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Gustav-Adolf-Werk 175 – Aktion 175 Gottesdienste

Predigt am 5. August 2007 um 10 Uhr in der Gustav-Adolf-Kirche zu Ostritz

im Rundfunkgottesdienst bei mdr-figaro

über Gal. 6,10 von Pfr. Dr. Arndt Haubold

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da

kommt. Der Predigttext ist das Leitwort des Gustav-Adolf-Werkes: „Lasset uns

Gutes tun an jedermann, besonders aber an denen, die uns im Glauben verbunden

sind!“

Liebe Gemeinde hier in Ostritz und im Sendegebiet!

Das Gustav-Adolf-Werk feiert in diesem Jahr – und heute in einer Gustav-Adolf-

Kirche! Bei manchen glänzen da die Augen. Ein Duft von Schweden und von einer

großen Geschichte scheint durch die Kirche zu wehen. Aber hin und wieder werden

wir auch gefragt: Tragt ihr nicht den falschen Namen? Den eines Kriegshelden, ja

eines Mörders? Müssen wir Christen uns nicht schon genug schämen, dass Kirchen

in vielen Kriegen die Waffen gesegnet haben? Sind wir nicht zum ersten Mal in der

Geschichte richtig stolz gewesen, als die Friedensbewegung in der DDR von unserer

Kirche ausging? Als wir mit dem biblischen Wort „Schwerter zu Pflugscharen“

halfen, Frieden zu schaffen ohne Waffen? Wie vereinbart sich ein christliches Werk

mit dem Namen eines Militärs?

Nur mit den dürftigen Geschichtskenntnissen der sozialistischen Schulzeit können

wir diese Frage nicht beantworten. Der schwedische König war kein raublustiger

Mörder, und er überfiel auch keine fremden Völker, um sie auszurotten. Er war ein

tief gläubiger Mann, der sich von Gott wie der alttestamentliche Richter Gideon

berufen fühlte, den bedrängten Protestanten in Mitteleuropa im 30-jährigen Krieg

zu Hilfe zu kommen, damit das Erbe der Reformation nicht nach einem

Jahrhundert wieder ausgelöscht würde. Er kämpfte mit den Mitteln seiner Zeit, als

Krieg noch nicht geächtet war. Sein Kriegsziel war, Recht und Gesetz wieder

herzustellen. Und er zahlte mit seinem Leben, als er am 6. November 1632 in der

Schlacht bei Lützen fiel. Seinem Eingreifen verdanken wir den heutigen

Glaubensfrieden und das einzigartige Gleichgewicht der katholischen und

evangelischen Kirche in Deutschland.

An seinem 200. Todestag, am 6. November 1832, versammelten sich in Leipzig

namhafte protestantische Persönlichkeiten, um den schwedischen König zu ehren.

Sie kamen auf die geniale Idee, statt eines steinernen Denkmals, wie sie damals

beliebt waren, ein lebendiges Denkmal zu errichten: die Gustav-Adolf-Stiftung. Sie

sollte in ihrer Zeit, wie 200 Jahre zuvor durch Gustav Adolf geschehen, bedrängten

evangelischen Christen helfen. Mit friedlichen Mitteln, indem für sie Kirchen,

Schulen und Gemeindehäuser gebaut wurden. Wer Kirchen baut, leistet

Friedensdienst, denn der Krieg zerstört Kirchen. So hat das Gustav-Adolf-Werk seit

175 Jahren Frieden geschaffen ohne Waffen.

„Lasset uns Gutes tun!“, beginnt das Leitwort des Gustav-Adolf-Werkes aus dem

Galaterbrief. Es gibt viele Weisen, Gutes zu tun. „Etwas Gutes tun“ sagen wir heute

gern, wenn wir andere mit Spenden unterstützen. Das ist unsere Arbeit: Spenden

zu sammeln und weiterzugeben. Wofür? Um evangelische Christen in der Diaspora

zu stärken. Was ist Diaspora? Man kann auch sagen: Zerstreuung. Eine Minderheit

evangelischer Christen lebt zerstreut unter einer andersgläubigen Mehrheit. Wir

wollen sie stark machen, dass sie ihren Glauben leben kann. Dafür leisten wir

geistliche und materielle Hilfe. Spenden zu sammeln, ist eine verantwortungsvolle

Arbeit. Das ist mehr, als sich nur mit einer Büchse auf die Straße zu stellen.

Spendenarbeit braucht Vertrauen, kritische Prüfung und Fachkompetenz. Das

Gustav-Adolf-Werk hat darin eine 175-jährige Erfahrung. Und es ist nicht nur eine

finanzielle, sondern auch eine geistliche Sache, die in der Bibel verwurzelt ist.

Aus den Spenden werden in der Diaspora Kirchendächer gedeckt und

Gemeinderäume saniert, Kleinbusse für eine weit verstreute Gemeindearbeit

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Gustav-Adolf-Werk 175 – Aktion 175 Gottesdienste

finanziert, theologische Bibliotheken ausgestattet, Rüstzeitheime modernisiert und

evangelische Schulen unterstützt. Da erhalten evangelische Gemeindeglieder im

russischen Gebiet Kaliningrad eine Weihnachtsunterstützung und Kinder im

siebenbürgischen Broos ihr einziges Weihnachtspäckchen: „Freude, die ankommt“,

unsere neue Weihnachtsaktion. Ich denke an den Traum der evangelischen

Gemeinde in Klaipeda in Litauen, dem früheren Memel, die ihre 1945 zerstörte

Kirche wiederaufbauen möchte. Heute sind ihre Grundmauern auf einem freien

Platz mitten in der Stadt nur mit einer Hecke markiert – eine späte Kriegswunde.

Ich sehe die evangelischen Kleiderläden in der Region von Veliko Tarnovo in

Bulgarien vor mir. Guterhaltene gebrauchte Kleidung aus Sachsen wird dort seit

Jahren verkauft. Vom Erlös können die Gemeinden ihr Gemeindeleben selbst

finanzieren. Ich kann erzählen von der Pauluskirche in Wladiwostok, die

jahrzehntelang ein sowjetisches Armeemuseum war wie andere Kirchen in der

Sowjetunion Schwimmbäder, Kinos oder Reparaturwerkstätten für Traktoren, und

die jetzt wieder ein Gotteshaus geworden ist. Ich habe Menschen in den

bolivianischen Anden besucht, die ihr Kirchlein mit eigenen Händen aus Lehm und

Stroh errichteten, aber das Blech für das Dach vom Gustav-Adolf-Werk erhielten.

Ich bin den Architekturstudenten aus Dresden dankbar, die siebenbürgische

Kirchenburgen in Rumänien in ihren Sommerferien vor dem Verfall retten halfen.

Immer wieder hören wir aus der Ferne den Dank: „Viele Organisationen auf der

Welt helfen gern kranken Kindern – aber beim Bau unserer Kirchen hilft uns

niemand - außer dem Gustav-Adolf-Werk! Ihr gebt damit unserem Glauben Raum!“

Doch auch geistliche Hilfe ist wichtig: Besuche von Christen bei Christen. Diaspora

soll nicht länger Verlassenheit bedeuten. Deshalb bringen wir Christen zueinander.

Menschen im Kaukasus werden zum Gottesdienst und zu Rüstzeiten gesammelt.

Chöre aus Sachsen und Estland singen das Lob Gottes miteinander.

Theologiestudenten aus fremden Ländern erhalten für ein Jahr ein Stipendium in

Leipzig. Briefe gehen hin und her wie in neutestamentlicher Zeit. Immer ist das

Gustav-Adolf-Werk mit seiner Hilfe dabei.

Wir wissen, dass das Gute, das wir tun, keine guten Werke sind, die uns vor Gott

gerecht machen könnten. Manchmal ist auch das Gute, das wir tun, noch zu wenig.

Und manchmal gelingt ein gutes Projekt nicht wegen menschlicher Schwächen.

Aber wir tun das Unsere unverdrossen, weil wir von Gott in Deutschland so reich

beschenkt worden sind: an materiellen Gütern, an Sicherheit und Glaubensfreiheit.

Deshalb teilen wir gern mit anderen.

Mit welchen anderen? „Lasst uns Gutes tun an jedermann, besonders aber an

denen, die uns im Glauben verbunden sind!“ Ist das nicht ein Widerspruch –

jedermann Gutes zu tun und in erster Linie den Glaubensverbündeten? Ist da nicht

das Rote Kreuz viel christlicher, denn es hilft wirklich jedermann, der krank oder

verletzt ist, ohne Ansehen der Person oder des Glaubens? Wenn das Gustav-Adolf-

Werk ein Haus für Straßenkinder in einer rumänischen Stadt unterstützt, helfen

wir selbstverständlich jedem Kind, das dort Zuflucht sucht, und fragen nicht zuerst

nach seiner Taufe. Aber wenn wir Geld sammeln für den Bau einer neuen

evangelischen Kirche, kommt es den nächsten Glaubensverwandten zugute und

kann nicht für ein Benediktinerkloster oder für eine Moschee verwendet werden.

Glaubensgeschwisterliche Hilfe ist immer und überall auf der Welt zuerst

familienbezogen, und das ist kein Unrecht.

Evangelische helfen Evangelischen, evangelisch zu sein! Das richtet sich nicht

gegen Katholiken oder Orthodoxe, die wir unsererseits ja als geschwisterliche

Kirchen achten! Denn auch sie helfen ihren eigenen Glaubensgeschwistern, wo sie

in der Zerstreuung leben. Ebenso tun wir mit Recht Gutes, wenn wir in gleicher

Weise für unsere evangelischen Geschwister sorgen. Wir sind in dieser Solidarität

bisher sogar oft viel zu schwach! Manche unter uns wissen nichts von

evangelischen Christen, wenn sie ins Ausland in den Urlaub oder zur Arbeit fahren.

Wie schön wäre es, wenn jeder evangelische Christ im Urlaub oder am fernen

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Gustav-Adolf-Werk 175 – Aktion 175 Gottesdienste

Arbeitsort den nächsten evangelischen Gottesdienst besuchte und dort ein

Grußwort überbrächte!

Das Eigene zu stärken ist eine wichtige Voraussetzung für den Dialog unter den

Glaubenden, auch für die Ökumene. Wer nicht weiß, warum er evangelisch ist und

was das bedeutet - wie kann er mit Katholiken, Orthodoxen, ja erst recht mit

Muslimen in einen wirklichen Dialog treten? Das Eigene zu stärken ist unser

Anliegen, und es richtet sich nicht gegen andere, sondern an uns selbst für uns.

Es ist kein Contra, sondern ein Pro!

Wenn wir Gutes tun an unseren Glaubensverbündeten, strahlt das in vielen Fällen

auch auf andere aus. Es gibt viele Familien gemischten Glaubens in der Diaspora.

Wenn da der evangelische Familienteil Hilfe erfährt, profitieren auch die anderen

Familienmitglieder davon. Wenn eine evangelische Kirche in einem Dorf in Litauen

saniert wird, freuen sich auch der katholische Bürgermeister und die ganze

katholische Gemeinde mit über das verschönerte Ortsbild. Die Firmen, die daran

ihr Brot verdienen, beschäftigen nicht nur evangelische Arbeitskräfte. „Besonders

an denen, die uns im Glauben verbunden sind“ heißt nicht „ausschließlich an

denen“, aber Gott zeigt uns damit einen konkreten Nächsten.

Wo finden wir heute die bedrängten Glaubensverbündeten, denen wir Gutes tun

sollen? Es sind die evangelischen Minderheiten in vielen Ländern, in denen noch

ganz andere Verhältnisse als in Deutschland herrschen. Sie sind meist

ausgeschlossen von staatlicher Hilfe, vom Zugang zu den Medien, von politischer

Mitwirkung und auch von ökumenischer Gemeinschaft. Sie leben nicht selten unter

dem Argwohn der Nachbarn. Ihre Kinder werden als Außenseiter behandelt, wie wir

das aus der Schulzeit in der DDR kennen. Ihre finanzielle Grundlage ist schwach,

weil oft die Ärmeren zu ihnen gehören und weil sie wenige sind. Andererseits sind

sie auch in der Schwäche stark. Ihre Treue im Gottesdienstbesuch ist viel größer

als bei uns. Gemeinden mit 150 Seelen und sonntäglich 50 Gottesdienstbesuchern

sind in der Diaspora nicht selten. Sie schaffen manchmal mit 50 Leuten, was wir

mit 500 nicht bewältigen. Oft sind Frauen stark in den Kirchenvorständen

vertreten, nicht nur beim Gottesdienst. Und viele kennen sich gut in der Bibel aus.

So können auch wir, wenn wir diese Glaubensgeschwister besuchen, von ihnen

empfangen und geistlich profitieren.

Wir finden diese heutigen Glaubensverbündeten in Argentinien und Bulgarien, in

Italien und Portugal, in Chile und Russland, in Rumänien und Serbien, insgesamt

in über 30 Ländern. Aber wir finden sie auch unter uns. Längst ist Ostdeutschland

Diaspora geworden. Und gerade hier in der Lausitz, wo die böhmische Krone einst

stark war, hat es die evangelische Gemeinde nie leicht gehabt. So wurde erst 1872

das erste evangelische Bethaus in Ostritz errichtet – mit Hilfe des Gustav-Adolf-

Werkes. Es hat stets auch für die Diaspora in der Nähe gesorgt. In der DDR-Zeit hat

es neue Kirchen in den Neubaugebieten der Großstädte unterstützt. Heute

unterstützt es evangelische Schulgründungen in Ostdeutschland.

Tragen wir den falschen Namen? Wir stehen zu einem guten alten Namen, der in

der weltweiten Diaspora einen guten Klang hat. Auf manche Dinge muss man stolz

sein, um sich ihrer nicht zu schämen. Ihr Verständnis für die Diaspora zu

erwecken, Sie zur Mithilfe einzuladen, liebe Gemeinde in Ostritz und liebe

Hörergemeinde, Gutes zu tun an unseren Glaubensverbündeten, und Ihre Herzen

für die Diaspora zu öffnen, ist das Ziel meiner Predigt gewesen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und

Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn!

(Es gilt das gesprochene Wort.)

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