Neue Bewilligungen - VolkswagenStiftung : Seite nicht gefunden

volkswagenstiftung

Neue Bewilligungen - VolkswagenStiftung : Seite nicht gefunden

Jahresbericht 2007

Wir stiften Wissen


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Inhalt

Vorwort

Die Stiftung und ihr Förderprofil

Grundlagen und Arbeitsweise

Förderung 2007

Struktur- und personenbezogene Förderung

Auslandsorientierte Initiativen

Thematische Impulse

Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen

Offen – für Außergewöhnliches

Beendete Förderinitiativen

Niedersächsisches Vorab

Förderstatistik 2007

Wirtschaftsbericht 2007

Kuratorium und Mitarbeiter der Geschäftsstelle

Bericht des Kuratoriums

Kuratorium

Mitarbeiter der Geschäftsstelle

Anhang

Publikationen

Register

Die Förderinitiativen


Förderangebot *)

● • • • • • • • • ● • • • •

Struktur- und personenbezogene Förderung

Thematische Impulse

Lichtenberg-Professuren

Schumpeter-Fellowships für den Hochschullehrer-

und Führungsnachwuchs in den Wirtschafts-,

Sozial- und Rechtswissenschaften

Pro Geisteswissenschaften

– Dilthey-Fellowships

– „opus magnum“

– Workshops und Symposien

Fellowships für Postdoktoranden und -doktorandinnen

aus den Geisteswissenschaften am

Humanities Center der Harvard University

Hochschule der Zukunft

Symposien und Sommerschulen

• ● • • • • •

Auslandsorientierte Initiativen

Wissen für morgen – Kooperative

Forschungsvorhaben im sub-saharischen Afrika

Zwischen Europa und Orient – Mittelasien /

Kaukasus im Fokus der Wissenschaft

Dokumentation bedrohter Sprachen

Innovative Methoden zur Herstellung

funktionaler Oberflächen

Integration molekularer Komponenten in

funktionale makroskopische Systeme

Neue konzeptionelle Ansätze zur Modellierung

und Simulation komplexer Systeme

Evolutionsbiologie

• • • ● • • •

Gesellschaftliche und kulturelle

Herausforderungen

Zukunftsfragen der Gesellschaft –

Analyse, Beratung und Kommunikation

zwischen Wissenschaft und Praxis

– Studiengruppen zu Migration und Integration

– Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven

des Alterns

Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften –

Programm zur Förderung fachübergreifender

und internationaler Zusammenarbeit

Deutsch plus – Wissenschaft ist mehrsprachig

• • • • ● • •

Offen – für Außergewöhnliches

Außergewöhnliches

Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft

European Platform for Life Sciences,

Mind Sciences, and the Humanities

Stand: Juni 2008

*) Die Ansprechpartner zu den einzelnen Förderinitiativen

siehe hintere Umschlagseite.


Wir stiften Wissen


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Vorwort

Lutz Stratmann, Vorsitzender des Kuratoriums

Wilhelm Krull, General sekre tär der VolkswagenStiftung

Liebe Leserinnen und Leser,

der Veränderungswille in der deutschen wie internationalen Hochschulund

Wissenschaftslandschaft ist unübersehbar. Mehrere Länder haben in

der jüngsten Vergangenheit die Rahmenbedingungen für ihre Hochschulen

grundlegend verändert und dabei teilweise lieb gewonnene Traditionen ge -

opfert. Überall zieht sich der Staat aus der Hochschulsteuerung zurück und

konzentriert die Wissenschaftslandschaft durch Vernetzungen, Fusio nen

und Clusterbildung. Alle – auch der Staat – gewinnen dabei. Angetrieben

werden diese Entwicklungen durch den globalen Wettbewerb. Denn Bildung

und Forschung sind Voraussetzungen für die Innovationskraft eines Landes;

Investitionen in diese Bereiche sichern wirtschaftlichen Erfolg und politische

Handlungsfähigkeit. Daher werden zu Recht die „neuen Wis sens eliten“ – um

ein Schlagwort der aktuellen Diskussion zu bemühen – spürbarer gefördert,

als es lange Zeit der Fall war, wird stärker als je zuvor weltweit und in international

vergleichender Perspektive Ausschau gehalten nach den Köpfen, die

es nicht zuletzt an sich, also die eigene Institution, zu binden lohnt.

Der international vernetzende Blick ist der VolkswagenStiftung schon lange

zu eigen. Ein im Jahr 2007 neu aufgelegtes, kleines wie gleichermaßen feines

Angebot verdeutlicht dies: die Fellowships für Postdoktorandinnen und Post -

doktoranden aus den Geisteswissenschaften am Humanities Center der

Harvard University. Noch im „Jahr der Geisteswissenschaften“ aus der Taufe

gehoben, trägt es den Geist dieses inzwischen beendeten Wissenschaftsjah res

in die Zukunft. Mit ihm wird für ausgewählte junge Geisteswissenschaft le rin -

nen und Geisteswissenschaftler der Traum wahr, eine Zeit lang an international

führender Stätte arbeiten zu können. Hochqualifizierte Spitzen kräfte aus

dem wissenschaftlichen Nachwuchs deutscher Hochschulen können so ihre

Forschungskompetenz und ihr Forschungsprofil auf einem zukunftsweisenden

geisteswissenschaftlichen Gebiet international stärken und weiterentwickeln,

dabei ein attraktives akademisches Umfeld auf sich wirken lassen.


Bei dieser wie auch anderen Initiativen ist es nicht zuletzt das Ziel, die Bedeu -

tung der Geisteswissenschaften für die politischen und gesellschaftlichen

Entwicklungen unserer Zeit augenfällig und verständlich zu machen; klassische

Kompetenzen der Geisteswissenschaften werden mit aktuellen Ansprüchen

konfrontiert und verbunden. Dies trifft ebenso auf ein weiteres explizit personenbezogenes

Förderangebot zu, das gemeinsam vom Niedersächsischen

Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung im

Rahmen des „Niedersächsischen Vorab“ auf den Weg gebracht wurde und in

dem im Jahr 2007 erstmals Bewilligungen ausgesprochen wurden: die „Heyne-

Professuren“ und die „Gervinus-Fellowships“. Ziel dieses Programms ist der

Ausbau geisteswissenschaftlicher Forschungsschwerpunkte an niedersäch -

sischen Hochschulen. Ausgeschrieben sind die sogenannten Heyne-Profes su -

ren, um vielversprechende Wissenschaftler nach Niedersachsen zu berufen,

die Gervinus-Fellowships, um international renom mierte Gastwissenschaftler

einzuladen. Bereits in der ersten Runde gelang es, herausragende Persönlich -

keiten nach Niedersachsen zu holen. Die Forsche rinnen und Forscher vertreten

ein breites Spektrum der Geisteswis sen schaf ten: Ihre Arbeitsschwerpunkte

reichen von den Kognitions wissen schaften bis zur Altorientalistik.

Die Besten nach Harvard, die Besten nach Niedersachsen: So auch geografisch

weitgespannt kann Spitzenforschungsförderung sein. Doch die Unterstüt zung

der Forschung ist nur eine Seite der Wissenschaftsförderung. Eine andere ist

die Kommunikation ihrer Erkenntnisse. Als weiteres neues Angebot hat die

Stiftung im Jahr 2007 die Förderlinie „Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesell -

schaft“ eingerichtet. „Die Öffentlichkeit“, wie sie sich im politischen Diskurs

und in den Medien abbildet, fordert heute viel stärker als früher, dass sich

„die Wissenschaft“ öffnet und den Dialog sucht. Um entsprechende Heraus -

forderungen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

bewältigen zu können, müssen nicht nur die Wissenschaftler selbst neue

Wege beschreiten – auch die Wissenschaftsförderung ist gefordert, konkrete

Unterstützung anzubieten und sich zu engagieren. Als größte private wissen -

schaftsfördernde Einrichtung in Deutschland gilt dies in besonderer Weise

für die VolkswagenStiftung. Die Stiftung richtet ihr Förderhandeln daher auch

auf diese Anforderungen aus in dem Verständnis, dass die Verbesse rung der

Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ein eigenstän -

diges, das gesamte Förderportfolio umfassendes Förderziel darstellt.

An die neuen Initiativen und Angebote legt die Stiftung die gleichen Quali -

tätsmaßstäbe an, die seit Bestehen ihr Förderhandeln auszeichnen. Dass

Forschungsförderung entsprechend seit Jahrzehnten auf dem erforderlichen

hohen Niveau stattfindet, stellt die VolkswagenStiftung auch dadurch sicher,

dass sie sich bei der Begutachtung der Anträge auf hochkarätige Expertise aus

dem In- und Ausland stützt. Diesen Ratgebern ebenso wie den übrigen, insbesondere

im Bereich der Vermögensanlage, gilt unser herzlicher Dank für ihre

Unterstützung im vergangenen Jahr und im bereits begonnenen Jahr 2008.

Lutz Stratmann Wilhelm Krull

Jahresbericht 2007 Vorwort 5


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Die Stiftung und ihr Förderprofil

Wir stiften Wissen

Immerhin sechs Hochschulen in der zweiten

Runde der Exzellenzinitiative des Bundes und

der Länder als „Elite-Universitäten“ ausgezeichnet.

Gleich zwei Nobelpreise für Deutschland im

Herbst 2007! Es ist mehr als nur ein „gefühlter“

Aufbruch, der die deutsche Wissenschaft in

diesen Zeiten umtreibt.

Die Bildungsthemen, die die deutschen Hoch -

schulen derzeit beschäftigen, lassen sich klar um -

reißen: Profilierungsbemühungen im Zuge des

Exzellenzwettbewerbs, neue Ansätze in der Lehre,

Weiterbildung für Berufstätige, Hochschulpakt,

Studienbeiträge, Promotionsrecht. Die prämierten

Graduiertenschulen und Forschungscluster nehmen

an Fahrt auf. Deutlich wurde im Jahr 2007

durch die verschiedenen Wettbewerbe, was eigentlich

schon lange klar war: Es gibt ohne Zweifel

eine universitäre Forschungselite hierzulande.

Statt alle gleichzumachen – oder besser: gleichzuhalten

–, müssen die besten noch stärker gefördert

werden, weit über die Exzellenzinitiative hinaus.

Diesen Weg geht die VolkswagenStiftung mit den

Instrumenten ihrer Förderung schon seit geraumer

Zeit. Beispiel Lichtenberg-Professuren: Rund

zwei Dutzend Kandidatinnen und Kandidaten

und mit ihnen auch die betreffenden Universi tä -

ten konnten sich hier in den vergangenen vier

Jahren bereits den Zuschlag sichern – nach einem

harten Auswahlverfahren. Beispiel Dilthey-Fellow -

ships: 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

profitieren inzwischen von dem vor zwei Jahren

gestarteten Angebot. Beispiel Schumpeter-

Fellowships: Sieben Nachwuchskräfte aus den

Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften

nahmen mit Beginn des Jahres 2008 ihre Arbeit

auf. Beispiel Harvard-Fellowships: Hier gab es im

März 2008 die ersten Bewilligungen. Gleicher -

maßen fördert die Stiftung Spitzenforschung in

ihren eher thematisch ausgerichteten Initiativen,

etwa zur Evolutionsbiologie, bei den Methoden

zur Herstellung funktionaler Oberflächen, in ihrer

„Theorie-Initiative“ – oder auch bei dem 2007 neu

auf den Weg gebrachten Angebot, das die Inte -

gration molekularer Komponenten in makroskopische

Systeme zum Ziel hat.

Im Zusammenspiel dieser Initiativen erhält

Deutschland eine bessere Spitzenforschung – und

damit künftig vielleicht noch mehr Anlässe, seine

mit internationalen Preisen ausgezeichneten Wis -

senschaftlerinnen und Wissenschaftler zu feiern.

Die Förderkonzeption

Die VolkswagenStiftung fördert im Wesentlichen

die Grundlagenforschung. Sie unterstützt alle

Wissenschaftsbereiche: von den Geistes- und

Gesellschaftswissenschaften über die Ingenieur-,

Natur- und Biowissenschaften bis hin zur Medizin.

Der Stiftung steht es frei, nach eigener Gewichtung

zu fördern, was sie für relevant und wen sie für

geeignet hält. Dies jedoch immer innerhalb der

Bestimmungen ihrer Satzung: So vergibt sie ihre

Mittel – für wissenschaftliches und sonstiges

Personal, für einmalige und laufende Sachkosten,

für Reisekosten und Gebäude, für Geräte und

Literatur – nur an wissenschaftliche Einrich tun -

gen. Sie fördert ausschließlich zweckgebunden

und hat darauf zu achten, dass die Mittel zusätzlich

verwendet werden, also nicht den Grundetat

einer Institution entlasten.


Wie muss sich die deutsche Hochschullandschaft verändern, um

im globalen Wettbewerb zu bestehen? Gemeinsam mit 120 deutschen,

derzeit in den USA tätigen Nachwuchswissen schaftlern

diskutierten im April 2007 in Berlin (von links) Dr. Ingrid Wünning

Tschol, Leiterin des Bereichs Wissenschaft und Forschung der

Robert Bosch Stiftung, Generalsekretär Dr. Wilhelm Krull, der Prä -

sident der Leibniz-Gemeinschaft Professor Dr. Ernst Rietschel und

die Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung Dr. Ingrid Hamm.

Die Gestaltung des Förderangebots orientiert sich

nicht ausschließlich an den seitens der scientific

community geäußerten Bedürfnissen. Das Förder -

kon zept spiegelt vielmehr auch die Verpflichtung,

berechtigte Interessen und Erwartungen angemessen

zu berücksichtigen, die von außen an die

Wissenschaft herangetragen werden. Zunehmend

schenkt die Stiftung jenen Problembereichen Be -

achtung, in denen Wirtschaft, Politik und Gesell -

schaft mit Recht von der Wissenschaft Unterstüt -

zung erwarten. Zentrales Anliegen ist es, immer

wieder Fördermöglichkeiten in neuen Wissen -

schaftsgebieten zu eröffnen und neue Förder -

instru mente zu entwickeln. Dabei gilt im Hinblick

auf die Gesamtheit der von der Stiftung angebotenen

Fördermöglichkeiten, dass es für die einzelnen

Initiativen in der Regel keine Budgetierung gibt:

Jeder Bewerber steht folglich im Wettbewerb mit

allen anderen Antrag stellern. Das fordert wissenschaftliche

Kompetenz und fördert diese zugleich.

Das Förderangebot

Die derzeit laufenden Förderinitiativen sind im

vorderen Umschlag aufgelistet. Sie finden sie ab

Seite 15 – mit einer Übersicht der im Jahr 2007

bewilligten Projekte – ausführlich beschrieben.

Informationen zu jedem Vorhaben sind zu finden

unter www.volkswagenstiftung.de.

Struktur- und personenbezogene Förderung

Wichtiges Ziel der VolkswagenStiftung ist es,

Anstöße zu geben zur Verbesserung der strukturellen

Voraussetzungen und Rahmenbedingun gen

von Forschung und Lehre sowie der wissenschaftlichen

Kommunikation. Diesem Zweck dient die

struktur- und personenbezogene Förderung, der

sich die Stiftung weiterhin in besonderem Maße

widmen wird. Zurzeit umfasst das Förderangebot

sechs aufeinander abgestimmte Initiativen –

da runter die im Jahr 2007 eingerichteten „Fellow -

ships für Postdoktoranden und -doktorandinnen

aus den Geisteswissenschaften am Humanities

Center der Harvard University“ (– Übersicht und

Vorstellung der einzelnen Initiativen ab Seite 16).

Auslandsorientierte Initiativen

Die auslandsbezogenen Förderinitiativen – gegenwärtig

sind es drei – dienen der internationalen

wissenschaftlichen Zusammenarbeit und der

gezielten Unterstützung von Institutionen und

Vorhaben im Ausland: wie derzeit für die Region

Mittelasien/Kaukasus und das sub-saharische

Afrika (– Übersicht und Vorstellung der einzelnen

Initiativen ab Seite 50). Anträge von wissenschaftlichen

Einrichtungen im Ausland nimmt

die Stiftung übrigens in den meisten ihrer För der -

initiativen entgegen – allerdings nur, wenn eine

substanzielle Kooperation mit Wissenschaftlern

in Deutschland vorgesehen ist.

Thematische Impulse

Hier setzt die Stiftung explizit Anreize für die

Förderung themen- und problemorientierter

Grundlagenforschung. Sie verfolgt damit fach -

liche Ziele inhaltlicher und methodischer Art,

will also ihrerseits auf neue Forschungsgebiete,

-inhalte und -methoden aufmerksam machen.

Derzeit bietet die Stiftung der Wissenschaft in

diesem Segment vier Förderinitiativen an, da -

runter die im Jahr 2007 eingerichtete Initiative

„Inte gration molekularer Komponenten in funktionale

makroskopische Systeme“ (– Übersicht

und Vor stellung der einzelnen Initiativen ab

Seite 72).

Jahresbericht 2007 Die Stiftung und ihr Förderprofil 7


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Gesellschaftliche und kulturelle

Herausforderungen

Die VolkswagenStiftung sieht sich als wissenschaftsfördernde

Einrichtung auch dort in der

Pflicht, wo Politik und Verwaltung, Wirtschaft

und Gesellschaft von der Wissenschaft im engen

Austausch mit der Praxis Orientierung und Unter -

stützung erwarten. Beispielhaft dafür ist die Ini -

tiative zu den Zukunftsfragen der Gesellschaft

mit ihren jeweiligen Ausschreibungen. Derzeit

konzentriert die Stiftung ihre Förderung hier auf

drei Untersuchungsfelder (– Übersicht und Vor -

stellung der einzelnen Initiativen ab Seite 92).

Offen – für Außergewöhnliches

Die Stiftung ist daran interessiert auch hochkarätige

Vorhaben zu fördern, für die es bei ihr derzeit

kein entsprechendes Rahmenangebot gibt. Auf

diese Weise möchte sie ein Forum bieten für Ideen

und Konzepte, die zukunftsweisenden Frage -

stellun gen gelten und durch Zusammenführung

unterschiedlicher Fachrichtungen und metho -

discher Ansätze neue Perspektiven eröffnen. Dieses

Angebot zielt nicht auf den Regelfall, sondern auf

die Ausnahme. Wer hier zum Zuge kommen will,

muss mit seinem Vorhaben nicht nur höchsten

wissenschaftlichen Maßstäben genügen, sondern

auch plausibel machen können, dass sich dafür bei

anderen Institutionen keine Unterstützung finden

lässt (– weitere Ausführung und beispielhafte

Vorhaben ab Seite 114). Offen – für Außer ge wöhn -

liches umfasst zudem die Angebote der Stiftung

im Themenfeld „Wissenschaft – Öffentlichkeit –

Gesellschaft“ und die „European Platform“.

Niedersächsisches Vorab

Die Fördermittel der VolkswagenStiftung erstrecken

sich auch auf den Gegenwert der Gewinne aus

nominal rund 77,3 Millionen Euro VW-Aktien des

Landes Niedersachsen. Ein ähnlicher Anspruch

bestand gegen die Bundesrepublik Deutschland.

Gemäß einem Vertrag mit dem Bund – er trennte

sich 1988 von seinen Aktien – fließt der Stiftung

der Privatisierungserlös zu. Ein bestimmter Teil

der Fördermittel ist an das Land Niedersachsen

„vorab“ zu vergeben. Über dessen Vergabe ent-

scheidet das Kuratorium auf der Grundlage von

Vorschlägen der Niedersächsischen Landesregie -

rung (– Näheres zum „Vorab“ ab Seite 142).

Einschränkungen

Zu den das Förderangebot einschränkenden

Grundsätzen der VolkswagenStiftung gehört, dass

sie keine Vorhaben finanziert, die eine abgeschlos -

sene Förderung der Stiftung wieder auf nähmen,

dass sie nicht dort einspringt, wo andere Förderer

eine Finanzierung abbrechen, und keine Mittel

für Vorhaben bereitstellt, die in den ausreichend

geförderten Aufgabenbereich anderer Stellen fallen.

Ferner prüft die Stiftung keine Anträge, die

von ihr bereits einmal abgelehnt wurden. Vorha -

ben, die dauerhaft laufende Kosten verursachen,

fördert die Stiftung grundsätzlich nur, wenn

zuvor sichergestellt wird, dass spätestens nach

Beendigung ihres zeitlich begrenzten Engage -

ments die laufenden Kosten von anderer Seite

getragen werden.

Einer Reihe von Förderungswünschen kann die

Stiftung in keinem Fall entsprechen. Die im

Folgenden aufgeführte Liste informiert über jene

Fälle, in denen eine Antragstellung von vornherein

aussichtslos ist:

• Aufstockung von Reisebeihilfen oder

Stipendien Dritter;

• Kongresse;

• Druckkostenzuschüsse ohne Verbindung mit

Stiftungsprojekten;

• Erwerb, Vervollständigung oder Unterhaltung

von Sammlungen – sowie Ausstellungen;

• Auf- und Ausbau von Krankenhäusern,

Senioren- und Pflegeheimen;

• Geräte, die der Therapie dienen;

• Entwicklungs- und Erprobungsarbeiten zu

wissenschaftlich bereits gelösten Problemen;

• Auswertung von Patenten;

• Schulen, Studienkollegs und Einrichtungen der

Erwachsenenbildung, Studentenwohnheime;


• Starthilfen für wissenschaftliche Einrichtungen

mit politischer, weltanschaulicher oder konfessioneller

Bindung;

• pauschale Erhöhung von Grundetats oder

Schließung von Etatlücken;

• Erstattung anderweitig gewährter Vorfinan -

zierung;

nicht gemeinnützige Zwecke;

• karitative Anliegen;

• Privatpersonen.

Stipendien zur Aus- und Fortbildung des wissenschaftlichen

Nachwuchses vergibt die Volkswa -

genStiftung nur im Rahmen ihrer Förderini tia ti ven.

Weiterentwicklung des Angebots

Möglichkeiten und Einschränkungen der Förde -

rung setzen sich so zu einem unverwechselbaren

Profil zusammen. Mit dem Gesamtangebot lassen

sich die generellen Zielrichtungen passgenau verfolgen

– etwa die Favorisierung fächerübergreifender

Fragestellungen und Herangehensweisen,

die Förderung des wissenschaftlichen Nach wuch -

ses und die Stärkung der internationalen Koope -

ra tion. Und da das Angebot niemals statisch ist

und kontinuierlich im Sinne der Stiftungsziele

überprüft und aktualisiert wird, besteht immer

Im Zentrum der gemeinsam von Robert Bosch Stiftung und Volks -

wagenStiftung geförderten Veranstaltung der German Scholars

Organization (GSO) stand die Frage, wie sich „die besten Köpfe“

für den Forschungsstandort Deutschland gewinnen lassen. Die

besten Köpfe diskutierten dabei eifrig mit. Die Volkswagen Stif -

tung fördert die Rückkehr exzellenter Wissenschaftlerpersönlich -

keiten durch mehrere ihrer Förderinitiativen – etwa über die

Lichtenberg-Professuren.

die Chance, neue Ideen und Vorstellungen schnell

ins Förderkonzept einfließen zu lassen. Von Dauer

ist im Förderangebot der Volks wagenStiftung

somit letztlich nur eines – der Erneuerungsprozess.

Dabei setzt sie den Hebel immer wieder neu an.

Jüngstes Beispiel: eine zum Jahreswechsel 2007/08

gestartete Kooperation mit rund einem halben

Dutzend international tätiger Stiftungen zum

Themenfeld der vernachlässigten Tropenkrank -

heiten. Auch hier richtet sich der Blick über das

eigentliche Forschungsgebiet auf die Wissen -

schaft lerpersönlichkeiten, die die Inhalte tragen

sollen. Im Angebot sind Fellowships und Junior-

Fellowships, jeweils explizit für Postdoktoran -

dinnen und Postdoktoranden aus den Ländern

des sub-saharischen Afrikas, wobei Bewerber um

Fellowships substanzielle Forschungserfahrung

nachweisen müssen. So ergänzt auch hier eine

stärker personenbezogene Förderung die bereits

laufenden Aktivitäten der Stiftung. Mit Blick auf

das sub-saharische Afrika und die Unterstützung

von Forschungsvorhaben zu vernachlässigten

Tropenkrankheiten wird dabei die bisherige

Projektförderung der Stiftung von der Deutschen

Forschungsgemeinschaft mit einer entsprechenden

Ausschreibung fortgesetzt – ein Zeichen

dafür, welche Qualität das Stiftungsangebot hat

und wie zeitig es in der Wissenschaftslandschaft

platziert wurde.

Jahresbericht 2007 Die Stiftung und ihr Förderprofil 9


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Grundlagen und Arbeitsweise

Gründung und Beginn

Die VolkswagenStiftung mit Sitz in Hannover

wurde im Jahre 1961 von der Bundesrepublik

Deutschland und dem Land Niedersachsen als

eine rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts

gegründet und nahm 1962 ihre Arbeit auf. Sie ist

keine Unternehmensstiftung, wie aufgrund ihres

Namens gelegentlich vermutet wird.

Gründung, Name und Zweck der Stiftung sind vor

dem Hintergrund der besonderen Bedingungen

der deutschen Nachkriegszeit zu sehen. In einem

Staatsvertrag zwischen dem Land Niedersachsen

und der Bundesrepublik Deutschland vom Novem -

ber 1959 wurden die Auseinander setzun gen um

die nach 1945 ungeklärten Eigentumsverhältnisse

am Volkswagenwerk beendet: Man beschloss, eine

wissenschaftsfördernde Stiftung zu errichten.

Vermögen und Fördermittel

Nach diesem Vertrag wurde die damalige Volks -

wagenwerk GmbH in eine Aktiengesellschaft

umgewandelt. 60 Prozent des Aktienkapitals

wurden durch Ausgabe sogenannter Volksaktien

in Privateigentum überführt, je 20 Prozent erhielten

die Bundesrepublik Deutschland und das Land

Niedersachsen. Der Erlös aus der Privatisierung

und die Gewinnansprüche auf die dem Bund und

dem Land verbliebenen Anteile des Aktienkapitals

wurden als Vermögen der neu gegründeten

„Stiftung Volkswagenwerk“, wie sie bis 1989 hieß,

übertragen. Dahinter stand die Idee, in der noch

jungen Bundesrepublik Deutschland eine unabhängige,

starke Institution zur Förderung von

Wissenschaft und Technik zu etablieren.

Der finanzielle Spielraum, den die Stiftung hat

Impulse zu setzen, ist substanziell. Jährlich schüttet

sie rund 100 Millionen Euro an Fördermitteln

aus, ist damit die leistungsstärkste deutsche wissenschaftsfördernde

Stiftung und eine der größten

Stiftungen hierzulande überhaupt. Da sie die

Mittel aus ihrem eigenen Kapital von derzeit

etwa 2,4 Milliarden Euro erwirtschaftet, ist sie

autark, und sie ist – qua Rechtsfähigkeit – autonom

in ihren Entscheidungen. Eine starke Basis

für unabhängige Wissenschaftsförderung ist so

unzweifelhaft gegeben.

Organisationsaufbau

und Struktur

Den Vorstand der Stiftung bildet ein ehrenamtlich

arbeitendes Kuratorium von 14 Mit gliedern (vgl.

Seite 196), von denen je sieben von der Bundes re -

gierung und der Niedersächsischen Landesregie -

rung für eine Amtszeit von bis zu zwei Mal fünf

Jahren berufen werden. Die Kura toren entscheiden

selbstverantwortlich und frei von Weisungen; sie

sind während ihrer Amtszeit nicht abberufbar.

Für den Vorsitz beruft die Nie dersächsische Landes -

regierung, für den stellvertretenden Vorsitz die

Bundesregierung ein Mitglied des Kuratoriums.

Ein weiteres Mitglied für den stellvertretenden

Vorsitz wählt das Gremium aus seiner Mitte.

Vorsitzender des Kuratoriums ist Lutz Stratmann,

Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und

Kultur; stellvertretende Vorsitzende sind Bundes -

ministerin a. D. Edelgard Bulmahn, Berlin, sowie

Professorin Dr. Luise Schorn-Schütte von der

Universität Frankfurt am Main. Das Kuratorium


Wissenschaft einmal nicht im universitären Hörsaal, sondern

öffentlich im Neuen Rathaus in Hannover: Am 21. Januar 2008

startete die „Initiative Wissenschaft Hannover“ – begründet von

der Stadt, der VolkswagenStiftung und den sieben hannoverschen

Hochschulen – die Reihe „Wissenschaft im Rathaus“. Thema des

Abends, den der NDR als Medienpartner begleitete: Wie steht es

um das Verhältnis von Wissenschaft und Emotion?

verwaltet als Vorstand die Stiftung und beschließt

über die Vergabe der Fördermittel. Um über

Anträge zu entscheiden, kommt es normalerweise

drei Mal jährlich zusammen; darüber hinaus gibt

es zwischen den Sitzungen ein schriftliches

Verfahren. Das Kuratorium stellt den jährlichen

Wirtschaftsplan sowie die Jahresrechnung auf,

veröffentlicht den Jahresbericht über die Tätigkeit

der Stiftung und bestellt den Generalsekretär.

Die Geschäftsführung der Stiftung liegt in Händen

des vom Kuratorium bestellten Generalsekretärs

Dr. Wilhelm Krull – er entscheidet innerhalb eines

finanziell definierten Rahmens über Anträge, die

keine grundsätzlichen Fragen aufwerfen – und

der weiteren Mitglieder der Geschäftsleitung.

Die derzeit rund 90 Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter der VolkswagenStiftung bereiten die

Beschlüsse des Kuratoriums vor und führen sie

aus: So werden Förderinitiativen entwickelt und

betreut, Förderanträge bearbeitet, Antragsteller

informiert und beraten, bewilligte Vorhaben über

die gesamte Zeit begleitet. Desgleichen sind die

Fördermittel zu bewirtschaften, und es wird

deren bestimmungsgemäße Verwendung geprüft.

Eine weitere, zentrale Aufgabe ist die Verwaltung

und Anlage des Stiftungsvermögens.

Begutachtung und

Entscheidung

Die VolkswagenStiftung hat interessierten

Wissen schaftlerinnen und Wissenschaftlern die

Antragstellung in den vergangenen Jahren zuneh -

mend erleichtert. Ausführliche Hinweise und

praktische Tipps dazu finden sich ebenso wie

Einzelheiten zur Zielsetzung einer Förderinitiative

in den jeweiligen Informationen zur Antrag stel -

lung. Diese „Merkblätter“, die für jede Förderini -

tia tive vorliegen, können bei der Stiftung angefordert

werden und sind wie weitere grundlegende,

umfassende und aktuelle Informationen auch

der Homepage der Stiftung zu entnehmen

(www.volks wa genstiftung.de).

Die Anträge sollen so abgefasst sein, dass sie der

Stiftung und den von ihr zu Rate gezogenen Gut -

achtern ein verständliches und für die Prüfung

ausreichendes Bild des geplanten Vorhabens vermitteln.

Für spezielle Fragen zur Antragstellung

und auch allgemein zu den einzelnen Förder ini tia -

tiven stehen die Förderreferentinnen und -referenten

gern zur Verfügung; die jeweiligen Zustän dig -

keiten sind der hinteren inneren Umschlag seite

dieses Jahresberichts zu entnehmen.

Bevor über einen Antrag entschieden wird, bittet

die Stiftung externe Fachleute um Rat. Dabei nutzt

sie keinen feststehenden Stamm an Gutachtern.

Sie trifft ihre Wahl aufgrund der Erfordernisse, die

der jeweilige Antrag mit sich bringt – und sammelt

so Informationen aus verschiedenen Diszi -

plinen, Hochschulen und Instituten, auch aus

dem außeruniversitären Bereich und dem Aus -

land. Den Experten wird dabei ein kurzer Leit -

faden „Hinweise für die Begutachtung“ an die

Hand gegeben.

Wenn es zweckmäßig erscheint, werden Anträge

in Gutachterkreisen beraten. Diese richtet die

Stiftung vorwiegend dann ein, wenn für ein ab -

gewogenes Urteil der unmittelbare Diskurs von

Experten unterschiedlicher Disziplinen ratsam

Jahresbericht 2007 Grundlagen und Arbeitsweise 11


12

erscheint – etwa aufgrund der Interdisziplinarität

eines Themas. Damit bietet sich die Möglichkeit,

kontinuierlich vergleichende Bewertungen vorzunehmen.

Auch lassen sich spezielle Ansprüche

an ein Förderprogramm eher umsetzen über eine

Kommission, die in abgestimmter Weise auf

Möglichkeiten der Zusammenarbeit hinweist

und spezifische Anregungen geben kann zur

Gestaltung einzelner Vorhaben. Nicht zuletzt

empfiehlt es sich in einigen Wissenschafts -

ge bieten, möglichst das Votum ausländischer

Gutachter einzuholen – 269 Forscherinnen und

Forscher von jenseits der deutschen Grenze

waren es allein im Jahr 2007.

Insgesamt stellten im Berichtsjahr 911 Gutachter

der Stiftung ihre Kompetenz zur Verfügung. Mit

einem ganz besonderen Dank ist an dieser Stelle

darauf hinzuweisen, dass die Gutachten unentgeltlich

erstellt werden.

Die Stiftung wahrt hinsichtlich der Begutachtung

strikte Vertraulichkeit, um gerade auch in problematischen

Fällen ein vorbehaltlos offenes Votum

zu ermöglichen. Wenn einem Antragsteller –

damit er die Chance hat darauf einzugehen – im

Einzelfall Auszüge aus einem Gutachten mitgeteilt

werden, so geschieht das in anonymisierter

Form.

Im Falle einer Bewilligung werden der geförderten

wissenschaftlichen Einrichtung die Mittel zur

eigenverantwortlichen Verwendung überlassen.

Zu den Bewilligungsgrundsätzen gehört, dass die

VolkswagenStiftung außer einem rechnerischen

Nachweis über die Mittelverwendung jährlich

Berichte erwartet, die erkennen lassen, wie sich

das Projekt entwickelt. Ferner legt sie ausdrücklich

Wert darauf, dass Bewilligungsempfänger die

Ergebnisse von Fördervorhaben vorzugsweise in

gängigen Fachorganen oder Monografien der

Öffentlichkeit zugänglich machen. Dabei soll auf

die Unterstützung durch die VolkswagenStiftung

hingewiesen werden.

Der Transfer wissenschaftlicher Themen in die

Öffentlichkeit wird dabei auch im Zusammenwir -

ken mit der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der

Stiftung geleistet. Einen Überblick der von der

Stiftung regelmäßig herausgegebenen Publika -

tionen finden Sie auf der folgenden Seite – ebenso

wie am Ende des Jahresberichts eine Liste relevanter

Veröffentlichungen von Stiftungsmit -

arbeitern.

Fehlt es der modernen Hochschule an „erotischer“ Anziehungs -

kraft? Ja, lautet die eindeutige und provokante Antwort des

Mannheimer Germanistikprofessors Dr. Jochen Hörisch (rechts)

– hier im Neuen Rathaus in Hannover im Gespräch mit Professor

Dr. Axel Horstmann von der VolkswagenStiftung (links) und

Hannovers Oberbürgermeister Stefan Weil.


Wissenschaft und Öffentlichkeit

Mit ihren Veröffentlichungen möchte die Volks wa -

genStiftung ein umfassendes Bild ihrer Tätigkeit

und der Fördermöglichkeiten vermitteln – nicht

nur der Wissenschaft, sondern auch Interessierten

in Politik oder Wirtschaft sowie der breiten Öffent -

lichkeit. Zugleich soll auf diesem Weg ein Beitrag

dazu geleistet werden, dass wissenschaftlich

komplexe Themen öffentlich diskutiert werden.

Ein weiteres Ziel ist es, Verständnis und Aufge -

schlossenheit in der Gesellschaft für Wissen -

schaft und Technik zu wecken und zu stärken.

• Die umfassendste Publikation liegt vor Ihnen:

der Jahresbericht. Er erscheint zumeist in der

Jahresmitte zur Sommersitzung des Kurato -

riums und enthält alle wichtigen Informationen

über die Stiftung und ihre Aktivitäten im

Berichtsjahr, darunter auch die Förderstatistik

und den Wirtschaftsbericht.

• Jeweils am Beginn eines Kalenderjahres veranschaulicht

die Broschüre Impulse für die Wissenschaft

anhand ausgewählter Beispiele die große

Bandbreite geförderter Initiativen. Beiträge über

interessante Forschungsvorhaben bieten einen

Querschnitt durch das Engagement der VolkswagenStiftung.

Diese Publikation soll vor allem

die Fördertätigkeit schlaglichtartig beleuchten.

• Für ausländische Wissenschaftler und Institutionen

erscheint etwa im Zwei-Jahres-Rhythmus

eine englischsprachige Informationsbroschüre.

Crossing borders gibt einen Überblick

über Fördergrundlagen, -möglichkeiten und

-initiativen der Stiftung und greift beispielhaft

einzelne interessante Förderungen, vorwiegend

mit Auslandsbezug, auf.

• Für den eiligen Leser sind Faltblätter mit knapper

gehaltenen Informationen erhältlich: die

Kurzinformationen, die Hinweise für die Begutachtung

– beides in deutscher und englischer

Sprache – sowie ein Folder über die Möglichkeit

von Zu stiftungen. Zu fast allen Förderinitiativen

liegen auch englischsprachige Fassungen der

Merkblätter zur Antragstellung vor.

• Des Weiteren informieren Broschüren speziell

über einzelne Förderinitiativen: etwa über die

Dokumentation bedrohter Sprachen, das Niedersächsische

Vorab oder – ganz aktuell – die

Initiative „Pro Geisteswissenschaften“. Ein weiteres

Heft rückt explizit die personenbezogene

Förderung in den Fokus. Diese Broschüre stellt

Leiter von Nachwuchsgruppen und Lichtenberg-

Professoren mit ihren Forschungsarbeiten vor.

• Zur Ansprache spezifischer Zielgruppen gibt es

als ergänzendes Format die „Plakatfolder“ – von

einer Seite als Plakat, von der anderen als Informationsfolder

verwendbar. Die Folder vereinen

grundsätzliche Informationen über die Stiftung

und das Förderangebot mit – sofern es in der

jeweiligen Initiative schon laufende Vorhaben

gibt – der Vorstellung von Geförderten. Die Konzeption

des Folders zielt vor allem auf jüngere

Personen aus Wissenschaft und Praxis. Derzeit

liegen acht solcher Folder vor.

• Unter www.volkswagen stif tung.de werden die

umfangreichen Informationen über die Stiftung

kontinuierlich auf den neuesten Stand gebracht.

Hier erhalten Sie zum Beispiel eine aktuelle

Übersicht der laufenden Förderinitiativen, eine

Liste der jeweils ausgesprochenen Bewilligungen

einschließlich einer Projektbeschreibung – oder

Sie können sich darüber informieren, wer für

Sie der richtige Ansprechpartner ist. Im Internet

finden sich auch Informationen für die Presse;

allgemein verständlich wird hier beispielsweise

informiert über ausgewählte geförderte Vorhaben

oder die Arbeit der Stiftung.

Die Mitarbeiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

stehen jederzeit für Anfragen zur Verfügung

und stellen gern, zum Beispiel im Kontext jour -

nalistischer Recherche, Kontakte zu geförderten

Wissenschaftlern her. Bibliografische Angaben

sowie solche zu weiteren Publikationen zur Stif -

tung finden sich am Ende dieses Jahres berichts.

Jahresbericht 2007 Grundlagen und Arbeitsweise 13


Förderung 2007

18

24

28

38

39

42

52

59

66

74

79

80

86

94

107

111

116

120

122

128

134

138

144

Struktur- und personenbezogene Förderung

Lichtenberg-Professuren

Schumpeter-Fellowships für den Hochschullehrer- und Führungsnachwuchs in den

Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften

Pro Geisteswissenschaften

Fellowships für Postdoktoranden und -doktorandinnen aus den Geisteswissenschaften am

Humanities Center der Harvard University

Hochschule der Zukunft

Symposien und Sommerschulen

Auslandsorientierte Initiativen

Wissen für morgen – Kooperative Forschungsvorhaben im sub-saharischen Afrika

Zwischen Europa und Orient – Mittelasien/Kaukasus im Fokus der Wissenschaft

Dokumentation bedrohter Sprachen

Thematische Impulse

Innovative Methoden zur Herstellung funktionaler Oberflächen

Integration molekularer Komponenten in funktionale makroskopische Systeme

Neue konzeptionelle Ansätze zur Modellierung und Simulation komplexer Systeme

Evolutionsbiologie

Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen

Zukunftsfragen der Gesellschaft – Analyse, Beratung und Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis

Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften – Förderung fachübergreifender und internationaler Zusammenarbeit

Deutsch plus – Wissenschaft ist mehrsprachig

Offen – für Außergewöhnliches

Außergewöhnliches

Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft

European Platform for Life Sciences, Mind Sciences, and the Humanities

Beendete Förderinitiativen

Einheit in der Vielfalt? Grundlagen und Voraussetzungen eines erweiterten Europas

Innovationsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft

Zusammenspiel von molekularen Konformationen und biologischer Funktion

Niedersächsisches Vorab


18

24

28

38

39

42

Lichtenberg-Professuren

Schumpeter-Fellowships für den Hochschullehrer- und Führungsnachwuchs

in den Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften

Pro Geisteswissenschaften

Fellowships für Postdoktoranden und -doktorandinnen aus den

Geisteswissenschaften am Humanities Center der Harvard University

Hochschule der Zukunft

Symposien und Sommerschulen


Förderung 2007

Struktur- und personenbezogene Förderung

Wichtiges Ziel der VolkswagenStiftung ist es, Anstöße zu geben zur Verbesserung

der strukturellen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen von Forschung und

Lehre sowie der wissenschaftlichen Kommunikation. Diesem Zweck dient die

struktur- und personenbezogene Förderung, der sich die Stiftung derzeit verstärkt

widmet. Hier geht es um herausragende Forscherpersönlichkeiten; darum,

Exzel lenz zu fördern, die Hochschulen international wettbewerbsfähig zu machen

und gezielt an die Spitze zu bringen. Es geht um den Wissenschaftsstandort

Deutsch land – und folglich vor allem auch darum, die Chancen für den wissenschaftlichen

Nachwuchs zu verbessern, neue Formen fächer- wie institutionenübergreifender

Zusammenarbeit zu fördern und den Diskurs in neuen wissenschaftlichen

Arbeitsrichtungen zu ermöglichen.


18

Struktur- und personenbezogene Förderung

Anträge 2007

Eingereicht 16

mit Volumen in Mio. Euro 18,9

Bewilligungen 5

mit Volumen in Mio. Euro 5,6

Bewilligungen insgesamt 27

in Mio. Euro, seit 2002 32,3

Lichtenberg-Professuren

Mit ihrer personen- und institutionenbezogenen Förderinitiative „Lichtenberg-

Professuren“ – benannt nach dem Mathematiker, Physiker und Philosophen

Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799) – gibt die VolkswagenStiftung

einen Anstoß für die Eröffnung alternativer Qualifizierungs- und Berufungs -

wege an deutschen Hochschulen. Der Leitgedanke hinter dieser Initiative

lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ziel ist es, herausragende Wissen -

schaftlerinnen und Wissenschaftler in Verbindung mit innovativen Lehrund

Forschungsfeldern zu fördern und damit auch zu einer Profilbildung

der besten unter den deutschen Hochschulen beizutragen – im Interesse

des Wissenschaftsstandortes Deutschland. Mit den Lichtenberg-Professuren

sollen also in einem Zug sowohl thematische als auch strukturelle und

forschungspolitische Akzente gesetzt werden.

Die Initiative richtet sich an drei „Typen“ von Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftlern. Kernzielgruppe sind – da in der deutschen Wissenschafts -

landschaft eine frühe selbstständige wissenschaftliche Tätigkeit noch immer

die Ausnahme ist – Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler

bis zu vier Jahre nach ihrer Promotion. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben

werden, frühzeitig eigenständig Forschung auf neuen, herkömmliche Diszi -

plinengrenzen überschreitenden Gebieten zu betreiben. Gedacht ist an junge,

hoch qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, vorzugsweise

mit Auslandserfahrung. Sie sollten nach der Promotion bereits erste herausragende

wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht haben. Auch ausländischen

Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern steht das Programm

grundsätzlich offen. Das entscheidende Kriterium stellt das Forschungsinte -

resse des Bewerbers oder der Bewerberin dar, das vorzugsweise auf ein hochinnovatives

und damit durchaus risikobehaftetes Arbeitsgebiet gerichtet

sein sollte.

Zum Zweiten zielt diese Initiative auf solche Wissenschaftlerinnen und Wis -

senschaftler – bevorzugt Rückkehrer aus dem Ausland –, deren Promotion in

der Regel bis zu sieben Jahre zurückliegt. Hier werden sowohl an die persön -

liche Qualifikation als auch an die Bedeutung des Forschungsgegen stands

noch höhere Anforderungen gestellt als bei der Kernzielgruppe des Programms.

Drittens können bereits etablierte, international herausragende Wissen -

schaft lerinnen und Wissenschaftler nicht klassischer Disziplinen mit einer


längerfristigen Perspektive zur Etablierung eines Fachgebietes berufen werden,

ausschließlich aus dem Ausland (sogenannte Five-Star-Professorships).

Somit fördert die VolkswagenStiftung herausragende Forscherinnen und

Forscher verschiedener Qualifikationsstufen bei einer Fokussierung auf den

Nachwuchs und kann gleichzeitig neue Entwicklungen in und zwischen den

Wissenschaften anstoßen. Zugleich besteht die Chance, mit neuen Professuren

auch neue Studiengänge aufzubauen.

Dabei stellt die VolkswagenStiftung ihre Leistungen nur zur Verfügung, wenn

von universitärer Seite die Rahmenbedingungen für die zu etablierende

Stiftungsprofessur stimmen. Dies betrifft sowohl das künftige wissenschaftliche

Umfeld als auch die fachlich-strategische Ausrichtung und die Perso -

nal planung. Soll heißen: Der thematische Fokus muss sich sinnvoll in die

Gesamtentwicklung des jeweiligen Fachbereiches beziehungsweise der

Fakultät einfügen. Folglich kann eine Hochschule auch selbst die Initiative

zur Einrichtung einer „Lichtenberg-Professur“ ergreifen. Sie muss deutlich

machen können, dass sie innovative Entwicklungen auf einem aktuellen

Forschungsgebiet aufgreifen will, zukunftsträchtige und auch risikoreiche

Themen definieren kann und soweit möglich fachübergreifend ausgestalten

möchte. Und sie muss passgenau dafür eine hoch qualifizierte Wissenschaft -

lerpersönlichkeit finden, die dann selbst die Antragstellung bei der Stiftung

übernimmt.

Die Hochschule sollte auch bereit sein, sich finanziell an der Professur zu

beteiligen. Bei den „teuren“ Five-Star-Professuren mit ihrer entsprechenden

Ausstattung muss vom ersten Jahr an von Seiten der Universität eine substanzielle,

das heißt etwa insgesamt hälftige Mitfinanzierung gegeben sein.

Im Fall der Kernzielgruppe wissenschaftlicher Nachwuchs hingegen erfolgt

Die Weiterentwicklung der automatischen

Sprachverarbeitung beim E-Learning ist

eines der zentralen Themen von Lichtenberg-

Professorin Dr. Iryna Gurevych (vorn rechts)

an der TU Darmstadt. Auf dem campusnahen

Kantplatz hat sich ihr Team zu einem Grup -

penfoto versammelt: Kateryna Ignatova MSc

(vorn links), Diplominformatiker Niklas Jakob

und seine Kollegin Cigdem Toprak, Diplom -

mathematikerin Konstantina Garoufi und

Christof Müller MSc (zweite Reihe, von links),

Office Assistant Andrea Püchner, Diplom -

informatiker Torsten Zesch und Dr. Delphine

Bernhard (dritte Reihe, von links).

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 19


20

Die neuen, interaktiven Formen von Kom -

munikation und Wissenserwerb des Web 2.0

stellen Informatik und Sprachwissenschaften

vor neue Aufgaben. Die Arbeitsgruppe um

Dr. Iryna Gurevych (oben, rechts) diskutiert

über die Zukunft der offenen Enzyklopädie

Wikipedia. – Projektmitarbeiter Torsten

Zesch und Christof Müller (unten, von links)

spielen Optionen für die Internetsuche der

nächsten Generation durch; dabei wird auch

die automatische Sprachverarbeitung eine

wichtige Rolle spielen.

zunächst eine auf fünf Jahre befristete Startfinanzierung durch die Stiftung,

an die sich bei positiver Zwischenevaluation eine bis zu dreijährige degressive

Übergangsfinanzierung anschließen kann (die Hochschule sollte aber auch

hier von Beginn an Eigenleistungen einbringen). In der im Erfolgsfall an die

fünf Jahre anschließenden dreijährigen Übergangsfinanzierung sollte die

Nachwuchsprofessur in der jeweiligen Universität als reguläre W2- oder W3-

Professur verankert werden. Für den innovativen wissenschaftlichen Nach -

wuchs – nicht zuletzt auch aus dem Ausland – eröffnet sich damit in einer

Art „Tenure-track-Verfahren“ eine neue, auch im internationalen Vergleich

attraktive Förderperspektive.

Die Stiftung hat im Berichtsjahr fünf Bewilligungen über rund 5,6 Millionen

Euro ausgesprochen. Drei der im Jahr 2007 bewilligten Professuren werden

im Folgenden vorgestellt:

Im Zeitalter des Wissenserwerbs im Internet bringt vor allem die Entwicklung

des Web 2.0 ganz neue Formen des Lernens am Computer hervor: Beim „E-

Learning 2.0“ – so der Begriff – verschwindet die klassische Unterscheidung

zwischen Lehrern und Lernenden, immer häufiger wird der Lernende selbst

zum Wissenslieferanten und Autor. Wikis, Blogs und Podcasts sind Merkmal

dieser Entwicklung. Damit diese neuen Wissensquellen sinnvoll ausgewertet

und genutzt werden können, ist es notwendig, die Technologien der auto -

matischen Sprachverarbeitung im E-Learning zu erproben und weiterzuentwickeln.

Hier setzt die mit rund 900.000 Euro geförderte Lichtenberg-Profes -

sur an, die Dr. Iryna Gurevych am Fachbereich Informatik der Technischen

Universität Darmstadt antreten wird. Sie liegt an der Schnittstelle zwischen

automatischer Sprachverarbeitung, E-Learning, Informatik und Künstlicher

Intelligenz.

Die Forscherin ist ursprünglich in der Linguistik beheimatet und verbindet

nun ihre sprachwissenschaftliche Kompetenz mit der Informatik. Ihr Haupt -

ziel ist es, ein neues Paradigma zur Extraktion des lexikalisch-semantischen

Wissens aus den Wissensquellen von E-Learning zu schaffen. Zudem sollen

herkömmliche Techniken der Sprachverarbeitung für die robuste Analyse

von durch den Benutzer generierten Inhalten – wie man es von Wikis, Blogs

oder Diskussionsforen kennt – weiterentwickelt werden. E-Learning stellt

dabei eine besondere Herausforderung für die automatische Sprachver arbei -

tung dar, denn die Sprache der Autoren ist nicht selten fehler- und lückenhaft

sowie unstrukturiert; die automatische Sprachverarbeitung ist zudem

der im World Wide Web anzutreffenden Begriffsfülle nicht gewachsen. Mit

ihrem Schwerpunkt der bildungsbezogenen automatischen Sprachverar bei -

tung wird Iryna Gurevych sowohl der Sprachverarbeitung als auch dem

E-Learning entscheidende Impulse geben.

Professorin Dr. Iryna Gurevych (Jahrgang 1976) studierte von 1993 bis 1998

deutsche und englische Linguistik in Vinnytsia, Ukraine. Sie promovierte im


Jahr 2003 an der Universität Duisburg-Essen in Computerlinguistik mit einer

Arbeit zum Thema „Analysis of natural language queries in restricted discourse

areas“. Von 2001 bis 2003 war sie bei der EML (European Media Lab) Research

GmbH in Heidel berg tätig, anschließend bei der International University in

Bruchsal, um dann als Postdoktorandin an das EML zurückzukehren. Seit

November 2005 ist sie Geschäftsführerin des „Center of Research Excellence‚

‚eLearning’“ an der Tech ni schen Universität Darmstadt, dort leitet sie seit Juni

2006 auch die Arbeits grup pe „Ubiquitous Knowledge Processing“. Im April

2007 wurde ihr eine Emmy-Noether- Nachwuchsgruppe von der Deutschen

Forschungsgemein schaft bewilligt.

In den vergangenen Jahrzehnten haben die Elementarteilchenphysiker

detailliertes Wissen über die Bausteine des Universums und über die zwischen

ihnen wirkenden Kräfte erlangt. Doch einige grundlegende Fragen

blieben offen, und nach einem wichtigen Teilchen fahndet man bisher vergebens:

Das Higgs Boson ist der letzte fehlende Baustein im Standardmodell

der Teilchenphysik und es ist – so die Hypothese – verantwortlich für den

Mechanismus, der Teilchen eine Masse zuweist. Experimentell konnte das

Teilchen bislang nicht nachgewiesen werden. Sollte es aber existieren, wird

man es wohl am Schweizer CERN entdecken, wo mit dem Large Hadron

Collider (LHC) ein Teilchenbeschleuniger mit hoher Energie existiert. Geplant

ist nun der Bau eines weiteren Teilchenbeschleunigers, des International

Linear Colliders (ILC), der den LHC durch Präzisionsmessungen unterstützen

soll. Für Instrumente und Datenanalyse des ILC wird Dr. Ariane Frey im

Rahmen einer mit rund einer Million Euro geförderten Lichtenberg-Professur

zuständig sein, die am II. Physikalischen Institut der Universität Göttingen

angesiedelt ist. Die Hochschule hat ihren physikalischen Forschungsbereich

vor kurzem um die Teilchenphysik erweitert.

Ziel von Dr. Frey, die damit an der Entdeckung des Higgs Boson-Teilchens

beteiligt sein könnte, ist zunächst der Aufbau einer Forschergruppe. Diese

wird im Zuge des künftigen ILC-Projekts unter anderem die Entwicklung

eines sogenannten Silizium-Pixel-Vertex-Detektors vorantreiben. Dieser

zeichnet sich durch ein außergewöhnlich geringes Rauschen aus, was zu

einem exzellenten Signal-Rausch-Verhältnis führt. Dadurch wird die Ver wen -

dung sehr dünner Detektoren möglich – eine entscheidende Voraus setzung

für den Einsatz beim ILC. Die sehr präzisen Messungen werden dabei nicht

nur das Higgs Boson betreffen, die Detektoren eignen sich auch für Experi -

mente mit astrophysikalischen Fragestellungen – etwa mit Blick auf

Forschungen zur dunklen Materie im Universum.

Dr. Ariane Frey (Jahrgang 1967) studierte Physik an der Universität Heidelberg

und wechselte anschließend an die Universität Bonn, an der sie 1996 zum

Thema „Measurement of the proton structure function F2 (x, Q 2) in radiative

ep scattering with the ZEUS detector“ promovierte. Im Anschluss absolvierte sie

ihr Postdoktorat an der University of California in Santa Cruz, USA, und war

Gemeinsam simulieren sie das Verhalten

der Silizium-Pixeldetektoren am Computer:

Lich tenberg-Professorin Dr. Ariane Frey und

die Wissenschaftler Xun Chen und Dr. Alexei

Raspereza (von hinten nach vorn).

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 21


22

Fördermöglichkeiten

Die Förderung einer Lichtenberg-

Professur ist auf zunächst fünf Jahre

befristet; bei positiver Evaluation

kann sich eine bis zu dreijährige,

seitens der Stiftung degressive

Förderung anschließen. Neben der

Professur – je nach den individuellen

Voraussetzungen W1, W2 oder W3

– können in der Regel weitere

Personalmittel für wissenschaftliche

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

sowie Sach- und Reisemittel finanziert

werden. Anträge können ausschließlich

von der Bewerberin/dem

Bewerber gestellt werden. Von der

Hochschulleitung sowie der Fakul -

tät/dem Fachbereich sind die Etati -

sierung der Professur samt Ausstat -

tung nach Ablauf der Förderung zu

garantieren sowie die inhaltlich-strategische

Zielsetzung hinsichtlich

Forschung und Lehre und personeller

Planung darzulegen. Es empfiehlt

sich, vor einer Antragstellung das

entsprechende „Merkblatt für

Antrag steller“ zu Rate zu ziehen und

Kontakt zu der verantwortlichen

Mitarbeiterin der Geschäftsstelle aufzunehmen.

Anträge sind bis zum 1.

November eines Jahres einzureichen.

>> Merkblatt 79

Kontakt

Dr. Anja Fließ

Telefon 0511/8381-374

fliess@volkswagenstiftung.de

danach ab 1998 in Genf als Wissenschaftlerin am CERN tätig. Im Jahr 2005

wechselte sie dann an das Max-Planck-Institut für Physik in München. Hier

erhielt sie innerhalb des Programms „Promoting Exceptional Female Scientists

and Researchers at the Max Planck Society“ eine zur Außerordentlichen

Professur äquivalente Stelle.

Wenn man jemanden besonders gut riechen kann, kann man ihn meist auch

besonders gut leiden. Doch nicht nur bei der Partnerwahl spielen Duftstoffe,

Pheromone, eine Rolle; auch komplexe Verhaltensweisen wie Aggressionen

oder soziales Miteinander werden bei Säugern über chemische Signalstoffe

beeinflusst. Wenig weiß man bisher darüber, wie die Signale von außen das

Hormon- und Immunsystem regulieren. Diese Prozesse aufzuklären, ist das

Ziel von Professorin Dr. Trese Leinders-Zufall, die von Baltimore aus an die

Universität des Saarlandes geht, um dort eine mit rund 1,3 Millionen Euro

geförderte Lichtenberg-Professur anzutreten. Sie spannt mit ihren Forschungs -

arbeiten einen Bogen von molekularen dynamischen Membranprozessen im

peripheren System der Riechnerven über Funktionen des Immunsystems bis

hin zur Hormonregulation im endokrinen System.

Derzeit ist wenig bekannt über die Rezeptormoleküle, die die Pheromon-

Signale empfangen. Konkret möchte sich Trese Leinders-Zufall mit einem

neuartigen Mechanismus beschäftigen, bei dem der immunologische Geno -

typ eines Geschlechtspartners durch olfaktorische Neurone bestimmt werden

kann. Zudem interessiert sie sich für eine Subpopulation von olfaktorischen

Neuronen, die durch die Expression eines membranständigen Enzyms charakterisiert

sind. Langfristiges Ziel ist es, jene Schaltkreise zu identifizieren,

die die Pheromondetektion in der Peripherie mit der Hormonregulation im

Gehirn verbinden.

Die Wissenschaftlerin möchte ein breites Spektrum an Methoden einsetzen:

gezielte Genmanipulation ebenso wie hochauflösende elektrophysiologische

und bildgebende Verfahren, aber auch Verhaltensanalysen. Die gebürtige

Niederländerin wird mit dieser Professur jetzt ebenso wie ihr Ehemann

Frank Zufall an die Universität des Saarlandes berufen. Beide können damit

die gemeinsame wissenschaftliche Arbeit fortsetzen – ein gutes Beispiel,

sogenannten Dual-Career-Couples eine gemeinsame Zukunft zu eröffnen,

um Spitzenforscher und -forscherinnen für eine Hochschule zu gewinnen.

Professorin Dr. Trese Leinders-Zufall (Jahrgang 1963) studierte Biologie an der

Universität Utrecht, Niederlande. 1992 promovierte sie dort mit einer Arbeit

zum Thema „Effects of divalent cations on calcium activated potassium channels“.

Nach ihrer Promotion absolvierte sie ein vierjähriges Postdoktorat in verschiedenen

Departments an der Yale University, New Haven, USA, und wurde

dort 1996 zum Assistant Professor ernannt. Ein Jahr später wechselte sie an die

University of Maryland, Baltimore, USA, an der sie ab Juli 2002 als Associate

Professor tätig war.


Neue Bewilligungen

Bonn

Universität Bonn, Institut für Rekonstruktive Neurobiologie (Prof. Dr. Björn

Scheffler): Stem cell pathologies

Darmstadt

Technische Universität Darmstadt, Center of Research Excellence „E-Learning“

(Prof. Dr. Iryna Gurevych): Educational natural language processing (e-NLP)

Göttingen

Universität Göttingen, II. Physikalisches Institut (Dr. Ariane Frey): New

physics at and a novel pixel detector for the international linear collider

Homburg

Universitätskliniken des Saarlandes, Homburg, FB Physiologie (Prof. Dr. Trese

Leinders-Zufall): Neuro-endocrine-immune interactions: The molecular basis

of chemical communication

Wuppertal

Universität Wuppertal, FB Mathematik und Naturwissenschaften (Prof. Dr.

Herman Boos): Algebraic analysis of lattice models and its application to

quantum field theory and condensed matter theory

Nachwuchsgruppen an Universitäten

Mit ihrer im Jahr 2002 beendeten Förderinitiative „Nachwuchsgruppen an

Universitäten“ verfolgte die VolkswagenStiftung das Ziel, jungen, herausragend

qualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Mög lich -

keit zu geben, frühzeitig eigenständig Forschung zu betreiben – vorwiegend

auf neuen und zwischen den Disziplinen angesiedelten Gebieten. Die Förde -

rung einer Nachwuchsgruppe war zunächst auf fünf Jahre befristet. Bei positiver

Evaluation nach etwa der Hälfte der Zeit ist jedoch eine Verlängerung

um ein Jahr möglich. Dieses sechste Jahr wurde im Jahr 2007 folgenden

Gruppen bewilligt:

Berlin

Humboldt-Universität Berlin, Institut für Theoretische Biologie (Dr. Michal

Or-Guil): Dynamical mechanisms of B-cell selection and characterization of

protein binding properties: theoretical and experimental investigations

Oldenburg

Universität Oldenburg, Institut für Physik (Prof. Dr. Alexander Hartmann):

Complex ground states of disordered systems (Universität Göttingen)

Eine Lichtenberg-Professur der Volkswagen -

Stiftung ermöglicht es Dr. Trese Leinders-

Zufall an der Universität des Saarlandes, ihre

Arbeiten zur Funktionsweise von Rezeptor -

molekülen bei Pheromon-Signalen fortzusetzen.

Mit einem breiten Methodenspektrum

ist sie der Frage auf der Spur, wie Duftstoffe

das Hormon- und Immunsystem beeinflussen.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 23


24

Anträge 2007

Eingereicht 45

mit Volumen in Mio. Euro 21,6

Bewilligungen 7

mit Volumen in Mio. Euro 3,8

Bewilligungen insgesamt 7

in Mio. Euro, seit 2006 3,8

Schumpeter-Fellowships für den

Hochschullehrer- und Führungsnachwuchs in den

Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften

In den Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften besteht ein erheb licher

Bedarf, den Hochschullehrer- und Führungsnachwuchs zu fördern. Daher

will die Stiftung jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die mit

herausragendem Ergebnis promoviert haben und Potenzial für Füh rungs po -

sitionen innerhalb und außerhalb der Wissenschaft erkennen lassen, die Mög -

lichkeit einer langfristigen Unterstützung eröffnen. Im Jahr 2006 hat sie als

neue Förderinitiative die „Schumpeter-Fellowships für den Hoch schul lehrerund

Führungsnachwuchs in den Wirtschafts-, Sozial- und Rechts wis sen schaf -

ten“ aufgelegt, benannt nach Joseph Alois Schumpeter (1883-1950). Die Ar beiten

des österreichischen Juristen, Finanz- und Wirtschaftswissen schaft lers haben

auch die Soziologie und Politikwissenschaft nachhaltig beeinflusst.

Die Stiftung möchte Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswis -

sen schaftler fördern, die – einzeln oder in kleinen Forschungsgruppen – für

ihr Fachgebiet Neuland erschließen wollen und deren Vorhaben aufgrund

ihrer Komplexität oder ihres höheren Risikos von vornherein längere Bear -

beitungshorizonte notwendig machen. Dabei kann es sich einerseits um

Projekte handeln, die die Grenzen des eigenen Fachs auszuloten und „von

innen“ aufzubrechen suchen. Hier kommt es darauf an, dass die Antrag -

steller das Thema in Relation setzen zu ihrem Fachgebiet; es gilt festzustellen,

inwieweit Konzepte und Methoden dieses Fachs in der Lage sind, die The -

matik sachgerecht zu erfassen, und inwiefern darüber hi naus Unterstützung

von anderen Fachgebieten erforderlich ist. Andererseits kommen Vorhaben

in Betracht, die den Mainstream durch Kooperation jenseits üblicher Fächer -

kombinationen verlassen und so zu einer inhaltlichen oder methodischen

Neuorientierung des jeweiligen Forschungsgebietes beitragen können.

Zielgruppe des Förderangebots sind Nachwuchswissenschaftlerinnen und

-wissenschaftler, die mindestens „magna cum laude“ promoviert haben und

von denen erwartet werden kann, dass sie mit ihren Arbeiten auch einen

Beitrag zur internationalen Diskussion leisten können. Die Promotion sollte

nicht länger als fünf Jahre zurückliegen. Angesprochen sind in erster Linie

Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaftler, doch ist auch eine Beteili -

gung aus thematisch angrenzenden Disziplinen möglich.

In der ersten Entscheidungsrunde wurden sieben Vorhaben bewilligt. So

hat die Stiftung 584.000 Euro bereitgestellt für Dr. Philipp Dann vom Max-

Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in

Heidelberg für das Projekt „Recht und Governance der Entwick lungszusam -

men arbeit“. Inhaltlich anknüpfend an sein Habilitationsprojekt zu „Grund -

lagen des Entwicklungsverwaltungsrechts“ will Dr. Dann die rechtlichen


Strukturen der Entwicklungszusammenarbeit in administrativer und materieller

Hinsicht untersuchen. Dazu möchte er zum einen die Verfahren,

Instrumente und Standards der Vergabe von Entwicklungshilfegeldern

analysieren – auf deutscher, europäischer und globaler Ebene. Zum anderen

interessieren ihn inhaltliche Konzepte dieser Zusammenarbeit, soweit sie als

Good Governance- oder Konstitutionalisierungsprogramme juristischen

Gehalt haben. In beiden Teilen soll Neuland für die Rechtswissenschaften

erschlossen werden. Darüber hinaus strebt der junge Forscher an, während

des Projektverlaufs und durch Workshops auch Expertise aus Politikwissen -

schaft, Institutionenökonomie und Verfassungsgeschichte einzubinden.

Dr. Philipp Dann (Jahrgang 1972) studierte Rechtswissenschaft und politische

Ideengeschichte in Mainz, Jena und an der Humboldt-Universität Berlin. Nach

seiner Promotion über „Parlamente im Exekutivföderalismus – eine Studie zum

Verhältnis von föderaler Ordnung und parlamentarischer Demokratie in der

EU“ an der Universität Frankfurt am Main schloss er ein Magisterstudium (LL.M.)

an der Harvard Law School in Cambridge, USA, an. Seit 2004 arbeitet Dr. Dann,

unterbrochen von einem einjährigen Aufent halt als Gastforscher am George -

town University Law Center in Washington D.C, USA, am Max-Planck-Institut

für ausländisches öffentliches Recht und Völker recht in Heidelberg.

Weitere 526.000 Euro stehen zur Verfügung für das Projekt „Multilokalität von

Familie: die Gestaltung von Familienleben bei räumlicher Trennung“ von Dr.

Michaela Schier vom Deutschen Jugendinstitut e. V. in München. Gemeinsam

unter einem Dach zu wohnen und regelmäßig von Angesicht zu Angesicht

Zeit miteinander zu verbringen – seit der Entwicklung des bürgerlichen

Familienmodells machte dies das Wesen von „Familie“ aus. Heutzutage werden

die familiären Beziehungen jedoch durch beruflich bedingte Mobilität, Tren -

nungen und Scheidungen sowie neue Lebensstile immer häufiger durch zeitweilige

oder auch langfristige räumliche Tren nungen bestimmt. Familien

leben zunehmend als haushaltsübergreifende soziale Netzwerke an mehreren

Orten. Im Zentrum der Untersuchung steht daher die Frage, wie Familie unter

den Bedingungen dieser Multilokalität gestaltet werden kann. Dabei ist vor

allem an berufsbedingte Trennung von Ehepartnern und Kindern und das

Pendeln von Kindern zwischen getrennt lebenden Eltern gedacht. Spezifische

Merk male, denen Dr. Schier besondere Aufmerksamkeit widmen möchte,

sind die Praxis mehrerer Wohnsitze, geschlechtsspezifische Unterschiede in

der Nutzung und Aneignung des Raumes, das Zuhause und die Lebensfüh -

rung, Konsequenzen beruflich bedingter Mobilität für Familien, das Pendeln

von Kindern zwischen meh reren Haushalten und die Bedeutung der Nutzung

von Kommunikations technologie zur Überbrückung räumlicher Trennung

sowie deren Leistungsgrenzen.

Erstes Teilziel des Vorhabens ist die Erarbeitung eines quantitativ-repräsentativen

Überblicks über die Verbreitung des Phänomens „Multilokalität von

Kernfamilien“ in Deutschland. Auch möchte die Wissenschaftlerin eine

Diese drei Wissenschaftlerinnen und Wis sen -

schaftler können nun – wie vier weitere aus

der ersten Runde – die Schumpeter-Fellow -

ships für ihre umfangreichen Forschungs vor -

haben nutzen (von oben): Dr. Michaela Schier

vom Deutschen Jugendinstitut in München,

Dr. Philipp Dann vom Max-Planck-Institut für

ausländisches öffentliches Recht und Völker -

recht in Heidelberg, Dr. Monika Eigmüller vom

Institut für Soziologie der Universität Leipzig.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 25


26

Familienleben an verschiedenen Orten:

Für Scheidungskinder wie Maya (oben) aus

Müns ter ist das Normalität, auch das zwei -

fache Feiern von Geburtstag oder Weihnach -

ten. Für allein reisende Kinder wie Denise

(unten links) haben Institutionen wie die

Bahnhofsmission Betreuungsangebote entwickelt,

die rege genutzt werden. In einer

„Geografie der Familie“ will Dr. Michaela

Schier das Phänomen der Multilokalität

erforschen und Kriterien ermitteln, die für

ein Gelingen solcher Familienarrangements

wichtig sind.

„Geo grafie“ erstellen solch multilokaler Familiennetzwerke, die insbesondere

Wohnentfernung und Kontakthäufigkeit erfasst. Zum Zweiten sollen die

alltäglichen Praktiken beschrieben werden, mit denen das Familienleben

bei räumlicher Distanz gestaltet wird. Drittes Teilziel der Forscherin ist es,

Kriterien und Rahmenbedingungen zu identifizieren, die für ein Gelingen

solcher Familienarrangements von Bedeutung sind. Am Ende des Vorhabens

soll eine „Geografie der Familie“ sichtbar sein, die ein Konzept familiärer

Lebensführung erkennbar werden lässt und dabei räumliche Dimensionen

und die Verschränkung von individuellen Lebensplanungen zu einer entsprechenden

Lebensweise berücksichtigt.

Dr. Michaela Schier (Jahrgang 1968) studierte Geografie und Ethnologie in

Tübingen. Von 1999 bis 2006 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Semi -

nar für sozialwissenschaftliche Geographie der LMU München. Ihre Promotion

zum Thema „Erwerbsentscheidungen von Frauen in der Modebranche in Mün -

chen. Ein geschlechtersensibler Beitrag zur geographischen Arbeitsforschung“

schloss sie 2005 an der TU München ab. Seit 2006 ist Dr. Schier wissenschaft -

liche Mitarbeiterin in der Abteilung Familie und Familienpolitik des Deutschen

Jugendinstituts e. V., München.

Für das Vorhaben „Die Entwicklung eines territorialen Rahmens sozialpolitisch

relevanter Solidarität. Der Nationalstaat und die Europäische Union”

hat die Stiftung Dr. Monika Eigmüller vom Institut für Soziologie der Uni -

versität Leipzig 552.300 Euro bewilligt. Die Wissenschaftlerin fragt nach der

Entwick lung eines Sozialraumes in Europa. Am Beispiel der Sozialpolitik will

sie in drei Teilprojekten die Möglichkeiten, Bedingungen und Folgen einer

räumlichen Erweiterung politischer Handlungsfähigkeit erschließen.

Zum einen interessiert sich Dr. Eigmüller für die Territorialisierung von

Wohlfahrt im 19. Jahrhundert. Hier möchte sie im historischen Rückblick

Zusammenhänge herausarbeiten, die zwischen Nationalstaat und Wohl -

fahrtsstaat bestanden. In einem weiteren Teilprojekt beschäftigt sie sich mit

den Entwicklungsperspektiven europäischer Sozialpolitik. Inwieweit etwa

wird die Europäische Union zum Anspruchsgegner individueller sozialer

Ansprüche? Besteht ein Bedarf an „europäischer Sozialpolitik“? Und falls ja:

Wie wird dieser von den europäischen politischen Eliten wahrgenommen

und umgesetzt? Vor allem von Interesse sind hier die Entwicklung der europäischen

Sozialpolitik seit 1957, die jeweiligen Arenen und Akteure, externe

Einflussfaktoren und interne Bedingungen. Im Zentrum des dritten Teil vor -

habens steht – mit Blick auf das Spannungsfeld Nationalstaat und Euro -

päische Union – die Entwicklung eines territorialen Rahmens sozialpolitisch

relevanter Solidarität. Hier soll geklärt werden, inwieweit sich die aus der

historischen Betrachtung gewonnenen Erkenntnisse zur Herausbildung der

nationalen Sozialpolitik für die Analyse und Weiterentwicklung der gegenwärtigen

Situation in der EU nutzen lassen. Darüber hinaus soll das Projekt

in dem sich gegenwärtig strukturierenden Feld einer „Europa-Soziologie“ zur

Bildung einer Arbeitsgruppe führen, die international ausstrahlt.


Dr. Monika Eigmüller (Jahrgang 1975) studierte Politikwissenschaft, Soziologie

und Volkswirtschaft an der Universität Leipzig, wo sie im Jahr 2006 mit dem

Thema „Europäische Grenzsicherungspolitik“ auch promovierte. Nach Lehrund

Forschungstätigkeiten an der Universität Leipzig, der Fernuniversität Hagen

und als Professeur Invité am Institut d’Études Politiques in Strasbourg arbeitet

Dr. Eig müller seit 2006 am Institut für Soziologie der Universität Leipzig.

Neue Bewilligungen

Berlin

Freie Universität Berlin, FB Politik- und Sozialwissenschaften, Otto-Suhr-

Institut, Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients (Dr. Naika Foroutan):

Hybride Identitäten in Deutschland. Identitäts- und Abgrenzungsrituale

am Beispiel muslimischer Migranten im deutsch-europäischen Innen- und

Außenverhältnis

Berlin

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH, Abt. Arbeits -

markt politik und Beschäftigung (Dr. Miriam Hartlapp): (K)ein einheitlicher

Akteur? Positionsbildung in der EU-Kommission

Frankfurt/M.

Universität Frankfurt/M., Institut für Politikwissenschaft (Claudia Landwehr):

Entscheidungsverfahren und Verteilungseffekte: Die Allokation von Gesund -

heitsleistungen in den OECD-Ländern

Heidelberg

Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht,

Heidelberg (Dr. Philipp Dann): Recht und Governance der Entwicklungs -

zusammenarbeit

Leipzig

Universität Leipzig, Institut für Soziologie (Dr. Monika Eigmüller): Die

Entwicklung eines territorialen Rahmens sozialpolitisch relevanter

Solidarität. Der Nationalstaat und die Europäische Union

München

Deutsches Jugendinstitut e. V., München, Abt. Familie und Familienpolitik

(Dr. Michaela Schier): Multilokalität von Familie: die Gestaltung von

Familienleben bei räumlicher Trennung

Vallendar

WHU – Otto Beisheim School of Management, Vallendar, Lehrstuhl für

Organisationstheorie (Dr. Frauke Lammers): The Dynamics of Reference

Dependent Preferences

Fördermöglichkeiten

Die Stiftung kann Personalmittel

bereitstellen für die Antrag stellerin/

den Antragsteller und für bis zu zwei

Kooperationspartner oder Mitarbeiter,

auch Doktoranden. Neben den notwendigen

Sachkosten ist zudem die

Unterstützung von Workshops möglich,

die der Diskussion und Bewer -

tung der Projektentwicklung dienen,

sowie von Forschungsaufenthalten

im In- und Ausland – insbesondere

an fachfremden, für die Thematik

wichtigen Einrichtungen. Der Höchst -

betrag der Förderung pro Vorhaben

beläuft sich auf 600.000 Euro für

eine Laufzeit von fünf Jahren. Bei

positiver Evaluation im vierten Jahr

ist eine Verlängerung um bis zu drei,

maximal fünf Jahre möglich. Pro Jahr

sollen acht bis zehn Vorhaben in die

Förderung genommen werden.

Anträge können jeweils bis zum 31.

März eingereicht werden – in deut-

scher oder englischer Sprache. Sie

müssen die verbindliche Erklärung

einer Hochschule oder einer außeruniversitären

wissenschaftlichen

Einrichtung enthalten, dass sie im

Be willigungsfalle die Antragstellerin

oder den Antragsteller aufnimmt.

>> Merkblatt 87

Kontakt

Prof. Dr. Hagen Hof

Telefon 0511/8381-256

hof@volkswagenstiftung.de

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 27


28

Bewilligungen insgesamt

Bewilligungen

Stiftungskonsortium 35

in Mio. Euro, seit 2006 9,5

davon: Bewilligungen

VolkswagenStiftung 27

in Mio. Euro, seit 2005 7,7

Pro Geisteswissenschaften

„Pro Geisteswissenschaften“ – das bedeutet für die Stiftung ein doppeltes

Bekenntnis: ein Bekenntnis zur Förderung einer Fächergruppe, die trotz hervorragender

Leistungen ein bevorzugtes Opfer bei Sparrunden darstellt, und

ein Bekenntnis zur Zusammenarbeit zwischen mehreren Partnern in der

Wissenschaftsförderung. Gemeinsam mit der Fritz Thyssen Stiftung und in

Zusammenarbeit mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und

der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius werden unter diesem Dach Ange -

bote bereitgehalten, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Geisteswissen -

schaften zugeschnitten sind, sowie des Weiteren Streitgespräche und

Konferenzen organisiert, die Gelegenheit zur Präsentation von Forschungs -

leistungen bieten und zum öffentlichen Austausch einladen über geisteswissenschaftliche

Themen, die von breitem Interesse sind.

Unterstützung soll geisteswissenschaftliche Forschung insbesondere dort

erhalten, wo sie sich in den Grenz- und Überschneidungsbereichen der Fächer

bewegt, wo sie sich neue, schwierige Felder erschließt und schon von daher

einen längeren Atem benötigt. Dabei geht es sowohl darum, hoch qualifizierten

wissenschaftlichen Nachwuchs in den Geisteswissenschaften zu halten,

als auch jenen ein attraktives Angebot zu machen, die durch hervorragende

Arbeiten bereits Renommee und einen festen Platz in der Wissenschaft

gewonnen haben. Mit der Initiative „Pro Geisteswissenschaften“ haben die

beteiligten Stiftungen ein in Deutschland bislang einzigartiges Förderan ge -

bot ins Leben gerufen, das explizit auf die spezifischen Rahmenbedingungen,

Bedürfnisse und Möglichkeiten der geisteswissenschaftlichen Forschung

zugeschnitten ist. So werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

mit Nachdruck ermutigt, sich anspruchsvollen, neuen und besonders risikoreichen

Forschungsfeldern jenseits des Mainstreams zuzuwenden.

Die Initiative „Pro Geisteswissenschaften“ umfasst drei Komponenten. Ein

bedeutender Baustein sind die „Dilthey-Fellowships“ für den hoch qualifizierten

wissenschaftlichen Nachwuchs in den Geisteswissenschaften. Des

Weiteren gibt es das Angebot „opus magnum“: Freistellungen für heraus -

ragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ein größeres wissenschaftliches

Werk verfassen möchten – bei gleichzeitiger Lehrvertretung.

Ihre Abrundung findet die Initiative in dem dritten Baustein, dem Veran -

staltungsprogramm „Geisteswissenschaften und Öffentlichkeit“.

Dilthey-Fellowships

Mit den Dilthey-Fellowships – benannt nach dem deutschen Philosophen

Wilhelm Dilthey (1833 bis 1911) – schließen die beteiligten Stiftungen eine

wesentliche Lücke in der Förderung des geisteswissenschaftlichen Nach -

wuchses in Deutschland. Das Angebot wagt sich bewusst an die Fach gren -


zen der Geisteswissenschaften heran und reicht zum anderen wesentlich

über bisher übliche Projekt- und Stipendienfristen hinaus. Hier sollen exzellente

junge Forscherinnen und Forscher nach ihrer Promotion Themen bearbeiten

können, die den Geisteswissenschaften neue Gebiete erschließen und

die aufgrund ihrer Komplexität oder ihres höheren Risikos von vornherein

längere Planungs- und Zeithorizonte benötigen. Junge, quer denkende

Wissenschaftler erhalten so die Chance, sich zu führenden Vertretern ihres

Wissensgebietes zu entwickeln. Bis zu zehn solcher Fellowships vergeben

die Stiftungen pro Jahr.

Voraussetzung für eine Förderung ist die Einbindung in eine deutsche Hoch -

schule oder außeruniversitäre Forschungseinrichtung. Eine Altersgrenze

besteht nicht, allerdings sollte die Promotion nicht länger als fünf Jahre

zurückliegen. Die Wissenschaftler werden zunächst fünf Jahre lang gefördert,

wobei nach einer positiven Evaluation eine Verlängerung um drei – plus

gegebenenfalls weitere zwei – Jahre möglich ist. Neben der Forschungs tätig -

keit sollten sich die Fellows an der Lehre beteiligen und nach Möglichkeit

über weitere Drittmittel Doktoranden in ihre Arbeit einbinden.

Nach einer ersten Bewilligungsrunde im Jahr 2006 mit acht Förderungen

wurden von den beiden Stiftungen nun weitere zehn Dilthey-Fellowships

mit einer Fördersumme von jeweils 400.000 Euro vergeben, von denen zwei

Geförderte – an den Universitäten Köln und Freiburg – inzwischen alterna -

tive Angebote angenommen und somit das Fellowship nicht angetreten

haben. Zwei der Vorhaben stellen wir im Folgenden näher vor.

Als einer der neuen Dilthey-Fellows beschäftigt sich Dr. Dietmar Süß an

der Universität Jena mit dem modernen Luftkrieg und dessen Begründung,

Wirkung und Deutung. Der Luftkrieg hat die Gewaltgeschichte moderner

Gesellschaften im 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt. Er mobilisierte alle

verfügbaren wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Ressour -

Anträge 2007 Dilthey-Fellowships

Eingereicht 68

mit Volumen in Mio. Euro 27,1

Bewilligungen

Stiftungskonsortium 10

mit Volumen in Mio. Euro 3,9

davon: Bewilligungen

VolkswagenStiftung 8

mit Volumen in Mio. Euro 3,2

Unter dem Titel „K wie Kleine Fächer“ wurden

im November 2007 in Berlin Wege aus der

Defensive für diese manchmal unterschätzten

Bereiche der Geisteswissenschaften gesucht.

Auch die zweite Konferenz im Rahmen der

gemeinsamen Initiative „Pro Geisteswis sen -

schaften“ wurde vom Stifterverband für die

Deutsche Wissenschaft ausgerichtet, dessen

Generalsekretär Dr. Andreas Schlüter (rechts)

die Gäste begrüßte.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 29


30

Als Dilthey-Fellow erforscht Dr. Dietmar Süß

(am PC) den modernen Luftkrieg, dessen

Hintergründe und Auswirkungen. Gemein sam

mit Kolleginnen und Kollegen am Lehrstuhl

für Neuere und Neueste Geschichte der Uni -

versität Jena wird auch Fotomaterial ausgewertet

und diskutiert. Um den Historiker

scharen sich von links nach rechts: Dr. Tobias

Freimüller, Kristina Meyer M. A., Boris Spernol

M. A. und Dr. Sybille Steinbacher. – Bei dem

Angriff der deutschen Luftwaffe auf Coventry

im November 1940 wurden Hunderte Ein -

woh ner getötet und die Kathedrale zerstört;

ihre Ruine gilt als Symbol für den Kriegs -

terror gegen die Zivilbevölkerung.

cen und war zugleich der – traurige – Höhepunkt industrieller Kriegsführung.

Hier setzt das Interesse von Dietmar Süß an. Er möchte das Verhält nis von

Gewalt, Zivilgesellschaft und den unterschiedlichen Kulturen des (Luft-)

Krie ges näher erforschen. Der „Tod aus der Luft“: Welche Wirkungen hat er,

wie wird er gedeutet, was wurde aus ihm gelernt? Die Studie behandelt das

Thema in transnationaler Perspektive für das gesamte 20. Jahrhundert und

die zentralen Kriegsschauplätze in Europa, Japan, Vietnam und im Irak.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren die Bombardierungen ziviler Orte

angesichts begrenzter technischer Möglichkeiten noch weitgehend dem

Zufall überlassen. Im Zweiten Weltkrieg spitzte sich – zunächst in Europa,

dann im Pazifik – der Luftkrieg zu, bis hin zur massenhaften Zerstörung von

Städten und Militäranlagen. In den amerikanischen Kriegen in Korea und

Vietnam setzte sich diese Entwicklung fort, bis sie in den 1990er Jahren mit

dem Golf-Krieg erstmals in den Einsatz computergestützter Waffensysteme

mündete, die eine Schonung der eigenen Truppen und der Zivilbevölkerung

versprachen. Diesen Wandlungsprozess nimmt Dietmar Süß für unterschiedliche

Phasen und Regionen in den Blick und hofft, den Luftkrieg durch die

vergleichende Untersuchung über nationale Grenzen hinweg als globales

Phänomen greifbar machen zu können. Methodisch möchte sich Süß aus

der traditionellen Militärgeschichte lösen und auch die Kultur- und Wissen -

schafts geschichte einbeziehen, um beispielsweise Fragen der ethischen

Legitimation von Massentötungswaffen ebenso einbinden zu können wie

die Rolle der Wissenschaften: Welchen Anteil hat zum Beispiel die psychologisch-medizinische

Forschung an militärisch-strategischen Entscheidungen?

Daneben möchte der Nachwuchsforscher auch die unmittelbare Praxis des

Tötens näher untersuchen: Wie reagierten die Piloten selbst auf die Verän -

derungen der Kriegstechnologie? Ein weiterer Fragenkomplex zielt auf die

Verarbeitung des Luftkriegs in Erinnerungskulturen und seine Darstellung

in den Medien durch Fotos, Film- und Fernsehberichte. In Zusammenarbeit

unter anderem mit der University of Exeter in Großbritannien beabsichtigt

Dietmar Süß, einen internationalen Forschungsverbund zum Thema

„Kriegsgesellschaft“ aufzubauen.

Dr. Dietmar Süß (Jahrgang 1973) studierte Geschichte, Soziologie und Rechts -

wis senschaften an den Universitäten Hagen (FernUniversität), Berlin (HU),

Santander (Universidad de Cantabria) und München (LMU). An Letzterer

promovierte er 2001 über „Arbeiterschaft, Betrieb und Sozialdemokratie in

der bayrischen Montanindustrie 1945-1976“. Nach einem Volontariat bei

der Katholischen Nachrichtenagentur war er ab 2003 als wissenschaftlicher

Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München tätig. Von 2006 bis

2007 hielt sich Dr. Süß als Feodor-Lynen-Stipendiat der Alexander von

Humboldt-Stiftung an der University of Exeter auf. Seit September 2007 ist

er Akademischer Rat am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der

Friedrich-Schiller Universität Jena, an dem er auch das Dilthey-Fellowship

wahrnehmen wird.


Mit Methoden aus dem Theater, mit Schauspielerei und szenischer Arbeit

therapeutische Wirkungen zu erzielen, ist eine Idee mit Vergangenheit. Bereits

im 17. und 18. Jahrhundert kennt man beispielsweise „Comödianten-Ärzte“ im

Bereich der Jahrmarktmedizin. Das ist einer der Ansatzpunkte für Dr. Céline

Kaiser, die künftig als Dilthey-Fellow an der Universität Bonn die Geschichte

theatertherapeutischer Methoden – die sie unter dem Begriff „Theatro thera pie“

zusammenfasst – näher erforschen möchte. Die Germanistin, Medizinhis to -

rikerin und Theaterpädagogin geht dabei von der Hypothese aus, dass mit

diesen Formen der Therapie es dem Patienten auch (wieder) möglich wird,

sich selbst zu steuern.

Die Praktiken und Rhetoriken der theatertherapeutischen Arbeit in Psychia -

trie, Psychotherapie und Literatur eingehend zu analysieren, ist für Céline

Kaiser der Schlüssel zu einem besseren Verständnis der Auffassungen, wie

der moderne Mensch „funktioniert“. Ihr zentraler Untersuchungsgegenstand

sind psychiatrische und psychotherapeutische Quellen um 1800, 1900 und

seit 1970. Dabei setzt sie zeitlich mit den Jahren um 1800 bei einer Wendezeit

ein, in der „die Irren“ zum Gegenstand ärztlicher Heilkunst werden und erste

Formen der Psychiatrie entstehen. Um 1900 dominieren dann verschiedene,

teils kontroverse Behandlungsansätze wie etwa Hypnose, Spiritismus oder

die Psychoanalyse. Bis heute entstehen immer neue theatertherapeutische

Konzepte, die auch in anderen Lebensbereichen aufgegriffen werden: So

finden sich Formen der Theaterarbeit etwa in der Wirtschaft, als Unterneh -

menstheater oder im Assessmentcenter.

Kennzeichnend für die Theatro thera pie ist jedoch – so die Nachwuchsfor -

scherin – bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze stets der situative und

ereignishafte Charakter der therapeu tischen Szene. Durch die Spiegelung

in der Szene kann sich die Person erkennen und spielerisch mit der eigenen

Psyche auseinandersetzen. Ergebnisse ihres Projekts, das medizinhistorische

Grundlagenforschung leisten will und zugleich an aktuelle kultur- und

medienwissenschaftliche Debatten anschließt, wird Céline Kaiser in

be gleitenden Workshops und einem Abschlusssymposium präsentieren

und zur Diskussion stellen.

Dr. Céline Kaiser (Jahrgang 1970) hat von 1990 bis 1998 Germanistik und

Philosophie in Bonn und Düsseldorf studiert. Nach Tätigkeiten als Veranstal -

tungsmanagerin und Lehraufträgen an der Universität Bonn promovierte sie

dort 2005 mit der Arbeit „Rhetorik der Entartung. Max Nordau und die Sprache

der Verletzung“. Von 2000 bis 2006 war sie außerdem wissenschaftliche Mitar -

beiterin am Sonderforschungsbereich 534 „Judentum – Christentum“ und am

Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn, hospitierte und assistierte

bei verschiedenen Theatern und absolvierte eine berufsbegleitende Ausbildung

zur Theaterpädagogin. Seit Dezember 2007 arbeitet sie als Dilthey-Fellow am

Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der

Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Bonn.

Theatertherapeutische Konzepte tragen dazu

bei, dass sich Patienten wieder selbst steuern

können, davon ist Dr. Céline Kaiser überzeugt.

Im Rahmen ihres Dilthey-Fellowships erforscht

sie an der Universität Bonn die (medizin-)his -

torischen Grundlagen der „Theatrotherapie“;

sie möchte damit auch einen Beitrag zur

aktuellen kultur- und mediengeschichtlichen

Debatte leisten. Die Bilder zeigen eine historische

Szene aus der psychiatrischen Anstalt

Salpêtrière in Paris (unten) und eine Auffüh -

rung des Stücks „Orpheus ohne Echo“ (oben)

durch die behinderten Schauspielerinnen

und Schauspieler des Berliner Theaters

„RambaZamba“ im Jahr 2004.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 31


32

Anträge 2007 „opus magnum“

Eingereicht 26

mit Volumen in Mio. Euro 2,9

Bewilligungen

Stiftungskonsortium 8

mit Volumen in Mio. Euro 1,0

davon: Bewilligungen

VolkswagenStiftung 6

mit Volumen in Mio. Euro 0,8

Ihr „opus magnum“ ist dem Verhältnis von

Tod und Fotografie gewidmet: Professorin

Dr. Katharina Sykora von der Hochschule

für Bildende Künste Braunschweig bei der

Bild recherche und -auswahl von Material

für ihr Buchprojekt.

Opus magnum

Die Förderlinie „opus magnum“ setzt bei den Arbeitsbedingungen von

Geisteswissenschaftlern an: Lehre vor Hunderten von Studierenden, Enga -

gement in der universitären Selbstverwaltung, bei Begutachtungs- und

Evaluationsverfahren … – die Liste der Aufgaben, die Wissenschaftler an den

Universitäten neben ihrer Forschungstätigkeit noch zu bewältigen haben,

ließe sich fortsetzen. Allenfalls wenig Zeit bleibt, um aus der eigenen wissenschaftlichen

Arbeit heraus „das große Werk“ zu verfassen. Auch Geistes -

wissenschaftler veröffentlichen ihre Ergebnisse zunehmend in Aufsätzen

für Fachzeitschriften. Was sich einerseits positiv auf den wissenschaftlichen

Diskurs auswirkt, hat auch seine Schattenseiten. Denn in den Geisteswissen -

schaften ist die Monografie noch immer diejenige Publikationsform, die

– zumeist – die wissenschaftliche Entwicklung am nachhaltigsten voran -

bringt. Vielen Disziplinen mangelt es daher an richtungweisenden Syn the sen,

die nicht nur Bekanntes zusammenfassen, sondern darüber hinaus neue

Perspektiven und Forschungsfelder eröffnen und jenseits herkömmlicher

Disziplinengrenzen Orientierung bieten.

An dieser Stelle greift „opus magnum“: Forscherinnen und Forscher, die sich

durch herausragende Arbeiten ausgewiesen haben, können sich für einen

Zeitraum von sechs Monaten bis zu zwei Jahren von ihren sonstigen Aufgaben

freistellen lassen, um sich auf die Abfassung eines größeren wissenschaft -

lichen Werks zu konzentrieren. Die Kosten für eine Lehrvertretung werden

dabei von den beteiligten Stiftungen getragen. Voraussetzung für eine

Förderung ist, dass die Wissenschaftler unter Fortzahlung ihrer Dienstbe züge

freigestellt oder beurlaubt werden – und dass eine Lehrvertretung aus dem

wissenschaftlichen Nachwuchs bereitsteht. Die Freistellung muss zusätzlich

erfolgen und darf bei der Bemessung regulärer Freisemester nicht angerechnet

werden. Als Lehrvertretung sollen nur Wissenschaftler zum Einsatz kommen,

die noch nicht über eine feste Stelle verfügen. Insofern trägt „opus magnum“

gleichzeitig zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bei.

Nach neun Bewilligungen im Jahr 2006 haben die beiden Stiftungen 2007

acht „opera magna“ mit insgesamt über einer Million Euro auf den Weg

gebracht. Zwei der Projekte werden hier näher vorgestellt.

Professorin Dr. Katharina Sykora von der Hochschule für Bildende Künste

Braunschweig wendet sich mit ihrem „opus magnum“ einem großen

Menschheitsthema zu: dem Tod. Von jeher konfrontiert er den Menschen mit

dem Unbegreifbaren und Undarstellbaren. Zugleich haben gerade Künst le -

rin nen und Künstler immer wieder versucht, ihn in Bildern zu fassen. Die

Fotografie etwa scheint mit ihrer Möglichkeit für Momentaufnahmen wie

geschaffen für das Festhalten des Todes. Ziel des mit 100.000 Euro geförderten

Buchprojekts ist es daher, das Verhältnis von Tod und Fotografie im

Alltag, in der Theorie und in der Kunst systematisch zu untersuchen.


Die Kunsthistorikerin wird sich dem Thema aus verschiedenen Perspektiven

nähern. In einem ersten Teil möchte sie den Blick darauf richten, wie die

Fotografie mit dem Tod umgeht und an welchen Konventionen und Normen

sich dies ausrichtet. Dabei konzentriert sie sich auf die Toten-, Bestattungsund

Erinnerungsriten westlicher Kulturen. In diesem Zusammenhang ist es

wichtig, zwischen Porträtfotos von Lebenden und Fotos von Toten zu unterscheiden,

die beide in unterschiedlicher Funktion eine Rolle spielen. Während

man heute Tote kaum noch fotografiert – geschweige denn solche Fotos

öffentlich zur Schau stellt –, wurden Tote zu Zeiten der frühen Fotografie

oftmals im Festtagsgewand ins Fotoatelier gebracht und sitzend in einem

möblierten Zimmer abgelichtet. Der zweite Schwerpunkt des Vorhabens

liegt auf ausgewählten Beispielen künstlerischer Arbeiten zur Verbindung

von Fotografie und Tod. Dabei will sich Katharina Sykora zunächst mit

Selbst bildnissen von Fotografen beschäftigen, die sich als Tote inszenieren

oder sich im Dialog mit einem Totenkopf porträtieren. Anschließend wird sie

dem gestalterischen Umgang mit dem „natürlichen“ Tod anderer Menschen

nachgehen, etwa – relativ aktuell – in den Doppelbildnissen von Personen

als Todkranke und Tote. Zudem möchte die Wissenschaftlerin fotografische

Arbeiten einbeziehen, die dem Tod an verschiedenen Orten nachspüren,

beispielsweise auf dem Friedhof oder im Leichenschauhaus. Hiermit werden

Tabuzonen der Gesellschaft berührt, die bis zur Fotografie in den Todeszellen

amerikanischer Gefängnisse reichen. Begleitet werden beide Hauptperspek -

tiven des Vorhabens durch Rekurse auf fototheoretische Positionen, die immer

wieder die Affinität des Mediums zum Tod und deren wechselseitiges

Bedingungsgefüge thematisieren.

Professorin Dr. Katharina Sykora (Jahrgang 1955) war von 1994 bis 2001 Profes -

sorin für mittlere und neuere Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Geschlech -

terforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2001 ist sie Professorin für

Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Hoch schule für Bildende

Künste Braunschweig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind der Wettstreit

zwischen Malerei, Fotografie und Film, die visuellen Konstruktionen und

Rezeptionsweisen von Weiblichkeit und Männlichkeit und Fragen künstlerischer

Autorschaft vom ausgehenden 19. bis ins 21. Jahrhundert. Seit Oktober

2007 arbeitet sie an ihrem „opus magnum“ „Die Tode der Fotografie“. Die

Vertretung ihres Lehrstuhls übernimmt Dr. Gregor Wedekind, der zuvor als

Directeur de Recherche und Stellvertreter des Direktors am Deutschen Forum

für Kunstgeschichte in Paris und an der Technischen Universität Berlin an

seiner Habilitationsschrift über Strategien der Mimesis bei Theódore Géricault

arbeitete.

Johann Strauß’ „Zigeunerbaron“, Georges Bizets „Carmen“ oder die Esme ralda

in Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“ – die Beispiele für Zigeuner -

figuren in der Musik und Literatur sind zahlreich, ganz besonders in Gestalt

der „schönen Zigeunerin“. Dabei ist der Begriff „Zigeuner“ bereits selbst eine

Konstruktion, die sich zugleich mit diskriminierenden wie romantisch-ver-

Im Zentrum des Interesses der Wissenschaft -

lerin steht zum einen der „reale“ Umgang

von Fotografie mit dem Thema Tod – im

Zusammenhang mit den entsprechenden

Riten westlicher Kulturen –, zum anderen

will sie sich mit künstlerischen Arbeiten zu

diesem Themenfeld beschäftigen. In beiden

Fällen wird der Bezug zu fototheoretischen

Positionen eine wichtige Rolle spielen.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 33


34

Obwohl sie eine kleine, eher wenig einflussreiche

Volksgruppe sind, spielen die Roma –

vor allem über ihre Präsenz in Kunst und

Lite ra tur – eine wichtige Rolle im kulturellen

Ge dächt nis Europas. Die Farblithographie

von Otto Mueller ist ein Beispiel, in dem die

„Zigeuner“ einmal nicht romantisch verklärt

dargestellt werden.

Professor Dr. Klaus-Michael Bogdal von der

Universität Bielefeld hat sich vorläufig ganz

der Erforschung des Phänomens „Zigeuner“

in der Literatur verschrieben. Die Lehrstuhl -

vertretung gibt einem jüngeren Kollegen die

Gelegenheit, entsprechende Erfahrungen

an der Fakultät für Linguistik und Literatur -

wis senschaft zu sammeln.

klärenden Sichtweisen verbindet. Die „Erfindung“ der Zigeuner, die sich in

Dichtung und Schriftgut spiegelt, ist daher das zentrale Forschungsinteresse

von Professor Dr. Klaus-Michael Bogdal von der Universität Bielefeld. Sein

mit 150.000 Euro gefördertes „opus magnum“ zielt auf eine Gesamtdar stel -

lung der Zigeuner in der europäischen Literatur vom 15. Jahrhundert bis zur

Gegenwart.

Die Zigeuner sind ein europäisches Phänomen mit einer über 500-jährigen

Geschichte: Die ersten Romagruppen werden bereits im 15. Jahrhundert in

europäischen Städtechroniken erwähnt. In der Geschichtsschreibung tauchen

sie spürbar allerdings erst nach dem Holocaust auf. In Kunst und Lite -

ratur dagegen, und damit im kulturellen Gedächtnis Europas, sind sie sehr

präsent – obwohl sie eine sehr kleine Volksgruppe darstellen, noch dazu ohne

eigene Schriftkultur und politisch wie ökonomisch mit geringem Einfluss.

Über die Literatur lassen sich Szenarien der Entrechtung und des Ausschlusses

analysieren, über sie kommt der Grundbestand an Stereotypen, Motiven und

Handlungsmustern zum Ausdruck. Wie haben sich diese Bilder über die

Jahr hunderte entwickelt und überlagert? Welchen Einfluss hatten sie auf die

politische Praxis?

Der Germanist Bogdal blickt dabei zunächst auf die Anfänge der Einwan -

derung nach Europa. Einer gesellschaftlichen Akzeptanz der Zigeuner stand

damals vor allem ihre ungeklärte Abstammung entgegen. Die nomadische

Lebensweise rückte sie zudem in die Nähe von Recht- und Heimatlosen;

Landesverweise oder Zwangsansiedlungen waren oft die Folge. Welchen

Beitrag die Literatur zum Stereotyp des Zigeuners als „rechtloser Rechts -

brecher“ geleistet und wie die Romantik „Zigeuner“ für ihre Werke ge- und

benutzt hat: Das sind weitere Fragen, die Bogdal bearbeiten möchte. Sein

„opus magnum“ mündet in eine Aufarbeitung rassistischer Zigeuner bilder

besonders der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und richtet den

Blick auf die Nachkriegszeit mit ihren Strategien zum Umgang mit Holo -

caust-Erinnerungen und zur Wiedergutmachung.

Professor Dr. Klaus-Michael Bogdal (Jahrgang 1948) bekleidete die Lehrstühle

für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Didaktik beziehungsweise für

Germanistik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und der Gerhard-

Mercator Universität Duisburg, bevor er 2001 als Professor für Germanistische

Literaturwissenschaft an die Universität Bielefeld wechselte. Schwerpunkte

seiner Forschung sind die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Gegenwarts -

literatur, Literaturtheorie und Fachgeschichte sowie Literaturdidaktik. Seit

Oktober 2007 widmet er sich für die nächsten eineinhalb Jahre seinem „opus

magnum“ mit dem Thema „Europa erfindet die ‚Zigeuner’“. Die Lehrstuhlver -

tretung übernimmt Privatdozent Dr. Holger Dainat, der sich 2002 mit Studien

über „Die Modernisierung der deutschen Literaturwissenschaft 1880-1950“

habilitierte und zuletzt Neuere deutsche Literatur an der Otto-von-Guericke-

Universität Magdeburg lehrte.


Veranstaltungsprogramm „Geisteswissenschaften und Öffentlichkeit“

Die dritte Komponente der Förderinitiative „Pro Geisteswissenschaften“ – ein

Veranstaltungsprogramm „Geisteswissenschaften und Öffentlichkeit“ – wird

vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und der ZEIT-Stiftung

Ebelin und Gerd Bucerius maßgeblich mitgetragen und -finanziert. Hier geht

es um themenorientierte Veranstaltungen, die das Ziel verfolgen, Rang und

Stellenwert der Geisteswissenschaften einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln.

Gemeinsam mit renommierten deutschen Medienpartnern möchten

die beteiligten Stiftungen damit ihre Mittlerrolle zwischen Wissenschaft

und Gesellschaft wahrnehmen und gegenüber der Politik wirksamer als

bisher auf die Leistungsfähigkeit der Geisteswissenschaften aufmerksam

machen. Gefördert werden größere Konferenzen sowie kleinere Workshops,

Vortragsveranstaltungen und Streitgespräche.

Im Mittelpunkt stand im Jahr 2007 die zweite Konferenz zur Förderinitiative,

die sich am 14. und 15. November in Berlin dem Thema „K wie Kleine Fächer:

Wege aus der Defensive“ widmete. Die rund 200 Teilnehmer der Foren und

Podiumsdis kussionen erörterten folgende Fragen: Was leisten Kleine Fächer?

Wo stehen sie im deutschen Wissenschaftssystem? Was können sie für Politik

und Wirt schaft bedeuten? Wie fördert man sie am besten? Wie kann der Weg

aus der Defensive heraus aussehen? Es diskutierten Wissenschaftlerinnen

und Wis senschaftler, Mitarbeiter von Hochschulen und Stiftungen, aber auch

Vertreter aus Politik und Wirtschaft. Mit dieser Veranstal tung setzte die Ini -

tiative „Pro Geisteswissenschaften“ ihre Konferenzreihe vertiefend fort, die

2006 mit dem Thema „Geistesgegenwart und Geistes zu kunft – Aufgaben

und Möglichkeiten der Geisteswissenschaften“ begonnen hatte.

Außerdem wurde die Reihe der „Streitgespräche“ mit drei Veranstaltungen

fortgeführt: Am 23. Januar ging es in Hannover um „Herausforderung Tradi -

tion! Die Geisteswissenschaften und das kulturelle Erbe – eine schwierige

Erbschaft?“, am 4. Juni in Düsseldorf um „Herausforderung Standards! Quali -

tätssicherung in den Geisteswissenschaften“ und am 8. November in Dresden

um „Herausforderung Europa! Die Geisteswissenschaften im neuen Europa“.

Ebenfalls gefördert wurden zwei weitere Workshops. Veranstaltet vom Deut -

schen Bergbau-Museum Bochum diskutierten dort vom 8. bis 10. Juni 2007

Experten über „Landschaften – kulturelles Erbe in Europa“; am 2. Juli 2007

ging es um „Europäische Sprachen – Kommunikation mit der Welt“. Dieser

Workshop wurde ausgerichtet von Professorin Dr. Vittoria Borsó von der

Universität Düsseldorf in Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Heine

Haus, dem International Center for Writing and Translation der University

of California at Irvine, USA, und dem Europäischen Übersetzerkollegium

Nordrhein-Westfalen in Straelen e. V.. Das Veranstaltungsprogramm zu

„Pro Geisteswissenschaften“ traf auch 2007 wieder auf lebhaftes Interesse –

nicht zuletzt jenseits der „Fachöffentlichkeit“. Es trug wesentlich dazu bei,

die Förderinitiative einem breiteren Publikum bekanntzumachen.

Fördermöglichkeiten

Die Initiative „Pro Geisteswissen -

schaften“ umfasst die drei Kompo -

nenten „Dilthey-Fellowships“, „opus

magnum“ und das Veranstaltungs -

programm „Geisteswissenschaften

und Öffentlichkeit“. Ausschreibungs -

stichtag für die Dilthey-Fellowships

ist der 31. August, für „opus mag num“

der 30. September eines Jahres.

Im Rahmen des Veranstaltungspro -

gramms werden sowohl größere

Konferenzen als auch kleinere Work -

shops und Vortragsveranstal tungen

gefördert.

>> Merkblatt 84

Kontakt

Dr. Gudrun Tegeder

Telefon 0511/8381-289

tegeder@volkswagenstiftung.de

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 35


36

Neue Bewilligungen

Berlin

Freie Universität Berlin, Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende

Literaturwissenschaft (Prof. Dr. Winfried Menninghaus): Wozu Kunst?

(„opus magnum“)

Berlin

Technische Universität Berlin, Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie,

Wissenschafts- und Technikgeschichte (Dr. Helmut Heit): Wahrheit und

Wirkung. Hintergründe, Inhalt und aktuelle Relevanz von Nietzsches

Wissenschaftsphilosophie (Dilthey-Fellowship)

Bielefeld

Universität Bielefeld, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft

(Dr. Eva Belke): Bilinguale Sprachverarbeitung unter Submersions -

be dingungen: eine psycholinguistische Aufarbeitung (Dilthey-

Fellowship)

Bielefeld

Universität Bielefeld, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft

(Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal): Europa erfindet die „Zigeuner“. Eine

Gesamtdarstellung der „Zigeuner“ in der europäischen Literatur vom

15. Jahrhundert bis zur Gegenwart („opus magnum“)

Bielefeld

Universität Bielefeld, Lehrstuhl für Volkswirtschaftstheorie (Prof. Dr. Peter

Flaschel): Unbalanced growth and social evolution from a unifying perspective

(„opus magnum“)

Bonn

Universität Bonn, Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und

Kulturwissenschaft (Dr. Céline Kaiser): Kulturgeschichte der Theatrotherapie

um 1800 – 1900 – 1970/2000 (Dilthey-Fellowship)

Braunschweig

Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig, Institut für Kunst -

wissenschaft (Prof. Dr. Katharina Sykora): Die Tode der Fotografie

(„opus magnum“)

Frankfurt/M.

Universität Frankfurt/M., Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft,

Phonetik und Slavische Philologie (Dr. Sebastian Drude):

Diskurs-basierte Multimedia-Sprachbeschreibung am Beispiel des Aweti

(Dilthey-Fellowship)


Freiburg

Universität Freiburg, Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte

(Dr. Andrea Albrecht): Die Mathematik im Jenseits der Kulturwissenschaften.

Zur literarischen und kulturellen Konstruktion des Mathematischen zwischen

1880 und 1950 (Dilthey-Fellowship)

Jena

Universität Jena, Historisches Institut (Dr. Dietmar Süß): Tod aus der Luft:

Gewalt, Zivilgesellschaft und die Kulturen des Krieges im 20. Jahrhundert

(Dilthey-Fellowship)

Köln

Universität Köln, Institut für deutsche Sprache und Literatur (Dr. Martin

Andree): Absolute Kommunikation. Geschichte und Theorie der Marketing -

kultur (Dilthey-Fellowship)

Leipzig

Universität Leipzig, Lehrstuhl Praktische Philosophie (Prof. Dr. Weyma

Lübbe): Allokationsethik („opus magnum“)

Leipzig

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig (Dr. Henrike

Moll): Children’s understanding of perspectives (Dilthey-Fellowship)

Marburg

Universität Marburg, Seminar für Neuere Geschichte (Prof. Dr. Eckart Conze):

Geschichte der Bundesrepublik Deutschland („opus magnum“)

Engagierte Beiträge zur Diskussion über die

Lage der Kleinen Fächer bei der Konferenz im

Rahmen der Initiative „Pro Geisteswissen -

schaften“: Professorin Dr. Erika Fischer-Lichte

(links) von der Freien Universität Berlin vertrat

die Perspek tive der Theaterwissen schaf -

ten, Bundesfor schungsministerin Dr. Annette

Schavan (rechts), die dem Kuratorium der

Volkswa genStiftung angehört, stellte sich

den Fragen der Journalisten.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 37


38

Förderinitiative seit 2007

noch keine Bewilligungen in 2007

Fördermöglichkeiten

Die Auswahl der Fellows erfolgt

gemeinsam mit dem Humanities

Center der Harvard University. Im

Anschluss an den Arbeitsaufenthalt

kann die Stiftung darüber hinaus

auch das jeweilige Fellowship weiterführende

Aktivitäten wie etwa den

Gegenbesuch eines in Harvard

Forschenden an der entsprechenden

deutschen Institution unterstützen.

>> Merkblatt 91

Kontakt

Dr. Gudrun Tegeder

Telefon 0511/8381-289

tegeder@volkswagenstiftung.de

Fellowships für Postdoktoranden und

-doktorandinnen aus den Geisteswissenschaften

am Humanities Center der Harvard University

Eine Zeit lang an der Harvard University in den USA wissenschaftlich arbeiten

können? Das wünschen sich sicherlich viele Forscherinnen und Forscher.

Für ausgewählte junge Geisteswissen schaftler wird dieser Traum nun wahr.

Die VolkswagenStiftung schreibt jetzt – erstmals für das Jahr 2008 – bis zu

vier „Fellowships für Postdoktoran din nen und -doktoranden aus den Geis -

teswissenschaften am Humanities Center der Harvard University“ aus.

Gefragt sind junge, hochqualifizierte Postdoktoranden aus deutschen Hoch -

schulen, die ihre Forschungskompetenz und ihr Forschungsprofil auf einem

zukunftsweisenden geisteswissenschaftlichen Gebiet international stärken

und weiterentwickeln wollen. Dabei sollte die Promotion zwei bis drei, maximal

fünf Jahre zurückliegen. Am Humanities Center der Harvard University,

das geleitet wird von dem renommierten Intellektuellen Pro fessor Homi

Bhabha, können sie für jeweils ein Jahr in einem attraktiven akademischen

Umfeld geisteswissenschaftlich arbeiten und dabei auf die dortigen Biblio -

theken, Archive und weitere Forschungs- und Kommuni ka tionsangebote

zurückgreifen. Gefordert ist, dass die Fellows neben ihrer Forschung auf Basis

eines Auftaktworkshops fächerübergreifend Gesprächs- und Arbeitskontakte

aufbauen und an internationalen Konferenzen und Workshops mitwirken

sowie in begrenztem Umfang eigene Lehrver anstaltungen durchführen.

Das Humanities Center der Harvard University genießt international einen

hervorragenden Ruf, begründet durch Forschungsleistungen, Vortrags- und

Vorlesungsreihen, Konferenzen, Tagungen, Workshops und Seminare zu

einem breit gefächerten Themenspektrum. Insbesondere bietet es als

wissen schaftliche und intellektuelle Plattform auch vielfältige informelle

Möglichkeiten zum Gedankenaustausch und zu gemeinsamer wissenschaftlicher

und künstlerischer Arbeit. Besonderes Anliegen ist dabei die Förderung

von Kontakten und Kooperationen zwischen den Geistes-, Sozial- und Natur -

wissenschaften. Darüber hinaus gehört es zu den Zielen des Centers, die

Bedeutung der Geisteswissenschaften für die politischen und gesellschaft -

lichen Entwicklungen unserer Zeit augenfällig und verständlich zu machen;

klassische Kompetenzen der Geisteswissenschaften werden mit zeitgenös -

sischen Ansprüchen konfrontiert und verbunden.

Zur ersten Ausschreibungsrunde gingen 25 Bewerbungen ein. Im März 2008

wurden die ersten Fellowships vergeben (erste Informationen dazu siehe

www.volkswagenstiftung.de/service/presse/html?datum=20080415). Für die

Jahre 2009 bis 2011 sind drei weitere Ausschreibungsrunden geplant. Mithin

können bis zu 16 Personen von dem Angebot profitieren. Rund 1,3 Millionen

Euro stellt die Stiftung zunächst für den gesamten Zeitraum bereit.


Hochschule der Zukunft

Die Hochschulen stehen vor einer Vielzahl von Herausforderungen: Inner halb

der Gesellschaft steigt der Bedarf an wissenschaftlich fundiertem Wissen –

für technische Innovationen genauso wie mit Blick auf Orientie rungs leistun gen

innerhalb politischer und kultureller Debatten. Und in der Lehre stehen die

Beschleunigung der Wissensgenerierung und Anforderungen auf der Tages -

ordnung, die aus der Arbeitswelt an die Hochschulen herangetragen werden.

Dabei sehen sich die Hochschulen steigendem Druck ausgesetzt, die finanziellen

Aufwendungen für Forschung und Lehre zu legitimieren. Zur gleichen

Zeit werden ihnen grundlegende Organisationsänderungen abverlangt, so

die Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge und die Arbeit mit

Hochschulräten und hauptamtlichen Hochschulleitungen. All dies findet

unter Bedingungen eines sich verschärfenden internationalen Wettbewerbs

statt, der sich auf national wie europaweit zur Verfügung gestellte Ressour cen

für Forschungsprojekte genauso bezieht wie auf die Konkurrenz um führende

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Mit der Förderinitiative „Hochschule der Zukunft“ möchte die Volkswagen -

Stiftung den Hochschulen helfen, diese Herausforderungen anzunehmen.

Bisher hat sie exemplarisch Projekte gefördert, die in besonderer Weise auf

strukturelle Innovationen und auf die Internationalisierung der Hochschulen

zielen. Für eine Unterstützung kamen dabei nur Vorhaben in Betracht, die

sich auch im Vergleich zu anderen kreativen Reformvorschlägen als exzeptionell

erwiesen. Grundvoraussetzung war, dass es um die künftige Ausge -

staltung von Hochschulen ging, die sich im nationalen und internationalen

Wettbewerb profilieren möchten. Mit dem Jahr 2008 richtet die Stiftung die

Initiative neu aus: Derzeit läuft ein Sondierungsprozess mit dem Ziel, fokussierte

Themenfelder für einzelne Ausschreibungen zu identifizieren.

Im Jahr 2007 hat die Stiftung knapp 400.000 Euro für das Kooperations vor -

haben „Mehrsprachigkeit und Multikulturalität im Studium: Konzeption,

Implementierung und Evaluation von Maßnahmen zur Qualitätsentwick lung

in der Lehre“ zur Verfügung gestellt. Beteiligt sind Professorin Dr. Annelie

Knapp und Professorin Dr. Adelheid Schumann vom Fachbereich Sprach-,

Literatur- und Medienwissenschaften der Universität Siegen, Professorin Dr.

Dr. Juliane House vom Institut für Allgemeine und Angewandte Sprach wis -

sen schaft/Sprachlehrforschung der Universität Hamburg sowie Professorin

Dr. Karin Aguado vom Institut für Germanistik der Universität Kassel. Die

zunehmende internationale Mobilität der Studierenden, die wachsende Zahl

von internationalen Studiengängen und von Lehrveranstaltungen in englischer

Sprache führen im Zusammenhang mit den weltweiten Migrations -

bewegungen dazu, dass die Lehre an Hochschulen immer häufiger unter

Bedingungen von Mehrsprachigkeit und Multikulturalität stattfindet. Die

deutschen Hochschulen haben sich folglich in einer neuen Dimension im

internationalen Wettbewerb zu behaupten: Sie müssen unter den Bedingun gen

Anträge 2007

Eingereicht 15

mit Volumen in Mio. Euro 4,3

Bewilligungen 8

mit Volumen in Mio. Euro 0,6

Bewilligungen insgesamt 19

in Mio. Euro, seit 2005 5,9

Deutschlands Hochschulen werden für ausländische

Studierende immer attraktiver,

jedoch sind noch viele Maßnahmen zur

Qualitätsentwicklung notwendig, um einen

erfolgreichen Studienverlauf für diese Grup pe

zu garantieren. In Siegen, Hamburg und Kas -

sel will man das nun mit vereinten Kräf ten

und neuen Ideen angehen – unterstützt durch

eine Förderung der VolkswagenStiftung.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 39


40

Fördermöglichkeiten

Anträge und Ideenskizzen werden in

der Förderinitiative „Hochschule der

Zukunft“ derzeit nicht entgegengenommen.

Die Stiftung hat einen

Sondierungsprozess initiiert mit dem

Ziel, fokussierte Themenfelder für

einzelne Ausschreibungen zu identifizieren.

Voraussichtlich im Dezember

2008 wird eine erste Ausschreibung

erfolgen.

Kontakt

Dr. Anja Fließ

Telefon 0511/8381-374

fliess@volkswagenstiftung.de

von Mehrsprachigkeit und Multikulturalität erfolgreiches Studieren ermög -

lichen und für Studieninteressierte aus dem Ausland attraktiv bleiben beziehungsweise

attraktiver werden – und dies ohne Qualitätsverlust. Dank einiger

struktureller Maßnahmen der vergangenen Jahre – dazu zählen Stipendien -

programme, die Einrichtung auslandsorientierter Studiengänge oder allgemein

eine Verbesserung der Rahmenbedingungen – konnte der Anteil ausländischer

Studienanfänger an deutschen Universitäten signifikant erhöht

werden.

Deutschland wurde damit weltweit gesehen eines der führenden Zielländer

für ausländische Studieninteressierte. Allerdings gibt es auch Anhaltspunkte

für eine deutlich höhere Abbrecherquote ausländischer Studierender. Ziel

des Vorhabens ist daher sowohl die Unterstützung als auch die Verbes serung

des Internationalisierungsprozesses an deutschen Hochschulen. Zu diesem

Zweck wollen die beteiligten Wissenschaftlerinnen auf der Grund lage sprachund

kulturwissenschaftlicher empirischer Forschung ein breit gefächertes

Paket an strukturellen Maßnahmen entwickeln, implementieren und die

Ergebnisse auch evaluieren. Die Aktivitäten sind im Rahmen eines Gesamt -

konzepts miteinander vernetzt und sollen modellhaft an den drei am Projekt

beteiligten Hochschulen in Kooperation mit Lehrenden aus den Wirtschafts-,

Ingenieur-, Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften umgesetzt werden. In

einem nächsten Schritt könnten dann andere Hochschulen von den Erkennt -

nissen profitieren.

Für die Naturwissenschaften ist der enge Zusammenhang zwischen der Art

und Weise, wie die wissenschaftliche Arbeit organisiert wird, und dem Ertrag

dieser Arbeit seit Langem dargelegt. Empirisch-wissenschaftssoziologische

Studien zeigen im Detail, dass die Erkenntnisleistung von Naturwissen schaft -

lern in Abhängigkeit von der Organisationsform ihrer Arbeit stark variiert. In

den Geisteswissenschaften scheinen die Zusammenhänge weniger klar zu

sein. Es gibt zwar eine Untersuchung über die Herausbildung zentraler intellektueller

Positionen; diese bleibt jedoch allgemein und formal und verzichtet

wegen ihrer methodischen Ausrichtung auf Aussagen zur gegenwärtigen

Lage der Geisteswissenschaften. In einer explorativen Vorstudie „Kreativität

in den Geisteswissenschaften: Wovon hängt sie ab?“ möchte Professor Dr.

Horst Kern von der Universität Göttingen klären, ob sich ein Bündel von Neue -

rungen konkretisieren lässt, die von der scientific community der Geistes wis -

senschaftler als kreativ eingeschätzt werden. Als zu betrachtende Disziplinen

wurden ausgewählt das Fach Geschichte (groß und traditionell gefestigt),

die Literatur wissenschaften (als Fächergruppe), die klassische Archäologie

(typisches kleines Fach), die Philosophie (stark methodologisch-erkenntnistheoretisch

orientierte Disziplin) und die Soziologie (Grenzfall durch die

Kombination „zweier Kulturen“). Für jedes dieser Fächer wird im Rahmen

der Vorstudie eine Gruppendiskussion durchgeführt, zu der jeweils fünf bis

sieben Diskutanten eingeladen werden. Die Stiftung hat für das Vorhaben

36.000 Euro bereitgestellt.


Neue Bewilligungen

Berlin

German Scholars Organization e. V., Berlin (Prof. Dr. Eicke R. Weber): Die

besten Köpfe für Deutschland in Wissenschaft und Wirtschaft (Konferenz)

Berlin, Hannover

Freie Universität Berlin, Institut für Religionswissenschaft (Dr. Lidia Guzy);

Humboldt-Universität Berlin, Institut für Europäische Ethnologie (Dr. Anja

Mihr); Universität Hannover, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie,

Fach Soziologie (Dr. Rajah Scheepers): Science Fiction – oder zwischen

Bricolage und Struktur: die WissenschaftlerInnen der Zukunft (Tagung)

Dortmund

Technische Universität Dortmund, Zentrum für Studierendenservice

(Abraham van Veen): Atlantic Transfer – Great Ideas are Mobile

Göttingen

Universität Göttingen (Prof. Dr. Horst Kern): Kreativität in den Geistes -

wissenschaften: Wovon hängt sie ab?

Siegen, Hamburg, Kassel

Universität Siegen, FB Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften (Prof.

Dr. Annelie Knapp, Prof. Dr. Adelheid Schumann); Universität Hamburg, SFB

Mehrsprachigkeit (Prof. Dr. Juliane House); Universität Kassel, Institut für

Germanistik (Prof. Dr. Karin Aguado): Mehrsprachigkeit und Multikultu -

ralität im Studium: Konzeption, Implementierung und Evaluation von

Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung in der Lehre

Verbesserte Angebote zu Mehrsprachigkeit und Multikulturalität können den wichtigen Interna tio -

nalisierungsprozess an deutschen Universitäten fördern. Vielleicht werden dann auch die Studen -

tinnen der Universität Beirut (rechts) den Schritt wagen und die guten Arbeitsbedingungen zum

Beispiel in einem Computerarbeitsraum an der Technischen Universität Berlin (Bild links) nutzen.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 41


42

Anträge 2007

Eingereicht 62

mit Volumen in Mio. Euro 1,4

Bewilligungen 35

mit Volumen in Mio. Euro 0,8

Bewilligungen insgesamt 1796

in Mio. Euro, seit 1966 25,0

Fördermöglichkeiten

Gefördert werden können Symposien

(Arbeitstagungen, Workshops) und

Sommerschulen (Ferienkurse) mit

maximal 60 Teilnehmern. Die För de -

rung ist themenoffen und nicht auf

bestimmte Fachgebiete beschränkt.

Weitere Randbedingungen (vgl. auch

S. 44) gehen aus dem Merkblatt zur

Antragstellung hervor.

>> Merkblatt 1

Kontakt

das jeweilige Fachreferat –

und zu allgemeinen Fragen der

Förderinitiative:

Dr. Detlef Hanne

Telefon 0511/8381-389

hanne@volkswagenstiftung.de

Symposien und Sommerschulen

Wissenschaftlicher Austausch und internationale Vernetzung sind von

wesentlicher Bedeutung für die Erschließung neuer, vielversprechender

wissenschaftlicher Themengebiete und die Vermittlung von Kenntnissen

außerhalb der üblichen Lehrpläne an Hochschulen. Beide Ziele verfolgt die

Stiftung seit mehr als 40 Jahren mit der Förderinitiative „Symposien und

Sommerschulen“. Die Besonderheit der Initiative liegt zum einen in ihrer

thematischen Offenheit, zum anderen in ihrer interdisziplinären und internationalen

Ausrichtung unter aktiver Beteiligung des wissenschaftlichen

Nachwuchses. Im Jahr 2007 hat die Stiftung 35 Workshops, Symposien und

Sommerschulen unterstützt. Die wissenschaftliche Vielfältigkeit und die

Relevanz der Themen werden durch die folgenden vier Beispiele eindrucksvoll

belegt.

In der Zeit vom 28. bis 30. November 2007 fand an der Evangelischen Akade -

mie Tutzing ein Symposium statt zum Thema „Mechanisms of Placebo/

Nocebo Responses“, veranstaltet von den Professoren Dr. Manfred Schedlowski

vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie

der Universität Duisburg-Essen, Dr. Fabrizio Benedetti, Medical School,

Department of Neuroscience der Universität Turin sowie Dr. Paul Enck vom

Institut für Innere Medizin VI am Universitätsklinikum Tübingen. Neueste

wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Placeboeffekt ein

höchst aktiver Prozess im Gehirn ist, der auf neuropsychologischen Mecha -

nis men wie Erwartungshaltungen oder Lernprozessen beruht. Weiterhin zeigen

bisherige Untersuchungen, dass dieser Effekt bedeutend zur effektiven

Wirkung gerade solcher Medikamente beiträgt, die routinemäßig in vielen

medizinischen Bereichen eingesetzt werden. Unterdessen wurde in jüngster

Vergangenheit die Entwicklung neuer Wirkstoffe verzögert beziehungsweise

verhindert, da insgesamt eine Zunahme positiver Bewertungen von Place -

boeffekten bei klinischen Studien zu beobachten ist. Trotz vieler neuer

Erkenntnisse ist jedoch immer noch zu wenig bekannt über Placeboeffekte

bei unterschiedlichen Krankheitsbildern – etwa bei chronischen Schmerzen,

Immunerkrankungen – oder in Bezug auf Geschlech terunterschiede. Wie

also lässt sich der Placeboeffekt gezielt zum Wohle von Patienten nutzen?

Und warum entfaltet er nicht bei allen Menschen den gleichen Nutzen?

Mit diesen und anderen Fragen beschäftigten sich rund 50 Personen, die

Hälfte von ihnen international führende Wissenschaftler auf dem Gebiet

der Placeboforschung. Die Veranstaltung war die weltweit erste ihrer Art

zu diesem Thema und führte auf höchstem wissenschaftlichem Niveau

Forscher ganz unterschiedlicher Disziplinen zusammen. Die Teilnehmer

setzen sich zum einen mit dem Grundverständnis der Funktionsweise des

Placeboeffekts auseinander; gleichermaßen diskutieren sie die Wirkung im

Kontext einer Schmerztherapie oder bei bestimmten Erkrankungen wie

etwa der Parkinson’schen Krankheit, bei Depressionen und anderen chro -


nischen und akuten Erkrankungen. Die Veranstaltung traf nicht nur auf großes

Interesse in der Wissenschaft, sondern auch bei Print- und Funkmedien.

Die Stiftung förderte das Symposium mit 53.000 Euro.

Nicht erst seit dem sogenannten Schulmassaker in Erfurt und ähnlichen

Ereignissen wird diskutiert, inwieweit Gewaltdarstellungen in den Medien

zu einer erhöhten Aggressionsbereitschaft bei den Mediennutzern führen.

Eine Reihe von Forschungsergebnissen stützt die Annahme, dass hier durchaus

Zusammenhänge bestehen. Nicht hinreichend beantwortet ist aber die

Frage, warum die Darstellung von Gewalt eine solche Anziehungskraft ausübt

und auf welche Weise sie Aggressionen entstehen lässt. Ebenso wenig

geklärt sind die Möglichkeiten, medial ausgelöster Gewalt vorzubeugen

beziehungsweise gesellschaftspolitisch rechtzeitig zu intervenieren.

Mit diesen Fragen befassten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

vom 31. Mai bis 3. Juni 2007 in Potsdam bei dem Symposium „Understanding

the Impact of Media Violence Exposure on Aggression“. Es wurde ausgerichtet

von Professorin Dr. Barbara Krahé und Dr. Ingrid Möller vom Institut für

Psychologie der Universität Potsdam und führte Expertinnen und Experten

der Psychologie, Kommunikationswissenschaft und Medieninformatik aus

Deutschland, den USA, Großbritannien, Polen und den Niederlanden zusammen.

Die Vorträge behandelten ein breites Spektrum an Fragestellungen, das

sich von den Auswirkungen gewalthaltiger Videospiele auf das Gedächtnis

bis hin zur Wirkung von Figuren im Computerspiel auf das Selbstbild männlicher

Teenager erstreckte und auch die zentrale Frage nach dem direkten

Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Kriminalität einbezog. Die

VolkswagenStiftung förderte die Tagung mit 19.000 Euro.

Gewalt ist auch das Stichwort für eine andere Veranstaltung, die die Stiftung

im Jahr 2007 mit rund 12.000 Euro unterstützt hat. Ein Jahrzehnt nach dem

gewaltsamen Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaates Jugoslawien wirken

die Ereignisse auf all jene nach, die an dem Krieg als Opfer, Täter und

nicht zuletzt als medial vermittelte Augenzeugen beteiligt waren. Für die

Aufar beitung von Vergangenheit kann nun gerade die Literatur eine herausragende

Rolle spielen: Sie ermöglicht es, Gedanken, Gefühle und Ängste zu

artikulieren, aber auch – und das machte die thematische Besonderheit der

geförderten Veranstaltung aus –, eine Vision des friedlichen Miteinanders zu

entwickeln. „Vom Umgang mit Geschehenem – Mechanismen der Kriegsver -

arbeitung und Strategien der Friedenssuche in Geschichte und Gegenwart

der kroatischen und serbischen Literatur und Kultur“ war der Titel dieses

Symposiums, das organisiert wurde von Professor Dr. Gerhard Ressel vom

Lehrstuhl für Slavische Philologie der Universität Trier. Dort fand die Veran -

staltung vom 2. bis 3. November 2007 auch statt.

Im Blickfeld der Teilnehmer: die diversen südslavischen Literaturen, aus -

gehend von der kroatischen Barockdichtung bis hin zu Schriftstellern der

Bei einem Symposium an der Universität

Trier trug Professor Dr. Valerij Dem’jankov

von der Lomonosov-Universität Moskau mit

einem Vortrag über die Darstellung der kriegerischen

Auseinandersetzungen auf dem

Balkan in russischen Massenmedien zum

Diskurs über Mechanismen der Kriegsver ar -

beitung und Strategien der Friedenssuche bei.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 43


44

Förderangebot

Bei Symposien, Workshops und kleineren

Konferenzen denkt die Stiftung

an Veranstaltungen, die Impulse geben

wollen für zukunftsweisende Frage -

stellungen und Arbeitsgebiete an

den Grenzen gesicherten Wissens;

ebenso an solche, die innovative For -

schungsperspektiven versprechen

durch die Zusammenführung verschiedener

Disziplinen und Ansätze.

Sommerschulen zielen vor allem da -

rauf ab, ausgewählten Nachwuchs -

wissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern

aus dem In- und Ausland

neue, für die weitere Entwicklung

eines Forschungsgebiets wichtige

Erkenntnisse zu vermitteln. Darüber

hinaus soll die Chance bestehen,

Kontakte zu knüpfen zu Wissen schaft -

lern über die jeweils eigenen Landesund

Fachgebietsgrenzen hinaus.

Im Interesse eines intensiven Mei -

nungs austausches sollte bei beiden

Veranstaltungsformen die Teilneh -

merzahl unter Einschluss der Refe -

ren ten nicht mehr als 60 Personen

umfassen. In den Geistes- und Gesell -

schaftswissenschaften dürfte sich in

der Regel eine geringere Teilnehmer -

zahl empfehlen. Über weitere formale

Voraussetzungen informiert das

Merkblatt zur Antragstellung (s. auch

www.volkswagenstiftung.de). Auch

innerhalb ihrer anderen Förderini tia -

tiven misst die VolkswagenStiftung

der Unterstützung wissenschaftlicher

Kommunikation große Bedeutung

bei. Angaben zur möglichen Förderung

entsprechender Veranstaltungen finden

sich bei den betreffenden Initia ti -

ven beziehungsweise in den jeweiligen

Merkblättern.

Gegenwart. In den literarischen Werken haben sich die kriegerischen Aus -

einandersetzungen niedergeschlagen, die den Balkan seit Jahrhunderten

heimsuchen – man denke nur an Ivo Andrics berühmtes Werk „Die Brücke

über die Drina“! Dabei lag ein zeitlicher Schwerpunkt des Symposiums

naturgemäß auf den vier Kriegen des 20. Jahrhunderts: den Balkankriegen

1912/13, dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und den jugoslawischen Sezes -

sionskriegen der 1990er Jahre. Die rund 20 Referentinnen und Referenten

aus neun Ländern widmeten sich dabei neben der Literatur ebenso den

Genres Film und Theater und berücksichtigten auch die oft vernachlässigten

Werke Bosniens und Montenegros. Die Beteiligung von Wissenschaftlern aus

dem (post-)jugoslawischen Raum unterstrich die internationale Ausrichtung

der Veranstaltung. Auf diesem Weg könnte es ein Stück weit gelungen sein,

die Diskussion um die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit direkt an

die ehemaligen Kriegsschauplätze zu befördern.

Ebenfalls in Trier fand ein Symposium statt, das sich eher einer – vermeintlich

– angenehmen Seite des Daseins widmete: dem Reisen. Ausgerichtet

von Juniorprofessorin Dr. Alexandra Karentzos vom Trierer Centrum für

Postcolonial und Gender Studies und Dr. Alma-Elisa Kittner vom Kunstwis -

senschaftlichen Institut der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig

beschäftigten sich Wissenschaftler verschiedener Fächer mit der Mehr deu -

tigkeit des Reisens. Denn was etwa aus Sicht des Urlaubers so erstrebenswert

und positiv erscheint, kann für die Menschen in den Zielländern ganz

anders aussehen. Inbesitznahme, Kommerzialisierung, Umweltver schmutzung

und Konformität bilden heute die Kehrseite des modernen Tourismus. Dabei

ist der „Fremdenverkehr“ nur eine Erschei nungs form des Reisens. Darüber

hinaus ist an Auswanderung, Geschäfts reisen und sogar an Ausflüge in

virtuelle Welten zu denken. Und: Auch in Literatur und Kunst ist die „Reise“

ein zentrales Motiv – und nicht immer führt sie in eine „heile Welt“.

Das interdisziplinär angelegte Symposium „Topologien des Reisens“ um -

fasste Beiträge, die von der Soziologie und Ethnologie über Kunstgeschichte,

Literatur-, Film- und Medienwissenschaften bis hin zu Geografie und

Tourismuswirtschaft reichten. Ihr Augenmerk richteten die Referentinnen

und Referenten vor allem auf die ambivalenten Bilder des Reisens zwischen

Traumvorstellung und Wirklichkeit, auf die unterschiedlichen Wahrneh -

mungen der Reisenden und der Bereisten. Die rund 25 Vorträge widmeten

sich vielfältigen Themen: Neben den globalen Bewegungen durch Migration

und Tourismus richtete sich der Blick auch auf das Mobilitätskonzept des

Nomadentums. Die Perspektiven des reisenden Künstlers wurden ebenso

reflektiert wie mediale Inszenierungen des Reisens in Film und Fernsehen,

Simulationsspielen und Weblogs. Die Wissenserzeugung durch Reiseta ge -

bücher von Expeditionen und durch die von ihnen mitgebrachten Objekte

stand im Zentrum zweier weiterer Themenblöcke. Mit rund 26.000 Euro

förderte die VolkswagenStiftung diese Konferenz, die vom 1. bis 3. Juni 2007

an der Universität Trier stattfand.


Neue Bewilligungen

Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

Aachen, Marburg, Berlin, Zürich/Schweiz

Technische Hochschule Aachen, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik

der Medizin (Prof. Dr. Dominik Groß); Universität Marburg, Institut für

Philosophie (Prof. Dr. Andrea Marlen Esser); Technische Universität Berlin,

Institut für Soziologie, Theorie moderner Gesellschaften (Prof. Dr. Hubert

Knoblauch); Universität Zürich, Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozess -

recht (Prof. Dr. Brigitte Tag): Tod und toter Körper – kulturelle, normative und

pragmatische Aspekte im Umgang mit dem Tod und der menschlichen

Leiche am Beispiel der klinischen Obduktion (Symposium)

Berlin

Technische Universität Berlin, Forschungsarbeitsgemeinschaft Gesellschaft,

Umwelt und Siedlung (Prof. Dr. Walter Bückmann, Prof. Dr.-Ing. Yeong H. Lee):

Europäischer Bodenschutz – Schlüsselfragen nachhaltigen Bodenschutzes

(Workshop)

Berlin

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH, Abt. Markt -

prozesse und Steuerung (Prof. Dr. Kai A. Konrad, Heinrich Baßler): New

Perspectives on Fiscal Federalism: Intergovernmental Relations, Competition

and Accountability (Konferenz)

Berlin, Barcelona/Spanien

Humboldt-Universität Berlin, Lehrstuhl für Ästhetik und Geschichte der

Medien (Prof. Dr. Friedrich A. Kittler); Technische Universität Berlin, Institut

für Sprache und Kommunikation, FG Musikwissenschaft (Oliver Schwab-

Felisch); Escola Superior de Musica de Catalunya, Departament de Teoria i

Composició, Edifici L’Auditori (Dr. Thomas Noll): Klang und Ton – Fortschritte

in der Erfüllung von Helmholtz’ Vermächtnis? (Workshop)

Worauf beruht der Placeboeffekt? Mit neuesten wissenschaft -

lichen Erkenntnissen rund um diese Frage beschäftigten sich die

Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines internationalen Sym -

po siums an der Evangelischen Akademie Tutzing (Foto) im No -

vem ber 2007. Die Organisatoren kamen von den Universitäten

Duisburg-Essen, Tübingen und Turin.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 45


46

Psychologen, Kommunikationswissen schaft -

ler und Medieninformatiker trafen sich im

Juni 2007 in Potsdam zu einem Workshop

über Gewaltdarstellung in den Medien. Auch

Hanneke Polman (Foto) von der Universität

Utrecht, Niederlande, beteiligte sich an der

Diskussion, bei der die Auswirkungen medialer

Gewaltdarstellungen auf Kinder und

Jugendliche im Zentrum standen.

Berlin, Bristol/Großbritannien

Humboldt-Universität Berlin, Institut für Sozialwissenschaften, Stadt- und

Regionalsoziologie (Prof. Dr. Hartmut Häußermann ); Deutsches Institut für

Wirtschaftsforschung, Berlin (Prof. Dr. C. Katharina Spieß); University of

Bristol, Centre for Market and Public Organisation (Prof. Simon Burgess):

Studien zu Nachbarschaftseffekten auf der Grundlage von europäischen

Mikro-Daten (Workshop)

Bochum, Jerusalem/Israel

Universität Bochum, Lehrstuhl für Neuere Geschichte III (Prof. Dr. Lucian

Hölscher); The Hebrew University of Jerusalem, Department of History (Prof.

Dr. Gabriel Motzkin): Religion and Democracy in a Globalizing Europe

(Konferenz)

Bremen

Universität Bremen, artec – Forschungszentrum Nachhaltigkeit (Prof. Dr.

Hellmuth Lange): Globalizing Lifestyles between McDonaldization and

Sustainability Perspectives. The Case of the „New Middle Classes“ (Workshop)

Bremen

Jacobs University Bremen, School of Humanities and Social Science, Professor

of Mass Communication (Prof. Dr. Marion G. Müller): Visual Competence –

Facets of a Paradigm Shift (Symposium)

Delmenhorst, Bremen, Andechs

Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst und Universität Bremen, Institut

für Hirnforschung (Prof. Dr. Gerhard Roth); Max-Planck-Institut für Ornitho -

logie, Humanethologie, Andechs (Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel): Transkulturelle

Universalien III: Religiosität (Konferenz)

Erfurt, Marburg

Universität Erfurt, Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Verwaltungswissen -

schaft (Prof. Dr. Arno Scherzberg); Lehrstuhl für Innovationsökonomie (Prof.

Dr. Wolfgang Burr); Universität Marburg, Institut für Physikalische Chemie,

Kernchemie und Makromolekulare Chemie (Prof. Dr. Joachim H. Wendorff):

Nanotechnologie als Innovation und Risiko (Tagung)

Essen

Kulturwissenschaftliches Institut, Essen (Prof. Dr. Jörn Rüsen, Prof. Dr. Hans-

Georg Soeffner): Multipler Universalismus. Wege aus der Globalisierung von

Kulturkonflikten (Tagung)

Essen, Freiburg

Kulturwissenschaftliches Institut, Essen (Prof. Dr. Jörn Rüsen); Universität

Freiburg, Romanisches Seminar (Prof. Dr. Eva Kimminich): Jugend und

Musik: Politik, Geschichte(n) und Utopie(n) (Symposium)


Frankfurt/O.

Europa-Universität Viadrina Frankfurt/O., Lehrstuhl für vergleichende

Kultur soziologie (Prof. Dr. Detlef Pollack): Religion and Modernity: The

Societal Determination of Religion and its Cultural Potential (Sommerschule)

Göttingen

Universität Göttingen, Seminar für Deutsche Philologie (Prof. Dr. Heinrich

Detering): Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien: Perspektiven

einer Geographie der Literatur (Symposium)

Hamburg

Universität Hamburg, Asien-Afrika-Institut, Lehrstuhl für Turkologie

(Prof. Dr. Raoul Motika): Neue Religiosität im Vorderen Orient und in der

Diaspora: Esoterik und Sufismus (Symposium)

Hannover

Universität Hannover, Deutsches Seminar, Abt. Germanistische und Ange -

wandte Linguistik (Prof. Dr. Gabriele Diewald): Signs of Identity – Exploring

the Borders (Symposium)

Heidelberg

Universität Heidelberg, Seminar für Sprachen und Kulturen des Vorderen

Orients, Semitistik (Prof. Dr. Paul Yule, Prof. Dr. Werner Arnold): Yemen,

Bridging the Gap between Past and Present (Symposium)

Jena

Universität Jena, Institut für Philosophie (Prof. Dr. Bernd-Olaf Küppers);

Lehrstuhl für Computerlinguistik (Prof. Dr. Udo Hahn); Institut für Informatik

(Prof. Dr. Clemens Beckstein): Evolution semantischer Systeme. Der zukunftsweisende

Beitrag der Strukturwissenschaften zum Verständnis der Entstehung

und Entwicklung bedeutungstragender Systeme (Symposium)

Mainz, Berlin

Universität Mainz, Institut für Ethnologie und Afrikastudien (Dr. Anja Oed);

Humboldt-Universität Berlin, Institut für Asien- und Afrikawissenschaften,

Literaturen und Kulturen (Dr. Christine Matzke): Beyond „Murder by Magic“:

Investigating African Crime Fiction (Symposium)

Marburg

Universität Marburg, FB Psychologie, Zentrum für Konfliktforschung

(Prof. Dr. Ulrich Wagner, Priv.-Doz. Dr. Johannes M. Becker): Reconciliation

in Aceh (Symposium)

Professorin Dr. Barbara Krahé und Dr. Ingrid

Möller (vordere Reihe, Erste und Dritte von

rechts) hatten Experten aus sechs Ländern

nach Potsdam eingeladen, um gemeinsam

zu ermitteln, inwieweit Mediengewalt

Verhalten beeinflusst und Aggression oder

Kriminalität bei Heranwachsenden auslöst.

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 47


48

Die Nachwuchswissenschaftlerinnen Dr. Alma-

Elisa Kittner aus Braunschweig (rechts) und

Juniorprofessorin Dr. Alexandra Karen tzos

aus Trier (Mitte) eröffneten an der Uni ver si -

tät Trier eine Tagung zum Thema „Topo lo gien

des Reisens” (vorn links: Professor Dr.

Andreas Achermann). Die Viel falt der interdisziplinären

Perspektiven war für Refe ren -

ten und Gäste gleichermaßen attraktiv.

Oldenburg

Universität Oldenburg, Institut für Evangelische Theologie und Religions -

päda gogik (Prof. Dr. Ulrike Link-Wieczorek): Binnendifferenzierung im

Christentum als Herausforderung für die gegenwärtige Theologie (Symposium)

Passau

Universität Passau, Lehrstuhl für Südostasienkunde II, Festland – Südostasien

(Prof. Dr. H. Rüdiger Korff): Religion, Conflict and Development (Tagung)

Potsdam

Universität Potsdam, Institut für Psychologie (Prof. Dr. Barbara Krahé);

Institut für Sozialpsychologie (Dr. Ingrid Möller): Understanding the Impact

of Media Violence Exposure on Aggression: Antecedents, Consequences, and

Underlying Processes (Symposion)

Stuttgart

Universität Stuttgart, Institut für Sozialwissenschaften, Abt. Internationale

Beziehungen und Europäische Integration (Prof. Doris A. Fuchs, PhD.):

Private Governance in the Global Agro-Food System (Symposium)

Trier

Universität Trier, Lehrstuhl für Slavische Philologie (Prof. Dr. Gerhard Ressel):

Vom Umgang mit Geschehenem – Mechanismen der Kriegsverarbeitung

und Strategien der Friedenssuche in Geschichte und Gegenwart der kroatischen

und serbischen Literatur und Kultur (Symposium)

Trier

Berlin

Universität Trier, Fach Kunstgeschichte (Jun.-Prof. Dr. Alexandra Karentzos);

Freie Universität Berlin, Institut für Theaterwissenschaft (Dr. Alma-Elisa

Kittner): Topologien des Reisens (Symposium)

Trier, Vancouver/Kanada

Universität Trier, Neuere deutsche Literaturwissenschaft (Prof. Dr. Franziska

Schößler); The University of British Columbia, Vancouver, Department of

Central, Eastern and Northern European Studies (Dr. Gaby Hilde Pailer):

Geschlechter Spiel Räume: Dramatik, Theater, Performance und Gender

(Symposium)

Wuppertal

Universität Wuppertal, Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschafts- und

Technikforschung (Prof. Dr. Friedrich Steinle); FB Geistes- und Kulturwissen -

schaften, Philosophie (Prof. Dr. Gregor Schiemann); Fachgruppe Mathematik

und Informatik (Prof. Dr. Erhard Scholz): The Empirical and the Formal:

Tensions in Scientific Knowledge – State of Research and Perspectives“

(Symposium)


Mathematik, Natur-, Ingenieur- und Biowissenschaften

Bremen

Jacobs University Bremen, School of Engineering and Science (Prof. Dr.

Matthias S. Ullrich, Dr. Helge Weingart): Transport across membranes:

Multiple drug resistance, mechanisms and new tools (Sommerschule)

Bremen

Jacobs University Bremen, School of Engineering and Science (Prof. Dr. Götz

Pfander); Mathematics (Prof. Dr. Peter Oswald); Electrical Engineering (Prof.

Dr. Harald Haas, Prof. Dr. Werner Henkel): Progress in Mathematics for

Communication Systems (Sommerschule)

Duisburg-Essen, Tübingen, Turin/Italien

Universität Duisburg-Essen, Standort Essen, Institut für Medizinische

Psychologie und Verhaltensimmunbiologie (Prof. Dr. Manfred Schedlowski);

Universitätsklinikum Tübingen, Institut für Innere Medizin, Psycho -

somatische Medizin und Psychotherapie (Prof. Dr. Paul Enck); University

of Turin, Medical School (Prof. Dr. Fabrizio Benedetti): Mechanisms of

Placebo/Nocebo Responses (Symposium)

Frankfurt/M., München

Universität Frankfurt/M., Institut für Geowissenschaften, Facheinheit

Mineralogie (Prof. Dr. Frank E. Brenker); Universität München, Department

für Geo- und Umweltwissenschaften (Dr. Guntram Jordan): 9th EMU-School

– Nanoscopic Approaches in Earth and Planetary Sciences (Sommerschule)

Göttingen, Bochum

Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, Göttingen, Bioanalytische

Massenspektrometrie (Dr. Henning Urlaub); Universität Bochum,

Medizinisches Proteom-Center (Jun.-Prof. Dr. Katrin Marcus): Proteomic

Basics (Sommerschule)

Heidelberg, Freiburg

Universität Heidelberg, Institut für Immunologie (Priv.-Doz. Dr. Carsten

Watzl); Universität Freiburg, Institut für Medizinische Mikrobiologie und

Hygiene (Dr. Andreas Diefenbach): Harnessing the Power of Natural Killer

Cells (Symposium)

München

Technische Universität München, Zentrum Mathematik (Prof. Dr. Brigitte

Forster-Heinlein); Helmholtz Zentrum München, Deutsches Forschungs -

zentrum für Gesundheit und Umwelt GmbH, Institut für Biomathematik

und Biometrie (Dr. Peter Massopust, Prof. Dr. Rupert Lasser): New Trends and

Directions in Harmonic Analysis, Approximation Theory, and Image Analysis

(Sommerschule)

Jahresbericht 2007 Struktur- und personenbezogene Förderung 49


52

59

66

Wissen für morgen – Kooperative Forschungsvorhaben im sub-saharischen Afrika

Zwischen Europa und Orient – Mittelasien/Kaukasus im Fokus der Wissenschaft

Dokumentation bedrohter Sprachen


Förderung 2007

Auslandsorientierte Initiativen

Die auslandsbezogenen Förderinitiativen dienen der internationalen wissenschaftlichen

Zusammenarbeit und der gezielten Unterstützung von Institutionen

und Vorhaben im Ausland – wie derzeit für das sub-saharische Afrika und die

Region Mittelasien/Kaukasus. Dabei entwickelt die Stiftung jeweils spezifische

Förderinstrumente, die den Gegebenheiten in den einzelnen Ländern und Regionen

Rechnung tragen und die eine der Situation angemessene Kooperation mit deutschen

Wissenschaftlern und Institutionen gewährleisten. Einerseits geht es

darum, dass die wissenschaftlichen Einrichtungen im Ausland von dem Vorhaben

profitieren. Ebenso soll aber auch durch Unterstützung von Auslandsprojekten

und -aufenthalten der deutschen Forschung zu stärkerer internationaler Orien tie -

rung verholfen werden. Anträge von wissenschaftlichen Einrichtungen im Ausland

nimmt die Stiftung übrigens in den meisten ihrer Förderinitiativen entgegen –

allerdings nur, wenn eine substanzielle Kooperation mit Wissenschaftlern in

Deutschland vorgesehen ist.


52

Auslandsorientierte Initiativen

Anträge 2007

Eingereicht 30

mit Volumen in Mio. Euro 2,5

Bewilligungen 28

mit Volumen in Mio. Euro 1,9

Bewilligungen insgesamt 86

in Mio. Euro, seit 2003 9,8

Wissen für morgen –

Kooperative Forschungsvorhaben

im sub-saharischen Afrika

Mit dieser im Jahr 2003 eingerichteten Förderinitiative möchte die Stiftung

zum Aufbau und zur nachhaltigen Stärkung von Wissenschaft in Afrika beitragen.

Die Initiative ist grundsätzlich fachoffen und auf ein mittel- bis langfristiges

Engagement in der Region ausgerichtet. Gefördert werden in erster

Linie Forschungsprojekte, die in enger Zusammenarbeit zwischen afrikanischen

und deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entwickelt

wurden und in deren Verlauf der afrikanische wissenschaftliche Nachwuchs

die Möglichkeit zur Höherqualifizierung erhält. Darüber hinaus möchte die

Stiftung mit ihrem Engagement den Auf- und Ausbau innerafrikanischer

wissenschaftlicher Netzwerke vorantreiben – auch über Landes- und Sprach -

grenzen hinweg. Neben den kooperativen Forschungsvorhaben können

Fördermittel auch für Workshops, Symposien und Sommerschulen in Afrika

beantragt werden.

Für die Stiftung ist von besonderer Bedeutung, dass die Projekte auf substanziellen

deutsch-afrikanischen wissenschaftlichen Kooperationen beruhen

sowie die Möglichkeit zu ausbalancierten Süd-Süd-Partnerschaften beinhalten.

Um bereits die Themenfindung partnerschaftlich zu gestalten, initiiert die

Stiftung zunächst thematische Workshops in Afrika unter wesentlicher

Beteiligung afrikanischer und deutscher Wissenschaftler und Wissenschaft -

lerinnen. Diese Workshops sind die Grundlage für die daran ansch lie ßenden

thematischen Ausschreibungen, die mit angemessener Frist auf der Website

der Stiftung veröffentlicht werden. Eine Beteiligung an dem Ausschreibungs -

verfahren steht allen interessierten Wissenschaftlern offen – unabhängig

von einer Teilnahme an dem entsprechenden Themenworkshop.

Die Auswahl der zu fördernden Projekte geschieht in einem zweistufigen

Verfahren. Zunächst können Projektskizzen eingereicht werden, die von

einem interdisziplinär und international besetzten Expertengremium begutachtet

werden. Im Falle einer positiven Beurteilung erfolgt eine Aufforderung

zur Ausarbeitung eines Vollantrags. Um auch diesen Prozess partnerschaftlich

gestalten zu können, stellt die Stiftung Mittel für einen vorbereitenden

Workshop zur Verfügung.


Statussymposium

Nach nunmehr vierjähriger Laufzeit der Förderinitiative „Wissen für morgen“

lud die Stiftung vom 25. bis 28. November 2007 zu einem ersten Statussym -

posium nach Bamako, Mali, ein. Der Teilnehmerkreis umfasste etwa 160

Forscherinnen und Forscher, die in den vergangenen Jahren innerhalb der

Afrika-Initiative gefördert wurden oder noch gefördert werden. Versammelt

haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zu thematischen

Feldern der ersten drei (von inzwischen sechs) von der Stiftung aufgelegten

Ausschreibungen arbeiten: „Political, Economic, and Social Dynamics in Sub-

Saharan Africa“ (2004), „Communicable Diseases in Sub-Saharan Africa –

From the African Bench to the Field“ (2004) und „Violence, its Impact, Coping

Strategies, and Peace Building” (2005). Insgesamt waren die Forscher von

zwölf Kooperationsvorhaben zusammengekommen. Zusätzlich hatte die

Stiftung eine Reihe renommierter Wissenschaftlerinnen und Wissen schaftler

sowie Gäste aus der deutschen und internationalen Förderlandschaft in die

Tagung eingebunden.

Ziel des Symposiums war ein möglichst intensiver Kontakt zwischen den

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der unterschiedlichen Projekte.

Dabei ging es in erster Linie um inhaltliche Diskussionen zwischen den

Beteiligten jener Vorhaben, die innerhalb einer Ausschreibung gefördert

werden. Angestrebt wurde aber auch der interdisziplinäre Austausch über

die Ausschreibungsgrenzen hinweg. Zu Wort kamen in erster Linie die afrikanischen

Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die ihre

Master- und PhD-Arbeiten vorstellten. Für viele von ihnen bot das Symposium

die erste Gelegenheit, eigene Forschungen mit einem internationalen

Publikum zu diskutieren.

Ein weiteres und ebenso wichtiges Ziel des Symposiums stellte der Erfah -

rungsaustausch zwischen den Projektmitarbeitern in Bezug auf Fragen des

Projektmanagements dar. In den vertretenen Arbeitsgruppen wird unterschiedlich

mit den Chancen und Risiken umgegangen, die sich aus der

Komplexität von Forschungsvorhaben ergeben, die sowohl Nord-Süd- als

auch Süd-Süd-Netzwerkkomponenten umfassen. Das Symposium bot hier

sowohl im Programm als auch in Gesprächen am Rande viel Raum für den

Austausch von Ideen zu Fragen der Nord-Süd- und Süd-Süd-Kooperation

sowie hinsichtlich der Förderung von Nachwuchskräften.

Schließlich stellte die Veranstaltung auch einen geeigneten Rahmen dar,

um Ideen für neue Förderansätze zu entwickeln. Die Präsentationen und

Diskussionen boten den Anlass dafür, mit Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftlern kreativ und konzentriert zu eruieren, wie innovative

Förderkonzepte insbesondere für Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen

in Afrika gestaltet sein könnten – auch jenseits der traditionellen

Projektförderung.

Erfahrungsaustausch und Gelegenheit,

eigene Arbeiten einem internationalen For -

scher kreis vorzustellen. – Das erste Status -

sym po sium im Rahmen der Afrika-Initiative

im No vem ber 2007 in Bamako, Mali, bot

Raum für beides: Sei es im Zwiegespräch

zwischen Professor Dr. John Chesworth und

Profes so rin Dr. Esther Mombo, beide St. Paul’s

United Theological College in Limuru, Kenia

(Bild oben), oder in der Gesprächsrunde, in

die sich Doktorandin Pamela Claassen von der

University of Namibia engagiert einbringt.

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 53


54

Vernetzung und Ausbildung sind die Ziele

der im Rahmen der Afrika-Initiative angebotenen

Workshops. Für diese Teilnehmer eines

Labortrainings aus Kenia, Uganda und Sim -

babwe stand vom 19. August bis zum 1. Sep -

tember 2007 in Nairobi, Kenia, die Photo vol -

taikforschung im Mittelpunkt.

Projektförderung nach thematischen Ausschreibungen

Ein im hohen Maße außergewöhnliches und interdisziplinär angelegtes

Projekt wird durchgeführt von Privatdozent Dr. Thomas Junghanss von der

Universität Heidelberg und seinen Partnern Professor Dr. Gerd Pluschke,

Dr. Alphonse Um Boock, Dr. Dorothy Yeboah-Manu und Dr. Ernestina Mensah-

Quainoo aus der Schweiz, Kamerun und Ghana. Ihr Thema: „Modification of

host pathogen interaction in Mycobacterium ulcerans disease (BU) through

heat treatment: basic mechanisms and clinical applications“. Der Erreger

Mycobacterium ulcerans löst eine bedrohliche Erkrankung aus, die charakterisiert

ist durch großflächige, schmerzhafte Hautgeschwüre. Die betroffenen

Menschen sind entstellt. Die heute verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten

der Erkrankung gelten als unbefriedigend. Standardbehandlung seit

Jahrzehnten ist die großräumige chirurgische Entfernung der befallenen

Gewebepartien mit anschließender Hauttransplantation. Abgesehen von

sehr teuren und komplizierten Operationen, die zudem mit hohen Infek -

tionsrisiken einhergehen, sind die Rückfallraten inakzeptabel hoch. Derzeit

einzige Alternative ist die Chemotherapie, die jedoch mit unterschiedlichen

Ergebnissen evaluiert wurde und medizinisch umstritten ist.

Die von den Projektpartnern entwickelte Methode beruht nun darauf, dass

die Bakterien – sie sind in der Haut lediglich in einer begrenzten Tempera -

turspanne lebensfähig – durch eine konstante Hitzebehandlung oberhalb

ihres Temperatur-Toleranzbereichs absterben. Das Verfahren macht sich

die Eigenschaften von sogenanntem phase change material (PCM) zunutze.

Das Material ist durch Erhitzen in heißem Wasser wieder auflad- und somit

leicht anwendbar, nicht toxisch, umweltverträglich und kostengünstig. Dies

eröffnet völlig neue Möglichkeiten, die durch das Mykobakterium ausgelöste

Erkrankung effektiver und effizienter zu behandeln. Vor allem dürften arme

Bevölkerungsgruppen in abgelegenen ländlichen Gebieten Afrikas davon

profitieren, in denen die Erkrankung gehäuft vorkommt.

Eine im Vorfeld von der Stiftung ebenfalls geförderte und erfolgreich durchgeführte

Pilotstudie umfasste zunächst das Design funktionstüchtiger und

patientengerechter PCM-Bandagen. Die von Ingenieuren in Würzburg getes -

teten Bandagen sollten einiges leisten: Es galt, sowohl eine konstante definierte

Wärme über einen langen Zeitraum vorzuhalten als auch die Anpas -

sung an verschiedene Körperteile sicherzustellen. Die fertigen Bandagen

wurden dann in Kamerun an sechs Patienten getestet. Die Ergebnisse sprechen

für sich: Die durch das Mykobakterium verursachten Geschwüre wurden

geheilt, ein Rückfall der Patienten konnte bislang, innerhalb der ersten neun

Monate nach der Behandlung, nicht beobachtet werden.

Aufbauend auf den Ergebnissen der Pilotstudie verfolgen die Kooperations -

partner nun die folgenden vier grundlegenden Ziele: Zum einen geht es

darum, die jeweils optimale Wärmedosierung für die Behandlung der


verschiedenen Stadien der Erkrankung zu bestimmen. Des Weiteren wollen

sie ermitteln, welche Mechanismen zugrunde liegen, wenn Wärme den

Krankheitserreger angreift, und – zur besseren Behandlung – die Erkrankung

mit Mycobacterium ulcerans in Stadien einteilen. Außerdem soll in einer

Pilotstudie untersucht werden, ob die PCM-basierte Wärmebehandlung vor

Ort mit den bestehenden Gesundheitseinrichtungen effizient durchgeführt

werden kann. Das Vorhaben wird von den vier beteiligten Projektgruppen

partnerschaftlich vorangetrieben und umfasst neben den wissenschaft -

lichen Arbeiten ein hohes Maß an Trainingskomponenten sowohl für

Wissenschaftler als auch für klinisch tätiges Personal in Afrika. Im Zuge des

Projekts soll darüber hinaus der Aufbau feldtauglicher Analysemethoden

und einer Labordiagnostik vor Ort unterstützt werden.

Workshops und Sommerschulen

Vom 19. August bis zum 1. September 2007 fand an der Jomo Kenyatta

University of Agriculture and Technology in Nairobi, Kenia, die Sommer -

schule „Cost-effective Photovoltaics Research“ statt. Sie vermittelte dreißig

jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus acht ostafrikanischen

Ländern sowohl theoretische als auch experimentelle Grundlagen in

kosteneffizienter Photovoltaikforschung. Die Veranstaltung wurde federführend

geleitet von Professorin Dr. Martha Lux-Steiner und Dr. Thomas Dittrich

vom Hahn-Meitner-Institut in Berlin sowie von Professor Dr. David Masabule

Mulati von der Jomo Kenyatta University of Agriculture and Technology in

Nairobi.

Neben der Ausbildung von jungen ostafrikanischen Wissenschaftlern in der

Photovoltaikforschung ging es darum, mit der Sommerschule einen Beitrag

zu einer Verstärkung der Infrastruktur der Photovoltaikforschung in Ostafrika

zu leisten. Ferner verfolgten die Organisatoren das Ziel, die Entwicklung,

Stärkung und den Ausbau akademischer Netzwerke innerhalb Afrikas zu

stärken als auch den wissenschaftlichen Nord-Süd-Austausch zu fördern.

Das Programm beinhaltete neben Vorlesungen auch Labortrainings und

Abendseminare, die gehalten und betreut wurden von fünf Dozenten aus

Deutschland und Kenia. Die Vorlesungen gaben eine Einführung in die grundlegenden

Prinzipien der Photovoltaik, Grundlagen der Halbleiterphysik, Solar -

zellenkonzepte, photovoltaische Stromversorgungssysteme und relevante

Komponenten für experimentelle Aufbauten. Das Labortraining umfasste 16

Experimente, die alle mit leicht erhältlichen und kostengünstigen Bauteilen

konzipiert wurden. So wurden die Teilnehmer ermutigt, die Versuche in die

eigene Forschungs- und Lehrtätigkeit an ihren ostafrikanischen Universitäten

zu integrieren. Darüber hinaus boten die Abendseminare die Gelegenheit,

eigene Forschungsarbeiten zu präsentieren und im Anschluss mit anderen

Teilnehmern und Dozenten zu diskutieren.

Gemeinsames Arbeiten und Experimentieren

wurde bei dem Workshop zur Photovoltaik -

forschung im Spätsommer 2007 in Nairobi

großgeschrieben: Unter Anleitung von Dr.

Thomas Dittrich vom Hahn-Meitner-Institut

Berlin (rechts im Bild oben) lernen die Teil -

nehmer im Labortraining kostengünstige

Versuchsvarianten kennen. Ein Beispiel: die

Messung, wie sich die Temperatur auf die

Effizienz einer Solarzelle auswirkt (Bild unten).

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 55


56

An der Omar Bongo-Universität in Libreville, Gabun, fand vom 17. bis 26. Juli

2007 die Sommerschule Point Sud Annual Institute 1 zum Thema „Entangled

medical fields: transformation of meaning, knowledge and practice” statt. Sie

bildete den Auftakt für eine Reihe von drei Sommerschulen, die sich aufeinander

aufbauend in den kommenden Jahren der übergreifenden Thematik

Gesundheit und Gesellschaft widmen. 48 Teilnehmer und Teilnehmerinnen

aus sechs afrikanischen (frankophon und anglophon) und acht europäischen

Ländern sowie den USA und Brasilien beschäftigten sich mit Fragen der

Verflechtungen von biomedizinischen mit „traditionellen“ Behandlungs -

weisen verschiedener Krankheiten im sub-saharischen Afrika. Dabei standen

die Entscheidungsvorgänge seitens der Patienten, Verflechtungen auf

Expertenebene sowie das Spannungsverhältnis von biomedizinischen

Idealen und den Realitäten des Alltags im Mittelpunkt.

Die Sommerschule war gegliedert in Plenarveranstaltungen und Workshops.

Im Plenum präsentierten international ausgewiesene Experten ihre aktuellen

Forschungen zum Thema. Gleichzeitig fungierten die Fachleute als Mentoren

für die ausgewählten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler,

die in den Workshops Gelegenheit erhielten, ihre Arbeiten vorzustellen. Die

Workshops konzentrierten sich auf drei Themen: „Pragmatic handling of ill

health in everyday life”; „Plurality within medical domains: health practices

among ‘traditional’ and ‘religious’ experts, forms of cooperation” – sowie

„Biomedical knowledge and practice: disparities between realities and ideals”.

Die Struktur der Sommerschule erwies sich als gut geeignet, um einerseits

den Nachwuchskräften aktuelle Forschung zum Thema vorzustellen und

andererseits deren inhaltliche und methodische Weiterbildung durch die

persönliche Beratung und Begleitung durch einen Experten sicherzustellen.

Und mit ihrer Zweisprachigkeit leistete die Veranstaltung zudem einen

wichtigen Beitrag für den Kontakt zwischen frankophonen und anglophonen

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Insgesamt ergaben sich viele

interessante Impulse für eine interdisziplinäre Herangehensweise an das im

sub-saharischen Afrika so dringliche Thema von Gesundheit und Krankheit.

Auftakt einer Reihe von drei Sommerschulen zum Thema

Gesundheit und Gesellschaft im Juli 2007 in Libreville, Gabun:

Den Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern

standen in den Workshops ausgewiesene Fachleute zur Seite;

zum Beispiel (von links) Dr. Clara Carvalho vom Insti tuto Superior

de Ciências do Trabalho e da Empresa Lissabon, Professor Stacey

Langwick (PhD) von der Cornell University in den USA und Ju nior -

professor Dr. Hansjörg Dilger von der Freien Universität Berlin.


Weiterentwicklung der Förderinitiative

Im Jahr 2007 befanden sich zwei thematische Ausschreibungen im Ent -

scheidungsprozess. In diesem Zusammenhang wurden zwanzig Workshops

bewilligt, die der Vorbereitung von Projektanträgen dienen. Es handelt sich

zum einen um geplante Forschungsvorhaben zu der Ausschreibung „Negotiating

Culture in Contemporary African Societies“, mit der explizit die

Kulturwissenschaften in Afrika gestärkt werden sollen. Zum anderen geht

es um Projekte zur Ausschreibung „Resources, Livelihood Management,

Reforms, and Processes of Structural Change“. Diese führt mit ihrer Fokus -

sierung auf innovative lokale Strategien zur Sicherung des Lebensunterhalts

verschiedene Aspekte vorangegangener Ausschreibungen zusammen und

verbreitert somit die thematische Ausrichtung der Förderinitiative. In beiden

Ausschreibungen ist Mitte 2008 mit Förderentscheidungen zu rechnen.

Schließlich ist derzeit ein neuer thematischer Schwerpunkt zu „Ingenieur -

wissenschaften in Afrika“ in Vorbereitung.

Ende 2007 hat die Stiftung darüber hinaus gemeinsam mit weiteren europäischen

Stiftungen eine Ausschreibung vorgelegt, die die vernachlässigten

Tropenkrankheiten (NTDs) in den Blick nimmt. Das Programm „Neglected

Communicable Tropical Diseases and Related Public Health Research“ stellt

eine konsequente Fortsetzung der Aktivitäten der Stiftung im Zusammen -

hang mit der zweiten Ausschreibung „Communicable Diseases in Sub-

Saharan Africa – From the African Bench to the Field“ dar und setzt stärker

als zuvor auf die Eigeninitiative des afrikanischen wissenschaftlichen

Nachwuchses. Angesprochen sind Postdoktoranden und -doktorandinnen,

die derzeit in Ländern des sub-saharischen Afrikas arbeiten; gleichermaßen

jene, die dorthin zurückkehren wollen. Voraussetzung ist in jedem Fall eine

Zusammenarbeit mit einer Forschungseinrichtung in Europa.

Für frischgebackene Postdoktoranden werden „Junior Fellowships“ vergeben

– ausge stattet mit bis zu 90.000 Euro für drei Jahre. Postdoktoranden mit

einigen Jahren Forschungserfahrung hingegen können für den gleichen

Zeitraum „Extended Fellowships“ erhalten – dotiert mit bis zu 140.000 Euro.

Das Auswahlverfahren startet mit einer Konferenz „NTD 2008“ im Sep tem ber

2008 in Bamako, Mali.

Neue Bewilligungen

Berlin

Freie Universität Berlin, Institut für Soziologie (Priv.-Doz. Dr. Ulrike Schultz):

Perspectives of Feminism and Politics of Identity in Africa: Finding a Common

Ground (Sommerschule)

Fördermöglichkeiten

Die Stiftung fördert Workshops,

Sym posien, Sommerschulen und For -

schungsprojekte im sub-saha rischen

Afrika. Während die Förderung von

Workshops, Symposien und Sommer -

schulen in der Zielre gion jederzeit

beantragt werden kann, gelten für

die Förderung von Forschungs projek -

ten gesonderte Antragsbedingungen.

Diese werden im Rahmen von Aus -

schreibungen bekannt gegeben. Die

Projektförderung umschließt die

Vergabe von Personal-, Sach- und

Reisemitteln – vornehmlich für die

afrikanischen Partner. Die Projekt -

laufzeit beträgt im Re gel fall zwei bis

drei Jahre. Eine Verlängerung um zwei

bis drei Jahre ist in besonderen Fällen

möglich. Im Rahmen der Forschungs -

vorhaben können Gast aufenthalte

von afrikanischen (Nach wuchs-)Wis -

senschaftlerinnen und Wissen schaft -

lern in Deutschland bis zu zwölf

Mo naten beziehungsweise von deutschen

Wissenschaftlern in Afrika ge -

fördert werden. In die Pro jekte können

Workshops, Sympo sien und Sommer -

schulen integriert und gemeinsam

mit diesen beantragt werden.

>> Merkblatt 81

Kontakt

– zu Anträgen aus den Natur- und

Ingenieurwissenschaften, Medizin:

Dr. Detlef Hanne

Telefon 0511/8381-389

hanne@volkswagenstiftung.de

– zu Anträgen aus den Geistes- und

Gesellschaftswissenschaften:

Dr. Adelheid Wessler

Telefon 0511/8381-276

wessler@volkswagenstiftung.de

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 57


58

Im Rahmen der Sommerschule „Entangled

Medical Fields“ im Juli 2007 stand auch ein

Besuch des Arboretums von Libreville in Gabun

auf dem Programm. Organisator Professor

Martin Ndende von der Universität Nantes

(links im Bild oben) betrachtet gemeinsam

mit Doktoranden aus Großbritannien,

Deutschland und Nigeria die Medizinal pflan -

zen in diesem botanischen Garten. Dort

wachsen zudem Bäume, die traditionell zu

den heiligen Arten gehören (Bild unten):

Projektleiter Professor Dr. Mamadou Diawara

von der Universität Frankfurt (von links) sowie

die Doktoranden Kabiru Salami aus Nigeria

und Menan Jangu aus Tansania wollen unterwegs

etwas Glück mitnehmen – dies jedenfalls

verspricht die Berührung des Stammes.

Berlin, Nairobi/Kenia

Hahn-Meitner-Institut Berlin GmbH, Abt. Heterogene Materialsysteme

(Prof. Dr. Martha Lux-Steiner); Jomo Kenyatta University of Agriculture

and Technology, Nairobi, Department of Physics (Prof. Dr. David Masabule

Mulati): Cost-effective Photovoltaics Research – A Summer School in East

Africa (Sommerschule)

Braunschweig, Clausthal, Bukavu/Demokratische Republik Kongo,

Kigali/Ruanda, Butare/Ruanda, Kampala/Uganda, Bujumbura/Burundi

Technische Universität Braunschweig, Institut für Umweltgeologie (Prof. Dr.

Walter Pohl); Technische Universität Clausthal, Institut für Mineralogie und

Mineralische Rohstoffe (Prof. Dr. Bernd Lehmann); Catholic University

Bukavo (Prof. Jean-Baptiste Ntagoma Kushinganine); Kigali Institute of

Education (Prof. Dr. Michael Biryabarema); National University of Rwanda,

Butare, Faculty of Agriculture (Dr. Ntirushwa Daniel Rukazambuga);

Makerere University, Kampala, Department of Geology (Dr. Andrew Muwanga);

National University of Burundi, Bujumbura, Earth Science Department

(Dr. Louis Nahimana): Sustainable Restitution/Recultivation of Artisanal

Tantalum Mining Wasteland in Central Africa (Pilot Study)

Frankfurt/M., Bamako/Mali

Universität Frankfurt/M., Institut für Historische Ethnologie (Prof. Mamadou

Diawara); Zentrum für interdisziplinäre Afrikaforschung (ZIAF)

(Dr. Stefan Schmid); Point Sud Center for Research on Local Knowledge,

Bamako (Dr. Moussa Sissoko): 1. Statussymposium der Afrika-Initiative

Frankfurt/M., Nantes/Frankreich, Libreville/Gabun

Universität Frankfurt/M., Zentrum für interdisziplinäre Afrikaforschung

(Dr. Stefan Schmid); Institut für Historische Ethnologie (Prof. Mamadou

Diawara); Université de Nantes, Faculté de Droit et des Sciences politiques

(Prof. Augustin Emane); Université Omar Bongo, Libreville, Faculté des Lettres

et Sciences Humaines (Prof. Joseph Tonda); Fondation et Editions Raponda-

Walker pour la Science et la Culture, Libreville (Prof. Guy Rossatanga-Rignault):

Entangled Medical Fields: Transformation of Meaning, Knowledge and

Practice (Sommerschule)

Heidelberg, Basel/Schweiz, Yaoundé/Kamerun, Legon/Ghana, Tema/Ghana

Universitätsklinikum Heidelberg, Sektion Klinische Tropenmedizin (Dr. Thomas

Junghanss); Schweizerisches Tropeninstitut, Basel, Molecular Immunology

Unit (Prof. Dr. Gerd Pluschke); Aide aux Lepreux Emmaüs – Suisse, Yaoundé

(Dr. Alphonse Um Boock); University of Ghana, Legon, Noguchi Memorial

Institute for Medical Research (Dr. Dorothy Yeboah-Manu); Ghana Health

Service, Tema (Dr. Ernestina Mensah-Quainoo): Modification of Host Pathogen

Interaction in Mycobacterium ulcerans Disease (BU) through Heat Treatment:

Basic Mechanisms and Clinical Applications (extension of „Phase change

material to treat BU through heat treatment“)


Zwischen Europa und Orient –

Mittelasien/Kaukasus im Fokus

der Wissenschaft

Nach dem Zerfall der Sowjetunion rückte – zumeist aufgrund von Schlagzeilen

über bewaffnete Auseinandersetzungen, wirtschaftliche Instabilität oder

Umweltkatastrophen – eine Region ins Blickfeld der Öffentlichkeit, die bis

dahin allenfalls einige wenige bewusst wahrgenommen hatten: die Region

Mittelasien/Kaukasus. Auf dieses Gebiet zielt die im November 1999 eingerichtete

Förderinitiative der VolkswagenStiftung, die im Einzelnen die acht

unabhängig gewordenen Staaten Armenien, Aserbaidschan, Georgien,

Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Kirgisistan in den

Mittelpunkt stellt sowie Afghanistan und einige unmittelbar angrenzende

Teile der Russländischen Föderation im Bereich der unteren Wolga und des

Nord-Kaukasus umfasst. Mit der Initiative sollen das Forschungsinteresse an

Mittelasien und dem Kaukasus in Deutschland gestärkt, vor allem aber die

Wissenschaft in den Ländern der Zielregion durch einen Erfahrungs aus -

tausch mit Deutschland aktiv unterstützt werden.

Entsprechend dieser Zielsetzung besteht das Programm – es richtet sich

sowohl an die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften als auch an die

Natur- und Ingenieurwissenschaften einschließlich der theoretischen

Medizin – aus zwei Komponenten. Um das Forschungsinteresse an der

Region in Deutschland zu stärken, werden in der ersten Programmkom -

ponente Vorhaben unterstützt, die die politischen, sozioökonomischen,

kulturellen oder auch natürlichen Gegebenheiten der Region in den Blick

nehmen und diese in ihren komplexen Wechselwirkungen untersuchen.

Dabei stehen die aktuellen Entwicklungen und Transformationsprozesse

im Mittelpunkt des Interesses. Auch die Anrainerstaaten der Zielregion wie

etwa die Türkei und der Iran können Berücksichtigung finden, sofern deren

vielfältige Beziehungen zur Region thematisiert oder sie unter vergleichenden

Aspekten in Untersuchungen einbezogen werden. Die Stiftung erwartet,

dass die Forschungsvorhaben unter maßgeblicher Beteiligung von Wissen -

schaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Zielregion durchgeführt werden

und/oder mit der Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern einhergehen.

Mit der zweiten Programmkomponente sollen Möglichkeiten geschaffen

werden, in der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus den Ländern

Mittelasiens und des Kaukasus die Voraussetzungen von Forschung und

Lehre vor Ort zu verbessern. Die Beschäftigung mit einer regionenspezifischen

Thematik ist in diesem Kontext nicht zwingend. Zu den Angeboten

gehören sogenannte Partnerschaftsvorhaben – und zwar nicht nur im

Bereich der Natur- und Ingenieurwissenschaften, sondern auch darüber

hinaus. Durch sie sollen besonders jüngere Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftler in den Ländern der Zielregion die Gelegenheit erhalten,

Anträge 2007

Eingereicht 36

mit Volumen in Mio. Euro 7,1

Bewilligungen 19

mit Volumen in Mio. Euro 3,5

Bewilligungen insgesamt 150

in Mio. Euro, seit 1999 19,3

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 59


60

Der wissenschaftliche Nachwuchs aus

Zentralasien im Bereich der Politikwissen -

schaften liegt ihnen am Herzen: Professor

Dr. Reimund Seidelmann und Mitarbeiterin

Dr. Iwona Hanska von der Universität Gießen

werten eine zurückliegende Reise nach

Taschkent aus und planen einen „Sommer -

kursus“ für das Jahr 2008, zu dem Interessier te

aus Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan

und Turkmenistan eingeladen werden.

an ihren Heimatinstituten angesiedelte Forschungsarbeiten in enger

Kooperation mit Fachkollegen und -kolleginnen aus Deutschland durchzuführen.

Für junge Wissenschaftler, die ihre Ausbildung im Ausland abgeschlossen

haben und an eine wissenschaftliche Einrichtung in der Zielregion

zurückkehren wollen, sieht die Stiftung zudem besondere „Eingliederungs -

hilfen“ vor, die die Umsetzung neuer, innovativer Ideen erleichtern sollen.

Außerdem können Vorhaben unterstützt werden, die auf den Auf- und

Ausbau von Lehrkapazität und Infrastruktur in den Ländern der Zielregion

gerichtet sind. Dies schließt akademische Lehrprojekte oder spezielle Lehr -

programme zur Aus- und Weiterbildung von Nachwuchswissen schaftlern

ebenso ein wie Infrastrukturhilfen, die im Rahmen einer Forschungskoope -

ra tion vonnöten sind. Die Stiftung erwartet, dass die Vorbereitung und

Realisierung solcher Vorhaben in enger Abstimmung mit deutschen Wissen -

schaftlern erfolgen und Grundlagen für eine über den Förderzeit raum

hinausreichende Zusammenarbeit gelegt werden.

Im Sinne der zweiten Programmkomponente hat die Stiftung 2007 gleich

mehrere neue Lehr- und Ausbildungsprojekte auf den Weg bringen können.

Dazu gehört ein Vorhaben zur Fortbildung und Professionalisierung für

wissenschaftliche Nachwuchskräfte aus Zentralasien im Bereich der Politik -

wissenschaft und benachbarter Disziplinen. Initiator und Leiter ist Professor

Dr. Reimund Seidelmann vom Institut für Politikwissenschaft der Universität

Gießen. Aufbauend auf intensiven Erfahrungen in der Zusam menarbeit mit

wissenschaftlichen Einrichtungen in der Region hat er ein umfassendes Ver -

anstaltungs- und Stipendienprogramm entwickelt, das zum einen Wissen

und Erfahrung aus Europa nach Zentralasien vermitteln will, zum anderen

aber – und auch das ist erforderlich – dazu beitragen möchte, in Europa die

Expertise über Zentralasien zu erweitern. Vorgesehen ist, im Rahmen von

zwei Sommerschulen und zwei Workshops Nachwuchs wissen schaftler aus

allen zentralasiatischen Republiken mit Wissenschaftlern aus Deutschland

und anderen Ländern der Europäischen Union zusammenzuführen.


Während die Sommerkurse Kompetenzen in den Bereichen der Friedens-,

Sicherheits- und Konfliktforschung ebenso wie Sachkompetenz in Bezug auf

politische, rechtliche und sozioökonomische Bedingungen in der EU und der

Bundesrepublik Deutschland vermitteln sollen, dienen die Workshops dazu,

aktuelle Probleme von regionaler Kooperation und „good governance“ zu

erörtern. Aufbauend auf den Veranstaltungen werden sechs ausgewählte

Nachwuchswissenschaftler aus Zentralasien die Möglichkeit erhalten, ein

halbes Jahr am Gießener Institut zu forschen. Zugleich sollen die bestehenden

Kontakte zu wissenschaftlichen Institutionen in den zentralasiatischen

Ländern ausgebaut und ein Beitrag zur Vernetzung der Wissenschaft in der

Region geleistet werden. Die Koordination des Vorhabens, zu dem auch eine

Abschlusskonferenz gehört, liegt in den Händen von Iwona A. Hanska, einer

jungen Politikwissenschaftlerin in Gießen, die über Zentralasien arbeitet. Die

Stiftung hat für das auf drei Jahre angelegte Vorhaben knapp 600.000 Euro

zur Verfügung gestellt.

Auf die Möglichkeiten von E-Learning und Internet setzt ein neu bewilligtes

Lehrprojekt aus den Rechtswissenschaften. Es wendet sich dem Bereich der

Grund- und Menschenrechte zu und greift damit ein in der Region vernachlässigtes

und bisweilen heikles Thema auf. Ziel des Vorhabens ist die Einrich -

tung eines internetgestützten juristischen Lehrportals zwischen Aserbaidschan

und Deutschland, in dem vor allem Kurse zu den europäischen Grundrechten

und zum Europarecht angeboten werden. In Aserbaidschan, das seit dem

Jahr 2001 dem Europarat angehört, bestehen derzeit kaum Möglichkeiten,

Rechts kennt nisse in diesen Bereichen zu erwerben, da das Europarecht und

die europäischen Grundrechte an den Universitäten des Landes nur am Rande

gelehrt werden. Diesen Mangel will das Projekt „Aserbaidschan und Deutsch -

land: Chancen grenzüberschreitender internetgestützter Lehre im Recht“

beheben. Es wird geleitet von Professor Dr. Dr. Eric Hilgendorf, der an der

Universität Würzburg Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtstheorie, Infor ma -

tionsrecht und Rechtsin formatik lehrt. Von Würzburg aus sollen die Inter -

net-Kurse konzipiert und betreut werden sowie der Ausbau des Lehr portals

erfolgen. Daran beteiligt ist Professor Dr. Eckhard Pache als Lehrstuhlinhaber

für Staatsrecht, Völker recht, Internationales Wirtschaftsrecht und Wirt schafts -

verwaltungsrecht.

Kooperationspartner in Aserbaidschan – dort ist begleitend auch der Aufbau

einer juristischen Fachbibliothek vorgesehen – sind die Staatliche Universität

Baku, die im Jahr 1991 als erste private „Law School“ in Aserbaidschan gegrün -

dete Khasar-Universität und andere Hochschulen. Betreut werden die Kurse

über E-Mail und Online-Foren. Dabei betrachten die Projektbeteiligten das

Angebot nicht nur als wichtigen Schritt, solide Rechtskenntnisse auf den

genannten Gebieten zu vermitteln, sondern zugleich als eine Art Propä deu -

tikum für ein Studium in Deutschland. In diesem Sinne ist geplant, den fünf

besten aserbaidschanischen Studierenden durch Stipendien die Möglichkeit

zu eröffnen, das über drei Semester laufende Aufbaustudium zum europä -

März 2008: Im Tagungsschloss Raischholz -

hausen treffen zwanzig junge Wissenschaft -

lerinnen und Wissenschaftler aus Kasachs tan,

Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan

zusammen, um sich über politische, rechtliche

und sozioökonomische Fragen auszutauschen.

Im Rahmen des gesamten Lehr- und Ausbil -

dungsprojekts an der Universität Gießen

fördert die Stiftung noch eine weitere Som -

merschule und zwei Workshops.

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 61


62

Fördermöglichkeiten

Die Stiftung fördert Forschungspro -

jekte von zwei- bis dreijähriger Dauer,

an denen Wissenschaftler aus der

Zielregion beteiligt sein sollten und

in deren Rahmen auch die Vergabe

von Stipendien an Doktoranden oder

Postdoktoranden möglich ist. Darü -

ber hinaus kann die Stiftung Vorha -

ben unterstützen zur Verbesserung

der Voraussetzungen von Forschung

und Lehre vor Ort. Dazu gehören

„Partnerschaftsvorhaben“ zur Konso -

lidierung und Stärkung der Forschung

in der Region und „Eingliederungs -

hilfen“ für zurückkehrende Wissen -

schaftler ebenso wie akademische

Lehrprojekte oder spezielle Aus- und

Weiterbildungsmaßnahmen für

Nachwuchswissenschaftler. Unab -

hängig davon, aber auch in Verbin -

dung mit solchen Vorhaben können

überdies Symposien und Sommer -

schulen gefördert werden. Bei allen

Kooperationsvorhaben mit Wissen -

schaftlern und wissenschaftlichen

Einrichtungen in der Zielregion sollte

der Antrag für alle Beteiligten vom

deutschen Kooperationspartner

vorgelegt werden.

>> Merkblatt 72

Kontakt

– zu Anträgen aus den Geistes- und

Gesellschaftswissenschaften:

Dr. Wolfgang Levermann

Telefon 0511/8381-212

levermann@volkswagenstiftung.de

– zu Anträgen aus den Natur- und

Ingenieurwissenschaften, Medizin:

Dr. Matthias Nöllenburg

Telefon 0511/8381-290

noellenburg@volkswagenstiftung.de

ischen Recht in Würzburg zu absolvieren. Zudem sollen drei hoch qualifi -

zierte Nachwuchswissenschaftler, die aus persönlichen Gründen nicht nach

Deutschland reisen können, durch Doktorandenstipendien vor Ort gefördert

und in die Weiterentwicklung der Kursangebote einbezogen werden. Die

Stiftung fördert das auf drei Jahre angelegte Projekt mit insgesamt rund

290.000 Euro.

In einem weiteren Lehrprojekt in Kaukasien geht es um die Entwicklung

und Verankerung eines Curriculums für das Lehrgebiet der „eingebetteten

Systeme“ an der Fakultät für Energietechnik und Telekommunikation der

Georgischen Technischen Universität in Tbilisi (Tiflis). Unter einem einge -

betteten System versteht man in der Informatik ein auf eine bestimmte

Anwendung spezialisiertes computergesteuertes System mit einem Mikro -

prozessor als Kern, der mit seiner Umgebung nicht über die üblichen

Benutzerschnittstellen Tastatur und Monitor kommuniziert, sondern über

„unsichtbare“ Sensoren oder Aktuatoren. Typische Beispiele für ein solches

System sind die Autoelektronik oder Steuerungssysteme im industriellen

Anlagenbau. Die zugrunde liegende Technologie stellt eine Schlüssel techno -

logie für eine breite industrielle Entwicklung dar – vor allem in Ländern wie

Georgien, in denen in der jüngeren Vergangenheit große Anstrengungen

unternommen wurden zum Aufbau einer international wettbewerbsfähigen

Industrie. Zwar bietet die führende Technische Universität Georgiens in Tbilisi

eine Ausbildung in den Grundlagen der Hardware für Computersysteme an,

jedoch ist diese – ebenso wie die Ausstattung der Hochschule in diesem

Bereich – veraltet und zudem, typisch für die ehemalige Sowjetunion, stark

theorielastig.

Im Zuge des von Professor Dr.-Ing. Wolfgang Kunz vom Fachbereich Elektro -

technik und Informationstechnik der Technischen Universität Kaiserslautern

initiierten Vorhabens soll daher zum einen ein Labor eingerichtet werden,

um moderne Entwurfsmethodik für digitale Hardware vermitteln zu können.

Zum anderen wollen die Wissenschaftler Vorlesungen ausarbeiten über die

Architektur eingebetteter Systeme und diese in den Lehrplan der Georgischen

Hochschule integrieren.

Zu diesem Zweck werden zwei Nachwuchs wissen schaftler aus Tbilisi während

dreier Vorlesungsperioden in Kaiserslautern in die Materie umfassend

eingeführt. In der jeweils nachfolgenden vorlesungsfreien Zeit implementieren

sie dann an ihrer Universität in Tbilisi – koordiniert vom Dekan Professor

Dr. Sergo Dadunashvili – entsprechende, an die Situation dort angepasste

Lehrmodule. Parallel dazu kann ein weiterer georgischer Studierender in

Kaiserslautern seinen Master-Abschluss erwerben. Am Ende des zweijährigen

Pilotprojekts soll das skizzierte Labor voll einsatzbereit und ein Bolognakompatibles

Curriculum für eingebettete Systeme in die Studienpläne in

Tbilisi integriert sein. Gut 155.000 Euro hat die VolkswagenStiftung jetzt

dafür bereitgestellt.


Neue Bewilligungen

Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

Bochum

Frankfurt/M.

Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Forschungsstelle Archäologie und

Materialwissenschaften (Prof. Dr. Andreas Hauptmann); FB Montanarchä -

ologie (Prof. Dr. Thomas Stöllner); Universität Frankfurt/M., Institut für

Mineralogie (Prof. Dr. Gerhard Brey): Gold in Georgien. Fortsetzungsprojekt

zum Auf- und Ausbau interdisziplinärer Konzepte im Bereich der Montan -

archäologie und Archäometallurgie in Georgien

Braunschweig

Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig

(Prof. Dr. Simone Lässig): Die Institutionalisierung von kulturellen Deutungs -

mustern: Geschichtslehrer als Schnittstelle zwischen kollektivem und indi -

viduellem Gedächtnis in Georgien, Kyrgyzstan und Litauen

Gießen

Universität Gießen, Institut für Politikwissenschaft (Prof. Dr. Reimund

Seidelmann): Fortbildungs- und Professionalisierungsprojekt für wissenschaftliche

Nachwuchskräfte aus Zentralasien im Bereich der Politik -

wissenschaft und Nachbardisziplinen

Göttingen

Private Fachhochschule Göttingen (Prof. Dr. Joachim Ahrens): Emerging

Market Economies in Central Asia: The role of institutional complemen -

tarities in reform processes

Halle

Universität Halle-Wittenberg, Seminar für Arabistik und Islamwissenschaft

(Prof. Dr. Jürgen Paul): Islamic Law in Central Asia under Tsarist and Soviet

rule: Tashkent Islamic Courts during the period 1865 to 1928

Hamburg

Universität Hamburg, Musikwissenschaftliches Institut (Prof. Dr. Claudia

Zenck): Gastaufenthalt von Prof. Dr. Elvira Panaiotidi im Rahmen eines

Forschungsvorhabens zum Thema „Analytische Musikphilosophie. Eine

kritische Auseinandersetzung“

Kiel

Universität Kiel, Institut für Osteuropäisches Recht (Prof. Dr. Alexander

Trunk): Auslandsinvestitionsrecht in Aserbaidschan, Kasachstan und

Russland

Auf der Suche nach Gold in Georgien – Pro -

fessor Dr. Thomas Stöllner vom Deutschen

Bergbau-Museum Bochum weist während

der Feldkampagne im Jahre 2005 seine

georgischen Kollegen Diplomgeologe Alex

Omiadze, PhD-Student Irakli Dschaparidze

und Diplomgeologe David „Dato“ Gamba -

schidze (von links) in montanarchäologische

Feldtechniken ein. Hier üben sie den Umgang

mit dem Lasertachymeter zur exakten Be -

stim mung von Horizontal- und Vertikal win -

keln im Gelände.

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 63


64

München

ifo Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München

(Prof. Dr. Siegfried Schönherr); Bereich Branchenforschung (Dr. Gernot Nerb):

Kasachstan. Methoden der Risiko-Prognose in einer ressourcenreichen

Transformationsökonomie

Würzburg

Universität Würzburg, Lehrstuhl für Strafrecht (Prof. Dr. Eric Hilgendorf):

Aserbaidschan und Deutschland: Chancen grenzüberschreitender internetgestützter

Lehre im Recht

Mathematik, Natur-, Ingenieur- und Biowissenschaften

Chemnitz, Taschkent/Usbekistan

Technische Universität Chemnitz, Institut für Fertigungstechnik (Prof. Dr.

Klaus-Jürgen Matthes); Uzbek Academy of Sciences, Tashkent, Materials

Science Institute (Dr. Rustam Saidov): Research and development of flux

action mechanism in welding of aluminium alloys

Frankfurt/M., Eriwan/Armenien

Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum, Frankfurt/M. (Dr. Angela

A. Bruch); Armenian Academy of Sciences, Yerevan, Institute of Botany

(Dr. Ivan Gabrielyan): The environment of early man in Armenia – climate

and vegetation reconstruction of the early Pleistocene

Kaiserslautern, Tbilisi/Georgien

Technische Universität Kaiserslautern, FB Elektrotechnik und Informations -

technik (Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Kunz); Georgian Technical University, Tbilisi,

Faculty of Power Engineering and Telecommunication (Prof. Dr. Sergo

Dadunashvili): Embedded System Education in Georgia

Kassel

Universität Kassel, Institut für Thermische Energietechnik (Prof. Dr. Klaus

Vajen): Symp.Doc – Symposium für junge Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftler im Rahmen der Förderinitiative „Zwischen Europa und

Orient – Mittelasien/Kaukasus im Fokus der Wissenschaft“

Kassel, Bischkek/Kirgisistan

Universität Kassel, Institut für Thermische Energietechnik (Prof. Dr. Klaus

Vajen); Kyrgyz Technical University, Bishkek, Center for the Problems of

Renewable Energy Sources (Prof. Alaibek Obosov): On the simultaneous use

of environmental heat and solar irradiance with a multicomponent solar

thermal system connected to the district heating net in Bishkek

(Weiterführung)


Leipzig, Kasan/Russland

Universität Leipzig, Rudolf-Boehm-Institut für Pharmakologie und Toxiko -

logie (Prof. Dr. Peter Illes); Kazan State Medical University, Department of

Physiology (Prof. Dr. Arthur Giniatullin): ATP signalling in motor and sensory

neurons

Oldenburg, Samarkand/Usbekistan

Universität Oldenburg, Institut für Physik (Prof. Dr. Jutta Kunz-Drolshagen);

Samarkand State University, Department of Theoretical Physics and Computer

Science (Prof. Dr. Rustam Ibadov): Gravitating dyons, dyonic monopole-antimonopole

systems and black holes (Weiterführung)

Regensburg, Eriwan/Armenien

Universität Regensburg, Institut für Theoretische Physik (Prof. Dr. Jaroslav

Fabian): Gastaufenthalt von Dr. Samvel Badalyan aus Eriwan zum Thema

„Relaxation of spin-polarized carriers in quantum hall effect systems”

Mit Ernst bei der Sache und ebenso viel Spaß. Aufbauend auf den von

der Stiftung – wie hier im März 2008 in Raischholzhausen – geförderten

Veranstaltungen zur Fortbildung und Professionalisierung wissenschaft -

licher Nachwuchskräfte aus Zentralasien im Bereich der Politikwissen -

schaften und benachbarter Disziplinen an der Universität Gießen werden

sechs der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Möglich -

keit erhalten, ein halbes Jahr lang am Gießener Institut zu forschen.

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 65


66

Anträge 2007

Eingereicht 19

mit Volumen in Mio. Euro 4,3

Bewilligungen 13

mit Volumen in Mio. Euro 1,7

Bewilligungen insgesamt 85

in Mio. Euro, seit 1999 16,5

Einer bedrohten Sprache im Iran auf der Spur:

Projektmitarbeiterin Parwin Mahmud-Weyssi

vom Asien-Afrika-Institut der Universität

Hamburg (Bild oben, vorn) kontrolliert mit

Haide, einer wichtigen Beraterin, einige

Passagen der aufgenommenen Texte. Auf

diese Weise soll ein Korpus von Audio- und

Videoaufnahmen des Gorani in der west -

iranischen Provinz Kermanschah erstellt

werden. Homeira, Nasrin, Haide und Parwin

(Bild unten, von links), hier mit dem Projekt -

leiter Privatdozent Dr. Geoffrey Haig von der

Uni versität Kiel, sind vier der schätzungsweise

noch 1500 Sprecher des Gorani.

Dokumentation bedrohter Sprachen

Immer mehr Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Die dramatische

Entwicklung beginnt zum Beispiel damit, dass in einem Dschungeldorf der

erste Fernseher mit dem Programm in der Landessprache aufgestellt wird.

Oder mit dem Bau einer Autobahn, die die bislang abgelegene Siedlung

plötzlich mit der nächsten Großstadt Hunderte von Kilometern entfernt

verbindet. Spätestens mit der Einbindung in größere Kommunikationskreise

setzt heutzutage die Bedrohung einer „kleinen“ Sprache ein. Andernorts ist

die Entwicklung schon seit Langem im Gange. Beispiel dafür sind die zu

beobachtenden Folgen der repressiven staatlichen Schulpolitik in den Ver -

einigten Staaten von Amerika ab 1893: Die Kinder indigener Völker wurden

systematisch und geplant ihren Eltern entrissen, in Internate eingewiesen

mit dem strikten Verbot, ihre Muttersprache zu sprechen. Und in Europa

hat ein Jahrhunderte währender Prozess zumeist zu der Situation: ein Land,

eine Sprache geführt.

Heute jedoch hat sich das Sprachensterben so sehr beschleunigt, dass

rund zwei Drittel der weltweit noch gesprochenen 6500 Sprachen – so die

Schätzung – Gefahr laufen, in den nächsten ein bis zwei Generationen zu

verschwinden. Wenn aber eine Sprache stirbt, dann stirbt mehr als nur ein

bloßes Kommunikationsmittel: Es stirbt letztlich ein Stück kultureller Vielfalt

unserer Welt.

Die Förderinitiative „Dokumentation bedrohter Sprachen“ – sie wurde im

Sommer 1999 von der VolkswagenStiftung eingerichtet und ist inzwischen

unter dem Akronym DobeS weltweit bekannt – kann diese Entwicklung

im Zuge der kulturellen Globalisierung natürlich nicht aufhalten. Es kann

und soll jedoch versucht werden, die Zeugnisse dieser meist nur mündlich

vermittelten Sprachkulturen vor ihrem spurlosen Verschwinden in einem

elektronischen Archiv für bedrohte Sprachen aufzeichnen zu lassen: mit

DAT-Rekorder, Videokamera, Fotoapparat und Notizblock.

Im Jahr 2007 wurden weitere sieben Dokumentationsprojekte, eine Som mer -

schule sowie für drei Forscherteams die Teilnahme an dem jährlich am Max-

Planck-Institut in Nijmegen stattfindenden Trainingsworkshop bewilligt. Zu

den geförderten Projekten gehört – erstmals im Rahmen der DobeS-Förder -

initiative – die Dokumentation einer bedrohten Sprache des Iran. Professor

Dr. Ludwig Paul vom Asien-Afrika-Institut (Abteilung für Geschichte und

Kultur des Vorderen Orients, Arbeitsbereich Iranistik) der Universität Hamburg

erforscht in Zusammenarbeit mit Privatdozent Dr. Geoffrey Haig vom Semi -

nar für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität

Kiel und Professor Dr. Philip Gerrit Kreijenbroek vom Seminar für Iranistik

der Universität Göttingen das Gorani in der westiranischen Provinz Kerman -

schah. Dass an dem Projekt auch Wissenschaftler aus dem Iran beteiligt sind

– Dr. Behrooz Mahmoody-Bakhtiari von der Universität Teheran und Professor


Dr. Reza M. Hamzeh’ee von der Razi University in Kermanshah – versteht

sich von selbst und zeigt, dass sich das Land seiner Vielfalt und seines

Reichtums an Sprachen und Kulturen bewusst ist. Wissenschaftler gehen

immerhin von 75 verschiedenen Sprachen in Persien aus.

Das Gorani ist eine besonders kleine unter ihnen mit – geschätzt – derzeit

nur noch tausend bis 1500 Sprechern. Bedroht wird das Gorani nicht nur

vom Persischen als Nationalsprache, sondern auch vom Kurdischen als

Lingua franca jener bergigen Region, die an den Irak und die Türkei grenzt.

Doch das Gorani zeichnet sich durch zwei weitere Besonderheiten aus: Es war

zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert die Sprache am Hof der unab -

hängigen Herrscher von Ardalan, also eine höfische und auch verschriftete

Sprache, und in ihr wurden Texte der seltenen schiitischen Religionsgemein -

schaft der Ahl-e Haqq niedergeschrieben. Die Wurzeln dieser Ahl-e Haqq-

Religion reichen bis in den Zoroastrianismus zurück.

Die Wissenschaftler wollen einen Korpus von Audio- und Videoaufnahmen

erstellen und konzentrieren sich inhaltlich auf fünf Schwerpunktthemen.

Zum einen dokumentieren sie religiöse Texte: die heiligen Gedichte der Ahl-e

Haqq, die sogenannten Kalm, die strenge Muster in Rhythmik und Metrum

aufweisen. Durch ihren umschreibenden – für uns „orientalischen“ – Charak -

ter sind sie nicht direkt verständlich, sondern müssen über traditionell

erzählte „Geschichten“ regelrecht entschlüsselt werden. Das führt direkt zum

zweiten Arbeitsfeld: Oral History. Hier interessieren sich die Projektbe teilig -

ten besonders für die Berichte über den Gasangriff des irakischen Diktators

Saddam Hussein im Jahr 1988 auf das Goran-Dorf Zarde. Des Weiteren will

das Forscherteam Legenden und Märchen dokumentieren sowie Musik und

Lieder. Als Letztes gilt ihr Interesse der Beschreibung der Alltagssprache, vor

allem jeglichen Themen rund um Landarbeit und Handwerk. Knapp 300.000

Euro stellte die VolkswagenStiftung für dieses Projekt zur Verfügung.

Sozusagen auf der anderen Seite der Welt, im Südpazifik, wird eine andere

bedrohte Sprache mit Stiftungsmitteln in gleicher Höhe dokumentiert. Ein

junges deutsch-australisches Forscherteam beschäftigt sich hier mit dem

Savosavo, einer Papua-Sprache. Sie wird auf Savo gesprochen, die mit sechs

Kilometern Durchmesser eine besonders kleine Solomoninsel ist. Die Solo -

mon inseln als Teil der Melanesischen Inselwelt sind für Sprachwissenschaft -

ler ein „Hotspot“: Sie verbinden Papua-Neuguinea mit seinen Papua-Sprachen

und Polynesien mit den austronesischen Sprachen. Interessant ist, dass das

Savosavo keine nah verwandte Sprache in der Region hat. Bedroht wird es

vom Solomon Islands Pidgin als Hauptsprache der Region und dem Englischen.

Eine ganz andere, wenn auch nicht weniger große Gefahr stellt für die

Sprache die Tatsache dar, dass die Insel ein schlafender Vulkan ist. Sollte es

zu einem Ausbruch kommen, würden alle Sprecher auf die Nachbarinseln

verteilt. Da dort andere Sprachen vorherrschen, käme das Ende des Savosavo

innerhalb von nur einer Generation unausweichlich.

Auch im Südpazifik drohen Sprachen zu

verschwinden, wie etwa die Papua-Sprache

Savosavo, die auf einer Solomoninsel gesprochen

wird. Chief Anthony Pisupisu aus dem

Gareka Village unterstützt die Projektlei te -

rin nen Professor Dr. Eva Friederike Schultze-

Berndt und Claudia Wegener M. A. von der

Universität Manchester. Die Mitarbeit von

Mitgliedern der Sprachgemeinschaft ist

unter anderem deshalb unerlässlich, um

Bücher auf Savosavo für die Sprecher und

die Schulen zu erstellen.

Die besondere Technik des Hausbaus zeigt

Ben Duva im Mavulu Village: Er legt Sago -

blätter überlappend um eine lange Strebe

und steckt sie mit einem dünnen Zweig fest.

Diese Lagen werden dann wie Dachziegel

übereinander an Bambusstangen festgebunden,

die das Dachgerüst bilden. Für ein Dach

werden je nach Größe des Hauses bis zu 400

solcher Lagen benötigt. Das Savosavo-Projekt

wird sich auch solcher traditionellen Prak ti -

ken annehmen. Dazu halten die Forsche rin -

nen sowohl eine Beschreibung der Arbeits -

schritte in Savosavo als auch die tatsächliche

Ausführung in Bild und Ton fest.

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 67


68

Sprecher zweier bedrohter Sprachen in Fran -

zö sisch-Polynesien zu Gast im Max-Planck-

Institut (MPI) für Psycholinguistik in Nijmegen:

Über die Entwicklung eines Web-basierten

Multimedia-Enzyklopädie-Lexikons der beiden

bereits dokumentierten bedrohten

Sprachen Tuamotuan und Marquesan diskutiert

hier die Linguistin Dr. Gabriele Cablitz

mit dem Computerspezialisten Dr. Claus

Zinn, dem Tuamotuan-Sprecher Guillaume

Taimana und dem Direktor der technischen

Gruppe am MPI Peter Wittenburg (von links).

Der Vulkan, das Leben auf ihm und das Wissen der Einheimischen über ihn –

das ist zugleich der erste von vier thematischen Schwerpunkten des Vorhabens,

das die Nachwuchswissenschaftlerin Claudia Wegener unter der Leitung von

Professorin Dr. Eva Schultze-Berndt von der School of Languages, Linguistics

and Cultures der Universität Manchester durchführt: Aktiv einbezogen in

diesen Teil der Dokumentation sind ein Savo-Bewohner und ein neuseeländischer

Vulkanologe. Des Weiteren interessieren sich die Forscher für lokale

Geschichte und Biografien von Zeitzeugen, beispielsweise zu den Ereignissen

während des Zweiten Weltkriegs und über die Zeit des Britischen Protekto rats.

Ferner sollen traditionelles Wissen und Gebräuche dokumentiert werden –

verschiedene Techniken des Fischens, des Haus- und Kanubaus oder Webens.

Schließlich setzen sich die Wissenschaftler mit dem „hortativen Diskurs“

auseinander: Wie beispielsweise sollen die Angelegenheiten der Menschen

auf der Insel nach Ansicht der Savosavo organisiert werden?

Als Projektergebnis soll ein umfangreicher Korpus digitalisierter Video- und

Audioaufnahmen entstehen, der verschiedene Sprechsituationen, Sprecher

und Genres zusammenführt. Dieser Korpus wird gestützt von einer lexika -

lischen Datenbank, die vor allem die Bereiche Ethnobotanik, -zoologie und

-ökologie umfasst als auch Ortsnamen entsprechend aufbereitet enthält.

Hinzu kommen ein Grammatiküberblick und ein ethnografischer Abriss

– Sprachdokumentation als linguistische Subdisziplin bietet viele Anschluss -

möglichkeiten an andere Fächer aus den Kultur- wie den Naturwissenschaften.

Das zeigt auch das ebenfalls 2007 bewilligte Vorhaben „Multimedia Encyclo -

pedic Lexicon of the Tuamotuan and Marquesan Languages”, das Dr. Gabriele

H. Cablitz und Professorin Dr. Ulrike Mosel vom Seminar für Allgemeine und

Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Kiel in Zusammenarbeit

mit Peter Wittenburg vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in

Nijmegen durchführen. Es wird mit rund 116.000 Euro gefördert.


Das Vorhaben führt über die reine Sprachendokumentation hinaus. Hier geht

es um nicht weniger als die Entwicklung neuer Wissensspeicher, genauer:

um die multimediale Verknüpfung von Lexikon und Enzyklopädie. Wissen

wird hier nicht länger – wie etwa in Büchern – linear verwaltet, sondern

zirkular. Informationen über Sprache, Bilder, kulturelle Gegebenheiten und

anderes mehr: Dies alles wird verknüpft und kann sich wechselseitig aufeinander

beziehen. Die Umsetzung des geplanten Multimedia-Enzyklopädie-

Lexikons (MEL) erfolgt auf der Grundlage der von Dr. Cablitz bereits dokumentierten

bedrohten Sprachen Marquesan und Tuamotuan in Französisch-

Polynesien.

Das MEL zeichnet sich durch nachfolgende fünf Schlüsselkonzepte aus.

Erstens: Ein bestimmtes Wort wird nicht wie im klassischen Lexikon isoliert

und mit einem einzelnen Inhalt verbunden, sondern ist Schlüssel für ein

vielschichtiges Netzwerk semantischer Relationen, die Informationen über

linguistische Eigenschaften des Wortes mit enzyklopädischen Informationen

über die kulturelle Bedeutung und die Nutzung des Konzepts verknüpfen.

Zum Zweiten wird die Möglichkeit des „relationalen Linking“ eröffnet, indem

das klassische Eins-zu-Eins-Hyperlinking um eine neue Form von Viele benen-

Verknüpfung ergänzt wird. Drittens soll ein sprachvergleichendes Lexikon

aufgebaut werden, das zwischen dem Marquesanischen und dem Tuamo -

tu anischen auch „Brücken“ nutzt wie etwa französische und englische Übersetzung

oder lateinische Begriffe der Zoologie und Botanik. Viertens erlaubt

das MEL gleichzeitig und von verschiedenen Orten aus mehreren Personen,

das Lexikon zu füllen. Und schließlich sollen Einträge im Lexikon mit

Archivinhalten verknüpft werden können.

Entscheidend beteiligt an dem Vorhaben sind die Techniker um Peter

Witten burg vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, aber

auch Vertreter der beiden Sprechergemeinschaften. Das neue System soll so

einfach sein, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen und Bildungsgrade

es „mit Daten füttern“ und zugleich nutzen können.

Dass dieses „Meta-Projekt“ überhaupt möglich wurde, liegt natürlich nicht

zuletzt daran, dass nach mittlerweile über sieben Jahren Laufzeit der Förder -

initiative die technischen und logistischen Grundfragen geklärt sind, die

Mengen an gespeicherten Daten wachsen, allerdings auch ganz neue Fragen

generieren. Dies legte es nahe, im Jahr 2007 eine Zwischenevaluation durchzuführen

– orientiert an der Frage: Wie sind die Ergebnisse der Förderini tia -

tive zu bewerten, und wie soll sie künftig fortgeführt werden? Das Urteil

des international besetzten Evaluationspanels fiel einhellig positiv aus und

mündete in die Empfehlung, die Förderung der Dokumentation bedrohter

Sprachen unbedingt fortzusetzen. Künftig soll dabei das Augenmerk der

Stiftung vor allem Vorhaben zu Zielsprachen in bisher im Programm unterrepräsentierten

Regionen gelten. Auch werden Nachwuchsforscher aus

bereits geförderten Projekten ermutigt, eigene Vorhaben zu beantragen.

Fördermöglichkeiten

Unterstützt werden auf maximal drei

Jahre angelegte Projekte zur Doku -

mentation bedrohter Spra chen, wobei

der Grad an Bedroht heit, der Doku -

mentationsstand und linguistische

Besonderheiten im Förderantrag darzustellen

sind. Eine gewisse Priorität

erhalten dabei Vorhaben zu Zielspra -

chen in bisher im Programm unter -

repräsentierten Regionen. Die Doku -

men ta tion, in die auch älteres Daten -

ma te rial in te griert werden kann,

muss im Rah men des linguistischen,

tech ni schen und ethisch-juristischen

Regelwerks der Förderinitiative erfolgen,

und es wird die Bereit schaft

vo rausgesetzt, die Doku men tation

im Archiv am MPI für Psycho lingu -

istik in Nijmegen zu speichern.

Die Stiftung legt bei internationalen

Projekten großen Wert auf die substanzielle

Kooperation mit deutschen

Partnern. Sie ermutigt zudem vor

allem Nachwuchs wis sen schaft ler

und -wissenschaftlerinnen aus abgeschlossenen

DobeS-Pro jek ten dazu,

eigene Vorhaben zu beantragen.

Wissenschaftler aus der Zielre gion

und Personen aus Einrichtun gen

vor Ort sollten einbezogen werden.

Neben Dokumen tations projekten

fördert die Stiftung auch Sym posien,

Workshops und Som mer schulen,

wenn sie Fragen der Dokumentation

bedrohter Sprachen aufgreifen.

>> Merkblatt 67

Kontakt

Dr. Vera Szöllösi-Brenig

Telefon 0511/8381-218

szoelloesi@volkswagenstiftung.de

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 69


70

Neue Bewilligungen

Bremen, Amsterdam/Niederlande, Ames/USA

Universität Bremen, FB Sprach- und Literaturwissenschaften, FG Linguistik

(Prof. Dr. Thomas Stolz); University of Amsterdam, Department of Theoretical

Linguistics (Jorge Gomez Rendom); Iowa State University, Ames, Department

of Anthropology (Dr. Maximilian Viatori): Documentation of languages of

the upper Pastaza (Ecuador) (Projektvorbereitung) – Teilnahme am DobeS-

Trainingskursus am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen

Göttingen, Victoria/Australien

La Trobe University, Victoria, Research Center for Linguistic Typology

(Dr. Stephen Morey); Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Prof. Dr.

Barend Jan Terwiel): The Traditional Songs and Poetry of Upper Assam –

A multifaceted linguistic and ethnographic documentation of the Tangsa,

Tai and Singpho Communities in Margherita, Northeast India

Hamburg

Universität Hamburg, Institut für Behindertenpädagogik (Prof. Dr. Monika

Rothweiler, Dr. Pilar Larranaga): Documentation of Basque (Spain)

(Projekt vorbereitung) – Teilnahme am DobeS-Trainingskursus am Max-

Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen

Hamburg, Kiel, Göttingen

Universität Hamburg, Asien-Afrika-Institut, Abt. für Geschichte und Kultur

des Vorderen Orients (Prof. Dr. Ludwig Paul); Universität Kiel, Seminar für

Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft (Priv.-Doz. Dr. Geoffrey

Haig); Universität Göttingen, Seminar für Iranistik (Prof. Dr. Philip Gerrit

Kreijenbroek): Documentation of Gorani, an endangered language of the

Kermansah province (West Iran)

Kiel, Nijmegen/Niederlande

Universität Kiel, Seminar für Allgemeine und Vergleichende Sprachwis sen -

schaft (Prof. Dr. Ulrike Mosel, Dr. Gabriele H. Cablitz); Max-Planck-Institut für

Psycholinguistik, Nijmegen (Peter Wittenburg): Multimedia Encyclopedic

Lexicon of the Tuamotuan and Marquesan Languages

Köln

Universität Köln, Allgemeine Sprachwissenschaft, Institut für Linguistik

(Dr. Dagmar Jung): Beaver knowledge systems: documentation of a Canadian

First Nation language from a placenames’ perspective (Projektfortsetzung)

Köln

Universität Köln, Allgemeine Sprachwissenschaft, Institut für Linguistik

(Prof. Dr. Fritz Serzisko): Satz- und Textstrukturen im Chipaya


Leipzig, Hamburg

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig, Abt. Linguistik

(Prof. Dr. Bernard Comrie, Priv.-Doz. Dr. Tom Güldemann); Universität Ham -

burg, Asien-Afrika-Institut, Abt. Afrikanistik und Äthiopistik (Prof. Dr. Roland

Kießling): A pan-dialectal documentation of Taa. Folgeprojekt zum Thema

„Documentation of Western !Xoon“

Manchester/Großbritannien

University of Manchester, Faculty of Humanities, School of Languages,

Linguistics and Cultures (Prof. Dr. Eva Friederike Schultze-Berndt, Claudia

Wegener, M. A.): Documentation of Savosavo, a Papuan language of the

Solomon Islands

München

Universität München, Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften,

Institut für Romanische Philologie (Priv.-Doz. Dr. Annette Endruschat); Insti -

tut für Allgemeine und Typologische Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Wolfgang

Schulze): Minderico – an endangered Ibero-Romance Language in Portugal

(Projektvorbereitung) – Teilnahme am DobeS-Trainingskursus am Max-

Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen

Münster, Melbourne/Australien

Universität Münster, FB Philologie, Institut für Allgemeine Sprachwissen -

schaft (Prof. Dr. Nikolaus Himmelmann); University of Melbourne, Department

of Linguistics and Applied Linguistics (Prof. Dr. Nicholas Rollo David Evans):

Linguistic typology and language documentation (Symposium)

Nijmegen/Niederlande

Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen, Language and Cognition

(Prof. Dr. Stephen C. Levinson, Priv.-Doz. Dr. Thomas Widlok, Dr. Christian

Rapold, Gertie Hoymann): Documentation of =Akhoe-Hai//om, a Khoisan

language spoken by hunter-gatherers in central-northern Namibia. A multimedia

compilation of language and culture in endangered social practices

(Projektfortsetzung)

Die Basis aller Dokumentation sind gute

und vielfältige Sprachaufnahmen, sei es im

Sprachlabor der Universität Kiel während

eines Besuchs von Mitgliedern der Sprach -

gemeinschaften des Tuamotuan und Mar -

quesan (Bild links) oder im Feld: Assistentin

Tahia Mataiki (rechtes Bild) hält die Ausfüh -

rungen Mathias (Teaiki) Tohetia atuas über

die Pflanzen der Region und ihre Nutzung

direkt vor Ort fest. Ziel ist es, die bisherige –

lexikalische – Dokumentation des Marquesan

um enzyklopädisches Wissen zu ergänzen.

Jahresbericht 2007 Auslandsorientierte Initiativen 71


74

79

80

86

Innovative Methoden zur Herstellung funktionaler Oberflächen

Integration molekularer Komponenten in funktionale makroskopische Systeme

Neue konzeptionelle Ansätze zur Modellierung und Simulation komplexer Systeme

Evolutionsbiologie


Förderung 2007

Thematische Impulse

Hier setzt die Stiftung explizit Impulse im Hinblick auf die Förderung themenund

problemorientierter Grundlagenforschung. Sie verfolgt damit fachliche Ziele

inhaltlicher und methodischer Art, will also ihrerseits auf neue Forschungsgebiete,

-inhalte und -methoden aufmerksam machen. Die Stiftung gibt mit diesem Ange -

bot Anregungen und Hilfestellungen dafür, neue Ansätze und Fragestellungen

aufzugreifen, Theorien, Arbeitsrichtungen, Methoden und auch neue Fächerver -

bindungen zu entwickeln und zu erproben.


74

Thematische Impulse

Anträge 2007

(Skizzen: 12 über 7,4 Mio. Euro)

Eingereicht 35

mit Volumen in Mio. Euro 8,6

Bewilligungen 20

mit Volumen in Mio. Euro 4,8

Bewilligungen insgesamt 48

in Mio. Euro, seit 2004 11,7

Innovative Methoden

zur Herstellung funktionaler

Oberflächen

Die Fertigung multifunktionaler Oberflächen stellt eine Schlüssel- und Quer -

schnittstechnologie für die Herstellung künftiger Hochtechnologieprodukte

dar. Ökonomisch wie auch ökologisch interessant erscheint in diesem

Zusam menhang die Idee der integrierten Produktionstechnologie, das heißt

die Vereinigung mehrerer Prozessschritte durch Kombination bestehender

oder Entwicklung neuer Fertigungsverfahren. So gibt es zwar für zahlreiche

Anwendungsbereiche hoch spezialisierte Oberflächen, deren Herstellungs -

prozess ist jedoch meist zeit- oder kostenintensiv und teilweise auch mit

einer starken Belastung der Umwelt verbunden. Bespiele dafür sind chirur -

gische Instrumente, Datenträger für EDV-Anwendungen oder Sensoren mit

auf Licht, Druck oder Temperatur reagierenden Oberflächen.

All diese Funktionalitäten werden bislang im Allgemeinen dadurch realisiert,

dass sich an die eigentliche Bauteilfertigung als weiterer Schritt die Ober -

flächenmodifizierung anschließt. Diese sequenzielle Fertigungsweise bringt

sowohl erhebliche ökonomische (höhere Fehlerwahrscheinlichkeit, lange

Herstellungszeit, geringe Flexibilität) als auch ökologische Nachteile (kein

„Clean-Prozess“ möglich, erhöhte Mengen an Abfall, mehr Produktions -

mittel einsatz) mit sich. Die Ende 2003 eingerichtete Förderinitiative hat

daher zum Ziel, in gemeinsamen Forschungsansätzen von Ingenieuren und

Oberflächenspezialisten die prozessintegrierte Oberflächentechnologie voranzutreiben.

Die Stiftung fordert mit dieser Initiative die Wissenschaft heraus, sich mit

innovativen und durchaus auch unkonventionellen Fragestellungen im

Bereich der Produktions- und Oberflächentechnik auseinanderzusetzen. Sie

erhofft sich davon einerseits neue Impulse für die ingenieurwissenschaft -

liche Forschung in Deutschland. Zum anderen wird eine erfolgreiche Bear -

beitung der komplexen Problemstellungen Interdisziplinarität befördern

und dabei konkret die Zusammenarbeit von Ingenieuren mit Physikern,

Chemikern oder auch Biologen verstärken – denkt man etwa an die Entwick -

lung neuer Hybridverfahren. Offenkundig ist, dass ein Erfolg versprechendes

Vorhaben möglichst die gesamte Prozesskette in den Blick nehmen sollte:


ausgehend vom Verständnis der Oberflächenmodifizierung über die Kon -

zeption eines neuen Fertigungsverfahrens bis hin zu dessen technischer

Realisierung. Im Berichtsjahr bewilligte die Stiftung rund 4,8 Millionen Euro

für sieben neue Vorhaben, von denen drei im Folgenden kurz näher vorgestellt

werden.

Zwei der in 2007 bewilligten Projekte beschäftigen sich mit dem Themen -

komplex der „intelligenten und sich selbst heilenden Schichten“. Beide

Forschungs vor haben verfolgen das gleiche, futuristisch anmutende Ziel:

Metallische Oberflächen sollen in die Lage versetzt werden, sich im Falle

einer „Verletzung“ genau dort, wo sie beschädigt sind, selbst zu „heilen“.

Eine Verletzung könnte beispielsweise ein Kratzer sein, punktuell auftre -

tende Reibung oder Korro sion – sprich: Rost. Die unterschiedlichen Ansätze

der beiden Forscherteams bei der Bearbeitung dieses hochaktuellen, aber

auch riskanten Themas sollen sich im Rahmen der Förderung ergänzen und

gegenseitig befruchten.

Das von Dr.-Ing. Claudia Dos Santos vom Institut für Industrielle Fertigung

und Fabrikbetrieb (IFF) der Universität Stuttgart und Professor Dr. Christian

Mayer vom Fachbereich Chemie, C3 Physikalische Chemie der Universität

Duisburg-Essen, Standort Essen, durchgeführte Kooperationsvorhaben

„Func tional surfaces via inclusion of nanocapsules in metallic matrices“

hat die Einbettung winziger Kapseln unmittelbar in die Oberflächen

metallischer Werkstücke zum Ziel. In den einzelnen Kapseln, die kleiner

sind als ein Tausendstel Millimeter, befinden sich Flüssigkeiten. Sobald die

Oberfläche und damit die Kapsel verletzt werden, tritt die Flüssigkeit aus

und wirkt an Ort und Stelle wie eine Salbe. Je nach Art der Salbe fungiert

sie wie ein Schmiermittel oder als vorübergehender Korrosionsschutz.

Denkbar sind eine Vielzahl an Flüssigkeiten. Ist der Prozess, die kleinen

Kapseln durch ein spezielles galvanisches Beschichtungsverfahren auf die

Oberflächen aufzubringen, erst einmal etabliert, dann ließen sich in einem

einzigen Schritt verschiedene „Salben“ je nach Anforderung an die Ober -

fläche sogar gleichzeitig verabreichen. Die Stiftung unterstützt dieses

Vorhaben mit 435.500 Euro.

Das zweite geförderte Projekt aus diesem Themenfeld setzt ebenfalls auf

eine Beschichtung mit zwei Funktionen – entweder einer Kombination der

Selbstheilung von Korrosion und Kratzern oder einer Kombination von

Korro sions-Selbstheilung mit einer erneuerbaren reibarmen Schicht. Die

Kapseln, die hier die „heilenden“ Substanzen enthalten, sind genau genommen

modifizierte Hohlräume in Nanostrukturen. Sie sollen sich ihren Platz

auf der chemisch vorbehandelten Metalloberfläche selbst suchen. Sehr vorteilhaft:

Auch hier wird der Einbau verschiedener Substanzen in einem einzigen

Beschichtungsprozess möglich sein – selbst dann, wenn die Konzentration

der Substanzen ein Gefälle aufweisen, also etwa zur Oberfläche hin gezielt

zunehmen soll. Beteiligt an dem mit 595.100 Euro geförderten Vorhaben sind

Oberflächenschutz durch die Einbettung

winziger Kapseln: Dieser Herausforderung

stellt sich ein Team an der Universität Stutt -

gart in Kooperation mit Kollegen in Essen. Im

Bild oben die Stuttgarter Arbeitsgruppe (von

links): Dr.-Ing. Claudia Dos Santos und ihre

Mitstreiterinnen, die Diplomingenieurinnen

Katja Romankiewicz und Katharina Stollorz,

Birgit Maag (Chemisch-Technische Assis ten -

tin), Andrea Ziegler (Metallografin) und

Manuela Koczar (Chemielaborantin).

Bei Arbeitstreffen beider Gruppen wird im

Labor über Einflussgröße und Wechsel wir -

kung der Prozessparameter diskutiert; von

links: Diplomchemiker Sven Beuermann aus

dem Team der Universität Duisburg-Essen,

Diplom ingenieur Klaus Schmid aus Stuttgart,

Pro fessor Dr. Christian Mayer, Leiter des

Projekt teams an der Universität Duisburg-

Essen, Dr.-Ing. Claudia Dos Santos, Projekt -

leiterin am Institut für Industrielle Fertigung

und Fabrikbetrieb der Universität Stuttgart.

Jahresbericht 2007 Thematische Impulse 75


76

Fördermöglichkeiten

Gefördert werden ausschließlich Ko -

operationsprojekte von Wissen schaft -

lern mit komplementärer Ex pertise

unter Federführung eines Ingenieurs.

Die Antragstellung erfolgt in einem

zweistufigen Ver fahren: Nur zu positiv

begutachteten Projekt skizzen

nimmt die Stiftung Anträge entgegen.

Für Forschungs vorhaben werden

Personal- und Sachmittel – einschließ -

lich Reisekos ten – bewilligt; Work -

shops werden mit Reisemitteln (siehe

Symposien und Sommer schulen)

unterstützt.

>> Merkblatt 83

Kontakt

Dr. Franz Dettenwanger

Telefon 0511/8381-217

dettenwanger@volkswagenstiftung.de

Professor Dr.-Ing. Guido Grundmeier vom Department Chemie, Fachgebiet

Technische und Makromolekulare Chemie der Universität Paderborn, Dr.

Dmitry Shchukin vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächen -

forschung in Potsdam/Golm und Dr. Andreas Dietz vom Fraunhofer-Institut

für Schicht- und Oberflächentechnik (IST) in Braunschweig.

861.700 Euro stehen bereit für das Kooperationsvorhaben „Tool integrated

photonic induced functionalisation of polymer parts – TOPAS “, das von

einem Forscherteam der RWTH Aachen auf den Weg gebracht wurde.

Kunststoffprodukte mit speziellen Werkstoff- und Oberflächeneigenschaften

durchlaufen heute bei der Produktion nach wie vor zumeist zwei grundlegende

Prozessgänge. Schritt eins: die Herstellung über Spritzguss- oder

Extrusionsverfahren. Bei der Extrusion (lat.: extrudere = hinausstoßen, -treiben)

werden die zähflüssigen und zu härtenden Materialien durch eine Düse

gepresst. Dazu wird beispielsweise der Kunststoff zunächst in einem „Extru -

der“ mittels Heizung und innerer Reibung aufgeschmolzen und homogenisiert.

Weiterhin wird der für das Durchfließen der Düse notwendige Druck

aufgebaut. Nach dem Austreten aus der Düse erstarrt der Kunststoff meist

in einer wassergekühlten Form. Ihre gewünschte Funktion erhalten die

Substanzen dann in einem weiteren Schritt über Plasma- und chemische

Behandlungen und Beschichtungen.

Die Wissenschaftler des TOPAS-Projekts wollen nun die Kunststoffbauteile in

einem einzigen Prozessschritt herstellen und funktionalisieren: Die Funk -

tions gebung soll dabei gleich innerhalb des Formwerkzeuges durch eine

spezielle Lasermodifikation erfolgen. Das Bauteil wird hierzu während des

Spritzgussprozesses im geschlossenen Werkzeug über integrierte Fenster mit

Lasern bestrahlt. Dabei wird der Kunststoff über spezielle laseraktivierbare

chemische Gruppen selektiv vernetzt beziehungsweise chemisch funktionalisiert.

Damit lassen sich die gewünschten Oberflächeneigenschaften ebenso

wie Härte und oberflächenchemische Eigenschaften der Kunststoffe punktgenau

verändern und an die Funktionseigenschaften des Bauteils anpassen.

Das Bahnbrechende bei diesem Vorhaben ist die gleichzeitige Formgebung

und Oberflächenfunktionalisierung von gegossenen Kunststoffbauteilen

mithilfe transparenter, saphirbasierter Gussformen – ein gleichermaßen

innovativer wie die Wissenschaftler herausfordernder Ansatz.

Die Forscher wollen das Verfahren zunächst mit Blick auf Anwendungen in

der Medizin technik etablieren, der Einsatz der Technologie ist jedoch auch

für andere Bereiche denkbar. An dem Vorhaben beteiligt sind Dr.-Ing. Arnold

Gillner, Professor Dr. Reinhart Poprawe und Dr. Elke Bremus-Köbberling vom

Lehr stuhl für Lasertechnik der RWTH Aachen, Professor Dr. Martin Möller

vom dortigen Institut für Technische und Makromolekulare Chemie, Lehr -

stuhl für Textilchemie – sowie Professor Dr.-Ing. Dr.-Ing. E. h. Walter Michaeli

vom Lehrstuhl für Kunststoffverarbeitung am Institut für Kunststoffverar -

beitung in Industrie und Handwerk.


Neue Bewilligungen

Aachen

Technische Hochschule Aachen, Lehrstuhl für Lasertechnik (Dr.-Ing. Arnold

Gillner); Lehrstuhl für Textilchemie und Makromolekulare Chemie (Prof.

Dr. Martin Möller); Lehrstuhl und Institut für Kunststoffverarbeitung

(Fritz Klaiber, M. Sc.); Deutsches Wollforschungsinstitut an der Technischen

Hochschule Aachen e. V. (Dr. Helmut Keul, Dr. Petra Mela); Institut für Kunst -

stoffverarbeitung in Industrie und Handwerk an der Technischen Hochschule

Aachen (Prof. Dr.-Ing. Walter Michaeli, Dipl.-Ing. Christoph Lettowsky);

Fraunhofer-Institut für Lasertechnik, Aachen (Dr. Elke Bremus-Köbberling):

Tool integrated photonic induced functionalisation of polymer parts – TOPAS

Aachen, Freiburg

Technische Hochschule Aachen, Lehrstuhl für Lasertechnik (Dr.-Ing. Edgar

Willenborg, Prof. Dr. Reinhart Poprawe, M. A.); Lehrstuhl für Technologie

Optischer Systeme (Prof. Dr. Peter Loosen); Fraunhofer-Institut für Werkstoff -

mechanik, Freiburg, Surface Engineering Group (Dr.-Ing. Wulf Pfeiffer):

Process and machine technology for structuring of design surfaces by laser

remelting (FluidStruc)

Braunschweig, Aachen, Uppsala/Schweden

Fraunhofer-Institut für Schicht- und Oberflächentechnik, Braunschweig

(Dr. Andreas Pflug); Technische Hochschule Aachen, Lehrstuhl für Physik

neuer Materialien (Prof. Dr. Matthias Wuttig); Uppsala University, Angström

Laboratory, Solid State Electronics (Prof. Sören Berg, PhD., Dr. Tomas Nyberg):

Serial co-sputtering for functional multi component thin films – COSMOS

Dr.-Ing. Arnold Gillner (linkes Bild, links) und Mitglieder seines Teams besprechen, wie ein Bauteil

während des Spritzgussprozesses mit Lasern bestrahlt werden muss, damit sich gleichzeitig die

gewünschten Oberflächeneigenschaften erzielen lassen. Engagiert bei der Sache sind (von rechts)

die Studenten Silvia Kämpgen und Boris Geller sowie Diplombiologe Dominik Riester. An der vollelektrischen

Spritzgussmaschine (Bild rechts) werden optisch funktionalisierte Kunststofflinsen

abgeformt, die bei Durchstrahlung mit Licht ihre Bildinformation preisgeben. Teammitglied Ulf

Recht überwacht die Abformung der Linsen.

Jahresbericht 2007 Thematische Impulse 77


78

Bremen, Greifswald

Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Material for -

schung, Bremen, OE Plasmatechnik und Oberflächen (Dr. Matthias Ott,

Dr. Dirk Salz); OE Klebstoffe und Polymerchemie (Priv.-Doz. Dr. Andreas

Hartwig); Universität Bremen, Institut für Angewandte und Physikalische

Chemie (Prof. Dr. Petra Swiderek); Universität Greifswald, Experimen -

talphysik I (Priv.-Doz. Dr. Hans-Erich Wagner); Experimentalphysik II,

Niedertemperaturplasmaphysik (Prof. Dr. Jürgen Meichsner): Plasma hybrid

coating: functional surfaces by plasma supported nano technology

Hannover

Universität Hannover, Institut für Werkstoffkunde (Prof. Dr.-Ing. Friedrich-

Wilhelm Bach); Institut für Anorganische Chemie (Prof. Dr. Peter Behrens):

Joining and coating by the combination of metal arc welding of metals and

suspension plasma spraying of protective layers from nanoscale materials

Paderborn, Potsdam, Braunschweig

Universität Paderborn, FG Technische und Makromolekulare Chemie

(Prof. Dr.-Ing. Guido Grundmeier); Max-Planck-Institut für Kolloid- und

Grenzflächenforschung, Potsdam (Dr. Dmitry Shchukin); Fraunhofer-Institut

für Schicht- und Oberflächentechnik, Braunschweig (Dr. Andreas Dietz):

Formation of bi-functional coatings on metals based on self-locating

nano- and micro-containers

Stuttgart, Essen

Universität Stuttgart, Institut für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb

(Dr.-Ing. Claudia Dos Santos); Universität Duisburg-Essen, Standort Essen,

Physikalische Chemie (Prof. Dr. Christian Mayer): Functional surfaces via

inclusion of nanocapsules in metallic matrices

Michael Maxisch MSc, Martin Marazita BSc und Diplomche mi -

kerin Romy Regenspurger (von links) aus der Arbeitsgruppe an

der Universität Paderborn diskutieren erste Ergebnisse zur kor -

rosiven Unterwanderung von Beschichtungen. Auch in diesem

Projekt zu funktionalen Oberflächen setzen die Wissenschaftler

auf Nanokapseln mit „heilenden“ Substanzen.


Integration molekularer

Komponenten in funktionale

makroskopische Systeme

Seit Jahren entwickeln Wissenschaftler neue Materialien und Komponenten

mit herausragenden Eigenschaften im Miniaturmaßstab. Größenordnungen

von wenigen Nanometern – das entspricht Millionstel Millimetern – zeichnen

die winzigen Bausteine aus, die in der Nanotechnologie entstehen. Bislang

sind es vor allem Einzelkomponenten, gut charakterisiert und beherrschbar;

größere Anwendungen basierend auf diesen Bausteinen sind allerdings

immer noch die Ausnahme. Doch die Nanotechnologie ist auf dem Sprung

zur Anwendung. Es gilt nun, das Potenzial an molekularen Komponenten

und Prinzipien für die Hochtechnologie zu nutzen. Die VolkswagenStiftung

unterstützt diesen Prozess der Umsetzung in den kommenden Jahren mit

einer neuen Förderinitiative zum Thema „Integration molekularer Kompo -

nenten in funktionale makroskopische Systeme“.

Welche realistischen Anwendungspotenziale stecken in den bislang erzielten

Erkenntnissen und Technologien? Wie können daraus komplexere und funktionstüchtige

Systeme im makroskopischen Maßstab aufgebaut werden?

Das Spektrum an Themen ist ungeheuer breit und längst nicht ausgereizt.

Um dieser Breite an lohnenswerten Förderfeldern gerecht zu werden, ist die

Initiative der Stiftung thematisch offen. Angesprochen sind Wissenschaftler

verschiedener Disziplinen: von der Chemie über die Physik bis hin zur Bio lo -

gie, außerdem die Ingenieurwissenschaften und mitunter auch die Medizin.

Im Vordergrund der Initiative steht – unabhängig vom Themengebiet – die

Verknüpfung molekularer oder nanoskaliger Einheiten zu komplexeren

Funk tionssystemen mit makroskopisch nutzbaren Effekten. Die Heraus for -

derung besteht unter anderem darin, die fehlende Schnittstelle zwischen der

makroskopischen und der Nano-Welt zu schaffen. Dabei nimmt die Initiative

die gesamte Forschungskette in den Blick. Und die reicht von der Herstellung

der winzigen Bausteine über deren Integration in größere Systeme, von der

Kontrollierbarkeit und Manipulation über den Funktionsnachweis bis hin zur

Herstellung eines Prototypen eines Gerätes oder Bauelements. Mindes tens

zwei dieser Schritte sollten die Vorhaben integrieren. Die Förderinitia tive geht

damit bewusst einen Schritt weg von der reinen Grundlagenforschung.

Um wirklich neue und unvorhersehbare Effekte zu erzielen, ist die Stiftung

vor allem an Projekten interessiert, die sich auf Bausteine konzentrieren, die

noch nicht vollständig charakterisiert beziehungsweise etabliert sind. Hierzu

zählen etwa maßgeschneiderte Moleküle oder neuartige funktionalisierte

Nanoteilchen von besonderer Bedeutung. Damit will die VolkswagenStiftung

Forschungsansätze am Rande des Mainstreams fördern und die Möglichkeiten

auf dem Gebiet der Nanotechnologie erweitern.

Förderinitiative seit 2007

noch keine Bewilligungen

Fördermöglichkeiten

Die Stiftung unterstützt gleichermaßen

herausragende einzelne Arbeits -

gruppen und integrative Projekte –

auch mit ausländischen Koopera -

tionspartnern. Vorgesehen ist eine

längerfristige Förderung der Vorhaben

von fünf bis sechs Jahren. Flankie -

rend zu den Forschungsprojekten

wird auch der wissenschaftliche

Austausch im Rahmen der neuen

Initiative gefördert: Sommerschulen,

Gastprofessuren und Freisemester,

Laborrotationen und Tagungen sind

ausdrücklich erwünscht.

>> Merkblatt 92

Kontakt

Dr. Franz Dettenwanger

Telefon 0511/8381-217

dettenwanger@volkswagenstiftung.de

Jahresbericht 2007 Thematische Impulse 79


80

Anträge 2007

Eingereicht 33

mit Volumen in Mio. Euro 5,7

Bewilligungen 20

mit Volumen in Mio. Euro 3,6

Bewilligungen insgesamt 48

in Mio. Euro, seit 2003 8,0

Weltweite logistische Netzwerke, die Zulie -

ferer, Produktions- und Servicezentren sowie

Kunden umfassen und in möglichst reibungs -

lose Prozesse einbinden, stellen eine große

Herausforderung dar. An der Universität

Bremen arbeitet Thomas Jagalski MSc mit

an einem Projekt, das dafür neue Lösungen

entwickelt.

Neue konzeptionelle Ansätze

zur Modellierung und

Simulation komplexer Systeme

Mit der Förderinitiative „Neue konzeptionelle Ansätze zur Modellierung und

Simulation komplexer Systeme“ möchte die VolkswagenStiftung zu einem

tieferen Verständnis komplexer Systeme beitragen. Um diesem Ziel näherzukommen,

hat sie theoretische und computerbasierte Ansätze in den Blick

genommen. Entsprechend ausgewiesene Wissenschaftler und Wissenschaft -

lerin nen sind hier aufgefordert, die Theorie und Methodenentwicklung voranzutreiben,

über den Einzelfall hinaus verallgemeinerbare und systematisch

verbesserbare Lösungen für die Computersimulation zu entwickeln sowie

übergreifende Charakteristika aufzudecken – und dies jeweils für konkrete

komplexe Systeme. Zugleich möchte die Stiftung die Zusammenarbeit von

Experten aus Theorie, Modellierung und Computersimulation fördern und

zu gemeinsamen Projekten anregen.

Die Antragstellung für Forschungsprojekte ist an thematische Ausschreibungen

gebunden. Im Berichtsjahr fielen die Förderentscheidungen zum Thema

„Komplexe Netzwerke als fächerübergreifendes System“, über die weiter

unten noch berichtet wird. Mögliche Themenfelder für Ausschreibungen

werden von der Stiftung im Austausch mit der Wissenschaft vorbereitet. Es

werden jeweils Fragestellungen in Betracht gezogen, die über die Interessen

einzelner Fachgebiete hinausweisen und zu Projekten mit methodenübergreifendem

und interdisziplinärem Zuschnitt einladen. Entsprechend kamen

die Teilnehmer am ersten Statussymposium „Computer simulations of soft

matter and biosystems“ im März 2007 aus so verschiedenen Fachrichtungen

wie Statistische Physik, Computer-Biophysik, Quantenchemie, Polymer -


theorie und mathematische Biologie. Die bei dem Symposium präsentierten

Zwischenergebnisse lassen auf weiteren Fortschritt hoffen, wenn es gelingt,

die entstandenen Kooperationen zu vertiefen und neu entstandene Ideen

aufzugreifen. Vor diesem Hintergrund wurde im Berichtsjahr die Ausschrei -

bung „Computersimulation molekularer und zellulärer Biosysteme sowie

komplexer weicher Materie“ wiederholt. Erwartungsgemäß traf sie auf gute

Resonanz, sodass demnächst erfolgreiche Projekte weitergeführt werden

und neue starten können.

Als neues Angebot in der Initiative wurden 2007 erstmals Fellowships

„Computational Sciences“ ausgeschrieben für junge Wissenschaftler und

Wissenschaftlerinnen nach der Promotion, die sich mit der Theorie,

Modellierung und Computersimulation komplexer Systeme befassen. Das

zentrale Element dieser Förderung ist die eigene Stelle für zwei bis drei

Jahre, um als Postdoktorand an ein Institut der Wahl für ein eigen verantwortetes

Forschungsprojekt zu wechseln. Ein Auslandsaufenthalt kann,

sofern gewünscht, in die Förderphase integriert werden. Für das abschließende

Jahr ist dann die Rückkehr an eine wissenschaftliche Institution in

Deutschland vorgesehen. Die Nachfrage nach den – künftig jährlich zu

vergebenden – Fellowships hat die der früher angebotenen Forschungs -

stipendien gleich beim ersten Stichtag deutlich übertroffen, sodass für das

Jahr 2008 mehrere Bewilligungen absehbar sind.

Neben den wechselnden Ausschreibungen und den Fellowships werden

neue konzeptionelle Ansätze zur Modellierung und Simulation komplexer

Systeme auch mit Symposien und Sommerschulen, als Forschungsfrei -

se mester durch Finanzierung einer Lehrvertretung sowie in ausgewählten

Vorhaben zu den mathematischen Grundlagen von Komplexität gefördert.

Im Berichtsjahr kamen von diesen zusätzlichen Förderinstrumenten nur die

wissenschaftlichen Veranstaltungen zum Zuge. So fand ein Workshop zur

Modellierung von Blut statt, bei dem Ansätze für die Computersimulation

auf verschiedenen Größenskalen behandelt wurden – angefangen von den

zellulären Bestandteilen über das Blutgefäßsystem bis hin zu Blutpumpen -

implantaten zwecks Unterstützung einer nachlassenden Herzfunktion.

Während einer einwöchigen Sommerschule in einem Kloster in Nieder -

bayern befassten sich Doktoranden und frisch Promovierte mit der Physik

sozialer und ökonomischer Systeme und deren Modellierung.

Drei Förderbeispiele sollen nun die Themenvielfalt der aktuellen Bewilli -

gungen zu den „Komplexen Netzwerken als fächerübergreifendes System“

veranschaulichen. Vom Blutkreislauf über die Produktionslogistik bis zum

eigenen Freundeskreis, von Finanzmärkten über die Stromversorgung zur

Online-Community: Netzwerke begegnen uns überall. Aber so simpel das

zugrunde liegende Konzept „Knoten und Verbindungen“ auch aussehen mag

– um die Strukturen, ihre Entstehung, Organisation und Dynamik zu verstehen,

sind anspruchsvolle theoretische Methoden erforderlich. Eine Heraus -

Logistiklösungen aus Bremen für Europa und

darüber hinaus: Unter Leitung von Professor

Dr.-Ing. Bernd Scholz-Reiter (vorn Mitte) werden

anspruchsvolle theoretische Methoden

zur Optimierung von Netzwerklösungen in

der Logistik angewendet. Für das Gruppen -

foto haben sich die beteiligten Wissen schaft -

ler und Techniker in einer Sortieranlage für

Pakete versammelt.

Jahresbericht 2007 Thematische Impulse 81


82

In einem Kooperationsvorhaben der TU

Berlin und der ETH Zürich erkunden sie die

räumlichen Aspekte sozialer Netzwerke (von

links): Diplomingenieur Andreas Frei, Diplom -

sozialwissenschaftler Matthias Kowald und

Bauingenieur Jeremy Hackney. – Ergebnisse

aus dem Social-Network-Projekt der beiden

Universi tä ten fließen ein in MATSim, ein

Opensource-Softwareprojekt für Verkehrs pla -

nung. Bei dem MATSim-Seminar 2007 trafen

sich (von links): Francesco Ciari, Professor Dr.

Kai Nagel, David Charypar, Dr. Michael Balmer,

Andreas Horni, Dr. Fabrice Marchal, Jeremy

Hackney, Gregor Lämmel, Dominik Grether,

David Strip pgen, Professor Dr.-Ing. Kay W.

Axhausen, Marcel Rieser und Konrad Meister.

forderung stellen dabei besonders solche Phänomene dar, die in komplexen

Netzwerken völlig verschiedener Wissensbereiche gleichermaßen auftreten.

Sie deuten darauf hin, dass dort universelle und noch nicht verstandene

Prinzipien wirken.

Für Betrachtungen nur schwer zugänglich sind das Stabilitätsverhalten und

die Auswirkung von Störungen in großen Netzwerken von miteinander

kommunizierenden, dynamischen Systemen, da die zur Analyse benötigten

Methoden und Werkzeuge weitgehend fehlen. Dies trifft auf Anwendungen

in der Logistik zu – etwa beim Zusammenwirken von Zulieferern, Fabriken,

Verkaufs- und Servicecentern sowie Kunden. Die Netzwerkstruktur und die

Dynamik in den einzelnen Knoten solcher Systeme werden im Vorhaben

„Stability, Robustness, and Approximation of Dynamic Large-Scale Networks

– Theory and Applications in Logistics Networks“ analysiert, das mit 455.200

Euro gefördert wird. Aus der Produktionstechnik ist Professor Dr.-Ing. Bernd

Scholz-Reiter vom Bremer Institut für Produktion und Logistik (BIBA), seitens

der Mathematik sind Professor Dr. Fabian Wirth von der Universität Würzburg

und Dr. Sergey Dashkovskiy von der Universität Bremen beteiligt. Eines ihrer

Ziele ist festzustellen, unter welchen Bedingungen sich Störungen in Netzen

schädlich auswirken, sodass eine flexible Anpassung versagt und das gesamte

System seine Funktionsfähigkeit verliert.

Für die Praxis relevant werden solche Fragen, wenn es darum geht, Abläufe

zu optimieren oder einen eiligen Kundenwunsch noch einzuschieben – und

zwar ohne dass es dadurch unweigerlich zu Lieferengpässen und inakzep -

tablen Terminverschiebungen für alle anderen kommt. Die Wissenschaftler

wollen darüber hinaus untersuchen, inwieweit vereinfachte Modelle von

komplexen Logistiknetzwerken für die benötigten Stabilitätsaussagen schon

ausreichen. Ob die erarbeiteten theoretischen Konzepte tragbar sind, wird

sich erweisen, wenn ganz beispielhaft die Situation eines Pumpenherstellers

mit Fabriken in Deutschland, Frankreich und Spanien sowie einem weit -

verzweigten europäischen Verkaufs- und Kundendienstnetz im Computer -

modell nachgestellt wird.

Nicht nur für Wirtschaftsgüter, sondern auch im Zusammenhang mit sozialen

Kontakten und Verkehr können Netzwerkansätze aufschlussreich sein.

Menschen pflegen Umgang mit ihrer Familie, Freunden, Arbeitskollegen und

Geschäftspartnern – und dies erzeugt stark schwankende Verkehrsströme.

Die bisherige Forschung hat sich der räumlichen Aspekte sozialer Netzwerke

nur ungenügend angenommen, obwohl bessere Modelle vor allem mit Blick

auf den wachsenden Freizeitverkehr und die dadurch verursachte Emission

klimaschädlicher Gase dringend notwendig erscheinen. In dem mit 496.000

Euro geförderten Projekt „Travel impacts of social networks and networking

tools“ analysieren nun Professor Dr. Kai Nagel von der Technischen Universi -

tät Berlin und Professor Dr.-Ing. Kay Axhausen von der Eidgenössischen

Technischen Hochschule Zürich die räumliche Struktur sozialer Netzwerke.


Das Projekt beginnt mit einer Befragung zu raumbezogenen Aspekten unseres

Lebens; umfasst dabei Wohnorte, Treffpunkte oder gemeinsame Urlaube.

Dabei wird ein innovativer Schneeballansatz verwendet, um die Stichprobe

zu ziehen. Diese Berücksichtigung der „Kontakte von Kontakten“ soll Ein -

schrän kungen von Zufallsstichproben überwinden helfen. Aus den Antworten

hoffen die Forscher, hundert reale Netzwerke mit jeweils mindestens 500

Personen rekonstruieren und die typischen Netzwerkcharakteristika ermitteln

zu können. In einem nächsten Schritt werden repräsentative Netzwerke

über statistische Modellierungsansätze erzeugt und für die Computersimu -

lation eingesetzt. Die Wissenschaftler erwarten, dass ihr Modell realitätsnäher

als die bislang gängigen Zielwahl-Modelle für den Freizeitverkehr ausfällt,

und möchten konkrete Fragen beantworten: Kann die vermutete soziale

Sogwirkung für den Verkehr erhärtet werden, wonach längere Strecken für

die Kontaktpflege zurückgelegt werden als für andere Freizeitaktivitäten?

Führen menschliche Beziehungen zu einer Attraktivität von Orten, die

ansonsten uninteressant als Ausflugsziel sind? Lassen sich Effekte des

Lebensstils nachweisen, etwa von Singles oder Familien? Um die verhaltensbasierten

Prozesse besser durchleuchten zu können, wird ergänzend ein

agentenbasiertes Modell eingesetzt. Damit lassen sich Sättigungseffekte

durch die beschränkte Ressource Zeit sowie der Einfluss von steigenden oder

fallenden Preisen auf das Mobilitätsverhalten untersuchen.

Im dritten Projekt werden Verkehr und Transport unter einem ganz anderen

Blickwinkel betrachtet. Immer wieder werden Arten in einen neuen Lebens -

raum „exportiert“ – oft unbeabsichtigt durch den Menschen. Etablieren sie

sich dort und breiten sich aus, schaden sie häufig einheimischen Arten und

der Umwelt. Beispiele für unerwünschte Folgen solch einer Bioinvasion sind

die Einführung des Nilbarsches im ostafrikanischen Victoriasee, was ein

Aussterben mehrerer dort heimischer Fischarten zur Folge hatte, oder die

Ausbreitung von Viren und damit zusammenhängender Infektionskrank hei -

ten. Die Invasionswege folgen häufig den erdumspannenden Transport wegen

Professor Dr. Bernd Blasius von der Univer -

sität Oldenburg (Mitte) und seine Kollegen

Dr. Alexey Ryabov (links) und Dr. Pablo Kaluza

beschäftigen sich mit dem Problem der Bio -

invasion. Sie wollen modellhaft die Verbrei -

tungswege fremder Arten analysieren, damit

künftig entsprechende Invasionen besser

vorhersehbar sind und vorbeugend auf diese

reagiert werden kann. Dabei arbeiten die For -

scher mit Simulationsstudien und kooperieren

mit Kollegen in Göttingen und den USA.

Jahresbericht 2007 Thematische Impulse 83


84

Fördermöglichkeiten

Die Stiftung fördert nach vorheriger

thematischer Ausschreibung For -

schungsprojekte mit Personal-, Reiseund

laufenden Sachmitteln. Weiter -

hin werden jährlich die Fellowships

„Computational Sciences“ an Post -

dok toranden und Postdoktoran din -

nen vergeben. Auch ohne Bezug zu

den Ausschreibungen können Anträge

für wissenschaftliche Veranstal tun -

gen gemäß der Initiative „Symposien

und Sommer schulen“, für For schungs -

freisemester sowie für Vorhaben zur

mathema tischen Fundierung von

Komplexität eingereicht werden.

>> Merkblatt 82

Kontakt

Dr. Ulrike Bischler

Telefon 0511/8381 – 350

bischler@volkswagenstiftung.de

und -netzen: dem Fernhandel, den Flugverbindungen, den Schiff fahrts routen

und dem Vogelzug. Mit solchen Netzwerken befassen sich Professor Dr. Bernd

Blasius vom Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität

Oldenburg und Dr. Dirk Brockmann vom Max-Planck-Institut für Dynamik

und Selbstorganisation in Göttingen. Sie kooperieren dabei mit Wissen -

schaftlern in den USA. Für ihr Gemeinschaftsvorhaben zu „Bioinvasion and

epidemic spread in complex transportation networks“ bewilligte die Stiftung

567.800 Euro.

Neuartig am gewählten Forschungsansatz ist, dass großskalige Simulations -

studien mit den relevanten biologischen Details des Invasionsprozesses

zusammen betrachtet werden. Die Vorhersage des Verlaufs von Epidemien

und die Bewertung möglicher Präventionsmaßnahmen zu ihrer Kontrolle ist

eines der Projektziele, die Aufdeckung universeller Gesetzmäßigkeiten in solchen

Ausbreitungsnetzwerken ein anderes. Konkrete Szenarien sollen im

Computermodell nachvollzogen werden, beispielsweise die Verschleppung

der asiatischen Tigermücke entlang der internationalen Autoreifenhandels -

routen. Die Tigermücke ist als Krankheitsüberträger bekannt, unter anderem

für Denguefieber, das West-Nil-Virus und die Japanische Enzephalitis. Der

Zusammenhang mit den Autoreifen rührt daher, dass die Larve in Regen -

wasserpfützen von im Freien gelagerten Autoreifen lebt. Weiterhin sind

Simulationsrechnungen zur Vogelgrippe und zur Bioinvasion im Meer durch

abgelassenes Ballastwasser geplant, um nur zwei der Fallbeispiele heraus -

zugreifen.

Neue Bewilligungen

Berlin, Zürich/Schweiz

Technische Universität Berlin, Institut für Land- und Seeverkehr (Prof. Dr. Kai

Nagel); Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Institut für Verkehrs -

planung und Transportsysteme (Prof. Dr.-Ing. Kay Axhausen): Travel impacts

of social networks and networking tools

Bremen, Würzburg

Bremer Institut für Produktion und Logistik GmbH an der Universität Bremen

(Prof. Dr.-Ing. Bernd Scholz-Reiter); Universität Bremen, Zentrum für Techno -

mathematik (Dr. Sergey Dashkovskiy); Universität Würzburg, Lehrstuhl für

Mathematik II (Prof. Dr. Fabian Wirth): Stability, robustness and approxima -

tion of dynamic large-scale networks – Theory and applications in logistics

networks

Bremen, Darmstadt, Halle

Jacobs University Bremen, School of Engineering and Science, Computational

Sys tems Biology (Prof. Dr. Marc-Thorsten Hütt); Technische Universität


Darmstadt, FB Informatik (Prof. Dr. Karsten Weihe); Universität Halle-

Witten berg, Institut für Informatik (Prof. Dr. Matthias Müller-Hannemann):

Impact of motif content on dynamic function of complex networks

Dresden, Berlin, Tempe/USA

Technische Universität Dresden, Institut für Wirtschaft und Verkehr (Prof. Dr.

Dirk Helbing); Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin, Abt.

Physikalische Chemie (Prof. Dr. Alexander S. Mikhailov); Max-Planck-Institut

für molekulare Genetik, Berlin (Prof. Dr. Martin Vingron); Arizona State

University, Tempe, Department of Mathematics (Prof. Dr. Dieter Armbruster):

Complex self-organizing networks of interacting machines: Principles of

design, control, and functional optimization

Heidelberg

Universität Heidelberg, Zentrum für Modellierung und Simulation in den

Biowissenschaften (Priv.-Doz. Dr. Ulrich S. Schwarz); Lehrstuhl für Biocom -

puting (Prof. Dr. Jeremy Smith); Kirchhoff-Institut für Physik, Molekulare

Biophysik (Priv.-Doz. Dr. Karsten Rippe); Europäisches Laboratorium für

Mole kularbiologie, Cell Biology and Biophysics Unit (Dr. François Nédélec):

Computer simulations of soft matter and biosystems (Erstes Statussymposium)

Kiel

Universität Kiel, Institut für Volkswirtschaftslehre (Prof. Dr. Thomas Lux,

Prof. Dr. Simone Alfarano, Dr. Mishael Milakovic); Institut für Physik

(Prof. Dr. Friedrich Wagner); Institut für Mathematik (Prof. Dr. Albrecht Irle):

Financial markets as complex networks

Leipzig

Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften, Leipzig,

Abt. Geometrische Methoden (Prof. Dr. Jürgen Jost, Dr. Nihat Ay); Universität

Leipzig, Lehrstuhl für Bioinformatik (Prof. Dr. Peter Stadler, Dr. Konstantin

Klemm): Evolution of networks: robustness, complexity and adaptability

Mainz, Regensburg

Universität Mainz, Institut für Physik (Dr. Johannes Josef Schneider);

Universität Regensburg, Institut für Organische Chemie (Dr. Christian

Hirtreiter): Socio-Econo-Physics (Sommerschule)

Oldenburg, Göttingen, Santa Barbara/USA

Universität Oldenburg, Institut für Chemie und Biologie des Meeres

(Prof. Dr. Bernd Blasius); Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorga -

nisation, Göttingen, Abt. Nichtlineare Dynamik (Dr. Dirk Brockmann); The

Pennsylvania State University, University Park, Center for Infectious Disease

Dynamics (Prof. Dr. Bryan Grenfell); University of California, Santa Barbara,

Kavli Institute for Theoretical Physics (Dr. Lars Hufnagel): Bioinvasion and

epidemic spread in complex transportation networks

Einige Beispiele für „Bioinvasoren“: Auch die

Pazifische Auster, die Amerikanische Schwert -

muschel und die Amerikanische Pantoffel -

schnecke fühlen sich mittlerweile in der Nord -

see heimisch. Und selbst ein eher unverdächtiger

Reifenstapel kann zum Ausbrei tungs -

netzwerk unerwünschter Arten gehören: Die

Larven der asiatischen Tigermücke reisen in

den Wasserlachen von im Freien gelagerten

Reifen und gelangen so über die internationalen

Handelsrouten in unsere Breiten. Die

Mücke ist als Krankheitsüber träger bekannt.

Jahresbericht 2007 Thematische Impulse 85


86

Anträge 2007

Eingereicht 30

mit Volumen in Mio. Euro 3,9

Bewilligungen 15

mit Volumen in Mio. Euro 2,0

Bewilligungen insgesamt 26

in Mio. Euro, seit 2005 3,5

Die Verbesserung der universitären Ausbil -

dung in der Evolutionsbiologie stand im

Mittelpunkt der Diskussionen und Poster prä -

sentationen bei einem Symposium in Tutzing.

Auf Einladung von Wissenschaftlern der Uni -

versität München tauschten Vertreter bereits

geförderter Ausbildungskonzepte und weitere

Lehrexperten ihre Erfahrungen aus.

Evolutionsbiologie

Alles Lebendige ist letztlich ein Produkt der Evolution. Aus primitiven

Einzellern entstanden im Laufe der Erdgeschichte etwa zwei Millionen

verschiedene Organismenarten, jede einzelne erstaunlich gut an ihren

Lebensraum angepasst. Die Entwicklung dieser Artenvielfalt erklären zu

können und die zeitliche Abfolge der einzelnen Stufen zu rekonstruieren, ist

das Ziel der Evolutionsbiologen. Ein Verständnis der Prozesse, die über genetische

Mutation und natürliche Selektion zur Anpassung führen, ist dabei

essenziell, um die Dynamik innerhalb und zwischen Populationen in Raum

und Zeit zu erfassen. Neue Impulse erhalten die Evolutionsbiologen heute

durch die leistungsfähigen Werkzeuge der Molekularbiologen.

Evolutionsbiologische Konzepte sind universal und auf unterschiedliche

Systeme übertragbar, daher kann die Evolutionsbiologie den modernen

Biowissenschaften grundlegende Orientierung geben. Dieser damit auch

integrative Charakter wird deutlich an neu entstehenden Forschungs rich -

tungen wie beispielsweise der evolutionären Entwicklungsbiologie oder der

evolutionären Medizin. Darüber hinaus interessieren sich auch Soziologen,

Ökonomen und Philosophen für evolutive Prozesse: Denn wo Weitergabe

und Varianz auftreten, sind Selektion und Evolution im Spiel – was letztlich

auch auf die Entstehung und den Wandel der Kulturen zutrifft.

Dieses facettenreiche und gleichzeitig hochaktuelle Gebiet ist – auch historisch

bedingt – an den meisten deutschen Universitäten immer noch vergleichsweise

wenig etabliert. Studierende kommen bisher im Laufe ihrer

Ausbildung meist nur marginal mit evolutionsbiologischen Konzepten in

Berührung, und auch für Nachwuchswissenschaftler gibt es derzeit in

Deutschland nur wenig attraktive Perspektiven. Anlass genug für die Volks -

wagenStiftung, sich auf diesem Gebiet zu engagieren. Daher wurde im März

2005 die Förderinitiative „Evolutionsbiologie“ eingerichtet – und zwar in

Form eines größeren Rahmenkonzepts mit fünf unterschiedlichen Einzel -

elementen, die sich wechselseitig ergänzen und als eine Art „Baukasten“ an

den Einzelfall angepasst werden können. Diese werden nachfolgend kurz

vorgestellt.

Wettbewerb innovative Ausbildungskonzepte

Um die Vermittlung evolutionsbiologischer Konzepte bereits in der Ausbil -

dung besser zu verankern, wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem

sich Universitäten mit eigenen Ausbildungskonzepten beteiligen und um

entsprechende Mittel bewerben konnten. Im Jahr 2006 wurden Projekte an

drei Hochschulen bewilligt: den Universitäten in Münster und Köln sowie

der LMU München. Anfang April 2007 fand ein Workshop in Tutzing zum

Thema „Curricula and didactics in evolutionary biology“ statt, organisiert von


Dr. Pleuni Pennings vom Department Biologie II der LMU München. Neben

Vertretern der bereits geförderten Ausbildungskonzepte nahmen an der

Veranstaltung auch interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

anderer deutscher Universitäten teil sowie Mitarbeiter von Hochschulen aus

dem europäischen Ausland. Deutlich wurde, dass eine wesentlich bessere

Vernetzung der auf diesem Gebiet engagierten Universitäten – und zwar

möglichst auf europäischer Ebene – in den nächsten Jahren erfolgen muss,

um einen entsprechend hohen Standard in der universitären Ausbildung zu

erzielen. Daher ist geplant, weitere Veranstaltungen zu diesem Thema in

etwa jährlichem Rhythmus durchzuführen.

Eine zweite Ausschreibung für innovative Ausbildungskonzepte fand im

Herbst 2007 statt. Die Sieger dieser Runde wurden im Frühjahr 2008 prämiert

(siehe www.volkswagenstiftung.de/service/presse.html?datum=20080423).

Personenbezogene Unterstützung

Um Anreize zu schaffen, sich mit evolutionsbiologischen Fragestellungen zu

beschäftigen, vergibt die Stiftung Mittel für Doktoranden- und Postdokto -

ran denstellen. Diese richten sich an herausragende Nachwuchswissen -

schaft ler aus dem In- und Ausland, die ein Forschungsvorhaben mit evolu -

tionsbiologischer Thematik in Deutschland bearbeiten wollen. Darüber hinaus

besteht die Möglichkeit, einen bis zu zweijährigen Auslandsaufenthalt zu

fördern – unter der Voraussetzung, dass im daran anschließenden dritten

Jahr der Wechsel in eine Arbeitsgruppe in Deutschland erfolgt. Besonders

begrüßt wird, wenn der Nachwuchswissenschaftler durch solch ein

Vorhaben eine neue Forschungsrichtung einschlägt; auf jeden Fall jedoch

wird ein Wechsel der Arbeitsgruppe vorausgesetzt. Zur Unterstützung der

Interaktion von Doktoranden und Postdoktoranden stellt die Stiftung zudem

Mittel für den kurzzeitigen Austausch von Mitarbeitern zur Verfügung und

fördert Doktorandentreffen, von denen deutsche Promovierende profitieren.

Im Rahmen dieses Förderelements unterstützt die Stiftung am Institut für

Zoologie der Universität Regensburg mit insgesamt 237.500 Euro das Post -

dok torandenstipendium von Dr. Martin Kaltenpoth – eines von insgesamt

fünf im Jahr 2007 bewilligten Postdoktorandenstipendien. Kaltenpoth

beschäftigt sich mit weiblichen Bienenwölfen; Grabwespen, die mit einer

bestimmten Bakterienart in Symbiose leben und diese in ihre Brutzellen

abgeben. Durch die Bakterien sind die Larven der Wespen gegen Pilzinfek -

tionen geschützt. Ziel des Projekts ist es, das Genom der Bakterienart zu entschlüsseln

und auf diesem Weg mehr zu erfahren über die metabolischen

Fähigkeiten der Bienenwolf-Symbionten – insbesondere über die Produktion

bestimmter Antibiotika. Die Ergebnisse könnten nicht zuletzt für die

Humanmedizin von großer Bedeutung sein. Darüber hinaus hofft der

Forscher, durch Vergleiche mit anderen Genomen wichtige Rückschlüsse

Im Rahmen seines Stipendiums untersucht Dr.

Martin Kaltenpoth (unten) an der Univer sität

Regensburg die Symbiose von Bienen wölfen

– also Grabwespen – und einer bestimmten

Bakterienart. Der Nachwuchs wissenschaftler

will das Genom der symbiotischen Bakterien

entschlüsseln. Während der langen Überwinterungsphase

bedecken sie den Bienenwolf-

Kokon (oben) und schützen ihn gegen Pilz -

be fall; möglicherweise sind dabei bislang

unbekannte Antibiotika im Spiel.

Jahresbericht 2007 Thematische Impulse 87


88

Die genetische Geschichte des Eurasischen

Bibers rückt in Leipzig Diplombiologin

Susanne Horn ins Zentrum ihrer Forschung.

Sie wird zur Rekonstruktion der Evolutions -

geschichte des Säugetiers sowohl Erbinfor -

mation aus Fossilien als auch die DNA heute

lebender Tiere analysieren.

ziehen zu können hinsichtlich der evolutionären und genomischen Auswir -

kungen einer solchen Symbiose von Bakterien mit Insekten. Kaltenpoth wird

die ersten beiden Jahre am Department of Biology an der Universität Utah,

USA, im Labor von Professor Dr. Colin Dale arbeiten und dann im dritten Jahr

nach Deutschland zurückkehren.

Als eine von insgesamt sieben neu geförderten Doktorandinnen und Dokto -

ran den kann seit dem Jahr 2007 Susanne Horn am Max-Planck-Institut für

evolutionäre Anthropologie in Leipzig ihre Arbeit vorantreiben. Ziel der jungen

Wissenschaftlerin ist es, die viele Jahrtausende umfassende genetische

Geschichte des Eurasischen Bibers, Castor fiber, zu rekonstruieren, um dadurch

dessen Evolutionsgeschichte über eine große Zeitskala hinweg besser zu verstehen.

Susanne Horn wird sowohl alte DNA aus Fossilien als auch moderne

DNA noch lebender Tiere analysieren. Diese Untersuchungen könnten nicht

zuletzt anthropogen bedingte, also durch den Menschen verursachte Einflüsse

auf die evolutionäre Entwicklung des Bibers sichtbar werden lassen. Die

VolkswagenStiftung stellt für dieses Projekt 89.500 Euro zur Verfügung.

Des Weiteren unterstützt die Stiftung in dieser Rubrik Gastprofessuren für

die Dauer von maximal zwölf Monaten und gewährt dabei neben Personalauch

Sachmittel in geringem Umfang. Voraussetzung für eine Förderung der

Gastprofessuren und Dozenturen ist, dass sich die Professoren an weiterreichenden

Aktivitäten beteiligen, die der Zielsetzung der Förderinitiative

dienen. Gedacht ist hier beispielsweise an die Unterstützung von Sommer -

schulen, an Seminare oder auch Vorträge an anderen Hochschulen.

Strukturbezogene Unterstützung

Symposien und Sommerschulen (mit maximal 60 Teilnehmern), die sich

durch eine aktive Beteiligung des wissenschaftlichen Nachwuchses und eine

internationale Zusammensetzung der Teilnehmerschaft auszeichnen, stellen

ebenfalls einen Baustein dieses Stiftungsengagements dar. Um dem Netz -

werk gedanken Rechnung zu tragen, ist die Stiftung darüber hinaus interessiert

an Symposiumsreihen mit überlappender Teilnehmerschaft – auch aus

dem europäischen Ausland. Sommerschulen oder Sommerschulreihen dienen

der Aus- und Weiterbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses in

verschiedenen Teilgebieten der Evolutionsbiologie.

Mit 42.200 Euro unterstützt die Stiftung das Symposium „Analogies in the

evolution of gender expression and sexual strategies in plant and animals”,

das vom 10. bis 14. September 2008 in Neuhausen stattfinden wird. Die

Organisatoren Dr. Nils Anthes und Professor Dr. Nico Michiels vom Institut

für Zoologie der Universität Tübingen wollen durch diesen Workshop den

Austausch zwischen Zoologen und Botanikern fördern, die sich jeweils mit

der Evolution von Geschlechtsausprägung und Sexualstrategien entweder

bei Tieren oder bei Pflanzen beschäftigen. Diese Forschungsarbeiten laufen


isher weitgehend getrennt; entsprechend fehlt es an gemeinsam formu -

lierten, vereinheitlichenden Theorien. Durch die aktive Kooperation von

Botanikern und Zoologen, aber auch von Empirikern und Theoretikern soll

einer künftigen Vereinheitlichung der Konzepte und Forschungsansätze die

Initialzündung gegeben werden. Der Workshop wird damit einen wichtigen

Beitrag leisten zu einem besseren und tieferen Verständnis von Geschlechts -

ausprä gung und Sexualstrategien bei mehr zelligen Organismen.

Ideenwettbewerb „Evolution heute”

Evolutionsbiologie ist derzeit Thema sowohl in wissenschaftlichen Diskursen

als auch öffentlichen Foren. Vor allem prägt momentan die Kreationismus-

Debatte die öffentliche Wahrnehmung: „Intelligent Design“ statt Darwins

Evolutionslehre wird plötzlich auch hierzulande als Alternative präsentiert.

Dabei ist die Idee eines intelligenten Schöpfers, der die Vielfalt des Lebens in

einem Geniestreich schuf, eine Glaubensfrage und keine wissenschaftliche

Theorie wie jene über die Prozesse von Mutation, Selektion und Anpassung.

Unstrittig ist, dass die Evolutionsbiologie für unterschiedliche Wissensgebiete

eine wichtige Rolle spielt – und somit nicht nur ein Thema ist für Naturwis -

sen schaftler, sondern auch für Soziologen, Ökonomen oder Philosophen. Die

VolkswagenStiftung hat daher das „Darwinjahr“ 2009 zum Anlass genommen,

die Bedeutung der Evolutionsbiologie für die unterschiedlichen gesellschaftlichen

Bereiche herauszustellen und das Thema einer breiten Öffentlichkeit

näherzubringen. Mit ihrer Ausschreibung für einen „Ideenwett -

be werb Evolution heute“ will sie dabei insbesondere den entsprechenden

Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft fördern und stärken.

An dem Wettbewerb beteiligen konnten sich Wissenschaftlerinnen und Wis -

senschaftler von Hochschulen einschließlich Kunst- und Designhoch schulen

sowie außeruniversitären Einrichtungen – bis hin zu Museen und Bibliotheken.

Sie sollten originelle Ideen für Maßnahmen entwickeln, durch die die Aktu -

alität und Relevanz der Thematik ansprechend und gut verständlich vermittelt

werden kann. Beispielsweise muss deutlich werden, wo Evolution in

unserem Alltag eine Rolle spielt oder welcher Gewinn von der Anwendung

evolutionsbiologischer Konzepte zu erwarten ist. Von zentraler Bedeutung

war für die Stiftung, dass die Zielgruppe solcher Projekte deutlich über den

universitären Kontext hinausgeht. Auch sollten nach Möglichkeit unterschied -

liche Altersgruppen angesprochen werden. Im Sinne einer Verbesserung des

Dialogs von Wissenschaft und Gesellschaft müssen die Projekte eine wirkliche

Interaktion zulassen. Die Ausschreibung war entsprechend offen gehalten,

um die Wettbewerber zu Kreativität und zur Entwick lung origineller Konzepte

ausdrücklich zu ermutigen. Die Implementierung der Projekte ist für das

Jahr 2009 vorgesehen. Stichtag der Antragstellung war im Januar 2008;

die acht Gewinner des Wettbewerbs standen im Früh som mer fest und werden

im kommenden Jahresbericht vorgestellt (erste Infor mationen unter

www.volkswagenstiftung.de/service/presse/html?datum=20080523).

Fördermöglichkeiten

Für die „Innovativen Ausbildungs kon -

zepte“ ist keine weitere Ausschrei -

bung vorgesehen. Alle anderen För -

der elemente stehen für eine Antrag -

stellung offen und können unter

Berücksichtigung der in den Merk -

blättern aufgeführten Kriterien bei

der Geschäftsstelle eingereicht

werden. Der nächste Stichtag für

Anträge auf Doktoranden-, Post dok -

torandenförderung und Unter stüt -

zung von Gastprofessuren ist der 15.

Oktober 2008. Anträge für Symposien

und Sommerschulen können jederzeit

eingereicht werden.

>> Merkblatt 85

Kontakt

Dr. Henrike Hartmann

Telefon 0511/8381-376

hartmann@volkswagenstiftung.de

Der Vater der Evolutionstheorie Charles Dar -

win – nicht zuletzt ist „sein” Jubiläumsjahr

2009 einer der Anlässe der Stiftung für den

Ideenwettbewerb „Evolution heute“ – war

auch beim Tutzinger Workshop zu neuen

Lehr- und Ausbildungskonzepten präsent.

Jahresbericht 2007 Thematische Impulse 89


90

Im Rahmen seines Doktorandenstipendiums

will Diplombiologe Ralf Hendrix von der

Universität Bielefeld der Entwicklung und

Verbreitung vor allem des Nordamerika -

nischen Salamanders auf die Spur kommen.

Das Foto zeigt ihm beim Fang von Feuersa -

lamanderlarven in einem Bach. – Die im Bild

unten zu sehende Larve eines Feuersala man -

ders befindet sich in der Phase der Metamor -

phose und Umfärbung. Typische Erkennungs -

merkmale sind die bereits bei der Geburt gut

sichtbaren gelben Flecken auf der Oberseite

der Gliedmaßen.

Neue Bewilligungen

Aachen

Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie, Aachen,

Industrielle Biotechnologie (Uwe Heinig, Dr. Stefan Jennewein): Studies on

the evolution of complex natural products biosynthetic pathways on the

basis of Taxolbiosynthesis in plants and endophytic fungi (Doktoranden -

stipendium)

Andechs, Radolfzell

Max-Planck-Institut für Ornithologie, Andechs und Radolfzell, Abt. Verhal -

tensökologie und Evolutionäre Genetik (Dr. Jesko Partecke, Prof. Dr. Bart

Willem Kempenaers): Evolutionary consequences of an urbanizing world

(Postdoktorandenstipendium)

Andechs, Radolfzell

Max-Planck-Institut für Ornithologie, Andechs und Radolfzell, Abt. Verhal -

tens ökologie und Evolutionäre Genetik (Hendrik Reers, Prof. Dr. Bart Willem

Kempenaers): The evolution of acoustic identity traits – begging calls in

colonial weaver birds (Doktorandenstipendium)

Bielefeld, Bonn

Universität Bielefeld, Lehrstuhl für Verhaltensforschung (Ralf Hendrix, Dr.

Sebastian Steinfartz); Zoologisches Forschungsinstitut und Museum

Alexander Koenig, Bonn, Sektion Herpetologie (Prof. Dr. Wolfgang Böhme):

Genetic and spatial distribution of fire salamanders (Salamandra salamandra)

during an early stage of adaptive differentiation (Doktoranden stipen dium)

Jena, Cambridge/USA

Universität Jena, Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie mit

Phyletischem Museum (Dr. Hendrik Müller, Prof. Dr. Lennart Olsson);

Harvard University, Cambridge, Museum of Comparative Zoology (Prof. Dr.

James Hanken): Plasticity and constraint in the evolution of development:

Has the aquatic larval stage re-evolved in plethodontid salamanders?

(Postdok toran den stipendium)

Konstanz, Leipzig, Barcelona/Spanien

Universität Konstanz (Johannes Engelken); Max-Planck-Institut für

evolutionäre Anthropologie, Leipzig, Department of Evolutionary Genetics

(Prof. Dr. Mark Stoneking); Universitat Pompeu Fabra, Barcelona,

Evolutionary Research Unit (Dr. Elena Bosch, Prof. Dr. Jaume Bertranpetit):

Identification and characterization of genes and regulatory elements under

local natural selection in modern humans (Doktorandenstipendium)


Leipzig

Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Standort Leipzig, Department

Biozönoseforschung (Sylvia Ritter, Priv.-Doz. Dr. Josef Settele): Evolutionary

biology of the Large Blue Butterflies Maculinea nausithous and Maculinea

teleius: analyses across their distributional range and implications for the

species’ status (Doktorandenstipendium)

Leipzig, Halle

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig, Abt. für Evolu -

tionäre Genetik (Susanne Horn, Dr. Michael Hofreiter); Helmholtz-Zentrum

für Umweltforschung, Standort Halle, Department Community Ecology

(Dr. Stefan Klotz): Dynamics of phylogeographic patterns: phylogeography

of the Eurasian beaver from the late Pleistocene and Holocene (Doktoranden -

stipendium)

München

Universität München, Lehrstuhl für Evolutionsbiologie (Dr. Aurelien Tellier,

Prof. Dr. Wolfgang Stephan): Adaptation to biotic and abiotic stress in wild

tomato species (Postdoktorandenstipendium)

München

Universität München, Lehrstuhl für Evolutionsbiologie (Pavlos Pavlidis, Prof.

Dr. Wolfgang Stephan): Detecting genomic signatures of positive selection in

structured populations (Doktorandenstipendium)

München

Universität München, Lehrstuhl für Evolutionsbiologie (Dr. Pleuni S. Pennings,

Prof. Dr. Wolfgang Stephan): Curricula and didactics in evolutionary biology

(Workshop)

Regensburg, Salt Lake City/USA

Universität Regensburg, Institut für Zoologie (Dr. Martin Kaltenpoth,

Prof. Dr. Erhard Strohm); The University of Utah, Salt Lake City, Department

of Biology (Prof. Dr. Colin Dale): Whole genome sequencing ‚Candidatus

Streptomyces philanthi’, an endosymbiotic actinomycete from the antennae

of Philanthus digger wasps (Hymenoptera, Crabronidae) (Postdoktoranden -

stipendium)

Tübingen

Universität Tübingen, Lehrstuhl für Evolutionsökologie der Tiere (Dr. Nils

Anthes, Prof. Dr. Nico K. Michiels): Analogies in the evolution of gender

expression and sexual strategies in plant and animals (Workshop)

Einer Salamanderlarve (oben) wird unter

dem Mikroskop Gewebe entnommen. Der

Vergleich der Morphologie (Skelett und Mus -

kulatur) von Larven und erwachsenen Tieren

liefert wichtige Aufschlüsse über die bei der

Metamorphose auftretenden Verän derun gen.

Dieses zweite Salamander-Projekt ist angesiedelt

an der Universität Jena; das Bild unten

zeigt den verantwortlichen Wis senschaftler

Dr. Hendrik Müller an einem der Zuchtbecken.


94

107

111

Zukunftsfragen der Gesellschaft – Analyse, Beratung und Kommunikation

zwischen Wissenschaft und Praxis

Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften – Programm zur

Förderung fachübergreifender und internationaler Zusammenarbeit

Deutsch plus – Wissenschaft ist mehrsprachig


Förderung 2007

Gesellschaftliche und kulturelle

Herausforderungen

Für die VolkswagenStiftung bestimmen sich ihre Aufgaben und Gestaltungs -

spielräume innerhalb der Wissenschaftsförderung nicht ausschließlich im Blick

auf die scientific community und deren innerwissenschaftliche Bedürfnisse und

Entwicklungen. Denn je komplexer und unübersichtlicher die Strukturen und

Prozesse in der modernen, von Wissenschaft ebenso geprägten wie abhängigen

Welt werden, desto mehr muss sich die Wissenschaft den damit verbundenen

Herausforderungen stellen. Von daher sieht sich die VolkswagenStiftung als wissenschaftsfördernde

Einrichtung gerade auch dort in der Pflicht, wo Politik und

Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft von der Wissenschaft im engen Aus -

tausch mit der Praxis Orientierung und Unterstützung erwarten. Beispielhaft

dafür ist die Initiative zu den Zukunftsfragen der Gesellschaft. Sie zielt darauf ab,

auf der Grundlage anwendungsorientierter Forschung gesellschaftlich-politische

Lernprozesse unter Einschluss von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit anzu -

regen und neu zu organisieren. Es gilt, Kooperationen anzustoßen zwischen

Wissenschaft und Praxis, die wechselseitiges Verständnis schaffen und als Lernund

Kommunikationsprozesse dauerhaft Wirkung entfalten. Im Rahmen dieser

Förderinitiative gab es im Jahr 2007 eine neue Ausschreibung für „Studien grup -

pen zu Migration und Integration“ zum Themenfeld „Migration und Gesundheit“.


94

Gesellschaftliche und kulturelle

Herausforderungen

Anträge 2007

Eingereicht 62

mit Volumen in Mio. Euro 15,9

Bewilligungen 35

mit Volumen in Mio. Euro 3,6

Bewilligungen insgesamt 107

in Mio. Euro, seit 2002 12,7

Kontakt für alle Ausschreibungen

Dr. Alfred Schmidt

Telefon 0511/8381-237

schmidt@volkswagenstiftung.de

Fördermöglichkeiten

Mitte 2007 wurden erneut „Studien -

gruppen zu Migration und Integra -

tion“ ausgeschrieben, diesmal für das

Thema „Migration und Gesundheit“.

Stichtag für die Einreichung von

Skizzen war der 15. Januar 2008.

Bewilligungen für die neuen Gruppen

sind im Frühjahr 2009 zu erwarten.

>> Merkblatt 78b (Studiengruppen)

Zukunftsfragen der Gesellschaft –

Analyse, Beratung und Kommunikation

zwischen Wissenschaft und Praxis

Die Menschheit steht vor einer Fülle von Herausforderungen, wenn es darum

geht, Lösungen für die ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen

Probleme zu finden. Dass die VolkswagenStiftung sich mit entsprechenden

Fragestellungen beschäftigt, entspricht ihrem Selbstverständnis, auch dort

mit ihren vor allem auf die Grundlagenforschung gerichteten Förderungen

nachhaltig zu helfen, wo Gesellschaft und Politik mit Recht Unterstützung

von der Wissenschaft erwarten können.

Aus diesem Grund hat die Stiftung anlässlich ihres 40. Arbeitsjubiläums im

März 2002 die Förderinitiative „Zukunftsfragen der Gesellschaft – Analyse,

Beratung und Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis“ eingerichtet.

Mit dieser Initiative möchte die Stiftung in Verbindung mit anwendungsorientierter

Grundlagenforschung gesellschaftlich-politische Lernpro -

zesse in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit anregen und neue Formen

dafür erproben. Um verschiedene Brückenschläge zwischen Wissenschaft

und Praxis testen zu können, stehen Ausschreibungen im Mittelpunkt des

Förderangebots. Diese thematisieren jeweils näher umrissene „Zukunfts -

fragen der Gesellschaft“. Zur Vorbereitung weiterer Ausschreibungen

können Anträge auf Arbeitstagungen oder Pilotprojekte geprüft werden.

Studiengruppen zu Migration und Integration

Dieses im Sommer 2003 aufgelegte Förderangebot soll bei dem in Deutsch -

land notwendigen und anstehenden Umdenken der Ausländerpolitik in

Richtung auf eine Integrationspolitik helfen. Für die politische Gestaltung

erscheint eine Perspektive problematisch, die durch internationale Migration

die Grundlagen staatlicher Souveränität herausgefordert und die Wohl -

fahrts staatlichkeit infrage gestellt sieht. Demgegenüber kommt es auch

in der Forschung darauf an, die Strukturpotenziale für die Integration von

Migrantinnen und Migranten in den Fokus zu rücken. Mit der einschlägigen

Forschung kann die öffentliche Debatte verändert werden, wenn die Forscher

ihre wissenschaftlichen Arbeiten im Dialog mit Vertretern relevanter


Praxisfelder vornehmen. Die zur Förderung vorgesehenen Studiengruppen

sollen die für den jeweiligen Gegenstand bedeutenden Kompetenzen aus

verschiedenen Disziplinen und Praxisfeldern bündeln.

In einer ersten Ausschreibungsrunde waren Ende 2004 insgesamt rund fünf

Millionen Euro für acht „Studiengruppen zu Migration und Integration“

bewilligt worden, die seitdem verschiedene Themen in den Feldern Bildung,

Wirtschaft und Partizipation bearbeiten. Die Ende 2005 beschlossene zweite

Ausschreibungsrunde richtete sich auf die Themenfelder „Migration und

Organisation“ sowie „Struktur und Wandel der Sprache“. Die parallele Aus -

schreibung der beiden Themenfelder sollte auch dazu anregen, Gemein sam -

keiten und Unterschieden sowie wechselseitigen Einflüssen in verschiedenen,

für Migration und Integration aber gleichermaßen bedeutsamen Bereichen

nachzugehen. Wenngleich einzelne Anträge diesen Denkanstoß aufgriffen,

standen im Mittelpunkt der meisten Vorschläge jedoch entweder sozialoder

sprachwissenschaftliche Fragestellungen. Letztlich wurden im März

2007 nach Abschluss einer mehrstufigen Antragsprüfung vier weitere

Studiengruppen für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren eingerichtet;

damit haben nunmehr zwölf Studiengruppen ihre Arbeit aufgenommen.

Die neu hinzugekommenen werden im Folgenden vorgestellt.

Gemeinsam in einem Betrieb zu arbeiten – was könnte besser geeignet sein,

Ein- und Zuwanderern die Integration zu erleichtern? Und sollten nicht gerade

Arbeitgeber ein ausgeprägtes Interesse haben, den Erwerb der deutschen

Sprache zu unterstützen? Allerdings wird in Deutschland und Österreich

der Zweitspracherwerb in betrieblichen Kontexten nur sehr vereinzelt und

ansatzweise gefördert. Anders als in traditionellen Einwanderungsländern

wie Australien und Kanada gibt es hierzulande keine – auch aus wissenschaftlicher

Sicht fundierten – Angebote, die den Anforderungen der modernen

Arbeitswelt gerecht werden.

Diese Lücke zu schließen, ist Ziel des Vorhabens „Deutsch am Arbeitsplatz.

Untersuchung zur Kommunikation im Betrieb als Grundlage einer organi -

sationsbezogenen Zweitsprachförderung“. Dafür wurden dem Deutschen

Institut für Erwachsenenbildung in Bonn rund 250.000 Euro für zwei Jahre

bewilligt; zuständiges Vorstandsmitglied ist Hans-Joachim Schuldt. Geleitet

wird die Studiengruppe von der aus Italien stammenden Anglistin Matilde

Grünhage-Monetti, beteiligt an den Arbeiten ist unter anderem Professor

Dr. Hermann Funk, Didaktik und Methodik Deutsch als Fremd- und Zweit -

sprache an der Universität Jena. Ziel des Forscherteams ist es, bestehende

Verfahren und Instrumente zum betrieb lichen Zweitspracherwerb zu überprüfen

und weiterzuentwickeln. Als empirische Grundlage dienen Gespräche

am Arbeitsplatz und zugehörige schriftliche Materialien. Im Mittelpunkt der

Betrachtungen stehen Betriebe der Altenpflege und metallverarbeitenden

Industrie. Dort sind jeweils ein hoher Anteil der Beschäftigten Migrantinnen

und Migranten.

Dass Zuwanderer die Sprache ihres neuen

Heimatlandes beherrschen, ist ein wichtiger

Faktor für erfolgreiche Integration. Gerade

in Deutschland gibt es jedoch zu wenig entsprechende

Förderungen. Eine Studien grup -

pe unter Leitung von Dr. Matilde Grünhage-

Monetti (oben, rechts) widmet sich nun dem

Thema „Deutsch am Arbeitsplatz“ und führt

dazu Interviews in Betrieben durch. Ihre

Gesprächspartnerin Blacenka Durkovic

(oben, links) arbeitet in einem Frankfurter

Café als Kellnerin. Dem Team um Dr. Matilde

Grünhage-Monetti (unten, Dritte von rechts)

gehören, von links, an: Sabina Hussain, Anna

Lisa Hoffmann, Cathrin Ziebell, Kristina

Harten, Susanne Meermann, Thorben Wist.

Jahresbericht 2007 Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen 95


96

Sprachwissenschaftler der Universität Dort -

mund wollen die Faktoren ausmachen, die

für den Erwerb der Schreibfähigkeit von

Migranten hinderlich sind. Zum Projektteam

von LiLaC (Literacy between Languages and

Cultures) gehören Annette Herkenrath, Pro -

fessor Dr. Ludger Hoffmann, Professorin Dr.

Uta Quasthoff (hinten, von links) und Sören

Ohlhus, Nicole Hinrichs, Nils Kremeskötter

(vorn, von links).

Einen Text gut schreiben zu können, sei es einen Brief, einen Aufsatz oder

eine E-Mail, gehört zu den Kulturtechniken, die das Wesen einer Gesellschaft

prägen. Wer mit schriftlicher Sprache nicht hinreichend umgehen kann –

und das betrifft Ein- und Mehrsprachige gleichermaßen –, läuft Gefahr, am

gesellschaftlichen Leben nicht vollständig teilnehmen zu können. Für

Migrantinnen und Migranten ist der Erwerb der Schreibfertigkeit zudem

noch dadurch erschwert, dass in der Zweitsprache Deutsch bereits die Fähig -

keit, sich im Gespräch auszudrücken, und das Sprachbewusstsein mehr oder

weniger stark begrenzt sein können. Manch einer nimmt die deutsche

Schriftsprache unter Umständen gar als bedrohlich wahr. Die Studiengruppe

„Schreiben zwischen Sprachen und Kulturen: Ressource und Hemmnis der

Integration“ möchte Möglichkeiten und Wege aufzeigen, solche ausgren -

zenden Faktoren zu reduzieren. Für das Vorhaben wurden dem Institut für

Deutsche Sprache und Literatur der Technischen Universität Dortmund

498.000 Euro bewilligt. Die dort tätigen Professoren Dr. Uta Quasthoff und

Dr. Ludger Hoffmann arbeiten zusammen mit Professor Dr. Dr. Michael

Kastner vom Institut für Psychologie derselben Universität.

Für seine empi rischen Studien im Ruhrgebiet wird das Team die Daten von

Personen mit türkischsprachigem Migrationshintergrund mit denen deutsch -

sprachiger Befragter niedriger Bildungsschicht vergleichen. Als Datenbasis

dienen Interviews sowie ausgefüllte Formulare und Briefe an deutsche Ämter.

Die Studiengruppe zielt somit nicht nur auf Empfehlungen, wie Angebote

und Umfeld gestaltet werden müssen, damit Zuwanderer gern die neue

Sprache erwerben. Vielmehr versprechen sich die Team-Mitglieder auch

Hinweise darauf, wie sich „Behörden“ mitteilen müssen, damit sie – von

Migranten und auch Nicht-Migranten – verstanden werden.

Das Vorhaben „Schriftspracherwerb in der Organisation Schule unter den

Bedingungen von Migration und Mehrsprachigkeit – eine vergleichende

Untersuchung“ am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle

Studien (IMIS) der Universität Osnabrück verknüpft ausdrücklich die beiden

ausgeschriebenen Themenfelder. Diese Studiengruppe – gefördert mit

658.000 Euro – wird gemeinsam geleitet von dem Soziologen Professor Dr.

Michael Bommes vom IMIS und dem Sprachwissenschaftler Professor Dr.

Christoph Schroeder, der inzwischen von der Istanbul Bilgi University an

die Universität Potsdam gewechselt ist. Weiter beteiligt bleibt das Centre of

Migration Research der Bilgi-Universität in der Türkei. Das deutsch-türkische

Wissenschaftlerteam vergleicht den Schriftspracherwerb in Deutschland

und in der Türkei. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Fragen: Wie sehr

ist der Erwerb der Schriftsprache von der Schule als Organisation beeinflusst?

Und welche Rolle spielen dabei Migration und Mehrsprachigkeit? Die Forscher

vermuten, dass soziale Faktoren und solche des Spracherwerbs einander eng

bedingen. Die beiden Länder eignen sich nach Meinung der Forscher für die

Untersuchung besonders, da sich die Migrationserfahrungen deutlich unterscheiden:

Deutschland als Einwanderungsland stellt seine Institutionen der


Erziehung erst langsam auf Migration und Mehrsprachigkeit ein. Die Türkei

hingegen ist ein Auswanderungsland, dessen Erziehungssystem zugleich

innere und auch von außen zugewanderte Migranten beschult. Das

Forscherteam plant Untersuchungen in Grundschul- beziehungsweise

Gesamtschulklassen verschiedener Altersstufen im Ruhrgebiet und in Istan -

bul. Ein Jahr lang soll der Deutsch- beziehungsweise Türkischunterricht auf

Video aufgenommen und dann analysiert werden. Ergänzend wollen die

Forscher Unterrichtsprotokolle, andere Dokumente und die im Unterricht

erstellten schriftsprachlichen Produkte in ihre Betrachtungen einbeziehen.

Bei einigen Schülern möchten die Forscher zudem die für den Schrift spra -

chen erwerb relevanten Lebensumstände genauer betrachten. Zugleich

beabsichtigen sie, die Erkenntnisse über Workshops und Praxisseminare

konti nuierlich an Schulen, Kindertagesstätten, Lehrerfortbildungsein rich -

tungen und Eltern weiterzugeben.

In über fünfzig Jahren Einwanderungsgeschichte ist in Deutschland eine

Vielzahl sogenannter Migranten-Organisationen entstanden, die als Inte -

ressenvertretung einzelner Zuwanderergruppen auftreten. Das zivilgesellschaftliche

Engagement von Migranten ist inzwischen von den europäischen

Institutionen in seiner Bedeutung erkannt und zum Politikziel erhoben worden.

Neuere Studien verzeichnen, dass sich die Beziehungen dieser Organisa tio nen

zu den jeweiligen Herkunftsländern intensivieren. Daher stellt sich die Frage,

ob sich das Engagement und die politische Mitwirkung von Migranten noch

in nationalstaatlichen Kategorien erfassen lassen. Wie grenzüberschreitend

deren Wirken tatsächlich ist, möchte die mit knapp 740.000 Euro geförderte

Studiengruppe „Verbreitung und Kontextbedingungen Transnationaler

Migrantenorganisationen in Europa“ herausfinden. Unter Leitung von Pro fessor

Dr. Ludger Pries von der Fakultät für Sozialwissenschaft der Universi tät

Bochum arbeiten darin mit Professor Dr. Stephen Castles, Refugee Studies

Professor Dr. Ludger Pries von der Universität

Bochum arbeitet mit Kollegen in Duisburg-

Essen, aber auch in Großbritannien, Spanien

und Polen zusammen, um das grenzübergreifende

Handeln von Migrantenorganisa -

tio nen in Europa zu erfassen.

Jahresbericht 2007 Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen 97


98

Das am Lehrstuhl Organisationssoziologie

und Mitbestimmung in Bochum verankerte

Projekt zu Migrantenorganisationen wird

von Dr. Zeynep Sezgin (unten, rechts) koordiniert.

Basis der Untersuchungen sind unter

anderem Literaturauswertung und die Erhe -

bung von Daten – wie zum Beispiel über re -

levante Organisationen in kreisfreien Groß -

städten Deutschlands. Dazu recherchiert

Diplomsoziologin Tülay Tuncer-Zendingül

auch am Telefon.

Centre der University of Oxford in Großbritannien, Professor Dr. Gunther

Dietz vom Laboratorio de Estudios Interculturales der Universidad de Granada,

Spanien, Dr. Dirk Halm vom Zentrum für Türkeistudien an der Universität

Duisburg-Essen und Professor Dr. Marek Okólski vom Centre of Migration

Research in Warschau, Polen. Untersucht werden grenzüberschreitende

Migrantenorganisationen in Deutschland, Großbritannien, Polen und Spanien,

die vordringlich religiös ausgerichtet oder politisch aktiv sind. Die Forscher

wollen unter anderem klären, ob Anliegen und Strukturen dieser Organisa -

tionen von Ankunfts- und Herkunftsländern gleichermaßen geprägt sind, ob

sie zunehmend in grenzüberschreitenden Formen und Netzwerken agieren

und ob sie daher zu neuen Formen der transnationalen gesellschaftlichen

Integration beitragen.

Vor dem Hintergrund der seit dem Jahr 2003 gesammelten Erfahrungen

wurde Mitte 2007 eine dritte Ausschreibungsrunde für „Studiengruppen zu

Migration und Integration“ beschlossen – diesmal zum Forschungs schwer -

punkt „Migration und Gesundheit“. Vereinzelte Studien im Bereich Migration

und Gesundheit legen nahe, dass Zuwanderer und Ausländer das Gesund -

heits system tatsächlich in anderer Form nutzen als die einheimische

Mehrheitsbevölkerung. Doch lässt der Wissensstand in diesem Feld noch

sehr zu wünschen übrig, obwohl sich gerade hier zeigt, ob und wie Integra tion

funktioniert. Denn Migranten spielen einerseits als Ärzte und Pflegepersonal,

andererseits als Patienten eine zunehmende Rolle. Die zu fördernden Studien -

gruppen sollen die Versorgungspfade und -bedürfnisse sowie die Prozesse

der Versorgung und deren Ergebnisse in den Blick nehmen. Dabei besteht

der Anspruch, medizinische und nichtmedizinische Ansätze zu integrieren.

Denn für die Antwort auf Fragen zu Kommunikationsformen oder zur kultursensiblen

Gestaltung von Institutionen dürfte es erforderlich sein, auch

Beiträge und Erfahrungen etwa aus den Sozial- und Kulturwissenschaften

einzubeziehen.

In den neuen Studiengruppen sollen daher wie in den bisherigen Teams

Kenntnisse, Kompetenzen und Zugänge aus verschiedenen Disziplinen

gebündelt werden – auch über Ländergrenzen hinweg. Erwartet wird ferner

die Bereitschaft der Beteiligten, ihre Forschung im Dialog mit Vertretern

relevanter Einsatzfelder vorzunehmen. Die Stiftung will bis zu drei neue

„Studiengruppen zu Migration und Gesundheit“ – so die Kurzbezeichnung

– mit jeweils maximal 800.000 Euro bei einer Laufzeit von drei Jahren auf

den Weg bringen. Das Auswahlverfahren erfolgt in zwei Stufen: Zunächst

wird anhand von Skizzen eine Vorauswahl getroffen; bei einem positiven

Ergebnis folgt dann die Aufforderung zur Antragstellung. Stichtag für das

Einreichen der Skizzen war der 15. Januar 2008. Sofern beantragt und stichhaltig

begründet, können zusammen mit der Aufforderung zur Antrag -

stellung Mittel für eine Vorstudie bis zur Höhe von 20.000 Euro bewilligt

werden. Entscheidungen über die definitive Förderung neuer Studiengrup pen

sind im Frühjahr 2009 zu erwarten.


Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven des Alterns

Das Zusammenwirken von sinkender Geburtenrate und steigender Lebens -

erwartung führt nicht allein in Deutschland zu einer Alterung der Gesell -

schaft. Ein solcher Prozess des demografischen Wandels ist in nahezu allen

entwickelten Industrienationen zu beobachten. In Deutschland stellt die

öffentliche Betrachtung bisher vor allem die problematischen Konsequenzen

des Alterungsprozesses für die sozialen Sicherungssysteme oder für das

Wirtschaftswachstum heraus. Mit der im Sommer 2006 beschlossenen

Ausschreibung „Individuelle und gesellschaftliche Perspektiven des Alterns“

möchte die VolkswagenStiftung dazu beitragen, die Diskussion über die

demografische Situation zu versachlichen, und anregen, die damit verbun -

denen Fragen und Heraus forderungen individuell und gesellschaftlich

produktiv anzugehen.

Inhaltlich erstreckt sich die Ausschreibung auf drei Themenfelder: Unter der

Überschrift „Flexibilisierung und Diversität in Lebensläufen“ wird der Blick

auf individuelle und gesellschaftliche Potenziale der Entwicklung und Mit -

verantwortung gelenkt. Das Themenfeld „Kontexte des Alterns“ erinnert

daran, dass Verlauf und Gestaltung des Alterns von gegebenen – oder fehlenden

– Umfeldbedingungen abhängen. Beim dritten Thema „Innovations -

potenziale von Alterungsprozessen“ geht es zum Beispiel um organisato -

rische Innovationen, die zu einer altersfreundlichen Kultur beitragen, in der

ältere Menschen ihre Bedürfnisse artikulieren und Fähigkeiten umsetzen

können. In der ersten Ausschreibungsrunde war die Stiftung besonders inter -

essiert an Projekten, die Fragen verschiedener Themenbereiche inte grieren,

die das „junge Alter“ und das mittlere Erwachsenenalter der „Baby boomer“

(in Westdeutschland die Anfang der 1960er-Jahre Geborenen) in den Blick

nehmen – sowie darüber hinaus an Vorhaben, die Sekundär- und Meta -

analysen nutzen.

Das Förderangebot ist auf ungewöhnlich starke Resonanz nicht nur bei den

üblicherweise mit Altersfragen befassten Forscherinnen und Forschern

gestoßen, sondern auch im „Mainstream“ verschiedener geistes- und gesellschaftswissenschaftlicher

Disziplinen angekommen. In den vorgeschlagenen

Projekten finden sich zudem ungewöhnliche Brückenschläge aus diesen

Disziplinen – etwa zur Medizin oder zu den Technikwissenschaften. Zum

Stichtag für Projektanträge am 30. Juni 2007 gingen insgesamt 96 Anträge

für 79 Vorhaben mit einem Antragsvolumen von rund 32 Millionen Euro ein.

An zentraler Stelle sind an diesen Vorhaben etwa 500 Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland beteiligt. Entsprechend aufwändig

und langwierig gestaltet sich die Prüfung der Anträge, die erst im

Laufe des Jahres 2008 abgeschlossen wird. In diesem Zusammenhang wird

dann auch über eine mögliche weitere Ausschreibungsrunde entschieden.

Die im Wettbewerb erfolgreichen Projekte werden im Jahresbericht 2008

näher vorgestellt.

Fördermöglichkeiten

Projektanträge für die erste Aus -

schrei bungsrunde konnten bis zum

30. Juni 2007 eingereicht werden.

Daneben nimmt die Stiftung jederzeit

Anträge für einschlägige Ver -

anstaltungen entgegen. Über eine

weitere Ausschreibungsrunde wird

2008 entschieden.

>> Merkblatt 78d

(Perspektiven des Alterns)

Jahresbericht 2007 Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen 99


100

Fördermöglichkeiten

Von 2005 bis 2008 werden jährlich

20 bis 25 Stipendien für postgraduale

und postdoktorale Forschungs ar bei -

ten zur europäischen Außen- und

Sicherheitspolitik vergeben. Letzter

Bewerbungstermin war der 30. Sep -

tember 2007. Neuanträge werden

nicht mehr entgegengenommen.

Im Rahmen des von drei europäischen Stif -

tungen getragenen Programms zur Europä -

ischen Außen- und Sicherheitspolitik wurde

zum zweiten Mal der Anna Lindh Award vergeben.

An der Verleihung im Oktober 2007

in Brüssel nahmen auch der Generalsekretär

der VolkswagenStiftung, Dr. Wilhelm Krull

(links), und Dr. Göran Blomqvist, Geschäfts -

führer des Riksbankens Jubileumsfond, teil.

European Foreign and Security Policy Studies

Gemeinsam mit ihren Partnerstiftungen Compagnia di San Paolo in Turin

und Riksbankens Jubileumsfond in Stockholm hat die VolkswagenStiftung

das erste koordinierte Forschungs- und Ausbildungsprogramm europäischer

Stiftungen zur Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und zur

Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) im Frühjahr 2004

auf den Weg gebracht. Mit diesem Angebot möchten die Stiftungen junge

europäische Führungskräfte fördern, die politisch unabhängig und über die

Grenzen der eigenen nationalen Perspektive hinaus neue Denk- und Heran -

gehensweisen für die Außen- und Sicherheitspolitik Europas entwickeln, um

mit diesen die öffentliche Debatte zu beeinflussen. Nach drei vorangegangenen

Ausschreibungsrunden konnten sich letztmals bis 30. September 2007

junge Forscherinnen und Forscher sowie entsprechend qualifizierte Praktiker

für Stipendien bewerben, die ihrer Weiterqualifikation auf dem Gebiet der

Außen- und Sicherheitspolitik auf postgradualem und postdoktoralem

Niveau dienen. Die insgesamt 70 Personen, die als Ergebnis der bisherigen

Auswahlrunden von den drei Stiftungen gefördert werden, stellen sich, ihre

Vorhaben und die dabei erzielten Ergebnisse auf einer gemeinsamen Web -

seite vor unter http://www.efsps.eu/index.php.

In der dritten Auswahlrunde waren 89 Bewerbungen aus einer Vielzahl

euro päischer Länder eingegangen. 34 Nachwuchskräfte wurden zu der

„Young Faces Conference“ mit dem Thema „European Security and Defence

Policies Seven Years on: Back to the Future“ eingeladen, die im Februar 2007

in Turin stattfand. Als Ergebnis der abschließenden Auswahl während dieser

Konferenz wurden weitere 22 Stipendiaten in das Forschungs- und Ausbil -

dungsprogramm aufgenommen. Von diesen fördert die VolkswagenStiftung

neun Personen mit zusammen knapp einer halben Million Euro. Insgesamt

kommen sogar zehn der Stipendiaten, die mit ihrer Bewerbung 2007 Erfolg

hatten, aus Deutschland. Die übrigen erfolgreichen Bewerber verteilen sich

mit jeweils vier auf Mittel- und Osteuropa, Südeuropa sowie West- und

Nordeuropa. Zwei Drittel der geförderten Doktoranden, Postdoktoranden

und jungen Berufstätigen sind Frauen. Die Stipendiaten stammen vorwiegend

aus den Politikwissenschaften und dem Bereich der europäischen

beziehungsweise internationalen Studien. Regionalexperten und zwei

Naturwissenschaftler runden das Feld ab.

Die von den drei Stiftungen geförderten Nachwuchskräfte werden über

Workshops und öffentlichkeitswirksame Aktivitäten miteinander vernetzt.

Neben einer Reihe kleinerer Veranstaltungen fand vom 17. bis 21. Oktober

2007 in Brüssel das Seminar „A Common European Foreign and Security

Policy in the Making? Competences, Institutions and National Interests“

statt. Es führte die Stipendiaten der bisherigen drei Auswahlrunden zusammen

und bot insbesondere den „Finalisten“ der ersten Runde Gelegenheit,

ihre Ergebnisse mit „gestandenen“ Wissenschaftlern und Expertinnen auf


gleicher Augenhöhe zu diskutieren. Die Veranstaltung wurde organisiert

von Professor Dr. Mathias Jopp vom Institut für Europäische Politik in Berlin

und von der VolkswagenStiftung mit insgesamt 179.000 Euro unterstützt.

In diesem Rahmen wurde am 19. Oktober 2007 zum zweiten Mal der „Anna

Lindh Award“ vergeben. Die mit einem Forschungspreis von 20.000 Euro

verbundene Auszeichnung erinnert an die schwedische Außenministerin

Anna Lindh, die am 11. September 2003 in Stockholm einem Attentat zum

Opfer fiel. In Verbindung mit ihrem gemeinsamen Forschungs- und Ausbil -

dungsprogramm wollen die VolkswagenStiftung und ihre Partnerstiftungen

in Stockholm und Turin mit dem „Anna Lindh Award“ wichtige Beiträge

zur intellektuellen Debatte auf dem Gebiet der europäischen Außen- und

Sicherheitspolitik hervorheben.

2007 wurde Dr. Karen E. Smith von der London School of Economics and

Political Science (LSE) ausgezeichnet. Sie erhielt den Preis für ihre bedeutenden

Arbeiten, die sich mit verschiedenen Dimensionen einer gemeinsamen

europäischen Außen- und Sicherheits politik befassen. Die institutionelle

Entwicklung der Europäischen Union und deren Selbstverständnis werden

von ihr ebenso analysiert wie die Menschenrechts- und Nachbarschafts politik

oder die Rolle der EU in der aktuellen Weltlage. Geboren in Ankara in der

Türkei, hat die Preisträgerin in Italien und Washington, USA, Interna tio nale

Beziehungen und Interna tionale Wirtschaft studiert. Nach der Promo tion an

der London School of Economics forschte sie am Europäischen Hochschul -

in s titut in Florenz. Seit dem Jahr 2004 ist Dr. Karen Smith Direktorin der „Euro -

pean Foreign Policy Unit“ der LSE, seit Oktober 2005 auch Außeror dent liche

Professorin für Internationale Beziehungen.

Brückenprogramm zwischen Wissenschaft und

Praxis in der Transformation des Sozialstaates

Diese erstmals 2002 für Förderungen in den Jahren 2003/2004 bekannt -

gemachte Ausschreibung sollte die überkommene Abschottung zwischen

den Karrieremustern in Wissenschaft und Praxis schon in jüngeren Jahren

auflockern. Nach thematisch einschlägigen Forschungsarbeiten sollten einer -

seits Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Erfahrungen sammeln in

geeigneten Organisationen der staatlichen und außerstaatlichen Praxis –

auch im europäischen Ausland und bei internationalen Organisationen.

Zum anderen sollten sich entsprechend qualifizierte Mitarbeiter solcher

Organisationen eine vertiefte Orientierung in der Grundlagenforschung

erarbeiten. Arbeitsgegenstand waren jeweils Probleme der Sozialstaats -

transformation in Deutschland und im internationalen Rahmen.

In der letzten Auswahlrunde zum „Brückenprogramm zwischen Wissenschaft

und Praxis in der Transformation des Sozialstaates“ wurden im Jahr 2007

Preisträgerin Dr. Karen E. Smith bedankte

sich für die Anerkennung ihrer Arbeit durch

den Anna Lindh Award. Ihre Rede widmete

die Professorin an der London School of

Economics der Rolle der Europäischen Union

in der Welt und den damit verbundenen

künftigen Forschungsfragen.

Fördermöglichkeiten

Von 2003 bis 2007 wurden in dem

„Brückenprogramm“ zu Problemen

der Sozialstaatstransformation

sechs- bis zwölfmonatige Arbeits -

aufenthalte gefördert, die mit einem

Wechsel aus der Praxis in die Wis -

senschaft und umgekehrt verbunden

sind. Letzter Bewerbungstermin war

der 15. März 2007. Die Stiftung nimmt

keine Neuanträge mehr entgegen.

Jahresbericht 2007 Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen 101


102

Freude über das Projekt an der Technischen

Universität Berlin: Kerstin Dickhoff (rechts)

vom Netzwerk für Toleranz und Steffen

Adam vom Kreis-, Kinder- und Jugendring

unterstützen die Sozialwissenschaftlerin

Dr. Ulrike Schumacher bei ihrem von der

VolkswagenStiftung geförderten Vorhaben

im Rahmen des Brückenprogramms.

zusammen 260.000 Euro für fünf Arbeitsaufenthalte vergeben. Als Ergebnis

aller fünf Auswahlrunden wurde damit insgesamt ein Fördervolumen von

rund 1,5 Millionen Euro erreicht, die zwanzig geförderten Personen zugute

gekommen sind. Acht von ihnen wechselten vorübergehend aus der prak -

tischen in die wissenschaftliche Sphäre. Den umgekehrten Schritt aus der

Wissenschaft in die Praxis machten zwölf Personen. Ein solcher Sphären -

wechsel ist in beiden Richtungen anspruchsvoll und schwierig. Nicht selten

hängt er von geeigneten zeitlichen und situativen Konstellationen ab. So

konnten in einigen Fällen vorgesehene Förderungen nicht in Anspruch

genommen werden, weil keine Freistellung zu erreichen war oder sich

noch attraktivere Alternativen auftaten.

In der Regel sind die im „Brückenprogramm“ Geförderten nach dem Arbeits -

aufenthalt in ihre bisherige Arbeitssphäre zurückgekehrt – wenn auch nicht

unbedingt an denselben Arbeitsplatz. Nach den bisherigen Beobachtungen

hat die Teilnahme durchweg positiv auf die weitere berufliche Entwicklung

gewirkt. Zwei geförderte Wissenschaftler wurden während des Arbeits -

aufenthaltes beziehungsweise im Anschluss daran auf Professuren berufen.

Auch einer der geförderten Praktiker hat im Zusammenhang mit seinem

Arbeitsvorhaben im „Brückenprogramm“ eine Teilzeitprofessur erhalten,

die er neben seiner praktischen Berufstätigkeit ausübt. In einigen wenigen

Fällen erleichterte die Teilnahme Wissenschaftlerinnen auch den Übergang

in die praktische Sphäre. Alles in allem hat das „Brückenprogramm“ bewiesen,

dass auch in Deutschland Lockerungen der starr auf eine Sphäre

beschränkten Karrieremuster möglich sind. Trotz der begrenzten Zahl geförderter

Personen, die nicht zuletzt auf die hohen Ansprüche an erfolgreiche

Bewerbungen zurückzuführen ist, wurde damit ein Beispiel gesetzt, das

durchaus öffentliches Interesse gefunden hat, bislang aber noch keine

Nachfolger.

Neue Bewilligungen

Berlin

Freie Universität Berlin, Arbeitsstelle Transnationale Beziehungen, Außenund

Sicherheitspolitik (Dr. Ingo Peters): The effectiveness of European Foreign

and Security Policy: evaluating and explaining crisis management in the

Balkans – zugunsten von Tobias Heider

Berlin

Technische Universität Berlin, Zentrum Technik und Gesellschaft (Dr. Hans-

Liudger Dienel): Regionale Bündnisse für gemeinsames Handeln: zur

Bedeutung von Community Organizing in ländlichen Räumen Ostdeutsch -

lands (Workshop) – in Verbindung mit dem Arbeitsaufenthalt von Dr. Ulrike

Schumacher zum Thema „Demokratie und Gemeinsinn stärken ...“


Berlin

Hertie School of Governance, Berlin, Professor of Public Policy (Prof. Dr. Anke

Hassel): Arbeitsaufenthalt von Dr. Reinhard Penz an der Hertie School of

Governance, Berlin, zum Thema „Paradigmatischer Politikwechsel – eine

Bewertung der arbeitsmarktpolitischen Reformen in Deutschland seit 2002

anhand der normativen Leitidee des aktivierenden Sozialstaats“

Berlin

Institut für Europäische Politik, Berlin (Prof. Dr. Mathias Jopp): European

Conflict Prevention and Crisis Management Policies (Konferenz) – im

Rahmen der „European Foreign and Security Policy Studies“

Berlin

Institut für Europäische Politik, Berlin (Prof. Dr. Mathias Jopp): A Common

European Foreign and Security Policy in the Making? Competences,

Institutions and National Interests (Konferenz und Seminar) – im Rahmen

der „European Foreign and Security Policy Studies“

Berlin

Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin (Dr. Heinz Kramer): Exporting

Security beyond the EU – Under what conditions do security sector reform

policies succeed? – zugunsten von Dr. Ursula Schröder

Berlin

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH, Forschungs -

gruppe Public Health (Prof. Dr. Rolf Rosenbrock): Arbeitsaufenthalt von

Dr. Peter Bartmann am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

zum Thema „Chancen- und Bedarfsgerechtigkeit in der Krankenversicherung

und Krankenhilfe nach der Gesundheits- und Sozialreform 2003/2004“

Berlin, Chicago/USA, London/Großbritannien

Katholische Hochschule für Sozialwesen, Berlin, Deutsches Institut für

Community Organizing (Prof. Dr. Leo J. Penta); University of Illinois at

Chicago, College of Urban Planning and Public Affairs (Prof. David C. Perry);

Queen Mary University of London, Department of Geography (Prof. Jane

Wills): Where the Academy and Active Civil Society Meet (Tagung)

Bochum

Universität Bochum, Lehrstuhl Organisationssoziologie und Mitbestim -

mungs forschung (Prof. Dr. Ludger Pries): Studiengruppe Migration und

Integration zum Thema „Verbreitung und Kontextbedingungen Trans -

nationaler Migrantenorganisationen in Europa“

Bonn

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung e. V., Bonn (Hans-Joachim Schuldt):

Studiengruppe Migration und Integration zum Thema „Deutsch am Arbeits -

Jahresbericht 2007 Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen 103


104

platz. Untersuchung zur Kommunikation im Betrieb als Grundlage einer

organisationsbezogenen Zweitsprachförderung“

Bonn

Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, Bonn (Prof. Dr. Klaus F. Zimmer -

mann): The Interface Between Migration Research and Policy Making

(Konferenz) – im Rahmen der Ausschreibung für Studiengruppen zu

Migration und Integration

Bonn, Brighton/Großbritannien

Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn (Prof. Dr. Dirk Messner);

Institute of Development Studies at the University of Sussex, Brighton,

Globalisation Team (Prof. Dr. Hubert Schmitz): Asian Drivers of Global

Change: Challenges for Europe (Workshop)

Bremen

Universität Bremen, Zentrum für Sozialpolitik (Prof. Dr. Karin Gottschall):

Gleichstellung ohne Vereinbarkeit – Vereinbarkeit ohne Gleichstellung?

(Tagung) – in Verbindung mit dem Arbeitsaufenthalt von Dr. Silke Bothfeld

zum Thema „Die Ökonomisierung der Geschlechterverhältnisse im konser -

vativen Wohlfahrtsstaat“

Bremen

Loccum

Universität Bremen, Zentrum für Sozialpolitik (Prof. Dr. Frank Nullmeier);

Evangelische Akademie Loccum (Dr. Fritz Erich Anhelm): Bund und Kommu -

nen in der Umsetzung von „Hartz IV“: die institutionelle Fortentwicklung

des SGB II als politischer Lernprozess (Dialogprojekt)

Cambridge/Großbritannien

University of Cambridge, Centre of International Studies (Matthew Ham):

The role of the new EU member states in the making of European Foreign

Policy towards Russia and Ukraine – zugunsten von Mathias Roth

Dortmund

Technische Universität Dortmund, Institut für deutsche Sprache und

Literatur (Prof. Dr. Ludger Hoffmann): Studiengruppe Migration und

Integration zum Thema „Schreiben zwischen Sprachen und Kulturen:

Ressource und Hemmnis der Integration“

Göttingen

Universität Göttingen, Institut für Soziologie (Prof. Dr. Heike Solga):

Arbeitsaufenthalt von Anneli Rüling beim Bundesministerium für Familie,

Senioren, Frauen und Jugend in Berlin zum Thema „Modernisierung der

familienbezogenen Leistungen in Deutschland – Wissenstransfer und

Forschungskoordination im Kompetenzzentrum Familienleistungen“


Hamburg

Universität Hamburg, Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Natur -

wissenschaft und Friedensforschung (Prof. Dr. Martin B. Kalinowski):

Amending the WCO’s Harmonized System to Strengthen Nonproliferation

Efforts for Bioweapons (Workshop) – in Verbindung mit dem Stipendien -

vorhaben von Gunnar Jeremias zum Thema „Ex(port)Im(port) Monitoring

as an Instrument to Control the Spread of Weapons of Mass Destruction“

Hamburg

Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität

Hamburg (Prof. Dr. Hans-Joachim Gießmann): Under which circumstances

are Germany, France and the United Kingdom willing to support a military

operation under EU auspices? – zugunsten von Janina Johannsen

Hamburg

Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität

Hamburg (Prof. Dr. Michael Brzoska): Space – A new dimension for the EU?

The status, the development and the prospects of the emerging European

Space Policy (ESP) in relation to the EU orientation in Security and Defence

Policy (ESDP) – zugunsten von Dr. Marcel Dickow

Hamburg

Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität

Hamburg (Prof. Dr. Michael Brzoska): The merging of development and security.

Analysing EU-institutions’ and member states’ approaches to promoting

policy coherence between development and security – zugunsten von

Isabelle Tannous

Hamburg

Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut gGmbH (Prof. Dr. Thomas Straub -

haar): Migration, Integration and the Impact of Education (Konferenz) – im

Rahmen der Ausschreibung für Studiengruppen zu Migration und Integration

Hannover

Medizinische Hochschule Hannover, Abt. Epidemiologie, Sozialmedizin

und Gesundheitssystemforschung (Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz):

Arbeits aufenthalt von Dr. Anke Bramesfeld bei der Europäischen Kommis -

sion, Luxemburg, zum Thema „Die psychische Gesundheit der Bevölkerung

verbes sern: Umsetzen der europäischen Strategie zur Förderung der

psychischen Gesundheit“

Kiel

Rom/Italien

Universität Kiel, Institut für Sozialwissenschaften (Prof. Dr. Joachim Krause);

Istituto Affari Internazionali, Roma (Prof. Dr. Natalino Ronzitti): The EU as a

global actor in the UN reform process (Konferenz)

Angeregte Diskussionen und aufmerksame

Zuhörer bei der Young Faces Conference

2007 in Turin, in deren Rahmen 22 weitere

Stipendiaten in das Programm „European

Foreign and Security Policy Studies“ aufgenommen

wurden.

Jahresbericht 2007 Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen 105


106

Köln

Berlin

Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln (Jürgen Lautwein);

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH (Heinrich Baßler):

Journalistenprogramm Gesellschaftswissenschaften – Journalists in

Residence (Pilotphase)

Münster

Universität Münster, Institut für Ökonomische Bildung (Prof. Dr. Thomas

Apolte): Reformen frühkindlicher Bildung und Betreuung aus ökonomischer

Sicht – ein Beitrag zur Bewältigung des demografischen Wandels (Tagung)

Münster

Philosophisch-Theologische Hochschule, Münster (Prof. Dr. Thomas

Dienberg): Abschluss des Vorhabens von Professor Dr. Michael Fischer,

Münster, zum Thema „Qualität der Patientenversorgung – Der spezifische

Beitrag konfessioneller Krankenhäuser und dessen konsequente Umsetzung“

Osnabrück

Potsdam

Universität Osnabrück, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle

Studien (Prof. Dr. Michael Bommes); Universität Potsdam, Institut für

Germanistik (Prof. Dr. Christoph Schroeder): Studiengruppe Migration und

Integration zum Thema „Schriftspracherwerb in der Organisation Schule

unter den Bedingungen von Migration und Mehrsprachigkeit. Eine vergleichende

Untersuchung“

Oxford/Großbritannien

University of Oxford, Humanities and Social Sciences Research (Linda

Andrews): A „force for good in the world“? Europe and the use of armed

force after 11 September – zugunsten von Aleksandra Krakiewicz

Oxford/Großbritannien

University of Oxford, Humanities and Social Sciences Research (Linda

Andrews): A single voice for effective multilateralism? EU foreign policy

coordination and transatlantic conflicts over multilateral agreements –

zugunsten von Caroline Fehl

Wien/Österreich

Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte, Wien (Prof. Dr. Manfred

Nowak): The EU’s human rights dialogue with China and Iran: constructive

engagement or failure of the common foreign and security policy? –

zugunsten von Katrin Kinzelbach


Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften

– Programm zur Förderung fachübergreifender

und internationaler Zusammenarbeit

Die von der VolkswagenStiftung 1998 eingerichtete Förderinitiative „Schlüs -

sel themen der Geisteswissenschaften“ zielt auf die geistes- und kulturwissenschaftlichen

Disziplinen. Sie sind aufgerufen Projektthemen zu definieren,

die aktuelle, in der Gesellschaft diskutierte Fragestellungen aufgreifen und

die sich darüber hinaus nur im interdisziplinären Verbund bearbeiten lassen

– nach Möglichkeit unter Einschluss naturwissenschaftlicher Fächer. Mit

diesen zwei zentralen Anforderungen will die VolkswagenStiftung Geistes -

wissenschaftlern Anreize und entsprechende Fördermöglichkeiten geben für

die inhaltliche wie strukturelle Weiterentwicklung der betreffenden Fächer

– und dazu, dass sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aktiv

entsprechenden Fragestellungen öffnen, auch und gerade im internationalen

Kontext.

Von Interesse sind insbesondere Themen, die zudem jenseits der Wissen -

schaft mit Resonanz rechnen können. Es versteht sich von selbst, dass die

Stiftung solche „Schlüsselthemen“ nicht vorgibt. Vielmehr sind bereits beim

Aufspüren entsprechender Problemfelder und Fragestellungen intellektuelles

Gespür und wissenschaftliche Neugier gefordert. An den Forscherinnen und

Forschern liegt es zu verdeutlichen, dass sie eine Thematik gewählt haben,

die den strengen inhaltlichen Kriterien des Programms entspricht und deren

Bearbeitung sich nur im Zusammenwirken verschiedener Disziplinen sinnvoll

leisten lässt. Besonderen Wert legt die Stiftung in diesem Zusammen -

hang auch auf eine überzeugende Präsentation und Vermittlung der

Ergebnisse in der akademischen Lehre und gegenüber der interessierten

Öffentlichkeit.

Anträge 2007

Eingereicht 5

mit Volumen in Mio. Euro 4,7

Bewilligungen 2

mit Volumen in Mio. Euro 0,9

Bewilligungen insgesamt 37

in Mio. Euro, seit 1998 16,1

Bei Familientreffen wie diesem spielen

Fragen der Generationengerechtigkeit üb -

licherweise keine Rolle. Die demografische

Debatte findet auf dem politischen Parkett

und zunehmend auch in der Wissenschaft

statt. Jetzt wollen Forscher aus Berlin, Zürich

und Florenz die Begriffe „Generation“ und

„Erbe“ als soziale Kategorien aus unterschiedlichen

Perspektiven beleuchten.

Jahresbericht 2007 Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen 107


108

Am Zentrum für Literatur- und Kulturfor -

schung Berlin wird der Projektteil zum Thema

Erbe bearbeitet: Dr. Ulrike Vedder, Professorin

Dr. Sigrid Weigel und Dr. Stefan Willer (von

links) diskutieren die Frage, welche Rolle

Generation und Erbe als Kon zepte in der

aktuellen demografischen Debatte spielen.

Das im Jahr 2007 bewilligte Projekt „Generationen in der Erbengesellschaft

– ein Deutungsmuster soziokulturellen Wandels“ greift ein Thema wissenschaftlich

auf, das auch die Gazetten seit nunmehr einigen Jahren beherrscht:

den demografischen Wandel. Die Schlagzeilen lauten: „Die Menschen in

Deutschland werden immer älter, die Zahl der Kinder sinkt, unsere Sozialsys -

teme sind in Gefahr!“. Eng mit den Statistiken und Prognosen verknüpft sind

Verteilungsfragen und somit auch Fragen der Gerechtigkeit zwischen den

Generationen. Welche Rolle aber spielen Generation und Erbe als Konzepte

in der heutigen demografischen Debatte? Diese Frage möchte das Forscher -

team von Professorin Dr. Sigrid Weigel vom Zentrum für Literatur- und

Kulturforschung Berlin gemeinsam mit Professor Dr. Peter Breitschmid vom

Rechtswissenschaftlichen Institut der Universität Zürich und Professor Dr.

Martin Kohli vom European University Institute Florenz beantworten.

Dabei geht dieses kultur-, rechts- und sozialwissenschaftliche Vorhaben von

der Ausgangshypothese aus, dass „Generation“ und „Erbe“ nicht nur biolo -

gische, sondern zugleich soziale Kategorien sind; äußerst bedeutungsreich

und gebunden an bestimmte – historische und kulturelle – Bedingungen.

Diesen Facetten der beiden Begriffe nachzuspüren und deren Rolle im soziokulturellen

Wandel zu untersuchen, ist übergreifendes Ziel des interdisziplinären

Vorhabens. Der umfangreiche Themenkomplex soll dabei in mehreren

Teilprojekten bearbeitet werden:

So ist der Nachfolgeprozess in Familienunternehmen Kernthema des sozio -

logischen Teilvorhabens. Drei Branchen sollen in Deutschland und Italien

quantitativ und qualitativ verglichen werden: verarbeitendes Gewerbe, Kon -

sumgüterproduktion und Dienstleistungen. Wie wird die Erbfolge geregelt?

Welche Rolle spielen nationalkulturelle Prägungen, welche die „Modernität“

einer Branche? Mit Rückkoppelungen gesellschaft licher und wirtschaftlicher

Entwicklungen auf das Erbrecht in Deutschland beschäftigt sich das rechtswissenschaftliche

Teilprojekt. Stützt sich das Erbrecht bis heute auf das Fa mi -

lienbild des ausklingenden 19. Jahrhunderts, haben sich seither die Para me ter

massiv verändert: Der Einzelne lebt seinen Anspruch auf Individu ali tät, die

Verantwortung wird von Individuum und der Familie zum Staat verschoben.

Wie kann das Erbrecht den veränderten Bedingungen Rechnung tragen?

Einen eher wissenschaftshistorischen Zugang verfolgt das Teilprojekt „Die

Generationalisierung der Ökonomie“. Denn das Denken in Begriffen von

Generationen hat sich im Bereich der ökonomischen Analyse erst seit dem

Zweiten Weltkrieg nach und nach herausgebildet. Die an diesen Arbeiten

beteiligten Wissenschaftler wollen zeigen, dass sowohl die Annahme, dass

jede Gesellschaft auf einer klaren Abgrenzung zwischen „Alt“ und „Jung“

basiert, als auch die Vorstellung, dass zwischen diesen Gruppen Transfer pro -

zesse existieren, die eine Erklärung der sozialen und kulturellen Dynamik

liefern, historisch bedingt sind. Wie sich das Generationenthema in der

deutschsprachigen Literatur der Gegenwart spiegelt, greift das literaturwis-


senschaftliche Teilvorhaben auf. Der heutige Boom der Generationenromane

ließe sich durchaus als eine besondere Thematisierung von „Erbengesell -

schaft“ und „Generationengerechtigkeit“ verstehen. Untersucht werden soll

ein Textkorpus von dreißig Romanen mit einem Themenspektrum, das von

„Vergangenheitsbesessenheit“ bis „Zukunftsverweigerung“ reicht.

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive wiederum verfolgt das Projekt -

team die Frage nach dem kulturellen Erbe als symbolischer Ordnung. Welche

Rolle spielt das Konzept der Intergenerationalität als Argument und Problem

in der globalen Kulturpolitik – etwa für die Zuweisung des Prädikats „Welt -

kul turerbe“? Denn wie die Konzepte der Generationengerechtigkeit und des

Generationenvertrags ist auch das des „kulturellen Erbes“ auf die Zukunft

ausgerichtet; anders als jene betont es aber außerdem den Vergangenheits -

bezug in Form eines konservatorischen Auftrags. Damit soll das derzeit überaus

wirksame Konzept der „konservatorischen Futurisierung“ analysiert

werden, denn schließlich wird mit der Auszeichnung eines Weltkulturerbes

auch das Rezeptionsverhalten kommender Generationen festgelegt.

In seiner Gesamtperspektive erforscht das Wissenschaftlerteam mithin

nicht den demografischen Wandel „an sich“, sondern die Deutungsmuster,

die für diesen Wandel herangezogen werden. Ziel des mit rund 900.000 Euro

unterstützten Vorhabens ist es somit, eine Art „Kulturdemografie“ zu entwickeln

– mithilfe diskursanalytischer und empirischer Untersuchungen

sowie begriffs- und kulturgeschichtlicher Reflexionen. Sigrid Weigel knüpft

mit diesem Projekt an die Ergebnisse eines ebenfalls als Schlüsselthema der

Geisteswissenschaften von der VolkswagenStiftung geförderten Projekts

„Erbe, Erbschaft, Vererbung. Überlieferungskonzepte zwischen Natur und

Kultur im historischen Wandel“ an.

Das an der Zahl der Förderanfragen abzulesende Interesse an der Initiative

„Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften“ war im Berichtsjahr unver -

ändert hoch. Zugleich aber zeigt das quantitativ unterdurchschnittliche

Bewilligungsergebnis des Jahres 2007, dass die geforderten Brückenschläge

über Disziplinengrenzen hinaus an die betei ligten Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftler nach wie vor schwer einzulösende Ansprüche stellen und

der Weg von einer ersten Projektidee bis zur Entwicklung und Vorbereitung

eines komplexen, fächerübergreifenden „Schlüsselthemen“-Vorhabens weit

und schwierig ist. Dem sucht die Stiftung mit ihrem zweistufigen Verfahren

der Antragsprüfung und insbesondere mit ihrem Angebot eines Beratungs -

gesprächs auf der Basis der zunächst einzureichenden Skizze Rechnung zu

tragen – ein Angebot, das von der interessierten scientific community begrüßt

und gern angenommen wird. Dasselbe gilt für die Möglichkeit, bei entsprechender

Begründung und erfolgreich bestandener Antragsprüfung nach den

Kriterien der Förderini tiative „Symposien und Sommerschulen“ einen vor -

bereitenden Workshop durchführen zu können. Im Berichtsjahr kam es in

einem Fall zur Bewilli gung einer solchen Veranstaltung.

Fördermöglichkeiten

Die Stiftung unterstützt interdisziplinär

und nach Möglichkeit international

zusammengesetzte Arbeitsgrup -

pen, die in deutschen Hochschulen

verankert sind oder – soweit es sich

um außeruniversitäre Einrichtungen

handelt – eine enge universitäre

Kooperation vorsehen. Die Förderung

kann erfolgen durch Vergabe von

Personalmitteln, insbesondere für

Nachwuchswissenschaftlerinnen und

-wissenschaftler, aber auch für (ausländische)

Gastforscher, sowie durch

Bereitstellung von Sachmitteln einschließlich

Reisekostenzuschüssen.

Dabei soll die Förderung als Ergän -

zung der von der antragstellenden

Einrichtung einzubringenden personellen

und sächlichen Grundaus stat -

tung vorrangig den projektbezogenen

zusätzlichen Bedarf abdecken.

Die Prüfung der Vorhaben erfolgt

in einem zweistufigen Verfahren:

Zunächst werden „Skizzen“ zur Vor -

prüfung entgegengenommen; bei

positivem Ausgang fordert die Stif -

tung zur förmlichen Antragstellung

auf. Die Förderdauer beträgt zunächst

drei, insgesamt längstens fünf Jahre.

>> Merkblatt 65

Kontakt

Dr. Vera Szöllösi-Brenig

Telefon 0511/8381-218

szoelloesi@volkswagenstiftung.de

Jahresbericht 2007 Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen 109


110

Neue Bewilligungen

Berlin, Zürich/Schweiz, San Domenico di Fiesole/Italien

Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin (Prof. Dr. Sigrid Weigel);

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Lehrstuhl für Privatrecht

(Prof. Dr. Peter Breitschmid); European University Institute, San Domenico di

Fiesole, Department of Social and Political Sciences (Prof. Dr. Martin Kohli):

Generationen in der Erbengesellschaft – ein Deutungsmuster soziokulturellen

Wandels

Heidelberg, München, Göttingen, Magdeburg, Freiburg, Leipzig

Universitätsklinikum Heidelberg, Sektion „Phänomenologische Psycho -

pathologie und Psychotherapie“ (Prof. Dr. Thomas Fuchs); Zentrum für

Psychosoziale Medizin (Dr. Corinna Reck); Universität Heidelberg, Lehrstuhl

für Entwicklungs- und Biopsychologie (Prof. Dr. Sabina Pauen); Universität

München, Philosophie-Department (Prof. Dr. Thomas Buchheim); Universität

Göttingen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Prof. Dr. Gerald Hüther);

Lehrstuhl für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie (Prof.

Dr. Nicole von Steinbüchel); Universität Magdeburg, Institut für Philosophie

(Prof. Dr. Michael Pauen); Universität Freiburg, Lehrstuhl für Moraltheologie

(Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff); Max-Planck-Institut für evolutionäre

Anthropologie, Entwicklungs- und komparative Psychologie, Leipzig (Prof. Dr.

Michael Tomasello): Das Gehirn als soziales, kulturelles und geschichtliches

Organ. Die Inkorporation soziokultureller Erfahrungen in psychischen und

neuronalen Strukturen (Symposium)

Die Gegenüberstellung des schlichten peruanischen Andenfriedhofs Nr. 731 zu den Bildern des

Monu mentalfriedhofs von Buenos Aires zeigt ein Grundanliegen des Forschungsprojekts zum

Generationenübergang, das sich gerade auch gesellschaftswissenschaftlicher Fragen annimmt.


Deutsch plus – Wissenschaft ist mehrsprachig

In vielen Wissenschaftsbereichen, vor allem in den Natur- und Ingenieur -

wis sen schaften, ist der Gebrauch der englischen Sprache auch bei Tagungen

in Deutschland und in Veröffentlichungen längst gang und gäbe. Zunehmend

setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass Denkstil und Sprache eng miteinander

verknüpft sind und die schlichte Übersetzung einer wissenschaft -

lichen Arbeit in eine andere Sprache nicht selten mit deutlichen Veränderun -

gen und Einbußen in Ausdruck, Akzentuierung und Bedeutung verbunden

ist. Gerade über die jeweils verwendete Sprache finden spezifische Begriffe,

Erkenntnis- und Deutungsmuster Eingang in die Prozesse von Forschung

und Lehre. Sie prägen deren Profil, machen in ihrer auch kulturell bedingten

Differenzierung den Nuancenreichtum von Wissenschaft aus und lassen

sich beim Wechsel der Wissenschaftssprache nur eingeschränkt übertragen.

So gesehen ist Wissenschaft unzweifelhaft mehrsprachig. Eben diesem

Verständnis trägt die VolkswagenStiftung mit ihrer neuen Förderinitiative

Rechnung. Ziel soll es dabei sein, im Kontext wissenschaftlicher Mehrspra -

chig keit dem Deutschen als Wissenschaftssprache und den in deutscher

Sprache erarbeiteten wissenschaftlichen Erkenntnissen international angemessenen

Raum und mehr Gewicht zu geben. Die Förderinitiative „Deutsch

plus – Wissenschaft ist mehrsprachig“ umfasst vier Komponenten:

1. eine Ausschreibung für mehrsprachige Studienangebote an deutschen

Hochschulen;

2. ein als Wettbewerb gestaltetes Angebot für Übersetzungen herausragender

deutschsprachiger wissenschaftlicher Arbeiten;

3. Fördermöglichkeiten für Forschungsvorhaben zu Fragen der sprachlichen

und kulturellen Prägung wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens;

4. ein Veranstaltungsprogramm zum Thema „Wissenschaft ist mehrsprachig“.

Ausschreibung für mehrsprachige Studienangebote

Ziel ist hier die Entwicklung und anschließende Implementierung mehr -

sprachiger Studienangebote. Diese Curricula sollen sich zugleich an ausländische

und deutsche Studierende richten mit dem Ziel, dass diese am Ende

mindes tens zwei Sprachen auf wissenschaftlichem Diskursniveau beherrschen.

An gesprochen sind alle Fächer, in denen wissenschaftliche Mehrsprachigkeit

in der jeweils vorgesehenen Kombination die späteren beruflichen Perspek -

tiven der Absolventen innerhalb und/oder außerhalb der Wissenschaft

grundlegend verbessert und wesentlich erweitert. Mit Blick auf die auslän -

dischen Stu dierenden geht es zugleich darum, ihnen mit der sicheren Beherr -

schung des Deutschen und einer vertieften Landeskenntnis nicht nur güns -

tigere Beschäf tigungschancen – etwa als Ökonomen, Ingenieure, Mediziner

oder Psychologen, als Juristen, Soziologen oder Historiker – in Deutschland

zu eröffnen, sondern sie damit auch als interkulturelle Vermittler und mög -

liche Multiplikatoren des Deutschen im Ausland zu gewinnen.

Anträge 2007

Eingereicht 1

mit Volumen in Mio. Euro 0,2

Bewilligungen 1

mit Volumen in Mio. Euro 0,2

Bewilligungen insgesamt 1

in Mio. Euro, seit 2007 0,2

Kontakt für alle Komponenten

Prof. Dr. Hagen Hof

Telefon 0511/8381-256

hof@volkswagenstiftung.de

>> Merkblatt 89

Fördermöglichkeiten Curricula

Die Stiftung will in jeder Ausschrei -

bungsrunde bis zu fünf Studien gän -

ge mit maximal jeweils 200.000 Euro

drei Jahre lang fördern. In Betracht

kommen auch Studienangebote, die

das Ziel wissenschaftlicher Mehrspra -

chigkeit in der Kooperation von deutschen

und ausländischen Hoch schu -

len verfolgen. Grundsätzlich können

mehrsprachige Studiengänge aller

Qualifikationsstufen unterstützt

werden: das heißt Bachelor-, Masterund

Promotionsstudiengänge.

Nicht gefördert werden die Entwick -

lung und Verankerung einzelner

Sprach module ohne integratives

mehrs prachiges Gesamtkonzept.

Jahresbericht 2007 Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen 111


112

Fördermöglichkeiten Übersetzungen

Die Stiftung fördert pro Jahr die Übersetzung

von bis zu zehn Monografien

und von maximal zehn kürzeren

Arbeiten, zum Beispiel Zeitschrif ten -

aufsätzen. Bei der Veröffentlichung

von Aufsätzen in englischer oder

einer anderen Weltsprache ist in ers -

ter Linie an thematisch gegliederte

Sammelbände in einer international

ausgerichteten eigenständigen Reihe

gedacht, mit deren Hilfe man im

Ausland auf wichtige wissenschaft -

liche Entwicklungen in Deutschland

– vor allem in der Theoriebildung –

aufmerksam machen kann. Selbst -

bewerbungen von Autoren oder

Herausgebern sind nicht möglich.

Zum ersten Stichtag dieser Ausschreibung Ende 2007 erhielt die Stiftung

elf Skizzen; sieben Hochschulen wurden zur Antragstellung aufgefordert.

Die Gewinner des Wettbewerbs werden in der zweiten Jahreshälfte 2008

feststehen.

Übersetzung deutschsprachiger wissenschaftlicher Arbeiten

In vielen Wissenschaftsbereichen im englischsprachig dominierten Ausland

werden Veröffentlichungen in deutscher Sprache deutlich weniger oder gar

nicht zur Kenntnis genommen. Liegen von deutschen Autoren Publikationen

in englischer Übersetzung vor, sind solche Übersetzungen nicht selten von

minderer Qualität. Das wiederum führt zu einer – oft sachlich unangemes -

senen – negativen Bewertung jener Arbeiten. All das schwächt die internationale

Bedeutung und Reichweite der in Deutschland betriebenen Wissen -

schaft. Auch besteht die Gefahr, dass ältere Literatur, die nur in deutscher

Sprache verfügbar ist, zunehmend in Vergessenheit gerät – und mit ihr die

wissenschaftliche Leistung selbst und deren wissenschaftshistorische

Bedeutung.

Um den in deutscher Sprache entwickelten wissenschaftlichen Methoden

und Erkenntnissen international angemessene Aufmerksamkeit zu verschaffen,

hat die VolkswagenStiftung einen Wettbewerb ausgeschrieben für herausragende

deutschsprachige wissenschaftliche Arbeiten – vorrangig Mono gra -

fien –, die professionell ins Englische oder in eine andere wissenschaftliche

Weltsprache übersetzt werden sollen. Das Angebot richtet sich an alle Fach -

richtungen, wobei vor allem jene Fachgebiete angesprochen werden, bei

denen es im Zuge der Übersetzung nicht nur um den Brückenschlag zwischen

fachsprachlichen Terminologien geht, sondern gerade auch um die

stimmige Übertragung eines spezifischen Denkstils in die andere Sprache.

Zum ersten Termin für das Einreichen von Vorschlägen Ende Dezember 2007

gingen bei der Stiftung 21 Anträge ein. Etwa Mitte des Jahres 2008 werden

die Gewinner der ersten Ausschreibungsrunde feststehen.

Forschungsprojekte

Ferner fördert die Stiftung Forschungsprojekte zu Fragen der Prägung wissenschaftlichen

Denkens und Arbeitens durch Sprache und Kultur. Dabei

kann es um die Herausbildung wissenschaftlicher Terminologien und um

die Auslegung von Texten ebenso gehen wie um die Leistungsfähigkeit und

Leistungsgrenzen gängiger Wissenschaftssprachen und die Unterschiede

der durch sie geprägten Deutungskonzepte. Priorität genießen Vorhaben, die

Wissenschaftssprachen vergleichen, und solche mit konkreten Perspektiven

für die Praxis in Forschung und Lehre.


In diesem Rahmen hat die Stiftung Professor Dr. Ulrich Ammon und Privat -

dozentin Dr. Roswitha Reinbothe vom Institut für Germanistik der Universität

Duisburg-Essen 177.900 Euro bewilligt für das Projekt „Mehrsprachigkeit bei

internationalen wissenschaftlichen Kongres sen“. Das Forscherteam will dabei

die Praxis der Mehrsprachigkeit bei solchen Kongressen vom 19. Jahrhundert

bis in die Gegenwart verfolgen. Von Interesse sind Veran staltungen der

Fächer Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Psycholo gie, Geografie,

Geschichte und Philosophie. Ziel ist es unter anderem herauszuarbeiten,

welche Sprachenregelungen bei den Kongressen getroffen wurden, welche

Sprachen politik sich damit verband und wie die Mehrsprachigkeit während

der Versammlungen oder Kommissionssitzungen der Veranstal tungen und

in den sich auf sie beziehenden Publikationen praktiziert wurde.

Im Mittel punkt stehen die Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch, auch

Italienisch und Spanisch in ihrem Verhältnis zueinander, deren Status und

Verwendung als Vortrags-, Diskussions-, Übersetzungs- und Publikations -

spra chen und die Entscheidung anderssprachiger Wissen schaftler für eine

dieser Sprachen als Lingua franca. An ausgewählten Beispielen möchten die

Wissenschaftler zudem begriffliche und strukturelle Eigenarten der Sprachen

untersuchen, terminologische Arbeiten, Gedanken gänge und Dar stellungs -

weisen betrachten sowie sich mit Verständnis- und Übersetzungsproblemen

beschäftigen. Ausgewertet werden Kongresspubli kationen, Berichte und

Korrespondenzen einzelner Wissenschaftler sowie Archiv materialien.

Veranstaltungsprogramm

Ein Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen, Streitgesprächen, Podiums -

diskussionen und Symposien rund um das Thema „Wissenschaft ist mehrsprachig“

begleitet die Förderinitiative. Darin geht es – ähnlich wie in den

Forschungsprojekten – um Funktion und Bedeutung von Sprache und Kultur

für die wissenschaftliche Arbeit. Mit diesen Veranstaltungen schlägt die

Stiftung zugleich eine Brücke zu ihrer – gemeinsam mit drei weiteren

Wissenschaftsförderern getragenen – Initiative „Pro Geisteswissenschaften“.

Doch sollen hier auch die Natur- und Ingenieurwissenschaften und die Medi -

zin einbezogen werden. Priorität haben Fragestellungen, die einen problem -

bezogenen Vergleich verschiedener Wissenschaftssprachen thematisieren.

Neue Bewilligungen

Duisburg

Universität Duisburg-Essen, Standort Duisburg, Institut für Germanistik

(Prof. Dr. Ulrich Ammon, Priv.-Doz. Dr. Roswitha Reinbothe):

Mehrspra chig keit bei internationalen wissenschaftlichen Kongressen

Als erstes Projekt in der Initiative „Deutsch

plus” wird ein Vorhaben von Professor Dr.

Ulrich Ammon (unten, links) und Privatdo -

zen tin Dr. Roswitha Reinbothe (rechts) von

der Univer sität Duisburg-Essen gefördert. Sie

wollen der Tradition der Mehrsprachigkeit

bei internationalen Kongressen nachgehen

und ermitteln, welche Sprachpolitik sich in

den jeweils getroffenen Regelungen spiegelt.

Im Bild oben das englischsprachige Titelblatt

eines Chemie-Kongresses von 1909, unten

Kongresspublikationen von 1908 bis 1954 mit

Titeln in deutscher, französischer, englischer

und italienischer Sprache.


116

120

122

Außergewöhnliches

Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft

European Platform for Life Sciences, Mind Sciences, and the Humanities


Förderung 2007

Offen – für Außergewöhnliches

Wer eine herausragende wissenschaftliche Projektidee hat, einen innovativen,

außergewöhnlichen Forschungsansatz verfolgt, sein Gebiet schon spürbar vorangebracht

hat, quer zu Disziplinen und Mainstream denkt, aber unter den aktuellen

Förderinitiativen der VolkswagenStiftung keine findet, der sich das geplante Vor -

haben zuordnen lässt – der könnte dennoch bei der VolkswagenStiftung an der

richtigen Adresse sein. Die Stiftung ist sehr daran interessiert, auch Vorhaben zu

fördern, für die es bei ihr derzeit kein entsprechendes Rahmenangebot gibt. Auf

diese Weise möchte sie ein Forum bieten für Ideen und Konzepte, die zukunftsweisenden

Fragestellungen gelten und durch Zusammenführung unterschiedlicher

Fachrichtungen und methodischer Ansätze neue Perspektiven eröffnen – in der

Forschung, in der Lehre und nicht zuletzt im Zusammenspiel von Wissenschaft,

Praxis und Öffentlichkeit.

Dieses Angebot zielt allerdings nicht auf den Regelfall, sondern auf die Ausnahme.

Wer hier zum Zuge kommen will, muss daher mit seinem Vorhaben nicht nur

höchsten wissenschaftlichen Maßstäben genügen, sondern auch plausibel machen

können, dass sich dafür im Rahmen der Förderangebote anderer Institutionen

keine Unterstützung finden lässt und somit die VolkswagenStiftung gefordert ist.

Auf alle Fälle empfiehlt es sich, zunächst Kontakt mit der Stiftung aufzunehmen

und eine entsprechende Ideenskizze vorzulegen. Sollte die Stiftung keine Möglichkeit

sehen, die Pläne mit Aussicht auf Erfolg aufzugreifen, wird sie dies so schnell wie

möglich mitteilen; dies, aber auch nicht mehr. Denn es hat sich bewährt, kurz und

knapp zu antworten – schon um endlose Folgediskussionen und somit eine

Blockade dieses offenen Förderangebots zu vermeiden.


116

Offen – für Außergewöhnliches

Anträge 2007

Eingereicht 7

mit Volumen in Mio. Euro 1,7

Bewilligungen 6

mit Volumen in Mio. Euro 1,5

Was macht Menschen zu Helfern? Professor

Dr. Harald Welzer (Bildmitte) vom Kultur wis -

senschaftlichen Institut in Essen geht dieser

Frage mit Blick auf die Zeit des Natio nalso -

zia lismus in Deutschland nach. Gemein sam

mit seinen Mitarbeitern Annelie Schmidt M.

A., Dr. Christian Gudehus, Sonja Fücker M. A.

und Heike Wulfert M. A. (von links) will er

rund 2500 Fallgeschichten aus den Archiven

der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

analysieren und die letzten noch lebenden

Geretteten und ehemaligen Helfer befragen.

Außergewöhnliches

Wenngleich die VolkswagenStiftung mit wechselnden Initiativen Prioritäten

in der Förderung setzt, so ist sie doch immer auch außerhalb ihres Förder -

spektrums „offen für Außergewöhnliches“ – und damit für einzelne Vorhaben,

die aus besonderen Gründen Unterstützung verdienen. In der Folge sollen

Beispiele aus dem Jahr 2007 verdeutlichen, woran in diesem Bereich außerhalb

der fest umrissenen Förderinitiativen gedacht ist.

Untersuchungen zum Holocaust haben sich bisher hauptsächlich auf die

Entstehungsbedingungen des Massenmords und auf das Handeln der Täter

konzentriert. Das Verhalten derjenigen, die sich in Situationen extremer

Gewalt dem Töten verweigerten oder zu Helfern oder Rettern von potenziellen

Opfern wurden, ist demgegenüber weitaus weniger beachtet worden.

Hier soll ein Projekt neue Erkenntnisse bringen, das am Kulturwissen schaft -

lichen Institut (KWI) in Essen, einem Forschungskolleg der Universitäten

Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen, angesiedelt ist. Es trägt den Titel

„Referenzrahmen des Helfens. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum

prosozialen Verhalten unter restriktiven Bedingungen“ und wird geleitet

von Professor Dr. Harald Welzer, Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre

Gedächtnisforschung am KWI.

Im Unterschied zur bisherigen Forschung über „prosoziales Verhalten“ will

das Team um Professor Welzer in erster Linie die sozialen Bedingungen

berücksichtigen und entschlüsseln, unter denen geholfen wurde. Ziel ist, die

Handlungssituationen der Helfer sowie deren Situationswahrnehmungen,

Hintergrundannahmen und sozialen Verpflichtungen zu rekonstruieren, um

Variablen zu identifizieren, die für selbstloses Handeln entscheidend sind.

Die Basis der Untersuchungen bilden rund 2500 Fallgeschichten, die in den

Jahren 1997 bis 2002 vom Institut für Antisemitismusforschung in Berlin

gesammelt wurden und nun bei der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

archiviert sind. Sie sollen in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte aufbereitet

und ausgewertet werden. Darüber hinaus sind Interviews mit den letzten

überlebenden Geretteten und ehemaligen Helfern und Rettern geplant. Um

ihre Ergebnisse in einen breiteren Kontext einzubetten, wollen die Forscher

auch Material zum Hilfeverhalten aus anderen historischen und kulturellen

Kontexten – wie zum Beispiel Ruanda, Ex-Jugoslawien oder Argentinien –

zum Vergleich heranziehen. Erwartet wird, dass auf diese Weise eine große


Forschungslücke im Bereich der Holocaust- und Massengewaltforschung

geschlossen werden kann und Ergebnisse produziert werden, die auch für

Strategien der politischen Bildung, der Gedenkstättenpädagogik und des

Geschichtsunterrichts von Relevanz sind. Die Stiftung unterstützt das

Vorhaben mit rund 348.000 Euro.

Über die Geschichte der Juden im Nachkriegsdeutschland ist bislang wenig

bekannt; die Jahreszahl 1945 markiert für viele das vermeintliche Ende des

Judentums in diesem Land. Dass die Geschichte der Juden in Deutschland

über das Jahr 1945 hinausreicht und die hiesige jüdische Gemeinde inzwischen

zur drittgrößten in Europa herangewachsen ist, wird vielfach nicht

einmal zur Kenntnis genommen. Dieser stark vernachlässigten zeithistorischen

Spur möchte jetzt Professor Dr. Michael Brenner verstärkt nachgehen; er ist

Vorsitzender der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck

Instituts und Leiter der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur der

Universität München. Sein Ziel ist es, ein umfassendes Werk zur „Geschichte

der Juden in Deutschland seit 1945“ zu erarbeiten. Es ist als Gesamtdar stel -

lung konzipiert, die alle Facetten jüdischen Lebens in der Bundesrepublik

Deutschland und in der DDR behandelt und als Gemeinschaftsarbeit namhafter

jüdischer und nichtjüdischer Wissenschaftlerinnen und Wissen -

schaftler entsteht. Fünf Fragestellungen sollen die Untersuchung im

Einzelnen konturieren.

Erstens: Wie stellt sich die demografische Struktur der Juden in Deutschland

nach 1945 dar, und wie wirken sich die jüdischen Migrationsströme, die nach

Deutschland herein- beziehungsweise aus Deutschland herausführen, aus?

Zweitens: Welche Sozialstruktur und Geschlechterbeziehungen lassen sich

im Vergleich zur deutschen, nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft ausmachen?

Drittens: Wie haben sich politische und kulturelle Beteiligungsprozesse der

Juden in Deutschland in dem untersuchten Zeitraum verändert? Viertens:

Welche Rolle spielen Religion und Ethnizität für individuelle und kollektive

jüdische Identitäten? Und fünftens: Wie lässt sich das Verhältnis zwischen

den Juden in Deutschland und der sich entwickelnden Zivilgesellschaft in

der Bundesrepublik unter Berück sichtigung des Spannungsverhältnisses zur

DDR beschreiben?

Bei ihren Forschungen werden die Wissenschaftler auf Bestände verschiedener

Archive in Deutschland – darunter das Zentralarchiv zur Erforschung der

Geschichte der Juden in Deutschland – sowie in Großbritannien, den USA

und in Israel zurückgreifen. Neben der archivalischen Überlieferung ist zu -

dem eine Auswertung von Medien (Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen), aber

auch von Literatur und Theater geplant. Die VolkswagenStiftung unterstützt

die Entstehung des Werkes mit rund 278.000 Euro. Es ist gedacht als fünfter

Band zur „Deutsch-jüdischen Geschichte in der Neuzeit“, deren erste vier

Bände bereits erschienen sind. An ihrer Finanzierung hatte sich die Stiftung

zwischen 1990 und 1996 ebenfalls beteiligt.

Jüdisches Leben in Deutschland hat heutzutage

viele Facetten – dazu gehören auch

eigene Medien: Lena Gorelik M. A. (Bild oben),

Mitarbeiterin im Projekt von Professor Dr.

Michael Brenner von der Universität München,

liest zum Beispiel eine russischsprachige

jüdische Zeitung. Die Projektmitarbei terin -

nen Monika Halbinger M. A. (links) und Lida

Barner erstellen eine Archivdatenbank zur

Geschichte der Juden in Deutschland seit

1945. In ihr sollen Informa tionen mehrerer

Archive verschiedener Länder gebündelt

werden. Auch die Auswertung von Lite ratur,

Theater und aktuellen Medien fließt ein.

Jahresbericht 2007 Offen – für Außergewöhnliches 117


118

Nicht kopfüber an der Decke wie ihr

Forschungsobjekt, der Gecko, sondern mit

beiden Beinen fest auf dem Boden: Ellen

Wohlfart, Graciela Castellanos, Elmar Kroner

und Programmleiterin Dr. Aránzazu del

Campo (von links) vom Saarbrücker Leibniz-

Institut für Neue Materialien erforschen

gemeinsam die Prinzipien der bisher in vielen

Details noch rätselhaften Gecko-Haftung.

Die Natur hält eine Vielzahl von ausgefeilten Techniken bereit, die die

Forscher zuweilen vor große Rätsel stellen. Dazu zählt auch das sogenannte

Gecko-Prinzip: Der Gecko ist in der Lage, kopfüber an der Decke zu laufen –

und das sogar auf glatten Glas flächen. Zwar weiß man mittlerweile, dass

schwache elektrostatische Anziehungs kräfte zwischen Atomen, die Van-der-

Waals-Kräfte, für jene erstaunliche Fähigkeit verantwortlich sind, doch ist es

bisher nur im Labor gelungen, das Prinzip nachzustellen. Im großen Maßstab

ließ sich der rückstandsfreie „Gecko-Kleber“ noch nicht produzieren. Dabei

wäre ein solcher Haft-Mecha nismus heiß begehrt, etwa in der Medizin tech nik

und der Robotik. Ein Team von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen

will diese Lücke nun schließen. Die Forscher – Biologen, Physiker, Chemiker,

Werkstoffwissenschaftler und Ingenieure – setzen an der Schnittstelle zwischen

Grundlagen- und angewandter Forschung an. Mit dabei sind Professor

Dr. Eduard Arzt, Dr. Aránzazu del Campo und Professor Dr. Michael Veith vom

Leibniz-Institut für Neue Materialien in Saarbrücken, Dr. Andreas Gombert

vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg und Dr. Chris -

tofer Arisandy von der BASF AG in Ludwigshafen.

Gemeinsam wollen die Wissenschaftler dem Gecko-Prinzip bis ins Detail auf

die Spur kommen und es mit geeigneten Materialien und Herstellungstech -

no logien zur großtechnischen Anwendung bringen. Das Potenzial ist riesig,

umfasst es doch alle möglichen Befestigungsarten – vom wieder verwendbaren

Klebeband bis hin zu „Gecko-Schuhen“ für Roboter. Am Saarbrücker

Institut geht es zunächst darum, die Struktur der Oberflächen zu bestimmen,

die aneinander haften – und sich voneinander auch wieder lösen – sollten.

Völlig ungeklärt ist beispielsweise das Lösen der Geckohaftung, kann das

Reptil doch nicht nur sehr stark anhaften, sondern sich auch leicht wieder

von der Oberfläche trennen. Bislang weiß man nur, dass er dazu eine Art

Scherbewegung mit den Füßen macht, die jenen Winkel ändert, in dem die

Haare auf den Untergrund auftreffen. Ein einfaches Abreißen der Füße hin -

gegen ist nicht möglich, haben die Saarbrücker Wissenschaftler um Dr. del

Campo bereits herausgefunden. Um über die tatsächlichen Mechanismen

mehr zu erfahren, bedienen sich die Forscher verschiedener Modellsysteme.

Weiteres Ziel ist es, neue Materialien mit den gewünschten Eigenschaften

zu entwickeln. Ob Oberflächen aneinander haften oder nicht, hängt vor

allem von ihren Strukturen ab; hier spielen Polymeroberflächen im Mikround

Nanobereich eine Rolle. Die neuen Materialien werden anschließend

am Freiburger Fraunhofer-Institut in die richtige Form gebracht. Mit Blick

auf die künftige Anwendbarkeit werden die Untersuchungen zum gesamten

Herstellungs prozess von der BASF AG begleitet. Grundlagen- und angewandte

Forschung bis hin zur vorindustriellen Fertigung eines Prototyps sind somit

von Beginn an gekoppelt. Gelingt der Durchbruch beim klebstofffreien

Kleben nach Gecko-Prinzip, würde das mit Sicherheit einiges und vielleicht

auch einige auf den Kopf stellen. Die VolkswagenStiftung unterstützt die

Suche nach dem Klebstoffersatz mit rund 810.000 Euro.


Neue Bewilligungen

Essen

Kulturwissenschaftliches Institut, Essen, Forschungsgruppe Erinnerung

und Gedächtnis (Prof. Dr. Harald Welzer): Referenzrahmen des Helfens.

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum prosozialen Verhalten unter

restriktiven Bedingungen

München

Universität München, Historisches Seminar, Abt. Jüdische Geschichte

und Kultur (Prof. Dr. Michael Brenner): Geschichte der Juden in Deutschland

nach 1945

Saarbrücken, Ludwigshafen, Freiburg

Leibniz-Institut für Neue Materialien, Saarbrücken (Prof. Dr. Eduard Arzt,

Dr. Aránzazu del Campo, Prof. Dr. Michael Veith); BASF AG, Ludwigshafen,

Polymer Research – Polymer for Adhesives (Dr. Christofer Arisandy);

Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, Freiburg, Abt. Material -

forschung und Angewandte Optik (Priv.-Doz. Dr. Andreas Gombert):

Bioinspired reversible adhesives by micro- and nanopatterning techniques

Stellt womöglich einiges auf den Kopf: Die Gecko-Forscher aus Wissenschaft und Industrie ent -

wickeln gemeinsam Polymeroberflächen im Mikro- und Nanobereich, die die Hafthärchen der

Geckos nachbilden (Bild links). Diese Form der Oberfläche erhöht die Adhäsionskraft enorm. Die

Materialien können aber noch weiter verbessert werden: Das rechte Bild zeigt eine Oberfläche mit

einer Zwei-Ebenen-Struktur, die mittels optischer Lithographie gewonnen wurde. Und irgendwann

klappt es dann auch mit dem Kleben ohne Klebstoff.

Jahresbericht 2007 Offen – für Außergewöhnliches 119


120

Anträge 2007

Eingereicht 1

mit Volumen in Mio. Euro 0,1

Bewilligungen 1

mit Volumen in Mio. Euro 0,1

Bewilligungen insgesamt 1

in Mio. Euro, seit 2007 0,1

Eine Facette des Engagements der Stiftung

für eine bessere Verzahnung von Wissen -

schaft und Öffentlichkeit: Von der Stiftung

geförderte Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftler haben die Möglichkeit, an

einem Medientraining teilzunehmen, um

beispielsweise Interviewsituationen zu

üben – sowohl vor dem Mikrofon als auch

im laufenden Bild. Die Trainings – das Bild

zeigt die Teilnehmer im Mai 2007 – finden

im schönen Ambiente der Villa Bosch der

Klaus Tschira-Stiftung in Heidelberg statt.

Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft

Wissenschaft in die Gesellschaft zu vermitteln, erweist sich mehr und mehr

als ebenso dringliche wie anspruchsvolle und schwierige Aufgabe. Denn

Wissenschaft braucht gesellschaftliche Akzeptanz. Die „Öffentlichkeit“, wie

sie sich etwa im politischen Diskurs und in den Medien abbildet, fordert

heute viel stärker als früher, dass sich „Wissenschaft“ öffnet und den Dialog

sucht. Dabei ist schon der Begriff der „Öffentlichkeit“ facettenreich: Diese

beginnt im wissenschaftlichen Raum – denn auch der Experte eines Nach -

barfachs ist bereits Teil der Öffentlichkeit –, geht weiter über die Wissen -

schaftsjournalisten und reicht bis zum oft beschworenen „wissenschaftlich

interessierten Laien“. Die Zielgruppen lassen sich dabei weit ausdifferenzieren.

Entsprechend sollten die Kommunikationsangebote den Bedürfnissen

der jeweiligen Adressaten Rechnung tragen – und zugleich wechselseitigen

Austausch ermöglichen, denn auch mit einseitigen Berichten ist es heute

nicht mehr getan.

Um diese Herausforderungen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft

und Gesellschaft bewältigen zu können, hat die Stiftung im Jahr 2007 die

Förderinitiative „Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft“ ins Leben

gerufen. Die Stiftung kann dabei auf Erfahrungen mit zahlreichen Projekten

und Vermittlungsformaten in der Vergangenheit zurückgreifen. Insofern

findet keine Neuorientierung statt, sondern eine Bündelung, Systemati sie -

rung und ein Ausbau der Aktivitäten zu einem neuen, breit gefächerten

Förderangebot. Die VolkswagenStiftung unterstreicht damit, dass sie die

Verbesserung der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit

als eigenständiges und umfassendes Förderziel begreift. Konkret

fokussiert werden drei Handlungsfelder.


Zum einen möchte die Stiftung die Öffentlichkeitsarbeit in ihren bestehenden

Initiativen und den dort geförderten Projekten besonders berücksichtigen

und zu entsprechenden Aktivitäten ausdrücklich ermuntern. Sie wird hierfür

– bei erfolgreichem Antrag – nach Bedarf entsprechende finanzielle Mittel

vorsehen. Denkbar sind vielerlei Vermittlungsformen, die allerdings jeweils

zielgruppenbezogen und an Nachhaltigkeitskriterien orientiert zu entwickeln

sind.

Um zu einer „Wissenschaftskommunikation auf Augenhöhe“ zu gelangen,

sollen des Weiteren gezielte, hochwertige Angebote neue Wege beschreiten

helfen. Dies umfasst Ausschreibungen, Pilotprojekte und Veranstaltungen

beziehungsweise Veranstaltungsreihen, die die kontinuierliche Verbesserung

der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zum Thema

haben. Die Stiftung wird sich hierbei vor allem darauf konzentrieren, Wis -

sen schaftlerinnen und Wissenschaftlern – besonders aus stiftungsgeförderten

Vorhaben – Einblicke in die Theorie und Praxis der Wissenschaftskommuni -

kation und insbesondere des Wissenschaftsjournalismus zu ermöglichen;

entsprechende, wissenschaftlich abgesicherte Ausbildungskonzepte zu fördern;

Journalisten stärker mit Wissenschaft und Forschung in Kontakt zu

bringen – sowie Foren und Formen der kontinuierlichen Kommunikation

zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu entwickeln helfen, auch

mittels Veranstaltungen zum Rahmenthema.

Der dritte Fokus liegt auf „Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft“ als

Thema der Forschung. Die Kommunikations- und Austauschbeziehungen

zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit und die dabei relevanten Struk -

turen, Faktoren und Prozesse sind alles andere als geklärt. Daher möchte die

Stiftung Vorhaben fördern, die sich gezielt dieser Thematik widmen – sei es

als Forschungsprojekt oder auch als wissenschaftliche Tagung. Besonders

berücksichtigt werden Projekte, die Perspektiven für die Entwicklung und

Ausgestaltung künftiger Wissenschaftsvermittlung und -kommunikation

eröffnen.

Die Initiative traf von Beginn an auf reges Interesse bei ganz unterschied -

lichen Adressatenkreisen – auch im Ausland. Die meisten Anfragen beziehen

sich dabei bislang auf den zweiten Bereich, die fokussierten Angebote zur

„Wissenschaftskommunikation auf Augenhöhe“.

Neue Bewilligungen

Berlin

Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Institut für Museums -

forschung (Prof. Dr. Bernhard Graf): Was heißt und zu welchem Ende betreibt

man Forschung in Museen? (Konferenz)

Fördermöglichkeiten

In der Förderinitiative kommt ein

zweistufiges Antragsverfahren zur

Anwendung. Die Stiftung nimmt

zunächst Skizzen von maximal fünf

Seiten in Bearbeitung, die das betreffende

Vorhaben nach Zielsetzung,

Begründung, inhaltlichem und

methodischem Profil sowie Kosten -

rahmen umreißen sollen. Bei positivem

Ergebnis der Vorprüfung erfolgt

eine Aufforderung zur Antragstel -

lung. Eine Entscheidung über einen

späteren Antrag ist dadurch nicht

präjudiziert. Die Begutachtung der

zur Antragstellung aufgeforderten

Vorhaben erfolgt interdisziplinär und

international. Fördermittel können

für Personal sowie laufende und

einmalige Sachkosten bereitgestellt

werden.

Kontakt

Dr. Adelheid Wessler

Telefon 0511/8381-276

wessler@volkswagenstiftung.de

Jahresbericht 2007 Offen – für Außergewöhnliches 121


122

Anträge 2007

Eingereicht 11

mit Volumen in Mio. Euro 0,8

Bewilligungen 9

mit Volumen in Mio. Euro 0,7

Bewilligungen insgesamt 10

in Mio. Euro, seit 2006 0,8

…und Action! Dr. T. Sophie Schweizer von der

Universität Amsterdam übt beim Medien -

training für die Mitglieder der „European

Platform for Life Sciences, Mind Sciences,

and the Humanities“ mit Fernsehjournalist

Professor Dr. Winfried Göpfert, wie man mit

angenehmen und weniger angenehmen

Fragen bei einem Interview vor laufender

Kamera umgehen kann.

European Platform for

Life Sciences, Mind Sciences,

and the Humanities

Mit der „European Platform for Life Sciences, Mind Sciences, and the Huma -

nities“ möchte die VolkswagenStiftung die Vernetzung von Nachwuchs for -

schern und -forscherinnen vorantreiben, die im Grenzbereich von kognitiven

Neurowissenschaften sowie Geistes- und Gesellschaftswissenschaften arbeiten

– und zwar explizit über Disziplinen- und Ländergrenzen hinweg. Ziel

ist es, die Fronten zwischen den Disziplinen mit ihren jeweiligen Deutungs -

ansprüchen über das Bild vom Menschen aufzubrechen und dadurch das

neu entstehende Forschungsfeld spürbar voranzubringen.

Bei einem ersten Workshop im Oktober 2006 hatten sich circa sechzig Nach -

wuchs wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in mehreren interdiszi -

plinär zusammengesetzten Arbeitsgruppen ausgetauscht. Im Anschluss daran

entwickelten die Gruppenteilnehmer Rahmenkonzepte für eine gemeinsame

zweijährige Arbeitsphase. Insgesamt neun solcher Arbeitsgruppen fördert

die Stiftung nun seit dem Jahr 2007. Die zur Verfü gung gestellten Mittel

ermöglichen gegenseitige Laborbesuche, Workshops oder Arbeitstreffen mit

führenden Wissenschaftlern; geplant sind darüber hinaus einzelne Pilotpro jekte

und gemeinsame Publikationen. Alle Gruppen mitglieder erhalten zudem die

Möglichkeit, an einem Medientraining teil zunehmen. Hierdurch sollen die

für die Interaktion mit Medienvertretern erforderlichen Kompetenzen vermittelt

und so letztlich der professionelle Austausch mit einer breiteren

Öffentlichkeit unterstützt werden.

Charakteristisch für die Initiative ist die von Dr. T. Sophie Schweizer vom

Department of Clinical Neuropsychology an der Freien Universität Amster -

dam, Niederlande, geleitete Arbeitsgruppe „How do we make decisions?“.

In unserem Alltag müssen wir ständig Entscheidungen treffen. Die dabei

in unserem Gehirn ablaufenden Prozesse sind bisher allerdings keineswegs

verstanden. Vor diesem Hintergrund wollen sich die vier jungen Wissen -

schaftlerinnen und sechs jungen Wissenschaftler aus Deutschland, Groß -

britannien, Italien und den Niederlanden mit drei zen tralen Prozessen der

Entscheidungsfindung auseinandersetzen. Zum einen möchten sie der Frage

nachgehen, wie die verschiedenen Optionen, zwischen denen wir uns entscheiden

können oder müssen, überhaupt gebildet werden und welche

Störungen hier möglicherweise bei psychiatrischen Patienten vorliegen.

Weitere Themen sind die Irrationalität von Entscheidungen sowie die Be -

deutung sozialer Interaktionen für den Prozess der Entscheidungs fin dung.

Die VolkswagenStiftung unterstützt die Gruppe mit rund 65.000 Euro.

Ein zweites Projekt, „Neuroscience in Context“, vereint Perspektiven aus den

Neurowissenschaften und der Philosophie mit dem Ziel, die Entwicklungen


in den Neurowissenschaften in ihrem gesellschaftlichen Umfeld zu untersuchen.

Das neunköpfige Team um Dr. Jan Slaby vom Institut für Kognitions -

wis sen schaft der Universität Osnabrück will sich unter anderem mit der

Frage beschäftigen, welche Konsequenzen sich aus der aktuellen neurowissenschaftlichen

Forschung für den einzelnen Menschen, die Gesellschaft

und die menschliche Spezies insgesamt ergeben. Gut 135.000 Euro stehen

dieser Gruppe für ihre Arbeiten zur Verfügung.

Mit 114.000 Euro fördert die Stiftung das „Body Project: Interdisciplinary

inves tigations on bodily experiences“; es wird geleitet von Dr. Manos Tsakiris

vom Psychology Department der Royal Holloway University of London. Die

zehn Gruppenmitglieder aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien

haben sich zum Ziel gesetzt, verschiedene Aspekte der Erfahrung und Wahr -

nehmung des eigenen Körpers zu betrachten. Aus gangspunkt sind drei verschiedene

Dimensionen: die anatomische Dimen sion, die das Gefühl vermittelt,

den eigenen Körper zu besitzen; die funktionelle Dimension, die das

Verhältnis zu den eigenen Handlungen ausdrückt, sodass diese als „meine

Handlung“ wahrgenommen werden – sowie die Dimension der körperlichen

Erste-Person-Erfahrung, die das Gefühl dafür vermittelt, wie der eigene

Körper in der externen Umgebung verankert ist.

Gegen Ende der Arbeitsphase ist ein zweiter gemeinsamer Workshop geplant,

bei dem die Teilnehmer der „European Platform“ ihre Ergebnisse präsentieren

und diskutieren können. Diese sollen dann auch einer breiteren Öffentlichkeit

vorgestellt werden.

Neue Bewilligungen

Amsterdam/Niederlande, Heidelberg, Berlin, Göttingen, Dresden,

Utrecht/Niederlande, Trient/Italien, Oxford/Großbritannien,

Cambridge/Großbritannien

Vrije Universiteit Amsterdam, Department of Clinical Neuropsychology

(Dr. T. Sophie Schweizer); University of Amsterdam, Swammerdam Institute

for Life Sciences (Dr. Tobias Kalenscher); Universität Heidelberg, Klinik für

Allgemeine Psychiatrie (Dr. Stefan Kaiser); Technische Universität Berlin,

Institut für Psychologie und Arbeitswissenschaft (Dr. Florian Klapproth);

Universität Göttingen, Abt. für Wirtschafts- und Sozialpsychologie (Dr.

Andreas Mojzisch); Technische Universität Dresden, Institut für Allgemeine

Psychologie, Biopsychologie und Methoden der Psychologie (Stefan Scherbaum);

Utrecht University, Ethiek Instituut (Annemarie Kalis); Università degli Studi

di Trento (Dr. Giovanna Colombetti); University of Oxford, Department of

Physiology, Anatomy and Genetics (Dr. Kristine Krug); University of Oxford,

Faculty of Philosophy (Dr. Nicholas Shea); University of Cambridge, Depart -

ment of Anatomy (Dr. Philippe Tobler): How do we make decisions?

Fördermöglichkeiten

Derzeit ist keine Antragstellung möglich.

An der Initiative Interessierte

finden die Themen der neun Arbeits -

gruppen samt Teilnehmerkoordi na ten

in der Bewilligungsliste der „Euro -

pean Platform“ auf der Website der

Stiftung ausgehend von der Seite

www.volkswagenstiftung.de/foerde -

rung/aussergewoehnliches.html,

dort unter „European Platform“. Die

Ergeb nisse der Arbeitsgruppen sollen

in einem zweiten Workshop voraussichtlich

im Jahr 2009 zusammen -

getragen werden.

Kontakt

Dr. Henrike Hartmann

Telefon 0511/8381-376

hartmann@volkswagenstiftung.de

Jahresbericht 2007 Offen – für Außergewöhnliches 123


124

Bochum, Tübingen

Universität Bochum, Institut für Philosophie (Gottfried Vosgerau); Universität

Tübingen, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Abt. für Neurode -

genera tion und Abt. für Kognitive Neurologie (Dr. Matthis Synofzik): Are

thoughts motor processes?

Edinburgh/Großbritannien, Magdeburg, München, Cambridge/Großbritannien,

Tartu/Estland, Turku/Finnland

University of Edinburgh, Department of Philosophy (Dr. Julian Kiverstein);

Universität Magdeburg, Institut für Psychologie, Abt. Biologische Psychologie

(Dr. Niko A. Busch); Universität München, Allgemeine und Experimentelle

Psychologie (Agnieszka Wykowska); University of Cambridge, Department

of Experimental Psychology (Dr. Cordula Becker, Christine Michaela Falter);

University of Tartu, Department of Philosophy (Bruno Mölder); University of

Turku, Department of Philosophy (Dr. Valtteri Arstila); University of Turku,

Centre for Cognitive Neuroscience (Valdas Noreika): Subjective time –

Phenomenological property or cognitive construct?

Leipzig, Bochum, Köln, Berlin, Tübingen

Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Standort

Leipzig, Abt. für Psychologie (Dr. Anne Springer); Universität Bochum, Institut

für Philosophie (Dr. Tobias Schlicht, Gottfried Vosgerau); Universität Köln,

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Dr. Leonhard Schilbach); Max-

Planck-Institut für neurologische Forschung, Köln, AG Morphometrie und

Kognition (Dr. Kirsten G. Volz); Humboldt-Universität Berlin, Institut für

Klinische Psychologie (Dr. Daniela Simon); Technische Universität Berlin, Bio-

Neuropsychologie (Dipl.-Psych. Martin Schmidt-Daffy); Universität Tübingen,

Philosophisches Seminar (Alexandra Zinck): Finding culturally (in)dependent

levels of self-representation: The case of emotions

London/Großbritannien, Tübingen, Aachen, Köln, Mainz, Leipzig,

Cambridge/Großbritannien, Paris/Frankreich, Lausanne/Frankreich

Royal Holloway University of London, Psychology Department (Dr. Manos

Tsakiris); King’s College, London, Institute of Psychiatry (Dr. Aikaterini Fotopoulou);

Universität Tübingen, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung,

Abt. für Neurodegeneration und Abt. für Kognitive Neurologie (Dr. Matthis

Synofzik); Technische Hochschule Aachen, Abt. für Philosophie (Philipp

Huebl); Universität Köln, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Nicole

David); Universität Mainz, Abt. für Philosophie (Jennifer Windt); Max-Planck-

Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Standort Leipzig (Dr.

Simone Schütz-Bosbach); University of Cambridge, McDonald Institute (Dr.

Lambros Malafouris); Centre National de la Recherche Scientifique, Paris,

Centre de Recherche en Epistémologie Appliquée (Dr. Dorothee Legrand);

École Polytechnique Fédérale de Lausanne, Laboratory of Cognitive Neuro -

science, Brain Mind Institute (Bigna Lenggenhager): The Body-Project:

Interdisciplinary investigations on bodily experiences


London/Großbritannien, Leipzig, Köln, Paris/Frankreich

King’s College, London, Institute of Psychiatry (Dr. Aikaterini Fotopoulou);

University College London, Royal Holloway University of London, Psychology

Department (Dr. Manos Tsakiris); Max-Planck-Institut für Kognitions- und

Neurowissenschaften, Standort Leipzig, Abt. für Psychologie (Dr. Anne

Springer); Universität Köln, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Nicole

David); Centre National de la Recherche Scientifique, Paris, Centre de

Recherche en Epistémologie Appliquée (Dr. Dorothee Legrand): Pain: Why

others matter-psychological, philosophical and neuroscientific perspectives

Osnabrück, Bad Neuenahr-Ahrweiler, Berlin, Tübingen, Bielefeld, Bonn,

Montreal/Kanada, Cambridge/Großbritannien

Universität Osnabrück, Institut für Kognitionswissenschaft (Dr. Jan Slaby,

M. A., Saskia K. Nagel); Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen

wissenschaftlich-technischer Entwicklungen GmbH, Bad Neuenahr-

Ahrweiler (Dr. Thorsten Galert); Berlin-Brandenburgische Akademie der

Wissenschaften, Berlin (Jan-Christoph Heilinger); Universität Tübingen,

Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie (Dr.

Ahmed A. Karim); Universität Bielefeld, Institut für Wirtschaft und Technik

(Dr. Felicitas Krämer); Universität Bonn, Abt. für Medizinische Psychologie

(Stephan Schleim); McGill University, Montreal, Division of Social and

Transcultural Psychiatry (Dr. Suparna Choudhury); University of Cambridge,

McDonald Institute (Dr. Lambros Malafouris): Neuroscience in context.

Critical perspectives, neuroethics, and anthropology

Turku/Finnland, Freiburg, Tübingen, Mainz, Berkeley/USA, Lausanne/Schweiz

University of Turku, Centre for Cognitive Neuroscience (Valdas Noreika);

Universitätsklinikum Freiburg, Epilepsiezentrum (Dr. Tonio Ball); Neuro -

centre Freiburg, Brain Imaging (Isabella Mutschler); Universität Tübingen,

Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie (Dr.

Ahmed A. Karim); Universität Mainz, Abt. für Philosophie (Jennifer Windt);

University of California, Berkeley, Department of Anthropology (Dr. Nicolas

Langlitz); École Polytechnique Fédérale de Lausanne, Laboratory of Cognitive

Neuroscience, Brain Mind Institute (Bigna Lenggenhager): Approaching the

dreaming mind: Experimental modification of dreams within a new neurophilosophical

framework

Experimente in der virtuellen Realität: Das Team um Dr. Manos Tsakiris von der Royal Holloway

University of London beschäftigt sich mit unserer Körperwahrnehmung. Mittels eines auf dem Kopf

getragenen visuellen Ausgabegeräts werden die Versuchsteilnehmer mit widersprüchlichen senso -

rischen Informationen über ihren Körper und ihre Position im Raum konfrontiert (Bild oben). Dabei

kann es sogar dazu kommen, dass ein virtueller Körper als der eigene wahrgenommen wird. Lebens -

große Projektionen helfen, die Wahrnehmungsprozesse möglichst wirklichkeitsgetreu zu untersuchen

(Bild unten). Die Testperson trägt eine EEG-Kappe, mit der sich die Gehirnaktivität messen lässt.

Jahresbericht 2007 Offen – für Außergewöhnliches 125


128

134

138

Einheit in der Vielfalt? Grundlagen und Voraussetzungen eines erweiterten Europas

Innovationsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft

Zusammenspiel von molekularen Konformationen und biologischer Funktion


Förderung 2007

Beendete Förderinitiativen

Während das Rahmenkonzept stabil ist, verändert sich das konkrete Förder -

angebot stetig. Hat eine Förderinitiative ihren impulsgebenden Zweck erfüllt,

wird sie beendet. Das schafft Raum für neue Ideen und Projekte. Da die Stiftung

Gegenstand und Anliegen beendeter Initiativen auf absehbare Zeit nicht erneut

aufgreift, bringt dies inhaltlich zugleich einen steten Wandel im Förderangebot

der Stiftung mit sich. Von Dauer ist im Förderprogramm der VolkswagenStiftung

somit nur eines: der Erneuerungsprozess.


128

Beendete Förderinitiativen

Anträge 2007

Eingereichte Anträge 65

mit Volumen in Mio. Euro 16,7

Bewilligte Anträge 23

mit Volumen in Mio. Euro 3,5

Bewilligungen insgesamt 168

in Mio. Euro, seit 2000 23,5

Zum 1. August 2007 wurden letztmals

neue Anträge im Rahmen der

Initiative entgegengenommen.

Sie wurden im Frühjahr 2008 entschieden.

Einheit in der Vielfalt?

Grundlagen und Voraussetzungen

eines erweiterten Europas

Zur Einheit in Europa ist es noch ein langer Weg. Immer wieder stößt das

Zusammenwachsen von „Ost“ und „West“ auf Probleme, zeigen sich Miss -

trauen oder Unkenntnis und erweist sich oft schon der Prozess der Verstän -

digung als schwierig. Vor diesem Hintergrund hatte es sich die Volkswa gen -

Stiftung mit dieser im Jahr 2000 eingerichteten Förderinitiative zur Aufgabe

gesetzt, historische und gegenwartsbezogene Forschung zum östlichen

Europa anzustoßen, die – ausgehend von aktuellen Fragestellun gen und

Problemen – die Vielfalt und Heterogenität dieses Kulturraums mit seinen

Bezügen und Verbindungen zum übrigen Europa in den Blick nimmt und

auf diese Weise die Grundlagen und Voraussetzungen für ein nach Osten

erweitertes Europa beleuchtet. Zum Stichtag im August 2007 konnten nun

zum letzten Mal Anträge in der Förderinitiative eingereicht werden.

Vorrangiges Ziel der Initiative war es, Ähnlichkeiten und Unterschiede im

Hinblick auf die Entwicklung in anderen Teilen Europas herauszuarbeiten

und Prozesse der gegenseitigen Beeinflussung und Durchdringung unterschiedlicher

Kulturen zu untersuchen. Vergleichs- und Interaktionsstudien

genossen daher Priorität. Erwartet wurde, dass jeweils ein Bezugspunkt

solcher Forschungen im Bereich des östlichen Europas angesiedelt war,

wohingegen der komplementäre Vergleichs- und Untersuchungsgegen -

stand einem anderen Teil Europas zugehörig sein konnte.

Das thematische Interesse schloss Aspekte der wirtschaftlichen, sozialen und

politischen Entwicklung ebenso ein wie Fragen nach nationalen, ethnischen

oder konfessionellen Identitäten, nach rechtlichen Traditionen, Normen- und

Wertesystemen, Einstellungen und Lebensstilen, Literatur, Musik und Kunst.

Dabei galt das Augenmerk auch aktuellen Entwicklungsprozessen im östlichen

Europa und entsprechend der „Aktualität von Geschichte“. Dies konnte

Untersuchungen zur Identitätsbildung, Selbst- und Fremdwahr nehmung

ebenso einschließen wie die Analyse von Transformationsprozessen oder

empirische Forschungen zu mentalen Dis positionen. Von historischen Unter -

suchungen erwartete die Stiftung, dass sie von gegenwartsbezogenen Frage -

stellungen ausgingen und einen Beitrag zum Verständnis der aktuellen


Situation leisteten. Da aber die Unterschied lichkeit einiger zentraler Ent wick -

lungen weit in die Vergangen heit reicht und sich entsprechende Konti nui -

tätslinien frühzeitig etablieren, schloss der mögliche Untersuchungs zeit raum

für historische Forschungen neben der Neuzeit auch das Mittelalter ein.

Für eine Vielzahl von Fragestellungen bot sich aus Sicht der Stiftung ein

fachübergreifender Ansatz an. Die Stiftung begrüßte daher bei Forschungs -

projekten ausdrücklich eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Zugleich

legte sie großen Wert auf eine länderübergreifende Forschungskooperation;

erwartet wurde in diesem Zusammenhang eine substanzielle Beteiligung

der Wissenschaftler aus dem östlichen Europa. Erforderlich war zudem, dass

von den geplanten Vorhaben zugleich Impulse zur Stärkung der wissenschaftlichen

Kapazität im östlichen Europa ausgingen – zum Beispiel durch

die Qualifizierung und Förderung von Nachwuchs wissenschaftlern.

Im Berichtsjahr wurden neun größere Forschungsvorhaben neu in Förde rung

genommen. Sie sind in ihrer Mehrzahl historisch ausgerichtet, beleuchten

aber oft die Grundlagen hochaktueller Themen und Probleme. So wendet

sich eines dieser Projekte den Bauernparteien in Ostmitteleuropa zu, die hier

eine mehr als hundertjährige Tradition haben. Diese Parteien standen – und

stehen – dabei nicht nur für bäuerliche Partikularinteressen; vielmehr barg

ihre landreformerische Zielsetzung zumeist auch erhebliches sozialrevolutionäres

Potenzial. In ihrer Rhetorik traten sie früher oft – und treten in einigen

Ländern auch heute noch – antimodern, antistädtisch und antiintellektuell

auf. Viele Bauernparteien beeinflussten insofern die Kultur der jeweiligen

Gesellschaften im Sinne kleinbürgerlicher Vorstellungen und Ressentiments.

Der „Agrarismus“ – eine Ideologie, die die Landwirtschaft als entscheidende

Produktionssphäre und die Dorfgemeinschaft als Zelle der gesellschaftlichen

und staatlichen Struktur ansieht – entwickelte sich in Ostmitteleuropa aus

den verspäteten und gebrochenen Modernisierungsprozessen seit dem Ende

des 19. Jahrhunderts. Er erlebte den Höhepunkt seiner Entwicklung während

der Zwischenkriegszeit mit dem Einzug verschiedener Bauernparteien in

Regierungen und Parlamente. Sein Niedergang setzte ein, als er nach der

Weltwirtschaftskrise zum Bestandteil autoritärer Ideologien und die Bauern

zur Massenbasis rechtsnationaler Regimes wurden. Die Entmachtung vieler

Bauernparteien erfolgte schließlich im Zusammenhang mit der sozialistischen

Transformation und der Einführung des sowjetischen Modells stalinistischer

Industrialisierung beziehungsweise der Kollektivierung der Landwirtschaft.

Das an die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder bewilligte Projekt

will die Politik, Ideologie und Kultur des Agrarismus in Ostmitteleuropa

umfassend untersuchen: von Slowenien bis Estland, von Polen bis Bulgarien

– und zwar für den Zeitraum von 1890 bis 1960. Geleitet wird das Vorhaben

von Professorin Dr. Helga Schultz und Dr. Uwe Müller von der Forschungs -

stelle für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ostmitteleuropas in Kooperation

In zehn Teilstudien eines international an -

gelegten Kooperationsvorhabens wird der

„Agrarismus in Ostmitteleuropa“ umfassend

untersucht. Am Workshop zum Projektauf takt

in Frankfurt/Oder nahmen Wissen schaft ler

aus Tschechien, der Slowakei, Polen, Rumä -

nien und Ungarn teil. Im Vordergrund rechts

Dr. András Vári, Budapest, der das Projekt

gemeinsam mit den Professoren Dr. Helga

Schultz und Dr. Uwe Müller aus Frankfurt/

Oder konzipiert hat.

Jahresbericht 2007 Beendete Förderinitiativen 129


130

Gemeinsam mit Kollegen aus Polen, Ungarn

und der Slowakei wollen Professorin Dr.

Ger trud Pickhan und Dr. Rüdiger Ritter von

der Freien Universität Berlin herausfinden,

welche Rolle der Jazz und die entsprechende

Musikszene für die Widerständigkeit im

sozia listischen Ostblock spielten. Für die acht

Teilstudien des Projekts konnte bereits um -

fangreiches Material aus den Untersuchu ngs -

ländern zusammengetragen werden.

mit Dr. András Vári vom Lehrstuhl für Universalgeschichte der Universität

Miskolc. Geplant sind im Einzelnen zehn Teilstudien, die länderübergreifend

angelegt sind und von Forschern aus Tschechien, der Slowakei, Polen, Ungarn

und Rumänien bearbeitet werden. Die Stiftung hat für das Projekt „Agraris -

mus in Ostmitteleuropa 1890 bis 1960“ 456.800 Euro zur Verfügung gestellt.

Ob Musik und insbesondere Jazzmusik zur Erosion des Ostblocks und damit

zur Wende von 1989/90 beigetragen hat, ist eine Frage, mit der sich jetzt ein

Forscherteam vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin beschäftigen

wird. Jazz gilt gemeinhin als die Musik der Freiheit und Demokratie

und als Symbol des american way of life; er hatte gleichwohl auch seinen Ort

in den staatssozialistischen Gesellschaften Osteuropas. Allerdings machte

die Existenz einer vom Regime schwer zu kontrollierenden Jazzszene diese

Musik und ihr Umfeld unweigerlich zu einem Politikum ersten Ranges, das

zudem durch die Verbindung der Musik mit ihrem Ursprungsland – den USA

– geprägt wurde. Wie die Jazzmusik unter diesen Umständen „wirkte“ und

welchen „Widerstandsgehalt“ sie tatsächlich hatte, das wollen die Berliner

Historiker Professorin Dr. Gertrud Pickhan und Dr. Rüdiger Ritter gemeinsam

mit Wissenschaftlern aus Polen, Ungarn und der Slowakei herausfinden.

Insgesamt sind acht aufeinander bezogene Teilstudien geplant, die sich mit

den musikalischen Ausdrucksformen, Handlungsspielräumen, Medien und

Institutionen des Jazz in Polen, der DDR, Ungarn und der CSSR für den

Zeitraum vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1989 beschäftigen. Die

Stiftung fördert das Vorhaben „Jazz im ‚Ostblock’ – Widerständigkeit durch

Kulturtransfer“ in den nächsten drei Jahren mit 348.400 Euro.

Ganz aktuelle Entwicklungen fokussiert ein an das Max-Planck-Institut für

ethnologische Forschung in Halle/Saale bewilligtes Projekt; die Forscher

dort werden sich mit der gegenwärtigen Vielfalt religiöser Identitäten in

Osteuropa beschäftigen und am Beispiel Litauens und Polens die Rolle der

katholischen Kirche im gesellschaftlichen Wandel untersuchen. Die beiden

Länder illustrieren zwei völlig verschiedene Entwicklungswege: Während die

Kirche in Polen weiterhin eine dominierende Rolle in Politik und Alltag spielt

und im volksreligiösen Bereich durch die populäre Verehrung Papst Johan -

nes Pauls II. geradezu eine Renaissance erlebt, zeichnet sich in Litauen eine

ganz andere Tendenz ab. Hier verbinden sich eine wachsende allgemeine

Indifferenz gegenüber dem christlichen Glauben mit zunehmendem reli -

giösen Pluralismus und vielfältigen individuellen Konstruktionen religiöser

Weltbilder unter dem Einfluss von Esoterik und New Age.

Um diese unterschiedlichen Entwicklungen besser verstehen zu können, ist

eine ethnografische Langzeitstudie geplant, die auf dem Vergleich zweier

gesellschaftlicher Gruppen in beiden Ländern basiert: der städtischen Mit -

telschicht, die als eher säkular, individualisiert und „modern“ gilt, und der

Bevölkerung eines Dorfes, die als eher konservativ, „traditionell“ und kirchentreu

betrachtet wird. Die Wissenschaftler untersuchen dabei nicht nur die

Û


politische Rolle der Kirche und deren Wahrnehmung im Alltagsleben der

Menschen, sondern auch die Bedeutung der Kirche als „Anker“ für religiöse

Aktivitäten und soziale Netzwerke. Thematisiert wird zudem die Rolle der

christlichen Religion als Ressource für individuelle Glaubensvorstellungen

und moralische Richtlinien. 333.500 Euro bewilligte die Stiftung für das

Projekt „The catholic church and religious pluralism in Lithuania and Poland:

an anthropological study of public and private meanings of religion in postsocialist

society“. Unter der Leitung von Professor Dr. Christopher Hann werden

die Feldforschungen in Litauen und Polen von Privatdozent Dr. Ingo W.

Schröder vom Center of Social Anthropology der Universität Kaunas und

von Dr. Kinga Sekerdej von der Universität Krakau durchgeführt. Unterstützt

werden die beiden Wissenschaftler von je einem Doktoranden und studen -

tischen Hilfskräften aus Litauen beziehungsweise Polen. Einbezogen in die

Projektarbeiten sind überdies weitere Kooperationspartner in den

Untersuchungsländern.

Neue Bewilligungen

Berlin

Freie Universität Berlin, Lehrstuhl für Geschichte Ostmitteleuropas (Prof. Dr.

Gertrud Pickhan): Jazz im „Ostblock“ – Widerständigkeit durch Kulturtransfer

Berlin

Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e. V., Berlin (Prof. Dr. Eberhard

Sandschneider): Forum „Einheit Europa“ – Gemeinsame Wege in eine

EUropäische Zukunft?!

Berlin, Sofia/Bulgarien

Freie Universität Berlin, Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Verglei -

chende Literaturwissenschaft (Dr. Henrike Schmidt); Bulgarian Academy

of Sciences, Sofia, Institute for Literature (Dr. Bisera Dakova): Zwischen

Emanzipation und Selbststigmatisierung? Die bulgarische literarische

Moderne im europäischen Kontext (Tagung)

Berlin, St. Petersburg/Russland

Wissenschaftskolleg zu Berlin, Institute for Advanced Study (Prof. Dr. Rein -

hart Meyer-Kalkus); Freie Universität Berlin, Institut für Griechische und

Lateinische Philologie (Prof. Dr. Bernd Seidensticker); Bibliotheca Classica,

St. Petersburg (Prof. Dr. Alexander Gavrilov): Antikes Erbe in Russland als

Brücke nach Europa

Berlin, Tartu/Estland

Humboldt-Universität Berlin, Institut für Europäische Ethnologie (Dr. Reetta

In einer ethnografischen Langzeitstudie

erforscht ein Wissenschaftlerteam in Halle/

Saale die Bedeutung von Religion, Kirche und

Glaube im gesellschaftlichen Wandel in

Polen und Litauen. Die Doktorandinnen Lina

Pranaityte und Agnieszka Pasieka, Dr. Kinga

Sekerdej, Privatdozent Dr. Ingo Schröder und

Professor Dr. Christopher Hann (von links)

sehen in beiden Ländern eine ganz unterschiedliche

Ausgangslage.

Jahresbericht 2007 Beendete Förderinitiativen 131


132

Toivanen); Nordeuropa-Institut (Michael Rießler, M. A.); University of Tartu,

Department of Estonian and Finno-Ugric Linguistics (Dr. Janne Santeri

Saarikivi): Linguistic and Cultural Rights of Minorities and Indigenous

Peoples in Europe: Comparing Russian Federation and European Union

(Workshop)

Berlin, Warschau/Polen, Krakau/Polen, Lausanne/Schweiz

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH, FG Zivilge sell -

schaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa (Priv.-Doz. Dr.

Dieter Gosewinkel, Prof. Dr. Dieter Rucht); Universität Warschau, Gender

Studies/Instytut Germanistyki (Prof. Dr. Boena A. Choluj); Jagiellonian

University, Krakow, Centre for European Studies (Prof. Dr. Zdzisaw Mach);

Université de Lausanne, Decanat Theologie (Prof. Dr. Jacques Ehrenfreund):

The Transnationalization of Struggles for Recognition – Women and Jews

in France, Germany, and Poland in the 20th Century

Bielefeld

Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie, Entwicklungssoziologie –

Sozialanthropologie (Prof. Dr. Joanna Pfaff-Czarnecka): Accommodating

Religious Diversity (Tagung)

Bielefeld

Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie, Didaktik der Sozialwissen schaf -

ten und Wirtschaftssoziologie (Prof. Dr. Reinhold Hedtke, Thorsten Hippe,

Dr. Tatjana Zimenkova): Transformed Institutions – Transformed Citizenship

Education? (Konferenz)

Frankfurt/O., Miskolc/Ungarn

Europa-Universität Viadrina Frankfurt/O., Lehrstuhl für Wirtschafts- und

Sozialgeschichte der Neuzeit, Forschungsstelle für Wirtschafts- und Sozial -

geschichte Ostmitteleuropas (Prof. Dr. Helga Schultz, Dr. Uwe Müller);

Universität Miskolc, Philosophische Fakultät, Lehrstuhl für Universal -

geschichte (Dr. András Vári): Agrarismus in Ostmitteleuropa 1890 bis 1960

Halle

Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle (Prof. Dr. Christopher

Hann): The Catholic Church and Religious Pluralism in Lithuania and Poland:

An Anthropological Study of Public and Private Meanings of Religion in

Postsocialist Society

Jena, Halle

Universität Jena, Lehrstuhl für Indogermanistik (Prof. Dr. Rosemarie Lühr);

Lehrstuhl für allgemeine und theoretische Soziologie (Prof. Dr. Hartmut

Rosa); Universität Halle-Wittenberg, Professur für Ethik (Prof. Dr. Matthias

Kaufmann): Normen- und Wertbegriffe in der Verständigung zwischen

Ost- und Westeuropa


Lüneburg, Hamburg

Nordost-Institut – Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nord -

osteuropa e. V. an der Universität Hamburg, Standort Lüneburg (Dr. Andreas

Lawaty, Dr. Karsten Brüggemann, Dr. Konrad Maier); Universität Hamburg,

Ost- und Nordeuropäische Geschichte (Prof. Dr. Ralph Tuchtenhagen): Das

Baltikum. Geschichte einer europäischen Region

Oldenburg

Universität Oldenburg, Seminar für Slavistik (Prof. Dr. Gerd Hentschel):

Die Trasjanka in Weißrussland – eine „Mischvarietät“ als Produkt des weißrussisch-russischen

Sprachkontakts (Projektvorbereitung)

Osnabrück, München

Universität Osnabrück, Forschungsstelle literarischer Transfer (Prof. Dr.

Chryssoula Kambas); Universität München, Byzantinische Kunstgeschichte

und Neogräzistik (Prof. Dr. Marilisa Mitsou): Transfer der modernen grie -

chischen Literatur: Anthologien, Übersetzer und Kulturpolitik im 20. Jahr -

hundert (Symposium)

Paderborn

Universität Paderborn, Vertretungsprofessur für Angewandte Anthropogeo -

graphie und Geoinformatik (Prof. Dr. Harald Standl): Comparing Regional

Development in the Baltic States (Workshop)

Potsdam

Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Potsdam

(Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh): Die Preußischen Gärten im europäischen

Vergleich: 300-jährige Gartengeschichte – Rezeptionen, Wertungen und

Zukunftsfragen (Tagung)

Potsdam

Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e. V., Potsdam (Prof. Dr. Martin

Sabrow, Prof. Dr. Konrad H. Jarausch): Sozialistische Diktatur als Sinnwelt.

Repräsentationen gesellschaftlicher Ordnung und Herrschaftswandel in

Ostmitteleuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Regensburg

Universität Regensburg, Lehrstuhl für Öffentliches Recht (Prof. Dr. Gerrit

Manssen): Die verfassungsrechtlich garantierte Stellung der Abgeordneten

in den Ländern Mittel- und Osteuropas (Symposium)

Siegen

Universität Siegen, FB Erziehungswissenschaft und Psychologie (Prof. Dr.

Sabine Hering): Die „Sozialfürsorge“ im Staatssozialismus, 1945 bis 1990

(Tagung)

Ausprägungen und Zeugnisse unterschied -

licher Glaubensüberzeugungen werden am

Max-Planck-Institut für ethnologische For -

schung in Halle untersucht: Vorbereitungen

zur Feier des Rasos-Festes (Mittsommernacht)

in Litauen (oben); eine ehemals orthodoxe,

jetzt katholische Kirche (Mitte) und ein Fried -

hof aus der Zeit des Ersten Weltkriegs (unten),

beides in der polnischen Region Malopolska.

Jahresbericht 2007 Beendete Förderinitiativen 133


134

Anträge 2007

Eingereicht 56

mit Volumen in Mio. Euro 19,4

Bewilligungen 14

mit Volumen in Mio. Euro 3,5

Bewilligungen insgesamt 53

in Mio. Euro, seit 2001 12,2

Als Band 1 einer neuen Reihe „Inno va -

tionsforschung“ ist der Tagungs band

zu dem 2005 im Deutschen Museum

München durchgeführten Status -

symposium „Innovations for schung –

Ansätze, Methoden, Gren zen und

Perspektiven“ erschienen. In der

Reihe sollen wichtige Arbei ten insbesondere

aus der Förde rung in dieser

Initiative erscheinen. Sie wird herausgegeben

von Diet mar Harhoff, Hagen

Hof, Werner Rammert, Ulrich Wengen -

roth und Bernhard Zimolong.

Die Erforschung von Innovations pro -

zessen in Wirtschaft und Gesellschaft

kann auch künftig von der Stiftung

gefördert werden, und zwar im Rah -

men der „Schumpeter-Fellow ships“

entsprechend den dort geltenden

Anfor derun gen und Kriterien.

Innovationsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft

Die im Jahr 2001 eingerichtete und in 2007 beendete Initiative sollte Forschung

fördern, die Innovationsprozesse in ihrer Komplexität und vielfältigen Ver -

knüpfung sozialer, wirtschaftlicher und wissenschaftlich-technischer Faktoren

untersucht. Inhaltlich ging es dabei einerseits um das Wider- und Zusam -

men spiel der Akteure in Staat, Gesellschaft, Unternehmen und Wissenschaft,

zum anderen konnten sich Projekte und Veranstaltungen auf die technischen,

sozialen, organisatorischen, politischen und kulturellen Voraussetzungen

und Determinanten von Innovationsprozessen konzentrieren. Nicht zuletzt

kamen als Forschungsgegenstände auch Wirkungen und Folgen dieser Prozesse

in Kultur, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Betracht einschließlich der

nicht erwarteten Nebenwirkungen.

Mit der Initiative sollte erreicht werden, die bisher vornehmlich in einzelnen

Disziplinen eröffneten Zugänge zu Innovationsprozessen in breiterem Umfang

nutzbar zu machen – auch um Synergieeffekte zu erzielen. Das Engagement

der Stiftung zielte daher darauf, fachübergreifende Zusammenarbeit von

Innovationsforschern anzustoßen. Denn gerade Forschungen zu Innova -

tions prozessen müssen sich an der Grenze herkömmlicher Fachrichtungen

abspielen – wenn beispielsweise die Entwicklung technischer Innovationen

auch in psychologischer und soziologischer Hinsicht verfolgt werden soll.

Angesichts der zunehmenden internationalen Verflechtung von Wirtschaft,

Politik und Recht verschiedener Gesellschaften legte die Stiftung zudem

Wert auf internationale Vernetzung der einschlägig arbeitenden Wissen -

schaftler. Gefördert wurden gleichermaßen Forschungsvorhaben vor allem

zu technischen, organisatorischen, konzep tionellen, sozialen, rechtlichen,

ökonomischen, ökologischen und kulturellen Innovationsprozessen. Das

inhaltliche Gewicht der Forschungsarbeiten musste in jedem Fall auf den

Innovationsprozessen liegen – also auf den Abläufen, die durchweg nicht -

linear geschehen und die durch Wechsel beziehungen unterschiedlicher

Akteure, Faktoren und Rahmenbedingungen gekennzeichnet sind. Gerade

die eine Innovation unterstützenden und die sich ihr entgegenstemmenden

Faktoren sind für die Beurteilung der Inno vationsfähigkeit einer Gesellschaft

von besonderem Interesse. Im Jahr 2007 wurden noch einmal elf Vorhaben

bewilligt, von denen im Folgenden zwei beispielhaft vorgestellt werden.

Mit 422.000 Euro fördert die Stiftung das Projekt „Systemic change of the

identification of citizens by government – electronic identity management

as a complex technical innovation and its organisational, legal and cultural

matching in selected European countries”. Es wird durchgeführt von Pro -

fessor Dr. Herbert Kubicek vom Institut für Informationsmanagement

Bremen GmbH, zugleich Forschungs- und Beratungsinstitut an der Universität

Bremen. Ausgangsbasis des Vorhabens ist, dass in Deutschland die Einfüh -

rung eines bundesweiten Systems zur elektronischen Identifizierung von


Bürgerinnen und Bürgern in der elektronischen Kommunikation mit der

öffentlichen Verwaltung vorbereitet wird. Verbunden damit ist ein grund -

legender Wandel im Verhältnis von Bürger und Staat, der unter anderem die

Frage der Verfassungsmäßigkeit eines einheitlichen Personenkennzeichens

neu aufwirft. Dieser grundlegende Umbruch geht einher mit einer erheb -

lichen Neuorientierung und zudem beträchtlich über die bisherigen Befunde

der sozialwissenschaftlichen Innovationsforschung hinaus. Letztlich muss

ein komplexes technisches System mit vielen anderen Systemen interagieren

können; zugleich müssen im Vorfeld gesetzliche Regelungen für Bund,

Länder und Gemeinden geschaffen werden.

Die Wissenschaftler wollen die entsprechende Situation in verschiedenen

Ländern untersuchen und vergleichen die Vorbereitungen in Deutschland

mit den in Belgien, Österreich und Spanien eingeführten Systemen, die

teilweise nur einzelne der in Deutschland geplanten Funktionen auf ihren

Chipkarten realisiert haben. Wie lassen sich diese Unterschiede erklären,

und welche Erfahrungen aus den jeweiligen Innovationsprozessen sind über -

tragbar? Die Beantwortung dieser und anderer Fragen soll die wissenschaft -

liche und öffentliche Debatte in Deutschland anreichern.

Weitere 323.400 Euro bewilligte die Stiftung für das Projekt „The effects of

the aging workforce on the innovation process: a large-scale study of tech -

nology intensive companies”. Es wird geleitet von Professor Dr. Sven Voelpel

vom Jacobs Center for Lifelong Learning and Institutional Development an

der Jacobs University Bremen; Kooperationspartner ist Professor Dr. Gerben

Van der Vegt vom Department of Management and Organization, Organi za -

tional Psychology, der Rijksuniversiteit Groningen. Wirtschaftswissen schaftler

und Organisationspsychologen wollen gemeinsam ein Modell entwickeln,

das erklären hilft, wie sich das Altern einer Belegschaft auf den Innovations -

prozess in einem Unternehmen auswirkt. Dazu wollen sie Unterschiede im

Innovationsverhalten jüngerer und älterer Arbeitnehmer in verschiedenen

Phasen von Innovationsprozessen ermitteln, um auf dieser Grundlage die

jeweiligen Stärken zu identifizieren. Wie und wann entstehen neue Ideen,

was bringt einen Innovationsprozess voran, und auf welche Weise werden

Neuerungen auch umgesetzt? – Nur einige der Forschungsfragen.

In diesem Rahmen soll das Modell zunächst „das Altern“ mit jenen Einfluss -

faktoren verknüpfen, die bei Individuen und Gruppen Innovationen beeinflussen.

Zweitens wollen die Wissenschaftler für die drei Phasen eines

Innovationsprozesses die Unterschiede zwischen verschiedenen Alters grup -

pen zu klären versuchen. Des Weiteren will man herausfinden, wie sich eine

steigende Altersspanne in Arbeitsgruppen auf Innovations prozesse innerhalb

dieser Teams auswirkt. Schließlich sollen Maßnahmen entwickelt werden,

anhand derer es Unternehmen möglich ist, das Zusam menspiel von Altern

und Innovationsverhalten positiv zu beeinflussen. Das Projekt wird in enger

Kooperation mit dem Unternehmen Siemens durch geführt.

Wie unterscheidet sich das Innovationsver -

halten jüngerer von dem älterer Mitar bei ter?

Dies ist eine der zentralen Fragen, die sich

Wissenschaftler an der Jacobs University

Bremen stellen. Jörg Korff, Daniela Noethen,

Christoph Streb (stehend, von links), Dr.

Tors ten Biemann, Chunli Zhao, Polina Isi -

chenko, Eden Tekie, Stefan Schaffer, Dr. Eric

Kearney, Robert Eckhoff (sitzend, von links)

gehören zur Arbeitsgruppe um Professor

Dr. Sven Voelpel (vorn, Dritter von links).

Jahresbericht 2007 Beendete Förderinitiativen 135


136

Neue Bewilligungen

Bamberg

Universität Bamberg, Professur für Kommunikationswissenschaft/Journa -

listik (Prof. Dr. Anna Maria Theis-Berglmair): Wikis in Organizations: From

Invention to Innovation

Bremen

Institut für Informationsmanagement Bremen GmbH, Forschungs- und

Beratungsinstitut an der Universität Bremen (Prof. Dr. Herbert Kubicek):

Systemic Change of the Identification of Citizens by Government – Electronic

Identity Management as a Complex Technical Innovation and its Organi -

sational, Legal and Cultural Matching in Selected European Countries

Bremen, Groningen/Niederlande

Jacobs University Bremen, Jacobs Center for Lifelong Learning and Insti -

tutional Development (Prof. Dr. Sven Voelpel); Rijksuniversiteit Groningen,

Department of Management and Organization, Organizational Psychology

(Prof. Gerben Van der Vegt, PhD): The Effects of the Aging Workforce on the

Innovation Process: A Large-Scale Study of Technology Intensive Companies

Dresden

Technische Universität Dresden, Professur für Konstruktionstechnik/CAD

(Prof. Dr.-Ing. Ralph Stelzer); Institut für Allgemeine Psychologie, Biopsycho -

logie und Methoden (Dipl.-Psych. Marlen Melzer, Prof. Dr. Winfried Hacker):

Innovation of the Process of Innovation: Human-centred Support of Design

Problem Solving

Freiberg, Jena

Technische Universität Bergakademie Freiberg, Institut für Wissenschaftsund

Technikgeschichte (Prof. Dr. Helmuth Albrecht); Universität Jena, Lehr -

stuhl für Volkswirtschaftslehre, Unternehmensentwicklung, Innovation und

wirtschaftlichen Wandel (Prof. Dr. Michael Fritsch); Max-Planck-Institut für

Ökonomik, Jena (Dr. Guido Bünstorf): Emergence and Evolution of a Spatial-

Sectoral System of Innovation: Laser Technology in Germany, 1960 to Present

Gießen, Jena, Minneapolis/USA

Universität Gießen, Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie

(Prof. Dr. Michael Frese); Universität Jena, Professur für internationales

Management (Prof. Dr. Andreas Bausch); The Pennsylvania State University,

University Park, Department of Psychology (Prof. James L. Farr, PhD.);

University of Minnesota, Carlson School of Management, Center for

Entrepreneurial Studies (Prof. Shaker A. Zahra): Creation and Implementation

of Radical and Incremental Innovation. An International Comparison at

Multiple Levels of Analysis


Hamburg, Lüneburg

Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut gGmbH, Hamburg (Prof. Dr. Ingrid

Ott); Universität Lüneburg, Institut für Soziologie (Prof. Dr. Christian

Papilloud): Converging Institutions? How do Regional Institutions stimulate

the Innovation Process of Nanotechnologies in Economy and Society?

A German-French Comparison

Jülich, Stuttgart, Mannheim

Forschungszentrum Jülich GmbH, Institute of Energy Research, Programme

Group (Dr. Stefan Vögele, Dr. Peter Markewitz); Universität Stuttgart, Inter -

nationales Zentrum für Kultur- und Technikforschung, Interdisziplinärer

Forschungsschwerpunkt Risiko und Nachhaltige Technikentwicklung (Dr.

Wolfgang Weimer-Jehle); Institut für Sozialwissenschaften, Abt. Technikund

Umweltsoziologie (Dr. Gerhard Fuchs); Zentrum für Europäische Wirt -

schaftsforschung GmbH, Mannheim, Umwelt- und Ressourcenökonomik,

Umweltmanagement (Dr. Klaus Rennings, Dr. Tim Hoffmann, Dr. Ulf Mosle -

ner): The Significance of Germany as a Site for Power Plant Construc tion

Against the Background of an Increasing Internationalization of Innovation

Processes

Karlsruhe, Zürich/Schweiz

Fraunhofer-Institut System- und Innovationsforschung ISI, Karlsruhe

(Prof. Dr. Joachim Schleich); Eidgenössische Technische Hochschule Zürich,

Lehrstuhl Nachhaltigkeit und Technologie (Prof. Dr. Volker Hoffmann):

Corporate climate innovation strategies in response to international marketbased

climate policies. A System’s Perspective on the Roles of European

Technology Providers and Power Utilities

Kassel

Universität Kassel, Fachgebiet Nachhaltige Unternehmensführung (Prof.

Dr. Jürgen Freimann, Dr. Michael Walther); Fachgebiet Innovations- und

Umweltökonomik (Prof. Dr. Frank Beckenbach); Professur für Öffentliches

Recht, insbesondere Technik- und Umweltrecht (Prof. Dr. Alexander Roß -

nagel): Ecological Perspectives of Modularisation – Exemplary Studies of an

Innovation Pattern (EPerMod)

Konstanz, Haifa/Israel, Jerusalem/Israel

Universität Konstanz, Arbeits- und Organisationspsychologie (Prof. Dr.

Sabine Sonnentag); Technion – Israel Institute of Technology, Haifa (Prof.

Miriam Erez); Hebrew University of Jerusalem, Jerusalem School of Business

Adminis tration (Prof. Jacob Goldenberg): The Chronicle of an Idea: The

Hidden Journey of Innovations – From Ideas to Products

Jahresbericht 2007 Beendete Förderinitiativen 137


138

Anträge 2007

Eingereicht 146

mit Volumen in Mio. Euro 31,2

Bewilligungen 30

mit Volumen in Mio. Euro 4,7

Bewilligungen insgesamt 164

in Mio. Euro, seit 1998 27,5

Gefördert wurden Kooperations pro -

jekte von Arbeitsgruppen mit unterschiedlicher

thematischer beziehungsweise

methodischer Ausrichtung

durch Bereitstellung von Personalund

Sachmitteln einschließlich Reise -

kostenzuschüssen. Für maximal ein

Jahr konnten zudem Aufenthalte der

an den Vorhaben beteiligten Mitar -

beiterinnen und Mitar bei ter in anderen

Arbeitsgruppen finanziert werden

– gegebenenfalls auch im Ausland.

Darüber hinaus war die Unterstüt zung

von Symposien und Sommerschulen

möglich. Die Initiative wurde zum

15. September 2006 beendet; letzte

Bewilligungen wurden im Frühjahr

2007 ausge sprochen.

Zusammenspiel von molekularen

Konformationen

und biologischer Funktion

Die Konformation und die konformationelle Dynamik biologisch relevanter

Moleküle sind die Schlüssel zum Verständnis ihrer Funktionen. In der 1998

– unter dem Titel „Konformationelle Kontrolle biomolekularer Funktionen“

– eingerichteten Initiative hat die VolkswagenStiftung zunächst Unter su -

chun gen gefördert, die sich in biologischen und chemischen Systemen mit

der Steuerung molekularer Funktionen durch Einstellung und Kontrolle der

beteiligten aktiven Konformationen befassen. Nach ihrer Modifizierung

zielte die – im September 2006 beendete – Förderinitiative unter dem Titel

„Zusammenspiel von molekularen Konformationen und biologischer Funk -

tion“ neben der Kontrolle auch auf die Analyse und Modulation multipler

Konformationszustände in biologischen Systemen. Dabei wurde der Kombi -

nation von Synthesechemie, Strukturanalyse und Funktionsstudien hohe

Priorität eingeräumt. Die Beteiligung der synthetischen Chemie war obligatorisch;

reine Struktur-Funktions-Untersuchungen wurden nicht gefördert.

Von Interesse hingegen waren insbesondere innovative Ansätze zur

Untersuchung und Beeinflussung biologischer Funktionen.

Insgesamt sollte die Förderinitiative zu interdisziplinärer Forschung an der

Schnittstelle zwischen Chemie und Biowissenschaften anregen. Es war beabsichtigt,

speziell Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissen -

schaftler für die Beteiligung an fachübergreifenden Gemeinschaftsprojekten

zu gewinnen. Nicht zuletzt wollte die Stiftung mit der Initiative dazu beitragen,

hierzulande die in anderen Ländern bereits weiter fortgeschrittene notwendige

Reorientierung der organischen Chemie in Richtung auf eine mehr

funktional orientierte Disziplin voranzutreiben. Die Stiftung hat im Berichts -

zeitraum 32 Arbeitsgruppen rund 4,7 Millionen Euro für die Durchführung

von neun Forschungsvorhaben zur Verfügung gestellt, von denen eines im

Folgenden exemplarisch dargestellt ist.

ATPasen des Vakuolentyps (V-ATPasen) sind aus verschiedenen Unterein hei -

ten aufgebaute Membranproteine, die als ATP-getriebene Protonenpumpen

viele unterschiedliche Transportprozesse vermitteln. Funktionieren sie im

menschlichen Organismus nicht richtig, kann es zu diversen Krankheiten

kommen; Beispiel sind Osteoporose, renale Azidose (Übersäuerung des

Blutes) oder auch Krebs. Deshalb stellen die Herstellung und das molekulare

Verständnis von selektiven und synthetisch zugänglichen Inhibitoren dieses

Enzymtyps hochattraktive Forschungsziele dar. Mit der Entwicklung der

Naturstoffe Archazolid A und B – das sind neuartige Typen von ganz besonders

spezifischen und effizienten, in nanomolaren Konzentrationen wirksamen

Inhibitoren der V-ATPasen, die sowohl in vitro als auch in vivo wirken

– beschäftigt sich ein Team von Wissenschaftlern aus Braunschweig, Göttin -


gen und Osnabrück. Während einer einjährigen, von der Stiftung geförderten

Pilotphase haben Dr. Dirk Menche vom Helmholtz-Zentrum für Infektions -

forschung in Braunschweig und Dr. Teresa Carlomagno vom Max-Planck-

Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen die komplette Stereostruktur

sowie die Lösungskonformation dieser vielfach ungesättigten Polyketid-

Macrolactone durch NMR-spektroskopische Studien, Computersimulationen

und chemische Derivatisierung aufgeklärt sowie geeignete Methoden zur

Bestimmung der bioaktiven Konformation etabliert.

Aufbauend auf diesem „proof of principle“ wollen die Forscher in einem

dreijährigen Folgeprojekt im Detail die Zusammenhänge von Konformation

und biologischer Funktion dieser potenten Enzym-Inhibitoren analysieren.

Neben den beiden Nachwuchsgruppen von Dr. Menche und Dr. Carlomagno

– sie forscht inzwischen am Europäischen Laboratorium für Molekularbio lo gie

(EMBL) in Heidelberg – sind an dem Vorhaben Professor Dr. Helmut Wieczorek

und Dr. Markus Huß von der Tierphysiologie der Universität Osnabrück

sowie Dr. Florenz Sasse vom Helmholtz-Zentrum in Braunschweig beteiligt;

diese beiden Gruppen liefern das biologische Untersuchungsmaterial für das

Projekt und wollen selbst die Hemmwirkung der isolierten beziehungsweise

synthetisierten Inhibitoren auf Zellen und die V-ATPase untersuchen. Von

besonderem Interesse werden weitere, detaillierte Untersuchungen der biologisch

aktiven Konformation, die energetischen und strukturellen Beziehun gen

zu der Lösungskonformation und das Zusammenspiel von Konformation,

Konfiguration und biologischer Aktivität sein.

Darüber hinaus ist geplant, in gleicher Weise gezielt ausgewählte Archa zolid-

Analoga zu untersuchen, um das konformative Verhalten zu verändern und/

oder nachzuahmen. Auf diese Weise könnte es gelingen, die biologische

Aktivität zu beeinflussen und synthetisch vereinfachte Derivate mit ähnlichem

oder verbessertem biologischen Profil zu erhalten. Auf der Basis eines neuartigen

modularen Ansatzes wollen die Wissenschaftler die erste Synthese der

Naturstoffe abschließen, ferner neue, abgeleitete Verbindungen herstellen

und darüber hinaus deren biologisches Profil eingehend untersuchen. Die

Stiftung fördert das an der Schnittstelle von Synthesechemie, Struktur bio -

logie, Zellbiologie und Biochemie angesiedelte Projekt mit 419.000 Euro.

Nachdem die Stiftung im März 2007 die letzten Vorhaben auf den Weg

gebracht hat, ist für Anfang Oktober 2008 ein abschließendes Statussym po -

sium zur Förderinitiative geplant. Es wird von Professor Dr. Wolfgang Hillen

vom Lehrstuhl für Mikrobiologie der Universität Erlangen-Nürnberg organisiert

und in Bad Kissingen stattfinden. Dort sollen sowohl geförderte als

auch externe, auf ähnlichen Gebieten arbeitende Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftler die Gelegenheit erhalten, neben dem wichtigen wissenschaftlichen

Austausch zwischen den Projektbeteiligten und Arbeits gruppen

eine Bilanz des mit der Förderinitiative Erreichten zu ziehen – nicht zuletzt

mit Blick auf den Stand der Etablierung des Fachgebiets Chemische Biologie.

Nachdem die Pilotphase in Göttingen erfolgreich

abgeschlossen werden konnte, setzt

Dr. Teresa Carlomagno – nun am EMBL in

Hei delberg – gemeinsam mit Kollegen in

Osna brück und Braunschweig ihre For schun -

gen zu Konformation und biologischer Funk -

tion spezifischer Enzym-Inhibitoren fort.

Jahresbericht 2007 Beendete Förderinitiativen 139


140

Neue Bewilligungen

Berlin, Saarbrücken, Rom/Italien

Freie Universität Berlin, Institut für Experimentalphysik (Priv.-Doz. Dr. Ulrike

Alexiev); Technische Universität Berlin, Institut für Chemie (Prof. Dr. Karola

Rück-Braun); Charité – Universitätsmedizin Berlin, Institut für Immun -

ge netik (Prof. Dr. Andreas Ziegler); Universität des Saarlandes, Saarbrücken,

Zentrum für Bioinformatik (Dr. Rainer Böckmann); Università degli Studi di

Roma „La Sapienza“, Dipartimento di Biologia Cellulare e dello Sviluppo

(Dr. Maria Teresa Fiorillo): Nanodynamics of MHC/peptide complexes and

its dependence on MHC polymorphism (Weiterführung)

Braunschweig, Heidelberg, Osnabrück

Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung GmbH, Braunschweig (Dr. Dirk

Menche, Dr. Florenz Sasse); Europäisches Laboratorium für Molekularbiologie,

Structural and Computational Biology Unit, Heidelberg (Dr. Teresa Carlo -

magno); Universität Osnabrück, FB Biologie/Chemie, Tierphysiologie (Prof.

Dr. Helmut Wieczorek, Dr. Markus Huß): Conformation-activity relationship

of the Archazolids: Development of a novel class of highly potent V-ATPase

inhibitors

Düsseldorf

Universität Düsseldorf, Institut für Biochemie (Prof. Dr. Lutz Schmitt); Institut

für Organische und Makromolekulare Chemie (Prof. Dr. Manfred Braun);

Institut für Physikalische Chemie (Prof. Dr. Claus Seidel): Conformational

dynamics of the multidrug resistance ABC-transporter LmrA modulated by

substrates and inhibitors

Düsseldorf, Erlangen, Essen

Universität Düsseldorf, Institut für Neuropathologie (Priv.-Doz. Dr. Carsten

Korth); Institut für Physikalische Biologie (Prof. Dr. Dieter Willbold);

Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Biochemie (Prof. Dr. Heinrich

Sticht); Universität Duisburg-Essen, Standort Essen, FB Chemie, Organische

Chemie (Prof. Dr. Thomas Schrader): Synthesis of hybrid drugs resulting

from structure-based analysis of protein aggregation

Düsseldorf, Leipzig, Kaiserslautern

Universität Düsseldorf, Institut für Biochemie und Molekularbiologie II

(Priv.-Doz. Dr. Reza Ahmadian); Universität Leipzig, Institut für Organische

Chemie (Prof. Dr. Rolf Peter Breinbauer); Technische Universität Kaisers lau -

tern, FB Biologie, Abt. Biotechnologie (Prof. Dr. Timm Anke): From terphenylbased

bioactive alpha-helical mimetics towards inhibition of the Rho-ROCK

interaction


Erlangen

Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Biologie (Dr. Beatrix Süß):

Molecular analysis of the structure and dynamic of a tetracycline-dependent

riboswitch by EPR spectroscopy

Göttingen, Berlin

Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, Göttingen, Abt. NMR-basierte

Strukturbiologie (Dr. Markus Zweckstetter); Humboldt-Universität Berlin,

Institut für Chemie (Prof. Dr. Christoph Arenz): Chemical chaperones for an

experimental therapy of Niemann-Pick disease – investigation in a new

strategy for a pharmacological treatment of an inborn metabolic disorder

Hamburg, Göttingen, Dortmund

Max-Planck-Arbeitsgruppen für strukturelle Molekularbiologie, Hamburg,

AG Zytoskelett (Prof. Dr. Eckhard Mandelkow); Max-Planck-Institut für biophysikalische

Chemie, Göttingen, Abt. NMR-basierte Strukturbiologie (Prof.

Dr. Christian Griesinger); Technische Universität Dortmund, FB Chemie,

Chemische Biologie (Prof. Dr. Herbert Waldmann): Tau – a natively unfolded

protein: Structure and prevention of pathological conformations in

Alzheimer’s disease

Heidelberg, Ulm

Universität Heidelberg, Institut für Pharmazie und Molekulare Biotech no -

logie (Prof. Dr. Andres Jäschke, Dr. Mark Helm); Universität Ulm, Institut für

Biophysik (Prof. Dr. Gerd Ulrich Nienhaus): Conformational dynamics of

metabolite-sensing RNAs

Mülheim, Gießen, Berlin, Leiden/Niederlande

Max-Planck-Institut für Bioanorganische Chemie, Abt. Biophysikalische

Chemie, Mülheim (Prof. Dr. Wolfgang Gärtner); Universität Gießen, Institut

für Allgemeine Botanik und Pflanzenphysiologie (Prof. Dr. Jon Hughes);

Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie, Abt. Strukturbiologie, Berlin

(Dr. Peter Schmieder); Leiden University, Institute of Chemistry (Prof. Dr.

Johan Lugtenburg, Dr. Jörg Matysik): Regulation of phytochrome biological

function through light-induced conformational changes: A study using

solid-state NMR spectroscopy (Weiterführung)

Am Helmholtz-Zentrum für Infektions for -

schung in Braunschweig arbeiten Privat do -

zent Dr. Dirk Menche (Foto) und sein Kollege

Dr. Florenz Sasse mit an dem Gemeinschafts -

pro jekt dreier Forschungseinrichtungen zur

Ent wicklung und zum Einsatz der Natur stof fe

Archazolid A und B. Mit Modellen werden

mögliche Konformationen von Wirkstoffen

dargestellt (Mitte). Bild unten: Antje Ritter

vom Helmholtz-Zentrum an einer Anlage

zum Reinigen und Absolutieren von Lösungs -

mit teln.

Jahresbericht 2007 Beendete Förderinitiativen 141


144

145

152

Übersicht bewilligter Mittel

Beispiele aus der Förderung

Bewilligungsliste Niedersächsisches Vorab 2007


Förderung 2007

Niedersächsisches Vorab

Das „Niedersächsische Vorab“ ist seit über vierzig Jahren eine feste Größe in der

Forschungsförderung. Es umfasst jene Erträge der VolkswagenStiftung, die ausschließlich

der Forschungsförderung in Niedersachsen zugutekommen. Dabei

wirken das Land und die VolkswagenStiftung als größte private wissenschaftsfördernde

Einrichtung der Bundesrepublik Deutschland eng zusammen. Die Mittel

des Vorab haben es Niedersachsen als Forschungsregion ermöglicht, Anschluss zu

halten an den nationalen und internationalen Forschungsstand und Spielräume

für die Entwicklung neuer Forschungsrichtungen zu gewinnen. Als erstes der

deutschen Länder konnte Niedersachsen ein für wissenschaftliche Neuorien tie run -

gen offenes, verlässliches und von Vertrauen zwischen den Partnern im Wis sen -

schaftssystem getragenes Modell der Wissenschaftsförderung entwickeln, in dem

Forschung und Lehre, Stiftung und Politik frei und zugleich koordiniert agieren.


144

Niedersächsisches Vorab

Bewilligungen

in Mio. Euro 2007 64,1

in Mio. Euro, seit 1962 1120,1

Kontakt

Prof. Dr. Hagen Hof

Telefon 0511/8381-256

hof@volkswagenstiftung.de

Nach § 8 Abs. 2 der Satzung der Stiftung ist ein festgelegter Teil der zur

Ver fügung stehenden Fördermittel an das Land Niedersachsen vorweg zu

vergeben. Dieser Teil umfasst – nach Abzug der anteiligen Verwaltungskosten

– den Gegenwert der jährlichen Dividende auf nominal 77,3 Millionen Euro

VW-Aktien, der der VolkswagenStiftung aus der Beteiligung des Landes Nie -

dersachsen an der Volkswagen Aktiengesellschaft zusteht, den Ertrag aus der

Anlage von rund 35,8 Millionen Euro aus einem Vertrag mit dem Land Nieder -

sachsen von 1987 sowie zehn Prozent der übrigen zur Verfügung stehenden

Mittel. Über die Vergabe dieser Fördermittel entscheidet das Kuratorium der

VolkswagenStiftung aufgrund von Verwendungsvorschlägen der Nieder -

sächsischen Landesregierung.

Die seit 1962 für das Niedersächsische Vorab zur Verfügung gestellten Mittel

machen rund ein Drittel des gesamten Bewilligungsvolumens der Stiftung

aus. Im Jahre 2007 wurden – zum zweiten Mal nach 2006 – die von der Stif -

tung in ihrer allgemeinen Förderung bewilligten Mittel (51,4 Millionen Euro)

vom Bewilligungsvolumen des Niedersächsischen Vorab (64,1 Millionen Euro)

übertroffen. Im Jahr 2007 wurden folgende Beträge bewilligt:

Bewilligungen 2007 in Mio. EUR

Wissenschaftsbereiche insgesamt 64,1

Geistes- und Gesellschaftswissenschaften (8,0)

Biowissenschaften (18,6)

Naturwissenschaften (10,4)

Ingenieurwissenschaften (6,2)

Wissenschaftsbereichsübergreifend (20,9)

Sonstige Fördermaßnahmen 0,0

Förderung insgesamt 64,1


Beispiele aus der Förderung

Geistes- und Gesellschaftswissenschaften: Bewilligungen 8 Millionen Euro

Im Jahr 2007 wurden weitere 2,8 Millionen Euro für Heyne-Professuren und

Gervinus-Fellowships bereitgestellt. Die Heyne-Professuren ermöglichen die

überlappende Besetzung einer Professur, deren bisheriger Inhaber in etwa

zwei bis drei Jahren emeritiert wird. Damit soll Kontinuität insbesondere

in der Lehre gesichert werden. Daneben werden Christian-Gottlob-Heyne-

Junior profes suren angeboten, mit denen die niedersächsischen Universi -

tä ten eben falls strategisch die Fortentwicklung ihrer Fachgebiete sichern

können. Die Georg-Gottfried-Gervinus-Fellowships wiederum sollen es

ermöglichen, ausländische Wissenschaftler für einen Zeitraum von bis zu

einem Jahr in Forschung und Lehre einer niedersächsischen Hochschule

einzubinden.

An der Universität Osnabrück wird derzeit ein europawissenschaftliches

Zentrum aufgebaut, unter dessen Dach das European Legal Studies Institute

(ELSI) Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Rechtsvergleichung und

Rechtsvereinfachung bündeln soll. Für ein Forschungsvorhaben mit dem

Ziel, einen „gemeinsamen Referenzrahmen für das europäische Privatrecht“

zu schaffen, bewilligte die Stiftung 580.000 Euro, für laufende Forschungs -

vorhaben in diesem Bereich weitere 660.000 Euro.

Weitere 1,6 Millionen Euro hat die Universität Osnabrück für das Projekt

„Geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung und kultureller Transfer

im Europa der frühen Neuzeit“ erhalten. Das Vorhaben gliedert sich in drei

Teilprojekte: Erstellt werden sollen ein Handbuch des personalen Gelegen -

heitsschrifttums bezogen auf Bibliotheken in Polen und Litauen sowie ein

Handbuch kultureller Zentren der Frühen Neuzeit, ferner wollen die betei -

ligten Forscher die Werke Sigmund von Birckens edieren.

Mit weiteren 631.000 Euro unterstützt die Stiftung das an der Herzog-August-

Bibliothek Wolfenbüttel angesiedelte Vorhaben „Der Bernward-Psalter und

die Bibliothek von St. Michaelis in Hildesheim“. Ebenso wird dort das Projekt

„Differenzierung und Disziplinierung des philosophischen Wissens“ im Zuge

des Großvorhabens „Wissensproduktion an der Universität Helmstedt: Die

Entwicklung der philosophischen Fakultät 1576 bis 1810“ gefördert. Dafür hat

die Stiftung noch einmal 176.000 Euro zur Verfügung gestellt.

Das Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg hat

250.000 Euro erhalten, um praxisbezogene Lehranteile der universitären

Lehrerbildung sowie zentrale Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für

Lehrkräfte in Niedersachsen im Bereich der ökonomischen Bildung besser

zu fördern und internetgestützte Qualifizierungsprofile zu etablieren, die

auch anderen Bundesländern nutzen können. Weitere 624.000 Euro kom-

Sie verstärken das Osnabrücker Institut für

Kognitionswissenschaften dank der neuen

personenbezogenen Förderung im Nieder -

sächsischen Vorab (von links): Dr. Sven Walter,

Heyne-Juniorprofessor für Philo so phie des

Geistes, Professor Dr. Achim Stephan, Leiter

der Arbeitsgruppe Philosophie des Geistes,

sowie Gervinus-Fellow Professor Dr. Robert

C. Richardson. Am Rande des Fußballfeldes

können die drei Professoren ihre Spielzüge

planen; den Ball ins Spiel bringen hier aber

die Tribots, die Fußball-Roboter der Uni ver -

sität Osnabrück.

Jahresbericht 2007 Niedersächsisches Vorab 145


146

Ein Kaninchen auf dem Operationstisch: In

der Klinik für Kleintiere an der Tierärztlichen

Hochschule Hannover werden zukunftsfähige

Implantate erprobt und weiterentwickelt.

Dies im Rahmen des Sonderforschungs be -

reichs 599 zur Biomedizintechnik, an dem

auch die Medizinische Hochschule Hannover

und die Leibniz Universität Hannover beteiligt

sind. Hier implantieren Tiermediziner

gerade Magnesium-Stifte in den Unter schen -

kel eines Kaninchens.

men der Neuausrichtung der W3-Professur „Methoden der empirischen

Sozialforschung“ an der Universität Oldenburg zugute – und damit den

Politikwissenschaften und der Soziologie an der Hochschule.

Biowissenschaften: Bewilligungen 18,6 Millionen Euro

Mit rund einer Million Euro wird von der Stiftung begleitend der Sonder for -

schungsbereich zur „Mikro- und Nanosystemtechnologie – Biofunktio nali -

sierung“ unterstützt. Im Zusammenspiel verschiedener Disziplinen wie

Laser- und Nanotechno lo gie oder Stammzellforschung sollen neue Mikround

Nanosysteme entwickelt werden für den klinischen Alltag, vorzugsweise

mit dem Ziel, ausgefallene Körperfunktionen ersetzen zu können. Unter

Federführung der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie der Medi zi -

nischen Hochschule Hannover sind daran die Universität Hannover und die

Tierärztliche Hochschule Hannover sowie die Universitäten in Aachen und

Rostock beteiligt.

Die Universität Göttingen, Bereich Humanmedizin, und die Max-Planck-

Gesellschaft haben ein in Deutschland bisher einmaliges Verbundprojekt

zur klinischen Forschung gestartet, bei dem es um den Einsatz von Magnet -

resonanz-Tomografie und Spektroskopie bei neurologischen und psychia -

trischen Erkrankungen geht. Eine Million Euro hat die Stiftung dafür bereitgestellt.

Zur Entwicklung von Therapien, die der Behandlung von Erkrankungen

des zentralen Nervensystems dienen, wurde die Professur für Restaurative

Neurobiologie im Göttinger „Forschungszentrum Molekularphysiologie des

Gehirns“ mit weiteren 153.000 Euro gefördert.

Weitere 230.000 Euro erhielt die Universität Göttingen, Bereich Human me -

dizin, für eine W3-Professur „Psychosomatische Medizin und Psychothe rapie“.

Zur Stärkung des Schwerpunkts Kardiologie wurden dem Göttinger Univer -

sitätsklinikum 500.000 Euro zur Verfügung gestellt. Und mit 758.000 Euro

wird im Bereich Humanmedizin die Professur Biochemie II unterstützt.

820.000 Euro stehen bereit für eine W3-Professur für Organische Material -

wis senschaften an der Universität Osnabrück. Die Forschungsarbeiten sollen

sich vor allem auf die Entwicklung niedermolekularer Bausteine und der

dazu kompatiblen Polymersysteme konzentrieren.

210.000 Euro wurden für die Professur für Bioinformatik an der Technischen

Universität Braunschweig bewilligt. Die Professur soll den Schwerpunkt

„Lebenswissenschaften“ dort stärken und zugleich die Zusammenarbeit

befördern mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braun -

schweig und der Medizinischen Hochschule Hannover.


Mit weiteren 450.000 Euro wurde an der Universität Göttingen die W3-

Professur für Experimentelle Molekulare Biophysik unterstützt. Die Mittel

dienen insbesondere dazu, ein Einzelmolekül-Fluoreszenzmikroskop und

eine optische Mikroskopstation anzuschaffen.

Für das von den Universitäten Oldenburg, Göttingen und Braunschweig

getragene Großprojekt der vergleichenden funktionellen Genomanalyse

repräsentativer Vertreter der Roseobacter-Bakteriengruppe wurden 1,1

Millionen Euro bereitgestellt. Beteiligt sind auch das Helmholtz-Zentrum für

Infektionsforschung und die Deutsche Sammlung für Mikroorganismen und

Zellkulturen, beide in Braunschweig. Die Arbeiten der Forscher bauen auf

den Ergebnissen des Schwerpunkts Meeresbiotechnologie auf, der von 1997

bis 2002 im Rahmen des Niedersächsischen Vorab gefördert wurde. Ziel des

neuen Verbunds ist es, ein Forschungscluster zur marinen Mikrobiologie

zu schaffen, durch das die Potenziale Niedersachsens auf diesem Gebiet

gebündelt werden.

Für das neue „Twincore-Zentrum für Infektionsbiologie und klinische Infek -

tionsforschung“ hat die Medizinische Hochschule Hannover weitere 527.000

Euro erhalten. Das Zentrum soll beispielhaft experimentelle und klinische

Infektionsforschung miteinander verbinden. Beteiligt an den Arbeiten ist

das Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung.

Der Tierärztlichen Hochschule Hannover wurden rund 3,8 Millionen Euro

für den Bau eines Forschungslabors Infektionsmedizin mit Tierhaltung zur

Verfügung gestellt. Angesichts der Zunahme gefährlicher viraler und bakterieller

Erkrankungen bei Haus- und Nutztieren sollen damit die Grundlagenund

klinische Forschung auf diesem Gebiet gestärkt werden – und damit die

Diagnostik, Therapie und Prävention von Infektionskrankheiten.

Drei Millionen Euro erhielt die Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie

der Medizinischen Hochschule Hannover, unter anderem zur Weiterführung

der vor drei Jahren gegründeten „Klinischen Forschergruppe Lungentrans -

plantation“.

Die Forschungseinheit Experimentelle und Klinische Peptidforschung an der

Medizinischen Hochschule Hannover will natürlich vorkommende Peptide

isolieren und deren antivirale Wirkung untersuchen. Dafür wurden weitere

524.000 Euro bewilligt. Weitere 250.000 Euro stellte die Stiftung bereit für

den Aufbau der Arbeitsgruppe „Pharmako- und Toxikogenomics“ am Zen trum

Pharmakologie und Toxikologie der MHH.

Gefördert mit 178.000 Euro, können Wissenschaftler des Instituts für Klinische

Biochemie der Medizinischen Hochschule Hannover jetzt „Molekularbio lo -

gische Untersuchungen zur Erforschung der Ursachen und neuer Therapie -

möglichkeiten des Diabetes mellitus an Insulin produzierenden Zellen des

Im neuen „Twincore-Zentrum für Infek tions -

biologie und klinische Infektionsforschung“

am Roderbruch in Hannover (im Bild) arbeiten

Grundlagenforscher und klinische Wissen -

schaftler gemeinsam unter einem Dach.

Twincore wurde gemeinsam vom Helmholtz-

Zentrum für Infektionsforschung, Braun -

schweig, und der Medizinischen Hochschule

Hannover ins Leben gerufen.

Jahresbericht 2007 Niedersächsisches Vorab 147


148

Menschen“ vornehmen. Die Kollegen von der Klinik und Poliklinik für

Phoniatrie und Pädaudiologie der Hochschule haben weitere 202.000 Euro

erhalten zum Abschluss des Vorhabens „Auswirkungen verschiedener

Übungsverfahren auf Lese- und Rechtschreibkompetenz“. In einer Interven -

tionsstudie untersuchen sie dabei mögliche Ursachen für die Lese- und

Rechtschreibschwäche von Kindern.

Der Professur für Neurosensorik an der Universität Oldenburg stehen rund

1,14 Millionen Euro zur Verfügung. Professor Dr. Henrik Mouritsen – von der

Stiftung schon als Nachwuchsgruppenleiter und Lichtenberg-Professor

gefördert – beschäftigt sich dort mit der Navigation von Zugvögeln. Bei

seinen Arbeiten konzentriert er sich auf verhaltensbiologische, molekulare,

physiologische und kognitive Mechanismen, die dem Vogelflug und der

Langstreckennavigation zugrunde liegen.

Ebenfalls an der Universität Oldenburg unterstützt wird die Professur für

Biodiversität und Evolution der Tiere mit rund 580.000 Euro. Dabei geht es

um die Erforschung von Mechanismen sensorischer Verarbeitung wie etwa

Geruchserkennung oder die Fähigkeit von Tieren, nach Hause zu finden.

Hier knüpfen die Arbeiten von Professorin Dr. Gabriele Gerlach an jene von

Professor Henrik Mouritsen an. Im Rahmen der Förderung sollen insbesondere

neue Lehrangebote in der Bachelor- und Master-Ausbildung im Bereich

der Evolutionsbiologie, der funktionellen Ökologie und der Biodiversitäts -

forschung entwickelt werden.

Weitere 120.000 Euro hat die Fachhochschule Osnabrück erhalten für den

neuen Forschungsschwerpunkt „Precision Farming als Instrument der interdisziplinären

potenzialorientierten Landnutzung“ am Fachbereich Agrar -

wissenschaften – Fachgebiet Umweltschonende Pflanzenproduktion.

Naturwissenschaften: Bewilligungen 10,4 Millionen Euro

Die Stiftung bewilligte der Universität Hannover 6,4 Millionen Euro für den

Neubau eines Laboratoriums für Nano- und Quanten-Engineering. 25 Arbeits -

gruppen aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften sollen hier gemeinsam

tätig sein. Die starke Einbindung von Ingenieuren aus Maschinenbau,

Elektrotechnik und Bauingenieurwesen soll nicht nur der Erforschung von

Grundlagen der Nanotechnologie dienen, vielmehr ist von Beginn an eine

Umsetzung in neue Verfahren und Produkte angestrebt.

Weitere zwei Millionen Euro stehen neuen Aktivitäten des Instituts für

Solarenergieforschung in Hameln/Emmerthal zur Verfügung. Insbesondere

soll dort die wissenschaftlich-technische Kompetenz im Bereich der Solar -

zellentechnologie und der Solarthermie gestärkt werden.


Das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in

Hannover hat weitere 1,4 Millionen Euro erhalten für die beiden Projekte

„GEO HF“ und „Advanced LIGO“. Mit beiden Projekten steht die Gravitations -

wellenforschung in Hannover international in vorderster Linie.

420.000 Euro wurden für die Professur „Experimentelle Physik, Schwerpunkt

Optische Kurzzeitspektroskopie“ der Universität Oldenburg bereitgestellt.

Forschungsgegenstände sind hier grenzflächenbestimmende Ladungs trans ferund

Ladungstransport-Mechanismen von neuartigen molekularelektronischen

Hybridmaterialien. Das dazu erforderliche „Handling“ der Kurzzeitspektroskopie

– es geht um ultraschnelle Kontrolle und Manipulation von optischen

Anregungen – wird weltweit nur von wenigen Gruppen beherrscht.

Ingenieurwissenschaften: Bewilligungen 6,2 Millionen Euro

Der „Forschungsverbund Windenergie Oldenburg/Hannover“ erhält weitere

rund 286.000 Euro. Hier geht es vor allem um den Einsatz von Wind ener -

gieanlagen im Offshore-Bereich. Auch soll der Verbund dazu beitragen,

notwendige Strukturen für langfristige Grundlagenforschung aufzubauen.

Weitere 1,3 Millionen Euro wurden zur Verfügung gestellt für den

„Forschungsverbund Energietechnik“, an dem unter Federführung der

Technischen Universität Clausthal die Technische Universität Braunschweig

und die Universitäten Hannover und Oldenburg sowie die Fachhochschule

Hannover beteiligt sind, ferner das Clausthaler Umwelttechnikinstitut

(CUTEC) und OFFIS e. V. in Oldenburg.

173.000 Euro hat der Fachbereich Informatik an der Fachhochschule Braun -

schweig-Wolfenbüttel für den Forschungsschwerpunkt „Modellbasierte

Validierung zur Absicherung von automotiven Kommunikations netz werken“

erhalten. Die Forscher wollen Werkzeuge und Methoden entwickeln, anhand

derer das Zusammenspiel der Vielzahl vernetzter Steuergeräte unterschied -

licher Hersteller in einem Fahrzeug untersucht und gesichert werden kann.

Für den Sonderforschungsbereich „Konstruktion und Fertigung aktiver

Mikrosysteme“ am Institut für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik

der Technischen Universität Braunschweig stehen 500.000 Euro bereit.

Weitere rund 1,7 Millionen Euro hat das Forschungszentrum Sicherheits kri -

tische Systeme an der Universität Oldenburg erhalten. In Zusammen arbeit

von interdisziplinär ausgerichteten Grundlagenforschern aus Informatik,

Physik und Psychologie sollen mit führenden Einrichtungen im Arbeits -

gebiet „Sicherheit in Verkehrssystemen“ verschiedene Forschungsstränge

zusammengeführt werden.

Sie haben ein sicheres Gespür für die Fein -

staubbelastungen in Städten: Diplomin ge -

nieurin Kristina Nebel und Diplomgeograf

Hans-Peter Ratzke vom Institut für Ange -

wandte Photogrammetrie und Geoinfor matik

der Fachhochschule Oldenburg/Ostfries -

land/Wilhelmshaven. Auf der Basis präziser

digitaler Stadtmodelle entwickeln die Wis -

senschaftler Computersimulationen zu lokalen

Feinstaubkonzentrationen. Die Modelle

erfordern dabei eine Fülle an Messdaten.

Das untere Bild zeigt einen Sammelbehälter

für Staubniederschläge am Schlosswall in

Osnabrück.

Jahresbericht 2007 Niedersächsisches Vorab 149


150

Energieforschung in Niedersachsen gebündelt:

An der Technischen Universität Claus -

thal hat das neue Energieforschungszentrum

(efzn) seinen Sitz. Hier arbeiten Wissen -

schaftler aus unterschiedlichen Disziplinen

gemeinsam an den wichtigen Fragen zur

Energieversorgung, so auch im integrierten

LaserAnwendungsCentrum (Bild oben).

Wissenschaftsbereichsübergreifend: Bewilligungen 20,9 Millionen Euro

Neu ist hier vor allem das Förderangebot „Forschung 65+ – die Niedersach -

senprofessur“. Land und Stiftung wollen damit ermöglichen, dass herausragende

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch über die gesetzliche

Altersgrenze hinaus in Forschung und Lehre an niedersächsischen Hoch -

schulen tätig sein können. Leistungsträger sollen damit einen Anreiz erhalten,

ihre nicht zuletzt durch Drittmittel finanzierten Forschungsarbeiten

fortzusetzen oder abzuschließen. Die Niedersachsenprofessur wird als

neben berufliche Professur befristet auf fünf Jahre verliehen. Dabei bleibt

der „Seniorprofessor“ weiter der Forschung erhalten, während der wissenschaftliche

Nachwuchs die Möglichkeit bekommt, sich auf die frei werdenden

„hauptberuflichen“ Professuren zu bewerben. Für bis zu acht Nieder -

sachsenprofessuren der beiden ersten Ausschreibungsrunden stehen zwei

Millionen Euro bereit.

Als Initialförderung für eine Ausschreibung zum Forschungsverbund „Klima -

folgenforschung (KLIFF)“ stehen eine Million Euro bereit. Vorgesehen ist eine

interdisziplinäre Zusammenarbeit von Klima- und Meeresforschern mit

Meteorologen, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern, Biologen, Ingenieu ren

sowie Agrar- und Forstwissenschaftlern. Ziel des geplanten Forschungs ver -

bunds ist es, die Wissensgrundlage zu erweitern über die Auswirkungen

des Klimawandels auf regionaler und lokaler Ebene. Im Vordergrund stehen

dabei Prozesse und Anpassungsstrategien, die in der Umsetzung auf einen

kurz- bis mittelfristigen Zeithorizont zielen.

5,9 Millionen Euro wurden bewilligt für das neue Energieforschungszentrum

Niedersachsen an der Technischen Universität Clausthal. Themen sind alle

Fragen der Energieerzeugung, der Energiespeicherung und der Energiever -

sorgung. Die Wissenschaftler am Zentrum kooperieren mit Kollegen aus

unterschiedlichen Disziplinen, die an Hochschulen, außeruniversitären

Forschungseinrichtungen, in Verbänden und der Wirtschaft arbeiten.

1,66 Millionen Euro stehen bereit für den Forschungsverbund „Gestaltung

altersgerechter Lebenswelten“, an dem sich unter anderem das Kompetenz -

zentrum HörTech der Universität Oldenburg, das Oldenburger Institut für

Informatik OFFIS e. V. und die Hochschule Vechta beteiligen. Ziel der Koope -

ra tionspartner ist die Erforschung und Bereitstellung geeigneter Informa -

tionstechnologien zur Verbesserung der aktuellen Lebenssituation älterer

Menschen im eigenen Haushalt. Ferner wollen die beteiligten Wissen -

schaftler an Lösungen arbeiten, die ein betreutes Wohnen auch außerhalb

spezieller Wohnkomplexe ermöglichen.

Mit 750.000 Euro gefördert wird der neue Forschungsschwerpunkt „Städtischer

Wurzelraum“ am Fachbereich Ressourcenmanagement der Fachhochschule

Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Kernziel des Vorhabens ist die Entwick -


lung neuer Instrumente und Verfahren, die dem besseren Schutz der Wurzeln

und des Wurzelraumes von Bäumen in Städten ebenso dienen wie der Diag -

nose und der ökologischen und ökonomischen Bewertung von Schäden an

Gehölzen, die in städtischen Räumen wachsen und dort Schadstoffbelastun gen

ausgesetzt sind.

Für den neuen Forschungsschwerpunkt „Herbal Digital: Rationalisierung

der Virtualisierung von botanischem Belegmaterial und dessen Verwendung

durch Prozessoptimierung und -automatisierung“ haben die Fachbereiche

Wirtschaft, Elektro- und Informationstechnik und Maschinenbau der Fach -

hochschule Hannover rund 820.000 Euro erhalten. Ziel des Schwerpunkts ist

es, Pflanzenmaterial aus Herbarien für die digitale Nutzung zu erschließen

und damit der Forschung auf neue Art zugänglich zu machen. Exemplarisch

wollen sich die Forscher des Materials aus dem Botanischen Museum Berlin

bedienen, das dort in den vergangenen zweihundert Jahren gesammelt

wurde und rund 3,5 Millionen „Pflanzenbelege“ umfasst.

Weitere 450.000 Euro hat das Göttinger Experimentallabor XLAB erhalten.

Es soll mit einem umfangreichen Angebot an Praktika bei Schülern der

Sekundarstufen I und II das Interesse für Naturwissenschaften, Mathematik

und Informatik wecken. Das Labor dient dem Brückenschlag zwischen universitärer

Forschung und dem künftigen wissenschaftlichen Nachwuchs.

Für die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung von

Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen wurden rund 3,3

Millionen Euro bereitgestellt. Niedersächsisch-israelische Gemeinschafts -

vorhaben werden mit insgesamt rund 3,3 Mio. Euro gefördert.

Im Folgenden werden die einzelnen Bewilligungen im Rahmen des Niedersäch -

sischen Vorab nach Wissenschaftsstandorten aufgelistet.

Blumen und Technik? – Getrocknete und

gepresste Pflanzen stehen derzeit bei

Professor Dr. Karlo Steinke von der Fakultät

für Elektro- und Informationstechnik der

Fachhochschule Hannover im Mittelpunkt

seiner Arbeit. Unter dem Motto „Herbal

Digital“ erschließen die Techniker gemeinsam

mit dem Fachbereich Wirtschaft und

Maschinenbau Pflanzenmaterial aus Her ba -

rien für die digitale Nutzung und eröffnen

damit auch neue Forschungsmöglichkeiten.

Wer selbst Pflanzen sammelt, der weiß um

die Empfindlichkeiten dieser getrockneten

Schönheiten.

Stadtbäume haben kein leichtes Leben: Im

Forschungsschwerpunkt „Städtischer Wur zel -

raum“ werden Methoden entwickelt, mit de -

nen sich Wurzelschäden frühzeitig erkennen

lassen. Einen Blick unter die Erde ermöglicht

das Verfahren der elektrischen Compu terto -

mo grafie (Gerät im Bild). Die Forschungen

sind am Göttinger Fachbereich Ressourcen -

management der Fachhochschule Hildes -

heim/Holz minden/Göttingen angesiedelt.

Jahresbericht 2007 Niedersächsisches Vorab 151


152

Haube und Kittel sind Pflicht im Reinraum

des Instituts für Elektrische Messtechnik und

Grundlagen der Elektrotechnik an der TU

Braunschweig. Das kleinste Stäubchen könnte

stören, wenn Kerstin Francke und Dr. Frank

Ludwig technische und biologische Proben

am neuen Elektronenmikroskop mit höchster

Auflösung abbilden. Sie sind beteiligt an dem

Sonderforschungsbereich „Integration genund

verfahrenstechnischer Methoden zur

Entwicklung biotechnologischer Prozesse“.

An der Fachhochschule Braunschweig-

Wolfenbüttel testen die Wissenschaftler

die Kommunikation vernetzter Steuergeräte

in Fahrzeugen und entwickeln Modelle, die

unsere Sicherheit im Auto erhöhen sollen.

Im Bild (von links) diskutieren die Diplom -

informatiker Susanne Schwarzkopf, David

Schwarz und Mark Schlieker über ein Kon -

zept für ein Testsystem.

Bewilligungen 2007

im Rahmen des Niedersächsischen Vorab

Braunschweig

Technische Universität Braunschweig, Institut für Verkehrssicherheit:

Einrichtung eines Forschungsschwerpunktes „Verkehrstechnik“

Technische Universität Braunschweig: Unterstützung des Sonderforschungs -

bereichs 516 „Konstruktion und Fertigung aktiver Mikrosysteme“ am Institut

für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik sowie Unterstützung des

Sonderforschungsbereichs 578 „Integration gen- und verfahrenstechnischer

Methoden zur Entwicklung biotechnologischer Prozesse“

Technische Universität Braunschweig: Unterstützung der Stiftungsprofessur

INTEL „Advanced VLSI-Design“; Aufbau eines gemeinsamen Forschungs -

labors und Einrichtung einer W3-Professur für Bioinformatik

Braunschweig, Haifa/Israel

Technische Universität Braunschweig, Institut für Anorganische und

Analytische Chemie; Technion – Israel Institute of Technology/Department

of Chemistry: niedersächsisch-israelisches Gemeinschaftsvorhaben

„Development of Homogenous Organoactinide Catalysts with superbasic

Imidazolin-2-iminato Ligands“

Braunschweig-Wolfenbüttel

Fachhochschule Braunschweig-Wolfenbüttel, Fachbereich Informatik, Stand -

ort Wolfenbüttel: Förderung des Forschungsschwerpunkts „Modell basierte

Validierung zur Absicherung von automotiven Kommunikations netzen“

Clausthal

Technische Universität Clausthal: Einrichtung einer W3-Professur für

Datenbanken und Informationssysteme

Technische Universität Clausthal: Unterstützung des Energieforschungs -

zentrums Niedersachsen: Bereitstellung von Geräten und Baumitteln sowie

Unterstützung des Forschungsverbundes Energietechnik

Göttingen

Der Universität Göttingen wurden Mittel bewilligt zur Einrichtung von

Christian-Gottlob-Heyne-Professuren.

Universität Göttingen: Unterstützung der Professur für Augenheilkunde und

der Professur für Biochemie II


Universität Göttingen, XLAB Göttinger Experimentallabor für Junge Leute e.

V.: Förderung des XLAB durch Bereitstellung von Personal- und Sachmitteln

Universität Göttingen – Universitätsmedizin: Einrichtung einer Forscher -

gruppe „Magnetresonanz-Tomografie in der Neurologie und Psychiatrie“ und

Unterstützung des Forschungszentrums Molekularphysiologie des Gehirns

(CMPB) durch Personalmittel, Ausstattung eines Labors und Beschaffung

von Geräten

Universität Göttingen – Universitätsmedizin, Institut Translationale Kardio -

logie: Unterstützung des Schwerpunkts Kardiologie: Beschaffung eines

Laser-Scanning-Mikroskops

Universität Göttingen – Universitätsmedizin: Unterstützung der W3-Professur

für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: Gerätebeschaffung

Göttingen, Haifa/Israel

Universität Göttingen, Juniorprofessur für Soziologie; University of Haifa,

Department of Sociology and Anthropology: niedersächsisch-israelisches

Gemeinschaftsvorhaben „Identificational Integration of Ethnic and Non-

Ethnic Migrants in Germany and Israel“

Universität Göttingen, Abteilung Entwicklungsbiochemie und Molekulare

Zellbiologie; Technion – Israel Institute of Technology, Haifa, Department of

Biochemistry: niedersächsisch-israelisches Gemeinschaftsvorhaben „The

interactive role of NF-AT protein and WnT-Signaling in regulating neural

cell fate and morphogenesis during early vertebrate development“

Universität Göttingen, Institut für Astrophysik; Technion – Israel Institute

of Technology, Haifa, Department of Physics: niedersächsisch-israelisches

Gemeinschaftsvorhaben „Measuring the Black Hole mass in active galactic

nuclei“

Universität Göttingen, Institut für Mikrobiologie und Genetik; Technion –

Israel Institute of Technology, Haifa, Bruce Rappaport Faculty of Medicine:

niedersächsisch-israelisches Gemeinschaftsvorhaben „Molecular and Struc -

tural Characterization of EhMLBP, a novel methylated DNA binding protein

expressed by the parasite Entamoeba histolytica. An integrated study using

molecular biology and crystallography“

Universität Göttingen, II. Physikalisches Institut; Technion – Israel Institute

of Technology, Haifa, Department of Materials, Engineering: niedersächsischisraelisches

Gemeinschaftsvorhaben „Modeling, Monitoring and Characteri -

zation of Phase Transition Kinetics in newly developed Austenitic Ductile

Iron“

Von Schwarzen Löchern und galaktischen

Kernen: Das obere Bild ist die künstlerische

Darstellung einer Akkretionsscheibe – eine

rotierende Scheibe, die ein supermassereiches

Schwarzes Loch im Zentrum füttert.

Schwarze Löcher stehen auch im Zentrum

eines niedersächsisch-israelischen Gemein -

schaftsvorhabens am Göttinger Institut für

Astrophysik. Für die Messungen im Rahmen

dieses Projektes müssen die Wissenschaftler

allerdings nach West-Texas reisen, denn dort

steht ein geeignetes „10-Meter-Hobby-Eberly-

Teleskop“ bereit (Bild unten).

Jahresbericht 2007 Niedersächsisches Vorab 153


154

Gewebe aus dem Reagenzglas: Beim „Tissue

Engineering“ entstehen künstliche Gewebe,

die Gewebe- und Organdefekte heilen sollen.

Am Institut für Technische Chemie der Leib -

niz Universität Hannover werden Gewebe

aus Stamm- und Vor läuferzellen in Bioreak -

toren gezüchtet. Dr. Yvonne Stark (oberes

Bild) aus der Arbeits gruppe von Privatdo zen -

tin Dr. Cornelia Kas per setzt gerade eine

Kollagenmatrix ein, die als Gerüst für Zellen

getestet wird. Für die Züchtung von Kno chen -

gewebe aus Vorläu fer zellen (Bild unten) dienen

spezielle Kera mikmaterialien als Basis.

Diplomche mi kerin Fabienne Anton und Tim

Hatlapatka (MSc) versorgen die wachsenden

Zellen mit Nähr stoffen und Sauerstoff.

Universität Göttingen – Universitätsmedizin, Abteilung Dermatologie und

Venerologie; Technion – Israel Institute of Technology, Haifa, Faculty of

Medicine: niedersächsisch-israelisches Gemeinschaftsvorhaben „Palmoplan -

tar keratodermas. An integrative approach“

Universität Göttingen – Universitätsmedizin, Abteilung Pädiatrie; Technion

– Israel Institute of Technology, Haifa, Cancer Research and vascular Biology

Center: niedersächsisch-israelisches Gemeinschaftsvorhaben „Examination

of the effects of Class-3 Semaforins on the development and progression of

brain tumors“

Hameln/Emmerthal

Institut für Solarenergieforschung GmbH (ISFH), Hameln/Emmerthal:

Errichtung eines Technikumneubaus zur räumlichen Erweiterung der

Forschungskapazitäten des Instituts

Hannover

Universität Hannover: Unterstützung des DFG-Sonderforschungsbereichs

653 „Gentelligente Bauteile im Lebenszyklus“: Gerätebeschaffung

Universität Hannover, Laboratorium für Nano- und Quanten-Engineering:

Neubau eines Laboratoriums für Nano- und Quanten-Engineering (LNQE)

Universität Hannover, Professur für Neuere und Neueste Geschichte:

Verbundvorhaben „Nationalsozialismus in Niedersachsen“

Medizinische Hochschule Hannover: Unterstützung des Sonderforschungs -

bereichs 566 „Zytokin-Rezeptoren und Zytokinabhängige Signalwege als

therapeutische Zielstrukturen“ und des Sonderforschungsbereichs 599

„Biomedizintechnik“

Medizinische Hochschule Hannover, Forschungseinheit Experimentelle

und Klinische Peptidforschung: Förderung des Projektes „Novel Peptide

Modulators of Viral Infection“

Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Klinische Biochemie:

Molekularbiologische Untersuchungen zur Erforschung der Ursachen und

neuer Therapiemöglichkeiten des Diabetes mellitus an Insulin produzie -

renden Zellen des Menschen

Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäß chi -

rurgie: Weiterführung und Sicherung laufender Aktivitäten sowie Unter -

stützung des neuen Sonderforschungsbereichs/Transregio 37 „Mikro- und

Nanosystemtechnologie – Biofunktionalisierung“ unter Beteiligung der

Universität Hannover, der Tierärztlichen Hochschule Hannover, der RWTH

Aachen sowie der Universität Rostock


Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäß -

chirurgie sowie Zentrum für Pharmakologie und Toxikologie: Unterstützung

des Aufbaus einer Arbeitsgruppe „Pharmako- und Toxikogenomics“: Bereit -

stellung von Geräten und Personalmitteln

Medizinische Hochschule Hannover, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie

und Pädaudiologie: Unterstützung des Forschungsprojekts „Auswirkungen

verschiedener Übungsverfahren auf Lese- und Rechtschreibkompetenz“:

Bereitstellung von Personal- und Sachmitteln

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Klinik für Pferde: Errichtung

eines Forschungslabors für das Zentrum für Infektionsmedizin

Fachhochschule Hannover: Unterstützung des Forschungsschwerpunkts

„Herbal Digital: Rationalisierung der Virtualisierung von botanischem

Belegmaterial und dessen Verwendung durch Prozessoptimierung und

-automatisierung“

Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik, Hannover: Finanzierung von

zwei Projekten „GEO HF“ und „Advanced LIGO“

Hannover, Braunschweig

Medizinische Hochschule Hannover, Twincore-Zentrum für Infektions -

biologie und klinische Infektionsforschung: Anlauffinanzierung einer

Gemeinschaftseinrichtung der MHH und des Helmholtz-Zentrums für

Infektionsforschung, Braunschweig

Hannover, Haifa/Israel

Universität Hannover, Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfall -

technik; Technion – Israel Institute of Technology, Haifa, Department of

Environmental, Water and Agricultural Engineering Division: niedersächsischisraelisches

Gemeinschaftsvorhaben „Dynamics in ephemeral and constant

perennial streams affecting the transportation of MTBE and other micropollutants

to Lake Kinneret (DYKE)“

Universität Hannover, Institut für Technische Chemie; Technion – Israel

Institute of Technology, Haifa, Faculty of Biotechnology and Food Engineer -

ing: niedersächsisch-israelisches Gemeinschaftsvorhaben „Tailor-made

functionalized biomaterials for bone tissue generation“

Hannover, Jerusalem/Israel

Universität Hannover, Institut für Pflanzengenetik; The Hebrew University

of Jerusalem, Department of Plant and Environmental Sciences: niedersächsisch-israelisches

Gemeinschaftsvorhaben „Dynamic reorganization of the

photosystem II supercomplex in plants“

Sichere und zielgenaue Medikamente im

Blick: Fast andächtig betrachtet Bijon Chat -

terji das Ergebnis einer Gelelektro pho rese.

Der Diplombiologe arbeitet an der Identi fi -

zie rung tumorspezifischer Biomarker, die in

der Behandlung von bestimmten Lun gen -

krebserkrankungen eine Rolle spielen können.

Die „Pharmako- und Toxikogeno mics“

sind ein Arbeitsschwerpunkt an der MHH

und am Fraun hofer-Institut für Toxikologie

und Experimen telle Medizin in Hannover.

Jahresbericht 2007 Niedersächsisches Vorab 155


156

Aufgehorcht: Interessantes rund um das

Hören erfährt man bei einem Spaziergang

durch den Hörgarten, eine Einrichtung am

Haus des Hörens der Universität Oldenburg

(Bild oben). Am „binauralen“ Teich wird auf

anschauliche Weise das räumliche Hören

„mit beiden Ohren“ erklärt. Rechts im Bild ist

einer von zwei Flüsterspiegeln zu sehen, die

ein Gespräch im Flüsterton über eine Entfer -

nung von 40 Metern ermöglichen. Wer nichts

hört, kann sich von Dr. Karsten Plötz (unten)

untersuchen lassen: Ein Video-Otos kop er -

möglicht einen Einblick in den Gehö r gang;

der Patient kann den Blick ins Ohr auf einem

Monitor verfolgen. Das Haus des Hörens ist

Teil der „Audiologie Initiative Niedersachsen“,

an der neben der Uni Olden burg auch die Me -

dizinische Hochschule Hannover beteiligt ist.

An den Leibniz Forschungslaboratorien für Biotechnologie und künstliche

Organe (LEBAO) in Hannover werden auch neue mikro skopische

Methoden für die Stammzellbiologie erprobt. Im Bild ein Mitarbeiter

aus der Arbeitsgruppe von Professor Dr. Ulrich Martin.

Universität Hannover, Institut für Sportwissenschaft; The Hebrew University

of Jerusalem, History Department: niedersächsisch-israelisches Gemein schafts -

vorhaben „The History of Jewish Sports and National Socialists Germany

until 1938 with special consideration of the present state of Lower Saxony“

Medizinische Hochschule Hannover, Department of Orthopaedic Surgery,

Laboratory of Biomechanics and Biomaterials; The Hebrew University of

Jerusalem, Section of Surgery and Laboratory of Biomechanics, Koret

School of Vet. M.: niedersächsisch-israelisches Gemeinschaftsvorhaben

„Biomechanical investigation of pelvic osteotomies used for the correction

of dysplasia of the hip in children and adolescents: an experimental and

theoretical study“

Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Virologie; The Hebrew

University of Jerusalem, Department of Pharmacology: niedersächsischisraelisches

Gemeinschaftsvorhaben „The Unfolded Protein Response

following Cytomegalovirus Infection: Mechanismus and Consequences

for Antigen Presentation“

Hildesheim

Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Standort Göttingen,

Fakultät Ressourcenmanagement: Unterstützung des Forschungsschwer -

punkts „Städtischer Wurzelraum“

Lüneburg

Universität Lüneburg: Einrichtung der Professur Architektenentwurf

Oldenburg

Universität Oldenburg, Department für Informatik: Unterstützung des

Sonderforschungsbereichs/Transregio 14 „AVACS – Automatic Verification

and Analysis of Complex Systems“

Universität Oldenburg, Fachbereich Pädagogik, An-Institut für Ökonomische

Bildung: Bereitstellung von Personalmitteln

Universität Oldenburg, Fachbereich Physik: Beschaffung eines Rechner systems

und Verbesserung der Forschungsinfrastruktur

Universität Oldenburg, Forschungszentrum Sicherheitskritische Systeme:

Einrichtung eines neuen Forschungsschwerpunkts „IMoST – Integrated

Modeling for Safe Transportation“

Universität Oldenburg, Institut für Biologie und Umweltwissenschaften:

Stärkung des Forschungsschwerpunktes Neurosensorik und bessere Einbin -

dung der Biochemie in die Neurobiologie: Bereitstellung von Personalmitteln

und Gerätebeschaffung


Universität Oldenburg: Unterstützung der Professur für Neurosensorik,

der Professur Biodiversität und Evolution der Tiere, der Professur „Methoden

der empirischen Sozialforschung“ und der Professur Experimentelle Physik,

Schwerpunkt Optische Kurzzeitspektroskopie durch Bereitstellung von

Personalmitteln und Gerätebeschaffung

Oldenburg, Braunschweig

Universität Oldenburg, Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM):

Verbundprojekt „Vergleichende funktionelle Genomanalyse repräsentativer

Vertreter der Roseobacter-Bakteriengruppe“ – in Kooperation mit der

Technischen Universität Braunschweig, dem Helmholtz-Zentrum für

Infektionsforschung und der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen

und Zellkulturen GmbH, beide ebenfalls Braunschweig

Oldenburg, Hannover

Universität Oldenburg: Unterstützung des Forschungsverbundes „Windenergie“

an den Universitäten Oldenburg und Hannover und des Verbundprojekts

„Audiologie Initiative Niedersachsen“ an der Universität Oldenburg und der

Medizinischen Hochschule Hannover

Oldenburg, Jerusalem/Israel

Universität Oldenburg, Institut für Biologie und Umweltwissenschaften;

Hebrew University Jerusalem, The School of Nutritional Sciences: niedersächsisch-israelisches

Gemeinschaftsvorhaben „The Role of Membrane Lipid

Composition in Regulation of Stress Responses and Cell Survival of Brain and

Intestinal Cells during Oxidative-Stress and Inflammation“

Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven

Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven, Standort Olden burg,

Abteilung Elektrotechnik und Informatik: Förderung des Forschungsschwer -

punktes „Applikationen für massiv parallele Rechnercluster“

Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven, Standort

Oldenburg, Abteilung Elektrotechnik und Informatik, Institut für Ange wandte

Photogrammetrie und Geoinformatik: Förderung des Forschungsschwer -

punktes „Dynamische optische 3D-Messtechnik“: Bereitstellung von Mitteln

für Personal, Sachkosten und Gerätebeschaffung

Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven, Standort Elsfleth,

Fachbereich Seefahrt: Einrichtung eines neuen Forschungsschwerpunkts

„Schiffsdynamik: Von der Forschung zur Anwendung“

Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven, Standort Emden,

Emder Institut für Umwelttechnik: Förderung des Schwer punkts „Kraft fahr -

zeugemittierte Metallfraktionen im Feinstaub: Detektion, räumliche Aus brei -

tung, Analyse und ökotoxikologische Auswirkungen in urbanen Gebieten“

Planung und Experiment: Dynamische Pro -

zesse an Oberflächen optisch und dreidimensional

zu erfassen, ist das Ziel der Diplom in -

ge nieure Benjamin Herd, Folkmar Bethmann

und Julia Ohm (von links) von der Fachhoch -

schule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelms ha -

ven. Ihre anwendungsorientierte Forschung

dient Verfahren, die beispielsweise in Crash-

Tests, bei der Navigation von Werkzeugen

und Sensoren oder bei der Analyse von Zell -

strukturen wichtig sind. Der Versuchsaufbau

gibt dann einen Eindruck davon, was dynamische

Oberflächenerfassung leisten muss.

Im Bild zu sehen ist ein 3D-Flächenprüf kör per,

auf den High-Speed-Kameras gerichtet sind.

Jahresbericht 2007 Niedersächsisches Vorab 157


158

Oldenburg, Vechta

OFFIS – Oldenburger Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Informatik-

Werkzeuge und -Systeme: Forschungsverbund „Gestaltung altersgerechter

Lebenswelten“ gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum HörTech, Univer -

sität Oldenburg und Hochschule Vechta

Osnabrück

Der Universität Osnabrück wurden Mittel bewilligt zur Einrichtung von

Christian-Gottlob-Heyne-Professuren.

Universität Osnabrück, European Legal Studies Institute (ELSI): Einrichtung

eines europawissenschaftlichen Zentrums zur Förderung von Forschung und

Lehre auf dem Gebiet der Rechtsvergleichung und Rechtsvereinfachung und

weitere Unterstützung des ELSI

Universität Osnabrück, Fachbereich Biologie/Chemie: Förderung der

Forschungsinfrastruktur durch Personalmittel und Gerätebeschaffung

Universität Osnabrück, Fachbereich Humanwissenschaften: Verbesserung

der Forschungsinfrastruktur durch Beschaffung von Geräten

Universität Osnabrück, Fachbereich Kultur- und Geowissenschaften: Projekt

„Die Kleinfunde und ihr Verhältnis zu den Befunden aus den Grabungen im

Bereich der Flur ‚Oberesch’ in Kalkriese, Stadt Bramsche, Landkreis

Osnabrück“

Universität Osnabrück, Fachbereich Mathematik/Informatik: Bereitstellung

von Personalmitteln und Beschaffung von Geräten

Universität Osnabrück, Fachbereich Sozialwissenschaften, W3-Professur

Organische Materialwissenschaften: Unterstützung des Lehrstuhls für

Organische Chemie durch Personalmittel und Gerätebeschaffung

Universität Osnabrück, Institut für Parteienforschung: Projekt „Entwicklungen

und Entwicklungsperspektiven des Parteienrechts“

Universität Osnabrück, Interdisziplinäres Institut für Kulturgeschichte

der Frühen Neuzeit (IKFN): Projekt „Geisteswissenschaftliche Grundlagen -

forschung und kultureller Transfer im Europa der Frühen Neuzeit“

Ein Psalm, ausgewählt aus dem Bernward-Psalter, lautet : Quemadmodum … „Wie der Hirsch

lechzt nach frischem Wasser, meine Seele, Gott, nach dir“ (Psalm 42,2). „Der Bernward-Psalter und

die Bibliothek von St. Micha elis in Hildesheim“ ist ein Forschungsvor ha ben an der Herzog August

Bibliothek Wolfenbüttel.


Fachhochschule Osnabrück, Agrarwissenschaften, Fachgebiet Umwelt -

schonende Pflanzenproduktion: Förderung des Forschungsschwerpunktes

„Precision Farming als Instrument der interdisziplinären potentialorientierten

Landnutzung (PIROL)“

Osnabrück, Eilat/Israel

Universität Osnabrück: Marine-Mikrobiologischer Kursus 2008 am H. Steinitz

Marine Biology Laboratory in Eilat, Israel

Osnabrück, Jerusalem/Israel

Universität Osnabrück, Fachbereich Biologie/Chemie, Institut für Kogni -

tionswissenschaft; The Hebrew University Jerusalem, Department of

Psychology: niedersächsisch-israelisches Gemeinschaftsvorhaben

„Does the study of simple visual assess the primitives of natural vision?“

Wolfenbüttel

Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Förderung des Projektes

„Wissensproduktion an der Universität Helmstedt: Die Entwicklung

der philosophischen Fakultät 1576 bis 1810“

Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Projekt „Der Bernward-Psalter und

die Bibliothek von St. Michaelis in Hildesheim“

Mehrere Hochschulen

Exzellenzinitiative

Mittel zur Deckung des Landesanteils

wurden bewilligt an die

Universität Göttingen

Universität Hannover

Medizinische Hochschule Hannover

Universität Oldenburg

Die Wissensproduktion an der Universität

Helmstedt und die Entwicklung der philosophischen

Fakultät wird an der Herzog August

Bibliothek in Wolfenbüttel untersucht. Im

Bilde: das von 1592 bis 1597 errichtete Aula -

gebäude Juleum Novum in Helmstedt.

Beteiligung an Forschungsförderprogrammen Dritter

Mittel wurden bewilligt an die

Medizinische Hochschule Hannover

Universität Göttingen

Deutsches Primatenzentrum GmbH

Universität Hannover

Technische Universität Braunschweig

Universität Oldenburg

Jahresbericht 2007 Niedersächsisches Vorab 159


162

163

164

166

167

167

168

169

170

Förderstatistik 2007

Grafiken

Antragsentwicklung 2007

Bewilligungen in den Förderinitiativen

Förderung nach Wissenschaftsbereichen

Förderung nach Empfängergruppen

Förderung nach Verwendungsarten

Entscheidungen und Bewilligungen 1998 bis 2007

Bewilligungsquoten 1998 bis 2007

Antrags- und Bewilligungssummen seit 1962


Förderstatistik 2007


162

Förderstatistik 2007

Bewilligungen

Auslandsförderung

Förderinitiativen

In den 46 Jahren ihrer Tätigkeit von 1962 bis zum Ende des Berichtsjahres

2007 hat die VolkswagenStiftung in 28.692 Bewilligungen mehr als 3,4 Mil liar -

den Euro für die Förderung von Forschung und Lehre zur Verfügung gestellt.

Im Jahre 2007 wurden insgesamt 115,5 Mio. Euro für die Erfüllung des

Stiftungszwecks bewilligt; davon entfielen 51,4 Mio. Euro auf Allgemeine

Fördermittel (für 319 Projekte); 64,1 Mio. Euro wurden im Rahmen des

Niedersächsischen Vorab (vgl. hierzu Seite 142 ff.) bewilligt.

Die folgenden Angaben zur Auslandsförderung der Stiftung umfassen neben

Bewilligungen an ausländische Einrichtungen und an deutsche Einrichtungen

im Ausland auch Maßnahmen zugunsten ausländischer Kooperationspartner

im Rahmen von Inlandsbewilligungen. Im Jahr 2007 wurden 5,8 Mio. Euro

für 104 Projekte bewilligt. Auf das europäische Ausland entfielen 4,7 Mio.

Euro, auf das außereuropäische 1,1 Mio. Euro. 53 Prozent der Bewilligungen

der Auslandsförderung wurden in den Geistes- und Gesellschaftswissen -

schaften ausgesprochen, 47 Prozent entfielen auf die Bio-, Natur- und

Ingenieurwissenschaften.

In Tafel 1 (Seite 164) ist die Allgemeine Förderung nach Bewilligungsbeträgen

und Anzahl der Bewilligungen dargestellt. Vom Umfang der bewilligten Mit -

tel her dominieren für 2007 die „Lichtenberg-Professuren“ mit 5,6 Mio. Euro –

danach folgen die Förderinitiativen „Innovative Methoden zur Her stel lung

funktionaler Oberflächen“ (4,8 Mio. Euro), „Pro Geisteswissen schaften“ (4,0 Mio.

Euro) sowie „Modellierung und Simulation komplexer Systeme“ und „Zukunfts -

fragen der Gesellschaft“, beide mit jeweils 3,6 Mio. Euro Bewilligungssumme.

Außerdem wurden in der beendeten Förderinitiative „Molekulare Konfor ma -

tionen und biologische Funktion“ noch einmal Bewil li gungen in Höhe von

4,7 Mio. Euro ausgesprochen. Nach Zahl der geförderten Vorhaben stehen die

„Symposien und Sommerschulen“ mit 35 Bewilligungen gleichauf mit den

„Zukunftsfragen der Gesellschaft“ an der Spitze. Gefolgt werden sie von den

beiden auslandsorientierten Förderinitiativen zum sub-saharischen Afrika

mit 28 Bewilligungen und zum „erweiterten Europa“ mit 23 Bewilli gun gen.

Die Zahl der Bewilligungen entspricht zumeist der Zahl der Arbeitsgruppen.

In einigen Förderinitiativen, insbesondere in den Naturwissenschaften, werden

jedoch überwiegend Kooperationsvorhaben gefördert, in denen jeweils

mehrere Arbeitsgruppen – und damit Bewilligungen – verbunden sind.


Das Mittelvolumen (vgl. Abb. unten) der im Jahr 2007 eingegangenen

Anträge ist gegenüber dem Vorjahr von 205,2 Mio. Euro auf 188,1 Mio. Euro

gesunken, die Zahl der Anträge sank ebenfalls von 858 im Jahr 2006 auf 725

(beides ohne Niedersächsisches Vorab). Insgesamt wurden 851 Anträge über

213,4 Mio. Euro abschließend bearbeitet (2006: 872 Anträge über 213,0 Mio.

Euro). Der Antragsübertrag ins Jahr 2008 beläuft sich auf 415 Anträge mit

138,3 Mio. Euro. Bei einer Betrachtung der Zahl der Anträge ist allerdings zu

berücksichtigen, dass mittlerweile in einer Reihe von Förderinitiativen eine

positiv begutachtete Projektskizze Voraussetzung für eine Antragstellung ist.

319 positive Entscheidungen wurden im Berichtsjahr getroffen. Bei einem

Verhältnis von 37,5 zu 62,5 Prozent stehen ihnen 532 negative Entscheidungen

gegenüber, die neben den Ablehnungen auch sonstige Erle digungen einschließen.

Im Vorjahr standen 276 positiven Entscheidungen 596 Ablehnun -

gen und sonstige Erledigungen gegenüber: ein Verhältnis von 31,7 zu 68,3

Prozent. 2007 wurde über ein Antragsvolumen von 213,4 Mio. Euro entschieden;

davon wurden mit 51,4 Mio. Euro 24,1 Prozent bewilligt. Im Vorjahr betrug

die Bewilligungsquote mit 53,4 Mio. Euro bei 213,0 Mio. Euro Antragsvolumen

25,1 Prozent (vgl. dazu Tafeln 5 und 6, S. 168/69).

Die Tafeln 2 bis 4 zeigen die Aufgliederung der bewilligten Vorhaben im

Jahr 2007 (51,4 Mio. Euro ohne Niedersächsisches Vorab) nach Wissenschafts -

be rei chen, Empfängergruppen und Verwendungsarten. Daraus geht unter

anderem hervor, dass für 168 Vorhaben in den Geistes- und Gesellschafts -

wissenschaften 23,5 Mio. Euro, für 36 Vorhaben in den Naturwissenschaften

und der Mathematik 7,1 Mio. Euro, für 30 Vorhaben in den Biowissenschaften

einschließlich der Medizin 6,1 Mio. Euro und für 26 Vorhaben in den Inge nieur -

wissenschaften 6,0 Mio. Euro bewilligt wurden. Hinzu kommen 59 Vorhaben

mit 8,7 Mio. Euro Bewilligungssumme für Fachgebietskombi na tionen.

Antragsentwicklung 2007 (ohne Niedersächsisches Vorab)

725 neu eingegangene Anträge über 188,1 Mio. EUR

+

541 Anträge, Vortrag am Jahresbeginn, über 163,6 Mio. EUR

415 Anträge, Überträge ins Jahr 2008, über 138,3 Mio. EUR

851 entschiedene Anträge über 213,4 Mio. EUR


=

319 positive Entscheidungen über 51,4 Mio. EUR

Kürzungen um 5,8 Mio. EUR

Antragsentwicklung

Entscheidungen

Aufgliederungen

532 negative Entscheidungen über 156,2 Mio. EUR

Jahresbericht 2007 Förderstatistik 2007 163


164

1a Bewilligungen in den laufenden Förderinitiativen

Struktur- und personenbezogene Förderung

Lichtenberg-Professuren (seit 2002) 5 5,6 27 32,3

Schumpeter-Fellowships (seit 2006) 7 3,8 7 3,8

Pro Geisteswissenschaften (seit 2005) 14 4,0 27 7,7

Hochschule der Zukunft (seit 2005) 8 0,6 19 5,9

Symposien und Sommerschulen (seit 1966) 35 0,8 1796 25,0

Auslandsorientierte Initiativen

Wissen für morgen – Kooperative Forschungsvorhaben

im sub-saharischen Afrika (seit 2003)

28 1,9 86 9,8

Mittelasien/Kaukasus im Fokus

der Wissenschaft (seit 1999)

19 3,5 150 19,3

Einheit in der Vielfalt? – Grundlagen und Voraussetzungen

eines erweiterten Europas (2000 bis März 2008)

23 3,5 168 23,5

Dokumentation bedrohter Sprachen (seit 1999) 13 1,7 85 16,5

Thematische Impulse

Innovative Methoden zur Herstellung

funktionaler Oberflächen (seit 2004)

20 4,8 48 11,7

Neue konzeptionelle Ansätze zur Modellierung und

Simulation komplexer Systeme (seit 2003)

20 3,6 48 8,0

Evolutionsbiologie (seit 2005) 15 2,0 26 3,5

Gesellschaftliche und kulturelle Herausforderungen

Zukunftsfragen der Gesellschaft (seit 2002) 35 3,6 107 12,7

Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften (seit 1998) 2 0,9 37 16,1

Deutsch plus (seit 2007) 1 0,2 1 0,2

Außergewöhnliches

2007

Anzahl

2007

Mio. EUR

gesamt

Anzahl

gesamt

Mio. EUR

Wissenschaft – Öffentlichkeit – Gesellschaft (seit 2007) 1 0,1 1 0,1

European Platform (seit 2006) 9 0,7 10 0,8


1b Bewilligungen in – unter anderem auch im Berichtsjahr – beendeten Förderinitiativen

Molekulare Konformationen und 30 4,7 164 27,5

biologische Funktion (1998 bis März 2007)

2007

Anzahl

2007

Mio. EUR

gesamt

Anzahl

gesamt

Mio. EUR

Innovationsprozesse in Wirtschaft

und Gesellschaft (2001 bis März 2007)

14 3,5 53 12,2

Nachwuchsgruppen an

Universitäten (1996 bis Dez. 2002)*

2 0,4 107 78,5

Konstruktionen des „Fremden“

und des „Eigenen“ (1999 bis Dez. 2002)

4 0,02 79 12,1

Partnerschaftsprogramm mit Instituten

im Ausland (1979 bis Dez. 2002)

3 0,04 942 41,6

* hierbei handelt es sich um Bewilligungen

des 6. Jahres (siehe auch Seite 23).

Jahresbericht 2007 Förderstatistik 2007 165


166

2 Förderung nach Wissenschaftsbereichen (ohne Niedersächsisches Vorab)

Bewilligungssummen in Mio. EUR:

6,0

7,1

I

NM

Geistes- und Gesellschafts wissenschaften

Fachgebietskombinationen FK

Biowissenschaften einschl. Medizin B

B

FK

23,5

8,7

6,1

Anzahl der bewilligten Vorhaben:

26

36

I

NM

Naturwissenschaften und Mathematik NM

Ingenieurwissenschaften I

B

FK

168

59

30


3 Förderung nach Empfängergruppen (ohne Niedersächsisches Vorab)

Bewilligungssummen in Mio. EUR:

2,5

14,8

Anzahl der bewilligten Vorhaben:

19

80

4 Förderung nach Verwendungsarten (ohne Niedersächsisches Vorab)

Bewilligungssummen in Mio. EUR:

1,5

1,4

0,1

1,7

34,1

220

33,6

6,5

6,5

Wissenschaftliche Hochschulen

Andere wissenschaftliche

Einrichtungen

Ausländische wissenschaftliche

Einrichtungen

Personalkosten: 36,5

Wissenschaftliches Personal

Nichtwissenschaftliches Personal

Stipendien

Laufende Sachkosten: 13,0

Sonstige laufende Sachkosten

Reisekosten

Einmalige Sachkosten: 1,8

Geräte

Sonstige einmalige Beschaffungen

Jahresbericht 2007 Förderstatistik 2007 167


168

5 Entscheidungen und Bewilligungen 1998 bis 2007 (ohne Niedersächsisches Vorab)

Anzahl der Bewilligungen und Anträge:

1998

99

2000

01

02

03

04

05

07

Bewilligungs- und Antragssummen in Mio. EUR:

1998

99

2000

01

02

03

04

05

07

328

321

319

402

377

442

465

538 1125

498 1273

06 276 872

61,8 209,0