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Das Friedensengagement

der Kirchen im Nahen Osten

Teil 1

Bericht zur Delegationsreise 2010 Seite 5

Teil 2

Stellungnahme des Rates SEK zum

«Kairos-Palästina-Dokument» 2009

Aufruf christlicher Palästinenser Seite 83

sek · feps

Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund


Das Friedensengagement

der Kirchen im Nahen Osten

Teil 1

Bericht zur Delegationsreise 2010 Seite 5

Teil 2

Stellungnahme des Rates SEK zum

«Kairos-Palästina-Dokument» 2009

Aufruf christlicher Palästinenser Seite 83

sek · feps

Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund


Herausgeber: Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund SEK

Titelbild: KEYSTONE AG

Fotos: Philippe Dätwyler

Satz und Layout: Büro + Webdesign GmbH

Korrektorat : Elisabeth Ehrensperger

Druck: Roth Druck AG

Die Stellungnahme zum Kairos-Palästina-Dokument wurde vom Rat des Schweizerischen

Evangelischen Kirchenbundes genehmigt am 17. August 2011

Internet: www.sek.ch

E-Mail: info@sek.ch

© 2011 Verlag Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund SEK

ISBN 978-3-7229-0009-4


Einleitung

Mit dieser Publikation legt der SEK Rechenschaft darüber ab, wie er

sich an den Anstrengungen der Mitgliedkirchen des ÖRK für Frieden und

Versöhnung in der Nahost-Region beteiligt – eine Region mit akuten Konflikten

und geprägt vom massiven und kontinuierlichen Exodus der Christen.

Eine zwölfköpfige Delegation hat im Herbst 2010 den Libanon, Syrien,

Jordanien, Israel, Palästina und die besetzten Gebiete bereist. Eine prägende

Erfahrung. Sie ist für den Rat SEK Anlass, in seinem Bericht mehrere

Themen aufzugreifen, mit denen er sich in den verschiedenen Etappen

seiner Reise konfrontiert sah und an denen er weiterarbeiten möchte. Es ist

dies eine Arbeit, die eines langen Atems bedarf.

In einem ersten Schritt hat der Rat sich an der Diskussion über das

2009 von christlichen Palästinenserinnen und Palästinensern publizierte

Kairos-Palästina-Dokument beteiligt. Die Autoren und Autorinnen verstehen

ihr Dokument als Beitrag zum Dialog und zur Suche nach einem

gerechten und dauerhaften Frieden in der Region. Das umstrittene Dokument

hat die Delegation auf ihrer Reise begleitet. Einige Monate später

formuliert der SEK nun seine Reaktion auf die Publikation.

Offensichtlich handelt es sich bei dieser Publikation um zwei ganz

unterschiedliche Dokumente, Dokumente unterschiedlicher Autorschaft,

Form und Zielsetzung. Gleichwohl sind sie parallel zu lesen, auch wenn

zuweilen der Eindruck entsteht, es komme zu Wiederholungen. Der Bericht

der SEK-Delegation über die Reise selbst trägt der globalen Absicht

des Rates trotz der zeitlichen Distanz sehr wohl Rechnung. Die Stellungnahme

des Rates SEK wiederum ist eine direkte Folge der Reise. Sie berücksichtigt

die intensive und schmerzliche Erfahrung, die jede Konfrontation

mit den Auswirkungen des israelisch-palästinensischen Konflikts

auf das Leben der dortigen Kirchen mit sich bringt.

Für den SEK steht ganz eindeutig der regionale Ansatz im Vordergrund.

Die Situation der Minderheitenkirchen der Region kann nicht losgelöst

von der politischen und religiösen Lage in Israel/Palästina betrachtet

werden, aber auch nicht unter Ausblendung der langfristigen

Auswirkungen der Irakkriege und weiterer Aspekte der regionalen Geopolitik.

Zum Engagement der Schweizer Kirchen gehört es, diese Gemein-


schaften zu unterstützen, ihr Zeugnis zu stärken und ihnen mehr Gehör zu

verschaffen. Sie sind Teil der Identität dieser Region und unterhalten seit

Jahrhunderten gutnachbarschaftliche und vom Dialog geprägte Beziehungen

namentlich zu den muslimischen Gemeinschaften.

Die Lage der Christinnen und Christen in Israel, in den besetzten

Gebieten und in Palästina ist leiderfüllt: Als Christen in einem mehrheitlich

jüdischen Umfeld und als Palästinenser in einem israelischen Staat

oder unter der palästinensischen Autorität sind sie vielerlei Zwängen und

Loyalitäten ausgesetzt. Ihre Stellung ist ein permanenter Balanceakt. Wir

müssen ihr Leiden hören und ernst nehmen. Die Schweizer Kirchen können

sich an verschiedenen Aktionen beteiligen und so ihr Leiden lindern

oder teilen.

Nach dieser Reise ist der SEK-Rat gewillt, seine Arbeit fortzusetzen.

Er lädt Mitgliedkirchen und Gemeinden ein, den höchst komplexen Situationen

und den häufig schwachen Partnern ihre Aufmerksamkeit zu

schenken, aber auch mit ihren Mitteln dazu beizutragen, dass das Zeugnis

von Frieden und Versöhnung des Evangeliums gestärkt wird.

Es ist uns bewusst, dass sich die politischen Verhältnisse seit der Reise

zum Teil dramatisch verändert haben. Die ganze arabische Welt befindet

sich zur Zeit in einem Umbruchsprozess, dessen Ende sehr ungewiss

ist. Diese Entwicklung konnte im vorliegenden Dokument nicht mehr

nachgezeichnet werden.


Teil 1

Bericht zur

Delegationsreise 2010

5


6 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


Teil 1: Bericht zur Delegationsreise 2010 7

1. Einführung in die Nahostreise 9

Die Ziele der Nahostreise 10

Die Mitglieder der Delegation 11

2. Reise auf einem Pulverfass 13

3. Libanon – Modell oder Spiegel der Region? 19

Das Abwandern der Christen 20

Eine konfessionalisierte Gesellschaft – oder vom Rechtspluralismus 23

Dialog tut Not 24

Der Friede und die Minderheiten 27

Das Erbe Libanons aus dem arabisch-israelischen Konflikt –

ein Besuch in Sabra und Shatila 27

4. Syrien – kontrollierte Ruhe 31

Einheit auch unter Christen? 33

Die Folgen des Irak-Krieges 35

5. Jordanien – der Dialog der Vernunft 39

6. Israel und die palästinensischen besetzten

und autonomen Gebiete – die Geschichte

unterschiedlicher Dringlichkeit 43

Das Westjordanland – oder Judäa und Samaria? 44

Mit EAPPI unterwegs in Yanoun 46

Nablus – auf den Spuren der zweiten Intifada 48

Hebron – oder die Auswüchse der Siedlungspolitik 48

Zelt der Völker – die Verweigerung der Feindschaft 51

7. Jerusalem – Yerushalaim – Al Quds 53

Bischof Younans Appell 54


8 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Das Kairos-Palästina-Dokument christlicher Palästinenser 56

«Evangelisch in Jerusalem» 58

Gesundheit macht Politik – das Auguste-Victoria-Krankenhaus 59

Yad Vashem 60

Shabbat – Freude und Fragen 62

Haram as-Sharif 63

8. Fazit 65

9. Fragen zur Weiterarbeit 71

10. Medienmitteilungen 73


1. Einführung in die Nahostreise

Die Nahostreise einer Delegation des Schweizerischen Evangelischen

Kirchenbundes SEK ist während eineinhalb Jahren vorbereitet worden.

Interessenleitend waren die themenbezogenen Dossiers des Rates

SEK und des Schweizerischen Rates der Religionen (Swiss Council of Religions

SCR), die Aktualität des Planungszeitraumes sowie einzelne Vorgaben

des Rates. Aufgrund dieser Aspekte wurden die Ziele der Reise formuliert

(s.u.). Sie war dabei stets als vorrangig kirchliche Reise konzipiert.

Bei der Planung der Reise – vom 25. September bis 10. Oktober 2010

– wurde auf ein Gleichgewicht zwischen offiziellen Treffen auf Repräsentationsebene

und Eindrücken aus dem täglichen Leben der Bevölkerung geachtet.

Die unterschiedlichen Situationen an den verschiedenen Reisedestinationen

unterstellte die Planung heterogenen Bedingungen: Im Libanon,

in Syrien und in Jordanien herrschen sowohl auf Regierungsebene als auch

bei religiösen Repräsentanten einander zwar teilweise rivalisierende, aber

doch relativ gut funktionierende Zuständigkeiten; in Israel und den palästinensischen

Gebieten hingegen ist das Bild seit langem von permanenter

Auseinandersetzung um existenzielle Grundlagen gekennzeichnet. Geht

es im Libanon beispielsweise um Mehrheitsverhältnisse und Modalitäten

der interkulturellen und interreligiösen Koexistenz, wird in Israel und in

Palästina um prinzipielle Existenzrechte, um Territorialansprüche und um

die Grundvoraussetzungen für eine Kommunikation gekämpft. Diese unterschiedlichen

Bedingungen haben sich ebenfalls auf die Planung der

SEK-Nahostreise ausgewirkt.

In diesem Zusammenhang stellte das Dokument «A Moment of

Truth», das von einer christlich-palästinensischen Autorengruppe unter

dem Namen «Kairos-Palestine» 1 im Dezember 2009 veröffentlicht worden

1

«Kairos-Palestine», eine Gruppe christlich-palästinensischer Autoren, hat mit dem Dokument

«A moment of truth» im Dezember 2009 in Bethlehem eine Position formuliert,

die mit dem Fokus auf Menschenwürde und Gewaltfreiheit einen dritten Weg zwischen

fruchtlosen Verhandlungen und Gewaltspirale finden will. «Kairos-Palestine» ist die erste

gemeinsame ökumenische Initiative verschiedener christlicher Denominationen in Palästina

zur Konfliktsituation.

9


10 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

war, die SEK-Delegation vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Das Dokument

war im Verlauf der Reisevorbereitungen rezipiert worden, ohne dass aber

schon dazu Position bezogen worden wäre – dies zugunsten einer unvoreingenommenen

Wahrnehmung der im Dokument beschriebenen Elemente.

Die Reise selbst sollte dazu dienen, den Meinungsbildungsprozess

in der Delegation zu fördern und damit das Dokument besser verstehen

und einordnen zu können.

Die Ziele der Nahostreise

Die Formulierung von Zielen wurde aufgrund der oben erwähnten

Voraussetzungen verhältnismässig offen gehalten. Die Reise war bewusst

als Lernprojekt geplant, bei welchem keine spezifischen Resultate erwartet

wurden. Es galt, durch Schauen und Zuhören zum besseren Verständnis

der Region, ihrer kirchlichen, interreligiösen und interkulturellen Aspekte

und zur Positionierung der Schweizer Kirchenvertretung bei speziellen

Fragen beizutragen.

Der Rat SEK hat im April 2010 folgenden Zielen der Nahostreise zugestimmt:

– Informationsaustausch mit ökumenisch offenen und dialogbereiten

Gesprächspartnern aller Religionen und vertiefte Kenntnis über ihre

Hintergründe (Bsp. Mohammad Sammak/Riad Jarjour Libanon; Prinz

Ghazi Jordanien; jüd. und christl. Gruppen in Israel)

– Bewusstmachung der Position der Schweizer Kirchen hinsichtlich

dem Zusammenleben der Religionen als Gegenpol zum Abstimmungsergebnis

vom November 2009 (Minarett-Initiative)

– Demonstration von Solidarität mit Schwesterkirchen im Nahen Osten

(alle arabischen Kirchen, v.a. die evangelischen – Fellowship of Middle

East Evangelical Churches FMEEC)

– Beginn eines Dialogs mit jüdischen und muslimischen Partnern im

Nahen Osten (Sammak, Arabische Gruppe in Beirut; Rabbiner Rosen

und Asherman, jüdische Menschenrechtsgruppen)

– Impulse für den interreligiösen Dialog in der Schweiz

– Annäherung auf regionaler Ebene zu Partnern der Aussenbeziehungen

des SEK und Öffnung des Fokus auf andere Interessen als den

palästinensisch-israelischen Konflikt


Teil 1: Einführung in die Nahostreise 11

– Unterstützung der Schweizer protestantischen Friedensbemühungen

der Werke und Missionsorganisationen durch Besuch ihrer Projekte

Die Mitglieder der Delegation

Delegationsleiter:

Pfr. Dr. h.c. Thomas Wipf, Präsident Rat SEK, Präsident GEKE

und Vorsitzender SCR

Philippe Dätwyler, Kulturbeauftragter ev.-reformierte Kirche

des Kantons Zürich

Pfr. Christoph Jungen, Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn

Andrea König, Leiterin Kulturhaus Helferei, Verband der stadtzürcherischen

evang.-ref. Kirchgemeinden

Dr. Jochen Kramm, Beauftragter für Kirchenbeziehungen GEKE

Ueli Locher, Direktor HEKS (nur Palästina und Israel)

Dr. Francis Piccand, Politischer Analyst PA II, EDA

Pfr. Kristin Rossier, Rat SEK

Pfr. Dr. Marc Schöni, baptistischer Pfarrer

und ehemaliger Dozent der NEST

Dr. h.c. Peter Schmid, Rat SEK

Christian Vandersee, Beauftragter für Aussenbeziehungen SEK

Laurent Venezia, Geschäftsleitungsmitglied DM – échange et mission

Die SEK-Delegation beim syrischen Grossmufti, Scheich Ahmad Hassoun;

v.l.n.r.: Marc Schöni, Peter Schmid, Laurent Venezia, Christoph Jungen, Grossmufti Scheich

Hassoun, Thomas Wipf, Francis Piccand, Kristin Rossier Buri, Christian Vandersee, Andrea

König, Jochen Kramm, Philippe Dätwyler


12 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


2. Reise auf einem Pulverfass

Die gut vierzehntägige Reise des Schweizerischen Evangelischen

Kirchenbundes in den Nahen Osten führte die Delegation in den Libanon,

nach Syrien, Jordanien sowie nach Israel und in die besetzten und autonomen

palästinensischen Gebiete.

Vom Krieg gezeichnet: Wohnhaus und Bauruine des «Murr-Tower», der als Militärposten

diente.

13


14 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

«Wir wollen mit dieser Reise ein Zeichen der Solidarität mit den christlichen

Minderheitenkirchen der Region setzen», sagte Thomas Wipf. Der

SEK hatte sich zuvor mit der Publikation «Solidarisieren und Handeln»

pointiert gegen die Verfolgung christlicher Minderheiten ausgesprochen.

«Es geht darum, für die Einhaltung der Menschenrechte und für die Religionsfreiheit

einzutreten», so Wipf. Zu Fragen des Zusammenlebens der

Religionen und des Minderheitenschutzes suche man deshalb auch den

Informationsaustausch mit Regierungsvertretern der Besuchsländer.

Die Region ist nach wie vor ein Pulverfass: multi-ethnisch, multireligiös;

eine Region, in der Religion, Clanwesen und Politik nicht auseinander

gehalten werden können; eine Region, in der Allianzen gebildet und

schnell wieder fallengelassen werden; eine Region mit meist autoritären

staatlichen Strukturen oder schwachen Regierungen; eine Region, die seit

über 60 Jahren im Bann eines Konflikts mit vielen Facetten steht: des israelisch-arabischen

Konflikts.

Vor 20 Jahren endete der Bürgerkrieg im Libanon, nun herrscht

wieder Nervosität: Noch im Oktober 2010 gab es Gerüchte, dass der Ankläger

des Internationalen Tribunals im Libanon Vertreter des Hizbullah

des Mordes am früheren Geschäftsmann und Ministerpräsidenten Rafik

Hariri anklagen wolle. Im Libanon wird jetzt der Ausbruch eines neuen

Bürgerkriegs zwischen Sunniten und Schiiten befürchtet. Wer diesen Krieg

militärisch gewinnen würde, ist in privaten Diskussionen keine Frage, hatte

doch 2006 selbst Israel seinen Krieg gegen den Hizbullah erfolglos geführt.

Einen militärischen Sieg des Hizbullah, so das Szenario, könnten

weder Israel noch Syrien akzeptieren – die Region versänke wieder in einer

Welle der Gewalt.

Im Libanon war die SEK-Delegation an der Lage der protestantischen

Kirche und der Situation der Christen im Konflikt zwischen den

konkurrierenden islamischen Parteien, der Rolle der Christen in der Gesellschaft,

der interreligiösen Verständigung zwischen Christen und Muslimen

und der Lage der palästinensischen Flüchtlinge im Land interessiert.

Syrien gilt in der arabischen Welt als Musterbeispiel multikulturellen

Zusammenlebens.


Teil 1: Reise auf einem Pulverfass 15

Innenhof der Omayaden-Moschee, Damaskus

In keinem anderen Land der Region lebt ein solcher Mix an unterschiedlichen

Religions- und Volksgruppen in äusserlich so erstaunlicher Ruhe

miteinander. Dies ist wohl nicht zuletzt dem autoritären Regime zu verdanken.

Die Regierung beobachtet heute jegliches Aufflackern religiöser

Fundamentalismen genau und zögert nicht, die Schrauben nach allen Seiten

anzuziehen, um eine Radikalisierung zu unterbinden. Syrien hat sich

eine säkulare Verfassung gegeben und wird von einer laizistischen Regierung

geführt.

Die Regierungselite sieht Syrien aber zugleich als das Land, dem wie

selbstverständlich eine Führungsrolle unter den arabischen Staaten zukommt,

insbesondere in Bezug auf den arabisch-israelischen Konflikt.

Und so dezidiert die Regierung auf jegliche Form von Fundamentalismus

im Innern reagiert, so wenig zögert sie hingegen, den Hizbullah zu unterstützen,

wenn es darum geht, Israel zu bedrängen.


16 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Empfang beim Schweizer Botschafter Martin Aeschbacher in Damakus

In Syrien interessierten die SEK-Delegation neben dem Gespräch

mit muslimischen Gesprächspartnern das Zusammenleben der Religionen,

die Stellung der religiösen Minderheiten in der Gesellschaft und insbesondere

die Herausforderungen für die evangelischen Christen sowie

die Lage der irakischen Flüchtlinge im Land.

Kaum überquert man die Grenze von Syrien nach Jordanien, wird

augenfällig, dass es der jordanischen Bevölkerung wirtschaftlich vergleichsweise

besser geht: Neue und grosszügige Villen prägen das Bild der

Städtchen und Dörfer. Ein Jahr nach der Unterzeichnung des Oslo-Vertrags

hatte Jordanien im Herbst 1994 einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen,

Freihandelsabkommen mit den USA und ein Assoziierungsabkommen

mit der EU folgten.

In Jordanien war die SEK-Delegation an der christlichen Präsenz im

Land sowie am Austausch mit dem jordanischen Königshaus über die Koexistenz

von Christen und Muslimen im Nahen Osten und der Schweiz

interessiert.

Die letzte Etappe der Delegationsreise führte ins Herz des Konfliktherdes

im Nahen Osten, in die besetzten und autonomen palästinensischen

Gebiete und nach Israel.

Auf palästinensischer Seite macht sich Resignation breit, und angesichts

des drohenden Scheiterns der jüngsten Gespräche sehen immer


Teil 1: Reise auf einem Pulverfass 17

mehr Palästinenser ihre Vision eines möglichen Friedens in einem einzigen

binationalen Staat. Die Zwei-Staaten-Lösung, so die gängige Meinung,

sei verpasst worden. Wie solle ein palästinensischer Staat auf einem Gebiet

funktionieren können, welches gemäss der Karte der Grünen Linie von

1967 gerade noch 22 Prozent des Landes ausmache, und das bereits durch

Mauer, Siedlungen und Enteignungen auf weniger als 17 Prozent geschrumpft

sei?

Auf israelischer Seite wird hingegen die Idee einer Ein-Staaten-Lösung

nicht aufgenommen; eine solche Lösung würde in der Zukunft den

jüdisch-demokratischen Staat gefährden – ein demographisches Übergewicht

der Araber zeichne sich bereits jetzt ab.

In Israel und in den palästinensischen Gebieten lag das Augenmerk

der Delegation einerseits auf der Lebenssituation der Menschen im Alltag,

der Einschätzung der politischen Lage durch christliche, jüdische und

muslimische Exponenten und auf dem Selbstverständnis jüdischer Israelis,

andererseits auf der Lage der palästinensischen Christen, ihrem Selbstverständnis

sowie ihrer Rolle innerhalb einer so heterogenen Gesellschaft.

Interreligiöses Podiumsgespräch in der Auguste Victoria Stiftung am Ölberg:

v.l.n.r.: Rabbi Ron Kronish, Father David Neuhaus, Professor Muhammad Dajani


18 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


3. Libanon – Modell oder Spiegel

der Region?

«Mehrheiten interessieren sich nie für Minderheiten, es sind die Minderheiten,

die sich bemühen müssen.» (George Sabra, Dekan NEST)

Riad Jarjour, Gastgeber der SEK-Delegation im Libanon

Im Libanon wurde die SEK-Delegation von der Fellowship of Middle

East Evangelical Churches FMEEC 2 empfangen. Die Generalsekretärin

der FMEEC, Rosangela Jarjour, und ihr Mann, Pfr. Dr. Riad Jarjour, hatten

2 Die FMEEC ist der Zusammenschluss von 23 evangelischen Kirchen im Nahen und

Mittleren Osten. Die FMEEC entsprang der Erkenntnis, dass erst eine konfessionelle

Geschlossenheit eine weitere ökumenische Zusammenarbeit ermöglicht, und sie erreichte

2006 in Jordanien mit der Amman Declaration oft Lutheran and Reformed Churches in the

Middle East and North Africa die gegenseitige Anerkennung von Taufe, Abendmahl, Amt

und Ordination all ihrer Mitglieder. Mit der Unterzeichnung dieser Erklärung verpflichteten

sich die Mitglieder zu enger Zusammenarbeit und gegenseitigem Zeugnis. Der SEK hat

enge Kontakte zur FMEEC, die auch eine wichtige Partnerorganisation der Gemeinschaft

Evangelischer Kirchen in Europa GEKE ist. Zwischen beiden Organisationen werden regelmässige

Beziehungen unterhalten.

19


20 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

ihre exzellente Vernetzung mit Persönlichkeiten aus Kirche und Politik

auch für das Besuchsprogramm eingesetzt. Riad Jarjour ist u.a. Mitbegründer

und ehemaliger Generalsekretär des Middle East Council of Churches

MECC und heute Generalsekretär der Arab Group for Christian-Muslim

Dialogue. Durch die umsichtige Begleitung und Betreuung des Ehepaars

Jarjour erfuhr die Delegation, wie eng hier Religion und Politik miteinander

verflochten sind, obwohl man sich semantisch stets bemüht, beides

strikt voneinander zu trennen: Religion wird nicht nur spirituell gelebt,

sondern ist Teil des sozialen und politischen Gefüges. Die sich (auch) über

ihre Religionszugehörigkeit definierenden Familien der Elite führen ihre

Clans aber in erster Linie nach machtpolitischen Kriterien. Dies wurde

den Christen zum Verhängnis: Einer der Gründe für den langen Bürgerkrieg

ist darin zu finden, dass die Christen mehr Macht beanspruchten, als

ihnen rein zahlenmässig zustand.

Im Libanon leben 18 anerkannte Religionsgemeinschaften, die

grössten sind die Schiiten, die Sunniten und die maronitischen Christen.

Obwohl sich die Zahl der Christen über die letzten Jahrzehnte erheblich

verringert haben dürfte, stellen sie seit dem Friedensabkommen von Ta’if

(1990) 64 der 128 Parlamentssitze. Vor dem Bürgerkrieg waren die Sitze

im Verhältnis sechs zu fünf aufgeteilt worden, die Christen besassen also

die Mehrheit. «Der letzte Zensus», so Riad Jarjour, «fand 1932 statt und es

dürfte nicht so schnell einen neuen geben, wir wollen keine schlafenden

Hunde wecken». Nach wie vor stellen die (maronitischen) Christen den

Staatspräsidenten, die Sunniten den Ministerpräsidenten und die Schiiten

den Parlamentspräsidenten.

Das Abwandern der Christen

Gegenwärtig schätzt man, dass rund ein Drittel der libanesischen

Bevölkerung einer christlichen Konfession angehört. Die Zahl geht jedoch

weiter zurück, Christen wandern kontinuierlich ab. Das Thema hatte in

Beirut Hochkonjunktur. Am Ankunftstag der Delegation in Beirut fand

eine zweitägige Konferenz dazu statt, namhafte Redner diskutierten die

Problematik der christlichen Emigration und die Rolle der arabischen

Christen im Nahen Osten. So wurde das Thema auch zu einem der zentralen

Inhalte der meisten Begegnungen der Delegation im Libanon. Dies

nicht zuletzt auch deshalb, weil die Kirchenvertreter daran waren, ihre Ab-


Teil 1: Libanon – Modell oder Spiegel der Region? 21

reise nach Rom vorzubereiten, wo die Sonder-Synode (10.10. – 24.10.2010)

ganz der Situation der christlichen Araber im Nahen Osten gewidmet sein

sollte.

Der maronitische Patriarch im Libanon, Nasrallah Sfeir (Mitte), mit der Generalsekretärin

der FMEEC, Rosangela Jarjour, und ihrem Mann Riad Jarjour

In der Near East School of Theology NEST, der einzigen überregionalen

evangelischen Ausbildungsstätte in der Region, ist der Druck auf die

Christen im Libanon und im gesamten Nahen Osten ein Thema. Hier sieht

man die Gründe für die Emigration der Christen vor allem in der wirtschaftlichen

Lage sowie im politischen und sozialen Umfeld: die Christen

hätten das Gefühl, immer weniger Freiräume zu finden, um ihre Zukunft

im Nahen Osten zu gestalten; im letzten Jahrzehnt habe sich auch das soziale

und kulturelle Umfeld stark verändert. Nicht zu unterschätzen sei,

dass die Christen besser ausgebildet und international viel besser vernetzt

seien, was ihnen eine Auswanderung – vor allem in den Westen – leichter

mache als den Muslimen, welche angesichts der Volatilität der Region genau

so migrieren (möchten); nur dass die muslimische Migration bevölkerungsmässig

weniger ins Gewicht falle.

Der libanesische Ministerpräsident Saad Al-Hariri bedauerte die

Emigration der Christen. Er führte die dahinterliegenden Gründe auf die

Instabilität der gesamten Region zurück. Libanon habe sechs Kriege erlebt,


22 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

nach jedem Krieg habe die Zahl der Christen abgenommen. Kleine Gruppen

fühlten sich gefährdeter als Mehrheiten. «Wir brauchen Frieden in der

Region. Wir brauchen eine Gesamtlösung des israelisch-palästinensischen

Konflikts, das beinhaltet auch einen Frieden mit Libanon und Syrien.»

Dass der ungelöste Konflikt an der Südgrenze Libanons den eigenen

internen Grundkonflikt zuspitze, diese Meinung wurde von vielen Gesprächspartnern

der Delegation geteilt. Der Pfarrer der nationalen evangelischen

Kirche in Beirut, Habib Badr, einer der Referenten des von der

NEST organisierten Panels zum christlich-muslimischen Dialog, formulierte

es so: «The continuing and blind support of Israel is hurting us Christians.»

Die kontinuierliche und blinde Unterstützung von Israel schadet

uns (arabischen) Christen. Die arabischen Kirchen, so die Botschaft Badrs,

hätten solange einen schweren Stand in der ganzen Region, solange eine

Unterstützung Israels durch ausländische Kirchen unkritisch erfolge und

damit eine pauschale Kriminalisierung aller Araber nicht hinterfragt werde.

Diese Einschätzung deckt sich in vielen Punkten mit dem vom SEK

mit unterstützten PIEF 3 -Prozess, der sich u.a. gegen eine Instrumentalisierung

von theologischen Inhalten für politische Zwecke richtet. PIEF distanziert

sich von den theologischen Argumenten evangelikaler christlicher

Zionisten (insbesondere – aber nicht nur – in Nordamerika).

Der libanesische Informationsminister Tarek Mitri ging davon aus,

dass eine Lösung dieses Konflikts das ganze Setting auch im Libanon verändern

und damit Energien für neue gesellschaftliche Prozesse freisetzen

würde. Mitri sah eines der Hauptprobleme in der wirtschaftlichen und damit

soziokulturellen Unterentwicklung zahlreicher Muslime. Seine These

ist, dass ein gewisser Wohlstand essentieller Bestandteil einer funktionierenden

Integration ist («prosperity makes integration»).

3 PIEF Palestine Israel Ecumenical Forum ist eine Plattform des Ökumenischen Rates der

Kirchen ÖRK. Es wurde im Jahr 2006 an einer grossen Versammlung in Amman, Jordanien,

mit dem Ziel lanciert, die Bemühungen von Kirchen aller Konfessionen um einen gerechten

Frieden in Palästina/Israel zu koordinieren. Eine zweite Konferenz von Theologen

fand 2008 unter Mitwirkung des SEK in Bern statt. PIEF entwickelt eine Friedensvision für

die gesamte Region und unterstützt den interreligiösen Dialog. Die Initianten glauben, dass

Frieden langfristig nur durch Gewaltfreiheit und beharrliche Gespräche zwischen allen

Beteiligten erreicht werden könne.


Teil 1: Libanon – Modell oder Spiegel der Region? 23

Die SEK-Delegation beim libanesischen Informationsminister Tarek Mitri (Mitte)

Eine konfessionalisierte Gesellschaft –

oder vom Rechtspluralismus

Mit Erstaunen nahm die Delegation Kenntnis vom Rechtspluralismus

im Libanon (und später auch in Syrien). Was das Personenstandsrecht

anbelangt, richten sich Muslime nach der Sharia, Christen gehen zu ihren

jeweiligen kirchlichen Vertretern, um ihre Familienangelegenheiten und

Konflikte zu regeln. Es blieben Fragen offen, nachdem Reverend Habib

Badr den Vorstoss des Erzbischofs von Canterbury gelobt hatte, den Muslimen

in England bei personenstandsrechtlichen Fragen die Wahl zwischen

dem englischen und dem islamischen Recht zu lassen.

Rev. Badr erklärte der Delegation: «Wir schämen uns nicht dafür,

dass unser Land konfessionalistisch funktioniert. Im Libanon vermischten

sich Religion und Politik schon immer und in politischen Entscheidungen

reden die Kirchenoberhäupter mit.» Das Personenstandsrecht liege in den

Händen der Konfessionen, im Libanon gebe es keine Zivilehe; das Scheidungs-

und Erbrecht unterstehe der konfessionellen Rechtshoheit. «Das ist

besser als in anderen arabischen Ländern, wo es nur ein Recht gibt, nämlich

das islamische. Insofern kann der Libanon als Modell gelten.»


24 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Ratspräsident Thomas Wipf im Gespräch mit George Sabra, Dekan der NEST

Die Theologen George Sabra und Johnny Awwad von der NEST

würden eine gewisse De-Konfessionalisierung begrüssen, lehnen eine Säkularisierung

der Gesellschaft allerdings ab: «Wir bleiben auch religiöse

Gemeinschaften, die miteinander leben; als solche müssen wir uns fragen:

Was wären wir Christen ohne die Muslime und umgekehrt? Wir Christen

haben hier etwas beizutragen. In einer Welt, die zunehmend von fundamentalistischen

Strömungen beeinflusst wird, ist unsere Botschaft wichtig.»

Dialog tut Not

Thomas Wipf, der ebenfalls am Panel zum islamisch-christlichen

Dialog der NEST teilnahm, erläuterte die Herausforderung für die christlich-muslimischen

Beziehungen in der Schweiz als Diskussion um einen

gesellschaftlichen Konsens auf Grundlage demokratischer Werte. Angesprochen

wurde auch die Abstimmung über das Verbot von Minaretten,

die der SEK neben allen wichtigen religiösen und politischen Institutionen

der Schweiz schon im Vorfeld klar abgelehnt hatte, und wozu der Schweizerische

Rat der Religionen SCR eine deutliche Position des gegenseitigen

Respekts, der Toleranz und der aktiven Integration vertritt. Diese Abstimmung

habe einerseits die Diskrepanz zwischen öffentlicher und gesell-


Teil 1: Libanon – Modell oder Spiegel der Region? 25

schaftlicher Meinung deutlich gemacht, andererseits einige dringende

Themen für den interreligiösen Dialog aufgezeigt. Der Ratspräsident stellte

die Frage, wer nun wem Vorbild sein könne: Das Modell Libanon der

Schweiz – oder das Modell Schweiz dem Libanon? Die Rolle des Staates sei

es, den Rahmen für Religionsfreiheit zu schaffen. «Der säkulare Staat ist

Garant des Rechts und nicht der Wahrheit.» Die evangelischen Kirchen

der Schweiz unterstützten dieses Konzept voll und ganz. Zu schnell könne

sonst Religion für politische Zwecke instrumentalisiert werden.

Ratspräsident Thomas Wipf auf dem interreligiösen Podium der NEST

Das habe sich, so Wipf, vor dem Irakkrieg 2003 gezeigt. In der

Schweiz sei daraufhin der Schweizerische Rat der Religionen (Swiss Council

of Religions, SCR) gebildet worden. In diesem Rat träfen sich christliche,

jüdische und muslimische Vertreter mit dem Ziel, einander kennen zu

lernen, Vertrauen zu bilden und Lösungen für die anstehenden Probleme

zu suchen.

Mohammed al Sammak, Generalsekretär des christlich-muslimischen

Dialogkomitees und des geistlichen islamischen Rates (Spiritual Islamic

Summit) im Libanon, sagte am Panel der NEST, die Auswanderung

der Christen aus den Ländern des Mittleren Ostens habe eine Auswirkung

auf die muslimische Präsenz und die Identität der Region. Muslime im

Mittleren Osten bräuchten Christen, um ihre geschichtliche Berufung als

einzelne Gläubige und als Gemeinschaft zu verwirklichen. Damit dürfte er


26 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

ausdrücken, was viele Muslime quer durch die Region denken: Ohne

Christen verlöre der Nahe Osten einen Teil seiner Identität.

George Sabra, Dekan der NEST, unterschied einen Dialog auf drei

Ebenen: Einen Dialog des Zusammenlebens, in dessen Rahmen die konkreten,

alltäglichen Probleme angegangen würden, einen Dialog über das

Leben, bei dem sich ethische Fragen stellten, und schliesslich den Dialog

über die Religionen als Reflexion des Glaubens. Auf den ersten beiden

Ebenen werde der Dialog im Libanon bereits geführt, auf der dritten Ebene

finde er nur sehr selten statt.

Die Lösung für den Libanon sucht Tarek Mitri in einem starken

Rechtsstaat, der die clanisch-religiös geprägte Gesellschaft ablösen und

den Libanon hin zu einer nationalen Identität führen könnte. Damit würde

der Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung möglich, der den radikalen

Gruppen den Boden entzöge. Die Wurzel des radikalen Fundamentalismus

sei die schlechte Integration bzw. die mangelnde Urbanisierung der

ruralen Bevölkerung in den Städten. Die Integration durch einen Aufstieg

in die Mittelschicht, speziell der ruralen Jugend, brauche allerdings Zeit.

Mitri, der früher Koordinator für den interreligiösen Dialog beim

Ökumenischen Rat der Kirchen ÖRK in Genf war, setzt auf den Dialog mit

moderaten Muslimen. «They fear exactly the same as we do.» (Sie fürchten

dasselbe wie wir.) Wichtig sei, dass die Christen ihre Verantwortung wahrnehmen

und zusammen mit den Muslimen eine gemeinsame Zukunft

bauen würden. Es reiche nicht, wenn eine Minderheit die Mehrheit beschuldige

oder sich bloss beklage.

Umso ratloser nahm die Delegation das tiefe Zerwürfnis der Kirchen

innerhalb des Middle East Council of Churches MECC 4 zur Kenntnis.

Angesichts der schwindenden Anzahl Christen und der Sorge um die

Zukunft der Christen im Nahen Osten scheint es schwer verständlich, dass

dieses Organ kurz vor dem Zusammenbruch steht. Mit Erstaunen ver-

4 Der MECC ist ein ökumenischer Zusammenschluss von 27 Kirchen aus den orientalischorthodoxen,

griechisch-orthodoxen, katholischen und evangelischen Konfessionsfamilien

des Nahen und Mittleren Ostens. Seit der ersten Generalversammlung 1974 in Nikosia

(Zypern) bis Ende des Jahrhunderts hat der MECC entscheidend zur ökumenischen

Verständigung in der Region beigetragen. Im vergangenen Jahrzehnt führten Meinungsverschiedenheiten

und Konflikte auf der Führungsebene jedoch dazu, dass die Sicherheit der

Finanzierung fraglich wurde und der Rat momentan weitgehend gelähmt ist.


Teil 1: Libanon – Modell oder Spiegel der Region? 27

merkte dies auch der jordanische Prinz Ghazi bin Muhammad: «I don’t

unterstand why the Christians are so divided.»

Der Friede und die Minderheiten

Auch Premierminister Saad Hariri räumte gegenüber der Delegation

ein, dass es konfessionelle Spannungen innerhalb der libanesischen Gesellschaft

gebe. «Wir haben Probleme zwischen den Konfessionen – sie

sind aber nichts im Vergleich zum Krieg von 2006.» Die Lösung fände sich

nur in einer nachhaltigen Entwicklung, dann würden auch extremistische

Kräfte an Einfluss verlieren. Dies, betonte er mehrfach, sei erst möglich,

wenn ein gerechter Frieden gefunden werde. Solange der israelisch-palästinensische

Konflikt andaure, werde es weder Sicherheit noch Stabilität

geben.

Delegationsleiter Thomas Wipf drückte im Gespräch mit dem libanesischen

Ministerpräsidenten seine Sorge aus über die enormen Herausforderungen,

denen sich der multireligiöse Libanon derzeit stellen muss.

Diese beträfen ganz direkt auch die christliche Minderheit. «Im Umgang

mit religiösen und politischen Konflikten können die hier gefundenen Lösungsansätze

auch für die Schweiz Anstösse geben. Auch die Schweiz entwickelt

sich mehr und mehr zu einer multikulturellen und multireligiösen

Gesellschaft und wird sich in Zukunft noch vermehrt diesen Herausforderungen

stellen müssen», sagte Wipf. «Umgekehrt», so Wipf, «hat die

Schweiz vor allem seit der Minarett-Abstimmung im Schweizerischen Rat

der Religionen SCR eine neue Form des religionspolitischen Dialogs gefunden,

die im Libanon auf Interesse stossen könnte».

Das Erbe Libanons aus dem arabisch-israelischen Konflikt

– ein Besuch in Sabra und Shatila

Sylvia Haddad, Palästinenserin, mit einem Libanesen verheiratet

und Direktorin des Joint Christian Committee for Social Services in Lebanon

JCC, führte die Delegation in die beiden Flüchtlingslager Sabra und

Shatila. Das JCC betreut vor allem Kindergärten, Schulen und soziale Zentren

in palästinensischen Flüchtlingslagern im ganzen Libanon.


28 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Kindergarten im palästinensischen Flüchtlingslager Sabra & Shatila, Beirut

Ihr Zentrum scheint eine Art Insel zu sein in einem dicht besiedelten

Stadtteil, zu dem die Lager geworden sind. Haddad bat um Hilfe für

ihren Plan, im Innenhof einen grünen Garten als Spielplatz für die Kinder

anzulegen. Tatsächlich wächst zwischen den auf engstem Raum gebauten

Häusern kaum ein Pflänzchen.

Die beiden Lager Sabra und Shatila entstanden 1949 als Folge des

israelisch-arabischen Kriegs von 1948. In die Schlagzeilen gerieten sie

1982, als die christliche Phalange-Miliz unter dem Schutz der israelischen

Armee in die Lager eindrang und vor allem Frauen und Kinder massakrierte.

Die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO hatte nach dem

Sechs-Tage-Krieg in Jordanien einen Staat im Staate gebildet, es kam immer

wieder zu Konfrontationen mit König Hussein. Am 1. September

1970 verübte die marxistisch-leninistische «Demokratische Front zur Befreiung

Palästinas» ein Attentat auf den König, das fehlschlug. Es kam zu

bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den PLO-Milizen

und der jordanischen Armee. Die PLO wurde gezwungen, ihr Hauptquartier

in den Libanon zu verlegen, wo ihre Milizen aktiv am libanesischen

Bürgerkrieg teilnahmen. Die israelische Invasion von 1982 richtete sich in

erster Linie gegen die PLO, die in der Folge nach Tunis ins Exil ausreisen

musste.


Teil 1: Libanon – Modell oder Spiegel der Region? 29

«Märtyrer»-Gedenkstätte im palästinensischen Flüchtlingslager Sabra & Shatila, Beirut

Unter den Aufnahmedestinationen für palästinensische Flüchtlinge

galt der Libanon als härtestes Land im Umgang mit den Palästinensern,

was immer wieder zu Auseinandersetzungen und Zusammenstössen führte.

Obwohl einige palästinensische Flüchtlinge nun schon in zweiter oder

dritter Generation im Libanon leben, sind sie kaum integriert, die Jugendlichen

haben eine schlechte Ausbildung und finden keine Arbeit. Die meisten

Familien sind vom UNO-Hilfswerk UNRWA abhängig. Angesichts

dieser Verhältnisse ist es nicht erstaunlich, wenn hier radikales Gedankengut

auf fruchtbaren Boden fällt.

Ein neues Gesetz erlaubt es den Palästinensern nun, sich besser zu

integrieren: Wie andere Ausländer im Land sollen sie ausserhalb der Lager

wohnen und Eigentum erwerben können, investieren, an libanesischen

Hochschulen studieren, in zahlreichen Berufen arbeiten und Zugang zum

Gesundheitswesen Libanons bekommen. Nicht vorgesehen sind hingegen

die Einbürgerung und damit das aktive und passive Wahlrecht. Damit erhalten

die Palästinenser im Libanon einen Status wie in Syrien.


30 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


4. Syrien – kontrollierte Ruhe

Während der Libanon in erster Linie mit sich, den vergangenen und

zukünftigen inneren Konflikten und der kontinuierlichen Bedrohung

durch Israel beschäftigt ist und sich als Staat zuerst noch finden muss,

scheint Syrien eine in sich ruhende Einheit, die sich ihrer Stabilität sehr

bewusst ist. Dieser Frieden wird nicht zuletzt von einem autoritären Regime

kontrolliert – und je nach Situation werden die Schrauben etwas

mehr oder weniger angezogen.

Gewürzstand im Souk von Damaskus

Hier war das zentrale Thema für die SEK-Delegation der Krieg im

Irak und dessen Folgen für das Land. Auch das missionarische Auftreten

evangelikaler Gruppen in der Region, meist amerikanischen Ursprungs,

die das wertvolle, friedliche, wenn auch staatlich gelenkte Zusammenleben

der verschiedenen Religionen gefährden, wurde als Problem benannt.

31


32 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Empfang beim syrischen Grossmufti, Scheich Ahmad Hassoun

Redegewandt und freundlich empfing der Grossmufti von Syrien,

Sheikh Ahmed Hassoun, die Delegation nach ihrer Ankunft in Damaskus.

In seiner blumigen Rede versicherte der Grossmufti, der Nahe Osten gehöre

allen Religionen. Er machte auch deutlich, dass Syrien jeglichen Fundamentalismus

bekämpfen werde. Er verstehe die Annahme der Minarett-

Initiative in der Schweiz als ein Votum gegen den Fundamentalismus. Der

Grossmufti plädierte für eine strikte Trennung von Staat und Religion –

«Leave religion to individuals» – und warnte davor, Religion in der Politik

zu instrumentalisieren.

Der Religionsminister, Sheikh Dr. Muhammad Abd Assatar Al-

Sayyed, erklärte gelassen, den religiösen Dialog brauche es in Syrien nicht,

um Konflikte zu verhindern. Die Bürger hätten gleiche Rechte, der Staat

garantiere die Religionsfreiheit. Sein Ministerium erarbeite die Curricula

für die Schulen, betreue die Ausbildung der Imame und koordiniere die

karitativen Werke (vor allem Aids- und Frauenprojekte). Syrien sei ein

Vorbild, sein Ministerium erhalte viele Anfragen aus Europa mit der Bitte

um Unterstützung in Sachen interreligiöse Beziehungen und Austausch

zwischen den Universitäten. Der Religionsminister ist allerdings direkt

nur für die Muslime zuständig. Für die christlichen Gemeinschaften ist der

Ministerpräsident verantwortlich.


Teil 1: Syrien – kontrollierte Ruhe 33

Einheit auch unter Christen?

Die verschiedenen christlichen Gemeinden betonen ihre Einheit

untereinander. Der Patriarch der griechisch-orthodoxen Kirche, Ignatius

IV. Hazim, meinte: «In Syria we succeeded to speak in the name of Christians.

We are of one family with many brothers. If we are not happy, we sit

and talk.»

Er habe den Eindruck, die christliche Gemeinde in Syrien sei respektiert

und das Zusammenleben funktioniere. Die christlichen Schulen

stünden auch Muslimen offen, ebenso wie die beiden christlichen Universitäten

in Damaskus. In den Curricula habe der Religionsunterricht einen

festen Platz und Feiertage würden zwischen Muslimen und Christen ausgehandelt.

Das Personenstandsrecht liege in der Hoheit der jeweiligen

Konfession.

Bibel und Koran in der Basilika Mar Musa

Hazim räumte ein, dass das Leben nicht immer ganz spannungsfrei

sei, bedroht fühlten sich die Christen aber nicht. «There is a spiritual policy

not to leave the space open», sagte er, «die Regierung interessiert sich für

uns, weil wir zu den vernünftigen Kräften zählen».

Der SEK-Delegation gab Hazim zu bedenken: «Es gibt Unterschiede

zwischen Christen und Muslimen. Ein Muslim ist ein Muslim und wird nie

Christ. Die Muslime sind gläubige Menschen und wollen ihren Glauben


34 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

leben. Ihre Religion ist Teil ihres Alltags, wir dagegen sind intellektuell. Die

Muslime lesen Gesichter, nicht Bücher.»

Die Begegnung mit der evangelischen Gemeinde war offen und

herzlich. «Wir bauen Brücken statt Mauern», sagte Pfr. Boutros Zaour.

«Wir sind die Brücke zwischen den verschiedenen christlichen Familien,

aber auch zwischen den Christen und den Muslimen», und das, obwohl

die evangelische Kirche auch innerhalb der christlichen Familie nicht anerkannt

sei:

Die SEK-Delegation nimmt am Gottesdienst des evangelischen Pfarrers Boutros Zaour in

Damaskus teil.

Die evangelischen Christen würden von den grossen Konfessionen

als Christen zweiter Klasse betrachtet, und die evangelische Kirche sei

schwierig einzuordnen, weil sie über keine hierarchische Struktur wie die

alten orientalischen Kirchen verfüge. Auf politischer Ebene müsse die

evangelische Kirche mit Vorsicht operieren. Sie nehme die Herausforderung

aber an, ihre Identität zu leben und sich verständlich zu machen. «Reformation

ist nicht etwas Abgeschlossenes», sagte Zaour, «Reformation ist

ein täglicher Prozess, und das ist die Rolle, die wir hier spielen».


Teil 1: Syrien – kontrollierte Ruhe 35

Die Folgen des Irak-Krieges

Der armenisch-orthodoxe Bischof Nalbandian und der syrisch-orthodoxe

Patriarch Zakka I. Iwas bestätigten das friedliche Zusammenleben

der Religionen in Syrien. Besorgt zeigten sich die Würdenträger allerdings

über die Nachrichten, die sie aus dem Irak erhielten. Patriarch Zakka:

«Diese neuen Missionare kommen von weit her, um ‹Christen zu retten›,

aber sie schaden uns. Sie handeln politisch – und politisch werden die

Christen auch verfolgt.»

Thomas Wipf zeigte sich beeindruckt vom guten Einvernehmen der

christlichen Gemeinschaften Syriens untereinander und mit den Muslimen.

Der syrisch-orthodoxe Patriarch Zakka I. mit der Delegation

«Wir teilen aber die Sorge der hier ansässigen Kirchen über die Missionstätigkeit

ausländischer evangelikaler Gruppen insbesondere im Irak.

Sie stören das Zusammenleben in einer höchst labilen Umgebung und

schaden den Christen in der ganzen Region.»

Die Sorge um die Verfolgung der Christen im Irak ist in der Schweiz

schon länger ein Thema. Seit dem Sturz von Saddam Hussein 2003 herrscht

im Irak ein Machtvakuum, und die Sicherheitslage ist für alle Bürgerinnen

und Bürger katastrophal. Dennoch sind die irakischen Christen besonders

betroffen. Sie sind der Gewalt seitens islamistischer Gruppen und krimi-


36 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

neller Banden ausgesetzt. Nachdem das Gebiet des heutigen Irak vor bald

2000 Jahren mehrheitlich christlich war, ist die Existenz der Christen im

Irak heute ernsthaft gefährdet. Deshalb hat der Kirchenrat der evangelischreformierten

Kirche des Kantons Zürich 2009 beschlossen, sich verstärkt

für die bedrängten Christen einzusetzen. 5 Dabei unterstützt er schwerpunktmässig

die christlichen Binnenflüchtlinge im Nordirak.

Patriarch Zakka appellierte an den Westen und an die SEK-Delegation,

etwas zu tun. «Die Kirchen tun gut daran, den Christen im Irak zu

helfen. Aber was tun sie für die Menschen, die den Irak verlassen haben?

Es muss doch Orte geben, wo die irakischen Flüchtlinge Asyl erhalten können.»

Viele Christen in Syrien seien zunehmend auf die Unterstützung

meist kirchlicher Organisationen angewiesen. Tatsächlich leben in Syrien

gemäss unterschiedlicher Schätzungen zwischen 300 000 und 600 000 irakische

Flüchtlinge. Sie leben nicht in Lagern, sondern haben sich in Wohnungen,

meist in Damaskus eingemietet. Viele zehren noch von ihrem

Vermögen; ist es einmal aufgebraucht, müssen sie Syrien verlassen. Syrien

hat sie als «Gäste» vorübergehend aufgenommen, verweigert ihnen jedoch

den Flüchtlingsstatus.

Begegnung mit irakischen Flüchtlingen in Damaskus, die von der griechisch-orthodoxen

Kirche betreut werden.

5 Ausführliche Informationen und Materialsammlung unter: www.zh.ref.ch


Teil 1: Syrien – kontrollierte Ruhe 37

Die griechisch-orthodoxe Kirche unterhält verschiedene Programme

für irakische Flüchtlinge. Die Delegation traf eine Gruppe, deren Zeugnisse

erschütterten.

Deutlich wurde während dieser Begegnung, dass zwar Christen um

ihres Glaubens willen verfolgt werden, dass aber Gewalt, Vertreibung und

Verlust viele Iraker treffen – unabhängig von ihrer Glaubenszugehörigkeit.

Alle Andersdenkende sind davon betroffen. Die Christen wurden und

werden zudem wegen ihrer Religionszugehörigkeit mit der amerikanischen

Besatzungsmacht in Verbindung gebracht – wenn nicht gar simplifizierend

mit ihr gleichgesetzt. Sie bilden damit ein ideales Feindbild für die

islamischen Fundamentalisten.

Dass heute prozentual mehr Christen entführt werden, hängt unter

anderem damit zusammen, dass sie reicher sind und als Minderheit keine

starken Clans im Rücken haben, die sie schützen. «Unter Saddam Hussein

waren die Christen beschützt», bestätigte Patriarch Zakka. Der Patriarch

war während 17 Jahren Erzbischof im Irak.

Der syrisch-orthodoxe Patriarch Zakka I. Iwas spricht zur SEK-Delegation den traditionellen

Segen in der Sprache Jesu, Aramäisch.

«Amerika ist gekommen, um den Irak von Saddam Hussein zu befreien

und um Demokratie zu bringen. Wir sehen nichts davon. Ausser,

dass es den Christen viel schlechter geht, ist nichts geschehen.»


38 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


5. Jordanien – der Dialog

der Vernunft

Nachdem die SEK-Delegation auf das Protokoll am jordanischen

Königshof vorbereitet worden war, erschien der Prinz mit einem Lächeln

und den Worten «I am Ghazi». Für das Gespräch nahm er sich eine Stunde

Zeit.

Die Delegation nach der Audienz bei Prinz Ghazi bin Muhammad von Jordanien (6.v.l.)

Der Prinz zeigte ein gewisses Verständnis für die Ängste der Schweizer

Bevölkerung, die zur Annahme der Minarett-Initiative geführt haben.

Er könne die Bedenken Europas verstehen, wo man mit einer zunehmenden

Anzahl von Muslimen zusammenlebe. Deshalb, glaube er, brauche es

einen Gesellschaftsvertrag. «Muslime müssen dem Gastland und seinen

Gesetzen gegenüber loyal sein», sagte er, «wir erwarten aber, dass die Gastländer

Religionsfreiheit gewähren und die Muslime für ihren Glauben

nicht diskriminieren». Wichtig sei, dass ein solcher Vertrag mit jenen

Muslimen ausgehandelt werde, die eine breite Abstützung und Anerkennung

in der muslimischen Welt fänden. Nur so würde diese Art von Ver-

39


40 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

trag für die Muslime auch verbindlich. Häufig kenne der Westen die legitimen

islamischen Vertreter nicht. «Um dem Fundamentalismus zu

begegnen», so Prinz Ghazi, «müssen vernünftige Menschen zusammen

arbeiten».

Im Moment herrsche unter Muslimen der Eindruck, ihr Leben sei

weniger wert. Die vielen Toten im Irak und in Afghanistan würden vom

Westen unter «Kollateralschäden» verbucht. Die Empfindlichkeit der Muslime

sei auch mit der Geschichte der Araber in Europa verbunden, nämlich

der völligen Vertreibung der Muslime aus Westeuropa im 15. Jahrhundert.

Prinz Ghazi bin Muhammad von Jordanien und Ratspräsident Thomas Wipf

Ratspräsident Thomas Wipf zeigte grosses Interesse am Vorschlag

von Prinz Ghazi, nicht zuletzt, weil Wipf anlässlich des Open Forum Davos

2010 die Idee eines Grundkonsenses über das Zusammenleben der


Teil 1: Jordanien – der Dialog der Vernunft 41

Religionen vorgestellt hatte, auf den sich die Repräsentanten der wichtigsten

Religionen der Schweiz einigen sollten. 6

Der Prinz erläuterte in diesem Zusammenhang, dass in der islamischen

Rechtskonzeption die Freiheit keinen absoluten Wert darstelle. Sie

habe sich nämlich dem Primat der Gerechtigkeit, auch im juristischen Sinne,

unterzuordnen. Demnach sei Freiheit kein Individualitätsbegriff, sondern

immer als gerechtigkeitsorientierte Freiheit zu verstehen.

Prinz Ghazi machte darauf aufmerksam, dass evangelikale Gruppen

auch in Jordanien das konfessionelle Zusammenleben störten. «Privat

können die Menschen machen, was sie wollen, nicht aber in der Öffentlichkeit.»

Der Prinz war daran interessiert, seine Initiative des «Common

Word» 7 im Westen bekannter zu machen. Die Idee wäre, eine Woche pro

Jahr in Kirchen über gemeinsame Werte wie die Liebe zu Gott und die

Liebe zum Menschen nachzudenken. Es gehe nicht darum, die Religionen

zu vermischen. Seine Initiative strebe keinen Synkretismus an, sondern

wolle über Gemeinsamkeiten eine Basis finden und Verständnis fördern.

6 Kernpunkte der Idee eines Grundkonsenses der Religionen von Thomas Wipf: Eine gelungene

Pluralität der Kulturen braucht ein Konzept des Dialogs. Dafür ist ein Grundkonsens

über die Voraussetzungen des Zusammenlebens notwendig, der von allen (i.d.CH) vertretenen

Religionsgemeinschaften ausgehandelt und verbindlich beschlossen wird. Enthaltene

Konsense sollen sein: kein absoluter Wahrheitsanspruch; Anerkennung der Vielfalt des

Landes; Bejahung der Menschenrechte; Anerkennung der Religionsfreiheit als grundlegendes

Recht; Anerkennung des Rechtsstaates als alleinige Grundlage des gesellschaftlichen

Zusammenlebens; Verpflichtung zur Förderung des friedlichen Zusammenlebens.

7 A Common Word between us and you (Royal Aal Al Beyt Institute, Amman), 2007.

Es handelt sich um den «Brief der 138» an die christliche Welt; die 138 Unterzeichner

kommen aus den wichtigsten islamischen Glaubensrichtungen. Inhaltlicher Aufbau: I. Die

Liebe zu Gott, II. Die Nächstenliebe, III. Kommt herbei zu einem Wort, das uns gemeinsam

ist. Den Abschluss bildet die Liste der 138 Erstunterzeichner (inzwischen über 300). Das

Wort verzichtet auf jegliche Polemik, und es wird versucht, im Doppelgebot der Liebe ein

gemeinsames Fundament zu legen, auf dem ein zukünftiger Dialog aufgebaut werden kann.

Es hat starke mediale Verbreitung und grosses Echo bei westlichen Institutionen gefunden.


42 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


6. Israel und die palästinensischen

besetzten und autonomen

Gebiete – die Geschichte

unterschiedlicher Dringlichkeit

Von Amman aus überquerte die SEK-Delegation den Jordan und

kam zum ersten Mal mit den umfangreichen Sicherheitskontrollen Israels

in Kontakt. Der Grenzübergang von Allenby (nach dem britischen General

Edmund Allenby) / King Hussein ist keine offizielle Grenze, da sie Jordanien

mit der Westbank und nicht mit Israel verbindet. Sie steht heute

Palästinensern der Westbank, Palästinensern aus Jerusalem und Ausländern

offen (ein separater Abschnitt existiert für die Palästinenser der Westbank,

der oft ohne Vorwarnung gesperrt wird). Der Delegationsleiter, Thomas

Wipf, führte seine Gruppe relativ entspannt und sicher durch die

strengen israelischen Kontrollen.

Die bis zu acht Meter hohe Trennmauer, die das Westjordanland von Israel trennt. Hier von

der palästinensischen Seite.

43


44 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Zum Zeitpunkt des Besuchs der Delegation waren die von Washington

neu lancierten Friedensgespräche wieder unterbrochen. Der Siedlungsstopp

Israels war abgelaufen, der Präsident der Palästinensischen Behörde,

Mahmoud Abbas, war zu Konsultationen mit der Arabischen Liga

abgereist und drohte, die Gespräche zu verlassen. Verhandelt wird immer

noch über eine Zwei-Staaten-Lösung. Angesichts der «facts on the ground»

scheint aber eine Verhandlung über zwei Staaten kaum eine realistische

Aussicht auf Erfolg zu haben. Politiker, Analysten und Journalisten in Israel

und auch im Ausland gehen vielfach davon aus, dass die israelische Besiedlung

der Westbank zu weit fortgeschritten sei, um noch ein lebensfähiges

Palästina zu ermöglichen.

Um zu einem gerechten Frieden zu kommen, wären auf beiden Seiten

in zentralen Punkten Zugeständnisse zu machen: Wahrscheinlich

müssten die Palästinenser zum Teil auf ihre Forderung auf das Rückkehrrecht

verzichten, während Israel vermutlich seinen Traum von «Gross-Israel»

begraben müsste. Von beiden Seiten werden aber entsprechende

Schritte gegenwärtig nicht thematisiert. Zudem bleibt die Frage nach der

Hoheit über Jerusalem weit davon entfernt, gelöst zu sein. Israel hat Ostjerusalem

nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzt, 1980 unilateral annektiert

und zu seiner «unteilbaren Hauptstadt» gemacht. International wurde

die Annexion Ost-Jerusalems nie anerkannt.

Das Westjordanland – oder Judäa und Samaria?

Die SEK-Delegation widmete die ersten Tage dieses Reiseabschnitts

der Situation der Palästinenser im Westjordanland. Zentral waren die israelische

Siedlungspolitik und deren Auswirkungen auf die Palästinenser:

Siedlerstrassen, die von Palästinensern nicht benutzt werden können; die

Trennmauer, die sich kalt und fremd durch die Landschaft frisst sowie

Dörfer und Familien auseinanderreisst. Siedlungen dringen tief in die

Westbank ein und teilen das Westjordanland de facto in drei Teile, so dass

kaum je ein zusammenhängender Staat Palästina wird entstehen können.

In den letzten zwei Jahren sind einige der Checkpoints verschwunden

– auf der Fahrt von Ramallah nach Nablus passierte die Delegation

keinen einzigen. Rechtssicherheit für die Palästinenser gibt es trotzdem

nicht, die Armee kann jederzeit die Gürtel um die Städte zuziehen und den

Personen- und Warenverkehr unterbinden. Die Siedlungen thronen wie


Teil 1: Israel und die palästinensischen besetzten und autonomen Gebiete – 45

die Geschichte unterschiedlicher Dringlichkeit

Burgen auf den Hügelkuppen und überblicken die Täler, wo die palästinensischen

Dörfer liegen und die Olivenbäume wachsen. Container-Siedlungen

an anderen Stellen, sogenannte «outposts», zeigen an, dass dort

eine Siedlung wächst und dafür erneut palästinensisches Land beansprucht

wird.

«The Occupying Power shall not deport or transfer parts of its own

civilian population into the territory it occupies» (IV Genfer Konvention

Art. 49) 8 . Im Westjordanland leben nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation

B‘Tselem 9 über 300 000 israelische Siedler unter

2,4 Millionen Palästinensern.

Die Siedlung Har Homa zwischen Bethlehem und Jerusalem

8

http://www.icrc.org/ihl.nsf/WebART/380-600056, Die vier Genfer Konventionen von 1949

und die zwei Zusatzprotokolle von 1977 sowie das Zusatzprotokoll von 2005 bilden den

Kern des humanitären Völkerrechts. Heute sind alle Staaten der Welt an die vier Konventionen

gebunden. Der Schweiz kommen als Depositarstaat wie auch als Vertragsstaat der

Genfer Konventionen besondere Rechtspflichten zu.

9

B’Tselem (hebr. «nach dem Abbild», auch Synonym für «Menschenwürde») wurde 1989

von einer Gruppe israelischer Akademiker, Anwälte, Journalisten und Knesset-Mitglieder

gegründet. Die NGO beobachtet und dokumentiert Menschenrechtsverletzungen in den

besetzten palästinensischen Gebieten mit dem Ziel, die israelische Öffentlichkeit zu informieren

und die eigene Regierung an die Respektierung internationalen Rechts zu erinnern.

Weitere Informationen unter http://www.btselem.org/.


46 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Weitere rund 200 000 Israelis wohnen in Ostjerusalem. Die Zahl der

Siedler im Westjordanland hat sich in den 17 Jahren seit Beginn des Friedensprozesses

von Oslo Anfang der 90er Jahre von rund 110 000 nahezu

verdreifacht. Etwa 30 Prozent der Siedler sind nach Angaben der Friedensorganisation

Peace Now ultra-orthodoxe Juden. Weitere 38 Prozent sind

nationalreligiös eingestellte Juden, die das Westjordanland als Land der

jüdischen Verheissung betrachten.

Mit EAPPI 10 unterwegs in Yanoun

Yanoun ist ein kleines Dorf mit noch sechs Familien südöstlich von

Nablus in der West Bank. Das Dorf liegt in der Nähe der israelischen Siedlung

Itamar und wird überragt von Aussenposten dieser Siedlung. Die

Siedler von Itamar haben Yanoun und seine Bewohner in der Vergangenheit

immer wieder belästigt und angegriffen, bis die Bewohner eines Tages

ihr Dorf ganz verliessen. Unter der Begleitung von EAPPI und israelischen

Menschenrechtsgruppen sind sie kurz darauf wieder zurückgekehrt.

Vor diesem Hintergrund sind die Hauptaufgaben von EAPPI in Yanoun,

Präsenz zu zeigen, um damit die Siedler von weiteren Übergriffen

abzuhalten, die umliegenden Dörfer zu besuchen und bei landwirtschaftlichen

Arbeiten, zum Beispiel während der Olivenernte, anwesend zu sein.

Ein wichtiger Teil der Arbeit der EAPPI-Beobachter und -Beobachterinnen

geschieht nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat: In Vorträgen, Artikeln

und Blogs wollen sie auf die Missstände unter der Besatzung in den palästinensischen

Gebiete aufmerksam machen. Zum Teil arbeiten die EAPPI-

Begleiterinnen und -Begleiter mit israelischen Friedensgruppen zusammen,

unter anderem mit den «Rabbinern für Menschenrechte», deren

Direktor, Rabbi Arik Asherman, die Delegation in Yanoun traf.

10 Das EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel) ist ein Programm

des Ökumenischen Rates der Kirchen ÖRK und will zu einer Lösung des israelischpalästinensischen

Konflikts sowie zu einem gerechten Frieden beitragen. Im Rahmen des

Programms werden Beobachterinnen und Beobachter aus zahlreichen Ländern (darunter

der Schweiz) zum Einsatz an diversen Konfrontationsorten (Placements) und zur Begleitung

beispielsweise von Kindern ausgebildet. Der SEK hat das Patronat über die Schweizer

Beteiligung dieses Programms. Die operative Verantwortung liegt beim Hilfswerk der

Evangelischen Kirchen Schweiz HEKS.


Teil 1: Israel und die palästinensischen besetzten und autonomen Gebiete – 47

die Geschichte unterschiedlicher Dringlichkeit

Rabbi Arik Asherman (Rabbis for Human Rights) spricht in Yanoun mit der

Delegation, hier im Gespräch mit Thomas Wipf.

Arik Asherman ist gebürtiger Amerikaner. Die NGO «Rabbis for

Human Rights» RHR wurde während der ersten Intifada gegründet, als

israelische Soldaten jugendlichen Palästinensern die Knochen brachen,

damit sie keine Steine mehr werfen konnten. Damals hätten viele Israelis,

auch solche aus dem rechten Lager, gefunden, Israel überschreite eine

Grenze. «Die Frage war, was aus unseren Visionen von 1947 geworden

war», erläuterte Ashermann. «Wir wollten einen Staat auf den Prinzipien

von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden errichten. Was ist daraus geworden?

Und so wurden in Israel Stimmen laut, die auch von den Rabbinern

eine Stellungnahme erwarteten.»

Asherman schätzt, dass etwa 60 Prozent der Siedler aus wirtschaftlichen

Gründen in den Siedlungen leben. Siedler würden mit niedrigen

Mieten, billigen Baupreisen und Steuerreduktionen angelockt. Je tiefer jedoch

die Siedlungen in der Westbank lägen, desto ideologisierter seien die

Siedler: Das heisst, desto radikalisierter, religiöser und teils auch fanatisch

verträten sie den Standpunkt, die Westbank gehöre zu Eretz Israel, auf das

die Juden aus ihrer Geschichte heraus grundsätzlich Anspruch hätten. In

diesen Kreisen seien Übergriffe auf palästinensisches Land, auf Olivenbäume

und auf Menschen ein Mittel, ihre Ansprüche zum Ausdruck zu bringen.


48 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Nablus – auf den Spuren der zweiten Intifada

Den Nachmittag verbrachte die Delegation in Nablus, wo sie die

griechisch-orthodoxe Kirche Bir Yakoub (Jakobs Brunnen) besuchte und

vom anglikanischen Pfarrer Ibrahim und Mohammed, einem jungen Palästinenser

aus dem in Nablus liegenden Flüchtlingslager von Balata, durch

die grosse Altstadt von Nablus geführt wurde. Die Führung eröffnete der

Delegation einen Einblick in die Geschichte der Zweiten Intifada, die im

September 2000 begann. Ariel Sharon hatte mit bewaffnetem Personenschutz

und einem grossen Polizeiaufgebot den Tempelberg (Haram As-

Sharif) besucht. In der Folge demonstrierten zunächst Palästinenser in Jerusalem,

später griff der als «Al-Aqsa-Intifada» bekannt gewordene

Aufstand auf die Westbank und nach Gaza über. 2002 wurden die Städte

Nablus und Jenin von der israelischen Armee vollständig besetzt.

Unter der Al-Aqsa-Intifada, die Sharon offizell 2005 für beendet erklärte,

haben sich die Lebensbedingungen der Palästinenser weiter verschlechtert.

Die Bewegungsfreiheit wurde massiv eingeschränkt, Städte

wie Nablus haben nur noch einen Ausgang, der Personen- und der Warenverkehr

wurde erheblich behindert. Der enge Gürtel um Nablus ist erst

2010 wieder etwas gelockert worden, der Huwara-Checkpoint scheint

heute ein harmloser Kontrollposten.

Hier, und auch bei einigen späteren Begegnungen, wurde der Delegation

bewusst, wie stark in diesem Konflikt die Menschen ihre jeweilige

Realität aus der subjektiven Leidensgeschichte heraus wahrnehmen und

kaum fähig und – angesichts der Länge dieses Konflikts – auch kaum willig

scheinen, sich mit Verletzungen und Anliegen der anderen Seite auseinander

zu setzen.

Hebron – oder die Auswüchse der Siedlungspolitik

Im Januar 1997 zog sich die israelische Armee aus etwa 80 Prozent

der Stadt Hebron zurück. Das Protokoll, das die PLO und Israel unterzeichneten,

teilte die Stadt in zwei Teile: H1, wo die palästinensischen Sicherheitskräfte

die volle Kontrolle übernahmen, und H2, der die Altstadt

und die an die Altstadt angrenzenden Quartiere umfasst, in denen jüdische

Siedlungen stehen. Hier behielt die israelische Armee die Kontrolle

über die Sicherheit sowie über Teile der zivilen Administration. Mit der

Unterzeichnung des Protokolls wurde auch die TIPH (Temporary Interna-


Teil 1: Israel und die palästinensischen besetzten und autonomen Gebiete – 49

die Geschichte unterschiedlicher Dringlichkeit

tional Presence for the City of Hebron) eingerichtet, eine Beobachtermission,

an der auch die Schweiz beteiligt ist.

Kontrollposten in Hebron. Ein palästinensischer Jugendlicher wird von israelischen

Soldaten angehalten, ein EAPPI-Mitarbeiter vermittelt.

Heute leben in H2 laut Angaben des Koordinationsbüros der Vereinten

Nationen für Humanitäre Angelegenheiten OCHA 11 noch ca. 2500

Palästinenser zusammen mit 600 Siedlern und rund 1500 Soldaten. Berichte

von B’Tselem über die Jahre zeigen, dass die Armee bei gewaltsamen

Übergriffen der Siedler auf Palästinenser nicht eingreift.

Während der zweiten Intifada wurden die Lebensbedingungen für

die in H2 lebenden Palästinenser immer schwieriger. Die Armee brachte

eiserne Drehtüren an den Eingängen zum Souq an, die Personenkontrollen

wurden verstärkt und Läden geschlossen. So zeigt sich heute die früher

besonders lebendige Shuhada Street völlig ausgestorben. Mit Ausnahme

von ein paar Siedlerinnen hält sich hier niemand auf. Bis vor kurzem war

11 OCHA United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs vgl. Bericht

von 2005: http://www.humanitarianinfo.org; die Zahlen werden auch in jüngeren Dokumenten

der OCHA bestätigt.


50 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

es den Palästinensern auch verboten, ihre Hauseingänge zur Shuhada

Street hin zu benutzen, sie mussten über die Rückseite und über die Dächer

von Nachbarhäusern in ihre Wohnungen klettern.

Bewohnern von Häusern im Souq, die an Siedlungen angrenzen,

droht immer wieder die Gefahr, dass Siedler die Mauern und Wände

durchbrechen, und plötzlich in der guten Stube stehen oder Waren stehlen,

die ein Händler in einem Raum gelagert hat. Die wichtigsten Gassen des

Souqs sind heute mit Netzen und Plastikplanen abgedeckt, um zu verhindern,

dass Siedler Passanten und Marktstände mit Flaschen, Fäkalien oder

Säure bewerfen.

Wassersilos auf arabischen Wohnhäusern in Hebron, teilweise mit Einschusslöchern von

Siedlern, links ein israelischer Militärwachtposten

Die Strategie scheint klar: Mit Siedlergewalt und durch die häufig

verhängten Ausgangssperren soll die palästinensische Bevölkerung aus

dem Souq vertrieben werden.

Dem will das Hebron Rehabilitation Committee HRC entgegen wirken,

indem Infrastruktur und Häuser in der Altstadt renoviert sowie palästinensische

Familien und Händler auch finanziell unterstützt werden, damit

sie bleiben. Das HRC wird von zumeist europäischen Geberländern

unterstützt. Auch das EAPPI ist in Hebron aktiv und begleitet Schulkinder

auf dem Schulweg durch die Militärkontrollen, patrouilliert durch den

Markt, unterstützt die Bevölkerung im Alltag und versucht, sie durch die


Teil 1: Israel und die palästinensischen besetzten und autonomen Gebiete – 51

die Geschichte unterschiedlicher Dringlichkeit

Präsenz der Begleitpersonen vor den Übergriffen der Siedler zu schützen.

Das EAPPI ist ausser in Hebron und Yanoun auch in Bethlehem, Jerusalem

und im Jordantal präsent.

Eine Marktstrasse in Hebron. Ein Gitter schützt die Bevölkerung notdürftig gegen

Übergriffe aus angrenzenden Siedlerwohnungen.

Zelt der Völker – die Verweigerung der Feindschaft

In der Westbank, auf halber Strecke zwischen Hebron und Jerusalem,

liegt eine Reihe von Hügeln, auf denen in den letzten zehn Jahren

zügig der Bau israelischer Siedlungen vorangeschritten ist. Inmitten dieser

Siedlungen hat sich bis jetzt der unscheinbare Weinberg der Familie Nasser

behauptet: Ein Weinberg, der seit 120 Jahren in dokumentiertem Familienbesitz

der evangelisch-palästinensischen Familie ist und der regelmässig

von israelischen Siedlern und Behörden attackiert wird: Einmal

tauchten Bewohner der benachbarten Siedlungen auf und forderten die

Besitzer unter Hinweis auf die Tora auf, ihren Weinberg an Israel abzugeben;

ein anderes Mal verlangte ein israelisches Gericht den Abriss von

neun «illegal errichteten» Konstruktionen: Dazu gehören Höhlen, Zeltgestänge

und Zisternen.

Daoud Nasser, der heutige Besitzer des Weinbergs, hat einen eigenen

Weg entwickelt, mit dieser ständigen Bedrohung umzugehen. Natürlich

sei er auch wütend und traurig, aber: «Was für einen Sinn hat es, die


52 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Aggression zu schüren und die Spirale der Gewalt mitzudrehen? Für uns

liegt die einzige Lösung in der Versöhnung und im Frieden. Deshalb gehen

wir nicht auf die Provokationen ein.» Daoud Nasser hat seinen Weinberg

zu einem internationalen Begegnungsort, dem «Zelt der Völker», gemacht,

dessen Direktor er ist und wo sich jährlich tausende von Jugendlichen treffen,

über Frieden, Versöhnung und Völkerverständigung diskutieren,

beim Aufbau kleiner, kreativer Beiträge des Projekts helfen und sich an der

Aufrechterhaltung der Pflanzenstruktur des Weinbergs beteiligen. Vor einigen

Jahren zerstörten Siedler einen Grossteil der Olivenbäume der Familie

Nasser. Daraufhin kam eine jüdische Organisation aus Kanada und

pflanzte über 200 neue Olivenbäume. Vor dem Eingang zum Gelände des

Weinbergs steht, mehrsprachig und in Stein gemeisselt: «Wir weigern uns,

Feinde zu sein.»

Aufschrift beim Weinberg von Daoud Nasser, dem Tent of Nations

Der Abrissbefehl ist vorläufig vom Obersten Gerichtshof in Israel

gestoppt worden, per einstweiliger Verfügung. Solche Behördengänge

können sich die Nassers nur dank der Unterstützung ihres internationalen

Freundeskreises (auch in der Schweiz) leisten. «Aufschübe haben wir

schon öfter erwirkt», erklärte Daoud Nasser der Delegation, «aber wir sind

nicht naiv. Wir rechnen damit, dass uns bald sämtliche Zufahrtswege zerstört

werden. Gegen solche vollendeten Tatsachen können wir nicht viel

ausrichten, und die Behörden tun es nicht. Wir versuchen nun, unsere

Wasserversorgung mit Regenwasserzisternen zu sichern, um unsere

Selbstversorgung zu ermöglichen».


7. Jerusalem – Yerushalaim –

Al Quds

«Gott allein weiss, warum er drei Religionen an diesen Ort gebracht hat.»

(Mohammed Dajani)

Jerusalem ist zweifelsohne Kern des Konflikts. Die wichtigsten heiligen

Stätten der Juden und der Muslime liegen hier dicht beieinander, am

Tempelberg oder dem Haram as Sharif. Sollte Israel sich wirklich als jüdisch-demokratischer

Staat verstehen, ist die Jerusalem-Politik Israels einer

stringenten Logik unterworfen: Die ungeteilte jüdische Hauptstadt

muss jüdisch bleiben. Siedlungen trennen palästinensische Städte wie

Bethlehem endgültig von Jerusalem, die Mauer grenzt die anliegenden palästinensischen

Quartiere aus und schlägt sie der Westbank zu. Identitätskarten

und Niederlassungsbewilligungen werden entzogen, wenn ein «Jerusalemite»

jemanden aus der Westbank heiratet. In Ostjerusalem erhalten

Palästinenser kaum mehr Baubewilligungen – und bauen sie trotzdem,

werden ihre Häuser zerstört. Die jüdischen Siedlungen in Ostjerusalem

können sich weiter ausbreiten und werden gerade mit dem Bau von Trams

an den Westen der Stadt angeschlossen.

Der israelische Journalist und NZZ-Korrespondent George Szpiro (2.v.l.)

erläutert den Schweizer Gästen seine Sicht des israelisch-palästinensischen

Konflikts.

53


54 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

«Ich verstehe nicht, weshalb man sich über die Mauer aufregt», sagte

George Szpiro, Korrespondent der NZZ für Israel gegenüber der SEK-Delegation.

«Das Problem ist ja nicht die Mauer an sich, sondern ihr Verlauf.»

Szpiro ist Sohn von Holocaust-Überlebenden und seit Jahrzehnten in Israel.

«Israel hatte nie das Ziel, sich in den Nahen Osten zu integrieren, Israel

war von Anfang an auf den Westen ausgerichtet.» Tatsächlich sei es so, dass

vielerorts in Israel die Menschen den Konflikt gar nicht mehr wahrnähmen,

in Städten wie Tel Aviv zum Beispiel. Die Berührungspunkte mit den

Palästinensern würden immer weniger. Die Mauer verlaufe zwar nicht auf

der 67er-Linie, denn sie schliesse grosse Siedlungen wie Ariel an Israel an,

wie Szpiro bestätigte. Dafür seien jetzt aber Vorschläge auf dem Tisch, Gebiete

an die Palästinenser abzutreten, im Gegenzug für das verlorene Land

in der Westbank. Man könne aber nicht von Transfer reden – denn die Palästinenser

blieben ja auf ihrem Land; sie würden bloss ihre Staatszugehörigkeit

ändern. Doch die Araber mit israelischer Staatangehörigkeit seien

nicht einverstanden, der Westbank zugeschrieben zu werden. Die Siedler

mit fünf Prozent Bevölkerungsanteil hätten politisch ein überproportionales

Gewicht, und auch die politische Rechte erhalte immer mehr Zulauf.

Der Pioniergeist der frühen Zionisten lebe heute bloss noch in den Siedlern

weiter. Leider, so Szpiro, sei der Ministerpräsident eine eher schwache Persönlichkeit,

die sich der Volksmeinung anpasse. Wäre heute ein Mann wie

Sharon am Ruder, würde möglicherweise ein Siedlungsstopp verhängt und

damit der Weg frei für direkte Verhandlungen mit den Palästinensern.

Die Frage, ob er selbst sich eine Ein-Staaten-Lösung vorstellen könne,

wies Szpiro weit von sich. Ein Staat, in welchem die Juden eines Tages

keine Mehrheit mehr stellten, könne er sich nicht vorstellen. Er sähe dann

für seine Kinder und Enkel keine Zukunft in diesem Staat.

Bischof Younans Appell

«Unser Problem hier ist die Besatzung und nicht die religiöse Verschiedenheit»,

meinte Mounib Younan, einziger palästinensischer Bischof

in Jerusalem und Präsident des Lutherischen Weltbundes LWB. «Die

Christen im Nahen Osten leben gut, wirklich verfolgt werden sie in Ägypten

und im Irak.» Und trotzdem, so Bischof Younan weiter, müsse den

Christen immer wieder gesagt werden, dass sie hierher gehörten, auch


Teil 1: Jerusalem – Yerushalaim – Al Quds 55

wenn die Zeiten manchmal schwierig seien. «Wir sind die Kirche des

Kreuzes, und manchmal müssen wir das Kreuz auch tragen», und weiter,

«wir brauchen eure Unterstützung, lasst uns hier nicht allein».

Der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Bischof Mounib Younan, im Gespräch mit der

SEK-Delegation.

Der Dialog zwischen den Religionen in Jerusalem funktioniere gut,

erklärte Younan der Delegation. So hätten die religiösen Führer und Würdenträger,

einschliesslich der zwei israelischen Grossrabbiner, einen Rat

gebildet und eine Art Hotline eingerichtet, um bei Problemen schnell zu

einer Einigung zu kommen. Der Rat habe auch bei der Yale Universität

eine Studie in Auftrag gegeben, die Schulbücher auf ihren religiösen, kulturellen

und historischen Inhalt zu überprüfen. Erziehung sei wesentlich,

wenn es um Annäherung und Versöhnung gehe.

«Heilung beginnt damit, die Wahrheit auszusprechen», so das Plädoyer

des Bischofs, und dazu gehöre auch, die Angst der Juden aus historischer

und erlebter Verfolgung anzuerkennen. Younan selbst hat in den

letzten Jahren mehrfach betont, dass es Recht, Gerechtigkeit und Frieden

nur für beide Seiten geben könne. So wie die Sicherheit Israels mit der

Freiheit und Gerechtigkeit für die Palästinenser verbunden sei, so hänge

umgekehrt diese palästinensische Freiheit und Gerechtigkeit von der Si-


56 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

cherheit für Israel ab. In diesem Sinne ruft Younan alle Palästinenser regelmässig

zur Gewaltlosigkeit auf 12 .

Bischof Younan nahm gegenüber der Delegation auch Bezug auf die

umstrittene Vorlage des israelischen Kabinetts, nichtjüdische Einwanderer

künftig einen Loyalitätseid auf den jüdisch-demokratischen Staat schwören

zu lassen. Was Israel im Moment mache, sei sehr gefährlich, so Younan.

«Dann wollen die Muslime auch ihren Gottesstaat. Der Talmud, die

Bibel und der Koran sind nicht die Quellen der Demokratie, sondern der

Theokratie.»

Am Tag der Rückreise der SEK-Delegation hiess das Kabinett diesen

Vorschlag gut. Tags darauf machte Ministerpräsident Netanjahu das Weiterführen

des Siedlungsstopps davon abhängig, ob die Palästinensische

Behörde den israelischen Staat als Staat der jüdischen Nation anerkenne.

Erwartungsgemäss lehnte der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde,

Mahmoud Abbas, ab: Ein Prozess, der nur für die eine Seite –

nämlich die palästinensische – dringlich sei, sei ein Prozess in der Sackgasse.

Das Kairos-Palästina-Dokument christlicher Palästinenser

Bischof Younan war einer der Mitunterzeichner des Kairos-Palästina-Dokuments

13 . Er stehe diesem nicht unkritisch gegenüber, einige Passagen

des Dokuments würden eine einseitige Lesart begünstigen. «Wir haben

diesen Passus über den Boykott gutgeheissen», meinte Younan, «aber

heute lesen die Leute nur noch ‹Boykott› und nehmen den Rest des Inhalts

nicht mehr wahr». Dieses Dokument müsse als Prozess verstanden werden,

als einen Prozess, der zu neuen Dialogen führe. Damit wäre eines der

Ziele bereits erreicht.

Dr. Muna Mushahwar, eine palästinensische Ärztin und Vertreterin

von Kairos-Palestine, bestätigte in einem anderen Gespräch mit der Delegation,

dass es hier Erklärungsbedarf gebe. Dies sei Konsens unter den

12

Vgl. z.B. M.Younan, Theological Reflection and Testimony, in: Theological Reflection on

Accompaniment, WCC, Geneva 2005.

13

Wortlaut des Dokuments in zahlreichen Sprachen unter http://www.kairospalestine.

ps/?q=content/document.


Teil 1: Jerusalem – Yerushalaim – Al Quds 57

Kairos-Palästina-Leuten. Das ökumenische Dokument habe erstmals die

Stimme der meisten palästinensischen christlichen Konfessionen auch international

hörbar gemacht, und dies sei ein enormer Fortschritt. «Die Reaktionen

auf den Inhalt zeigen aber, dass einiges nicht deutlich genug gesagt

wird.» So werde beispielsweise das Existenzrecht Israels von

Kairos-Palestine nicht infrage gestellt, und auch die vorgeschlagenen wirtschaftlichen

Massnahmen seien auf die besetzten Gebiete und die Siedlungen

bezogen, nicht auf ganz Israel. Letzteres, so die Ärztin, wäre für alle

kontraproduktiv.


58 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

«Evangelisch in Jerusalem»

Auf dem Ölberg wurde die Delegation vom Pfarrehepaar Ulrike und

Michael Wohlrab herzlich empfangen und bewirtet. Die beiden teilen sich

die Pfarrstelle der Himmelfahrtskirche und erläutern anschaulich die verschiedenen

Tätigkeitsbereiche, die auf dem Gelände des Ölbergs anzutreffen

sind.

Betende Christen aus aller Welt in der Jerusalemer Grabeskirche

Die Entstehung der Einrichtungen der Evangelischen Kirche

Deutschland EKD in Jerusalem ist eng mit dem Engagement des Lutherischen

Weltbundes LWB in Jerusalem verbunden: Um die Wende zum 20.

Jahrhundert wurden auf dem preussischen Gelände der «Evangelischen


Teil 1: Jerusalem – Yerushalaim – Al Quds 59

Jerusalemstiftung» des damaligen Kaisers Wilhelm II. und seiner Frau Auguste

Victoria die Himmelfahrtskirche und die dazugehörige Auguste-

Victoria-Stiftung eingeweiht. Nach dem Zweiten Weltkrieg, während dem

die Einrichtungen unter britische Hoheit gestellt worden waren, und im

neuen Staat Israel übernahm der 1947 gegründete Lutherische Weltbund

LWB die treuhänderische Verwaltung der deutschen evangelischen Einrichtungen.

Das ursprüngliche Erholungshospiz «Auguste Victoria Foundation»

wurde nach und nach zu einem modernen Krankenhaus ausgebaut,

1950 gemeinsam von der United Nations Relief and Works Agency

UNRWA und dem LWB als Krankenhaus für palästinensische Flüchtlinge

wiedereröffnet und vom LWB kontinuierlich betreut. In den deutschsprachigen

evangelischen Einrichtungen entwickelten sich währenddessen bis

zu Beginn dieses Jahrtausends verschiedene Tätigkeitsschwerpunkte, die

sich 2007 gemeinsam unter dem Namen «Evangelisch in Jerusalem» etablierten.

Dazu gehören die Evangelische Jerusalem Stiftung EJSt, die erwähnte

Kaiserin Auguste-Victoria-Stiftung KAVSt, das Deutsche Evangelische

Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes DEI, die

Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache EGDS und das Studien- und

Fortbildungsprogramm «Studium in Israel».

Gesundheit macht Politik – das Auguste-Victoria-Krankenhaus

Weit über Palästina hinaus steht der Name Auguste Victoria vor allem

für das Spital. Heute ist es das einzige Dialyse-Zentrum für Palästinenser

aus der Westbank und die einzige Hoffnung für viele Krebspatienten

aus der Westbank und Gaza. Das Spital und seine Direktion mussten immer

wieder um den freien Zugang zum Spital kämpfen – für Patienten und

für das Personal: Selbst für den Direktor des Spitals, Dr. Tawfiq Nasser, ein

Palästinenser mit Wohnsitz in der Westbank, ist das Bewilligungssystem

kompliziert: er braucht mehrere Identitätskarten und Security Cards, die

ihm den Zugang zu Jerusalem und damit zum Spital ermöglichen. Diese

Karten machen ihn zwar zu einem hoch privilegierten Palästinenser, gegenüber

den Israelis bleibt er dennoch ein Bürger zweiter Klasse.

Heute hat das Spital nach zähen Verhandlungen mit den israelischen

Behörden erreicht, dass selbst Krebspatienten aus Gaza die Bewilligung für

die Behandlung im Auguste Victoria erhalten. «So zynisch das klingen


60 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

mag, heute braucht ein Mensch in Gaza Krebs, um nach Jerusalem zu dürfen

und in der Al Aqsa beten zu können», sagte der Spitaldirektor.

Yad Vashem

Der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat die Delegation

tief beeindruckt. Die Ausstellung zeigt die Systematik der Vernichtung

in einer Dichte, die das Unvorstellbare vorstellbar macht. Der Besuch

in Yad Vashem lässt die Ängste des jüdischen Volkes und die tiefen traumatischen

Wunden verständlich werden. Er macht nachvollziehbar, warum

die Idee eines eigenen Staates für Juden (Zionismus) so dringlich und

nach der Katastrophe der Shoah auch so unmittelbar umgesetzt wurde.

Die Delegation besucht die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.


Teil 1: Jerusalem – Yerushalaim – Al Quds 61

So alt die Geschichte der Diskriminierung und Verfolgung der Juden

ist und so eng sie mit einem neutestamentlichen und christlichen Antijudaismus

verknüpft ist, so sehr fühlten sich Juden seit der Aufklärung

auch als Teil ihrer abendländischen Lebensgesellschaft und trugen den in

der Romantik aufblühenden Nationalgedanken ihrer Heimat mit Überzeugung

in sich. Diese Zugehörigkeit wurde ihnen jedoch im beginnenden

20. Jahrhundert einmal mehr verwehrt, sie wurden aus diversen rechtlichen

und gesellschaftlichen Vernetzungen ausgeschlossen – lange bevor

ihre systematische Verfolgung einsetzte.

Der Holocaust gab dem Zionismus einen ungeheuren Aufschwung,

und die Gründung des Staates Israel wurde nun auch international (UNO)

als zwingende Konsequenz der Ereignisse unterstützt. Es war klar: Juden

brauchen einen sicheren Ort. Die reine Nationalbewegung hatte 1948 mit

der Staatsgründung ihr Ziel erreicht. Die Anforderungen eines integrativen

Gemeinwesens aber, das den Anspruch beinhaltet, einerseits Ort für

Juden aller Kulturkreise und Traditionen, andererseits Ort auch für Nichtjuden

zu sein, ist eine weit grössere Herausforderung. Ungelöst scheinen

daher bis heute sowohl Fragen der Identität eines Einwandererlandes als

auch Fragen nach der Auseinandersetzung mit der palästinensischen Bevölkerung,

die dort beheimatet ist und mit der eine Lösung des Zusammenlebens

bislang fehlt 14 .

Am Ende der Ausstellung führt eine Rampe die Besucher wieder

nach oben ans Licht und öffnet den Blick in die Landschaft. Die Ausstellung

stellt damit eine Verbindung vom Ende der Shoah zur Ankunft im

Gelobten Land her, und der Ausspruch «Nie wieder» wird beinahe physisch

erlebbar. Gerade weil für die Delegation dieses historische Trauma

einzigartig nachvollziehbar wurde, fällt es ihr schwer, darin eine mögliche

Begründung für die jetzigen Sicherheitsvorkehrungen des israelischen

Staates gegenüber der palästinensischen Bevölkerung zu akzeptieren.

14 Vgl. SIG Factsheet «Zionismus» unter http://www.swissjews.ch.


62 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Shabbat – Freude und Fragen

Zu Beginn des Shabbat fand sich die SEK-Delegation bei der Yedidia-Synagoge

ein, einer modern orthodoxen Gemeinde. Die Feier des

Shabbat symbolisiere jede Woche die Vorfreude auf die Erlösung und das

Kommen des Messias, erklärte Dr. Ophir Yarden vom Interreligious Coordinating

Council in Israel ICCI. Für die Delegation war die durch zahlreiche

Gesänge strukturierte hebräische Feier faszinierend und befremdlich

zugleich.

Betende Juden an der Klagemauer in Jerusalem


Teil 1: Jerusalem – Yerushalaim – Al Quds 63

Im Anschluss wurde die Gruppe zu je zweien in Privatfamilien zum

Shabbat-Mahl eingeladen. Dort war die Zusammensetzung der Gäste zum

Teil sehr heterogen – am gleichen Tisch sassen politisch rechts bis links

orientierte Juden. Die Gespräche waren sehr verschiedenartig. Berichteten

die einen Delegationsmitglieder von ruhigen small talks, hatten andere

hitzige politische Auseinandersetzungen erlebt, in denen zum Beispiel

deutlich wurde, dass jüdische Existenz in Israel als grundsätzlich gelungen

und ohne Konflikterfahrung erlebt wird und dass kaum Kontakt zwischen

den jüdischen und den palästinensischen Bewohnern des Landes besteht,

dass andererseits aber auch deutliche Kritik am eigenen Staat formuliert

wird.

Haram as-Sharif

Seit dem Spaziergang von Ariel Sharon auf dem Haram as-Sharif

stehen die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom nur noch Muslimen offen

– aus Sicherheitsgründen nur Männern über 45, Frauen und Kindern.

Die Bewilligung für einen Besuch erteilt die Palästinensische Behörde oder

– wie im Fall der SEK-Delegation – das Königshaus von Jordanien, das

nach wie vor die Hoheit über das nach Mekka und Medina drittwichtigste

islamische Heiligtum innehat. Die Delegation hatte das Privileg, zum Abschluss

ihres Besuchs eines der wichtigsten Heiligtümer der islamischen

Welt besuchen zu dürfen.

Betende Muslime im Felsendom in Jerusalem


64 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


8. Fazit

Die Zahl der im Nahen Osten lebenden Christen hat über die letzten

Jahrzehnte stark abgenommen. Nicht, weil sie wegen ihres Glaubens konkret

bedroht wären: Die Christen leiden, wie vermutlich viele der Muslime

auch, an mangelnder Perspektive für eine Zukunft in der Region. Dennoch

beschäftigt die sinkende Anzahl Christen die Gesellschaften des Nahen

Ostens. Auch auf muslimischer Seite bezeichnen viele Intellektuelle den

Wegzug der Christen als für eine gedeihliche Entwicklung des Nahen Osten

problematisch.

Beim Erntedank-Gottesdienst der evangelisch-lutherischen Kirche in Amman, mit dem

Präsidenten des lutherischen Weltbundes, Bischof Mounib Younan

Es scheint sich dabei auch um eine Frage der Identität zu handeln:

Verstehen sich die Christen primär als Minderheit im Nahen Osten oder

verstehen sie sich in erster Linie als Araber christlichen Glaubens? Und

was können die Christen tun, um von ihren Landsleuten als Araber christlichen

Glaubens wahrgenommen und respektiert zu werden? Für die meisten

Christen der Region scheint klar zu sein, dass sie sich selbstverständlich

als Teil der Region, ihrer Kultur und Identität verstehen und dass

umgekehrt ihre regionale Zugehörigkeit ebenso zu ihrer persönlichen

65


66 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Identität gehört wie ihre Religionszugehörigkeit. Eine der Antworten gab

der libanesische Informationsminister Tarek Mitri, der auf einen Rechtsstaat

mit starken Institutionen setzt, um so den problematischen Konfessionalismus

zu überwinden. Die christliche Gemeinschaft, allen voran die

protestantische, ist überzeugt, an diesem Projekt konstruktiv mitarbeiten

zu können.

Umso mehr war die Delegation erstaunt, wie uneinheitlich und mitunter

auch zersplittert sich die christliche Gemeinschaft präsentiert. Der

Middle East Council of Churches MECC ist gelähmt und tief zerstritten.

Manche befürchten, das Gremium könnte sich nächstens auflösen. Hingegen

erscheint die Fellowship of Middle East Evangelical Churches FMEEC

als zwar kleine, aber doch geschlossene Kraft, die sowohl in Partnerschaft

mit dem europäischen Pendant, der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen

in Europa GEKE, als auch mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund

SEK eine wichtige kirchliche Verbindung in der Region darstellt.

Der Vatikan hat kurz nach dem Besuchszeitraum der Delegation eine

Sonder-Synode über Christen im Nahen Osten 15 nach Rom einberufen, zu

der die evangelischen Kirchen nicht eingeladen worden waren. Der lutherische

Bischof Mounib Younan war aber als Gast mit dabei.

Auch das kulturelle Umfeld hat sich verändert. Religionsgemeinschaften

– insbesondere muslimische und jüdische – radikalisieren sich

und bedrängen jene Kräfte, die auf einen Dialog der Vernunft setzen. Das

zunehmende Wirken evangelikaler Christen – vornehmlich aus den USA

– scheint die friedliche Koexistenz der Religionsgemeinschaften zu belasten.

Dennoch spielen in diesem Dialog die Christen eine wichtige Rolle, als

Puffer gewissermassen oder als Allianzpartner der gemässigten Kräfte.

Die muslimischen und christlichen Repräsentanten im Nahen Osten

nahmen überraschend deutlich die ablehnende Haltung der Schweizer

Kirchen zur Minarett-Initiative wahr. Diese Haltung half den leitenden

Persönlichkeiten auf muslimischer Seite, heftige Reaktionen gegenüber

den Christen zu mässigen. Somit war die klare Meinungsäusserung der

Schweizer Kirchen und des Schweizerischen Rates der Religionen SCR

eine Hilfe für die Christen im Nahen Osten.

15

Informationen über die Sondersynode des Vatikans unter: www.vatican.va.


Teil 1: Fazit 67

Ermutigend war das Erlebnis, dass es auch einen gesprächsoffenen,

integrationswilligen und toleranten Islam gibt und dass eine friedliche Koexistenz

zwischen einem traditionsreichen, theologisch fundierten Islam

und dem Christentum durchaus möglich ist. Fanatisierte Gruppierungen

beziehen sich gerade nicht auf Fundament, Theologie, Tradition und Kultur

des Christentums oder des Islams. Der langandauernde israelisch-palästinensische

Konflikt belastet den Dialog vornehmlich zwischen Muslimen

und Juden bis hin zu dessen faktischer Unmöglichkeit.

Im Hinblick auf ihren Besuch von Israel und Palästina hatte sich die

SEK-Delegation zum Ziel gesetzt, ihre Solidarität mit den Schwesterkirchen

und ihren Mitgliedern vor Ort zu demonstrieren sowie die Schweizerischen

protestantischen Friedensbemühungen der Werke und Missionsorganisationen

durch den Besuch ihrer Projekte zu unterstützen.

Die Besucher aus der Schweiz trafen auch den griechisch-orthodoxen Patriarchen in

Jerusalem. v.l.n.r.: Christian Vandersee, Kristin Rossier Buri, Thomas Wipf, Patriarch

Theophilos III.

Entsprechend besuchte die Delegation in Israel und Palästina nicht

ausschliesslich, aber vorwiegend Christinnen und Christen, Vertreterinnen

und Vertreter der örtlichen Kirchen sowie christliche Organisationen,

die sich in den besetzten Gebieten für Frieden, Gerechtigkeit und Entwicklung

engagieren. Folglich prägten deren Erfahrungen und Einschätzungen


68 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

wesentlich die Wahrnehmung der Delegationsteilnehmenden von den Lebensumständen

vor Ort.

Für die Delegation ist klar, dass im Rahmen dieser Zusammenfassung

der Eindrücke ihrer Nahostreise sowie unter Berücksichtigung der

genannten Reiseziele hier nicht der Ort ist, an welchem eine umfassende

Analyse und Beurteilung des Nahostkonflikts geleistet werden kann. Die

Delegation ist sich bewusst, dass durch die über Jahrzehnte gewachsenen

zerstörerischen Potenziale von Hass, Misstrauen und Militarisierung beidseits

zahlreiche Menschen auch zu Opfern geworden sind und zugleich

nicht fähig oder willig scheinen, die Verletzungen der anderen Seite zu

sehen oder gar anzuerkennen. Jedoch sind daraus folgende einseitige

Schuldzuweisungen und Anklagen sowie das blosse gegenseitige Aufrechnen

erlittenen oder begangenen Unrechts nach Meinung der Delegation

höchst ungeeignet, um den Friedensprozess in der Region voranzubringen.

Angesichts der gemachten Erfahrungen aus den Perspektiven der

besuchten Partner in Israel und in den besetzten palästinensischen Gebieten

formuliert die Delegation die nachfolgende Reihe von Feststellungen,

die nach dem Besuch in der Region nicht unerwähnt bleiben dürfen:

– Die Delegation zeigt sich tief besorgt über die grosse Anzahl und die

Schwere der Übergriffe, denen sich Bewohnerinnen und Bewohner

der besetzten Gebiete ausgesetzt sehen. Seien sie verübt durch

fundamentalistische Siedler oder durch militante Palästinenser. Die

staatlichen Instanzen Israels und der besetzten palästinensischen

Gebiete sind dringend aufgerufen, alles in ihrer Macht Stehende zu

tun, um solche Übergriffe – gegen wen sie auch immer erfolgen – zu

unterbinden, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und somit die

Sicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner der besetzten Gebiete

zu gewährleisten sowie sie vor Willkür zu schützen.

– Wo das humanitäre Völkerrecht durch Handlungen in Israel oder in

den palästinensischen Gebieten eindeutig missachtet wird, ist dies

uneingeschränkt beim Namen zu nennen und zu verurteilen. Dazu

gehören zum einen terroristische Aktionen gegen die israelische

Bevölkerung sowie zum anderen auch die israelische Siedlungspolitik,

deren Konsequenzen für die palästinensische Bevölkerung die

Delegation miterleben konnte. Wenn sich die Delegation dem Aufruf

der christlichen Kirchen und Friedensorganisationen in der Region


Teil 1: Fazit 69

zum Gewaltverzicht anschliesst, dann bezieht sich dieser Aufruf

insbesondere auf die Einhaltung des Völkerrechts.

– Bezüglich der Einhaltung des humanitären Völkerrechts äussert die

Delegation ein Unbehagen gegenüber der allgegenwärtigen und in

vielen Lebensbereichen angeführten Sicherheitsbegründung für

zahlreiche Verletzungen der Rechte der palästinensischen Bevölkerung.

Gewiss besteht ein Zusammenhang zwischen der Bedrohungslage

und den getroffenen Sicherheitsmassnahmen. Die Frage der

Verhältnismässigkeit stellt sich dennoch – insbesondere im Hinblick

auf einen möglichen, von den meisten Menschen gewünschten

Frieden im Nahen Osten.

– Die Delegation erhielt den Eindruck, dass eine breite israelische

Öffentlichkeit über den Alltag in den besetzten Gebieten schlecht

informiert ist. Sie fragt sich daher, ob «advocacy» nicht auch in Israel

selbst von Nöten sei. Die Mauer und die getrennten Strassen als

Elemente der Separationspolitik Israels hat den Bürgerinnen und

Bürgern wohl mehr Sicherheit gebracht, verhindert aber Kontakte mit

der palästinensischen Bevölkerung. Das fördert Projektionen und

Feindbilder.

– Projektionen und Feindbilder existieren auch auf palästinensischer

Seite. Solange die Menschen in der Westbank Israeli nur als Soldaten,

privilegierte oder gewalttätige Siedler und generell vor allem als

Willkür erleben, deuten die Palästinenser die Israeli pauschal als ihre

Feinde und können deren Bedürfnis nach Sicherheit nicht nachvollziehen.

Angesichts dieser Abschottungen unterstützt die Delegation

sämtliche Dialog- und Vermittlungsprojekte – als Institutionen der

Verständigung und des Dialogs, wie es sie trotz aller Rückschläge gibt.

Sie bedürfen der Stärkung. In erster Linie gilt die Schweizerische

Unterstützung dem Ecumenical Accompaniment Programme in

Palestine and Israel EAPPI des ÖRK, dessen Arbeit vor Ort durch das

HEKS koordiniert wird.

– Darüber hinaus zeigt sich die Delegation erfreut über die grosse

Anzahl christlicher, jüdischer, muslimischer sowie auch interreligiöser

Initiativen zur Friedensförderung in der Region. Sie stehen als

Zeichen der Hoffnung inmitten zunehmender Unversöhnlichkeit und

stärken bei allen Menschen guten Willens die Sehnsucht nach

Frieden. Es ist eine Aufgabe unserer christlichen Kirchen, diese


70 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Initiativen politisch und finanziell – d.h. durch Fürsprache und

Besuche sowie durch Bildungsarbeit in den eigenen Gemeinden und

Kollektenaufrufe – zu unterstützen. Mit ihrer Arbeit weisen sie uns

den Weg in Richtung eines umfassenden Friedensprozesses.


9. Fragen zur Weiterarbeit

Aus den Erfahrungen und Begegnungen der Reise ergeben sich eine

Reihe von Fragen, die für die Auswertung des Delegationsbesuchs und für

die Weiterarbeit an den Themen relevant sind.

– Wie können die Schweizer Kirchen die Christen im Nahen Osten

stärken?

– Können bestehende Kontakte zu den Schwesterkirchen im Nahen

Osten vertieft und ausgebaut werden?

– Können der SEK, die Kantonalkirchen oder das HEKS die Flüchtlingsarbeit

für Iraker der griechisch-orthodoxen Kirche in Syrien

unterstützen?

– Wie kann der Dialog der Kirchen mit muslimischen Religionsvertretern

ausgebaut werden, und welche Gesprächspartner werden gesucht?

– Können SEK und SCR die Idee vom Grundkonsens der Religionen

weiter bearbeiten? Gibt es noch andere Initiativen?

– Soll und kann sich der SEK im palästinensisch-israelischen Konflikt

engagieren? Mit welcher Begründung und Zielsetzung? Was sind die

Möglichkeiten und die Grenzen?

– Wie verhält sich der SEK zu kirchlichen Aktivitäten auf europäischer

und/oder weltweiter Ebene, auch konkret zum Kairos-Palästina-Dokument?

Welche Erkenntnisse und Schlussfolgerungen zieht der SEK

aus diesem Dokument?

– Wie verhält sich der SEK zur Aussenpolitik der Schweiz? (In Ergänzung,

im Widerspruch, in Übereinstimmung?)

– Was gilt es im Zusammenleben mit der jüdischen Bevölkerung der

Schweiz zu bedenken?

– Wie kann der SEK das EAPPI sichern und unterstützen? Kann der

SEK andere mit seinen Partnerorganisationen verbundene Organisationen

unterstützen, wie z.B. die Physicians for Human Rights PhHR?

71


72 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


10. Medienmitteilungen

Publiziert: 24.09.2010

Verfasser: SEK Kommunikation

Christliche Minderheiten im Fokus der Nahostreise

des Kirchenbundes

Die christlichen Minderheiten und das Zusammenleben der Religionen

stehen im Fokus einer Delegationsreise des Schweizerischen

Evangelischen Kirchenbundes SEK vom 25.9. bis 10.10 in den Nahen

Osten.

Die Verteidigung der Religionsfreiheit und das friedliche Zusammenleben

der Religionen sind für den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund

SEK zentrale Themen. Ein intensiver Kontakt besteht seit vielen Jahren zu

den Schwesterkirchen im Nahen Osten. Eine zwölfköpfige Delegation des

SEK unter der Leitung des Ratspräsidenten Thomas Wipf besucht vom 25.

September bis 10. Oktober 2010 den Nahen Osten. Auf dem Programm

stehen Beirut, Damaskus, Amman, Bethlehem und Jerusalem.

«Wir wollen mit dieser Reise ein Zeichen der Solidarität mit den christlichen

Minderheitenkirchen der Region setzen», sagt Thomas Wipf. Der

SEK hatte sich erst kürzlich mit der Publikation «Solidarisieren und Handeln»

pointiert gegen die Verfolgung christlicher Minderheiten ausgesprochen.

«Es geht darum, für die Einhaltung der Menschenrechte und für die

Religionsfreiheit einzutreten», betont Wipf. Zu Fragen des Zusammenlebens

der Religionen und des Minderheitenschutzes suche man deshalb

auch den Informationsaustausch mit Regierungsvertretern der Besuchsländer.

Der christlich-jüdische sowie der christlich-muslimische Dialog bilden einen

weiteren Schwerpunkt der Reise. Der Rat SEK möchte Erfahrungen

und Impulse für den interreligiösen Dialog sammeln, den er in der Schweiz

im Schweizerischen Rat der Religionen SCR führt.

73


74 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Gespräche finden statt unter anderem mit dem libanesischen Premierminister

Saad Hariri und Informationsminister Tarek Mitri, dem syrischen

Mufti Sheikh Hassoun und dem Religionsminister Al Sayed, dem jordanischen

Prinzen Ghazi bin Muhammad, Berater des jordanischen Königs.

Ein Teil der Reise wird durch das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina

und Israel EAPPI des Ökumenischen Rates der Kirchen begleitet, in

dem sich auch Schweizerische Reformierte ehrenamtlich engagieren.

Empfangen wird die Gruppe unter anderem durch die Gemeinschaft

Evangelischer Kirchen im Mittleren Osten FMEEC.

Hinweis: Der SEK-Impuls «Solidarisieren und Handeln. Diskriminierte

und bedrohte Christen in der Welt» kann unter www.sek.ch/onlineshop

bestellt und heruntergeladen werden.


Teil 1: Medienmitteilungen 75

Publiziert: 28.09.2010

Verfasser: SEK-Kommunikation

Saad Hariri bedauert gegenüber Thomas Wipf die Abwanderung

von Christen aus dem Nahen Osten

Die Delegation des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes

unter der Leitung des Ratspräsidenten Thomas Wipf ist heute vom

libanesischen Ministerpräsidenten Saad Hariri empfangen worden.

Gesprächsthema war der religionspolitische Dialog.

SEK-Ratspräsident Thomas Wipf drückte im Gespräch mit dem libanesischen

Ministerpräsidenten seine Sorge aus über die enormen Herausforderungen,

denen sich der multi-religiöse Libanon zur Zeit stellen muss.

Diese betreffen ganz direkt auch die christliche Minderheit. «Im Umgang

mit religiösen und politischen Konflikten können die hier gefundenen Lösungsansätze

auch für die Schweiz Anstösse geben. Auch die Schweiz entwickelt

sich mehr und mehr zu einer multikulturellen und multi-religiösen

Gesellschaft und wird sich in Zukunft noch vermehrt diesen Herausforderungen

stellen müssen,» sagte Wipf. «Umgekehrt», so Wipf, «hat die

Schweiz vor allem seit der Minarett-Abstimmung im Schweizerischen Rat

der Religionen SCR eine neue Form des religionspolitischen Dialogs gefunden,

die im Libanon auf Interesse stossen könnte».

Auch der libanesische Ministerpräsident bedauerte die Abwanderung von

Christen aus dem Nahen Osten und sieht die Gründe in der unstabilen

Lage, in der sich die gesamte Region befindet. Nur ein dauerhafter Friede

mit allen beteiligten Konfliktparteien im Nahen Osten könne die von allen

Menschen benötigte Stabilität schaffen.

Am Sonntag hatte der Präsident des SEK am Gottesdienst der Nationalen

Evangelischen Kirche in Beirut teilgenommen. «Wir sind hier, um zuzuhören

und um unsere Solidarität mit der christlichen Minderheit auszudrücken»,

sagte der SEK-Präsident zur Kirchgemeinde. Pfarrer Habib Badr

rief in seiner Predigt die Gemeinde auf, ihre Verantwortung im Land

wahrzunehmen und nicht vor den Problemen und drohenden neuen Konflikten

im Land wegzulaufen.


76 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Die Frage der Abwanderung vieler Christen in den Westen beschäftigte die

Delegation auch während ihres Besuchs der «Near East School of Theology»,

NEST. Im Zentrum der Gespräche mit dem Dekan, George Sabra,

standen Fragen des Zusammenlebens der Religionen im Libanon, die Entflechtung

von Religion und Politik und die Rolle der libanesischen Zivilgesellschaft.

NEST ist die einzige Ausbildungsstätte für evangelische Theologen

und Theologinnen im Nahen Osten. Die Religionsfreiheit und das

friedliche Zusammenleben der Religionen sind für den Schweizerischen

Evangelischen Kirchenbund SEK zentrale Themen. Seit vielen Jahren

pflegt der SEK einen intensiven Kontakt zu den Schwesterkirchen im Nahen

Osten, vor allem zur Gemeinschaft Evangelischer Kirchen im Nahen

Osten FMEEC. Vor ihrer Weiterreise nach Syrien wird die Delegation

morgen Dienstag das Oberhaupt der maronitischen Kirche, Patriarch Nasrallah

Boutros Sfeir, und Salim Sahiouny, Präsident des Evangelischen Kirchenrates

im Libanon und Syrien, sowie den libanesischen Informationsminister,

Tarek Mitri, treffen.


Teil 1: Medienmitteilungen 77

Publiziert: 03.10.2010

Verfasser: SEK-Kommunikation

SEK-Delegation im Nahen Osten teilt Sorge um ausländische

evangelikale Missionstätigkeit

Die Delegation des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes

SEK trifft in Syrien irakische Flüchtlinge und diskutiert mit Kirchenoberhäuptern

die wachsende Sorge um die Lage der Christen im Irak.

Die Delegation hat auch an einem Treffen mit dem Gross-Mufti von

Syrien und dem Religionsminister besprochen, wie dem religiösen

Fundamentalismus begegnet werden kann.

Am letzten Tag ihres viertägigen Besuchs in Syrien ist die Delegation des

Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK mit irakischen Flüchtlingen

zusammengetroffen und zeigte sich erschüttert über die Situation

im Irak. «Gewalt, Vertreibung und Verlust betreffen alle, unabhängig von

ihrer Religion», sagte Ratspräsident Thomas Wipf im Anschluss an das

Treffen, das von der griechisch-orthodoxen Kirche in Damaskus organisiert

worden war.

«Und trotz dieser harten Schicksale», sagte Pfarrerin Kristin Rossier Buri,

Mitglied des Rates SEK, zu den Anwesenden, «habe ich aus Ihren Aussagen

Hoffnung geschöpft: Weil Sie sich alle um die Zukunft Ihrer Kinder

sorgen, weil Sie sich selbst nicht aufgeben und weil wir hier Ihren starken

Zusammenhalt über alle Glaubensrichtungen hinweg erleben».

Die Delegation pflegte während ihres Aufenthalts in Syrien einen intensiven

Austausch mit den Kirchenoberhäuptern der verschiedenen christlichen

Glaubensgemeinschaften. Insbesondere die Begegnung mit der Nationalen

Evangelischen Kirche war von grosser Offenheit und Freundschaft

geprägt. Im Zentrum der Gespräche standen das Zusammenleben mit der

muslimischen Mehrheit des Landes und die Situation der Christen im Nahen

Osten, insbesondere im Irak.

Thomas Wipf zeigte sich beeindruckt über das gute Einvernehmen der

christlichen Gemeinschaften Syriens unter einander und mit den Muslimen.

«Wir teilen aber die Sorge der hier ansässigen Kirchen über die Missionstätigkeit

ausländischer evangelikaler Gruppen besonders im Irak. Sie


78 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

stören ein Zusammenleben in einer höchst labilen Umgebung und schaden

den Christen in der ganzen Region».

Das Oberhaupt der syrisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Moran Mor Ignatius

Zakka I. Iwas, hatte gegenüber der Delegation seine wachsende Sorge

um die Lage der Christen im Irak zum Ausdruck gebracht. Charismatische,

missionarisch auftretende Gruppen, meist amerikanischen

Ursprungs, gewännen im Irak zunehmend an Einfluss. Sie träten mit den

traditionellen Kirchen in Konkurrenz und würden als politischer Teil der

Besetzer des Iraks verstanden. In der Folge würden alle Christen aus politischen

Gründen verfolgt. In Syrien leben gemäss unterschiedlicher Schätzungen

300 000 bis 600 000 irakische Flüchtlinge. Viele sind zunehmend

auf die Unterstützung meist kirchlicher Organisationen angewiesen.

Die Delegation wurde auch vom Gross-Mufti von Syrien und dem Religionsminister

empfangen. Die Annahme der Minarett-Initiative in der

Schweiz und die interreligiösen Beziehungen standen in diesen Gesprächen

im Vordergrund. Dabei wurde auch besprochen, wie dem religiösen

Fundamentalismus begegnet werden kann. Syrien versteht sich als laizistisches

Land.

Das nächste Ziel der Delegation ist Jordanien, wo ein Treffen mit Prinz

Ghazi bin Muhammad geplant ist. Am Sonntag wird die Delegation in

Amman am Erntedank-Gottesdienst mit Bischof Mounib Younan, Präsident

des lutherischen Weltbundes, teilnehmen.


Teil 1: Medienmitteilungen 79

Publiziert: 05.10.2010

Verfasser: SEK-Kommunikation

Prinz Ghazi von Jordanien diskutiert mit Thomas Wipf

Grundkonsens der Religionen und Gesellschaftsvertrag mit

Muslimen

Die SEK-Delegation im Nahen Osten wurde von Prinz Ghazi bin Muhammad

von Jordanien zu einem interreligiösen Gespräch empfangen.

Die von Ratspräsident Thomas Wipf am Open Forum Davos präsentierte

Idee eines Grundkonsenses der Religionen findet ein Echo in

Prinz Ghazis Vorschlag eines Gesellschaftsvertrags mit den Muslimen.

Auf der dritten Etappe der Nahostreise des Schweizerischen Evangelischen

Kirchenbundes wurde die Delegation in Amman von Prinz Ghazi bin Muhammad

empfangen. Prinz Ghazi ist Sonderberater von König Abdullah II

von Jordanien und ist unter anderem auch zuständig für religiöse Fragen.

Der Prinz zeigte ein gewisses Verständnis für die Ängste der Schweizer

Bevölkerung, die zur Annahme der Minarett Initiative führten. Er könne

die Bedenken Europas verstehen, wo man mit einer zunehmenden Anzahl

von Muslimen zusammenlebe. Deshalb glaube er, es brauche einen Gesellschaftsvertrag.

«Muslime müssen dem Gastland und seinen Gesetzen gegenüber

loyal sein», sagte er, «wir erwarten aber, dass die Gastländer Religionsfreiheit

gewähren und die Muslime für ihren Glauben nicht

diskriminieren».

Wichtig sei, dass ein solcher Vertrag mit Muslimen ausgehandelt würde,

die eine breite Abstützung und Anerkennung in der muslimischen Welt

fänden. Nur so würden diese Art Verträge für die Muslime auch verbindlich.

Häufig kenne der Westen die legitimen Vertreter nicht. «Um dem

Fundamentalismus zu begegnen, müssen vernünftige Menschen zusammen

arbeiten.»

Ratspräsident Thomas Wipf zeigte grosses Interesse am Vorschlag von

Prinz Ghazi, nicht zuletzt, weil er anlässlich des Open Forum Davos 2010

die Idee eines Grundkonsenses über das Zusammenleben der Religionen

vorgestellt hatte, auf den sich die Repräsentanten der wichtigsten Religionen

der Schweiz einigen sollten.


80 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Thomas Wipf will zudem die Idee des Prinzen in die Schweiz zurücktragen,

das an die christliche Welt gerichtete Dokument «A Common Word»

einer breiten Bevölkerung im Westen zugänglich zu machen. «A Common

Word» wurde von den wichtigsten Vertretern der islamischen Welt mitunterzeichnet.

Es ruft zur Begegnung von Muslimen und Christen auf den

ihnen gemeinsamen Werten der Liebe zu Gott und der Menschenliebe auf.

Prinz Ghazi bin Muhammad beabsichtigt, am 1. November 2010 in Genf

an der Konferenz des Weltkirchenrats unter dem Titel «Transforming

Communities» teilzunehmen und sein Projekt zu erklären. Thomas Wipf

wird die Konferenz eröffnen.


Teil 1: Medienmitteilungen 81

Publiziert: 10.10.2010

Verfasser: SEK-Kommunikation

Einhaltung des Humanitären Völkerrechts absolute Bedingung

Die SEK-Delegation besucht am Ende ihrer Nahostreise die Gedenkstätte

Yad Vashem in Jerusalem und die besetzten palästinensischen

Gebiete und diskutiert einen neuen Friedensansatz zwischen Gewalt

und fruchtlosen Verhandlungen.

Mit einem viertägigen Programm in Israel und den besetzten palästinensischen

Gebieten ist die Reise der Delegation des Schweizerischen Evangelischen

Kirchenbundes in den Nahen Osten zu Ende gegangen.

«Die Situation in den besetzten palästinensischen Gebieten und in Jerusalem

ist sehr bedrückend», sagte Ratspräsident Thomas Wipf, «und angesichts

der politischen Komplexität und der tiefen Verletzungen auf beiden

Seiten sind alle gefordert, Juden, Muslime und Christen».

«In meinen Augen ist die Einhaltung des Humanitären Völkerrechts eine

absolute Bedingung. Und ich habe an einen Staat wie Israel entsprechend

hohe Erwartungen», sagte Ratsmitglied Peter Schmid.

Während der Treffen mit Vertretern der lutherischen und der griechischorthodoxen

Kirchen und Vertretern der jüdischen und muslimischen

Glaubensgemeinschaften wurde unter anderem auch das so genannte Kairos-Palästina-Dokument

– Die Stunde der Wahrheit diskutiert; das Dokument

wurde 2009 von einer Gruppe christlicher Palästinenser verfasst.

«Die Stunde der Wahrheit» ruft zu einem dritten Weg zwischen Gewalt

und fruchtlosen Friedensverhandlungen auf. In Anlehnung an die südafrikanische

Überwindung der Apartheid beharren die Autoren auf der Würde

aller Menschen und appellieren an die Menschlichkeit. Der Rat SEK

wird sich nach seiner Rückkehr und auf Grund seiner jetzt gewonnenen

Einsichten eingehend mit diesem Dokument befassen.

Die Delegation hatte die besetzten palästinensischen Gebiete besucht. Sie

traf in Hebron und Yanoun mit Freiwilligen des Begleitprogramms des

Ökumenischen Rates der Kirchen ÖRK für Palästina und Israel EAPPI,

darunter auch Schweizern, zusammen. EAPPI will zu einer Lösung des


82 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

israelisch-palästinensischen Konflikts durch einen gerechten Frieden beitragen.

Der SEK hat das Patronat über dieses Programm in der Schweiz.

Die operative Verantwortung liegt beim Hilfswerk Evangelischer Kirchen

HEKS.

«Angesichts der Situation in Orten wie Hebron oder Yanoun sind wir von

der Wichtigkeit dieses Programms überzeugt. Dass sich zumeist junge

Menschen aus aller Welt freiwillig und gewaltlos für die Wahrung der

Menschenrechte einsetzen, ist nicht nur eine Geste der Solidarität, sie

bringt den Palästinensern konkrete Erleichterung im Alltag. Das entspricht

den Werten unserer Kirche», sagte Thomas Wipf.

Am Freitag besuchte die Delegation die Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem

und nahm anschliessend an den Sabbat-Feierlichkeiten in einer Synagoge

teil. «Uns ist einmal mehr bewusst geworden, wie tief die Erfahrung

von Verfolgung und Vernichtung die Juden bis heute prägen», sagte Peter

Schmid, «bewusst geworden ist uns aber auch, dass den Palästinensern

dieser Teil der Geschichte immer fremd bleiben wird. Es ist unsere Geschichte.»


Teil 2

Stellungnahme

des Rates SEK zum

«Kairos-Palästina-

Dokument» 2009

Aufruf christlicher

Palästinenser

83


84 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


Teil 2: Stellungnahme des Rates SEK zum «Kairos-Palästina-Dokument» 2009 85

Aufruf christlicher Palästinenser

1. Einleitung 87

2. Aktivitäten des Schweizer Protestantismus und

internationaler Partner 91

2.1 Ökumenische Partner 91

2.2 Missionsorganisationen und Hilfswerke 92

2.3 Mitgliedkirchen SEK 93

2.4 Engagement des SEK 94

2.5 Delegationsreise SEK 94

2.6 SEK-Teilnahme an Anlässen des Palestine-Israël

Ecumenical Forums PIEF 96

3. Das Kairos-Palästina-Dokument «Die Stunde

der Wahrheit» 97

3.1 Entstehung, Intention und Rezeption 97

3.2 Aufbau und Hauptaussagen 98

3.3 Kurzanalyse und Rezeption 99

3.4 Bewertung aus Sicht SEK 100

3.5 Exkurs: Das christlich-jüdische Gespräch beim ÖRK

und beim SEK 103

3.6 Position des SEK zur im Kairos-Palästina-Dokument

angesprochenen Situation 104

3.7 Praktische Schritte und Empfehlungen 106


86 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


1. Einleitung

Im Herbst 2010 bereiste eine Delegation des Schweizerischen Evangelischen

Kirchenbundes SEK verschiedene Länder des Nahen Ostens, um

sich dort ein Bild von der Situation der Christen, vom Zusammenleben der

Religionen und von der menschenrechtlichen Lage zu machen. Unter Beteiligung

von Vertretern des Eidgenössischen Departements für auswärtige

Angelegenheiten EDA, der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa

GEKE und einiger Partnerinstitutionen führten Mitglieder des Rates

und Vertreter von Mitgliedkirchen des SEK zahlreiche Gespräche. Das

Ergebnis waren höchst aufschlussreiche Einblicke in das Friedensengagement

von Christen, Muslimen und Juden. Neben dem Eindruck, dass es

den Christen im Libanon, in Syrien und Jordanien trotz ihres Minderheitsstatus

verhältnismässig gut geht, entstand das Gefühl, dass sie im israelisch-palästinensischen

Konflikt unter erheblichem Druck der ethnisch,

gesellschaftlich und politisch ausgetragenen Spannungen stehen. Für alle

Menschen der Region, auch für diejenigen, die ihr halbes oder gar ganzes

Leben als Flüchtlinge zugebracht haben, geht es um die Zugehörigkeit zu

ihrer Ursprungsregion.

Die Nacharbeit der Reise führte zu verschiedenen Schlussfolgerungen

und Fragen. Diese sind im offiziellen Bericht der SEK-Delegation dokumentiert

(Bericht, Seite 71). Einige davon betreffen das von palästinensischen

Christen verfasste Kairos-Palästina-Dokument «Die Stunde der

Wahrheit», auf das ab Seite 97 ausführlich eingegangen wird. Mehrfach

wurde der SEK um eine Einschätzung des Dokuments gebeten. Diese wird

hier gegeben.

Die Länder des Nahen und Mittleren Ostens sind vielfach geprägt

von autoritärer Politik, patriarchalen Mechanismen, einem Mangel an demokratischen

Strukturen und Gesetzen, Diskriminierung von Minderheiten

und einer selektiven Auslegung der Menschenrechte zum Zweck des

Machterhalts der politischen Elite. Ein gesellschaftlicher Friede oder gar

eine friedliche Koexistenz von Nationen kann unter solchen Bedingungen

nur als labiles Gleichgewicht von Spannungen entstehen und bleibt zerbrechlich.

Die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen, die fast alle

87


88 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

diese Staaten unterzeichnet haben, wird beliebig instrumentalisiert und

dadurch praktisch bedeutungslos.

Religionsgemeinschaften spielen eine sehr unterschiedliche Rolle in

diesem Gefüge: Der Islam ist ausser in Israel die vorherrschende Religion,

oft verbunden mit einer an der Scharia orientierten Rechtsprechung. Die

Ausübung des Rechtes auf Religionsfreiheit ist angesichts dieser Dominanz

für andere religiöse Gruppen eingeschränkt. Allerdings gibt es auch

Rangunterschiede innerhalb der islamischen Staaten: So werden in sunnitisch

beherrschten Ländern wie Ägypten andere muslimische Gruppen

bekämpft, im Iran gilt dasselbe für die Schiiten, während die Gruppierung

der Aleviten als fremde Religion diskriminiert wird. Es sei denn, sie stellt

selbst einen Teil der Machtelite, wie dies in Syrien momentan der Fall ist.

Im Irak werden Christen immer wieder Opfer von Gewalt und Vertreibung.

Dies war zwar auch unter der Diktatur von Saddam Hussein

schon so, hat sich aber seit 2003 und den bislang vergeblichen Versuchen,

einen Übergang zu demokratischen Strukturen zu erreichen, kontinuierlich

verschärft. Christen verlangen schon seit Jahren mehr Schutz für alle

Minderheiten im Land, eine wirksame Beteiligung an der Regierung und

schärfere Kontrollen von Menschenrechtsverletzungen.

Die Nahostregion kennt, wenn überhaupt, nur einen brüchigen

Frieden. In Israel und Palästina schwelt ein Konflikt zwischen zwei Völkern,

und die Situation zeigt sich seit Jahrzehnten ausweglos. In den arabischen

und nordafrikanischen Staaten von Ägypten bis zum Maghreb und

auch im Iran sind Wut und Verzweiflung über Despotismus und Entrechtung

daran aufzubrechen. Die grosse Frage ist aber, ob ein Anfang zu mehr

Gerechtigkeit, Verständigung und Frieden gelingt.

Die christlichen Kirchen stehen vor einer grossen Herausforderung.

Sie stellen in all diesen Ländern einen marginalen Bevölkerungsanteil zwischen

einem und zehn Prozent der Einwohner, der sich wiederum in kleinere

konfessionelle Gruppen aufteilt. Nur im Libanon sind noch gegen

30 Prozent der Bevölkerung Christen.

Im Mittleren Osten befinden sich die ältesten christlichen Gemeinschaften

der Welt. Vielfach gehören sie, wie im Irak, zu den marginalisierten,

aber gebildeteren Schichten, da sie Bildungseinrichtungen auf hohem

Niveau betreiben, die häufig auch von Muslimen anerkannt und besucht

werden. Insofern leisten die Kirchen bereits seit längerem einen Beitrag

zur Verständigung und Friedensbildung in kleinem, aber nachhaltigem


Teil 2: Einleitung 89

Rahmen. Die Christen sehen im gegenwärtigen Umbruch, zum Beispiel in

Ägypten, ihre Chance auf eine Beteiligung am Verfassungsprozess und

eine rechtliche Besserstellung, fürchten aber gleichzeitig das Erstarken islamistischer

Kräfte.

Die Situation in Israel und Palästina ist sowohl von besonderem

Charakter als auch von besonderer Bedeutung für die gesamte Region. Das

Ringen um Frieden muss Interessen, Schutz und Sicherheit von zwei Völkern

und drei Religionen berücksichtigen, es ist von zahlreichen vergeblichen

Versuchen und Ernüchterungen belastet, und da in der Region der

Staat Israel oft als ein Fremdkörper wahrgenommen wird, der die schleichende

Verdrängung des palästinensischen, also eines arabischen Volkes

betreibt, ist der Friedensprozess dort von entscheidender Bedeutung für

den gesamten Nahen Osten.


90 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten


2. Aktivitäten des Schweizer

Protestantismus und

internationaler Partner

Der SEK sucht im Nahen und Mittleren Osten die Stärkung der

christlichen Kirchen durch die Unterstützung ökumenischer Zusammenarbeit,

vor allem im Engagement für Verständigung und Frieden. Besondere

Sorge trägt er der Lage der protestantischen Christen in der Region:

Diese gehören innerhalb der christlichen Minderheit zu den kleinsten Gemeinschaften

und müssen sich immer wieder um Anerkennung in der

ökumenischen Familie der orientalischen, orthodoxen und katholischen

Kirchen bemühen. Der SEK ist durch seine Mitgliedschaft im ÖRK mit

zahlreichen dieser Kirchen verbunden. Während seiner Nahostreise konnte

der Kirchenbund mit einigen Kirchen in direkten Austausch treten und

über verschiedene kirchliche Friedensbemühungen Gespräche führen.

2.1 Ökumenische Partner

Die Fellowship of Middle East Evangelical Churches FMEEC versucht

seit der «Declaration of Amman» 2006, den Zusammenhalt unter

den protestantischen Kirchen in 17 Ländern zu stärken und gegenseitige

Unterstützung zu ermöglichen. Mit der Amman-Erklärung anerkannten

sich die unterzeichnenden reformierten und lutherischen Kirchen gegenseitig

Taufe, Eucharistie und Amt und vereinbarten gegenseitige Unterstützung.

Die Fellowship vereint die dem SEK nahestehenden protestantischen

Kirchen der Region. Sie hat sich vor fünf Jahren nach dem Vorbild

der Leuenberger Konkordie neu konstituiert. Damit ist sie auch für die

GEKE, mit welcher der SEK eng verbunden ist, ein bedeutender Partner.

Die FMEEC setzt sich u. a. für Religionsfreiheit und für freiheitliche

Strukturen in den Ländern ihrer Mitgliedkirchen ein. Der SEK konnte anlässlich

der letzten Generalversammlung der FMEEC im Januar 2010 seine

91


92 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

Verbundenheit und Solidarität mit den protestantischen Kirchen der Fellowship

ausdrücken.

Aus ursprünglich evangelischen Initiativen von Missionsorganisationen

hat sich in den siebziger Jahren der Middle East Council of Churches

MECC herausgebildet. Er spielte bis zum Ende des letzten Jahrtausends

eine wesentliche Rolle für das ökumenische Bewusstsein der orientalischen

Kirchen und die gemeinsame Suche nach Gerechtigkeit und Frieden.

Aktuell ist der MECC wegen interner Unstimmigkeiten praktisch

handlungsunfähig.

Die ÖRK-Plattform Palestine Israel Ecumenical Forum PIEF wurde

2006 mit dem «Call of Amman» lanciert. Es stellt ein internationales zwischenkirchliches

Netzwerk dar. Das Ziel ist ein nachhaltiger Beitrag zum

Friedensprozess im Land. Instrumente dazu sind Dialog-Begegnungen

zwischen den Parteien auf langfristiger Basis und eine klare Strategie von

interreligiöser Zusammenarbeit und Gewaltfreiheit. Darin wird der

Schlüssel für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung für alle Völker der

Region gesehen. Der SEK ist für PIEF der Schweizer Partner des ÖRK.

2.2 Missionsorganisationen und Hilfswerke

Das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz HEKS ist mit verschiedenen

Programmen im Libanon und in Israel, im Westjordanland

und im Gazastreifen aktiv. Die Hilfstätigkeit konzentriert sich auf die Unterstützung

von Kindern, Frauen und Flüchtlingen innerhalb der Zivilgesellschaft.

HEKS ist ausserdem operativ verantwortlich für die Schweizer Beteiligung

am Begleitprogramm des ÖRK in Palästina und Israel, Ecumenical

Accompaniment Programme in Palestine and Israel EAPPI, in welchem

der SEK das Patronat innehat. EAPPI leistet spürbare

Unterstützungsdienste für Menschen in Not. Dabei geht es um die Sicherheit

von palästinensischen Kindern auf dem Schulweg, um die Begleitung

von palästinensischen Arbeitnehmenden an Grenzkontrollen israelischer

Checkpoints oder um das Sichtbarmachen internationaler Beobachtung

an potentiellen Konfrontationslinien wie Kontrollposten im Westjordanland.

Das Programm ist grundsätzlich für palästinensische und israelische

Bewohner offen, wird aber von Israelis praktisch nie genutzt. Im Zusam-


Teil 2: Aktivitäten des Schweizer Protestantismus und internationaler Partner 93

menhang mit EAPPI macht HEKS auch in der Schweiz Anwaltschaftsarbeit

und setzt sich hier für die Unterstützung der Menschenrechtsarbeit im

Nahen Osten ein.

Die Missionsorganisation DM – échange et mission engagiert sich

indirekt durch ihre Unterstützung des Netzwerks Action Chrétienne en

Orient ACO in der Region. Die ACO ist in Ägypten, Syrien und Armenien

sowie im Libanon und im Iran aktiv. Sie fördert dort neben theologischer

Bildung und Sprachschulung auch Waisenhäuser und lokale non-governmental

organisations NGOs.

mission 21 führt das Projekt am Sternberg in Ramallah (Westjordanland),

in dessen Rahmen Integrationsarbeit für geistig behinderte Kinder

und Jugendliche geleistet wird.

2.3 Mitgliedkirchen SEK

Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn leisten in ihrer

OeME-Stelle seit langem Unterstützungsarbeit für Palästinenser. Dabei

werden regelmässig Studienreisen und Veranstaltungen zur Öffentlichkeitsarbeit

und Solidarität für die palästinensische Bevölkerung organisiert.

Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn haben sich auch regelmässig

an Konferenzen beteiligt, wie z.B. 2008 an der PIEF-Konferenz

in Bern.

Die Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich und

die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau fördern im Rahmen

ihrer Unterstützung für bedrohte Christen seit zwei Jahren Aufbau- und

Bildungsprojekte im Nordirak. Das Ziel ist, lokalen Christen gute Lebensbedingungen

und Sicherheit zu geben, damit sie in ihrem Ursprungsland

bleiben können und Perspektiven behalten. An einer ökumenischen Projektreise

im Sommer 2010 war auch eine Delegation aus Zürich vertreten.

Die erfolgreiche Bettagskollekte 2010 im Kanton Zürich kam ebenfalls den

unterstützten Bildungsprogrammen der deutschen Landeskirchen aus

Bayern und Württemberg zugute.


94 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

2.4 Engagement des SEK

Die genaue Analyse von Beobachtungen und interreligiöse Gespräche

mit Vertretungen lokaler Kirchen sowie mit Vertretungen von Judentum

und Islam stehen für den SEK im Vordergrund des Bestrebens, auf

eine möglichst grosse Kooperation sowohl in der Schweiz als auch in den

Konfliktregionen hinzuarbeiten. Menschenrechtsverletzungen sollen benannt

werden. Ein gerechter Friede ist das Ziel einer langfristigen Verständigung

und Versöhnung zwischen den Beteiligten.

Dazu stehen dem SEK verschiedene Mittel zur Verfügung: Die Arbeit

der Evangelisch-Jüdischen Gesprächskommission EJGK, die regelmässigen

Kontakte und Interventionen beim Eidgenössischen Departement

für auswärtige Angelegenheiten EDA, der Austausch und die Absprachen

mit internationalen kirchlichen Verbänden wie dem Ökumenischen Rat

der Kirchen ÖRK, der Weltgemeinschaft reformierter Kirchen WGRK, der

Konferenz europäischer Kirchen KEK oder der Gemeinschaft Evangelischer

Kirchen in Europa GEKE werden für das Friedensengagement des

SEK genutzt.

Der SEK äussert sich öffentlich zu ausgewählten Ereignissen im Nahen

und Mittleren Osten, die unmittelbar christliche Gemeinschaften betreffen.

So z.B. im Jahr 2002 zur zweiten Intifada oder 2003 zum Irakkrieg.

Er tut dies gegebenenfalls gemeinsam mit der Schweizer Bischofskonferenz

SBK.

Um zum Erhalt des religiösen Friedens in der Schweiz und zur gegenseitigen

Verständigung beizutragen, wurde vor fünf Jahren auf Initiative

des SEK der Schweizerische Rat der Religionen SCR gegründet. Er beschäftigt

sich mit Grundfragen des interreligiösen Zusammenlebens und

ist auch Ansprechpartner für die Bundesbehörden.

2.5 Delegationsreise SEK

Der SEK ist mit seiner Delegationsreise im Herbst 2010 in den Libanon,

nach Syrien, Jordanien, Israel und die besetzten palästinensischen

Autonomiegebiete selbst in der Region initiativ geworden. Er beteiligt sich

durch seine Vernetzung und die Kooperation mit diversen Partnern an

verschiedenen Tätigkeiten zur Friedensförderung: Neben der Solidaritäts-


Teil 2: Aktivitäten des Schweizer Protestantismus und internationaler Partner 95

bezeugung für Schwesterkirchen standen Dialoge zur interreligiösen Verständigung

und die Menschenrechtslage in den Besuchsländern im Zentrum

der Beobachtung. Gespräche mit Regierungsvertretern und Besuche

zahlreicher Kirchenvertreter zeigten, dass die Lage der Christen generell

angespannt, insgesamt aber relativ ruhig war.

Begegnungen mit dem syrisch-orthodoxen Patriarchat und der griechisch-orthodoxen

Kirche bewiesen eindrücklich das Engagement lokaler

Kirchen in humanitärer Hilfe für irakische Flüchtlinge aller Glaubensrichtungen.

Insbesondere im Libanon wird die politische Situation von den

Christen mit zunehmender Sorge verfolgt, da mit einem Erstarken der Hizbollah

eine Zunahme der nationalen und internationalen Spannungen

erwartet wird. Die Christen haben in solchen innermuslimischen Auseinandersetzungen

häufig eine zweifache Rolle, da sie zum einen Vermittlungsansätze

anbieten, zum anderen sich mit dem Versuch einer Entradikalisierung

des Konflikts zwischen den Fronten wiederfinden.

Zwischen den Stühlen befinden sich auch die palästinensischen

Christen, die ebenso wie ihre muslimischen Geschwister unter der israelischen

Besatzung leiden. Jüdische Vertreter in Israel weisen auf die beständige

Angst vor Bedrohung hin und machen verständlich, dass das jüdische

Volk aus historischen Gründen auf besondere Weise Anspruch auf einen

sicheren Ort zum Leben haben müsse. Viele zeigen sich aber auch beschämt,

da sie die militärischen und politischen Massnahmen ihrer Regierung

gegenüber den Palästinensern als ungerecht und kontraproduktiv

ansehen. Die christlichen Palästinenser sind von diesen diskriminierenden

Massnahmen ebenso betroffen wie die muslimischen. Die Christen distanzieren

sich hingegen von gewaltsamem Widerstand und streben langfristig

eine gemeinsame Lebensgrundlage für alle an.

Im Westjordanland besuchte die SEK-Delegation verschiedene Tätigkeitsgebiete

(Placements) des Ecumenical Accompaniment Programme

in Palestine and Israel EAPPI. Die aus diversen Ländern stammenden

Freiwilligen Ecumenical Accompaniers EAs haben ein funktionierendes

Netzwerk gebildet, das in der Vergangenheit für wichtige Informationen

über Menschenrechtsverletzungen gesorgt hat. Die EAs arbeiten vor Ort

zusammen mit lokalen Kirchen und zahlreichen israelischen Menschen-


96 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

rechtsorganisationen wie Rabbis for Human Rights, Bet’selem, Machsom

Watch u.a.

2.6 SEK-Teilnahme an Anlässen des Palestine-Israël

Ecumenical Forums PIEF

Der SEK nahm an mehreren Konferenzen von PIEF aktiv teil. In

Bern war der SEK im Herbst 2008 neben dem ÖRK und den Reformierten

Kirchen Bern–Jura-Solothurn Mitveranstalter einer christlich-theologischen

Konferenz zum Thema Land. Dabei wurde u.a. die Bedeutung kontextueller

Sichtweisen für die jeweilige Theologie herausgearbeitet.

Im Dezember 2009 nahm ein SEK-Vertreter an einer weiteren PIEF-

Konferenz in Bethlehem teil. Diese Versammlung hatte eine bedeutende

Öffentlichkeitswirkung, ging es doch um die Lancierung eines Dokuments

christlichen Palästinenser am 11. Dezember 2009. Das Dokument hat seit

seiner Publikation lebhafte Diskussionen und Reaktionen ausgelöst. Die

SEK-Delegation hat es vor ihrer Nahostreise rezipiert und entschieden, die

Reise selbst als Teil ihres Meinungsbildungsprozesses zu nutzen, bevor sich

der SEK dazu äussert. In diesem Kontext soll es nun eingehend besprochen

werden.


3. Das Kairos-Palästina-

Dokument «Die Stunde

der Wahrheit»

3.1 Entstehung, Intention und Rezeption

3.1.1 «Die Stunde der Wahrheit» ist das jüngste Zeugnis einer christlichpalästinensischen

Befreiungsbewegung. Massgeblich unterstützt

wird sie vom ÖRK, der mit der Gründung des PIEF der Stimme der

immer kleiner werdenden christlichen Minderheit im Heiligen Land

eine Plattform zur Verfügung stellte, die nun dankbar genutzt wird.

Das Kairos-Palästina-Dokument steht in der Reihe jährlicher Aufrufe,

die das PIEF seit 2007 im Zusammenhang internationaler ökumenischer

Konferenzen verabschiedet. Es ist damit auch ein Richtungsdokument

des ÖRK.

Im Schlussdokument der Berner Konferenz von 2008, den Berner

Perspektiven, wird deutlich, wie viel Arbeit noch zu bewältigen ist,

um eine ökumenische Hauptlinie, gemeinsame Aussagen und eine

kritische palästinensische Theologie zu finden. Es wird aber auch

sichtbar, wie gross die Sehnsucht der Christen der Region ist, in

Frieden und Freiheit zu leben, sich ohne Stigmatisierung bewegen

zu können und sowohl als Lebenselement des Landes als auch als

Gegenüber einer inhaltlichen Diskussion ernst genommen zu werden.

3.1.2 Hier setzt das Kairos-Palästina-Dokument an: Was die Autoren vor

Augen haben, ist die Befreiung von der israelischen Besetzung, von

der Militärpräsenz der israelischen Regierung, von der Entmündigung

durch ihre Behörden, der Willkür ihrer Erlasse, den illegalen

Siedlungen, der unberechenbaren Gewalt und der eigenen Ohnmacht

ihr gegenüber. Nicht unwichtig ist in diesem Zusammenhang,

dass für die Autoren auch die Gewalt der muslimischen Mitbürger

97


98 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

gegen Israel eine Belastung darstellt. All dem versuchen die Autoren

sich zu stellen und einer möglichen Emanzipation eine glaubwürdige,

christlich-ethische Grundlage zu verleihen. Sie wollen in erster

Linie das Ausmass ihres Leids bewusst machen und für Massnahmen

werben, die ihre Lage bessern können.

3.2 Aufbau und Hauptaussagen

3.2.1 Das Kairos-Palästina-Dokument gliedert sich in drei Hauptteile: Im

ersten Teil werden die Lebensrealität der palästinensischen Bevölkerung

und einige Fakten der israelischen Politik beschrieben. Im

zweiten Teil wird in drei Abschnitten entlang der paulinischen Trilogie

Glaube-Hoffnung-Liebe eine Art politische Theologie über

den Konflikt entworfen, die einerseits aus der Emotionalität der erlittenen

Unterdrückung spricht und sich andererseits um das Primat

des Liebesgebots und der Gewaltfreiheit bemüht. Der dritte Teil

richtet sich an verschiedene Adressaten. Er wirbt um Einmütigkeit,

Verständnis und den Einsatz für Gerechtigkeit, zunächst bei den

christlichen Brüdern und Schwestern, dann bei den Kirchen in der

Welt, bei der internationalen Gemeinschaft, schliesslich bei den religiösen

Führern von Juden und Muslimen. Er endet mit einem leidenschaftlichen

Aufruf an Palästinenser und Israelis, gemeinsam für

die Vision einer friedlichen Koexistenz zu arbeiten.

3.2.2 «Die Stunde der Wahrheit» ist ein Dokument palästinensischer

Christen, die teilweise zu ÖRK-Mitgliedkirchen gehören. Es will auf

die ausweglose Situation der palästinensischen Bevölkerung unter

der israelischen Besatzungspolitik aufmerksam machen und um internationale

Unterstützung der Kirchen und der Staatengemeinschaft

bitten. Es beschreibt die Realität aus Sicht der Palästinenser

als Situation von Besetzung, Trennmauer, Enteignung, Entrechtung

und Demütigung. Es erteilt jeglicher Gewalt eine Absage und versucht,

eine theologisch-politische Grundhaltung von gegenseitiger

Toleranz auf der Grundlage einer staatlichen Gleichberechtigung zu

entwerfen. Das Dokument enthält zugleich die Aufforderung, mittels

zivilem Ungehorsam und wirtschaftlichen Sanktionen dem Protest

gegen die israelische Politik Ausdruck zu verleihen und so lang-


Teil 2: Das Kairos-Palästina-Dokument «Die Stunde der Wahrheit» 99

fristig Druck auf die staatlichen Entscheidungsträger in Israel

auszuüben.

3.3 Kurzanalyse und Rezeption

Die Charakterisierung des Dokuments als «Schrei der Hoffnung, wo

keine Hoffnung mehr ist» kennzeichnet die Dringlichkeit für die Autoren.

Sie weist zugleich auf eine Subjektivität in der Darstellung hin, die auch nie

bestritten wird: Es ist der Versuch, einer zwischen allen Stühlen sitzenden

Gruppe – den Christen unter den Palästinensern – innerhalb der andauernden

Spannungen eine Position und auch einen Ausweg zu finden. Es ist

ein Zeichen für die Schwierigkeit der christlichen Minderheit im Land und

in der Region, eine Identität jenseits von ethnischer oder medialer Etikettierung

und jenseits von religiösen und politischen Machtansprüchen zu

behaupten und sich mit dieser Identität zu konfliktbedingter Gewalt und

Unterdrückung zu verhalten, unter der sie zweifelsohne leidet. «Die Stunde

der Wahrheit» dokumentiert zugleich eindrücklich, wie essentiell die

Verbundenheit mit den Kirchen in der Welt für die palästinensischen

Christen ist.

Einige wenige Kirchen haben reagiert, die meisten mit Zurückhaltung.

Einige, die bei der Veröffentlichung des Dokuments anwesend waren,

äussern sich positiv über die gemeinsame Anstrengung der palästinensischen

Christen und die Stossrichtung des gewaltfreien Widerstands

(z.B. UCC USA) und übernehmen vor israelischen Vertretungen in ihren

Ländern Anwaltschaft für die Interessen der Autoren (z.B. PKN Niederlande).

Klar kritische Töne, bei allem Verständnis für die palästinensische

Situation, kommen vor allem aus dem Umkreis der EKD (z.B. Evangelische

Mittelost-Kommission EMOK). Aus vereinzelten jüdischen Kreisen

stammen vorsichtig verständnisvolle bis ablehnende Reaktionen. Naturgemäss

fand die Publikation bei propalästinensisch arbeitenden Institutionen

regen Zuspruch, wozu auch jüdische Organisationen zählen, wie das

Israeli Committee against House Demolitions (ICAHD), Jewish Fast for

Gaza u.a. Höchst bemerkenswert ist die Stellungnahme des International

Council of Christians and Jews (ICCJ), welche trotz präziser Kritik an

manchen Formulierungen den Geist einer gemeinsamen Vision für das

friedliche Zusammenleben von Israelis und Araber schätzt und den Text


100 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

äusserst wohlwollend entgegennimmt. In der Schweiz hat das Forum für

Menschenrechte (welches sich aus den Hilfswerken HEKS und Caritas,

dem Christlichen Friedendienst, den Reformierten Kirchen Bern-Jura-

Solothurn und weiteren zusammensetzt) ein Seminar zum Thema der

Sanktionen veranstaltet. Dazu sei angemerkt, dass einer der Hauptautoren

des Dokuments (Rev. Dr. Jamal Khader) anlässlich eines Vortrags in

Deutschland betonte, dass es ihnen nicht primär um den Aufruf zu Boykott

und Sanktionen ginge, sondern die Hauptintention des Dokumentes

Bewusstmachung und Solidarisierung mit den palästinensischen Christen

seien.

3.4 Bewertung aus Sicht SEK

Positive Aspekte

3.4.1 Der SEK nimmt das Kairos-Palästina-Dokument als starken Ruf

zum Zusammenhalt innerhalb der eigenen Gemeinschaft, insbesondere

der verschiedenen christlichen Gruppen wahr. Ausserdem begegnet

es als deutlicher Hilferuf der palästinensischen Kirchen an

ihre ökumenischen Partner und als authentisches Zeichen ihrer

Notsituation.

3.4.2 Zum ersten Mal sprechen hier christliche Palästinenser verschiedener

Konfessionen gemeinsam. Der ökumenische Ansatz ist theologisch

(auf den paulinischen Schlüsseltermini Glaube-Liebe-Hoffnung)

fundiert. So artikulieren hier nicht nur christliche

Palästinenser erstmals deutlich und im ökumenischen Sinne ihre

Position, sondern sie suchen ihre Haltung auch auf das Grundgebot

der Liebe und das Prinzip der Gewaltlosigkeit zu gründen, ungeachtet

der jeweiligen gesellschaftlichen Situation und jeder erfahrenen

Erniedrigung. Davor hat der SEK grosse Achtung.

3.4.3 Der SEK teilt die kritische Meinung des Dokuments in 2.3.3 und

2.3.4. bezüglich des Versuchs, politischen Entscheidungen eine

theologische Begründung zu geben.

3.4.4 Der expliziten «Ablehnung von Fanatismus und Extremismus» und

der grundsätzlichen Absage an Gewalt und Rache (Kairos-Palästina-Dokument

4.2), in welcher Situation auch immer, stimmt der

SEK zu. Die Erkenntnis, dass jede Gewalt eine neue Spirale von Ge-


Teil 2: Das Kairos-Palästina-Dokument «Die Stunde der Wahrheit» 101

gengewalt auslöst und deshalb abzulehnen ist, scheint im gegebenen

Kontext nicht selbstverständlich und ist anzuerkennen.

3.4.5 Die Aussage, dass Religion nicht in politischen Konflikten instrumentalisiert

werden darf (Kairos-Palästina-Dokument 2.4 und

3.4.3), unterstützt der SEK. Sie bestätigt die Erfahrung, dass es in

religiöser Argumentation meist nicht genügend nachvollziehbare

und prüfbare Elemente gibt, die von beiden Seiten eines Konflikts

anerkannt werden können. Hingegen bietet die Allgemeine Erklärung

der Menschenrechte eher eine solche Grundlage, daher stimmt

der SEK auch der Betonung der Menschenwürde, der Menschenrechte

und des Völkerrechts zu, die im Dokument (ebd.) immer wieder

auch implizit vorgenommen wird.

3.4.6 Wichtig für den SEK ist die implizite Anerkennung des Staates Israel

sowie die Orientierung einer staatlichen Gleichberechtigung beider

Völker.

3.4.7 Es freut den SEK, dass die Bereitschaft ausgedrückt wird, eine gemeinsame

friedliche Zukunft zwischen Israelis und Palästinensern

zu entwerfen, Vorurteile zu überwinden und an der Versöhnung zu

arbeiten.

Negative Aspekte

3.4.8 Der SEK äussert Bedenken hinsichtlich des Umgangs mit theologischen

Argumenten und Assoziationen. Er befürchtet, dass der Gebrauch

von einigen theologischen Kategorien (z. B. das «Leiden des

Volkes», oder «Sünde gegen Gott» – Kairos-Palästina-Dokument

2.5) sich in diesem Kontext als kontraproduktiv für die Suche nach

einer politisch tragfähigen Lösung erweist.

3.4.9 Der SEK hat Verständnis für das Leiden und die Verzweiflung des

palästinensischen Volkes durch die erlittene Diskriminierung. Jedoch

ist nach seiner Wahrnehmung das palästinensische Volk keine

homogene Einheit, und er vermisst einen deutlichen selbstkritischen

Blick auf Kräfte innerhalb der palästinensischen Bevölkerung,

die im Dokument nur allgemein als Fanatiker und Extremisten kritisiert

werden (Kairos-Palästina-Dokument 6.3). Zu diesen Kräften

zählen solche, die sich durch Raketenangriffe auf israelische Dörfer

und in früheren Zeiten durch Selbstmordattentate gegen israelische

Zivilisten einreihen. Weiterhin muss klargestellt werden, dass die


102 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

«Hochachtung vor allen, die ihr Leben für unsere Nation hingegeben

haben» in keiner denkbaren Weise denjenigen entgegengebracht

werden kann, die mit ihrem Tod anderen Menschen wiederum Leid

und Tod zugefügt haben.

3.4.10 Der SEK versteht die Not der Palästinenserinnen und Palästinenser

durch die Besetzung und den fortdauernden Bau von Siedlungen

und erkennt darin einen Verstoss gegen geltendes Völkerrecht (IV.

Genfer Konvention). Der SEK fragt aber zurück, ob die Besetzung

wirklich die einzige Ursache für diese Not ist. Bedeutet das Ende der

Besetzung auch das Ende des Leidens? Gibt es keine anderen Faktoren

für dieses Leiden, wie etwa die innere Zerrissenheit der Palästinenser

(Kairos-Palästina-Dokument 1.5.1) oder die bewaffneten

Konflikte zwischen Fatah und Hamas? Und ist wirklich die internationale

Gemeinschaft verantwortlich für die Spaltung innerhalb der

Palästinenser (ebd.)? Der SEK bezweifelt dies.

3.4.11 Trotz der mehrfach geäusserten Ablehnung von Gewalt scheint, dass

je nach Zugehörigkeit mit zweierlei Mass gemessen wird. Die pauschale

Bezeichnung der palästinensischen Aggression als «legitimer

Widerstand» (Kairos-Palästina-Dokument 1.5) teilt der SEK nicht,

und sie ist nicht kohärent mit der Grundabsage an jede Gewalt (Kairos-Palästina-Dokument

4.2). Die Logik, nach der die «Besetzung»

die «Wurzel des Terrorismus» sei (Kairos-Palästina-Dokument 4.3),

mag zwar als zusätzlicher Faktor nachvollziehbar sein, ist aber in

dieser ausschliesslichen Einfachheit entschieden abzulehnen. Nach

dieser Logik müssten alle Palästinenserinnen und Palästinenser potentielle

Terroristen sein, was nicht zutrifft. Hingegen ist die Haltung

der Hamas öffentlich bekannt, die ihre Aggression mit der Verweigerung

eines Existenzrechts für Israel verbinden. Dass Unterdrückung

und Gewaltanwendung einen «unendlichen Zyklus der Gewalt»

(ebd.) hervor rufen, ist sicher wahr, daher kann es aus

christlich-theologischer Perspektive keine Rechtfertigung dafür geben.

3.4.12 Das Dokument enthält den Appell an die internationale Gemeinschaft,

ein «System wirtschaftlicher Sanktionen und Boykottmassnahmen

gegen Israel einzurichten (Kairos-Palästina-Dokument

7.1). Ein solcher Aufruf zum Boykott Israels ist nach Einschätzung

des SEK kontraproduktiv, da es zahlreiche engagierte, für Friedens-


Teil 2: Das Kairos-Palästina-Dokument «Die Stunde der Wahrheit» 103

und Verständigungsbemühungen offene Israelis vor den Kopf stösst,

aber auch als unangemessenes Mittel einer Kollektivstrafe für im

Konflikt erlittenes Unrecht. Dies wäre genau die Vergeltung, welche

die Autoren eigentlich ablehnen. Es ist hingegen zu überlegen, auf

welche Weise die Vermarktung und der Konsum von Produkten aus

illegalen Siedlungen gemieden und die palästinensische Wirtschaft

gezielt gestärkt werden kann.

3.4.13 Der SEK begreift den Wunsch nach schlüssigen Begriffen, um die

Leidenswirklichkeit der palästinensischen Bewohner des Landes zu

beschreiben. Der herangezogene Vergleich mit Südafrika und der

Apartheid ist jedoch unzutreffend. Auch wenn Elemente der Diskriminierung

im Staat Israel existieren, ist der Gesamtkontext nicht

vergleichbar: Israel ist eine parlamentarische Demokratie, zwar

ohne eigentliche Verfassung, aber mit unabhängiger Rechtsprechung.

Diese haben auch Palästinenser erfolgreich anrufen können.

Diskriminierungen werden nicht ideologisch gerechtfertigt, sie verbergen

sich eher hinter einer überzogenen Sicherheitsdoktrin. Eine

Beobachtung der aktuellen Situation wird deshalb eher durch eine

präzise Beschreibung der Tatsachen gestärkt, als durch in der Öffentlichkeit

besetzte Etiketten.

3.5 Exkurs: Das christlich-jüdische Gespräch beim ÖRK

und beim SEK

Der ÖRK hat in den letzten Jahren immer wieder seine Stimme für

die Palästinenser erhoben und dabei eine Sensibilität für das christlichmuslimische

Gespräch entwickelt. Ausser Acht gelassen wurde bis heute

aber die Kultur des christlich-jüdischen Gesprächs, die insbesondere in

Deutschland eine Tradition des Dialogs geworden ist. Dieser ist sicherlich

nicht frei von Kontroversen und offenen Fragen, hat aber konstruktiv und

erkenntnisreich die Gemeinsamkeit der beiden Religionen herausgearbeitet.

Er hat auf Grundlage der essentiellen Verbundenheit von Judentum

und Christentum eine stetig wachsende Kultur des nachbarschaftlichen

Gesprächs über Wesen, Verwandtschaft und Verschiedenheit der beiden

Religionsgemeinschaften aufgebaut. Der SEK leistet seinen Beitrag dazu in

regelmässigen Treffen der Evangelisch-jüdischen Gesprächskommission


104 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

EJGK, und er ist auch im Schweizerischen Rat der Religionen SCR konstitutiv

beteiligt.

Der SEK pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zum Schweizerischen

Israelitischen Gemeindebund SIG. Für den SEK ist die theologische

Erkenntnis der bleibenden Erwählung Israels und die historische Aufarbeitung

vom Schicksal des jüdischen Volkes und der eigenen kirchlichen

Verantwortung Basis für ein gesundes Verhältnis zum Judentum. Im Juli

2007 wurde zum sechzigsten Jubiläum ihrer Unterzeichnung den 1947 im

schweizerischen Seelisberg (UR) verabschiedeten Thesen zur jüdischchristlichen

Beziehung gedacht. Gemeinsam mit der Schweizer Bischofskonferenz

SBK und dem SIG würdigte der SEK den vertrauensvollen Weg

des Dialogs.

Daraus erwächst die Notwendigkeit, die Beziehung zum Judentum

zu pflegen. Notwendigkeit besteht auch darin, die Regierungspraxis des

jungen Staats Israel, ebenso wie diejenige der palästinensischen Autonomiebehörde,

kritisch zu beobachten. Das beinhaltet die Verantwortung,

den momentan quasi staatenlosen palästinensischen Bewohnern des Landes

sowohl auf der Basis der christlich-ökumenischen Solidarität als auch

der menschenrechtsorientierten Ethik Partner im Ringen um ihre Existenzgrundlage,

ihre staatliche Gleichberechtigung, die Einhaltung der

Menschenrechte und die Ausübung ihrer Religion zu sein.

3.6 Position des SEK zur im Kairos-Palästina-Dokument

angesprochenen Situation

3.6.1 Der SEK nimmt das im Kairos-Palästina-Dokument bezeugte Leid

und die von den Autoren ausgedrückte Verzweiflung sehr ernst. Er

bezeugt Anerkennung für die mutige Positionierung von Christen

aus einer extremen Minderheitssituation. Er drückt seine Solidarität

zu den betroffenen Kirchen der Region aus.

3.6.2 Der SEK hält sowohl an der Verbundenheit mit dem Judentum als

Ursprungsreligion des Christentums fest als auch mit den Christen,

die im Ursprungsland ihrer und unserer gemeinsamen Religion

wohnen.

3.6.3 Der SEK betrachtet den Dialog der Religionen als einen essentiellen

Schritt in Richtung der Versöhnung zwischen den Konfliktparteien:


Teil 2: Das Kairos-Palästina-Dokument «Die Stunde der Wahrheit» 105

Er geht davon aus, dass es der langfristigen Etablierung einer Gesprächskultur

bedarf, damit ein jahrzehntelang gestörtes Vertrauensverhältnis

neu wachsen kann. Wenn die Religionsvertreter untereinander

offen sprechen, werden sie weniger instrumentalisierbar

für externe Zwecke.

3.6.4 Der SEK ist der Auffassung, dass der Dialog der Religionen (Kairos-

Palästina-Dokument 3.3) im Heiligen Land zwischen allen drei Religionen

– Judentum, Christentum, Islam – stattfinden muss, und

dass der Friede in der Region davon profitiert, wenn das bilateral

geführte Gespräch auch in trilateraler Form, d.h. als Trialog, stattfände,

damit «Spaltung», «verzerrte Wahrnehmung» und «Hass der

Vergangenheit» (ebd.) überwunden werden können.

3.6.5 Der SEK betont, dass das Existenzrecht Israels und das Recht der

Palästinenserinnen und Palästinenser auf eine staatliche Souveränität

gewährleistet werden müssen. Er sieht eine mögliche Grundlage

für einen Lösungsweg in der international weithin anerkannten

Grenzziehung der «grünen Linie» von 1967.

3.6.6 Der SEK betrachtet die Argumentation des Kairos-Palästina-Dokumentes

dort als angemessen, wo es um innerchristliche und theologische

Angelegenheiten geht oder konkrete Fragen des interreligiösen

Dialogs behandelt werden. Als zentrale Handlungsgrundlage in

politischen Belangen und als Richtwert für politisch-ethische Bewertungen

des Konfliktes zwischen Israel und Palästina hält er die

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Genfer Konventionen

für anwendbar.

3.6.7 Der SEK spricht sich für eine spezifische, genaue und verhältnismässige

Bewertung der palästinensischen Situation aus und wendet

sich daher gegen jegliche Pauschalverurteilungen sowohl Israels als

auch der Palästinenser. Er betrachtet die Verwendung von historischen

Vergleichen mit kontextuell sehr verschiedenen Regionen

(Bsp. Südafrika, Apartheid) als unangebracht.

3.6.8 Der SEK anerkennt das Sicherheitsbedürfnis des Staates Israel und

verurteilt die terroristischen Angriffe auf israelische Dörfer und

Menschen durch militante Palästinenser. Er kann gegenüber solchen

Akten keine «Hochachtung» aussprechen (Kairos-Palästina-Dokument

4.2.5.).


106 Das Friedensengagement der Kirchen im Nahen Osten

3.6.9 Der SEK verurteilt die Nichtanerkennung des Staates Israel durch

Vertreter der Hamas.

3.6.10 Der SEK verurteilt diejenigen Massnahmen der israelischen Regierung,

die nachweislich grundlegende Rechte verletzen: Die Zerstörung

palästinensischer Häuser und die Vertreibung ihrer Bewohner;

den unverminderten Bau israelischer Siedlungen und deren Förderung

auf dem der palästinensischen Bevölkerung eigenen Gebiet des

Westjordanlandes; die Zerschneidung palästinensischer Dörfer und

Felder durch die Errichtung der Sperrmauer/des Sperrzaunes. Der

SEK kritisiert ausserdem die unberechenbar lange Kontrolle palästinensischer

Arbeitnehmer an den Checkpoints, das für Palästinenserinnen

und Palästinenser geltende Verbot der Nutzung neuer, den

Israelis vorbehaltener Strassen, die Ableitung von überproportional

starken Wasservorkommen des Jordantals zur privilegierten Versorgung

des israelischen Bedarfs.

3.7 Praktische Schritte und Empfehlungen

3.7.1 Der SEK spricht sich gegen einen Boykottaufruf gegen Israel aus. Er

tritt dafür ein, dass in den wirtschaftlichen Beziehungen zu Israel

vollständige Transparenz bezüglich der Herkunftsbezeichnungen

herrscht, damit die Konsumenten wissen können, ob die Konsumgüter

aus den besetzen palästinensischen Gebieten und israelitischen

Siedlungen oder aus Israel stammen.

3.7.2 Der SEK empfiehlt die Unterstützung von Partnern und Projekten

auf israelischer und palästinensischer Seite, die sich für ein friedvolles,

tolerantes, gerechtes Zusammenleben und für eine versöhnte

Kooperation zweier unabhängiger Völker auf der Grundlage einer

staatlichen Gleichberechtigung einsetzen.

3.7.3 Der SEK empfiehlt seinen Mitgliedkirchen und Kirchgemeinden,

das EAPPI Programm des Ökumenischen Rates der Kirchen aktiv

über das HEKS zu unterstützen.

3.7.4 Der SEK empfiehlt seinen Mitgliedkirchen und Kirchgemeinden die

Lektüre und Diskussion des Kairos-Palästina-Dokuments. Da das

Kairos-Palästina-Dokument wichtige Lehren aus dem christlich-jüdischen

Dialog in Europa ausblendet, empfiehlt er als Ergänzung die


Teil 2: Das Kairos-Palästina-Dokument «Die Stunde der Wahrheit» 107

Lektüre von Dokumenten zum christlich-jüdischen Gespräch (Bsp.

«Seelisberger Thesen» 1947 und «Berliner Thesen» 2009 von Dr. Deborah

Weissman).

3.7.5 Der SEK empfiehlt seinen Mitgliedkirchen, die bereits bestehenden

Projekte zum Aufbau von Kirchenpartnerschaften zwischen Schweizer

und palästinensischen Kirchen weiterzuführen.

3.7.6 Der SEK empfiehlt, Reisen nach Israel und in die besetzten palästinensischen

Autonomiegebiete zu unternehmen und möglichst vielseitige

Kontakte zu knüpfen, um Einblick in die Komplexität des

Themas zu bekommen.


Nirgendwo in der Welt präsentiert sich die politische Konstellation derart komplex und

anscheinend derart hoffnungslos verstrickt wie im israelisch-palästinensischen Konflikt. Das

Leiden der einen fügt sich zum Leiden der anderen, die Opfer der einen zu den Opfern der

anderen. Die kleine christliche Minderheit ist von den Konflikten in der Region unmittelbar

betroffen. Auswanderung und Radikalisierung der politischen Fronten machen ihr schwer zu

schaffen. Direkt vor Ort, im Libanon, in Syrien und Jordanien, in Israel und Palästina, wollte

sich der Rat SEK über die Lage informieren und mehr über das Zeugnis dieser christlichen

Gemeinschaften für den Frieden erfahren. Darüber legt er in dieser Publikation Rechenschaft

ab.

Im religiös-politischen Mosaik des Nahen Ostens hat das Ende 2009 erschienene Kairos-

Palästina-Dokument die Delegation des SEK besonders berührt: eine Klage und ein Schrei

der Hoffnung von Christen am Kreuzpunkt aller Spannungen in der Region. Nach der

Rückkehr seiner Delegation bezieht der Rat SEK nun Stellung zum Dokument und trägt so

zum Dialog zwischen Christen und zwischen den vom israelisch-palästinensischen Konflikt

betroffenen Religionen bei.

sek · feps

Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund

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Kirchenbund SEK

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