Arbeitshilfe - Diakonie Württemberg

diakoniebaden

Arbeitshilfe - Diakonie Württemberg

Ich glaube,

dass Glück keine

Behi nderung kennt.

In der Nächsten Nähe

Woche der Diakonie

9. – 16. Juni 2013

www.woche-diakonie.de

Arbeitshilfe


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Vorwort

Glück kennt keine Behinderung Inhalt 3

Gottesdienstentwurf

Predigttext: Apostelgeschichte 3, 1 – 18

Predigt

Predigttext: Lukas 19,1 – 10 (Zachäus)

Kindergottesdienstentwurf

Ausgeschlossen – eingeschlossen

Plakatmediation

Gedanken zum Motiv

Rundgespräch

„Ich glaube, dass Glück keine Behinderung kennt“

Reportagen

Inklusion mit Schwung

Ein Tanzworkshop in Stuttgart-Birkach

Schritt für Schritt zurück ins normale

(Berufs-)Leben

Inklusion von Langzeitarbeitslosen kann gelingen

„Immerhin leben wir noch“

Im Asylcafé in Reutlingen gibt es Hilfen für den Alltag

Projekte

Regeln fürs Sammeln

Die wichtigsten Informationen

Medienempfehlungen

Filme zu Sorgen junger Menschen

Impressum


4 Vorwort Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Urs Keller

In der Nächsten

Nähe –

„Ich glaube, dass Glück

keine Behinderung

kennt“

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freundinnen und Freunde der

Diakonie in Baden und Württemberg,

liebe Pfarrerinnen und Pfarrer,

zwei Menschen – sie lachen und umarmen sich. Sie freuen

sich am Leben. Zur Woche der Diakonie soll vor allem eines

hängen bleiben: Diakonie – das muss etwas mit Freude und

Glück zu tun haben.

In einem Psalm von Hanns Dieter Hüsch heißt es:

„Was macht, dass ich so unbeschwert

Und mich kein Trübsinn hält

Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

Wohl über alle Welt.“

Diakonie setzt Gottes Liebe zu den Menschen

ins Leben

Diakonie ermutigt Menschen zum Leben. Sie hilft, dass der

Trübsinn sie nicht gefangen hält. Gott will, dass sie lachen

können. Deshalb steht das Plakat für die Arbeit der Diakonie.

Auf dem Post-it, dem Merkzettel, steht deshalb auch:

„Ich glaube, dass Glück keine Behinderung kennt.“ Post-its

sind Erinnerungsstützen – was ich noch erledigen will, was

ich nicht vergessen darf. Daran will dieses Post-it auch den

Betrachter des Plakats erinnern. Wer es sagt, ist unklar.

Oberkirchenrat

Urs Keller (re.),

Vorstandsvorsitzender

des Diakonischen

Werks Baden

Oberkirchenrat

Dieter Kaufmann (li.),

Vorstandsvorsitzender

des Diakonischen

Werks Württemberg

Die Frau, die übrigens eine Mitarbeiterin in einer diakonischen

Einrichtung ist. Oder der Mann, der in einer diakonischen

Einrichtung lebt, oder der Betrachter. Es ist egal – denn die

Aussage steht für sich: Ich glaube, dass Glück keine Behinderung

kennt. Und hier ist Glaube im christlichen Sinne gemeint –

also: Ich bin fest davon überzeugt.

Inklusion – mit Vielfalt umgehen lernen

Das Thema der diesjährigen Woche der Diakonie ist „Inklusion“.

Was Inklusion meint? Im Rundgespräch, das in dieser Arbeitshilfe

abgedruckt ist, sagt Günter Banzhaf: „Inklusion heißt, dass

alle mit Vielfalt umgehen lernen.“ Utz Mörbe erklärt den Unterschied

zur Integration: „Integration heißt, man kommt rein in eine

Gruppe und muss sich anpassen. Inklusion heißt, alle sind in

einer Gesellschaft und jeder muss sich da reinfinden – es gibt

keine Gruppe, die sich einseitig nach der anderen richten muss.“

Inklusion ist also eine ganz neue Art der Begegnung zwischen

Menschen in verschiedenen Lebenssituationen. Da geht es

um gleichberechtigtes Miteinander. Da geht es um gleichberechtigte

Teilhabe.

Behinderte Menschen in Deutschland haben erlebt, dass sie

lange ausgeschlossen waren und noch sind. Durch spezialisierte

Unterstützungsangebote besuchen sie eigene Kindergärten,

Schulen und Werkstätten. Menschen mit und ohne

Behinderungen fehlen so manches Mal die selbstverständlichen

Begegnungsräume. „Solche Parallelwelten schaffen

Vorurteile“, sagt Utz Mörbe im Rundgespräch.


Von diesen Vorurteilen sind auch andere Menschen betroffen,

die am Rande leben, wie Arbeitslose, Migranten und

andere. Deshalb sind in dieser Arbeitshilfe auch unterschiedliche

Gruppen mit aufgenommen und dargestellt.

Diakonie – in der Nächsten Nähe

Das andere Motto „Diakonie in der Nächsten Nähe“ ist ein Versprechen:

Diakonie ist vor Ort, überall da, wo Menschen Hilfe

brauchen. Diakonie ist aber auch in einem anderen Sinn „in der

Nächsten Nähe“ Sie ist gelebte Nächstenliebe – sei es die organisierte

Diakonie mit ihren vielen Diensten und Einrichtungen,

sei es die nachbarschaftliche Hilfe, die viele Christinnen und

Christen tagtäglich praktizieren. Die Nächstenliebe ist gleich

der Gottesliebe, sagt Jesus auf die Frage, welches das höchste

Gebot von allen sei. Und ausdrücklich: „Es ist kein anderes

Gebot größer als dieses.“ (Markus 12, 31).

Doch in „der Nächsten Nähe zu sein“, will gelernt sein. Und auch

da passt das Bild auf dem Plakat. Es zeigt, was Diakonie unter

Hilfe versteht: Zwei Menschen begegnen sich – auf Augenhöhe.

Dass die eine Mitarbeiterin und der andere eine Person ist, die

Assistenz bekommt, das wird erst beim zweiten Blick sichtbar.

Diakonische Hilfe will Begegnung ermöglichen. Sie macht

Mut, mit Vielfalt umzugehen. Die diesjährige Woche der Diakonie

zeigt, dass jeder und jede mit seiner und ihrer Stärke

und Schwäche angenommen ist. „Lass dir an meiner Gnade

genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Dieses Wort aus 2. Korinther 12, 9 kann das Motto sein für

unser inklusives Handeln als Kirche und Diakonie.

Die Arbeitshilfe bietet Ihnen:

- einen Gottesdienst zum Thema und dazu zwei Predigten

(die zweite zum vorgesehenen Text)

- einen Vorschlag für einen Kindergottesdienst

- eine Meditation zum Plakat

- verschiedene Reportagen aus der Arbeit

- Medientipps für den Unterricht

Wir hoffen, dass sie Ihnen hilft, sich auf dieses Thema einzulassen.

Die Diakonie Baden und die Diakonie Württemberg führen gerade

Projekte zur Inklusion durch. Fragen Sie also nach in den

beiden Diakonischen Werken, welche Unterstützung Sie bei

diesem Prozess in Ihrer Gemeinde bekommen können. Auch

die beiden Landessynoden in Württemberg und Baden werden

sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Inklusion beschäftigen.

Kirche und Diakonie stellen sich dem Thema. Verwirklichen kön-

nen wir das inklusive Verhalten nur gemeinsam. Schritt für Schritt.

Glück kennt keine Behinderung Vorwort 5

Woche der Diakonie – erstmals gemeinsam

in Baden und Württemberg

Die Woche findet vom 9. bis 16. Juni 2013 statt. Sonntag

der Diakonie ist der 16. Juni – an diesem Tag wird in allen

evangelischen Kirchengemeinden für die Arbeit der Diakonie

gesammelt. Außerdem bitten viele Kirchengemeinden durch

die Beilage von Infomaterial und Zahlkarte im Gemeindebrief

um Spenden für die Diakonie.

Diesmal gibt es eine große Veränderung. Wie Sie schon

am Logo und an den beiden Unterschriften sehen, wird die

Woche der Diakonie gemeinsam von der Diakonie in Baden

und Württemberg begangen. Die Eröffnung findet daher

im badischen Villingen am 8. Juni statt mit einem Fest der

Diakonie mit Marktständen, umfangreichem Bühnenprogramm,

Prominenz und Marktpredigt. Am 16. Juni wird der

Abschluss der Aktionswoche mit einem Festgottesdienst im

württembergischen Schwenningen gefeiert. Mehr Informationen

können Sie bald unter www.diakonie-wuerttemberg.de/

woche-diakonie und www.diakonie-baden.de/spendenprojekte/woche-der-diakonie

finden.

Die Woche der Diakonie will dazu anregen, dass möglichst

viele mithelfen, dass Diakonie „in der Nächsten Nähe“ sein

kann. Das geht nur gemeinsam. Und sie will uns Mut machen,

uns von Gott das Lachen lehren zu lassen – wie auf dem

Plakat. Wir bitten Sie um Unterstützung für die Arbeit der Dia-

konie, sei es durch Begleitung durch Gebete, durch ehrenamtliches

Engagement oder durch eine Spende. Wir danken

Ihnen schon im Voraus dafür.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre

Oberkirchenrat

Urs Keller,

Vorstandsvorsitzender

Diakonisches Werk Baden

Oberkirchenrat

Dieter Kaufmann,

Vorstandsvorsitzender

Diakonisches Werk Württemberg


6 Gottesdienst Glück kennt keine Behinderung

Gottesdienstentwurf

Predigttext: Apostelgeschichte 3, 1 – 18


Gottesdienst

Der Ablauf

Eröffnung und Anrufung

Glockengeläut

Musik zum Eingang

Lied In Gottes Namen fang ich an (EG 494, 1–4)

Psalm 146 (EG 774)

Bußgebet/Eingangsgebet

Herr Jesus Christus!

Du bist gekommen, um der Welt dein Heil zu bringen.

Wir bitten dich: Gib uns offene Augen, dass wir deine Liebe

recht erkennen und danach unser Leben einrichten.

Vergib uns, lieber Herr, dass wir so wenig von dem verwirklichen,

was du von uns erwartest.

Wir bleiben einander viel Liebe schuldig.

Lassen es an Treue und Ausdauer fehlen.

Sind gleichgültig gegenüber unseren Mitmenschen und fügen

einander Leid zu.

Barmherziger Herr. Gehe nicht ins Gericht mit uns. Denn

ohne dein Erbarmen sind wir verloren. Schenke uns neue

Ermutigung, dass wir dir folgen und nach Kräften deinen

Willen tun können.

Amen.

Loblied Wunderbarer König (EG 327,1)

Kollektengebet

Gott, du sprichst uns dein Wort zu, verborgen in menschlichen

Worten. Wir hoffen auf deine Gegenwart. Wir brauchen

deinen Geist, der uns in deine Wahrheit leitet.

Hilf uns Gott, dass wir deine Stimme hören und annnehmen,

was du uns sagen willst. Heute und morgen und allezeit.

Durch unseren Herrn Jesus Christus, der mit dir und dem

Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Lesung 1. Johannes 4, 7 – 21

Lied vor der Predigt

Herz und Herz vereint zusammen (EG 257 1 – 3,7)

Predigt Predigttext: Apostelgeschichte 3, (1 – 18)

Glück kennt keine Behinderung Gottesdienst 7

Liebe Gemeinde!

Das waren noch Zeiten! Als Petrus und Johannes

selbst auf Erden wandelten – arm und besitzlos,

aber von Jesus mit der Vollmacht zu heilen ausgestattet!

Diese Zeiten waren für die Christen offensichtlich bald vorbei.

Und heute geht es uns eher ähnlich wie Papst Leo X., der zur

Zeit Luthers vor etwa 500 Jahren lebte. Er führte einmal einen

Gast in seine Schatzkammer und meinte halb verlegen, halb

stolzerfüllt: „Sie sehen, wir können nicht ganz wie unsere

Vorgänger sagen: Silber und Gold habe ich nicht ...“.

Die Antwort des Gastes kam postwendend: „Eure Heiligkeit

können darum auch nicht mehr wie der hl. Petrus fortfahren:

Im Namen von Jesus Christus von Nazareth: Steh auf und

geh umher!“

Dieser Satz bleibt auch uns Christen in der westlichen Welt

heute buchstäblich im Halse stecken: „Steh auf und geh

umher“. Wir haben Gold und Silber. Die Kirchen sind reich.

Immer noch ... Wir sind reich – und wir können keine Wunder

mehr vollbringen.

Können wir nicht!?

Doch schauen wir uns die Szene vor dem Tempel genauer

an: Der Bettler vor dem Tor des Tempels. Ausgerechnet vor

dem Schönen Tor hockt er – der Hässliche. Er weiß, was er

tut. Er stört – ganz bewusst. Er gehört nicht dazu. Und doch

ist er da! Er ist kaum auszuhalten an dieser Stelle. Die Leute,

die an ihm vorbei wollen, sind auf dem Weg, zum Schönen,

Reinen, Überirdischen. Und er liegt auf der Erde im Schmutz –

entstellt. Da muss man ihm etwas zuwerfen. Anders hält man

das kaum durch. Diese Mischung aus schlechtem Gewissen,

Ekel und Zorn: Was verdirbt er mir die schöne Andacht.

Etwas hinwerfen, weitergehen. Nur nicht hinsehen. Schon

gar nicht in die Augen sehen. Und auch er, der Hässliche,

der Bettler, schaut nicht auf. Er will sie nicht vergraulen mit

seinem fordernden Blick. Und er hat noch seinen Stolz.

Er zeigt nicht seinen Blick und sein Gesicht. Beziehung wird

nicht aufgenommen

Das ist normal, das kenne ich. Wenn ich auf dem Weg zum

Schönen, Perfekten. überirdisch Glänzenden bin. Nicht auf

dem Weg zur Kirche, sondern in der Fußgängerzone, auf

dem Weg zu den Einkaufstempeln. Da sitzt er abgerissen

und dreckig auf dem Boden neben seinen Siebensachen,

oder sind es weniger!? Das macht der absichtlich!

Ein Fremdkörper. Ich kenne ihn seit Jahren und habe ihn


8 Gottesdienst Glück kennt keine Behinderung

doch nie richtig angesehen – geschweige denn mit ihm

gesprochen. Ich gebe ihm etwas. Aber nicht sofort. Denn

dann müsste ich vor ihm stehen bleiben und mein Portemonnaie

herausnesteln und Kleingeld suchen, womöglich ein

paar Worte wechseln ... Das halte ich nicht aus. Ich gehe

weiter, scheinbar uninteressiert, bleibe nach einer Weile

stehen, bereite etwas Geld vor, drehe um, gehe zu ihm hin,

werfe etwas in seinen Plastikteller – ohne stehen zu bleiben –

und ergreife die Flucht.

Ich komme nach Hause, gehe an den Kühlschrank, hole Bier,

Brot und was dazugehört, setze mich erschöpft; aber zufrieden

vom Shoppen auf die Couch. Füße hoch – Fernseher an:

Und ich sehe diese Bilder aus Syrien und den Flüchtlingen in

den Lagern. Heimatlos, ausgegrenzt. Nirgends willkommen.

Auch sie kenne ich. Schon tausendmal gesehen. Und ich

kann sie nicht anschauen – und schalte um. Weiter, schnell

weiter! Ich schüttele die Bilder aus meinem Gedächtnis.

Zurück nach Jerusalem – zur Szene am Tempel:

Der „lahme Bettler“ sieht Petrus und Johannes herankommen.

Er kennt sie nicht. Und er erwartet nicht viel. Aber sie

sind möglicherweise für ein Almosen gut. Er bittet sie um ein

Almosen, wie er alle bittet, die an ihm vorbei in den Tempel

wollen. Stumm, bescheiden streckt er ihnen seine Hand

entgegen. Ohne ihnen ins Gesicht zu sehen. Vielleicht

bekommt er etwas, vielleicht nicht.

Da geschieht etwas Unerwartetes:

„Petrus aber blickte ihn an mit Johannes

und sprach: Sieh uns an!“

Petrus und Johannes halten die unerträgliche Situation aus:

Sie bleiben stehen – sie blicken den Behinderten an – ja, sie

sprechen ihn an! Und sie wollen, dass er ihren Blick erwidert:

Sieh uns an! Der Unansehnliche wird angeschaut. Der unaussprechlich

Hässliche wird angeredet. Da beginnt bereits das

Wunder! Da wird das Normale, das Übliche; das Erwartete

durchbrochen. Denn jetzt entsteht Nähe zwischen den Dreien.

Noch begreift der Bettler nicht, was geschieht. Noch erwartet

er ein Almosen – ein großzügigeres als üblich vielleicht. Denn

zwei blieben stehen. Zwei mit einem guten Herz wahrscheinlich.

Doch der Bettler wird enttäuscht:

„Silber und Gold habe ich nicht!“ – was für eine Ausrede!

Gold und Silber hat er gar nicht erwartet. Eine kleine Kupfermünze,

oder zwei, für ein bisschen Brot. Um einen Tag

weiterzuleben. Mehr erwartete er nicht von seinem Leben.

Aus mehr bestand sein Leben noch nie: Das Essen für

den nächsten Tag. Überleben, das war sein ganzer Wunsch,

den er hatte. Sein einziges Ziel. Sein einziger Sinn im Leben.

Nicht einmal das wollten die beiden ihm zubilligen.

Petrus und Johannes haben kein Geld für ihn.

Aber sie haben etwas anderes für ihn. Nicht nur

„ein weiterer Tag überleben“ – sondern ein neues

Leben.

Ein neuer Anfang. Ganz neu, ganz anders wird jetzt alles!

„Im Namen von Jesus Christus von Nazareth – steh auf und

geh um her!“ Und Petrus greift nach der bettelnden Hand des

Gelähmten. Er packt sie und zieht. Und der, der sein Leben

im Staub verbracht hat – steht. Zum ersten Mal aufrecht –

zum ersten Mal ein Mensch mit erhobenem Haupt – mit

Würde und von seinen Mitmenschen geachtet. Er steht und

geht und springt – er ist frei! Neu geboren. Nichts ist mehr,

wie es war. Zum ersten Mal gestaltet er sein Leben so wie er

es will. Er steht von selbst: Er ist selbstständig im wahrsten

Sinn. Er geht – und er geht in den Tempel. Sein erster Gang,

den er tut, ist der zu seinem Gott. Sein erstes Wort, das er

spricht, ist ein Lob seines Gottes. Er findet seinen Weg in

sein neues Leben.

Ein Wunder! Ein Wunder, dass jemand auf ihn zukam.

Dass ihn einer ansprach, im Namen Gottes. Ein Wunder,

dass ihn einer zu sich nach oben zog. Dass er stehen

konnte und gehen und springen und loben. Ein Wunder,

dass er leben konnte, ganz neu, ganz frei, ganz Mensch.

Ein Wunder! Glauben wir noch an Wunder? Trauen wir uns

noch Wunder zu? Oder geht es uns eher wie jenem satten

und doch so kraftlosen Papst Leo X.: so reich und so

prachtvoll – und doch so gar nicht wunderbar!?

Doch ich glaube, es lag nicht daran, dass er Gold und

Silber hatte, dass er keine Wunder tun konnte. Es lag

daran, dass er sein Gold und Silber liegen ließ in seiner

Schatzkammer und nichts anderes damit machte als es

Gästen zu zeigen und es zu bestaunen. Damit war es so

wert- und nutzlos als hätte er es gar nicht. Geld ist nicht

schlecht, es macht nicht immer unfähig, Wunder zu tun.

Im Gegenteil, es kann sogar eine große Kraft sein, wenn

man es entsprechend einsetzt. Wenn man es im Namen

dessen gebraucht, in dessen Namen auch Petrus gehandelt

hat: Im Namen von Jesus Christus von Nazareth. Mit seiner

Hilfe kann man Wunder wirken.


Die Lage von Menschen mit Behinderung ist hier im Deutschland

des 21. Jahrhunderts natürlich eine andere. Sie müssen

nicht ums Überleben betteln. Die Möglichkeiten der Medizin

und der Rehabilitation sind immens.

Und doch: Erstens ist es noch gar nicht so lange her, dass

in unserem Land Menschen aufgrund ihrer körperlichen oder

geistigen Besonderheiten um ihr Leben fürchten mussten,

weil es als „unwert“ bezeichnet wurde.

Und zweitens ist es auch heute immer noch alles andere als

selbstverständlich, dass Menschen mit einer Behinderung

dazu gehören. Nicht, weil sie verachtet wären oder gering

geschätzt. Oft ist es einfach Gedankenlosigkeit, Ratlosigkeit,

Unsicherheit und Verlegenheit von den sogenannten „Nicht-

Behinderten“, die ausgrenzt und eben kein Miteinander auf

Augenhöhe ermöglicht.

Da braucht es wohl ein Wunder – im Namen Jesu Christi.

Das Wahrnehmen des anderen in seinem Anderssein

und seinem Dazugehören gleichzeitig. Das auf jemanden

Zugehen und Mutmachen. Das „unter die Arme Greifen“,

wenn es nötig ist. Und das gemeinsam ins Leben Gehen.

Im Umgang mit Menschen mit Behinderungen

versuchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

der diakonischen Einrichtungen in Baden und

Württemberg den Weg des Petrus zu gehen:

Sie helfen mit, sich frei zu bewegen und das zu

tun, was in einem steckt. Mit therapeutischen

Hilfen, Beratung und Begleitung auch der Angehörigen

und Assistenz, um das eigene Leben

ausleben zu können.

Wir können solche Wunder wirken, wenn wir es wagen! Vielleicht

nicht so augenfällig und aufrüttelnd wie Petrus das tat.

Und vielleicht nicht so schnell. Langsam eben und Schritt für

Schritt. Ein großes Stück Arbeit steckt hinter dem Wunder

und viel Geduld – Geduld des Menschen mit Behinderung,

seinen Angehörigen und der Kolleginnen und Kollegen in der

Diakonie.

Kraft braucht man da, um Rückschläge einzustecken und

doch nicht aufzugeben. Aber das Wunder kann geschehen.

In den Diensten und Werken der Diakonie in Württemberg

und Baden wird seit vielen Jahren tausenden von Menschen

geholfen, ein selbstständiges, würdiges, ja gutes Leben zu

führen. Das sind wahre Wunder. Viele tausend kleine Wunder,

Glück kennt keine Behinderung Gottesdienst 9

die jeder Einzelne von denen, die einen neuen Anfang

wagen können, erlebt.

Um solche Wunder zu wirken, braucht Gott uns. Da ist es

sinnlos zu beklagen, warum er uns nicht mit solcher Macht

wie den Petrus begabt hat. Da macht es nur Sinn, den Mut

zu haben, und die Gaben, die uns Gott gegeben hat,

um Wunder zu tun, zu bemerken und zu begreifen.

Und wir haben viele wunderwirkende Gaben von unserem

Gott erhalten, jeder von uns vielleicht andere, aber gemeinsam

können wir sie einsetzen: Fachliches Wissen und Können,

Geduld, Zeit, Mut, und eben auch Geld. Gold und Silber hatte

Petrus nicht von Gott bekommen – und er brauchte es nicht,

um sein Wunder zu tun. Wir haben es von ihm bekommen

und wir können es sehr gut gebrauchen, um Wunder zu tun.

Wenn wir es wagen, mit unseren Gaben das zu tun, was

niemand erwartet: auf jemanden zugehen – ihn wahrnehmen

und ihm Gottes Liebe zusprechen. Ihm aufhelfen und ihn auf

die eigenen Füße zu stellen. Dann kann in uns Gott wirken.

Dann kann Gott durch solche kleine Wunder einen Vorgeschmack

auf seine große Verheißung schon jetzt ein Stück

weit gegenwärtig werden lassen.

Gottes Inklusion geht so: Blinde sehen und

Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube

hören, Tote stehen auf und den Armen wird das

Evangelium gepredigt. Amen.

Lied nach der Predigt

Zwischen Jericho und Jerusalem (EG 658, 1 – 4)

Fürbittengebet

Barmherziger Herr und Gott!

Du wunderbarer König!

Deine Hilfe brauchen wir!

Wenn du uns Menschen aufrichtest, dann können

wir aufrecht stehen.

Wenn du uns begleitest, können wir unseren Weg gehen.

Unseren Weg zu den Menschen. Unseren Weg zu dir.

Herr, mach uns Mut, auf dich zu vertrauen.

Im Ausweglosen dich als Ausweg anzunehmen.

Mach uns Mut, auf die zuzugehen, die am Boden sind.

Die alleine und verachtet sind.

Mach uns Mut, die anzusehen, die übersehen werden,

die anzusprechen, die sprachlos wurden in ihrem Leid.

Mach uns Mut, die aufzurichten, die gebeugt wurden

von ihrem Leben.


10 Gottesdienst Glück kennt keine Behinderung

Lass durch uns, gütiger Gott, das Wunder deiner Liebe

zu den Menschen aufleuchten.

Wir bitten dich für alle Menschen, die es sich zum Ziel

gesetzt haben zu helfen. Hier in dieser Gemeinde, in

deiner Diakonie – in unserem Land und in der ganzen Welt.

Steh ihnen bei, wenn die Kraft sie zu verlassen droht und gib

ihnen die Zuversicht, dass das Tun in deinem Namen nicht

vergeblich ist.

Und wir bitten dich für all die, die Hilfe so dringend nötig

haben. Um zu überleben. Um als Menschen zu leben. Schenk

ihnen die Hoffnung, dass Hilfe kommt und die Gewissheit,

dass sie nicht alleine sind. Amen.

Schlusslied Komm Herr segne uns (EG 170, 1 – 4)

Segen

Pfarrer Volker Erbacher, Referent für Fundraising und Ökumenische

Diakonie im Diakonischen Werk Baden

Den Gottesdienstentwurf finden Sie als Word-Datei

unter www.diakonie-wuerttemberg.de/arbeitshilfe-2013

„... wir haben viele

wunderwirkende

Gaben von unserem

Gott erhalten, jeder

von uns vielleicht

andere, aber gemeinsam

können wir sie

einsetzen: Fachliches

Wissen und Können,

Geduld, Zeit, Mut,

und eben auch Geld.“


Glück kennt keine Behinderung Predigt 11

Predigt

Predigttext: Lukas 19,1 – 10 (Zachäus)

Liebe Gemeinde,

„der Ruf der deutschen Banker ist so ruiniert,

wie noch selten der Ruf einer Profession ruiniert

war. Die Lage ist derart schlimm, dass nicht nur

Millionen Bürger immer hemmungsloser über die

‚Bangster’ lästern, sondern auch bei den normalen

Bankangestellten die Wut über ‚Die da oben’

wächst. Der soziale Friede in den Geldhäusern

gerät ebenso in Gefahr wie jener in der Gesellschaft.“

So konnte man vor einiger Zeit in einem

Kommentar einer renommierten Zeitung lesen

(Süddeutsche im Dezember 2012). Ich vermute

mal, die meisten von ihnen haben kein Mitleid.

Die geballte Geldgier und Arroganz, wie sie in

den letzten Jahren sichtbar wurde, muss an den

Pranger gestellt werden. Gefährdet sie doch die

Grundlagen unserer sozialen Marktwirtschaft.

Ich stelle mir die Hauptfigur unserer heutigen Geschichte

aus dem Lukasevangelium in etwa so vor wie einen solchen

Chefbanker – sagen wir mal von der Deutschen Bank.

Mit viel Ehrgeiz und Machtbewusstsein, mit Tricks am Rande

der Legalität hat er es zu großem Reichtum gebracht. Er war

ein Global Player, stand in Diensten der damaligen römischen

Weltmacht. Für all das musste er freilich einen hohen Preis

zahlen. Er war zur Zielscheibe des Volkszorns geworden.

Er wurde mitverantwortlich gemacht für die schwierige wirtschaftliche

Lage im Land. Sein Verhalten wurde als unsozial

und rücksichtslos gebrandmarkt. Jeder anständige Jude

wollte mit so einem Gauner und Volksverräter nichts zu tun

haben. Und die frommen Juden sagten: Wir können als Volk

Gottes nur überleben, wenn wir uns von solchen gottlosen und

geldgierigen Leuten fern halten.

Was aber passiert, als Jesus diesem

Zachäus begegnet?

Davon erzählt uns der Evangelist Lukas. Ich lese aus Kapitel

19 die Verse 1 – 10: Und er ging nach Jericho hinein und zog

hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus,

der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte,

Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der

Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und

stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort

sollte er durchkommen.

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm:

Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem

Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf

mit Freuden. Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen:

Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat vor den

Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz

gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe,

so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm:

Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist

Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen,

zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Liebe Gemeinde,

in der diesjährigen Woche der Diakonie wird viel über Inklusion

und Exklusion, über Teilhabe und Ausgrenzung geredet.

Es ist ein, wenn nicht das zentrale Ziel aller diakonischen

Arbeit, dass benachteiligte Menschen am Leben in der

Gesellschaft und damit auch in der Gemeinde in einer für sie

passenden Form teilhaben können. Ganz grob gesprochen

geht es dabei um vier Personengruppen: um Menschen mit

körperlichen oder geistigen Behinderungen, um Menschen

mit Pflegebedarf, um Menschen, die in Armut leben, und um

Menschen, die sich schwer tun, weil Deutschland nicht ihr


12 Predigt Glück kennt keine Behinderung

Heimatland ist. Banker gehören in aller Regel nicht zur Zielgruppe

diakonischen Handelns. Passt die Zachäusgeschichte

deshalb überhaupt zu diesem Diakoniesonntag?

Ich meine ja. Denn die Geschichte von Zachäus zeigt uns,

wie Jesus Ausgrenzung überwindet und Teilhabe möglich

macht. Genau darin ist er Vorbild für unser diakonisches

Handeln.

Was also ist das Besondere an Jesus?

Die erste Besonderheit: Jesus wendet sich allen Menschen

zu. Nicht nur den Armen, den Kranken, den sogenannten

Randgruppen. Er hat nicht nur eine Option für die Armen, wie

das ja gerade der Evangelist Lukas so herausstellt. Nein, er

hat auch eine Option für die Reichen. Wenn er sich auf die

Seite der Armen stellt, dann stellt er sich nicht gegen die

Reichen. Er ist nicht parteiisch, sondern um es mit einem

schönen Begriff aus der Beraterszene zu sagen, er ist allparteilich.

Er bezieht alle mit ein: die Starken und die Schwachen,

die Reichen und die Armen, Erwachsene und Kinder, Frauen

und Männer, Sünder und Gerechte. Und er wirbt dafür, dass

die einen endlich aufhören sich über die anderen zu stellen

oder sich von ihnen abzugrenzen.

Denn das steckt offensichtlich tief in uns drin:

dass wir uns gerne distanzieren von anderen,

um zu zeigen, wo wir selber stehen. Wir sind oft

gnadenlos parteiisch und lieben es, über die zu

schimpfen, die durch ihr Verhalten das Gemeinwohl

gefährden.

Über die Reichen und Mächtigen, die in ihrer Gier nur an

sich denken. Über die Hartz-IV-Empfänger, die den Sozial-

staat überstrapazieren, über die Ausländer, die sich nicht

anpassen wollen, über die Politiker, die nur reden und unfähig

sind, das Notwendige zu tun. Parteilichkeit lebt von dieser

Abgrenzung. Im Ergebnis führt das aber immer mehr dazu,

dass man gemeinsam keine vernünftigen Lösungen mehr

hinbekommt, weil jede Partei die eigenen Interessen durchboxen

möchte. Jesus geht es darum, diese Form der Parteilichkeit

zu überwinden, die schon damals die Gesellschaft

gespalten hat.

Und deshalb, liebe Gemeinde, macht er das, was offensichtlich

keiner mehr gemacht hat: Er spricht Zachäus mit

Namen an. Er sucht das Gespräch mit ihm. Und zwar mit ihm

als Person. Nicht in seiner Funktion als Oberzöllner. Nicht als

kapitalistischer Ausbeuter, nicht als gottloser Römerfreund.

Nein, er meint ihn als Person. Das ist die zweite Besonderheit.

Jesus begegnet ihm von Mensch zu Mensch. Und um

das noch zu unterstreichen sagt er: „Lass mich dein Gast

sein, gib uns die Gelegenheit, dass wir uns auf einer persönlichen

Ebene begegnen in einem nichtöffentlichen Raum,

dort, wo du dich wohl fühlst.“

Wir können uns lebhaft vorstellen, wie viele von Jesu Anhängern

mehr als irritiert waren von dieser Aufforderung. „Weiß

er denn nicht, wen er da vor sich hat? Ist ihm nicht bewusst,

welche verheerenden Signale er mit dieser privaten Begegnung

aussendet? Hat er denn gar keine Skrupel?“ Jesus

mutet seinen Jüngern und Sympathisanten Einiges zu.

Er stößt sie vor den Kopf, indem er die Gastfreundschaft

eines gottlosen Ausbeuters beansprucht. Rechtfertigt er

damit nicht auch dessen korrupte Machenschaften? Jesu

Gegner reiben sich schon die Hände: So einer kann doch

gar nicht auf Gottes Seite stehen, wenn er sich in dieser

Weise mit einem gottlosen Frevler abgibt.

Solche Reaktionen, liebe Gemeinde, zeigen, dass unser

moralisches Urteil häufig Ausdruck unserer Distanzierung

und Abgrenzung von anderen ist. Wir distanzieren uns von

Menschen, die sich in unseren Augen moralisch fehl verhalten

haben. Wir rechtfertigen unsere Ablehnung mit ihrem

moralischen Versagen. In extremer Form führt diese Verurteilung

und Distanzierung dazu, dass wir Menschen in Gefängnisse

stecken, um sie ganz bewusst auszuschließen. In den

meisten Fällen führt dies freilich nicht zu dem gewünschten

Erfolg. Also dazu, dass Menschen ihr Verhalten bereuen und

sich wieder in die Gesellschaft integrieren. Es führt vielmehr

häufig dazu, dass Menschen Außenseiter der Gesellschaft

bleiben und nicht aus ihrem kriminellen Milieu herauskommen.

Durch das moralische Urteil, durch die damit verbundene


Ablehnung verfestigt sich das Außenseiterdasein vieler.

Eine Erfahrung, die viele Langzeitarbeitslose nur allzu gut

kennen. Wie aber kann eine solche dauerhafte Ausgrenzung

wieder aufgebrochen werden?

An der Begegnung Jesu mit Zachäus entdecken

wir: Erst durch die direkte Begegnung

von Mensch zu Mensch geschieht etwas Neues,

werden Grenzen überwunden und Mauern

eingerissen.

Wir wissen nicht, über was Jesus mit Zachäus geredet hat,

wie er mit ihm geredet hat. Aber dass Jesus ihn als Mensch

sieht, als Geschöpf Gottes, dass er nicht gleich die moralische

Keule schwingt, sondern erst einmal seine Gastfreundschaft

in Anspruch nimmt. All das löst bei Zachäus etwas

aus. Ich stelle mir vor, wie Jesus aufmerksam zuhört und

Zachäus zu erzählen beginnt: Wie ihm das durchaus zu

schaffen macht, wenn Leute ihm permanent aus dem Weg

gehen oder gar vor ihm auf den Boden spucken. Oder dass

das Leben im goldenen Käfig kein glückliches Leben ist.

Oder dass er nachts schlecht schläft, weil das schlechte

Gewissen an ihm nagt. Dass seine nach außen gezeigte

Selbstsicherheit letztlich nur Fassade ist. Diese Fassade

muss er Jesus gegenüber nicht länger aufrecht erhalten.

Weil er spürt, dass Jesus ihn annimmt so wie er ist. Mit allen

Stärken und Schwächen, mit allem Zweifel und mit aller

Schuld. Und diese bedingungslose Annahme gibt Zachäus

dann auch die Kraft, seinen Sinneswandel öffentlich zu

machen. Den Ausgleich mit denen zu suchen, die er bisher

ausgebeutet und betrogen hat. Er leistet Wiedergutmachung

so weit ihm das möglich ist. Wir erfahren nicht, wie die

Menschen in seiner Heimatstadt Jericho darauf reagiert

haben. Aber wir wünschen es ihm, dass sich seine Zeitgenossen

über diesen Sinneswandel gefreut haben. Dass ihm

Türen geöffnet wurden und er wieder teilhaben konnte am

gesellschaftlichen Leben.

Und so wie Jesus, liebe Gemeinde, stehen wir als Kirche

an der Seite derer, die aus welchen Gründen auch immer

ausgegrenzt sind oder ausgegrenzt werden. Ganz egal,

ob auf Grund von Krankheit oder Behinderung, ob auf Grund

von Vernachlässigung oder Gewalterfahrung, ob auf Grund

eigenen Fehlverhaltens oder weil man es selbst so gewollt hat.

Wir haben keinen Grund uns über andere zu erheben oder

auf Distanz zu ihnen zu gehen. Im Gegenteil, wenn wir Jesus

folgen und den Kontakt und das offene Gespräch suchen,

Glück kennt keine Behinderung Predigt 13

dann werden wir sehr viele überraschende Erfahrungen

machen. Erfahrungen, die unsere Vorstellung und oft genug

unsere Vorurteile in Frage stellen. Wir tun uns häufig schwer

damit, auf andere, auf uns fremde Menschen zuzugehen.

Wir sind lieber mit denen zusammen, die ähnlich ticken wie

wir, die uns nicht hinterfragen, sondern uns bestätigen.

Ich bewundere deshalb Menschen, die auf der Straße mit

Wohnungslosen ins Gespräch kommen. Oder engagierte

Gemeindeglieder, die spätabends am Wochenende mit

Jugendlichen reden, über die sonst alle schimpfen, weil

sie so laut sind und jede Menge Müll an der Bushaltestelle

hinterlassen. Ich bewundere Menschen, die sich im Zug

gerne neben verhaltensauffällige Menschen setzen.

Menschen, die vielleicht psychisch krank oder geistig behindert

sind. Oder Menschen, die sich im Pflegeheim mit alten,

an Demenz erkrankten Frauen und Männern unterhalten und

sich geduldig immer wieder dieselben Geschichten anhören.

Inklusion, Teilhabe beginnt da, liebe Gemeinde, wo wir uns

auf Menschen einlassen, die anders sind. In dieser unmittelbaren

Begegnung geschieht etwas. Wir nehmen einander

wahr in unserer Einzigartigkeit, mit unseren Stärken und

Schwächen, mit unseren Zweifeln und Hoffnungen, mit unseren

Sorgen und mit unserer Fürsorglichkeit. Wer Menschen

so begegnet, der wird vorsichtig werden mit seinem moralischen

Urteil. Der wird andere Menschen nicht reduzieren auf

eine bestimmte Eigenschaft oder sie festnageln auf ihr vielleicht

problematisches Verhalten. Der wird sich vielmehr

dafür einsetzen, dass Benachteiligung und Ausgrenzung

überwunden werden. Dass Menschen, die in unserer Gesellschaft

am Rande stehen, auch selbst aktiv werden und ihre

Teilhabemöglichkeiten so gut es geht auch nutzen können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Gemeinde, solche

Begegnungen. Begegnungen, in denen etwas aufscheint von

Gottes Liebe. Sie gilt allen Menschen und grenzt niemanden

aus. Und ich wünsche uns als Gemeinde, dass wir Räume für

solche Begegnungen schaffen. Amen

Pfarrer Dr. Joachim Rückle, Leiter der Abteilung Theologie und Bildung

im Diakonischen Werk Württemberg

Die Predigt finden Sie als Word-Datei unter

www.diakonie-wuerttemberg.de/arbeitshilfe-2013


14 Kindergottesdienst Glück kennt keine Behinderung

Kindergottesdienstentwurf

Ausgeschlossen – eingeschlossen

Jesus besucht den Zöllner Zachäus (Lukas 19, 1 – 10)

Die Geschichte von Zachäus ist am 16. Juni 2013

(3. Sonntag nach Trinitatis) der reguläre Predigttext.

Warum ihn also nicht auch für einen Kindergottesdienst

(oder sogar einen Familiengottesdienst)

aus Anlass der Woche der Diakonie nehmen?

Vorüberlegungen

Das Gegenteil von Inklusion ist, dass Menschen ausgeschlossen

sind, abgehängt werden, isoliert bleiben.

Und dabei gibt es Schwellen, die sie nicht oder nur schwer

überschreiten können. Es gibt auch das Umgekehrte:

Menschen verstecken sich, ziehen sich zurück, verwei-

gern sich der Gemeinschaft. Man sagt: Sie mauern. Es gibt

unsichtbare und doch spürbare Grenzen zwischen uns:

Wir sind unterschiedlicher Herkunft und gehören zu unterschiedlichen

Milieus. Eine Krankheit kann eine Barriere

bilden. Menschen mit Behinderung verschließt sich Manches.

Kinder sind oft weniger voreingenommen als Erwachsene.

Ihr Bild vom „Normalen“ und „Richtigen“ ist noch nicht so

fest gefügt. Dennoch machen sie auch die Erfahrung, dass

jemand ausgegrenzt wird, weil er irgendwie anders oder

besonders ist. Jemand, der fremd aussieht, ist ihnen nicht


so nahe. Wer sich nicht gut ausdrücken kann, bleibt in der

Klasse ein Außenseiter. Manche Kinder haben auch schon

am eigenen Leib erfahren, ausgegrenzt oder „gemobbt“

zu werden. Andererseits weiß jedes Kind, wie es ist, angenommen

zu sein, wie gut es tut, wenn Grenzen überwunden

werden und eine Gemeinschaft heil und froh ist.

Zum biblischen Text:

Der Zöllner Zachäus ist kein „armes Opfer“, im Gegenteil.

Wenn wir ihn den Kindern lebendig und anschaulich schildern,

wird er ihnen recht unsympathisch. Zachäus ist gewissermaßen

dreifach „unmöglich“:

Politisch:

Er ist ein „Kollaborateur“, einer, der sich mit der Besatzungsmacht

einlässt. Er macht sich mit den Feinden gut

Freund und nutzt seine Stellung den eigenen Landsleuten

gegenüber aus.

Sozial:

Er ist mit zwielichtigen Machenschaften empor gekommen.

Sein Broterwerb ist zwar nicht offensichtlich illegal oder

kriminell, dennoch werden ihn die meisten als „Betrüger“

betrachtet (und geächtet) haben. Zöllner galten als skrupellos

und erpresserisch. Sie haben ihre Zollstelle (und der

Verkehrsknotenpunkt Jericho war bestimmt lukrativ!) von

den römischen Machthabern gepachtet. Dafür mussten sie

jährlich eine bestimmte Summe abliefern, was sie darüber

hinaus eingenommen haben, diente ihrem Lebensunterhalt

(oder mehrte ihren Reichtum). Zachäus wird nicht als ge-

wöhnlicher, sondern als Ober-Zöllner vorgestellt.

Also: Ein sprichwörtlicher Sünder vor dem Herrn.

Religiös:

Sein Umgang mit den heidnischen Römern hat den Zöllner

zumindest in den Augen der Pharisäer „unrein“ gemacht.

Die Pharisäer waren eine Frömmigkeitsbewegung, der sich

vor allem Handwerker angeschlossen haben. Sie haben

versucht in ihrem Alltag die priesterlichen Reinheitsgebote

möglichst umfassend einzuhalten. Der Kontakt mit fremden

Kulten oder Kultgegenständen etwa macht „unrein“.

Und wer weiß denn, ob Zachäus nicht im Haus eines

römischen Bekannten irgendwelche Götterstatuen verehrt?

In jedem Fall aber verkehrt er mit Heiden. Und nun wird

erzählt – womöglich schwingt da ein bisschen Ironie mit –,

dass Zachäus klein war. Die fehlende Körpergröße machte

es ihm unmöglich, Jesus zu sehen. Er war neugierig und

Glück kennt keine Behinderung Kindergottesdienst 15

wollte diesen berühmten Mann kennenlernen, die Leute

lassen ihn aber nicht durch. Da er clever ist, steigt er auf

den nächsten Maulbeerbaum wo er sich in der ausladenden

Krone verstecken kann, zugleich aber den Überblick hat.

Jesus entdeckt ihn, durchschaut (so meint das die Erzählung

wohl) aber sogleich, was das für einer ist und was ihm

Not macht. Dass Jesus sich bei ihm einlädt und bei ihm

einkehrt, wird aber von den Leuten als Skandal wahrgenommen.

Denn Tischgemeinschaft ist mehr als nur gemeinsam

zu essen und zu trinken. Dass der Gottesmann Jesus sich

mit einem ausgewiesenen Sünder an einen Tisch setzt, ist

für die Anständigen und Frommen nicht akzeptabel, denn

darin zeigt sich, dass Jesus ihn annimmt. Das war ein ge-

läufiger Vorwurf an Jesus: „Dieser isst mit den Zöllnern und

Sündern!“ (Lukas 15,2).

Das zweimalige „Heute“ (… “muss ich in deinem Haus

einkehren.“; …“ist deinem Hause Heil widerfahren.“) deutet,

was dem Zachäus in Jesu Augen geschieht: Ihm erschließt

sich in der Begegnung mit Jesus die heilvolle und heil

machende Gegenwart Gottes, zugleich wird der stigmatisierte

Außenseiter in die Gemeinschaft der Gotteskinder

aufgenommen und eingeschlossen.

Ohne dass Jesus es fordert oder auch nur anspricht,

bekennt Zachäus seine Schuld und zeigt Zeichen der Veränderung.

Die Umkehr geschieht nicht aufgrund von Druck,

sondern weil Zachäus von der Freude über die Zuwendung

Jesu überwältigt ist. In den Augen derer, die Jesu Handeln

ablehnen, wäre die Umkehr aber eine Voraussetzung und

Bedingung für Gottes Gnade gewesen. Für sie verdreht

Jesus die Wahrheit Gottes.


16 Kindergottesdienst Glück kennt keine Behinderung

Zur Gestaltung des

Kindergottesdienstes

1. Lieder

Wer will schon wie Zachäus sein (LJ 466)

Zachäus, Zachäus (MKL 2, 134)

Ein jeder kann kommen (LJ 512, MKL 2, 28)

Eines Tages kam einer (LJ454, KG 45)

Wenn einer sagt (Kindermutmachlied)

(LJ 624, MKL 100, KG 150)

Ins Wasser fällt ein Stein (EG RT, LJ 569, MKL 55, KG 151)

Ich möcht, dass einer mit mir geht (EG 209, LJ 137)

Dass du mich einstimmen lässt (EG RT, LJ 484)

Komm, sag es allen weiter (EG 225, LJ 142, KG 204)

Alle sind eingeladen (Kinder feiern Jesus 6)

Komm mit, schlag ein (Kinder feiern Jesus 78)

2. Gebete

Psalm 103 i.A. (LJ 674)

Bei dir, Herr, bin ich zu Hause (LJ 688)

Fürbittengebet

In der Mitte oder auf dem Altar sind ein rotes und ein grünes

Tuch ausgebreitet. Die Kinder legen nacheinander Bausteine

(Bauklötze oder kleine Steinquader, siehe Erzählung) auf die

Tücher.

MA 1: Wir sagen Gott im Gebet, wo unser Zusammenleben

mit anderen nicht gelingt. Ich sage: „Gott, nicht immer sind

wir gut miteinander.“ Dann können zwei oder drei von euch

einen Stein auf das rote Tuch legen und ganz kurz sagen, wo

sie mit jemandem nicht auskommen, ob jemand sie verletzt

hat, wo es Streit gegeben hat … Es genügt, wenn ihr einen

Satz sagt. Wenn ihr’s nicht laut sagen möchtet, legt ihr

den Stein einfach still hin.

MA 2: Wir sagen Gott auch, wo wir mit anderen froh und

glücklich sind. Ich sage: „Gott, wir freuen uns über die Men-

schen, mit denen wir gut sind.“ Und dann legen zwei oder

drei einen Stein auf das grüne Tuch und erzählen kurz, wen

sie mögen, wo jemand sich versöhnt hat, ob sie mit jemandem

eine tolle Zeit gehabt haben diese Woche, wo einer

dem anderen geholfen hat … Auch da muss niemand etwas

laut aussprechen. Vielleicht machen wir zwei oder drei

Runden.

Wahrscheinlich ist es hilfreich, wenn die Mitarbeitenden auch

jeweils einen Stein hinlegen und ihre Klage oder ihren Dank

formulieren. So geben sie den Kindern einen Anstoß, wie es

gehen könnte.

Abschluss: Guter Vater! Danke für die Menschen, die uns

nahe sind. Danke, wo wir zusammenhalten und uns helfen.

Danke für die glücklichen Augenblicke!

Hilf uns, aufeinander zuzugehen, wo einer den anderen nicht

mag. Hilf uns neu anzufangen, wo es Streit gegeben hat.

Hilf uns, auf andere Menschen zuzugehen.

Jesus hat viele eingeladen und mitgenommen und zu Gottes

Kindern gemacht. Er hat uns gesagt, wie wir miteinander

beten können: Vater unser ...

3. Annäherungen und Vertiefungen

Im Folgenden finden sich verschiedene Möglichkeiten,

wie man in kleineren oder größeren Gruppen das Thema

aufnehmen könnte.

Freunde aussuchen (eher für Ältere)

Die Kinder schauen Fotos von Kindern an. Sie sollen sagen,

wen davon sie gerne zum Freund hätten. Womöglich können

sie sagen, warum ihnen ein Kind sympathisch scheint.

Im Gespräch stellt sich aber vielleicht heraus, dass man ja

nicht weiß, wie die Kinder „wirklich“ sind, dass man nicht

unbedingt vom Äußeren auf den Charakter schließen kann,

dass man jemanden zuerst kennen lernen muss, bevor man

ihn beurteilen kann. So kommen wir unseren Vorurteilen auf

die Spur.

Die kalte Schulter zeigen (Spiel für mindestens 5 – 6 Kinder)

In der Mitte liegt ein „Schatz“ (Süßigkeit oder andere Kleinigkeit).

Die Gruppe bildet darum einen engen Kreis mit dem

Gesicht nach innen. Je nach Zusammensetzung und Größe

der Gruppe kann man Regeln aufstellen: eng zusammenstehen,

ohne sich zu halten, einzuhaken, an der Schulter

zu umfassen … Jeweils ein Kind steht außerhalb vom Kreis

und muss versuchen, an den „Schatz“ zu kommen. Wen das

„äußere“ Kind an der Schulter antippt, muss den Platz im

Kreis wechseln. Dadurch entsteht eine Lücke zur Mitte hin,

die die anderen Kinder möglichst schnell schließen müssen.

Vorsicht: Es kann turbulent zugehen!

Veränderung

Je die Hälfte der Gruppe steht sich in einer Reihe gegenüber.

Jedes Kind muss ein Gegenüber haben. Nun dreht sich die

eine Seite um, so dass sie nichts sehen. Die anderen verändern

jeweils eine Kleinigkeit an ihrem Äußeren (Haarspange

weg, Knopf auf, Ärmel hochkrempeln …). Nachdem die anderen

sich wieder umgedreht haben, müssen sie heraus-

finden, was sich verändert hat. Wenn beide „Partner“ dran

waren, wechselt die Reihe durch, bis es keinen Spaß mehr

macht.


Daraus kann sich ein Gespräch entwickeln: Bei Zachäus hat

sich nicht nur äußerlich etwas verändert, oder? Was denkt

Ihr? Woran merkt man das? Wie kam es dazu?

Kurzfilm „Mobile“

Eine Kuh hängt einsam und alleine auf der einen Seite eines

Mobiles; Hund, Schwein, Hühner, Schafe und Maus auf der

anderen. Sie haben es gut, sie können zusammen sein. Und

das ist auch gut so, wenn es nach ihrer Meinung geht. Die

Kuh sehnt sich nach Gesellschaft. Doch wie soll sie Kontakt

aufnehmen? Wo ein Wille ist ...

Animationsfilm, 7 Minuten, Deutschland 2012. Auszuleihen

z. B. beim Evang. Medienhaus, Stuttgart, unter DVK1065

(http://www.evmedienhaus.de/shop-und-verleih.html).

Grenzen testen

Ein kleines Gespräch kann klären, wo unsere Grenzen sind:

Mit wem am Tisch fühle ich mich unwohl? Wie ist es, miteinander

zu essen, wenn man gerade Streit hat? Mit wem würde

ich mich nie an einen Tisch setzen? – Die Kinder kommen

schnell darauf, dass miteinander essen viel mit Freundschaft

und sich mögen zu tun hat.

4. Erzählung mit „Mauerbau“

Benötigt werden mindestens 14 (Schuh-) Kartons mit

Aufschrift:

Mit diesen „Bausteinen“ wird nach und nach eine „Mauer“

um „Zachäus“ gebaut. Am Ende wird sie von „Jesus“ beseitigt.

Die Rollen (Zachäus, 2 – 3 Leute, Jesus) werden von

Mitarbeitenden oder größeren Kindern übernommen, die kurz

instruiert werden. Wenn der Erzähler das jeweilige Stichwort

gibt, stellen die Mitspieler je einen Schuhkarton mit der

betreffenden Aufschrift vor Zachäus bzw. bauen ihn um.

Glück kennt keine Behinderung Kindergottesdienst 17

In rot Auf der Rückseite in grün

Ich zeig’s euch!

Der ist blöd!

Ich bin schlauer.

Der elende Römerfreund!

Ich zocke euch ab.

Der nimmt uns aus.

Ich bin reich. Wir gehören zusammen.

Gott liebt auch dich.

Du bist nicht allein.

Du bist dabei.

Ich komme zu dir.

Ich sehe dich.

Wir gehören zusammen.

Gott liebt auch dich.

Alternativ kann man Erzählfiguren und Bauklötze (mit Beschriftung

beklebt) verwenden. Dann genügt ein Mitarbeiter,

um die Steine und Figuren zu bewegen.

Vielleicht fängt ja alles damit an, dass Zachäus klein ist.

Schon als Kind haben ihn die anderen überragt. Aber der

kleine Zachäus lässt sich nicht unterkriegen. Immer wieder

sagt er:

Ich zeig’s euch!

Ich zeig’s euch!

(Zachäus wiederholt den Satz und baut Karton auf.)

Die anderen ärgern sich über Zachäus. Und schnell ist

ihnen klar:

Der ist blöd!

Der ist blöd!

(Die „Leute“ wiederholen und stellen Karton dazu.)

Körperlich hat Zachäus keine Chance gegen die anderen.

Aber er sagt sich:

Ich bin schlauer.

Ich bin schlauer. (Zachäus)

Als er erwachsen wird, hat er eine gute Idee. Er lässt sich

mit den Römern ein. Die Römer sind die Herren im Land.

Sie haben mit ihren Soldaten alles erobert. Zachäus lässt

sich von den Römern anstellen: Er wird Zöllner. Er kassiert

für sie am Stadttor Geld. Die Leute müssen zahlen, wenn sie


18 Kindergottesdienst Glück kennt keine Behinderung

etwas auf dem Markt verkaufen wollen. Sie haben eine

große Wut auf Zachäus. Wie kann er das tun?

Der elende Römerfreund!

Der elende Römerfreund! (Leute)

Aber darauf achtet Zachäus überhaupt nicht. Ihm sind die

anderen Leute egal. Er weiß genau, was er tut, um es besser

zu haben als sie:

Ich zocke euch ab.

Ich zocke euch ab. (Zachäus)

Er sagt es nicht laut, aber sie merken es. Immer, wenn

die Bauern und Handwerker zum Markt gehen, müssen

sie bei Zachäus Geld bezahlen. Sie sagen zueinander:

Das ist ungerecht!

Der nimmt uns aus.

Der nimmt uns aus. (Leute)

Was macht das dem Zachäus? Er hat es gut. Er kann sich ein

Haus bauen, ein großes Haus. Er hat wahrscheinlich sogar

einen Diener. Es geht ihm gut. Er sagt sich:

Ich bin reich.

Ich bin reich. (Zachäus)

Die anderen Menschen sagen: Er ist keiner mehr von uns.

Er ist ein gemeiner Betrüger. Er nimmt viel zu viel Geld, und

wir können uns nicht wehren.

Der macht uns fertig.

Der macht uns fertig. (Leute)

Aber Zachäus ist noch nicht zufrieden. Er will noch mehr.

Er wird Oberzöllner in Jericho. Zwei Hauptstraßen führen

durch die Stadt. Dort kommen viele Menschen durch.

Dort kann er noch mehr Geld verdienen. Er sagt sich:

Ich bin der Größte.

Ich bin der Größte. (Zachäus)

Nein!, sagen die Leute. Der Größte – das ist Gott. Und Gott

mag keine solchen bösen Sünder wie den Zachäus.

Der passt Gott nicht.

Der passt Gott nicht. (Leute)

Was macht das dem Zachäus aus? Er kümmert sich weder

um die Menschen noch um Gott. Hauptsache, es geht ihm gut.

Ich bin der Reichste.

Ich bin der Reichste. (Zachäus)

Ich kann mir alles leisten.

Ich kann mir alles leisten. (Zachäus)

Aber was sollen die Leute mit ihm anfangen? Sie gehen ihm

aus dem Weg. Sie verachten ihn. Niemand redet mit ihm.

Wenn er kommt, wechseln sie auf die andere Straßenseite.

Sie sagen:

Den meide ich.

Den meide ich. (Leute)

Jesus kommt nach Jericho. Stellt euch das vor! Da müssen

alle hin. Sie strömen durch die Straßen und Gassen dorthin,

wo Jesus durchkommen muss. Und tatsächlich: Jesus

kommt mit einer ganzen Schar von Freundinnen und Freunden.

Die Leute stehen dichtgedrängt an der Straße. Alle

wollen ihn sehen. Viele wollen mit ihm reden.

Auch Zachäus kommt. Aber die Leute lassen ihn nicht durch.

Sie fahren die Ellbogen aus, damit er nicht vorbei kann. Sie

tuscheln miteinander:

Was will der bei Jesus?

Was will der bei Jesus? (Leute)

Zachäus stellt sich auf die Zehenspitzen. Schließlich will er

Jesus auch sehen. Aber er ist zu klein. „Ich bin schlauer“,

denkt er sich. „Ich bin der Größte.“ Und er geht ein Stück

weiter. Da steht ein Baum, ein Maulbeerfeigenbaum. Er ist

hoch und hat dicke Äste. Zachäus klettert hoch und setzt

sich auf einen Ast. „Prima: Hier oben sieht mich keiner.

Aber ich, ich kann alles sehen.“

Plötzlich bleibt Jesus stehen. Er schaut nach oben.

Ich sehe dich, Zachäus.

Ich sehe dich.

(Jesus nimmt den betreffenden Karton, dreht ihn um und

setzt in vorne ab. So wird die Mauer von oben her nach

und nach abgebaut.)

Und ich muss heute bei dir zu Gast sein.

Ich komme zu dir.

Ich komme zu dir. (Jesus)

Schnell steigt Zachäus vom Baum. Er führt Jesus und seine

Jünger zu seinem Haus. Er hat ja viel Platz. Sie gehen alle

mit. Gleich lässt er etwas zu trinken holen. Und der Koch

muss eine Mahlzeit für viele zubereiten. Keiner sagt es, aber

Zachäus kann es spüren:


Du bist dabei.

Du bist dabei. (Jesus)

Es ist eine fröhliche Gesellschaft im Haus von Zachäus. Sie

essen und trinken. Sie lachen. Jesus erzählt Geschichten von

Gott. Und Zachäus merkt:

Du bist nicht allein.

Du bist nicht allein. (Jesus)

Gott liebt auch dich.

Gott liebt auch dich. (Jesus)

Und wir alle gehören zusammen.

Glück kennt keine Behinderung Kindergottesdienst 19

Wir gehören zusammen.

(Jesus – hebt den Karton hoch, so dass es alle lesen

und noch einmal miteinander sprechen können:)

Wir gehören zusammen.

Pfarrer Frank Widmann

Landespfarramt für Kindergottesdienst

Württ. Evang. Landesverband für Kindergottesdienst e. V.


20 Plakatmeditation Glück kennt keine Behinderung

Plakatmeditation

Gedanken zum Motiv


Ich glaube, dass Glück keine Behinderung kennt. Sagt sie

das? Oder er? Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht,

ob er überhaupt etwas sagt. Er nimmt sie einfach in den

Arm. Ganz offen, ganz leicht, ohne Druck. Und sie lehnt sich

an ihn. Und beide lachen. Von innen nach außen. Aus sich

heraus, für den anderen, für mich. Das ist Glück. Ganz offensichtlich.

Einer dieser Glücksmomente, bei denen man

wünscht, die Zeit bliebe stehen und alles bliebe so, wie es

ist, weil es gut und richtig ist, wie es ist. Weil es gut tut, wie

es ist. Sie sind sich sehr ähnlich die zwei: die grauen Haare.

Die Grübchen um die Mundwinkel. Die wunderbare Verzierung

der Augen durch Lachfältchen. Beide tragen sie ihr

Leben im Gesicht. Sie haben schon Einiges erlebt. Und ihre

Gesichter scheinen mehr als einen Glücksmoment zu kennen.

Denn Lachfältchen hat man nicht einfach so. Die wachsen.

Wenn sie Grund haben zu wachsen. Die beiden haben die

wunderschönen Gesichter, die sie verdienen. Sie tragen das

Glück im Gesicht.

Was braucht es zum Glücklichsein? Kann man

denn alleine glücklich sein? Nur nach innen, nur

für sich?

Ich stelle mir vor, auf dem Bild wäre nur eine der beiden Per-

sonen. Er oder sie – egal erst einmal. Würde das Bild funktionieren?

Könnte ich es verstehen? Wenn sie für sich strahlte?

Wenn er für sich lächelte? Es wären immer noch, für sich

betrachtet, schöne Menschen, deren Ausstrahlung mich

anzieht. Aber mir würde etwas fehlen. Jeder für sich würde

das Geheimnis ihres Lächelns in sich tragen und es könnte

nicht heraus. Wenn ich sie beide sehe, zusammen, dann kann

ich den Grund ihres Glückes ergreifen. Glück ist, jemanden

bei mir zu haben, den ich lieben kann. Glück ist, jemanden

zu haben, der mich liebt. Ein Leben, das ich leben kann – das

meines ist und das mit anderen, für andere ist. Dann kann

Glück ein Moment sein. Oder eine Haltung. Vielleicht auch

zuweilen ein Zustand. Immer aber eine Sehnsucht. Oh, ich

merke: Bis jetzt habe ich mir nur über den ersten Begriff

Glück kennt keine Behinderung Plakatmeditation 21

Gedanken gemacht: das Glück. Da ist noch das andere

Wort: Behinderung …

Ich beginne auf dem Bild zu suchen und entdecke: Ah klar –

er trägt eine Brille… und ich muss schmunzeln, denn natürlich

weiß ich: Eine Sehschwäche kann ein riesiges Problem sein.

Aber das ist wohl doch nicht gemeint. Gemeint ist wohl, dass

er durch eine genetische Eigenart, der sogenannten Trisomie

21, neben einem außergewöhnlichen Erscheinungsbild auch

andere körperliche und geistige Besonderheiten mit sich trägt,

die große Konsequenzen für sein Leben haben. Viele Dinge

waren ihm nie möglich und werden ihm nie möglich sein.

Keine Karriere als Hubschrauberpilot, als Banker oder als

Zahnarzt. Niemals als Sozialarbeiter oder Entwicklungshelfer

die Welt retten. Und wohl auch nie als Atomphysiker oder Astronom

die kleinsten oder größten Geheimnisse der Welt lüften.

Das wird ihm verschlossen bleiben. Da steht seine „Behinderung“

im Wege – hindert ihn am Vorankommen. Der Weg zum

Glück aber, der steht ihm frei. Und er kann andere auf diesem

Weg mitnehmen. So wie der Junge, den ich vor einigen Jahren

in der Johannes Diakonie Mosbach kennenlernen durfte.

Ich hatte einen Tag für Journalisten von Zeitung, Radio und

Fernsehen organisiert, an dem sie die Arbeit in der Johannes

Diakonie begleiten und miterleben konnten. Einer der Journalisten

war besonders unwillig: keine Zeit! Warum wurde er überhaupt

von seinem Chefredakteur hierher geschickt? Wann

geht’s endlich los? Warum können die Behinderten nicht

einmal pünktlich sein? … Ein Junge mit Trisomie 21 ging auf

ihn zu und nahm ihn bei der Hand. „Ich weiß, wo es Eis gibt!“,

meinte er und führte den brummelnden Zeitungsmenschen

hinaus in den Sommertag. Acht Stunden später trafen sich alle

Journalisten zum Nachgespräch. Nur der eine fehlte. Er kam

dann, als die Pressemappen schon verteilt waren. Und er

hatte dieses Lachen im Gesicht, das wir von dem Bild kennen.

Er war befreit von seiner alles behindernden Ungeduld und

seinem Unfrieden. Der Junge hatte ihm den Weg ins Glück

gezeigt. Denn Glück kennt keine Behinderung.

Pfarrer Volker Erbacher, Diakonie Baden


22 Rundgespräch Glück kennt keine Behinderung

„Ich glaube, dass Glück

keine Behinderung kennt“

Rundgespräch zur Inklusion

Friedrich Kern

ist studierter Theater- und Musikwissenschaftler und ausgebildeter

Fachzeitschriftenredakteur. Neben kürzeren Anstellungen

war er freiberuflich tätig, aber auch als Langzeitarbeitsloser

registriert. Beim Arbeitshilfeträger Neue Arbeit war

er in der Abteilung Presse und Medien. Jetzt ist er mit sieben

ehemaligen Langzeitarbeitslosen dort tätig in der „Denkfabrik“,

um das Thema Langzeitarbeitslosigkeit in die Öffentlichkeit

zu bringen und Lösungen – auch aus anderen

Ländern – zu diskutieren.

Nimet Leone

ist gebürtige Türkin und seit rund 30 Jahren mit einem Italiener

verheiratet. Sie ist Kultur-Dolmetscherin bei der Caritas

und vielfältig ehrenamtlich im sozialen Bereich tätig. So bietet

sie einen Alphabetisierungskurs für Senioren an, Unterstützung

für Langzeitarbeitslose und Beratung für Migranten in

Kornwestheim. Sie ist unter anderem Trägerin des Integrationspreises

von Diakonie und Landeskirche.

Utz Mörbe

arbeitet in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen

bei der Behindertenhilfe Leonberg. Er ist Werkstattrat und

Betreuungsassistent für Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Mörbe besuchte eine reguläre Grundschule, engagiert

sich in der Politik und bringt sich auf Podien und bei

Veranstaltungen zum Thema Inklusion ein.

Dr. Günter Banzhaf

ist Leiter der Abteilung Landkreis- und Kirchenbezirks-

diakonie, Migration im Diakonischen Werk Württemberg.

Wolfram Keppler

koordiniert das Projekt „Auf dem Weg zu einer inklusions-

orientierten Arbeit in der Diakonie Württemberg“.

„Ich glaube, dass Glück keine Behinderung kennt“ ist das

Motto der diesjährigen Woche der Diakonie. Was ist für Sie

Glück?

Kern: Glück ist ein großes Wort. Ich würde eher den Begriff

Zufriedenheit wählen. Glück ist für mich etwas Vorübergehendes.

Zu einer Grundzufriedenheit gehört für mich, Arbeit und

Beschäftigung zu haben. Das große Problem für langzeitarbeitslose

Menschen ist zu Hause herumsitzen zu müssen.

Ein Mosaikstein zur Zufriedenheit ist, gebraucht zu werden.

Mörbe: Glück ist für mich, am normalen Leben teilnehmen zu

können und normale und auch unnormale Freunde zu haben –

ob allerdings gesund normal ist, das ist wieder eine andere

Frage.

Leone: Glück ist für mich, wenn ich morgens beim Aufwachen

die Sonne im Herzen habe, wenn es mir gut geht. Glück

kann von einem zum anderen Tag zunichte sein, wenn man

zum Beispiel die Arbeit verliert und nicht mehr gut für seine

Kinder sorgen kann.


Rundgespräch zur Inklusion, v. l. n. r.: Utz Mörbe, Dr. Günter Banzhaf, Nimet Leone, Wolfram Keppler und Friedrich Kern

Hat das Glück für Sie manchmal eine Behinderung?

Mörbe: Weniger glücklich macht mich der Lohn in der Werkstatt

für behinderte Menschen, dafür würde ein Gesunder gar

nicht erst aufstehen. Übrigens sind Menschen mit Behinderungen

nicht unbedingt unglücklicher als Menschen ohne eine

Behinderung. Wichtig ist, wie man im Leben steht und was

man für sich erreicht hat.

Keppler: Es kommt also darauf an, welche Haltung man

gegenüber dem eigenen Leben hat, oder? Wenn man „Ja“ zu

sich sagen kann, dann ist das ja auch gut für das eigene

Selbstbewusstsein.

Mörbe: Manchmal machen mich Leute auf der Straße dumm

an. Früher hat mich das mehr gestört, jetzt krieg ich das nicht

mehr mit. Meine Freunde regt das mehr auf als mich. Ich bin

glücklich, dass ich im Alltag vieles machen kann und ich engagiere

mich für Inklusion und Bündnisarbeit.

Leone: In einem Alphabetisierungskurs hat eine alte türkische

Frau zu mir gesagt: Seit sie lesen kann, kommt es ihr vor, als

könnte sie nach einer Augenoperation jetzt erst richtig die Welt

Glück kennt keine Behinderung Rundgespräch 23

sehen. Sie konnte nicht lesen oder schreiben, hatte ihr

Leben lang gearbeitet und war nur für andere da.

Keppler: War sie zuvor unglücklich, weil sie sich ausgeschlossen

gefühlt hat?

Leone: Nein, das glaube ich nicht. Denn diese Menschen

stellen keine großen Ansprüche. Dennoch bekommt sie jetzt

so viel mit, erfährt etwas über die deutsche Geschichte und

das Sozialsystem. Sie kann mitreden. Das macht sie glücklich.

Banzhaf: Das ist natürlich eine besondere Erfahrung,

so lange von Vielem ausgeschlossen gewesen zu sein.

Leone: Vor allem die Frauen in Migrantenfamilien leisten viel.

Wenn es Probleme in der Familie gibt, mit Drogen oder Ähnlichem,

versuchen die Frauen und Mütter oft mit großer

Anstrengung, die Familie aufrecht zu erhalten.

Haben es manche Menschen leichter und andere schwerer?

Kern: Es ist einfacher, wenn man seine Situation reflektieren

kann. Ich finde mich im Ämterdschungel leichter zurecht,


24 Rundgespräch Glück kennt keine Behinderung

verstehe die Formulare besser und werde besser behandelt

als weniger gebildete Arbeitslose. Und ich sehe, dass auch

Faktoren von außen meine Schwierigkeiten mit verursachen,

dass also nicht nur ich selbst schuld an meiner Situation bin.

Leone: Alleine würden es viele Menschen, mit denen ich zu

tun habe, nicht schaffen. Man muss auf sie zugehen und sie

an der Hand nehmen, damit sie wieder am Alltag teilnehmen

können.

Herr Dr. Banzhaf, wo ist Inklusion in der diakonischen Arbeit

spürbar?

Banzhaf: Immer da, wo ein Mensch für einen anderen da ist

und ein offenes Ohr hat, geschieht Inklusion: zuhören, jemanden

befähigen, aufrichten, Kraftquellen erschließen, damit der

oder die andere sein oder ihr Leben so gut es geht selbst in

die Hand nehmen kann. Das geschieht in unseren diakonischen

Beratungsstellen und Einrichtungen.

Mörbe: Auch bei Migranten spreche ich nicht mehr von Integration,

sondern von Inklusion.

Keppler: Wo genau machen Sie den Unterschied zwischen

Integration und Inklusion fest?

Mörbe: Integration heißt, man kommt rein in eine Gruppe und

muss sich anpassen. Inklusion heißt, alle sind in einer Gesellschaft

und jeder muss sich da reinfinden – es gibt keine

Gruppe, die sich einseitig nach der anderen richten muss.

Banzhaf: Ich sage es so: Integration wurde oft so verstanden,

dass sich eine Minderheit mit bestimmten Merkmalen

nach der Mehrheit richten soll. Inklusion heißt, dass alle mit

Vielfalt umgehen lernen.

Keppler: Herr Mörbe, wie erleben Sie diesen Unterschied

ganz persönlich in Ihrem eigenen Leben ?

Mörbe: Integriert fühle ich mich fast überall, inkludiert fast

nur privat. In öffentlichen Einrichtungen eher nicht.

Leone: Für mich ist Inklusion Integration und Partizipation.

Neulich sah ich Helmut Schmidt im Fernsehen, der sagte,

dass es nichts nützt, Gesetze zu machen, wenn der Inhalt

nicht in den Köpfen der Menschen angekommen ist. So ist

das bei der Inklusion auch.

Können Sie ein Beispiel sagen?

Leone: Wenn jemand eine Wohnung oder eine Arbeit sucht

und er dann wegen seines muslimischen Namens aussortiert

wird. Oder wenn ich nach 40 Jahren immer noch um Gleichberechtigung

und Chancengleichheit kämpfen muss.

Wie kann man das ändern?

Nimet Leone

Leone: Man muss Einsicht erreichen. Journalisten, Politiker

und Repräsentanten der Kirche haben für mich eine wichtige

Funktion. Ich selber bin eine Netzwerkerin und bei Diakonie,

Caritas und in der Moschee tätig, ich habe Pfarrerinnen,

Pfarrer und Imame in meinem Freundeskreis. Aber ich dürfte

wegen meiner Religion nicht bei Diakonie oder Caritas arbeiten.

Ich würde sagen, den Mensch als Menschen erkennen ist

wichtig.

Banzhaf: An diesem Thema sind wir mit unserem Arbeitsbereich

der interkulturellen Orientierung dran. Auch Institutionen

müssen sich öffnen.

Leone: Nur dann bekommen sie Vertrauen.

„Glück ist für mich, wenn

ich morgens beim Aufwachen

die Sonne im Herzen

habe, wenn es mir gut

geht.“

Banzhaf: Für viele Menschen ist die Begegnung mit Fremden

mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden.

Keppler: Im Vordergrund müsste bei allen unseren Anstrengungen

das stehen, was man aus Begegnungen gewinnen

kann, nämlich dass sich der eigene Horizont deutlich weitet,

wenn man sich auf andere Lebenswelten einlässt.

Begegnen Ihnen Vorurteile oder haben Sie selbst welche?

Kern: Als studierter Arbeitsloser muss ich aufpassen, dass

ich mich nicht über andere Arbeitslose mit weniger Bildung


stelle. Mir fällt auch auf, dass mit den türkischen Putzfrauen

in unseren Büros außer dem Grüßen fast kein Kontakt besteht.

Da gibt es Hemmnisse.

Mörbe: Bei Menschen mit Behinderungen ist es so, dass sie

einen speziellen Kindergarten, eine besondere Schule und

Berufsschule und dann eine Werkstatt für behinderte

Menschen besuchen – und das alles womöglich mit Fahrdiensten.

Das heißt, Sie treffen diesen Menschen mit Behinderung

erst mit ungefähr 30 Jahren und sind sich dann gegenseitig

fremd. Solche Parallelwelten schaffen Vorurteile.

Hatten Sie selber auch schon Vorurteile oder Hemmnisse?

Mörbe: Vor ein paar Jahren habe ich jemanden kennengelernt,

der contergangeschädigt ist. Da war ich sehr unsicher,

ob ich ihm die Hand geben soll. Nachdem ich Kontakt zu ihm

hatte, war es selbstverständlich. Deshalb bin ich dafür, dass

behinderte und nicht behinderte Kinder spätestens in der

Schule zusammen sind.

Banzhaf: Für den wesentlichen Punkt halte ich auch die

getrennten Lebenswelten. Deshalb schaffen wir als Kirche und

Diakonie Orte der Begegnung, zum Beispiel Mittagstische, an

denen man locker miteinander ins Gespräch kommen kann.

Kern: Bei der Straßenzeitung Trottwar hatte ich einen Kollegen

mit einer körperlichen Behinderung – den Rollstuhl habe

ich nach einiger Zeit gar nicht mehr wahrgenommen.

Banzhaf: Wir müssen die Grenzen am Arbeits- und

Wohnungsmarkt durchlässiger machen.

Mörbe: Man müsste das System ändern, damit behinderte

Menschen, die weniger produzieren, trotzdem in die normale

Arbeitswelt passen.

Keppler: Ich denke doch, dass man zu seinen eigenen Vorurteilen

stehen sollte, auch wenn einem das natürlich selbst

Dr. Günter Banzhaf

„Wir müssen die Grenzen

am Arbeits- und Woh-

nungsmarkt durchlässiger

machen.“

Glück kennt keine Behinderung Rundgespräch 25

nicht immer so recht ist. Oft treten sie ja reflexartig zutage.

Ein Beispiel: wenn ich in Stuttgart durch die Klett-Passage

laufe, halte ich ganz gerne Abstand zu den oft angetrunkenen

Männern, die auf der Straße leben und sich dort aufhalten.

Damit ich ihnen aber gut begegnen kann, braucht es so etwas,

das ich „Zwischenorte“ nennen würde, etwa die Vesperkirche.

Dort fällt eine Begegnung auf Augenhöhe beiden Seiten leichter

und man muss im Anschluss dann in der Klett-Passage

nicht mehr einen Bogen machen, weil man mehr weiß von den

Menschen und sie besser einschätzen kann..

Leone: Als ich vor zehn Jahren mit den Interreligiösen Frauenfrühstücken

begonnen habe, sagten beide – Migrantinnen

und Deutsche -, dass sie sich nicht getraut haben, die jeweils

anderen anzusprechen. Jede hat von der anderen gedacht,

dass sie nichts mit ihr zu tun haben will.

Friedrich Kern

„Manche Vorurteile

werden auch durch

die Medien verstärkt.“

Kern: Manche Vorurteile werden auch durch die Medien

verstärkt. Da wird oftmals vermittelt, dass Langzeitarbeitslose

den ganzen Tag Privatfernsehen schauen oder Migranten den

Sozialstaat ruinieren. Da spielt sicher die Angst vor dem

eigenen Abstieg mit.

Banzhaf: Gegen diese Stimmungsmache müssen Kirche

und Diakonie das Wort erheben. Die allermeisten Arbeitslosen

wollen arbeiten, aber es gibt nicht die passenden Arbeitsplätze.

Kern: Sogar die Jobcenter haben dies in einer eigenen

Untersuchung bestätigt.

Leone: Warum fragen wir nicht, warum es Langzeitarbeits-

lose überhaupt gibt?

Mörbe: Betroffene sollten in die Politik einbezogen werden,

denn sie wissen, wovon sie reden.


26 Rundgespräch Glück kennt keine Behinderung

Keppler: Wollen denn überhaupt alle Betroffenen

eine Veränderung?

Mörbe: Naja, wenn jemand 30 Jahre in einem besonderen

System, zum Beispiel in einem Heim, gelebt hat, ist es schwierig,

von heute auf morgen da raus zu gehen.

Leone: Ich finde es wichtig, dass man sich nicht rühmt, für

eine Personengruppe etwas zu tun, sondern dass man etwas

gemeinsam macht.

Banzhaf: Es ist gut zu fragen, was für alle Personengruppen

gemeinsam gut ist. Das ist ein Lernprozess auf allen Seiten.

Leone: Jeder denkt anders, die Migranten und die Behinderten

… Da muss man vielseitig denken.

Mörbe: Was ist denn dann erst mit behinderten Migranten?

Leone: Die Frage ist gar nicht so abwegig, denn sie werden

oft zuhause versorgt, weil die Familien das Hilfesystem nicht

kennen.

Was kann denn eine Kirchengemeinde tun?

Mörbe: Viele wissen nicht, was unter Inklusion zu verstehen

ist. Man könnte eine Informationsveranstaltung mit Betroffenen

machen.

Utz Mörbe

„Betroffene sollten in

die Politik einbezogen

werden, denn sie wissen,

wovon sie reden.“

Kern: Es gab einen Gottesdienst, den Neue Arbeit, Evangelische

Gesellschaft und Kirchengemeinde zum Thema Arbeitslosigkeit

gefeiert haben. Solche Kooperationen sind hilfreich,

um das Thema in die Kirchengemeinde zu bringen.

Mörbe: Ein Bündnis von Kirchen, Gewerkschaften, Parteien

und Behindertenverbänden wäre sinnvoll.

Wolfram Keppler

„Ich könnte mir vorstellen,

dass es in den Kirchengemeinden

Botschafterinnen

und Botschafter gibt, die

beispielsweise selbst eine

Behinderung haben ...“

Banzhaf: Es ist wichtig, Verständnis und ein Gefühl von

Solidarität zu wecken.

Kern: Der einzelne Mensch muss gesehen werden, nicht

der Langzeitarbeitslose, die Behinderte oder der Migrant.

Leone: Ja, nicht der Pass ist entscheidend, sondern die

Begegnung, durch die man Ängste abbaut.

Keppler: Ich könnte mir vorstellen, dass es in den Kirchengemeinden

Botschafterinnen und Botschafter gibt, die beispielsweise

selbst eine Behinderung haben oder schon lange ohne

Job sind. Wenn sie offen über ihre eigene Situation sprechen,

dann kann das andere Menschen dazu bringen, sich auch zu

öffnen und über ihre eigene Situation mit anderen Gemeindegliedern

ins Gespräch zu kommen. Ich denke, das ist

wirkungsvoller, als wenn ein Pfarrer als „Nicht-Betroffener“

ein Thema vorgibt.

Kern: Es ist auch wichtig, die politische Ebene zu erreichen.

Man muss deutlich sagen, dass Vollbeschäftigung nicht mehr

möglich ist und es immer Menschen geben wird, für die es

keine adäquate Beschäftigung gibt. Für die brauchen wir Hilfe.

Banzhaf: Ja, denn ihnen ist sonst das Recht auf Teilhabe

verwehrt.

Kern: Das Schlimmste ist, finanziell abhängig vom Job-

center zu sein und dort als Bittsteller auftreten zu müssen.

Es kommt einem oft so vor, als müsste man seine Existenz

rechtfertigen. Auch wird man durch Maßnahmen geschleust,

die nicht zum Ziel führen. Da wird man in einen Kurs ver-

frachtet, weil halt noch ein Platz frei ist. Da ist atmosphärisch

viel zu tun – man muss den Einzelnen als Mensch sehen und

bei seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten ansetzen.


Volle Teilhabe und Selbst-

bestimmung aller Menschen

Projekt für inklusionsorientierte

Arbeit in der Diakonie

Im zunächst auf drei Jahre angesetzten Inklusionsprojekt der

württembergischen Diakonie sollen die Fäden aufgegriffen

werden, die im vielfältigen Engagement von Diakonie und

Landeskirche über viele Jahre hinweg gesponnen worden

sind. „Diakonie und Landeskirche in Württemberg wollen

mit dem Projekt `Auf dem Weg zu einer inklusionsorientierten

Arbeit in der Diakonie Württemberg die in den unterschiedlichen

Handlungsfeldern laufenden Prozesse noch stärker

aufeinander beziehen“, so Kirchenrätin Heike Baehrens.

„Damit wollen wir den gemeinsamen Entwicklungsprozess

befördern und Menschen mit Behinderungen mehr Teilhabe

und Selbstbestimmung ermöglichen.“ Unter der Gesamtleitung

der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Diakonischen

Werks Württemberg sind die Leitungen der Abteilungen

Behindertenhilfe/Sozialpsychiatrie sowie Kinder, Jugend

und Familie, Theologie und Bildung und Diakonische Dienste

der Kirchenbezirke beteiligt. Auch Vertreterinnen und Vertreter

von Fachverbänden und „Betroffene“ sind einbezogen.

Das in vier Teilprojekte untergliederte Vorhaben wird wissenschaftlich

begleitet vom Stuttgarter Institut für angewandte

Sozialwissenschaften. Es wird finanziert von der Evangelischen

Landeskirche, dem Diakonischen Werk Württemberg

und der Paul-Lechler-Stiftung. Die Teilprojekte beschäftigen

sich mit der theologischen und sozialwissenschaftlichen

Keppler: Herr Mörbe, welche Chance geben Sie der Inklusion?

Mörbe: Ich gebe der Inklusion eine ganz große Chance.

Aber bis ich ganz zufrieden bin, wird es Jahrzehnte dauern.

Am liebsten hätte ich natürlich alles in zehn Jahren umgesetzt.

Keppler: Wir müssen also geduldig sein?

Mörbe: Ja, leider. Die Landesregierung hat zwar gute

Ansätze, aber wir sind ziemlich weit hinten bei der Bewertung

der Bundesländer. Wir haben zum Beispiel keine hauptamtlichen

Behindertenbeauftragten in den Landkreisen.

Glück kennt keine Behinderung Rundgespräch 27

Reflexion des Verständnisses von Inklusion. Es geht darum,

biblisch-theologische Begründungen auf den gesellschaftlichen

Diskurs um Inklusion zu beziehen. Weiteres Ziel ist die

Förderung einer inklusiven Gemeinde- und Gemeinwesenkultur.

Kirchengemeinden sollen darin unterstützen werden,

dass insbesondere Menschen mit Behinderungen stärker

vor Ort mitwirken können. Sie sollen dabei begleitet werden,

wenn sie sich in lokalen Netzwerken und bei kommunalen

Teilhabeplanungen einbringen. Inhalt des Projekts ist auch

das Leben, Arbeiten und Wohnen im Ort: Menschen mit

Behinderungen und psychisch kranke Menschen sollen zur

Selbst- und Mitbestimmung und Teilhabe am Arbeitsleben

befähigt werden. Gemeindeintegrierte Wohnformen werden

entwickelt. Für eine inklusive Bildung und Erziehung geht es

um die Öffnung der Regelsysteme – weg von der Sonderpädagogik,

hin zu einer Pädagogik der Vielfalt. Grundanliegen

von Inklusion ist, dass alle Menschen, ob behindert,

benachteiligt oder am Rand der Gesellschaft stehend,

dieselben Rechte und Chancen haben, das eigene Leben

nach ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten selbstbestimmt zu

gestalten. Sie erleben volle Teilhabe an allen gesellschaftlichen

Angeboten und Zugang zu allen relevanten Bereichen

und sind geschützt vor Diskriminierung. Alle Menschen

sollen als Individuen in gleicher Art und Weise wahrgenommen,

anerkannt und akzeptiert werden.

Weitere Informationen:

Wolfram Keppler, Projektmanagement,

Telefon: 0711/1656-167,

E-Mail: keppler.w@diakonie-wuerttemberg.de

Welche Ideen haben Sie?

Mörbe: Man könnte Heilerziehungspfleger zur Begleitung

von behinderten Mitarbeitern bei großen Firmen wie zum

Beispiel beim Daimler einsetzen.

Banzhaf: Eine Veränderung von Haltungen braucht Zeit.

Aber wenn Kinder und junge Leute, behindert und nicht

behindert, immer mehr zusammen aufwachsen, sind wir

schon einen Schritt weiter.


28 Reportage Glück kennt keine Behinderung

Inklusion mit Schwung

Ein Tanzworkshop

in Stuttgart-Birkach


Jutta Schüle, ehrenamtliche

Mitarbeiterin

in der Tagesstätte des

Gemeindepsychiatrischen

Zentrums Birkach.

Gerade sind die letzten Töne des Marsches aus dem

Zigeunerbaron verklungen. Die muntere Tanztruppe

im Vereinszimmer der Alfred-Wais-Halle in Stuttgart-Birkach

ist schon etwas außer Atem geraten,

dabei geht es nach der Eröffnungspolonaise gleich

erst richtig los.

Rund 20 Männer und Frauen haben sich an diesem

Mittwochnachmittag zu einem Tanzworkshop zusammengefunden.

Der Kurs, der an drei Tagen stattfindet, steht

unter dem Motto „Musik und Tanz bringt Freude und

macht Spaß“. Er ist Teil eines Inklusionsprojektes, das

initiiert wurde vom Gemeindepsychiatrischen Zentrum

Birkach, einer Einrichtung der Evangelischen Gesellschaft,

sowie dem Behindertenzentrum Stuttgart und unterstützt

wird von der Aktion Mensch. Kooperationspartner ist der

Turn- und Sportverein Birkach.

Die Idee zum Tanzworkshop hatte Jutta Schüle, seit sechs

Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Tagesstätte des

Gemeindepsychiatrischen Zentrums Birkach. Hier, im „Café

Fröschle“, leitet sie das vielfältige Freizeitprogramm „Mittwoch

aktiv“, ein Angebot für Menschen mit psychischen

Erkrankungen. Gemeinsam besuchen sie Feste, Museen

und Ausstellungen oder spielen Minigolf.

„Ich habe mir überlegt, wie wir noch mehr Möglichkeiten

der Begegnung schaffen und die Bevölkerung stärker ein-

binden können“, erzählt die quirlige Plieningerin. Und weil

sie selbst eine passionierte Tänzerin ist, ging sie schnurstracks

zur Tanzabteilung des Turn- und Sportvereins Birk-

ach und brachte ihr Anliegen vor. Deren Leiterin, Gisela

Kinzler, zögerte nicht lange und sammelte eine engagierte

Gruppe Vereinsmitglieder um sich, die die Tanz-Neulinge

nun unterstützt. Gisela Kinzler:

Glück kennt keine Behinderung Reportage 29

Auch Sylvie Schweizer und Jutta Schüöe sind mit Begeisterung dabei.

„Das Projekt ist doch eine sehr gute Möglichkeit,

uns in unserem Ort einzubringen. Als Nachbarn

reichen wir die Hand und möchten Kontakte

herstellen. Es ist wunderbar, wie die Leute nach

dem Kurs fröhlich nach Hause gehen.“

Schon der erste Tanzworkshop im April 2012 stieß auf reges

Interesse, nicht nur unter den Besuchern der Tagesstätte,

auch Teilnehmer von außerhalb schwangen das Tanzbein.

„Da war so viel Begeisterung“, erinnert sich Jutta Schüle,

„ich habe meine Leute in den letzten Jahren noch bei keiner

Aktivität so erlebt wie beim Tanzen. Deshalb war klar, dass

wir weitermachen.“

Auch Sylvie Schweizer, Diplomsozialpädagogin im Sozialpsychiatrischen

Dienst in Birkach, war gleich Feuer und

Flamme für das Tanzprojekt: „Der Workshop passt voll in

unser Konzept. Wir haben viele Aktivitäten, mit denen wir

die psychisch erkrankten Menschen darin unterstützen,

mehr Freizeitangebote im Gemeinwesen zu nutzen und

Kontakte mit den anderen Bürgerinnen und Bürgern herzustellen.“

Doch es gibt viele Berührungsängste von beiden

Seiten, das wissen Sylvie Schweizer und ihre Mitstreiter nur

zu gut, und es ist ein großes Stück kontinuierlicher Arbeit,

diese abzubauen. Die regelmäßigen Begegnungen auf Festen


30 Reportage Glück kennt keine Behinderung

oder in Vereinen schaffen aber die Erfahrung: Wir können

zusammen etwas machen. „Die Leute sagen dann oft“,

so Sylvie Schweizer, „ach, ihr seid vom Café Fröschle, das

hätte ich nicht gedacht. Da werden Bilder korrigiert, auf

beiden Seiten.“ Nun läuft bereits der zweite Tanzworkshop,

nächste wird folgen. Und weil die Tanzbegeisterung gar so

groß ist, geht Jutta Schüle einmal im Quartal mit ihren

Fröschle-Tänzern ins Tanzcafé Melodie nach Bad Cannstatt.

„Es ist, wie bei all unseren Aktivitäten, wichtig, dass ich dabei

bin, ihnen die Sicherheit gebe und sie auch immer wieder

motiviere.“ Für die temperamentvolle Frau ist das kein

Problem, sie hat einen guten Draht zu ihren Leuten, steckt

sie mit ihrer Begeisterung immer wieder an.

So auch beim Tanzworkshop, bei dem jetzt ein Partytanz auf

dem Programm steht. Die Schritte haben die Tänzerinnen und

Tänzer schon beim letzten Mal geübt, aber noch hat sich nicht

alles ins Gedächtnis eingeprägt. Da ist es gut, dass Tanzlehrerin

Gisela Kinzler und die erfahrenen Vereinsmitglieder immer

helfend zur Seite stehen. Winfried Gehrke, ein regelmäßiger

Teilnehmer am „Mittwoch aktiv“-Programm, macht auf der

Tanzfläche eine glänzende Figur, kein Wunder, tanzt er doch

Square im Verein, besucht den Workshop schon zum zweiten

Mal und ist auch sonst ein leidenschaftlicher Tänzer: „Mir fällt

das Tanzen nicht schwer,“ sagt er, „aber letztes Mal, da haben

wir eine Francaise geübt, das ist immer der Eröffnungstanz

beim Wiener Opernball. Das hat mir auch zu knabbern

gegeben, aber sonst komme ich gut mit.“ Nach dem Party-

tanz gibt es eine kurze Pause, in der sich die Tänzerinnen und

Tänzer erfrischen und miteinander ins Gespräch kommen.

„Das ist richtig anstrengend“, sagt Myriam, die mit ihrer

Freundin Andrea zum Workshop gekommen ist. „Ich war

beim letzten Mal so durchgeschwitzt, ich dachte, ich hätte

den Mount Everest bestiegen. Und man muss nicht nur

körperlich fit sein fürs Tanzen, sondern auch geistig voll dabei.“

Auch Freundin Andrea Walter ist ins Schwitzen gekommen:

„Ich bin viel zu warm angezogen“, sagt sie lachend. „Letztes

Mal konnte ich nicht mitmachen, deshalb bin ich heute mit so

viel Eifer dabei, einfach weil es so viel Spaß macht.“

Beim nächsten Tanz, einem Kreistanz, kommen alle noch

mehr ins Schwitzen und beim Partnerwechsel geraten viele

ein wenig durcheinander. „Huch, jetzt bin ich ja plötzlich der

Mann“, ruft eine Tänzerin und lacht, eine andere fordert ihre

Partnerin auf: „Hey, du bist jetzt der Mann, du musst führen.“

Männer sind am heutigen Tanztag tatsächlich Mangelware,

wie auch Andrea Walter feststellt: „Ich finde es toll, dass die

vom Turn- und Sportverein hier mitmachen und es dürften

ruhig noch ein paar Männer mehr sein, damit die Frauen nicht

immer die Männer machen müssen.“ „Ich werde es weiterge-

Auch die Polonaise ...

ben“, sagt Vereinstänzerin Birgit Dietsche. Ihren eigenen Mann

konnte sie bereits zum Mitmachen animieren: „So wird uns als

Rentner nicht langweilig“, begründet sie mit einem Lachen ihre

Motivation. “Ich finde es gut, dass hier so viele unterschiedliche

Menschen zusammen kommen.“ Ihr Mann Helmut ergänzt:

„Etwas für die Allgemeinheit, für die Gemeinschaft zu tun, ist

wichtig. Ich hatte schon immer Spaß am Tanzen und als uns

Frau Kinzler gefragt hat, haben wir gleich gesagt: Das machen

wir, da gehen wir ganz unvoreingenommen dran.“ Ein Lob für

die unerfahrenen Tänzerinnen und Tänzer hat er auch noch

parat: „Es ist erstaunlich, wie gut es klappt, manche tun sich

noch etwas schwer, aber die packen das eigentlich genau so

gut wie wir.“ Das zeigt sich auch beim Cha-cha-cha, der nun

an der Reihe ist. Auch wenn viele Menschen mit einer psychischen

Erkrankung oft Schwierigkeiten mit Nähe und Berührungen

haben, beim Tanzen scheinen sie wie weggeblasen. Mit

viel Applaus und einem herzlichen Dankeschön an die Mitglieder

der Tanzabteilung endet schließlich nach fast zwei Stunden

der Workshop und Sylvie Schweizer resümiert: „Alleine ist

Inklusion nicht umzusetzen, es braucht die Beteiligung aller.“

Jutta Schüle fügt noch hinzu: „Und jeder, der sich einlässt,

gewinnt dabei.“

Dagmar Kötting


... gehört zum Programm beim Tanzworkshop.

Glück kennt keine Behinderung Predigt 31


32 Reportage Glück kennt keine Behinderung

Schritt für Schritt zurück

ins normale (Berufs-)Leben

Inklusion von Langzeitarbeitslosen

kann gelingen

„Gut so! Ganz langsam! Vorwärts! Noch zwei

Zentimeter! Langsam! Stopp!“ Josef Reinhardt ist

konzentriert. Er weist seinen Kollegen ein, der auf

dem Radlader sitzt und das Werkteil vorsichtig in

Position bringt. Es kommt jetzt auf jeden Zentimeter

an, auch nur die kleinste Abweichung nach links

oder rechts, und die gesamte Konstruktion würde

nicht mehr funktionieren.

Josef Reinhardt leitet den Bautrupp. Unter seiner Führung

stehen vier Leute, allesamt langzeitarbeitslose Männer.

Gleich morgens bespricht er mit seinem Chef Rüdiger Semet

den täglichen Ablauf auf der Baustelle. Die Feinplanung und

die Durchführung liegen dann in den Händen von Josef Reinhardt.

Gebaut wird Deutschlands verrückteste Fußball-

Golfanlage beim Seepark in Pfullendorf.

Auf einem Gelände von rund 30.000 Quadratmetern entstehen

18 Golfbahnen, auf denen der neue Trendsport für die

ganze Familie angeboten werden soll. Bis zur Eröffnung gibt

es noch viel zu tun. Aber Josef Reinhardt bewahrt die Ruhe.

Er ist nun schon seit einigen Jahren dabei und er weiß, worauf

es ankommt. Er kennt die Anforderungen seiner Chefs

und weiß, wie er sie zufrieden stellen kann. Rückblende. Im

Jahr 2006 tritt Josef Reinhardt eine so genannte „Arbeitsgelegenheit“,

einen 1,50-Euro-Job, beim Werkstättle e. V. an.

Das Werkstättle ist ein Beschäftigungsprojekt für Menschen,

die auf dem ersten Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Josef

Reinhardt ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit vielen Jahren

arbeitslos. Lange Jahre hat er als Maurer auf dem Bau gearbeitet.

Dann eines Tages die Kündigung. Da ist er schon weit

über 40 Jahre alt und somit für den Arbeitsmarkt zu alt. Es

folgen mehrere Jahre der Arbeitslosigkeit ohne Aussicht auf

eine Anstellung in seinem erlernten Beruf. Dann die Vermittlung

ans Werkstättle. „Fit durch Arbeit“ war der Name des

Werkstättle-Projekts, das in der Grünpflege angesiedelt war

und in dem der Arbeitsanleiter zum ersten Mal auf die

Eine der ersten Arbeiten: Josef Reinhardt beim Auspflocken der Bahnen für

die Fußball-Golfanlage.


Stromkabel und Wasserleitungen mussten verlegt werden, bevor die

Arbeiten an den Bahnen beginnen konnten.

umfangreichen Fähigkeiten von Josef Reinhardt aufmerksam

wurde. Kurz darauf gab es seitens der Zuschussgeber

grünes Licht für ein weiteres Projekt des Werkstättles: den

Bau von Deutschlands verrücktester Abenteuer-Golfanlage.

Ziel dieses hauptsächlich mit Mitteln aus dem Europäischen

Sozialfonds und Zuschüssen des Jobcenters finanzierten

Projekts des Werkstättle e. V. war, durch den Bau der Anlage

Langzeitarbeitslose zu beschäftigen.

Nach dem Bau sollte die Anlage sich so gut

selber tragen können, dass Saisonarbeitsplätze

für langzeitarbeitlose Menschen entstehen.

Josef Reinhardt wurde vom Jobcenter der Baugruppe

zugewiesen – wiederum als Arbeitsgelegenheit, als so

genannter 1,50-Euro-Jobber. Während dieser Zeit, in der

er zusammen mit anderen Langzeitarbeitslosen die Anlage

baute, bewährte er sich weiterhin. Als es dann nach der

Fertigstellung der Anlage darum ging, welche Teilnehmer

der Baugruppe als Platzwarte fest angestellt würden, fiel

die Wahl unter anderem auf Josef Reinhardt. Somit konnte

er ab Mai 2007 einen Saisonarbeitsplatz als Platzwart der

Abenteuer-Golfanlage einnehmen, ein „ganz normaler“

sozialversicherungspflichtiger Arbeitnehmer, unabhängig

von weiterer Unterstützung durch das Jobcenter: für Josef

Glück kennt keine Behinderung Reportage 33

Reinhardt ein großer Gewinn an Lebensqualität.

Sein Aufgabenbereich und der seiner Kollegen, die ebenfalls

aus der Baugruppe übernommen wurden, wuchsen weiter.

Er erlernte zu seinen ohnehin umfangreichen Fähigkeiten im

Bereich des Bauens die Pflege der Grünanlage und die

Wartung der Technik kennen. Natürlich war auch der Umgang

mit den vielen Besuchern, es sind rund 40.000 Gäste pro

Jahr auf der Abenteuer-Golfanlage, eine neue Herausforderung.

Schon während der ersten Saison bewies er auch in

diesen Bereichen ein geschicktes Händchen, sodass einer

Beförderung nichts mehr Wege stand: Josef Reinhardt wurde

Leiter der Platzwarte.

Ein Ärgernis aber blieb: Immer im Winter musste

er sich arbeitslos melden – außerhalb der Saison

der Abenteuer-Golfanlage fehlten die Einnahmen,

um ihn beschäftigen zu können und er musste

entlassen werden.

Das war sowohl für ihn selber als auch für das Werkstättle

unbefriedigend. Als dann im Sommer 2011 der nächste

Schritt anstand, fiel wiederum die Wahl auf Josef Reinhardt.

Ermutigt durch die gute Arbeit während des Baus und der

Betreuung der Abenteuer-Golfanlage wurde ihm die Leitung

der Baugruppe für den Bau der zweiten Golfanlage im See-

park, der Fußball-Golfanlage übertragen. Somit ist er nun

seinerseits Leiter über einen Bautrupp von insgesamt drei

langzeitarbeitslosen Menschen im Bundesprogramm Arbeitsgelegenheiten

sowie eines langzeitarbeitslosen Straßenbauers,

der über einen Eingliederungszuschuss beschäftigt

Die Bodenplatte für den Verkaufspavillon wird vorbereitet.


34 Reportage Glück kennt keine Behinderung

Die Bodenplatte kann gegossen werden – Josef Reinhardt führt den Rüssel.

wurde. Um ihn während der Bauzeit auch in den Winter-

monaten bezahlen zu können, bat der geschäftsführende

Vorstand des Werkstättle e. V. Rüdiger Semet beim Diakonischen

Werk Baden um einen Zuschuss aus dem AFG III-

Fonds (Fonds nach dem Arbeitsförderungsgesetz, dritte

Fassung, der badischen Landeskirche) für Reinhardt, der

auch gewährt wurde. Das Jobcenter in Sigmaringen war

bereits nach dem Erfolg durch die Abenteuer-Golfanlage von

dem Konzept überzeugt und finanzierte ohne Probleme auch

diese zweite Auflage einer Golfanlagen-Baugruppe. Mit der

ihm eigenen Begeisterung stürzte sich Josef Reinhardt mit

seinen Leuten nun auf diese neue Herausforderung. In ständiger

Absprache mit Rüdiger Semet wuchsen die insgesamt

18 Bahnen aus dem bis dahin überwiegend platten Wiesengelände,

das zu einem Tierpark gehört hatte.

Das Gelände wurde modelliert, Strom- und

Wasserleitungen verlegt, Hügel als Zwischenbegrenzung

aufgebaut, Wege angelegt, Gespräche

mit Lieferanten geführt, die Bahnen geformt,

Hindernisse errichtet und vieles mehr.

Eine besondere Herausforderung gab es durch den Bau des

Kassenpavillons, handelte es sich hierbei doch um den Bau

eines einstöckigen Gebäudes mit rund 150 Quadratmetern

Grundfläche. Nun lernten die 1,50-Jobber unter der Leitung

von Maurer Josef Reinhardt, was es bedeutet, ein Haus zu

bauen. Angeleitet durch einen externen Bauleiter wurden

sämtliche Arbeiten, mit Ausnahme der Elektrik und der sanitären

Arbeiten sowie des Einbaus der Fenster und Türen, in

Eigenleistung ausgeführt. Bei Wind und Wetter, bei Schnee

und Regen oder bei größter Sommerhitze baute der Bautrupp

das Gebäude. Die Motivation war klar: Alle Beteiligten

wussten, dass sie sich ihren eigenen Arbeitsplatz bauen.

Und so war es dann auch. Seit der Eröffnung der Anlage im

Juli 2012 ist der Bau der Anlage noch lange nicht vollendet.

Es wird hier nach dem gleichen Prinzip wie bei der Abenteuer-

Golfanlage, die im Jahr 2012 bereits ihren fünften Geburtstag

feiern durfte, vorgegangen: Um den Besuchern ständig

etwas Neues bieten zu können, müssen beide Anlagen

permanent weiter ausgebaut werden und es sind neue

Attraktionen zu schaffen. Wie schon beim Abenteuer-Golf

ging auch bei dieser zweiten Anlage das Konzept auf:

Die Anlage wird von den Besuchern sehr gut angenommen.

Die für das Jahr 2012 anvisierten Besucherzahlen wurden

voll erreicht. Somit konnten die Verantwortlichen des Werkstättles

allen Mitarbeitern der Baugruppe einen Arbeitsvertrag

als Platzwart der Fußball-Golfanlage anbieten. Und Josef

Reinhardt wird sich in den Wintermonaten nicht mehr arbeitslos

melden müssen: Mit den beiden Anlagen wird es zumindest

für ihn eine durchgehende Beschäftigung auch in den

Wintermonaten geben.

Ermutigt durch diesen großen Erfolg der Golfanlagen

hat das Werkstättle weitere Aufgabengebiete

erschlossen, um Menschen mit Benachteiligung

einen regulären Arbeitsplatz zu vermitteln.

Das nächste Projekt ist bereits gestartet, in Form einer

Kooperation mit dem Verein Karolingische Klosterstadt

im benachbarten Meßkirch. Der Verein plant den Bau einer

mittelalterlichen Klosteranlage nach dem weltberühmten

St. Galler Klosterplan mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts –

für den Bau werden 40 Jahre veranschlagt. Im Werkstättle-

Projekt werden Langzeitarbeitslose im Rahmen von Arbeitsgelegenheiten,

also wiederum 1,50-Euro-Jobs, in den Techniken

der damaligen Zeit wie etwa Korbflechten oder Schindelmachen

geschult. Bei Eignung können sie vom Verein Karolingische

Klosterstadt in ein sozialversicherungspflichtiges

Arbeitsverhältnis übernommen werden. Von den ersten

Arbeitsgelegenheiten haben inzwischen vier eine mündliche

Zusage für ein festes Arbeitsverhältnis ab der Eröffnung im

Mai 2013 erhalten.


Noch vor dem Winter konnte das Dach geschlossen werden, um die Arbeiten

im Inneren des Gebäudes fertigzustellen.

Der Endspurt kurz vor der Eröffnung der Fußball-Golfanlage. Fast ist es

geschafft.

Glück kennt keine Behinderung Reportage 35

Zum Modellieren der Bahnen kam auch schweres Gerät zum Einsatz.

Es hat sich gelohnt: die Gäste der Golfanlagen sind begeistert.

Werkstättle e. V.

Im Goldäcker 16

88630 Pfullendorf

taettle.de

Joseline Gräbner-Reutter

Vorstandsmitglied

Tel. 07552/ 2000-11

Fax 07552/ 2000-27

E-Mail: j.graebner-reutter@

werkstaettle.de

www.werkstaettle.de


36 Reportage Glück kennt keine Behinderung

„Immerhin leben wir noch“

Im Asylcafé in Reutlingen gibt

es Hilfen für den Alltag

Tameem ist 23 Jahre alt. Vor eineinhalb Jahren

flüchtete er mit seiner Mutter und drei Brüdern

aus Afghanistan, weil sein Vater von einem Warlord,

einem militärischen Anführer, ermordet wurde und

zwei seiner Brüder in einem Privat-Gefängnis

landeten. „Wir konnten dort nicht mehr leben“,

sagt Tameem.

Mit einem seiner Brüder ist er an einem Montagabend

ins Reutlinger Asylcafé in die Außenstelle nach Betzingen

gekommen. Das Asylcafé bietet neben der vor allem juristischen

Beratung und Deutschunterricht auch Übersetzungstätigkeiten,

Begleitung in Fragen des Alltags – etwa bei

Behördengängen oder bei der Wohnungssuche, sobald

die Flüchtlinge anerkannt sind. Der Asylantrag von Tameem

und seinen Brüdern ist mittlerweile anerkannt worden.

Sie wohnen also nicht mehr im „Lager“, wie der 23-Jährige

die Unterkunft im Industriegebiet in Reutlingen-Betzingen

nennt. Mehr als 240 Menschen leben dort in dem einstigen

Möbellager. Damit ist das Asylbewerberheim völlig überbelegt.

Tameem bemängelt die Zustände dort. Und nicht nur

er, auch Reutlingens Landrat Thomas Reumann weiß um die

miserablen Bedingungen dort. Bei der Feier zum 20-jährigen

Bestehen des Reutlinger Asylcafés Ende Juni vergangenen

Jahres hatte er die Notwendigkeit von dezentralen, kleineren

Einrichtungen im Landkreis betont. Allerdings muss sich

nach den Worten von Günter Jung erst einmal die Grundhal-

tung der Politik ändern – dass nämlich Flüchtlinge nicht

mehr abgeschreckt werden sollen. Sondern dass man

sie in diesem Land willkommen heißt.

„Eigentlich ist es eine Schande, dass es

das Asylcafé gibt“, sagt der ehemalige Sozialrichter,

der vor 20 Jahren diese Einrichtung

mit begründet hatte.

Das war zu den Zeiten, als Pflastersteine auf Asylunterkünfte

flogen und der Ausländerhass vor allem im Osten der Republik

grausame Blüten trieb. Aber eben nicht nur im Osten,

sondern auch hier in Pfullingen und Reutlingen.

Tameem nennt die heutigen Missstände in dem „Lager“

beim Namen: In einem einzigen kleinen Zimmer hatten sie

„Das Asylcafé bietet

neben der vor allem juristischen

Beratung und

Deutschunterricht auch

Übersetzungstätigkeiten,

Begleitung in Fragen des

Alltags ...“


zu fünft gehaust, für 80 Personen gab es nur zwei Toilettenanlagen

mit jeweils fünf Klos für Frauen und fünf für Männer.

Die Frage nach der Hygiene stellt sich dann nicht mehr.

Eine Gemeinschaftsküche für knapp 90 Menschen

aus den unterschiedlichsten Nationen

und Kulturen – Tameem bezeichnet das als

„a great challenge“.

Man könnte sie anstatt „Herausforderung“ auch „Zumutung“

oder gar „unmenschlich“ nennen. Denn: Hinzu komme, dass

viele Familien in der Unterkunft sind, aber auch zahlreiche

junge Männer. Von denen würden viele nachts Alkohol trinken,

bis weit in die Morgenstunden laut Musik hören, reden, „ohne

dass sie an die Kinder denken, die früh morgens zur Schule

gehen“.

Was Tameem nun nach der Anerkennung machen will?

Sechs Semester hatte er in Afghanistan Medizin studiert.

Er hofft auf ein Stipendium, so dass er in einem englischsprachigen

Land sein Studium fortsetzen könnte. Aber einfach

wird das wohl nicht werden, gesteht er sich selbst ein.

Ein anderes Beispiel junger Menschen, die ins Asylcafé

kommen, ist Halit Mamuti. Er ist 22 Jahre alt, „aber eigentlich

kein typisches Beispiel für die Flüchtlinge hier“, sagt Günter

Jung. Nach kurzem Überlegen fügt er hinzu:

„Den typischen Flüchtling gibt es doch gar nicht.“

Jeder Mensch sei anders und genauso individuell

wie sein „Fall“.

Halit Mamuti ist als Kleinkind mit seiner Familie nach

Deutschland gekommen. Der Kosovo-Krieg hatte sie vertrieben,

sie hofften auf ein Leben ohne Angst in Deutschland.

15 Jahre hatten die Mamutis zum größten Teil in Pfullingen

gelebt, als die Abschiebung drohte. Sie flohen nach Frankreich,

lebten dort zwei Jahre, kamen dann zurück. Weil ihnen

in Aussicht gestellt wurde, dass sie hier bleiben dürften, sagt

Halit. Er ist in Deutschland aufgewachsen, hat hier die Schule

besucht, eine Ausbildung zum CNC-Fräser angefangen und

in Frankreich beendet. Seit einem Jahr sitzen er und seine

Familie in der unsäglichen Asylbewerberunterkunft in

Reutlingen-Betzingen. Sieben Personen in zwei kleinen

Zimmern. Arbeiten darf er nicht, weil ihm die Papiere fehlen.

Die Abschiebung hängt wie ein Damokles-Schwert über der

Familie, weil „die Altfallregelung auf sie nicht zutrifft“, sagt

Sigrid Godbillon als engagierte Helferin im Asylcafé.

Glück kennt keine Behinderung Reportage 37

v. l. n. r.: Hamit Mamuti, Sigrid Godbillon. Im Hintergrund stehend: Günter Jung.

Weil die Familie Mamuti zwei Jahre in Frankreich war, haben

die 15 Jahre zuvor in Deutschland keine Bedeutung mehr.

Und sie können als Ashkali jederzeit zurück ins Kosovo

geschickt werden. „Roma aus dem Kosovo kriegen vielleicht

die Anerkennung hier, aber Ashkali auf keinen Fall“, weiß

Godbillon.

Was sind das für Lebensbedingungen? Auch angesichts

des Fachkräftemangels hier? „Mein größter Wunsch wäre

ein Arbeitsplatz, damit ich nicht mehr vom Sozialamt abhängig

bin“, sagt Halit. Er darf aber nicht arbeiten. Was er den

ganzen Tag macht? „Ich habe ein paar Freunde, wir gehen

viel spazieren.“ Viel Geld haben sie eh nicht, auch wenn ihnen

nun der Hartz-IV-Satz zuerkannt wurde. Vorher hatten sie

gerade mal 40 Euro Taschengeld pro Monat.

All die Schicksale hier im Asylcafé auszuhalten, ist nicht

einfach, sagt Günter Jung. „Das setzt Nähe und Distanz

gleichzeitig voraus, es ist ein Balanceakt“, betont er.

So manche Mitarbeiterin und mancher Mitarbeiter habe das

im Lauf der Jahrzehnte nicht ausgehalten. Das Mitleid mit

den Flüchtlingen habe sie überwältigt und sie mussten die

Tätigkeit aufgeben. Obwohl die verbliebenen Asylcafé-Aktiven

sich größte Mühe geben und der Tübinger Rechtsanwalt

Manfred Weidmann den Flüchtlingen mit juristischem Rat in

den viel zu langen Asylverfahren zur Seite steht – wirklich

willkommen können sich die Asylbewerber unter den vorherrschenden

Bedingungen in Reutlingen wohl kaum fühlen.

Ist es dann ein Trost, wenn Tameem sagt „we are still alive“?

Immerhin leben wir noch.

Norbert Leister


38 Projekte Glück kennt keine Behinderung

Altenpflegeheim mit

Spielzeug-Sammelaktion

Die Aktion „Kinderspiel“

Zum Weltkindertag im September sind vom

Puzzle über Bücher, Lern- und Geduldsspiele,

Musik-CDs und sogar ein Schaukelpferd im

Diakonie- und Tafelladen Weinsberg ange-

kommen.

Möglich gemacht hat das die Spielzeug-Sammelaktion

eines Altenpflegeheims. Über 40 Umzugskartons kamen

zusammen. Ein Organisationsteam sichtete die Spenden

und sortierte sie nach Alter vom Kleinkind bis zu 15 Jahren

Was beim Pflegeheim gesammelt und verpackt wurde ...

sowie nach Jungen und Mädchen. Bewohnerinnen und

Bewohner prüften im Rahmen der Beschäftigungstherapie

die Spiele und Puzzle auf ihre Vollständigkeit und verpackten

sie dann in schöne Päckchen. Die ehrenamtlichen Mitarbeitenden

haben den Kindern von Kunden des Tafelladens

eine Freude gemacht. Die Diakonische Bezirksstelle Weinsberg

hat über 100 Tafelberechtigungsausweise für Familien

ausgestellt, davon betroffen sind rund 200 Kinder.

Ursula Richter, Diakonische Bezirksstelle Weinsberg

... haben Ehrenamtliche an Kinder von Tafelkunden verteilt.


Diakonie trifft Gastronomie

Begegnung im Café Mozart

Diakonie trifft Gastronomie: Das Diakonie-Café

Mozart im ersten Stock des Wirtshauses Amadeus

in Heidenheim lädt ähnlich wie die Vesperkirchen

gerade auch Menschen ein, die sich den Besuch

in einem Gasthaus mit guter Küche nicht leisten

können.

An jedem ersten und dritten Montag – mit Pausen zwischen-

durch – werden Tagesessen und Vesper, Kaffee und Kuchen

sowie alkoholfreie Kaltgetränke zu moderaten Preisen angeboten.

Für jeden Café-Tag ist ein einstündiger kultureller

Themenschwerpunkt mit Überraschungsgästen vorgese-

Glück kennt keine Behinderung Projekte 39

hen, ein geistlicher Impuls regt zum Nachdenken ein. Mitarbeitende

von Diakonie und Kirche sind als Gesprächspartner

dabei. Jugendliche eines Jugendtreffs haben sich als

Erste dazu bereit erklärt, beim Diakonie-Café zu bedienen.

Weitere Kooperationspartner unterstützen den Cafébetrieb.

Die Idee entstand in einem Gespräch des Geschäftsführers

des Diakonischen Werks Heidenheim mit dem Pächter des

Amadeus. Beide wollen es allen Menschen ermöglichen,

eine Auszeit vom Alltag zu nehmen, in Gemeinschaft gut

zu essen, etwas zu erleben und Beziehungen zu knüpfen.

Frank Rosenkranz, Diakonisches Werk im Evangelischen Kirchenbezirk

Heidenheim

Ins heimelige Amadeus ... ... sind auch Menschen mit geringem Einkommen eingeladen.


40 Projekte Glück kennt keine Behinderung

Familien stärken und

unterstützen

Aktion „Sulzer Sonnenstrahl“

Die Diakonische Bezirksstelle Sulz hat in Zusammenarbeit

mit der evangelischen Kirchengemeinde Sulz den „Sulzer

Sonnenstrahl“ ins Leben gerufen. Ziel dieser Aktion ist es,

Familien und insbesondere die Kinder zu stärken und zu

unterstützen. Über das Jahr verteilt werden innerhalb dieser

Aktion verschiedene Projekte angeboten. So wurden im

vergangenen Jahr am Anfang der Badesaison 20 Bädererlebniskarten

an Kinder verlost. Die Kinder konnten diese Karten

in den umliegenden Freibädern einlösen.

Als nächstes stand die Überlegung an, Familien mit schulpflichtigen

Kindern bei der Beschaffung der zu Beginn des

neuen Schuljahres notwendigen Materialien zu unterstützen,

die Aktion „Guter Schulstart“ entstand. Dank einer weiteren

großzügigen Spende aus der Gemeinde konnten dann statt

20 insgesamt 30 Einkaufsgutscheine für Schulmaterial im

Wert von jeweils 30 Euro an schulpflichtige Kinder weitergegeben

werden.

Jutta Schäfer, Diakonische Bezirksstelle Sulz am Neckar

Eine soziale Idee verwirklichen

CAP-Lebensmittelmärkte

sind „Lebensmittelpunkt“

In CAP-Lebensmittelmärkten arbeiten behinderte mit nicht

behinderten Menschen zusammen. CAP leitet sich ab vom

Wort Benachteiligung, auf Englisch „Handicap“. CAP steht für

ein soziales Konzept, das die Arbeitssituation von behinderten

und anderen benachteiligten Menschen nachhaltig verbessert

und ihnen Chancen, Hoffnung und Perspektiven auf dem allge-

meinen Arbeitsmarkt bietet.

CAP-Lebensmittelmärkte sichern die wohnortnahe Versorgung

und schließen die Versorgungslücken, die durch das Abwandern

von Lebensmittelmärkten in den städtischen Randbezirken

entstanden sind. Das ist besonders für die Bürgerinnen und

Bürger wichtig, die einen Laden benötigen, den sie zu Fuß

erreichen können. Die Bereitstellung eines Vollsortiments in

Wohnortnähe dient darüber hinaus der Entwicklung des

Gemeinwesens, bildet einen „Lebensmittelpunkt“ und fördert

den sozialen Zusammenhalt der Bürger. Älteren Menschen,

die ihre Waren nur schwerlich nach Hause tragen können, wird

ein Lieferservice ab einem Warenwert von 20 Euro angeboten.

Der begleitete Einkauf ist ein Serviceangebot für Kunden die

sich nicht so gut allein im Markt zurechtfinden oder einfach

eine Tragehilfe brauchen. Das gemeinnützige diakonische

Sozialunternehmen Neue Arbeit betreibt einen CAP-Lebensmittelmarkt

in Mannheim-Lindenhof und neun weitere in Baden-

Württemberg. 50 Prozent der Mitarbeiter bei CAP sind schwerbehindert.

In Unternehmen der freien Wirtschaft sind durchschnittlich

4,3 Prozent Schwerbehinderte beschäftigt.

Weitere Informationen unter www.neuearbeit.de/cap-lebensmittelmärkte.

Jörg Moosmann, Neue Arbeit


Integranz bittet zum Tanz …

Veranstaltungsreihe bringt

Nationalitäten zusammen

Integration und Toleranz gehören zusammen – das ist der

Grundansatz der ganzjährigen Veranstaltungsreihe, die im

nordbadischen Wertheim vom Diakonischen Werk Main-

Tauber-Kreis koordiniert wird. Jugendliche mit und ohne

Migrationshintergrund erleben dabei unmittelbar Gemeinschaft,

indem sie miteinander lachen, reden, tanzen, Theater

spielen und Musik machen – deutliche Zeichen gegen Gewalt

und Rassismus.

Zum Beispiel beim Projekttag mit der Gruppe „Instant Acts“

in Bestenheid. Sie sind ein Team junger Künstler aus Burkina

Faso, Kroatien, Brasilen und vielen anderen Teilen der Erde.

Mit verschiedenen Workshops heizen die jungen Akrobaten,

Musiker und Kampfsportler den Wertheimer Schülern bereits

am Nachmittag ordentlich ein. Damit steigern sie die Vorfreude

auf das große Spektakel am Abend. Jeder Künstler ist

Experte auf seinem Gebiet. Unter ihnen sind Trommler,

Pantomime-Künstler, Freestyle-Tänzer, Sänger, Theaterschauspieler

und sogar Beatboxer. Ihre Techniken und ihr

Wissen vermittelten sie den Jugendlichen bei den Kursen.

Die Mädchen und Jungen sind davon mehr als begeistert.

Glück kennt keine Behinderung Projekte 41

Das ist ihnen anzusehen. „Instant Acts“ bietet eine action-

geladene Mixtur aus Theater, Musik und Tanz, gepaart mit

durchdachten Botschaften. Eine davon: „Im Grunde sind wir

doch alle gleich, auch wenn wir manchmal so verschieden

sind. Jeder Mensch hat seine Wurzeln. Auf einem bestimmten

Kontinent, in einem Land, in seiner Heimatstadt oder seinem

Heimatdorf.“ Das zeigen die Künstler von „Instant Acts“ gleich

zu Beginn ihrer Show: Jeder kommt mit einem Fähnchen

seines Heimatlands auf die Bühne gestürmt. Gemeinsam

feiern sie dann mit ihren Gästen eine große Willkommens-

Party. Schon die erste Nummer der vielen verschiedenen

Einzelaufführungen bleibt sicherlich im Gedächtnis der

Zuschauer hängen: Mitten in der Nacht fegt der kroatische

Straßenkehrer einen Festplatz. Plötzlich hört er seltsame

Klänge. Hinter einer großen Absperrung entdeckt er einen

Musiker aus Burkina Faso mit einem seltsam anmutenden

Instrument. Beide erschrecken sich. Verständigen können

sie sich nicht. Keiner spricht die Sprache des anderen. Wenig

später musizieren sie gemeinsam. Über die Musik haben sie

eine gemeinsame Basis gefunden. Musik ist eben international

und bietet keinen Platz für Vorurteile und Fremdenhass.

Schirmherrin der Veranstaltungsreihe ist Bilkay Öney, die Integrationsministerin

des Landes Baden-Württemberg.

Diakonisches Werk im Main-Tauber-Kreis


42 Projekte Glück kennt keine Behinderung

Unterstützung für

die Einschulung

Aktion: Schulranzen für Janne

Die Einschulung eines Kindes ist eine sehr teure Angelegenheit,

besonders für finanziell benachteiligte Familien.

Eine vernünftige Erstausstattung ist nicht nur für den Einstieg

in den „Ernst des Lebens“ wichtig und verbessert die

Bildungschancen eines Kindes. Ranzen, Mäppchen und Co.

sind auch Zeichen des Dazugehörens. Da hilft die Aktion

„Schulranzen für Janne“ des Diakonischen Werks Heidelberg.

Eltern mit wenig Geld bekommen hier unbürokratisch

für ihre ABC-Schützen einen Gutschein über 75 Euro für die

Erstausstattung. Dazu zählen ein Schulranzen, Mäppchen,

Hefte, Turnutensilien und vieles mehr. Eine Antragstellung

ist nicht notwendig, es genügt der Nachweis über den

Arbeitslosengeld-II-Bezug oder der Heidelberg-Pass.

Die Eltern werden über die Flyer „Ihr Kind kommt diesen

Herbst in die Schule? Aktion: Schulranzen für Janne“ informiert.

Neben einer deutschen Version werden auch Flyer

in anderen Sprachen wie türkisch, englisch oder russisch

in Kindertageseinrichtungen und anderen Orten verteilt.

Die Gutscheine können dann in der Sprechstunde des

Diakonischen Werkes Heidelberg abgeholt werden.

In der Galeria Kaufhof erhalten die Familien den Schulbedarf,

indem sie den Gutschein einlösen. Und schon kann

der Unterricht losgehen! Diese Aktion hilft schnell und

spürbar. Sie leistet einen Beitrag zur Chancengleichheit

von Kindern. Von hilfebedürftigen Familien wird sie sehr

gerne angenommen, da die finanzielle Förderung über

das staatliche Bildungs- und Teilhabepaket nicht ausreicht.

Im Jahr 2012 konnten 119 Kinder davon profitieren. Die Eltern

sind sehr dankbar für diese konkrete Hilfe. Oft ergeben sich

aus dem Erstkontakt Folgeberatungen mit den Familien.

Evangelische Kirche Heidelberg und Diakonisches Werk Heidelberg


Lebensmittel und Geschenke

Menschen mit geringem

Einkommen

Weihnachten im Tafelladen

Bei manchen Familien reicht das Einkommen nicht einmal

für das Notwendigste – das ist Alltag in der Lauda-Königshofener

Tafel. Sie versorgt das ganze Jahr über viele Familien

mit qualitativ einwandfreien Lebensmitteln, die im regulären

Handel aussortiert werden.

Für kleine Geschenke an die Kinder zu Weihnachten bleibt

in diesen Familien nicht mehr viel übrig. Eine große Freude

ist es, den Sonderausgabetag für Spielwaren mitzuerleben.

30 ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen setzen

sich dafür ein. Tafelkunden finden hier für ihre Kinder, Enkel

und Freunde Geschenke, die von Vereinen, Organisationen,

Kindergärten und Privatpersonen gespendet wurden.

Alle ausrangierten Spielzeuge, Bücher, Kuscheltiere oder

Haushaltsgegenstände finden neue Besitzer – welch eine

Vorfreude auf Weihnachten. Allen ist gedient – sowohl den

Tafelkunden als auch unserer Umwelt, denn so kann Vieles,

das kaum noch Beachtung fand, zu einem neuen Leben in

Kinderhand erweckt werden.

Mitarbeitende der Lauda-Königshofener Tafel

Glück kennt keine Behinderung Projekte 43


44 Sammlungshinweise Glück kennt keine Behinderung

Regeln fürs Sammeln

Die wichtigsten Informationen

Sammeln – aber wie?

Informieren Sie die örtliche Presse über die Haus-

oder Straßensammlung und verteilen Sie Plakate

(z. B. in Geschäften).

Besuchen Sie im Vorfeld gemeinsam eine diakonische

Einrichtung oder laden Sie jemanden von der Diakonie

zu sich ein.

Kündigen Sie die Sammlung in den Gottesdiensten

und in den Gemeindebriefen an und stellen Sie Ihre

Sammlerinnen und Sammler vor.

Informieren Sie sich über die Lebensgewohnheiten

der Menschen, die Sie besuchen. Wo vornehmlich

Berufstätige wohnen, werden Sie vormittags vergeblich

anklopfen.

Je überschaubarer Ihr Gebiet, desto motivierter

können Sie auftreten.

Manchmal ist es hilfreich, Opfertüten und Info-Material

schon eine Woche vor dem Sammeln zu verteilen und

später abzuholen. Die Besuchten können sich so schon

auf Ihr Kommen vorbereiten.

Nehmen Sie den Spenderinnen und Spendern

Informationsmaterial mit.

Sie sind jemand, der Anderen hilft und kein Drücker!

Treten Sie fröhlich, herzlich und überzeugt auf.

Nehmen Sie ein „Nein“ nicht persönlich! Es gibt viele

Gründe, nicht zu spenden – Sie sind bestimmt nicht

der Grund!

Tauschen Sie sich vor und nach der Aktion aus.

Geben Sie dabei Ihre Erfahrungen auch an Ihren Pfarrer/

Ihre Pfarrerin weiter, oder wenden Sie sich direkt an die

Diakonie Württemberg oder die Diakonie Baden.

Da es sich bei der Sammlung zur Woche der

Diakonie um eine Sammlung handelt, die für alle

Beteiligten transparent ablaufen und kritischen

Nachfragen standhalten soll, gilt es einige Regeln

einzuhalten, damit alles seine Richtigkeit hat.

Hier die wichtigsten Informationen:

- Sammlungslisten und Sammlerausweise erhalten

Sie von Ihrem Pfarramt.

- Die Sammlungslisten sollten fortlaufend nummeriert sein.

- Ihr Sammlerausweis ist vom Pfarramt vollständig

auszufüllen und von Ihnen bei der Sammlung mitzuführen.

- Sammelbüchsen sollten verplombt sein.

- Nehmen Sie die Spendentütchen nur geschlossen

entgegen, damit kein Geld herausfallen kann.

- Der Eintrag des Namens der Spenderin oder des

Spenders und deren Unterschrift sind freiwillig.

Drängen Sie niemanden.

- Der gespendete Betrag muss auf der Liste vermerkt

werden (Ausnahme: verschlossene Tütchen!).

- Fragen Sie, ob eine Spendenbescheinigung gewünscht

wird. Wenn ja, muss die Adresse auf der Liste bzw. im

Tütchen vermerkt sein.

- Da es sich um eine öffentliche Sammlung handelt,

wendet sich die Woche der Diakonie an alle Menschen,

nicht nur an evangelische Gemeindeglieder!


Medienempfehlungen

Filme zur Inklusion

Kurzfilme

Behinderung

Accompagnato – Die Kunst des

Begleitens oder „So geht des!“

Musikerinnen und Musiker eines klassischen Sinfonieorchesters

treffen sich über mehrere Monate hinweg regelmäßig

mit geistig behinderten Musikern, Schauspielerinnen, Dichtern

und Performerinnen. Die Orchestermusiker horchen sich ein in

unnachahmliche Stimmen und suchen nach passenden Tönen

zu höchst individuellen Ausdrucksformen. Kurzum: Sie üben

sich in einer Kunst, die zwar jedem Musiker geläufig ist, die

aber selten so intensiv praktiziert wird wie hier – die Kunst des

Begleitens. Der Komponist und Interaktionskünstler Bernhard

König leitete diese Begegnung an und entwickelte gemeinsam

mit allen Akteuren eine Originalkomposition, die viele eigene

Einfälle und Improvisationen der Mitwirkenden aufgriff und

sich ganz in den Dienst der Solisten und ihrer besonderen

Fähigkeiten und Ausdrucksqualitäten stellte.

Der Film dokumentiert die Zeit während der Entstehung bis

zur Uraufführung des Stücks.

DVK947, Alex K. Müller, Deutschland 2010, 57 Min., f., Dokumentarfilm,

ab 16 Jahren

Glück kennt keine Behinderung Medienempfehlungen 45

Behinderung und Arbeit

Dokumentationen über junge Menschen mit unterschiedlichen

Behinderungen zum Thema Ausbildung und Arbeit. Die Filme

beschreiben, wie sie arbeiten, welchen Wert die Arbeit für sie

hat und was ihre Perspektive ist.

1. „Endlich frei“ (25 Min.). Ein Film über Jugendliche mit geistiger

Behinderung zwischen Schule und Beruf. Jugendliche der

Abschlussklasse einer Förderschule werden bei ihrem Übergang

von der Schule in die Arbeitswelt begleitet. Es wird

gezeigt, welche Vorstellungen und Erwartungen die SchülerInnen

an ihre Zukunft haben. Welche Berufswünsche haben sie,

und wie sieht dann die Realität nach der Schule aus?

2. „Und jetzt?“ (25 Min.). Ein Film über Jugendliche mit körperlicher

Behinderung zwischen Schule und Ausbildung. Portraitiert

werden vier körperbehinderte Jugendliche, die dem Übergang

zwischen Schule und Beruf mit gemischten Gefühlen

gegenüber stehen. Sie stellen sich Fragen wie:

Wo und was kann ich mit meiner Einschränkung arbeiten?

Wieviel Geld kann ich verdienen? Bekomme ich überhaupt

einen Ausbildungsplatz?

3. „Dass man weiß, dass man gebraucht wird“ (21 Min.).

Wie werden Jugendliche mit körperlichen Einschränkungen

in einem Berufsbildungswerk ausgebildet? Der Film portraitiert

Natascha, Bryar, Ireni und Daniel bei ihrer Ausbildung bzw.

berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme im Berufsbildungswerk

Volmarstein. Die vier zeigen, wie wichtig es für sie ist,

einen Beruf zu erlernen, um auf eigenen Beinen zu stehen und

ein „normales Leben“ zu führen.

4. „Arbeiten ist Arbeit“ (40 Min.). Portraits aus der Werkstatt

für behinderte Menschen. Die Dokumentation zeigt die Arbeit

in den verschiedenen Bereichen von Behindertenwerkstätten

anhand von sechs jungen Menschen mit Behinderungen.

Neben den Portraits ihrer jeweiligen Arbeitssituationen erzählen

sie, warum Arbeit für sie wichtig ist und über Themen

wie Kollegen, Einkommen, Ziele, Selbstverwirklichung.

DVK976, Medienprojekt Wuppertal, Deutschland 2010, 111 Min., f.,

DVD mit 4 Dokumentarfilmen, ab 14 Jahren


46 Medienempfehlungen Glück kennt keine Behinderung

Das Leben ist eine Reise

Lebenswege von Menschen mit Behinderung – Sechs ältere

Menschen sollten in diesem Filmprojekt die Möglichkeit erhalten,

„Stationen ihres Lebens“ wiederzugeben und Orte aus

früheren Lebensphasen aufsuchen zu können. Dabei sollten

die jeweils eigenen Lebensformen und die eigene Lebensleistung

der ganz unterschiedlich behinderten Menschen

bewusst gemacht werden. Aus den 20 beteiligten Porträts

wurden sechs Frauen und Männer aus den Jahrgängen 1926

bis 1953 für den Film ausgewählt. Die Protagonisten haben

dabei selbst den Verlauf des Drehbuchs gesteuert.

Die Menschen leben in drei verschiedenen Einrichtungen

der diakonischen Behindertenhilfe in Württemberg.

DVK1039, Lars-Gunnar Lotz, Deutschland 2011, 49 Min., f.,

Dokumentarfilm, ab 14 Jahren

Das Leben ist kein Wunschkonzert

Die Furcht, ein behindertes Kind, beispielsweise mit dem

Down-Syndrom, zu bekommen, belastet viele werdende

Eltern. Doch was bedeutet es wirklich, mit Down-Syndrom in

der Familie zu leben? Welche Chancen und Möglichkeiten

bestehen für die behinderten Kinder? In seiner neuesten

Dokumentation stellt Filmautor Michael Aue betroffene Familien

und ihren Alltag vor. Authentisch werden ihre Erfahrungen

gezeigt: angefangen bei Jakob, der erst vor drei Monaten

zur Welt kam bis hin zu Bernd, der nun 29 Jahre alt ist und

sogar einen Arbeitsplatz finden konnte. In den Gesprächen

mit Eltern, Geschwistern und den Betroffenen wird deutlich,

wie Verzweiflung mit Hoffnung und Glück korrespondieren

kann.

DVK932, Michael Aue, Deutschland 2010, 28 Min., f.,

Dokumentarfilm, ab 14 Jahren

Down-Syndrom in Bewegung

Vieles hat sich getan in den letzten Jahren rund um das

Thema Down-Syndrom. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

ermöglichen eine bessere medizinische Versorgung

sowie eine gezieltere Förderung und tragen auch zu einem

besseren Verständnis für Menschen mit Down-Syndrom

bei. Integration und Inklusion bewirken allmählich, dass

die Gesellschaft sich Menschen mit DS gegenüber öffnet.

Der Mensch mit DS selbst steht nicht mehr am Rande,

sondern erobert sich allmählich den Platz, der ihm zusteht,

im Kindergarten, in der Schule, im Freizeitbereich und am

Arbeitsplatz. Auch überall dort gerät vieles in Bewegung.

Der Film gibt einen Einblick in die Welt von Menschen mit

DS und zeigt, welche Möglichkeiten und Perspektiven sie

inzwischen haben, was sie bewegt und wie sie sich heute

selbst in der Gesellschaft bewegen.

DVK865, Michael Aue, Deutschland 2009, 35 Min., f., Dokumentarfilm,

ab 14 Jahren Auf der DVD befindet sich zusätzlich ein 7-minütiges Porträt

des Deutschen DownSyndrom InfoCenters.

Inklusion: Gemeinsam

für gleiche Rechte

Noch vor wenigen Jahrzehnten war es üblich, Menschen

mit Behinderungen von den meisten Bereichen des gesellschaftlichen

Lebens auszuschließen. Der Besuch einer

Regelschule war für Kinder mit sonderpädagogischem

Förderbedarf nicht vorgesehen. Ebenso blieben dem

Großteil der behinderten Erwachsenen der Eintritt in den

ersten Arbeitsmarkt versperrt. Auch im privaten Bereich

mussten Behinderte enorme Hürden überwinden. Barrierefreies

Wohnen war lange Zeit auf Heime beschränkt. Zwar

leben behinderte Menschen noch immer unter erschwerten

Bedingungen, doch mittlerweile werden sie besser und

engagierter sozial integriert. Dies ist auch der Verbreitung

des Konzepts der Inklusion zu verdanken. Inklusion bedeutet

den Einschluss aller Menschen in die Gesellschaft.

Der gemeinsame Unterricht oder das gemeinsame Arbeiten

aller Kinder und Arbeitnehmer wird als selbstverständlich

erachtet, die Unterscheidung zwischen Behinderten und

Nicht-Behinderten für obsolet gehalten. Sonderschulen

sind in diesem Konzept ebenso wenig vorgesehen wie

große Heime. Wenngleich das Modell der Inklusion breite

Anerkennung erfahren hat, ist seine Umsetzung noch

nicht allzu weit fortgeschritten. So werden auch heute

noch die meisten beeinträchtigten Kinder in Sonderstatt

in Regelschulen unterrichtet. Die 5 Kapitel dieser DVD

stellen anhand zentraler Lebensbereiche dar, wie Inklusion

funktionieren kann:

Kap. 1: Schule und Grundschule / Kap. 2: Studium und

Beruf / Kap. 3: Integratives Wohnen / Kap. 4: Urlaub und

Freizeit / Kap. 5: Partnerschaft.

DVK1140, Doro Wiebe u.a., Deutschland 2010, 45 Min., f.,

Dokumentarfilm, ab 16 Jahren


London liegt am Nordpol

Seit einem Unfall in seiner Kindheit ist der 15-jährige Peter

geistig behindert. Er kann nicht lesen und schreiben, kann

keine Ausflüge ohne seine Mutter machen und hat kaum

Kontakt zu Gleichaltrigen. Gerade in einer Lebensphase, in

welcher andere Jugendliche über ihre Berufswahl nachdenken

oder erste Beziehungen eingehen, wird Peter klar, dass

er ein Außenseiter ist. Durch seine Comics flüchtet er sich in

eine Phantasiewelt und träumt davon, wie sein Idol „Spiderman“

Großes zu bewegen, um die Anerkennung seines

Umfelds zu erlangen. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Als Peter an einem Sommernachmittag in einem idyllischen

Freibad auf die 13-jährige Laura trifft, versucht er Anschluss

an deren Clique zu finden. Zwar führen seine Versuche nicht

zum Erfolg, aber er macht eine realistische Entwicklung

durch.

DVK899, Achim Wendel, Deutschland 2009, 19 Min., f.,

Kurzspielfilm, ab 12 Jahren Prädikat „Besonders wertvoll“.

Testfahrer

Volkmar Kirschbaum hat MS, Arthrose, Diabetes, einen

Herzinfarkt und Krebs, um nur einige Krankheiten zu nennen.

Bei dieser Diagnose verliert man normalerweise seine Lebensfreude

– aber nicht der 69-jährige Rollstuhlfahrer, der trotz dieser

Schicksalsschläge seinen Charme nicht verloren hat. Nach 43

glücklichen Ehejahren verstarb vor fünf Jahren zudem seine

Ehefrau an Krebs, seither lebt Volkmar Kirschbaum allein.

Täglich besucht der Witwer sie auf dem Friedhof – ohne Aus-

Glück kennt keine Behinderung Medienempfehlungen 47

nahme. Und trotz seiner Beeinträchtigungen hat er seinen Optimismus

und Humor nicht verloren. Auch deshalb gibt es für ihn

immer einen Grund, mit dem Rollstuhl unterwegs zu sein. Da

wundert es kaum, dass ihn in Mühlhausen scheinbar jeder kennt.

DVK1144, Florian Arndt, Deutschland 2012, 24 Min., f.,

Dokumentarfilm, ab 14 Jahren

Migration

Aufbruch in ein fremdes Land –

Migrantinnen erinnern sich

Der Film behandelt das aktuelle Thema der Integration von

ausländischen Mitbürgern am Schicksal von drei Arbeitsemigrantinnen,

die mit der ersten Gastarbeiterwelle in den 60er

Jahren nach Deutschland kamen. Die drei Frauen, eine Italienerin,

eine Spanierin und eine Türkin, sind Beispiele gelungener

Integration. Deutlich erkennbar sind im Film die typischen

Probleme des Lebens der Migrantinnen in bzw. zwischen

zwei Kulturen, aber auch die heute oft vergessenen, überraschenden

wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen in

den Herkunftsländern und in Deutschland selbst.

DVK212, Sigrid Sünkler/Dieter Oeckl, Deutschland 2005 (FWU)

22 Min., f., Dokumentarfilm, ab 14 Jahren

Einfache Fahrt –

Eine Migrationsgeschichte

Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms steht der 13-jährige

Sidi. Er ist der älteste Sohn einer Tuareg-Familie, die

durch die Arbeitssuche des Vaters auseinandergerissen

wurde. Bald kann der Vater Frau und Kinder nach Norditalien

holen. Nur der jüngste Sohn Alkassoum muss zunächst

noch in der Wüste bei seinen Großeltern bleiben,

wo er Ziegen hütet. Später kommt auch er nach Italien.

Sidi will Journalist werden. Er zeigt mit Hilfe seiner Kamera,

was das Leben in zwei verschiedenen Kulturen, was Trennungen

und Veränderungen für die Menschen bedeuten.

Am meisten bewegt ihn die Frage: Wo ist mein Platz und

meine Zukunft?

DVK1134, Fabio Caramaschi, Italien 2010, 30 Min., f.,

Dokumentarfilm, ab 14 Jahren


48 Medienempfehlungen Glück kennt keine Behinderung

Land gewinnen

20 Min., f., Kurzspielfilm

Micha möchte so sein wie alle Jungen. Deshalb freut er sich

schon auf seine Einschulung. Die Sache hat nur einen Haken:

Seine Eltern leben seit sieben Jahren illegal in Deutschland.

Ein normaler Schulbesuch ist eigentlich nicht möglich.

Dennoch versucht Vater Andrej alles, die Zukunft seines

Kindes zu ebnen – selbst auf die Gefahr hin, ausgewiesen

zu werden.

DVK615, Marc Brummund, Deutschland 2006, ab 10 Jahren

Spezialpreis des Deutschen Kinderhilfswerks bei der Berlinale 2007.

Arbeitslosigkeit

„Re-cycling“ oder die Chance

auf ein Leben in Würde

Der Titel ist Programm. Auf dem Fahrrad-Recyclinghof in

Berlin-Neukölln werden nicht nur kaputte Drahtesel repariert

und neu zusammengeschraubt. In dieser Werkstatt finden

Menschen, die sich „ausrangiert“ fühlen, wieder Wertschätzung.

Die Beschäftigungsagentur Berlin-Neubrandenburg

hat das Projekt initiiert und arbeitet inzwischen mit der

Aktion „Rad statt ratlos“ der Diakonie zusammen. Langzeit-

arbeitslose ganz verschiedener Sparten können hier für eine

sogenannte „Mehraufwandsentschädigung“ von 1 Euro 50

pro Stunde handwerklichen Tätigkeiten nachgehen, sich fort-

bilden und wieder einen Rhythmus fürs Berufsleben entwikkeln.

Vor allem aber fühlen sie sich plötzlich gebraucht und

anerkannt, nicht nur in kleinen Erfolgserlebnissen bei der

Arbeit, sondern auch im Wissen darum, etwas Sinnvolles

zu tun. Denn die neu zusammengebastelten Räder gehen

für einen Minipreis an Bedürftige, damit auch die wieder

mobil sein können. Jakob Krüger und Frank Reichl zeigen

Menschen, mit denen es das Leben nicht immer gut

gemeint hat, in einem Umfeld, das ihnen neue Energie gibt.

DVK1096, Jakob Krüger/Frank Reichl, Deutschland 2010, 11 Min., f., Dokumentarfilm,

ab 14 Jahren. DVD-complett mit umfangreichem Zusatzmaterial

wie didaktisch-thematischen Bildreihen, Videoclips, Unterrichtsideen für

verschiedene Schularten und Klassenstufen, diversen Info- und Arbeitsmaterialien

für Lehrkräfte und Schüler/innen, kommentierte Medien- und Linktipps

u.v.m. Im Evangelischen Medienhaus auch käuflich zu erwerben.

Spielfilme

Ein Tick anders

Die 17-jährige Eva hat das Tourette-Syndrom, eine neuropsychiatrische

Erkrankung. Wenn sie einen „Schluckauf

im Gehirn“ hat, zuckt ihr Gesicht oder sie bombardiert ihr

Gegenüber mit obszönen Beschimpfungen. Dann empfindet

sich das hübsche Mädchen als „Freak“, als jemand,

der andere Menschen mit seinen Verhalten verstört oder gar

abstößt. Soziale Kontakte meidet Eva deshalb, die Schule

hat sie geschmissen. Unglücklich ist Eva aber nicht. Ihre –

etwas schrullige – Familie steht zu ihr und bei Streifzügen

durch den Wald ist sie ganz bei sich. Als Evas Vater erst

arbeitslos wird und dann einen neuen Job in Berlin findet,

ist ihre private Idylle bedroht. Damit sie nicht in die Großstadt

ziehen muss, will Eva selbst Geld verdienen, muss

dafür aber ihre Angst vor der Außenwelt überwinden.

DVS694, Andi Rogenhagen, Deutschland 2011 (FWU), 85 Min., f., Spielfilm,

ab 12 Jahren. In der Bibliothek kann unter der Signatur Afiu 103 filmpädagogisches

Begleitmaterial entliehen werden


Renn, wenn du kannst!

Ben, ein junger, querschnittsgelähmter Mann, und Christian,

sein Zivildienstleistender, werden Freunde. Eines Tages be-

gegnet ihnen die eigensinnige Cellostudentin Annika. Beide

verlieben sich sofort in sie. Annika ist hin- und hergerissen:

Zunächst fühlt sie sich zu dem fröhlichen, leichtfüßigen

Christian hingezogen. Ben glaubt, keine Chance bei ihr zu

haben; er geht davon aus, als körperbehinderter Mann nicht

attraktiv für sie zu sein. Doch dann kommt es anders. Er und

Annika kommen sich näher, auch körperlich. Zwischen ihnen

entwickelt sich eine Beziehung, die sie an ihre emotionalen

Grenzen stoßen lässt, beiden aber auch den Impuls versetzt,

über sich hinaus zu wachsen.

DVS642, Dietrich Brüggemann, Deutschland 2010, 112 Min., f., Spielfilm, ab

14 Jahren. Ein Heft mit Materialien für den Unterricht kann unter der Signatur

Afiu 43 in der Bibliothek entliehen werden.

Vincent will meer

Der am Tourette-Syndrom erkrankte Vincent wird nach dem

Tod seiner Mutter von seinem Vater, einem Lokalpolitiker, in eine

Fachklinik eingeliefert. Dort trifft er auf die magersüchtige Marie

und seinen zwangsneurotischen Zimmergenossen Alexander.

Da Vincent den letzten Wunsch seiner Mutter erfüllen möchte,

noch einmal das Meer zu sehen, fliehen die Drei aus der Klinik.

Sie stehlen das Auto von Frau Dr. Rose und fahren in Richtung

Italien. Die Asche seiner Mutter hat Vincent in einer Bonbondose

dabei. Vincents Vater macht sich zusammen mit Dr. Rose auf

die Suche nach den Dreien. Zuerst ist er nur darauf aus, seinen

Sohn, den er lieblos behandelt, wieder zurück in die Klinik zu

bringen, doch während der Zeit, die er mit der Ärztin verbringt,

entwickelt er neue Gefühle für ihn. Vincent, Marie und Alex

gelangen über Umwege und nach einem Konflikt zwischen

Vincent und Alex – Alex warnt Vincent vor Marie, in die dieser

sich verliebt hat, weil er sie nicht für liebensfähig hält – ans

Meer. Marie bricht wegen ihrer durch die Magersucht bedingten

Herzschwäche zusammen und kommt ins Krankenhaus.

Nachdem Vincent sich von der suizidgefährdeten Marie gelöst

hat, fahren er und Alex zusammen mit Dr. Rose und Vincents

Glück kennt keine Behinderung Medienempfehlungen 49

Vater in deren Autos wieder Richtung Deutschland. Unterwegs

bittet Vincent seinen Vater, ihn aussteigen zu lassen, und geht

allein zurück nach Triest, wo Marie nach Ihrem Herzanfall noch

immer im Krankenhaus liegt. Alex folgt ihm.

DVS630, Ralf Huettner, Deutschland 2010, 91 Min., f.,

Spielfilm, ab 14 Jahren Deutscher Filmpreis 2011.

Quelle: http://www.vincent.film.de/


Impressum

Herausgegeben zur Woche der Diakonie 2013

Diakonisches Werk der evangelischen Kirche

in Württemberg e. V.

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Das Diakonische Werk der Evangelischen

Landeskirche in Baden e. V.

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Redaktion

Claudia Mann,

Abteilung Presse, Kommunikation und Internationale Diakonie

Diakonisches Werk Württemberg

Autoren

Volker Erbacher, Joseline Gräbner-Reutter, Dagmar Kötting,

Roland Kohm, Norbert Leister, Jörg Moosmann, Ursula

Richter, Frank Rosenkranz, Dr. Joachim Rückle, Jutta

Schäfer, Frank Widmann

Fotos

Archiv, Diakonie Deutschland- Evangelischer Bundesverband,

Diakonie Heidenheim, Diakonie Heidelberg, Diakonie

Main-Tauber-Kreis, Diakonie Weinsberg, Joseline Gräbner-

Reutter, Lauda-Königshofener Tafel, Dagmar Kötting, Norbert

Leister, Neue Arbeit, Ursula Richter, Frank Rosenkranz,

Markus Zeile, Filmplakat: http://www.vincent.film.de/

Grafiksche Gestaltung

logo Werbeagentur, Stuttgart

Druck

J. F. Steinkopf Druck GmbH, Stuttgart

Dieser Ausgabe liegt ein Faltblatt „Türen öffnen – Brücken

bauen. Vom Glück, Gemeinde mit allen zu sein. Eine Tagung

zu Themen der Gemeindediakonie“ der Arbeitsgemeinschaft

Missionarischer Dienste, des Diakonischen Werks Württemberg

und der Brüdergemeinde Korntal bei.


Und das eine Subheadline Kapitelthema 51


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Glück kennt keine Behinderung Predigt 52

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