Lehrer heute - Didacta

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Lehrer heute - Didacta

didacta l Titelthema

Berufsprestige

Grundschullehrer:

4. Platz

Mit 33 Prozent Zustimmung belegen die

Grundschullehrkräfte auf der Berufs-Prestige

Skala des Allensbacher Instituts für Demoskopie

hinter den Ärzten, Geistlichen und

Hochschullehrern den vierten Platz.

(Allensbacher Berichte 2008

Nr. 2, S. 2)

Lehrer

heute

Die gesellschaftlichen Erwartungen an

die pädagogischen Fachkräfte sind

hoch: Fachwissen vermitteln ist längst

nicht mehr ihre Haupt aufgabe.

Was müssen Lehrerinnen und Lehrer

heute wirklich leisten können und

was brauchen sie?

© Fotos: zoommer, Monika Adamcyk, Anton Zhukov – Fotolia.com

„Wenn ich sage, dass ich Lehrerin bin, dann sind die Reaktionen

immer gleich“, erzählt die Realschullehrerin Fritzi Steinhilber.

„Die Leute sagen entweder: ‚Den Job würde ich nicht

machen wollen’ oder sie verweisen auf die vielen Ferien und

bezeichnen uns Lehrer als ‚faule Wanzen’“. Die Erwartungen

von Schülern, Eltern und Gesellschaft gegenüber den rund

800 000 Lehrern in Deutschland, gehen weit über das reine

Vermitteln von Fachwissen hinaus: Längst müssen Lehrer immer

häufiger auch Erziehungsaufgaben übernehmen.

Nur wenig Wertschätzung So viel Freude und Zufriedenheit

der Lehrerberuf auch bringen mag, so kann er auch an

den Kräften zehren. „Wenn Nachmittage und Wochenenden

mit Unterrichtsvor- und -nachbereitung verbracht werden,

lässt die Energie bis zu Beginn der nächsten Ferien massiv

nach“, berichtet die Realschullehrerin Simone Wagner. „Besonders

belastend ist das respektlose Verhalten vieler Kinder“,

erzählt sie weiter. „Viele Kinder nehmen uns Lehrer gar

nicht ernst. Den Eltern scheint das oft egal zu sein, aber wir

müssen das ausbaden.“

Ein Spagat in der Klasse Kinder sollen individuell und entsprechend

ihrer Bedürfnisse in der Schule gefördert werden.

Ein Anspruch, dem Lehrer bei Klassenstärken von rund 30

Schülern schlicht nicht nachkommen können. Insbesondere

in Grundschulen finden sich unterschiedlichste Entwicklungsniveaus

und soziale Hintergründe, die Lehrern nicht selten

einen Spagat zwischen lernbehinderten und hochbegabten

Kindern abverlangt. Eine Herausforderung, die kaum ein

Lehrer meistern könne, so die Schulpsychologin Annegret

Hempel.

Während manche Lehrer mit Resignation auf die Dauerbelastung

reagieren, reiben sich andere auf. Idealismus

und der Wunsch doch etwas verändern zu können, treibt

sie von der Rolle des Lehrers in die Position des Sozialpädagogen.

Der falsche Weg, wie der Präsident des

deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, warnt. >

LEHRER BERICHTEN:

„Man muss so viel bedenken im

Unterricht: Während der eine

Schüler allein mit der Aufgabenstellung

überfordert ist, hat ein

anderer in fünf Minuten das

ganze Arbeitsblatt fertig.“

Kathrin Thaler, Grundschullehrerin

Inhalt

„Erfolg ist, wenn es läuft!“ 7

Elterngespräche, aber wie? 9

Frischer Wind in die Schulen 13

Königsweg Akademisierung? 15

Frühpädagogische Ausbildungen

im europäischen Vergleich 18

Seminare allein sind zu wenig 19

SCHüLER WüNSCHEN

SICH:

„Viele Lehrer kommen als motivierte

Referendare an die Schule, haben tolle

Ideen die Unterrichtsstunden kreativ zu

füllen, sind aber nicht in der Lage, gegen

ein paar Störenfriede, die es leider in

jeder Klasse gibt, anzukommen.

Das führt oft langfristig dazu,

dass der Stoff lustlos und zweckmäßig

durchgepeitscht wird.“

Miriam, Gymnasium, 11. Klasse


didacta l Titelthema

Das Image leidet Zudem machen vielen Lehrern die kritischen

Stimmen aus Politik, Medien und Gesellschaft zu

schaffen: Zu viele Ferien, bequemer Beamtenstatus und die

Schuld an den zahlreichen Missständen im deutschen Bildungssystem

und der Gesellschaft. Schnell prägen einige

„schwarze Schafe“ das Image der Lehrer stärker, als die

zahlreichen Lehrer in Deutschland, die motiviert und engagiert

sind, erklärt Josef Kraus.

So groß die Erwartungen der Öffentlichkeit an die Lehrer,

so groß auch die Ansprüche, die Lehrer an sich selbst und

die eigene Arbeit stellen. Die Ernüchterung ist entsprechend

hoch, wenn die angesetzten Ziele nicht erreicht werden oder

der persönliche Einsatz ins Leere zu laufen scheint. Was

fehlt, ist die Anerkennung für die alltägliche Arbeit!

Familie verliert an Bedeutung Während sich viele Eltern

engagiert und kooperativ für die gute Ausbildung ihrer Kinder

mit den Lehrkräften zusammen tun, gibt es einen großen

Anteil Eltern, die sich kaum um die Schulbildung ihrer Kinder

bemühen. Respektloses, destruktives Verhalten im Unterricht

ist längst nicht mehr nur Merkmal von Hauptschulen

in sozial benachteiligten Stadtteilen: Von der Grundschule

bis in das Gymnasium beobachten Lehrkräfte eine Zunahme

erzieherischer Defizite, die vielfach im Elternhaus begründet

liegen. Dahinter stecken unter anderem auch gesamtgesellschaftliche

Veränderungsprozesse wie die Auflösung

tradierter Familienstrukturen, die zunehmende Berufstätigkeit

von Müttern, elterliches Karrieredenken, Arbeitslosigkeit

oder soziale Benachteiligung. Zudem macht

sich ein zunehmender Individualisierungsschub

der Gesellschaft bemerkbar: Eltern

richten ihr Leben nicht mehr nur rein auf

die Familie aus. Kinder werden vermehrt in

Entscheidungen mit einbezogen oder sich

selbst überlassen. Die „antiautoritäre“ Erziehungstendenz

der 68er Generation schlägt

sich bis heute durch. Kommen diese Kinder

schließlich in die Bildungseinrichtungen,

zeigt sich die elterliche „Erziehung“ in ihrer

ganzen Konsequenz: Viele Kinder sind es

nicht mehr gewöhnt, Grenzen aufgezeigt zu

bekommen oder „erzogen“ zu werden. So ist

die Erzieherin oder der Klassenlehrer oftmals

die erste Person, die sie auffordert, sich an

Regeln zu halten oder sich in bestimmte Strukturen

einzugliedern.

Wer zeigt noch Grenzen auf? Gerlinde Hug ist

seit über 35 Jahren als Lehrerin an einer Berufsschule

tätig und beobachtet einen gravierenden

gesellschaftlichen Wandel: „Als ich angefangen

habe war das Hierarchieverständnis ein ganz anderes“,

berichtet sie. „Da hätte sich niemand heraus

genommen, so mit Lehrern umzugehen wie heute.

Die Schüler sind ja teilweise gar nicht mehr erreichbar.

Ich hätte nie gedacht, dass ich Jahrzehnte später

eine solch autoritäre Schiene fahren muss.“

6 www.didacta.de

Das Vermitteln fundamentaler Benimmregeln und eines sozialen

Miteinanders wird zunehmend auf die Bildungseinrichtungen

übertragen. „Wir beobachten eine fortschreitende

Verlagerung der elterlichen Erziehungspflicht auf die Schulen“,

berichtet Josef Kraus. „Viele Eltern geben die Verantwortung

der Kindererziehung an den Staat und an die Schulen

ab. Darauf können Lehrer gar nicht vorbereitet werden.

Ihr Hauptjob ist Bildung! Sie sollen didaktisch fachliches Wissen

vermitteln“, betont Josef Kraus. Auch die Einrichtung von

Ganztagsschulen kann die Versäumnisse des Elternhauses

nicht auffangen. >

SCHüLER WüNSCHEN SICH:

Im

Wintersemester

2007/08 waren rund

202 450 Studierende

in einem Lehramtsstudium

eingeschrieben.

(Statistisches Bundesamt)

„Schüler wünschen sich von ihren Lehrern, dass

sie nicht davor zurückschrecken neue Medien

zu nutzen und sie für ihr Fach begeistern können.

Schule müsste vor allem auch moderner und

dynamischer werden: Weniger Frontal- und

mehr interaktiver Unterricht, der aktives

Mitdenken der Schüler fordert.“

Matthias Zürbig, Vorsitzender der

Bundesschülerkonferenz Deutschland

„Schüler fühlen sich oft zu Unrecht oder nach

Willkür benotet. Lehrer sollten versuchen die

Beurteilung klar und deutlich zu definieren,

Gründe für die Benotung zu nennen,

egal ob gut oder schlecht.“

Marcel, Realschule, 8. Klasse

© Fotos: Marion Wear (2), zoommer, Monika Adamcyk, pressmaster (2) – Fotolia.com

LEHRER BERICHTEN:

„Es ist zermürbend wenn so viel

Unterrichtszeit dafür drauf geht

die Schüler zu disziplinieren und

für Ruhe zu sorgen. Ein Drittel der

Schüler stört ständig.“

„Erfolg ist, wenn es läuft!“

Gerlinde Hug, Berufsschullehrerin

Sie fangen dort an, wo andere Systeme längst aufgehört haben: Lehrerinnen

und Lehrer an Schulen für Erziehungshilfe sind besonderen Belastungssituationen

und Herausforderungen ausgesetzt: „Ich bin für die Außenseiter dieser Gesellschaft

zuständig“, erklärt Jürgen Ruhl. Der studierte Sonderpädagoge arbeitet

seit fast neun Jahren an einer Schule für Erziehungshilfe.

„Inhaltlich schüttele ich viel aus dem Ärmel, weil ‚richtiger’ Unterricht oft nicht

möglich ist: Ich habe sieben Schüler in meiner Klasse, da ist individuelle Förderung

an der Tagesordnung.“

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen an Regelschulen, erfahre er großen Respekt

für seine Arbeit. „Wenn wir nur die Hälfte unserer Schüler in ein festes Arbeitsverhältnis

bekommen, ist das schon ein großer Erfolg“, erklärt Jürgen Ruhl.

Dass die Öffentlichkeit auch von Schulen für Erziehungshilfe Rechenschaft über

die Ergebnisse der Arbeit einfordert, sieht er gelassen: „Was wir tun, ist wirtschaftlich

erfolgreich. Denn viele der Kinder hätten ohne uns gar keine Chance.

Und unsere Arbeit reduziert enorm die Folgekosten, die ein Dauerarbeitsloser

verursachen würde.“ Dennoch ist seine Aufgabe weniger die Vermittlung von

Fachwissen: „Bei unserer Arbeit geht es um ganz andere Dinge: Ein Schüler der

glaubt, mit zwanzig Jahren entweder im Knast oder tot zu sein, braucht etwas

ganz anderes als herkömmliche Schulbildung.“ So läuft alles etwas langsamer

– und wenn Jürgen Ruhl mit einigen seiner Schüler eine Fahrradtour entlang

der Donau machen kann, dann ist das schon ein echter Fortschritt.

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didacta l Titelthema

Eltern ganz nah dran Die Eltern in die Verantwortung nehmen,

das versucht unter anderem eine Kölner Schule für Erziehungshilfe

über „Berichthefte“ zu erreichen. „Die Lehrer notieren

jeden Tag positive wie negative Dinge über den Schüler in sein

Berichtheft und geben es ihm zur Unterzeichnung durch die Eltern

mit nach Hause. Auf diese Weise stehen wir mit den Eltern

in ständigem Kontakt und tauschen uns über die Entwicklung

des Schülers aus“, berichtet der Referendar David Lichtenberg.

Dass der Dialog zwischen Schule und Elternhaus besonders

auch von Elternseite gewünscht wird, unterstreicht Karsten

Bucksch, Vorsitzender des Landeselternrates: „Es müsste ein

besseres Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Eltern

geben. Elternhaus und Schule sollten sich als gleichberechtigte

Partner im Bildungssystem verstehen“, fordert er und

betont den Wunsch vieler Eltern, in die Arbeit der Schule mit

einbezogen zu werden. „Bei entstehenden Problemen gehen

Lehrer oft nicht oder nicht genügend auf die Eltern zu,“ bemängelt

Bucksch die Elternarbeit vieler Schulen.

Massiv verhaltensgestört Doch weil gelungene Elternarbeit ein

gegenseitiges Geben und Nehmen erfordert, gelingt sie längst

nicht überall. „Bei uns findet Elternarbeit auf Grund der hohen

Migrantenzahl von rund 65 Prozent nur spärlich statt,“ berichtet

Volker Schneider, Rektor einer baden-württembergischen

Hauptschule. „Trotz zahlreicher Angebote, auch mit sprachlichen

‚Helfern’, herrscht wenig Antriebskraft bei den Eltern.“

Ganz schwierig werde es, wenn sich Eltern mit ihren Kindern

gegen die Lehrer verbünden, berichtet die Berufsschullehrerin

Gerlinde Hug. Um guten Unterricht zunichte

zu machen, braucht es nicht viele störende Schüler. Da

reichen einige wenige – und jedes Vorankommen im

Unterricht wird unmöglich. „Man kann sagen, dass fast

in jeder Klasse rund ein Drittel der Schüler massiv verhaltensgestört

ist“, erzählt Gerlinde Hug. Sie machen

guten Unterricht durch ständiges Stören extrem schwierig

und halten damit auch alle anderen, wirklich lernhungrigen

und leistungsorientierten Schülerinnen und

Schüler vom Unterricht ab.

Viele Schüler setzen sich mit hoch-

gezogenen Kapuzenjacken und

verschränkten Armen in den

Unterricht, berichtet Gerlinde

Hug weiter. „Als Lehrer bin ich

irgendwann am Ende, wenn

die Schüler überhaupt kein Interesse

am Unterricht zeigen“,

erzählt sie. Dabei scheint sich das

destruktive Verhalten vieler Schüler vor

allem auf die Institution Schule zu fokussieren, beobachtet

Gerlinde Hug: „Beim Sport klappt das doch

auch und selbst der schwierigste Schüler schafft seinen

Führerschein.“

Freizeit und Fun statt Bildung Die Ursachen des Problems

liegen tiefer: Bildung und Leistung an sich stellen heute in

der Gesellschaft offensichtlich keine erstrebenswerten

Werte mehr dar. Viele Kinder erleben in ihren Eltern-

8 www.didacta.de

Lehrerinnen und

Lehrer gehen im Durchschnitt

mit 62 Jahren

in Pension.

(Statistisches Bundesamt)

häusern Werte wie Konsum, Unterhaltung und Spaß als zentrale

Lebensziele, beobachtet auch die Realschullehrerin Fritzi Steinhilber:

„Freizeit und Fun stehen bei vielen einfach im Vordergrund.

Ihnen fehlen oft Ziele und Visionen. Manchmal scheint es, als sei

es ihnen tatsächlich egal, Hartz 4-Empfänger zu werden.“

PC-Spiele bis nachts um eins Dass Freizeit bei vielen Schülern

vor allem aus Computerspielen und Fernsehen besteht, beobachtet

auch Gerlinde Hug. „Welches Ausmaß die PC-Spielsucht

mittlerweile angenommen hat, ist kaum noch zu überschauen“,

berichtet die Berufsschullehrerin. „Die Schüler zocken oft bis

nachts um eins.“ Die Folge: Viele Schüler tun sich schwer, längere

Zeit still zu sitzen und sich zu konzentrieren. Wer es von klein

auf gewöhnt ist, sich bequem zurück zu lehnen und unterhalten

zu lassen, empfindet selbst banale Leistungsanforderungen wie

Zuhören oder Mitschreiben als anstrengend. „Die Schüler sind

nicht zwangsläufig unmotiviert, sie wissen nur einfach nicht, wie

man lernt“, beobachtet Fritzi Steinhilber. „Viele Lehrer sind mit

solchen Situationen total überfordert. Sie resignieren, ziehen sich

zurück und machen den Unterricht einfach weiter, trotz Lärmpegel“,

berichtet sie weiter.

Eine weitere Aufgabe für Lehrer? Ja, meint Volker

Schneider: „Sinnvolles Freizeitverhalten ist in unserer

modernen Gesellschaft ein wesentliches Erziehungsziel“,

erläutert der Schulleiter. Doch wie

können Lehrer auch das noch leisten? Und wie

muss eine moderne Lehrerausbildung aussehen,

die die pädagogischen Fachkräfte auf die umfassenden

Aufgaben des Lehrerberufes besser

vorbereiten kann? >

LEHRER BERICHTEN:

„Die Arbeitsbelastung ist massiv. Wir

sind zu bis oben hin.

Permanent müssen wir den Schülern

hinterher rennen. Ich weiß gar nicht,

was ein freies Wochenende ist.“

Gerlinde Hug, Berufsschullehrerin

„Es gibt immer schwierige Schüler,

die man nicht erreicht, bei denen

überhaupt keine Wissensvermittlung

möglich ist. Das ist wirklich

frustrierend und man fragt sich:

Mache ich schlechten Unterricht

oder liegt es am Schüler?“

Fritzi Steinhilber, Realschullehrerin

Fotos: Privat; © Yuri Arcurs, zoommer, Monika Adamcyk, – Fotolia.com

Elterngespräche,

aber wie?

Annegret Hempel ist staatliche

Schul psychologin

für Förderschulen und

Referentin in der Lehrerfortbildung

u.a. mit dem

Schwerpunkt Gesprächsführung.

didacta: Wo liegen die größten

Schwierigkeiten bei Elterngesprächen?

Annegret Hempel: Vielen Lehrern fällt

es schwer, die persönliche Logik der

Gesprächspartner aufzugreifen: Wie muss ich mit meinem Gegenüber sprechen,

damit er versteht, was ich meine? Oder in welcher Situation befindet er sich

gerade? So kann ich beispielsweise nicht allen Eltern sagen, ihr Kind brauche

zwei Stunden Sprachförderung pro Woche. Denn viele Eltern können das weder

fachlich noch finanziell oder zeitlich leisten. Man muss versuchen, sich in die

Eltern hineinzufühlen.

didacta: Und wenn das nicht gelingt?

Annegret Hempel: Man kann tatsächlich nicht alles erfühlen oder jeden Elternteil

genauer kennen. Aber viele Lehrer denken, sie müssten immer einen guten Rat

parat haben und für jedes Problem eine Lösung wissen. Nur, man kann nicht alles

alleine lösen: Wenn beispielsweise eine alleinerziehende Mutter die dringend

notwendige Leseförderung ihres Kindes nicht leisten kann, ist es nicht alleine

Aufgabe des Lehrers eine Lösung für das Problem zu finden. Aber er kann sich

gemeinsam mit Beratungslehrkräften, Schulpsychologen oder außerschulischen

Fachdiensten und Fachärzten darum bemühen und dabei auch das Lernumfeld

des Kindes mitberücksichtigen.

didacta: Wie kann ich die Eltern dennoch unterstützen?

Annegret Hempel: Wichtig ist, sich während eines Gespräches rückzuver sichern,

ob ich mein Gegenüber richtig verstanden habe. Wenn eine Mutter beispielsweise

klagt, ihr Kind habe zu viele Hausaufgaben zu bewältigen, muss ich

als Lehrer schauen, was „viel“ für die Mutter bedeutet. Während

ich als Lehrer drei Stunden als viel empfinden

würde, sieht die Mutter

SCHüLER WüNSCHEN

SICH:

„Die langen Schultage machen Freizeit

unter der Woche fast unmöglich.

Ich komme teilweise erst gegen 16 Uhr

nach Hause, muss dann Hausaufgaben

machen, lernen und essen. Anschließend

bin ich so geschafft, dass ich nur noch

schlafen möchte. So geht das die ganze

Woche.“

Caroline, Realschule, 7. Klasse

vielleicht 30 Minuten

schon als zu viel an.

Daher: Konkretisieren!

didacta: Und kleine

Schritte empfehlen?

Annegret Hempel: Genau.

Wenn ein Lehrer

nur sagt: ‚Das Kind soll

Lesen üben’, können

Eltern nicht zwingend

etwas damit anfangen.

Stattdessen lieber konkrete

Zahlen nennen, zum

Beispiel: ‚Das Kind sollte

mindestens 15 Minuten

täglich lesen üben’.

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didacta l Titelthema

Lehrerausbildung reformieren Dass Handlungsbedarf

besteht, ist in der Praxis längst angekommen – in der Hochschulausbildung

der Fachkräfte noch nicht. Lehramtsanwärter

bekommen erst eine Ahnung was auf sie zukommt, wenn sie

im Referendariat stehen. Für einen Weg zurück ist es dann

jedoch meist zu spät. „Man wird im Studium überhaupt nicht

auf das vorbereitet, was einen erwartet“, berichtet Kathrin

Thaler, Grundschullehrerin in Baden-Württemberg.

Es herrsche allgemein die Auffassung, Lehrer müssten

alles können und für alle Probleme eine

Lösung wissen. „Am Anfang, wenn man

an die Schule kommt,

weiß man noch gar

nichts, muss den Eltern

gegenüber aber

so auftreten. Die erwarten,

dass man

auf alles eine Antwort

hat und rund um die

Uhr verfügbar ist“,

fügt die junge Lehrerin

hinzu. Bei der

heutigen, oft exzellenten

fachlichen Ausbildung,

kommt der

sozial-emotio nale Anteil

des Lehrerberufes

immer noch zu kurz:

Wie geht man mit Eltern

um, die rabiat die

Versetzung ihres Kindes

auf das Gymnasium einfordern?

Oder was ist zu

tun, wenn ein Schüler über Kopfschmerzen klagt, lautstark

den Unterricht boykottiert oder regelmäßig mit tiefen Augenringen

zu spät zum Unterricht erscheint?

Früher in die Schulen So wird die Forderung nach einem

intensiveren Praxisbezug in der Ausbildung immer lauter.

„Die Studenten müssen viel früher in die Schulen gehen

und schon früh über Fächergrenzen hinweg denken“, fordert

Prof. Wilfried Huber, Direktor des Zentralinstituts für

10 www.didacta.de

LEHRER BERICHTEN:

Lehrerbildung und Lehrerfortbildung an der Technischen

Universität München (TUM). Die TUM sieht für Lehramtsanwärter

der naturwissenschaftlichen Fächer bereits in

den ersten drei Semestern jeweils ein Praktikum pro Semester

vor, gefolgt von einem Beratungsgespräch. Damit

soll Studenten die Möglichkeit gegeben werden, ihre eigene

Motivation für das Lehramt hinterfragen zu können

und die TUM hat gleichzeitig die Möglichkeit, die Eignung

der Studenten zu überprüfen. Aus diesem Grunde fordert

Prof. Huber einen regeren Austausch zwischen

Schulen und Hochschulen.

Rund 30 Referenzgymnasien

zählt die TUM

„Schon im Studium sollte unbedingt Supervision

stattfinden. Angehende Lehrer müssen lernen,

wie man sich bei den Schülern Respekt verschafft.“

Lehrerbildung zielt auf das Kerngeschäft der

Schule – Lehrer sind weder Übungsleiter noch

Animateure, weder Sozialarbeiter noch Ersatzmütter

oder -väter, um außerunterrichtliche

‚Angebote’ machen zu können“

Etwa

57 Prozent der

Vollzeit beschäftigten Lehrkräfte

im Schuljahr 2007/08

waren Frauen.

(Statistisches Bundesamt)

mittlerweile zu ihren

Partnerschulen.

Wirtschaftspraktika

auch für Lehrer

Den Horizont

erweitern und auch

Gerlinde Hug, Berufsschullehrerin

mal in andere Berufehineinschnuppern,

halten viele für

einen ebenfalls wichtigen

Schritt: „Lehrer

sind ihr Leben lang

in Bildungseinrichtungen:

Erst selbst in

der Schule, dann in

Volker Schneider, Schulleiter der Uni und schließlich

wieder in der

Schule“, erläutert Karin

Jung-Weber. Selbst Lehrerin für Sonder-, Grund- und

Hauptschule, ist sie seit vielen Jahren in der Supervision und

Beratung von Lehrern tätig. Lehramtsstudenten sollten nach

der Schule oder während des Studiums mindestens ein Praktikum

in der freien Wirtschaft absolvieren, fordert sie: „Lehrer

haben ja oftmals gar keinen Vergleich. Dabei ist es wichtig

auch mal in die Arbeitswelt anderer Berufe einzutauchen um

zu sehen, dass auch andere Berufsgruppen Stresssituationen

ausgesetzt sind und mit welchen Belastungen andere Menschen

umgehen müssen.“

Fotos: © pressmaster (2), Monkey Business, zoommer, Monika Adamcyk – Fotolia.com; Udo Karohl

Mehr Kommunikationstrainings Trotz der zentralen Bedeutung

der Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus,

wird auch der Elternarbeit in der Lehrerausbildung kaum

Rechnung getragen. Lehramtsstudenten werden meist ohne

jegliches psychologisches oder rhetorisches Grundwissen

aus den Hochschulen in den Schulalltag entlassen. Dabei

sollten Kommunikationstechniken und Gesprächsführung ein

fester Bestandteil des Lehramtstudiums sein, fordert Karin

Jung-Weber. Mit den Eltern reden und dabei idealerweise

beide Elternteile gleichermaßen mit einzubeziehen, kann angespannte

Situationen häufig entlasten.

Was in der Grundausbildung oft zu kurz gekommen ist,

soll im Nachhinein in den Lehrerfortbildungen nachgeholt

werden: Seminare zu Konfliktlösung,

Team entwicklung

oder Kommunikation fin-

den sich in den Angeboten.

Das ist hilfreich für

die Lehrer, die bereits im

Berufsleben stehen. Jedoch

muss schon in der Ausbildung

ein Schwerpunkt auf

die neuen Anforderungen

gelegt werden.

Bewerberauswahl verfeinern

Hier setzen auch die

Forderungen nach einer strengeren

Bewerberauswahl der

Hochschulen an. „Die Qualität

einer Schule hängt in erster

Linie davon ab, inwieweit es

gelingt, für den Lehrerberuf die

qualifiziertesten Personen zu

rekrutieren,“ erklärt Schulleiter

Volker Schneider. „In der Ver-

Deutschlands

Zukunft braucht

Talente

bei

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die passenden

gangenheit hat man zu oft jeden genommen, der wollte und

auf Grund von Prüfungsergebnissen berechtigt war.“ Das

zeigen auch die Motive vieler Studienbeginner: Tatsächlich

stehen die vielen Ferien, gutes Einkommen und sicherer Beamtenstatus

oft an erster Stelle. „Viele trauen sich den Lehrerberuf

am ehesten zu, weil sie ja selbst mal in der Schule

waren und daher denken, sie wüssten schon, wie es geht“,

berichtet Fritzi Steinhilber von einigen ihrer Kommilitonen.

„Überhaupt meint jeder mitreden zu können, wie man seinen

Job machen sollte, nur weil alle mal auf der Schule waren“,

erzählt die Realschullehrerin weiter. Das schaffe einen enormen

Leistungsdruck. >

SCHüLER WüNSCHEN

SICH:

„Die Anforderungen an uns Schüler

werden immer höher. Besonders

jüngere Schüler am Gymnasium

haben heute durch G8 in der

6. Klasse teilweise sogar mehr

Unterrichtsstunden am Tag,

als ich in der 9. Klasse

hatte.“

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Zusammenhalt im Kollegium „Lehrer

brauchen heute eine ordentliche Portion

Gelassenheit und Dickhäutigkeit“,

erklärt Josef Kraus. „Um die psychische

Stabilität der Lehrer zu gewährleisten,

muss vor allem im Kollegium Solidarität

herrschen“, so Kraus weiter. Selbst

Schulleiter, fordere er sein Kollegium

immer wieder auf, sich auszutauschen.

Voraussetzung dafür ist ein vertrauensvoller

Zusammenhalt im Kollegium.

Dass dies nicht an allen Schulen der

Fall ist, weiß Karin Jung-Weber zu berichten:

„Ein ganz großes Problem ist

ein weit verbreitetes Konkurrenzdenken

zwischen Lehrern.“ Hier fällt insbesondere der Schulleitung

eine wichtige Rolle zu, wie Gudrun Schick vom Bayerischen

Institut für Lehrerfortbildung unterstreicht.

Mitarbeitergespräche auch an Schulen Gudrun Schick war

viele Jahre selbst als Schulleiterin tätig und weiß daher aus

erster Hand um die Bedeutung eines offenen Ohres seitens der

Schulleitung: „Ich habe regelmäßige Mitarbeitergespräche geführt.

Mindestens eine Stunde habe ich mich dafür mit jedem

einzelnen Lehrer vertraulich zusammengesetzt. Dabei ging es

vor allem um die allgemeine Zufriedenheit, das Material, Wünsche,

aber immer wieder auch um private Dinge oder Zusatzbelastungen,

wie beispielsweise die Pflege der eigenen Eltern“,

erzählt Gudrun Schick. „Ziel dabei war, gemeinsam die berufliche

und private Situation unter einen Hut zu bekommen und

so eine Entlastung für den Lehrer zu schaffen.“ Dabei sei es

für die Schulentwicklung besonders wichtig, dass die Lehrer

nicht nur ihre eigene Klasse sehen, sondern sich selbst als Teil

LEHRER BERICHTEN:

„Als ich angefangen habe, habe ich mir immer

zu viel vorgenommen im Unterricht. Mittlerweile

weiß ich: weniger ist manchmal mehr!“

Kathrin Thaler, Grundschullehrerin

„Für mich ist vor allem auch wichtig, dass die

Schule hinter mir steht, wenn ich zum Beispiel

Probleme mit Eltern habe. Dass ich jemandem

im Rücken weiß, der mich stützt.“

12 www.didacta.de

Ulrike Beer, Lehramtsstudentin

Innerhalb eines

Jahres erleben mehr als

53 Prozent der Lehr-

kräfte, dass sie im Unterricht

von Schülern schwer

beleidigt oder aggressiv

angegangen werden.

(Prof. Joachim Bauer, Oberarzt an der

Uniklinik Freiburg und Ärztlicher

Direktor der Hochgratklinik

im Allgäu, 2008)

der gesamten Schule begreifen, so Gudrun Schick. Die Weiterbildungsangebote

für Schulleiter reichen daher von Personalführung

und -entwicklung über Evaluation bis zu

Mitarbeitergesprächen. Elemente, wie sie bisher

vor allem in der Wirtschaft zu finden waren.

Schwächen eingestehen Schwächen oder

Ängste zuzugeben fällt den meisten Menschen

schwer. Lehrer sind, im Vergleich zu anderen

Berufsgruppen, einer höheren Erwartungshaltung

an ihre Unfehlbarkeit ausgesetzt:

Schüler erwarten Allwissen und Eltern

pädagogische und erzieherische Erfolgsrezepte.

Dass auch sie scheitern

können, in manchen Situationen ratlos

oder überfordert sind, ist im allgemeinen

Lehrerverständnis kaum vorgesehen.

Dabei sind bei der Arbeit mit solch

großen Schülerzahlen Probleme oder Pannen

gar nicht zu vermeiden.

Entscheidend ist schließlich die Art, mit auftretenden

Konflikten umzugehen und

die Erkenntnis, dass man auch mal

scheitern darf! „Lehrer arbeiten

mit Menschen, da lässt sich der

Erfolg oft nicht so klar messen.

Dementsprechend ist der Frust

groß, wenn die Schüler nicht so

‚funktionieren’“, berichtet Karin

Jung-Weber aus ihrer täglichen

Supervisions-Arbeit mit Lehrern.

Je besser ein Lehrer dabei seine

eigene Persönlichkeit kenne, je

genauer er wisse, wie er auf bestimmte

Situationen reagiert, umso

einfacher könne er mit solchen Situationen

umgehen.

Supervision für Lehrer... Um Lehrer

beim Umgang mit Belastungen im

Schulalltag zu unterstützen, beschäftigen

viele Schulen Schulpsycho-

Fotos: © Monkey Business, zoommer, Monika Adamcyk, Dmitriy Ystuyjanin – Fotolia.com

Frischer Wind

in die Schulen

In der Grundschule

Südliche Auffahrtsallee

in München,

unterstützen junge

Menschen, im Rahmen

eines Freiwilligen

Sozialen Jahres,

die Lehrkräfte.

Jedes Jahr beschäftigt

die Grundschule

einen „FSJler“,

wie die Teilnehmer

des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) genannt werden.

Die Abiturienten absolvieren den Freiwilligendienst oft

anstelle des Zivildienstes, oder nutzen ihn als Orientierungsjahr.

„Zum einen ist es für den FSJler selbst eine

tolle Erfahrung, innerhalb des Projektes Einblicke in den

Schulalltag zu bekommen, zum anderen stellt der FSJler

für die Lehrer eine sehr große Entlastung dar“, erklärt Pia

Kraske. Die dreifache Mutter hat das FSJ an der Grundschule

ins Leben gerufen. „Dadurch ist im Unterricht auch

eine Individualförderung möglich: Der FSJler kann sich

einzelnen Schülern oder kleinen Gruppen widmen und

sie beim Lernen unterstützen.“ Zudem begleite er auch

Schülerfreizeiten oder erledige Bürotätigkeiten.

Die meisten FSJler sind männlich. Damit sollen die fehlenden

männlichen Rollenvorbilder in der Grundschule kompensiert

werden, wie Pia Kraske erklärt. Aufgrund ihres

Alters haben die FSJler zudem einen näheren Bezug zu

den Schülern und würden auch mal mit ihnen Fussball

spielen gehen können.

Neben den Vorteilen für die Schule, eröffnet ein FSJ den

jungen Menschen auch den Blick auf ein mögliches Berufsziel.

Das Erleben des Berufsalltags eines Lehrers, kann

bei der Entscheidung für oder gegen den Lehrerberuf sehr

hilfreich sein: „Zwei FSJler entschieden sich für eine andere

Richtung, aber zwei weitere studieren jetzt auf Lehramt“,

berichtet Pia Kraske.

Finanziert wird das FSJ hauptsächlich durch das Bundesamt

für den Zivildienst (BAZ) oder durch Spenden der

Eltern. Rund 500 Euro erhält ein FSJler pro Monat für

seinen Einsatz.

Ein FSJler auch an Ihrer Schule?

Jede öffentliche Schule kann einen FSJler beschäftigen.

„Das komplette Projekt steht und fällt natürlich mit der

Finanzierung“, weiß Pia Kraske. Für die Finanzierung

bieten sich, neben Spendengeldern oder dem BAZ, auch

andere Geldgeber an, wie Kooperationspartner, der Gemeinderat

oder Fördermitglieder.

logen oder bieten Supervisionskurse an. Ein Weg, dem Karin

Jung-Weber eine zentrale Bedeutung zuschreibt: „Man muss

Stresssituationen nicht vollständig ausgeliefert sein“, erklärt

sie. Sich Hilfe und Unterstützung holen bedeute nicht zu versagen,

sondern Verantwortung für sich selbst und das eigene

Wohlergehen zu übernehmen, rät sie. „Lehrer können in der

Supervision Wege finden, wie sie mit Konflikten in der Klasse

umgehen können oder damit, dass eine Stunde misslungen

ist. Und das sollte bereits im Studium beginnen. Supervisionskurse

sollten in den Lehrplänen ein ‚Muss’ sein.“

Dass man in einen vollen Schulalltag, zwischen Unterricht

und Berichte schreiben, auch noch einen Supervisionstermin

unterbringen muss, scheint für viele ein zusätzlicher Aufwand,

so die Schulpsychologin Annegret Hempel. Der sich

dennoch lohnt. Denkbar sind dabei auch Teamcoachings

oder Supervisionsgruppen, wie sie bereits an einigen Schulen

angeboten werden.

... und für Schüler Doch nicht nur Lehrer, auch viele Schüler

sollten sich, nach Ansicht der Berufsschullehrerin Gerlinde

Hug, in regelmäßigen Gesprächen mit einem Schulpsychologen

mit sich und ihrem Verhalten auseinandersetzen. Schließlich

liegen die Ursachen für Probleme sowohl auf Schüler-,

als auch auf Lehrerseite. >

Menschen bilden

statt Kinder abfüllen.

Junge Menschen sind keine «Gefässe», die man

immer hektischer abfüllen kann – nur eine

ganzheitliche Entwicklung hat tatsächlich Zukunft.

Menschen bilden von Arthur Brühlmeier.

■ Ein Buch aus der Praxis im Geiste Pestalozzis.

■ Für die heutige Zeit und den eigenen Weg.

■ Für Lehrkräfte, Eltern und alle,

die wirkliche Bildung ernst nehmen.

Herausgeber: Stiftung «Schule für das Kind». Baden-Verlag,

Schweiz; 232 Seiten, € 20.– , ISBN 978-3-85545-147-0

www.menschenbilden.ch

wortgestalt.ch


didacta l Titelthema

Was brauchen

Lehrer heute?

Lehrer brauchen vor allem

wieder mehr Rückhalt in der

Gesellschaft“, fordert der Präsident

des deutschen Lehrerverbandes

Josef Kraus. „Die

Schulen sollten wieder in ihrem

umfassenden Bildungsauftrag

gestärkt werden.“

Keine übereilten Reformen

Statt Reformhektik müsse zudem mehr Gewicht

auf die sorgfältige Umsetzung der Pläne gesetzt werden.

Dazu gehöre auch, so die Lehrerin Fritzi Steinhilber, dass

Lehrern ganz konkrete Hinweise gegeben werden, wie die

entsprechenden Reformen praktisch umgesetzt werden können:

„An unserer Schule haben viele darunter gelitten, dass

die Vorgaben des Kultusministeriums keine konkreten Angaben

zur Umsetzung enthielten, sondern es jeder Schule selbst

überlassen war“, berichtet die Realschullehrerin.

Kleinere Klassen Die Verbesserung der Rahmenbedingungen,

wie beispielsweise kleinere Klassen, würde dem

Anspruch der individuellen Förderung Rechnung tragen und

zugleich die psychische Belastung der

Lehrer entschärfen. Auch „Teamteaching“,

bei dem mindestens zwei

Lehrer in einer Klasse anwesend

sind, könnte mehr Entlastung schaffen,

schlägt Annegret Hempel vor.

Rückhalt durch Coaching Der Idealismus,

den viele Lehrer zu Beginn ihrer

beruflichen Tätigkeit zeigen, ist ein

wertvolles Gut, das es zu bewahren

gilt. Dazu ist es unabdingbar, so Karin

Jung-Weber, dass Lehrer mehr auf

sich selbst achten, sich vor allem auch

um ihr eigenes Wohlergehen kümmern.

Dieses Grundverständnis zu vermitteln,

müsste in Zukunft auch Aufgabe der

14 www.didacta.de

LEHRER BERICHTEN:

„Ich habe ein achtjähriges

asiatisches Mädchen in der

Klasse, das bedankt sich

sogar, wenn man es auf

einen Fehler hinweist.“

Simone Wagner, Realschullehrerin

Hochschulen sein, indem Supervision

fester Bestandteil der Lehrerausbildung

wird. Einige Studenten

beginnen schon selbst damit, wie

Ulrike Beer: Die Lehramtsstudentin

im 10. Semester nimmt sich für

das spätere Berufsleben vor, vor

allem auf ein ausgewogenen Arbeit-Freizeit-Verhältnis

zu achten.

Eltern für die Erziehung... Vor

allem aber muss für die Zukunft

eine intensivere Beteiligung der Eltern

an der Schulentwicklung der

Kinder anstrebt werden. Dabei

spielen insbesondere die Väter

eine wichtige Rolle. „Wenn die

Väter am Ball bleiben, sind Verhalten

und Leistung viel besser“,

berichtet Gerlinde Hug. „Am

meisten wäre uns geholfen, wenn

die Väter Väter bleiben würden

und sich mehr für ihre Schulkinder

interessieren“, wünscht sie sich für

die Zukunft.

...Lehrer für die Bildung Engagierte

Eltern sollten mit gutem Beispiel

voran gehen, um auch Eltern zu mobilisieren,

die bisher den Lehrern die Erziehung ihrer Kinder

überlassen haben. Elternhäuser müssen wieder die volle

Verantwortung ihres Erziehungsauftrages übernehmen, damit

sich Lehrer wieder ihrer ursprünglichen Aufgabe widmen

können: Bildung!

Nur wenn Eltern und Bildungsinstitutionen Hand in Hand

gehen, können junge Generationen eine gute fachliche Ausbildung

genießen und zu einer verantwortungsvollen Gesellschaft

von morgen aufwachsen.

SCHüLER WüNSCHEN

SICH:

„Für die Zukunft wünsche ich mir,

dass sich die Lehrer noch mehr der

Probleme und Bedürfnisse der

Schüler annehmen und ihnen

zeigen, dass man sich auf

sie verlassen kann.“

Janik, Fachoberschule

Foto: zoommer, Monika Adamcyk – Fotolia.com; Udo Karohl; Privat

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