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Gustav-Adolf-Werk 175 – Aktion 175 Gottesdienste

3. p. Epiph./21.1.07/Gottesdienst zum 175jährigen Jubiläum des GAW

/EG 412, 1.2.4.7.

Evangelisch-reformierte Kirche zu Leipzig, Pfarrer i.R. Hans Wähner

Liebe Gemeinde,

der Schriftsteller und Dramatiker Armin Stolper schreibt in seinem Buch „Lausitzer

Bekenntnisse“: „Manchmal staune ich über das Geflecht der menschlichen

Beziehungen, das sich im Laufe eines Lebens ergibt. Wie verrückt und wunderbar

ist das eingerichtet, daß man eigentlich immer seine Leute findet, zum Schluß

schließt sich der Kreis...“

Was Stolper staunend und dankbar feststellt, liegt ganz in der Absicht Gottes.

Wir haben es soeben gehört. Der Apostel Johannes hat das seiner Gemeinde so

gesagt: Dies Gebot haben wir von IHM, von Christus, daß wer Gott liebt, daß der

auch seine Schwester und seinen Bruder liebe.

Nun dürfen wir mit Fug und Recht sagen, dass die Liebe zu Geschwistern in der

christlichen Kirche nie eine Frage war. Neutestamentliche Zeugnisse sind da ebenso

eindeutig wie das, was wir von den Reformatoren und anderen namentlich

bekannten und eben vor allem unbekannten Christen in der Geschichte unserer

evangelischen Kirchen wissen.

Melanchthon hat im Februar 1555 in Dresden mit Verantwortlichen zusammen

gesessen und überlegt, wie den Pfarrern und ihren Familien zu helfen sei, die im

Zuge der Gegenreformation ihre böhmische und lausitzsche Heimat verlassen

mussten. Das betraf rund 200 Prediger und ihre Familien. Stellungslos, brot- und

heimatlos nahmen sie Zuflucht ins benachbarte Sachsen.

Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, das den Evangelischen in Frankreich

Schutz gewährt hatte, kamen 1685 und auch schon in den Jahren davor

Hugenotten nach Sachsen, die ihr Heimatland ihres evangelischen Bekenntnisses

wegen verlassen hatten.

Wenige Jahre später siedelte der sächsische Reichsgraf Nikolaus Ludwig von

Zinzendorf auf seinen Besitzungen in Berthelsdorf in der Oberlausitz Menschen an,

die ihres evangelischen Glaubens wegen ihre Heimat in Böhmen und Mähren

verlassen mussten.

Herrnhut nannten sie den Flecken, den sie sich selber schufen. Und was dort mit

der Brüdergemeine entstand, war nicht nur eine neue Kirche, es war ein neues

Gemeinwesen.

Diese Menschen konnten nicht für sich behalten, was an ihnen geschehen war. Es

drängte sie in die Welt, um Menschen die Liebe Christi zu bringen, die sie durch

andere erfahren hatten – gemäß des Gebotes, das Christus den Seinen gegeben hat:

dass der, der Gott liebt, dass der auch seine Geschwister liebe.

Und so taten sie das, was später und bis in unsere Tage hinein Christen immer

wieder tun, sie besuchten Evangelische in Estland, Lettland, Transsylvanien und

Georgien, um ihnen geistliche und materielle Hilfe zu bringen.

Und dann erkannten Frauen und Männer in der Kirche, dass solche Hilfe für

Glaubensgeschwister mehr und mehr organisiert erfolgen musste. Fast folgerichtig

wurde im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ein Hilfswerk ins Leben gerufen, das

zwar den Namen eines Feldherrn und Politikers trägt, eigentlich aber im Protest

gegen seine heroisierende Verehrung entstanden ist. Mit Gustav Adolf hat dieses

kirchliche Hilfswerk höchstens gemein, dass es ähnlich wie er den Evangelischen

einst im 30jährigen Krieg mit seinen Möglichkeiten zu Hilfe gekommen ist, eben mit

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Gustav-Adolf-Werk 175 – Aktion 175 Gottesdienste

militärischen, evangelischen Christen mit den Möglichkeiten der Liebe in geistlicher

und materieller Zuwendung zu Hilfe kommt.

Wie damals offenbar der Wunsch und das Verlangen „in der Luft“ lag,

Evangelischen in schwierigen Situationen zu Hilfe zu kommen, so

selbstverständlich war es, dass sich von vornherein evangelische Christen in dieser

Absicht vereinten. Gerade in Sachsen, jenem Land, durch das alle

Flüchtlingsströme derer gezogen sind, die um ihres Bekenntnisses willen unterwegs

waren, war prädestiniert für die Begründung eines solchen kirchlichen Hilfswerkes.

In diesem Jahr jährt es sich zum 175. Mal, das der Anstoß zu seiner Gründung

gegeben worden ist. – Eigentlich ging es ja um die Errichtung eines monumentalen

Denkmals für Gustav II. Adolf an der Stelle, an der bisher ein kleiner Feldstein die

Stelle bezeichnete, an der er in der Schlacht bei Lützen 1632 gefallen war. – Aber es

regten sich deutliche Stimmen gegen die Errichtung eines Denkmals. Im Leipziger

Tageblatt war am 6. Dezember 1832 ein anonym abgedrucktes Gedicht erschienen,

dessen Kritik sich in den Schlusszeilen verbarg:

Und muss ja doch daselbst ein steinern Denkmal sein, so bleibt das beste stets –

der alte Schwedenstein.

In die Zeit so kritischer Stimmen fiel des Leipziger Superintendenten Christian

Großmanns Beschäftigung mit dem Schicksal einer der beiden in Böhmen

evangelisch gebliebenen Gemeinden. Die kleine Gemeinde Fleißen, eine halbe

Stunde Fußwegs von der sächsisch-vogtländischen Grenze entfernt, war seit ihrer

Gründung nach Brambach eingepfarrt. Nun kam 1829 von der k.k. Regierung in

Wien die Order, die Evangelischen dürften zu Gottesdienst und Schule nicht mehr

nach Brambach. Sie hätten sich eine eigene Kirche zu bauen und einen eigenen

Pfarrer anzustellen. Dafür hatten die Fleißener aber gar kein Geld. – In

Zusammenhang mit Überlegungen, wie dieser Gemeinde zu helfen sei, kommt

Großmann die Idee der Gustav-Adolf-Stiftung, durch die evangelische Gemeinden in

katholischen Ländern geholfen werden kann.

Im Laufe der segensreichen Geschichte des Gustav-Adolf-Werkes waren es neben

Carl Lampe, Samuel Rudolf Howard und Richard Schlier viele andere evangelischreformierte

Gemeindeglieder, die sich aktiv an den Unterstützungsmaßnahmen

durch das GAW beteiligt haben, in den vergangenen Jahren insbesondere für die

Kleiderläden in Bulgariens alter Königsstadt Veliko Trnovo.

Carl Lampe, dem Leipzig den Bau des ersten Museum der bildenden Künste

verdankt und zahlreiche durch ihn angeschaffte Kunstwerke und dessen Büste

selbst als Kunstwerk im Museum der bildenden Künste zu betrachten ist. Der

Gustav-Adolf-Verein hatte 1882 zum 50jährigen Jubiläum, das zugleich Lampes

50jähriges Jubiläum als Schatzmeister war, durch den Dresdner Bildhauer Ernst

Julius Hähnel eine Büste von Lampe fertigen lassen, die dem Museum als ständige

Leihgabe übergeben wurde mit der Maßgabe, sie immerdar auszustellen.

Samuel Rudolf Howard war 1841 zum Pfarrer der reformierten Gemeinde in

Dresden ordiniert worden und hatte dort im Dresdner Hauptverein der Gustav-

Adolf-Stiftung mitgearbeitet. Als er 1844 nach Leipzig kam, wurde er alsbald in den

Centralvorstand der Stiftung gewählt. Bei der 45. Hauptversammlung des GAV im

September 1891 in Görlitz erinnerte der damalige Vorsitzende des CV, Prof. D.

Gustav Adolf Fricke, die Delegierten an den 1890 verstorbenen Howard und sagte:

Er war ein Mann von milder Entschiedenheit und tiefer Frömmigkeit, und von einer

Hingabe an unser Werk, wie wir Wenige gehabt haben. 38 Jahre war er Mitglied des

Centralvorstands, davon 20 Jahre Schriftführer, und zum Teil in der

allerschwierigsten Zeit des Vereins. Wenn in seinen Berichten auch manchmal

gefühlt wurde, dass die deutsche Sprache eine schwere Sprache ist,

nichtsdestoweniger hat jeder die Gediegenheit, den ergreifenden persönlichen Ernst

empfunden, der durch alle seine Berichte hindurchging.

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Richard Schlier, Pfarrer eurer Gemeinde von 1934-1953, war ab 1930 Mitarbeiter

im Centralvorstand des GAV, war jener Pfarrer, der am Morgen des 4. Dezember

1943 die Zerstörung der Kirche durch Bomben erlebte und der 1945 alsbald mit

dem Wiederaufbau der Kirche begann. 1953 ist er in seine Heimat nach Kassel

zurück und war dort in der im Westen entstehenden Zentrale des GAW

Generalsekretär.

Heute sind die reformierten Kirchen in Lippe-Detmold und in Ostfriesland wie

selbstverständlich eingebunden in die Arbeit der Hauptgruppen und unterstützen

natürlich vornehmlich Projekte von Gemeinden reformierter Partnerkirchen des

GAW.

Dies Gebot haben wir von IHM, von Christus, dass der, der Gott liebt, dass der

auch seine Geschwister liebe.

Und Liebe – das ist eben nicht nur ein Wort. Liebe – das sind Worte und Taten.

Liebe zu Schwestern und Brüdern beginnt dort, wo ich für sie bete. Für andere

beten, das ist Not wendend.

Wenn ich für andere bete, dann nehme ich alle, von denen ich weiß, daß sie einen

brauchen, der sie vor Gott hin mitnimmt, zu Gott mit. Das wiederum heißt aber,

daß ich diesen Menschen selber näher komme.

Es gibt nicht nur ein Kennen von Mensch zu Mensch. Es gibt auch ein Kennen auf

dem Wege über die Augen Gottes. Wenn ich einen Menschen mit den Augen Gottes

betrachte, dann fällt gleichsam das Licht Gottes auf das Gesicht des Menschen

neben mir und macht es klarer, deutlicher, verständlicher.

Gebet für andere heißt aber auch: die Gnade empfangen, lieben zu können. Denn

das ich dem Gebot, das Christus denen Seinen gegeben hat, folgen kann, ist

Geschenk, ist Gnade. Als natürlicher Mensch denke ich natürlich zuerst an mich

und mein Ergehen. Machen wir uns da nichts vor. Indem ich aber mit einem

anderen vor Gott stehe und dieser Mensch mir verständlicher wird, entsteht Liebe

zu ihm. Ich fange an, mit ihm zu leben, mich mit ihm zu ängstigen, mit ihm zu

trauern, mich mit ihm zu freuen, mit ihm zu hoffen.

Für andere zu beten heißt dann zugleich auch, daß ich mich bereit mache zu einem

bestimmten Handeln. Ich gedenke eines Menschen und seiner Not und suche vor

Gott nach Klarheit über die Hilfe, die nötig ist. Ich bereite mich auf die Tat vor.

Hier kommen wir dem Geheimnis auf die Spur, aus dem heraus durch die

Jahrhunderte der Christenheit – bis in unsere Tage hinein - immer wieder Frauen

und Männer still und oft unerkannt, manchmal auch verkannt, ihre helfenden

Dienste an ihren Mitmenschen in der Nähe, in der Nachbarschaft, und in der Ferne

getan haben. Es war stets ein Markenzeichen einer christlichen Gemeinde, daß sie

denen helfend an die Seite getreten ist, die ihre Hilfe zur Abwendung größerer

persönlicher oder materieller Schäden brauchten.

Liebe hat auch etwas mit Solidarität zu tun. Solidarität ist vielleicht das weltliche

Wort für Nächstenliebe.

Die zahlreichen kleinen evangelischen Minderheitskirchen in Europa, Zentralasien

und Lateinamerika kommen ohne unsere geistliche und materielle Hilfe nicht aus,

ihr evangelisches Gemeindeleben zu gestalten. Wir geben diesen Schwestern und

Brüdern nicht einfach nur materielle Hilfen, wir geben ihnen eine Stimme in ihren

Ländern, in denen sie oftmals in einer extremen Diasporasituation leben, zu der die

meist miese wirtschaftliche Lage ihrer Länder noch erschwerend hinzu kommt.

Christen kommen nicht zur Ruhe, wenn es darum geht, von Gott empfangene Liebe

weiterzugeben an die, die sie ebenso nötig brauchen.

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Denn dies Gebot haben wir von IHM, von Christus, daß wer Gott liebt, daß der

auch seine Geschwister liebe.

Die Herrnhuter, an die wir erinnert haben, haben schon bald nachdem aus dieser

Ansiedlung, die am Anfang aus 32 Häusern bestand, eine wirkliche christliche

Gemeine geworden war, damit begonnen, Menschen in aller Welt für Zinzendorf

„ökumenisches Ideal“ zu gewinnen. Die Herrnhuter sollten, so hatte Zinzendorf

gesagt, mit allen Menschen in der Welt Kameraden sein. Ganz im Sinne dessen,

was der Apostel Paulus einst an die Galater geschrieben hat: Lasst uns Gutes tun

an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Amen

Der Marburger Universitätsprofessor Dr. Carl Mirbt sagte auf der 55.

Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins 1902 in Kassel:

Die Geschichte des Gustav-Adolf-Vereins ist ein Stück Kirchengeschichte des 19.

Jahrhunderts, und wo immer evangelischer Glaube…sich emporgerungen hat, da

stoßen wir auf Spuren des Gustav-Adolf-Vereins, und er hat sich einen Ehrenplatz

errungen in den Annalen des Protestantismus.

Wir evangelische Deutsche sind noch heute zersplittert in zahllose Landeskirchen.

Das evangelische Deutschland ist der klassische Boden theologischen Kämpfens

und theologischen Haderns. Jeder…wahrt sorgfältig seine theologische Eigenart.

Daher so lange kein evangelisches Gemeinschaftsgefühl, daher jene Erstarrung und

Verknöcherung evangelisch-kirchlichen Lebens bis weit in das 19. Jahrhundert

hinein. Dass dieser Bann gebrochen worden ist, das danken wir neben der äußeren

und der inneren Mission in allererster Linie dem Gustav-Adolf-Verein. … er hat dem

deutschen Protestantismus gebracht, was er bis dahin noch nicht hatte, den Zug

ins Große, den ökumenischen Sinn. …

Prof. Dr. Franz Rendtorff, der damalige Präsident des Gustav-Adolf-Vereins, sagte

bei der Hauptversammlung 1931 im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses:

Es liegt mir daran, an dieser Stätte…mit allem Ernst zu bezeugen, dass der Gustav-

Adolf-Verein von seiner Geburt her ein Träger des konfessionellen Friedens gewesen

ist, niemals ein Sturmtrupp gegen eine fremde Konfession, immer ein Schutztrupp

zur Sicherung des bedrohten eigenen Bestandes. … Und in solchem

Schutzunternehmen wissen wir uns mit der…katholischen Kirche völlig einig. Wenn

jüngst in Nürnberg bei dem Katholikentag…eine Entschließung angenommen

worden ist, die bezeugt, dass Zusammenarbeit mit anderen christlichen

Konfessionen für die Erhaltung christlicher Sitte…Notwendigkeit ist, so ist ein

entsprechendes Verhalten und Verfahren je und je der Grundsatz und die in der

Tat befolgte Praxis des Gustav-Adolf-Vereins gewesen. Nichts wäre trauriger, als

wenn die von Gustav Adolf erstrittene, im Frieden von Osnabrück besiegelte

Gleichstellung der Konfessionen…durch feindliches Verhalten der beiden

Konfessionen gestört würde. Nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da.

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