,

die sich leicht im Ohr positionieren lassen, die aber ihre Hafthärchen

erst aufstellen und dann kleben, wenn sie Körpertemperatur erreicht haben.

Elmar Kroner hat inzwischen den Reinraum verlassen und den blauen Overall

abgestreift. Er bewegt sich wieder in Normalgeschwindigkeit. In die Siliziumscheibe

hat er das Muster eines Haftsystems geätzt. Bei diesem Exemplar

sind die winzigen Hohlräume rechteckig, ragen in einem leichten Winkel in

den Siliziumkristall und enden in einer Rundung. Es ist eine von vielen Geometrien,

die der Wissenschaftler auf ihre Hafteigenschaften testet. Die Geometrien

sehen unter dem Mikroskop meist völlig anders aus als bei den

lebenden Geckos, nur die hohe Dichte der Fasern haben die Geckofüße und

ihre Nachbauten gemeinsam. Mit diesem Silizium-Negativ geht Kroner nun

in sein chemisches Labor und übergießt die Platte mit einer Flüssigkeit, die

zu einem farblosen, flexiblen Silikonfilm aushärtet. Diesen zieht er ab, und

prompt hält er ein kleines, labberiges Stück Silikonfilm in der Hand.

„Dass sich auf solchen Silikonfilmen ein Geckomuster befindet, ist mit dem

bloßen Auge nicht zu erkennen“, erklärt Arzt. Nur im Gegenlicht zeigt sich,

dass die Oberfläche nicht glatt ist. „Die Seite mit der Geckostruktur schillert

in unterschiedlichen Farben. Sie reflektiert das Licht nicht, die glatte Rückseite

hingegen schon!“ Unter den unzähligen Geometrien, die die Wissenschaftler


am INM errechnet, geätzt und in Silikon gegossen haben, sind sehr vielversprechende

Exemplare. Einige derart vielversprechend, dass die Saarbrücker

bereits zahlreiche Industrieanfragen nach Machbarkeitsstudien abarbeiten.

Für Anwendungen, die über Klebetests im Labor hinausgehen, sind allerdings

die Silikone, mit denen die Forscher am INM arbeiten, ungeeignet. Zu weich, zu

elastisch, zu aufwändig in der Herstellung; sie kommen damit für eine industrielle

Fertigung nicht infrage. „Für den praxistauglichen Einsatz müssen die

Haftsysteme aus belastbareren Polymeren bestehen“, erläutert Projektpartner

Dr. Dieter Urban, verantwortlich für Klebrohstoffe in der Polymerforschung

bei der BASF. Dort arbeiten die Spezialisten für Polymere an Mischungen, die

flexible und haltbare Materialien liefern – die sich aber gleichzeitig auch in

die feinen, nur 200 Nanometer breiten Kanäle der Gussform einarbeiten lassen.

„Unser Beitrag zum Projekt ist die Bereitstellung passender Polymersysteme“,

umreißt Urban seine Rolle als Industriepartner. „Was uns an einem

solchen interdisziplinären Forschungsprojekt inspiriert, ist die Idee, einen

Haftklebstoff herzustellen, der sich nicht plastisch verformt und beim Lösen

keine Spuren hinterlässt – weder als Klebstoffrest noch in Form von Schmerzen

etwa beim Abziehen eines Pflasters.“ Die Härchen herstellen werden

dann andere. „Wir suchen nach dem Material, das die richtige Kombination

aus Steifigkeit und Elastizität hat“, fasst Urban zusammen.

Unterdessen drückt Elmar Kroner seinen neuesten Silikon-Haftstreifen auf

eine Glaskugel und zieht ihn kurze Zeit später langsam wieder ab. Dabei

messen Sensoren auf der Kugel die Kräfte, die er aufbringen muss. Die liegen

– umgerechnet in Gewichtskräfte – zwischen einem Milligramm bis 100

Gramm. Über diese Werte kann er die Streifen charakterisieren und geeig -

nete von weniger geeigneten unterscheiden. Dieser spezielle Silikonstreifen

kann in Zukunft vielleicht einem Menschen helfen, steile Hänge zu erklimmen.

In der Tat arbeiten die Forscher derzeit an Sohlen für Kletterschuhe. Im

Gegensatz zu den ursprünglich geplanten Anwendungen wie Klebeflächen,

mit denen High-End-Roboter winzige Mikrochips in Reinräumen transpor tie ren,

ist ein Kletterschuh ein Billigprodukt – ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Mit dem Kostenargument kommt dann auch der dritte Partner in diesem

Projekt ins Spiel. „Unsere Kooperation mit dem Fraunhofer ISE ist ein Beispiel

dafür, wie Wissenschaft im Optimalfall funktionieren kann“, betont Arzt. Denn

die Freiburger suchen nach Wegen, wie sich Negative für Geckofolien einfacher

und damit vor allem kostengünstiger herstellen lassen als auf Silizium-Wafern.

Um einen Gecko-Kletterschuh auf den Markt zu bringen oder ein Pflaster, das

beim Abreißen nicht mehr ziept, müssen die Folien in großen Mengen und

breiten Formaten gegossen werden. „Und besonders diese Herausforderung,

vom Geckofuß unter dem Mikroskop zu einem massentauglichen Produkt zu

gelangen, macht den Reiz unserer gemeinschaftlichen Arbeit aus“, resümiert

Arzt. Für ihn und seine Kollegen ein wirklich außergewöhnliches Vorhaben.

Jo Schilling

Das Saarbrücker Team vor dem Eingang des

INM Leibniz-Instituts für Neue Materialien

(von links): Dipl.-Ing. Graciela Castellanos,

Dr. Baptiste Girault, Joachim Blau, Dadhichi

Paretkar, Dipl.-Ing. Andreas Schneider, Dr.

Marleen Kampermann, Projektleiter Professor

Dr. Eduard Arzt, Dipl.-Ing. Elmar Kroner.

Die Forscher um Professor Arzt kooperieren

eng mit Kollegen vom Fraunhofer-Institut

für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg

und von der BASF in Lud wigshafen.

Impulse 2010 81


Die Organisation der VolkswagenStiftung

Dank ihres eigenen Vermögens ist die VolkswagenStiftung wirtschaftlich selbstständig und in ihren

Entscheidungen autonom. Mit der Verwendung der Erträge aus der Anlage ihres Stiftungskapitals

verfolgt sie neben der Finanzierung des laufenden Geschäftsbetriebes vor allem zwei Ziele: Einerseits

gilt es, die Förderung der wissenschaftlichen Vorhaben kontinuierlich sicherzustellen, zum

anderen muss das Stiftungskapital in seiner Werthaltigkeit erhalten bleiben.

So steht neben der steten Herausforderung, neue Förderinitiativen vorzubereiten, Anträge auf

Förderung zu bearbeiten, Antragsteller zu beraten sowie bewilligte Vorhaben zu begleiten auch,

dass notwendige Investi tionsentscheidungen in der Vermögensverwaltung zu treffen sind, die

Ertragsentwicklung und die Ertragsverwendung zu steuern und die bestimmungsgemäße Ver -

wendung der Mittel zu prüfen sind. Ein zentrales Element der Vermögensbewirtschaftung ist es,

die Substanzerhaltung des Stiftungsvermögens durch sachgerechte Rück lagenbildung im Rahmen

der steuerlichen Möglichkeiten zu gewährleisten, um so die Förderkraft des Stiftungsvermögens

auch für die Zukunft sicherzustellen.

Die gestaltenden Aufgaben und die mit ihnen verbundenen Handlungsfreiräume bedürfen freilich

zugleich eines effizienten internen und externen Kontrollsystems. Dies gewährleistet die VolkswagenStiftung

zum einen dadurch, dass sie über eine klare Funktionstrennung der einzelnen Organisationseinheiten

hinaus ein zeitgemäßes Risikocontrolling eingeführt hat. Zum anderen lässt sie

sich durch externe Experten begleiten und beraten. Das gilt sowohl für die Vorbereitung, fachliche

Beurteilung und Betreuung der Förderinitiativen als auch für die Verwaltungs- und Kontrollauf -

gaben in der Vermögensbewirtschaftung.

Über diese zentralen Bereiche der Stiftung, die Vermögensanlage und das Handling von Finanzen

und Verwaltung, erfahren Sie mehr auf den folgenden Seiten.


84

Vermögensanlage

Die Anlage des Vermögens ist darauf ausgerichtet,

den realen Wert des Stiftungskapitals zu erhalten

und zugleich Erträge in einer Höhe zu erwirtschaften,

die es ermöglicht, Fördermittel auf einem

möglichst stetig hohen Niveau der Wissenschaft

zur Verfügung stellen zu können. Um diese Ziele

zu erreichen, bedient sich das Anlage management

der Stiftung einer breit diversifizierten Streuung

von Anlagen innerhalb der vier Kernsegmente

Aktien, Verzinsliche Wertpapiere, Immobilien und

Alternative Investments. Die Portfoliotheorie des

Nobelpreisträgers Harry Markowitz bildet hierfür

die theoretische Grundlage. Bei der Anlage ihres

Kapitals berücksichtigt die Stiftung zudem Aspekte

der Nachhaltigkeit.

Aktien

Aktien sind genau genommen Beteiligungen an

Wirtschaftsunternehmen. Die VolkswagenStiftung

hält jedoch Aktien nicht in ihrem Bestand,

um als Anteilseigner wirtschaftlichen Einfluss auf

Länderbezogene Aufteilung der

Aktienanlage (Stand Dezember 2009)

Spanien

7,9%

Italien

7,7%

USA

13,0%

Japan

3,1%

die Unternehmensführung zu nehmen, denn als

gemeinnützig anerkannte und von der Steuerpflicht

befreite Institution ist ihr jede gewerbliche

Tätigkeit untersagt. Der Grund liegt vielmehr im

langfristig zu erwartenden Wertzuwachs dieser

Beteiligungen, welcher dem Inflationsschutz dienen

und maßgeblich zum gesetzlich vorgeschriebenen

Erhalt des Stiftungsvermögens beitragen

soll. Darüber hinaus gibt es bei der Aktienanlage

noch die Komponente des laufenden Ertrags, der

dem Investor in Form von Dividenden zufließt.

Die Aktienanlagen der Stiftung sind breit gestreut.

Im Direktbestand befinden sich Aktien aus den

Ländern des europäischen Währungsraums, wobei

ein Portfolio eng am Eurostoxx 50 ausgerichtet ist:

einem Index, in dem die nach ihrer Marktkapita -

lisierung fünfzig größten Unternehmen der Euro-

Teilnehmerländer vertreten sind. Ein anderes

Portfolio wurde schwerpunktmäßig unter Renditegesichtspunkten

aufgelegt – es enthält die zehn

Aktien aus Eurostoxx 50 und DAX (Deutscher

Aktienindex) mit der höchsten Dividendenrendite.

Niederlande

2,5%

Europa ex Euroland

13,4%

Belgien

1,0%

Finnland

1,0%

Luxemburg

0,7%

Irland

0,4%

Südostasien

14,6%

Deutschland

18,2%

Frankreich

16,5%


Darüber hinaus ist die Stiftung auch in Ländern

außerhalb des Euroraums investiert: in Großbritannien,

der Schweiz, den USA sowie in Japan und

weiteren Ländern des asiatischen Raums. Hierfür

hat die Stiftung Spezialfonds aufgelegt und externe

Mandate an Fondsmanager vergeben. Jedem

dieser Portfolios ist ein spezieller Benchmarkindex

zugeordnet, der die Marktentwicklung in dem

jeweiligen Land gut und leicht nachvollziehbar

repräsentiert. Aufgabe des Fondsmanagements ist

es, diesen Index in seiner Struktur abzubilden und

somit dessen Performance zu erreichen. Für den

eigenverwalteten Bestand ebenso wie für die Spezialfonds

wurde also jeweils der sogenannte passive

Managementansatz gewählt. Damit strebt

die VolkswagenStiftung in erster Linie an, in den

ausgewählten Märkten präsent zu sein und von

deren niedriger Korrelation zueinander wie auch

zu den anderen Anlagen der Stiftung zu profitieren,

um so eine Risikoreduktion innerhalb des

Aktien- und Gesamtportfolios zu erreichen.

Diese Strategie hat sich in der durch Kursverluste

geprägten Zeit von Ende 2007 bis Anfang 2009

bewährt. Die Stiftung hat sich während der Krise

nicht von ihren Aktienanlagen getrennt – verlustreiche

Verkäufe wurden so vermieden, und das

Aktieninvestment konnte vom Kursaufschwung

im Verlauf des Jahres 2009 erheblich profitieren.

Verzinsliche Wertpapiere

An den Märkten für verzinsliche Wertpapiere hat

sich die Situation grundlegend geändert. Bis zur

Mitte des Jahres 2008 wurde von der Europäischen

Zentralbank vor dem Hintergrund freund -

licher Konjunkturindikatoren und – insbesondere

im Rohstoffbereich – höherer Inflationsraten

durch eine Serie von Leitzinsanhebungen eine

geldpolitische Verknappung vollzogen. Das durch

die Leitzinsanhebungen bewirkte Anziehen des

allgemeinen Zinsniveaus fand mit dem Ausbruch

der Finanzkrise ein abruptes Ende. Angesichts der

gedämpften Konjunkturaussichten hat das Thema

Inflation momentan an Bedeutung verloren. Das

Öffentliche

Anleihen und Agencies

(Ausland)

15,3%

Öffentliche

Anleihen und Agencies

(Inland)

36,3%

Liquidität

1,1%

Genüsse

5,6%

Nachränge

3,4%

Öffentliche Anleihen

EU-Beitrittsländer

1,9%

Aufteilung der selbst verwalteten Zinstitel (Stand Dezember 2009)

eröffnete den Notenbanken neuen Spielraum,

den Auswirkungen der Finanzkrise mit massiven

Leitzinssenkungen entgegen zu treten. Das wieder

gesunkene Zinsniveau führte insbesondere

bei kurzen und mittleren Laufzeiten zu erheblich

niedrigeren Anlagesätzen. Trotz der inzwischen

verbesserten konjunkturellen Aussichten wird an

den Anleihemärkten davon ausgegangen, dass die

Niedrigzinsphase noch einige Zeit anhalten wird.

Der überwiegende Teil der verzinslichen Wertpapiere

wird von der Stiftung selbst verwaltet, ein

weiterer Teil von zwei Spezialfonds. Wichtigstes

Anlageziel bei den verzinslichen Wertpapieren ist

es, hohe und konstante ordentliche Erträge für

die Finanzierung der zu fördernden Vorhaben zu

erwirtschaften. Durch Vermögensumschichtungen

werden auch Kursgewinne realisiert, doch

kommt diesen bei den Anleihen eine untergeordnete

Bedeutung zu. Die Anlageergebnisse werden,

um sie beurteilen zu können, mit einer Benchmark

verglichen. In Anlehnung an diese Benchmark

setzt sich der Bestand an Anleihen hauptsächlich

aus Pfandbriefen und Staatsanleihen

zusammen, denen Unternehmensanleihen, Nachrangtitel

und Genussscheine beigemischt werden.

Durch die Beimischung sinkt das als Volatilität

ausgedrückte Gesamtrisiko bei gleichzeitiger

Erhöhung der Rendite.

Einer der beiden Spezialfonds enthält britische,

kanadische und australische Staatsanleihen in

der jeweiligen Landeswährung sowie Euro-Unter-

Unternehmensanleihen

7,7%

Pfandbriefe/

Covered Bonds

28,7%

Impulse 2010 85


86

nehmensanleihen, der andere auf US-Dollar lautende

amerikanische Staatsanleihen. Diese Zinsund

Währungsmärkte werden oft von Kriterien

bestimmt, die sich von denen des Euroraums

unterscheiden – zum Beispiel durch eine andere

Phase im Konjunkturverlauf (USA, Großbritannien)

oder durch die Fokussierung auf Rohstoffmärkte

(Kanada, Australien). Durch die weltweite

Streuung wird das Gesamtrisiko der Anleihen

weiter verringert. Zudem ist das Zinsniveau in

diesen Ländern üblicherweise höher als im Euroraum.

Zum Anleihenbereich gehört auch das Cash

Management. Das Cash Management hat die

Aufgabe, alle Zahlungsvorgänge zu koordinieren,

benötigte Liquidität zur Verfügung zu stellen und

überschüssige Liquidität anzulegen. Die Anlage

erfolgt hauptsächlich in Form von Tages- und

Termingeldern.

Positionen der Renten-Spezialfonds

(Stand Dezember 2009)

Immobilien

Euro-Unternehmensanleihen

20,5%

Britische

Staatsanleihen

18,9%

Zur Umsetzung des Leitmotivs der Risikodiversi -

fizierung investiert die VolkswagenStiftung seit

vielen Jahren nicht nur in Aktien und Rententiteln,

sondern auch in Immobilienanlagen. Durch

sie werden mehrere Ziele erreicht: Langfristig

dienen Immobilien dem Inflationsschutz und

damit der Erhaltung des Stiftungskapitals, darüber

hinaus werden über die Erwirtschaftung von

Mietertragsüberschüssen aber auch Fördermittel

bereitgestellt.

Kanadische

Staatsanleihen

9,6%

Die durch die Finanzkrise verursachten Verwerfungen

haben sich im Jahr 2009 auch auf die

deutschen und europäischen Büroimmobilienmärkte

ausgewirkt: Dies betraf vor allem die Entwicklung

der Marktmieten und die Nachfrage

nach Büroflächen. Aufgrund der vorliegenden

Diversifizierung in Gewerbe- und Wohnanlagen

hielten sich die Effekte auf das Stiftungsportfolio

allerdings in Grenzen.

Die Vermögensverwaltung betreut zurzeit einen

Immobilienbestand von 419 Millionen Euro

(Stand Dezember 2009). Dies entspricht einem

Anteil von 15,4 Prozent am Gesamtvermögen der

Stiftung.

Das Diversifizierungsziel ist auch für die Anlagepolitik

innerhalb des Immobiliensegments entscheidend.

Neben den deutschen Objekten wird

daher seit einigen Jahren auch ein Bestand an

Liquidität

6,9%

Australische

Staatsanleihen

10,4%

US-Staatsanleihen

33,7%

europäischen Büroimmobilien aufgebaut. Die

geografische Streuung innerhalb des Immobi -

lienbereichs soll in den kommenden Jahren ausgeweitet

werden.

Die in Europa gelegenen Objekte werden über

einen Immobilien-Spezialfonds gehalten. Sein

Anteil am gesamten Immobilienbestand liegt

bei 36 Prozent. Bisher erfolgten Investitionen in

den Niederlanden, in Frankreich und Belgien.


Belgien

5,3%

Frankreich

11,5%

Niederlande

18,7%

Immobilienanlagen nach Ländern (Stand Dezember 2009)

Den mit 64 Prozent größten Anteil der Immobilien -

anlagen halten Tochtergesellschaften der Stiftung,

die extern verwaltet und von der Vermögensverwaltung

der Stiftung betreut und kontrolliert

werden. Der Anlageschwerpunkt liegt hier bei

Wohn- und Geschäftshäusern in Deutschland.

Darüber hinaus gibt es auch zwei Institutsgebäude

in Washington und London, die an deutsche

Wis senschaftsorganisationen vermietet sind.

Über eine der Vermögensverwaltungsgesellschaften

erfolgt auch der Wiederaufbau des Schlosses

Herrenhausen in Hannover. Nach dem jetzigen

Stand der Planungen soll das klassizistische Laves-

Schloss bis Ende 2012 in seiner historischen Gestalt

wiedererrichtet werden. Im Innern wird es eine

moderne Nutzung geben: Der Großteil der Flächen

wird als internationales Tagungszentrum an einen

externen Betreiber vermietet, die Seitenflügel wurden

von der Landeshauptstadt Hannover angemietet,

die dort Museumsflächen einrichten wird.

Alternative Investments

Deutschland

57,4%

Großbritannien

4,9%

USA

2,1%

Etwa 6,5 Prozent ihres Vermögens hat die Stiftung

in Alternative Investments (Private Equity und

Hedge Fonds) angelegt. Mit diesen Anlagen wird

in erster Linie das Ziel verfolgt, die Wertschwankungen

des Gesamtportfolios weiter zu reduzieren,

da sie zu den herkömmlichen Asset-Klassen

nur eine geringe Korrelation aufweisen. Im Übrigen

sollen die Alternative Investments einen

wichtigen Beitrag leisten zur realen Erhaltung

des Stiftungskapitals.

Aufgelegt wurde ein Multi-Strategy-Dachhedgefonds

unter Ausschluss von Fonds, die Distressed-

Strategien verfolgen. Im Private-Equity-Bereich

wurden zwei Zertifikate erworben, über die in

ein Buyout- beziehungsweise ein Secondaries-

Programm investiert wurde.

Vermögensbeirat

Über die unerlässliche Prüfung der Jahresrechnung

durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

hinaus hat die Stiftung bereits Ende der 1980er

Jahre einen Vermögensbeirat eingerichtet, der aus

hochrangigen Vertretern der Wirtschaft besteht

und die Stiftung sowohl bei der Entwicklung ihrer

Anlagestrategie als auch bei der Bewertung der

Ergebnisse ihrer Anlagepolitik berät.

Der Vermögensbeirat

der VolkswagenStiftung

Professor Dr. h. c. mult. Martin Hellwig, Ph.D.,

Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung

von Gemeinschaftsgütern, Bonn

Michael Bock, Mitglied des Vorstands der

PROVINZIAL, Rheinland Versicherung AG,

Düsseldorf

Dr. Michael Heise, Chefvolkswirt/Leiter

Unternehmensentwicklung der Allianz

Gruppe, München

Dr. Hermann Küllmer, ehemaliges Mitglied

des Vorstands der ALTANA Chemie AG,

Bad Homburg v. d. Höhe

Carola Gräfin von Schmettow, Mitglied des

Vorstands der HSBC Trinkaus, Düsseldorf

Stand Januar 2010

Impulse 2010 87


88

Finanzen und Verwaltung

Die Bewirtschaftung des Stiftungsvermögens und

die Verwendung der Erträge erfordern professionelles

Management. Bei einem bilanzierten Stiftungsvermögen

von rund 2,1 Milliarden Euro und

Jahreserträgen von zuletzt rund 164 Millionen Euro

kommt den Aufgaben rund um „Finanzen und

Administration“ eine entsprechende Bedeutung

zu. Dies wird geleistet von 32 Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern, welche gleichzeitig die für eine

optimale Erfüllung des Stiftungszwecks benötigte

Infrastruktur und die Service ein heiten bereitstellen.

Die Abteilung Finanzen und Verwaltung versteht

sich dabei als Dienstleister für ihre internen und

externen „Kunden“.

Dass in der Geschäftsstelle der Stiftung vieles reibungslos funktioniert:

Auch darum kümmern sich die Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter der Abteilung Finanzen und Verwaltung.

Finanz- und Rechnungswesen,

Controlling

Dieses Referat ist verantwortlich für alle Bereiche

des Rechnungswesens der Stiftung. Basierend

auf den in der Finanzbuchhaltung abgebildeten

Geschäftsvorfällen wird jeweils zum 31. Dezember

die Jahresrechnung der Stiftung erstellt, die aus

Bilanz und Ertragsrechnung besteht. Die Rechnungslegung

erfolgt dabei nach den für alle Kaufleute

geltenden handelsrechtlichen Vorschriften.

Satzungsgemäß prüft alljährlich eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

die Jahresrechnung. Des

Weiteren wird die jährliche Kapitalerhaltungsrechnung

der Stiftung aufgestellt. Sie beantwortet

die Frage, inwieweit es der Stiftung gelungen ist,

durch sachgerechte Rücklagenbildung sowie Ver -

mögens anlage unter anderem in den Substanz wer -

ten Aktien und Immobilien das Stiftungska pital in

seinem realen Wert zu erhalten. Der dynamische

Korridor ermöglicht eine sorgfältige Ausbalancierung

von Dotierung der Fördermittel einerseits

und Rück lagenbildung zur Kapitalerhaltung

andererseits.

Die Stiftung verfügt in ihrer Planungsrechnung mit

den Instrumenten der rollierenden fünfjährigen

Finanzplanung sowie des jährlichen Wirtschaftsplans

über aussagekräftige Planungs- und Progno -

seinstrumente. Zu den Kuratoriumssitzungen wird

zudem eine Mitteldisposition erstellt, die – ausgehend

von der Finanzplanung für das entsprechende

Jahr – eine Bewilligungs planung für die Bereiche

Allgemeine Fördermittel sowie Niedersächsisches

Vorab darstellt.

Ein weiteres Element des Rechnungswesens ist

das unterjährige Berichtswesen. Geschäfts lei tung


und weitere Adressaten in der Stiftung erhalten

mit den jeweiligen Mo natsberichten eine Übersicht

über den jeweiligen Stand der Vermögensund

Ertragslage, des Wirtschaftsplans, des Wertpapier-

und des Förderbereichs. Schließlich zählt

auch das Risikocontrolling einschließlich der

Ab wicklung von Wertpapiergeschäften zu den

Aufgaben des Referats. Damit ist eine klare Funktionstrennung

zwischen Kontrahierung und

Ab wicklung von Wertpapiergeschäften gewährleistet.

Das Risikocontrolling berichtet dem Generalsekretär

täglich und schriftlich unter anderem

über den Grad der Ausnutzung bestehender Limits

für Markt- und Emittentenrisiken einschließlich

etwaiger derivativer Instrumente. Angesiedelt ist

hier zudem die Interne Kontrolle: Alle von der Vermögensverwaltung

vorgenom menen Geschäftsabschlüsse

werden nach den Kriterien von Ordnungsmäßigkeit

und Sicherheit überprüft.

Im Rahmen des Zahlungsverkehrs wird sicher ge -

stellt, dass die Verpflichtungen gegenüber Be willi -

gungs em pfängern und Lieferanten der Volkswa -

genStiftung fristgerecht erfüllt werden. In diesem

Zusammenhang werden auch die Fördermittelabrufe

der Bewilligungsempfänger auf ihre Be rech -

tigung in betragsmäßiger und zeitlicher Hinsicht

geprüft.

Personalwesen und Zentrale Dienste

Für professionell agierende Mitarbeiterinnen und

Mitar beiter attraktiv zu sein, ist für die VolkswagenStiftung

essenzielle Voraussetzung für eine

optimale Zweck erfüllung. Die Aufgaben des Per -

sonalwesens bestehen zum einen in der termin -

gerechten und sachlich korrekten Abrechnung

von Gehältern und Versorgungsbezügen, zum

anderen ist es verantwortlich für die laufende

Personalverwaltung und -betreuung unter Beachtung

arbeitsvertraglicher, gesetz licher und anderer

Vorschriften. Es wirkt mit bei der Planung und

Umsetzung all dessen, was im Hinblick auf eine

leistungsfähige Mitarbeiterschaft erforderlich ist,

und unterstützt die Geschäftsleitung in allen Per-

sonalfragen – etwa bei der konzeptionellen Neugestaltung

personalwirtschaftlicher Instrumente.

Die Zentralen Dienste sind zuständig für die Verwaltung

und den Betrieb der Stiftung und sorgen

dabei für die effiziente Bereitstellung der entsprechenden

Infrastruktur der Geschäftsstelle. Hier

finden sich das Beschaffungs wesen und viele

Serviceeinrichtungen wie Empfang, Technische

Dienste und Küche. So werden die praktischen

Voraussetzungen für gut funktionierende und

angenehme Arbeitstage geschaffen.

Informations- und

Kommunikationssysteme

Moderne Informations- und Kommunikationssysteme

sind ein unerlässlicher Bestandteil der Infrastruktur

der Stiftung. Insgesamt 90 Terminals –

sogenannte Thin Clients – haben Zugriff auf einen

Großrechner, auf dem die von der Stiftung selbst

entwickelte Förderverwaltung, die für die Zwecke

der Stiftung ebenfalls adaptierte und modifizierte

Finanzbuchhaltung, die Vermögensverwaltung

sowie die Gehalts abrech nung der Stiftung laufen.

Neben dem EDV-gestützten Risikocontrolling

wurden elektronische Wirtschafts- und Börseninformationssysteme

eingerichtet und Kalkulationsund

Bewertungsprogramme für Wertpapiertransaktionen

bereitgestellt.

Seit Einführung des elektronischen Dokumentenmanagements

wird in diesem Referat neben der

technischen Plattform für elektronische Akten

auch das papiergebundene Archiv betreut.

Impulse 2010 89


Die Ansprechpartner in der VolkswagenStiftung

Die derzeit gut 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Volks -

wagenStiftung bereiten – organisatorisch untergliedert in vier

Abteilungen und die Stabsstellen – die Beschlüsse des Kuratoriums

vor und führen sie aus. Das Kuratorium verwaltet als Vorstand die

Stiftung und beschließt über die Vergabe der Fördermittel. Um

über Anträge zu entscheiden, kommt es norma ler weise drei Mal

jährlich zusammen; darüber hinaus gibt es zwischen den Sitzungen

ein schriftliches Verfahren.

Die Geschäftsführung der Stiftung obliegt dem vom Kuratorium

bestellten Generalsekretär Dr. Wilhelm Krull – er entscheidet über

Projekte innerhalb eines finanziell definierten Rahmens – und den

vier weiteren Mitgliedern der Geschäftsleitung.

Im Folgenden stellen sich Ihnen die Ansprechpartner der Stiftung

mit ihren Aufgabengebieten kurz vor.


92

Ihre Ansprechpartner in der VolkswagenStiftung

Dr. Wilhelm Krull

Generalsekretär

Stab

Anja Stanitzke

ist als Referentin im Büro des

General se kre tärs zuständig für

Rechts an ge legen hei ten sowie die

Zu sam men ar beit mit Stiftungen

und Verbänden.

Antje Robrecht

ist als Referentin im Büro des

Gene ral sekretärs verantwortlich

für Kuratoriumsangelegenheiten;

sie koordiniert zudem die Zusammen

arbeit mit Wissenschafts -

orga nisationen und Hochschulen.

Dr. Uta Saß

leitet das Referat Evaluation,

Interne Revision und Verwendungs

prüfung.

Jens Rehländer

leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Dr. Christian Jung

ist in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

als Referent für die

Standardpubli kationen verantwortlich.

Katja Ebeling

ist als Referentin verantwortlich

für das Veranstaltungsmanagement.


Natur- und Ingenieurwissenschaften, Medizin

Dr. Indra Willms-Hoff

Mitglied der Geschäftsleitung

Dr. Ulrike Bischler

ist zuständig für die Initiative

„Neue konzeptionelle Ansätze

zur Modellierung und Simula -

tion komplexer Syste me“ so wie

das Fachgebiet Physik.

Dr. Franz Dettenwanger

ist Referent für die Förder ini tia -

tive „Integration molekularer

Komponenten in funktionale

makroskopische Systeme“. Er

wirkt mit beim „Niedersächsischen

Vorab“ und betreut die

Fachgebiete Ingenieurwissenschaften

und Mathematik.

Dr. Anja Fließ

ist Ansprech partnerin für die

„Lichtenberg-Professuren“ sowie

verantwortlich für die Initiative

„Hochschule der Zukunft“.

Außerdem betreut sie die Fach -

gebiete Chemie und Biochemie.

Dr. Detlef Hanne

betreut die Geowissenschaften

und für seine Abteilung die

Um weltwissenschaften sowie

die Förderini tia tive „Wissen für

morgen – Ko ope rative Forschungs

vorhaben im sub-saha -

rischen Afrika“. Darüber hinaus

ist er An sprech part ner für Grund -

satzfragen bei den „Symposien

und Sommerschulen“.

Dr. Henrike Hartmann

ist Referentin für die Fachge bie te

Biomedizin und Neurowissenschaften

sowie verant wortlich

für die Initiative „Evolutionsbiologie“.

Sie wirkt mit bei der Förderini

tiative „Wis sen schaft –

Öffentlichkeit – Gesellschaft“

und der „European Platform for

Life Sciences, Mind Sciences, and

the Humanities“.

Dr. Matthias Nöllenburg

betreut für seine Abteilung

die Förderinitiativen „Zwischen

Euro pa und Orient – Mittelasien/Kaukasus

im Fokus der

Wissenschaft“ und „Forschung

in Museen“, zugleich die Fach -

ge bie te Pflanzenbiologie und

Zoologie.

Impulse 2010 93


94

Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, Niedersächsisches Vorab

Prof. Dr. Axel Horstmann

Mitglied der Geschäftsleitung

Thomas Brunotte, M. Phil.

betreut die Förderinitiativen

„Deutsch plus – Wissenschaft

ist mehrsprachig“ und „Wissenschaft

– Öffentlichkeit – Gesellschaft“

sowie die „European

Platform for Life Sciences, Mind

Sciences, and the Humanities“.

Seine Fachgebiete: Philosophie,

Psychologie und Theologie.

Prof. Dr. Hagen Hof

ist verantwortlich für die „Schum -

peter-Fellowships“ und das „Nie -

dersäch sische Vor ab“. Seine Fachgebiete:

Rechtswissenschaften,

Pä dago gik, Sozio logie, Architektur,

Städtebau und Landes pla -

nung sowie für seine Abteilung

die Umweltwissenschaften.

Dr. Wolfgang Levermann

betreut für seine Abteilung

die Förderinitiative „Zwischen

Europa und Orient – Mittelasien/Kau

kasus im Fokus der

Wissenschaft“; außerdem ist er

zu ständig für die Fachgebiete

Geschichte und Geografie.

Dr. Alfred Schmidt

ist zuständig für „Zukunftsfragen

der Gesellschaft – Analyse,

Beratung und Kommunikation

zwischen Wissenschaft und

Praxis“ und die im Rahmen

dieser Initiative stattfindenden

Ausschreibungen – sowie für die

Fachgebiete Politikwissenschaft,

Wirtschaftswissenschaften,

Forst- und Agrar wissenschaften.

Dr. Vera Szöllösi-Brenig

betreut die Initiativen „Schlüs sel -

themen der Geisteswissenschaften

– Programm zur Förderung

fachübergreifender und inter -

nationaler Zu sam menarbeit“,

„Pro Geis teswissenschaften“

und „Doku men tation bedrohter

Sprachen“. Ihre Fachgebiete sind

Europä ische Sprachen und Litera -

turen, Kunst- und Mu sik wis sen -

schaft sowie Kommunikationsund

Medien wissenschaften.

Dr. Adelheid Wessler

betreut die Initiative „Forschung

in Museen“, die „Fellowships für

Postdoktoranden und -doktoran -

dinnen aus den Geistes wissen -

schaften am Hu manities Center

der Harvard University“ und

für ihre Abteilung die Förder -

ini tia ti ve „Wissen für mor gen –

Kooperative Forschungsvorhaben

im sub-saha rischen Afrika“. Ihre

Fachgebie te sind Völkerkunde,

Volkskun de, Alte und außer euro -

päische Sprachen und Kulturen.


Finanzen und Verwaltung Vermögensverwaltung

Henning Otto

Mitglied der Geschäftsleitung

Sibylle Mitscherling

verantwortet das Referat

Finanz- und Rechnungswesen,

Controlling.

Christina Fallnacker

leitet das Referat Personal wesen

und Zentrale Dienste.

Michael Maaß

ist zuständig für das Referat

Informations- und Kommu -

nikationssysteme.

Dieter Lehmann

Mitglied der Geschäftsleitung

Carolin Bensch

ist für das Referat Aktien

zuständig.

Dr. Andreas Bodemer

betreut das Referat

Verzinsliche Wertpapiere,

Cashmanagement.

Dr. Martina Pörschke

ist zuständig für das Referat

Immobilien.

Impulse 2010 95


96

Das Kuratorium

Den Vorstand der Stiftung bildet

ein Kuratorium von 14 Persönlichkeiten,

von denen je sieben von der

Bundesregierung und der Niedersächsischen

Landesregierung für

eine Amtszeit von bis zu zwei Mal

fünf Jahren berufen werden. Bei

seinen Entscheidungen ist das Kuratorium

nur an die Satzung gebunden.

Es tritt in der Regel drei Mal jährlich

– zumeist – in der Geschäfts stelle

Hannover zusammen.

Das Kuratorium der VolkswagenStiftung

tagt in der Regel drei Mal jährlich am Sitz

der Stiftung in Hannovers Kastanienallee.

Das Kuratorium der VolkswagenStiftung hat zurzeit folgende Mitglieder:

Lutz Stratmann, Minister für Wissenschaft und Kultur, Mitglied des

Landtages des Landes Niedersachsen, Hannover (Vorsitzender)

Dr. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, Mitglied

des Deutschen Bundestages, Bonn/Berlin (Stellvertretende Vorsitzende)

Professor Dr. Wolf Singer, Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt

am Main (Stellvertretender Vorsitzender)

Professor em. Dr. Klaus J. Bade, ehemals Institut für Migrationsforschung

und Interkulturelle Studien, Universität Osnabrück

Professor Dr. Horst Bredekamp, Seminar für Kunstgeschichte der Humboldt-

Universität zu Berlin und Wissenschaftskolleg zu Berlin

Professor Dr. Martin Hellwig, Max-Planck-Institut zur Erforschung von

Gemeinschaftsgütern, Bonn

Professorin em. Dr. Brigitte Jockusch, ehemals Zoologisches Institut,

Technische Universität Braunschweig

Professorin Dr. Katharina Kohse-Höinghaus, Lehrstuhl für Physikalische

Chemie, Universität Bielefeld

Professor Dr.-Ing. Wolfgang Kowalsky, Institut für Hochfrequenztechnik,

Technische Universität Braunschweig

Professor Dr. Gerd Litfin, LINOS Aktiengesellschaft, Göttingen

Dr. Horst Neumann, Volkswagen AG, Wolfsburg

Michael Sommer, Bundesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes,

Berlin

Professorin Dr. Ursula M. Staudinger, Founding Dean des Jacobs Center on

Lifelong Learning and Institutional Development, Jacobs University Bremen

Professorin Dr. Waltraud Wende, Lehrstuhl für Literatur und Kultur der

deutschsprachigen Gebiete, Rijksuniversiteit Groningen, Niederlande


Ihre Ansprechpartner für die Förderinitiativen

Natur- und Ingenieurwissenschaften, Medizin

Mitglied der Geschäftsleitung

Förderinitiativen

• Neue konzeptionelle Ansätze zur Modellierung

und Simulation komplexer Systeme

Fachgebiet: Physik

• Integration molekularer Komponenten in funktionale

makroskopische Systeme

• Niedersächsisches Vorab (Abt. I)

Fachgebiete: Ingenieurwissenschaften, Mathematik

• Lichtenberg-Professuren

• Hochschule der Zukunft

Fachgebiete: Chemie, Biochemie

• Wissen für morgen – Kooperative Forschungsvorhaben

im sub-saharischen Afrika (Abt. I)

• Symposien und Sommerschulen (Grundsatzfragen)

Fachgebiete: Geowissenschaften, Umweltwissenschaften (Abt. I)

• Evolutionsbiologie

• European Platform for Life Sciences, Mind Sciences,

and the Humanities (Abt. I)

Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft (Abt. I)

Fachgebiete: Biomedizin, Neurowissenschaften

• Zwischen Europa und Orient –

Mittelasien/Kaukasus im Fokus der Wissenschaft (Abt. I)

• Forschung in Museen (Abt. I)

Fachgebiete: Pflanzenbiologie, Zoologie

Stand: Januar 2010

Dr. Indra Willms-Hoff /-285

Assistenz: Sylvia Vogler /-286

Dr. Ulrike Bischler /-350

Assistenz: Jennifer Wundenberg /-248

Dr. Franz Dettenwanger /-217

Assistenz: Petra Akrami /-372

Dr. Anja Fließ /-374

Assistenz: Regina Buch /-388

Dr. Detlef Hanne /-389

Assistenz: Stefanie Karguth /-227

Dr. Henrike Hartmann /-376

Assistenz: Meike Brauer /-375

Dr. Matthias Nöllenburg /-290

Assistenz: Daniela Basse /-291

Telefon 05 11/83 81-0


Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, Niedersächsisches Vorab

Mitglied der Geschäftsleitung

Förderinitiativen

• Deutsch plus – Wissenschaft ist mehrsprachig

Thomas Brunotte, M. Phil. /-297

Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft (Abt. II)

Assistenz: Silvia Birck /-246

• European Platform for Life Sciences, Mind Sciences, and the Humanities (Abt. II)

Fachgebiete: Philosophie, Psychologie, Theologie

• Schumpeter-Fellowships

Prof. Dr. Hagen Hof /-256

• Niedersächsisches Vorab (Abt. II)

Assistenz: Simone Künnecke /-255

Marion Brunk /-226

Fachgebiete: Rechtswissenschaften, Pädagogik,

Umweltwissenschaften (Abt. II), Soziologie, Architektur, Städtebau, Landesplanung

• Zwischen Europa und Orient –

Mittelasien/Kaukasus im Fokus der Wissenschaft (Abt. II)

Fachgebiet: Geschichte, Geografie

• Zukunftsfragen der Gesellschaft – Analyse, Beratung

und Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis

Fachgebiete: Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften,

Forst- und Agrarwissenschaften

• Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften – Programm zur

Förderung fachübergreifender und internationaler Zusammenarbeit

• Dokumentation bedrohter Sprachen

• Pro Geisteswissenschaften

Fachgebiete: Europäische Sprachen und Literaturen, Kunst- und

Musik wissenschaft, Kommunikations- und Medienwissenschaften

• Forschung in Museen (Abt. II)

• Wissen für morgen – Kooperative Forschungsvorhaben

im sub-saharischen Afrika (Abt. II)

• Fellowships für Postdoktoranden und -doktorandinnen aus den

Geisteswissenschaften am Humanities Center der Harvard University

Fachgebiete: Völkerkunde, Volkskunde,

Alte und außereuropäische Sprachen und Kulturen

Stand: Januar 2010

Prof. Dr. Axel Horstmann /-214

Assistenz: Monika Nesper /-224

Dr. Wolfgang Levermann /-212

Assistenz: Susanne Klinge /-384

Dr. Alfred Schmidt /-237

Assistenz: Katja Hawner /-208

Christine Schmiedeskamp /-236

Dr. Vera Szöllösi-Brenig /-218

Assistenz: Kerstin Krüger /-232

Marion Brunk /-226

Dr. Adelheid Wessler /-276

Assistenz: Ute Steinert /-341

Marion Brunk /-226


Ihre Ansprechpartner in der Geschäftsstelle

Generalsekretär

Büro des Generalsekretärs

• Referentin des Generalsekretärs,

Kuratoriumsangelegenheiten, Zusammenarbeit

mit Wissenschaftsorganisationen und Hochschulen

• Rechtsangelegenheiten,

Zusammenarbeit mit Stiftungen und Verbänden

Evaluation, Interne Revision, Verwendungsprüfung

Veranstaltungsmanagement

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

• Standardpublikationen

Finanzen und Verwaltung

Mitglied der Geschäftsleitung Henning Otto /-219

Assistenz: Sybille Laas /-229

Verantwortungsbereich

• Finanz- und Rechnungswesen, Controlling Sibylle Mitscherling /-269

Assistenz: Gabriele Darge /-268

• Personalwesen und Zentrale Dienste Christina Fallnacker /-220

Assistenz: Claudia Kruse /-371

• Informations- und Kommunikationssysteme Michael Maaß /-366

Vermögensverwaltung

Mitglied der Geschäftsleitung Dieter Lehmann /-351

Assistenz: Marion Peiß /-352

Verantwortungsbereich

• Aktien Carolin Bensch /-354

• Verzinsliche Wertpapiere, Cashmanagement Dr. Andreas Bodemer /-239

• Immobilien Dr. Martina Pörschke /-365

Stand: Januar 2010

Telefon 05 11/83 81-0

Dr. Wilhelm Krull /-215

Assistenz: Annemarie Batschko-Rühmann /-225

Claudia Behrens /-225

Antje Robrecht /-211

Assistenz: Susanne Grabner /-221

Anja Stanitzke /-240

Assistenz: Susanne Grabner /-221

Dr. Uta Saß /-331

Assistenz: Margot Jädick-Jäckel /-206

Sabine Zimmerling /-205

Katja Ebeling /-284

Assistenz: Bettina Seeliger /-200

Jens Rehländer /-380 (ab 01.04.2010)

Assistenz: Birgit Rosengart-Kamburis /-381

Dr. Christian Jung /-210


Wir stiften Wissen

VolkswagenStiftung

Kastanienallee 35

30519 Hannover

Telefon 05 11/83 81-0

Telefax 05 11/83 81-344

mail@volkswagenstiftung.de

www.volkswagenstiftung.de

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