Wilhelm Krull Laudatio auf die Edition der Tagebücher von Harry ...

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Wilhelm Krull Laudatio auf die Edition der Tagebücher von Harry ...

Wilhelm Krull

Laudatio auf die Edition der Tagebücher von Harry Graf Kessler

Verehrte Frau Ministerin Wanka,

liebe Preisträger,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

„Zu spät“ wird mancher von Ihnen gedacht haben, als Sie die Nachricht erhielten,

dass die Tagebücher eines Autors, der seit mehr als siebzig Jahren tot ist, mit dem

NDR-Kultur Sachbuchpreis ausgezeichnet werden. Und zumindest in einer Hinsicht

haben Sie damit recht. Denn ein lebender Harry Graf Kessler hätte längst dafür ge-

sorgt, dass wir alle ein Glas Champagner in den Händen hielten, um den festlichen

Anlass gebührend zu feiern.

„Zu spät“, so könnte man ebenfalls einwenden, komme der NDR auch mit der Aus-

zeichnung von Tagebüchern, deren Aktualität längst verblasst und deren zeithistori-

sche Bezüge für den heutigen Leser kaum noch nachzuvollziehen seien. – Dass dem

nicht so ist, sondern in den erstmals vollständig veröffentlichten Tagebüchern Harry

Graf Kesslers eine ganze Welt mit ihren vielen Nachwirkungen bis in unsere Gegen-

wart entdeckt werden kann, davon konnten Sie sich gerade selbst ein erstes Bild

machen. Es bedarf gleichwohl näherer Erläuterungen.

Warum die Jury einmütig dafür votiert hat, diesen Autor, seine Tagebücher und des-

sen Herausgeber mit dem 1. Preis auszuzeichnen, wird vielleicht am ehesten klar,

wenn ich auf die folgenden drei Fragen eingehe:

• Wer war Harry Graf Kessler?

• Was macht seine Tagebücher so besonders?

• Weshalb zeichnen wir die Herausgeber aus?


Wer war Harry Graf Kessler?

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Harry Clemens Ulrich Graf (ab 1881) Kessler war eine einzigartige Erscheinung, ein

Multitalent, eine schillernde Persönlichkeit, ein Hans Dampf in vielen Gassen, er war

ein bedeutender Kunstsammler und Mäzen, zeitweilig Museumsdirektor und Verle-

ger, Essayist, Literat, Politiker und Diplomat, ein Kosmopolit, zunächst ein begeister-

ter preußischer Offizier und später ein ebenso überzeugter Pazifist, ein homme de

lettre, der sich Zeit seines Lebens als ein Deutschland eng verbundenes Mitglied der

europäischen Gesellschaft betrachtete.

Am 23. Mai 1868 in Paris geboren, besuchte er zunächst dort die Schule, ehe er im

Alter von 12 Jahren in ein englisches Internat nach Ascot kam. Die Sozialisation im

britischen Sprachraum war wohl auch der Grund dafür, dass er die ersten Jahre sein

Tagebuch in Englisch führte – wie auch später noch die Korrespondenz mit seiner

Schwester Wilma. 1892 wechselte er auf das Hamburger Johanneum, wo er auch

das Abitur ablegte. Nach dem Militärdienst beim 3. Garde-Ulanen-Regiment in Pots-

dam studierte er zuerst Jura in Bonn und Leipzig, anschließend Kunstgeschichte.

Nach seiner Übersiedlung nach Berlin arbeitete er ab 1893 in der Redaktion der

Kunstzeitschrift PAN. 1903 übernahm er die ehrenamtliche Leitung des Weimar Mu-

seums für Kunst und Kunstgewerbe, dessen Ausstellungskonzept er sogleich zu mo-

dernisieren versuchte. Parallel dazu initiierte er ein neues Buchkunstprogramm, das

er zusammen mit dem Insel-Verlag sowie dem Goethe- und Schiller-Archiv, einige

Jahre später auch in der von ihm selbst gegründeten Cranach-Presse verwirklichte.

Dabei ging es ihm vor allem darum, Typographie, Illustration und Inhalt so aufeinan-

der abzustimmen, dass jeweils ein Gesamtkunstwerk entsteht.

Kesslers Reformdrang beschränkte sich jedoch nicht auf Kunst und Literatur. So

strebte er beispielsweise auch eine Umgestaltung des Theaters an. Die Pläne, mit

dem „Mustertheater“ eine neue Institution zu schaffen, scheiterten jedoch am bereits

damals in Weimar spürbaren konservativ-nationalistischen Widerstand gegen den

Versuch, die Stadt der Klassik zum Zentrum einer international orientierten europäi-

schen Moderne zu machen. Der zusammen mit dem Künstler und Architekten Henry

van de Velde für das „Neue Weimar“ geplante Theaterbau blieb ungebaut, aber man


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kann von heute her gesehen wohl ohne Übertreibung behaupten, dass ohne diese

herausragenden Persönlichkeiten und ihr reformerisches Wirken die wenige Jahre

später erfolgte Gründung des Bauhauses – die im vergangenen Jahr in gleich meh-

reren Ausstellungen in Weimar, Dessau und Berlin stolz gefeiert wurde – nicht mög-

lich gewesen wäre.

Wie viele europäische Intellektuelle, so schwenkte auch der Weltbürger Harry Graf

Kessler im August 1914 auf einen nationalistisch-patriotischen Kurs der Kriegsbe-

geisterung ein. Als Kavallerieoffizier wollte er am „Glanz des raschen Sieges“ teilha-

ben; eine Erwartung, die durch die Anfangserfolge beim Einmarsch in Belgien bestä-

tigt zu werden schien, die für ihn jedoch im Stab an der Ostfront, bei Kämpfen in den

Karpaten und im Stellungskrieg in Wolhynien sowie ab April 1916 an der Westfront

vor Verdun durch die Erfahrung des maschinell geführten „Stahlgewitters“ (Ernst

Jünger) konterkariert wurde. Dennoch blieb Harry Graf Kessler noch eine ganze Wei-

le von der welthistorischen Bedeutung eines deutschen Erfolges überzeugt. Wie an-

ders hätte er sonst im Herbst 1916 die Leitung der deutschen Kulturpropaganda in

Bern übernehmen können.

Doch gerade während seines Aufenthalts in der Schweiz gewann er sukzessive im-

mer mehr Abstand vom kriegerischen Treiben. Die zunächst von ihm eher belächel-

ten Pazifisten wie Else Lasker-Schüler oder Wieland Herzfelde wurden schließlich zu

Verbündeten und die kriegskritischen Äußerungen häuften sich auch in seinem Ta-

gebuch. 1918 beklagte er die „allgemeine Verödung und Verflachung“ in der zuge-

spitzten Formulierung: „Blut ist noch verdummender als Alkohol. Wir Alle leben seit

vier Jahren wie Besoffene.“ (Tagebucheintrag vom 16. Juli 1918)

In den 1920er Jahren betätigte sich Harry Graf Kessler zunehmend als sozial- und

außenpolitischer Publizist. Sein großes Engagement für Frieden, Freiheit und soziale

Gerechtigkeit trug ihm alsbald den Titel „der rote Graf“ ein. Konservative Kreise dis-

tanzierten sich immer mehr von dem pazifistisch-linksliberalen, die republikanische

Verfassung verteidigenden Publizisten, der sich zudem aktiv für die Idee des Völker-

bundes und eine Mitgliedschaft Deutschlands darin einsetzte. Während der Zeit der

Weimarer Republik kämpfte er gemeinsam mit Stresemann und Rathenau für euro-

päische Verständigung und kandidierte 1924 sogar für einen Sitz im Reichstag. Al-


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lerdings vergeblich. Sein großer Einsatz für die linksliberale Deutsche Demokratische

Partei wurde am Ende nicht mit einem Mandat belohnt. Wie überhaupt sein Leben

durch eine Fülle von Wechselbädern, von engagierten Neuanfängen und großen Ent-

täuschungen geprägt war.

Ulrich Ott spricht daher zu Recht davon, dass sich Kesslers Leben im Großen und

Ganzen „als eine Folge von Wellenbergen und Wellentälern nachzeichnen lässt“

(Einleitung zu Bd. 9, S. 14), wobei er ab Ende der 1920er Jahre seine Enttäuschun-

gen nicht mehr habe „durch neuen Gewinn kompensieren können“ (ebd.). Gemeint

ist damit sowohl der weitere Gang der politischen Ereignisse als auch die ganz per-

sönliche, von schweren Erkrankungen, Exil und finanziellen Schwierigkeiten gekenn-

zeichnete Situation des Grafen, die sich im Verlauf der 1930er Jahre immer weiter

zuspitzte. Er, der Grandseigneur, der einst in der Gesellschaft von London, Paris und

Berlin zuhause war, musste am Ende mit zwei Zimmern in einem Landgasthof unweit

von Lyon vorlieb nehmen, wobei er auch auf dem Landsitz seiner Schwester, der

Marquise de Brion, in Fournels eine Zuflucht fand.

Genau zwei Monate nach dem letzten Tagebucheintrag vom 30. September 1937

verstarb Graf Kessler. Beerdigt wurde er in seiner Geburtsstadt Paris, auf dem welt-

bekannten Friedhof Père Lachaise am 7. Dezember 1937. Zu den Freunden und Be-

kannten, die von ihm Abschied nahmen, gehörten u. a. auch Julien Green und André

Gide. Letzterer mokierte sich in seinem Tagebuch darüber, dass die vielen Maler und

Bildhauer, die Kessler so großzügig unterstützt hatte, der Beerdigung ferngeblieben

waren. Freilich fügten sie damit der Kette von Undankbarkeiten und Enttäuschungen

im Leben und Sterben Kesslers nur noch ein weiteres Glied hinzu. Auch in dieser

Hinsicht schloss sich in Paris der Kreis seines in jeder Hinsicht aufregenden, von

wenigen Glücksmomenten und vielen Rückschlägen geprägten Lebens.

Was macht seine Tagebücher so besonders?

In einer Zeit, in der vieles ungewiss scheint und dennoch alles berechnet und ver-

messen wird, in der Leistung vor allem in Form quantifizierbarer Rankings und Ra-

tings zum Ausdruck gebracht wird, gilt es zunächst einmal festzuhalten, dass Harry

Graf Kessler in der „ewigen Bestenliste“ auch unter diesen Aspekten ganz vorn mit


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dabei wäre: mehr als 57 Jahre Tagebuch führen, über 10.000 handschriftliche Seiten

füllen, die mitsamt Anhängen weit mehr als einen halben Meter Buchrücken ausma-

chen, ist gewiss rekordverdächtig.

Neun dick beleibte Bände warten also am Ende auf den begierigen Leser. – Doch

was findet er über das bereits Gehörte hinaus darin? Nun, jedenfalls nicht die sonst

in Tagebüchern vorherrschende Innenansicht und Nabelschau. Über sich gibt Kess-

ler – vor allem als Erwachsener – fast nichts preis. Stattdessen prägen Begegnun-

gen, künstlerische und politische Ereignisse, ja Dialogpartner- und Zeitzeugenschaft

das Bild. Wie Ulrich Ott in seiner Einleitung zu Band 9 verdeutlicht, stellt Kessler mit

seiner Art, Tagebuch zu führen, in vielerlei Hinsicht einen „Sonderfall“ dar: „Denn

hierzulande ist diese Literaturgattung in hohem, fast ausschließlichem Maße der an

Augustinus Confessiones anschließenden, im Pietismus des 17. und 18. Jahrhun-

derts aufblühenden und schließlich in die Erfahrungsseelenkunde der Spätaufklärung

und frühen Romantik mündenden Ich-Analyse diaristischer Aufzeichnungen gefolgt.

Kesslers Kunst dagegen, seine Begegnungen zum Spiegel eines Welt- und Zeitzu-

standes zu machen, hat ihren Gattungsursprung eher im Gesandtenbericht des Dip-

lomaten, der er so gern geworden wäre, als in der Konfessionsliteratur.“ (S. 10)

In der Tat eröffnen die Kesslerschen Tagbücher dem heutigen Leser die Möglichkeit,

sich ein riesiges Kaleidoskop der europäischen Zeit- und Kulturgeschichte zu er-

schließen. Erstellt von einem ebenso scharf sezierenden Beobachter wie sensibel

agierenden Denker, verbunden mit der ihm eigenen Wahrnehmungslust und Formu-

lierungskunst, eröffnen sich uns in den Tagebüchern nicht nur viele Blicke hinter die

Kulissen der künstlerischen und politischen Eliten seiner Zeit, sondern auch ganz

neue Sichtachsen auf die überaus spannungsreichen – und spannend zu lesenden!

– Entwicklungen gegen Ende des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Kostproben aus dieser Zeit werden Ihnen später noch zu Gehör gebracht.

Weshalb zeichnen wir die Herausgeber aus?

Als 2004 zuerst Band 2 der Kesslerschen Tagebücher erschien, gab es für die Her-

ausgeber zwar viel Lob für die damit erstmals öffentlich zugänglich gemachten Inhal-

te, zum Beispiel über Kesslers Weltreise 1892 und seine Expedition durch Nordame-


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rika und Mexiko 1896/97; es gab jedoch auch viel Kritik, vor allem an der Art der Edi-

tion und der Präsentation. Moniert wurde seinerzeit insbesondere die unangemesse-

ne Kommentierung, das trostlose „Schriftbild, das seine Herkunft aus dem Computer

nicht verleugnen kann“ (Henning Ritter, FAZ vom 12. Juni 2004) sowie überhaupt

das Auseinanderfallen der ästhetischen Gestaltungsansprüche Graf Kesslers an ein

gutes Buch gegenüber dem eher einem „juristischen Kommentar“ ähnelnden Band.

Nun, sicherlich hätten wir uns das ganze Oeuvre auch gerne in einer bibliophilen

Ausgabe der Cranach-Presse angeeignet (von den Kosten sollten wir dann allerdings

lieber schweigen). Was aber von den damaligen Kritikern vielfach übersehen wurde,

ist die Tatsache, dass die Herausgeber selbst gar nicht das Ziel verfolgten, eine his-

torisch-kritische Ausgabe vorzulegen. Sie hatten von vornherein die Absicht, einen

neuen Typus einer wissenschaftlichen Quellenedition zu etablieren, nämlich eine

„Hybrid-Edition“ bestehend aus neun gedruckten Bänden und je einer spezifische

Recherchen ermöglichenden CD-ROM (verknüpft mit Band 3 und zum Abschluss

des Vorhabens). Zudem erscheint es mir dem Charakter der Kesslerschen Tagebü-

cher entsprechend durchaus konsequent, sie im Sinne einer Veröffentlichung histo-

risch bedeutsamer Quellen vorzulegen – und eben nicht als ein literarisches Werk.

Lob, Anerkennung und Respekt vor der großartigen, mindestens einem Marathonlauf

ähnelnden editorischen Leistung gebühren den beiden Herausgebern, ihren überaus

engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie nicht zuletzt auch der Institution,

ohne die schon der Erwerb der Tagebücher (zu Zeiten von Bernhard Zeller), erst

recht aber deren gewissenhafte Herausgabe nicht möglich gewesen wäre: dem

Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Mit Professor Dr. Ulrich Ott, der von 1985 bis 2004 das Deutsche Literaturarchiv

Marbach und das Schiller-Nationalmuseum leitete, und mit Dr. Roland Stephen

Kamzelak, seit November 2000 Leiter des Editionsprojekts Harry Graf Kessler und

Stellvertretender Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, zeichnen wir zwei

Persönlichkeiten aus, die gewissermaßen mit allen modernen Archiv- und Editions-

wassern gewaschen sind, die sich in der Langzeitarchivierung und der Massenent-

säuerung ebenso auskennen wie in der Hypertext-Editionspraxis, denen aber auch


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die Herausgabe der Kesslerschen Tagebücher eine große Herzensangelegenheit

war.

Lieber Herr Ott, lieber Herr Kamzelak, Sie haben uns wunderbar zu lesende Tagebü-

cher eines Weltbürgers und Brückenbauers geschenkt. Dafür danken wir Ihnen sehr.

Zwar erfordert die Lektüre der gewichtigen Bände starke Oberarme, aber vielleicht ist

ja mit den heutigen beiden Lesungen schon der Anfang für eine Lesereihe im NDR

gemacht. Mich jedenfalls würde es freuen!

Zur Verleihung des diesjährigen NDR-Kultur Sachbuchpreises gratuliere ich Ihnen

ganz herzlich und wünsche Ihnen für die Abschlussarbeiten an dieser herausragen-

den Edition weiterhin viel Erfolg.

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