Das „Niedersächsische Vorab“ - VolkswagenStiftung : Seite nicht ...

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Das „Niedersächsische Vorab“ - VolkswagenStiftung : Seite nicht ...

Forschen für morgen

Personen und Projekte im Niedersächsischen Vorab

Niedersächsisches Ministerium

für Wissenschaft und Kultur


4 Vorwort

6 Das „Niedersächsische Vorab“

8 Die sechs Förderlinien im Niedersächsischen Vorab

11 Aus der Förderung des Niedersächsischen Vorab

13 Forschungsverbünde und Forschungsschwerpunkte

14 Kurven, Kurzschluss und Kartoffeln

Mit neuartigen Forschungskooperationen den Herausforderungen von morgen begegnen

23 Holen & Halten

24 „Holen & Halten“ = Kontinuität in der Forschung

Die niedersächsische Antwort auf den wachsenden Wettbewerb um die besten Köpfe

35 Neue und sich entwickelnde Forschungsgebiete

36 Neuland betreten

Impulse für Forschung in Niedersachsen, die aus dem Rahmen fällt

45 Kofinanzierung der Exzellenzinitiative

46 Spot an: Niedersachsen im Rampenlicht

Die Exzellenzinitiative macht wissenschaftliche Highlights „sichtbarer“

57 Drittmittel für Niedersachsen

58 Wenn Visionen Wirklichkeit werden

Von Klangsuppen und Laser-Gewebe, mitdenkender Technik und nachhaltiger Landwirtschaft

67 Forschungskooperation Niedersachsen und Israel

68 Brücke der Verständigung

30 Jahre wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Niedersachsen und Israel

75 Förderstatistik

78 Ansprechpartner für das Niedersächsische Vorab


Forschen für morgen

Personen und Projekte im Niedersächsischen Vorab


4

Vorwort

Lutz Stratmann, Vorsitzender des Kuratoriums

der VolkswagenStiftung und Niedersächsischer Minister

für Wissenschaft und Kultur

Wilhelm Krull, General sekre tär der VolkswagenStiftung

Liebe Leserinnen und Leser,

Forschungsförderung in Niedersachsen ist un trenn bar mit einem Begriff verbunden:

dem „Niedersächsischen Vorab“. Er bezeichnet jene Erträge der VolkswagenStiftung,

die ausschließlich der niedersäch sischen Hochschul- und

Wissenschaftslandschaft zugute kommen. Das Land und die größte private

wissenschaftsfördernde Einrichtung Deutschlands, die VolkswagenStiftung,

wirken hier zum Wohle der Wissenschaft im norddeutschen Bundesland eng

zusammen – und dies seit nunmehr über 45 Jahren. Über eine Milliarde Euro

wurden in dieser Zeit aus dem „Vorab“ ver geben.

Die Mittel des „Vorab“ haben den finanziellen Handlungsspielraum in der

Forschungsförderung des Landes deutlich erweitert und dazu beigetragen,

dass es im nationalen und internationalen Wettbewerb erfolgreich be stehen

kann. In den vergangenen Jahren kam es dank der „Vorab“-Förderung zu

zahlreichen Institutsgründungen sowie zur Etablierung einer Reihe größerer

wissenschaftlicher Verbünde, die etwa die Themen Ernährung oder Energie

fokussieren. Ein Teil der Mittel wurde im Rahmen von Berufungs- und Bleibeverhandlungen

eingesetzt.

Nicht zuletzt das gute Abschneiden bei der Exzellenzinitiative, deren Landesanteil

ebenfalls aus dem Niedersächsischen Vorab finanziert wird, belegt die

herausragenden Qualitäten der Forschungsregion Niedersachsen: Zwei international

ausgerichtete Graduiertenschulen, drei Exzellenzcluster und das

Zukunftskonzept der Universität Göttingen konnten im Rahmen des bundesweiten

Wettstreites überzeugen. Sie und weitere aktuelle Beispiele aus der

Förderung des Niedersächsischen Vorab werden in den Beiträgen dieser Broschüre

vorgestellt – eine kleine Auswahl aus über 1400 bewilligten Vorhaben

allein der vergangenen zehn Jahre.


Der besondere Charakter des Niedersächsischen Vorab besteht im engen

Zusammenwirken von Land und Stiftung. Dabei waren die Partner bundesweit

Vorreiter für ein solches kooperatives Modell der Wissenschaftsförderung:

Erstmals bündelten eine private Stiftung und die Politik ihre Kompetenzen,

um Forschung und Lehre nachhaltig, flexibel und zukunftsorientiert

zu unterstützen. Zukunftsgerichtet zu fördern bedeutet zugleich, stets die

eigenen Verfahren und die eigene Förderpraxis daraufhin zu prüfen, ob und

inwieweit sie mit den Veränderungen in der Wissenschaft selbst Schritt halten:

Mit welchen Angeboten lässt sich den Herausforderungen begegnen –

etwa einer stärkeren Internationalisierung, dem härter werdenden Wettbewerb

um Spitzenkräfte und dem grundlegenden Strukturwandel an den

Hochschulen?

Die gemeinsamen Überlegungen vor dem Hintergrund dieser Fragen führten

im Jahr 2006 zu einer strategischen Neuausrichtung der Förderaktivitäten im

„Vorab“, das nun auf sechs tragfähigen Säulen ruht: Gefördert wird jetzt konzentriert

in den Bereichen „Forschungsverbünde und Forschungsschwerpunkte“,

„Holen & Halten“, „Neue und sich entwickelnde Forschungsgebiete“, „Exzel -

lenzinitiative“, „Drittmittel“ und „Forschungskooperation Niedersachsen und

Israel“. Diese sechs Strukturlinien bieten Raum für Forschungsprojekte, die

Neues wagen, sie schaffen Platz für ungewöhn liche Ideen kluger Köpfe, sie

stützen Impulse für veränderte Strukturen an den Hochschulen, sie regen die

Bildung wissenschaftlicher Schwerpunkte an. Und dies insbesondere auch in

den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, für die diese Neugestaltung

noch attraktivere Angebote bereithält. Nicht zuletzt wird natürlich auch

Bewährtes bewahrt, wie etwa die besondere wissenschaftliche Kooperation

zwischen Niedersachsen und Israel, die seit nunmehr über dreißig Jahren

besteht. In allen Bereichen aber wird stets mit dem Maß der Wissenschaft

selbst gemessen: Jenseits kurzfristiger politischer oder ökonomischer Interessen

orientiert sich die Förderung im „Vorab“ ausschließlich an den Kriterien

wissenschaftlicher Qualität und Originalität.

Entfaltungsraum für neue Forschungsfragen und Rückhalt für die hiesige Wis -

senschaft – das bietet das Niedersächsische Vorab seit über vier Jahrzehnten.

Und das möchte es – gerade in seiner neuen Struktur – auch künftig bieten.

Welch ab wechs lungsreiche, vielfältige und innovative Forschung diese Förderung

möglich macht, zeigt die vorliegende Broschüre in einer konzentrierten

Momentaufnahme. Machen Sie sich selbst ein Bild!

Dazu wünschen wir Ihnen viel Freude bei der Lektüre!

Lutz Stratmann Wilhelm Krull

Niedersächsisches Vorab 2008 5


6

Das „Niedersächsische Vorab“

„Vorab“, wird der eine oder die andere vielleicht

denken, „das heißt doch ‚zunächst’ oder ‚zuerst’.

Aber als Hauptwort?“ Doch zumindest im Wortschatz

der Hochschulen wie der Forscherinnen

und Forscher in Niedersachsen hat sich das Ad -

verb „vorab“ inzwischen zu einem Substantiv

gemausert und als stehender Begriff etabliert: als

„das Niedersächsische Vorab“ – eine Förderung

der Wissenschaft, die speziell den Hochschulen

und Forschungseinrichtungen in Niedersachsen

zugute kommt.

Bereits Ende 2005 hat das Niedersächsische Vorab

die Schallmauer von einer Milliarde Euro Fördermittel

durchbrochen. Allein in den vergangenen

zehn Jahren waren es mehr als 400 Millionen Euro.

Damit ist es die nachhaltigste Finanzierungsquelle

für die Wissenschaften, für Forschung und Lehre

in der Region zwischen Ems und Elbe, Harz und

Nordsee.

Die Geschichte dieses besonderen Förderinstruments

beginnt im Jahre 1962 und ist untrennbar

mit der Gründung der VolkswagenStiftung verbunden.

Gemäß ihrer Satzung ist ein festgelegter

Teil der Stiftungsmittel an wissenschaftliche Einrichtungen

im Land Niedersachsen gewissermaßen

„vorweg“ zu vergeben. Über die Vergabe der

Gelder im Niedersächsischen Vorab entscheidet

das Kuratorium der Stiftung im Sommer und

Herbst eines Jahres. Die Verwendungsvorschläge

erarbeitet das in der Niedersächsischen Landes -

regierung dafür zuständige Ministerium für Wissenschaft

und Kultur (MWK). Seien es Maßnahmen

zur Strukturverbesserung der Hochschulen,

Sach- und Personalmittel für die Berufung neuer

Professorinnen und Professoren oder für die Flankierung

von Bleibeverhandlungen, Fördergelder

für die Bildung von wissenschaftlichen Schwerpunkten

oder auch die Schaffung von Zentren

wissenschaftlicher Exzellenz – die Mittel dienen

Forschung und Lehre in Niedersachsen.

Das Niedersächsische Vorab speist sich aus drei

finanziellen Quellen:

• dem Gegenwert der jährlichen Dividende auf

77,3 Millionen Euro VW-Aktien, der der Stiftung

aus der Beteiligung des Landes Niedersachsen

an der Volkswagen AG zusteht;

• ferner dem Ertrag aus der Anlage von 35,8 Millionen

Euro aus einem Vertrag der Stiftung mit dem

Land Niedersachsen von 1987;

• zehn Prozent der übrigen zur Verfügung stehenden

Mittel.

Die Fördersummen waren von Beginn an beachtlich:

Umgerechnet rund zehn Millionen Euro

konnten MWK und VolkswagenStiftung bereits

im Jahr 1962 zur Verfügung stellen. In den vergangenen

zehn Jahren hat sich die Ausschüttung auf

hohem Niveau gefestigt. Mit über 64 Millionen

Euro bricht das Jahr 2007 jedoch alle bisherigen

Förderrekorde – noch nie wurde mehr Geld im

„Vorab“ zur Verfügung gestellt.

In den nunmehr über 45 Jahren „Vorab“-Geschichte

haben sich die Stiftung und das Ministerium als

verlässlicher und leistungsstarker Partner für die

hiesige Forschung und Lehre erwiesen: um die infrastrukturellen

und technischen Voraussetzungen

innovativer Projekte sicherzustellen, um Moder -

nisierungsimpulse der Hochschulen zu stützen, Niedersachsen

für Spitzenkräfte attraktiv zu gestalten

– und um jenseits tagesaktueller Interessen sowohl

inhaltliche als auch strukturelle Entwicklungen in

der Wissenschaft möglichst frühzeitig aufzugrei-


Hört, hört! – Eintauchen in die Welt des Hörens kann im Hörgarten

Oldenburg jeder Besucher, etwa wie hier beim „Hörthron“,

in den man sich hineinsetzen und auf Außengeräusche horchen

kann. Aber das „Haus des Hörens“ in diesem Garten ist auch ein

Ort der Forschung: Im Transregio „Das aktive Gehör“ dreht sich

alles ums Ohr. Mithilfe der Unterstützung aus dem „Vorab“

machen sich Wissenschaftler auf die Suche nach den Mechanismen

des Hörens und einer verbesserten Hörgeräte-Technik.

fen. Um hierfür gerüstet zu sein, ist ein enger und

vertrauensvoller Austausch zwischen Stiftung

und Min isterium einerseits und Wissenschaft

andererseits von großer Bedeutung.

Diese bewährte Zusammenarbeit soll den Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftlern in Niedersachsen

eine zusätz liche, dauerhafte Stütze sein.

Forscher, die Projekte hoher Qualität auf den Weg

bringen wollen, die neue Ideen und Konzepte um -

setzen möchten, mit denen verschiedene Wissens -

gebiete verknüpft oder gesellschaftliche Herausforderungen

angenommen werden können, wer den

hier stets mit Unterstützung rechnen können.

Kurze und unbürokratische Wege sowie ein partnerschaftlicher

Umgang miteinander sollen helfen,

fortschritt liches und fantasievolles wissenschaft -

liches Arbeiten zu befördern.

Da die Mittel aber letztlich doch immer begrenzt

sind, müssen Prioritäten gesetzt und die besten

Vorhaben zur Förderung ausgewählt werden. Aus

dem Wunsch des Stiftungskuratoriums nach einem

auf Dauer angelegten Verfahren der wissenschaftlichen

Begutachtung ist die „Wissenschaftliche

Kommission Niedersachsen“ hervorgegangen,

deren Aufgabe es unter anderem ist, die finanziell

umfangreicheren Forschungsprojekte in diesem

Bundesland auf ihre Qualität zu untersuchen –

auch die aus Mitteln des „Vorab“ zu fördernden

Vorhaben. Denn was letztlich zählt, sind die wissenschaftlichen

Ergebnisse.

Die Förderung muss dabei auf die sich stets verändernden

Gegebenheiten in der Forschung Rücksicht

nehmen und kontinuierlich dem aktuellen

und künftigen Bedarf angepasst werden. Nicht

zuletzt deshalb wurden die Förderaktivitäten im

Niedersächsischen Vorab im Jahr 2006 in sechs

Segmenten strategisch neu ausgerichtet (siehe

Beitrag S. 8). Mittels dieser Strukturlinien sollen

die Hochschulen Niedersachsens bei der Profilund

Schwerpunktbildung unterstützt werden

und nachhaltige Forschungsnetzwerke entstehen.

Die Anpassungsfähigkeit des Fördersystems stellt

eine ständige Herausforderung dar. Während etwa

in den vergangenen Jahrzehnten und bis heute der

größte Teil der Förderung im Niedersächsischen

Vorab auf die Naturwissenschaften und seit den

1970er Jahren auch auf die stark wachsenden

Lebens- und Ingenieurwissenschaften entfiel,

haben Stiftung und Ministerium mit der Neuausrichtung

auch den Geisteswissenschaften wieder

mehr Gewicht verliehen: Mit den Heyne-Profes -

suren und den Heyne-Juniorprofessuren wurde

im Jahr 2007 ein Sonderprogramm aufgelegt (vgl.

Seite 24), das es den Hochschulen ermöglicht, ihre

Personalpolitik im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften

strategisch auszurichten und aktiv

Forscherinnen und Forscher zu rekrutieren, die

inhaltlich oder methodisch neue Wege beschreiten.

Der in seinem Wert gerade für eine regional

begrenzte Förderung nicht hoch genug einzuschätzende

internationale Austausch wird durch

die Gervinus-Fellowships gestützt. Mit diesem

Programm wird zugleich der Anspruch des „Vorab“

unterstrichen, für alle Wissenschaftsgebiete

gleichermaßen zur Verfügung zu stehen. Die expli -

zite Förderung großer, hochschulübergrei fender

Forschungsverbünde ermöglicht es dem Land Niedersachsen

zudem, Kompetenzen so zu bündeln,

dass Netzwerke mit internationaler Be teiligung

entstehen. Denn das Ziel aller Anpassung bleibt

doch stets das gleiche: den Wissenschafts standort

Niedersachsen nach vorn zu bringen.

Niedersächsisches Vorab 2008 7


8

Die sechs Förderlinien im

Niedersächsischen Vorab

Unter den Finanzmitteln für das Land Niedersachsen,

die in die Forschungsförderung fließen, nimmt

das Niedersächsische Vorab von jeher eine Sonderstellung

ein: Im Auf und Ab der verschiedenen Initiativen

und Prozesse in der Hochschullandschaft

stellt das „Vorab“ eine feste Größe dar, die den Wis -

senschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Niedersachsen

eine kontinuier liche und nachhaltige

Unterstützung bietet. Die Förderung kommt dabei

der Erforschung grundlegender wissenschaftlicher

Zusammenhänge am Anfang der Innovationskette

– und in allen Diszi plinen – zugute.

Durch das Zusammenspiel von Land, Volkswagen-

Stiftung, Hochschulen und Forschungseinrichtungen

hat sich das „Vorab“ seit seinem Start im Jahre

1962 als dynamisches, flexibles und schnelles Förderinstrument

erwiesen. Das „Vorab“ zu einem

weiterhin erfolgreichen und für die Antragsteller

transparenten Instrument der Förderung zu ge -

stalten, war auch Ziel der Neuausrichtung in sechs

Strukturlinien im Jahr 2006. Forscher und Hochschulleitungen

können sich nun besser und direkter

über die Möglichkeiten der Unterstützung

durch das „Vorab“ informieren.

Alle Förderlinien sehen Ausschreibungs- oder

Auswahlverfahren vor, die von der Wissenschaftlichen

Kommission Niedersachsen, der VolkswagenStiftung

oder der AGIP (Arbeitsgruppe und

Geschäftsstelle innovative Projekte in der angewandten

Hochschulforschung) begleitet werden:

Damit bilden unabhängige und wissenschafts -

basierte Verfahren die Grundlage für die Förderentscheidungen

im „Vorab“. Auf diese Weise ist

gewährleistet, dass sich die Forschungspolitik in

Niedersachsen durch eine kontinuierliche Qualitätssicherung

auszeichnet.

Maßstab für den Erfolg der „Vorab“-Förderung ist

nicht zuletzt die Sichtbarkeit der geförderten Projekte

in der wissenschaftlichen Gemeinschaft –

und damit weit über den niedersächsischen Raum

hinaus. Die Ergebnisse der Exzellenzinitiative haben

gezeigt, dass es ganz wesentlich das Niedersäch -

sische Vorab war, das frühzeitig und vor allem

intensiv genug an den richtigen Stellen für Unterstützung

gesorgt hat. Dank des „Vorab“ gelang es

auch einem Land wie Niedersachsen, das nicht

zu den reichsten Ländern in der Bundesrepublik

gehört, die Hochschulen des Landes in ihren wissenschaftlichen

Schwerpunkten zu stärken und

Grundlagen für neue Forschungsbereiche zu legen.

Aus diesen Überlegungen sind die – nachfolgend

kurz vorgestellten – sechs Strukturlinien entwickelt

worden, in denen sich die programmatischen Ziele

des Niedersächsischen Vorab wiederfinden.

Forschungsverbünde und

Forschungsschwerpunkte

Forschungsverbünde systematisieren und vernetzen

Forschungsgebiete in Niedersachsen. In ihnen

forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

mehrerer Hochschulen und Forschungseinrichtungen;

die Zusammenschlüsse zeichnen sich durch

einen übergreifenden thematischen und methodischen

Zugriff auf eine wissenschaftliche Fragestellung

aus.

Was abstrakt klingt, wird am Beispiel des Forschungsverbunds

„Frühkindliche Bildung und Entwicklung“,

der 2008 seine Arbeit aufgenommen

hat, sehr konkret: Durch eine offene Ausschreibung

und ein strikt an wissenschaftlicher Qualität orientiertes

Auswahl- und Begutachtungsverfahren

in zwei Stufen entstand ein Forschungsverbund,


der in einem zentralen Thema der beteiligten

Fachgebiete neue Maßstäbe auch auf nationaler

Ebene setzt. Die externen Gutachter brachten

dabei deutlich zum Ausdruck, dass eine solche

Förderung und Strukturierung auch an ihren Ins -

tituten dringend benötigt werde.

Kennzeichen des Instruments „Forschungsver -

bünde“ ist es zudem, dass über Ausschreibungen

und Antragsverfahren schnell und flexibel auf neue

wissenschaftliche oder gesellschaftliche Anforderungen

reagiert werden kann. Das belegen auch

die thematischen Schwerpunkte seit 2006: Energieforschung,

Klimawandel, Translationale Forschung

im Bereich der Lebenswissenschaften und

Agrar- und Ernährungswissenschaften.

Holen & Halten

Kein Bereich hat eine größere strategische Bedeutung

für die Hochschulen als die Berufung herausragender

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

– und kein Bereich wird umfassender und

schneller aus dem Niedersächsischen Vorab unterstützt

als die Strukturlinie „Holen & Halten“. Denn

die Entscheidung über ein Bleiben an einer Hochschule

oder die Annahme eines Rufs außerhalb

Niedersachsens wird manchmal in nur wenigen

Tagen getroffen – und in dieser Phase zählt die

direkte Kommunikation zwischen allen Beteiligten.

Die Zahl „sechs“ ist die tragende Zahl des Niedersächsischen

Vorab. Diese sechs Herren stehen zwar nicht für die sechs Förderlinien,

sind dem „Vorab“ aber allesamt über die Exzellenzinitiative

verbunden (von links): Bauunternehmer Theodor Wilken, die Professoren

Dr. Hans Georg Borst und Dr. Dieter Bitter-Suermann,

Wissenschaftsminister Lutz Stratmann, Dr. Karsten Schmieta und

Professor Dr. Axel Haverich beim ersten Spatenstich für den Bau

eines neuen Forschungszentrums für regenerative Medizin auf

dem Campus der Medizinischen Hochschule Hannover. In dem

Gebäude werden die Wissenschaftler und weitere Partnerinsti -

tute des Exzellenzclusters „REBIRTH“ untergebracht.

Das „Vorab“ setzt hier mit seiner Förderung immer

dann ein, wenn es um erstrangige Berufungen oder

Bleibeverhandlungen geht: beim Auf- oder Ausbau

wissenschaftlicher Schwerpunkte oder bei

Kernprofessuren zentraler Fächer. Immer wichtiger

werden dabei internationale Forschungskooperationen.

Weitere Herausforderungen ergeben sich

aus dem damit verbundenen Wettbewerb der

unterschiedlichen Hochschul- und Wissenschaftssysteme

oder – auf konkreter Ebene – aus persönlichen

Konstellationen: Auch für Wissenschaftlerpaare

mit Doppelkarrieren kann in besonderen

Fällen eine Lösung mithilfe der Mittel aus dem

Niedersächsischen Vorab gefunden werden.

Mit Ausschreibungen wie dem Programm „Heyne

& Gervinus“ oder der „Niedersachsenprofessur

– Forschung 65 plus“ wurde im „Vorab“ zudem ein

spezifisches Förderangebot für einzelne Fächeroder

Personengruppen etabliert, das den entscheidenden

Vorsprung beim Wettbewerb um die besten

Köpfe für die Hochschulen in Niedersachsen

sicherstellen soll.

Neue und sich entwickelnde

Forschungsgebiete

Neue Gebiete, neue Methoden und neue Institutionen

in Wissenschaft und Forschung brauchen

Offenheit auf Seiten der Förderung, um sich ent-

Niedersächsisches Vorab 2008 9


10

wickeln zu können. Auch in diesem Bereich gibt

es zum Teil enge Zeitfenster, in denen Förderentscheidungen

möglichst schnell und effizient

getroffen werden müssen. Zu den Stärken des

Niedersächsischen Vorab zählt, dass es sich diese

Offenheit immer bewahrt hat.

Bei Projekten, die Neuland betreten, gibt es dabei

naturgemäß viel Gesprächsbedarf zwischen dem

Ministerium – das für die Erarbeitung der Verwendungsvorschläge

verantwortlich ist – und den An -

tragstellern. Zugleich sind die Anforderungen an

Qualität und Begutachtungsverfahren in der Förderlinie

„Neue und sich entwickelnde Forschungsgebiete“

besonders hoch: Das entspricht dem

Anspruch und Selbstverständnis des Niedersächsischen

Vorab.

Exzellenzinitiative

Nicht nur die in der Exzellenzinitiative erfolgreichen

Projekte werden aus Mitteln des Niedersächsischen

Vorab unterstützt. Auch jenen Vorhaben,

die in der Initiative von Bund und Ländern nur sehr

knapp ihren Mitbewerbern unterlagen, fließen

Gelder aus dem „Vorab“ zu. Insbesondere die Wissenschaftliche

Kommission Niedersachsen hatte

auf das große Potenzial für künftige Antragsrunden

hingewiesen.

Die geförderten Projekte, die ein breites Fächerspektrum

von den Geisteswissenschaften über die

Biodiversitätsforschung bis hin zur Produktionstechnik

abdecken, stehen für herausragende Wissenschaft

und Forschung. Das haben die internationalen

Gutachter mehrfach bestätigt. Was ihnen

jetzt noch fehlt, ist der An schluss an die Weltspitze:

Das „Vorab“ gibt ihnen die notwendige Zeit und

die notwendigen Mittel, um daran zu arbeiten.

Drittmittel für Niedersachsen

Neue Sonderforschungsbereiche, europäische Netzwerke,

Research Schools oder Allianzen mit außeruniversitären

Einrichtungen sind ein wichtiger

Indikator für die fachliche Leistungsfähigkeit der

Hochschulen. Gerade in diesem Bereich sichert das

Niedersächsische Vorab mit seinen engen Verbindungen

zwischen Wissenschaft, Forschungs för de -

rung und Ministerium eine schnelle und flexible

Unterstützung. Damit aus Ideen konkrete Projekte

und aus Projekten neue und nachhaltige Allianzen

geformt werden können.

Seit der Einführung der neuen Förderlinien stehen

insbesondere die europäische und die interinstitu -

tionelle Zusammenarbeit zwischen universitären

und außeruniversitären Forschungseinrichtungen

im Zentrum der Förderung. Aber auch strategische

Partnerschaften über den wissenschaftlichen

Bereich hinaus, zwischen Unternehmen und Akademia,

können hier ihren Platz finden.

Kooperation Niedersachsen und Israel

Anlässlich des deutsch-israelischen Wissenschaftsjahres

2008 wurde von beiden Seiten festgestellt:

Zu keinem Bundesland haben israelische Hochschulen

so enge Beziehungen wie zu Niedersachsen.

Die Unterstützung dafür stellt seit über dreißig

Jahren das Niedersächsische Vorab bereit, dessen

jährliche Ausschreibungen für alle Fachgebiete

offen sind.

Ständig angepasst und erneuert, ist diese Förder -

linie seit 1977 ein fester Bestandteil der Förderpolitik

des „Vorab“. Rund 300 Projekte sind seither mit

insgesamt fast 30 Millionen Euro unterstützt worden.

Die jährlich steigende Zahl der Anträge und

Nachfragen belegt, dass diese Kooperation nicht

nur auf wissenschaftlicher, sondern auch auf zwischenmenschlicher

Ebene hoch angesehen und

erfolgreich ist.

Die sechs vorgestellten Strukturlinien bündeln und

gliedern die Förderaktivitäten des Niedersächsischen

Vorab seit 2006. Mit dieser Broschüre, deren

Aufbau sich an den sechs Bereichen orientiert, soll

vor allem deutlich werden, wozu eine gut strukturierte

Forschungsförderung dient: der Unterstützung

erstklassiger Personen und Projekte in Niedersachsen

und darüber hinaus.


Aus der Förderung des Niedersächsischen Vorab

Mit dieser Broschüre möchten die VolkswagenStiftung und das Niedersächsische

Ministerium für Wissenschaft und Kultur dem Leser

einen anschaulichen Eindruck vermitteln der Vielfalt im Niedersächsischen

Vorab geförderter Projekte. Dabei fällt der Blick sowohl auf das

forscherische Tun im Labor, im Büro oder in der Natur als auch auf die

gewonnenen Erkenntnisse ausgewählter Vorhaben. Was zum Beispiel

erforschen niedersächsische Wissenschaftler im indonesischen Urwald?

Wie kann man den Verkehr sicherer machen? Warum sind blaue

Kartoffeln für die Forschung interessant? Und was lässt sich aus

den Quellen des antiken Orients für heutige Kulturen ableiten?

Neben Antworten auf solche Fragen erhalten Interessierte zugleich

Informationen zum Niedersächsischen Vorab in gebündelter Form.

Abschließend ist der Broschüre eine Übersicht der Förderstatistik der

vergangenen Jahre beigefügt, aus der zu ersehen ist, wie sich die

Bewilligungssummen für dieses Förderinstrument seit 1962 entwickelt

haben und wie sie sich seit 2006 auf die sechs Strukturlinien verteilen.

Im Vordergrund steht in dieser Broschüre jedoch stets die Forschung

selbst – damit „das Vorab“ kein abstrakter Begriff bleibt, sondern sich

mit konkreten Projekten und Personen verbindet.


Forschungsverbünde und Forschungsschwerpunkte

Entwicklungspotenziale für das deutsche Wissenschaftssystem liegen insbesondere

in neuen Formen von Kooperationsbeziehungen, die thematisch begründet – und

damit wissenschaftlich motiviert – auch institutionelle Konsequenzen haben. Diese

Schlussfolgerung wird so oder in ähnlicher Form in wissenschaftlichen Gremien

(zum Beispiel der Deutschen Forschungsgemeinschaft) formuliert, sie findet sich

in den Ergebnissen von Systemevaluationen und nicht zuletzt in den aus den

Hochschulen heraus entwickelten Anträgen der Exzellenzinitiative.

Vor diesem Hintergrund wurde die Förderlinie „Forschungsverbünde und Forschungs -

schwerpunkte“ gestaltet, die leistungsfähige Netzwerke in ganz Niedersachsen

unterstützt. So sollen international antrags- und konkurrenzfähige Exzellenzbe -

reiche auf den Weg gebracht werden – besonders auch an den Fachhochschulen.

Forschungsverbünde und Forschungsschwerpunkte, wie sie an den Fachhochschulen

genannt werden, greifen zentrale Fragestellungen der Wissenschaft auf und

gestalten den Ausbau interdisziplinärer und national sichtbarer Netzwerke in der

niedersächsischen Forschungslandschaft. Mitte 2008 arbeiten zehn Forschungsverbünde

zu Themen wie Energieforschung, Agrarwissenschaften und Klimafolgenforschung.

Forschungsverbünde setzen sich dabei in der Regel aus Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftlern von mindestens drei Hochschulen oder Forschungseinrichtungen

zusammen. Die Beteiligung von Unternehmen, aber auch von weiteren öffentlichen

Einrichtungen wird ausdrücklich begrüßt – ebenso wie die Zusammenarbeit mit

Hochschulen und Forschungseinrichtungen in den norddeutschen Bundesländern

(Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein). Um die Kooperation

besonders der Hochschulen in Norddeutschland zu fördern, werden seit 2007

erstmals auch Einrichtungen außerhalb des Landes an der Förderung aus dem Niedersächsischen

Vorab beteiligt.

Rund ein Viertel der Mittel im „Vorab“ kommt den Forschungsverbünden und -schwerpunkten

zugute. Die Förderung wird über einen Zeitraum von fünf Jahren gewährt,

wobei nach drei Jahren eine Zwischenevaluation erfolgt. Forschungsverbünde werden

im Durchschnitt mit einer halben bis zu einer dreiviertel Million Euro pro Jahr

unterstützt.

Ausschreibungen zielten bisher etwa auf die Gebiete „Klimafolgenforschung“ und

„Frühkindliche Bildung und Entwicklung“. Die aktuellen Ausschreibungen finden

Interessierte auf der Homepage des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft

und Kultur (www.mwk.niedersachsen.de). Antragsberechtigt sind Hochschulen

und öffentlich geförderte Forschungseinrichtungen in Niedersachsen.


Kurven, Kurzschluss und Kartoffeln

Mit neuartigen Forschungskooperationen den

Herausforderungen von morgen begegnen


Den Straßenverkehr sicherer machen, für stabile Stromnetze sorgen und gesündere

Lebensmittel produzieren: Das sind nicht nur bedeutende Zukunftsthemen,

sondern auch Ziele niedersächsischer Spitzenforschung. Die nötige Arbeit leistet

eine Vielzahl an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus gut einem Dutzend

renommierter Forschungseinrichtungen in drei Verbünden zu den Themen

„Verkehrssicherheit“, „Energie“ und „Ernährung“.

„Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg“: Diese Zen-Weisheit klingt vermutlich

wie Hohn in den Ohren eines genervten Autofahrers, der sich samt

Gefährt durch dichten Verkehr kämpft. Doch mitunter wäre es besser, den

Tipp aus Asien zu beherzigen. Denn der Stress kann fatale Folgen haben:

„In solchen Situationen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Fahrer eine

Fehlentscheidung trifft und sich und andere dadurch in Gefahr bringt“, sagt

Professor Dr. Werner Damm vom Oldenburger Forschungs- und Entwicklungsinstitut

für Informatik-Werkzeuge und -Systeme (OFFIS), einem An-Institut

der Universität Oldenburg. Und der Stress wird in Zukunft noch zunehmen,

denn der Verkehr wird immer dichter: Um rund 25 Prozent soll das Verkehrsaufkommen

bis zum Jahr 2020 steigen, prognostizieren Verkehrsexperten.

Hilfe tut also not. Und da menschliche Ratgeber auf dem Beifahrersitz den

Stress beim Autofahren erfahrungsgemäß eher noch steigern als lindern,

machen immer mehr elektronische Assistenten im PKW-Cockpit Karriere.

Schon heute leisten Antiblockiersysteme, Abstandswarner oder Einparkhilfen

beim Fahren Beistand. Künftig sollen zum Beispiel Spurhalte- oder Spurwechselassistenten

den Fahrer noch zusätzlich unterstützen.

Ob solche elektronischen Hilfssysteme wirklich nützen, prüfen OFFIS-Forscher

seit dem Frühsommer 2007 gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

des Forschungszentrums Sicherheitskritische Systeme der Carl

von Ossietzky Universität Oldenburg und des Deutschen Zentrums für Luftund

Raumfahrt (DLR) Braunschweig im Forschungsverbund IMOST (Integrated

Modeling for Safe Transportation). „Lange wurde alles gemacht, was technisch

möglich war – ohne darauf zu achten, was den Fahrer wirklich entlastet“,

erläutert Damm, der den Forschungsverbund leitet. So sei es beispielsweise

nicht hilfreich, wenn in einer kritischen Verkehrssituation plötzlich die Tankanzeige

zu piepen beginne. Zudem müsse man berücksichtigen, dass Autofahrer

nicht alle gleich seien, sondern durchaus sehr unterschiedlich auf

bestimmte Situationen und Warnhinweise reagierten.

Die Oldenburger Forscher entwickeln deshalb Simulationen für das technischpsychologische

Wechselspiel zwischen Assistenzsystem und Fahrer sowie

Wissen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr:

Professor Dr. Werner Damm vom Oldenburger

Forschungs- und Entwicklungsinstitut für

Informatik-Werkzeuge und -Systeme (OFFIS)

leitet den Forschungsverbund IMOST. Ob Ab -

standswarner oder Spurhalteassistent: Die

Wissenschaftler nehmen elektronische Hilfssysteme

im PKW genauer unter die Lupe.

Denn: Nicht alles, was machbar ist, entlastet

den Autofahrer tatsächlich.

Modernste Technik für eine nachhaltige

Pflanzenproduktion: Mit einem Bodensensor

will Professor Dr. Dieter Trautz, Leiter des

Projekts PIROL an der Fachhochschule Osnabrück,

Informationen gewinnen über die

Schichtung und die in den einzelnen Schichten

enthaltenen Bodenarten. So lassen sich

Aussagen über das Ertragspotenzial eines

Ackers machen.

Niedersächsisches Vorab 2008 15


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Kurven durch virtuelle Verkehrswelten: Im

Fahrsimulator im DLR Braunschweig ist dies

ohne Unfallgefahr möglich. Das Auto steht

auf einer Plattform mit sechs hydraulisch

angetriebenen Beinen, die ein realistisches

Fahrgefühl simulieren. Ein 3D-Projektions -

system ermöglicht es zudem, die Umwelt

und das Verkehrsgeschehen möglichst naturgetreu

abzubilden.

für unterschiedliche Verkehrssituationen und fügen sie in eine gemeinsame

Software. „Wir wollen damit den Nutzen eines neuen Fahrerassistenzsystems

schon im Entwicklungsstadium abschätzen können“, erklärt Damm das Ziel

der konzertierten Bemühungen, die mit insgesamt 2,5 Millionen Euro aus dem

Niedersächsischen Vorab unterstützt werden. Um das zu erreichen, arbeiten

Ingenieure, Informatiker und Psychologen nicht nur im Forschungsverbund,

sondern darüber hinaus auch mit Kollegen aus anderen Ländern der Europä -

ischen Union eng zusammen.

„Die große Herausforderung ist, die sehr unterschiedlichen Simulationsmethoden

miteinander zu kombinieren“, betont Damm. Hinzu komme, dass das

Verhalten von Fahrzeugführern ein noch weitgehend unerforschtes Gebiet

sei. „Über Schachspieler weiß man mehr als über Autofahrer“, ergänzt Pro -

fessor Dr. Claus Möbus, der am OFFIS gemeinsam mit Dr. Andreas Lüdtke für

die Entwicklung sogenannter „Fahrermodelle“ zuständig ist. Diese Fahrer

bestün den zwar nur aus Bits und Bytes, doch könnten sie in ausgewählten

Situationen durchaus menschlich reagieren, sagt Möbus.

Neue Erkenntnisse und wertvolle Daten für ihre Fahrermodelle bekommen die

OFFIS-Forscher nicht nur aus der Literatur, sondern auch vom Braunschweiger

Kooperationspartner DLR. Hier untersuchen Ingenieure, Informatiker und

Psychologen unter der Federführung von Dr. Martin Baumann, wie sich Auto -

fahrer aus Fleisch und Blut verhalten, und schicken regelmäßig Testfahrer

mit dem sogenannten View Car auf Tour: Dieses Auto ist mit Kameras, Radar

und Sensoren gespickt und erfasst während der Fahrt nicht nur die Umgebung,

sondern auch die Handlungen und Gemütsschwankungen des Fahrers.

Dazu misst eine Elektrode, die an die Hand des Fahrers geheftet wird, Schweiß -

produktion und Pulsschlag, und eine Kamera registriert, wann sich die Pupillen

des Fahrers plötzlich weiten.

Die Forscher dokumentieren außerdem Testfahrten in einem Fahrzeugsimulator.

Der Fahrer kurvt darin durch virtuelle Verkehrswelten, die auf einer

3D-Leinwand erscheinen. Dabei sitzt er in einem Auto auf einer meterhohen

Plattform, die von spinnenartigen Beinen aus Stahl nach allen Seiten gekippt

werden kann. „Wir können dadurch ein realistisches Fahrgefühl für Kurvenfahrten

oder für das Abbremsen simulieren“, erklärt Baumann. Der Fahrzeugsimulator

ist ein zentrales Werkzeug der Verbundforscher: Er liefert nicht nur

wertvolle Erkenntnisse über das Fahrverhalten echter Menschen. Auch die

Tauglichkeit der OFFIS-Software lässt sich hier prüfen: Weil keine echten

Unfälle drohen, dürfen auch die virtuellen Fahrer aus Oldenburg ans Steuer.

Bis die virtuelle Verkehrswelt mit der Wirklichkeit ausreichend übereinstimme,

werde es allerdings noch einige Jahre dauern, sagen die Forscher. Unternehmen

wie Siemens, Daimler, Volkswagen, Bosch oder Continental, die an

der neuen Simulationssoftware für Fahrerassistenzsysteme schon heute und

ganz reell interessiert sind, müssen sich also noch ein bisschen gedulden.


Nachhaltige und sichere Energieversorgung für die Zukunft

Wenn im idyllisch gelegenen Clausthal-Zellerfeld Professor Dr. Hans-Peter

Beck ans Steuern denkt, hat er vermutlich weniger herumkurvende Autos

im Sinn als Elektronen, die durch das Stromnetz in unsere Steckdosen touren.

Beck ist Professor an der Technischen Universität (TU) Clausthal und leitet

den mit rund vier Millionen Euro geförderten Forschungsverbund „Energie

– dezentrale Stromversorgung“ des Niedersächsischen Vorab. Beteiligt sind

daran noch die TU Braunschweig, die Universitäten Hannover und Oldenburg,

die Fachhochschule Hannover, das Clausthaler Umwelttechnik-Institut

CUTEC – sowie wiederum das OFFIS.

Die geballte wissenschaftliche Kompetenz ist notwendig, um eine der größten

Herausforderungen der Zukunft zu meistern: eine sichere und möglichst nachhaltige

Energieversorgung. „Die große Frage ist, unter welchen Bedingungen

die vorhandenen Stromnetze den Energiemix der Zukunft verkraften werden“,

führt Beck aus. Schließlich werde der Strom künftig in immer mehr kleineren

Anlagen – in Brennstoffzellen, Photovoltaik- oder Windkraftanlagen und Blockheizkraftwerken

– produziert statt wie heute üblich zumeist in großen Kraftwerken.

Das liegt vor allem daran, dass mit dezentralen Anlagen sowohl der

Strom als auch die Abwärme der Stromproduktion genutzt werden können –

was besonders effizient ist“, erklärt Beck. Im Jahr 2050, so die Prognosen, wird

voraussichtlich die Hälfte der Energie dezentral erzeugt werden.

Die umweltfreundlicheren kleinen Anlagen können allerdings Probleme im

Stromnetz bereiten. Die Qualität des Stroms sei schlicht ungenügend, sagt

Beck. Denn während in den großen Kraftwerken ausgefeilte Systeme für eine

exakt sinuskurvenförmige Wechselspannung und damit für eine konstante

Energiequalität sorgen, fehlt einer Spannungskurve aus einer kleinen Anlage

mitunter das harmonisch Geschwungene, und es können sich unschöne,

qualitätsmindernde Zacken einschleichen. „Heute gehen solche Mängel noch

in der großen Masse qualitativ hochwertigen Stroms unter“, erläutert Beck

weiter. Würden dagegen einst sehr viele kleine Anlagen ungefiltert ans Netz

gehen, könnte es zu spürbaren Spannungsschwankungen im Stromnetz

kommen. Das Licht könnte flackern, empfindliche Geräte nähmen möglicherweise

Schaden. Schlimmstenfalls falle im ganzen Haus der Strom aus.

Damit das nicht passiert, entwickeln die Wissenschaftler des Forschungsverbunds

elektronische Filtersysteme, die an die kleinen Stromerzeuger angeschlossen

werden und den erzeugten Strom vor Ort auf Sinusform trimmen.

Dazu speisen sie Elektronen ein oder saugen diese ab, bis die Qualität wieder

stimmt. Außerdem müssen potente Speichersysteme her, um Zeiten zu überbrücken,

in denen etwa Wolkenflug oder Windflaute die Stromproduktion in

Photovoltaik- oder Windkraftanlagen zum Erliegen bringen. Und nicht zuletzt

sollen alle Elemente durch ein ausgetüfteltes Management koordiniert und

überwacht werden.

Ob Blockheizkraftwerke (Bild oben) oder

Brennstoffzellen (Bild unten): Den kleinen

Anlagen gehört die Zukunft der Energieversorgung.

Im Forschungsverbund „Energie –

dezentrale Stromversorgung“ bündeln zahlreiche

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

unter der Leitung von Professor

Dr.-Ing. Hans-Peter Beck von der Technischen

Universität Clausthal (Bild in der Mitte) ihr

Know-how, um beispielsweise für stabile

Stromnetze zu sorgen.

Niedersächsisches Vorab 2008 17


18

Auf der Suche nach gesundheitsfördernden

Substanzen: Die Forscher des Verbundprojekts

„Netzwerk Lebensmittel“ sondieren

die Inhaltsstoffe bläulich-violetter Kartoffelsorten.

Werden Kartoffelextrakte gefriergetrocknet

(Bild oben), bilden sich pulverförmige

Feststoffe, die über einen längeren Zeitraum

gut gelagert und bequem für weitere Untersuchungen

eingesetzt werden können. Um

die heilsamen Farbstoffe aus der Kartoffel zu

lösen, werden diese mit Schale zerkleinert,

mit kochendem Wasser blanchiert und an -

schließend mit einem Gemisch aus Wasser

und Salzsäure versetzt (Bild unten).

Ob ihre Stromnetz-Strategien funktionieren, testen die Wissenschaftler im

Clausthaler Energiepark CUTEC. Hier stehen alle denkbaren, konventionellen

und künftigen dezentralen Energiequellen zur Verfügung, die sich beliebig

miteinander kombinieren lassen. „Wir können damit alle möglichen Szenarien

der Stromversorgung simulieren. Sogar den Grenzfall, dass die gesamte

Energie dezentral produziert wird und zu einhundert Prozent aus regenera -

tiven Quellen kommt“, betont Beck. Zusätzlich zu den Experimenten in der

künstlichen CUTEC-Welt erfassen die Wissenschaftler die elektrische Infrastruktur

einer Braunschweiger Wohnsiedlung: sämtliche Kabel, deren Querschnitte

und Alter sowie alle in den Wohnungen eingesetzten elektrischen

Geräte. Für diese Siedlung werden die Forscher ein Szenario entwerfen, in

dem – entsprechend den Prognosen für das Jahr 2050 – die Hälfte des Stromes

dezentral erzeugt wird.

Der Forschungsverbund Energie ist nicht umsonst in Niedersachsen ange -

siedelt. „Rund ein Fünftel der in Niedersachsen erzeugten Energie stammt

schon heute aus regenerativen Quellen“, sagt Beck. In Sachen Windenergie

und inzwischen auch in der Stromproduktion aus Biomasse sei Niedersachsen

bundesweit Spitze.

Vereinte Kraft für unsere Ernährung

Auf den riesigen Ackerflächen Niedersachsens wachsen nicht nur umweltfreundliche

Brennstoffe, es gedeiht auch jede Menge Essbares. Dieses in

neuartige, marktfähige Produkte zu verwandeln und damit vor allem mittelständische

Lebensmittelproduzenten zu stützen, ist das Ziel des Forschungsverbundprojekts

„Netzwerk Lebensmittel“; es gehört zu dem dritten hier

vorgestellten Forschungsverbund „Agrar- und Ernährungswissenschaften

Niedersachsen“ (FAEN) und wird im Niedersächsischen Vorab mit rund 1,5

Millionen Euro gefördert. „Wir konzentrieren uns vor allem auf die Entwicklung

von Lebensmitteln mit gesundheitlichem Zusatznutzen“, erklärt Pro -

fessor Dr. Ernst Reimerdes, der den Forschungsverbund am Deutschen Institut

für Lebensmitteltechnik e. V. (DIL) in Quakenbrück in den vergangenen

Jahren geleitet hat. Längst etablierte Produkte dieser Art seien zum Beispiel

probiotische Joghurts, die den Aufbau der Darmflora fördern sollen, oder

vitaminhaltige Cornflakes.

Auf der Suche nach neuen gesundheitsfördernden Substanzen haben die

Verbundforscher die Inhaltsstoffe von Speisepilzen und Kartoffeln, aber auch

von Nebenprodukten aus der Kartoffel- oder Getreideverarbeitung durch -

forstet und sind selbst dort fündig geworden: So ließe sich aus Beiprodukten

der Kartoffelverarbeitung eine Substanz gewinnen, die diätunterstützend

wirken könnte. Und aus Getreideresten haben die Forscher sogenannte Tocotrienole

und Tocopherole isoliert, die zur Gruppe der Vitamin-E-Moleküle

gehören und besonders stark antioxidativ wirken. „Die Substanzen könnten


Lebensmittel haltbarer machen und als Nahrungsergänzungsmittel das

Immunsystem unterstützen, gegen Krebs und den Alterungsprozess wirken“,

erklärt Dr. Astrid Drotleff von der Tierärztlichen Hochschule Hannover den

möglichen Nutzen. Die extrahierten tocotrienolhaltigen Öle seien der heute

üblichen Vitamin-E-Quelle – Palmöl aus Malaysia – in Gehalt und Wirksamkeit

sogar um einiges überlegen.

Die Verbundforscher untersuchen außerdem Speisepilze und haben darin

Stoffe gefunden, die bei Diabetes helfen und cholesterinsenkend wirken

könnten. Ein weiteres Untersuchungsobjekt ist die Kartoffel. Die hat es in

sich – besonders, wenn sie blau daherkommt. Gourmets schwärmen schon

länger etwa vom „Blauen Schweden“, von „Herbie 26“ oder von „Olivia“. Diese

alten, bläulich-violetten Kartoffelsorten schmecken nicht nur lecker und sehen

schmuck aus, sie sind auch sehr gesund. „Ihre Farbstoffe heißen Anthocyane,

wirken antioxidativ und unterstützen daher den Körper beim Kampf gegen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs“, fasst Dr. Silke Hillebrand zusammen,

die die Kartoffeln an der Technischen Universität Braunschweig unter die

Lupe nimmt. Die Forscher wollen deshalb eine besonders anthocyanhaltige

Kartoffelsorte züchten.

„Um aus den vielversprechenden Substanzen letztlich markttaugliche Produkte

zu machen, kooperieren die Lebensmittelchemiker mit Agrarwissenschaftlern,

die geeignete Anbau- und Zuchtstrategien entwerfen, sowie mit

Ernährungsphysiologen, die den gesundheitlichen Nutzen prüfen“, berichtet

der ehemalige Verbundleiter Reimerdes. Und nicht zuletzt testeten Psychologen,

wie gut die neuen Produkte beim Verbraucher ankommen. Am Projekt

sind neben dem DIL und den Universitäten Hannover und Braunschweig die

Georg-August-Universität Göttingen, die Tierärztliche Hochschule Hannover

sowie die Fachhochschulen Osnabrück und Hannover beteiligt. Hinzu kom-

Ob „Blauer Schwede“, „Herbie 26“ oder

„Olivia“ – die Zukunft der Kartoffeln könnte

ebenso bunt sein wie die Namen, die die

Knollen tragen. Blau- und rotfleischige Kartoffelsorten

erhalten ihre Färbung von den

Anthocyanen, die sich auch in Preiselbeeren,

Heidelbeeren und Kirschen finden lassen.

Diese Pflanzenfarbstoffe haben eine hohe

antientzündliche und antioxidative Wirkung

und sind daher besonders gesund.

Niedersächsisches Vorab 2008 19


20

Im Forschungsschwerpunkt PIROL an der

Fachhochschule Osnabrück geht man den

Dingen auf den Grund: Dipl.-Ing. (FH) Stefan

Hinck, wissenschaftlicher Mitarbeiter im

Projekt, macht den Bodensensor für die

Messungen auf dem Feld startklar, indem

er das Sensorsystem kalibriert.

Mit Hightech auf den Acker

Niedersachsen ist ein Agrarland. Daher verwundert

es nicht, dass die Agrarwissenschaften auch in der Forschungsförderung

einen hohen Stellenwert einnehmen.

Das Niedersächsische Ministerium für Wis senschaft

und Kultur und die VolkswagenStiftung richten ihren

Blick deshalb auch auf die anwendungsnahe Forschung

an den Fachhochschulen. Der interdisziplinäre Forschungsschwerpunkt

PIROL an der Fakultät Agrar -

wissenschaften und Landschaftsarchitektur der Fachhochschule

Osnabrück – mit 120.000 Euro aus dem

Niedersächsischen Vorab unterstützt – ist ein solches

Beispiel für praxisbe zogene Forschung. Andrea Hoferichter

sprach mit Projektleiter Professor Dr. Dieter

Trautz über hochpräzisen Ackerbau und ökonomische

Lösungen, die auch ökologisch wertvoll sein können.

Warum haben Sie Ihr landwirtschaftliches Projekt nach

einem Vogel benannt?

Der Vogel Pirol ist unter anderem in Niedersachsen

beheimatet, gilt als schützenswert und passt auch

deshalb gut zu unserem Projekt. Unser Ziel ist es, das

Potenzial von landwirtschaftlich ge nutzten Flächen

nicht nur nach Ertragsprognosen, sondern auch nach

ökologischen Kriterien zu bewerten. PIROL ist aber

vor allem eine Abkürzung und steht für „Precision

Farming als Instrument der interdisziplinären potenzialorientierten

Landnutzung“.

men etwa fünfzig Kooperationspartner aus der mittelständischen Lebensmittelindustrie:

ein Zeichen für das große Interesse der Unternehmen an

den Untersuchungsergebnissen.

Das „Netzwerk Lebensmittel“ ist eines von drei Projekten des Forschungsverbundes

„Agrar- und Ernährungswissenschaften Niedersachsen“. Ein weiteres

Projekt forciert die nachhaltige Produktion tierischer Nahrungsmittel unter

der Federführung von Professor Dr. Hans-Wilhelm Windhorst von der Hochschule

Vechta. Und Professor Dr. Elke Pawelzik von der Universität Göttingen

leitet ein drittes Verbundprojekt gegen Schimmelpilzbefall an Spargel, Getreide

oder Zuckerrüben. Somit bündeln die drei Verbundprojekte das in Deutschlands

Agrarland Nummer eins vorhandene wissenschaftliche Potenzial in den

Und was heißt das?

Wir wollen in erster Linie Konzepte und Handlungsleitlinien

entwickeln, an hand derer Landwirte das

kleinräumig wechselnde Potenzial ihrer Ackerflächen

im Detail erfassen und entsprechend nutzen können.

Der Boden und die Ertragsfähigkeit innerhalb eines

Feldes können sehr unterschiedlich sein. Wir entwickeln

dafür mathematische Mo delle, die wir in eine

bedienerfreund liche Software und eine Datenbank

umsetzen. Die Daten, die wir dafür brauchen, bekommen

wir vor allem über sogenannte Precision-Farming-

Technologien.

Wie funktioniert „Precision Farming“?

Einfach gesagt bedeutet Precision Farming – zu

Deutsch: Präzisionsackerbau –, an der richtigen Stelle

zur richtigen Zeit das Richtige zu tun. Der Landwirt

fährt dabei mit einem Computer und einem GPS-

Navigationsgerät im Traktor über den Acker. Er weiß

also ganz genau, auf welcher geografischen Position

er sich befindet. Der Bordcomputer wiederum verfügt

über örtliche Daten zu den Bodeneigenschaften

– wie Bodenart oder Nährstoffgehalt – und übermittelt

den angehängten Maschinen auf dieser Grundlage

genaue An weisungen. So kann der Boden bedarfsgerecht

gedüngt, können Aussaatmengen variiert oder

je nach ört lichem Befall ganz gezielt Pestizide einge-


Bereichen Lebensmittelproduktion, Tierproduktion und Pflanzenbau unter

einem Dach, das für die künftige Organisation interdisziplinärer Forschung

beispielhaft ist.

Ob es sich ums Essen dreht, um Elektrizität oder elektronische Fahrhilfen, alle

drei vorgestellten Forschungsverbünde haben eines gemein: Mit vereinten

Kräften sorgen die beteiligten Wissenschaftler nicht nur für mehr Lebensqualität,

sondern stärken auch Niedersachsens innere Werte. So gefestigt kann

das Land schließlich gelassen in die Zukunft sehen. Und das ganz ohne auf

asiatische Weisheiten zur inneren Beruhigung zurückgreifen zu müssen.

Andrea Hoferichter

setzt werden. Wir wiederum nutzen die für das Precision

Farming erforderlichen Bodendaten für unsere

Datenbank und entwickeln auch selbst neue Methoden,

um den Eigenschaften des Bodens auf die Spur

zu kommen. So ermitteln wir zum Beispiel die Boden -

art oder die Feuchtigkeit des Bodens mit Hilfe elektrischer

Sensoren und erstellen daraus Ertragsprognosen.

Welche Daten fließen außerdem

in die Datenbank ein?

Wir speisen in unsere Datenbank

zusätzlich Daten über

den ökologischen Wert der

Flächen und über öffentliche

Fördermittel ein. Berücksichtigt

man all diese Randbedingungen,

kann es für verschiedene

Flächenabschnitte ein

und desselben Ackers durchaus

unterschiedliche Empfehlungen

zur Nutzung geben.

Ist es denn für einen Landwirt nicht immer wirtschaft -

licher, überall Pflanzen anzubauen als Flächen brach -

liegen zu lassen?

Nein, manche Flächen eignen sich auch unter wirtschaftlichen

Gesichtspunkten eher als Naturschutz-

Präzisionsackerbau benötigt genaueste

Daten. Die Mitarbeiter des Projekts PIROL an

der Fakultät Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur

der Fachhochschule Osnabrück

entwickeln daher bedienerfreundliche

Softwaremodule wie das geografische Informationssystem

OpenJUMP. Mit diesem lassen

sich Äcker nach dem jeweiligen Ertrag pro

Teilfläche genauestens kartieren.

gebiet. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn dort unter

natür lichen Bedingungen lediglich Magerrasen

wachsen würde. Der maximal erreichbare Ertrag

würde hier niemals den erheblichen finanziellen

Auf wand der Bewirtschaftung decken. Es gibt natürlich

auch Szenarien, die nicht so eindeutig ausfallen.

Dann können mit unter Fördermittel für naturerhaltende

Maßnahmen den Ausschlag für eine Entscheidung

über die Nutzung

der Fläche geben.

Was ist die größte

Herausforderung des

PIROL- Projektes?

Das Datenmanagement

ist in jedem Fall

eine große Heraus -

forderung, denn wir

müssen geografische,

chemische und wirtschaftliche

Daten

miteinander kombinieren. Am schwierigsten ist es

jedoch, kleinräumig Grenzen zu definieren: einerseits

Grenzen zwischen den Teilen einer Ackerfläche, die

für eine landwirtschaftliche Nutzung prädestiniert

sind, und andererseits jenen, die der Landwirt besser

anders nutzen sollte.

Niedersächsisches Vorab 2008 21


Holen & Halten

Die Förderlinie „Holen & Halten“ unterstützt Berufungen herausragender Wissenschaft

lerinnen und Wissenschaftler an niedersächsische Hochschulen. Dabei zielt

das Konzept sowohl darauf, besonders engagierte Forscher an die hiesigen Hochschulen

zu holen als auch – etwa im Rahmen von Bleibeverhandlungen – die Arbeitsmöglichkeiten

der bereits in Niedersachsen tätigen Spitzenkräfte noch zu verbessern.

Seien es Schwerpunktprofessuren, die Gewinnung von hoch qualifizierten Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftlern aus dem Ausland oder der Aufbau neuer Forschungsgebiete:

Kurze Fristen und die direkte Antragsmöglichkeit durch die Hochschulleitungen

schaffen die bei Berufungen notwendige Flexibilität. Inner halb der

Förderlinie setzen Ausschreibungen Schwerpunkte.

Speziell an die Geisteswissenschaften richten sich die folgenden seit 2006 ausgeschriebenen

Professuren und Fellowships: Ziel der „Heyne-Professuren“ ist es, im

Vorgriff auf eine frei werdende Kernprofessur besonders qualifizierte Kandidatinnen

und Kandidaten zu gewinnen (vorgezogene Berufung). Die nach dem Göttinger

Professor, Bibliothekar und Altertumswissenschaftler Christian Gottlob Heyne

(1729-1812) benannten Professuren werden bis zu drei Jahre gefördert. Die bis zu

sechs Jahre währenden „Heyne-Juniorprofessuren“ bieten dagegen eine Tenure-

Track-Option für den wissenschaftlichen Nachwuchs; das heißt: Wer sich bewährt,

erhält Aussicht auf eine feste Anstellung. Als drittes Element sind die maximal

einjährigen „Gervinus-Fellowships“ vorgesehen, um international renommierte

Gastwissenschaftler an Hochschulen in Niedersachsen einzuladen; Georg Gottfried

Gervinus (1803-1875) war Professor für Geschichte und Literaturgeschichte

in Göttingen.

Den niedersächsischen Hochschulen wird so die Möglichkeit eröffnet, ihre Berufungspolitik

für die Geistes- und Kulturwissenschaften langfristig und strategisch

anzulegen und neue Instrumente zur aktiven Rekrutierung exzellenter Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler zu entwickeln. Dabei liegt ein wichtiger Akzent

auf dem Ausbau der internationalen Beziehungen in Forschung und Lehre. Vorgesehen

für das gesamte Programm ist eine Laufzeit von neun Jahren mit jährlichen

Ausschreibungen zwischen 2006 und 2011. Stichtag für die Einreichung von Anträgen

ist zurzeit jeweils der 1. November.

Für das Programm stehen alles in allem zehn Millionen Euro zur Verfügung. Während

der Laufzeit sollen bis zu zehn Heyne-Professuren, elf Heyne-Juniorprofessuren und

sechs Gervinus-Fellowships eingerichtet werden.

Ein anderes Feld eröffnet das Programm „Die Niedersachsenprofessur – Forschung

65 plus“, mit dem das „Vorab“ es herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

ermöglicht, auch über die gesetzliche Altersgrenze hinaus in Forschung

und Lehre an niedersächsischen Hochschulen tätig zu sein (s. Kasten auf S. 33).

Die Merkblätter und weitere Informationen zum Sonderprogramm finden Interessierte

auf der Website des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und

Kultur (www.mwk.niedersachsen.de).


„Holen & Halten“ = Kontinuität in der Forschung

Die niedersächsische Antwort auf den wachsenden

Wettbewerb um die besten Köpfe


Damit die oben stehende Gleichung in Niedersachsen aufgeht, wird ein erheb -

licher Teil der Mittel aus dem Niedersächsischen Vorab für die gleichnamige

Förderlinie eingesetzt. In den Blick geraten dabei gerade auch geisteswissenschaft

liche Schwerpunkte. Wie es gelingt, exzellente Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftler anzuziehen und zu binden, illustrieren die hier vorgestellten

Forscherkarrieren – die entweder neu nach Niedersachsen führen oder bereits

hier verwurzelt sind.

Wenn ein Lehrstuhl für Jahre unbesetzt bleibt oder eine Institutsleitung

abrupt wechselt, kann dies zweifellos für einen mühsam aufgebauten Forschungsschwerpunkt

das Ende bedeuten. Gerade in den Geisteswissenschaften

sind lange Lehrstuhl-Vakanzen durchaus nicht ungewöhnlich; kontinuierliches

Forschen ist dann kaum mehr möglich. Zudem haben es oft junge,

leistungsbereite Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesem Bereich

schwer, eine Professur mit Zukunftsperspektive zu ergattern. So ist es kein

Zufall, dass die Geisteswissenschaften im Rahmen der Strukturlinie „Holen &

Halten“ des Niedersächsischen Vorab explizit gefördert werden. Daher wurden

im Jahr 2006 die „Heyne-Professuren“, die „Heyne-Juniorprofessuren“

und die „Gervinus-Fellowships“ ins Leben gerufen. Die erste Ausschreibungsrunde

2006 führte zur Förderung von einer Heyne- und zwei Heyne-Juniorprofessuren

sowie eines Gervinus-Fellows mit insgesamt rund 1,7 Millionen

Euro.

Hierherkommen … weil das Angebot attraktiv ist

Privatdozentin Dr. Annette Zgoll, die als erste Heyne-Professorin an der Georg-

August-Universität Göttingen gefördert wird, zählt ihr Fachgebiet zu den

„jungen Wissenschaften“, für die man mit Fug und Recht die bestmög liche

Unterstützung erwarten darf – schließlich gibt es in diesen Fächern eine

ständig wachsende Datenflut, eine Menge offener Fragen und ein riesiges

Innovationspotenzial. Wer hier an die Informationstechnologie oder die Mole -

kularbiologie denkt, liegt bei Annette Zgoll falsch; denn die selbstbewusste

junge Wissenschaftlerin forscht auf dem Gebiet der Altorientalistik. Seit 2008

kann sie dies, dank der Heyne-Professur, in Göttingen tun. Sie ist nun 38 Jahre

alt und kann – „endlich, endlich“ – ihre Forschungsideen selbstständig in die

Tat umsetzen. Die Berufung von Annette Zgoll führt dabei zu einer zeitweise

überlappenden Stellenbesetzung für eine durch Emeritierung frei werdende

Professorenstelle am Institut für Altorientalistik der Universität Göttingen.

Auf diese Weise lässt sich einer Lehrstuhl-Vakanz frühzeitig vorbeugen und

kontinuierliche Forschung sicherstellen. Am Beispiel der Hochkulturen des

antiken Orients, insbesondere des Mehrvölker- und Mehrsprachenstaates

Auch die Vorbereitung der Lehre gehört für

Dr. Annette Zgoll zum Alltag als erste Heyne-

Professorin an der Georg-August-Universität

Göttingen. In ihren Vorlesungen beschäftigt

sie sich unter anderem mit dem frühesten

bekannten Autor der Welt, der Hohepriesterin

En-hedu-Ana aus dem 23. Jahrhundert vor

Christus, die im Hintergrund auf der Abbildung

einer Alabasterscheibe zu sehen ist.

Die Wurzeln unserer Kultur entziffern, das

möchte Heyne-Professorin Dr. Annette Zgoll.

Dazu beschäftigt sie sich mit den frühesten

Texten im antiken Orient – wie etwa dem auf

einer Stele verzeichneten Kodex Hammurapi,

einem Rechtstext aus dem 18. Jahrhundert

vor Christus. In ihm zeigt sich das Bemühen

des Herrschers, im Auftrag der Götter für

Recht und Ordnung zu sorgen.

Niedersächsisches Vorab 2008 25


26

Spuren der wohl ersten Autorin der Weltgeschichte:

Auf der Alabasterscheibe überragt

die Hohepriesterin En-hedu-Ana ihre Begleiter

bei einem Opfer für eine Gottheit, vermutlich

vor einem Tempel. Der linke Teil der

Scheibe ist stark restauriert. Die Rückseite

der Scheibe enthält eine Inschrift: „En-hedu-

Ana ... Gemahlin des (Mondgottes) Nanna,

Tochter des Sargon, des Königs der Welt ...

– ich habe im Tempel der Inana-ZA.ZA einen

Kultsockel errichtet.“

Die erste Heyne-Professorin Dr. Annette Zgoll erforscht

die Hochkulturen des antiken Orients. Dr. Beate Grübler

fragte die Altorientalistin, worin in ihren Augen der

Reiz der Heyne-Professur liegt, was sie sich für ihr Fach

wünscht und welche Pläne sie für die Zukunft hat. Dabei

wird schnell deutlich: Langeweile ist für Annette Zgoll

ein Fremdwort.

Frau Dr. Zgoll, was reizt Sie an der Heyne-Professur

in Göttingen?

Ich freue mich darauf, mit engagierten Kollegen über

spannende Themen zu forschen, innerhalb meines

Fachgebietes und im interdisziplinären Austausch.

Die Philosophische Fakultät und die Theologische

Fakultät in Göttingen haben eine ausgezeichnete

Gesprächskultur entwickelt und Netzwerke geschaffen,

durch die Studierende und Nachwuchsforscher

ideal gefördert werden. Große Aufgaben warten zum

Beispiel im Sonderforschungsbereich „Weisheit und

Religion“, den wir gerade vorbereiten.

Was sind Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte?

Ich suche nach Antworten auf die Frage, wie sich

Weltbilder herausbilden und verändern. Daher zielt

meine Forschung darauf, das Welterleben in der Anti-

Mesopotamien im Gebiet des heutigen Syrien, Irak und Südost-Anatolien

(Türkei), will die Wissenschaftlerin eine Brücke schlagen: zwischen alten und

jüngeren Kulturen einerseits und östlichen und westlichen andererseits. Im

Gespräch wird schnell klar, warum sie sich für diese Aufgabe begeistert (vgl.

Interview unten).

Das Welterleben der Antike entschlüsseln

Mit den Heyne-Professuren wird eine vorausschauende Personalplanung

seitens der Hochschulen „belohnt“. Denn sie garantieren den nahtlosen Übergang

von einer bereits bestehenden Professur über eine zwischenzeitliche

Doppelbesetzung in eine reguläre Professur. Im Fall der Heyne-Juniorprofessuren

hingegen kann eine zunächst auf sechs Jahre befristete Juniorprofessur

nach erfolgreicher Evaluation in eine Festanstellung umgewandelt werden –

eine reizvolle Perspektive für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Die Hochschulen ihrerseits können sich in diesem Programm um jenen wis-

ke, wie es in den frühesten literarischen und religiösen

Werken gespiegelt wird, näher zu untersuchen. Der

älteste bekannte Autor überhaupt – übrigens eine

Frau, die Königstochter und Hohepriesterin En-hedu-

Ana aus dem 23. Jahrhundert vor Christus – engagiert

sich rhetorisch brillant inmitten einer dramatischen

politischen Krise. Es ist faszinierend, solche auf Tonta -

feln überlieferten Aufzeichnungen zu entschlüsseln.

Diese bis zu 5000 Jahre alten Texte sind die Wurzeln

unserer Kultur, und dennoch sind viele noch nicht

ediert, geschweige denn inhaltlich ausgewertet. Das

gilt auch für die in diesen Texten verwendete sume -

rische Sprache, für die ich ein Lehrbuch erarbeite.

Wie sieht Ihr Forscheralltag aus?

Einen klassischen „Alltag“ gibt es nicht – jeder Tag

bringt Überraschungen. Ein Beispiel: Zu möglichst

früher Stunde geht es für mich darum, Keilschrift -

texte zu entziffern, an Übersetzungen zu knobeln

oder für eine übergeordnete Studie zu forschen –

derzeit über das „Schicksal“ aus mesopotamischer

Perspektive für das große Reallexikon der Assyriologie.

Dann folgt die Vor lesung über Geschichte und Kultur

des Alten Orients. Beim Mittagessen plane ich mit Kollegen,

wie wir eine Nachwuchsforschergruppe finan-


senschaftlichen Nachwuchs bewerben, der nach ihrer Einschätzung besonders

gut in das jeweilige Umfeld passt, wobei Hauskarrieren ausdrücklich

nicht vorgesehen sind.

Für die Universität Osnabrück ist diese Rechnung bereits aufgegangen, denn

sie war – neben der Göttinger Universität (s. Kasten auf S. 28) – in der ersten

Bewerberrunde um eine Heyne-Juniorprofessur erfolgreich. Seit dem Sommersemester

2007 gehört der Philosoph Dr. Sven Walter zur Arbeitsgruppe

„Philosophie des Geistes“ von Professor Dr. Achim Stephan am Institut für

Kognitionswissenschaft. Die Forscher gehen grundlegenden Fragen zu höheren

kognitiven Funktionen nach, unter anderem mit dem Ziel, die Umsetzung

neuer Informationstechnologien zu beschleunigen oder aber deren Anwendung

kritisch zu hinterfragen. Zum Beispiel wird inzwischen kaum noch

bezweifelt, dass Roboter künftig als lernende Maschinen in unserem Alltag

zieren können. Im Anschluss tausche ich mich per E-

Mail mit Kollegen in den USA und Israel über die Pu -

blikation von Weisheitstexten aus, und mit einem

neuen Magisterkandidaten stimme ich mögliche

Themen ab. Dann be spreche ich mit der Sekretärin

den Haushalt des Instituts – der

Kassenschluss steht vor der Tür.

Zu Hause warten die Kinder da -

rauf, dass wir essen und ein weiteres

Stück vom „Räuber Hotzenplotz“

lesen. Danach no tiere ich

mir noch ein paar Ideen zum Vortrag

an der Akademie der Wissen -

schaften in Hamburg über den

Sinn der Geisteswissenschaften,

schließlich versuche ich, etwas in

der altorientalischen oder späteren

Literatur zu „schmökern“. Für den

Fall, dass der Kopf noch weiterarbeitet, liegt neben

dem Bett ein Notizblock, damit nichts verloren geht.

Was aber an allen Tagen gleich ist: Sie sind zu kurz …

Was planen Sie für die nähere und fernere Zukunft?

Spannend wird in jedem Fall meine Mitarbeit am

geplanten Sonderforschungsbereich über Weisheit

Tontafeln für das Seelenheil: Diese Umzeichnung

einer Tontafel mit Keilschrift aus dem

18. Jahrhundert vor Christus enthält die

Abschrift des rhetorisch brillanten Liedes

der Hohepriesterin En-hedu-Ana. Sie bittet

in diesem die Göttin Inana, der gerade aus -

gebrochenen schrecklichen Revolution ein

Ende zu bereiten.

und Religion, wozu auch die Edition und Analyse der

ältesten Textzeugen zum Thema gehört. Zudem

möchte ich eine neue Reihe zu antiken Religionen

ge meinsam mit Kollegen benachbarter Fächer be -

grün den und mich am Inter nationalen Masterstudiengang

Ancient Near Eastern

Studies beteiligen. Außerdem

freue ich mich auf eine Forschergruppe,

mit der ich Mythen und

deren Symbolsprache auswerten

und herausgeben werde – und auf

noch vieles mehr, was mich an

meinem neuen Arbeitsplatz

erwartet.

Was wünschen Sie sich für die Altorientalistik?

Einen wirksamen Schutz für die

Menschen und Kulturgüter im Nahen Osten, eine

Zukunftsperspektive für hochbegabte Altorientalisten

sowie eine ausreichende finanzielle Ausstattung

der altorientalistischen Bibliotheken; und schließlich,

dass die faszinierenden Dokumente der altorientalistischen

Hochkulturen vermehrt Eingang in das kulturelle

Gedächtnis unserer Zeit finden.

Niedersächsisches Vorab 2008 27


28

In der Bewilligungsrunde 2007 wurde eine weitere

Heyne-Juniorprofessur eingerichtet: Dr. Philipp

Schweighauser startete an der Georg-August-Universität

Göttingen im Bereich Nordamerika-Studien

mit dem Schwerpunkt „Media Studies“. Philipp

Schweighauser studierte bis 1998 Englische, Amerikanische

und Deutsche Literatur und Linguistik

an der Universität Basel in der Schweiz und promovierte

dort 2003. Anschließend war er als Assistent

an der Universität Bern tätig. Die Jahre 2000 und

2001 verbrachte Schweighauser zudem als Research

Associate an der University of California in Irvine

(USA). Seine Forschungsinteressen liegen in der Li te -

ratur-, Kultur- sowie Medientheorie und -geschichte,

der Ästhetik und im Bereich der Soundscape Studies

(akustische Kulturforschung).

Im Sommer 2008 waren fünf Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler in der zweiten Bewilligungsrunde

erfolgreich: An der Universität Göttingen

können zwei Heyne-Professoren und zwei Heyne-

Juniorprofessoren die Forschung in verschiedenen

Fächern der Philosophischen Fakultät verstärken.

Die Universität Hildesheim kann eine australische

Gastwissenschaftlerin als Gervinus-Fellow einladen.

– etwa im Haushalt, in der Pflege oder zur Unterhaltung – zum Einsatz kommen

werden. Doch welche sozialen und emotionalen Kompetenzen eines

Roboters sind hierfür notwendig und hilfreich? Dass bei diesen Fragen auch

Philosophen ein Wörtchen mitzureden haben, versteht sich von selbst.

In den Jahren seiner Juniorprofessur möchte Sven Walter ein Forschungs -

projekt verwirklichen, das sich mit Fragen zur evolutionären Anthropologie

befasst. Ihm geht es darum zu untersuchen, wie sich die Darwin’schen Erkenntnisse

zur Evolution auch für eine Erklärung unseres Sozialverhaltens und

unserer Kultur fruchtbar machen lassen. Können unsere Einstellungen zum

Sexualverhalten, zur Religion, Partnerwahl, Kindererziehung oder zu bestimmten

Herrschaftssystemen gleichermaßen evolutionstheoretisch erklärt werden

wie unsere Fähigkeit zum aufrechten Gang oder zum Abbau von Laktose?

Dabei bezieht Walter auch anwendungsorientierte Perspektiven ein: So wird

Weitere Heyne- und Gervinus-Förderungen 2007 und 2008

Die im Jahr 2008 neu geförderten Personen im

Einzelnen:

Eine Heyne-Professur in Göttingen kann Privatdozent

Dr. Uwe Junghanns antreten. Der Forschungsschwerpunkt

des Linguisten liegt in den südsla -

wischen Sprachen. Ebenfalls als Heyne-Professor

in Göttingen kann Professor Dr. Dirk Schumann im

Bereich „Neuere und Neueste Geschichte“ seine

Arbeit aufnehmen. Er ist thematisch spezialisiert

auf die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts,

insbesondere der Weimarer Republik. Die Heyne-

Juniorprofessuren gingen an Dr. Elke Koch im

Bereich „Germanistische Mediävistik“ in Göttingen

und Dr. Marian Füssel im Fach „Geschichte der

Frühen Neuzeit“ mit Schwerpunkt auf außereuropäische

Geschichte – ebenfalls in Göttingen. Ein

Gervinus-Fellowship erhielt die Universität Hildesheim

für Dr. Wendy Ann Smith von der Monash

University in Australien. Wendy Ann Smith arbeitet

im Bereich „Interkulturelles Management und

Kommunikation“ und wird sich während ihrer

Zeit in Hildesheim mit der Identität islamischer

Gemeinschaften in Ballungsräumen westlicher

Staaten beschäftigen.


es in Zeiten der Globalisierung immer wichtiger sein zu verstehen, wie die

Nachkommen von Einwanderern die kulturellen Werte ihrer Eltern mit denen

des neuen Lebensumfeldes verschmelzen. „Außerdem möchte ich gemeinsam

mit den Osnabrücker Kollegen erörtern, was die modernen Kognitionswissenschaften

zu dem klassischen philosophischen Problem der Willensfreiheit

beitragen können“, umreißt Walter seine Ziele.

Die Wissenschaftliche Kommission Niedersachsen hat den Stellenwert der

Philosophie innerhalb der Kognitionswissenschaften hervorgehoben und der

Universität Osnabrück geraten, hier einen Schwerpunkt zu setzen. Da kam

die jährlich mit bis zu 80.000 Euro geförderte Heyne-Juniorprofessur genau

richtig. „Sie ermöglicht es Hochschulen, durch die gezielte, aktive Anwerbung

eines qualifizierten Wissenschaftlers das eigene Profil zu schärfen – ein Verfahren,

das bei unseren Kollegen im Ausland längst gang und gäbe ist“, meint

Walter. „Ich hoffe, der Erfolg der Initiative hat Signalwirkung für das künftige

Vorgehen bei Berufungsverfahren.“

Im Wettbewerb um die besten Geisteswissenschaftler ist den Osnabrückern

sogar ein „Doppel-Schlag“ gelungen: Für ein Jahr wird Professor Robert C.

Richardson von der Universität Cincinnati/Ohio als „Gervinus-Fellow“ – unterstützt

mit rund 90.000 Euro aus dem Niedersächsischen Vorab – das Team

um Arbeitsgruppenleiter Professor Dr. Achim Stephan am Institut für Kognitionswissenschaft

verstärken. Entsprechend der Zielsetzung des Gervinus-

Programms sollen die Forschungsaktivitäten der niedersächsischen Hochschulen

durch Impulse aus dem Ausland gestärkt werden – und dafür ist der

US-amerikanische Forscher ein Garant. Er kennt die Universität Osnabrück

bereits aus dem Sommersemester 2005, als er, ausgestattet mit einer von der

Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Mercator-Gastprofessur,

unter anderem an der Konzeption von Lehrveranstaltungen mitwirkte.

„Robert Richardson ist als international angesehener Wissenschaftsphilosoph

besonders für unseren international ausgerichteten Studiengang Cognitive

Science eine echte Bereicherung“, erklärt Professor Stephan erfreut. Den Doktoranden

dieser Fachrichtung könnten dank der „personellen Verstärkung

auf Zeit“ jetzt neue Kurse angeboten werden, in denen sich die Teilnehmer

mit ihren Arbeiten unter wissenschaftsphilosophischen Aspekten auseinandersetzen.

Hier kommt ein weiterer Vorzug der Fellowships zum Tragen, ist

doch die Unterstützung in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses

unverzichtbarer Bestandteil des Angebots.

Hierbleiben ... weil die Rahmenbedingungen stimmen

Aber nicht nur das „Holen“, auch das „Halten“ von Kompetenz ist für Forschungskontinuität

auf höchstem Niveau essenziell. Niedersachsen ist ein Wissenschaftsstandort

mit weltweit angesehenen Forschungseinrichtungen und

Roboter als lernende Maschinen? Bei inter -

nationalen Wettbewerben spielen Roboter

bereits gemeinsam Fußball (Bild unten).

Auch an der Universität Osnabrück beschäftigt

man sich mit Robotern, die sinnvoll in -

ter agieren können: den „Tribots“. Der philosophischen

Dimension dieser Entwicklung

nehmen sich dort gemeinsam Heyne-Juniorprofessor

Dr. Sven Walter, Professor Dr. Achim

Stephan – er ist Leiter der Arbeitsgruppe Philosophie

des Geistes und der Kog nition – und

der Gervinus-Fellow Pro fessor Dr. Robert C.

Richardson an (Bild oben von links). Hier

wagen sie sich gemeinsam auf das Feld der

Tribots.

Niedersächsisches Vorab 2008 29


30

Zum Bleiben bewogen: Der Herzchirurg

Professor Dr. Axel Haverich (Dritter von links)

schätzt die guten Bedingungen an der Medizinischen

Hochschule Hannover. Gemeinsam

mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

versucht er, die regenerative Medizin

voranzubringen. Von links: Dr. Anneke Loos,

Dr. Eveline Sowa-Söhle, Wibke Neumann, Privatdozent

Dr. Mathias Wilhelmi, Michael

Pflaum und Annemarie Beck.

Laser für neues Gewebe: Um die Unverträglichkeit

gegenüber Implantaten zu reduzieren,

strukturiert die Arbeitsgruppe um Professor

Dr. Axel Haverich mithilfe der Lasertechnik

Oberflächen im Nanomaßstab. Das konfokale

Laserscanning-Mikroskop erlaubt ihm und

seiner Mitarbeiterin Dr. Anneke Loos den

Blick in diese Miniaturwelten.

tut viel dafür, dass dies auch in Zukunft so bleibt – wobei im Wettkampf um

die fähigsten Köpfe durchaus mit harten Bandagen gekämpft werden muss.

Um für renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Bleiben

in Niedersachsen attraktiv zu machen, müssen geeignete Rahmenbedingungen

geschaffen werden. Durch gute personelle und finanzielle Ausstattung

der Abteilungen sollen zudem Spitzenkräfte aus dem Ausland auf Leitungspositionen

geholt werden. Die Förderlinie „Holen & Halten“ unterstützt die

niedersächsischen Hochschulen bei ihren Bemühungen um solche Forscher.

Denn herausragende Wissenschaftler-Persönlichkeiten sind die Basis für die

Weiterentwicklung der Hochschulen als Ganzes.

Ein gutes Beispiel hierfür: der Herzchirurg Professor Dr. Axel Haverich, der an

der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) forscht und lehrt. Axel Have -

rich gehört zu den renommiertesten Herz- und Lungenchirurgen Europas und

erhielt im vorigen Jahr das Angebot, die Leitung des bundesweit größten Herzund

Diabeteszentrums in Nordrhein-Westfalen zu übernehmen. Bei der Entscheidung

für Hannover und gegen Bad Oeynhausen spielte für Haverich „das

klare Bekenntnis der Landesregierung, aber auch der Stadt Hannover zum

hiesigen Wissenschaftsstandort“ eine entscheidende Rolle. Denn das wissenschaftspolitische

Engagement bringe große Vorteile für die weitere Entwicklung

der MHH und verschaffe der Transplantationsmedizin und insbesondere

der Herzchirurgie den nötigen Aufwind. Schon jetzt belegt die MHH weltweit

Platz eins bei den Lungentransplantationen – ein Wettbewerbsvorteil, der

verteidigt und weiter ausgebaut werden will.

Als Sprecher des Exzellenzclusters REBIRTH (vgl. Beitrag zur Exzellenzinitiative

S. 46) will Axel Haverich in den nächsten Jahren anspruchsvolle Projekte auf

dem Gebiet der regenerativen Medizin umsetzen. Auch den Leibniz Forschungs-


laboratorien für Biotechnologie und künstliche Organe (LEBAO) bleibt ihr

Begründer nun erhalten, und sicher wird Axel Haverich dort weiterhin als

„Motor der Herzklappenforschung“ agieren. Die Entscheidung für die MHH

sei ihm nicht schwer gefallen. „Das politische Umfeld für die Wissenschaft

stimmt, die Hochschulleitung ist im Vergleich exquisit, und die Bedingungen

innerhalb der MHH sind hervorragend, weil sehr viele starke Gruppen an

einem Strang ziehen“, fasst Haverich zusammen.

Wissenschaftler mit ausgewiesener Expertise und internationaler Erfahrung

zieht es immer dann nach Niedersachsen, wenn sie dort etwas finden, was es

an anderen Orten in dieser Form nicht gibt. Für Professor Dr. Christoph Schmidt

ist dies die enge Verzahnung von Lebens- und Naturwissenschaften. „Das

bildet für mich die Grundlage für erfolgreiche Forschung auf dem Gebiet der

Biophysik“, erläutert der im Jahr 2006 von der Freien Universität Amsterdam

nach Göttingen „abgewanderte“ Physiker. In Göttingen habe er eine wissenschaftliche

Netzwerkkultur vorgefunden, die eine interdisziplinäre Zusammenarbeit

leicht macht: neben den Max-Planck-Instituten etwa das DFG-

Forschungszentrum Molekulare Physiologie des Gehirns (CMPB) und die im

Oktober 2007 für „exzellent“ befundene Göttinger Graduiertenschule für

Neurowissenschaften und molekulare Biologie, deren Biophysikprogramm

er als Sprecher vertritt. Als neu berufener Professor am III. Physikalischen

Institut der Georg-August-Universität Göttingen kann Schmidt aus dem

Vollen schöpfen, zumal er als erfolgreicher Mitantragsteller des Exzellenzclusters

„Mikroskopie im Nanometerbereich“ mit vielen Kollegen im kleinen,

aber weltoffenen Göttingen beste Kontakte pflegt. Seine Forschungen etwa

zu Motor-Proteinen, DNA-Enzymen und Zellgerüst-Polymeren gedeihen in

dieser durch wissenschaftlichen Austausch geprägten Umgebung bestens.

„Mir wurde in Göttingen außerdem ein gutes Paket zum Auftakt geschnürt“,

sagt Schmidt, auf den jetzt viele Aufgaben warten. Vorgesehen ist unter an -

derem für den Bereich Biophysik die Neukonzeption einer International Max

Planck Research School, von denen es in Göttingen bereits zwei gibt. Beide

„Schulen“ führen intensive, forschungsnahe Graduiertenprogramme durch.

Schmidt freut sich besonders, dass ihm zu seinem Amtsantritt im Jahr 2006

durch die Mittel aus dem Niedersächsischen Vorab schnell eine gute technische

Grundausstattung zur Verfügung stand. In der Physik wird mit teuren Großgeräten

gearbeitet, für deren Bewilligung im Allgemeinen viele Anträge ge -

schrieben werden müssen. Auch Christoph Schmidt hat dafür Zeit und Kraft

investiert, konnte dann aber rasch durchstarten. Eines seiner ersten Projekte

– in Zusammenarbeit mit dem CMPB und der Freien Universität Amsterdam –

war die Entwicklung eines spezifischen Modell-Systems aus biomolekularen

Materialien, über das kürzlich im renommierten Fachmagazin „Science“

berichtet wurde.

Wenn sich dann auch noch zwei Forscherherzen zusammentun, gibt das

der Forschung besonderen Auftrieb – so etwa geschehen im Falle des „Twin-

Ob Motor-Proteine oder DNA-Enzyme: Um

seinen winzigen Untersuchungsobjekten und

ihren Funktionsweisen auf die Spur zu kommen,

ist für Professor Dr. Christoph Schmidt

eine gute technische Ausstattung unabdingbar

– wie hier im Bild das hochauflösende Lichtmikroskop.

In Göttingen hat der Biophysiker,

der im Jahr 2006 von der Freien Universität

Amsterdam nach Niedersachsen gekommen

ist, dafür beste Voraussetzungen – nicht

zuletzt dank der Mittel aus dem „Vorab“.

Niedersächsisches Vorab 2008 31


32

core-Zentrums für Infektionsbiologie und klinische Infektionsforschung“,

das gemeinsam von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und

dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig (HZI)

betrieben wird. „Twincore übernimmt in Deutschland eine Vorbildfunktion

für die Ko operation von Klinik und Grundlagenforschung im Bereich der

Infektionserkrankungen“, erklärt Professor Dr. Rudi Balling vom HZI, das

in das Gemeinschaftsvorhaben seine Expertise auf dem Gebiet der experimentellen

Forschung einbringt.

Die klinische Seite im Twincore-Zentrum ist durch den versierten Infektiologen

und derzeitigen MHH-Präsidenten Professor Dr. Dieter Bitter-Suermann

vertreten. Die Infektionsforschung stellt einen der drei großen Forschungsschwerpunkte

der MHH dar. Auch für ihn ist das mit rund einer Million Euro

aus dem Niedersächsischen Vorab mitfinanzierte Projekt eine Herzensangelegenheit.

„Twincore als von HZI und MHH gemeinsam gegründeter Tochtereinrichtung

treibt die schnelle Übertragung der wissenschaftlichen Grundlagen

in die klinische Infektionsforschung gezielt voran; das ist ein innovativer

Ansatz und untermauert unseren gemeinsamen Anspruch auf Exzellenz“,

führt Bitter-Suermann aus. Das neue Forschungszentrum habe den Anspruch,

auf seinem Gebiet international an der Spitze zu stehen. Und damit ist auch

das Ziel vorgegeben: neue Impfstoffe, Diagnostika und Therapien „made in

Niedersachsen“.

„Made in Niedersachsen“ – so ließe sich auch die Gesamtleitlinie der Förderung

im Segment „Holen & Halten“ des Niedersächsischen Vorab beschreiben.

Zu dieser „niedersächsischen Antwort“ auf den wachsenden nationalen und

internationalen Konkurrenzdruck bei der Anwerbung der besten Wissenschaftler

gehört seit kurzem auch die Niedersachsenprofessur für Forscherpersönlichkeiten

über 65 Jahre (s. Kasten auf S. 33). Damit umfasst das Fördersegment

Mit Pipette, Petrischale und vereinten Kräften den Erregern entgegentreten: Infektionskrankheiten

sind eine häufige Todesursache, nicht nur in Entwicklungsländern. Um neue Impfstoffe, Diagnose-


Die Niedersachsenprofessur – Forschung 65 plus

Spitzenforscher können nun auch nach der Eme ri -

tierungsgrenze an der Hochschule tätig sein: Mit

dem Förderangebot „Die Niedersachsenprofessur –

Forschung 65 plus“ wollen Land und Stiftung es

herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

auch über die gesetzliche Altersgrenze

hinaus ermöglichen, in Forschung und

Lehre an niedersächsischen Hochschulen tätig zu

sein. Leistungsträger sollen einen Anreiz erhalten,

ihre – nicht zuletzt durch Drittmittel finanzierten

– Forschungsarbeiten fortzusetzen oder abzuschließen.

Die Niedersachsenprofessur wird in der

Regel befristet auf fünf Jahre verliehen; sie nutzt

dabei sowohl den älteren als auch den jüngeren

Wissenschaftlern. Denn während der „Seniorpro-

für die unterschiedlichen Karrierephasen differenzierte und vielseitige Angebote,

die dabei helfen werden, dass sich die Hochschulen des Landes mit ausgewiesenen

Schwerpunkten präsentieren können. Schließlich suchen sich die

Studierenden von heute „ihre“ Universität vorzugsweise nach deren Ex pertise

in Forschung und Lehre aus, und als Wissenschaftler von morgen werden sie

einer solchen Hochschule verbunden bleiben – vielleicht sogar bis über die

gesetzliche Altersgrenze hinaus.

Beate Grübler

methoden und Therapien zu entwickeln, haben die MHH und das Helmholtz-Zentrum für Infek -

tions forschung in Braunschweig gemeinsam das Twincore-Zentrum in Hannover gegründet.

fessor“ weiter der Forschung erhalten bleibt, hat

der wissenschaft liche Nachwuchs die Möglichkeit,

sich auf die frei werdenden „hauptberuflichen“

Professuren zu bewerben. So entstehen

neue Arbeitsfelder und wachsen neben solchen,

die seit langem erfolgreich bestehen und einstweilen

weiter fortgeführt werden. Zudem können

die Hochschulen hierzulande nun auch den

„Rufen aus dem Ausland“ etwas entgegensetzen,

die oftmals an erfolgreiche deutsche Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler jenseits der

hiesigen Emeritierungsgrenze ergehen. Für die

ersten beiden Ausschreibungsrunden stehen,

beginnend mit dem Jahr 2008, zunächst zwei

Millionen Euro bereit.

Niedersächsisches Vorab 2008 33


Neue und sich entwickelnde Forschungsgebiete

Neue und sich entwickelnde Forschungsgebiete haben es oftmals schwer, Förderung

zu erhalten, gelten sie doch als riskant, weil sie wissenschaftliches Neuland

betreten oder bisher unbeschrittene methodische oder organisatorische Wege

gehen. Die Aufbauförderung in diesem Segment setzt genau hier an: Ziel ist es,

Starthilfe zu geben für zukunftsweisende, innovative oder auch nur aus dem üb -

lichen Förderrahmen fallende Forschungsschwerpunkte – aus allen Wissenschaftsbereichen.

Zugleich geht es darum, exzellente, im Aufbau befindliche universitäre

wie außeruniversitäre Forschungsinstitute dabei zu unterstützen, sich im Land

Niedersachsen anzusiedeln.

Dabei werden besonders solche Ansätze und Entwicklungen gefördert, die sich

den Herausforderungen unserer Zeit stellen. Etwa zehn Prozent der „Vorab“-Mittel

sind für dieses Fördersegment vorgesehen. Mit der Unterstützung verbindet sich

der Gedanke, Impulse für neue Wissensbereiche zu geben, die sich dann aus eigener

Kraft entfalten und in der Wissenschaftsgemeinde etablieren.


Neuland betreten

Impulse für Forschung in Niedersachsen,

die aus dem Rahmen fällt


Dünger für zarte Pflänzchen: Mit der Förderlinie „Neue und sich entwickelnde

Forschungsgebiete“ bringt das Niedersächsische Vorab vielversprechende Vor -

haben in Schwung. Fünf Beispiele aus der Welt des europäischen Rechtes, der

Schulbücher, der mittelalterlichen Schriften, der Ozeanriesen und der Gesundheitsversorgung

hochbetagter Patienten zeigen, wie das geht.

„Geschenkt ist geschenkt, wieder holen ist gestohlen“ – so heißt es zumindest

im Volksmund. In Deutschland ist diese Regel in vielen Fällen auch Gesetz. Zum

Beispiel bei Schenkungen zwischen Ehegatten: Wenn eine Ehe in die Brüche

geht, lässt sich eine später als allzu großzügig empfundene Gabe nicht zurückfordern.

„In manchen romanischen Rechtsordnungen – wie etwa in Frankreich

– sind Schenkungen zwischen Ehegatten hingegen widerruflich“, berichtet

die Juristin Laetitia Franck vom European Legal Studies Institute (ELSI) an der

Universität Osnabrück.

Der Vergleich europäischer Rechtssysteme ist ein Schwerpunkt der Forschungsarbeit

am ELSI. Dieser Ansatz sei ungewöhnlich, betont Direktor Professor Dr.

Christian von Bar: „Denn traditionell konzentriert sich die Europarechtsforschung

auf die Analyse der europäischen Verträge und der Gesetze, die von

den Organen der Europäischen Union (EU) erlassen werden.“ Die ELSI-Forscherinnen

und Forscher, die aus 15 europäischen Nationen stammen, vergleichen

dagegen die Gesetze der einzelnen EU-Mitgliedsländer. Dabei stellen sie – wie

Laetitia Franck – nicht selten fest, dass die Rechtsvielfalt gar nicht so groß ist

wie vielfach angenommen. Das Ziel der Osnabrücker Rechtsgelehrten ist es,

die Gemeinsamkeiten der nationalen Rechtssysteme sichtbarer zu machen.

„Dann wird es auch leichter, gesamteuropäische Rechtssätze in Worte zu fassen“,

erläutert von Bar.

Am ELSI herrschen beste Voraussetzungen dafür: Dort wagte man den Sprung,

die klassische Trennung zwischen Privatrecht und öffentlichem Recht, welches

das Verhältnis zwischen staatlichen Institutionen untereinander sowie

diesen und dem einzelnen Bürger regelt, zu überwinden. In den nationalen

Rechtsordnungen existiert diese Trennung – im europäischen Gemeinschaftsrecht

wird sie aber nicht vorgenommen. Die zwei Vorgängerinstitute des

ELSI, von denen eines auf Privatrecht und das andere auf öffentliches Recht

spezialisiert war, verschmolzen daher im Herbst 2003 zu einer einzigen Forschungseinrichtung.

Durch die Neugründung konnte sich die vorher schon

international anerkannte Arbeit der Vorgängerinstitute weiter entwickeln,

berichtet ELSI-Geschäftsführerin Ina El Kobbia: „Wir haben dadurch zwei

zusätzliche Lehrstühle mit neuen Schwerpunkten in Forschung und Lehre

Europäische Rechtssysteme vergleichen: Das

hat sich das European Legal Studies Institute

an der Universität Osnabrück zum Ziel

gesetzt. Seit 2003 ist Professor Dr. Dr. h.c.

mult. Christian von Bar der Direktor des Instituts,

an dem Forscherinnen und Forscher aus

15 Nationen gemeinsam arbeiten.

Den Blick nach vorn: Professorin Dr. Simone

Lässig leitet das Georg-Eckert-Institut für

Schulbuchforschung in Braunschweig seit

Herbst 2006. Seither bringt sie die Profilbildung

des Instituts vo ran, das im Jahr 2003

kurz vor dem Aus stand. Neue Perspektiven

auf das Forschungsobjekt Schulbuch versprechen

aktuelle Themen wie Globalisierung,

Migration und europäische Integration

(Simone Lässig im Interview auf Seite 42/43).

Niedersächsisches Vorab 2008 37


38

Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel:

Das möchte Professor Dr. Alexander Härting

mit seinem Team von der Fachhochschule

Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven für

die modernen Ozeanriesen sicherstellen.

Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts

„Schiffsdynamik“ soll die Schiffslage auf See

überwacht werden – unter anderem mithilfe

von GPS-Empfängern, die Professor Härting

hier während einer Messung überprüft.

erhalten.“ Den Grundstock für die Erfolgsgeschichte des ELSI, sagt El Kobbia,

legte die Förderung aus dem Niedersächsischen Vorab in Höhe von insgesamt

vier Millionen Euro. Auch wenn das neue Institut weitere Mittel eingeworben

hat – ein wesentlicher Teil der Stellen wird aus EU-Mitteln finanziert –, wäre

„ohne die ‚Vorab‘-Mittel die Neugründung gar nicht möglich gewesen“, betont

die Geschäftsführerin.

Wo Schulbücher unter die Lupe genommen werden

Genau darauf ist die Förderlinie „Neue und sich entwickelnde Forschungsgebiete“

ausgerichtet: Diese Aufbauförderung soll exzellente Forschungseinrichtungen

unterstützen und beginnende Entwicklungen richtig in Schwung

bringen – mit dem Ziel, dass diese sich anschließend aus eigener Kraft zu

voller Blüte entfalten können.

Wie ein Katalysator wirkten die „Vorab“-Mittel in Höhe von rund 1,5 Millionen

Euro etwa beim Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung in Braunschweig.

2003 stand die renommierte Einrichtung, die von zwölf der sechzehn Bundesländer

finanziert wird, kurz vor dem Aus. Das Land Nordrhein-Westfalen,

das immerhin ein Fünftel des Etats trug, wollte aus der Finanzierung aussteigen.

Eine daraufhin eingesetzte Evaluierungskommission bescheinigte dem

Georg-Eckert-Institut hervorragende Arbeit, riet aber, sich auf die Kernkompetenzen

zu konzentrieren. Das ist inzwischen geschehen: Mit der neuen

Direktorin Professor Dr. Simone Lässig, die seit dem Herbst 2006 die Geschicke

des Instituts leitet, ist die Umstrukturierung in vollem Gange (siehe Interview

auf Seite 42/43). Aktuelle Themen wie Globalisierung, Migration und europä -

ische Integration stehen nun im Mittelpunkt der Institutsarbeit.


Wenn Ozeanriesen ins Wanken geraten

Noch am Anfang seiner Entwicklung steht dagegen ein mit „Vorab“-Mitteln

gefördertes Projekt an der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wil -

helms haven (FH OOW). Die Unterstützung von angewandter Forschung mit

hohem Praxisbezug an den Fachhochschulen spielt im Niedersächsischen

Vorab von jeher eine wichtige Rolle. Der Schwerpunkt „Schiffsdynamik“, den

drei Institute der FH Anfang 2007 mit Partnern aus der Industrie, Reedereien

und der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung aus der Taufe hoben, ist hierfür

ein gutes Beispiel. Forschungsobjekte sind die Giganten der Meere: Massengutfrachter,

Containerschiffe, Tanker und Autotransporter. Wenn Professor

Dr. Alexander Härting aus den Fenstern des Instituts für maritime Studien

in Elsfleth schaut, kann er solche Ozeanriesen regelmäßig auf der Unterweser

Richtung Nordsee fahren sehen. Die Technik der Riesenschiffe hinke den

heutigen Anforderungen hinterher, sagt Härting: „Schiffe sind zwar mit

viel Hightech ausgestattet, doch vieles beruht in der Nautik noch immer

auf Er fahrung.“ Sobald ein Schiff den Hafen verlasse, habe ein Kapitän

praktisch keine Möglichkeit mehr, dessen Lage in Echtzeit zu überprüfen,

berichtet der Physiker.

Das wollen Härting, sein Kollege Professor Dr. Jörg Reinking vom Institut

für Mess- und Auswertetechnik der FH OOW und drei weitere Kollegen nun

ändern. Das Ziel des Teams besteht darin, durch exakte Überwachung der

Schiffslage sowohl die Sicherheit als auch die Wirtschaftlichkeit des Schiffsverkehrs

zu verbessern. Mithilfe moderner Mess- und Analysemethoden wollen

die Forscher den Kapitänen endlich gesicherte Daten darüber liefern, wie

viel Handbreit Wasser zum Beispiel bei einer Passage durch die Unterweser

noch unter dem Kiel liegen. „Ein fahrendes Schiff liegt tiefer im Wasser als im

Ruhezustand – aber niemand weiß genau, wie viel tiefer“, erklärt Härting. Der

Einsink-Effekt, den Schiffsingenieure nach dem englischen Wort für „niedersinken“

als Squat bezeichnen, kann bei den größten Frachtern einen guten

Meter ausmachen. „Selbst mit modernsten Computermodellen ist es aber nicht

möglich, den zusätzlichen Tiefgang exakt zu berechnen“, schildert Härting

die Herausforderungen des Projekts.

Er und seine Kollegen wollen nun einige große Schiffe mit hochempfindlichen

GPS-Empfängern ausstatten, um das Fahrverhalten in verschiedenen Situationen

zentimetergenau zu messen. In einem weiteren Teilprojekt model -

lieren die Forscher das Verhalten der Schiffe im Computer und ver gleichen

anschließend die Ergebnisse von Simulationen und Experimenten. „Dadurch

bekommen wir eine statistische Basis, um voraussagen zu können, wie ein

Schiff sich wirklich verhält“, sagt Härting. Wenn der Squat zentimetergenau

bekannt ist, sinkt zum einen die Gefahr, dass Schiffe auf Grund laufen. Zum

anderen könnten Schifffahrtswege und Häfen effizienter genutzt werden. Für

die Zukunft hat das Projektteam noch einige weitere Ideen, unter anderem,

das Rollen eines Schiffes auf hoher See – das heißt, die Bewegung um die

„Squat“-Messungen vor Ort auf der Weser

und in Simulation: Ein fahrendes Schiff liegt

tiefer im Wasser als im Ruhezustand; dieser

Einsink-Effekt wird als Squat bezeichnet. Die

„Weser Stahl“ im Bild unten wurde auf ihrem

Weg nach Bremen daraufhin gemessen. Im

Vordergrund ist ein Teil der Messeinrichtung

zu erkennen, die GPS-Antenne. Der rote

Punkt neben den Dalben ist das Begleitboot

der Wissenschaftler. Das obere Bild zeigt ein

3D-Modell zur Bestimmung des Wasservolumens

um das Schiff – eine wichtige Einflussgröße

für den Squat.

Niedersächsisches Vorab 2008 39


40

Eine Krankenschwester misst einer Seniorin

den Blutzuckerspiegel, der Zahnarzt kommt

ins Seniorenheim: In einer alternden Gesellschaft

sind immer mehr Menschen auf Pflege

und medizinische Versorgung angewiesen.

Doch gerade über die Bedürfnisse jener Menschen,

die älter als 80 Jahre sind, ist zu wenig

bekannt. Abhilfe schaffen möchte Privatdozent

Dr. Nils Schneider von der Medizinischen

Hochschule Hannover. Ziel seines Projekts:

die Sichtweisen der Ältesten erfassen, um

deren Versorgung zu verbessern.

Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und

Patient ist das A und O einer Behandlung –

dies gilt sicher nicht nur für die Grippeimpfung,

wie hier im Bild. Für die medizinische

Versorgung hochbetagter Patienten gelten

zumeist noch eigene Anforderungen, müssen

bei ihnen doch oft auch die Wünsche und An -

sprüche der Angehörigen mit berücksichtigt

wer den. Auch dieses Themenfeld ist Neuland,

das Dr. Nils Schneider erschließen möchte.

eigene Längsachse, wodurch nicht genügend verzurrte Ladung ins Rutschen

kommen kann – besser zu überwachen. Die „Vorab“-Mittel in einer Gesamt -

höhe von rund 800.000 Euro ebnen hierfür den Weg.

Wie versorgen wir unsere Ältesten?

Auch Privatdozent Dr. Nils Schneider von der Medizinischen Hochschule

Han nover (MHH) kann die „Vorab“-Förderung nutzen, um ein in Deutschland

bislang unterentwickeltes, hochaktuelles Forschungsgebiet zu etablieren.

Schneider, gelernter Allgemeinmediziner, hat während seiner Tätigkeit als Arzt

festgestellt, dass die medizinische Versorgung von Menschen über 80 Jahre

erhebliche Defizite hat: „In Deutschland befindet sich die Patientenorientierung

im Gesundheitswesen ohnehin erst in den Anfängen. Über die spezifischen

Wünsche und Bedürfnisse der ältesten Menschen wissen wir daher

kaum etwas“, berichtet er. Im Jahr 2003 beendete Schneider seine praktische

ärztliche Tätigkeit und wechselte zum Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin

und Gesundheitssystemforschung der MHH. In seiner neuesten, mit Mitteln

aus dem Niedersächsischen Vorab geförderten Studie will er unter anderem

herausfinden, welche Ansichten die über Achtzigjährigen zu Prävention,

Patientenautonomie und Gesundheitsvor sorge haben.

„Bislang wurden diese hochbetagten Menschen selten befragt, auch weil

das methodisch relativ schwierig ist“, führt Schneider aus. Viele Ältere können

sich nicht lange konzentrieren und sind mit umfangreichen Fragebogen

überfordert. Die Interviewer gehen deshalb die Fragen langsam und Schritt

für Schritt mit den Teilnehmern durch. Bei der Beantwortung können die

Befragten beispielsweise unter verschiedenen Smiley-Gesichtern wählen,


statt Zahlen anzukreuzen. Schneider sieht Anzeichen dafür, dass allmählich

ein Bewusstseinswandel einsetzt: „Langsam wird den Ärzten und auch der

Gesellschaft klar, dass die Versorgung hochbetagter Menschen eine zunehmend

wichtige Aufgabe unseres Gesundheitssystems ist und dass wir dafür

mehr über die Sichtweisen dieser Menschen wissen müssen“, sagt Schneider.

Vor zehn Jahren, vermutet er, hätte er für seine Forschungsvorhaben wohl

noch keine Geldgeber gefunden. Nun aber sieht das anders aus: Mit 200.000

Euro aus dem Niedersächsischen Vorab kann er sein Projekt in die Tat umsetzen.

Noch ist Schneider mit seinem ungewöhnlichen Spezialgebiet vielleicht

ein Exot. Doch genau wie seine Kollegen aus Osnabrück, Oldenburg und

Braunschweig erfüllt er genau das Anforderungsprofil des Fördersegments

„Neue und sich entwickelnde Forschungsgebiete“: Als Vorreiter auf einem

innovativen Forschungsfeld hat er beste Voraussetzungen, die niedersäch -

sische Forschung in seinem Fach an die Spitze zu bringen.

Ute Kehse

Eine Handschrift kehrt zurück

Alte Schriften sind ein wertvolles kulturelles Erbe.

Viele Handschriften- und Mittelalter-Experten be -

schäftigen sich mit ihrer Erforschung. Allerdings

sind nicht alle bedeutenden Schriften öffentlich

zugänglich. Dies war auch der Fall beim 1000 Jahre

alten Psalter Bischof Bernwards von Hildesheim

(993 - 1022), das sich bis vor kurzem in Privatbesitz

befand. Im Jahr 2007 ist es dem Land Niedersachsen

gemeinsam mit der Herzog August Bibliothek

Wolfenbüttel und der Unterstützung zahlreicher

Stiftungen gelungen, diese prachtvolle Handschrift

für insgesamt 1,5 Millionen Euro zu kaufen. Die

wissenschaftliche Erschließung des Psalters wird

nun mit dem Vorhaben „Der Bernward-Psalter und

die Bibliothek von St. Michaelis in Hildesheim“ im

Rahmen des Niedersächsischen Vorab mit 631.000

Euro gefördert.

Bischof Bernward von Hildesheim ließ den Psalter

für das von ihm gegründete Michaeliskloster von

dem Kalligrafen Guntbald schreiben und mit zahlreichen

Schmuckbuchstaben (Initialen) verzieren.

Dazu verwendete der Schreiber Gold, Silber und

farbige Tinten. Bernward beschenkte seine Gründung,

in der er bestattet und erinnert werden

wollte, mit einer Vielzahl von Handschriften und

Kunstwerken. Objekte wie die Bernwardsäule und

die Bernwardtür sind bis heute in Hildesheim greifbare

Kunstwerke aus dieser Zeit und als UNESCO-

Weltkulturerbe international anerkannt.

Der Psalter wurde der Herzog August Bibliothek,

die als das wichtigste Handschriftenzentrum

Norddeutschlands gilt, direkt von einem Antiquar

angeboten. Mehr als 200 Jahre war sie im Besitz

der Grafen von Landsberg. Nun wird die kostbare

Handschrift mit Unterstützung durch das Niedersächsische

Vorab intensiv erforscht, um ihr die

Geheimnisse ihrer Entstehung, Bestimmung und

Geschichte zu entlocken. Ziel des Forschungsprojektes

ist es, zu einer Rekonstruktion der vollständigen

Sammlung liturgischer und wissenschaftlicher

Bücher einer der wichtigsten Klos ter bi bliotheken

des Mittelalters zu kommen und damit zugleich

das kulturelle und geistige Profil des Gründers zu

erschließen.

Niedersächsisches Vorab 2008 41


42

„Geschichtsbücher müssen Mut zur Kontroversität haben“

Das Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung

in Braunschweig schärft zurzeit sein Profil. Die

Direktorin Professor Dr. Simone Lässig erläutert im

Gespräch mit Ute Kehse, wie die beiden Leitlinien

„gesellschaftliche Relevanz“ und „wissenschaftliche

Qualität“ die Institutsarbeit bestimmen.

Frau Lässig, Sie haben zum Wintersemester 2006/

2007 die Leitung des Georg-Eckert-Instituts für Schul -

buchforschung übernommen. Können Sie schon eine

erste Bilanz Ihrer Arbeit ziehen?

Selbstverständlich. Um das Zusammenspiel unserer

Forschungs- und Serviceleistungen zu erhöhen,

haben wir im letzten Jahr eine grundsätzlich neue

Struktur ins Institut gebracht: Wir haben vier Projektbereiche

eingerichtet, die aktuelle Fragen wie

das Lernen in Migrationsgesellschaften oder Probleme

der europäischen Integration aufgreifen.

Damit werden wir auch den Ansprüchen der Bundesländer,

die das Institut finanzieren, an unsere

Serviceleistungen besser gerecht.

Offiziell zwar weder in Israel noch in Palästina anerkannt, aber

doch von engagierten Lehrern beider Seiten in Gebrauch: das

Geschichtsbuch des Peace Research Institute in the Middle East.

Es wurde von einem Team palästinensischer und israelischer Wissenschaftler,

Lehrer und Schulbuchautoren konzipiert. Da eine

gemeinsame Geschichtserzählung (noch) unmöglich ist, stellt das

Buch die unterschiedlichen, häufig gegensätzlichen Erzählungen

zu historischen Ereignissen der beiden Seiten gegenüber.

Wieso hat das Thema Schulbuchforschung in den

letzten Jahren an Aktualität gewonnen?

Wir besinnen uns darauf, dass unsere Zukunft

sehr stark von Bildungsfragen abhängt. Das gilt

nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern

auch für die sogenannten sinnbildenden Fächer

wie Geschichte, Geografie und Sozialkunde, mit

denen wir uns beschäftigen. Schulbücher werden

bei Lehrern und Schülern auf der ganzen Welt als

etwas „Wahres“ wahrgenommen. Insofern ist

das, was in Schulbüchern steht, ausgesprochen

prägend.

Findet man denn noch Vorurteile in deutschen

Schulbüchern?

Feindbilder, wie wir sie zum Beispiel aus der

deutsch-französischen Geschichte vor 1945 kennen,

kommen nicht mehr vor. Aber trotzdem gibt

es noch genügend Ansätze für Verbesserungen.

Wie wir Minderheiten abbilden, wie wir es schaffen,

Geschichte so zu vermitteln, dass sich in

unseren schon überwiegend multiethnischen

Klassenzimmern alle Schüler angesprochen fühlen

– das sind neue Fragen. Auch die internationale

Schulbuchforschung steht hier noch am

Anfang.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte, der aus den

Mitteln des Niedersächsischen Vorab gefördert wird,

heißt „Migration und ethnisch-religiöse Parallelgesellschaften“.

Kommen diese Themen im Unterricht

gar nicht vor?

Wenn ich mir die Schulbücher anschaue, spielen

sie eher eine untergeordnete Rolle – zu untergeordnet.

Deutschland ist nicht unbedingt Vorreiter,

wenn es darum geht, diese Themen in die

Geschichtslehrbücher zu bringen.

Inwieweit fließen die Ergebnisse der Schulbuchforschung

wieder in die Gestaltung neuer Lehrbücher

ein?

In der Vergangenheit sind Empfehlungen, die das

Institut zum Beispiel zur Darstellung der jüdischen

Geschichte gegeben hat, mit einer gewissen zeit -


lichen Verzögerung in die Schulbücher eingesickert.

Wir wollen aber den Transfer unserer Arbeitsergebnisse

in die Gesellschaft beschleunigen. Daher

bauen wir zurzeit ein Internetportal auf. In einem

der Module werden wir Schulbuchrezensionen

anbieten. Verfasst werden sollen sie aus drei Perspektiven

– von Schülern, Lehrern und Wissenschaftlern.

So sollen Schulbücher auf den Prüfstand

kommen.

Wie könnte beispielsweise ein ideales Geschichtsbuch

aussehen?

Geschichte ist ein Fach, das neben den historischen

Fakten vor allem bestimmte Kompetenzen vermitteln

soll. Für eine staatsbürgerliche Bildung, die

demokratischen An forderungen genügen soll, ist

es sehr wichtig, dass ein Geschichtsbuch den Mut

zur Kontrover sität hat. Schüler sollten verstehen,

dass es die eine histo rische Wahrheit nicht gibt

und dass jede Ge ne ration und jede Nation ihre

eigene Geschichte schreibt. Geschichtsbücher sollen

heute insofern vor allem den Blick weiten und

es den Schülern ermöglichen, die Geschichte der

Anderen auch mit deren Augen zu sehen. Nur so

können Jugendliche Fremdkompetenz und die

Fähigkeit zur Empathie entwickeln, die heute

wichtiger sind denn je.

Könnte ein europäisches Geschichtsbuch diese

Aufgaben erfüllen?

Ich bin skeptisch. Wenn von einem europäischen

Geschichtsbuch die Rede ist, so erhoffen sich dessen

Befürworter zumeist mehr soziale Kohäsion.

Es geht um eine gemeinsame europäische Identität,

die über das Be wusstsein einer gemeinsamen

Geschichte wachsen soll. Häufig aber dominiert

eine sehr westliche, abendländische Sicht. Die

Länder im Osten Euro pas würde man mit einem

solchen Ansatz eher ausgrenzen als integrieren.

Daher arbeiten wir zurzeit an einem Alternativprojekt:

Wir wollen auf einer mehrsprachigen

Internetplattform Europabilder vorstellen, wie

sie in europäischen und außereuropäischen

Schulbüchern vorkommen, und sie wissenschaft-

An der Spitze des Georg-Eckert-Instituts für

Schulbuchforschung in Braunschweig steht eine

Frau: Ziel der Arbeit von Professorin Dr. Simone

Lässig und ihrer Mitarbeiter ist es, den in Schulbüchern

verankerten Selbst-, Fremd- und Feindbildern

nachzuspüren, die für die Entwicklung

von Identitätsmustern eine wichtige Rolle

spielen. So soll der Blick für alternative oder

konkurrierende Deutungen geschärft werden.

lich kommentieren. So kann im Unterricht ein

Bewusstsein dafür geschaffen werden, welche

Vorstellung von Europa in anderen Ländern vorhanden

ist. Dies scheint uns derzeit viel gewinnbringender

zu sein als eine „europä ische Meistererzählung“

zu erschaffen.

Der zweite Schwerpunkt, den Sie mithilfe der Mittel

aus dem Niedersächsischen Vorab angeschoben

haben, beschäftigt sich mit universitären Lehrbüchern.

Ist das ein ganz neues Forschungsgebiet?

Dieses Feld ist noch relativ unbestellt, und wir

haben deshalb eine Pilotstudie angeregt. Allerdings

ist der Ansatz ein ganz anderer als bei Schulbüchern:

In diesen kann man lesen, was Staaten

gern in den Köpfen junger Menschen verankert

wissen wollen. In den universitären Lehrbüchern

ist das zumindest in demokratischen Staaten

nicht der Fall. Unser Blick richtet sich daher eher

darauf zu untersuchen, inwieweit die Einführung

der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge

die Lehr- und Lernkultur an den Universitäten

verändert.

Wie sehen Sie die Zukunft des Georg-Eckert-Instituts?

Ziel ist es, unser Alleinstellungsmerkmal in Forschung

und Service weiter zu festigen und noch

auszubauen. Wir wollen – europa- und auch weltweit

– zum wichtigsten Kompetenzzentrum in

Fragen der Lehrmedienforschung werden. Unser

Nahziel ist die Aufnahme in die Wissenschaftsgemeinschaft

Gottfried Wilhelm Leibniz, denn dies

würde den optimalen Rahmen bilden, um auf

dem jetzt eingeschlagenen Weg voranzuschreiten

und unsere mittel- und langfristigen Vorhaben zu

realisieren.

Niedersächsisches Vorab 2008 43


Kofinanzierung der Exzellenzinitiative

Die Exzellenzinitiative zur Stärkung der universitären Spitzenforschung in Deutsch -

land wurde im Juni 2005 von den Regierungschefs des Bundes und der Länder eingerichtet.

Damit sollen der Wissenschaftsstandort Deutschland gestärkt, seine

internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessert und Spitzen im Wissenschaftsbereich

international „sichtbarer“ gemacht werden. Das Programm ist auf eine Dauer

von fünf Jahren angelegt. Die Exzellenzinitiative umfasst drei Förderlinien: Graduiertenschulen

für die Betreuung von Doktorandinnen und Doktoranden, Exzellenzcluster

als interdisziplinäre Forschungsnetze sowie Zukunftskonzepte universitärer

Spitzenforschung (von den Medien auch als „Eliteuniversitäten“ bezeichnet).

In den ersten beiden Wettbewerbsrunden konnten bundesweit 39 Graduiertenschulen,

37 Exzellenzcluster und neun Zukunftskonzepte überzeugen. Mit zwei

Graduiertenschulen, drei Exzellenzclustern und dem Zukunftskonzept der Universität

Göttingen ist der Hochschulstandort Niedersachsen äußerst erfolgreich.

Bundesweit fließen aus dem Programm von 2006 bis 2011 insgesamt 1,9 Milliarden

Euro an ausgewählte Hochschulen. In Niedersachsen sind es 170 Millionen Euro bis

zum Jahr 2011. Dabei trägt der Bund 75 Prozent, 25 Prozent zahlen jeweils die Länder.

In Niedersachsen wird die Exzellenzinitiative aus den Mitteln des Niedersächsischen

Vorab kofinanziert.


Spot an: Niedersachsen im Rampenlicht

Die Exzellenzinitiative macht wissenschaftliche

Highlights „sichtbarer“


Dank der Erfolge in der Exzellenzinitiative steigt das internationale Renommee

niedersächsischer Hochschulen: Zwei Graduiertenschulen, drei Exzellenzcluster,

eine „Elite-Uni“ – der folgende Streifzug gibt einen Einblick in die ausgezeichnete

Forschung an der Leibniz Universität Hannover, der Medizinischen Hochschule

Hannover und der Georg-August-Universität Göttingen.

Sie heißen Kumar, Maria, Leandros oder Dong und kommen aus Indien, Österreich,

Griechenland oder China. Sie sind die Besten der Besten. Kaum über

zwanzig Jahre alt, zählen sie zur Nachwuchselite der Wissenschaft. Als diplomierte

Naturwissenschaftler oder promovierte Mediziner wollen sie sich

wei terentwickeln und in der Forschung international anerkannte Doktortitel

erlangen. Dafür studieren die 180 Teilnehmer aus über zwanzig Ländern an

einer der exzellentesten Graduiertenschulen Deutschlands: der „Hannover

Biomedical Research School“ (HBRS) auf dem Campus der Medizinischen

Hochschule Hannover (MHH).

Dass an der MHH gute Doktorarbeiten entstehen, wussten wir schon lange.

Nur außerhalb merkte es früher kaum einer“, erklärt Professor Dr. Reinhold

Schmidt, Dekan der HBRS. Aus diesem Umstand wuchs die Idee für eine forschungsorientierte

Graduiertenschule mit international anerkannten Abschlüssen.

Sie sollte den Ruf der Medizinischen Hochschule stärken, sie international

„sichtbar“ machen. Nach der Gründung der HBRS im Jahr 2003 erhielt das erste

Promotionsprogramm Molecular Medicine 2005 eine Auszeichnung des Deutschen

Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Im Oktober 2006 folgte eine

weitere: Das Gutachtergremium der „Exzellenzinitiative“ ernannte die HBRS

zu einer von nunmehr 39 ausgezeichneten Gradu iertenschulen in Deutschland

– eine von zweien in Niedersachsen (vgl. Kasten auf S. 48).

Die Auszeichnung verleiht der Hannover Biomedical Research School einen

besonderen Glanz. Und sie schafft Planungssicherheit. Bis 2011 erhält die Gra -

duiertenschule jährlich eine Million Euro. Zwanzig Prozent kommen für indirekte

Betriebsausgaben dazu. „Die Fördergelder sichern uns den Bestand“, freut

sich ihr Dekan. Sie ermöglichen beispielsweise Stipendien und Sommerschulen

und die Beschäftigung einer Koordinatorin. Auch eine neu eingerichtete

Kindertagesstätte profitiert davon. Heute bietet die HBRS neun Fächer, sogenannte

Programme, an – von Molecular Medicine bis Biochemistry; gelehrt wird

auf Englisch. Die Absolventen lernen im Labor, wie man wissenschaftlich arbeitet.

Dazu gehört auch, wie man Publikationen verfasst oder Forschungsanträge

stellt. Angebote wie „Deutsch für Ausländer“ sowie die Vermittlung von kulturspezifischen

Um gangsformen sind ebenfalls Bestandteil des Curriculums.

Zwischen Labor, Seminar und Schreibtisch –

die Absolventen der Hannover Biomedical

Research School auf dem Campus der Me di -

zinischen Hochschule Hannover haben ein

volles Programm. Sie durchlaufen an der

Hochschule eine abwechslungsreiche Ausbildung,

zu der ein breites Angebot an Diskussionsreihen,

Seminaren und Tagungen gehört.

International sichtbar möchte die Hannover

Biomedical Research School sein – und das

gelingt ihr offensichtlich. Aus über zwanzig

Ländern kommen die jungen Forscherinnen

und Forscher nach Hannover. Die Graduiertenschule

wurde in der Exzellenzinitiative

des Bundes und der Länder ausgezeichnet.

Niedersächsisches Vorab 2008 47


48

Nachlesen erwünscht: Das Herzstück der

Ausbildung an der Hannover Biomedical

Research School ist die Laborarbeit. Jeder Teil -

nehmer bearbeitet ein eigenes Forschungsprojekt

– sei es im Bereich der Immunologie

und der Transplantationsmedizin oder der

Stammzellforschung.

Intensive soziale Betreuung und wissenschaftliches Renommee haben sich

zum Standortfaktor der HBRS entwickelt. Das macht sie zu einem Magneten

für qualifizierte Anwärter: Von 400 Bewerberinnen und Bewerbern bekommen

jeweils rund zwanzig einen Platz. „Die Kooperation zwischen Grundlagenforschung

und Klinik gelingt uns besonders gut“, beschreibt Reinhold

Schmidt das Erfolgsrezept. Auf diesem Weg blieb mancher Nachwuchsforscher

an der MHH. Denn die Ausbildung ist gezielt auf die Forschungsschwerpunkte

der Hochschule zugeschnitten. Ein Beispiel ist das Programm Regenerative

Sciences. Es orientiert sich an den Inhalten des Exzellenzclusters REBIRTH

(From Regenerative Bio logy to Reconstructive Therapy) – eines von inzwischen

drei Netzwerken um herausragende Forscherinnen und Forscher in Niedersachsen.

Die Graduiertenschule für Neurowissenschaften und

Molekulare Biowissenschaften (GGNB) in Göttingen

„Wir wollen junge Top-Studierende für Göttingen

gewinnen“, so beschreibt Professor Dr. Reinhard

Jahn den Zweck der internationalen Studiengänge,

die in der zweiten Runde der Exzellenzinitiative

unter dem Dach der GGNB erfolgreich waren:

Zwölf interdisziplinäre, forschungsbasierte Promotionsprogramme

sollen eine strukturierte Promotion

ermöglichen. „Die Doktoranden werden nicht

mehr allein vom Doktorvater, sondern von einem

Komitee betreut, zu dem noch mindestens zwei

weitere Wissenschaftler gehören. Das schützt vor

einer zu großen Abhängigkeit.“ Zudem sind die

Teilnehmer in Gruppen mit thematisch verwandten

Gebieten eingebunden, die sich regelmäßig

treffen. Fachgebiete sind Biochemie, Zellbiologie,

Entwicklungsbiologie sowie experimentelle und

klinische Neurowissenschaften.

Seit sieben Jahren bietet die Georg-August-Universität

Göttingen die bereits mehrfach ausgezeichneten

internationalen Master- und Promotionsprogramme

für Molekulare Biowissenschaften

und Neurowissenschaften an. „Wir haben so gut

wie keine Abbrecher, und unsere Doktoranden

schließen ihre Promotion sehr schnell ab: nach 3,3

Jahren im Schnitt“, ergänzt Dr. Steffen Burkhardt,

Koordinator der GGNB. Mehr als die Hälfte der

Studierenden kommt aus dem Ausland. Dabei ist

die enge Kooperation von Max-Planck-Instituten

und der Universität in Göttingen ein großer Vorteil.

So wird die GGNB getragen von Biologen, Me -

dizinern und Physikern der Universität Göttingen,

von Wissenschaftlern der drei Max-Planck-Institute

für biophysikalische Chemie, für Experimentelle

Medizin und für Dynamik und Selbstorganisation

sowie von Forschern des Deutschen Primatenzentrums.

„Die institutionelle Vielfalt gehört zum Programm“,

sagt Burkhardt.

Und auch das Ausbildungskonzept ist entsprechend

abwechslungsreich angelegt: Neben fachbezogenen

Vorträgen und klassischen Seminaren

haben die Studierenden vielfältige Möglichkeiten

zum Erwerb von Schlüsselqualifikationen – zum

Beispiel in den Bereichen Selbstpräsentation, Karriereplanung

oder Teamarbeit in internationalen

Gruppen. „Auch Tagungen oder Firmenbesuche

gehören dazu“, erläutert Reinhard Jahn. „Nicht

zuletzt ermutigen wir die Studierenden ausdrücklich

zu eigenen Initiativen wie etwa der Organi -

sation von Symposien. So werden sie selbst zu

Mitgestaltern ihrer Ausbildung.“


Interdisziplinäre Vernetzung für neue Wege in der Medizin

REBIRTH bedeutet Wiedergeburt und charakterisiert zugleich die Zielrichtung:

Die Wissenschaftler helfen dem erkrankten Körper, sich selbst zu regenerieren,

zum Beispiel durch Unterstützung mit Stammzellen. Beim zweiten

Ansatz dienen künstliche Gewebe als Ersatz für erkrankte. Neben der federführenden

MHH sind an dem Expertennetzwerk die Leibniz Universität Hannover,

die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, das Laser Zentrum

Hannover, das Fraunhofer Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin,

das Institut für Tierzucht Mariensee, das Helmholtz Institut für Infektionsforschung

in Braunschweig sowie das Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin

in Münster beteiligt.

Das Cluster vereint nicht nur exzellente Ausbildung, innovative Wissenschaft

und klinische Medizin. Sein Wert besteht auch in der erfolgreichen interdiszi -

plinären Zusammenarbeit von Medizinern, In genieuren, Chemikern, Mathematikern

und Maschinenbauern. Und so ist es kein Wunder, dass REBIRTH im

Oktober 2006 als eines von insgesamt 37 Exzellenzclustern in Deutschland

ausgewählt wurde. Koordinator des niedersächsischen Netzwerks, das jetzt

über fünf Jahre jährlich bis zu 6,5 Millionen Euro erhält, ist Professor Dr. Axel

Haverich, Direktor der Abteilung für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie an

der MHH.

Während Letztere die medizinische Expertise abdeckt, übernimmt die Universität

Hannover die technologische. Sie betrifft vor allem die Wiederherstellung

natürlicher Körperfunktionen. „Nur durch den Einblick in die täg -

lichen Leistungen der Ingenieure kommen Mediziner auf Ideen für neue

Therapien – und umgekehrt“, ist Professor Dr. Wolfgang Ertmer überzeugt.

Der Physiker ist zugleich Direktor des Instituts für Quantenoptik an der Leibniz

Universität und Vorstand des Laser Zentrums Hannover; nicht zuletzt hat

er selbst ein Exzellenzcluster mit dem Titel „QUEST – Quantum Engineering

and Space-Time-Research“ (vgl. Kasten auf S. 51) eingeworben. Bei REBIRTH ist

er Partner: Um neue Lösungsansätze zu finden, arbeiten Mediziner im Physik -

labor mit, schauen Physiker beim Operieren zu. „Wir entwickeln geeignete

Scaffolds, also Matrizen, als Grundlage für das Zell- und Gewebewachstum“,

fasst Ertmer die Hauptaufgabe der Ingenieure zusammen. Denn Zellen außer -

halb des Körpers zum Wachsen und Siedeln zu bewegen, ist eine Kunst für sich.

Mit dem Laser vollbringen Ertmer und sein Team Wunder der Winzigkeit:

Der extrem kurze Impuls eines Femtosekunden-Lasers – eine Femtosekunde

ist der millionste Teil einer Milliardstelsekunde – löst eine chemische Reak -

tion aus, die aus harzartigen Polymeren dreidimensionale Strukturen entstehen

lässt. Vorausgesetzt, man wiederholt den Laservorgang oft genug nach

einem vorher berechneten Computermodell. Das Resultat sind nanometer -

genaue winzige Matrizen. Ein Nanometer ist fünfzigtausend Mal kleiner als

der Durchmesser eines menschlichen Haares. Dabei schaffen die Ingenieure

Ab in die Falle! – Professor Dr. Wolfgang Ertmer,

Direktor des Instituts für Quantenoptik

an der Leibniz Universität Hannover, justiert

eine optische Falle, die er nutzt, um Moleküle

und Atome mithilfe von Laser- und Magnetfeldern

einzufangen. Eine ähnliche Techno -

logie wird im Rahmen der Zellbiologie genutzt,

um einzelner Zellen habhaft zu werden.

Mit bloßem Auge nicht zu erkennen: Die

„Strukturen“, die im Rahmen von REBIRTH als

Grundlage für das Zellwachstum entwickelt

werden, sind winzig. Die Professoren Dr.

Alexander Heisterkamp, Dr. Boris Chichkov

und Dr. Wolfgang Ertmer (von links) vom

Laser Zentrum Hannover setzen ihr geballtes

Wissen über Nanotechnologie, Laser- und

Medizintechnik ein, um Miniatur-Matrizen

für künstliche Gewebe herzustellen.

Niedersächsisches Vorab 2008 49


50

An der Schnittstelle von Quantenphysik und

Raum-Zeit-Forschung: Die am Exzellenzcluster

„Quantum Engineering and Space-Time-

Research“ (QUEST) beteiligten Experten verstehen

es meisterhaft, mit Licht zu arbeiten.

Das Bild oben zeigt, wie Licht in seine Spektralfarben

zerlegt wird, wenn ein ultrakurzer

Laserpuls durch eine spezielle Art Kristallfaser

läuft. Außerdem arbeiten die Forscher an

einer neuen Generation von Quantendetektoren

und hochpräzisen Uhren, deren Basis

extrem kalte Atome nahe dem absoluten

Temperaturnullpunkt sind. Hierfür „fangen“

sie Calciumatome mit einer magneto-optischen

Falle, in die das Bild unten Einblick gibt.

sogar „Taschen“ für Medikamente, absorbierende oder mit anderen Eigenschaften

ausgestattete Oberflächen. Bei allem Expertenkönnen unterstreicht

Ertmer aber auch, wie wichtig die Kooperation im Cluster ist. Gemeinsam

wollen die Wissenschaftler irgendwann einmal ganze Organe ersetzen. Doch

die Durchblutung implantierter Teile beispielsweise bereitet noch Schwierigkeiten.

Seine Zukunftsvision sind künstlich hergestellte Gefäßbäume, die

man an körpereigene Adern anschließt.

„Die hervorragende Infrastruktur begünstigt solch einen Schwerpunkt auf dem

Gebiet der Biomedizintechnik in Hannover“, lautet Ertmers Einschätzung, die

durch die Neubewilligung des Transregios „Mikro- und Nanosysteme in der

Medizin-Rekonstruktion biologischer Funktionen“ im Mai 2007 zusätzlich

gestützt wird (vgl. Beitrag „Drittmittel für Niedersachsen“ S. 57). Das ziehe weitere

Experten, Nachwuchskräfte und auch Firmen an. „Gerade REBIRTH ist ein

fantastisches Modellvorhaben dafür, wie Wissenschaft und Wirtschaft er folg -

reich kooperieren können“, meint Ertmer. Seit dem Sommer 2008 arbeiten

Vertreter aus beiden Bereichen im neuen REBIRTH-Center an der MHH Tür

an Tür zusammen. „Durch die Interdisziplinarität entsteht ein deut licher Mehrwert,

der weit über der Summe der Einzelleistungen liegt“, lautet daher auch

seine wichtigste Erfahrung aus dem Projekt.

Hightech-Blicke in bisher verborgene Welten

Diese Erkenntnis teilen die Wissenschaftler des Göttinger Exzellenzclusters

„Mikroskopie im Nanometerbereich“, das ebenfalls im Oktober 2006 im Rahmen

der ersten Auswahlrunde der Exzellenzinitiative bewilligt wurde. Neben

den Bereichen Medizin, Biologie und Physik der Georg-August-Universität sind

Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie

und dem European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G) beteiligt. Das

Cluster ist wiederum eingebettet in das Forschungszentrum Molekularphysiologie

des Gehirns (CMPB) der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Ziel der Forscher ist es, innovative Mikroskopiertechniken zu entwickeln und

sie für die molekulare Neurobiologie nutzbar zu machen. Warum ihre interdisziplinäre

Zusammenarbeit so erfolgreich klappt, bringt der Sprecher des

Clusters, Professor Dr. Diethelm Richter, schnell auf den Punkt: „Wir denken

funktional und nicht nach Fakultäten.“

Das Netzwerk der Neurowissenschaftler ist fast so komplex wie ihr Arbeitsgebiet:

das menschliche Gehirn. Dessen Funktionen werden auf der Ebene

von Molekülen gesteuert. Solche Prozesse, die sich ebenfalls in der Größenordnung

von Nanometern abspielen, werden nur mithilfe hochauflösender

Mikroskoptechniken sichtbar. „Wir wollen einzelne Molekülkomplexe in der

lebenden Zelle darstellen und verfolgen“, erläutert Richter. Obwohl die Verfahren

immer besser würden, stoße man an das Limit der optischen Auflö-


sung: „Unser Ziel ist es, diese Grenzen zu überwinden.“ Dabei verwenden die

Forscher eine Vielfalt unterschiedlicher Methoden. Zum Spektrum aktueller

Techniken gehört beispielsweise die NMR-Spektroskopie (Nuclear Magnetic

Resonance), mit der mittels magnetischer Prozesse die Strukturen und die

räumliche Anordnung von Molekülen gemessen werden. Mit der Atom-

Kraft-Mikroskopie (Atomic Force Microscopy) lässt sich die Oberfläche von

Molekülen bis ins kleinste Detail abbilden. Dank der weiterentwickelten

Röntgen mikroskopie kann man hochauflösende Abbildungen von mole ku -

laren Zell strukturen herstellen.

Die größte Hoffnung setzt Richter aber auf die „STED-Mikroskopie“ (STimulatet

Emission Depletion), die auf dem Phänomen der Fluoreszenz basiert und von

dem Physiker Professor Dr. Stefan Hell am Max-Planck-Institut für biophysi-

Das Exzellenzcluster „Quantum Engineering and Space-Time-

Research“ (QUEST) an der Leibniz Universität Hannover

Die Abkürzung „QUEST“ steht im Englischen für

„Streben“ oder „Suche“, und sicher ist es kein Zu -

fall, dass ein Exzellenzcluster zu grundlegenden

Fragen der Physik diesen Namen trägt. QUEST verbindet

Quantenphysik und Raum-Zeit-Forschung

– zwei bisher gegensätzliche Denkmodelle der

Physik, um neue, hochgradig exakte Messmethoden

zu finden. Im Netzwerk kooperieren die physikalischen

Institute der Leibniz Universität Hannover

mit dem Institut für Erdmessung, dem Institut

für Angewandte Mathematik sowie dem Max-

Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover,

der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt

in Braunschweig, dem Zentrum für Raumfahrt

und Mikrogravitation in Bremen und dem Laser

Zentrum Hannover.

Ziel der Wissenschaftler ist es, Quantenphysik –

die sich um die kleinsten Strukturen, die Quanten,

kümmert – und allgemeine Relativitätstheorie, die

sich mit der Struktur von Raum und Zeit sowie mit

dem Wesen der Schwerkraft (Gravitation) beschäftigt,

theoretisch zusammenzuführen. Daneben sind

aber auch konkrete Anwendungen der Forschung

zu erwarten, wie der Koordinator des Exzellenzclusters

Professor Dr. Wolfgang Ertmer vom Insti-

tut für Quantenoptik und Professor Dr. Karsten

Danzmann vom Max-Planck-Institut für Gravita -

tionsphysik erläutern: etwa für die Satelliten -

navigation.

Um zu diesen hochsensiblen Messmethoden zu

kommen, nutzen die Wissenschaftler die Quantenmechanik,

die versucht, das Verhalten von

Materie im subatomaren Bereich zu beeinflussen.

So gibt es bereits „gequetschtes Licht“ – für optische

Anwendungen besonders geeignet, weil der

Laserstrahl extrem scharf ist.

Ziel der Forscher ist es, auch anderes Material in

eine solche Form zu bringen. Mit derartigen Ma -

teriewellen könnte man die Atomuhr verbessern

oder neue Atomlaser entwickeln. Und auch die

Vermessung und Beobachtung der Erde ließen sich

optimieren, da jegliche Veränderung der Erdoberfläche

erfassbar würde – auch die extrem feinen

Schwankungen der Gravitation. Mit neuen Messgeräten

könnte es dadurch beispielsweise möglich

werden, Vulkanausbrüche vorherzusagen oder

auch Zusammenhänge zwischen Klimaveränderungen

und der Höhe der Meeresspiegel genauer

zu beschreiben.

Niedersächsisches Vorab 2008 51


52

kalische Chemie entwickelt wurde. Damit können die Göttinger Experten

Strukturen und Abläufe in lebenden Zellen mit bisher unerreichter Schärfe

und winzige Partikel in der Größe von 20 bis 40 Nanometern darstellen. „Mit

der STED-Mikroskopie werden die bisher gültigen Grenzen der Lichtmikroskopie

überwunden“, unterstreicht Richter die hohe Bedeutung der Methode.

Eine der größten Herausforderungen steht ihnen noch bevor: Prozesse nicht

nur zu beobachten, sondern die Erkenntnisse auch in die Diagnostik und

Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Schizophrenie

einfließen zu lassen.

„Die Mittel von 1,5 Millionen Euro jährlich aus dem Exzellenzcluster geben uns

die Möglichkeit, nicht nur Verbundprojekte durchzuführen, sondern auch drei

unabhängige Nachwuchs-Forschergruppen zu fördern“, führt Richter aus. Die

Wertschätzung der Nachwuchsförderung in Göttingen lässt sich an den zahlreichen

Masterstudiengängen, Promotionsprogrammen und dem Nachwuchsgruppen-Konzept

des ENI-G ablesen. Das in Göttingen erstmals umgesetzte

Konzept fand europaweit in 15 Ländern Nachahmer – Institute, die inzwischen

ein Netzwerk bilden.

Durch diese breit gefächerten Aktivitäten hat sich Göttingen einen internationalen

Ruf erarbeitet, den die Gutachter der Exzellenzinitiative eindrucksvoll

bestätigten. Das Urteil der internationalen Wissenschaftsexperten gibt Richter

gern im Originalton wieder: „Nothing comparable in Europe, only comparable

with Harvard or Stanford.“ Damit stellten sie die Einrichtung auf eine Stufe mit

internationalen Spitzenuniversitäten und nahmen zugleich eine Entscheidung

voraus: Bei der zweiten Runde der Ex zellenzinitiative erhielt die Georg-August-

Universität am 19. Oktober 2007 die Auszeichnung für ihr Zu kunftskonzept

(vgl. Text „Gemeinsam stark – Die Besten für Göttingen gewinnen“ S. 53). Mehr

„Sichtbarkeit“ kann sich eine Hochschule wohl nicht wünschen.

Heidrun Riehl-Halen

Sehen, was bisher verborgen ist: Im Exzellenzcluster „Mikroskopie im Nanometerbereich“ dreht sich

alles um den Blick auf die molekularen Prozesse im menschlichen Gehirn. Dazu bedienen sich die

Forscher – wie die Professoren Dr. Diethelm Richter und Dr. Fred S. Wouters von der Universität Göttingen

(Bild oben, von rechts) – einer Vielzahl unterschiedlicher Techniken. Eine unvorstellbare Schärfe

erreicht zum Beispiel das STED-Mikroskop, an dem Doktorand Peer Hoopmann arbeitet (mittleres

Bild). Und auch die Auswertung der Bilder stellt eine große Herausforderung dar: Gemeinsam mit

seinem Mitarbeiter Dr. Peter Salonikidis betrachtet Professor Diethelm Richter Markierungen von

molekularen Signalfaktoren in einer Zelle.


Gemeinsam stark – die Besten für Göttingen gewinnen

Das Zukunftskonzept der Georg-August-Universität hat

in der Exzellenzinitiative überzeugt

Der Göttinger Antrag in der Exzellenzinitiative eröffnet mit einem bemerkenswerten

Zitat, mit dem der Mathematiker Richard Courant 1972 die besondere

wissenschaftliche Atmosphäre seines Instituts in New York beschrieb: „It is

Göttingen. Göttingen is here.” Courant war überzeugt, dass er 1933 als jüdischer

Emigrant den Geist Göttingens als einzigartigen Ort wissenschaftlicher Arbeit

und Kommunikation in die USA hinübergerettet hatte. Dieses Zitat ist für die

Georg-August-Universität unter dem Motto „Göttingen Spirit“ in der Exzellenzinitiative

Anspruch und Ansporn zugleich geworden.

„Die Georgia Augusta mit ihrer Vielfalt der Geistes- und Naturwissenschaften

ist eine ehrwürdige Alma Mater und zugleich eine Universität der Zukunft“,

bringt es Professorin Dr. Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Goethe-

Instituts und Mitglied des Stiftungsrates der Universität Göt tingen, auf den

Punkt. Dieser Zukunft kann die Hochschule nun mit einer besonderen Auszeichnung

und rund 60 Millionen Euro zusätzlicher Förderung entgegen -

gehen: Im Oktober 2007 war sie mit ihrem Zukunftskonzept in der Exzellenzinitiative

erfolgreich. Damit gehört sie zu den bundesweit neun von den

Medien als „Eliteuniversitäten“ bezeichneten Hochschulen – die erste und

einzige in Niedersachsen. In ihrem Zukunftskonzept „Tradition – Innovation –

Autonomie“ setzt die Universität Göttingen auf ihre Stärken als Forschungsuniversität

mit großer Tradition und Fächervielfalt, auf die engen Verflechtungen

mit dem außeruniversitären Forschungsumfeld und auf ihre Autonomie

als Stiftungsuniversität. Das Zukunftskonzept ruht dabei auf vier Säulen,

die helfen sollen, die Spitzenforschung voranzutreiben.

Mit „Brain Gain“ sollen herausragende Nachwuchswissenschaftler für Göttingen

gewonnen werden; den besten von ihnen wird ein sicherer Karriereweg

eröffnet. Mit dem Baustein „Brain Sustain“ sollen etablierte Spitzenforscher

an der Universität Göttingen gehalten und langfristig gebunden werden. Das

LichtenbergKolleg fördert geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Forschung,

während mit „Göttingen International“ exzellente Studierende und

junge Wissenschaftler aus dem Ausland geworben werden. Das Konzept ist

personenorientiert, in seiner Ausgestaltung aber zugleich so ausgerichtet,

dass das wissenschaftliche Profil des Standorts Göttingen geschärft wird.

Eine zentrale Rolle im Zukunftskonzept kommt dem sehr gut vernetzten

Wissenschaftsstandort zu. „Die Universität Göttingen profitiert bereits seit

Jahren von einem ständig wachsenden institutionalisierten Netzwerk mit

außeruniversitären Forschungseinrichtungen vor Ort“, betont Professor

Dr. Kurt von Figura, Präsident der Universität Göttingen. Dazu gehören die

Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, das Deutsche Primatenzentrum,

„Wir sind Spitze!“ – Universitätspräsident

Professor Dr. Kurt von Figura (links) und der

niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz

Stratmann freuen sich am 19. Oktober 2007

über den Erfolg des Zukunftskonzepts der

Universität Göttingen in der Exzellenzinitia -

tive des Bundes und der Länder. Unter dem

Motto „Tradition – Innovation – Autonomie“

will die Hochschule die rund 60 Millionen

Euro zusätzliche Förderung nun einsetzen,

um den Wissenschaftsstandort Göttingen

weiter zu stärken.

Niedersächsisches Vorab 2008 53


54

Jubel gab es auch bei den Studierenden vor

der Aula der Göttinger Universität. Und die

Zukunft in Göttingen scheint für den wissenschaftlichen

Nachwuchs in der Tat rosig auszusehen:

Mit dem Projekt „Brain Gain“ will

die Universität herausragende Nachwuchswissenschaftler

fördern und ihnen einen

sicheren Karriereweg eröffnen. Ausgeschrieben

waren in einer ersten Bewerbungsrunde

18 Juniorprofessuren zum Aufbau unabhängiger

Nachwuchsforschergruppen – Hunderte

junger Forscher bewarben sich.

das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, die Max-Planck-Institute für

biophysikalische Chemie, für Dynamik und Selbst organisation, für Experimentelle

Medizin, für Son nensystemforschung und zur Erforschung multireligiöser

und multiethnischer Gesellschaften mit insgesamt 25 Abteilungen, das Laser-

Labo ratorium Göttingen sowie – etwas weiter entfernt – die Herzog August

Biblio thek Wolfenbüttel. Resultat sind unter anderem zahlreiche gemeinsame

Sonderforschungsbereiche, Graduiertenkollegs und Berufungen sowie

gemeinsam betriebene Infrastruktureinrichtungen.

In jüngerer Zeit hat die Universität diese Strategie konsequent ausgebaut und

quer zu den Fakultäten und Fächern größtenteils durch Drittmittel finanzierte,

gemeinsame Forschungszentren eingerichtet – zum Beispiel das „DFG-Forschungszentrum

Molekularphysiologie des Ge hirns“ oder das Exzellenzcluster

„Mikroskopie im Nanometerbereich“. Das European Neuroscience Institute (ENI-

G) ist eine beispielhafte Einrichtung, die von einer Universität gemeinsam mit

der Max-Planck-Gesellschaft betrieben wird. „Durch das Zusammenwachsen

mit unseren Partnern haben wir klare Vorteile im Wettbewerb um exzellente

Forscher und Forschungsgelder“, erläutert Professor von Figura. „Zudem setzen

wir bewusst auf die unter Umständen riskante, aber auch chancenreiche Förderung

von herausragenden Nachwuchswissenschaftlern.“

Hier setzt das Förderinstrument „Brain Gain“ an: Es sieht vor, Nachwuchs -

forschergruppen in fünf neu gegründeten, interdisziplinären Zentren – den

Courant-Forschungszentren – zu unterstützen. Die Courant-Zentren reprä -

sentieren je ein innovatives Forschungsgebiet, das in Göttingen von mehreren

etablierten Forschern mitgetragen wird. Das sind: „Nanospektroskopie und

Röntgenbildgebung“, „Strukturen höherer Ordnung in der Mathematik“,

„Geobiologie – Die Entwicklung frühen Lebens sowie Gesteins- und Mineralbildungsprozesse

unter dem Einfluss organischer Materie“, „Armut, Verteilungsgerechtigkeit

und Wachstum in den Entwicklungsländern: Statistische

Methoden und empirische Analysen“ sowie „Die Evolution des Sozialverhaltens:

Vergleichsstudien an mensch lichen und nicht menschlichen Primaten“.

In jedem Courant-Zentrum arbeiten drei bis vier Nachwuchsforschungsgruppen.

Deren Leiter erhalten eine Juniorprofessur, die in Abhängigkeit vom wissenschaftlichen

Erfolg in eine gesicherte Laufbahn an der Universität Göttingen

mündet. Die Berufungsverfahren für die Leiterpositionen stehen ein Jahr nach

Ablauf des Exzellenzwettbewerbs bereits kurz vor dem Ab schluss. „Mit dieser

außerordentlich schnellen Besetzung liegen wir bundesweit an der Spitze“,

sagt Universitäts-Vizepräsident Markus Hoppe, der die große Resonanz auf

die Ausschreibungen – vor allem auch von Wissenschaftlern aus dem Ausland

– hervorhebt.

Neben diesen Courant-Gruppen gibt es im Rahmen von Brain Gain zunächst

vier unabhängige Nachwuchsforschungsgruppen, die so genannten Free


Floater. Sie stehen in keinem thematischen Zusammenhang mit etablierten

Forschungsschwerpunkten oder mit der Entwicklungsplanung der Universität.

„Nach den Bewerbungsrunden steht fest, dass wir auch im Bereich der Free

Floater exzellente und kreative Forscher nach Göttingen holen konnten, deren

Fachgebiete von der Musik bis zur Medizin reichen“, führt Hoppe aus.

Ergänzend bietet das Zukunftskonzept mit „Brain Sustain“ einen Baustein, um

gute Wissenschaftler am Standort Göttingen zu halten: Starke Forschungsverbünde

und die Freistellung für Forschung sollen als Anreiz und als nachhaltiges

Mittel zur Bindung an den Standort dienen. Hierzu wurden drei neue Professuren

ge schaffen. Zudem haben exzellente Forscher die Möglichkeit, durch

eine Lehrstuhlvertretung für die Dauer von bis zu zwei Jahren von Lehr- und

administrativen Tätigkeiten freigestellt zu werden. Dies wiederum birgt zu -

gleich Entwicklungschancen für Nachwuchswissenschaftler.

Mit dem „LichtenbergKolleg“ schafft die Georg-August-Universität auch in den

Geistes- und Gesellschaftswissenschaften neue Räume für Forschungsverbünde.

Sitz des Kollegs ist die Historische Sternwarte – ein wissenschaftsgeschichtlich

bedeutendes Gebäude, das den ausgewählten Fellows in der Regel

zwölf Monate lang als Umgebung dient für konzentriertes Forschen, intensive

Diskussionen sowie fachliche und fächerübergreifende Zusammenarbeit. Dabei

haben die Fellows neben der Residenzpflicht kaum Verpflichtungen. Thematisch

liegen derzeit die größten Stärken und Potenziale in einem breiten Forschungsfeld

religions- und kulturwissenschaftlicher Projekte vom Altertum

bis zur Moderne in Verbindung mit sprach- und textgeschichtlichen Analysen.

Mit „Göttingen International“, dem vierten Element des Zukunftskonzepts,

wird die Anwerbung ausländischer Studierender verbessert und der Standort

Göttingen bekannter gemacht. Zudem zielt es darauf, Wissenschaftler aus dem

Ausland für Kooperationen mit Göttinger Kollegen und einen Forschungsaufenthalt

in der Hochschule zu gewinnen. Hierzu sind Auslands repräsentanzen

in Zusammenarbeit mit den je weiligen Alumni vor Ort geplant: an der Nanjing

University (China), in Seoul (Südkorea) und an der University of Pune (In dien).

Die Repräsentanzen arbeiten mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst

zusammen und informieren nicht nur über Göttingen, sondern auch

über die Ange bote der Hochschulen der Coimbra-Gruppe – eine Organisation

traditionsreicher, europä ischer Universitäten.

Ein knappes Jahr nach dem großen Jubel in Göttingen ist das Zukunftskonzept

bereits mit viel Leben gefüllt: „Wir sind fest entschlossen, unsere Chancen in

der Exzellenzinitiative zu nutzen und haben schon jetzt hervorragende Mitstreiter

auf diesem Weg gewinnen können“, zieht Göttingens Uni-Präsident

von Figura ein erstes Fazit.

Claudia Gerhardt

Gemeinsam aktiv für Göttingen – Universitätspräsident

Professor Dr. Kurt von Figura

wird umrahmt von zwei Forschern, die beide

die Geschicke der Graduiertenschule für Neurowissenschaften

und Molekulare Biowissenschaften

leiten: Professor Dr. Reinhard Jahn

vom Max-Planck-Institut für biophysikalische

Chemie in Göttingen (oben) und Dr. Steffen

Burkhardt, Programmkoordinator der beiden

Master-/PhD-Studiengänge Molecular Bio -

logy und Neurosciences.

Niedersächsisches Vorab 2008 55


Drittmittel für Niedersachsen

Die Förderlinie „Drittmittel für Niedersachsen“ zielt darauf, die Drittmittelfähigkeit

der niedersächsischen Hochschulen zu stärken, so dass sie sich in nationalen und

internationalen Wettbewerben noch besser behaupten können. In diesem Sinne

handelt es sich um „Ermöglichungsmittel“; es gilt, die Hochschulen bei der Antrags -

erarbeitung besonders in großen, strukturierten Programmen des Bundes, der Europäischen

Union (EU) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) substanziell

zu unterstützen.

Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen

war dabei in den vergangenen Jahren ausdrücklich ein Schwerpunkt der Förderung.

Beispielsweise über die Einrichtung von International Max Planck Research Schools,

Helmholtz-Allianzen oder Fraunhofer-Innovationsclustern wird die Starre der deutschen

Wissenschaftslandschaft aufgebrochen, und neue Kooperationsformen können

sich etablieren.

Im Rahmen der europäischen Forschungsförderung erhalten Koordinatorinnen

und Koordinatoren von EU-Projekten für die Vertragsverhandlungsphase mit der

Europäischen Kommission einen Personalkostenzuschuss. Damit wird der Mehraufwand

für solches Engagement ausgeglichen und zugleich ein Anreiz für die

niedersächsischen Hochschulen geschaffen, sich aktiv in Netzwerke einzubringen.

Nationale und internationale Projekte niedersächsischer Hochschulen und Forschungseinrichtungen,

die für das Land Niedersachsen von besonderem Interesse

sind, können darüber hinaus über eine Begleitfinanzierung unterstützt werden.


Wenn Visionen Wirklichkeit werden

Von Klangsuppen und Laser-Gewebe, mit den -

kender Technik und nachhaltiger Landwirtschaft


Um sich Handlungsspielräume für die Forschung zu verschaffen, ist die Einwerbung

von Drittmitteln für den heutigen Wissenschaftsbetrieb unerlässlich. Doch

gerade mutige und innovative Forschungsprojekte haben es nicht immer leicht.

Das Niedersächsische Vorab stellt daher Mittel bereit, um die Antragstellung

überhaupt zu ermöglichen, und bringt so Forschung mit Visionen auf den Weg

– beispielsweise im Bereich der Hörforschung, der regenerativen Medizin, der

Fertigungstechnik oder der Umweltforschung.

Professor Dr. Dr. Birger Kollmeier steht im Seminarraum im Souterrain des

Oldenburger „Haus des Hörens“. Ein moderner Raum mit einer Glasfront zum

Garten und einer verglasten Technikkabine gleich rechts neben dem Eingang,

blauer Teppichboden, warme Farben, viel Holz. Abgesehen von mehreren etwa

DIN A3 großen schwarzen Flachlautsprechern vor den Fenstern und Wänden

unterscheidet diesen Raum scheinbar nichts von anderen Seminarräumen –

bis Birger Kollmeier zu sprechen beginnt. „Wir befinden uns im Augenblick

akustisch in einem Konzertsaal“, hallt seine Stimme von den Wänden wider,

„und jetzt hören Sie genau hin.“ Ein Klick auf die Fernbedienung in seiner

Hand und plötzlich herrscht Stille. Der Raum scheint jeden Laut zu verschlucken,

und es ist noch ruhiger, als wenn Wattepfropfen den Gehörgang verstopfen.

Mit seiner Fernbedienung – und mit Unterstützung durch die Elektronik

im Kontrollraum – verwandelt sich der Raum von einer Sekunde auf

die andere von einem Klassenraum in eine Bahnhofshalle oder ein Caféhaus.

Dieser weltweit einmalige Kommunikations-Akustik-Simulator (KAS) ist mit

einer halben Million Euro aus Mitteln des Niedersächsischen Vorab finanziert

und ein wichtiger Sockel für Drittmittelprojekte, die etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft

(DFG) im heranwachsenden Hörschwerpunkt Oldenburg

fördert. Insofern wird es durch diese „Vorab“-Mittel oft erst möglich, erfolgreiche

Anträge bei anderen Mittelgebern zu stellen, denn häufig ist eine ausreichende

technische Grundausstattung Bedingung für eine Bewilligung.

Besser Hören mit dem Haus des Hörens

Eines dieser Projekte ist der Transregio-Sonderforschungsbereich (SFB) „Das

aktive Gehör“, der begleitend mit insgesamt rund 350.000 Euro aus dem Niedersächsischen

Vorab unterstützt wird. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

der Universitäten Oldenburg und Magdeburg sowie des Leibniz-Ins -

tituts für Neurobiologie in Magdeburg wollen in diesem Forschungsverbund

verstehen, wie unser Gehör in komplexer akustischer Umgebung funk tio niert:

Wir können auf einem Bahnsteig ein Gespräch führen, während Züge einfahren

und sich andere Menschen unterhalten. Kommt eine Durchsage zu unse-

Große Lauscher: Im Oldenburger „Haus des

Hörens“ werden nicht nur Hörversuche

durchgeführt; ein langfristiges Ziel der Forschungen

sind Hörgeräte ohne Störgeräusche.

Professor Dr. Dr. Birger Kollmeier (links)

vom Kompetenzzentrum HörTech und Professor

Dr. Georg Klump von der Universität

Oldenburg sorgen gemeinsam für rauscharme

Ergebnisse im Rahmen des Transregios

Das aktive Gehör“.

Behalten den Durchblick: Professor Dr. Teja

Tscharntke (mit Brille), Leiter des Sonderforschungsbereichs

„Stabilität von Randzonen

tropischer Regenwälder in Indonesien“ in

Göttingen, und seine Mitarbeiter Dr. Patrick

Höhn und Diplomvolkswirtin Melanie Grosse.

Gemein sam mit wei teren Partnern auch vor

Ort untersuchen sie, wie sich die äußeren Be -

reiche von Regenwäldern in Sulawesi durch

Landwirtschaft und Klimawandel verändern.

Niedersächsisches Vorab 2008 59


60

„Was haben Sie gesagt?“ In einer bundesweit

einmaligen Anlage im Oldenburger „Haus des

Hörens“ – dem Kommunikations-Akustik-

Simulator – werden Patienten mit verschiedenen

Geräuschkulissen konfrontiert. Bahnhofshalle,

Klassenzimmer oder Caféhaus: Die

Messungen im Kontrollraum zeigen, mit welchen

Störgeräuschen der Schwerhörige und

sein Hörgerät am besten zurechtkommen

(Bild oben). Für die Forschung testet Diplomphysiker

Mathias Dietz von der Universität

Oldenburg (Bild unten) die Fähigkeiten seines

Gehörs mit psychoakustischen Methoden.

Er versucht Wörter im Störschall herauszufiltern

und tippt ein erkanntes Wort auf

dem Touch-Screen an. So erkennen die Wissenschaftler,

wie unser Gehör in komplexer

akustischer Umgebung funktioniert.

rem Zug, schaltet das Gehör augenblicklich um und richtet sich auf die Töne

aus dem Lautsprecher – eine von vielen komplexen Hörsituationen, die sich

im KAS simulieren lassen. Das Ziel ist, „langfristig die Brücke zwischen dem

Verständnis dieser auditorischen Szenenanalyse unseres Gehörs und der

Anwendung zu schlagen“, erläutert Professor Dr. Georg Klump, Sprecher des

Transregio-SFB aus Oldenburg.

Anwendung heißt vor allem Hilfe für Schwerhörige; eine Gruppe, die in unserer

alternden Gesellschaft immer größer wird. Etwa 18 Prozent der Bevölkerung

sind betroffen, und von Menschen über 65 Jahre hat jeder Zweite einen behandlungsbedürftigen

Hörverlust. In einer immer älter werdenden Gesellschaft ist

es wichtig zu verstehen, was im Alter mit der Hörverarbeitung geschieht. Und

genau dort setzen die Oldenburger an. Sie lernen an Menschen, Vögeln und

Mäusen, wie unser Gehirn einem einzelnen Gesprächspartner in einer ganzen

Gruppe folgt, wie sich das Gehör im Raum orientiert, wie es bestimmte Geräusche

aus einer „Klangsuppe“ herausfiltert, wie es mit Nachhall und Störschall -

quellen umgeht und wo die Grenzen dieser Filterleistung liegen. „Dazu arbeiten

wir mit jungen und älteren Menschen, die entweder gut hören oder bereits

schwerhörig sind“, erklärt Klump. Vergleichbare Experimente führt er mit

Wüstenrennmäusen durch – auch hier arbeitet er mit jungen und betagten

Tieren. Da Rennmaus und Mensch das Gehörte sehr ähnlich verarbeiten, gibt

dann der Blick in die Gehirnstrukturen der Rennmäuse den Forschern Einsicht

in die Verarbeitungsmechanismen.

Während die Wissenschaftler um Georg Klump sich vorwiegend mit der Verhaltensphysiologie

beschäftigen, sind die Magdeburger Partner in diesem

Transregio-SFB unter anderem auf bildgebende Verfahren spezialisiert und

können den Prozess des Hörens in einem Kernspintomografen verfolgen.

Im Oldenburger „Haus des Hörens“ werden nicht nur die Hörversuche mit

menschlichen Versuchsteilnehmern durchgeführt, hier erfolgt auch der Brückenschlag

zur Anwendung. Mit mathematischen Modellen bilden die Oldenburger

Physiker das Hörsystem nach und nähern so die Technik der Natur an.

Das langfristige Ziel: die auditorische Szenenanalyse mit Hörgeräten nachformen

zu können.

Modernste Lasertechnik für neues Gewebe

Moderne Technologien mit Organsystemen zu verknüpfen, ist auch der Ansatz

eines weiteren Transregios aus dem Förderprogramm des Niedersächsischen

Vorab. Im Jahr 2007 konnte der Sonderforschungsbereich „Mikro- und Nanosysteme

in der Medizin-Rekonstruktion biologischer Funktionen“ mit über

einer Million Euro aus „Vorab“-Mitteln angeschoben werden. „Wir erproben

Querschnittstechnologien an beispielhaften Organen und übertragen dann

dieses Grundwissen auf andere Organsysteme oder Gewebe“, erklärt SFB-

Sprecher Professor Dr. Axel Haverich von der Medizinischen Hochschule Han-


nover (MHH) die Ausrichtung des interdisziplinär angelegten und institutionenübergreifenden

Projekts. Partner der MHH sind weitere Hochschulen in

Hannover, Aachen und Rostock mit den Bereichen Lasertechnik und Polymerchemie.

Auch in diesem Transregio spielt das Gehör eine wichtige Rolle. Ein Beispiel

sind Cochlea-Implantate: Sie eröffnen vielen Gehörlosen, deren Haarzellen

im Innenohr den Schall nicht mehr in elektrische Signale verwandeln, die

Welt der Hörenden; die erforderlichen Eingriffe sind inzwischen ärztliche

Routine. Bei einem solchen Implantat übertragen in die Hörschnecke eingeführte

Elektroden elektrische Signale an den Hörnerv. Ein Sprachprozessor

nimmt akustische Signale aus der Umwelt auf und verwandelt sie in elektrische

Impulse. Diese werden direkt an den Hörnerv weitergegeben. Dadurch

entsteht beim Patienten ein akustischer Eindruck, der jedoch nur wenig Ähnlichkeit

mit normalem Hören hat – die Patienten müssen das Hören regelrecht

neu lernen.

Mit verbesserten Technologien wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

nun eine Ebene höher ansetzen. Statt den Hörnerv mit Signalen

aus dem Sprachprozessor zu reizen, rekonstruieren sie die Funktion der Haarzellen,

die normalerweise für die Übertragung des Schalls in elektrische Im -

pulse zuständig sind. So sollen die Signale für den Hörnerv wieder möglichst

natürlich werden. Die Haarzellen regt dann ein implantierter Laser an – ein

völlig neues Konzept, das erst durch modernste Lasertechnologie in den Fo -

kus der Medizin rücken konnte. Der Forscher ist vorsichtig optimistisch: „Die

technischen Voraussetzungen auf der Laserseite, um auf Mikro- und Nanoebene

zu agieren, sind noch nicht sehr lange gegeben. Und auch von der medi -

zi nischen Seite nähern wir uns erst seit kurzem dem Nanobereich“, betont

Axel Haverich.

Vorsicht – kalt! Diplombiologe Michael

Pflaum taut gerade tiefgekühlte Zellen für

einen Bioverträglichkeitstest auf. Diese Tests

sind notwendig, um die Verträglichkeit von

Gefäßimplantaten beurteilen zu können;

denn solche Produkte sind Fremdkörper im

Organismus, die dort Entzündungen auslösen

können. Daher arbeitet das Team um Professor

Dr. Axel Haverich an der Medizinischen

Hochschule Hannover daran, dass die Anheftung

von Bakterien an Implantate erschwert

oder ganz verhindert wird.

Niedersächsisches Vorab 2008 61


62

Präzisionsarbeit auf den Nanometer genau:

Die Projektmitarbeiterinnen im Sonderforschungsbereich

„Mikro- und Nanosysteme

in der Medizin-Rekonstruktion biologischer

Funktionen“ Wibke Neumann und Annemarie

Beck (von links) fertigen am Schneidegerät

extrem dünne Schnitte eines Kunstharzes

an. In dieses Trägermaterial sind mit Stents

versehene Koronar-, also bestimmte Blutgefäße

des Schweins eingelagert. Anschließend

können die entstandenen Schnitte gefärbt

und die Gewebe genau untersucht werden.

So ermöglichen spezielle Lasertechniken nicht nur, einzelne Zellen anzuregen,

sondern auch Oberflächen im Nanomaßstab zu strukturieren. Mit dieser

Technologie möchten die Wissenschaftler das grundsätzliche Problem von

Implantaten lösen: deren Unverträglichkeit im Organismus. Ob strukturierte

Lichtleiter aus neuartigen Polymeren, die die Haarzellen der Cochlea anregen

sollen, oder die „Massenware“ Gefäß-Stents – sie alle sind Fremdkörper, an

die sich Bakterien anlagern können. So kommt es womöglich zu Entzündungen,

die das Immunsystem herausfordern. Stents sind winzige Röhrchen, die

die Gefäße stützen und durchgängig halten sollen. Ihr Haupteinsatzgebiet

sind Verengungen von Blutgefäßen. Zwanzig Prozent der Gefäßimplantate

verschließen sich jedoch nach kurzer Zeit wieder. „Wir versuchen über Lasertechnologie

die Oberflächen so zu strukturieren, dass sie einerseits das Einwachsen

in das Gefäß erleichtern, andererseits aber die Anheftung von

Bakterien verhindern“, sagt Axel Haverich.

Zudem wollen die Forscher ganze Gewebe regelrecht „drucken“. Dazu positionieren

sie einzelne lebende Lungengewebszellen in einer biologisch abbauba -

ren Matrix, so dass sie wie in einer Lunge angeordnet sind. Im nächsten Schritt

kommen biologisch wirksame Moleküle hinzu, die aus dem geordneten Zellkonstrukt

ein lebendes Gewebe entstehen lassen. Aber auch für diesen Projektteil

gilt: Die Lunge ist nur ein Modellsystem, an dem Rekonstruktionstechniken

entwickelt werden sollen. „Wenn es uns gelingt, Gewebe mithilfe von Lasertechnik

herzustellen, wäre damit ein Bann gebrochen – und es wäre ein Mei -

lenstein für die Produktion bioartifizieller Organe“, unterstreicht Trans regio-

Sprecher Axel Haverich, der ebenfalls Koordinator des Exzellenzclusters REBIRTH

ist. Diese enge Verbindung illustriert zugleich, dass sich im Bereich der regenerativen

Medizintechnik ein herausragendes, forschungsstarkes niedersächsisches

Netzwerk etabliert hat (vgl. Beitrag zur Exzellenzinitiative auf den

Seiten 46 ff).

Die Aufgaben, die auf Laser in der Medizin-Rekonstruktion warten, scheinen

fast endlos. Selbst beim gezielten Gentransfer sehen die Forscher künftig

sinnvolle Einsatzmöglichkeiten. Mit neuen Methoden der Laserzellchirurgie

sollen Zellkerne aus Zellen innerhalb und außerhalb von Geweben entfernt

und auch wieder neue Kerne eingebracht werden – völlig neue Perspektiven

für die Gentherapie in einem jungen Transregio, der voller Visionen für die

Medizin steckt.

Intelligente technische Systeme

Nutzen die dargestellten Projekte neue technische Möglichkeiten und die Welt

der Mathematik, um das Leben zu verbessern, so dreht ein weiterer Sonderforschungsbereich,

der über das Niedersächsische Vorab mit fast einer Million

Euro unterstützt wird, dieses Prinzip um: Nicht „Technologie für die Natur“,

sondern „natürliche Prinzipien für die Technologie“ könnte man hier als


Schlagzeile formulieren. „Gentelligente Bauteile in Lebenszyklen – Nutzung

vererbbarer bauteilinhärenter Informationen in der Produktionstechnik“

lautet der Titel des in Hannover beheimateten SFB. „Gentelligent ist unsere

eigene Wortschöpfung“, sagt Professor Dr.-Ing. Berend Denkena vom Produktionstechnischen

Zentrum Hannover in Garbsen. „Sie besteht aus den Worten

Genetik und Intelligenz. Unser Ziel ist es, Prinzipien der Biologie für technische

Systeme der Zukunft zu nutzen.“ Für die beteiligten Wissenschaftler ist klar:

Forschung im Bereich der Fertigungstechnik muss dabei in besonderem Maße

den Bezug zur Praxis suchen. Dass die Brücken zur industriellen Anwendung

geschlagen werden, dafür sorgt auch die Einbindung zahlreicher Partner aus

der Industrie – ein besonderes Kennzeichen dieses SFB. Und natürlich ist mitdenkende

Technik nicht zuletzt ein Dienst an den Bedürfnissen der praktisch

tätigen Ingenieure.

Die Intelligenz steckt dabei etwa im Material. Das bedeutet: Über Änderungen

im Materialgefüge von Stahl speichert das Bauteil Informationen über

seine Belastung. Mit jedem Einsatz, jeder zu starken Belastung verändert

sich der Martensitgehalt – eine besondere Materialgefügeform innerhalb

des Stahls – und kann abgelesen werden wie ein Belastungstagebuch. Wäre

es nicht praktisch, die Geschichte etwa eines Fräskopfes oder eines Querlenkers

in einem Auto direkt auf das Bauteil zu schreiben? Konstruktionsdaten,

Belastungsinformationen, Alter und Einsatzgebiete – solche Informationen

sollten – nach Meinung von Berend Denkena und seinen Mitstreitern – Ma -

schinenbauteile mit sich tragen wie eine Körperzelle ihren genetischen Code.

Auf diese Weise können sie ihr Lebenswissen an neue Bauteilgenera tionen

weitergeben. Hierin steckt der „genetische Teil“ der „Gentelligenz“.

Um dies zu erreichen, arbeitet das Forscherteam beispielsweise an Oberflächenmarkierungen.

Sie ritzen Muster in die Oberfläche eines Materials, die

Ähnlichkeit mit den Rillen einer Schallplatte haben und die sie selbst dann

noch auslesen können, wenn die Oberfläche zu zwei Dritteln zerstört ist. „In

einem anderen Teilprojekt entwickeln wir magnetische Magnesiumlegierungen,

die wir gezielt durch Ummagnetisierungen mit Informationen beschreiben

können“, erklärt Berend Denkena. Das entspricht dem Prinzip der Festplatten

im Computer – nur, dass die Informationen auf dem Fräskopf einen

robusteren Umgang vertragen müssen. So bleibt die Information dort, wo sie

am besten aufgehoben ist: am Bauteil.

Diese Informationssammlung, wie auch immer sie gespeichert werden wird,

ist die Basis für die Vererbung an die nächste Generation. Auf ihrer Basis lassen

sich zu groß dimensionierte Wellen oder zu anfällige Fräsköpfe optimieren.

Das ist eine Informationsbereitstellung aus dem Lebenszyklus von Maschinen,

die es bisher noch nicht gibt“, fasst Berend Denkena zusammen. „Und

genau dort wollen wir hin.“

Jo Schilling

Brainstorming für intelligente Bauteile –

sie konstruieren erst einmal im Kopf, was sie

später in der Produktionstechnik verwirklichen

möchten: die Professoren Dr.-Ing. Friedrich-

Wilhelm Bach, Dr.-Ing. Berend Denkena, Dr.-

Ing. Bernd-Arno Behrens und Dr.-Ing. Ludger

Overmeyer (von links). Im Sonderforschungsbereich

„Gentelligente Bauteile in Lebenszyklen“

am Produktionstechnischen Zentrum

Hannover arbeiten sie gemeinsam daran,

Maschinenbauteilen ihre Geschichte direkt

ins Material zu schreiben.

Niedersächsisches Vorab 2008 63


64

Der Mensch, das Klima und der Regenwald

Regenwälder sind die Lunge unserer Erde. Ein großer

Teil dieser Lunge atmet in Südostasien. Ein interdisziplinäres

und internationales Wissenschaftlerteam

der Universität Göttingen erforscht seit dem Jahr

2000 die „Stabilität von Randzonen tropischer Regenwälder

in Indonesien“ – so der Name des Sonderforschungsbereiches

(SFB) der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Doch um den SFB zum Laufen zu

bringen, mussten Labore in Indonesien gebaut, Fahrzeuge

und Notstromaggregate angeschafft werden.

Die entsprechende Starthilfe leistete das Niedersächsische

Vorab, das inzwischen über 450.000 Euro für

das Projekt bereitgestellt hat. Jo Schilling sprach mit

Projektleiter Professor Dr. Teja Tscharntke.

Warum forschen niedersächsische Wissenschaftler

im indonesischen Regenwald?

Ein Grund ist die faszinierende Artenvielfalt in

Regenwäldern, ein anderer das Interesse, diese

Vielfalt zu schützen. Wir haben in den Randgebieten

des Lore-Lindu-Nationalparks in Sulawesi nicht

nur nahezu unerforschtes Gebiet betreten; der

ostasiatische Raum hat im Vergleich zu Afrika,

Lateinamerika und Australien auch die größte

Ab holzungsrate und ist besonders gefährdet. In

In donesien ist der Holzexport der zweitwichtigste

Devisenbringer. Zudem hat der Ölpalmenanbau

massiv zugenommen, da die Nachfrage nach regenerativen

Energiequellen weltweit steigt. Diese

Faktoren und der Kakaoanbau vernichten knapp ein

Prozent der Regenwaldfläche pro Jahr. In den letzten

fünfzig Jahren hat Indonesien 40 Prozent sei ner

Waldfläche verloren – das sind 64 Millionen Hektar.

Weshalb sind die Randzonen dieses geschützten

Nationalparks so wichtig?

Man muss sich vor Augen führen, dass ein Regenwald

wie in Sulawesi eine sehr hohe Artendichte

hat, aber stark bedroht ist – trotz des Status als

Nationalpark. Dies gilt besonders im Randbereich,

da dort der Bevölkerungsdruck hoch ist und die

Menschen in den Wald eindringen und ihn abholzen.

Natürlich illegal: Korruption und Vetternwirtschaft

spielen in Indonesien – wie in vielen tropischen

Ländern – eine große Rolle. Insofern ist das,

was unkontrolliert im Randbereich des Regenwaldes

geschieht, entscheidend für die Erhal tung oder

eben Nichterhaltung des Nationalparks.

Anhand welcher Faktoren erforschen Sie die Veränderungsprozesse

im Nationalpark?

Wir untersuchen zum einen die Ursachen und Folgen

der landwirtschaftlichen Nutzung der Randzonen,

also der Umwandlung von natürlichen in

genutzte Lebensräume, die zu einer Reduzierung

der Komplexität dieser Ökosysteme führt. Der

zweite Schwerpunkt sind die Auswirkungen des

Klimawandels.

Forschung im Feld und an der Uni: Mitarbeiter des Sonderforschungsbereichs „Stabilität von Randzonen tropischer Regenwälder in

Indonesien“ haben mit Plastik bezogene Bambus-Paneele errichtet, die den Regen auffangen und in Rinnen aus den Experimental -

flächen hinausleiten (S. 64 links). Auf diese Weise simulieren sie Trockenperioden. Die Auswirkungen messen sie mit speziellen Sensoren

im Holz ausgewählter Bäume, die kontinuierlich den von den Wurzeln zu den Blättern aufsteigenden Saftfluss im Stamm erfassen


Wie sieht diese landwirtschaftliche Nutzung aus?

Kakao ist in dieser Region ein besonders wichtiger

Rohstoff. Die traditionelle Bewirtschaftung be -

inhaltet die Holzproduktion beim Auslichten des

Regenwaldes und das anschließende Unterpflanzen

hoher, alter Schattenbäume mit Kakaopflanzen.

Die Landschaft bleibt dabei noch sehr waldähnlich.

Ein Trend geht jedoch dahin, diese sogenannten

Agroforst-Systeme immer einfacher zu gestalten

und die Nutzung zu intensivieren. Statt viele

Schattenbaumarten aus dem Bestand zu erhalten

und mit Kakao zu unterpflanzen, werden wenige

neue Schattenbäume gepflanzt und viele Kulturpflanzen

gesetzt. Das hat massive Auswirkungen

auf die Artenvielfalt und damit auf den Schädlingsbefall,

die Bestäubung der Kulturpflanzen,

die Wasserversorgung und die Bodenerosion.

Landwirtschaft wird von Menschen gemacht …

Ja, nicht zuletzt deshalb ist unser Vorhaben interdisziplinär

angelegt. Sowohl sozioökonomische als

auch naturwissenschaftliche Gruppen sind eingebunden.

Insgesamt arbeiten über hundert Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler an dem

Projekt. Wir untersuchen die Zusammensetzung

der Haushalte und der Dörfer, um herauszufinden,

welche Strukturen dazu angetan sind, den Wald

zu schützen. Und wir entwickeln mathematische

Modelle und Konzepte zur Landnutzung, um zu

simulieren, was passiert, wenn der Waldanteil

weiter schwindet. Die Ergebnisse werden auch

zeigen, welche Konsequenzen dies für die Bauern

hat. Dabei spielen unsere Kooperationen mit den

Universitäten von Palu und Bogor eine besonders

wichtige Rolle. An unserer Arbeit vor Ort sind

viele indonesische Doktoranden und Master -

studenten beteiligt.

Und wie untersuchen Sie die Folgen des

Klimawandels?

Wir führen ein groß angelegtes Austrocknungs -

experiment durch. Durch den Klimawandel verändern

sich die Regenfallmuster deutlich – es kommt

zu extremen Trockenheitseffekten durch das El

Niño-/Southern Oscillation-Phänomen, das durch

ozeanisch-atmosphärische Strömungen bedingt

ist. Diesen Effekt wollen wir experimentell untersuchen

und haben hierzu sowohl im Regenwald

als auch im Agroforst-System riesige, drei Meter

hohe Dächer aus Bambus und Plastikplanen aufgebaut.

So lässt sich der Regeneinfall in den Experimentalzonen

verringern. Wichtig für das Experiment

ist, so lange zu warten, bis so deutliche

Trockenheitseffekte auftreten, wie sie auch in

Zukunft stärker zu erwarten sind. Wir hoffen,

damit einen Beitrag zur aktuellen Diskussion um

den globalen Klimawandel und seine Folgen leisten

zu können.

(S. 64 rechts). Vor und während des Austrocknungsexperimentes im Regenwald nehmen Bodenkundler – wie hier Mitarbeiter Oliver

van Straaten – Bodenproben und installieren Messgeräte bis zu einer Tiefe von drei Metern (S. 65 links). Und auch in Göttingen geht die

Forschung weiter: Melanie Grosse, Professor Dr. Teja Tscharntke und Dr. Patrick Höhn mit einigen „Mitbringseln“. Die Veränderungen im

Regenwald wirken sich auch auf die Insektenvielfalt und somit das gesamte Ökosystem aus.

Niedersächsisches Vorab 2008 65


Forschungskooperation Niedersachsen und Israel

Seit 1977 werden im Rahmen des Niedersächsischen Vorab Gemeinschaftsprojekte

niedersächsischer Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit Kollegen

in Israel gefördert. Die Förderrichtlinien wurden dabei immer wieder angepasst

– heute werden Projekte von zwei- bis dreijähriger Dauer mit engen Kooperationsstrukturen

unterstützt. Im Fokus stehen dabei weiterhin die Hebrew University in

Jerusalem und das Israel Institute of Technology (Technion) in Haifa.

Dass die Schwerpunkte in den Projekten vor allem in den Naturwissenschaften,

den Lebens- und Technikwissenschaften liegen, hat weniger mit der Ausrichtung

des Programms zu tun, denn dieses ist für alle Wissenschaften offen und fordert

Geistes- und Sozialwissenschaftler sogar ausdrücklich zur Bewerbung auf. Der

Grund liegt eher in der Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen, die in

den einzelnen Wissenschaftsbereichen mit unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichen

Belastungen präsent ist.

Bis Mitte 2008 wurden 299 Gemeinschaftsprojekte mit rund 29 Millionen Euro

unterstützt; jeweils die Hälfte der Mittel gehen an die niedersächsischen und die

israelischen Partner. Für die Förderung im Rahmen jährlicher Ausschreibungen

stehen höchste wissenschaftliche Qualität und eine wirkungsvolle Unterstützung

des wissenschaftlichen Nachwuchses im Vordergrund (mehr dazu auf www.mwk.

niedersachsen.de).


Brücke der Verständigung

30 Jahre wissenschaftliche Zusammenarbeit

zwischen Niedersachsen und Israel


Die Förderlinie „Forschungskooperation Niedersachsen und Israel“ im Niedersächsischen

Vorab liegt jenseits eingeschliffener Forschungsroutinen. Seit 1977

arbeiten „High Potentials“ beider Länder in wissenschaftlich und zwischenmenschlich

nachhaltigen Kooperationen, deren wachsendes Netz sich auch als Symbol

deutsch-israelischer Verständigung lesen lässt. Denn jedes Projekt stellt ein Stück

Normalität in der besonderen Beziehung beider Länder her.

Manchmal zeigt ein Foto (siehe rechts) auf einen Blick, was Worte nur um -

schreiben können: Zu sehen sind fünf Frauen und ein Mann, die in gelassener

Vertrautheit aufmerksam in die Kamera lächeln. Bunt, unkonventionell und

zwanglos wirkt das Team des im Jahre 2006 angelaufenen Projekts „Perspec -

tives on Cultural Studies“ der Georg-August-Universität Göttingen und der

Hebrew University in Jerusalem. Unter ihnen die Initiatorinnen des Projekts,

die Professorinnen Dr. Regina Bendix aus Göttingen und Galit Hasan-Rokem,

PhD., aus Jerusalem. Aufgenommen wurde das Gruppenbild während eines

Workshops in Jerusalem. Die sechs sind Fachkolleginnen und -kollegen aus

dem Bereich „Volkskunde“.

Seit dem Zweiten Weltkrieg trägt das Fach jedoch viele Namen. In Deutschland

heißt es meist „Europäische Ethnologie“; in Israel dagegen läuft es unter

„Folkloristik“. Diese Namensvielfalt lässt die Verwicklungen der Disziplin in

politische und gesellschaftliche Prozesse erahnen. Kritische Selbstreflexion

der eigenen Wissenschaft ist daher auch ein Grundanliegen des Teams, das

sein Projekt „GERIL“ nennt – ein Akronym aus GERmany und IsraeL.

Immer wieder öffnet niedersächsisch-israelische Forschung der wissenschaftlichen

Selbstreflexion neue Perspektiven. Doch das GERIL-Team nutzt

diese Chance in besonderer Weise. Absolut neu für das Fach ist der vergleichende

Ansatz. Zum ersten Mal überhaupt wird mit diesem Projekt die Frage

der komplexen Wechselbeziehungen zwischen „Volkskunde“, Politik und

Gesellschaft komparativ am Beispiel zweier Staaten – Israel und DDR – untersucht.

„Um diesen Vergleich zu meistern, haben wir eine intensive Kommu -

nikationsstruktur aufgebaut“, erzählt Regina Bendix. „Wir organisieren Workshops,

die sehr produktiv sind, denn in der persönlichen Atmosphäre können

auch originelle Ansätze und Ideen diskutiert werden.“

Zudem trifft sich das Team virtuell. „Für den regelmäßigen Austausch haben

wir eine interne Plattform im Internet eingerichtet“, erläutert die Göttinger

Professorin. Bei den Treffs diskutiert die grenzüberschreitende Runde beispielsweise

Veröffentlichungen, deren Kenntnis sie als gemeinsames Basiswissen

festgelegt hat. „Davon profitieren vor allem die jungen Forscher.“

In Israel nennen sie sich „Folkloristen“, in

Deutschland „Europäische Ethnologen“. Doch

der unterschiedliche Name ist kein Nachteil

für eine fruchtbare Zusam menarbeit im

Bereich der „Volkskunde“. Im Gegenteil. Das

deutsch-israelische Team der Universität Göttingen

und der Hebrew University in Jerusalem

profitiert von den unterschiedlichen Perspektiven

(von links): Dani Schrire M. A.,

Margret Klose, Vered Madar, die beiden Professorinnen

Dr. Galit Hasan-Rokem und

Dr. Regina Bendix sowie Teresa Brinkel M. A.

Sie hören auf Geschichten und rekonstruieren

daraus Geschichte: Professorin Dr. Regina

Bendix vom Institut für Kulturanthropologie

der Universität Göttingen (von links) und ihre

Kolleginnen Margret Klose und Teresa Brinkel

M. A. Die Wissenschaftlerinnen untersuchen

die komplexen Beziehungen zwischen Volkskunde,

Politik und Gesellschaft.

Niedersächsisches Vorab 2008 69


70

In Workshops informieren die Wissenschaftlerinnen

des deutsch-israelischen Vorhabens

über ihr Projekt „GERIL“; hier (im Bild unten

von links) die Professorinnen Dr. Regina Bendix

und Dr. Galit Hasan-Rokem sowie Vered

Madar. Für regen Gedankenaustausch sorgen

dabei auch Wissenschaftler „von außen“ – wie

Dr. Hermann Bausinger, emeritierter Professor

für Volkskunde in Tübingen (Bild oben).

Nicht zuletzt mit Blick auf den Nachwuchs lädt sie zu den Workshops zusätzlich

fachfremde Wissenschaftler ein. „Das Feedback aus interdisziplinärer Sicht

erleichtert es, die eigene Arbeit zu verorten“, weiß Bendix aus Erfahrung.

„Verorten“ – das ist gleichsam eine Chiffre für dieses Forschungsprojekt, das

die Identitätsfindung in zwei jungen Staaten nachzeichnet, die aus der Asche

des Zweiten Weltkriegs entstanden sind. „In beiden Ländern gab es viele enthusiastische

Wissenschaftler“, schildert Bendix. „Begeistert von der Idee eines

sozialistischen Staates kehrten auch einige der geflüchteten Volkskundler in

die DDR zurück – so wie Idealisten nach Israel auswanderten, um beim Aufbau

zu helfen.“

In beiden Staaten wurden sie zu Deutungshelfern einer neuen gesellschaftlichen

Identität. Und hier wie dort färbten sie den modernen Staat romantisch

ein – so beispielsweise Wolfgang Steinitz, der 1933 aus der Berliner Universität

entlassen wurde und in die Sowjetunion immigrierte. Voller Hoffnung und

Sehnsucht nach dem „guten Deutschland“ versuchte er nach Kriegsende, in

der DDR altes Brauchtum zum Leitbild einer neuen Mentalität zu modellieren.

„Konstruierte Kontinuität“ nennt dies Teresa Brinkel, Doktorandin und Projektmitarbeiterin

in Göttingen. So sollten etwa „Maibaum, Lichterbaum oder

Erntekränze der Lebensfreude der werktätigen Menschen Ausdruck geben“.

Mit diesem „idealistischen Bild einer authentischen Volkskultur“, erklärt Brinkel,

„ergänzte Steinitz die sozialistische Ideologie.“

Ähnlich wie die wissenschaftliche Leistung von Wolfgang Steinitz oszillierte

auch jene von Raphael Patai in Israel zwischen Sachlichkeit und Ideologie.

Der ungarisch-jüdische Ethnograf und Anthropologe wanderte 1933 nach

Palästina aus und lehrte lange Jahre an der Hebrew University, bevor er sich

zu Beginn der 1950er Jahre in den USA niederließ. Dani Schrire, Doktorand an

der Hebrew University, analysiert Patais verwickelte wissenschaftliche Beziehungen

– etwa zu Max Grunwald, dem Gründer der „Gesellschaft für Jüdische

Volkskunde“, oder zu orthodoxen Rabbi und modernen Zionisten. Beide, Patai

und Steinitz, agierten auf der Bühne ihrer jungen Staaten als Mitgestalter der

Wissenskultur – und zugleich als politische Schachfiguren. Diese Doppelrolle

hat Tradition, seit die Volkskunde mit ihren Laiensammlern akademisiert

worden ist. „Bereits im 18. Jahrhundert trugen Volkskundler durch ihre Samm -

lungen von Erzählungen, Sprichwörtern oder materiellen Kulturgütern wie

Trachten dazu bei, nationale oder ethnische Identitäten zu belegen“, führt

Regina Bendix aus.

Ebenso kreativ wie der vergleichende Ansatz sind die Methoden des GERIL-

Teams – etwa die Oral-History-Technik, mit der aus Erfahrungsberichten Ge -

schichte rekonstruiert wird. Akribische Fallstudien wiederum veranschaulichen

das Leben der einstigen Akteure, bringen Licht in deren Selbstverständ nis,

Netzwerke oder Konfliktquellen. Und immer wieder führt die Vergangenheit

Regie: Verfolgung, Flucht, Holocaust. In welcher Weise besonders der Zweite


Weltkrieg und die jüdischen Wissenschaftler bei den Staatsgründungen eine

Rolle spielten, lässt sich im Rahmen dieses Projekts nur unzureichend ergründen.

„Wir haben deshalb Folgeanträge bei der German-Israeli Foundation

gestellt“, berichtet Teamleiterin Bendix.

Auch in dieser Hinsicht ist das Vor haben paradigmatisch für das niedersächsisch-israelische

Programm, das ex plizit sogenanntes Seed Money – eine

Anschubfinanzierung – zur Verfügung stellt. Die geförderten Projekte sollen

Früchte tragen und Anreiz für weitere Studien schaffen. Die Unterstützung

mit rund 150.000 Euro aus dem Niedersächsischen Vorab hat demnach ihr

Ziel erreicht: Die GERIL-Forschung steht in voller Blüte.

Verständigung im Fokus

Geburtshelfer des kulturverbindenden Programms im Niedersächsischen

Vorab war Eduard Pestel (1914-1988), Professor für Mechanik an der Universität

Hannover, Mitbegründer des Club of Rome und für vier Jahre Niedersächsischer

Wissenschaftsminister. Lange vor seinem Amtsantritt 1977 pflegte

Pestel bereits enge Kontakte zu israelischen Kollegen am Technion, der im

Jahr 1925 eingeweihten Technischen Hochschule in Haifa, die ein Symbol der

damals engen Beziehungen zu Deutschland war. Viele der ersten Technion-

Professoren kamen aus Deutschland; sie plädierten auch dafür, Deutsch –

damals die Lingua Franca der Wissenschaft – dort als offizielle Unterrichtssprache

einzuführen. Und bereits 1923 wurde in Deutschland ein „Fanclub“

des Technion gegründet, das „Deutsche Komitee für das Technische Institut

in Haifa” mit Albert Einstein als Vorsitzendem.

An diese Vergangenheit knüpfte Eduard Pestel an. Fünf Jahre nachdem das

Koope rationsprogramm etabliert war, gründete er im Jahr 1982 in Hannover

die „Deut sche Technion-Gesellschaft“ neu. Durch diese von der Wissenschaftler-Persönlichkeit

Pestel geprägte Zusammenarbeit wurden zu Beginn des

Förderprogramms vor allem technische und naturwissenschaftliche Projekte

finanziert. Daraus entwickelte sich eine nachhaltige Dynamik, die immer

neue Disziplinen oder Spezialgebiete hervorbrachte. Im Zwischenreich der

klassischen Mechanik und der Quantenmechanik beispielsweise forschen

seit Jahrzehnten Theoretiker der physikalischen Chemie am Technion und

an der Univer sität Göttingen gemeinsam – auch mit Mitteln des Niedersächsischen

Vorab.

Durch die nunmehr über 30-jährige Zusammenarbeit zwischen Niedersachsen

und Israel hat sich eine einzigartige Forschungsallianz entwickelt, die

auch zur Metapher gemeinsamer Vergangenheit werden kann. Zum Beispiel

wenn Gartenarchitekten und Historiker des Technion in Haifa und der Leibniz

Universität Hannover gemeinsam die Chronik der israelitischen Gartenbauschule

Ahlem bei Hannover schreiben.

Eine besondere Forschungsallianz zwischen

Niedersachsen und Israel: Gartenarchitekten

und Historiker des Technion in Haifa und

der Leibniz Universität Hannover schreiben

gemeinsam die Chronik der israelitischen

Gartenbauschule Ahlem in Hannover. 1893

zum Wohle der Juden gegründet, wurde sie

1941 zum Sammelplatz für Deportationen.

Eine Postkarte von 1900 (Bild oben) zeigt die

Gebäude in stilisierter Form, auf dem unteren

Bild ist das 1937 errichtete Wirtschaftsgebäude

zu sehen und das dahinter liegende

Direktorenhaus, in dem heute eine Gedenkstätte

untergebracht ist.

Niedersächsisches Vorab 2008 71


72

Gegründet im Jahr 1893 von dem Bankier Moritz Simon war es Ziel dieser

Schule, die jüdische Bevölkerung zum Wohle Deutschlands auch an Berufe

heranzuführen, die Juden vordem verwehrt waren. 1941 zerbrach die Vision.

Ahlem wurde zum Sammelplatz für Deportationen. Doch aus Simons Traum

wurde eine neue Wirklichkeit: Geflüchtete Schüler trugen ihr Wissen in

andere Länder – und bescherten Ahlem in der Gartenarchitektur weltweit

einen guten Ruf.

Heute profitiert eine große Fächerpalette aller Disziplinen von dem niedersächsisch-israelischen

Förderangebot. Und mit der Beteiligung Israels am

Europäischen Forschungsrahmenprogramm gewinnt die „Vorab“-Förderung

weiter an Bedeutung. Sie kann Projekte anschieben, an die Wissenschaftler

auf europäischer Ebene anknüpfen können – wie zum Beispiel im Bereich

der traditionell engen und exzellenten Kooperation zwischen israelischen

und niedersächsischen Biologen.

Mikrobielles Leben in den Ozeanen

Mit den Lebenswissenschaften gewinnen biowissenschaftliche Projekte insgesamt

an Boden. So werden seit den 1980er Jahren aus Mitteln des niedersächsisch-isrealischen

Programms auch die ersten Kurse am Marine Biology

Laboratory in Eilat gefördert. Inzwischen hat sich im Bereich der marinen

Mikrobiologie eine vielschichtige, interdisziplinäre Zusammenarbeit mit

israelischen Forschern entwickelt, die weltweit Renommee genießt. Beispielhaft

dafür ist die Kooperation von Professor Oded Beja, PhD., vom Department

of Biology des Technion in Haifa und Professor Dr. Meinhard Simon sowie Dr.

Thorsten Brinkhoff vom Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM)

Mikroben aus den Weltmeeren herausfischen: Doktorand Roy Feingersch

nimmt Proben im Mittelmeer. In einem deutsch-israelischen

Verbundprojekt erforscht er mit Kollegen marine Bakteriengemeinschaften.

Wissenschaftler der Universität Oldenburg und des Technion

in Haifa nutzen die neuesten Methoden der Genetik, um den winzigen

Lebewesen und ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen.


der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Gemeinsam initiierten sie das

Projekt „Metagenomics and Environmental Genomics of Uncultured Photosynthetic

and Non-Photosynthetic Marine Roseobacter“, das zum erweiterten

Verständnis des mikrobiellen Lebens in den Weltmeeren beitragen soll.

Oded Beja, Spezialist in Umweltgenomik, lächelt: „Von dem Joint Venture

profitieren auch wir, besitzen doch unsere Oldenburger Partner einmaliges

Wissen über die Roseobacter-Gruppe, einer wichtigen Komponente mariner

Bakteriengemeinschaften.“ Das wissenschaftliche Konzept des ICBM gründet

auf der Erkenntnis, dass solche umfassenden Systeme wie etwa marine Bakteriengemeinschaften

nur mit interdisziplinären Methoden und in breiter

Perspektive erfolgreich erforscht werden können. Entsprechend arbeiten am

ICBM neben Chemikern und Biologen auch Ozeanografen und andere Phy -

siker, die wiederum in weltweite Forschungsnetze eingebunden sind. In dieses

Konzept passt nahtlos die niedersächsisch-israelische Kooperation, die

verspricht, wissenschaftliche Synergien freizusetzen.

Die Zusammensetzung des Bakterioplanktons in den Weltmeeren wird seit

über fünfzig Jahren untersucht. Seit kurzem aber ermöglicht die Umweltgenomik

Einblicke in bisher verschlossene Bereiche der marinen Mikrobiologie.

Heute ist das Erbgut vieler dieser Mikroorganismen für Analysen direkt zu -

gänglich, sind die proteinkodierenden Gene und biochemischen Stoffwechselwege

identifiziert. Dadurch können die physiologischen Eigenschaften

und ökologischen Funktionen gut erschlossen werden.

Auf seinem Forschungsparcours hat das Oldenburger Team die Roseobacter-

Gruppe als wichtiges Strukturelement mariner Bakteriengemeinschaften identifiziert.

„Relevant ist diese Gruppe auch, weil im Südpolarmeer eine bestimmte

Untergruppe bis zu einem Drittel der Masse aller dort vorkommenden Bakterien

ausmacht. Zudem sind in ihr Bakterienstämme mit interessanten Stoffwechselleistungen

vorhanden“, betont Simon. „Im metabo lischen Prozess

eines dieser Bakterienstämme aus dem Wattenmeer beispielsweise entsteht

eine neue, antibiotisch sehr wirksame Substanz.“ Gemeinsam mit dem Team

um Professor Beja gilt es für die Forscher des ICBM daher, dem Stoffwechselpotenzial

dieser marinen Gemeinschaft auf die Spur zu kommen – bevor

genauer geprüft werden kann, ob die bakteriellen Produkte womöglich für

die Medizin nutzbringend sein könnten.

Das Projekt öffnet für die Betrachtung der Erde als Gesamtsystem ein neues

Fenster. Damit skizziert es exemplarisch das anspruchsvolle Profil des niedersächsisch-israelischen

Förderprogramms: Exzellente Wissenschaftler beider

Länder vertiefen nicht nur das gegenseitige Verständnis, sondern bündeln

auch ihr Know-how, um gemeinsam an der Verbesserung unserer Lebens -

bedingungen zu arbeiten.

Ruth Kuntz-Brunner

Professor Dr. Meinhard Simon vom Institut

für Chemie und Biologie des Meeres der Universität

Oldenburg hält viel von weltweiten

Forschungsnetzwerken. Dazu gehört auch

ein von ihm mit initiiertes deutsch-israelisches

Gemeinschaftsvorhaben, das sich im

Meer lebender Bakterien und dabei insbesondere

der dort weit verbreiteten Roseo -

bacter-Gruppe annimmt. Die Arbeiten der

Forscher – von deutscher Seite aus noch in

Göttingen und Braunschweig ansässig – bauen

auf den Ergebnissen des Schwerpunkts

Meeresbiotechnologie auf, der von 1997 bis

2002 im Rahmen des „Vorab“ gefördert wurde.

Ziel des neuen Verbunds ist es, in Nie -

dersachsen ein Forschungscluster zur marinen

Mikrobiologie zu verankern, das zugleich

international ausstrahlt.

Niedersächsisches Vorab 2008 73


Förderstatistik

Nach dem ausführlichen Blick auf die im Niedersächsischen Vorab geförderten

Projekte und Personen folgt zum Abschluss dieser Broschüre eine kurze Übersicht

der Förderstatistik der vergangenen Jahre. Die Tafeln 1 und 2 zeigen die Aufgliederung

der Bewilligungssummen in den Jahren 2006 bis 2008 nach Wissenschaftsbereichen

und für die seit 2006 bestehenden sechs Förderlinien. Daraus geht hervor,

dass in diesem Zeitraum in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

ebenso wie in den Ingenieurwissenschaften fast 22 Millionen Euro, in den Biowissenschaften

42 Millionen Euro und in den Naturwissenschaften rund 18 Millionen

Euro bewilligt wurden. Hinzu kommen über 82 Millionen Euro für wissenschaftsbereichsübergreifende

Vorhaben.

Im Kreisdiagramm für die Strukturlinien spiegelt sich wider, dass die Forschungsverbünde

und Forschungsschwerpunkte mit fast 26 Millionen Euro Förderung an

der Spitze stehen. In die Exzellenzinitiative und den Bereich „Drittmittel für Niedersachsen“

flossen jeweils über vier Millionen Euro, in die Linie „Holen & Halten“

mit den Heyne-Professuren und Heyne-Juniorprofessuren über 23 Millionen Euro

und in die neuen und sich entwickelnden Forschungsgebiete 19 Millionen Euro. Für

die niedersächsisch-israelischen Gemeinschaftsvorhaben wurden in den Jahren

2006 bis 2008 rund 8,6 Millionen Euro bereitgestellt.

Tafel 3 zeigt, dass die VolkswagenStiftung und das Niedersächsische Ministerium

für Wissenschaft und Kultur in den nunmehr über 45 Jahren seit Bestehen des

Niedersächsischen Vorab für dieses Förderinstrument über 1,1 Milliarden Euro zur

Verfügung gestellt haben. Deutlich wird auch, dass die Fördersummen von Beginn

an beachtlich waren: Um ge rechnet 9,9 Millionen Euro waren es bereits im Jahr

1962. Insbesondere im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Ausschüttung auf

hohem Niveau stabilisiert. Dabei stellt das Jahr 2007 mit über 64 Millionen Euro

alle bisherigen Förderrekorde in den Schatten – noch nie wurde mehr Geld im

„Vorab“ bereit gestellt.


76

1 Bewilligungssummen im Niedersächsischen Vorab 2006 bis 2008 nach Wissenschaftsbereichen in Mio. EUR

Geisteswissenschaften

Biowissenschaften

Naturwissenschaften

82.4

21.9

21.7

42.1

18.5

Ingenieurwissenschaften

Wissenschaftsbereichsübergreifend

2 Bewilligungssummen im Niedersächsischen Vorab für neue Maßnahmen 2006 bis 2008 nach Strukturlinien in Mio. EUR

19.2

8.6

23.2

Forschungsverbünde und Forschungsschwerpunkte

Exzellenzinitiative

Drittmitteleinwerbung

25.5

4.3

4.4

Holen & Halten

Nds.-israel. Gemeinschaftsvorhaben

Neue Forschungsgebiete


3 Bewilligungssummen im Niedersächsischen Vorab seit 1962 in Mio. EUR

1962

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

86

87

88

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

2000

01

02

03

04

05

06

2007

2,3

3,0

3,2

6,8

6,2

7,9

7,6

8,2

8,4

9,9

9,6

11,6

13,7

13,0

12,4

13,2

14,0

13,6

13,6

15,2

16,1

15,5

17,5

Bewilligungen Nds. Vorab bis 2007: 1.120,3

20,1

23,7

25,3

29,1

28,0

29,6

29,1

30,3

32,5

33,6

35,7

38,7

38,6

38,2

37,7

41,1

42,0

46,8

47,5

53,1

54,5

58,5

64,1

Niedersächsisches Vorab 2008 77


78

Ansprechpartner für das Niedersächsische Vorab

Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur

Leibnizufer 9, D-30169 Hannover Telefon (0511) 120-

Das Niedersächsische Vorab wird bearbeitet im Referat Forschungsförderung

des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur

Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

übergreifend: Neue und sich entwickelnde Forschungsgebiete

Rüdiger Eichel

(Referatsleiter)

(- 2519)

Lebenswissenschaften (incl. Biologie) Heike von der Heide

(stellv. Referatsleiterin) (- 2508)

übergreifend: Drittmittel für Niedersachsen, Exzellenzinitiative

Mathematik, Physik, Geowissenschaften, Chemie Dr. Silke Bertram (-2466)

übergreifend: Forschungsverbünde

Agrar- und Forstwissenschaften, Ingenieurwissenschaften

inkl. Energieforschung

Ernst Holst (-2520)

übergreifend: Holen & Halten

Verwendungsvorschläge, Liquiditätssteuerung Heinz Marciniak (-2521)

übergreifend: Niedersächsisch-israelische Gemeinschaftsvorhaben

VolkswagenStiftung

Kastanienallee 35, D-30519 Hannover Telefon (0511) 83 81-

Das Niedersächsische Vorab wird bearbeitet in der Abteilung II,

Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

Geschäftsleitung Prof. Dr. Axel Horstmann (-214)

Referent Prof. Dr. Hagen Hof (-256)

Assistenz/Sachbearbeitung Simone Künnecke (-255)


Impressum

Herausgeber

© VolkswagenStiftung,

Hannover, September 2008

Redaktion

Dr. Claudia Gerhardt

Schlussredaktion (verantwortlich)

Dr. Christian Jung

Korrektorat

Cornelia Groterjahn,

Hannover

Gesamtherstellung

Sponholtz Druckerei GmbH,

Hemmingen

Bildnachweis

Die Fotos und Abbildungen wurden

– soweit unten nicht anders

angegeben – dankenswerterweise

von den jeweiligen Instituten bzw.

Hochschul-Pressestellen zur Verfügung

gestellt.

Das Umschlagfoto zeigt Mitarbeiter

des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung,

Braunschweig,

bei Labor-Auswertungsarbeiten

für das Twincore-Zentrum.

Umschlag und Seiten 32, 33 links:

Frank Bierstedt, Meine

Seite 4 links:

MWK Niedersachsen, Hannover

Seiten 4 rechts, 15, 59, 60:

Claudia Schiffner, Bremen

Seiten 14, 29 oben, 37:

Uwe Lewandowski, Osnabrück

Seite 26: Pennsylvania Museum,

Philadelphia (USA)

Seiten 30, 61, 62:

Frank Wilde, Hannover

Seite 33 rechts:

Heinz Gramann, Braunschweig

Seite 40:

dpa, picture-alliance, Frankfurt/Main

Seite 49 unten:

Martin Steiner, Hannover

Seiten 52 oben, unten, 53, 54, 55, 58,

65 rechts, 68: Ingo Bulla, Göttingen

Quellennachweis

Seite 27, Umzeichnung:

Annette Zgoll, Göttingen

Seite 42:

Peace Research Insitute in the

Middle East, Beit Jalah (PNA)

Seite 71 unten:

Jüdisches Museum, Berlin


Niedersächsisches Ministerium

für Wissenschaft und Kultur

Leibnizufer 9

30169 Hannover

Telefon +49-(0)5 11/120-2599

Telefax +49-(0)5 11/120-26 01

pressestelle@mwk.niedersachsen.de

www.mwk.niedersachsen.de

VolkswagenStiftung

Kastanienallee 35

30519 Hannover

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Telefax +49-(0)5 11/83 81-344

mail@volkswagenstiftung.de

www.volkswagenstiftung.de

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