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Hat Argentinien die Krise überwunden?

Schäfer: Nein, wir haben die Krise

nicht überwunden! Sicher, es sind

Maßnahmen getroffen worden, die

die Situation etwas entspannt haben:

Aufgrund des um zwei Drittel abgewerteten

Peso wurde die Exportwirtschaft

wieder etwas angekurbelt. Den

Landwirten geht es so ein wenig

besser. Man hat Schutzzölle für den

Import von Waren eingeführt, die bewirken,

dass die einheimische Kleinindustrie

ihre Waren im Land besser

verkaufen kann. Es war ja so weit

gekommen, dass in Argentinien wirklich

alles importiert wurde und die

Mikrowirtschaft des Landes völlig

am Boden lag.

Wie geht es den Menschen? Die Krise

hat ja die breite Masse der Bevölkerung

in tiefe Armut gestürzt.

Schäfer: Die Arbeitslosigkeit und soziale

Not sind nach wie vor sehr groß.

Es gibt immer noch täglich Straßenblockaden

und Demonstrationen.

Noch immer verhungern Menschen ...

Arme Menschen gab es in Argentinien

auch schon vor der Krise. Sehr

viele sogar. Obwohl überall propagiert

wurde, Argentinien sei dabei,

sich zu einer Wirtschaftsnation der

so genannten Ersten Welt zu entwickeln.

Richtig gut ging es aber nur

den großen nationalen und internationalen

Konzernen. Unter der gnadenlosen

neoliberalen Wirtschaftspolitik

wurden die Reichen immer

reicher und die Armen immer ärmer.

In anderen Ländern und zu anderen

Zeiten haben solche Konstellationen

zu Bürgerkriegen geführt, bei uns

„nur“ in eine Wirtschaftskrise.

Ihre Kirche hat auf die Krise mit einem

verstärkten sozialen Engagement

Gustav-Adolf-Blatt 1/2004

„Sie geben uns nicht nur Geld,

Sie geben uns eine Stimme!“

Interview mit Federico Schäfer, Kirchenpräsident

der Evangelischen Kirche am La Plata

Es ist still geworden in der deutschen Öffentlichkeit um Argentinien, obwohl noch vor einigen Monaten

verheerende Meldungen zur argentinischen Wirtschaftskrise über deutsche Fernsehbildschirme flimmerten

und durch die deutschen Zeitungen und Rundfunksender gingen. Hat Argentinien die Krise inzwischen

überwunden oder hat die Welt Argentinien nur wieder vergessen? Doreen Just sprach mit Federico Schäfer,

dem Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche am La Plata (Argentinien, Uruguay, Paraguay) über die

Situation im Land und die soziale Verantwortung der Kirchen.

reagiert und sich, gemeinsam mit anderen

evangelischen Kirchen des Landes,

auch laut zu Wort gemeldet. Wie

lange ist das für eine kleine Minderheitskirche

durchzuhalten?

Schäfer: Wir Kirchen dürfen nicht

müde werden, uns einzumischen! Die

Welt muss endlich wach werden und

aufhören, das Geld zu ihrem Gott zu

machen. Das Ganze ist ein weltweites

Problem, kein argentinisches. Argentinien

könnte man als ein warnendes

Beispiel bezeichnen.

Unsere Kirche hat das Thema „Glaube

und Wirtschaft“ über ihre nächste

Synode im Oktober 2004 gestellt.

Das ist ein hoher Anspruch und wir

hoffen, dem gerecht werden zu können.

Ein weiteres Thema, mit dem sich Ihre

Kirche derzeit sehr intensiv beschäftigt,

ist die Mission ...

Schäfer: Das ist richtig. Es gibt bei

uns in Argentinien noch sehr viele

Menschen, die es mit Jesus Christus

wagen könnten.

Aber Statistiken sagen, dass 94 Prozent

der Argentinier bereits katholisch

sind?!

Schäfer: Man darf sich nicht von Statistiken

irreleiten lassen. Argentinien

gilt als katholisches Land. Aber das

stimmt so nicht mehr. Säkularisierung

ist nicht nur in Europa, sondern

auch bei uns ein großes Problem. In

der letzten Volkszählung hat man

nach der Konfessionszugehörigkeit

der Menschen schon gar nicht mehr

gefragt. Ich vermute, weil man Angst

davor hatte, dass sich nicht mehr so

viele Argentinier zur katholischen

Kirche bekennen werden.

Ein weiterer Punkt ist: Die katholische

Kirche Argentiniens selbst ist

Federico Schäfer wurde 1943

in Buenos Aires in Argentinien

geboren.

Von 1962 bis 1968 studierte er

in Buenos Aires, im brasilianischen

São Leopoldo und in Berlin Theologie.

Lange Jahre arbeitete er als Pfarrer

in verschiedenen Gemeinden der

Evangelischen Kirche am La Plata

in Argentinien.

1981 wurde Federico Schäfer zum

Generalsekretär seiner Kirche berufen.

In diesem Amt arbeitete er bis 1999.

Im Oktober 2002 löste er Juan Pedro

Schaad als Kirchenpräsident der

La-Plata-Kirche ab.

Federico Schäfer ist verheiratet und

hat zwei Söhne.


3

Federico Schäfer

Foto: Strauch


4

viel zu sehr ins politische und wirtschaftliche

System des Landes verwickelt,

als dass sie oppositionelle

Standpunkte einnehmen könnte. Ich

komme mir schon etwas komisch

vor, wenn ich manche katholische

Amtsträger bei uns im Land auf die

Soziallehre ihrer eigenen Kirche hinweisen

muss. Sie kennen sie natürlich,

aber wenden sie de facto nicht

an. Die katholischen Autoritäten in

Lateinamerika sind oftmals sehr wenig

sensibel für die soziale Situation

der Menschen. Ich denke, evangelische

Christen haben der Welt noch

viel zu sagen: wenn es zum Beispiel

um die politische und wirtschaftliche

Ethik geht, um die Erziehung nachfolgender

Generationen oder etwa

um unsere Verantwortung für das

Gemeinwesen.

Welche praktischen Erfahrungen macht

die Evangelische Kirche am La Plata

bei ihren Missionsbemühungen?

Schäfer: Das Wichtigste: Wir brauchen

die Basis unserer Gemeinden.

In ihnen muss das Bewusstsein gestärkt

werden, dass wir nicht um unser

selbst willen da sind. Wir müssen

auf die Menschen zugehen. Die

hauptamtlichen Mitarbeiter unserer

Kirchen schaffen das nicht allein.

Mission setzt natürlich die Überwindung

von Ängsten und kulturellen

Voreingenommenheiten voraus. Und

nicht zuletzt benötigen wir finanzielle

Mittel: Jedes Faltblatt, jede Veranstaltung,

jedes Missionsprojekt

kostet Geld. Deshalb ist auch die

Arbeit des Gustav-Adolf-Werks sehr

wichtig für uns. Sie geben uns nicht

einfach nur Geld, Sie geben uns eine

Stimme!

■ ■ ■

„Mit den Armen das Evangelium teilen“

Für viele, die im Elend leben, zeigt sich die Liebe Gottes in der warmen Mahlzeit,

die sie einmal am Tag bekommen, oder in einer kostenlosen ärztlichen

Behandlung. In den am meisten von Armut und Verelendung betroffenen

Stadtteilen im Großraum der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires hat die

Evangelische Kirche am La Plata die Aktion „Mit den Armen das Evangelium

teilen“ ins Leben gerufen. In vier Zentren verbindet man praktische Hilfe für

die Ärmsten mit der Verkündigung des Wortes Gottes: im Mutter-Kind-

Zentrum „Der Sämann“ in Ezeiza, in der Stadtmission Florencia Varela, im

Hilfezentrum für Straßenkinder in San Justo und im Projekt „Mission im

Westen“ in San Ambrosio.

Das Gustav-Adolf-Werk

unterstützt

das Missionsprojekt

„Mit den

Armen das

Evangelium

teilen“

mit 50 000 Euro.

Helfen

auch Sie!

Damit Argentinien nicht

in Vergessenheit gerät.

Spendenkonto:

LKG Sachsen eG,

Konto: 22 33 44

BLZ: 850 951 64

Kennwort:

„Mission

Argentinien“

Gustav-Adolf-Blatt 1/2004

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