Die ersten 1'000 Tage - World Vision Schweiz

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Die ersten 1'000 Tage - World Vision Schweiz

Der beste start ins Leben:

Die ersten 1000 tage

entscheiDen


Zusammenfassung


Immer dann, wenn die Vereinten Nationen eine

Hungersnot erklären und in den Medien erschütternde

Bilder von hungernden Kindern mit aufgeblähten

Bäuchen verbreitet werden, tritt die

Weltöffentlichkeit sogleich auf den Plan. Es ist stets

das gleiche Szenario: Tausende sterben, Geberländer

und –organisationen und humanitäre Hilfswerke

schicken Nahrungsmittelsoforthilfe in die

betroffenen Gebiete, und nach einiger Zeit entschwindet

die unmittelbare Krise wieder aus dem

Blickfeld der Öffentlichkeit. Die primären Ursachen

der Tragödie bleiben indes bestehen.

So verhält es sich auch mit der jüngsten offiziell

ausgerufenen Hungersnot in Somalia und der

immer dramatischer werdenden Nahrungsmittelknappheit

am Horn von Afrika, wo mehr als

12 Millionen Menschen vom Hungertod oder akuter

Unterernährung bedroht sind. Viele leiden bereits

heute schwer unter den verheerenden Folgen von

Hunger und Unterernährung. Nach dem Ende einer

Hungerkatastrophe ist es vor allem das weitverbreitete

Problem der – weitgehend unsichtbaren – Unterernährung,

das noch Jahre später Millionen von

Kindern das Leben kostet. Dabei ist es wesentlich

effektiver, einer Unterernährung vorzubeugen, als

bereits unterernährte Kinder wiederaufzupäppeln.

Rund drei Millionen Kindertodesfälle pro Jahr

sind letztendlich auf eine unzureichende Ernährung

zurückzuführen. Denn unterernährte Säuglinge und

Kleinkinder laufen aufgrund ihres geschwächten

Immunsystems schneller Gefahr, an vermeidbaren

Krankheiten wie Lungenentzündung und Durchfall

zu erkranken, und haben dann wiederum weniger

Kraft, sich davon zu erholen.

In den Entwicklungsländern sterben Tag für Tag

mehr als 7 500 Kinder unter fünf Jahren infolge von

Unterernährung. Das sind mehr als fünf Todesopfer

pro Minute. Oder anders gesagt: Diese Zahlen

entsprechen acht Schulbusunglücken pro Stunde,

bei denen alle Kinder an Bord ums Leben kommen.

Gesunde Kinder WeltWeit | ZusammenfassunG

Keine Gesellschaft der Welt würde solch eine

schreckliche, stündlich wiederkehrende Tragödie

tolerieren – und doch unternehmen Gesellschaften,

die internationale Gemeinschaft und die Politik

bislang nur wenig dagegen.

In Entwicklungsländern

sterben

Tag für Tag mehr

als 7‘500

Kinder unter

fünf Jahren infolge

von Unterernährung.

Im Jahr 2000 einigten sich die Staats- und

Regierungschefs aus 189 Ländern bei dem bis

dahin größten Gipfeltreffen der Vereinten Nationen

in New York auf acht Millennium-Entwicklungsziele

(Millennium Development Goals – MDGs), die bis

zum Jahr 2015 erreicht werden sollten. Eines dieser

Ziele (MDG 4) ist die Senkung der Kindersterblichkeit

um zwei Drittel. Zwar wurden auf dem Weg

dorthin schon beträchtliche Fortschritte erzielt,

doch müssen die Anstrengungen noch deutlich

verstärkt werden, wenn diese Zielvorgabe in den

nächsten drei Jahren tatsächlich noch erreicht

werden soll. Aber es ist machbar! Wir müssen alles

daran setzen, dieses Ziel zu erreichen – es sei denn,

wir halten es für akzeptabel, dass wir gerade die

jüngsten und schutzlosesten Menschen dieser Welt

im Stich lassen.

7


Das Problem der Unterernährung lässt sich auf

relativ einfache und kostengünstige Art und Weise

bezwingen – die Möglichkeiten und die Mittel sind

bekannt, neue medizinische Errungenschaften sind

dazu nicht erforderlich. Der vorliegende Bericht

zeigt Wege zur Bekämpfung von Unterernährung

auf und beschreibt einige erfolgreiche Programme

von World Vision und anderen Organisationen zur

Verbessrung der Ernährungssituation in armen

Ländern.

Ernährungsmaßnahmen

können

nur dann erfolgreich

umgesetzt

werden, wenn

alle gesellschaftlichen

Ebenen in

die Umsetzung

einbezogen

werden

Bei jedem Ernährungsprogramm bilden Aufklärungs-

und Schulungsmaßnahmen insbesondere für

Mütter, Betreuungspersonen und für lokale Gesundheitskräfte

einen entscheidenden ersten

Schritt. Denn noch immer ist vielen nicht bewusst,

dass Säuglinge bis zum Alter von sechs Monaten

für eine optimale gesunde Ernährung ausschließlich

Muttermilch benötigen. Muttermilch enthält alle

Nährstoffe, die ein Kind in den ersten sechs

Monaten braucht, um sich geistig und körperlich

gesund zu entwickeln.

Selbst wenn einem Säugling zusätzlich zur

Muttermilch nichts weiter als Wasser verabreicht

wird, ist dies nicht nur überflüssig, sondern kann

Gesunde Kinder WeltWeit | ZusammenfassunG

sogar schädlich sein. Nichts veranschaulicht dies

eindringlicher als der vermeidbare Tod von rund

einer Million Säuglingen pro Jahr, die sterben, weil

sie nicht ausschließlich gestillt wurden.

Ab einem Alter von sechs Monaten hingegen

benötigen Säuglinge eine ausgewogene Zusatznahrung,

die mit Mikronährstoffen wie Vitamin A und

Zink angereicht ist, wenn in der Grundnahrung

nicht genügend Vitamine und Mineralstoffe

enthalten sind. Ein Mangel an Vitamin A kann zur

Erblindung führen und kostet jährlich fast 500 000

Kindern unter fünf Jahren das Leben. Aufgrund der

weltweit kräftig steigenden Lebensmittelpreise fällt

es vor allem ärmeren Eltern immer schwerer, ihren

Kindern eine ausreichende und gesunde Ernährung

mit den lebensnotwendigen Nährstoffen zu

gewährleisten. Dabei könnten 80% der Kinder in

den Entwicklungsländern für nur etwa 1,20

US-Dollar pro Kind und Jahr mit Vitamin A-Präparaten

versorgt werden. Eine solche Maßnahme

könnte die Zahl der Kinder, die aufgrund Vitaminmangels

sterben, um etwa ein Viertel reduzieren

und mehr als 100 000 Kinderleben retten.

Ein weiteres großes ernährungsbedingtes

Gesundheitsproblem bei Kleinkindern sind Durchfallerkrankungen.

Rund 1,5 Million Kinder in den

Entwicklungsländern sterben jährlich an Durchfall.

Mit der Verabreichung von Zinkpräparaten wäre

dieses Problem relativ rasch in den Griff zu kriegen.

Wenn alle Kinder bei Durchfall Zinkpräparate

erhielten, könnte die Zahl der durchfallbedingten

Todesfälle um fast 25% gesenkt und etwa

350 000 Kindern das Leben gerettet werden.

Auch in Fällen, wo Unterernährung nicht

unmittelbar zum Tod des Kindes führt, fordert sie

dennoch einen hohen Tribut. So leiden weltweit

195 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Wachstumsverzögerungen

– sie sind chronisch zu klein für

ihr Alter und körperlich so unterentwickelt, dass sie

oft schwere bleibende Gesundheits- und Entwicklungsschäden

davontragen. Weitere 26 Millionen

Kinder sind stark ausgezehrt – sie sind im Verhältnis

zu ihrer Körpergröße viel zu dünn, wodurch sie

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erheblich krankheitsanfälliger sind und in höherem

Maße Gefahr laufen, an Krankheiten zu sterben.

Zudem sind wachstumsverzögerte Kinder auf lange

Sicht nicht imstande, ihr volles Potenzial zur

Teilnahme am Familien-, Gemeinschafts- und

Gesellschaftsleben zu entfalten.

Die ersten 1000 Tage in der Entwicklung eines

Kindes – von der Zeit im Mutterleib bis zum Alter

von zwei Jahren – sind entscheidend für sein

weiteres Leben. Wird das Kind während dieser

kritischen Wachstumsphase nicht ausreichend mit

Nahrung und Nährstoffen versorgt, werden

lebenswichtige Körperfunktionen langfristig in

Mitleidenschaft gezogen.

Das Gehirn kann sich nicht vollständig entwickeln

und die motorische und kognitive Entwicklung

des Kindes nimmt Schaden. Ebenso werden

sein körperliches Wachstum und seine Fähigkeit,

potenziell tödlich verlaufende Kinderkrankheiten

abzuwehren bzw. zu bewältigen, stark beeinträchtigt.

Ein durch Unterernährung geschwächtes Kind

stirbt oft an einfach zu vermeidenden und leicht

heilbaren Krankheiten wie Durchfall und Lungenentzündung.

Und andersherum führt eine angemessene,

gesunde Ernährung in den ersten 1 000

Lebenstagen dazu, dass selbst Kinder in den

unterprivilegiertesten Randgruppen eine Chance

haben, ihr volles Potenzial zu entfalten.

Wir haben die Kenntnis und Mittel zur Bekämpfung

von Unterernährung und Behandlung von

Krankheiten und wir haben die Wahl: Entweder

sind wir die Generation, die genau wusste, wie

man das sinnlose Sterben von vielen Millionen

Kindern hätte verhindern können und die dennoch

untätig blieb, oder aber wir übernehmen Verantwortung

und sind uns der schrecklichen Konsequenzen

bewusst und gehen gegen die hohe

Kindersterblichkeit vor.

Eine gute Ernährung kommt dabei nicht nur

allein dem Kind zugute. Kinder, die eine gesunde

Kost erhalten, belasten das Gesundheitswesen

deutlich weniger. Sie können sich auf ihre Schulbil-

Gesunde Kinder WeltWeit | ZusammenfassunG

dung konzentrieren, wertvolle Fähigkeiten erwerben

und später in höherem Maße zum wirtschaftlichen

Wachstum ihrer Gemeinschaft beitragen. So

ergab eine in 2008 veröffentlichte Studie, dass

durch eine verbesserte Ernährung der Menschen in

den Entwicklungsländern die wirtschaftliche

Produktivität eines Landes um volle 3% gesteigert

werden kann. Des Weiteren beschreibt die renommierte

medizinische Fachzeitschrift The Lancet im

gleichen Jahr eine Reihe von bewährten Ernährungsmaßnahmen,

die u.a. die Verabreichung von

Mikronährstoffpräparaten zur Nahrungsergänzung,

die Förderung des Stillens und Maßnahmen zur

Ernährungsaufklärung und -schulung propagieren.

Wenn die Kinder

rechtzeitig Zinkpräparateerhielten,

könnte

die durchfallbedingtenTodesfälle

um

25%

ca.

gesenkt werden.

Ebenfalls in 2008 listete eine Gruppe von

angesehenen internationalen Wirtschaftswissenschaftlern

– die Expertenkommission zum Kopenhagener

Konsens – zehn kosteneffiziente Maßnahmen

zur Bekämpfung der größten Probleme der

Menschheit auf – fünf davon befassen sich mit

Maßnahmen zur gesunden Ernährung. Ausgehend

von der Kosten-Nutzen-Analyse der Expertenkommission

stand die Verabreichung von Vitamin

A- und Zinkpräparaten dabei an erster Stelle.

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Damit diese wertvollen Erkenntnisse auch in die

Tat umgesetzt werden können, ist es dringend

erforderlich, politische Entschlossenheit zu zeigen

und ausreichend finanzielle Mittel zur Gesundheitsfürsorge

bereitzustellen. Hier sind alle Ebenen der

Gesellschaft auf den Plan gerufen -, die internationale

Gebergemeinschaft, die Regierungen reicher

und armer Länder, die Kommunen und auch jeder

Einzelne. Denn nur durch ein geschlossenes

Vorgehen kann der Kampf gegen Unterernährung

gewonnen werden.

Erfolgreiche

nationale Ernährungspläne

müssen mit

agrar- und bildungspolitischenMassnahmen

ergänzt

werden.

Auch ist Ernährung nicht nur eine Aufgabe der

Politik und der Gesundheitsversorgungssysteme.

Jeder erfolgreiche nationale Ernährungsplan muss

mit ergänzenden agrar- und bildungspolitischen

Maßnahmen einhergehen. Und letztendlich tragen

die Eltern die Hauptverantwortung für eine gesunde

Ernährung ihrer Kinder.

Nationale Ernährungsrichtlinien müssen deshalb

effektiv über mehrere – regionale und lokale – Verwaltungsebenen

hinweg verankert und weitergegeben

werden, damit die Familien vor Ort auch davon

profitieren können. Sowohl das Gesundheitswesen

als auch die politischen Strukturen eines Landes

Gesunde Kinder WeltWeit | ZusammenfassunG

müssen gestärkt werden, damit sichergestellt ist,

dass Ernährungsmaßnahmen auch die gefährdetsten

Kinder in den ärmsten Bevölkerungsgruppen

erreichen.

World Visions Bericht „Der beste Start ins Leben:

die ersten 1000 Tage entscheiden“ verdeutlicht

anhand der positiven Erfahrungen aus den Programmen

und Projekten von World Vision und

anderer Organisationen, wie auf lokaler Ebene mit

relativ einfachen Maßnahmen die Ernährungssituation

von Müttern und Kindern nachhaltig verbessert

werden kann. So steigerte sich beispielsweise

in einer Gemeinde in Ghana durch eine Aufklärungskampagne

zur Förderung des ausschließlichen

Stillens der Anteil der voll stillenden Mütter von gut

der Hälfte auf fast zwei Drittel und die Gesundheit

der Säuglinge wurde deutlich verbesserst.

In einem andern Fall wurde in einem ländlichen

Gebiet Indiens durch ein Schulungsprogramm für

freiwillige örtliche Gesundheitshelfer die Vitamin

A-Versorgung von Kleinkindern von 3% auf 100%

erhöht. Ein Aufklärungsprojekt für Mütter und

Betreuungspersonen in Mali bewirkte, dass der

Anteil der normalgewichtigen Kinder von 59 auf

84% zunahm. Die Kosten für alle genannten

Programme belaufen sich auf nur wenige US-Dollar

pro Kind.

Damit das Millennium-Entwicklungsziel 4 – die

deutliche Senkung der Kindersterblichkeitsrate bis

zum Jahr 2015 – tatsächlich noch erreicht werden

kann, ruft World Vision alle Beteiligten dazu auf,

acht Empfehlungen, die Millionen Kinderleben mit

relativ einfachen Mitteln retten können, zu unterstützen

und für deren Umsetzung zu sorgen:

1. Vereint das gemeinsame Ziel angehen

Alle Beteiligten – die Regierungen der betroffenen

Staaten, die Geberländer und -organisationen,

Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und die

Privatwirtschaft – müssen ihre Finanzhilfen und

Maßnahmen aufeinander abstimmen, um dem

10


unnötigen Sterben aufgrund einer schlechten

Gesundheitsführsorge und unzureichender gesunder

Ernährung ein Ende zu setzen.

2. Führungsstärke beweisen und Verantwortung

übernehmen

In armen Ländern müssen alle Mitglieder und

Ebenen der Gesellschaft – angefangen bei den

Staats- und Regierungschefs, über die Gemeinde-

und Kirchenführer und dem örtlichen Gesundheitspersonal,

bis hin zu den Familien – Führungsstärke

beweisen und Verantwortung für eine ausreichende

und gesunde Ernährung für alle und im Besonderen

für die kleinen und kleinsten Kinder übernehmen.

Führungsstärke beweisen Menschen, wenn sie

deutlich machen, dass sie es nicht länger hinnehmen

wollen, dass irgendwo auf der Welt – und

auch in ihrem eigenen Land – Kinder an Unterernährung

sterben.

3. Multisektorale Ernährungsprogramme

und politische Strategien einführen

Die Regierungen in betroffenen Ländern müssen

eine solide nationale Ernährungspolitik entwickeln,

die breit angelegte Aktionspläne zur Bekämpfung

der Ursachen der Unterernährung umfasst. Unter

Mitwirkung aller Akteure muss im Kampf gegen die

Unterernährung die Finanzierung von direkten und

indirekten Ernährungsmaßnahmen sichergestellt

sein. Die jeweiligen Verantwortlichkeiten jedes

einzelnen Sektors für die Verbesserung der Ernährungssituation

von Kindern müssen in den Ernährungsprogrammen

und politischen Strategieplänen

klar benannt sein.

Die Aktions- und Strategiepläne bedürfen einer

laufenden Überwachung und regelmäßigen

Bewertung, inwieweit die Pläne zur Erreichung der

Zielvorgaben führen. Jeder Sektor muss dabei für

seinen Beitrag zur Rettung von Kinderleben

rechenschaftspflichtig sein.

Gesunde Kinder WeltWeit | ZusammenfassunG

4. Interessensübergreifende Foren zur

Maßnahmenkoordination auf nationaler,

regionaler und lokaler Ebene

einrichten

Vertreter des Gesundheitswesens, des Bildungswesens,

der Landwirtschaft, des Finanzsektors und

anderer relevanter Sektoren sowie Vertreter der

Zivilgesellschaft sollten im Rahmen von Ernährungsprogrammen

regelmäßig zur Planung,

Umsetzung und Überwachung von Maßnahmen

zusammenkommen. Maßnahmen zur Ernährungsverbesserung

sind nur dann erfolgreich, wenn alle

gesellschaftlichen Ebenen in die Umsetzung

einbezogen werden – von der nationalen über die

regionalen Ebene bis hin zu den örtlichen Gemeinden,

wo viele Familien täglich ums Überleben

kämpfen müssen.

5. Mittel gezielt bereitstellen

Die Regierungen der betroffenen Staaten

müssen einen gesonderten Haushaltsposten für

Ernährungsmaßnahmen einführen und ihre Haushaltsmittel

für solche Maßnahmen entsprechend

erhöhen. Die Geber wiederum sollten ausreichend

finanzielle Mittel zur Umsetzung der Ernährungsmaßnahmen

bereitstellen und entsprechend ihrer

Wirtschaftskraft einen angemessen Anteil (fair

share) zum von der Weltbank geschätzten jährlichen

Gesamtbedarf von 11,8 Milliarden US-Dollar

für eine ausreichende und gesunde Ernährung der

am meisten betroffenen Kinder leisten. Sie sollten

zudem darauf bestehen, dass Verfahren angewandt

werden, die die Mittelverwendung für den vorgesehenen

Zweck – Vorbeugung und Behandlung von

Unterernährung – gewährleisten.

6. Gesundheitssysteme stärken und

ausbauen

Lebensnotwendige Versorgungsmaßnahmen bei

akuter lebensbedrohlicher Unterernährung, die das

Leben von Säuglingen retten und Kleinkindern

11


ermöglichen sich normal zu entwickeln, sollten bei

allen gesundheitspolitischen Strategien eine hohe

Priorität haben. Ebenso müssen bestehende

Gesundheitssysteme weiter ausgebaut werden,

u.a. durch Aus- und Fortbildung der vor Ort tätigen

Gesundheitskräfte, die sich maßgeblich um die

Vorbeugung und Behandlung von Unterernährung

kümmern. Für lokale Gesundheitskräfte und für

freiwillige Gesundheitshelfer müssen zudem

Anreiz- und Motivationsmaßnahmen entwickelt

und in regelmäßigen Abständen überprüft werden,

damit ein flächendeckend einheitliches Vorgehen

gewährleistet ist, das alle Familien und Gemeinschaften

erreicht.

7. Informationssysteme ausbauen

Die Regierungen der betroffenen Staaten sollten

die Systeme zur Verwaltung von Gesundheitsinformationen

– von der lokalen bis zur nationale Ebene

– ausbauen, damit die Gesundheits- und Ernährungsprogramme

einschließlich der dafür bereitgestellten

Mittel laufend überwacht werden können

und eine umfassendere Analyse der Ergebnisse und

Rechenschaftslegung möglich wird. Die Geber

müssen für den Auf- und Ausbau der Informationssysteme

umfangreichere technische und finanzielle

Unterstützung bereitstellen.

8. Den Bürger an erster Stelle setzen

Es sollten Verfahren zur Rechenschaftslegung

gegenüber der Öffentlichkeit festgelegt werden, die

mit einer regelmäßigen Überprüfung der Fortschritte

hinsichtlich einer verbesserten Ernährungssituation

einhergehen. Diese Verfahren sollten alle

Akteure und Betroffene einbeziehen und sich

sowohl auf Daten aus Erhebungen und Angaben

der Gesundheitseinrichtungen stützen, als auch auf

Informationen, die von örtlichen Bürgergruppen

und Organisationen der Zivilgesellschaft bereitgestellt

werden.

Gesunde Kinder WeltWeit | ZusammenfassunG

Uns bietet sich heute eine einzigartige historische

Chance zu einem neu ausgerichteten entschlossenen

Vorgehen, durch das wir das Problem

der Unterernährung praktisch aus der Welt schaffen

könnten. Die tragische jüngste Hungerkatastrophe

in Somalia hat das Leid unterernährter Kinder

erneut ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt.

Gleichzeitig wächst in den politischen Führungseliten

das Bewusstsein, dass dringend mehr getan

werden muss, um gegen die schreckliche und leicht

auszurottende Todesursache Hunger vorzugehen.

Alle, und insbesondere die Regierungsverantwortlichen

der Entwicklungs- und der Geberländer, sind

sich darin einig: Das Problem der Unterernährung

muss gelöst werden und gehört in die Geschichtsbücher

verbannt!

Die Lösungen sind bekannt und der Fahrplan zur

Umsetzung liegt uns vor. Inwieweit diese Chance

nun auch genutzt wird, hängt von der Ausgestaltung

der Nahrungssysteme ab, die eine gesunde

Ernährung für die Kleinsten und Schwächsten der

Gesellschaft sicherzustellen sollen. Die führenden

Politiker und Entscheidungsträger der Welt müssen

den Willen zeigen und sich ihrer politischen und

moralischen Verantwortung stellen, indem sie das

notwendige langfristige Engagement und die

erforderlichen Mittel erbringen, um Unterernährung

endlich zu beseitigen.

Derzeit klafft jedoch eine große Lücke zwischen

den nationalen Versorgungssystemen und den

Menschen, die eigentlich davon profitieren sollten.

Aber es kann eine Brücke geschlagen werden von

den Gebern, den nationalen Maßnahmen und

Interventionssystemen hin zu den Menschen und

Familien vor Ort, die zum Teil schon seit mehreren

Generationen an Unterernährung und deren Folgen

leiden und dringend Hilfe benötigen.

Die Herausforderung besteht darin, die Gesundheitssysteme

voll zu finanzieren und ausreichend

auszurüsten und sie für alle – insbesondere für die

ärmsten Familien – erreichbar zu machen.

12


BESSERE ERnÄhRUnG FÜR allE

Jedes Jahr sterben 2.8 Millionen Kinder an den Folgen von

Unterernährung. Verstärkte Investitionen in erfolgreiche

Ernährungsprogramme können dazu beitragen, dies zu verhindern.

Mit 11.8 Milliarden US-Dollar pro Jahr könnten

1.1 MIlllIOnEn

KInDERlEBEn

GEREttEt

&

WaChStUMS-VERZÖGERUnGEn

BEI 150 MIllIOnEn KInDERn

VORGEBEUGt WERDEn

= 15 000 Kinder

Gleichzeitig würden wir die Ernährung von Milliarden Menschen verbessern mit:

miKrOnÄHrstOff-PulVern fÜr 34 miLLionen Kinder

fOlsÄure- und eisen-PrÄParaten fÜr 40 miLLionen frauen

KindernaHrunG fÜr 72 miLLionen KleinKinder

Vitamin-C-PrÄParaten fÜr 103 miLLionen Kinder

ZinK-PrÄParaten fÜr 319 miLLionen Kinder

JOdsalZ fÜr 1.2 miLLiarDen mensCHen

eisenHaltiGen GrundnaHrunGsmitteln fÜr 2.8 miLLiarDen mensCHen

Quellen

Black, R.e. et al., 2008. Maternal and Child Undernutrition: Global and Regional Exposures

and Health Consequences. The Lancet, 371 (9608), 243–260. Download: http://bit.ly/oZrR2U

Horton, S., 2010. The World Bank. Scaling Up Nutrition — What Will It Cost? Download: http://bit.ly/nDJLQp

Médecins Sans Frontièrs, 2009. Malnutrition: How Much is Being Spent?

An Analysis of Nutrition Funding Flows 2004–2007. Download: http://bit.ly/nLOOHD


die aKtuellen BeitrÄGe reiCHer

lÄnder VOn 171 miO. us-dOllar

retten nur etWa 15‘000 Kinder

FÖRDERUnG VOn

VERhaltEnSÄnDERUnG

$10.80

MIKROnÄHRSTOFF

PulVeR

$0.25

enTWuRMunG

ZUSatZ- UnD

thERaPEUtISChE nahRUnG

$10.44

MIT JOD AnGeReICHeRTe

ÖlKAPSeln unD

SAlZ, eISenHAlTIGe

GRunDnAHRunGSMITTel

MIKROnÄhRStOFFE

UnD EntWURMUnG

aUSBIlDUnG VOn

FaChPERSOnEn UnD laIEn

$42 *

11.8

miLLiarDen

$15.00

WÜRDEn

VERWEnDEt

FÜR:

FaMIlIEn IM FOKUS

Nur gerade 42 US-Dollar pro Familie können Unterernährung verhindern, bevor

sie überhaupt eintritt. In schwerwiegenden Fällen steigen die Kosten aber bis zum

Fünffachen, weil es dann therapeutischer Spezialnahrung bedarf.

$4.40

VITAMIn-C- unD

ZInK-PRÄPARATe

FÖRDeRunG VOn

GeSunDeR eRnÄHRunG AuF

GeMeInDeeBene (Stillberatung,

ernährungsberatung)

$2.00

FOlSÄuRe, eISen

*Kosten für einen „Standardhaushalt“ mit 2 Erwachsenen und 2 Kindern unter 5 Jahren (6 Monate und 20 Monate). Quelle: Weltbank, 2008.


Frauen machen kaum

mehr als die Hälfte der

Weltbevölkerung aus, aber

über 60% aller hungernden

Menschen auf der Erde

Pro Jahr sterben fast 3 Millionen

Kinder an leicht vermeidbarer

Unterernährung

5 der 10 kosteneffizientesten Massnahmen

zur Entwicklungsförderung zielen auf die

Verbesserung der Ernährungssituation

Nicht einmal

40%

der Säuglinge

in den Entwicklungsländern

werden ausschliesslich

gestillt

Investitionen in

die Ernährung

können das BIP

eines Landes um

2 bis 3%

erhöhen

Kinder, die in ländlichen

Regionen armer Länder und

in den ärmsten 20% aller

Haushalte leben, werden

mit einer sehr hohen

Wahrscheinlichkeit unter

Wachstumsstörungen leiden

In den Ländern Indien, Nigeria, China, Pakistan

und Bangladesch leben über die hälfte aller

untergewichtigen kinder und Kinder, die

unter Wachstumsverzögerungen leiden


Jedes Dritte kind in den

Entwicklungsländern leidet

an Wachstumsstörung

Kinder, die in den ärmsten haushalten in afrika

und asien geboren werden, sind bei der Geburt

zweimal so häufig untergewichtig wie die

Neugeborenen in den reichsten Haushalten.

Investitionen in

die Ernährung

können eine

Rendite von

39:1

abwerfen

In Indien leben in den ärmsten 20% aller haushalte

über 36 millionen kinder... dies ist der höchste Anteil

von allen Ländern der Erde. Somit leben 18% aller

wachstumsgehemmten kinder in indien

Es würde über

11,8 mrd. us-Dollar

kosten, 90% aller

wachstumsgehemmten

kinder in den

36 am stärksten betroffenen

Ländern

ausreichend zu

ernähren.

Im Vergleich dazu

geben beispielsweise

US amerikanische

Verbraucher

allein für kartoffel-

und tortilla-chips

jährlich 13,6 mrd.

USD aus

1 Million Säuglingen könnte

das leben gerettet werden,

wenn alle Mütter während

der ersten 6 lebensmonate

ausschliesslich stillen würden

in Peru leiden kinder in den

ärmsten Haushalten 11 mal

häufiger an Wachstumsver-

zögerungen als Kinder in den

reichsten Haus-halten...

Und in ländlichen gebieten

Perus ist die Zahl der wachstumsverzögerten

Kinder

dreimal so hoch wie in

städtischen Gebieten

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