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Über drei Gedichte von Rainer Malkowski - Bayerische Akademie ...

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Peter Horst Neumann<br />

<strong>Über</strong> <strong>drei</strong> <strong>Gedichte</strong> <strong>von</strong> <strong>Rainer</strong> <strong>Malkowski</strong><br />

Gesprochen zur ersten Verleihung des <strong>Rainer</strong>-<strong>Malkowski</strong>-Preises der <strong>Bayerische</strong>n<br />

<strong>Akademie</strong> der Schönen Künste, München am 29. Juni 2006<br />

Es ist jetzt sieben Jahre her, daß <strong>Rainer</strong> <strong>Malkowski</strong> selbst einen Preis entgegennahm,<br />

den opulenten Joseph-Breitbach-Preis der Mainzer <strong>Akademie</strong>. Im Liechtensteinischen<br />

Vaduz erhielt er 1999 Urkunde und Scheck, und ich durfte ihm<br />

die Lobrede halten, wie heute Adolf Muschg die seine auf Manfred Peter Hein.<br />

Es war unsere erste Begegnung, und leider folgten nicht viele hernach, denn<br />

schon bald war die tötende Krankheit über ihn gekommen, und auch die<br />

Verdunkelung seines Augenlichts schritt unaufhaltsam vor. In einem seiner<br />

letzten <strong>Gedichte</strong> schrieb dieser leidenschaftliche Augenmensch –<br />

Nicht, was ich nicht weiß,<br />

reut mich,<br />

Mich reut<br />

der nachlässige Gebrauch<br />

meiner Augen.<br />

Seit seinem ersten Gedichtband, der 1975 erschien, war <strong>Rainer</strong> <strong>Malkowski</strong> einer<br />

der kenntlichsten Lyriker dieser Jahrzehnte. Etwa jedes dritte Jahr hat er uns mit<br />

einem schmalen Band neuer Verse beschenkt. Ich sage „uns“ und „beschenkt“<br />

und bin mir dabei bewußt, wie wenige wir sind, die sich ein Leben ohne die<br />

Verse der wirklichen Dichter nicht vorstellen können. Sein letzter, 2004<br />

posthum im Hanser Verlag erschienene Band „Die Herkunft der Uhr“ ist<br />

kostbar, auch durch das Nachwort seines Freundes Albert <strong>von</strong> Schirnding.<br />

An anderen Orten mag man die Wörter zählen, im Gedicht aber werden sie<br />

gewogen, jedes für sich, in Satz und Zeile. Die Redensart vom Wort auf der<br />

Goldwaage hat einen dichtungsspezifischen Sinn, wozu aufs genaueste die<br />

sprichwörtliche Gleichung paßt, daß Reden nur Silber sei. Im Gedicht erlebt<br />

unser aller Sprachgebrauch sein strengstes Examen. Das Ziel dieser sensibelsten<br />

aller Sprachkritiken aber ist es, die kunstvolle Einheit <strong>von</strong> Reden und<br />

Schweigen zu finden auf der Wortwaage des Gedichts.<br />

Daß dies nur selten gelingt, hat <strong>Rainer</strong> <strong>Malkowski</strong> gewußt und damals in Vaduz<br />

ausgesprochen. „Zwischen den bloß gut gemachten <strong>Gedichte</strong>n“, so sagte er<br />

damals, „und jenen, die sich ereignen, weil das Wichtigste unversehens hinzutritt,<br />

ist zu unterscheiden. Auf die kleine Zahl der zweiten Kategorie, die einem<br />

möglich ist, schreibt man zu.“ Ähnlich einsichtige Bekenntnisse lesen wir auch<br />

bei anderen Dichtern. Dieses aber ist mir besonders kostbar, weil <strong>Malkowski</strong>


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dem gut Gemachten seinen Rang und eine gewisse Wichtigkeit durchaus beläßt.<br />

Doch sein Fleiß, seine literarische Erfahrung und die kluge Handwerklichkeit<br />

seiner Sprachkunst standen so selbstbewußt wie bescheiden im Dienste dessen,<br />

was sich nicht bewerkstelligen läßt – es ist das Wichtigste, es tritt „unversehens<br />

hinzu“, es ist das Poetische.<br />

Drei <strong>Gedichte</strong> aus der <strong>von</strong> ihm so genannten „zweiten Kategorie“ möchte ich<br />

uns zu <strong>Rainer</strong> <strong>Malkowski</strong>s Gedächtnis vorlesen und auch ein wenig kommentieren.<br />

Morgen könnte meine Wahl vielleicht eine andere sein.<br />

Für einen römischen Soldaten<br />

Mit jeder Zeile im Lexikon<br />

über die Leistungen des Archimedes<br />

wächst das Entsetzen<br />

über die Tat seines Mörders.<br />

Man erschlägt keine Genies.<br />

Gab es nicht genug<br />

andere Opfer?<br />

Durchschnittliche Familienväter,<br />

schlichte,<br />

lebenslustige Leute?<br />

Aber vermutlich<br />

wußte der römische Soldat nicht<br />

wen er vor sich hatte.<br />

Oder er hielt nichts<br />

<strong>von</strong> der die Jahrhunderte<br />

erhellenden<br />

Ungleichheit der Menschen.<br />

Und war<br />

gerecht.<br />

Das Gedicht überspringt einen Zeitenschlund <strong>von</strong> über 2000 Jahren. In der Spur<br />

einer Lexikonlektüre vergegenwärtigt es die Tat eines römischen Legionärs, ein<br />

millionenfach durch die Geschichte wiederholtes Geschehen. Doch dieses Opfer<br />

hat einen berühmten Namen – Archimedes, ein Genie der Mathematik. Wobei<br />

zu bedenken ist, daß das, was wir Genie nennen, das Wunder einer vollkommenen<br />

Individuation, das im Geist erreichbare Menschenbeste ist. <strong>Malkowski</strong> gibt<br />

ihm den Namen einer „die Jahrhunderte erhellenden Ungleichheit der Menschen“.<br />

Dem steht allerdings etwas nicht weniger Bedeutsames harsch entgegen:<br />

die naturrechtliche Gleichrangigkeit aller Menschen, das Prinzip der Demokratie.<br />

Beides sind unverzichtbare Werte, aber <strong>von</strong> unversöhnbarer Koexistenz. Der


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römische Soldat, der das Mathematik-Genie anno 212 vor unserer Zeitrechnung<br />

tötete, mochte nicht wissen, wen er da erschlug, mochte vielleicht auch „<strong>von</strong> der<br />

die Jahrhunderte/ erhellenden/ Ungleichheit der Menschen“ nichts ahnen oder<br />

da<strong>von</strong> halten. Er war, wie das Gedicht uns einschärft, „gerecht“. Dieser Satz,<br />

der wie ein demokratisches Einverständnis klingt, hat die Grenze zum Wahnsinn<br />

fast überschritten.<br />

Das zweite Gedicht trägt den Titel „Die Fighter“. Mit ihm betreten wir den<br />

geistigen Ring einer Kampfsportart, des Boxens. Der Titel meint durchaus, was<br />

er sagt; die gleich zu Beginn genannten Kerle sind allesamt schlagkräftige<br />

Champions gewesen.<br />

Die Fighter<br />

Willi Höppner, Hans Stretz,<br />

der lange Hein und Conny Rux:<br />

daß ich nur keinen vergesse.<br />

Die Boxer meiner Kindheit<br />

stehen noch immer im Ring.<br />

Längst gilt meine Begeisterung<br />

nicht mehr ihrem Punch,<br />

sondern den Nehmerqualitäten.<br />

Keiner <strong>von</strong> ihnen fällt<br />

- bis ich selber<br />

die Engel singen höre.<br />

Hier fällt ein schwarzgalliger Blick auf das eigene Ende, aber es ist zugleich<br />

auch mit ein sportif-erinnerungsvergnügtes Gedicht, es hat die Heiterkeit der<br />

finalen Resignation. Ein großer Poet, wem so etwas gelingt. Nicht mehr dem<br />

Punch, sondern den Nehmerqualitäten gilt die Bewunderung, <strong>Über</strong>stehen ist<br />

alles, keine Rede vom Siegen. Den Fightern <strong>von</strong> damals wird im Gedicht eine<br />

Art pindarisches Gedächtnis gestiftet. Die Identifikation mit ihnen geht so weit,<br />

daß man sie allesamt erst dann aus dem Ring tragen wird, wenn der Sprechende<br />

selbst im letalen Knockout „die Engel singen hört“. Die saloppe Metapher aus<br />

dem Boxer-Jargon ist zur Metapher des eigenen Todes geworden. Ein herzbewegendes<br />

Understatement.<br />

Und nun noch ein drittes Gedicht. Wie manches andere <strong>von</strong> <strong>Malkowski</strong> spricht<br />

es <strong>von</strong> der Zeit. Noch für den letzten Gedichtband bestimmte er den Titel „Die


4<br />

Herkunft der Uhr“. Von manchen Uhren-<strong>Gedichte</strong>n ist mir aber dieses das<br />

liebste:<br />

Uhren<br />

In der Kindheit eine Einmischung.<br />

Fast immer zeigten sie das Ende<br />

<strong>von</strong> etwas an, selten einen Beginn.<br />

Als ich die erste eigene Uhr bekam,<br />

war ich einen Tag lang stolz.<br />

Dann trug ist sie nicht mehr.<br />

So wehrte ich mich instinktiv<br />

gegen die Vertreibung aus dem Paradies.<br />

Später hielt ich mir viel zugute<br />

auf meine Pünktlichkeit.<br />

Am Handgelenk tickte ein Instrument,<br />

mit dem ich meine Selbstachtung kontrollierte<br />

und den Respekt vor andern.<br />

Auch über Glück und Unglück<br />

entschieden manchmal Minuten.<br />

Aber immer lebte ich in Räumen<br />

ohne hörbaren Stundenschlag.<br />

Ich mied die getäfelten Stuben,<br />

Liebhaber – Museen mit verglasten,<br />

hochkant stehenden Särgen,<br />

in denen ein Perpendikel schwang.<br />

Leichter war mir im Freien.<br />

Die an die Türme geheftete Zeit – beinahe<br />

schon wieder zum Lachen.<br />

Als mein Vater sehr krank war,<br />

schenkte er mir seine Uhr.<br />

Ich dachte: wenn ich sie jeden Tage aufziehe,<br />

wird er nicht sterben.<br />

Und hatte dann doch zu wenig Vertrauen<br />

zu meiner Unvernunft.<br />

Das ist eine anrührende, zunächst etwa episch-breit anmutende Aufzählung<br />

erinnerter Erfahrungsmomente, alle bezogen auf gemessene Zeit,<br />

Uhrenzeit, Lebenszeit. Erst im letzten Erinnerungsbild erweist sich das,<br />

was zunächst wie Prosa klingt – als Gedicht. Das ist meisterlich inszeniert.<br />

Man mag daran denken, daß Väter ihren Kindern gemeinhin das<br />

sogenannte Realitätsprinzip verkörpern. Dessen Hauptattribut ist die<br />

pünktlich gemessene, gut verwaltete Zeit. Oft war die erste Uhr ein Geschenk<br />

des Vaters, hier ist sie das letzte Geschenk. Die alte Gleichung


5<br />

<strong>von</strong> „Herz“ und „Uhr“ klingt an, doch ganz ohne sentimentales<br />

Tremolo. „Ich dachte: wenn ich sie jeden Tag aufziehe,/ wird er nicht<br />

sterben./ Und hatte dann doch zu wenig Vertrauen/ zu meiner<br />

Unvernunft.“ Wie anrührend-kindlich ist dieser Beschwörungsversuch,<br />

und wie bewundernswert, sicher wurde hier zwischen magischem und<br />

rationalem Denken der paradoxe Ausgleich gefunden. Der Dichter stellt<br />

uns anheim, ob durch ein größeres Vertrauen das Unmögliche nicht<br />

vielleicht doch hätte erreicht werden können.<br />

Ohne ein bißchen Urvertrauen zur „Unvernunft“ gibt es keine Poesie.<br />

Dieses in uns wach zu halten und immer wieder zu überprüfen – ich<br />

denke, daß darin die humane Nützlichkeit der Lyrik besteht. Unsere<br />

Kultur ist so entschieden auf technische Vernunft programmiert und<br />

bringt so vieles objektiv Unvernünftige unter den Vorwänden der Nützlichkeit<br />

hervor, daß sich die in den Sprachspielen der Dichter kontrollierte<br />

Unvernunft dagegen wie ein beschwörender Einspruch erhebt.<br />

Wir hoffen, daß er nicht ebenso vergeblich sein möge, wie das Aufziehen<br />

der Uhr in <strong>Rainer</strong> <strong>Malkowski</strong>s Gedicht.<br />

Dieser Dichter hat unserer <strong>Akademie</strong> zur Weitergabe an würdige<br />

Schriftsteller ein hochherziges Geschenk hinterlassen – eine Geste kollegialer<br />

Solidarität und Fürsorge über den Tod hinaus. Das größere<br />

Geschenk aber sind seine <strong>Gedichte</strong>.<br />

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