F orsc hungsberic ht 20 06 / 20 07 - Fachhochschule Nordwestschweiz

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F orsc hungsberic ht 20 06 / 20 07 - Fachhochschule Nordwestschweiz

Forschungsbericht

2006 / 2007


3 Editorial

4 Hochschule für Angewandte Psychologie

14 Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

24 Hochschule für Gestaltung und Kunst

34 Hochschule für Life Sciences

46 Pädagogische Hochschule

56 Hochschule für Soziale Arbeit

66 Hochschule für Technik

76 Hochschule für Wirtschaft

88 Kontaktliste


Editorial

Der Forschungsbericht der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW gibt einen

Überblick über aktuelle Forschungsaktivitäten unserer Hochschule. Mit dem Ziel,

das breite Spektrum der Forschungsthemen in angemessener Form darzustellen,

entstand ein Kompendium mit acht ausführlich beschriebenen Projekten und insgesamt

30 Kurzporträts.

In erster Linie gewährt der Bericht Einblick in die anwendungsorientierten Forschungsprojekte

der FHNW. Eine Umschreibung des Forschungsverständnisses

sowie der spezifischen Aspekte und Schwerpunkte der Forschung in den einzelnen

Hochschulen finden sich in den Einführungsbeiträgen.

Der Bezug unserer Forschungstätigkeiten zur Praxis, d.h. zur direkten, unmittelbaren

Anwendung der Forschungsresultate in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik,

zeichnet die Arbeiten an der FHNW aus. Dieser anwendungsorientierte Charakter

zeigt sich deutlich in der gezielten und wohlabgestimmten Zusammensetzung der

Projektteams und Kooperationspartner.

Besonders hervorzuheben sind strategische, langfristig ausgelegte Kooperationen

der FHNW mit Universitäten und anderen Kompetenzzentren. Diese konnten im

Laufe des letzten Jahres durch verbindliche Vereinbarungen und Projekte gefestigt

werden. Beispiele hierfür sind die Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum

für Energie und Mobilität CCEM, dem Swiss Nanoscience Center der Universität

Basel oder die gemeinsam durch die Pädagogische Hochschule und die Universitäten

Basel und Zürich getragenen Forschungsinstitutionen.

Für das Jahr 2006 belief sich der Forschungsumsatz der FHNW auf rund 52 Millionen

Franken. Dies entspricht ca. 17 Prozent des Gesamtaufwandes der FHNW.

Ein wesentlicher Anteil der benötigten Mittel (18,5 Mio.) konnte durch akquirierte

Drittmittel gedeckt werden. Wie schon im Jahr 2006 werden wir voraussichtlich

auch 2007 die Zielwerte gemäss Leistungsauftrag unserer Trägerkantone Aargau,

Baselland, Basel-Stadt und Solothurn einhalten können.

Im Hinblick auf eine weitere internationale Vernetzung unserer Forschungsaktivitäten

ist die Teilnahme am siebten Forschungs-Rahmenprogramm der Europäischen

Union von Bedeutung. Zur Zeit befinden sich verschiedene Projektanträge

in der Eingabephase, und wir hoffen, im nächsten Jahr über zahlreiche Zusagen

berichten zu können.

Zu erwähnen ist auch der 2007 initiierte interne FHNW-Forschungsfonds. Mit dem

Ziel, sowohl die hochschulübergreifende Zusammenarbeit als auch die Kooperation

mit Praxispartnern zu fördern, wurden im Jahr 2007 21 anspruchsvolle und

zukunftsweisende Projekte bewilligt.

An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen Förderinstitutionen, die im Jahr 2006

rund 550 Forschungsprojekte der FHNW unterstützt haben. Eingeschlossen sind

hier sowohl Stiftungen, Förderagenturen der Kantone und des Bundes sowie internationale

Initiativen.

Abschliessend bedanken wir uns bei allen Mitarbeitenden der FHNW für ihr hohes

Engagement und erfolgreiches Wirken in der FHNW-Forschung. Speziell gilt

dieser Dank auch all jenen, die direkt oder indirekt zu diesem Bericht beigetragen

haben.

Richard Bührer Wolfgang Kickmaier

Direktionspräsident Delegierter für Forschung

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Teamarbeit, scharf beobachtet: Eine Blickbewegungskamera im Dienst der psychologischen Forschung.


Hochschule für Angewandte Psychologie

«Mit ihrer Ausrichtung hat die Hochschule für Angewandte

Psychologie ein spezifisches Profil, mit dem sie sich von allen

anderen Bildungsinstitutionen der Schweiz abhebt.»

Prof. Dr. Josef Stalder, Direktor Hochschule für Angewandte Psychologie

6 Psychology at work!

7 Safety Management Information System

Ein neues Sicherheitssystem hilft, komplexe technische Anlagen

sicher zu betreiben.

11 Innovative Gebäudetechnologie für die 2000-Watt-Gesellschaft:

Was sucht die Kundin, der Kunde wirklich?

12 Entscheiden in komplexen Situationen

13 Blended Learning – Zur Wirksamkeit eines Erfolg versprechenden

Konzeptes im betrieblichen Kontext

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Hochschule für Angewandte Psychologie

Psychology at work!

Vor rund 150 Jahren hat sich die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin

herausgebildet. Seither hat sie sehr viele praxisrelevante Erkenntnisse

und Arbeitsmethoden hervorgebracht und einen neuen Blickwinkel auf

alte und neue Fragen eröffnet. Die wissenschaftliche Psychologie für

Gesellschaft und Wirtschaft nutzbar zu machen ist das wichtige Anliegen

der Hochschule für Angewandte Psychologie.

Im Zentrum der anwendungsorientierten

Forschung an der Hochschule für

Angewandte Psychologie FHNW stehen

die Wechselbeziehungen zwischen den

Arbeits- und Organisationsbedingungen

einerseits und dem menschlichen

Erleben und Handeln andererseits. Es

geht darum, den Einsatz neuer Technologien

und das organisatorische Umfeld,

in dem die Menschen leben und arbeiten,

menschengerecht zu gestalten.

Thematisch beschäftigt sich die Hochschule

mit komplexen soziotechnischen

Systemen und mit Kooperationsprozessen

in und zwischen Organisationen.

Analysiert werden Systeme, in denen

Menschen innerhalb einer Organisation

kooperieren und dabei komplexe

Technologien nutzen. Dabei geht es um

zwei Ziele: Die Sicherheit, Effektivität

und Effizienz solcher Systeme sollen

unterstützt, und die Gesundheit der

Menschen, die in diesen Systemen tätig

sind, soll gefördert werden.

Die Analyse der Kooperationsprozesse

widmet sich im Wesentlichen folgenden

Fragen:

– Wie kann die Kooperation in Netzwerken

innerhalb und zwischen

Organisationen optimiert werden?

– Wie kann die Kooperation gelingen,

wenn die Verarbeitung von Wissen

zum entscheidenden Faktor wird

(z.B. inter- und transdisziplinäre

Kooperation)?

– Wie lässt sich die Kooperation

zwischen Menschen aus unterschiedlichen

Kulturen fördern?

– Wann vermag der Einsatz neuer

Medien (E-Working und E-Learning)

die Kooperation zu unterstützen?

Mit dieser Ausrichtung der Forschung

hat die Hochschule für Angewandte

Psychologie FHNW ein spezifisches

Profil, mit dem sie sich gegenüber allen

anderen Bildungsinstitutionen der

Schweiz im Bereich Psychologie abhebt.

Gegenüber grundlagenorientierten psy-

chologischen Instituten an den Universitäten

positioniert sie sich zusätzlich

durch ihre dezidierte Anwendungs-,

Praxis- und Handlungsorientierung.

Die Nachfrage von Wirtschaft, Behörden

und Organisationen nach unseren

Forschungsergebnissen ist gross und

deren Bereitschaft, Forschungsvorhaben

zu unterstützen, eindrücklich. Das

Gesamtvolumen der Forschungsprojekte,

welche die Hochschule derzeit bearbeitet,

beläuft sich auf rund 3,5 Millionen

Franken. Die Partnerunternehmen

aus Wirtschaft und Gesellschaft tragen

dazu 1,3 Millionen Franken bei. Diese

Forschungsgelder wurden in der kurzen

Zeit von nur zwei Jahren, also seit es die

Hochschule für Angewandte Psychologie

FHNW überhaupt gibt, akquiriert.

Josef Stalder

Direktor Hochschule für Angewandte

Psychologie


Safety Management Information System

Unternehmen mit einem hohen Risikopotenzial für Mensch und

Umwelt ist es ein Anliegen, die Sicherheit ihrer Prozesse zu fördern.

Hoch technisierte Systeme sicher zu betreiben ist jedoch eine

anspruchsvolle Aufgabe. Ein neues System hilft nun, Sicherheit

gezielter zu managen.

Toni Wäfler, Institut Mensch in komplexen Systemen

Abbildung 1: Ein Kernkraftwerk will in jedem Fall sicher betrieben sein.

Eine funktionierende Technik alleine ist noch kein Garant

für Sicherheit. Erst der richtige Einsatz und der kompetente

Betrieb der Technik gewährleisten Sicherheit. Damit hängt

Sicherheit auch vom Verhalten der einzelnen Mitarbeitenden

sowie von Organisationsstrukturen und Managementsystemen

ab. Wer Sicherheit Schritt für Schritt verbessern will,

sollte auch einschätzen können, wie sicher eine Anlage ist

und wo Handlungsbedarf besteht. Dies zu beurteilen ist allerdings

nicht trivial.

Wer Unfälle, menschliche Fehlhandlungen und technische

Defekte lediglich auflistet, leistet zu wenig: Zum einen ist ein

solches Vorgehen vergangenheitsbezogen und nicht ausreichend,

um Künftiges zu beschreiben. So ist die Feststellung,

dass bisher keine Unfälle geschehen sind, kein Prädiktor für

Sicherheit. Vielleicht ist es ja pures Glück, dass ein System

bisher nie in eine kritische Situation geraten ist.

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Zum anderen basieren Vorkommnisse, welche die Sicherheit

gefährden, in aller Regel auf komplexen Zusammenhängen.

Sicherheit ist letztlich von der Art und Weise abhängig, wie

Mensch, Technik und Organisation konkret zusammenwirken.

Weil die Gefahr also im Zusammenwirken einzelner Ereignisse

stecken kann, ist die Feststellung der Einzelereignisse

an sich für die Beurteilung der Sicherheit nicht ausreichend.

Wenn Mitarbeitende beispielsweise gegen eine Vorschrift

verstossen, kann dies je nach Situation sehr unterschiedliche

Auswirkungen haben. Ein einziger Verstoss kann bereits die

Sicherheit gefährden.

Es gilt aber auch das Umgekehrte: Es gibt zahlreiche Beispiele,

wo ein Regelverstoss explizit notwenig war, um Sicherheit

überhaupt zu gewährleisten. Dies kann dann der Fall sein,

wenn beim Festlegen der Vorschrift heikle Situationen nicht

berücksichtigt wurden. Ein Regelverstoss kann demnach nur


Hochschule für Angewandte Psychologie

unter Berücksichtigung der Situation beurteilt werden. Das

Registrieren von Verstössen allein genügt also nicht, um die

Sicherheit eines Systems einzuschätzen, denn Verstösse können

beides sein: ein Zeichen für gute Sicherheit, aber eben

auch für mangelnde Sicherheit.

Heute stellt die Frage, welche Faktoren zu kritischen Ereignissen

führen können und wie diese allenfalls als Frühwarnindikatoren

nutzbar sind, ein weites Forschungsfeld dar, und

es gibt inzwischen eine Vielzahl von Kennzahlen und Indikatoren.

In einzelnen Branchen bestehen zudem Vorschriften,

welche Grössen tatsächlich zu messen und welche Grenzwertüberschreitungen

meldepflichtig sind. Und so messen denn

auch viele Organisationen viele Kennzahlen und Indikatoren.

Den Überblick über alle diese Daten zu behalten und daraus

sicherheitsförderliche Managemententscheide abzuleiten ist

aber nicht ganz einfach.

Die Mitarbeitenden der Unternehmen haben hier eine anspruchsvolle

Aufgabe zu lösen: Sie müssen darüber entscheiden,

welche Faktoren sicherheitsrelevant sind, wie diese

gemessen werden können, wie die Auswertung und Zusammenfassung

von Indikatoren vorgenommen werden kann,

was die aggregierten Daten über den Sicherheitsstatus von

Prozessen und Systemen aussagen oder auch, welche sicherheitsförderlichen

Managemententscheide daraus abzuleiten

sind.

Saftey Management zählt

Das Projekt Safety Management Information System (S-MIS)

setzt sich zum Ziel, ein computergestütztes Informationssystem

zu entwickeln. Dieses soll Manager und Sicherheitsexperten

unterstützen, eine für ihr Unternehmen spezifische

Informationsbasis aufzubauen. Damit sollen sie in Zukunft

noch rascher und noch fundierter sicherheitsrelevante Entscheidungen

fällen können.

Das Informationssystem muss Folgendes leisten können:

– systematische Anleitung zur Identifikation und zuverlässigen

Messung sicherheitsrelevanter Kenngrössen (quantitativer

und qualitativer Art);

– flexible Unterstützung zum Aufbau einer umfassenden und

massgeschneiderten Informationsbasis;

– Unterstützung bei Gewichtung und Integration der Daten;

– Unterstützung bei der Auswertung und Interpretation der

Informationen auf operativer Ebene wie auch hinsichtlich

sicherheitsbezogener Führungsentscheide.

Safety Management zählt! In verschiedenen Branchen, wo

besondere Risiken offensichtlich sind, ist man sich dessen

auch bewusst: in der Kerntechnik, der chemischen Industrie,

der Luftfahrt, der Medizin oder beim Verkehr. Das anvisierte

System bezieht verschiedene Indikatoren ein und ist daher

organisations- und branchenübergreifend einsetzbar.

Abbildung 2: Wo Menschen, Technik und Organisation zusammenwirken…

Systemische Betrachtungsweise als Basis

Die systemische Sicherheitsforschung bildet das theoretische

Fundament des Projektes. Dabei bedeutet systemisch,

dass Unternehmen als ein System aufgefasst werden, in welchem

Mensch, Technik und Organisation zusammenwirken.

Explizit vom Projekt ausgenommen ist die Forschung, die

sich auf das zuverlässige und sichere Funktionieren von

Technik beschränkt. Zwar ist diese auf Technik fokussierte

Forschung ebenfalls wichtig; S-MIS setzt aber erst dort an,

wo eine nach den Regeln der Kunst entwickelte Technik in

der Praxis betrieben wird. Dort also, wo die Technik mit Menschen

und Organisation zu einem Produktionssystem zusammengeführt

wird.

Systemische Sicherheitsforschung fusst auf bestimmten Annahmen

und einzelnen Konzepten. Ein Überblick:

Normale Katastrophen: Gemäss diesem Konzept ist nicht

der Ausfall einzelner Komponenten entscheidend, ob Sicherheit

gefährdet ist oder nicht. Es ist also beispielsweise nicht

eine einzelne menschliche Fehlhandlung oder eine technische

Störung, die aus dieser Sicht das Problem darstellt. Denn solche

Einzelereignisse sind zumindest potenziell vorhersehbar,

und es können vorsorgliche Massnahmen ergriffen werden.

Als problematisch, weil sehr schwer vorhersehbar, erachtet


dieses Konzept die Interaktion verschiedener Einzelereignisse.

Wenn also mehrere Einzelereignisse, von denen jedes

für sich möglicherweise sogar ungefährlich ist, zufällig und

gleichzeitig auftreten und wenn diese Einzelereignisse in

irgendeiner Art miteinander interagieren, können unvermittelt

gefährliche Situationen entstehen. Ein Beispiel: Ist das

Mobiltelefon defekt und fällt aus, so erleidet in der Regel

niemand Schaden. Hat man aber gleichzeitig die Wohnungstür

ins Schloss fallen lassen und den Schlüsselbund in der

Wohnung liegen lassen, kann daraus eine kritische Situation

entstehen.

Das Konzept der normalen Katastrophe geht davon aus, dass

sich solche Interaktionen von Einzelereignissen in hoch technisierten

Systemen häufen. Die hohe Vernetzung der Technik

– so die Annahme – führt dazu, dass immer mehr kritische

Einzelereignisse gleichzeitig auftreten.

Latente und aktive Fehler: Als aktiv werden jene Fehler

bezeichnet, die letztlich zu einem sicherheitsgefährdenden

Ereignis führen, also beispielsweise die irrtümliche Schliessung

eines Ventils. Das Konzept der latenten und aktiven Fehler

geht davon aus, dass die aktiven Fehler nur die Spitze des

Eisberges darstellen. Hinter den aktiven Fehlern kann eine

Vielzahl von latenten Fehlern stecken, welche das Auftreten

des aktiven Fehlers begünstigen oder sogar verursachen.

Latente Fehler, welche die irrtümliche Schliessung eines Ventils

begünstigen, können sein: eine ungenügende Ausbildung,

eine falsche Vorschrift, eine ungenügende Beschriftung des

Ventils oder auch grosse Müdigkeit aufgrund eines ungeeigneten

Schichtplans. Ein gutes Sicherheitsmanagement muss

latente Fehler sichtbar machen. Bleiben sie unentdeckt, steigt

die Gefahr, dass sie unerwartet zu aktiven Fehlern führen.

Sicherheitskultur: Kultur umfasst die Gesamtheit an Wertvorstellungen,

Einstellungen und Verhaltensweisen, die in

einem Unternehmen vorherrschen. Damit prägt Kultur die

Art und Weise, wie die Mitarbeitenden eines Unternehmens

die Dinge anpacken. Und das beeinflusst natürlich auch die

Sicherheit. Kultur beeinflusst beispielsweise, welche Schlüsse

ein Unternehmen aus einem Beinahe-Unfall zieht, der im

letzten Moment verhindert werden konnte. Man kann die

Tatsache, dass der Unfall verhindert wurde, als Beweis dafür

sehen, dass das System insgesamt sicher funktioniert.

Man kann aber umgekehrt auch folgern, dass das System sicherheitsrelevante

Mängel aufweist, weil beinahe ein Unfall

passiert ist. Die Forschung hat hier gezeigt, dass viele als

sicher geltende Organisationen eine Kultur entwickelt haben,

in der Mitarbeitende die eigenen Verhaltensweisen und Prozesse

ständig hinterfragen, sich nicht in falscher Sicherheit

wiegen und immer erwarten, dass etwas Unvorhergesehenes

geschieht.

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Resilience Engineering: Das Konzept des Resilience Engineering

geht davon aus, dass kritische Situationen nicht aufgrund

von Fehlern entstehen, sondern weil das Unternehmen

zu wenig fähig ist, sich an die risikobehaftete Situation anzupassen.

Resilience Engineering strebt also nicht das Vermeiden

von Fehlern an, sondern will Mitarbeitende, die befähigt

sind, sich wechselnden, gefährdenden Einflüssen anzupassen.

Weil es nie gelingen wird, alle potenziellen Fehler zum

Voraus zu verhindern, wird eine Gestaltung des Zusammenwirkens

von Mensch, Technik und Organisation angestrebt,

die dem Unternehmen Robustheit und Anpassungsfähigkeit

verleiht.

Literaturrecherche und Ist-Analyse

Das Projekt S-MIS versucht, die gestellte Aufgabe schrittweise

zu lösen. Auf der Basis aktueller Forschung sowie konkreter

Vorgehensweisen in der Praxis wurden in einem ersten Schritt

jene Sicherheitsindikatoren und Kennzahlen erfasst und systematisiert,

die geeignet sind, Sicherheit zu messen. Die bereits

heute zahlreich vorhandenen Indikatoren und Kennzahlen

lassen sich gut in zwei Hauptgruppen unterteilen:

Reaktive Indikatoren und Kennzahlen: Sie beschränken

sich im Wesentlichen auf das Erfassen von Ereignissen mit

hohem Gefährdungs- und Schadenspotenzial (d.h. Unfälle

und Beinahe-Unfälle verschiedener Schwere). Als reaktiv werden

diese Indikatoren und Kennzahlen deshalb bezeichnet,

weil sie erst nach dem Eintreten eines sicherheitsrelevanten

Ereignisses zur Anwendung kommen. Sie können zwar einigermassen

exakt gemessen werden, haben aber den Nachteil,

dass aus ihnen keine Aussagen über die Ursachen der Ereignisse

abgeleitet werden können. Entsprechend erfordern sie

zusätzliche Ursachenanalysen.

Proaktive Indikatoren und Kennzahlen: Diese beziehen sich

auf Aspekte einer Organisation, die Aussagen über künftige

Entwicklungen ermöglichen. Sie beinhalten eigentliche Annahmen

darüber, was Sicherheit gefährdet oder gewährleistet

(z.B.: über den Ausbildungsstand der Mitarbeitenden). In der

Forschung wie auch in der Praxis findet eine Vielzahl solcher

Indikatoren und Kennzahlen Anwendung. Sie können grob in

die acht Kategorien Leitung und strategisches Management,

operatives Management, Prozeduren, Technik, personenbezogene

Indikatoren, Kompetenz, Training und Empowerment,

Organisationsumwelt sowie organisations- und anlagenspezifische

Charakteristika eingeteilt werden.

Diese proaktiven Indikatoren und Kennzahlen haben zwei

grosse Nachteile. Zum einen ist kein exaktes Wissen darüber

vorhanden, wie genau sie sich auf die Sicherheit auswirken.

Man braucht daher viel Erfahrung, um sie interpretieren zu

können. Zum anderen können sie in aller Regel nicht exakt

gemessen werden.

Obwohl die Analysen und Recherchen noch im Gange sind,

lassen sich bezüglich der nachfolgenden Arbeitspakte bereits

Aussagen machen.


Hochschule für Angewandte Psychologie

Prozessentwicklung

Im zweiten Arbeitspaket wird ein generalisierbarer Prozess

für das Safety Management Information System erarbeitet.

Dieser umfasst vier Teilprozesse: (a) Auswahl der relevanten

Indikatoren und Kennzahlen, (b) ihre Messung, (c) ihre

Bewertung und (d) die Ableitung von sicherheitsrelevanten

Managemententscheiden. Im gegenwärtigen Stand der Projektarbeiten

lassen sich folgende Kernelemente dieses Prozesses

absehen:

– Der Prozess soll die Annahmen aller Beteiligter bezüglich

sicherheitsbezogener Ursachen und Wirkungen sichtbar

machen. Damit soll eine kontinuierliche, kritische Reflexion

über Sicherheit weiter gefördert werden.

– Insbesondere für die Messung proaktiver Indikatoren und

Kennzahlen müssen weitere Methoden mit ausreichender

Messzuverlässigkeit zusammengestellt und teilweise entwickelt

werden.

– Zur Unterstützung der Sicherheitsbewertung wäre ein weiter

systematisiertes Referenzsystem hilfreich.

Nachdem der erarbeitete Prozess gemeinsam mit den beteiligten

Industrieunternehmungen bezüglich Nützlichkeit und

Realisierbarkeit geprüft worden ist, werden im letzten und

dritten Schritt die Anforderungen an eine unterstützende

Software formuliert. Resultat dieses Arbeitspaketes ist ein

Pflichtenheft. Die entsprechende Umsetzung, also das Erarbeiten

und Implementieren eines Prototyps, wird dann Gegenstand

eines Folgeprojektes sein.

Projektteam: Katrin Fischer, Kathrin Gärtner, Harald

Kolrep, Frank Ritz, Toni Wäfler, Institut Mensch in

komplexen Systemen, FHNW

Schlüsselwörter: Systemsicherheit | Safety Management |

Sicherheitsindikatoren | Sicherheitskultur |

Mensch-Technik-Organisation

Projektkooperationen: Kernkraftwerk Leibstadt AG |

Skyguide – swiss air navigation services ltd. |

iafob OCI GmbH

Review-Partner zur Projektunterstützung aus folgenden

Organisationen: ETH Zürich, Departement Management,

Technology and Economics | F. Hoffmann-La Roche Ltd.,

Corporate Safety, Health & Environmental Protection |

Swiss International Airlines Ltd., Operational Risk

and Quality Management | SwissRe – Swiss Reinsurance

Company

Projektförderung: Industriepartner |

KTI-Nr. 8914.1 PFES-ES

Dauer: 20072008


Innovative Gebäudetechnologie für die

2000-Watt-Gesellschaft: Was sucht die Kundin,

der Kunde wirklich?

Neue Gebäude benötigen neue Technologien, um für künftige

Nutzerinnen und Nutzer attraktiv zu sein. Das intelligente

Klimakontrollsystem ist eine solche Innovation. Welche

Technologie für die anvisierte 2000-Watt-Gesellschaft aber

wirklich willkommen ist, entscheidet letztlich der Markt.

Erfolgreich ist, wer bereits beim Entwickeln weiss, was Nutzerinnen

und Nutzer wollen. | Fred van den Anker, Institut

für Kooperationsforschung und -entwicklung

Um frühzeitig erkennen zu können, was der Markt tatsächlich

erwartet, sollen innovative Gebäudetechnologien mittels

textbasierten und interaktiven Nutzungsszenarien auf Implikationen

für Nutzende und deren Akzeptanz hin evaluiert

werden. Das Projekt ist Teil des Kooperationsprojekts «Innovative

Building Technologies for the 2000-Watt Society».

Die Initiative zur 2000-Watt-Gesellschaft verfolgt unter

anderem das Ziel, eine neue Generation von Gebäudetechnologien

zu generieren, die den Energieverbrauch um das

Drei- bis Fünffache reduzieren. Ein zu entwickelnder, so genannter

Demonstrator dient dazu, einem breiten Publikum

die Grundfunktionen und -prinzipien neuer Gebäudetechnologien

sichtbar und zugänglich zu machen. Dem Institut für

Kooperationsforschung und -entwicklung der Hochschule

für Angewandte Psychologie FHNW kommt in diesem von

technischen Disziplinen geprägten Projekt die Aufgabe zu,

ausgewählte Teile der Technologieentwicklungen zu evaluieren,

was soviel heisst wie: für Nutzerinnen und Nutzer mögliche

Konsequenzen aufzuzeigen und letztendlich die später

erforderliche Akzeptanz zum Voraus zu beurteilen.

Das Beispiel Smart Home Technologies

Für die Akzeptanz ist entscheidend, wie jene, die entwickeln,

und jene, die nutzen, in der Entwicklungsphase zusammenarbeiten

(collaborative development). Das adäquate Gestalten

dieser kooperativen Technikentwicklung erfordert eine

gemeinsame Kommunikationsbasis, also auch eine gemeinsame

Sprache der Beteiligten. Aus einem früheren Projekt zur

Evaluation neuer Kommunikationstechnologien (UMTS-Anwendungen)

stammt unsere erprobte Methode, die wir nun

erneut einsetzen und erweitern wollen.

Die Methode basiert auf Szenarien, die mögliche Konsequenzen

neuer Technologien für potenzielle Nutzerinnen und

Nutzer konkret beschreiben. Mit diesen Szenarien erarbeiten

wir eine Basis für die frühzeitige Evaluation technologischer

Optionen.

Genau dieses Vorgehen lässt sich gut am Beispiel der Smart

Home Technologies, etwa an einer mehr oder weniger automatisierten

Klimakontrolle in Gebäuden, veranschaulichen.

Ziel ist, neue intelligente Klimakontrollsysteme frühzeitig

entlang den Nutzerbedürfnissen und -aktivitäten zu entwickeln.

Die Evaluation textbasierter Nutzungsszenarien führt

denn auch dazu, dass der zu entwickelnde Demonstrator die

Form eines Mobile Home hat. Der Demonstrator ermöglicht

es, Nutzungsszenarien zu simulieren bzw. interaktiv auszuprobieren.

Daraus ergeben sich auch Erkenntnisse zur Akzeptanz

am Markt und sicher zu weiteren Bedürfnissen und

Anforderungen aus Sicht der anvisierten Kundengruppen.

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Projektteam: Fred van den Anker, Christoph Clases,

Oliver Rack, Institut für Kooperationsforschung

und -entwicklung, FHNW

Schlüsselwörter: Technologieakzeptanz | Nutzerevaluation

| Gebäudetechnologien

Projektkooperationen: Thomas Frank, EMPA Materials

Science and Technology | Christian Roecker, Nicolas Morel,

EPF Lausanne, Solar Energy and Building Physics |

Dimitrios Gyalistras, ETH Zürich, Institut für Integrative

Biologie | Manfred Morari, ETH Zürich, Institut für

Automatik | Thomas Afjei, Fachhochschule Nordwestschweiz,

Institut Energie am Bau | Andreas Luzi,

Hochschule für Technik Rapperswil, Institut für Solartechnik

| Martina Hirayama, Zürcher Hochschule Winterthur,

Industrielle Chemie | Mathias Rotach, Meteoswiss

Projektförderung: Competence Center Energy and

Mobility (CCEM-CH)

Dauer: 20072010

Literatur:

– Van den Anker, F., Schulze, H. (2006): Scenario-based

design of ICT-supported work. In: Karwowski, W. (Ed.):

2nd Edition of the International Encyclopedia of

Ergonomics and Human Factors, London: Taylor and

Francis, p. 3338 – 3343.

– Clases, C., Wehner, T. (2005): Cooperation for knowledge

development: a work psychology perspective. In:

Fischer, M., Boreham, N., Nyhan, B. (Eds.): European

perspectives on learning at work: the acquisition

of work process knowledge. Cedefop Reference Series,

Luxembourg: Office for Official Publication for the

European Communities.


Hochschule für Angewandte Psychologie

Entscheiden in komplexen Situationen

Wir Menschen sind immer wieder gefordert, uns in hoch komplexen,

dynamischen Systemen mit einer Vielzahl von Informationen

zurechtzufinden und trotz grosser Unsicherheiten

Entscheide zu treffen. Dies gelingt uns auch recht gut, und

genau davon wollen Unternehmen, deren Geschäftsumfeld

laufend komplexer wird und deren betriebliche Unsicherheiten

stetig steigen, gezielt profitieren. | Toni Wäfler, Institut

Mensch in komplexen Systemen

Wie reduzieren wir Menschen Komplexität so, dass wir überhaupt

entscheiden können? Wie wählen wir die relevanten

Informationen aus und nach welchen Kriterien nehmen wir

Gewichtungen vor? Das Institut Mensch in komplexen Systemen

(MikS) untersucht diese Fragestellungen im Bereich

der Produktionsplanung und -steuerung (PPS) in den zwei

Teilprojekten «Decision Support for Planning in Complex

Business Environments» und «Control Capacity in Planning,

Scheduling and Control».

Hintergrund der Forschung bildet der Ansatz des Naturalistic

Decision Making. Dieser Ansatz geht davon aus, dass

sich Menschen aufgrund ihrer Erfahrung Wissen über komplexe

Situationen aneignen. Dieses Wissen nutzen sie, um

in konkreten Situationen vertraute Muster zu erkennen. Sie

vergleichen also die angetroffene Situation mit ähnlichen

Situationen, an die sie sich erinnern. Aufgrund dieses Vergleichs

entscheiden sie sich dann für eine entsprechende

Handlungsstrategie, die sie aus ihrer Erfahrung ableiten.

Muster, um Komplexität systematisch zu reduzieren

Das Geschäftsumfeld in vielen Unternehmen wird immer

komplexer, und die betrieblichen Unsicherheiten nehmen zu.

Neue Computersysteme zur Unterstützung der PPS führen

jedoch in vielen Unternehmen nicht zu den gewünschten Resultaten.

Eine Ursache dafür ist, dass oft einseitig auf die

Computertechnik fokussiert wird, welche ebenfalls immer

komplexer wird. Statt zu helfen, Komplexität zu reduzieren,

führt Computertechnik oft zu noch komplexeren Entscheidungssituationen.

Menschen haben eine hohe Fähigkeit, Komplexität durch

Mustererkennung zu reduzieren. Voraussetzung ist, dass sie

Erfahrung aufbauen können. Hinsichtlich der PPS interessiert

uns daher, wie professionelle Planerinnen und Planer

ihre Erfahrung aufbauen, wie sie Entscheide treffen und wie

es ihnen gelingt, die Produktion zu optimieren. Zwei Ziele

sind anvisiert: Erstens sollen Formen des Zusammenwirkens

von Mensch, Technik und Organisation beschrieben

werden, die Entscheidungsprozesse in der PPS unterstützen.

Und zweitens sind Messgrössen zu definieren, welche die Fähigkeit

eines Produktionssystems widerspiegeln, Auftragsdurchläufe

und Arbeitsprozesse zu kontrollieren.

Die bisherigen Untersuchungen haben gezeigt, dass professionelle

Planerinnen und Planer bei ihren Entscheiden in hohem

Masse auf ihre Erfahrungen zurückgreifen. Dieses Wissen

hilft ihnen, die vielen Einzelinformationen, die sie aus

unterschiedlichen Quellen erhalten, zu einem Gesamtbild

zusammenzufügen. Aufgrund vertrauter Muster, die sie in

diesem Bild erkennen, treffen sie dann ihre Entscheidungen.

Computersysteme helfen aber noch kaum, dieses Wissen um

komplexe Zusammenhänge aufzubauen und verfügbar zu

machen. Genau hier setzen unsere beiden Projekte an: Erwerb,

Nutzung und Erweiterung von relevantem Erfahrungswissen

sollen gezielt gefördert werden.

Projektteam: Katrin Fischer, Kathrin Gärtner,

Roland Gasser, Toni Wäfler, Institut Mensch in komplexen

Systemen, FHNW

Schlüsselwörter: Entscheidungsprozesse | Erfahrungswissen

| Produktionsplanung und -steuerung (PPS)

Projektkooperationen: Institut für Business Engineering,

FHNW | Institut für Datenanalyse und Prozessdesign,

ZHW | KWC AG | Alstom Power Services Schweiz AG |

Trilab Software AG | Codex Information Systems &

Consulting AG | HOPS-Netzwerk (EU-COST): Hochschule

für Technik und Wirtschaft Dresden (DE) | Universität

Bamberg (DE) | Technische Universität Jönköping (SE)

Projektförderung: Industrie | KTI-Nr. 8073.1 ESPP-ES |

SBF

Dauer: 20062008

Literatur:

– Gasser, R., Fischer, K., Wäfler, T. (2007): Decision support

in complex planning environments. In: Karwowski, W.,

Trzcielinski, S. (Eds.): Value Stream Activities Management

(Proceedings of the 11th HAAMAHA 2007). Madison:

IEA Press, p. 353 – 360.


Blended Learning – Zur Wirksamkeit eines Erfolg

versprechenden Konzeptes im betrieblichen Kontext

Betriebliche Aus- und Weiterbildung stellt eine grosse Investition

dar. Zunehmend kommen dabei Ansätze zum so

genannten Blended Learning zum Zuge. Dadurch sollen zum

einen Kosten gespart werden; andererseits erhofft man sich

vom Einsatz neuer Medien einen Mehrwert. Gleichzeitig

möchte man die Vorteile von E-Learning voll ausschöpfen:

Zeit- und Ortsunabhängigkeit und damit verbunden Kosten-

und Zeitersparnis. | Christoph Clases, Institut für Kooperationsforschung

und -entwicklung

Blended Learning arbeitet gezielt mit Präsenzphasen und

Lerntandems. Damit sollen die Nachteile von E-Learning

aufgewogen werden: die fehlende soziale Unterstützung

oder der mangelnde Austausch mit anderen. Blended-Learning-Szenarien

als Teil betrieblicher Bildung sollen bei Prozessen

und Ergebnissen klare Verbesserungen bringen. Was

es dazu braucht bei Organisation, Personal und Gestaltung

von Trainings, versucht das vorliegende Projekt des Instituts

für Kooperationsforschung und -entwicklung genauer zu beschreiben.

Nutzen und Grenzen von Blended Learning

Auf eine Reihe von Fragen sucht das Projekt Antworten:

– Wie wirksam ist der Ansatz des Blended Learning im

Vergleich zu traditionellen Präsenzveranstaltungen?

Dabei geht es um die Zufriedenheit und den Lernerfolg der

Teilnehmenden (Lernfeld) sowie um den Transfer in die

Praxis und indirekt um den Einfluss auf den Erfolg eines

Unternehmens (Transfererfolg).

– Welches der Konzepte zahlt sich bei Berücksichtung der

Kosten und des Nutzens mehr aus (Return on Investment)?

– Welche organisationalen, personen- und gestaltungsbezogenen

Faktoren leisten einen Beitrag zum Erfolg des

einzelnen Konzeptes?

– Für welche Personen eignet sich Blended Learning

besonders?

– Wie kann Blended Learning im Unternehmen weiter

verbessert werden?

– Was können Unternehmen hinsichtlich des Einsatzes und

der Gestaltung von Blended Learning voneinander lernen

(Benchmarking)?

Erfolge zählen, im Lern- wie im Transferfeld

Das Konzept des Blended Learning wird in einem Pilot-Kontrollgruppen-Design

evaluiert, um daraus substanzielle

Schlussfolgerungen über die Effizienz dieser Art von Lernen

ziehen zu können, und zwar im direkten Vergleich zu traditionellen

Präsenztrainings. Die Evaluation wird ferner in

einem Längsschnitt-Design und in mehreren Stufen (Transfermessungen)

durchgeführt, um Aussagen über die zeitliche

Stabilität der Effekte abzuleiten. Weitere Daten, etwa zum

Nutzungsverhalten auf unterschiedlichen Lernplattformen

oder zu den Resultaten aus Lernkontrollen, werden begleitend

erfasst.

Dabei interessiert nicht nur der Erfolg im Lernfeld (Zufriedenheits-

und Lernerfolg), sondern auch der Erfolg im Transferfeld

(Verhaltensänderung und Unternehmenserfolg). Das

Institut für Kooperationsforschung FHNW stellt die Instru-

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mente zur Verfügung, um neben Kennzahlen auch die Einschätzungen

der Mitarbeitenden wie jene der Kaderleute zu

erfassen und zu bewerten. Soweit möglich, wird auf psychometrisch

überprüfte Skalen zurückgegriffen.

Projektteam: Christoph Clases, Anja Krol, Heide Troitzsch,

Institut für Kooperationsforschung und -entwicklung,

FHNW | Simone Kauffeld, Technische Universität Braunschweig

Schlüsselwörter: Blended Learning | Neue Medien |

Betriebliche Weiterbildung | Kooperation

Projektkooperationen: UBS | Credit Suisse |

Phonak Hearing Systems

Projektförderung: KTI-Nr. 8845.1 PFES-ES

Dauer: 20072009

Literatur:

– Bates, R. A., Kauffeld, S., Holton, E. F. (2005): Toward

construct validation of a german version of the learning

transfer system inventory. Louisiana State University.

– Kauffeld, S. (2006): Kompetenzen messen, bewerten,

entwickeln. Stuttgart: Schäffer-Poeschel.

– Troitzsch, H., Sengstag, C., Miller, D., Clases, C. (2006):

Roadmap to E-Learning @ ETH Zürich. Ein Leitfaden für

Dozierende. Network for Educational Technology,

ETH Zürich.


Diskutieren und Visualisieren von Forschungsergebnissen im I-Room der HABG


Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

«Die Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik teilt

ihr Know-how gerne mit Kunden aus Industrie und

Verwaltung. So wird ein direkter Wissenstransfer aus der

Forschung in die Praxis erzielt.»

Prof. Bruno Späni, Direktor Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

16 Ausbildung und Forschung

17 Eine schlanke, bautaugliche Vakuumdämmung

Vakuum-Isolations-Paneele eröffnen neue Möglichkeiten für den Bau

energieeffizienter Häuser.

20 Erdgekoppelte Wärmepumpen und passive Kühlung

21 Virtual Monitoring – Integration und Visualisierung verteilter

Geosensordaten

22 Hochduktile kunststofffaserbewehrte Mörtel

14 | 15


Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

Ausbildung und Forschung

Die Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik setzt sich dafür ein,

Verbindungen zu schaffen: zwischen den Fachbereichen Architektur,

Bautechnik und Geomatik ebenso wie zwischen den Aufgabenbereichen

Aus- und Weiterbildung, Forschung und Dienstleistungen.

Wir bilden aus

Unsere zweistufigen Diplomstudiengänge

sind auf die anschliessende Berufstätigkeit

ausgerichtet. Die erste

Stufe führt zum Bachelorabschluss und

ermöglicht den erfolgreichen Einstieg

ins Berufsleben. Die Bachelorausbildung

schafft die Voraussetzungen, um

das persönliche Potenzial erfolgreich

zu entfalten und weiterzuentwickeln

– beispielsweise im Rahmen eines Masterstudiums.

In diesem zweiten Ausbildungsschritt

können die fachlichen

Grundlagen wissenschaftlich vertieft

und praxisnah reflektiert werden.

Neben der Weitergabe fachlicher Fähigkeiten

legen wir grossen Wert darauf,

auch Methoden-, Selbst- und Sozialkompetenz

zu vermitteln. Nur so gelingt

es, wirkliches Handlungsvermögen aufzubauen.

Die Hochschule für Architektur, Bau

und Geomatik bietet vier Diplomstudiengänge

an: Architektur, Bauingenieurwesen,

Bauingenieurwesen trinational

sowie Geomatik.

Wir bilden weiter

Die Hochschule für Architektur, Bau

und Geomatik bietet praxisorientierte

berufsbegleitende Weiterbildungsmöglichkeiten

an. Unser Weiterbildungsprogramm

ist konsequent auf die angestrebten

Bildungsziele ausgerichtet.

Wir nutzen deshalb unter anderem auch

die Berufs- und Lebenserfahrung der

Studierenden. So ergeben sich neben

wertvollen Kontakten auch fachliche

Wissensgemeinschaften.

Wir forschen und entwickeln

Auch unsere Forschungstätigkeit ist auf

die Praxis ausgerichtet: Wir entwickeln

in unseren Kompetenzbereichen neue

Technologien und Lösungen, die rasch

den Weg in den Markt finden. Dabei

arbeiten wir mit Partnern und Partnerinnen

aus der Nordwestschweiz sowie

aus dem In- und Ausland zusammen.

Die Schwerpunkte unserer Forschung

umfassen folgende Bereiche: Bauwerk,

Siedlung und Landschaft, Bauinformatik,

3D-Geoinformationstechnologie

sowie Nachhaltigkeit und Energie am

Bau.

Wir beraten und unterstützen

Die Hochschule für Architektur, Bau

und Geomatik teilt ihr Know-how gerne

mit Kunden und Kundinnen aus der

Industrie und der Verwaltung. Wir bieten

dazu individuelle Dienstleistungen

und Beratungen an. So wird ein direkter

Wissenstransfer aus der anwendungsorientierten

Forschung in die Praxis

erreicht.

Bruno Späni

Direktor der Hochschule für

Architektur, Bau und Geomatik


Eine schlanke, bautaugliche Vakuumdämmung

Die Anforderungen an den Wärmeschutz der Gebäudehülle werden

künftig weiter zunehmen. Der Einsatz einer Vakuum dämmung

ermöglicht schlanke und hoch gedämmte Konstruktionen.

Das Institut Energie am Bau entwickelt dafür gemeinsam mit der

Industrie bautaugliche Produkte und Systeme.

Armin Binz und Gregor Steinke, Institut Energie am Bau

Abbildung 1: Herkömmlicher Wärmedämmstoff und Vakuumdämmung im Vergleich

Der Klimawandel ist in aller Munde. Ein Blick auf die Statistik

zeigt, dass ein nicht geringer Teil der CO 2-Emissionen

durch die Beheizung von Gebäuden verursacht wird. Das

Reduktionspotenzial ist hier enorm. Vor allem durch eine

bessere Wärmedämmung der Gebäudehülle lässt sich der

Heizwärmebedarf bei Neubauten und Modernisierungen im

Vergleich zu einem ungedämmten Altbau um bis zu 90 Prozent

reduzieren. Bessere Fenster und eine bessere thermische

Qualität der Wände, Dächer und Böden machen dies möglich.

Um solch tiefe Energieverbrauchswerte zu erreichen, sind bei

herkömmlichen Wärmedämmstoffen allerdings Dämmstärken

von 20 bis über 40 Zentimeter notwendig. Dies kann in

bestimmten Fällen zu technischen und gestalterischen Problemen

führen. Oder es ist einfach nicht realisierbar, weil der

notwendige Platz für die Dämmung fehlt. Zudem wird für die

Wärmedämmung teure nutzbare Fläche benötigt.

16 | 17

Hier setzt die Technologie der Vakuumdämmung an. Die

Dämmleistung von Vakuum-Isolations-Paneelen (VIP) liegt

um einen Faktor drei bis acht über derjenigen von konventionellen

Dämmstoffen (Abbildung 1). Ursprünglich für den

Einsatz in Batterien und Kühlschränken entwickelt, ermöglicht

ihre Anwendung am Bau hoch dämmende und gleichwohl

schlanke Wand-, Dach- und Bodenkonstruktionen. VIP

sind allerdings teurer als konventionelle Dämmstoffe. Sie

werden diese nicht vom Markt verdrängen, sondern sinnvoll

ergänzen. Ihr Mehrpreis lässt sich in vielen Fällen auch mit

deutlichem Mehrnutzen rechtfertigen. Dieser liegt meist im

Platzgewinn, sei es, dass eine befriedigende Dämmung mit

normalen Dämmstoffen im Einzelfall gar nicht realisierbar

wäre, sei es, dass dank schlanker Vakuumdämmung Nutzfläche

gewonnen oder erhalten werden können.


Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

Die Einführung eines derart neuartigen Materials ist aber

mit vielen offenen Fragen und Risiken verbunden. Verglichen

mit dem Einsatz in Geräten herrschen am Bau bezüglich

Langzeitverhalten, Montage und Robustheit weitaus

höhere Anforderungen. Wichtige Grundlagen dazu wurden

in einem vorangegangenen mehrjährigen Forschungsprojekt

durch ein internationales Forscherteam unter Mitwirkung

des Instituts Energie am Bau der FHNW erarbeitet. Neben

Aussagen zur Lebensdauer, Ökobilanz und den effektiv zu

erwartenden Wärmedämmwerten konnten aus einer Vielzahl

dokumentierter Praxisbeispiele konkrete Empfehlungen für

die Bauanwendung abgeleitet werden. Diese Forschungsergebnisse

haben gezeigt, dass Vakuumdämmung unter Beachtung

dieser Empfehlungen am Bau erfolgreich eingesetzt

werden kann.

Mehr Leistung dank Vakuum

VIP bestehen aus einem Kernmaterial, welches in einer Vakuumkammer

in ein gasdichtes Hüllmaterial eingeschweisst

wird. Das Vakuum spielt dabei die Schlüsselrolle, denn die

Wärmeleitfähigkeit eines Dämmstoffes wird massgeblich

durch die Wärmeleitung des eingeschlossenen Gases bestimmt.

Durch die Evakuierung wird diese Gasleitung unterbunden.

Ein zentraler Punkt bei der VIP-Anwendung ist

demnach der Schutz der empfindlichen Paneelhülle. Bei

mechanischer Beschädigung geht das Vakuum verloren, wodurch

die Dämmwirkung erheblich verschlechtert wird. In

der Vergangenheit wurden VIP in der Praxis allerdings häufig

ungeschützt als rohes Paneel direkt auf der Baustelle verarbeitet

– mit entsprechendem Beschädigungsrisiko. Dies soll

sich in Zukunft durch einen geeigneten mechanischen Schutz

und vorgefertigte Bauteile ändern. Aus diesem Grund unterstützt

das Bundesamt für Energie aktuell verschiedene Forschungs-

und Entwicklungsprojekte, die eine Verbesserung

der Bautauglichkeit der VIP und die Integration in vorfabrizierte

Bauelemente und -systeme zum Ziel haben.

Vom VIP zum Wärmedämmsystem

In einem dieser Forschungsprojekte entwickelt das Institut

Energie am Bau in Zusammenarbeit mit drei beteiligten Industrieunternehmungen

Bauprodukte und Systeme mit VIP,

die den besonderen Eigenschaften des Materials gerecht

werden. Untersucht werden Anwendungen für Wand und

Dach, mit VIP als Aussen- oder Innendämmung, in Neubau

und Sanierung. Bei der Entwicklungsarbeit werden gleichermassen

Dämmpaneele selbst, ein geeigneter Schutz der Paneele

für den Einsatz auf der Baustelle und die Konstruktion

des entsprechenden Bausystems betrachtet. Mit den Firmen

va-Q-tec, swisspor und Eternit arbeiten von Seiten der Industrie

eine erfahrene Unternehmung in der Entwicklung

und Herstellung von Vakuumdämmung, ein bedeutender,

auch in der Produktion tätiger Handelskonzern herkömmlicher

Dämmstoffe und Dämmsysteme sowie eine führende

systemanbietende Firma und Herstellerin von hinterlüfteten

Fassaden mit Faserzementbekleidungen gemeinsam an

diesem Forschungsprojekt. Es ist das Ziel, die Produkte und

Systeme nach erfolgreicher Pilotanwendung in den Markt

einzuführen.

Abbildung 2: Simulation des Temperaturverlaufs in einer vakuumgedämmten

hinterlüfteten Fassade im Bereich der Befestigung

Vertrauen durch Qualitätssicherung

VIP unterscheiden sich nicht nur durch ihre exzellente

Dämmwirkung von herkömmlichen Wärmedämmstoffen. Soll

mit Vakuumpaneelen gedämmt werden, muss dies in der gesamten

Prozesskette der Entstehung eines Gebäudes, von der

Planung bis in die Nutzungsphase, berücksichtigt werden. So

ist bei der Herstellung, beim Transport und bei der Montage

der Paneele grösste Sorgfalt erforderlich. Um das Vertrauen

der Anwender und Anwenderinnen in diese noch junge Technologie

zu stärken und den Einbau fehlerhafter Paneele zu

vermeiden, spielt eine umfangreiche Qualitätssicherung eine

zentrale Rolle. Mit einem speziellen mobilen Messgerät kann

beispielsweise der Innendruck der Vakuumpaneele nach der

Produktion sehr genau ermittelt werden. Dadurch werden

defekte Paneele erkannt, und die Wärmedämmwirkung jedes

einzelnen Paneels kann exakt bestimmt werden. Für solch

eine Messung nach Fertigstellung des Gebäudes müsste das

Paneel allerdings zugänglich sein. Nun wurde von der Firma

va-Q-tec eine Methode zur berührungslosen Funktionskontrolle

mit Hilfe eines RFID-Chips entwickelt. Dieser sendet

bei einem bestimmten Impuls ein Signal an ein Lesegerät. Somit

lässt sich beispielsweise von der Aussenseite einer fertig

montierten Fassade überprüfen, ob das Vakuum der Paneele

noch intakt ist.

Ein anderes Problem beim Einsatz am Bau stellte bislang die

leichte Entflammbarkeit der Hüllfolie dar. Hier gelang va-Qtec

kürzlich durch eine spezielle Vliesbeschichtung ein wichtiger

Durchbruch. Für eine Aussenanwendung dieser Paneele

muss die Feuchtebeständigkeit der Beschichtung allerdings

noch verbessert werden.

Gut geschützt auf den Bau

Ein entscheidender Aspekt für den sicheren Einsatz am Bau

ist ein zuverlässiger Schutz der VIP-Hülle vor mechanischer

Beschädigung. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden

daher unterschiedliche Möglichkeiten untersucht, die Vakuum-Paneele

entweder mit einer Beschichtung zu versehen,

zu umhüllen, mit dünnen Materialschichten zu kaschieren

oder einzuschäumen. Dabei sind die Anforderungen sehr

vielschichtig. Effektiv, dünn, gut verarbeitbar und preiswert

sollte der Schutz sein. Auch die zusätzlichen Wärmeverluste


am Rand des Paneels mussten mit Hilfe detaillierter Wärmebrückenberechnungen

überprüft werden. Anhand von Prototypen

wurden die Eigenschaften verschiedener «veredelter»

VIP beurteilt. Welcher Prototyp das Rennen machen wird, ist

noch nicht endgültig entschieden. Dem Ziel, die bisher sehr

empfindlichen VIP durch einen geeigneten Schutz künftig

besser für den rauen Baustellenalltag zu wappnen, ist das

Projektteam einen wichtigen Schritt nähergekommen.

Die Frage der Integration

Letztlich stellt sich die Frage, wie die VIP konstruktiv in ein

Bauteil integriert werden können. Insbesondere bei hinterlüfteten

Aussenwandkonstruktionen musste eine Befestigung

gefunden werden, die möglichst geringe Wärmebrücken

verursacht. Dies wurde anhand dreidimensionaler Wärmestromsimulationen

untersucht (Abbildung 2). Zudem können

die VIP im Gegensatz zu herkömmlichen Wärmedämmstoffen

nachträglich nicht zugeschnitten oder durchbohrt werden.

Auch hier wurden zunächst verschiedene Entwicklungsansätze

parallel verfolgt. Nach einer erfolgreichen Testmontage

und Präsentation auf der Messe Swissbau 07 wurde ein System

mit speziellen Distanzschrauben zur Anwendungsreife

weiterentwickelt. Im nächsten Schritt muss sich die Konstruktion

noch in der anstehenden Pilotanwendung bewähren.

Dann könnte die Markteinführung angegangen werden.

Bis dies soweit ist, sind allerdings noch zahlreiche Abklärungen

notwendig. Auch wenn die Vakuumdämmung den Sprung

auf die Baustelle vollführt hat, besteht weiterhin grosser

Forschungs- und Entwicklungsbedarf.

Projektteam: Armin Binz, Gregor Steinke, Institut Energie

am Bau, FHNW

Schlüsselwörter: VIP | Vakuumdämmung | Hochleistungswärmedämmung

Projektkooperationen: va-Q-tec AG, Würzburg (DE) |

Swisspor AG, Steinhausen | Eternit AG, Niederurnen

Projektförderung: Bundesamt für Energie

Dauer: 2005 – 2007

Literatur:

– IEA, (Ed.) (2005): Vacuum Insulation in the Building

Sector – Systems and Applications. IEA / ECBCS Annex 39,

Subtask B report. Download: www.vip-bau.ch

– BFE (Hg.) (2005): Vakuum-Isolations-Paneele im

Gebäudesektor – Systeme und Anwendungen. Abschlussbericht

deutsch. Download: www.vip-bau.ch

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Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

Erdgekoppelte Wärmepumpen und passive Kühlung

Wärmepumpenanlagen mit Erdwärmesonden können nicht

nur zum Heizen und zur Warmwasserproduktion eingesetzt

werden, sondern auch zur Gebäudekühlung. Dabei wird Wärme

mit Hilfe der Fussbodenheizung aus dem Gebäude abgeführt.

Im Forschungsprojekt «Heizen und Kühlen mit erdgekoppelten

Wärmepumpen» wurden Nutzen und Aufwand

solcher Systeme untersucht. | Thomas Afjei, Institut Energie

am Bau

Die Nutzung natürlicher Kältequellen geht meist mit sehr

hohen Nutzungsgraden einher. Systeme, mit denen sowohl

geheizt als auch gekühlt werden kann, versprechen ausserdem

einen geringen Investitionsbedarf und können mit einer

integrierten Regelung sehr gute Effizienzen erreichen. Insbesondere

bei Heizsystemen mit Niedertemperaturtechnik und

Wärmepumpen wird die zusätzliche Nutzung der Kühlung

immer interessanter.

Im Rahmen des Forschungsprojekts Heizen und Kühlen mit

erdgekoppelten Wärmepumpen, das vom Bundesamt für Energie

(BFE) in Auftrag gegeben wurde, untersuchte das Institut

Energie am Bau, wie sich Nutzen und Aufwand verhalten,

wenn eine Wärmepumpenheizanlage mit Erdwärmesonde

mit einer zusätzlichen Kühlfunktion ausgestattet wird. Dabei

fokussierte man die Untersuchung auf ein Wärmepumpenheizsystem

mit Erdwärmesonde als Wärmequelle und einer

Niedertemperatur-Fussbodenheizung als Wärme- bzw. Kälteabgabesystem

in einem mechanisch belüfteten Einfamilienhaus

nach Minergiestandard. Von Interesse waren dabei

insbesondere die Systemintegration, die Leistungsfähigkeit,

der Energieverbrauch sowie die Regelung und erreichbare

thermische Behaglichkeit.

Passiver Kühlbetrieb bewährt sich am besten

In einem ersten Schritt wurden die derzeit am Markt angebotenen

hydraulischen Schaltungen analysiert. Dabei waren

alle angebotenen Schaltungen funktionstüchtig. Die Ergänzung

einer Kühlfunktion zur klassischen Heizwärmepumpe

wurde jedoch mit unterschiedlicher Komplexität umgesetzt.

Es zeigte sich, dass sich ein einfach aufgebautes System mit

Wärmepumpe und Erdwärmesonde für den Heiz- oder Warmwasser-Betrieb

sowie passiver Kühlung über die Sonde am

besten bewährt. Beim passiven Kühlbetrieb fliesst die kühle

Sondenflüssigkeit im Sommer durch die Rohre der Bodenheizung,

wodurch Wärme aus dem Gebäude abgeführt wird. Der

Kühlbetrieb mit gleichzeitiger Warmwasser-Erzeugung lohnt

sich dagegen im Vergleich zum Aufwand nicht. Dabei dient

die Fussbodenheizung während der Warmwasserproduktion

mit der Wärmepumpe als Wärmequelle für die Wärmepumpe.

Ein aktiver Betrieb der Wärmepumpe zur Kühlung ist aus

Energieeffizienzgründen zu vermeiden.

Für die Umschaltung zwischen Heiz- und Kühlbetrieb reicht

im einfachsten Fall eine jahreszeitliche Umschaltung. Soll jedoch

auch in der Übergangszeit ein automatisierter Zugriff

sowohl auf die Heizung als auch auf die Kühlung erlaubt sein,

so muss ein kurzfristiger Wechselbetrieb vermieden werden.

Fazit

Die Raumtemperaturen im betrachteten Gebäude wurden

durch die passive Erdsondenkühlung zwischen 2 und 4 Kel-

vin gesenkt, was beim betrachteten Gebäude ausreichend

war. Es zeigte sich auch, dass eine deutliche Steigerung der

thermischen Behaglichkeit erreicht werden kann, wenn die

erdgekoppelte Wärmepumpenanlage mit einer Fussbodenheizung

und passivem Kühlbetrieb kombiniert wird.

Projektteam: Thomas Afjei, Ralf Dott und Carsten

Wemhöner, Institut Energie am Bau, FHNW | Arthur Huber,

Huber Energietechnik AG, Zürich

Schlüsselwörter: Wärmepumpe | Erdwärmesonde |

Passive Kühlung | Simulation

Projektförderung: Bundesamt für Energie BFE |

Viessmann (Schweiz) AG, Geschäftsbereich SATAG Thermotechnik

Dauer: 2005 – 2007

Literatur:

– Dott, R., Wemhöner, C., Afjei, Th. (2007): Hydraulics,

Performance and Comfort of Ground Coupled Heating-

Cooling Systems. IBPSA Building Simulation Conference,

Beijing (CN), 03.– 06.09.2007.

Weitere Informationen: Der Schlussbericht kann unter

folgenden Adressen bezogen werden: www.empa-ren.ch und

www.fhnw.ch/habg/iebau/afue


Virtual Monitoring – Integration und Visualisierung

verteilter Geosensordaten

In diesem Projekt werden Softwarekomponenten zur Integration

und Visualisierung verteilter Geosensordaten in

einer interaktiven kollaborationsfähigen 3D-Geoinformationstechnologie

entwickelt. Im Vordergrund steht die Echtzeit-Nutzung

von georeferenzierten Bild- und Video daten,

welche mit Mini- und Mikrodrohnen erfasst werden. |

Stephan Nebiker, Institut Vermessung und Geoinformation

Motivation

Zurzeit beobachten wir eine rasch steigende Zahl an stationären

und mobilen Geosensoren zur Überwachung von Umweltphänomenen

und Ereignissen mit räumlichem Bezug.

Das Spektrum reicht von sehr einfachen Temperatursensoren

bis hin zu Fernerkundungssatelliten. Parallel dazu haben

sich 3D-Geoinformationsdienste oder «digitale Globen» in

kurzer Zeit etabliert und dank Google Earth heute eine grosse

Verbreitung erlangt. Zu den Schwächen heutiger Lösungen

gehören die meist nicht aktuellen Inhalte, beispielsweise der

Luftbilddaten. Für eine künftige professionelle Nutzung sind

jedoch aktuelle Geodaten eine wichtige Voraussetzung.

Mit dem Forschungsprojekt Virtual Monitoring (ViMo) sollen

die bislang getrennten Welten der Geosensoren und der 3D-

Geoinformationsdienste kombiniert werden. Damit könnten

digitale Globen mit aktuellen und dynamischen Geodaten

ergänzt werden. Mögliche Einsatzszenarien reichen von der

Unterstützung der Einsatzleitung bei Umweltkatastrophen

wie Waldbränden, Überschwemmungen oder Erdbeben bis

hin zu zivilen und militärischen Sicherheitsaufgaben.

Digitaler Globus – i3D-Technologie der FHNW

Die Umsetzung des Projekts erfolgt auf der Basis der i3D-

Viewer-Technologie des Instituts Vermessung und Geoinformation.

i3D ist ein sehr leistungsfähiger, beliebig erweiterbarer

digitaler Globus. Mit der i3D-Technologie können

riesige Mengen hoch aufgelöster Luftbilder, Höhendaten, 3D-

Objekte und Points of Interest verarbeitet und über das Web

interaktiv visualisiert werden. Aufbauend auf dieser Technologie

werden nun auch Echtzeit-Geodaten wie beispielsweise

Video-Streams in den digitalen Globus integriert.

Mit der Schaffung einer kollaborativen virtuellen Umgebung

können die Inhalte des digitalen Globus neu von vielen Benutzern

gleichzeitig erfasst, ausgetauscht, visualisiert und

beurteilt werden. Die neue Kollaborationslösung des ViMo-

Projekts erlaubt zudem die Integration und Nutzung der verteilten

Geosensordaten in Echtzeit.

Echtzeit Video- und Bilddatenintegration

Speziell interessante mobile Geosensorplattformen sind zivile

Mini- oder Mikrodrohnen, welche die Möglichkeit bieten,

Video- oder Bildsensoren mitzuführen. Diese Videodaten sollen

nun in Echtzeit positioniert und in den digitalen Globus

integriert werden. In Kombination mit den beiden anderen

Projektkomponenten können auf diese Weise eine Überlagerung

der Videoaufnahmen der Realwelt mit dem virtuellen

Globus (Augmented Monitoring) oder eine völlig neuartige

Echtzeit-Kartierung realisiert werden.

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Projektteam: Stephan Nebiker, Hannes Eugster,

Martin Christen, Kevin Flückiger, Institut Vermessung

und Geoinformation, FHNW

Schlüsselwörter: Geosensoren | kollaborationsfähige

3D-Geoinformationsdienste | Digitale Globen | Augmented

Monitoring | Echtzeit-Videodatenintegration | Echtzeit-

Kartierung | Unmanned Aerial Vehicle (UAV)

Projektförderung: KTI-Nr. 8012.1 ESPP ViMo

Dauer: 20062008

Literatur:

– Eugster, H., Nebiker, S. (2007): Geo-Registration of Video

Sequences Captured from Mini UAVs – Approaches and

Accuracy Assessment. In: Mobile Mapping Technologies

Symposium MMT‚ Padua (IT), 29.– 31.05.2007.

– Eugster, H. (2007): Georegistrierung mittels Minidrohnen

erfasster Videosequenzen – Ansätze und Genauigkeitsanalyse.

In: Dreiländertagung 2007 der SGPBF, DGPF und

OVG, Muttenz (CH), 19.– 21.06.2007.

– Nebiker, S., Christen, M., Eugster, H., Flückiger, K., Stierli,

C. (2007): Integration von mobilen Geosensoren in

kollaborative virtuelle Globen. In: Dreiländertagung 2007

der SGPBF, DGPF und OVG, Muttenz (CH), 19.– 21.06.2007.

– Nebiker, S., Christen, M., Eugster, H., Flückiger, K., Stierli,

C. (2007): Integrating Mobile Geo Sensor Information Into

Collaborative Virtual Globes. In: Joint Workshop on

Visualization and Exploration of Geospatial Data,

Stuttgart (DE), 27.– 29.06.2007.


Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

Hochduktile kunststofffaserbewehrte Mörtel

Konventioneller Stahlbeton weist eine sehr niedrige Bruchdehnung

und als unmittelbare Folge davon eine hohe Neigung

zur Rissbildung auf. Seine Nutzungsdauer ist dadurch

begrenzt. Mit Kunststofffasern können diese nachteiligen

Materialeigenschaften so verbessert werden, dass ein duktiler,

dauerhafter zementgebundener Baustoff resultiert. |

Françoise Beltzung, Institut Bauingenieurwesen

Strain Hardening Cement Composite (SHCC)

Beton ist unser meistverwendeter Baustoff. Er hat allerdings

zwei wesentliche Nachteile: Beton ist spröde, d. h., er versagt

ohne Vorankündigung, und sein Widerstand gegen Zugbeanspruchung

ist relativ gering. Dies hat einen negativen Einfluss

auf die Dauerhaftigkeit von Stahlbetonbauteilen.

Hochduktile Mörtel mit Faserbewehrung sind Hochleistungswerkstoffe,

die unter Zugbeanspruchung eine Verfestigung

aufweisen und eine im Vergleich zu gebräuchlichem Beton

mehr als 300-mal höhere Bruchdehnung besitzen. Die Fasern

sind entweder aus Stahl oder – wie im Projekt untersucht

– aus einem Kunststoff mit hohem E-Modul.

Die Bruchdehnung von verstärktem Beton liegt zwischen 1

und 3 Prozent und hängt davon ab, wie fein der verwendete

Sand ist. Statt einem einzigen breiten Riss, der das Eindringen

von Schadstoffen begünstigt, entstehen beim faserverstärkten

Beton (SHCC) mehrere feine Risse – man bezeichnet

dies als multiple Rissbildung –, die nur geringfügig die Permeabilität

des Werkstoffes erhöhen. Ein Teil des Projektes

befasst sich mit der Optimierung der Mörtelzusammensetzung.

Ziel ist, mit einem möglichst groben Sand eine Rissbreite

von weniger als 80 Mikrometern zu erreichen.

RILEM-Zugversuch

Die Reproduzierbarkeit von Zug-Dehnungs-Messungen in

Laborversuchen ist eine notwendige Voraussetzung für die

Forschung. Ein zweites Teilprojekt befasst sich mit der Entwicklung

einer Prüfvorrichtung für den direkten Zugversuch.

Der direkte Zugversuch liefert – im Gegensatz zum Biegezugversuch

– eine Materialkonstante, welche für die Dehnbarkeit

des Mörtels und die Voraussage von Rissbildung

grundlegend ist. Es gibt zum heutigen Zeitpunkt noch keine

Prüfvorschriften. Die Projektgruppe beteiligt sich daher an

der Erarbeitung eines normierten Zugversuches im Rahmen

der RILEM-Kommission TC 208-HFC.

Anwendungsmöglichkeiten

Die Entwicklung von hochduktilem Mörtel bietet qualitativ

neue, vielfältige Möglichkeiten in Bezug auf Konstruktion

und Instandsetzung von Betonbauteilen. Dies sind zum Beispiel

schlanke Bauteile (Fussgängerbrücken), Elemente für

stossartige, energiereiche Beanspruchung (Erdbebenvorsorge),

Elemente für hohe Ermüdungslast (Brückenbau), Elemente

für das Bauen in aggressiver Umgebung, Bauteile für

eine lange Nutzungsdauer (Tunnelröhren) oder hochduktile

Reparaturmörtel.

Zukünftige Projekte

Geplant ist die Messung der Permeabilität auf einem Probekörper,

der unter zunehmender Zugbeanspruchung steht, mit

einer Miniatur-Zwei-Kammer-Saugvorrichtung.

Projektteam: Peter Gonsowski, Harald Schuler,

Françoise Beltzung, Thomas Wenk, Theo Walser, Institut

Bauingenieurwesen, FHNW | externe Begleitung durch

Folker H. Wittmann, Aedificat Institut Freiburg und

Qingdao Institute of Architecture and Engineering

Schlüsselwörter: SHCC | Rissbildung | Dauerhaftigkeit

Projektförderung: Das Projekt wird durch Mittel der

FHNW und durch Drittmittel getragen.

Dauer: 2005 – 2010

Literatur:

– Beltzung, F., Wittman, F. H. (2005): Colloidal Mechanisms

of Hygral Volume Change of Hardened Cement Paste.

In: Pijaudier-Cabot, G., Gérard, B., Acker, P. (Eds.): Proceedings

of Concreep 7, Nantes (FR).

– Beltzung, F., Wittman, F.H. (2005): Role of disjoining

pressure in cement based materials. Cement and

Concrete Research, Vol. 35, p. 2364 – 2370.

– Wittman, F.H., Beltzung, F., Meier, S. (2005): Shrinkage of

Water Repellent Treated Cement-Based Materials.

In: Proceedings of Hydrophobe IV, Aedificatio Publishers,

p. 213 – 222.

– Wittman, F.H., Yong-zehn Xian, Tie-jun Zhao, Beltzung, F.,

Giessler, S. (2006): Drying and Shrinkage of Integral Water

Repellent Concrete. In: Restoration of Buildings and

Monuments, Aedificatio Publishers, Vol. 12.


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«Technology as material». Technologie als Apparatur für die wissenschaftliche Untersuchung des Entwurfs.


Hochschule für Gestaltung und Kunst

«Ausgehend von einer praktischen Fragestellung

führen wir gestalterische Praxis, künstlerische Exploration

und wissenschaftlichen Diskurs zusammen.»

Martin Wiedmer, Leiter Institut Design- und Kunstforschung

26 Design und Kunst

27 Inszenierung des öffentlichen Raumes

Untersuchung inhaltlich-gestalterischer Aspekte im virtuell erweiterten Raum

30 Living-room2 – experience your habitat!

31 Owning Online Art: Begleitende Forschung zur Gründung einer

Netzkunst-Galerie

32 Experimentelle Bildforschung

33 Versodesign – Soziales Netzwerk für Designprodukte

24 | 25


Hochschule für Gestaltung und Kunst

Design und Kunst

Das Institut Design und Kunstforschung stellt die Entwurfs- und

Entscheidungskompetenzen, das implizite Handlungswissen

von Designerinnen und Designern, von Künstlerinnen und Künstlern

ins Zentrum des Erkenntnisinteresses.

Der Begriff Design grenzt sich ab vom

Entwerfen als blosser Formgebung industriell

gefertigter Produkte. Design

und Kunst sind weder (kunst-)handwerklich

geprägtes Verzieren von Produkten,

sie sind auch nicht Dienende

der Wirtschaft oder Vertretende der

Nutzenden; auch versprechen sie der

Gesellschaft nicht einfach Glück, noch

dienen sie dem trendigen Hip- und Hop-

Styling.

Design- und Kunstforschung setzen

sich mit Prozessen auseinander; die

Produkte bleiben zunächst bewusst

sekundär: «Das angeblich zentrale Produkt

des Entwerfens, das Artefakt, fehlt

hier», meint Wolfgang Jonas zur Design-

System-Theorie. «Aus meiner Sicht sind

Artefakte kontingente Materialisierungen

in dem endlosen Prozess, welche

bestenfalls retrospektiv (zweifellos mit

Nutzen für weitere Projekte) interpretiert

werden können.»

Die zentrale These lautet: Die «designerly

ways of knowing» und die «artistic

ways of knowing» sind die «unique selling

and scientific position» von Gestaltung

und Kunst. Forschung stellt dieses

implizite Wissen über offene, unsichere,

riskante, emergente, pluridisziplinäre

Prozesse in den Mittelpunkt von wissenschaftlichen

Untersuchungen und

macht die entsprechenden Kompetenzen

verhandelbar und als Ausgangslage

für Innovationsprozesse nutzbar.

«Research through design and art»

oder «inquiry by design and art» ist ein

fundamentaler methodischer Ansatz,

der davon ausgeht, dass wesentliche

wissenschaftliche Erkenntnisse durch

künstlerisches und gestalterisches Tun

erlangt werden können. Unterscheidungen

zwischen Theorie und Praxis,

Denken und Machen, explizit und im-

plizit, Grundlage und Praxisorientierung

vermischen sich bei dieser Herangehensweise.

Das soll nicht darüber

hinwegtäuschen, dass erheblicher Bedarf

besteht an so genannter Forschung

über Design und Kunst – nur schon deswegen,

«da es keinen Beruf gibt, der sich

mit Theorie und Geschichte des Design

beschäftigt, so wie der Kunsthistoriker

seinen festen Platz in der heutigen Kultur

und Wissenschaft hat» (Otl Aicher).

Design und Kunst haben immer einen

Gegenstand; künstlerische und gestalterische

Forschung, insbesondere im

wirtschaftlichen Kontext, ebenso. Das

Institut Design und Kunstforschung

untersucht im oben beschriebenen Rahmen

die Grundlagen von Prozessen in

Gestaltung und Kunst: die materielle

Grundlage am Beispiel von Technologie

zum einen, die mediale Grundlage am

Beispiel des Bildes zum anderen und

als Drittes den Raum als Schnittstelle

zwischen den beiden erstgenannten

Grundlagen.

Die Verbindung von Technologie und

Design ist fundamental; die vor allem

im deutschsprachigen Raum stattfindende

Polarisierung zwischen technologischem

und gestalterischem Denken

ist kontraproduktiv. Anhand von Mixed-

Reality-Verfahren – der Simulation von

Wirklichkeiten mit Hilfe des Computers

– werden Szenarien entworfen und evaluiert.

Damit werden Design und Kunst

zum Fördernden von «experimenteller

Technologiepolitik». Die Projekte in diesem

Feld heissen etwa LivingRoom1, LivingRoom2

oder LifeClipper2.

Die Hochschule für Gestaltung und

Kunst ist aber auch ein Kompetenzzentrum

für die Produktion von Bildern.

Dieses Wissen über die Entstehung von

Bildern, über die Möglichkeiten des

Erkenntnisgewinns durch Bildproduktion

– also «research through design

and art» – steht im Zentrum der Kooperation

mit der Universität Basel und

dem Nationalen Forschungsprogramm

eikones. Die Projekte in diesem Feld

heissen beispielsweise The Living Memory

sowie Architektur und Film.

Angesprochen von Design- und Kunstforschung

sind Designerinnen und De-

signer, Künstlerinnen und Künstler der

Kreativwirtschaft, Firmen, Verwaltungen

und weitere kulturelle und öffentliche

Institutionen. Für sie bedeutet die

Design- und Kunstforschung die Chance,

zentrale Fragen und Themen mit Innovationspotenzial,

die oft nicht oder aus

zeitlichen Gründen nur ungenügende

Bearbeitung erfahren, zu vertiefen und

im Austausch mit einer Scientific Community

zu untersuchen.

Martin Wiedmer

Institut Design- und Kunstforschung


Inszenierung des öffentlichen Raumes

LifeClipper2 ist ein Design-Forschungsprojekt, das in interdisziplinärer

Zusammenarbeit mit Forschungs- und Wirtschaftsinstitutionen

das Potenzial von Augmented Reality für Tourismus,

Stadtplanung oder Projektvisualisierungen untersucht.

cR Kommunikation AG, Basel

Abbildung 1: Animierte virtuelle Einspielung zur audiovisuell entfremdeten Realität

Die Augmented-Reality-Technologie ist Teil einer rasanten

Entwicklung, die auf die unsichtbare Integration von Computern

in unseren Alltag zielt. Sie ergänzt und erweitert (augmented)

die physische Umwelt mit virtuellen Einspielungen.

Während Technologien, die sich nur mit der virtuellen Welt

befassen, in der Sterilität einer künstlichen Studiosituation

verharren, liegt die Faszination von Augmented Reality in der

Reibung mit dem unkontrollierten realen Raum. Für das Zusammenspiel

von Technologie und Design bricht damit eine

neue Ära an. LifeClipper2 untersucht in diesem Forschungskontext

das inhaltlich-gestalterische Potenzial von Medieninszenierungen

im Aussenraum und die dafür notwendigen

Prozesse und Systeme. Eine ausgeklügelte Ausrüstung ermöglicht

den Spaziergängerinnen und Spaziergängern am

inszenierten Ort virtuelle Elemente zu sehen und zu hören,

die subtil in den realen Kontext eingeflochten sind.

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Schwer bepackt mit einem Rucksack von technischen Geräten,

mit Kopfhörern auf den Ohren und einer Art Fernbedienung

in der Hand spaziere ich der Basler Nordtangente

entlang und sehe die Welt durch zwei Bildschirme, die

– Brillengläsern gleich – direkt auf meiner Nase sitzen. Schon

bald wird sich meine imposante Ausstattung auf eine smarte

Brille reduzieren. Unvermittelt trete ich in eine Geräuschkulisse

von Vogelgezwitscher, archaischem Stimmengewirr

und knisterndem Feuer, die sich über das feierabendliche

Stadtrauschen legt. Linkerhand, mitten auf der Fahrbahn,

taucht eine karge Hütte aus Holz und Lehm auf und dann

noch eine. Ein Laster dröhnt durch die Idylle. Ich gehe vorsichtig

weiter, die Siedlung liegt bald neben, bald hinter mir.

Neugierig erkunde ich die verschiedenen Perspektiven auf

die Vergangenheit der am realen Fundort virtuell rekonstruierten

Keltensiedlung.


Hochschule für Gestaltung und Kunst

Mit LifeClipper2 wird es möglich, virtuell aufgebaute Gebäude,

Bilder und Klänge in den Kontext einer realen Landschaft

zu stellen. Technisch basiert das System auf einer tragbaren

Computerausrüstung mit GPS und anderen Sensoren. Ein

Head-Mounted-Display, eine Art Brille mit Kameras, Mikrofon

und Kopfhörern, spielt je nach Standort Informationen

ins Wahrnehmungsfeld der Spazierenden ein. Die aufgenommenen

Bilder und Geräusche werden in Echtzeit bearbeitet

und mit audiovisuellen Elementen ergänzt. Auf ihrem Gang

durch das inszenierte Terrain rufen die Spazierenden Medienelemente

wie Fotos, Videos oder Tonaufnahmen ab. Sie können

die Inszenierung durch die Veränderung ihrer Position,

ihrer Blickrichtung und durch verschiedene Gehgeschwindigkeiten

beeinflussen. Die Koordinaten der virtuellen 3D-

Welt werden mit denen der realen Welt aufgrund von Position

(x, y, z) und Blickrichtung (u, v, w) des Nutzers geeicht, was

sechs Freiheitsgrade der interaktiven Partizipation schafft.

Dies macht es möglich, narrative Elemente wie Bild- oder

Klangsequenzen räumlich zu positionieren und präzise im

Kontext der realen Landschaft zu verankern.

Auf dem Rückweg, am Eingang des Novartis Campus, wird

die halb transparente Hülle eines Pavillons sichtbar. Ein bisschen

fühlt es sich an, als wäre ich ein leibhaftig gewordener

Cursor, als hätte sich das zweidimensionale Desktop meines

Computers zu einer dreidimensionalen Welt aufgeklappt

und Bildschirm-Icons wären plötzlich räumlich greifbar. Ich

navigiere mich selbst durch die Pavillon-Wand. Vom Innern

des virtuellen Raumes aus wird der Blick auf die bestehenden

Bauten des Areals von eingespielten Gebäudestrukturen

überlagert. Eine sympathische Stimme aus dem Off, die

sich plötzlich in meinen Live-Film einschaltet, erklärt den

auf lange Sicht angelegten Masterplan des Novartis Campus.

Mit dem Handgerät, einer Art Fernbedienung mit zwei

Tasten, zappe ich durch verschiedene Optionen der Bildtransparenz

und wähle schliesslich «Lift»: Wie in einem

unsichtbaren Fahrstuhl schwebe ich die Etagen hoch über

die virtuell gebaute Stadt und blicke schliesslich auf die Zukunft

unter mir. Das ist fantastisch und so schwindelerregend,

wie man sich das Leben in zwei Zeiten vorstellt. Der

neugierige Blick einer Passantin holt mich auf den Boden

der Realität zurück.

Die gestalterische Herausforderung von LifeClipper2 liegt

darin, die Verschmelzung von virtueller und realer Welt so

wirklichkeitsnah wie möglich zu machen und die Augmented

Reality besucherfreundlich einzurichten. Dazu Jan Torpus,

Projektleiter Gestaltung und Inhalt: «Indem wir Strukturen

wie Schnitttechnik oder räumliche Konzeptionen aus

etablierten Medien wie Film oder Architektur transferieren,

entwickeln wir für die Augmented Reality eine audiovisuelle

Sprache. Unser Ziel ist die Entwicklung einer Dramaturgie in

Zeit und Raum, die der interaktiven Partizipation der Nutzenden

wie Verweilen am Ort, Richtungswechsel, Wahl des

Weges, etc. gerecht wird.» Im visuellen Bereich gehören Farbe,

Form, Helligkeit, Transparenz oder die örtliche und zeitliche

Positionierung von Bildelementen zu den Gestaltungsmitteln,

im akustischen Bereich sind dies Lautstärke, Tonhöhe und

die Möglichkeit, Klangwelten wie Bilder in den 3D-Raum zu

stellen. Ausgangspunkte der Inszenierung bilden entweder

der räumliche und zeitgeschichtliche Kontext eines Kultur-

Abbildung 2: Blick von der Basler Dreirosenbrücke in den virtuell

inszenierten Raum

guts oder das freie Spiel mit der Wahrnehmung. Neben der

Ausarbeitung von adäquaten Gestaltungsformen für Inhalte

im Bereich Tourismus, Stadtplanung und Projektvisualisierungen

hat das Forschungsprojekt zum Ziel, verschiedene

Wahrnehmungserlebnisse und -qualitäten im 3D-Raum zu

untersuchen. Damit wird das Projekt in einen medientheoretischen

Diskurs eingebunden. Die Forschungsmethodik, die

bei LifeClipper2 eingesetzt wird, ist der in der Designforschung

gängige Ansatz des «research through design» (im Gegensatz

zu «research about design»). Ausgewählte Szenarien

in der Augmented Reality – Visualisierungen von archäologischem

Wissen, städtebauliche Projekte oder Wahrnehmungsexperimente

– vereinen als komplexe Gefüge verschiedene

inhaltliche und gestalterische Aspekte und definieren die

technischen Anforderungen. Anstelle von Produkten werden

Erlebnisse entwickelt. In einzelnen Fallstudien werden zusätzlich

entscheidende Parameter wie beispielsweise Licht,

Schatten und Bildtransparenz untersucht. Dafür wird zurzeit

ein Handgerät eingesetzt.

Die Erschliessung von Augmented Reality für kommerzielle

Anwendungsbereiche und die Herstellung der dafür notwendigen

technischen Ausrüstung sind die primären wirtschaftlichen

Ziele von LifeClipper2. Dank eines existierenden Funktionsmodells

aus dem Vorgängerprojekt, dem Kunstprojekt

LifeClipper, und der Arbeit am Simulator kann die Erarbeitung

der inhaltlich-gestalterischen Prozesse von Beginn weg

parallel zur technischen Entwicklung verlaufen. Während es

sich beim Kunstprojekt LifeClipper um eine freie künstlerische

Interpretation der Augmented Reality handelt, untersucht

LifeClipper2 deren Potenzial für kommerzielle Nutzungen.

Die geistigen Väter von LifeClipper und Life Clipper2 sind

Jan Torpus und Nikolas Neecke. Der Designer und Künstler

Jan Torpus ist am Institut für Design- und Kunstforschung

der HGK FHNW tätig und unterrichtet am Institut Mode-

Design der HGK FHNW. Von ihm stammen die Ideen für Life-

Clipper und LifeClipper2 und deren gestalterische Konzeption.

Der Audiodesigner Nikolas Neecke hat die 3D-Klangwelten

von LifeClipper und LifeClipper2 entwickelt.

Das Projekt LifeClipper2 ist in die drei Forschungsbereiche

Gestaltung, Technik und Kontext unterteilt und wird von Forschenden

der FHNW (Design, Elektrotechnik und Geomatik),

des Instituts für Informatik der Uni Basel, vom Hauptwirtschaftspartner

iart interactive ag, der cR Kommunikation AG


und anderen Wirtschaftsakteuren unterstützt – ein gelungenes

Beispiel interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Am Aufgang zur Dreirosenbrücke begrüsst mich Herr Zimmerli.

Der langjährige Novartis-Mitarbeiter schildert, wie

das Areal ausgesehen hat, als die Tram-Haltestelle noch

Sandoz hiess und er zur Pforte 87 ging, um seinen Arbeitstag

anzutreten. Zimmerlis Erzählung ist mit eingespielten

Bildern illustriert, die scheinbar im Raum schweben. Ich

trete nahe an sie heran. Die Fabrikszenen aus vergangenen

Tagen erscheinen mir präsenter als das Novartis-Hochhaus

auf der anderen Seite des Rheinufers, dessen Fensterfassade

im Licht der Abendsonne merkwürdig zwischen Grau

und Perlmutt changiert. Inszeniert oder echt? Weiter vorne

drängen sich Gebäude- und Geländemodelle, geplante

Bauten für den Novartis Campus und Wettbewerbsprojekte

für die Neugestaltung des Rheinufers, in mein Gesichtsfeld.

Zwar sind die Einspielungen nur modellhaft umrissen – in

Zukunft wird ein höherer Präzisierungsgrad möglich sein –,

trotzdem ist es eindrücklich, die geplanten Volumen und

Landschaften an ihrem Bestimmungsort in der Stadt zu erleben.

Die Dimensionen und der räumliche Bezug zur Stadtumgebung

werden auf eine Weise fassbar, wie dies kein

Valentin Spiess, iart interactive ag

«Wir rechnen damit, dass in den nächsten zwei bis fünf Jahren

weltweit eine signifikante Nachfrage für Augmented-

Reality-Guides entstehen wird. Anhand eines Prototyps

und ortsspezifisch realisierter Inhalte wollen wir mit Life-

Clipper2 das Potenzial dieser Guides für den Einsatz im Tourismus

und bei Projektentwicklungen ausloten.»

Stefan Batzli, cR Kommunikation AG

«Wir beobachten mit grossem Interesse, wie mit lokativen

Medieninszenierungen eine neue Art der Informationsvermittlung

erschlossen wird. LifeClipper2 zeigt, wie durch das

wirkungsvolle Zusammenspiel von Gestaltung und Technik

ein echter Mehrwert an Information und Erlebnis generiert

werden kann.»

Thomas Waltert, Baudepartement des Kantons

Basel-Stadt

«Der Kanton stellt neben Know-how Archivmaterial und

GIS-Daten zur Verfügung. Er rechnet mit einem erheblichen

Nutzen aus dem Projekt dank der medialen Aufbereitung

und Verfeinerung von GIS-Daten und der Visualisierung von

städtebaulichen Szenarien.»

Norbert Spichtig, Archäologische Bodenforschung,

Kanton Basel-Stadt

«Das Projekt LifeClipper2 wird unser breites Angebot für

die Öffentlichkeit auf eine neue Art erweitern. An den Orten,

wo keine originalen Zeugnisse der Vergangenheit erhalten

oder der Öffentlichkeit zugänglich sind, kann mitten aus der

heutigen Lebenswelt eine Zeitreise angetreten werden. Die

heutige Lebenssituation wird dadurch mit der Vergangenheit

oder mit Zukunftsszenarien verknüpft und konfrontiert.

Jahrhunderte der Geschichte der Stadt Basel werden erlebbar

gemacht

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virtueller Gang durch ein Modell ermöglichen könnte. Nur

ungern lege ich die Ausrüstung wieder ab und kehre ganz

ins Hier und Jetzt zurück. Und doch – mein Eintauchen in

die virtuell-reell fusionierte Welt hat auch die reale Umgebung

in ein neues Licht getaucht.

Die Forschung mit Augmented Reality hat zwar wie diejenige

mit Virtual Reality vor rund 20 Jahren begonnen; Letztere

wurde aber zuerst stärker gefördert. Erste konkrete Anwendungen

hat die Augmented-Reality-Technologie im Bereich

medizinischer Visualisierung und Simulation, aber auch im

Militär und in der Auto- und Flugzeugindustrie erfahren. Die

Nutzung von Augmented Reality für Unterhaltung, Tourismus

oder Computerspiele wurde erst in den letzten Jahren

zum Thema. Inzwischen gibt es verschiedene Ansätze, Konsolenspiele

für die Augmented Reality zu adaptieren oder

Kulturgüter virtuell zu bespielen. Im Kontext der Forschung

sticht bei LifeClipper2 der Grad der Bearbeitung des Realweltbildes

in Echtzeit heraus, der das Verschmelzen von realer

und virtueller Welt und das Erlebnis des Eintauchens in

einen Live-Film erst ermöglicht.

Augmented Reality ist ein neues Medium, um Informationen

dort zu gestalten und zu präsentieren, wo sie die volle

Beachtung haben: im Fokus der visuellen und akustischen

Aufmerksamkeit. Neben der gleichzeitigen Darstellung von

Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem macht Life-

Clipper2 Facetten und Beziehungen sichtbar, die für unsere

Wahrnehmung normalerweise verborgen bleiben. Durch die

Veränderung der gewohnten Sichtweise wird «die Realität»

in ihrer mannigfaltigen Reichhaltigkeit inszeniert, und die

Routine alltäglicher Situationen wird zu einem multikontextuellen

Erlebnis.

Projektteam: Jan Torpus, Martin Wiedmer, Nikolas

Neecke, Vera Bühlmann, Lucas Gross, Institut Design- und

Kunstforschung, FHNW | Karl Schenk, Laszlo Arato,

Martin Widmer, Simon Keller, Daniel Senn, Steffen Heinrich,

Samuel Walder, Institut für Mikroelektronik FHNW |

Stephan Nebiker, Institut Vermessung und Geoinformation

FHNW | Forschungsgruppe Burkhart, Departement

Informatik, Universität Basel | Sandra Luzia Schafroth,

cR Kommunikation AG, Basel / Lichtspiele GmbH

(Projektleitung und Kommunikation) | Archäologische

Bodenforschung, Kanton Basel-Stadt | Emil Annen,

Universität St. Gallen | Gaggini Anwälte, Zürich | Grundbuch

- und Vermessungsamt Kanton Basel-Stadt |

HHF Architekten, Basel | Hochbau- und Planungsamt,

Baudepartement, Kanton Basel-Stadt | iart interactive ag,

Basel | Novartis International AG | Point de Vue, Basel |

Stadtmarketing Basel

Projektkooperationen: Swiss Design Network

Schlüsselwörter: Augmented Reality | Hybridised

Environment | Reactive Environment | Lifelogging

Reality | Locative Media | Tracking | Sensing | Realtime |

Ubiquitous Computing | Pervasive Computing | Entertainment

Technology | Eexperience Design | Archäologie |

Architektur visualisierung

Projektförderung: KTI-Nr. 8472.1 ESPP-ES

Dauer: 20062008

Weitere Informationen: www.lifeclipper.net


Hochschule für Gestaltung und Kunst

Living-room2 – experience your habitat!

Augmented Reality erlaubt, virtuelle Elemente zu sehen und

zu hören, die in einer physischen Umgebung eingebettet sind.

Mit dem Projekt Living-room2 wird untersucht, welche visuellen,

akustischen und haptischen Voraussetzungen erfüllt

sein müssen, damit eine glaubwürdige Vereinigung von realer

und virtueller Welt möglich wird. In einem physischen

Labor, der Nachbildung eines Wohnzimmers, sollen diese

Fragen beantwortet werden. Dabei geht es auch darum, das

Selbstverständnis von Designberufen weiterzuentwickeln. |

Jan Torpus, Institut Design- und Kunstforschung

Die Virtual-Reality-Idee der Generation der Neunzigerjahre,

die den körperfreien, materiallosen Hyperspace proklamierte,

gehört der Geschichte an. Mit Ubiquitous Computing wird

der Spiess umgedreht und die Auflösung des Computers und

seine unsichtbare Integration in unseren Alltag eingeleitet.

Augmented Reality (AR) ist als Teil dieser Entwicklung

zu verstehen. Bei AR wird die physische Realität von einer

virtuellen Realität überlagert. Das System erlaubt, virtuelle

Elemente zu sehen und zu hören, die in der physischen

Umgebung eingebettet sind. Damit AR den Durchbruch in

unseren Alltag schafft, sind die visuellen, akustischen und

haptischen Faktoren für eine glaubwürdige Vereinigung und

die Anwenderfreundlichkeit zu untersuchen und die daraus

resultierenden Anforderungen zu definieren.

Das Setup des physischen Labors ist die Nachbildung eines

Wohnzimmers. In diesem Studioraum können sich die Besucherinnen

und Besucher mit einem Head-Mounted-Display

frei bewegen. Sie können Szenarien abrufen und mit virtuellen

Elementen, dem Raum und dessen Mobiliar interagieren.

Auf diese Weise wird der Raum ein Hybrid zwischen immersivem

Film und interaktiver Tapete. Living-room2 bezieht

sich auf eine zukünftige Haushaltskultur mit neuen Möglichkeiten

des Konsums.

Als Methode werden Szenariotechniken eingesetzt. Sie entsprechen

einem Ansatz des «research through design»: Nicht

Werkzeuge für den Entwurfsprozess werden entwickelt, sondern

das potenzielle Erlebnis durch AR-Technologien wird

erfahrbar gemacht.

Das Potenzial für Designberufe soll nicht einfach mit neuen

Techniken ergänzt werden, sondern eine Weiterentwicklung

der Berufsauffassung und die Neudefinition der medial-materiellen

Dimension sollen herbeigeführt werden.

Welche physischen Elemente könnten durch virtuelle ersetzt,

erweitert oder verbessert werden? Welche Elemente können

die Verbindung zwischen den Welten herstellen? Welche gestalterischen

Mittel unterstützen die Durchmischung und

machen sie zum glaubhaften Erlebnis?

Menschliche Tätigkeit und Wahrnehmung im gewohnten

Raum, nicht repräsentative Abstraktion am Bildschirm sind

der Schlüssel zur Kreuzung zwischen der reellen und der virtuellen

Welt. Informationen werden zu Erlebnissen geformt

und können mit intuitiven Interfaces zugänglich gemacht

werden. Das Mobiliar des physischen Raumes, bestückt

mit Sensoren, ist deswegen ein wichtiges Interface. Bei

Living-room2 wird bewusst auf die immersive Form mit einem

Head-Mounted-Display gesetzt, dürfte sich dieses Gerät

doch schon bald zum sportlich-modischen Gebrauchsartikel

weiterentwickeln.

Die Designerin bzw. der Designer soll am Innovationsprozess

teilhaben, indem sie oder er mit der Simulation einer zukünftigen

Auftragssituation technische Schwachstellen, menschliche

Bedürfnisse und unbeachtete Potenziale aufdeckt.

Living-room2 ist eine Inszenierung, die den Betrachter interaktiv

in den Prozess einbezieht. Die Living-room2-Box

ist sowohl Entwicklungslabor, Ausstellungsobjekt wie auch

Showroom. Die zweimonatige Ausstellung im Museum für

Kommunikation in Bern diente unter anderem der Evaluation

der Besuchenden. Die methodischen Ansätze der Szenariotechnik,

der Strukturierung und des Aufbaus eines Design-

Vokabulars und einer technischen Toolbox zur Szenarioentwicklung

werden exemplarisch überprüft und können auf

andere gestalterische Bereiche übertragen werden.

Projektteam: Jan Torpus (Projektleitung) | Roderick

Galantay Bennet Uk, Fabien Barati, Alex Schaub, Deanna

Herst, Institut Design und Kunstforschung, FHNW

Schlüsselwörter: Augmented Reality | Hybridised

Envi ronment | Reactive Environment | Lifelogging

Reality | Tracking | Ubiquitous Computing | Entertainment

T echnology | Narrative | Experience Design |

Design Fiction

Projektkooperationen: Valentin Spiess, i-art |

Martin Guggisberg, Departement Informatik, Universität

Basel | Beatrice Tobler, Museum für Kommunikation Bern |

Annette Schindler, plug.in, Art and New Media | Ralf

Michel, Swiss Design Network

Dank an: Reinhard Gottwald, Reto Stibler,

Institut Vermessung und Geoinformation, FHNW | Andreas

Simon, Institut Design- und Kunstforschung, FHNW

Projektförderung: DoRe / SNF Nr. 13DPD3-107607/1

Dauer: 2005 – 2007

Weitere Informationen: http://projekte.idk.ch/livingroom


Owning Online Art: Begleitende Forschung zur

Gründung einer Netzkunst-Galerie

Das Projekt «Owning Online Art» begleitet die Gründung einer

Online-Galerie, die sich bei ihrer Tätigkeit auf Projekte

der Netzkunst, auf räumliche, internetbasierte Installationen

und auf computergenerierte filmische Formen konzentriert.

Die Forschung versteht sich als Vorbereitung eines wirtschaftlich

tragfähigen Geschäftsmodells. Untersucht werden

kulturelle, juristische und ökonomische Rahmenbedingungen

von netzbasierter Kunst. | Reinhard Storz, package

deal | Isabel Zürcher, Institut Design- und Kunstforschung

Die bildende Kunst reflektiert mediale Veränderungen und

experimentiert mit neuen Bildtechnologien. Die Netzkunst

ist eine junge Kunstgattung, welche sich das Internet zu eigen

macht, um inhaltlich und formal dessen Ausdrucksmöglichkeiten

zu erproben. Institutionen und Kunstkritik, vor

allem aber auch der Kunstmarkt reagieren auf Erneuerungen

zögerlich, eine Erfahrung, die bereits bei älteren «neuen

Medien» wie Fotografie oder Video gemacht wurde. Das Fehlen

eines Originals und das damit zusammenhängende Verständnis

von exklusivem Eigentum stehen im Widerspruch

zur weltweiten Öffentlichkeit des Internets; die Programmierung

und technische Betreuung netzbasierter Werke stellt

neue Herausforderungen restauratorischer und konservatorischer

Art; und schliesslich fehlt es an rezeptionsästhetischen

Konventionen, auf die sich die Kunstsammelnden und

Ausstellungsmacherinnen und -macher berufen könnten.

Das Forschungsprojekt Owning Online Art begleitet die

Gründung einer Online-Galerie, welche sich des Problems

der Entkoppelung von netzbasierter Kunst aus dem ökonomischen

Kreislauf annimmt. Unter dem Namen «package deal»

fokussiert diese Galerie ihre Tätigkeit auf Projekte der Netzkunst,

auf räumliche, internetbasierte Installationen und auf

computergenerierte filmische Formen, die sich im Internet

abspielen lassen. Neben dem Verkauf einzelner Arbeiten versteht

sich die Galerie auch als Agentur zur Vermittlung von

Werkaufträgen an Netzkünstlerinnen und Netzkünstler und

zur Betreuung von Online-Ausstellungen.

Die vom KTI unterstützte Forschung versteht sich als Vorbereitung

eines wirtschaftlich tragfähigen Geschäftsmodells.

Untersucht werden kulturelle, juristische und ökonomische

Rahmenbedingungen von netzbasierter Kunst. Auf Basis von

medienspezifischen Aspekten der Produktion, Distribution,

von Copyright, Autoren- und Besitzrechten werden Modelle

für Lizenz- und Kaufverträge entwickelt. Die Entwicklung

eines Businessplans für «package deal» befasst sich unter

anderem mit Formen der Wertschöpfung, wie sie das Internet

hervorgebracht hat: Im Kontext von netzbasierten Arbeiten

ist danach zu fragen, ob etwa die Open-Source-Bewegung

ein System der Distribution entwickelt hat, das für Netzkunst

tauglich wäre. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit

(Wirtschaft, Technik, Kunstwissenschaft) orientiert sich an

vier konkreten künstlerischen Arbeiten. Gemeinsam mit den

Künstlerinnen und Künstlern und dem Gründer-Team der

Galerie erarbeitet «Owning Online Art» verkäufliche Werkpakete,

in denen Fragen des Besitzes, der Reproduzierbarkeit

und der konservatorischen Pflege geregelt sind.

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Projektteam: Markus Schwander (Projektleiter FHNW),

Simon Grand, Esther Hunziker, Felix Stalder, Beo von Arx,

Isabel Zürcher, Institut Design und Kunstforschung,

FHNW | Reinhard Storz (Projektleiter), Annette Schindler,

package deal, Basel | Rachel Mader, Peter Schneemann,

Institut für Kunstgeschichte, Universität Bern | Tabea Lurk,

Aktive Archive, Bern | Annette Schindler, plug-in, Basel |

Bundesamt für Kultur, Bern | Roman Kurzmeyer, Sammlung

Ricola | Stephan Kunz, Aargauer Kunsthaus, Aarau

Schlüsselwörter: Kunst | Internet | Netzkunst | Digitale

Medien | Kunstmarkt | Ökonomie

Projektförderung: KTI-Nr. 8449.2 ESPP-ES

Dauer: 20072009

Weitere Informationen: http://www.hub3.org


Hochschule für Gestaltung und Kunst

Experimentelle Bildforschung

Die bestehende Kooperation zwischen dem Nationalen Forschungsschwerpunkt

eikones und der Hochschule für Gestaltung

und Kunst hat zur Erschliessung eines eigenen Forschungsfeldes

geführt: Gefragt wird nach den Möglichkeiten

einer experimentellen Bildforschung, mit einem Schwerpunkt

auf Konzepte des Entwerfens. | Nicolaj van der Meulen, Institut

Design- und Kunstforschung

Die Kunstgeschichte schenkte über Jahrzehnte hinweg der

Fotografie, den Bildern des Entwurfs und Grafikdesigns wenig

Beachtung. Erst die seit rund zehn Jahren bestehende

Bildwissenschaft gelangte zu der Erkenntnis, dass die Frage

nach der ubiquitären Macht der Bilder wesentlich mit den

oben genannten Bildern zu tun hat. Die hierin begründete Kooperation

der Hochschule für Gestaltung und Kunst mit dem

Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) eikones führte zur

Entwicklung einer fachhochschulspezifischen Forschungsfrage,

die ihren Blick auf den Erkenntnisgewinn durch das

Machen von Bildern richtet.

Die Möglichkeiten der Wissensproduktion durch das Bildermachen

lassen sich nur entlang von Einzelprojekten prüfen.

Bei diesen soll es weniger um Technologieentwicklung und

ebenso wenig um den Erwerb eines rein künstlerischen Wissens

gehen, nach dem jedes Kunstwerk durch einen Akt des

Forschens gekennzeichnet wäre. Unser Forschungskonzept

siedelt sich zwischen diesen Polen an: Es entwickelt an konkreten

Einzelfragen Experimentalsysteme nach gestalterischen

Gesichtspunkten. Das Gestalten wird gleichsam zur

Labortätigkeit. Drei Einzelprojekte befinden sich in einer intensiven

Konzeptionsphase:

1. Das dokumentarische Bild

Obwohl heute umfangreiche technologische Mittel zur Dokumentation

urbanistischer Veränderungen zur Verfügung stehen,

hat das Wissen um Konzepte und Gestaltungsmöglichkeiten

des Dokumentierens mit jenen Entwicklungen kaum

Schritt gehalten. Ausgehend von dem am IDK angesiedelten

Dokumentationsprojekt Novartis Campus, werden die gestalterischen

Möglichkeiten des Dokumentierens erkundet. Wie

lassen sich durch das Erzeugen von Bildern breite Konzepte

des Dokumentierens entwickeln, die dem visuellen Erfassen

von Bauphasen ebenso Rechnung tragen wie den sozialen

und kommunikativen Veränderungen? Geplant ist, dass die

Gestaltenden mit Dokumentationsstellen, mit der Fototheorie,

der historischen Bildwissenschaft und der Geschichte

und Theorie des Städtebaus kooperieren.

2. Transkulturelle Wahrnehmung des Gesichts

Mimik und Ausdruck des Gesichts werden je nach Kultur

unterschiedlich wahrgenommen. Die Anthropologie erkannte

(u. a. durch Margret Mead), wie wichtig visuelle Kontexte für

die Perzeption von Gesichtsbildern sind. Das Projekt Transkulturelle

Wahrnehmung des Gesichts ist als Zusammenarbeit

der Visuellen Kommunikation / IDK mit der Soziologie

und dem NFS eikones angelegt. Entwickelt werden soll unter

anderem eine Internetplattform, die das Material zur Auswertung

kulturell kodierter Gesichtswahrnehmungen liefert.

3. Das Bild des Entwurfs

Dieses Projekt möchte einen Einblick in das Innenleben von

Entwurfspraktiken gewinnen, die vielfach als obskure Black

Box angesehen werden. Dabei sollen zunächst Quellen und

Bilder des Entwurfs im Bereich des Grafikdesigns und der

Kunstgeschichte ermittelt und rekonstruiert werden. Ziel

dieses Projektes ist die Entwicklung eines Entwurfsatlas. Im

Rahmen des Forschungsprojektes wird gegenwärtig beim

NFS eikones eine Forschungsstelle besetzt, in der eine Gestalterin

oder ein Gestalter anhand eigener Entwurfstätigkeit

Entwurfsstrategien reflektieren und protokollieren wird.

Projektteam: Nicolaj van der Meulen, Michael Renner,

Institut Visuelle Kommunikation, FHNW | Kooperation mit

NFS eikones (Board: Gottfried Boehm, Universität Basel)

Schlüsselwörter: Entwurf | Dokumentarisches Bild |

Gesicht

Projektförderung: Schweizerischer Nationalfonds SNF

Dauer: 20072009


Versodesign – Soziales Netzwerk für Designprodukte

Die Partizipation und Selbständigkeit von Wiedereinzugliedernden

lässt sich markant steigern, wenn sie in einen

offenen Entwurfs- und Herstellungsprozess eingebunden

werden. Dies zeigt das Projekt Versodesign, bei dem eine

Kollektion von Kleidern und Objekten entwickelt wurde, die

private Endverbraucher erreichen soll, aber auch im gastronomischen

Bereich Abnehmende finden kann. Entscheidend

dabei ist, dass die Fähigkeiten und Kompetenzen der Wiedereinzugliedernden

ins Zentrum gestellt werden. | Bettina

Köhler, Institut Mode-Design

Das Projekt Versodesign wurde zusammen mit der Stoffnetz

GmbH Basel (Werkstatt mit Bildungs- und Beschäftigungsprogramm)

durchgeführt und im Juni 2007 abgeschlossen.

Drei Hypothesen wurden untersucht:

1. Die Partizipation und Selbständigkeit von Wiedereinzugliedernden

lässt sich markant steigern, wenn in einem offenen

Entwurfs- und Herstellungsprozess Produkte mit einem hohen

Anspruch an modische Aktualität und ästhetische Dichte

erzeugt werden.

2. Mode-Design bietet sich als kollaborativer Entwurfs- und

Produktionsprozess an, um die Potenziale entsprechender

Prozesse für künftige Entwicklungen zu untersuchen. Soziale

Arbeit und Marketing werden als wichtige Teilaspekte eines

komplexen Arbeitsprozesses verstanden.

3. Die Stoffnetz GmbH kann nach Abschluss des Projektes

ihre Produkte in einem anderen Marktsegment und an ein

verändertes Publikum verkaufen, was sich positiv auf die

Selbstwahrnehmung der Teilnehmenden auswirkt.

In einer ersten Phase wurden die konkreten Arbeitsabläufe

und die Arbeitsphilosophie der Stoffnetz GmbH analysiert.

Dabei wurde bereits deutlich, dass die Umkehrung eines didaktischen

Grundsatzes zu einer überraschenden Dynamik

führte: Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen die Fähigkeiten

und Kompetenzen der Wiedereinzugliedernden; dazu

gehören neben handwerklichen Kenntnissen auch die persönlichen

Lebenserfahrungen, also implizites Wissen. Normalerweise

schenkt man in entsprechenden sozialen Einrichtungen

nicht diesen Fähigkeiten und Erfahrungen die grösste

Aufmerksamkeit, sondern dem, was die Teilnehmenden nicht

können!

Unser Vorgehen brachte eine Vielzahl bis anhin nur sehr beschränkt

genutzter Fähigkeiten zu Tage. Diese flossen in den

Entwurf und die Produktion einer kleinen Kollektion ein. Die

Anforderungen an die Designerinnen und Designer sind in

dieser Situation hoch: Sie müssen die Bedingungen schaffen,

damit der Entwurf mit starker Partizipation der Wiedereinzugliedernden

zu einem Produkt werden kann. Der angemessene

Grad prozessualer Offenheit ist je nach Teilnehmersituation

immer wieder neu zu bestimmen. Gleichzeitig muss

auch der Anspruch an modische Aktualität sowie an ästhetische

Dichte und Präsenz immer wieder erfüllt werden.

Konkret ging es darum, Kleidung und Objekte für den Wohnbereich

und die Gastronomie zu entwickeln. In den beiden

zentralen Phasen des Projektes, der Entwicklung und dem

Entwurf (2. Phase) einer kleinen Kollektion und ihrer Realisierung

(3. und 4. Phase), konnten die erste und die zweite

Hypothese mit der begleitenden Evaluation der Hochschule

für Soziale Arbeit bestätigt werden. Die dritte Hypothese

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konnte aufgrund der Schliessung des Stoffnetzes kurz vor

Ablauf des Projektes nicht vollumfänglich überprüft werden.

Reaktionen der Stoffnetz-Leitung und ihrer Mitarbeitenden

sowie der am Projekt beteiligte Marketingfirma zeigen aber,

dass die entstandene Kollektion das Potenzial besitzt, die Erwartungen

an eine veränderte Marktsituation einzulösen. Die

Projektleitung versucht nun, die Produkte in hochpreisigen

Läden zu platzieren, um das Marktpotenzial zu überprüfen.

Projektteam: Daniela Berger, Renate Aebi, Danielle

Dreier, Patrick Frei, Matthias Georg (Projektleiter), Bettina

Köhler (Koprojektleiterin), Institut Design und Kunstforschung,

FHNW

Schlüsselwörter: Soziale Arbeit | Entwurf

Projektkooperationen: Institut Lehre Soziale Arbeit

Basel, Hochschule für Soziale Arbeit, FHNW | Stoffnetz

GmbH Basel | Romeo Burkhalter, moxi AG, Biel |

Zellweger Güttinger AG, Zürich

Projektförderung: KTI-Nr. 7062.3 ESPP-ES

Dauer: 2005 – 2007


Extraktionsanlage am Zentrum für Verfahrenstechnik in Muttenz


Hochschule für Life Sciences

«Gesamthaft verstehen wir die Life Sciences

als Innovationstank für sicheres und gesundes Leben.»

Prof. Dr. Gerda Huber, Direktorin Hochschule für Life Sciences

36 Hochschule für Life Sciences – eine Zukunftsperspektive

37 Neuartige In-vitro-Diagnostik auf Basis moderner Technologien

Neue Techniken ermöglichen einen einfacheren Nachweis von

erblich bedingten Muskelerkrankungen.

40 Wie wirken UV-absorbierende Chemikalien auf das Hormonsystem?

41 Silber / Silica-Nanopartikel als Additive für Polymere mit

antimikrobieller Wirkung

42 Prozessanalytische Technologie (PAT) für die Mahlung und Förderung

pharmazeutischer Pulver und Granulate

43 Individualisierte Implantate aus dem 3D-Drucker

44 Reduktion von Treibhausgasen in Jordanien

34 | 35


Hochschule für Life Sciences

Hochschule für Life Sciences –

eine Zukunftsperspektive

Die Hochschule für Life Sciences befindet sich im Herzen einer weltweit

führenden Life-Sciences-Region. Diesen Vorteil nutzt die HLS bewusst:

Sie arbeitet eng mit der Industrie und anderen Repräsentantinnen und

Repräsentanten aus dem Bereich Life Sciences zusammen.

Nach ihrem ersten Betriebsjahr hat die

Hochschule für Life Sciences (HLS) der

FHNW begonnen sich zu positionieren.

Zukunftsträchtiges soll aus dem Thema

Life Sciences entstehen und einen

Beitrag zur Stärkung unserer Volkswirtschaft

leisten. Die Life Sciences,

ein Schlüsselgebiet des 21. Jahrhunderts,

befassen sich mit Themen aus

den Bereichen Biologie, Medizin, Natur-

und Ingenieurwissenschaften. Die

HLS versucht, praktische Lösungen für

neue Produkte und Verfahren für die

Pharmaindustrie, für Diagnostik- und

Medizintechnikunternehmen und ihre

Zulieferfirmen zu entwickeln. Auch

Risikoanalysen und Technologien für

nachhaltiges Umweltmanagement gehören

dazu. Gesamthaft verstehen wir

die Life Sciences als Innovationstank

für sicheres und gesundes Leben.

Um diesen Anforderungen gerecht zu

werden, braucht es neben gut ausgebildeten

Absolventinnen und Absolventen

und Fachkräften für die Industrie auch

Technologie- und Innovationsstärke

für Forschungs- und Dienstleistungsprojekte.

Nachdem im ersten Betriebsjahr

die neu entwickelten Bachelorstudiengänge

Life Science Technologies

und Molecular Life Sciences mit vollen

Kursen gestartet sind, sind wir nun

dabei, ein für FH-Verhältnisse grosses

Bekenntnis zur anwendungsorientierten

Forschung zu realisieren: Seit dem

Start der Hochschule im Jahr 2006 wurden

die Forschungsfelder definiert und

sortiert und bereits mehr als zehn neue

Stellen besetzt. Im Institut für Chemie

und Bioanalytik wurden die Bereiche

molekulare Analytik und Diagnostik

sowie Bio- und Nanotechnologie ausgebaut.

Im Institut für Ecopreneurship

wurden die Gebiete Ökotoxikologie und

Umwelttechnik gestärkt sowie der Bereich

Bioengineering und Umweltmikrobiologie

eingeführt. Die neuen Institute

Medizinal- und Analysetechnologie

sowie Pharmatechnologie haben mit

ihrem Kompetenzaufbau begonnen. Diverse

Forschungsprojekte sind bereits

in der Umsetzung.

Die Forschungsfelder und Technologien,

mit denen wir uns beschäftigen, umfassen

die gesamte Wertschöpfungskette

industrieller Gesundheitslösungen, beginnend

mit der Diagnose und der Therapie

(z.B. Methoden zur Entwicklung

massgeschneiderter Medikamente und

Medizinalprodukte) bis hin zum Gesundheitsmanagement

durch saubere

industrielle Produktion und dem Umwelt-

und Ressourcenmanagement.

In der Medizintechnik konzentrieren

wir uns auf die Biosignalverarbeitung

und die Entwicklung von Implantaten

mit neuen Materialeigenschaften und

biomechanischen Funktionen sowie

auf individuelle und aktive Implantate

mit informationstechnischen Eigenschaften.

Die Kombination von Implantaten

mit Arzneimitteln ist ein nächster

Schritt in die Zukunft. Rationale

Formulierungsentwicklung und Arzneiformherstellung

sind ausgewählte

Themen im Bereich Pharmatechnik. In

der Diagnostik stehen vor allem bildgebende

Verfahren sowie biologische und

molekulare Methoden im Vordergrund.

Wir beherrschen Immunoassays, Gentests,

Proteomanalysen, Massenspektroskopie,

Biosensoren und nanotechnische

Microarrays. Funktionalisierte

Nanopartikel eröffnen neue Möglichkeiten

für bildgebende Verfahren und

Therapieansätze. In der Chemie und

Verfahrenstechnik profitieren wir von

der langjährigen Erfahrung der FHBB

in den Bereichen organische Synthese

und Katalyse sowie Prozess- und Verfahrensentwicklung.

Hier werden in

den nächsten Jahren neue Technologien

unser Spektrum erweitern.

Die Kompetenzen unserer vier Institute

und diverse Partnerschaften bieten eine

gute Basis für die erfolgreiche Entwicklung

der Hochschule für Life Sciences.

Gerda Huber

Direktorin Hochschule für

Life Sciences


Neuartige In-vitro-Diagnostik auf Basis

moderner Technologien

Microarray-Biosensorik, 2-D-Gelelektrophorese und Massenspektrometrie

heissen die Techniken, mit denen defekte Proteine

in Blutzellen und erkranktem Gewebe von erblich bedingten

Muskel erkrankungen nachgewiesen werden können. Dies erlaubt

Aussagen über die Art der Erkrankung.

Daniel Gygax, Institut für Chemie und Bioanalytik

Abbildung 1: Arbeitsschritt beim Nachweis von Muskelproteinen

Muskeldystrophien sind Erbkrankheiten, die zu fortschreitendem

Muskelschwund führen. Dieser ist heute noch nicht

heilbar und verläuft bei vielen Formen nach jahre- oder

jahrzehntelanger Dauer letztlich tödlich. Es sind mehr als

20 verschiedene Formen von Muskelschwund bekannt, die

sich hinsichtlich Erbgang, Körperregion, Erkrankungsalter

und Verlauf unterscheiden. Die häufigsten Formen sind die

Muskeldystrophie vom Typ Duchenne sowie deren mildere

Form vom Typ Becker. Da viele Formen zu einer teils drastisch

verminderten Lebenserwartung führen, ist eine frühe

und präzise Diagnose unerlässlich.

36 | 37

Weniger Gewebeproben dank Microarray-Technologien

Obwohl für die meisten Muskeldystrophie-Formen die defekten

Gene und Genprodukte, die Proteine also, bekannt sind,

gestaltet sich die In-vitro-Diagnose schwierig. Die Muskelbiopsie

erlaubt das Aufspüren von Muskelproteinen im

Muskelgewebe mit entsprechenden Antikörpern unter dem

Mikroskop. In einer Blutprobe ist es zudem möglich, mit molekulargenetischen

Methoden direkt die defekten Gene aufzufinden.

Mit den heute etablierten Methoden benötigen die Bioanalytikerinn

bzw. der Bioanalytiker für den Nachweis einer Vielzahl

defekter Muskelproteine relativ viel Muskelgewebe. Die

Firma Zeptosens in Witterswil stellt Protein-Microarray-Systeme

her, mit denen man, ausgehend von geringsten Mengen

biologischen Materials, eine Vielzahl von Proteinen analysieren

und quantifizieren kann. Die Microarray-Technik besteht


Hochschule für Life Sciences

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Abbildung 2: Prinzip Reverse-Phase Protein Microarray

im Wesentlichen darin, mikroskopisch kleine Punkte (Spots)

von Probenmaterial auf eine speziell vorbereitete Oberfläche

(Chip) aufzutragen. Mit fluoreszierenden biospezifischen

Sonden lassen sich dann die verschiedenen Analyten wie Proteine

im Probenmaterial sichtbar machen. Analyt und Sonde

verhalten sich dabei wie Schloss und Schlüssel. Protein-Microarrays

nutzen meist Antikörper als Sonden zum Nachweis

von bestimmten Proteinen oder Proteinbestandteilen. Durch

die enorme Dichte von Spots auf einem Chip erhält man mit

einer Microarray-Analyse in verhältnismässig kurzer Zeit

eine grosse Anzahl von Informationen (1'584 Datenpunkte).

Es gibt heute bereits diagnostische Microarrays, jedoch basieren

diese meist auf DNA und quantifizieren die RNA-Menge

der betreffenden Gene.

Neue Prozeduren vielversprechend

Im Rahmen einer Dissertationsarbeit und in Zusammenarbeit

mit der Universität Basel, der ETH Zürich und der Firma

Zeptosens AG wurden Methoden entwickelt, um eine Vielzahl

der defekten Proteine oder allfällige Indikatorproteine im

Muskelgewebe oder Blut mit wenig Probenmaterial einfach

und schnell nachzuweisen.

Dabei wurden auf einem ZeptoMARK-Chip Muskelgewebe

von Duchenne-Patienten mit Muskelgewebe von Gesunden

verglichen. Das Muskelgewebe wurde nach einem neu entwickelten

Prozedere auf den Chip aufgebracht. Dies ermöglichte,

die Muskelproteine, deren Vorkommen über die Muskeldystrophien

entscheiden, mit kommerziell erhältlichen

Antikörpern sichtbar zu machen. Das Prinzip eines solchen

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so genannten Reverse-Phase Protein Microarray ist in Abbildung

2 dargestellt. Die Proben der Duchenne-Patienten

konnten eindeutig und statistisch zum Teil hoch signifikant

von den Proben der Gesunden unterschieden werden (Abbildung

3). Bemerkenswert ist, dass die Analyse mit einer Probenmenge

durchgeführt werden kann, die um ein Vielfaches

kleiner ist als bei der etablierten Gewebeuntersuchung. Dies

ermöglicht es, anstelle einer klassischen Muskelbiopsie die

deutlich weniger invasive Nadelbiopsie anzuwenden. Zudem

können in einem Messdurchgang 15 bis 20 der krankheitsrelevanten

Proteine nachgewiesen werden. Die Ergebnisse

sind bei Experten bereits auf grosses Interesse gestossen

und waren die Grundlage für die Zusicherung einer weiteren

Kooperation mit einer Forschungsgruppe an einer Universitätsklinik

in Deutschland, die Studien mit Dystrophie-

Patienten durchführt. Nachdem die ersten Resultate im Muskelgewebe

auf dem Protein-Microarray vielversprechend

sind, wird in einem nächsten Schritt die proteinbasierte

Diagnostik im Muskelgewebe auf dem Array verfeinert und

erweitert. Neben einer verbesserten Probenvorbereitung, die

nach wie vor das A und O einer erfolgreichen und reproduzierbaren

Microarray-Analyse darstellt, sollen andere Formen

der Muskeldystrophie untersucht werden.

Bioanalytik und molekulare Diagnostik

Die anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung im

Bereich Bioanalytik im Institut für Chemie und Bioanalytik

entwickelt Immunoassays und Enzymassays zur verbesserten

Diagnostik von Krankheiten. Es werden kostengünstige

Testsysteme zur genetischen Analyse von multiplen Genen

ausgearbeitet. Zur Abklärung des Induktionspotenzials von

Wirkstoffen wird an einem Reportergen-Assay gearbeitet.

Das jüngste Projekt ist die Entwicklung von funktionellen

Ionenkanalassays auf der Basis einer standardisierten Plattform.


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Abbildung 3: Auf dem Protein-Microarray können Patienten eindeutig von

Gesunden unterschieden werden. Innerhalb der Patienten-Gruppe zeigen

sich mildere Formen der Muskeldystrophie durch leicht erhöhte Fluoreszenz-

Signale auf dem Chip.

Proteomanalyse an Tiermodellen

Die Microarray-Technik erlaubt das Aufspüren von bekannten

Proteinen. Unser Interesse ist es aber auch, im kranken

Muskelgewebe ein typisches «Muster» von Proteinen zu

identifizieren, das sich vom Muster im gesunden Gewebe

unterscheidet. Da Muskelbiopsien seltene und kostbare biologische

Proben darstellen, greifen wir auf ein Tiermodell

zurück. Beim Stamm der so genannten mdx-Maus führt eine

Mutation im Dystrophin-Gen dazu, dass dem Tier, wie den

Duchenne-Patienten, das Protein Dystrophin fehlt, was zur

Zerstörung des Muskelgewebes führt. Die mdx-Maus gilt daher

als etabliertes Modell für die Muskeldystrophie vom Typ

Duchenne. An der Universität Basel wird mit einem anderen

Stamm gearbeitet, der dyW-Maus. Diese dient als Modell für

die kongenitale Muskeldystrophie vom Typ 1A (Merosin-Defizienz).

Die Universität Basel stellt uns Gewebe der kranken

Mäuse sowie der entsprechenden gesunden Kontrollmäuse

zur Verfügung, so dass wir im Gewebe von diesen Mäusen

eine Analyse des Muskelgewebe-Proteoms (Gesamtheit der

Proteine im Muskelgewebe zu einer bestimmten Zeit in einem

bestimmten Zustand) durchführen können. Dies geschieht

mittels zweidimensionaler Gelelektrophorese (2-DE) oder

Massenspektrometrie. 2-DE ist eine äusserst leistungsfähige

Methode zur Analyse von Proteinen in komplexen Mischungen,

wie man sie in Geweben findet. So wird ein Gesamtüberblick

über das Proteom der mdx-Maus oder der dyW-Maus

im Vergleich zu gesunden Mäusen erstellt. Im Optimalfall

lassen sich dann die krankheitsrelevanten Protein-Muster im

Vergleich zu den gesunden Mäusen reproduzierbar nachweisen,

und in einem späteren Schritt können die Experimente

in menschlichem Muskelgewebe durchgeführt werden.

38 | 39

Fazit

Künftige Untersuchungen in Blutzellen und auch in Zellen

aus Muskelzellkulturen ermöglichen dank des Einsatzes der

Massenspektrometrie die Identifikation neuer relevanter diagnostischer

Marker.

Projektteam: Daniel Gygax, Claudia Escher, Institut für

Chemie und Bioanalytik, FHNW

Schlüsselwörter: In-vitro-Diagnostik | Muskel dystrophien

| Proteomics | Microarrays

Projektkooperationen: Markus Rüegg, Uni Basel | Ruedi

Aebersold, ETH Zürich | Markus Ehrat, Zeptosens –

a Division of Bayer (Schweiz) AG

Projektförderung: Durch Projektpartner

Dauer: 20072009

Literatur:

– Emery, A.E.H. (2002): The muscular dystrophies.

The Lancet, 359 (9307), p. 687– 695.

– Pawlak, M., et al. (2002): Zeptosens’ protein microarrays: a

novel high performance microarray platform for low

abundance protein analysis. Proteomics, 2(4), p. 383 – 93.

– Prior, T.W., Bridgeman, S.J. (2005): Experience and

Strategy for the Molecular Testing of Duchenne Muscular

Dystrophy. Journal of Molecular Diagnostics, 7, p. 317– 325.


Hochschule für Life Sciences

Wie wirken UV-absorbierende Chemikalien auf das

Hormonsystem?

Gewisse UV-Filtersubstanzen, die als Rückstände in Gewässern

auftreten, sind hormonell aktiv, doch die Auswirkungen

auf Wasserorganismen sind bisher noch unklar. In diesem

Forschungsprojekt wird die hormonelle Aktivität von Substanzmischungen

untersucht und ihr Risikopotenzial abgeschätzt.

Zudem werden Lösungen im Umgang mit diesen Stoffen

entwickelt. | Karl Fent, Institut für Ecopreneurship

Rückstände von UV-Filtern in Gewässern

UV-absorbierende Chemikalien (UV-Filter) finden zunehmend

Anwendung in Sonnenschutzmitteln, in Kosmetika und im

Materialienschutz. Meist werden Mischungen verschiedener

Stoffe verwendet, die letztlich direkt oder indirekt in die Gewässer

gelangen, wo sich denn auch Rückstände davon nachweisen

lassen. Allgemein ist über die Wirkung von Chemikalienmischungen

nur wenig bekannt. Dies gilt ganz besonders

für Stoffe in der Umwelt. Bestimmte UV-Filter können bei

Fischen eine hormonelle Aktivität entfalten, wie frühere Studien

von uns gezeigt haben. Unbekannt ist jedoch, wie diese

Stoffe in Mischungen wirken.

Aktivität von Mischungen

Im Prinzip können sich die Einzelverbindungen in einer Mischung

je nach ihrer Aktivität anteilmässig aufsummieren.

Damit addieren sich die Konzentrationen zur Gesamtwirkung.

Die Einzelverbindungen könnten sich aber auch gegenseitig

beeinflussen, so dass die Gesamtwirkung höher ist als die

Summe der Einzelwirkungen. In diesem Fall handelt es sich

um einen synergistischen Effekt. Umgekehrt können sich die

Stoffe auch antagonistisch verhalten.

Wir testen diese Möglichkeiten in vitro und bei Fischen mit

definierten Mischungen, die eine vergleichbare Wirkung haben

wie das weibliche Geschlechtshormon Estrogen. Für die

In-vitro-Versuche werden Hefezellen verwendet, die einen

menschlichen Estrogenrezeptor tragen. Bindet ein estrogener

Stoff an den Rezeptor, wird ein Reportergen angeschaltet,

wodurch eine Farbänderung sicht- und messbar wird. Solche

Versuche lassen sich mit Einzelverbindungen und mit Mischungen

elegant durchführen.

Als Erstes haben wir die Aktivität von über zwanzig UV-Filtern

bestimmt. Dabei zeigte sich, dass die Hälfte eine estrogene

Aktivität besitzt, die jedoch stark variieren kann. Wir

haben dann jene ausgewählt, die eine klare Dosis-Wirkungskurve

zeigen. Mit diesen Substanzen wurden Mischungen

unterschiedlicher Aktivität analysiert. Die beiden Stoffe

wurden in jenen Konzentrationen untersucht, bei denen ihre

estrogenen Aktivitäten je 75, 50, 25 oder 0,05 Prozent der Maximalwirkung

betrug.

Überraschenderweise fanden wir in den meisten Mischungskombinationen

zweier UV-Filter mit oder ohne Beimischung

von Estradiol synergistische Interaktionen (Abbildung 1A).

Als Nächstes untersuchten wir Mischungen von vier antagonistisch

wirkenden UV-Filtern sowie von acht UV-Filtern, die

auch eine leicht antagonistische Aktivität besitzen. Auch in

diesen Mischungen verhielten sich die Substanzen meist synergistisch.

Auffällig war, dass wir auch eine starke Aktivität

der Mischungen aus vier oder acht Stoffen fanden, wenn

die Einzelstoffe der Mischung in Konzentrationen verwendet

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Abbildung 1A: Estrogene Aktivität von Benzophenon-1 und Benzophenon-2

und deren Mischung (BP1, BP2) | Abbildung 1B: Erwartete und gemessene

Aktivität von acht estrogenen UV-Filtern in einer Mischung.

wurden, bei der sie alleine keine messbare Aktivität zeigten

(Abbildung 1B).

Fazit

Die Studie zeigt, dass sich die Stoffe nicht nur addieren, sondern

dass sie synergistisch interagieren. Gegenwärtig untersuchen

wir, ob diese Effekte auch bei Fischen auftreten.

Solche Daten sind wichtig für die Risikobeurteilung dieser

Gebrauchschemikalien und geben den Unternehmen wertvolle

Informationen für die Weiterentwicklung ihrer Produkte.

Projektteam: Karl Fent, Petra Kunz, Christin Weisbrod,

Institut für Ecopreneurship, FHNW

Schlüsselwörter: Ökotoxikologie | Risikoanalyse

Projektkooperationen: H. Galicia, Springborn Smithers

Laboratories (Europe) AG | J. Pernthaler, Universität Zürich

Projektförderung: Schweizer Nationalfonds NFP50

Dauer: 2002 – 2007

Literatur:

– Kunz, P.Y., Fent, K. (2006): Estrogenic activity of UV filter

mixtures. Toxicology and Applied Pharmacology, 217,

p. 86 – 99.

– Kunz, P.Y., Fent, K. (2006): Multiple hormonal activities of

UV filters and comparison of in vivo and in vitro estrogenic

activity of ethyl 4-aminobenzoate in fish. Aquatic

Toxicology, 79(4), p. 305 – 324.

– Kunz, P.Y., Galicia, H.F., Fent, K. (2006): Comparison of in

vitro and in vivo estrogenic activity of UV filters in fish.

Toxicological Sciences, 90, p. 349 – 361.

– Kunz, P.Y., Gries, T., Fent, K. (2006): The ultraviolet filter

3-benzylidene camphor adversely affects reproduction in

fathead minnow (Pimephales promelas). Toxicological

Sciences, 93, p. 311– 321.

– Kunz, P.Y., Galicia, H.F., Fent, K. (2004): Assessment of

hormonal activity of UV filters in tadpoles of frog Xenopus

laevis at environmental concentrations. Marine

Environmental Research, 58, p. 431– 435.

– Weisbrod, C.J., Kunz, P.Y., Zenker, A.K., Fent, K. (2007):

Effects of the UV filter benzophenone-2 on fecundity and

reproduction in fish. Toxicology and Applied Pharmacology

(im Druck).


Silber / Silica-Nanopartikel als Additive für Polymere

mit antimikrobieller Wirkung

In dieser Forschungsarbeit werden die Eigenschaften von

polymeren Materialien mit Silica / Silber-Nanopartikeln als

Additive untersucht. Hauptaugenmerk liegt dabei auf der

kontrollierten Freisetzung von Silberionen sowie deren antimikrobieller

Wirkung. | Uwe Pieles, Institut für Chemie und

Bioanalytik

Neue Materialien mit hohem Potenzial

Von Silber ist seit langer Zeit bekannt, dass es in geringen

Konzentrationen eine effiziente antimikrobielle Wirkung entfaltet.

Deshalb ist Silber als Zusatz zu Materialien, die z.B. im

medizinischen Bereich eingesetzt werden, sehr interessant.

Es gibt bereits zahlreiche Beispiele und eine Reihe von Produkten.

Der Industriepartner dieses Projektes, die in Zürich ansässige

Start-up-Firma HeiQ Materials, ist auf die Herstellung

von Silber / Silica-Nanopartikeln mit neuartigen Eigenschaften

spezialisiert. Durch effiziente Prozesse wie die Flammsprühpyrolyse

(Abbildung 1A und 1B) gelingt mittlerweile

die Herstellung im Multitonnenmassstab. Die Partikel werden

verschiedenen Polymeren wie Polypropylen, Nylon und

PET zugesetzt, aus denen dann polymere Gewebe oder Kunststoffgegenstände

gefertigt werden.

In etlichen medizinisch relevanten Bereichen gibt es inzwischen

Sekundärinfektionen mit resistenten Keimen. Diesen

kann man nur wirksam begegnen, wenn ihre Ansiedlung verhindert

wird. Materialien, die kontrolliert Silber freisetzen,

sind dazu ideal. Weitere Einsatzbereiche sind im Bereich der

Sportbekleidung zu finden.

Da Silber / Silica-Nanopartikel eine einzigartige Struktur und

besondere chemische Eigenschaften besitzen, sind sie interessante

Additive für polymere Formulierungen. Die Partikel

bestehen aus wenigen Nanometer grossen Silberclustern, die

in eine poröse Silicamatrix eingebettet sind. Besonders die

kontrollierte Freisetzung und die teilweise durch das Silber

bedingte braune Farbe der Produkte sind die grössten Nachteile

der auf dem Markt befindlichen Produkte. Hier könnten

die neuen, auf Nanotechnologie beruhenden Additive Vorteile

bieten.

Wie wirksam sind Silber / Silca-Nanopartikel?

Im Rahmen des Projekts wird neben der Freisetzung von Silberionen

aus polymeren Materialien besonders die antimikrobielle

Wirkung auf verschiedene Mikroorganismen wie E.

Coli oder S. Aureus untersucht. Besonders S. Aureus ist ein

grosses Problem, weil es weit verbreitet und für viele Infektionen

verantwortlich ist.

Neben international standardisierten Tests kommen auch

neue Verfahren zum Einsatz. Diese basieren auf der Mikrokalorimetrie.

Dabei nutzt man die Tatsache, dass alle Mikroorganismen

beim Teilungsprozess Wärme freisetzen. Mit einem

Mikrokalorimeter kann somit das Bakterienwachstum

in Echtzeit gemessen werden. In Zusammenarbeit mit der

Universität Basel wird evaluiert, ob sich das Verfahren als

schnelle, empfindliche und für grosse Produktionsmengen

ausgelegte Methode eignet.

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Abbildung 1A: Schema der Flammpyrolyseapparatur | Abbildung 1B:

Flammpyrolyseprozess

40 | 41

Aussichten und Entwicklungspotenzial

Erfolgreiche Tests zum Nachweis der antimikrobiellen Wirkung

konnten bereits durchgeführt werden. Die Silberfreisetzung

in verschiedenen Formulierungen wurde eingehend

untersucht, und die wesentlichen Einflussgrössen wurden

bestimmt. Die chemische Funktionalisierung der Partikelmatrix

wird derzeit in einem weiteren Teilprojekt erforscht.

Durch die gezielte Veränderung der chemischen Eigenschaften

möchte man die Verteilung der Partikel im Polymer beeinflussen.

So könnte die zugesetzte Partikelmenge verringert

und die Abgabe der Silberionen beeinflusst werden. Es

wurden bereits eine Reihe modifizierter Partikel hergestellt,

deren Verhalten derzeit untersucht wird.

Projektteam: Uwe Pieles, Marcus Waser, Amina Wirth,

Theo Bühler, Institut für Chemie und Bioanalytik, FHNW

Schlüsselwörter: Nanopartikel | Composite Materials |

Silber | Antimikrobielle Wirkung

Projektkooperationen: HeiQ Materials Ltd. | EMPA

St Gallen | Universität Basel | ETH Zürich | Institut INKA,

Hoch schule für Technik, FHNW

Projektförderung: KTI-Nr. 8337.1 | Firma HeiQ

Materials Ltd.

Dauer: 20072008


Hochschule für Life Sciences

Prozessanalytische Technologie (PAT) für die

Mahlung und Förderung pharmazeutischer Pulver

und Granulate

Ein wichtiger Trend in der Pharmazeutischen Industrie betrifft

den Einsatz von Technologien, welche eine kontinuierliche

Analytik der Herstellungsprozesse ermöglichen. Das

direkte Überwachen einzelner Produktionsschritte wird

von den Zulassungsbehörden stark unterstützt und führt

letztlich zu einer optimal kontrollierten und robusten Herstellung

von Arzneimitteln. Im aktuellen Projekt wird ein

innovatives Partikel-Messsystem in einer Konus- bzw. Hammermühle

untersucht. | Martin Kuentz, Institut für Pharma

Technology

Prozessanalytische Technologien für die Arzneimittelfertigung

der Zukunft

Die pharmazeutische Produktion befindet sich in einem Klima

des Wandels. Ein vorrangiges Ziel ist es, die Qualität von

Arzneimitteln nicht nur durch Endkontrollen zu erreichen,

sondern vor allem auch durch optimierte Herstellungsprozesse.

Hierfür ist ein kontinuierliches Überwachen der kritischen

Prozessparameter eine wichtige Voraussetzung, was

auch von den Zulassungsbehörden (v.a. Food and Drug Administration

(FDA), USA) mit Nachdruck unterstützt wird.

Für die Herstellung von Tabletten ist das Fördern und Mahlen

der pharmazeutischen Pulver und Granulate wesentlich. Im

aktuellen Projekt wird eine prozessanalytische Technologie

für Konus- und Hammermühlen untersucht. Das Monitoring

des Prozesses wird durch eine innovative Sensortechnologie

ermöglicht. Es werden optische Messsonden berücksichtigt,

welche sowohl die Partikelgrösse, als auch deren Form erkennen.

Geplante Aktivitäten und Ausblick

Bereits von früheren Untersuchungen ist bekannt, dass

ein «Blick in die Prozesse» nicht unproblematisch ist. Eine

schnelle Messmethode und Datenauswertung stellt lediglich

die erste Hürde dar. Die geschickte Dimensionierung und

Einbringung der Sonde sind wesentlich für aussagekräftige

Messungen. Je nach Material und Fluss kann es zu verschiedenen

Problemen der repräsentativen Partikelerkennung

kommen.

Der erste Teil des Projektes steht daher ganz im Zeichen der

Erstellung eines Prototyps, welcher eine prozessanalytische

Technik überhaupt ermöglicht. Mit dem entwickelten Gerät

sollen dann verschiedene pharmazeutische Granulate hergestellt

werden, um die Leistungsfähigkeit der neuen Technik

zu testen. Dabei werden auch typische Problemsituationen

der Grossherstellung berücksichtigt. Ein häufiges Defizit bei

der Produktion ist, dass kleine Metallsplitter oder Teile eines

Drahtgeflechtes in den Produktstrom gelangen. Die neue Prozesstechnik

kann hierbei ein effektives Instrument liefern, damit

solche Kontaminationen rechtzeitig vor der Herstellung

der Tabletten oder Kapseln erkannt werden. Weitere Optionen

der prozessanalytischen Technologie bestehen in der Rückmeldung

der Messresultate an die Stellgrössen des Prozesses.

So wäre es möglich, kritische Herstellungsbedingungen

schnell zu erkennen und automatisch korrigierend einzugreifen.

Neben diesen Vorteilen für die Produktion kann auch die

Prozessentwicklung von der Neuentwicklung profitieren.

In Zukunft könnten prozessanalytische Techniken zur Grundlage

eines modernen Qualitätsmanagements beitragen. Die

erhöhte Sicherheit bei der Produktion von Tabletten und

Kapseln kommt dabei nicht nur den pharmazeutischen Firmen

zugute, sondern letztlich auch den Patienten.

Projektteam: Martin Kuentz, Georg Imanidis, Martin

Cavegn, Institut für Pharma Technology, FHNW

Schlüsselwörter: Prozessanalytische Technologie

(PAT) | Partikelanalyse | Mahlung | Pharmazeutische

Technologie

Projektkooperationen: Frewitt SA Milling and Handling of

Powders, Freiburg | PS Prozesstechnik GmbH, Basel

Projektförderung: KTI-Nr. 9025.1 PFIW-IW

Dauer: 20072009

Literatur:

– Kuentz, M., Rothenhäusler, B., Roethlisberger, D. (2006):

Time Domain 1H NMR as a New Method to Monitor

Softening of Gelatin and HPMC Capsule Shells.

Drug Development and Industrial Pharmacy, 32(10),

p. 1165 –1173.

– Doherty, S.J., Kettler, C.N. (2006): On-line Applications

in the Pharmaceutical Industry. In: Bakeev, K.A. (Ed.):

Process Analytical Technology. 2nd ed., Blackwell

Publishing, Oxford.


Individualisierte Implantate aus dem 3D-Drucker

Weiterentwickelte Rapid-Prototyping-Verfahren eröffnen

neue Anwendungen im Bereich der Implantatfertigung.

Die Koppelung mit medizinischen Bilddaten und deren 3D-

Visualisierung ermöglicht es in Zukunft, auf Patientinnen

und Patienten zugeschnittene individuelle Knochenimplantate

zu fertigen. | Ralf Schumacher, Institut für Medizinal-

und Analysetechnologie

«Gold Standard»

Der Bedarf an individuell zugeschnittenen Implantaten als

Knochenersatz ist vielfältig. Tumorentfernungen, Splitterbrüche,

altersbedingte Degenerationen und Missbildungen können

zu Fehlstellen führen, die durch passgenaue Im plantate

überbrückt werden müssen. Als «Gold Standard» gelten dabei

die autologen Transplantate. Dafür werden Knochensegmente

aus dem Körper der Patienten – etwa aus dem Schädeldach,

dem Beckenkamm oder aus einer Rippe – entfernt und passend

geformt. Danach werden sie an anderer Stelle wieder

implantiert. Abstossungsreaktionen können so nahezu ausgeschlossen

werden. Dennoch verbleiben Restrisiken durch

zusätzliche chirurgische Eingriffe, und an den Entnahmestellen

kann es zu Fehlfunktionen kommen.

Als Alternative bieten sich künstliche Knochenstrukturen an.

Idealerweise bestehen diese aus knochenähnlichen Materialien,

so genannten Biokeramiken. Diese können jedoch momentan

noch nicht in ausreichender Qualität und Festigkeit

hergestellt werden. Andere etablierte Implantatmaterialien

bestehen aus speziellen Metalllegierungen. Obwohl diese gut

körperverträglich sind und auch langfristig im Körper verbleiben

können, sind sie Fremdkörper und müssen bei Komplikationen

entfernt oder ersetzt werden.

Herstellung komplexer Geometrien

Da die Formgestaltung von individuellen Knochenersatzimplantaten

komplex ausfallen kann, sind herkömmliche

spanabtragende Herstellverfahren wie Drehen oder Fräsen

oft nicht anwendbar. Für technische Anwendungen wird nun

seit rund zwanzig Jahren das so genannte Rapid Prototyping

(RP) für den Aufbau von komplexen Strukturen verwendet.

Damit können durch Verfestigungsprozesse im Schichtaufbau

innert Stunden Bauteile aus Kunststoffen und Metallen

gebaut werden.

Am Institut für Medizinal- und Analysetechnologie besteht

der Forschungsschwerpunkt «Intelligente Implantate», in

welchem u.a. mit RP an individuellen Knochenersatzimplantaten

geforscht wird. Grundlage ist dabei die neu entwickelte

Selective-Laser-Melting-Technologie, welche mittels Laserenergie

in Schichten aus feinstem Metallpulver Strukturen aufbauen

kann. Das Pulver wird dabei auf Schmelztemperatur

gebracht, weshalb die Verbindung über alle Schichten ausserordentlich

fest ausfällt. Im Rahmen des Projekts wird diese

neue Technologie nun in Kooperation mit der Hochschule

für Technik der FHNW eingehend untersucht. Dabei werden

die Festigkeit, die Formveränderung, die Wärmebehandlung

und die Erprobung alternativer Materialien studiert.

Beispiel von individuellen Implantaten. (Bild: HLS)

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Erste Resultate

Die ersten Resultate aus Zugversuchen sind vielversprechend.

Die Zugfestigkeit der RP-Probestäbchen liegt deutlich

über der maximalen Belastbarkeit von Referenzproben aus

demselben Material. Die Bruchdehnung hingegen liegt noch

unterhalb der Referenz. Es ist davon auszugehen, dass eine

gezielte Wärmebehandlung der RP-Bauteile die Bruchdehnung

erhöht – jedoch auf Kosten der Zugfestigkeit. Messungen

dazu sind im Gange. Einfache Studien der Masshaltigkeit

und der Formabweichung sind ebenfalls Erfolg versprechend.

So liegt die Masshaltigkeit von Probekörpern mit Abmessungen

um 20 Millimeter in den drei Raumrichtungen im Bereich

von 0,05 Millimeter.

Projektteam: Ralf Schumacher, Erik Schkommodau,

Uwe Pieles, Institut für Medizinal- und Analysetechnologie,

FHNW | Urs Wüst, Philippe Cachot, Hochschule für Technik,

FHNW

Schlüsselwörter: Individuelle Implantate | Rapid Prototyping

| Selective Laser Melting

Projektkooperationen: MCP-HEK GmbH, Lübeck (DE)

Projektförderung: FHNW Forschungsfonds

Dauer: 20072008

Literatur:

– Schumacher, R., Kunz, C., Zeilhofer, H. F., Schkommodau, E.

(2006): Kraniofaciale Tumorentfernung mit Unterstützung

von Rapid Prototyping. Vortrag an der Biomedizinischen

Dreiländertagung, ETH Zürich.

– Schumacher, R., Kunz, C. (2006): From Dicom to Outcome.

Vortrag am 2. Bernd Spiessl Symposium, Basel.

– Lambrecht, J. T., Schumacher, R., Berndt, D., Zehnder, M.

(2007): First experiences to generate three dimensional

models based on digital volumetric data. Vortrag CARS,

Berlin.

– Markl M., Schumacher R., Küffer, J., Bley, T., Hennig, J.

(2005): Rapid vessel prototyping: Vascular modeling using

3T magnetic resonance angiography and rapid prototyping

technology. Magma 18, p. 288 – 292.

– Kalbermatten D.F., Haug, M., Schumacher, R., Messmer, P.,

Pierer, G. (2004): Computer aided designed neo-clavicle

out of osteotomized free fibula: case report. British

Association of Plastic Surgeons, 57, p. 668 – 672.


Hochschule für Life Sciences

Reduktion von Treibhausgasen in Jordanien

Im Rahmen einer Kooperation mit der jordanischen Royal

Scientific Society werden am Beispiel der Düngemittelherstellung

erstmals in Jordanien die Cleaner Development Mechanism

zur Reduktion von Treibhausgasemissionen in einem

Industriebetrieb angewandt. | Christian Buser, Dieter

Mutz, Institut für Ecopreneurship

Umweltschutz in Jordanien

Seit Juli 2003 unterstützt das Institut für Ecopreneurship

(IEC) im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (seco)

die Royal Scientific Society (RSS) in Jordanien bei der Realisierung

von Massnahmen zum Umweltschutz. Die RSS ist

eine finanziell und politisch unabhängige Forschungseinrichtung

mit angewandter Umweltforschung als thematischem

Schwerpunkt. Konzentrierte sich die Arbeit unserer Projektpartnerin

in der Vergangenheit auf den nachsorgenden Umweltschutz

(Abwasserreinigung, Abluftreinigung), wird dem

präventiven Umweltschutz künftig mehr Gewicht beigemessen.

Im Zentrum der Unterstützung durch das IEC steht die

Vermittlung von Wissen zu Cleaner Production (CP) und die

Umsetzung von Massnahmen zur Ressourcenoptimierung

und Reduktion der Umweltbelastung. Hierfür werden in ausgewählten

Firmen die Prozesse auf ihr CP-Potenzial analysiert,

angepasste Verbesserungsmassnahmen ausgearbeitet

und implementiert. Erfahrungen der ersten Jahre haben gezeigt,

dass das grösste Umwelt- und Finanzpotenzial in den

Bereichen Energie, Wasser und Abfall besteht. Erfahrungen

haben auch gezeigt, dass die rechtlichen und wirtschaftlichen

Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle einnehmen.

Ein gelungenes Beispiel ist die Kooperation mit der Firma

Kempaco.

Das Beispiel Kempaco

Die Kemira Arab Potash Company (Kempaco) ist einer der

grössten Düngerhersteller im Nahen Osten. Sie stellt in ihrem

Werk in Aqaba, Südjordanien, aus Phosphatgestein, Salpetersäure,

Kaliumchlorid und Kalk mittels eines weltweit

einzigartigen Ionenaustauscher-Prozesses Kalziumphosphat

und Kaliumnitrat her.

In einem ersten Schritt wurde bei Kempaco ein CP- und

Umweltaudit durchgeführt. Dabei wurde die Salpetersäureherstellungsanlage

als grosser Treibhausgasemittent identifiziert.

Durch die Oxidation von Ammoniak mit Sauerstoff

entstehen neben der Salpetersäure auch Distickstoffoxid

(N 2O). Das unter dem Trivialnamen Lachgas bekannte N 2O

hat eine etwa 300-fach stärkere Treibhausgaswirkung als

CO 2. Die vertiefte Studie der Abgaswerte zeigte, dass jährlich

ungefähr 150'000 Tonnen CO 2-Äquivalente in Form von Lachgas

ausgestossen werden, welche durch den Einbau eines

zusätzlichen Katalysatorbettes in die bestehende Abgasreinigung

in Stickstoff und Sauerstoff zerlegt werden könnten.

Das hohe Reduktionspotenzial stellt eine vorteilhafte Ausgangslage

zur Realisierung eines CDM-Vorhabens (Clean Development

Mechanism) im Rahmen des Kyoto-Protokolls dar.

Eine Project-Idea-Note wurde erstellt und vom jordanischen

Umweltministerium genehmigt. Im nächsten Schritt wird

Düngemittelherstellung Kempaco (Bild: Christian Buser)

nun, gemeinsam mit der RSS und einer auf Emissionshandel

spezialisierten Firma, ein Project-Design-Document für eine

vertiefte Projektstudie ausgearbeitet. Die internationale Ausschreibung

dazu ist angelaufen.

Ausblick

Aufgrund der erzielten Projekterfolge hat das seco im Juli

2007 der Fortsetzung der Zusammenarbeit um weitere 2,5

Jahre zugestimmt. Schwerpunkte der Kooperation bilden neben

der Vertiefung von CP und CDM das chemische Risikomanagement,

das Umweltauditing und die Ökobilanzierung.

Projektteam: Dieter Mutz, Christian Buser, Cornelia Wolf,

René Bäbler, Institut für Ecopreneurship, FHNW

Schlüsselwörter: CO 2-Reduktion | Clean Development

Mechanism | Cleaner Production | Düngerherstellung

Projektkooperationen: Bassam Hayek, Mohammed Mussa,

Royal Scientific Society, Amman (JO)

Projektförderung: Staatssekretariat für Wirtschaft (seco)

Dauer: 2003 – 2007: Phase 1,

20072009: Phase 2, in Planung

CDM – Clean Development Mechanism

CDM ist einer der im Rahmen des Kyoto-Protokolls international

vereinbarten flexiblen Mechanismen zur weltweiten

Reduktion von Treibhausgasemissionen.

CDM ist ein projektbasiertes Instrument, welches die Umsetzung

von Vorhaben zur Minderung von Treibhausgasemissionen

in Entwicklungsländern finanziell fördert. Industrieländer

erwerben Emissionszertifikate zu marktbedingten

Preisen und könnten so dazu beitragen ihre international

vereinbarten Reduktionsziele zu erreichen. Für die Schweiz

spielt das CDM zur Erreichung ihrer international vereinbarten

CO 2-Reduktion eine wichtige Rolle.


44 | 45


Die Auswertung von Befragungen ist oft Teil der Forschung im Bildungsbereich.


Pädagogische Hochschule

«Die subjektive Erfahrung einer Lehrperson muss durch

Forschung irritierbar sein. Forschung muss sich ihrerseits

durch Praxis irritieren lassen.»

Prof. Dr. Hermann J. Forneck, Direktor Pädagogische Hochschule

48 Fünf Forschungsschwerpunkte

49 Geschichtsunterricht heute

Eine videobasierte Studie zeigt, wie Lehrende sowie Schülerinnen

und Schüler den Geschichtsunterricht im 9. Schuljahr erleben.

53 Lernersprache zwischen Mundart und Hochdeutsch:

Das Code-mixing von Kindern mit Migrationshintergrund in

Deutschschweizer Schulen

54 Schule und nachhaltige Entwicklung – Entwicklung

und Erprobung eines Instrumentariums zur Standort-

bestimmung (StabeNE)

55 Kaufmännisch-betriebswirtschaftliche Bildung in der Schweiz:

Rekonstruktion ihrer Ausdifferenzierung und Hierarchisierung

46 | 47


Pädagogische Hochschule

Fünf Forschungsschwerpunkte

Die Pädagogischen Hochschulen stehen vor der Aufgabe, ihre Lehre

nicht mehr an einem Wissensbestand zu orientieren, der auf der individuellen

Erfahrung eines Lehrers oder einer Lehrerin basiert, sondern an

den Ergebnissen der pädagogischen Forschung, die sich wiederum internationalen

Standards stellen muss.

Seit dem Beginn einer eigentlichen pädagogischen

Profession in der Mitte des

19. Jahrhunderts stellt das Verhältnis

von Theorie und Praxis eines der konfliktträchtigsten

Themen der Pädagogik

dar. Im beruflichen Alltag haben Lehrerinnen

und Lehrer nicht zuletzt aus

Statusgründen überwiegend die Ausbildung

an der Universität angestrebt;

schaut man ins europäische Ausland

und in die Industrienationen, so haben

sie das auch erreicht.

Qualifizierung über intersubjektiv

überprüfbare Forschungsergebnisse

Zu den Folgen, die mit einer wissenschaftlichen

Ausbildung verbunden

sind, haben sich Lehrerinnen und Lehrer

nicht in gleicher Weise geäussert.

Pädagogische Forschung nämlich impliziert

die Zumutung, dass in einem

Beruf, bei dem man sich als zentrales

Medium auf die eigene Person stützt,

die persönlichen Erfahrungen durch

Forschung permanent irritierbar sein

sollen. Die Tertiarisierung der Lehrerinnen-

und Lehrerausbildung hat hier

ihren eigentlichen strategischen Ansatzpunkt.

Die Qualifizierung soll nicht

mehr über die persönlichen Erfahrungen

eines zumeist männlichen Meisters,

Seminarlehrer genannt, verlaufen,

sondern sie soll sich an internationalen,

empirisch gewonnenen intersubjektiv

überprüfbaren Forschungsergebnissen

und daraus hervorgegangenen Lehr-

und Lerninhalten orientieren. Die Pädagogischen

Hochschulen stehen nun

vor der Aufgabe, ihre Lehre eben nicht

mehr an einem Wissensbestand zu orientieren,

der sich auf die individuelle

Erfahrung eines Lehrers und einer Lehrerin

stützt, sondern an den Ergebnissen

pädagogischer Forschung, die sich

wiederum internationalen Standards

stellen muss.

Grundlagenforschung nutzbar

machen

Ein Weiteres kommt hinzu: Im Unterschied

zu einer erziehungswissenschaftlichen

Forschung, die lediglich

feststellt, was ist, muss erziehungswissenschaftliche

Forschung an einer pädagogischen

Hochschule auch zeigen,

was, wie und mit Hilfe welcher Mittel

erfolgreich sein kann und soll. Eine solche

Grundlagenforschung, die sich am

Nutzen orientiert, muss anspruchsvoll

sein, weil sie komplexe und damit praxisrelevante

Problemstellungen klären

muss.

Fünf Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte

Aus diesem Grund hat die Pädagogische

Hochschule die folgenden fünf

Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte

gebildet:

– das Zentrum Lesen – Sprache,

Medien, Schrift

– das Zentrum Bildungsorganisation

und Schulqualität

– das Zentrum Naturwissenschafts-

und Technikdidaktik

– das Zentrum Schule als öffentlicher

Erziehungsraum

– das Zentrum Politische Bildung und

Geschichtsdidaktik

Je eines der Zentren ist mit den Universitäten

Basel und Zürich durch eine

gemeinsam getragene Forschungsinstitution

verbunden. Insofern verfügt die

Pädagogische Hochschule FHNW über

ein in der Schweiz wohl einmaliges Forschungs-

und Entwicklungsprofil.

Hermann J. Forneck

Direktor Pädagogische Hochschule


Geschichtsunterricht heute

Die videobasierte Studie «Geschichte und Politik im Unterricht»

zum Lernbereich Geschichte im 9. Schuljahr zeigt, dass Schülerinnen

und Schüler den Unterricht positiv erleben und die

Lehrpersonen einen methodisch abwechslungsreichen, jedoch

vorwiegend stoffbasierten Unterricht gestalten.

Jan Hodel, Pädagogische Hochschule, FHNW und

Monika Waldis, Pädagogische Hochschule, FHNW und Pädagogisches Institut, Universität Zürich

Abbildung 1: Gruppenarbeit im Geschichtsunterricht (Bild: Stephanie Tremp)

Das Projekt

Um die Gegenwart zu verstehen und Optionen für die Zukunft

entwerfen zu können, sind Kenntnisse über die Vergangenheit

unerlässlich. Hauptziel des Geschichtsunterrichts

ist es folglich, Schülerinnen und Schüler beim Aufbau

eines Geschichtsbewusstseins zu unterstützen. Dieses hilft

ihnen, sich in der Gegenwart und im Hinblick auf ihre Zukunft

zu orientieren. Darüber, wie Geschichtsunterricht in

der Schweiz vor sich geht, war bis anhin jedoch kaum etwas

bekannt.

Verschärft wird dieser Befund durch den Umstand, dass

die politische Bildung in der Sekundarstufe I – so sie überhaupt

durchgeführt wird – in grossen Teilen während des

Geschichtsunterrichts stattfindet. Über die Unterrichtswirklichkeit

der politischen Bildung im letzten Jahr der Volksschule

ist so gut wie nichts bekannt, wohl aber über das poli-

48 | 49

tische Wissen der Jugendlichen: Die internationale IEA Civic

Education Study (Torney-Purta et al. 2001) zur politischen

Bildung in 28 Ländern bescheinigte den 14-jährigen Schweizer

Schülerinnen und Schülern unterdurchschnittliches Wissen,

durchschnittliche politische Interpretationsfähigkeiten

und wenig Bereitschaft, sich an demokratischen Prozessen

zu beteiligen.

Hier setzte eine Kooperation von Forschenden zwischen den

Pädagogischen Hochschulen Bern, Zürich und Nordwestschweiz

sowie dem Pädagogischen Institut der Universität

Zürich ein. Im gemeinsam durchgeführten Projekt Geschichte

und Politik im Unterricht wurde zwischen Oktober 2003 und

Dezember 2005 in 41 Klassen des 9. Schuljahres aus den Kantonen

Aargau, Bern und Zürich je eine Lektion im Fachbereich

Geschichte und Politik per Video aufgezeichnet. Hinzu kamen

schriftliche Befragungen der Schülerinnen und Schüler so-


Pädagogische Hochschule

wie der Lehrpersonen in den videografierten Klassen und in

einer erweiterten Stichprobe. Es liegen Einschätzungen zum

Geschichtsunterricht von 155 Lehrpersonen und von 1'674

Schülerinnen und Schülern vor.

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Abbildung 2: Kategorieentwicklung für die Auswertung von

video grafiertem Unterricht

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Die Zielsetzung

Das Projekt verfolgte vier Hauptziele:

1. Es sollte ein differenziertes Bild vom aktuellen Unterricht

in den Bereichen Geschichte und Politik in der Sekundarstufe

I (im 9. Schuljahr und in allen Schultypen) gewonnen

werden. Untersucht wurden stofflich-inhaltliche Aspekte

(Themenwahl), der Einsatz von Lehr- und Lernformen, die Gestaltung

von Arbeitsaufträgen, die Möglichkeiten der Schülermitarbeit,

der Einsatz von Medien, die Diskurskultur und

vieles mehr. Diese primär mittels Analyse von Unterrichtsvideos

verfolgte Zielsetzung lässt sich der deskriptiven Unterrichtsforschung

zuordnen.

2. Auch sollten Aspekte des Interesses, des Wissens und des

Verständnisses Schweizer Jugendlicher im Bereich Geschichte

und Politische Bildung im 9. Schuljahr über alle Schul typen

erhoben werden.

Abbildung 3: Screenshot der Videoanalyse: Links das Filmfenster, rechts das

Fenster, das der Anzeige des Transkripts und der Zuteilung der Kodes dient,

unten das Fenster mit der Zeitleiste zur Navigation innerhalb der Lektion

und zur Darstellung der Kodes.

3. Überdies galt es, ausgewählte Zusammenhänge, beispielsweise

die Auswirkung von Überzeugungen und Einstellungen

von Lehrpersonen auf die Unterrichtsgestaltung, darzustellen.

Diese Zielsetzung wurde mithilfe von Fragebogen an einer

erweiterten Stichprobe von Lehrpersonen untersucht.

4. Schliesslich ging es um die Entwicklung und Nutzung einer

in der geschichtsdidaktischen Forschung bisher kaum

anzutreffenden Triangulation von methodischen Zugängen

und Daten. Der Einbezug verschiedener Perspektiven erlaubt

ein tieferes Verständnis der Unterrichtsprozesse und der Unterrichtsqualität

im Lernbereich Geschichte (Gautschi 2004).

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen für die Unterrichtsentwicklung

und die Ausbildung von Lehrpersonen

fruchtbar gemacht werden. Hierzu können videografierte

Unterrichtssequenzen als Anschauungsbeispiele dienen, da

sie eine vertiefte Auseinandersetzung mit konkreten Unterrichtssituationen

unter unterschiedlichsten Fragestellungen

und Perspektiven erlauben.

Die Methode

Eine herausragende Besonderheit dieser Studie war die erstmalige

Verwendung einer grösseren Menge von Videoaufzeichnungen

für die Analyse von Geschichtsunterricht. Bis

vor 15 Jahren waren dem Einbezug von Ton- und Bilddokumenten

für Zwecke der Unterrichtsforschung enge Grenzen

gesetzt. Dank der technischen Entwicklung der letzten Jahre

ist die Aufzeichnung von Unterricht im Klassenzimmer mittlerweile

einfach zu bewerkstelligen. Neu entwickelte Software

ermöglicht die Verarbeitung und Analyse von grossen,

digitalisierten Videodatenbeständen am PC. Videoaufnahmen

von Unterricht eignen sich folglich nicht nur für die

Dokumentation von Einzelfällen, sondern bieten sich auch

zur Erfassung eines repräsentativen Querschnitts durch die

Unterrichtspraxis an.

Die Unterrichtsanalyse mittels Video ermöglicht den Forschenden,

das Unterrichtsgeschehen von verschiedenen Personen

beliebig oft und unabhängig vom Zeitpunkt der Aufnahme

betrachten zu lassen. Dies hat verschiedene Vorteile

gegenüber herkömmlichen Methoden der Unterrichtsbeobachtung:


– Die Komplexität von Unterrichtsprozessen kann besser

erfasst werden.

– Ausgewählte Unterrichtssequenzen können unter verschiedenen

Perspektiven und Fragestellungen analysiert

werden.

– Sekundäranalysen des Datenmaterials zu einem späteren

Zeitpunkt sind möglich.

Eine weitere bedeutsame Eigenheit der Unterrichtsanalyse

mit Videoaufzeichnungen ist die Notwendigkeit, im zyklischen

Prozess der Kodeentwicklung (siehe grafische Darstellung

und Kasten) theoretische Konzepte im Hinblick auf die

pädagogische Praxis zu klären und zu präzisieren. Denn nur

so können die Kodierungen präzise gefasst und der Unterrichtsbeobachtung

zugrunde gelegt werden.

Die Videoanalyse-Software

Die effiziente Bearbeitung einer grösseren Zahl von Videoaufnahmen

wird unterstützt durch eine speziell auf die Bedürfnisse

der Unterrichtsforschung zugeschnittene Analysesoftware

namens Videograf, welche am Leibnitz Institut für

die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität

Kiel entwickelt wurde. Auf der Bildschirmfläche erscheint simultan

das Videofenster mit der gefilmten Lektion, das Transkriptfenster

mit den verschriftlichten Sprechsequenzen

sowie eine Zeitleiste, auf welcher die vorgegebenen Kodierkategorien

visuell abgebildet werden können. Das Programm

erlaubt das schnelle Navigieren innerhalb einer Lektion mittels

Bedienerleiste, wie sie aus Textverarbeitungsprogrammen

bekannt ist. Es besteht jederzeit die Möglichkeit, die

eingegebenen Kodes in ein Tabellenformat zu exportieren

und so der statistischen Auswertung zugänglich zu machen.

Kodeentwicklung

Bevor kodiert werden kann, muss ein Analyseraster entwickelt

werden. Als günstiges Vorgehen für die Kategorienentwicklung

hat sich ein zyklischer Prozess erwiesen, in den

einerseits theoretische Kenntnisse und Vermutungen, andererseits

Informationen, welche aus der genauen Beobachtung

bestimmter gefilmter Sequenzen stammen, einfliessen. Es

folgt die genaue Formulierung der Kodedefinitionen, welche

ermöglichen soll, dass geschulte Kodierende den gleichen

Kodierentscheid an derselben Stelle fällen. Die prozentuale

Übereinstimmung von Kodierentscheidungen zwischen den

Kodierenden gilt als Gütekriterium für eine vorgenommene

Kodierung.

50 | 51

Die Ergebnisse

Die umfangreichen Befunde lassen sich in folgende Aussagen

bündeln:

1. Der Geschichtsunterricht wird von den Schülerinnen und

Schülern im 9. Schuljahr im Wesentlichen positiv wahrgenommen

und beurteilt.

2. Im Unterricht der 9. Klasse werden sowohl zeitgeschichtliche

Themen als auch solche aus anderen historischen Epochen

vermittelt. Beliebt sind bei den Jugendlichen Themen

zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und zu politischen

Konflikten. Auch die Zeit des 2. Weltkriegs schätzt die

grosse Mehrheit der Befragten als interessantes Thema ein.

3. Das historische Wissen der Jugendlichen ist vergleichsweise

gut entwickelt; es speist sich jedoch nicht aus dem

Geschichtsunterricht allein. Das Geschichtsbewusstsein der

Jugendlichen wird auch von ausserschulisch, massenmedial

vermittelten historisch-politischen Mythen geprägt. Das politische

Wissen ist weniger stark entwickelt, was die Befunde

anderer ähnlicher Studien bestätigt.

4. Die Analyse der Unterrichtsformen zeigte, dass der lehrerzentrierte

Unterricht noch immer die am stärksten verbreitete

Form darstellt. Neben dem Klassengespräch finden in den

meisten Lektionen Präsentationen von Lehrpersonen oder

Schülerinnen und Schülern statt. Neben der Informationsvermittlung

spielen Arbeitsaufträge eine wichtige Rolle im

Unterricht. Allerdings nehmen die Einführung und die Auswertung

dieser Aufträge fast gleich viel Zeit in Anspruch wie

ihre Bearbeitung durch die Schülerinnen und Schüler. Die

Gelegenheit für die selbständige Beschäftigung mit Lerninhalten

ist begrenzt.

5. Die Lektionen sind durchwegs materialreich gestaltet. Neben

schriftlichen Lernmaterialien werden sehr viele visuelle

Lernmaterialien wie Fotografien, Karten, Grafiken etc. eingesetzt.

Kontext-Angaben zu den Quellen (Ort und Zeit der Entstehung,

Produzent, Publikationsorgan) werden allerdings

nur sehr spärlich dokumentiert.

6. Das Schulgeschichtsbuch ist nach wie vor das prägende

Medium für die Unterrichtsvorbereitung und die Unterrichtsgestaltung.

7. Unabhängig von ihrem Bildungshintergrund unterrichten

Lehrpersonen primär stofforientiert. Die Wissensvermittlung

über Vergangenheit und Geschichte hat Priorität. Bisher greifen

nur wenige Lehrpersonen auf neuere didaktische Formen

zurück, die Jugendliche befähigen sollen, Vergangenheit und

Geschichtsdarstellungen selbständig zu entwickeln und zu

hinterfragen.

8. Der Geschichtsunterricht lässt sich hinsichtlich verfolgter

Ziele und seiner Gestaltung nicht nach Schultypen oder

unterschiedlicher Ausbildung von Lehrpersonen charakterisieren.


Pädagogische Hochschule

Ausblick

Die vorliegende Publikation der Basisauswertungen des Projekts

soll die Grundlage für weitere Analysen bilden, die sich

Fragen des Zusammenhangs zwischen der Unterrichtsgestaltung

und dem Professionswissen von Lehrpersonen sowie

zwischen der Unterrichtsgestaltung und den Lernergebnissen

der Schülerinnen und Schüler im kognitiven und motivationalen

Bereich widmen.

In der vorgesehenen Detail-Analyse soll das Material durch

die Bestimmung und Identifizierung von Qualitätskriterien

für guten Unterricht für die geschichtsdidaktische Praxis

fruchtbar gemacht werden.

Die Ergebnisse der Studie sind auch für die Aus- und Weiterbildung

von Lehrpersonen von Bedeutung. Insbesondere die

Methode der Videoaufzeichnung als Methode für die nachhaltige

und selbständige Unterrichtsentwicklung erscheint

ein vielversprechender Ansatz. Erstmals liegt pädagogische

Praxis als Anschauungsmaterial vor, das aus unterschiedlichen

Perspektiven untersucht werden kann.

Projektteam: Béatrice Ziegler (Leitung), Institut Forschung

und Entwicklung, FHNW | Peter Gauschi, Helmut Messner,

Jan Hodel, FHNW | Monika Waldis, FHNW und Pädagogisches

Institut, Universität Zürich | Daniel V. Moser-

Léchot, Pädagogische Hochschule, Bern | Kurt Reusser,

Domenica Flütsch, Regina Suhner, Pädagogisches Institut,

Universität Zürich | Pit Wiher, Alex Buff, Pädagogische

Hochschule, Zürich.

Schlüsselwörter: Lehr-Lernforschung | Geschichtsdidaktik

| Unterrichtsforschung | Empirirsche Forschung |

Videografierung

Projektförderung: Aargauischer Lotteriefonds | Universität

Zürich | Pädagogische Hochschule Bern | Pädagogische

Hochschule Zürich | Pädagogische Hochschule FHNW

Dauer: 2002 – 2007

Literatur:

– Gautschi, P., Moser, D. V., Reusser, K., Wiher, P. (2007):

Geschichtsunterricht heute – eine empirische Analyse

ausgewählter Aspekte. Hep-Verlag, Bern.

– Gautschi, P. (2004): Braucht die Geschichtsdidaktik eine

Allgemeine Didaktik? Formen der Zusammenarbeit in

Unterrichtsforschung und Lehrerbildung. Beiträge zur

Lehrerbildung, Jg. 22, Heft 2, S. 190 – 200.

– Torney-Purta, J., Lehmann, R., Oswald, H., Schulz, W.

(2001): Citizenship and Education in Twenty-eight

Countries. Civic Knowledge and Engagement at Age

Fourteen. IEA, Amsterdam.


Lernersprache zwischen Mundart und Hochdeutsch:

Das Code-mixing von Kindern mit Migrationshintergrund

in Deutschschweizer Schulen

Die Ansicht, dass Kinder mit Migrationshintergrund «nicht

richtig» Deutsch können und eine Mischsprache entwickeln,

ist weit verbreitet. Bisher wurde aber die Charakteristik von

Lernersprachen in der Deutschschweiz nicht umfassend untersucht,

so dass eine wissenschaftlich fundierte Diskussion

nicht möglich ist. Das neue DORE-Projekt des Zentrums Lesen

soll diese Lücke füllen und damit Voraussetzungen für eine

verbesserte Sprachförderung bieten. | Mathilde Gyger, Institut

Primarstufe und Institut Forschung und Entwicklung

Die varianzlinguistische Mehrsprachigkeitsforschung beschäftigt

sich mit der Beschreibung und Klassifikation von

Code-switching- oder -mixing-Phänomenen im natürlichen

Zweitspracherwerb. Dabei wird die Verwendung von Sub-

oder Non-Standard (z.B. Balkan-Slang) geradezu als Ausweis

für Expertise angesehen und kritisiert, dass die Bildungsforschung

und die Sprachdidaktik solche Phänomene ausschliesslich

als Indiz für sprachliche Defizite ansehen.

Der Streit um die Deutung von Mischcodes kann auf Grund

fehlender Untersuchungen nicht entschieden werden. Das

Projekt zur Lernersprache zwischen Mundart und Hochdeutsch

sieht einerseits linguistische Forschung und andererseits

Umsetzungsarbeit vor. Im aktuellen Diskurs werden

die Bearbeitung dieser Thematik und die spezifische Professionalisierung

der Lehrpersonen als eine dringliche Aufgabe

der Fachdidaktik erachtet.

Zunächst geht es darum, eine theoretische Grundlage zu erarbeiten

und den Nachweis zu erbringen, dass Kinder mit Migrationshintergrund

Dialekt-Standard-Mischvarietäten entwickeln,

die sich von allfälligen Mischregistern gleichaltriger

Deutschschweizer Schülerinnen und Schülern unterscheiden.

Diese Mischvarietäten sollen detailliert beschrieben werden,

um eine Zuordnung von bestimmten Mischphänomenen vorzunehmen.

Bestimmte Formen der Mischung von Dialekt

und Standardsprache können in allen Lernersprachen über

längere Zeit beobachtet werden. Andere sind vermutlich für

bestimmte Stadien des Zweitspracherwerbs charakteristisch

und so zuverlässige Indikatoren für den Sprachstand. Dadurch

können sie von Lehrpersonen zur Sprachbeobachtung

genutzt werden.

Für die Erforschung der Lernersprachen wird die mündliche

und schriftliche Spracherzeugung mit qualitativen und quantitativen

Verfahren untersucht. Der qualitative Teil der Studie

beruht auf einem mehrjährigen Längsschnitt und beschreibt

die Sprachentwicklung der Lernenden. Dazu werden im Kanton

Basel-Stadt in den Jahren 2007 bis 2009 jährlich Sprachproben

von 13 ausgewählten Schülerinnen und Schülern erhoben.

Aus einem Vorgängerprojekt in den Jahren 2002 bis 2005

liegt ein umfangreiches Sprachkorpus dieser Probandinnen

und Probanden vor, so dass deren Zweitsprach erwerb vom 1.

Kindergartenjahr bis zum Abschluss des 6. Schuljahres dokumentiert

werden kann. In einem Querschnitt, bei dem je drei

Versuchsgruppen mit unterschiedlichem Sprachstand sowie

eine Kontrollgruppe in Schulen der Kantone Basel-Stadt, Aargau

und Freiburg mündlich und schriftlich befragt und getestet

werden, findet im zweiten Halbjahr 2008 einmalig eine

quantitative Validierung der Ergebnisse statt.

52 | 53

Anhand dieser Grundlagen erfolgt die Formulierung von

Lernzielen und die Entwicklung eines Beobachtungsinstruments.

Dieses wird nach der Erprobung im Herbst 2009 den

Praxispartnern so bald als möglich zur Verfügung stehen.

Projektteam: Mathilde Gyger (Leiterin), FHNW |

Walter Haas, Departement für Germanistik, Universität

Freiburg | Nadia Montefiori und Helene Zenhäusern

Schlüsselwörter: Zweitspracherwerb | Code-mixing |

Migration | Mundart und Standardsprache | Deutsch als

Zweitsprache | Diglossie | Interimssprache

Projektkooperationen: Praxispartner sind die Bildungs-

und Erziehungsdirektionen der Kantone Aargau, Basel-

Stadt und Freiburg.

Projektförderung: Das Projekt wird vom Schweizerischen

Nationalfonds im Rahmen des DORE-Programms und von

den drei Kantonen BS, AG und FR mitfinanziert.

Dauer: 20072010

Literatur:

– Gyger, M. (2005): Projekt Standardsprache im Kindergarten.

Schlussbericht. Basel. Online-Publikation:

www.edubs.ch/lehrpersonen/fachstelle_sprachen/index.pt

– Gyger, M. (2000): Das Diglossie-Dilemma. Jugendliche

Migranten im Spannungsfeld zwischen Mundart und

Standardsprache. In: Annelies Häcki Buhofer (Hg.):

Vom Umgang mit sprachlicher Variation. Soziolinguistik,

Dialektologie, Methoden und Wissenschaftsgeschichte.

Tübingen / Basel, S. 227– 244.

– Haas, W. (2004): Die Sprachsituation in der deutschen

Schweiz und das Konzept der Diglossie. In: Helen Christen

(Hg.): Dialekt, Regiolekt und Standardsprache im

sozialen und zeitlichen Raum. Wien, S. 81–110.


Pädagogische Hochschule

Schule und nachhaltige Entwicklung – Entwicklung

und Erprobung eines Instrumentariums zur Standortbestimmung

(StabeNE)

Um nachhaltige Entwicklung im Bildungssystem erfolgreich

zu verankern, ist ein gesamtschulischer Ansatz gefragt, der

auch die Schulen als Institutionen in den Blick nimmt. Ein

solcher Ansatz liegt dem vom SNF geförderten transdisziplinären

Projekt StabeNE zugrunde. Dieses will ein Instrumentarium

zur Standortbestimmung für Schulen entwickeln.

Zudem werden Erfahrungen von Schweizer Schulen (Primarschule,

Sekundarstufe I) in Bezug auf Schulentwicklung und

nachhaltige Entwicklung erhoben. | Christine Bänninger,

Andrea Mordasini, Institut Forschung und Entwicklung

Ausgangslage

Schulen werden laufend mit gesellschaftlichen und politischen

Anliegen konfrontiert, die sie zusätzlich zum traditionellen

Bildungsauftrag umsetzen sollen. Entsprechend sind

Schulen häufig sehr aktiv, sie setzen viele Massnahmen um

und realisieren zahlreiche Projekte. Gleichzeitig finden aber

neue Anliegen aufgrund fehlender Ressourcen in den Schulen

zunehmend weniger Resonanz. Projekte und Massnahmen

sind zudem oft nicht aufeinander bezogen und erlauben den

Schulen keine Profilierung. Die neue Anforderung, Ziele einer

nachhaltigen Entwicklung anzustreben, bietet Schulen eine

Chance, ihre Massnahmen und Projekte zu vernetzen und in

der Ausrichtung auf übergeordnete Ziele zu fokussieren. Das

Projekt StabeNE will Schulen auf ihrem Weg zu einer nachhaltigen

Entwicklung unterstützen.

Ziele und Vorgehensweise

Im Projekt wird ein Instrumentarium entwickelt und erprobt,

das Schulen ermöglicht, eine Standortbestimmung hinsichtlich

nachhaltiger Entwicklung durchzuführen. Es soll Schulen

helfen, ihre diesbezüglichen Schwerpunkte, Stärken und

Schwächen zu identifizieren, gestützt darauf den Handlungsbedarf

zu ermitteln und festzulegen, welche Massnahmen sie

ergreifen wollen. Es soll den Anforderungen an Strategien

und Projekte für eine nachhaltige Entwicklung gerecht werden

und erlauben, eine Schule umfassend zu betrachten.

Ein weiteres Ziel des Projekts ist es, Erfahrungen von Schulen

bei der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung aufzuzeigen.

Diese Erfahrungen sollen nicht nur in das Instrumentarium

zur Standortbestimmung einfliessen, sondern auch

in Empfehlungen münden, welche sich an Institutionen der

Aus- und Weiterbildung sowie Beratung von Lehrkräften und

Schulleitungen richten. Diesem Zweck dient eine repräsentative

Erhebung an öffentlichen Schweizer Schulen.

Erste Ergebnisse

In der transdisziplinären Arbeit im Rahmen der Projektkooperationen

konnte unter Einsatz von Mindmaps ein Modell

schulischer Handlungsfelder erarbeitet werden, mit dem

sich eine Schule als Institution umfassend beschreiben lässt.

Derzeit gliedert sich dieses Modell in 64 Handlungsfelder,

ausgehend von den fünf Haupthandlungsfeldern «Unterricht

/ Lehre», «Schul-Organisation», «Infrastruktur», «Aus-

senbeziehungen» und «Angebote und Dienstleistungen für

Angehörige der Bildungsinstitution». Das erarbeitete Modell,

der Einsatz von Mindmaps und die in der Arbeit mit den Praxispartnern

verwendeten Workshop-Konzepte sind auch erste

Elemente des Instrumentariums zur Standortbestimmung,

das erlaubt, die unterschiedlichen Rahmenbedingungen von

Schulen zu berücksichtigen und gleichzeitig Qualitätsvorgaben

für eine Bestandsaufnahme im Zusammenhang mit

nachhaltiger Entwicklung zu machen. Die Entscheidung, den

Schulen keinen Katalog an Massnahmen vorzuschreiben, die

sie mit Blick auf eine nachhaltige Entwicklung zu realisieren

haben, erwies sich als sinnvoll. Interessant ist zudem, dass

erst die Auseinandersetzung mit dem Handlungsfeldmodell

den beteiligten Schulen bzw. Lehrpersonen gemäss eigener

Aussage bewusst gemacht hat, wie vielfältig die Aufgaben

einer Schule sind und diese sich nicht auf Bildung und Ausbildung

beschränken.

Projektteam: Antonietta Di Giulio | Christine Künzli

(Projekt verantwortung) | Christine Bänninger (operative

Leitung) | Andrea Mordasini | Nicole Marti

Schlüsselwörter: Bildung und nachhaltige Entwicklung |

Schulentwicklung | Evaluation | Schule als Institution |

Profilbildung

Projektkooperationen: Stiftung Bildung und Entwicklung

| Compad Didactics GmbH | Primarschulen Geristein

(Bolligen), Flumenthal, Welschenrohr, Laupersdorf, Collège

des Terraux (Neuchâtel) | HTL Donaustadt, Wien

Projektförderung: Schweizerischer Nationalfonds |

Pädagogische Hochschule, FHNW | Praxispartner

Dauer: 20062008

Literatur:

– Bänninger, C., Di Giulio, A., Künzli, D.C. (zur Publikation

angenommen): Schule und nachhaltige Entwicklung.

In: GAIA.


Kaufmännisch-betriebswirtschaftliche Bildung in der

Schweiz: Rekonstruktion ihrer Ausdifferenzierung und

Hierarchisierung

Auf die vielfältigen Herausforderungen der Moderne wurde

gesellschaftlich immer wieder mit «mehr Bildung» geantwortet.

Keine andere formale Qualifikationsmöglichkeit spiegelt

diese historisch beobachtbare Dynamik besser als die

kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Bildungsgänge. Das

Projekt untersucht den längerfristigen Etablierungs- und

Differenzierungsprozess dieses Bildungsbereichs in einer

diachronen Perspektive. | Martina Späni, Institut Forschung

und Entwicklung

Zwei Teilsysteme – eine Forschungslücke

Im Jahre 2000 traten 98 Prozent der Jugendlichen in Bildungsgänge

der Sekundarstufe II über. Die Zahl vermittelt

einen Eindruck über die gesellschaftliche Bedeutung nachobligatorischer

Bildungsgänge. Historisch betrachtet entwickelten

sich die nach-obligatorischen Bildungsmöglichkeiten

in zwei unterschiedlichen Milieus, was zu zwei getrennten

Teilsystemen führte: zum Berufsbildungssystem im engeren

Sinne und zum allgemein bildenden Schul- und Hochschulsystem.

Beide Teilsysteme zeichnen sich durch integrierte

Systemzusammenhänge von Schul- und Ausbildungsträgern,

Aufsichtsbehörden, Curricula, Sozialisationsmilieus, beruflichen

Karrierefeldern und Lehrergruppen aus. Die Bildungsforschung

hat sich vor allem mit der Geschichte des allgemeinen

Bildungssystems auseinandergesetzt, wohingegen

die noch wenig umfangreiche Berufsbildungsforschung sich

fast ausschliesslich an die Berufsbildung im engeren Sinne

hielt. Übergreifende historische Studien gibt es kaum.

Das Projekt leistet einen Beitrag für das bessere Verständnis

des nach-obligatorischen Bildungsbereichs, indem es

exemplarisch den kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen

Bildungskomplex ins Zentrum stellt. Dabei sollen heutige

Bildungswege und -formen als kontingente Form sichtbar

gemacht werden.

Bildung als historisches Forschungsobjekt

Die kaufmännisch-betriebswirtschaftliche «Berufsfamilie»

gibt als Forschungsgegenstand Aufschluss über das Wachstum

des nach-obligatorischen Bildungsbereichs:

– Absolventinnen und Absolventen von kaufmännisch-

betriebswirtschaftlichen Bildungsgängen bilden die

grösste Absolvierendengruppe des Bildungssystems.

– Kaufmännisch-betriebswirtschaftliche Bildungsmöglichkeiten

sind in beiden Ausbildungssträngen präsent.

– Sie widerspiegeln das Wachstum des tertiären Erwerbssektors

(Dienstleistungssektor) sowie die stete Herausforderung

durch neue Technologien und Unternehmensorganisationen.

– In die Steuerung der Teilsysteme sind unzählige Akteure

eingebunden. Sie vertreten den typisch helvetischen

Interorganisationszusammenhang, der auch das Bildungswesen

prägt.

54 | 55

Analysedimensionen des Projekts

Für die historische Rekonstruktion werden fünf Analysedimensionen

unterschieden:

1. die Entstehungs- und Ausdifferenzierungsprozesse,

in denen Bildungstypen, Übergänge wie auch Abgrenzungen

zwischen den einzelnen Ausbildungseinrichtungen geschaffen

werden (Interaktion);

2. die Formen- und Normenübernahme zwischen kaufmännischen

und nicht kaufmännischen Bildungseinrichtungen

bzw. die Einpassung ins gesamte Bildungssystem

(Adaptation);

3. die äussere Organisation und Verteilung der Kompetenzen

(Steuerung);

4. die vergleichende Rekonstruktion der Ausbildungsinhalte,

der Abschlüsse und Berechtigungen und ihrer Legitimation

(Qualifikation);

5. die durch Bildung vermittelte soziale Mobilität zwischen

beruflichen Positionen bzw. zwischen sozialen Schichten.

Projektteam: Martina Späni | Lucien Criblez | Susanne

Burren | Peter Metz | Frédéric Voisard

Schlüsselwörter: Historische Bildungsforschung |

Berufsbildungsforschung | Kaufmännisch-betriebswirtschaftliche

Bildung | Professionsforschung | Sekundarstufe

II | Hochschule | Nationales Bildungssystem

Projektkooperationen: Ein Ländervergleich Schweiz –

Deutschland wurde beim Forschungsdesign berücksichtigt

und mit Peter Drewek (Uni Mannheim) und Klaus Harney

(Uni Bochum) abgesprochen. Das Projekt wird zudem vom

zweiten Jahr an durch Personen aus der Berufsbildungsforschung

und der Bildungspraxis kritisch begleitet.

Projektförderung: Schweizerischer Nationalfonds,

SNF-Nr.: 100'013 –112'309 | Pädagogische Hochschule,

FHNW

Dauer: 20062008

Eine Fortsetzung des Projekts ist in Planung.


Eine Mitarbeiterin der Hochschule für Soziale Arbeit studiert den Film «Oberes Wynental - eine

Sozialraumanalyse». Zwei Mitarbeitende diskutieren ein Projekt zur Gesundheitsförderung.


Hochschule für Soziale Arbeit

«Forschung in Sozialer Arbeit ermöglicht und unter-

stützt Soziale Innovation, die von hoher gesellschaftlicher

Relevanz ist.»

Prof. Dr. Luzia Truniger, Direktorin Hochschule für Soziale Arbeit

58 Das Innovationspotenzial der Forschung nutzen

59 Bodyguard: HIV-Prävention und Soziale Arbeit

Das Projekt Bodyguard sensibilisiert heterosexuelle Männer für

HIV-bezogene Risiken. Die Hochschule für Soziale Arbeit hat dessen

Wirksamkeit evaluiert.

62 Evaluation in der stationären Jugendhilfe

63 Soziales Kapital und nachhaltige Quartierentwicklung

64 Evaluation ethischer Entscheidungen auf der chirurgischen

Intensivstation des Kantonsspitals St. Gallen

65 Implementation der ICF-gestützten Prozessgestaltung

in die Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe

56 | 57


Hochschule für Soziale Arbeit

Das Innovationspotenzial

der Forschung nutzen

Erkenntnisse aus der Forschung in Sozialer Arbeit fliessen in Entwicklungsprozesse

ein, in denen in Kooperation mit der Praxis neue Konzepte und

Lösungsansätze zur Bearbeitung sozialer Probleme entwickelt werden.

Damit ermöglicht Forschung Soziale Innovation.

Der Begriff «Soziale Innovation» wird

unterschiedlich definiert und in unterschiedlichsten

Kontexten genutzt,

etwa um veränderte Verhaltensmuster

im Rahmen von Organisationsentwicklungsprozessen,

neue Handlungsmodelle

in Bildungszusammenhängen

und neuartige Lösungsansätze für gesamtgesellschaftlicheProblemstellungen

zu fassen. In der Sozialen Arbeit

verstehen wir darunter die Innovation

in der Gestaltung von Bildungs-, Erziehungs-

und Beratungsprozessen sowie

die Erneuerung der Sozialen Arbeit auf

struktureller, politischer, organisationaler

und methodischer Ebene. Diese

Erneuerungen verfolgen das Ziel, Menschen

bei ihrer Lebensbewältigung

und Lebensgestaltung unter häufig erschwerten

Bedingungen zu unterstützen.

Erstaunlich ist, wie wenig darüber geforscht

wird, wie Innovationen in der

Sozialen Arbeit entstehen, welches die

Voraussetzungen und die Bedingungen

für Erfolge und Rückschläge sind, wie

Innovationsprozesse konkret verlaufen

und welches die Gütekriterien von Innovationen

sind. Innovationsforschung ist

in der Sozialen Arbeit ein weitgehend

unbekanntes Terrain.

Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr

2003 in den ehemaligen Teilschulen

der Fachhochschule Nordwestschweiz

ein Forschungsprogramm entwickelt.

Das Programm «Evidence Based Intervention

Development» (EBID) mit dem

Praxis-Optimierungs-Zyklus setzte sich

den Brückenschlag von der Wissensproduktion

in der Forschung zu einer innovativen

professionellen Praxis zum

Ziel. Das Programm wird heute als Forschungsschwerpunkt

in der Hochschule

für Soziale Arbeit FHNW umgesetzt,

erprobt und evaluiert.

In den letzten vier Jahren konnten mehrere

Projekte realisiert werden, die Lehre

wurde im Hinblick auf eine wissensbasierte

und innovative Soziale Arbeit

weiterentwickelt, die Reflexion und der

Diskurs zum Thema Soziale Innovation

angeregt.

Die folgenden Beiträge geben einen

Einblick in ausgewählte Projekte und

zeigen die verschiedenen Phasen einer

Sozialen Innovation: In dem Projekt

«Bodyguard: Gesundheitsförderung

und HIV/Aids-Prävention bei Männern»

wird der gesamte Praxis-Optimierungs-Zyklus,

also Wissensbildung,

Konzeptentwicklung, Implementation

und Evaluation, umgesetzt. Die Projekte

«Evaluation ethischer Entscheidungen

auf der chirurgischen Intensivstation

des Kantonsspitals St. Gallen», «Soziales

Kapital und nachhaltige Quartierentwicklung»,

«Evaluation des Programms

‹Berufsvorbereitungsklasse› des Kantonalen

Jugendheims Aarburg» sowie

«Implementation der ICF-gestützten

Prozessgestaltung in die Kinder-, Jugend-

und Behindertenhilfe» skizzieren

Teilschritte innerhalb eines Innovationsprozesses.

Insgesamt werden im Jahre 2006 an der

Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

77 abgeschlossene und laufende Forschungs-

und Entwicklungsprojekte

ausgewiesen, die regional verankert

und vielfach national und international

vernetzt sind. Sie werden vom Schweizerischen

Nationalfonds, von Dore, der

KTI sowie von Stellen der öffentlichen

Hand und von Non-Profit-Organisationen

finanziell unterstützt.

Ein ausführlicher Forschungsbericht

der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW

gibt einen Überblick über alle Projekte

und legt den Stand der Programmentwicklung

und Umsetzung dar. Wir stellen

Ihnen den Bericht «Soziale Innovation.

Forschung und Entwicklung in der

Sozialen Arbeit 2007» gerne zu.

Luzia Truniger

Direktorin Hochschule für

Soziale Arbeit


Bodyguard: HIV-Prävention und Soziale Arbeit

Das Projekt Bodyguard sensibilisiert heterosexuelle Männer

für HIV-bezogene Risiken und stärkt ihre Intention zum Kondomgebrauch

bei sexuellen Erst- oder Gelegenheitskontakten.

Sibylle Nideröst, Institut Integration und Partizipation

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Abbildung 1: Zwei Plakate, die im Rahmen des Projekts «Bodyguard» entwickelt wurden

Ausgangslage

Weltweit leben etwa 40 Millionen Menschen mit dem HI-

Virus. Für die Schweiz wird die Zahl der HIV-positiven Personen

auf rund 20'000 geschätzt. Zwischen 750 und 800 HIV-

Fälle werden pro Jahr neu diagnostiziert. Diese Zahl ist seit

2002 auf diesem hohen Niveau stabil. Infizierten sich zu Beginn

der Epidemie im Jahr 1985 noch vorwiegend schwule

Männer und intravenös Drogenkonsumierende mit dem Virus,

so sind heute immer mehr auch heterosexuelle Frauen und

Männer betroffen. Bereits seit 1992 stellt der heterosexuelle

Sexualkontakt in der Schweiz den häufigsten Übertragungsweg

dar. Auch im Jahr 2006 erfolgten rund 46 Prozent der

Neuinfektionen über den sexuellen Kontakt zwischen Mann

und Frau. Angesichts dieser Zahlen ist die Prävention weiterhin

gefordert. Zwar ist HIV seit 1996 dank der antiretroviralen

Medikamente behandelbar geworden. Allerdings sind

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mit der Krankheit HIV/Aids immer noch Stigmatisierungen

und Diskriminierungen verschiedener Art verbunden. Für

viele Betroffene ergeben sich auch rechtliche und finanzielle

Probleme. Die HIV-Prävention kann solches Leiden durch gezielte

Interventionen verhindern.

Bei der Entwicklung solcher Interventionen sind die Professionellen

der Sozialen Arbeit auf fundiertes Wissen über die

Entstehungsbedingungen von HIV-bezogenem Risiko- und

Schutzverhalten angewiesen. Im Rahmen der präventionsorientierten

HIV-Forschung am Institut Integration und Partizipation

der Hochschule für Soziale Arbeit wurden in einem

durch den schweizerischen Nationalfonds finanzierten

Forschungsprojekt Einflussfaktoren für das HIV-bezogene

Schutz- und Risikoverhalten von heterosexuellen Männern

identifiziert. Bei diesem Projekt wurde bewusst nur auf Männer

fokussiert, da bisherige Untersuchungen Männer noch zu


Hochschule für Soziale Arbeit

wenig in den Blick genommen hatten und auch die Prävention

heterosexuelle Männer nur im Rahmen der Kampagnen

für die Allgemeinbevölkerung anzusprechen versucht. Die

prospektive, standardisierte Untersuchung mittels computerunterstützten

Telefoninterviews (CATI) bei 982 Männern

im Alter zwischen 25 und 65 Jahren zeigte auf, dass der Kondomgebrauch

bei einem sexuellen Erst- oder Gelegenheitskontakt

wesentlich von der Intention zum Kondomgebrauch

abhängt, die umso stärker ist, je besser die wahrgenommene

Verhaltenskontrolle und je positiver die Einstellung gegenüber

dem Kondomgebrauch ist. Aber auch ein guter Wissensstand

hinsichtlich Ansteckungswege unterstützt indirekt das

HIV-Schutzverhalten der Männer. Ein weiterer Faktor, der

den Kondomgebrauch unterstützt, ist die Einschätzung, dass

die Partnerin ebenfalls ein Kondom verwenden möchte. Eher

hemmend auf die Schutzintention und den Kondomgebrauch

wirken sich stereotypisierte Gesundheitsüberzeugungen und

die Verliebtheit aus.

Gleichzeitig wird deutlich, dass soziokulturelle Variablen,

wie etwa die somatische Kultur, die Schutzintention massgeblich

prägen. Somatische Kultur bezeichnet ein während

des Aufwachsens angeeignetes System von körperbezogenen

Überzeugungen und Regeln, welches das Verhalten gegenüber

dem eigenen Körper bestimmt. In 23 problemzentrierten

Interviews wurden vier verschiedene Typen somatischer Kultur

(visionärer, ambivalenter, funktionalistischer und nachlässiger

Typ) bei Männern identifiziert, welche die Wahl der

Schutzstrategie massgeblich prägen. Dabei sind insbesondere

Männer des funktionalistischen und des nachlässigen

Typus somatischer Kultur präventionsrelevant, da diese aufgrund

geringer Risikowahrnehmung keine Schutzstrategie

gegen HIV festlegen. Sie sind damit schlecht auf Situationen

wie Partnerwechsel, Gelegenheitskontakte, Seitensprünge

oder den Kontakt mit Sexarbeiterinnen vorbereitet.

Zielsetzungen

In Kooperation mit den Aids-Hilfen der Kantone Zug, Luzern

und Schwyz sollte ein Interventionskonzept entwickelt werden,

das die Intentionsbildung, die Einstellung, die wahrgenommene

Verhaltenskontrolle, das Wissen und die stereotypisierten

Gesundheitsüberzeugungen positiv verändert.

Dabei gilt es, die unterschiedlichen somatischen Kulturen

der Männer zu berücksichtigen. Die Intervention sollte in einem

Betrieb zum Einsatz kommen; die Arbeitswelt als einer

der wesentlichen Bereiche der Lebenswelt von erwachsenen

Menschen eignet sich als Ort für die Prävention, wurde bisher

aber noch zu wenig genutzt. Im Weiteren war das Projekt

eingebettet in das IPE-Projekt «Evidence Based Intervention

Development» (EBID) der Hochschule für Soziale Arbeit, dessen

Ziel unter anderem die Überprüfung der Umsetzbarkeit

und die Anwendung des theoretischen Modells von Praxis-

Optimierungs-Zyklen (POZ; vgl. Abbildung 2) in unterschiedlichen

Feldern der Sozialen Arbeit ist.

Methodisches Vorgehen

Zunächst musste ein Betrieb für die Zusammenarbeit gesucht

werden, dessen Belegschaft sich unter anderem überwiegend

aus Männern zusammensetzt. Der Entscheid fiel zugunsten

der Firma Komax AG aus, einem weltweit agierenden

Hightech-Konzern mit Sitz in Dierikon. Die Zusammenarbeit

wurde in einem gemeinsam unterzeichneten letter of intent

formalisiert. Die Entwicklung des Interventionskonzepts erfolgte

in einem kooperativen Prozess zwischen Wissenschaft

und Praxis, der in Anlehnung an das Modell der Wissensproduktion

nach Modus 2 konzipiert wurde. Bei dieser Form der

Wissensproduktion werden unterschiedliche Wissensformen

gleichberechtigt zusammengeführt und zueinander in Relation

gebracht. Der Prozess der Konzeptentwicklung folgte

einem Manual, das im Rahmen des EBID-Programms entwickelt

und durch einen Dozenten der Hochschule für Soziale

Arbeit moderiert wurde.

Ausgehend von einer Ist-Analyse des Betriebs hinsichtlich

spezifischer Stärken und Schwächen im Zusammenhang

mit der geplanten HIV-Prävention, der Darstellung der Forschungsergebnisse

und der Erkenntnisse aus der Präventionsarbeit,

wurden in einem gemeinsamen Brainstorming

erste Ideen und Entwürfe generiert. Deren Auswahl erfolgte

aufgrund der Beurteilung, ob sie Wissen bereitzustellen,

Einstellungen gegenüber Kondomgebrauch sowie die wahrgenommene

Verhaltenskontrolle zu verbessern und stereotypisierte

Gesundheitsüberzeugungen abzubauen vermögen.

Die Massnahmen sollten dabei auch die unterschiedlichen

Typen somatischer Kultur ansprechen, d. h., das Interventionskonzept

musste neben interessengesteuerten Angeboten

auch Massnahmen beinhalten, die jene Männer ansprechen,

die sich nur wenig aus eigener Initiative mit dem Thema auseinandersetzen

wollen.

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Abbildung 2: Der Praxis-Optimierungs-Zyklus (POZ)

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Das Projekt Bodyguard

Das definitive Interventionskonzept erhielt den Namen Bodyguard

und beinhaltete insgesamt fünf unterschiedliche

Massnahmen, die im Zeitraum von drei Monaten im Betrieb

durchgeführt wurden. Der Start des Projekts wurde mit einer

Veranstaltung eröffnet, die den Mitarbeitenden das Projekt

Bodyguard vorstellte. Im Anschluss an den Informationsteil

folgte ein Improvisationstheater des Duos «Ohne Wiederholung».

Der Kick-off wurde mit einem Apéro in der Hacienda

Prävention beschlossen. Die Hacienda Prävention war der


zur Lounge umgestaltete Personalaufenthaltsraum, der das

örtliche Zentrum der Aktivitäten von Bodyguard bildete. Sie

diente als Informations- und Austauschplattform, indem

dort über die ganze Dauer der Intervention Broschüren und

Plakate zum Thema Gesundheit und HIV aufgelegt bzw. aufgehängt

waren, die unter anderem auch zu Diskussionen anregen

sollten.

Zu den eigentlichen Massnahmen zählten:

Lunch-Boxes: Die Lunch-Boxes, die jeweils im Abstand von

drei Wochen verteilt wurden, ermöglichten eine schrittweise

Annäherung an das Thema HIV. So thematisierte die erste

Box zunächst Bewegung und Entspannung, die zweite ging

auf Ernährungsfragen ein, und erst die dritte Box zielte auf

die Vermittlung von Informationen zum Schutz vor HIV. Sie

enthielt einen Deo-Spray, eine Kerze, ein Kondom und die

Broschüre «Liebe, Lust & Schutz».

Wettbewerb: Jede Lunch-Box enthielt jeweils auch einige

Fragen zu Gesundheit und HIV, die Teil eines Wettbewerbs

waren, als dessen Hauptpreis ein Wellness-Weekend in den

Bergen lockte.

Begegnung mit einem Betroffenen: Auch Wissen über das

Leben mit HIV sollte vermittelt werden. Dafür sollte ein betroffener

heterosexueller Mann im Betrieb über sein Leben

mit HIV berichten. Leider wurde diese Veranstaltung von der

Firmenleitung abgesagt, da sich eine zu kleine Zahl von Mitarbeitenden

angemeldet hatte.

Beratung vor Ort: Während dreier Tage wurde den Mitarbeitern

durch die Professionellen der Aids-Hilfen Luzern und

Zug sowie der Fachstelle für Aidsfragen Schwyz eine Beratung

vor Ort angeboten, welche die Möglichkeit bot, individuelle

Fragen rund um die Themen Beziehung, Freundschaft,

Sexualität und HIV/Aids zu klären. Gleichzeitig wurde eine

spezielle E-Mail-Adresse für Fragen bis Ende der Intervention

aufgeschaltet.

Verdecktes Theater: An drei Tagen waren zwei als Putzfrauen

verkleidete Schauspieler unterwegs, die unter dem

Vorwand von Reinigungsarbeiten die Angestellten in ein Gespräch

verwickelten und dabei stereotypisierte Gesundheitsüberzeugungen

in Bezug auf HIV/Aids und die Einstellung

gegenüber dem Kondomgebrauch ansprachen. Sie versorgten

die Beteiligten mit Broschüren und wiesen auf das Beratungsangebot

hin.

Neben den Lunch-Boxes, dem Wettbewerb und dem verdeckten

Theater wurden weitere Massnahmen initiiert, die vor allem

Männer des funktionalistischen und nachlässigen Typus

zu erreichen versuchten. So wurden den Themen der Lunch-

Boxes entsprechende Plakate geschaffen, die in der Hacienda

Prävention und an exponierten Orten des Betriebs aufgehängt

waren. In den Toiletten wurden die Präventionsbotschaften

mittels Aufkleber an Spiegeln und Pissoirs (pisspoints) und

über Kondome mit Catch-Covers an die Männer gebracht.

Gleichzeitig trugen diese Begleitmassnahmen dazu bei, das

Projekt während der drei Monate Laufzeit bei allen Mitarbeitern

wach zu halten.

Schlussfolgerungen und Ausblick

Das Projekt Bodyguard ermöglichte einerseits eine zielgruppenadäquate

HIV-Prävention. Andererseits stellt es ein Exempel

für eine innovative Form des Wissenstransfers in der

60 | 61

Sozialen Arbeit dar, indem durch die Zusammenarbeit von

Wissenschaft und Praxis gemeinsam ein Interventionskonzept

entwickelt wurde, das gleichberechtigt unterschiedliche

Wissensformen beinhaltet und diese zu einem neuen Wissen

zusammenführt.

Unmittelbar nach den Massnahmen wurde eine Evaluation

durchgeführt, die sowohl Hinweise für die Praxis zur Qualität

und gegebenenfalls zur Optimierung der Intervention als

auch empirische Daten für die Wissenschaft liefern wird. Die

Daten der Evaluation werden zurzeit von den Evaluationsfachleuten

des EBID-Teams ausgewertet.

Projektteam: Sibylle Nideröst, Anne Parpan-Blaser, Daniel

Gredig, Institut Integration und Partizipation, FHNW |

Matthias Hüttemann, Institut Soziale Arbeit und Gesundheit,

FHNW | Roland Baur, Institut Professions forschung

und kooperative Wissensbildung, FHNW | Patrick

Ambord, Fachstelle AIDS-Hilfe Zug | Christoph Hennig,

AIDS-Hilfe Luzern | Heidi Rast, Fachstelle für Aidsfragen

Schwyz | Viktor Tobler, André Moser, Komax, Dierikon |

Marcello Schuhmacher, Institut Soziale Arbeit und

Gesundheit, FHNW

Schlüsselwörter: HIV/Aids | Prävention | Soziale Arbeit |

Somatische Kultur | Kooperative Wissensproduktion

Projektkooperationen: Patrick Ambord, Fachstelle AIDS-

Hilfe Zug | Christoph Hennig, AIDS-Hilfe Luzern | Heidi

Rast, Fachstelle für Aidsfragen Schwyz

Projektförderung: Fachstelle AIDS-Hilfe Zug | AIDS-Hilfe

Luzern | Fachstelle für Aidsfragen Schwyz

Dauer: Januar 2006 – Mai 2007

Literatur:

– Gredig D., Nideröst S., Parpan-Blaser A. (2006): HIVprotection

through condom use: Testing the theory

of planned behaviour in a community sample of heterosexual

men in a high-income country. Psychology and

Health, 21, p. 541– 555.

– Parpan, A., Nideröst, S., Deringer, S., Gredig, D. (2004):

HIV/Aids: (k)ein Thema für heterosexuelle Männer!

SozialAktuell, 3, S. 22 – 28.

– Gredig, D., Nideröst, S., Parpan-Blaser, A. (2007):

Explaining the condom use of heterosexual men in a highincome

country: adding somatic culture to

the theory of planned behaviour. Journal of Public Health,

15(2), p. 129 –140.

– Gredig, D., Parpan, A., Nideröst, S. (2002): Somatische

Kultur und HIV-Schutz strategien heterosexueller Männer.

Soz Praventiv Med., 47(6), S. 366 – 377.

– Gredig, D., Sommerfeld, P. (in press): New Proposals for

Generating and Exploiting Solution-Oriented Knowledge.

Research on Social Work Practice.

– Hüttemann, M. (2006): Prozesse der Konzeptentwicklung

gemäss Wissensproduktion im Modus 2. Fachhochschule

Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit,

Brugg, S. 1– 24.


Hochschule für Soziale Arbeit

Evaluation in der stationären Jugendhilfe

Am Beispiel der Evaluation des Programms Berufsvorbereitungsklasse

des Kantonalen Jugendheims Aarburg lässt sich

zeigen, dass Evaluationen einen Beitrag dazu leisten können,

die Risiken, denen Innovationen in der Sozialen Arbeit

ausgesetzt sind, durch eine Bereitstellung von methodisch

gesichertem Wissen teilweise zu kompensieren. | Melanie

Hirtz, Edith Maud Piller, Stefan Schnurr, Institut Kinder- und

Jugendhilfe | Andreas Pfister, Institut Integration und Partizipation

Im Jahr 2004 erweiterte das Kantonale Jugendheim Aarburg

sein Angebotsspektrum um die Berufsvorbereitungsklasse

(BVK). Dieses Angebot richtet sich an 14- bis 16-jährige

männliche Jugendliche, die zum Vollzug einer jugendstrafrechtlichen

Erziehungsmassnahme oder aufgrund vormundschaftlicher

Entscheidungen ausserhalb ihrer Herkunftsfamilie

untergebracht werden. Das Programm bietet Platz für

acht Jugendliche. Diese leben während eines Jahres in einer

Wohngemeinschaft unter Freiheitsbeschränkung. Vorausgesetzt,

sie erfüllen bestimmte Erwartungen des Programms,

werden den Jugendlichen nach und nach mehr Freiheiten zugestanden.

Sie können einen individuell abgestimmten Förderunterricht

besuchen und erhalten so die Chance, einen

Schulabschluss und ein offizielles Zeugnis zu erlangen. Das

Programm setzt verschiedene Mittel ein. Dazu gehören neben

dem sozialpädagogischen Beziehungsangebot und den Beziehungen

in der Wohngruppe verschiedene Tätigkeits- und

Kommunikationsmuster, ein Stufenkonzept mit individuellen

Freiheitsgraden und unterschiedliche Sanktionsformen.

Die Evaluation zielt darauf ab, Zusammenhänge zwischen

den Strukturelementen Nachfrage und Input-Steuerung,

Merkmale und Bedürfnisse der Zielgruppe, Konzeption und

pädagogische Mittel sowie Bildungsabschlüsse zu beobachten.

Sie ermöglicht zu beurteilen, ob Bedarf für ein solches

Angebot besteht, ob das Angebot den Bedürfnissen der Jugendlichen

entspricht, inwieweit die Ziele erreicht werden

und worin die Stärken und Schwächen des Angebots bestehen.

Die Studie wurde über einen Zeitraum von 31 Monaten

durchgeführt.

Im Fokus der Evaluation standen folgende Aspekte: Nachfrage

und Indikationen, Auslastung des Programms, Kontinuität

der Gruppe, Teilnahme an den verschiedenen Angebotsformen,

Abschlusszertifikate der Jugendlichen und die für sie vorbereiteten

Anschlusslösungen für die Zeit nach der BVK, Realisierung

des Konzepts der abgestuften Freiheitsbeschränkung,

Art, Häufigkeit und Verteilung von Sanktionen.

Bei der Evaluation wurden nicht nur quantifizierbare Ausprägungen

der Angebotsumsetzung erfasst, sondern auch die

Deutungen aus Sicht der pädagogischen Mitarbeitenden und

der Jugendlichen. So konnte zum Beispiel ermittelt werden,

wie sich die Regeln, nach denen die Mitarbeitenden entschieden,

auf die Häufigkeit von bestimmten Sanktionen auswirkten

und wie dies von den Betroffenen gedeutet wurde. Dabei

erwiesen sich neben den Gruppendiskussionen mit den pädagogischen

Mitarbeitenden insbesondere die Einzelinterviews

mit den Jugendlichen als wichtige Datenquelle.

Nach jedem Programmjahr wurde ein Zwischenbericht verfasst,

der Empfehlungen für die Modifikation des Programms

formulierte. Diese betrafen unter anderem die Auswahl der

Programmteilnehmer, das System der abgestuften Freiheitsbeschränkung,

die Transparenz von Regeln und den Umgang

mit Sanktionen. Diese Empfehlungen wurden mit den Programmverantwortlichen

erörtert und von diesen selektiv

aufgegriffen.

Projektteam: Stefan Schnurr, Melanie Hirtz, Edith Maud

Piller, Institut Kinder- und Jugendhilfe, FHNW | Andreas

Pfister, Institut Integration und Partizipation, FHNW

Schlüsselwörter: Stationäre Jugendhilfe | Evaluation

Projektkooperationen: Kantonales Jugendheim Aarburg

Projektförderung: Kantonales Jugendheim Aarburg |

Zentrale Forschungsreserve der Fachhochschule

Aargau Nordwestschweiz

Dauer: 2004 – 2007


Soziales Kapital und nachhaltige

Quartierentwicklung

Das Forschungsprojekt untersucht in drei Städten, welche

Faktoren die Konstitution von sozialem Kapital begünstigen.

Darauf aufbauend wird erarbeitet, wie ein Prozess zu

unterstützen ist, der den Aufbau bzw. die Inwertsetzung

des sozialen Kapitals stützt und damit zu sich selbst tragenden

Prozessen der Nachhaltigkeit im Quartier beiträgt. |

Matthias Drilling, Roman Page, Barbara Schürch, Institut

Sozialplanung und Stadtentwicklung

Das Fehlen von Mechanismen zur Entwicklung einer Nachhaltigkeitspolitik

auf lokaler Ebene gehört zu den grössten

Hindernissen für eine nachhaltige Entwicklung. Die Ressource

Quartierbevölkerung wird bis anhin zu wenig einbezogen.

Um diesem Mangel zu begegnen, wird auf das Konzept des

sozialen Kapitals zurückgegriffen: Wenn nachhaltige Quartierentwicklung

nicht nur die Beteiligung der Bewohnerinnen

und Bewohner umfasst, sondern auch Möglichkeiten

eröffnet, in Quartieren vorhandene soziale Ressourcen zu

erschliessen und zu erhalten, dann stellt das soziale Kapital

eine der zentralen Anknüpfungspunkte dar. Der Nukleus

einer Zivilgesellschaft ist demnach in der lokalen Identität

zu suchen.

Hier setzt das Forschungsprojekt an: Es untersucht in sechs

Quartieren der Städte Basel, Luzern und Genf, wie zivilgesellschaftliches

Engagement und nachhaltige Quartierentwicklung

zusammenhängen. Darauf aufbauend wird

untersucht, wie die Inwertsetzung des sozialen Kapitals unterstützt

werden kann und so zu selbsttragenden, aber von

der städtischen Politik flankierten Prozessen der Nachhaltigkeit

im Quartier beiträgt. Die Ergebnisse werden in einem

Entwicklungsmodell «Soziales Kapital bei der nachhaltigen

Quartierentwicklung» zusammengefasst, so dass sie von Entscheidungsträgern

anderer Städte geprüft und eventuell adaptiert

werden können. Entsprechend verläuft die Forschung

in drei Phasen:

1) Erstellung von Quartierprofilen

2) Empirische Erhebung der quartier- und lebensstilspezifischen

Formen sozialen Kapitals und des Potenzials

zur nachhaltigen Quartierentwicklung

3) Modellentwicklung «Soziales Kapital und nachhaltige

Quartierentwicklung».

Erste Ergebnisse zeigen, wie ein Siedlungsraum funktioniert

und wie auf dieser Grundlage Nachhaltigkeitsziele verfolgt

werden können. Die Frage soll anhand von vier Dimensionen

beantwortet werden:

a) Bevölkerungs- und Sozialstruktur des Quartiers,

b) die Rolle der Stadtverwaltung,

c) die Geschichte des Quartiers und

d) die Verfügbarkeit des institutionalisierten sozialen

Kapitals.

Folgende Szenarien hat das Forschungsprojekt herausgearbeitet:

a) Nachhaltige Quartierentwicklung (NQE) in Quartieren

mit besonderem Entwicklungsbedarf: aktive Strategien der

Inwertsetzung sozialen Kapitals.

b) NQE in Nachbarschaftsquartieren mit diversifizierter

62 | 63

Sozialstruktur: konzertierte Strategien der Formalisierung

sozialen Kapitals in Pionierquartieren und seine räumliche

Konzentration im Schnittbereich der Quartiere.

c) NQE in Quartieren mit weitgehend homogener Sozialstruktur:

Planning by opportunities durch Stadtverwaltung

und neutrale Quartiervereine.

Eine entscheidende Frage ist, wie die Stadtverwaltung ihre

Rolle definiert. Wir haben drei Rollen erkannt: Gestaltungsregime,

einer unter mehreren Akteuren und planning by opportunities.

Diese werden wir im Rahmen der Fallbeispiele

detaillierter analysieren.

Projektteam: Matthias Drilling, Roman Page, Barbara

Schürch, Carlo Fabian, Institut Sozialplanung und

Stadtentwicklung, FHNW | Peter Sommerfeld, Institut

Professionsforschung und kooperative Wissensbildung,

FHNW | Hans Rudolf Arm, Thomas R. Matta, Alma Sartoris,

Hochschule für Technik Rapperswil

Schlüsselwörter: Quartierentwicklung | Nachhaltigkeit

| Soziales Kapital, Partizipation

Projektkooperationen: Amt für Umwelt und Energie im

Baudepartement Basel-Stadt | Bundesamt für Wohnungswesen,

Abteilung Grundlagen – Information | Christoph

Merian Stiftung, Basel | Geografisches Institut der

Alexander-Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für

Energie der Fachhochschule Nordwestschweiz | Institut für

Regionalökonomie sowie Hochschule für Soziale Arbeit

Luzern | Institut für Umweltkommunikation der

Universität Lüneburg | Novatlantis – Nachhaltigkeit im

ETH-Bereich | Projekt BaBel Luzern | Schweizerische

Gesellschaft für Volkskunde | Service d’urbanisme ville

de Genève

Projektförderung: Schweizerischer Nationalfonds NFP 54

Dauer: 20062008

Literatur:

– Zwischenbericht des Projekts:

www.nfp54.ch/files/25/Symposium2007_Summaries.pdf

– Publikationen zu einzelnen Themen werden in Kürze unter

www.soziale-stadtentwicklung.ch zur Verfügung stehen.


Hochschule für Soziale Arbeit

Evaluation ethischer Entscheidungen auf der

chirurgischen Intensivstation des Kantonsspitals

St. Gallen

Ethische Gesprächsrunden sind ein wichtiges Qualitätssicherungsinstrument

in ethischen Dilemmasituationen bei

nicht urteilsfähigen Patientinnen und Patienten. Auf der chirurgischen

Intensivstation des Kantonsspitals St. Gallen wird

die Einführung von ethischen Gesprächsrunden, die vom Institut

Dialog Ethik geleitet wird, wissenschaftlich begleitet. |

Sabine Deringer, Institut Soziale Arbeit und Gesundheit

Die Sterblichkeitsrate auf Intensivstationen ist in den letzten

20 Jahren gesunken, der Anteil an Menschen mit überdauernden

Beeinträchtigungen gestiegen. Diese Entwicklung

schafft auf Intensivstationen ethische Dilemmasituationen.

In den letzten Jahren wird zunehmend die gemeinsame Entscheidungsfindung

von Ärztinnen und Ärzten und den Pflegefachleuten

gefordert, aber in der Praxis noch kaum umgesetzt

und evaluiert. Die erste Phase des Projekts verfolgt das

Ziel, die bestehende Urteilsbildung zu untersuchen.

An der Untersuchung nahmen das Team der Pflegenden und

das Team der Ärztinnen und Ärzte der Intensivstation des

Kantonsspitals St. Gallen teil. Der schriftliche Fragebogen

erhebt, ob die befragte Person an der Entscheidungsfindung

beteiligt ist, welches ihre Rolle ist und wie entschieden wird.

Zusätzlich wird die aktuelle Situation der Entscheidungsfindung

und die Gewichtung der Entscheidungskriterien erfasst.

Von den insgesamt 102 Angeschriebenen haben 86 den Fragebogen

ausgefüllt. Dies entspricht einem sehr guten Rücklauf

von 84 Prozent. Von den 86 befragten Personen sind 73

Prozent Frauen und 27 Prozent Männer. 69 Prozent sind diplomierte

Pflegefachleute, 15 Prozent Pflegefachleute in Ausbildung,

und 7 Prozent haben eine leitende Stellung in der

Pflege; 6 Prozent sind Assistenzärztinnen und Assistenzärzte,

4 Prozent leitende Ärztinnen und Ärzte.

38 Prozent des Medizinalpersonals sagen, dass sie meist aktiv

an den Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Bei den

Pflegefachleuten sind es hingegen nur 8 Prozent. Beim Medizinalpersonal

sind 88 Prozent der Meinung, dass die Entscheide

demokratisch gefällt werden, bei den Pflegefachleuten

hingegen nur 30 Prozent.

36 Prozent erwähnen, dass sie ihre Meinung in den Entscheidungsprozess

einbringen und die aktuelle Situation der Patientinnen

und Patienten erläutern. Relativ häufig (22 Prozent)

sehen sich die Befragten als Betreuende der Patienten oder

der Patientinnen und deren Angehöriger oder in keiner Rolle

(22 Prozent). Die Beurteilung der Entscheidungsfindungssituation

wird auf einer vierstufigen Skala im Schnitt mässig

positiv beurteilt (M=2,66). Den höchsten Mittelwert (M=2,99)

weist die Aussage auf, wonach die Entscheide aufgrund von

sachlichen Überlegungen getroffen werden. Die Gewichtung

der Entscheidungskriterien wird auf einer vierstufigen Skala

ebenfalls im Schnitt mässig positiv beurteilt (M=2,55). Den

höchsten Mittelwert (M=3,40) weist die Aussage auf, wonach

die Sichtweise und Meinung der Ärzteschaft genügend berücksichtigt

wird. Die Aussage, die Sichtweise und Meinung

des Pflegepersonals werde genügend berücksichtigt, weist

klar den tiefsten Mittelwert auf (M=2,26). Der Einfluss der

Funktion zeigt sich darin, dass die leitenden Ärztinnen und

Ärzte durchgehend signifikant höhere Werte erreichen als

die Pflegefachleute. Am häufigsten wird die Gewichtung der

Entscheidungskriterien als grosse Herausforderung gesehen.

Weiter wird relativ häufig erwähnt, dass Pflegepersonen

zu wenig an den Gesprächen beteiligt sind und dass die

Kommunikation und der Zeitfaktor der Entscheidung eine

Schwierigkeit darstellen.

Projektteam: Sabine Deringer, Institut Soziale Arbeit und

Gesundheit, FHNW

Schlüsselwörter: Ethik | Entscheidungsprozess

Projektkooperationen: Institut Dialog Ethik

Projektförderung: Kantonsspital St. Gallen

Dauer: 20062009


Implementation der ICF-gestützten Prozessgestaltung

in die Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe

Kantone als künftige Bestellende und Finanzierende von Leistungen

in der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe (NFA)

und die mit dieser Aufgabe betrauten Dienstleistungsorganisationen

stehen vor der Aufgabe, zeitgemässe und zukunftsgerichtete

Angebote zu entwickeln. Hierfür ist eine individuumsbezogene

Bedarfs- und Wirkungsanalyse professioneller

Leistungen nötig. | Daniel Oberholzer, Regina Klemenz, Institut

Professionsforschung und kooperative Wissensbildung

Die Profession verfügt über eine Fülle an Leitmaximen, die

gewisse Orientierung bieten. Allerdings sind Ziele wie «Lebensqualität»

oder «Integration» noch wenig operationalisiert.

Ein möglicher Bezugsrahmen, der legitimierte und

operationalisierte Zieldimensionen bringt, ist die durch die

WHO im Jahr 2005 eingeführte «International Classification

of Functioning, Disability and Health» (ICF). Mit der ICF

wurden der Erhalt und die Förderung der Funktionalen Gesundheit

zur gültigen Zielsetzung menschlicher Entwicklung

und menschlichen Daseins erklärt. Das Forschungsvorhaben

will ein praxistaugliches Instrumentarium zur ICF-gestützten

Prozessgestaltung professioneller Leistungen entwickeln,

das von dienstleistenden Organisationen wie auch von Leistungsfinanzierern

eingesetzt werden kann. Es soll eine differenzierte

Bedarfs- und Wirkungsanalyse – auf qualitativer

wie quantitativer Ebene – ermöglichen, um dazu beizutragen,

die Praxis der Sozialen Arbeit nachhaltig zu professionalisieren.

In einem ersten Schritt wurde ein Assessmenttool konzipiert.

Weil die ICF als Klassifikationsinstrument zu wenig ausgereift

ist, orientiert sich das entwickelte Tool am zugrunde

liegenden Modell der Funktionalen Gesundheit. Indem zusätzlich

systemökologische, integrations- und kompetenzbezogene

Theorien für das Instrumentarium fruchtbar gemacht

wurden, konnte die Denkstruktur des Konzepts für

die agogisch-therapeutische Praxis umgebaut werden. Das

Instrumentarium wurde mit Kooperationsfirmen aus der

Wirtschaft in eine Software übersetzt und in unterschiedliche

Praxen implementiert. Um den Bedarf nach Praxisentwicklung

abzudecken, wurden im Evaluationsprozess

Methoden der Handlungsforschung verwendet, mit welchen

sich Erkenntnisse schnell in die Praxisfelder zurückspeisen

liessen. Einerseits wurde mit themenzentrierten Interviews

die Sicht der Anwenderinnen bzw. Anwender erhoben, andererseits

wurden die Dokumente der Prozessgestaltung einer

laufenden Analyse unterzogen. Vorteilhaft an einem solchen

Vorgehen ist, dass die von der Forschung Betroffenen nicht

in die Rolle der Versuchsobjekte geraten, sondern im gesamten

Prozess gleichberechtigte Partnerinnen und Partner mit

unterschiedlichen Aufgaben bleiben.

Wie das Forschungs- und Entwicklungsprojekt gezeigt hat,

ist es gut möglich, das Konzept der Funktionalen Gesundheit

und die entwickelten Instrumentarien in die verschiedenen

Praxen zu implementieren und für die Hilfeplanung und

Prozessgestaltung fruchtbar zu machen. Die Effekte dieser

Implementation sind noch nicht abschliessend untersucht.

Überblickend können aber folgende Schlüsse gezogen werden:

Funktionale Gesundheit ist eine Prozessqualität, die

zu jedem Zeitpunkt des Lebens verbessert und zu erhalten

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versucht werden kann und muss. Konzept und Instrumentarien

vermögen dementsprechend keine klare Antwort auf die

Frage zu geben, was der exakte Bedarf an Hilfeleistungen in

einer bestimmten Lebens- und Entwicklungssituation ist. Je

mehr Ressourcen von sozialpolitischer Seite zur Verfügung

gestellt werden, desto umfangreicher oder spezialisierter

sind auch die potenziellen Leistungspakete, die zur Entwicklung

und zum Erhalt der Funktionalen Gesundheit eingesetzt

werden können. Wie sich zeigt, eignen sich aber Konzept wie

Instrumentarien hervorragend, um die zu realisierenden

Leistungen fachlich zu begründen und die Qualität der realisierten

Leistungen auszuweisen. Damit erhalten Leistungs -

finanzierende und Dienstleistende gleichermassen ein Instrument

in die Hand, das einen umfassenden Qualitätsnachweis

und eine effektive Qualitätsentwicklung erlaubt. Es ist daher

auch besonders zur Praxis- und Professionsentwicklung

geeignet. Beteiligte Professionelle geben an, ihre Leistungen

besser planen, begründen und reflektieren zu können, und

gehen von einer merklichen Verbesserung insbesondere ihrer

alltagsbezogenen Leistungen aus.

Projektteam: Daniel Oberholzer, Regina Klemenz,

Institut Professionsforschung und kooperative Wissensbildung,

FHNW

Schlüsselwörter: Prozessgestaltung | Professionsentwicklung

| Praxisentwicklung

Projektkooperationen: Verschiedene Organisationen

der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe | INSOS |

Symo AG | Diartis AG

Projektförderung: Alle beteiligten Organisationen kamen

für die notwendigen Ressourcen auf. Zur Finanzierung der

abschliessenden Evaluation wurde ein Gesuch bei DORE

eingereicht.

Dauer: 2004 – 2008

Literatur: Oberholzer, D. (2007): Konzepte zur Erfassung

und Beschreibung des Bedarfs an professionellen

Leistungen in der Praxis der Behindertenhilfe. Entwicklungsprojekt

ICF-gestützte Bedarfsplanung und Prozessgestaltung

in der Behindertenhilfe. Ein Kooperationsprojekt

der Fachhochschule Nordwestschweiz und der

INSOS. Abschlussbericht (in Vorbereitung).


Die Hochschule für Technik forscht im Gebiet der Fertigung mit Hochenergie-Laserstrahlen


Hochschule für Technik

«Die Forschung der Hochschule für Technik richtet sich

nach den künftigen Bedürfnissen unserer Partnerinnen und

Partner. Für den Erfolg sind die Leistungen der Mit arbeiterinnen

und Mitarbeiter, inter nationale Kooperationen

und eine starke lokale Verankerung zentral.»

Prof. Rainer Schnaidt, Leiter Bereich Transfer der Hochschule für Technik

68 Einblick in die Forschung

69 Im Weltraum gibt es Platz für Fachhochschulen!

Das Institut für 4D-Technologien entwickelt Software für die

Datenauswertung des ESA-Satelliten Herschel.

72 Globapack – Moderne Verpackungen in globalisierten Märkten

73 Mechatronisches Druckreduzierventil für die Wasserversorgung

in Gebäuden

74 Nanopartikel-Filter für Fahrzeugkabinen

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Hochschule für Technik

Einblick in die Forschung

Die Forschung der Hochschule für Technik richtet sich nach den künftigen

Bedürfnissen unserer Partnerinnen und Partner. Für den Erfolg sind die

Leistungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, internationale Kooperationen

und eine starke lokale Verankerung zentral.

Mit dem Start der FHNW Anfang 2006

hat die Hochschule für Technik die

Chance zur Konzentration ihrer Aktivitäten

am Standort Brugg-Windisch

erhalten. Entlang bestehender ausgewiesener

Kompetenzen und den zukünftigen

Bedürfnissen der Industrie

wurden insgesamt elf Institute mit ausgeprägtem

Themenfokus gebildet. Heute

forscht die Hochschule für Technik in

folgenden Gebieten:

Maschinenbau

– Kunststofftechnik

– Nanotechnische

Kunststoffanwendungen

– Thermo- und Fluid-Engineering

– Produkt- und

Produktionsengineering

Elektrotechnik

– Automatisierung

– Aerosol- und Sensortechnik

– Mikroelektronik

– Elektrische Energietechnik

Informatik

– Mobile und verteilte Systeme

– 4D-Technologien

Wirtschaft und Prozesse

– Business Engineering

Insgesamt 220 Professoren und Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler

arbeiteten im Jahr 2006 an rund 60

Forschungsprojekten, 34 neue Vorhaben

konnten in diesem Betrachtungszeitraum

gestartet werden. Diese eindrückliche

und erfolgreiche Bilanz ist insbesondere

unseren Mitarbeiterinnen und

Mitarbeitern sowie den Institutteams

zu verdanken, welche das Vertrauen der

Unternehmen zu gewinnen vermochten.

Neben der Kompetenz der verschiedenen

Teams stellt sich immer mehr die

Nutzung eines internationalen Kooperationsnetzwerkes

als Erfolgsfaktor

heraus. Das nachfolgend vorgestellte

Projektbeispiel – die Mitarbeit am ESA-

Projekt Herschel – zeigt, dass die langfristige

Pflege eines Forschungsnetzwerkes

grosse Chancen schafft. Mit dem

Paul Scherrer Institut (PSI), der Universität

Basel und der ETH Zürich bestehen

auch national enge Kooperationen.

Solche Partnerschaften ermöglichen

uns als Fachhochschule den Zugang zu

Ergebnissen der Grundlagenforschung;

den universitären Partnern wiederum

kommt unser traditionell guter Zugang

zur Industrie beim Transfer von neuen

Technologien zugute.

Auch die konsequente Orientierung der

Forschung auf die Anwendung ist ein

bedeutender Erfolgsfaktor. Praktisch

alle Vorhaben werden in enger Kooperation

mit einem oder mehreren Industrie-

und Wirtschaftspartnern durchgeführt.

Der Projekterfolg misst sich am Nutzen

der Resultate für die Partner. Gemäss

einer Statistik der ETH Zürich werden

diese sehr rasch, nämlich nach durchschnittlich

zwei bis drei Jahren, in neuen

Produkten sichtbar.

Obwohl die Forschungsarbeit internationalen

Charakter hat, sind für uns

auch Kontakte zur lokalen Industrie

und Wirtschaft in der Region Nordwestschweiz

wertvoll. Die Hochschule

für Technik arbeitet intensiv mit Wirtschafts-

und Technologieförderungsinstitutionen

sowie den Handelskammern

der Kantone Aargau, Beider Basel und

Solothurn zusammen. Das entstehende

Wissen unterstützt damit direkt über

Projektkooperationen oder über junge

und gut ausgebildete Ingenieurinnen

und Ingenieure die Wettbewerbsfähigkeit

dieser Regionen.

Die Hochschule für Technik will mit ihrer

Forschung letztlich zwei elementare

Ziele erreichen: Sie will erstens die

Innovationsaktivitäten der Industrie,

insbesondere der KMU in der Region

Nordwestschweiz, fördern; und sie will

zweitens das Technologiewissen unserer

Dozierenden auf dem neusten Stand

halten. Damit wird eine möglichst hohe

Qualität und Attraktivität der Aus- und

Weiterbildung von Ingenieurinnen und

Ingenieuren gewährleistet.

Rainer Schnaidt

Leiter Bereich Transfer, Hochschule

für Technik


Im Weltraum gibt es Platz für Fachhochschulen!

Forschungsprojekte zum Thema Weltraum passen gut zu

Fachhochschulen: Sie sind anwendungsnah, multidisziplinär und

attraktiv für Studierende. Das Institut für 4D-Technologien

ist an der Softwareentwicklung für die Datenauswertung des

ESA-Satelliten Herschel beteiligt.

Interview: Annette Lüthy-Altherr

Der Satellit Herschel (vgl. Abb. 2) ist ein

Meilenstein der European Space Agency

(ESA). Er wird die kühlsten Objekte im

All beobachten. Von grösstem Interesse

werden Beobachtungen von Molekülwolken

sein. Sie sollen Hinweise liefern,

wie Galaxien und Sterne entstehen. Insbesondere

durch die Beobachtung des

Wassers im Universum will man die

Entstehung und die Geschichte dieses

Moleküls verstehen.

Herschel wird 2008 auf einer Ariane-

Rakete ins All befördert; seine Route

führt in vier Monaten zu einem Beobachtungspunkt,

der 1,5 Millionen Kilometer

von der Erde entfernt liegt. Mit

an Bord wird der grösste Spiegel sein,

der je ins All geflogen ist. Herschel wird

das Infrarotlicht der beobachteten Objekte

an drei Bordinstrumente übermitteln.

Diese generieren aus diesen Daten

Bilder und Spektren. Die Lichtstrahlung

wird als Funktion der Wellenlänge

dargestellt.

Wir haben mit Prof. Dr. André Csillaghy,

Leiter der Software-Entwicklung

für das Herschel-Teleskop am Institut

für 4D-Technologien, über das Projekt

und seine Bedeutung für die FHNW wie

auch für die Unternehmen gesprochen.

Herr Csillaghy, wann startete

dieses Projekt?

Herschel ist die Fortsetzung einer langen Entwicklung. Er

ist der Nachfolger von drei Satelliten, die seit 1983 Beobachtungen

im Infrarotbereich durchführen. Die Schweiz ist seit

1998 an dem Projekt beteiligt, die FHNW seit 2006.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der FHNW, bzw. dem

Institut für 4D-Technologien der Hochschule für Technik?

Nebst den Kompetenzen unseres Teams waren – wie so oft

– auch persönliche Kontakte sehr wichtig. Während meiner

Tätigkeit an der University of California in Berkeley arbeitete

ich von 1998 bis 2001 an einem ähnlichen Projekt der

Nasa, an dem sich auch das Institut für Astronomie der ETH

Zürich und das PSI beteiligten. Als ich 2001 in die Schweiz

zurückkehrte, ging die Zusammenarbeit mit der ETH weiter

und ich erhielt die Gelegenheit, bei der Bewerbung für die

Entwicklung von Software für Herschel mitzumachen.

68 | 69

Abbildung 1: Die Molekülwolke Eagle Nebula, aufgenommen vom Hubble Space Telescope (die Zusammensetzung

von mehreren Aufnahmefeldern führt zum treppenartigen Bildaufbau). Ziel des

Herschel-Teleskops ist, in solche Wolken «hineinzusehen», um deren chemische Zusammensetzung

zu analysieren (Bild: University of Arizona und Nasa).

Wer sind Ihre Projektpartnerinnen und Projektpartner auf

nationaler und internationaler Ebene?

Auf nationaler Ebene arbeiten wir wie erwähnt mit der ETH

Zürich zusammen. Der Principal Investigator ist Prof. Dr. Arnold

Benz vom Institut für Astronomie. Auf internationaler

Ebene sind unsere Partner fast ausschliesslich akademische

Institutionen. Es ist zu erwähnen, dass Herschel ein europäisches

Grossunternehmen mit Hunderten von beteiligten

Firmen ist. EADS, die Mutterfirma von Airbus, und Alcatel

sind stark involviert. Mehrere Schweizer Firmen wie beispielsweise

APCO Technologies, Contraves Space, Bieri Engineering

und Ruag sind ebenfalls beteiligt, allerdings eher

auf der Hardware-Seite.


Hochschule für Technik

Abbildung 2: Modell des Herschel Teleskops (Originalgrösse 9×4×4 Meter,

Gewicht 3'300 Kilogramm). Im Parabolspiegel wird die Strahlung von

Molekülwolken aufgefangen und den Messinstrumenten im Zylinder zugeführt.

Der Schild im Hintergrund schützt das Teleskop vor der Strahlung

der Sonne, der Erde und des Mondes (Bild: ESA).

Welchen spezifischen Beitrag leisten die Forscher der

FHNW?

Unsere Spezialität ist die Entwicklung neuer Methoden zur

Behandlung komplexer Daten. Hier sind wir in drei Gebieten

tätig: Einerseits entwickeln wir eine Software zur Umwandlung

von Rohdaten, die von einem der drei Instrumente geliefert

werden, damit die Messungen von den Astronominnen

und Astronomen interpretiert werden können. Dazu gehört

auch die Entfernung der instrumentellen Effekte aus den

Daten. Andererseits entwickeln wir Software-Werkzeuge,

welche für die Auswertung und Interpretation der Resultate

gebraucht werden. Schliesslich entwickeln wir eine Software

für die automatische Generierung der Dokumentation

dieses umfangreichen Software-Pakets. Unser Beitrag ist als

Teil einer Teamleistung zu verstehen: Zusammen mit unseren

Partnern arbeiten wir wie Ameisen, die alle gemeinsam einen

Ameisenhaufen bauen.

Nach dem Start der Rakete werden die Informationen des

Herschel-Teleskops ausgewertet. Sind Sie auch an dieser

Projektphase beteiligt?

Ja, und dann erwarten uns wohl einige Überraschungen, denn

manche Instrumente funktionieren im All anders als bei den

Tests auf der Erde. Während der ersten vier Monate werden

wir über die Software noch gewisse Korrekturen anbringen

können. Auch während den Beobachtungen wird die FHNW

die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der ETH bei

der Auswertung der Daten unterstützen.

Aus meiner Sicht ist das eine perfekte Zusammenarbeit zwischen

Fachhochschule und ETH: Die FHNW betreibt selber

keine Grundlagenforschung, aber die von uns im Rahmen der

angewandten Forschung entwickelte Software kommt dieser

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Abbildung 3: Spektren eines Herschel-Instrumentes: Die verschiedenen

Kurven zeigen den Strahlenfluss von künstlichen Quellen, welche die

Eichung des Instrumentes ermöglichen. Die Farben bezeichnen Messungen

von vier Subsystemen. Die FHNW-Software filtert aus solchen Spektren

störende Instrumenteneffekte und andere Fremdeinflüsse heraus. Erst die

bereinigten Daten können von den Astronominnen und Astronomen interpretiert

werden (Bild: FHNW und CESR).

zugute. Anders gesagt: Die ETH profitiert von unserem Knowhow

für ihre Grundlagenforschung. Aber auch wir können

die gewonnenen Erkenntnisse weiter verwenden.

Wie können Unternehmen von Ihrem Know-how

profitieren?

Das Erreichen der wissenschaftlichen Ziele ist eng mit der

Technologieentwicklung verbunden, und dazu gehört auch

die Software-Entwicklung. Die erprobten Produkte für die

Umwandlung von komplexen Daten können anschliessend

durch die Industrie und einzelne Unternehmen auch für ganz

andere Anwendungsbereiche genutzt werden. Die im Weltraum

erprobte Software kann für die Weiterentwicklung von

eigenen Produkten eingesetzt werden, so zum Beispiel für

die Auswertung von komplexen Daten im Medizinalbereich.

Damit können sich die Unternehmen grosse Entwicklungskosten

sparen.

Steht die FHNW somit in einem Konkurrenzverhältnis zu

bestimmten Firmen?

Das ist nicht der Fall und entspricht auch ganz und gar nicht

unserer Absicht. Im Gegenteil: Wir wollen diese Unternehmen

in ihrem Entwicklungsprozess unterstützen. Für diese

Art von Zusammenarbeit suchen wir auch laufend nach geeigneten

Partnern.

Ist das ganze Institut am Herschel-Projekt beteiligt?

Nein, das wäre auch nicht sinnvoll. Das Institut umfasst 22

Mitarbeitende, vier davon sind im Herschel-Projekt involviert.

Zum heutigen Zeitpunkt bearbeiten wir 13 Projekte, davon

acht mit Unternehmen. Unsere Software-Entwickelnden

sind meistens an mehreren Projekten beteiligt. So kann das


Know-how unseres Teams immer wieder in neue Projekte einfliessen.

Gegenüber einer Firma bedeutet deshalb die Erfahrung

des Instituts mit dem ESA-Projekt eine Referenz.

Gibt es zukünftige Projekte der ESA oder der Nasa, an

denen Sie sich beteiligen möchten?

Wir sind schon jetzt an weiteren Projekten mit der Nasa beteiligt.

Um Synergien zu nutzen, möchten wir unsere Kompetenz

in zukünftigen Weltraumprojekten noch vertiefen.

Zurzeit laufen auch Verhandlungen für eine Beteiligung an

drei Projekten, die sich allerdings noch in der Planungsphase

befinden.

Wie können die Studierenden der FHNW vom Herschel-

Projekt profitieren?

Dies ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt: Die Möglichkeit,

sich an der Forschung für ein Weltraum-Projekt zu beteiligen,

ist für die Studierenden der Hochschule für Technik sehr attraktiv.

Wir sind national und international in einem Bereich

engagiert, in dem modernste Technologien entwickelt werden

und zur Anwendung kommen. Unsere Studierenden können

hier auch mitarbeiten, zum Beispiel bei der Untersuchung

von einzelnen Fragestellungen im Rahmen von Semester-

oder Diplomarbeiten. Auch für künftige Masterstudierende

eröffnen sich in diesem Gebiet interessante Perspektiven.

Komplexe Daten archivieren,

integrieren, explorieren

Im Forschungsfeld Data Spaces werden Methoden untersucht,

um sehr grosse Mengen komplexer Daten zu archivieren,

integrieren und explorieren. Die entsprechenden Forschungsthemen

beinhalten Datenbanken, serviceorientierte

Technologien und interaktive Datenauswertungssysteme.

Dabei wird auf konkrete Anwendungen fokussiert, insbesondere

im Bereich Softwareinfrastrukturen für astronomische

Teleskope im Weltraum und am Boden. Auf dieser Grundlage

werden Technologien und Methoden entwickelt und getestet.

Die Ergebnisse werden auch auf andere Gebiete übertragen,

etwa auf die Bauindustrie, einem weiteren Schwerpunktgebiet

des Instituts.

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Projektteam: André Csillaghy, Martin Melchior,

Marco Soldati, Dominik Plüss, Institut für 4D-Technologien,

FHNW

Schlüsselwörter: Software-Entwicklung | Weltraum |

Astronomie

Projektkooperationen: Institut für Astronomie,

ETH Zürich | Netherlands Institute of Space Research

(SRON), Groningen (NL) | Centre d’Etude Spatiale

du Rayonnement, CNRS, Toulouse (FR) | Observatorio di

Arcetri, Instituto Nazionale die Astrofisica, Firenze (IT) |

Instituto de Estructura de la Materia, Consejo Superior de

Investigaciones Científicas, Madrid (ES) | ESA Noordwijk

(NL) und ESA Villafranca (ES) | Physikalisches Institut

der Universität zu Köln (DE) | NASA Herschel Science

Center, Jet Propulsion Laboratory, California Institute of

Technology, Pasadena (US)

Projektförderung: Programme de développement

d’expériences scientifiques (PRODEX), im Rahmen eines

Kooperationsvertrages mit der ETH Zürich

Dauer: 20062009

Literatur:

– ESA-Homepage des Herschelprojekts: sci.esa.int/herschel

– Ott, S., et al. (2006): The Herschel Data Processing System.

www.aspbooks.org/custom/publications/paper/

351-0516.html

– Homepage des Instituts für 4D-Technologien der FHNW:

www.fhnw.ch/technik/i4ds

– Institut für Astronomie der ETH Zürich:

www.astro.phys.ethz.ch


Hochschule für Technik

Globapack – Moderne Verpackungen

in globalisierten Märkten

Der weltweite Handel führt zu neuen Entwicklungen und

Umstrukturierungen in der Verpackungsbranche. Viele

Verpackungsfirmen sind als Export-Zulieferer tätig. Um die

Herausforderungen der Globalisierung zu meistern, haben 13

Kooperationsfirmen zusammen mit dem Institut für Business

Engineering das Projekt Globapack gestartet. | Paul K. Fort,

Institut für Business Engineering

Die Innovation des Projekts Globapack liegt im ganzheitlichen

Ansatz und in der Optimierung der Geschäftsprozesse

vom Design bis hin zum Point of Sales. Die Methoden zur

Rationalisierung von Verpackungen und Prozessen wurden

analysiert und die Ursachen für hohe Kosten und lange

Durchlaufzeiten ermittelt. Checklisten und Praxisdaten wurden

durch die Projektpartnerinnen und Projektpartner zur

Verfügung gestellt und in einer internetbasierten Wissensbasis

verdichtet. Alle Resultate wurden in die neu entwickelten

Tools Roadmap und Planungstool integriert.

Das Planungstool erlaubt die rasche Kalkulation komplexer

Verpackungen und das Management der Verpackungsprozesse.

Eine Prozesskostenrechnung im Supply-Chain-Packaging

kann bereits in der Entwurfsphase durchgeführt und die

Just-In-Time-Fertigung optimiert werden. Die Roadmap ist

ein Projektmanagement-Tool, welches die Planung und Abwicklung

von Verpackungsprojekten mit mehreren beteiligten

Firmen unterstützt. Diese beiden Tools werden nun in Industrieprojekten

unserer Partnerinnen und Partner eingesetzt,

und der Nutzen wird durch das Projektteam analysiert.

Konkrete Beispiele

Das Bedrucken von Verpackungen in der Abpacklinie wurde

bei einem Projekt der Firma Sika AG untersucht. Sika plant

ein grosses Werk für technische Klebstoffe mit einer Kapazität

von ca. 60'000 Tonnen pro Jahr. Rund 180 Millionen Kartuschen

in über 300 Varianten sollen abgefüllt werden. Zwei

Varianten wurden analysiert:

– Werden die Klebstoffe in bedruckte Kartuschen abgefüllt,

setzt dies grosse Lagerbestände voraus.

– Das Bedrucken und Etikettieren der Kartuschen in der

Abfülllinie ist technisch anspruchsvoller; aufgewogen

wird dies durch tiefere Lagerbestände und eine höhere

Flexibilität.

Ähnliche Untersuchungen wurden auch in der Pharmaindustrie

beim Abpacken von Medikamenten durchgeführt.

Die Logistikprozesse am Point of Sales wurden mit den

Partnern Migros und SCA AG analysiert und optimiert. Heute

verursachen die interne Logistik und das Befüllen der Ladenregale

mehr als zwei Drittel des Arbeitsaufwandes in einem

Supermarkt. Ein wesentlicher Parameter ist die Verpackung.

Neue Lösungen zur Reduktion des Aufwandes wurden entwickelt.

Projektteam: Paul K. Fort (Projektleitung) | André Neuhaus

(Projektmitarbeit) | Beno Steinacher, Michael Szilagyi,

Patrick Zimmermann, Institut für Business Engineering,

FHNW | Vertreter der Partnerfirmen (Teammitglieder)

Schlüsselwörter: Verpackung | Supply Chain

Packaging | Globalisierte Märkte | Verpackungsprozesse |

Pharma, Kosmetik

Projektkooperationen: Migros Genossenschaftsbund |

Novartis AG | Hoffmann La Roche AG | Limmatdruck-

Zeiler AG | Plastohm AG | Cellpack-Packaging AG |

Ivers-Lee AG | Lerchmüller AG | PAGO AG |

SCA Packaging AG | GS1-EAN | Weitere Firmen

Projektförderung: KTI-Nr. 6966.2;3 ESPP-ES und

8293.1 ESPP-ES

Dauer: 2004 – 2008

Literatur:

– Fort, P. (2005): New packaging technologies of small

batches for international markets. Vortrag am Kongress

der Verpackungsmesse Stuttgart.

– Fort, P. (2006): Logistik im Supermarkt. In: Fachzeitschrift

Logistik, Nr. 5, 2006.

– Fort, P. (2003a): Rückverfolgbarkeit. Vortrag an der EAN-

ERFA Tagung, EANUCC Bulletin, 4 / 03.

– Fort, P. (2003b): Neue Verpackungs- und Recyclingsysteme.

In: EAN-UCC Bulletin, 4/03.

– Fort, P. (2006): Moderne Verpackungen in globalisierten

Märkten. Vortrag und Podiumsgespräch am St. Galler

Handelstag, Mai 2006.

– Reber, K., Fort, P. (2001): Workflow in der Verpackungsbranche.

In: Wissenschaftliche Mitteilungen SVI, Schlussbericht

des KTI-Projektes, Juli 2001.

Weitere Informationen: www.globapack.ch


Mechatronisches Druckreduzierventil für die

Wasserversorgung in Gebäuden

Heute wird der Wasserdruck in den Häusern mit Ventilen reguliert,

die sich durch ihre Einfachheit auszeichnen. Es gibt

allerdings Anwendungen, in denen das Druckregel-Verhalten

nicht befriedigt. Am Institut für Automation wurde ein

neuartiger mechatronischer Aktor entwickelt, der den Druck

über den gesamten Durchflussbereich in engen Toleranzen

hält und ohne Änderungen am mechanischen Grundsystem

nachrüstbar ist. | Niklaus Degunda, Institut für Automation

Die Firma R. Nussbaum AG ist der führende schweizerische

Hersteller für Bauarmaturen, Sanitär-Installationssysteme

sowie Vorwandinstallationssysteme. Innerhalb der Produktgruppe

Armaturentechnik sind die Druckreduzierventile ein

Kernprodukt der Firma. Diese Produkte unterstehen einem

starken Preiswettbewerb. Dem möchte Nussbaum mit Innovationen

begegnen.

Die heutigen Druckreduzierventile kommen ohne elektrische

Hilfsenergie aus, das heisst, sie sind autark, regeln aber den

Druck nicht immer befriedigend. Insbesondere treten auf der

Sekundärseite Druckschwankungen auf, die sich gerade bei

grösseren Objekten negativ auswirken. Die Druckschwankungen

beim Kalt- und Warmwasser führen zu unzulässigen

Temperaturschwankungen an den Verbrauchspunkten.

Die Zielsetzung bestand also darin, ein Druckreduzierventil

zu entwickeln, das eine verbesserte Druckregelung aufweist,

ohne die Vorteile Autarkie und Wirtschaftlichkeit preiszugeben.

Die Druckregelung mit Fremdenergie ist in der Verfahrenstechnik

ein gelöstes Problem. Rein mechanische

Druckreduzierventile mit besserem Druckregelverhalten für

die Trinkwasserversorgung sind auf dem Markt, kommen

aber aus Kostengründen erst bei grösseren Anlagen zum Einsatz.

Zudem ist der Aufwand für die Inbetriebsetzung wegen

diverser Einstellmöglichkeiten relativ gross. Für eine autarke

Druckregelung mit elektronischen Komponenten sind keine

Lösungen bekannt.

Im abgeschlossenen KTI-Projekt 6752.2 wurde die Machbarkeit

abgeklärt. Die danach gewählte Lösung bestand darin,

das bestehende Druckreduzierventil mit einer Ergänzung zu

versehen, welche die bleibende Regelabweichung ausgleicht.

Wenn die Federkraft durch das Öffnen des Ventils nachlässt,

wird dies mit einer hydraulisch aufgebrachten Zusatzkraft

kompensiert. Für die Regelung des Hinterdrucks wird ein

Mikrocontroller mit geringem Stromverbrauch eingesetzt.

Verschiedene Lösungen zur Gewinnung der elektrischen Energie

wurden evaluiert. Aus Gründen der Risikominderung

wurde eine modulare Realisierung vorgesehen. Einerseits

wurde ein Energiemodul entwickelt, das die elektrische Energie

für den Betrieb des Systems bereitstellt. Andererseits

wurde das mechatronische Zusatzmodul möglichst energiesparsam

entwickelt. Als innovativste Variante wurde zuerst

der Cavity Oszillator bewertet und untersucht. Dabei wird

das Wasser in einem Hohlraum (Cavity) durch Turbulenzen

in Schwingungen versetzt. Leider konnten die an das Energiemodul

gestellten Forderungen mit dem Cavity Oszillator

nicht erfüllt werden. Deshalb wurde zur Elektrizitätserzeugung

eine Mikro-Turbine entwickelt.

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Durch den Gewinn an Know-how, der im Projekt erzielt wurde,

und das innovative neue Produkt dürfte die Wettbewerbsposition

der Firma R. Nussbaum AG gestärkt worden sein. Dies

hilft auch, Arbeitsplätze in der Schweiz zu sichern.

Projektteam: Niklaus Degunda (Institutsleiter), Bruno

Stuber (Dozent), Lukas Schreiber (Wissen schaftlicher

Mitarbeiter, bis Mai 2005), Manuel Bachofner (Wissenschaftlicher

Mitarbeiter, ab Mai 2005), Institut für

Automation, FHNW

Schlüsselwörter: Druckreduzierventil | Embedded

System | Druckregelung

Projektkooperationen: R. Nussbaum AG, Olten (Industriepartner)

| Hochschule für Technik und Architektur Luzern

Projektförderung: KTI-Projekte 6752.2 FHS-IW und

7780.2 EPRP

Dauer: 2004 | 2005 – 2007 | verlängert bis 2008

Weitere Informationen: www.nussbaum.ch


Hochschule für Technik

Nanopartikel-Filter für Fahrzeugkabinen

Das Institut für Aerosol- und Sensortechnik hat zusammen

mit seinen Partnern ein System zur Innenraumfiltration bei

Fahrzeugen entwickelt. Dieses reduziert die sehr hohe Feinstaubbelastung,

welcher die im Fahrzeug Sitzenden ausgesetzt

sind. Das System ist zur Nachrüstung in bestehenden

Fahrzeugen – Personenwagen, Kleinbusse, aber auch Reisebusse

und LKW – vorgesehen. | Siegfried Loretz, Institut für

Aerosol- und Sensortechnik

Die negativen Auswirkungen der Feinstaubbelastung auf unsere

Gesundheit zeigen sich immer deutlicher. Entlang von

viel befahrenen Strassen und mehr noch auf den Strassen

selbst ist die Belastung besonders hoch. Das bedeutet, dass

im Fahrzeug Sitzende einer hohen Feinstaubkonzentration

ausgesetzt sind. Dies belastet vor allem Berufsfahrerinnen

und -fahrer. Die heute im Ventilationssystem von Fahrzeugen

eingesetzten Filter können zwar Grobstaub, Pollen etc.

zurückhalten. Für die besonders gefährlichen Nanopartikel

jedoch sind sie weitgehend durchlässig. Dies zeigen parallele

Messungen der Feinpartikelkonzentration im Fahrzeuginneren

und ausserhalb des Fahrzeugs: Die registrierten Messwerte

sind praktisch identisch.

Am Institut für Aerosol- und Sensortechnik wurde nun ein

Nachrüst-Filtersystem entwickelt, mit dem auch Nanopartikel

wirkungsvoll entfernt werden können. Ein Grund für

die schlechte Effizienz bestehender Systeme ist, dass die für

Nanopartikel wirksamen Filter einen wesentlich grösseren

Druckabfall haben. Dieser kann mit konventionellen Gebläsen

nicht erbracht werden. Beim neuen Verfahren wird das

bestehende System auf Umluft (nur Luftzirkulation) geschaltet

und ein zusätzlicher, wesentlich kleinerer Luftstrom von

aussen durch den neuen Filter zugeführt. Der kleinere Luftstrom

ermöglicht einen kleineren Druckabfall. Zusätzlich

wurde ein hoch effizientes Gebläse eingesetzt.

Es wurden zehn Prototypen gebaut, die in verschiedenen

Fahrzeugen (PKW, Reisebus, Schulbus, Lastwagen) zu Testzwecken

eingesetzt wurden. Dabei wurden verschieden

grosse Filtersysteme gebaut, um den unterschiedlichen Anforderungen

der verschiedenen Kabinengrössen gerecht zu

werden. Ausserdem wurde ein Filter kontinuierlich im Milchbucktunnel

in Zürich betrieben, um Informationen über die

Standzeit zu erhalten.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Lebensdauer der Filter 80

bis 100'000 km beträgt, der Filter also ohne weiteres beim

normalen Service gewechselt werden kann. Das System ist

zudem sehr effizient: Die Partikelkonzentration im Inneren

beträgt nur noch wenige Prozent derjenigen im Aussenraum.

Dieser Wert wird bereits wenige Minuten nach Einschalten

des Filters erreicht.

Andere Anwendungen, zum Beispiel zur Raumluftreinigung,

werden untersucht. Gespräche mit verschiedenen Interessenten

im Hinblick auf die zukünftige Produktion und

Vermarktung des Filtersystems sowohl zur Anwendung bei

Fahrzeugen als auch zur Innenluftreinigung sind im Gang.

Die Prototypen stehen Interessentinnen und Interessenten

für Testzwecke zur Verfügung.

Projektteam: Siegfried Loretz, Heinz Burtscher, Alejandro

Keller, Institut für Aerosol- und Sensortechnik, FHNW

Schlüsselwörter: Partikelfilter | Fahrzeug-Innenraum |

Feinstaubbelastung

Projektkooperationen: Andreas Mayer, Technik

Thermische Maschinen (TTM), Niederrohrdorf | Markus

Kasper, Matter Engineering AG, Wohlen | Richard J. Artley,

Ralph Strasser, ETeCH AG, Schlieren | Jan Czerwinski,

Abgasprüfstelle der Fachhochschule AFHB, Biel

Projektförderung: ETeCH, Risikokapitalfinanzierung

Dauer: 20062007

Literatur:

– Loretz, S. (2006): Cabin filtration for cars. In: Proc. 10th

ETH Conference on Combustion Generated Nanoparticles,

Zürich (CH), 21.– 23.08.2006.

Weitere Informationen: Zusätzliche Informationen sind

bei S. Loretz (siegfried.loretz@fhnw.ch) oder H. Burtscher

(heinz.burtscher@fhnw.ch) erhältlich.

Nanopartikel

Verbrennungsmotoren emittieren vor allem Partikel mit

Durchmessern kleiner als wenige hundert Nanometer. Aufgrund

ihrer sehr geringen Masse haben sie eine viel längere

Aufenthaltsdauer in der Atmosphäre als grössere Partikel.

Im menschlichen Körper können sie die Zellmembranen

durchdringen und von der Lunge in den Blutkreislauf gelangen,

wodurch sie im ganzen Körper verteilt werden.


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Mit Kundinnen und Partnern gemeinsam neues Wissen schaffen für deren Zukunft


Hochschule für Wirtschaft

«Ob Forschung, Beratung oder Weiterbildung: Wir suchen

den Bezug zur Praxis und zum Alltag – und das auf hohem

Niveau und mit Partnern aus der ganzen Welt!»

Prof. Dr. Walter Dettling, Leiter Forschung und Mitglied der Hochschulleitung

78 Forschung an der Hochschule für Wirtschaft

79 Stakeholder Management als unternehmerischer Erfolgsfaktor

Ein neues Instrument hilft Unternehmen, die Beziehungen zu den

Stakeholdern gezielt zu gestalten.

82 Wie integriert kommunizieren Schweizer KMU?

83 Zürich Risk Index Z-RIX

84 Elektronisch Rechnung stellen: vom Standard zu einer Community

85 Corporate Volunteering – wie Unternehmen durch die Entsendung

von Mitarbeitenden NPOs erfolgreich unterstützen

86 Modernes Lohnsystem für eine Stiftung zur Betreuung von

Menschen mit Behinderungen

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Hochschule für Wirtschaft

Forschung an der Hochschule

für Wirtschaft

Die Hochschule für Wirtschaft FHNW hat mit sechs Instituten ihre

Forschungsschwerpunkte auf die drei Standorte Basel, Brugg-Windisch und

Olten verteilt. Damit macht sie betriebswirtschaftliches Know-how sowohl

für ihre Studierenden als auch für die regionalen Unternehmen und

Organisationen zugänglich.

Die Forschung an der Hochschule für

Wirtschaft FHNW ist so vielfältig wie

die Fragen, welche von Wirtschaftsunternehmen,

Nonprofit-Organisationen

der öffentlichen Hand und sonstigen

Partnerinnen und Partnern an die Fachhochschule

herangetragen werden. Das

Spektrum der betriebswirtschaftlichen

Themen spannt sich von Human Resource

Management, Arbeitsorganisation

und General Management über Unternehmens-

und Marketingkommunikation,

Finanzen und Controlling bis hin zu

Fragen der Wirtschaftsinformatik.

Im Oktober 2006 hat die Hochschule für

Wirtschaft mit einer grundlegenden Reorganisation

einen grossen Schritt gemacht.

Sie hat damit ihren nationalen

und internationalen Ruf gefestigt und

ihre Aktivitäten in den Bereichen Weiterbildung,

Dienstleistungen und Beratung

sowie Forschung zukunftweisend

und marktgerecht gebündelt. Dazu wurden

sechs Themeninstitute gegründet,

welche die existierenden Schwerpunkte

der Hochschule zusammenfassen und

nun nach aussen viel besser sichtbar

machen: das Institute for Competitiveness

and Communication (ICC), das

Institut für Finanzmanagement (IFF),

das Institut für Nonprofit- und Public-

Management (NPPM), das Institut für

Personalmanagement und Organisation

(PMO), das Institut für Unternehmensführung

(IfU) und das Institut für Wirtschaftsinformatik

(IWI).

Mit der Neuorganisation setzt die

Hochschule für Wirtschaft an den drei

Standorten Basel, Brugg und Olten zentrale

Schwerpunkte. Der enge Kontakt

zu Partnerinnen und Partnern und Kundinnen

und Kunden, praxisnahe Fragestellungen

sowie die anwendungsorientierte

Umsetzung der Ergebnisse sind

dabei Leitlinie bei allen Forschungsprojekten.

Die Institute erhalten für ihre

Forschung Mittel von Wirtschaftsunternehmen,

von öffentlichen Auftraggebern

sowie nationalen und internatio-

nalen Forschungsfördenden wie z.B. der

Förderagentur für Innovation (KTI) und

der EU. Eine 2007 neu konzipierte Publikationsreihe

dient allen Instituten der

Hochschule für Wirtschaft als gemeinsames

Publikationsorgan.

Die Ergebnisse aus Forschung und Fallstudien

fliessen unmittelbar auch in die

Lehre sowie in die zahlreichen Weiterbildungsangebote

der Hochschule ein.

Dies trägt zum herausragenden Ruf

des Studiums an der Hochschule für

Wirtschaft weit über die Grenzen der

Region bei. Einen weiteren Meilenstein

in der Verknüpfung von Lehre und Forschung

stellt die Planung von vier (konsekutiven)

Masterstudiengängen in den

Bereichen Betriebsökonomie, General

Management, Wirtschaftsinformatik

und Finanzmanagement dar. Diese Studiengänge,

welche 2008 starten, werden

über die Praxisarbeiten eng mit

den Forschungsthemen der Institute

verbunden sein. Geplant ist, drei der

vier Masterstudiengänge vollständig

in Englisch zu führen. Damit schafft

die Hochschule nicht nur ein zusätzliches

attraktives Angebot für Studierende,

sondern sie schärft so auch ihr

internationales Profil und treibt die

eingeschlagene Strategie der Internationalisierung

zügig voran. Neben Forschungskooperationen

mit Partneruniversitäten

in aller Welt und Kontakten

zu nationalen wie internationalen Forschungsinstituten

wird auch auf diese

Weise eine Brücke zur internationalen

Gemeinschaft geschlagen.

Walter Dettling

Leiter Forschung und Mitglied

der Hochschulleitung


Stakeholder Management als unternehmerischer

Erfolgsfaktor

Unternehmen können aus guten Beziehungen zu ihren Anspruchsgruppen

Kapital schlagen und sich besser positionieren.

Gesucht wird daher ein Managementinstrument, mit dem diese

Beziehungen gezielt gestaltet werden können.

Ruth Schmitt, Institut für Unternehmensführung

Abbildung 1: Stakeholder Workshop bei der Feller AG in Horgen.

Immer wieder und immer mehr stehen Firmen im Kreuzfeuer

öffentlicher Kritik: Schlagworte wie kurzfristige Gewinnabschöpfung,

Wirtschaftskandale, Kostendruck oder Stellenabbau

dominieren die öffentliche Diskussion. Dahinter

steht die wichtige Frage, wofür und für wen Firmen soziale

und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen haben.

Verständlich, dass Firmen kontinuierlich und zuverlässig

wissen möchten, welche Ansprüche ihr Umfeld an sie stellt.

Stakeholder Management gewinnt darum stark an Bedeutung:

Es gilt, die Glaubwürdigkeit von Unternehmungen mit

entsprechenden Managementansätzen zu verbessern oder

überhaupt herzustellen.

Stakeholder bezeichnet entweder eine einzelne anspruchsberechtigte

Person, eine anspruchsberechtigte Gruppe oder

eine ganze Organisation. Stakeholder können den Geschäftsgang

einer Unternehmung direkt oder indirekt beeinflussen.

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Doch das Umgekehrte gilt ebenso: Wichtige klassische Stakeholder

sind Mitarbeitende, Aktionärinnen und Aktionäre,

Kundinnen und Kunden, Zuliefernde, Gemeinden, Nichtregierungsorganisationen

oder staatliche Stellen.

Unternehmungen, die es verstehen, in angemessener Weise

mit den Ansprüchen aus ihrem Umfeld umzugehen und die

Beziehungen mit ihren Stakeholder-Gruppen aktiv zu pflegen,

sind erfolgreicher als diejenigen, die diese Beziehungen dem

Zufall überlassen. Von dieser Hypothese geht auch das vorliegende

Forschungsprojekt aus.

Eine Unternehmung berücksichtigt seine Stakeholder je nach

Thema und Situation unterschiedlich. Entscheidend beim

Stakeholder Management ist, dass nicht nur die Risiken

der Stakeholder und damit die Krisenprävention im Vordergrund

stehen. Ebenso interessant im Sinne einer modernen

Betrachtung sind mögliche Beiträge, die Stakeholder etwa


Hochschule für Wirtschaft

in Form von Wissen oder von Kooperationsmöglichkeiten

einbringen können. Erstrebenswert sind vor allem Win-Win-

Situationen, wo beide, die Unternehmung und die Stakeholder,

profitieren können.

Nun sind die Forschenden gefordert: An ihnen ist es, Methoden

zu entwickeln, um gegenseitige Nutzenpotenziale zu

identifizieren. Und sie müssen aufzeigen, wie die betroffenen

Anspruchsgruppen an einen Tisch zu bringen sind. Schliesslich

ist aufzuzeigen, wie und wo firmenintern die entsprechenden

Kompetenzen aufzubauen und in der Organisation

zu verankern sind. Gesucht sind also eine Methode und Indikatoren,

die es erlauben, den Wert und den Fortschritt in

der Pflege der Stakeholder-Beziehungen systematisch offen

zu legen und nachvollziehbar zu machen.

Vier wichtige Firmen nehmen teil

Das Projekt «Stakeholder Management als unternehmerischer

Erfolgsfaktor» geht zusammen mit vier Firmen der

Frage nach, wie die strategisch wichtigen Stakeholder einer

Unternehmung identifiziert und systematisch in die unternehmerischen

Aktivitäten eingebunden werden können. Das

Projekt soll besonders den Wertschöpfungsprozess aufzeigen,

der sich aus einem gezielten Beziehungsmanagement ergibt,

sowie der Frage nachgehen, inwieweit ein solcher Prozess

durch moderne Informations- und Kommunikationstechnologien

unterstützt werden kann. Am Anfang steht jeweils die

Aufgabe, für jede einzelne Firma die spezifisch zu behandelnde

Frage zu formulieren.

Zum Beispiel die Feller AG: Sie will mit ihrem Mutterkonzern

in einen Stakeholderdialog treten und so das dort vorhandene

Wissen noch besser nutzen. Gleichzeitig sollen Risiken,

die insbesondere von den unterschiedlichen Unternehmenskulturen

herrühren, minimiert werden.

Die Hunziker Partner AG will den Dialog zu ihren Stakeholder-

Gruppen suchen und fördern und so dem negativen Image,

das der Branche der Haustechniker anhaftet, entgegentreten.

Sie will ihre Stakeholder stärker einbinden, zusammen mit

ihnen Strategien erarbeiten und Massnahmen umsetzen und

auf diese Weise einen Beitrag zur Verbesserung des Branchenimages

leisten.

Gemäss Pfizer Schweiz AG stehen in der allgemeinen Debatte

um steigende Gesundheitskosten die Medikamente für sich

genommen zu sehr im Rampenlicht. Pfizer will nun mit einem

umfassenden und langfristig orientierten Dialog mit ihren

Stakeholder-Gruppen deren Wahrnehmung ändern: Statt auf

die Kosten soll die öffentliche Diskussion stärker und nachhaltig

auf den Wert der Gesundheit gelenkt werden.

Die Strombranche und deren künftige Entwicklung sind für

viele externe Stakeholder nur schwer zu verstehen. Doch

gerade die Stakeholder können die Rahmenbedingungen,

innerhalb derer sich die AEW Energie AG künftig bewegen

muss, auf verschiedenen Ebenen beeinflussen. So steht etwa

die Energiestrategie des Kantons Aargau auf der politischen

Ebene zur Debatte. Die AEW will deshalb ihre Stakeholder

besser verstehen.

Abbildung 2: Peter Bühler – Vorsitzender der Geschäftsleitung der

AEW Energie AG.

Stakeholder: oft stark vernetzt, oft widersprüchlich

In der Strombranche ist die Vielfalt an Anspruchsgruppen

gross, und es bestehen viele gegenseitige Beziehungen. Diese

starke Vernetzung führt denn auch oft zu Widersprüchen

zwischen und auch innerhalb der Anspruchsgruppen. So

wünscht unter Umständen der gleiche Stakeholder in der

Rolle als Stromkunde möglichst billigen Strom, während er

in der Rolle des Politikers auch an einer möglichst umweltverträglichen

und sicheren Stromversorgung interessiert

ist. Letztlich können solche Widersprüche der jeweiligen Interessen

nur im gezielten Austausch erkannt und gewichtet

werden.

Die AEW Energie AG reizte an einer Teilnahme am Projekt

besonders, dass sie Gelegenheit erhält, eine Auslegeordnung

aller möglichen Stakeholder-Ansprüche zu erstellen und diese

zu strukturieren. Bestehende Kontakte und Managementinstrumente

können im Rahmen des Projektes auf ihre Tauglichkeit

und ihre Schwachstellen hin überprüft werden. Das

Wichtigste aber: Bereits wurden Aspekte identifiziert, die

für eine strategische Weiterentwicklung der Stakeholderbeziehungen

elementar wichtig sind und die sich auch für die

Verarbeitung mittels verfügbarer Informations- und Kommunikationsinstrumente

(ICT) eignen.

Das sieht auch Peter Bühler, Vorsitzender der Geschäftsleitung

der AEW Energie AG, so: «Das KTI-Projekt ermöglicht

uns, ein für uns wichtiges strategisches Thema im Verbund

mit anderen Wirtschaftspartnern sowie der methodischen

Unterstützung aus Lehre und Forschung aus einer innovativen

Optik zu beleuchten. Wir gewinnen dadurch neue Einblicke

und Erkenntnisse und so letztlich einen Beitrag zum

besseren Dialog mit den Stakeholdern.»

Professionelles Werkzeug für das Stakeholder

Management

Das Institut für Unternehmensführung (IfU) der Hochschule

für Wirtschaft FHNW hat den Wert eines guten Stakeholder

Managements früh erkannt und im November 2005 das Forschungsprojekt

«ICT-gestütztes Stakeholder Management

als unternehmerischer Erfolgsfaktor» gestartet. Es soll Ende

2007 abgeschlossen werden und verfolgt das Ziel, die strategisch

wichtigen Stakeholder einer Unternehmung zu identifizieren

und systematisch in die unternehmerischen Aktivitäten

einzubinden.


Die wissenschaftlich fundierten Methoden und Werkzeuge

für die Systematisierung des Stakeholder Managements entwickeln

die Fachleute anhand einer qualitativen, vergleichenden

Fallstudienmethodik, die auf ausführlichen Interviews

mit Vertretenden sowohl der Firmen als auch der Stakeholder

basiert. Entstanden ist eine evidenzbasierte Methodik, die

konsequent Nutzen- und Risikopotenziale, die in Beziehungen

liegen, sowie Gemeinsamkeiten zwischen den beteiligten

Parteien aufzeigt.

Stakeholder-Dialog auch im Forschungsteam

Das Forschungsteam teilt die Erfahrung von Peter Bühler,

dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung der AEW Energie AG:

Neben den Einsichten, die aus einer wissenschaftlichen Perspektive

gewonnen werden, hat sich im Verlaufe des Projektes

gezeigt, dass der Verbund von Forschenden und verschiedenen

Firmen auch einen projektinternen Stakeholder-Dialog in

Gang gesetzt hat, von dem alle Beteiligten profitieren. Das

vorliegende Projekt erschliesst aber nicht nur neues Wissen,

sondern fördert auch die engere Zusammenarbeit der Fachhochschulen

mit der Wirtschaft. Für eine Disziplin wie der

Betriebswirtschaftslehre, die vom Austausch mit der Praxis

lebt und ihren Studierenden Erfahrungen aus erster Hand

vermitteln will, ist dies eine besonders wichtige und optimale

Grundlage.

Projektteam: Ruth Schmitt, Institut für Unternehmungsführung,

FHNW | Sybille Sachs, Irène Perrin, Hochschule

für Wirtschaft Zürich der Zürcher Fachhochschule |

Andreas Ninck, Michal Lawniczak, Hochschule für

Wirtschaft der Berner Fachhochschule.

Schlüsselwörter: Stakeholder Management |

Unternehmerische Wertschöpfung | Informations- und

Kommunikationstechnologien

Projektkooperationen: Feller AG | Hunziker Partner AG |

AEW Energie AG | Pfizer Schweiz AG | Fachhochschule

Zürich | Fachhochschule Bern

Projektförderung: Projektpartner | KTI | Bundesamt für

Berufsbildung und Technologie BBT

Dauer: November 2005 – Mai 2008

Literatur:

– Sachs, S., Rühli, E., Kern, I. (2007): Lizenz zum Managen –

Mit Stakeholdern zum Erfolg: Herausforder ungen und

Good Practices. Bern, Haupt Verlag.

– Schmitt, R. (2007): Dealing with an open stakeholder

society – An investigation into the Camisea case. Bern,

Haupt Verlag.

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Hochschule für Wirtschaft

Wie integriert kommunizieren Schweizer KMU?

Wer seine Kommunikationsaktivitäten gezielt plant und konsequent

aufeinander abstimmt, kommuniziert erfolgreicher.

Anleitung dazu bietet ein neues Modell für integrierte Kommunikation

und ein Online-Analyse-Werkzeug. | Norbert

Winistörfer, Institut for Competitiveness and Communication

Mit diesem Forschungsprojekt untersucht das Institute for

Competitiveness and Communication (ICC) in Zusammenarbeit

mit dem Institut für Kommunikation und Marketing der

Fachhochschule Zentralschweiz den heutigen Entwicklungsstand,

die eingesetzten Modelle und Ansätze sowie die Performance

der Unternehmenskommunikation in mittelgrossen

Schweizer Unternehmen (50 bis 500 Vollzeitstellen). Im Rahmen

des Forschungsprojektes wird ein neues Modell für die

integrierte Kommunikation entwickelt, mit dem Unternehmen

künftig ganzheitlicher, effizienter und wirkungsvoller

kommunizieren können. Dazu gehört auch ein Online-Analyse-Werkzeug,

mit dem sich Stärken und Schwächen in der

Kommunikationsarbeit analysieren lassen. Beide Hilfsmittel

ermöglichen es Unternehmen, ihre Kommunikationsaktivitäten

integriert zu planen, zu realisieren und deren Wirkung

zu kontrollieren.

Ein Modell für integrierte Kommunikation

Das Forschungsprojekt ist in drei Phasen gegliedert: Die

erste Projektphase umfasst eine quantitative Befragung von

712 Schweizer Unternehmen zu ihren Kommunikationsaktivitäten

(unter anderem Planung, Kommunikationsmittel,

Kontrolle und Budget). Die Studie zeigt insbesondere, dass in

den KMU ein klarer Zusammenhang zwischen dem Integrationsgrad

ihrer Kommunikation und dem Unternehmenserfolg

existiert.

Die zweite Projektphase besteht aus qualitativen Interviews

zu den kommunikativen Erfolgsfaktoren bei 20 erfolgreichen

Unternehmen (Best-Practice-Unternehmen, ausgewählt aus

den 712 befragten KMU). Dabei zeigt sich unter anderem,

dass nur ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel von allen

kommunikationsrelevanten Faktoren – etwa die Organisation

der Kommunikationsabteilungen, die Strukturen, Prozesse

und Instrumente sowie das Know-how der Kommunikationsverantwortlichen

– zu qualitativ hochwertigen Kommunikationsleistungen

führt. Erfolgreiche Kommunikation im Unternehmen

richtet sich am Leitbild aus, ist langfristig ausgelegt

und wird von der Unternehmensführung mitgetragen.

Die dritte Projektphase umfasst zwei Fachworkshops mit

Kommunikationsspezialistinnen und Kommunikationsspezialisten

aus Kommunikationsagenturen und Unternehmen

zu den Besonderheiten der Kommunikation in mittelgrossen

Unternehmen. Zur Expertenrunde gehören auch Vertretende

der ausgewählten Best-Practice-Unternehmen.

Praktisches Werkzeug zur Analyse online

Alle Erkenntnisse fliessen direkt in die Entwicklung eines integrierten

Kommunikationsmodells sowie eines Online-Analyse-Werkzeugs

ein. Im Spätherbst 2007 wird das integrierte

Kommunikations-Modell im Rahmen einer Veranstaltung mit

den Forschungskooperierenden der Öffentlichkeit vorgestellt.

Das Online-Werkzeug sollte für interessierte Unternehmen ab

Januar 2008 zur Verfügung stehen. Der gesamte Forschungsbericht

erscheint im nächsten Frühjahr in Buchform.

Das Forschungsprojekt trägt dazu bei, dass mittelgrosse

Schweizer Unternehmen ihre Kompetenz im Kommunikationsmanagement

verbessern und Unternehmenskommunikation

vermehrt als Managementfunktion und Managementprozess

verstehen. Es erlaubt eine effizientere und effektivere Unternehmenskommunikation

und leistet dadurch einen wichtigen

Beitrag zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit.

Projektteam: Norbert Winistörfer, Sabine Einwiller,

Dominik Lehmann, Institute for Competitiveness and

Communication, FHNW

Schlüsselwörter: Integrierte Kommunikation |

Kommunikationsmanagement | Kommunikationsmodell

Projektkooperationen: Michael Boenigk | Christoph

Hug, Institut für Kommunikation und Marketing, Fachhochschule

Zentralschweiz

Projektförderung: KTI-Nr. 7891.2 ESPP-ES |

Kommuni kationsagentur Infel AG, Zürich | Swisscom AG |

KPMG Schweiz AG, Zürich

Dauer: 2005 – 2007


Zürich Risk Index Z-RIX

Unternehmen müssen Werte schaffen und erhalten. Welche

Risiken soll das Management bei seiner Arbeit eingehen, welche

Risiken sind abzusichern? Das Z-RIX-Projekt erschliesst

neue Erkenntnisse für die Bewertung von Risiken, die am

Kapitalmarkt gehandelt werden. | Josef Marbacher, Institut

für Finanzmanagement

Die Steuerung von Unternehmen ist – speziell unter den zunehmend

wettbewerblich gestalteten Rahmenbedingungen

– auf die Erhaltung und Schaffung von Werten ausgerichtet.

Es ist sowohl für Investorinnen und Investoren als auch für

die Geschäftsführung entscheidend, zu wissen, welche Risiken

eingegangen und welche abzusichern sind, damit der

Unternehmenswert gesteigert werden kann.

Die Definition, Strukturierung und Bewertung von Unternehmensrisiken

ist daher für Investierende, Konsumierende und

das Management von zentraler Bedeutung. Traditionellerweise

sind es Rating-Agenturen und Banken, die Konkurswahrscheinlichkeiten

von Unternehmen einschätzen. Sie stützen

sich dabei auf interne Analysen und Buchhaltungsabschlüsse.

Aber auch die Preisbildung moderner Kapitalmarktinstrumente

beinhaltet eine Beurteilung des mit dem Unternehmen

verbundenen Risikos. Gerade Letztere sind, weil sie auf die

Zukunft ausgerichtet sind und täglich aktualisiert werden,

den herkömmlichen Methoden zunehmend überlegen.

2005 startete das Institut für Finanzmanagement (IFF) der

Hochschule für Wirtschaft zusammen mit der Zurich Insurance

Company das Projekt «Zürich Risk Index Z-RIX» mit

folgenden Zielen:

– erarbeiten einer Systematik zur Einschätzung von Unternehmens-Risiken

aus Kapitalmarkt-Daten;

– erstellen einer Datenbank mit Angaben über die Risikostruktur

der grössten Unternehmen weltweit;

– berechnen von Risiko-Indizes mit Credit Default Swaps

(CDS), welche die globalen, sektoralen und länderspezifischen

Risiken aggregiert abbilden;

– analysieren der Risikodaten nach verschiedenen Kriterien

und verursachenden Faktoren.

Risikoanalysen mit Credit Default Swaps

Es stellen sich eine Reihe von Fragen: Wie muss ein derartiger

Index aufgebaut werden? Welche theoretischen Kriterien

muss er erfüllen? Wie kann er mit empirischen Daten aufgebaut

werden? Welche Strukturanpassungen sind im Laufe

der Zeit zu berücksichtigen? Wird das Indikatoren-Konzept

umgesetzt und genutzt, so heisst es: Welche Indikatoren sollen

öffentlich verfügbar sein, welche nur intern? Und noch

später: Wie sind Zeitreihen zu interpretieren? In welcher Beziehung

steht der Indikator zu anderen Risikomessgrössen?

Oder wie verändern sich die Risikoprämien im Verlaufe der

Zeit und wie sind derartige Veränderungen zu interpretieren?

Ende 2007 soll das Projekt erste Ergebnisse und Antworten

liefern.

Die Zurich Insurance Company erschliesst mit diesem

Projekt ein weites Feld an Risiko-Management-Konzepten,

die über die traditionellen Methoden hinausgehen. Für die

Risiko analyse eignen sich Credit Default Swaps (CDS) in besonderem

Masse. Dieses Finanzinstrument hat in den letzten

fünf Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Ein CDS ist eine

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Art Versicherungsvertrag für Investitionen in Obligationen.

Die bei Zahlungsschwierigkeiten oder Konkurs eintretenden

Verluste werden mit einem CDS gegen Bezahlung einer

Prämie abgesichert. Diese Prämie richtet sich deshalb nach

der Konkurs-Wahrscheinlichkeit des Unternehmens in das

investiert wurde. Die CDS-Prämie wird am Markt gehandelt

und reagiert sensibel auf Ereignisse, welche das Risiko des

Unternehmens tangieren.

Die neuen Konzepte sind auf Unternehmen ausgerichtet,

welche die Risiko-Situation im Hinblick auf die Schaffung

von Werten verbessern können. Dies gilt nicht nur für börsenkotierte

Grossunternehmen, sondern auch für KMU, die

letztlich den gleichen ökonomischen Kräften ausgesetzt sind.

Die Risiko-Analyse ist aber auch für Investierende und die

Öffentlichkeit von Interesse, die mit den Ergebnissen dieser

Analyse eine neuartige Perspektive auf die Risiko-Landschaft

gewinnen.

Projektteam: Josef Marbacher, Matthias Härri, Laura

Schlosser, Urs Dreier, Institut für Finanzmanagement,

FHNW

Schlüsselwörter: Risiko | CDS-Prämie | Rating | Marktdaten

| Wettbewerb | Risiko-Management

Projektkooperationen: Zurich Insurance Company

Projektförderung: Zurich Insurance Company

Dauer: 2005 – 2008

Literatur:

– Allen, R. D. G. (1975): Index Numbers in Theory and

Practice. London: Macmillan Press.

– D’Amato, J. & Remonona, E. M. (2003): The credit spread

puzzle. BIS Quarterly Review, December 2003, p. 51– 63.

– Edgeworth, F. Y. (1925a): Papers Relating to Political

Economy. Vol I. London: Macmillan Press.

– Edgeworth, F. Y. (1925b): The Plurality of Index Numbers.

Economic Journal, 35, p. 379 – 388.

– Keynes, J. M. (1930): A Treatise on Money. Vol. I, London.

– Selvanathan, E. A. & Prasada Rao, D. S. (1994): Index

Numbers. A Stochastic Approach. London: Macmillan

Press.

– Von der Lippe, P. M. (2000b): Verhältnis- und Indexzahlen.

In: W. Voss (Hrsg.), Taschenbuch der Statistik (Kap. 6).

Leipzig: Fachbuchverlag.

– Von der Lippe, P. M. (2002): TES Course on Price Statistics

and Price Index Theory. Universität Essen, Fachbereich

Statistik, http://www.vwl.uni-essen.de/dt/stat/downloads/tes.html.


Hochschule für Wirtschaft

Elektronisch Rechnung stellen: vom Standard zu einer

Community

Das Ausstellen, Übermitteln, Zuordnen, Kontrollieren und

Verbuchen von Rechnungen verursacht den Unternehmen

grosse administrative Kosten, ohne einen direkten Beitrag

zur Wertschöpfung zu leisten. Elektronisch Rechnungen zu

stellen schafft Abhilfe. Das Projekt swissDIGIN – swiss Digital

Invoice – weist erfolgreich den Weg. | Christian Tanner,

Institut für Wirtschaftsinformatik

Allein in der Schweiz stellen sich die Unternehmen gemäss

PostFinance pro Jahr gegenseitig 300 Millionen Rechnungen

zu. Unternehmen, die sehr viele Rechnungen erhalten, wollen

deshalb die Potenziale von E-Business nutzen und den

entsprechenden Prozess weitgehend automatisieren. Dies

bedingt, dass Lieferanten- und Kundenunternehmen ihre

Prozesse verstärkt aufeinander abstimmen.

Das Competence Center E-Business (CCEB) des Instituts für

Wirtschaftsinformatik (IWI) griff bereits 2004 die elektronische

Rechnungsstellung (E-Invoicing) als Forschungsthema

auf. Die KMU als Rechnungsstellende reagierten eher ablehnend

auf die elektronische Rechnungsstellung, zumal ihre

Grosskundinnen und Grosskunden heterogene Anforderungen

an die Rechnungsinhalte stellten und die Abläufe unterschiedlich

organisierten. Die Grossunternehmen wiederum

waren auf die Bereitschaft ihrer Zulieferbetriebe angewiesen.

Darum entwickelte das CCEB das KTI-Projekt swissDIGIN.

Dieses verfolgte zwei Ziele: Es musste ein Standard für eine

branchenneutrale elektronische Rechnung geschaffen werden,

und die Rechnungsstellenden sollten für den elektronischen

Austausch sensibilisiert werden.

Dank viel Erfahrung rasch erfolgreich

Das IWI pflegt zahlreiche Kontakte zu Unternehmen, die

schon früh auf die elektronische Rechnung setzten. Für das

KTI-Projekt swissDIGIN waren denn auch rasch acht renommierte

Rechnungsempfänger gefunden: ABB, Bâloise, Bühler

Group, RUAG, SBB, Swisscom, Syngenta und UBS. Ebenfalls

mit dabei waren die drei führenden Dienstleistenden für den

elektronischen Rechnungsaustausch, PayNet, PostFinance

und Swisscom IT Services sowie zwei Herstellende von Business

Software, nämlich ABACUS und dynasoft.

Gut 12 Monate dauerte der vom CCEB moderierte Prozess,

bis Mitte 2005 der swissDIGIN-Inhaltsstandard freigegeben

werden konnte. Unter anderem wurde ein kostenloser Leitfaden

für Rechnungsstellende veröffentlicht, der sich an KMU

richtet und diese für das Thema E-Invoicing sensibilisieren

soll. Die Website www.swissDIGIN.ch ist seither die zentrale

Informationsplattform für elektronische Rechnungsstellung.

Nach Abschluss des KTI-Projekts wurden die Aktivitäten auf

Wunsch der beteiligten Partnerunternehmen in das swiss-

DIGIN-Forum überführt. Es wird vom CCEB geleitet und

bildet eine Forschungsplattform mit folgenden Zielen: Erfahrungsaustausch

zwischen Unternehmen; Entwickeln von

Lösungsansätzen zu offenen Fragestellungen; Unterhalt des

swissDIGIN-Inhaltsstandards; Diffusion des Know-hows.

swissDIGIN-Forum als tragender Pfeiler

Das swissDIGIN-Forum wird heute von 15 Partnerorganisationen

finanziell getragen. Diese entscheiden mit dem CCEB

über die inhaltlichen Schwerpunkte der Arbeit. Diese mündet

in zwei Veranstaltungen pro Jahr, an denen jeweils über 80

Personen teilnehmen.

Dank der swissDIGIN-Initiative ist das IWI bzw. die FHNW

in diesem aktuellen Themenfeld gut positioniert. Aus der intensiven

Arbeit entstehen laufend neue Aktivitäten, die es

ermöglichen, die Vernetzung auszubauen und Kompetenzen

weiterzuentwickeln. Zu den Aktivitäten gehören etwa Referate

an führenden Veranstaltungen, die Mitwirkung in der Task-

Force E-Invoicing der economiesuisse, ein Co-Chair-Mandat

im E-Invoicing Project des United Nations Centre for Trade

Facilitation and Electronic Business, die Mitwirkung im E-

Invoicing Workshop des europäischen Normierungsgremiums

CEN sowie Beratungsprojekte für Unternehmen.

Projektteam: Christian Tanner (Projektleiter),

Ralf Wölfle (Projektsteuerung), Institut für Wirtschaftsinformatik,

FHNW

Schlüsselwörter: E-Business | Elektronischer Geschäftsverkehr

| Elektronische Rechnung | E-Invoicing |

B2B-E-Commerce | Prozessoptimierung

Projektkooperationen: ABACUS | ABB | Airplus |

B2Bnet | Elektro-Material | GS1 | io-market | Lyreco |

Pentag Informatik | PostFinance | RUAG | Swisscom IT

Services | Syngenta | Telekurs PayNet | UBS

Projektförderung: KTI-Nr. 7325.1 ESPP-ES (Initialförderung;

2004 – 2005)

Dauer: 2004 bis auf Weiteres


Corporate Volunteering – wie Unternehmen durch

die Entsendung von Mitarbeitenden NPOs erfolgreich

unterstützen

Wenn Unternehmen ihre Mitarbeitenden auffordern, eine

Zeit lang in einem Nonprofit-Unternehmen zu arbeiten, nennt

sich das Corporate Volunteering. Die Unternehmen möchten

damit ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.

Sie wollen aber auch, dass Kundinnen und Kunden und die

breite Öffentlichkeit dieses Engagement wahrnehmen und

anerkennen. | Axel Schilling, Institut für Nonprofit- und

Public Management

Wer zieht tatsächlich welchen Nutzen aus Corporate Volunteering

(CV)? Hierzu hat das Institut für Non Profit- und

Public Management (NPPM) der Hochschule für Wirtschaft

im ersten Halbjahr 2007 mit dem Zentrum für Organisations-

und Arbeitswissenschaften der ETH Zürich ein gemeinsames

Projekt ausgearbeitet. Der Nutzen von CV bei Grossfirmen in

der Schweiz wurde bislang nur wenig untersucht. Die Hintergründe

sollen nun dank der Zusammenarbeit zweier Hochschulen

umfassend aufgearbeitet werden.

Projektskizze und Projektablauf sind mittlerweile konkretisiert,

und das entsprechende Forschungsgesuch wurde bei

der Förderagentur des Bundes KTI eingereicht. Eine Reihe

von Schweizer Grossfirmen, so die UBS, Swisscom und Novartis

sowie zwei Mittlerorganisationen, haben sich bereit

erklärt, an diesem Forschungsprojekt mitzuwirken.

Das Engagement von Unternehmen für gemeinnützige Zwecke

ist ein aktuelles Thema. Unternehmen werden zunehmend

in gesellschaftliche Belange eingebunden bzw. sollen

diesbezüglich Verantwortung übernehmen (z. B. UN-Global

Compact oder «Social Responsibility»). Als «institutionelle

Akteure» haben sie hierzu verschiedene Möglichkeiten: im

Rahmen der Unternehmenspolitik, über Spenden oder durch

die Gründung einer Stiftung.

Firmen zunehmend in der Pflicht

Aufgrund der zunehmenden Kürzung sozialstaatlicher Leistungen

und der Verschiebung von Zuständigkeiten zwischen

Staat und Wirtschaft ist künftig damit zu rechnen, dass Unternehmen

mit diesen Erwartungen konfrontiert werden.

Gesellschaftliche Verantwortung wird von den Unternehmen

immer mehr verlangt, gerade auch, weil verantwortliches

Handeln zunehmend als Kriterium der Bewertung erfolgreichen

unternehmerischen Handelns herangezogen wird (Ökofonds,

Qualitätslabels etc.).

Mit CV wird das Engagement des Unternehmens durch die

Unterstützung bzw. den Einsatz von Mitarbeitenden in konkreten

Problemfeldern (z. B. Mentoringprogramme, Seitenwechsel,

Sozialeinsätze) sicht- und greifbarer, als dies bei

anderen Formen der Fall ist. Das geplante Projekt versucht

aufgrund der absehbaren verstärkten Anwendung von CV

(und der damit verbundenen Chancen und Risiken) in der

Schweiz, Gestaltungsmöglichkeiten bzw. -notwendigkeiten

zusammen mit Unternehmen zu bestimmen und deren Umsetzung

zu unterstützen. Innerhalb des Projektes wird die

Arbeitsaufteilung der beiden Hochschulen so aussehen, dass

die ETH die Perspektive der Grossfirmen beleuchtet, während

sich die FHNW der Sichtweise der Nonprofit-Organisationen

annehmen wird.

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Corporate Volunteering auch für KMU geeignet?

In einer ersten Annäherung an das Thema soll die Praxis des

Corporate Volunteering erhoben und beschrieben werden.

Dabei geht es auch um einen intensiven und kontinuierlichen

Erfahrungs- und Wissensaustausch mit den beteiligten Firmen,

so dass sich die Ergebnisse in mehreren Iterationsstufen

kontinuierlich weiterentwickeln lassen. Aufbauend auf

den gewonnenen Erkenntnissen, sollen Instrumente für den

Entscheid für oder wider CV erarbeitet werden, so dass für

alle Beteiligten eine bewusste Gestaltung möglich wird. Zu

einem späteren Zeitpunkt möchte sich das NPPM FHNW der

Fragestellung annehmen, inwiefern die hervorgebrachten Erkenntnisse

auf KMU übertragbar sind.

Projektteam: Axel Schilling, Institut für Nonprofit- und

Public Management, FHNW | Theo Wehner, Zentrum

für Organisations- und Arbeitswissenschaften, ETH Zürich

Schlüsselwörter: Corporate Citizenship | Corporate

Volunteering | Bürgerliches Engagement von Unternehmen

Projektkooperationen: Citigroup | Novartis |

Swisscom | UBS

Projektförderung: KTI (beantragt) und Wirtschaftspartner

Dauer: 2008 – 2010

Literatur:

– Gentile, G.-C. & Wehner, T. (2007): Schwerpunktheft:

Bürgerliches Engagement von Unternehmen. Wirtschaftspsychologie.

Pabst Publishers. Lengerich, Berlin, Bremen,

Miami, Riga, Viernheim, Wien, Zagreb. Heft 1, Jahrgang 9.


Hochschule für Wirtschaft

Modernes Lohnsystem für eine Stiftung zur Betreuung

von Menschen mit Behinderungen

Die BSZ-Stiftung betreibt an verschiedenen Standorten mehrere

hundert geschützte Arbeitsplätze. Bis vor kurzem fehlte

jedoch ein auf die speziellen Gegebenheiten dieser Organisation

abgestimmtes System zur Funktionsbewertung und zur

Bestimmung der individuellen Löhne. | Thomas Schwarb,

Institut für Personalmanagement und Organisation

Die BSZ-Stiftung bietet im Kanton Schwyz 370 geschützte

Arbeitsplätze für Menschen mit geistigen, körperlichen und

psychischen Behinderungen an. Die Behinderten sind an verschiedenen

Standorten in unterschiedlichen Branchen tätig:

in der Metall-, Holz-, Kunststoffbearbeitung, in der Montage,

in der Hauswirtschaft und im Werken. Zudem betreiben sie

in Brunnen im Kanton Schwyz zusammen mit Gastroprofis

das Gasthaus Pluspunkt.

Über 110 Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen

wohnen in betreuten Wohngruppen an verschiedenen

Orten. Die BSZ beschäftigt rund 280 weibliche und männliche

Angestellte in verschiedenen Berufen. Sie wurde 1973

gegründet und finanziert sich aus eigenen Erträgen. Diese

erwirtschaftet sie in der Produktion, in den Läden, in der

Gastronomie, im Wohnbereich sowie aus Spenden und Betriebsbeiträgen

der IV und des Kantons Schwyz.

Lohnfindung bisher mit ungewissem Ausgang

Die Analyse im Jahre 2006 deckte in der bisherigen Lohnpraxis

der BSZ-Stiftung gewisse Mängel auf: Die Lohnfindung

bei der Anstellung ist aufwendig; trotzdem sind die Ergebnisse

nicht immer zufriedenstellend. Die im Computersystem

hinterlegten Funktionswerte sind nicht dokumentiert; die

Bewertung der Funktionen kann also nicht überprüft und

neue Funktionen können nicht sicher bewertet werden.

Das Institut für Personalmanagement und Organisation

(PMO) der Hochschule für Wirtschaft initiierte daraufhin ein

Projekt, um die festgestellten Probleme zu beheben und ein

einfaches System zur Funktionsbewertung und zur Bestimmung

des individuellen Lohnanteils (mit Anfangslohn und

Lohnentwicklung) festzulegen. Das neue System musste die

spezifischen Eigenheiten einer Nonprofit-Organisation (NPO)

im Sozialbereich berücksichtigen. Es konnte daher nicht auf

einem bekannten Lohnsystem aus der Privatwirtschaft aufbauen.

Schrittweise wurden nun eine Funktionsbewertung und neue

Salärbandbreiten entwickelt, ein Lohnvergleichkonzept erstellt

für den Abgleich mit zielverwandten Organisationen

sowie Aspekte zur Entlöhnung bei Weiterbildung geprüft.

Lohnsystem eines NPO gehorcht eigenen Gesetzen

Das Projekt schliesst demnächst ab. Inzwischen liegt ein

Funktionseinreihungskonzept vor, und die entsprechenden

Einreihungen wurden vorgenommen und validiert. Folgende

Ergebnisse und Erkenntnisse lassen sich festhalten:

– Die Lohnstruktur der untersuchten Nonprofit-Organisation

erwies sich als deutlich kompakter als in der Privatwirtschaft.

– Das Lohnsystem kämpft indirekt mit dem finanziellen

Druck, der auf den Institutionen lastet. Es wird nicht nur

ständig hinterfragt, wo man wie viele gut ausgebildete

Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen benötigt,

sondern es zeigt sich auch die Tendenz, mit weniger gut

ausgebildetem Personal zu arbeiten, um Kosten zu

sparen – ein Zwiespalt, der sich auch bei den Funktionsbewertungen

niederschlägt.

– Eine leistungsabhängige Lohnentwicklung (Leistung im

produzierenden Sinn) erweist sich als unangebracht.

Vielmehr steht die Kompetenzentwicklung der Mitarbeitenden

im Vordergrund.

– Die Löhne in den verwandten Institutionen sind vergleichbar.

Nur bei einzelnen Funktionen sind grössere Abweichungen

feststellbar. Die Sozialleistungen (insbesondere

Pensionskasse, Lohnfortzahlung) bei verwandten Institutionen

unterscheiden sich jedoch erheblich.

Projektverantwortlicher: Thomas Schwarb, Institut für

Personalmanagement und Organisation, FHNW

Schlüsselwörter: NPO | Lohnsysteme | Personalmanagement

Projektkooperationen: BSZ-Stiftung, Seewen

Projektförderung: Auftraggeber | Projektpartner

Dauer: 20072008


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Kontaktliste

Institut Kompetenzen Forschungsfelder Ansprechpartner

Hochschule für Angewandte Psychologie

Prof. Dr. Christoph Clases

T +41 62 388 25 99

christoph.clases@fhnw.ch

– Analyse und Gestaltung von Kooperationsprozessen

in und zwischen

Organisationen

– Wissensmanagement

– Neue Medien in Bildung und Arbeit

– Vertrauen und Konfl ikte in

Organisationen

– Organisationsdiagnostik und

-entwicklung

– Teamdiagnose und Teamentwicklung

– Analyse und Gestaltung komplexer,

grenzüberschreitender Kooperationsprozesse

in den Bereichen Wissensmanagement,

interdisziplinäre und

professionelle Kooperation

– Kooperation in Unternehmensnetzwerken

und virtuellen Unternehmen

– Einsatz Neuer Medien in der

Kooperation

– Interkulturelle Kooperation

– Soziotechnische Netzwerkanalyse

und Networking

Institut für Kooperationsforschung

und -entwicklung (ifk)

Prof. Dr. Toni Wäfl er

T +41 62 388 25 96

toni.waefl er@fhnw.ch

– Analyse und Gestaltung soziotechnischer

Systeme und von Mensch-

Maschinen-Systemen

– Sicherheit und Human Factors

– Entscheidung und Risiko

– Arbeit und Gesundheit

– Analyse und Gestaltung des

komplexen Zusammenwirkens von

Mensch, Technik und Organisation

mit folgenden Zielen:

– Sicherheit und Zuverlässigkeit der

Systeme

– Gesundheit und Handlungsfähigkeit

der Menschen

Institut Mensch in komplexen

Systemen (MikS)

Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

Prof. Matthias Ackermann

T +41 61 467 42 72

matthias.ackermann@fhnw.ch

Institut Architektur (IARCH) Wohnungsbau

Das künftige Wohnhaus, nachhaltige

Siedlungsentwicklung

Prof. Dorothee Huber

T +41 61 467 42 72

dorothee.huber@fhnw.ch

Jüngere Architekturgeschichte,

Siedlungsbau der Moderne

Architekturgeschichte, Städtebau

Yvonne Kocherhans

T +41 61 467 42 72

yvonne.kocherhans@fhnw.ch

Vernakuläre Architektur, rurale

Siedlungen und Kulturlandschaften

Kulturgeschichte


Prof. Marco Della Chiesa

T +41 61 467 42 72

marco.dellachiesa@fhnw.ch

Mensch, Gesellschaft, Raum.

Wohnsoziologie und Wohnpsychologie

Soziologie

Prof. Dr. Harald Schuler,

Dr. Françoise Beltzung,

Thomas Wenk

T +41 61 467 42 42

harald.schuler@fhnw.ch

francoise.beltzung@fhnw.ch

thomas.wenk@fhnw.ch

– Betonbauteile ohne Stahlbewehrung

– Polymerbetone, Beton mit Schaumglas

Baustofftechnologie und Bauteileprüfung

Institut Bauingenieurwesen (IBAU)

Prof. Francesco Valli

T +41 61 467 42 42

francesco.valli@fhnw.ch

– Lastabtragung im Erdreich

– Einsatz von Kunststoffen

– Numerische Modellierung mit der

Finite-Elemente-Methode

– Durchlässe in profi liertem Kunststoff

– Nachhaltigkeit von Bauprojekten

Prof. Dr. Peter Gonsowski

Dr. Cinzia Miracapillo-Jauslin

T +41 61 467 42 42

peter.gonsowski@fhnw.ch

cinzia.miracapillo@fhnw.ch

– Ausbreitung von Schadstoffen in

wassergesättigtem Boden

– Untersuchung der Wirkung von

unvollkommenen Dichtungswänden

auf den Transportprozess

Grundwassermodellierung in städtischen

und industriellen Gebieten

Prof. Dr. Reinhard Gottwald

T +41 61 467 43 39

reinhard.gottwald@fhnw.ch

– Hochpräzisions-Messtechnologien

– Statische und dynamische Lasermesstechnologien

– Berührungslose und taktile 3D-Messverfahren

3D-Messtechnik

Institut Vermessung und

Geoinformation (IVGI)

Prof. Beat Sievers

T +41 61 467 45 09

beat.sievers@fhnw.ch

– GNSS-Positionierung, kombiniert

mit Geodiensten

– Geo-Monitoring

– Homogenisierung von Fixpunktfeldern

GNSS (Global Navigation Satellite

Systems)

Prof. Hans-Jörg Stark

T +41 61 467 46 05

hansjoerg.stark@fhnw.ch

– OpenSource GIS

– Geo-Marketing

– Web Mapping

– Individuelle GIS-Fragestellungen

Geografi sche Informationssysteme

Prof. Dr. Stephan Nebiker

T +41 61 467 43 36

stephan.nebiker@fhnw.ch

– Webbasierte 3D-Geodienste

– Geo Content Management

– Virtual und Augmented Reality

– Geo Sensor Web

Interaktive 3D-Geoinformationstechnologien

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Kontaktliste

Institut Kompetenzen Forschungsfelder Ansprechpartner

Prof. Armin Binz

T +41 61 467 44 94

armin.binz@fhnw.ch

– Minergie und Minergie-P

– Vakuum-Isolationen

– Konstruktion der Gebäudehülle

Institut Energie am Bau (IEBAU) Energieeffi zientes Bauen

Prof. Armin Binz

T +41 61 467 44 94

armin.binz@fhnw.ch

Nachhaltige Stadt-, Siedlungs- und

Quartierentwicklung, Umsetzung des

Konzepts der 2000-Watt-Gesellschaft

Nachhaltige Siedlungsentwicklung

Prof. Dr. Thomas Afjei

T +41 61 467 43 49

thomas.afjei@fhnw.ch

Heizen und Kühlen mit Wärmepumpen,

Klein-Wärmepumpensysteme für

Niedrigenergiehäuser

Betriebliche Energieoptimierung

Prof. Dr. Thomas Afjei

T +41 61 467 43 49

thomas.afjei@fhnw.ch

Optimierte Druckluftversorgungssysteme,

Energieoptimierung in Gewerbeund

Dienstleistungsbetrieben

Umweltwärmenutzung und Wärmepumpensysteme

Hochschule für Gestaltung und Kunst

Martin Wiedmer

T +41 61 695 63 47

martin.wiedmer@fhnw.ch

– Bild und Entwurf: experimentelle

Bildforschung

– Raum und Entwurf: Mixed Reality

– Strategie und Entwurf

Entwurf

Künstlerische Forschung

Institut Design- und Kunstforschung

(IDK)

Hochschule für Life Sciences

Prof. Dr. Erik Schkommodau

T +41 61 467 42 46

erik.schkommodau@fhnw.ch

– Bildgestützte Diagnose und Planung

– Biomedizinische Informationssysteme

– Intelligente Implantate

– Personalisierte Therapie-Systeme

– Medizinische Bildverarbeitung

– Biosignalverarbeitung

– Visuelle Analytik

– Medizinisches Rapid Prototyping

– Computerunterstützte Chirurgie

– Telemedizin

– Intrakorporale Sensorik

Institut Medizinal- und Analysetechnologie

(IMA)


Prof. Dr. Ernst Hungerbühler

T +41 61 467 43 88

ernst.hungerbuehler@fhnw.ch

– Molekulare Analytik und Diagnostik

– (Bio-) Nanotechnologie

– Chemical Engineering & Downstream

Processing

– Organische Synthese/Katalyse,

Molekulare Erkennung

– Präklinische Medikamentenentwicklung

– Biochemie, Bioanalytik & Diagnostik

– Oberfl ächenanalyse, Beschichtung /

Funktionalisierung, Nanopartikel

– Biosensoren

– Organische Synthese und Katalyse

– Instrumentalanalytik

– Verfahrensentwicklung / Prozessoptimierung

und Mikroreaktortechnik

Institut Chemie und Bioanalytik (ICB)

Prof. Dr. Georgios Imanidis

T +41 61 467 42 42

georgios.imanidis@fhnw.ch

– Arzneimittelformulierung

– Drug Delivery

– Herstellungsprozessentwicklung

– (Trans)Dermale und intestinale

Delivery und Wirkstoffabsorption

– Formulierungsentwicklung und

Arzneiformenherstellung

– Drug Targeting und Pharmakokinetik

– Prozessentwicklung, Produktionsplanung,

Qualitätssicherung

Institut Pharma Technology (IPT)

Prof. Dr. Philippe Corvini

T +41 61 467 43 44

philippe.corvini@fhnw.ch

– Umwelttechnik

– Cleaner Production & Ressourcenmanagement

– Ökotoxikologie

– Umweltbiotechnologie / Mikrobiologie

– Umwelttechnik und Recycling

– Abfallwirtschaft und Altlasten

– Umweltwirkungen von Substanzen

– Cleaner Production in Betrieben (CP)

– Biotransformationsprozesse, Mikroorganismen

zur Sanierung

– Umweltmanagement und Know-how-

Transfer

Institut Ecopreneurship (IEC)

Pädagogische Hochschule

Prof. Dr. Lucien Criblez

T +41 62 832 02 66

F +41 62 832 02 69

lucien.criblez@fhnw.ch

– Berufsfeldorientierte pädagogische

Forschung inkl. Fragen der Bildungsorganisation

und Schulentwicklung

– Fachdidaktische Forschung und

Unterrichtsforschung

Institut Forschung und Entwicklung

(IFE)

Prof. Dr. Andrea Bertschi-Kaufmann

T +41 62 832 02 71

F +41 62 832 02 69

andrea.bertschi@fhnw.ch

Sprach- und Schriftentwicklung sowie

Umgang mit Sprachen und Schrift von

Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen,

Entwicklung von Lehrmitteln sowie

Schul- und Unterrichtsentwicklung im

Sprachbereich, Aufbau des schweizerischen

Netzwerks zur Prävention und

Bekämpfung des Illettrismus

Zentrum LESEN – Sprache, Medien,

Schrift

90 | 91


Kontaktliste

Institut Kompetenzen Forschungsfelder Ansprechpartner

Prof. Dr. Carsten Quesel

T +41 32 627 92 70

F +41 32 627 92 12

carsten.quesel@fhnw.ch

Forschung und Entwicklung auf der

Meso- (Schulen) und der Makroebene

(Schulsysteme) des Bildungssystems:

Schulstrukturen, Reformprozesse von

Schulen und Schulsystemen; Lehrpläne

und Bildungsstandards; Schulorganisation:

Schulleitung, Schulautonomie,

Schulaufsicht; bildungspolitische Entscheidungsprozesse

Zentrum Bildungsorganisation und

Schulqualität

Prof. Dr. Norbert Landwehr

T +41 62 836 04 58

F +41 62 836 04 66

norbert.landwehr@fhnw.ch

Qualitätsevaluation und Qualitätsmanagement

von Schulen, externe

Schulevaluation, schulische Leistungsmessung

(Lernstandserhebung)

Prof. Dr. Peter Labudde

peter.labudde@fhnw.ch

(ab 1.2.2008)

Unterrichtsforschung zu Naturwissenschafts-

und Technikunterricht auf

allen Schulstufen, Bildungsstandards

und Kompetenzentwicklung im Naturwissenschaftsunterricht,

Genderfragen,

Lehrmittelentwicklung

Zentrum Naturwissenschafts- und

Technikdidaktik

NN

T +41 32 627 92 75

F +41 32 627 92 12

ife.ph@fhnw.ch

Erziehungsauftrag der Schule, Verhältnis

Schule – Familie, Norm- und Disziplinprobleme,

Integration, ausserfamiliale

Bildung und Betreuung: Blockzeiten,

Horte, Tagesschulen, children at risk

Zentrum Schule als öffentlicher

Erziehungsraum

Prof. Dr. Béatrice Ziegler

T +41 62 832 02 68

F +41 62 832 02 69

beatrice.ziegler@fhnw.ch

Fachdidaktische Unterrichtsforschung

und Lehrmittelentwicklung in den

Bereichen Didaktik der Geschichte und

der politischen Bildung; historisches

Bewusstsein, Menschenrechte und Kinderrechte,

Unterrichtsvideoanalysen

Zentrum Politische Bildung und

Geschichtsdidaktik


Hochschule für Soziale Arbeit

Prof. Agnès Fritze

T +41 62 311 96 56

agnes.fritze@fhnw.ch

– Prozesse zur Erstellung und Erbringung

sozialer bzw. sozialarbeiterischer

Dienstleistungen im Spannungsfeld

von Staat, Wirtschaft und

3. Sektor (Sozialmanagement).

– Beratungs- und Coachingprozesse

Beratung, Coaching, Sozialmanagement

Institut Beratung, Coaching und

Sozialmanagement (ICSO)

Prof. Dr. Daniel Gredig

T +41 62 311 96 76

daniel.gredig@fhnw.ch

– Menschen mit Behinderungen

– Menschen mit schweren oder chronischen

Krankheiten, HIV/AIDS

– Menschen mit Migrationserfahrung

– Menschen ohne Erwerb

– Interventionen

Integration und Partizipation

Institut Integration und

Partizipation (IIP)

Prof. Dr. Stefan Schnurr

T +41 61 337 27 83

stefan.schnurr@fhnw.ch

– Strukturen, Programme und Praxen

der Kinder- und Jugendhilfe

– Lebenslagen und Lebensweisen von

Kindern und Jugendlichen

Kinder- und Jugendhilfe

Institut Kinder- und Jugendhilfe (IKJ)

Prof. Dr. Peter Sommerfeld

T +41 62 311 96 40

peter.sommerfeld@fhnw.ch

– Evidence Based Intervention Development

(Wirkungsforschung und partizipative

Verfahren forschungsbasierter

Praxisentwicklung)

– Strukturen, Programme und Praxen

professioneller Sozialer Arbeit

Professionsforschung und kooperative

Wissensbildung

Institut Professionsforschung und

kooperative Wissensbildung (IPW)

Prof. Dr. Holger Schmid

T +41 62 311 95 97

holger.schmid@fhnw.ch

– Psychosoziale Gesundheit

– Ethische Entscheidungsfi ndung

– Strukturen, Programme und Praxen

Sozialer Arbeit im Gesundheitswesen

Soziale Arbeit und Gesundheit

Institut Soziale Arbeit und

Gesundheit (ISAGE)

Prof. Urs Kaegi

T +41 61 337 27 23

urs.kaegi@fhnw.ch

– Sozialer und organisationaler Wandel

– Stadtentwicklung

– Sozialplanung

Sozialplanung und Stadtentwicklung

Change Management

Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung

(ISS)

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Kontaktliste

Institut Kompetenzen Forschungsfelder Ansprechpartner

Hochschule für Technik

Prof. Rainer Schnaidt

T +41 56 462 42 70

rainer.schnaidt@fhnw.ch

Bereich Transfer

Prof. Peter Muhmenthaler

T +41 56 462 43 63

peter.muhmenthaler@fhnw.ch

Expertenvermittlung, Kurzberatung

in Technologiefragen, Studierendenprojekte,

Partnersuche

– Kontaktstelle FITT

– Forschung

– Innovation & Technologietransfer

Prof. Niklaus Degunda

T +41 56 462 48 40

niklaus.degunda@fhnw.ch

Entwicklung von Komponenten

der Mess-, Prüf- und Automatisierungstechnik

Automation

Institut für Automation (IA)

Prof. Dr. Heinz Burtscher

T +41 56 462 42 40

heinz.burtscher@fhnw.ch

Entwicklung von Verfahren zur Messung

und Charakterisierung von Partikelemissionen,

Elektrische Antriebe, Elektrische

Energieerzeugung, -übertragung

und Verbrauch, Leistungselektronik

– Aerosol- und Sensortechnik

– Elektrische Energietechnik

Institut für Aerosol- und

Sensortechnik (IAST)

Prof. Werner Lüthy

T +41 56 462 41 55

werner.luethy@fhnw.ch

Supply Chain Management, Logistik-

Systeme, Management von Kooperationsnetzwerken

und Geschäftsprozessgestaltung

Business Engineering

Institut für Business Engineering

(IBE)

Prof. Clemens Dransfeld

T +41 56 462 45 90

clemens.dransfeld@fhnw.ch

Entwicklung von Verfahren und

Materialtechnologien für Kunststoffund

Compositestrukturen

Kunststofftechnik

Institut für Kunststofftechnik (IKT)

Prof. Karl Schenk

T +41 56 462 46 30

karl.schenk@fhnw.ch

– High Speed Design

– Entwicklung von elektronischen

Schaltkreisen und Embedded Systems

Mikroelektronik

Institut für Mikroelektronik (IME)

Prof. Dr. Jürg Luthiger

T +41 56 462 47 37

juerg.luthiger@fhnw.ch

Informations- und Kommunikationssystem

für verteilte und mobile

Anwendungen

Mobile und verteilte Systeme

Institut für Mobile und

Verteilte Systeme (IMVS)


Prof. Dr. Jens Gobrecht

T +41 56 310 25 29

jens.gobrecht@fhnw.ch

Verfahren zur Erzeugung von Mikround

Nanostrukturen, Einmischen von

Nanopartikeln

Nanotechnische Kunststoffanwendungen

Institut für Nanotechnische

Kunststoffanwendungen (INKA)

Prof. Dr. Jürg Küffer

T +41 56 462 41 30

juerg.kueffer@fhnw.ch

– Produktentwicklung

– Rapid Prototyping

– Fertigungstechnologien

Produkt- und Produktionsengineering

Institut für Produkt- und

Produktionsengineering (IPPE)

Prof. Dr. Kurt Heiniger

T +41 56 462 45 07

kurt.heiniger@fhnw.ch

Thermische Systeme, Wasserstrahl- und

Verbrennungstechnologien

Thermo- und Fluid-Engineering

Institut für Thermo- und Fluid-

Engineering (ITFE)

Prof. Dr. Manfred Vogel

T +41 56 462 40 66

manfred.vogel@fhnw.ch

4D-Anwendungen: Verknüpfung von

3D-Daten mit Prozess-, Organisationsund

Finanzinformationen

4D-Technologien

Institut für 4D-Technologies und

Data Spaces (I4DS)

Hochschule für Wirtschaft

Prof. Dr. Ruedi Käch

T +41 62 286 01 29

ruedi.kaech@fhnw.ch

Institute for Competitiveness and

Communication (ICC)

peter.abplanalp@fhnw.ch

franz.barjak@fhnw.ch

– Strategieentwicklung in KMU

– Strategie im globalen Kontext

– Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen,

Regionen und Ländern (regionale

Disparitäten und Clusterentwicklung)

– Wissenschafts- und Technologieforschung

(Scientometrie, Webometrics,

E-Science, Forschungsteams,

Technologietransfer)

Strategie und Wettbewerbsfähigkeit

sabine.einwiller@fhnw.ch

– Corporate Communication

(insbesondere auch integrierte

Kommunikation in KMU)

– Wirtschaftsberichterstattung in den

TV- und Radionachrichten

– Reputation Management

– Interpersonal & Professional

Communication

Integriertes Kommunikationsmanagement

94 | 95


Kontaktliste

Institut Kompetenzen Forschungsfelder Ansprechpartner

thomas.helbling@fhnw.ch

– Perceived Value Pricing

Operative Marketing Excellence

beat.hulliger@fhnw.ch

ruedi.niederer@fhnw.ch

– Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung,

insbesondere Methoden

von statistischen Erhebungen

Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung

Prof. Dr. Josef Marbacher

T +41 56 462 42 80

josef.marbacher@fhnw.chh

– Kapitalmarkttheorie

– Anlagepolitische Fragestellungen

– Bank- und versicherungspolitische

Themen

– Fragen der fi nanziellen Führung

von Unternehmen bei aperiodischen

Entscheiden

– Controlling- und Auditing Themen

– Beyond Budgeting

– Investment Finance

– Banking, Insurance und Riskmanagement

– Corporate Finance

– Financial Management

Institut für Finanzmanagement (IFF)

Prof. Dr. Axel Schilling

T +41 61 279 17 37

axel.schilling@fhnw.ch

– Corporate Volunteering

– Public und NPO-Controlling

– Lokale Alterspolitik

– Change Management auf Teamebene

– Älter werden an Arbeitsplätzen der

öffentlichen Verwaltung

– Public und NPO-Controlling

– Lokale Alterspolitik

– Corporate Volunteering

Institut für Non Profi t- und Public

Management (NPPM)

Prof. Dr. Guy Ochsenbein

T +41 62 286 00 87

guy.ochsenbein@fhnw.ch

– Leistungslohn und Lohnvergleiche

– Altersgerechtes Personalmanagement

– Stellenmarktbeobachtung

– Personalmanagement

Institut für Personalmanagement

und Organisation (PMO)

– Managementsysteme zur Mitarbeitendenführung

– Alterskritische Personalführung

– Mitarbeitendenführung

– Diversity; semantisches Feld

– Praxisforum KMU

– Familienfreundliche Organisationen

– Gender & Diversity


– Tools zur Prozessbegleitung (Real

Time Monitoring, Interaktionsmatrix,

Systemaufstellungen)

– Kultureller Wandel

– Changemanagement

Prof. Dr. Arie Hans Verkuil

T +41 56 462 42 90

arie.verkuil@fhnw.ch

– Stakeholdermanagement

– Governance

– Nachhaltigkeitsberichterstattung

– Nachhaltige Entwicklung

– Betriebliches Gesundheitsmanagement

– Unternehmertum

– Governance

– Gesundheitsmanagement

– Nachhaltiges Management

Institut für Unternehmensführung

(IfU)

Prof. Dr. Rolf Dornberger

T +41 61 279 17 74

rolf.dornberger@fhnw.ch

– E-Business

– E-Government

– E-Learning

– Information & Knowledge

Management

– Semantic Technologies

– Systems Engineering & Optimization

– E-Business und E-Government

– Informations- und Wissensmanagement

– Systems Engineering und

IT-Management

Institut für Wirtschaftsinformatik

(IWI)

96 | 97


Impressum

Herausgeberin

Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW

Schulthess-Allee 1

5201 Brugg

Redaktion

Wolfgang Kickmaier, Delegierter Forschung FHNW

Gestaltung

Büro für Kommunikationsdesign FHNW

Druck

Steudler Press AG, Basel

Auflage

9'000 Exemplare

Abdruck mit Erlaubnis der Redaktion gestattet.

November 2007


Die Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW

setzt sich aus folgenden Hochschulen zusammen:

– Hochschule für Angewandte Psychologie

– Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik

– Hochschule für Gestaltung und Kunst

– Hochschule für Life Sciences

– Musikhochschulen

– Pädagogische Hochschule

– Hochschule für Soziale Arbeit

– Hochschule für Technik

– Hochschule für Wirtschaft

Fachhochschule Nordwestschweiz

Schulthess-Allee 1

CH-5201 Brugg

T +41 56 462 49 11

www.fhnw.ch

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